Dritter Rat für Wien: Edmund de Waal „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ (Teil 1)

„Es ist als wäre ