Ästhetizismus – Es liegen die Kindlein so weich im Strand

„Einmal wurde in meiner Gegenwart die Frage gestellt, worin der höchste Genuß der Liebe bestände. Jemand antwortete natürlich: im Empfangen – und ein anderer: in der Hingabe. – Jener sagte: Lust des Stolzes, – und dieser: Wollust der Erniedrigung! All diese Schmutzfinken sprachen wie die Nachfolge Christi. – Schließlich fand sich ein schamloser Utopist, der behauptete, die größte Lust der Liebe sei: dem Vaterland Bürger zu schenken.

Ich aber sage: die einzige und höchste Wollust der Liebe liegt in der Gewißheit, das Böse zu tun. Und Mann und Weib wissen von Geburt an, daß das Böse alle Wollust enthält.“
(Charles Baudelaire, Raketen)

„Jede Interpretation der politischen Bedeutung des Wortes ‚Volk‘ muß von der bemerkenswerten Tatsache ausgehen, daß es in den modernen europäischen Sprachen immer auch die Armen, Enterbeten und Ausgeschlossenen bezeichnet. Dasselbe Wort benennt mithin sowohl das konstitutive politische Subjekt als auch die Klasse, die, wenn nicht rechtlich, so doch faktisch, von der Politik ausgeschlossen ist.“
(G. Agamben, Homo sacer. Aus dem Kapitel: Das Lager als nómos der Moderne)

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Gleichsam: Die Schlafenden im Tal. Retardierdendes Moment, Rimbaud

Zeitlos – Dezember

Flieg wohl, mein lieber, geliebter wilder Sturmvogel. Dahin, wo Dein Nest und Dein Ort ist, Dein Glück und Dein Zauberberg, dort, wo Du wohnst und Dein Leben Dich trägt. Deine Behausung, in der ich niemals war und sein kann. Wir lebten einen Traum, ein wunderbarer Wunsch, waren einander Begehren und Lust. Wir waren real, gegenwärtig an den Orten. Das Wasser der Elbe, der Spree, der Saale fließt immer und immer dahin. Denn Bleiben ist nirgends. Wir, auf den Flüssen fahrend, im Sonnenglanz der Saale, das milde Oktoberlicht, die Burg vor uns. Unser letztes Mal. Der Fluß nimmt alles, behält alles im Sinn und in den Bildern der Spiegelung. Im Sommer unter der Brücke des Landwehrkanals, schwirrendes Licht. Das kommt niemals mehr und bleibt nicht, kann nicht bleiben. Du sprangst jedesmal zur Seite, wenn ich Dich photographierte oder es versuchte, zumindest, Dresden, Leipzig, Berlin, Halle, gescheiterte Photographien, zogst die Kapuze ins Gesicht. Nur auf diesem einen Bild, im Sommer auf der Spree, auf dem Schiff, das uns zum Österreicher fuhr, da gelang’s mir. Dein Gesicht, Dein Lächeln, Deine Augen, die Sonnenbrille im Haar. Es waren Augenblicke nur, doch die schönsten. Die Canaletto-Perspektive in Dresden, die wir im Strom der Küsse nicht sahen. Wenn Zeit fließt und ein Tag wie im Nu vergeht als sei’s Sekunde und reine Flüchtigkeit. Die Badewanne, meist ohne Fichtenschaumbad. Im Regen unserer Küsse, im Leipziger Winterregen, klamm die Kleidung, bis wir beim schlechtesten Griechen der Stadt landeten und lachten gemeinsam, mit der Straßenbahn ging die Fahrt durch die Stadt, beim Spätkauf erstanden wir die drei Bier, im Hotelbett, vor uns der Fernseher, „In der Mitte entspringt ein Fluß“ lief als Film. Und am Wegesrand zwischen Plagwitz und Lindenau, die Adorno-Tagung, wo wir ins Fenster linsten, spazierten und vorbei, kurz vor den Festtagen, die Tarte au Citron und Deine Hand, Deine wunderschöne Hand in meiner.

„Es geht nicht!“ Ich lachte, glaubte nicht, sah im Parkhaus, Leipzig, D.C., die Rücklichter des Wagens, davonfahren, schaute versonnen, ungläubig über die Nacht, den Tag, den Morgen, den Abend, das letzte Glas spanischer Rotwein war zuviel gewesen. „Natürlich geht es, wenn zwei wollen.“ Phänomenologisch-vertrackt, das holt kein Denken ein, diese Male, dieses einzige Mal. Unsere wilden Lebensmomente. Unwiederholbar. Ich habe mir immer vorgenommen, das aufzuschreiben und irgendwie festzuhalten. Aber es läßt sich nicht halten und schreiben und texten und fixieren, weil es die Szenen des Lebens sind, nein, keine Szenen, das wäre Theater: Ereignis, Geschehen immer im Fluß, mit Dir nur mit Dir, iterativ, genial, haltlos, zersetzend, zerstörend, kontraproduktiv-schön, waren wir ein einziger Glanz und zarter Hauch, und Wildheit, im Streit, in unserer Liebe. Im Jetzt-Blick, im Hier-Sein, in realer Gegenwart, den Fluß der Zeit aussetzend, Da-Sein, einfach da und am Ort, doch nun ist es Widerschein, in der Parklandschaft, ich spüre Deine Haut an meiner. Immer noch. Deinen Geruch. Gemeinsam durch den Pleasureground gestreift, Glienecker Park, Große Neugierde, abends, mit dem Blick durch die Pergola auf den Wannsee (Jungfernsee, im Abendrot, wo die Sonne tiefer ins Wasser stieg, Stück um Stück, der Wein und die Köstlichkeiten unserer Speisen, auf der Decke ausgebreitet) beim Parkpicknick vor dem Schinkel-Casino, das Gedicht über den Blinddarm, das der Fremde uns rezitierte, frei, aus dem Stehgreif erdichtet, dada-absurd und jener Satz von der Liebe, den er mit feinem Lächeln sprach. Diese eine Sommernacht. Wir wußten, daß es niemals ewig halten kann. Die Zeit heilt keine Wunden. Musizierender Dichter, der den Schluck Wein nahm, den er sich erbat, Riesling natürlich, bevor er zum Fest der feinen Gesellschaft ging, um sich als Musikant zu verdingen. Wir waren nie Schrift, in keinem unsere Briefe. Deine Stimme, der Klang, die wunderbare Farbe Deines sanften, weichen Dialekts vergesse ich niemals. Du warst zart, liebevoll, wild, frech, verwegen, voll Streitlust (wie auch ich) und von unbändiger Phantasie und Denkkraft, unser Humor, wenn wir lachten und uns freuten über „Finsterworld“. Dein schönes Lächeln am ersten unserer Tage bezauberte mich sofort, wilder, geiler Blondschopf. Mein Sturmvogel, voll von Kraft. Oft blieben wir einander Bilder, aus unseren Fernen heraus, Dein schönes Gesicht, mir immer vorgestellt, doch wenn wir uns näherten, waren wir Haut, Körper, Zungen, Küsse, die nie enden wollten, warst auch Freundin, von Gespräch zu Gespräch, Blicke und Blick, zwei Wesen aus Mensch, die sich einander gaben und schenkten. Du bist tief in mein Herz gemalt und wirst es immer bleiben. Geliebte.

Flieg wohl und auf guten Wegen davon, mein lieber, geliebter schöner Sturmvogel.

Daily Diary (71) – Zeitraum, Poetik des Datums als Einschrift und Text in Licht

„Und gleichwohl, Herr, nehmen wir Zeiträume wahr und vergleichen sie miteinander und sprechen von längeren und kürzeren. Wir messen auch, um wieviel diese Zeitspanne länger oder kürzer ist als jene, und sagen, sie sei doppelt so lang oder dreimal so lang im Vergleich zu dieser einfachen, oder sie sei ebenso lang wie diese. Aber wir messen die Zeiten nur in ihrem Vorübergehen, wenn wir eben wahrnehmend sie messen; dagegen die Vergangenheit, die nicht mehr ‚ist‘ oder oder die Zukunft, die noch nicht ‚ist‘, wer kann die messen? Keiner, er wagte denn zu sagen, er könne messen, was gar nicht ist. Dann also, wenn die Zeit vorüberzieht, ist es möglich, sie wahrzunehmen und zu messen; ist sie schon vorüber, so kann man das nicht, weil sie nicht, weil sie dann nicht mehr ist.“
(Augustinus von Hippo, Confessiones)

Inwiefern, inwieweit und in welcher Weise Zeit vergeht, läßt auch in der Photographie bis hinein in die (digitalen) Metadaten eines Bildes sich ablesen, in denen die exakte Uhrzeit der Aufnahme eincodiert ist; und es zeigt Zeit sich noch in der Numerierung der Bilder, in den Ziffern, die in der numerierten Bildserie aufeinanderfolgen, sie vergegenwärtigt sich in den Photographien, die nicht gezeigt werden, die verborgen und ausgespart bleiben, die abwesend sind und gelöscht wurden, deren Ziffern nicht mehr vorhanden sind. Allerdings fixiert Zeit sich in solcher Sicht lediglich in einer Weise kruder Faktizität. Der Überschuß einer Photographie, ihr Subjektives, ihr Gebrauchswert, ihre uneingestandenen Konnotationen samt ihrer Kontingenz bleiben verborgen. Das, was sich hinter dem empirischen Datum als einem Hier und Jetzt der Sekunde, die im Digitalen oder in einer Art von Lichttext festgehalten wurde, verbirgt, das entzieht sich zugleich mit Notwendigkeit – auch in der Logik der Photographie selbst, wie wir unten anhand eines Zitates von Roland Barthes sehen werden. Es entsteht (vermittels der Reflexion über Photographien) ein Art von Date Painting, wie bei On Kawara, wo in einer Black Box sich der Inhalt eines Datums entzieht, verbirgt und zugleich über das kontemplative Moment bewahrt.

Während aber diese Kontemplative bei On Kawara eher konzeptuell bleibt, geschieht in der Photographie zugleich etwas ganz anderes: das Datum knüpft sich an das Bild und verschwindet zugleich darin. Beide Verfahren heften sich zwar – einerseits – an die Subjektivität des Künstlers bzw. des Photographen, der einen Augenblick (und bei Kawara zugleich die Dauer der Zeit, auch im Ortswechsel) festhielt, weil er sich zu einem bestimmten Datum an einem bestimmten Ort befand. (On Kawara sammelt in diesen Datums-Boxen die Titelseite einer Zeitung, die an genau diesem in Ziffern und Buchstaben festgehaltenen Tag erschienen ist.) Andererseits löst sich jedes Bild – triviale Erkenntnis – von seinem Anlaß. Die Subjektivität einer Photographie vermittelt sich (für die anderen, für die Betrachter ohne das Kontextwissen) nirgends. Es bleibt ihr jene Spur, jenes Nichtidentische. Das weist einerseits auf die Fragilität der Subjektivität und zeigt zugleich, daß sie im Diskurs und in der Ästhetik eben nur ein flüchtiges Moment und doch in Resistenz bleiben muß. Hier sind wir Ästhetiker des Antisubjektivismus ganz und gar bei Hegel. Das Subjekt ist nicht durchzustreichen oder unwesentlich, aber es bleibt in dieser Diktion nicht das Erste, und es terminiert der Gang nicht und regrediert in die Subjektivität der Empfindungstexte. Wenngleich diese – sofern sie tricky und klug gemacht sind – durchaus ihr Recht besitzen, was sich z. B. an der Lektüre von Roland Barthes „Die helle Kammer“ zeigt.

Einmaligkeit und Wiederholung in eine Spur bringen, das Sichtbare und das Unsichtbare vermitteln, ohne daß es am Ende jedoch aufgeht: wir folgen in diesem Text einem Diskurs um das Wesen von Subjektivität, die zugleich in ihrem Nichtidentischen nie vollständig sich vermitteln oder in einer Präsenz sich repräsentieren läßt. Die Subjektivität verweist immer auf das Abwesende, aufs Andere:

„Zunächst fand ich folgendes: was die PHOTOGRAPHIE endlos reproduziert, hat nur einmal stattgefunden: sie wiederholt mechanisch, was sich existentiell nie mehr wird wiederholen können. In ihr weist das Ergebnis niemals über sich selbst hinaus auf etwas anderes: sie führt immer wieder den Korpus, dessen ich bedarf, auf den Körper zurück, den ich sehe; sie ist das absolute BESONDERE, die unbeschränkte, blinde und gleichsam unbedarfte KONTINGENZ, sie ist das BESTIMMTE (eine bestimmte Photographie, nicht die Photographie), kurz, die TYCHE, der ZUFALL, das ZUSAMMENTREFFEN, das WIRKLICHE in seinem unerschöpflichen Ausdruck.“
(Roland Barthes, Die helle Kammer)

 

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Alkohol (Alcools), Verbotsirrtum, virale Delirien. Krankenlager, Prämortem samt Arbeit der Lyrik

Ich liebe auf dem Lager, dahingestreckt, ich kann flanieren, jedoch: ich darf nichts trinken.

Dunkel öde und leer/ist das Meer.

Der Riesling ist mir verwehrt, der Whisky sowieso, des Väterchen Frosts Wodka nicht mehr mein Geselle und die weibliche Anmut und Tiefe eines Merlots bleibt mir ebenfalls verwehrt. Und jene grausame Schöne, nach der ich mich verzehre, die weilt in der Ferne: Bordeaux-Wein: „Andenken“ [„Geh aber nun und grüße/Die schöne Garonne,/Und die Gärten von Bourdeaux/Dort, wo am scharfen Ufer/Hingehet der Steg und in den Strom/Tief fällt der Bach, …“.] Ach weh, da greifen wir Reste-Romantiker des profanisierten Alltags, wir Wiedergänger abstrakter Betäubung und Bestäubung inmitten der entzauberten, in ihrem Gehäuse aus Stahl daliegenden Moderne, wir Dandys der puren und zugleich überschäumenden Vernunft zu den bewährten Gedichtbänden, um uns von Texten, von Sprache, vom großen Gelausche umzingeln zu lassen, in den Text eingehend, einfließend, sich in einer Art von Mimesis ins Text-Kunstwerk einschmiegend- anschmiegend. Denn der strukturale und emphatische Nachvollzug dessen, was in einem Kunstwerk geschieht, gelingt nur über die Preisgabe des Selbst, und zugleich ist im selben Akt das höchste Maß an Subjektivität vonnöten. Botho Strauß schrieb in seinem Roman „Paare, Passanten“: „Ohne Dialektik denken wir auf Anhieb dümmer, aber es muss sein: ohne sie!“ Diese Sentenz ist, wie so vieles, was Strauß thesenartig schrieb oder nationaltumb proklamierte, falsch. Nur in einer dialektischen Konstellation gelingt es, mit dem Text in eine Korrespondenz zu treten und des Fremden im Eigenen, des Anderen gewahr zu werden, ohne es im Überschuß von Subjektivität zu annektieren oder zu erdrücken.

Und ich lese es an Ihren Augen ab, liebe Leserinnen [ich will nur noch Frauen um mich haben, die mich lesen, nicht anders als Bertrand Morane in jenem Tuffaut-Film „Der Mann, der die Frauen liebte“: er verletzt sich schwer, als er die Straße überquert, sich nach einer Frau umsehend, und vor ein Auto läuft. Der Tod trifft ihn dann im Krankenhaus. Um sein Sterbe-Bett stehend – die Frauen]: Sie wissen, zu welchem Buch ich gleich greifen werde, um Ihnen von dort heraus sämig und samtig vorzuzitieren?! Mit meinem Timbre in der Stimme? Und ich stelle es mir vor, wie Du, jene Eine, mit Deinen schmalen Fingern durch die Haarspitzen streichst und sinnlich Deine blonden Haare über die Schulter wirfst. Und Dein helles Lachen. Dein Akzent in der Stimme, der hallt im Kopf nach. Oder ist es eher ein Dialekt, kein Akzent?

Ich habe mich in der ersten Zeile, zum Anfang des Textes, als ich den Text in meinem Schreibprogramm intuitiv herunterrasselte, verschrieben: Écriture automatique, die Logik des Unbewußten setzt sich gerade im schnellen, flüchtigen Schreiben, Denken oder Handeln durch und schlägt, wie bei den Freudschen Fehlleistungen, erbarmungslos zu. Denn: Ich liege auf dem Lager, dahingestreckt, … Mehr nicht.

Et tu bois cet alcohol brŭlant comme ta vie
Ta vie que tu bois comme une eau-de-vie

Es sind die Gedichte von Guillaume Apollinaire, jenem taumelnden, schreibenden, trinkenden, imaginierenden, durch das wunderbare Paris flanierenden Dichter, seine Meditationen zur Ästhetik; der Kunsttheoretiker, der den Begriff Kubismus als Kunstkritiker zu etablieren half, der jenes Gedicht vom Pont Mirabeau schrieb, unter dem Seine und Zeit so schön, still und melancholisch dahinfließen, auf ewig und immer:

Passent les jours et passent les semaines
Ni temps passé
Ni les amours reviennent
Sous le Pont Mirabeau coule la Seine
Vienne la nuit sonne l‘heure
Les jours s‘en vont je demeure

Doch Bleiben ist nirgends, wußte andererseits schon Rilke. Eingemeißelt auf einer Bronzeplatte steht der Text in Paris da: an jener Brücke, über deren Geländer sich Paul Celan am 20. April 1970 schwang und in der Seine trieb. Tage später als Wasserleiche angespült und gefunden. [Alle diese unsichtbaren Linen, Verbindungen und Korrespondenzen.] Apollinaire schrieb erotisch-pornographische Prosa und solche in der Tradition der schwarzen Romantik. Unvergeßlich aber sein Gedichtband „Alcools“, der in deutscher Sprache nur antiquarisch verfügbar ist.

Hier im Hause, in meiner Bibliothek, an meinem Schreibtisch oder auf dem Sofa liegend (nicht liebend) erzeugt sich diese Trunkenheit lediglich durch die Arbeit der Gedanken oder wenn der Kopf wieder zu schmerzen anfängt.

Die Nähe Benns aus diesen Zeilen ist – einerseits – kaum zu überhören:

Pariser Nächte gin-betrunken
Elektrisch flammend grell und heiß
Tramways mit grünen Feuerfunken
Sie musizieren schrill im Gleis
Stolz im Maschinenwahn versunken

Im rauchgewschwängerten Café
Schreit wirbelnde Zigeunerliebe
Schrein Syphons prustend vom Buffet
Und Kellner hastend im Getriebe
Dir zu daß ich dich lieb seit je

Gut, Gottfried Benn wäre da abgeklärter und proklamierte nicht Liebe, sondern stocherte im solipsistischen Ich herum, das sich mit dem Lärm im Romanischen Café vermischt und eins wird. Diese Nicht-Deklamation kommt uns Solitären im Grandhotel Abgrund sicherlich näher als der Liebessound heißer Nächte, den wir lediglich in unserer Imago bewahren. Und mit Tocotronic abschließend, bleibt nur zu schreiben, daß die Revolte in mir sich abspielt. „Die Revolte ist in mir“:

Erfolgreiche Freunde
Geißel der Menschheit
Erfolgreiche Freunde
Pest der Existenz

Leuchte mir!
Feuer der Furcht
Und Verzagtheit
Und der Impotenz
In meinem Körper nisten die Viren
Die Ambitionen die mich vergiften
In meinem Körper die schwarzen Löcher

Zeitschübe (jene Zeit als Text), Irrungen und Wirrungen des Kopfes samt Datumsgrenzen

Man kann Rückblicke machen, man kann Ausblicke machen, man kann Prognosen machen, man kann sich gute Vorsätze machen, man kann Bleigießen machen, man kann sich Sorgen machen, man kann Pläne machen, man kann Liebe machen, man kann Fondue machen, man kann es seiner Nachbarin machen, man kann es sich gemütlich machen, man kann gar nichts oder eine Party machen, man kann den Abwasch machen, man kann es sich selber machen, man kann ein Faß aufmachen, man kann To-Do-Listen machen, man kann einen Ausflug machen, man kann schnell noch den Einkaufszettel machen, denn die Geschäfte haben nur bis halb vier geöffnet. Aber zum Silvester einzukaufen, scheint mir wenig ratsam, weil sich vor den Kassen lange Menschenschlangen bilden, denn viele kaufen auf die letzte Minute ein.

Nein, es gibt hier im Blog keinen Rückblick aufs Jahr 2012, ich betrachte und werte nicht, was bedeutsam oder weniger bedeutsam war, was mir lesens- oder sehenswert erschien und was weniger. Auch fallen keine grundsätzlichen Worte. Es gibt nichts zu verbessern und es gibt nichts zu verschlechtern, es ist alles genau so wie es ist: gut eingerichtet und an seinem Platz – sozusagen ins messianisches Licht getaucht. Die Prosa des Lebens – und wie wenn an Feiertagen ebenso die Poesie desselben – schreibt und webt sich auch im nächsten Jahr als unendlicher Text weiter. Sobald ein Moment abgelebt und das heißt: vorüber ist, geht er in einen Text über – nämlich den der Erinnerung. Und nur in Sprache sowie in Bildern kann ein solcher vergangener Moment einzig dargestellt werden: jene Recherche du temps perdu. Sie speist sich zwar aus einer Vielzahl an Momenten, Augenblicken, Situationen, Erlebnissen, aber am Ende vergehen und zerrinnen die Momente und Erfahrungen ins Nichts (spätestens mit dem Tod), wenn sie nicht als Text oder als Bild festgehalten und aufgehoben werden. (Wobei auch das Bild als Text zu lesen ist.)

Das Vergehen mag manche schwindelig machen, weil die Sucht nach Leben den Impuls übersteigt, das Tote festzuhalten, und dies bringt den Kopf durcheinander. Aber dagegen besaß bereits jener Kant aus der vorkritischen Periode Mittel, um die Verwirrungen zu korrigieren oder doch zumindest in den Blick zu bekommen. So veröffentlichte Kant im Jahre 1764 die Abhandlung „Versuch über die Krankheiten des Kopfes“. Anlaß für diese Schrift war ein Vorfall nahe bei Königsberg, wo ein in Ziegenfelle gehüllter Naturmensch hauste, vielleicht um den Ideen Rousseaus recht nahe zu sein, oder aber aus Intuition und einer Laune heraus unterwarf er sich diesem Stil des Lebens, eine Herde von Kühen, Schafen und vor allem Ziegen mit sich führend, religiöse Predigten haltend, weshalb das Volk ihn Ziegenprophet nannte. Heute würden wir die Angelegenheit differenzierter betrachten, den Ziegenpropheten als Korrektiv zur postbürgerlichen Gesellschaft wahrnehmen und von einem Hippie oder einem Aussteiger sprechen. „Lesen der Bibel und Anfertigung hölzerner Löffel waren seine Hauptbeschäftigung.“, so schrieb Vorländer in seiner Philosophiegeschichte. Wie passend!

Diese Verwirrungen des Kopfes, auf die Kant abzielt, reichen von der bloßen Dummköpfigkeit bis zur vollendeten Narretei hin. Und es findet sich mancher Gedankengang aus dieser eher satirischen Analyse später dann in seinen Kritiken wieder. Erkenntniskritik verfährt zwar im ganzen deduktiv, entbehrt aber zuweilen nicht der Induktion. Wer einen schalkhaften und heiter gestimmten Kant zu Gesicht bekommen möchte, der lese diesen Text oder auch die „Träume eines Geistersehers“, es finden sich dort Passagen, die eines Lichtenbergs würdig sind, der wiederum stark von Kant beeinflußt war. In jener amüsant zu lesenden Kopf-Schrift heißt es unter anderem:

„Der stumpfe Kopf ermangelt des Witzes, der Dummkopf des Verstandes. Die Behendigkeit etwas zu fassen und sich zu erinnern, imgleichen die Leichtigkeit, es geziemend auszudrücken, kommen gar sehr auf den Witz an; daher derjenige, welcher nicht dumm ist, gleichwohl sehr stumpf sein kann, in sofern ihm schwerlich etwas in den Kopf will, ob er es gleich nachher mit größerer Reife des Urtheils einsehen mag, und die Schwierigkeit sich ausdrücken zu können beweiset nichts minder als die Verstandesfähigkeit, sondern nur, daß der Witz nicht genugsame Beihülfe leiste, den Gedanken in die mancherlei Zeichen einzukleiden, deren einige ihm am geschicktesten anpassen.“

Dieses Witzes teilhaftig zu werden: nämlich das, was wir ästhetischen Takt und philosophisches Gespür nennen, auszubilden, sei jedem gewünscht, damit es zur Produktion von guten Texten reicht.

Den Leserinnen und Lesern dieses Blogs wünsche ich einen guten Übergang von der einen Zeit – jener willkürlich gesetzten Datumsgrenze – in die andere. Und wie man die physikalisch bzw. die gezählte Zeit verschieben kann, weil es sich bei ihr um eine bloße Setzungen handelt, das hat die Insel Samoa letztes Jahr gezeigt, als sie am 29.12.2011 ihre Datumsgrenze zum Westen hin verschob. Der Inselstaat stellte die Uhren um 24 Stunden nach vorne und übersprang so einen Tag: Der 30.12. fiel ganz einfach aus. [Ach, wenn wir auf diese Weise manche Tage ungeschehen machen oder sie durch einen Akt von Magie tilgen könnten. Oder jenen einen Tag gar aufsteigerten und dehnten.]

Damit durfte Samoa als eines der ersten Länder das Jahr 2012 „begrüßen“. Samoa gehört von da ab zur Zeitzone von Australien und Neuseeland. Zeit dient als Wirtschaftsfaktor – eben eine westlich orientierte physikalisch-rechnerische, handhabbare Zeit – eine bloß technische Zeit, die sich in beliebige Richtungen verschieben läßt. Zeit ist eine kulturelle Setzung, wie alle Begriffe.

Bei einem Datum hingegen, das sich mit einem Ereignis oder einer Begebenheit konnotiert – und sei es der erste Kuß oder ein anderer besonderer Moment –, verhält es sich komplexer. Ein Datum ist von seiner Struktur her so angelegt, daß es sich selbst als vergangene Präsenz am Leben zu halten versucht, und es ist ihm zugleich sein Verschwinden eingeschrieben. Jedes Datum ist prinzipiell auslöschbar. Das Wissen darum samt der damit verbundenen Melancholie erzeugt jene Texte, die wir nicht missen möchten.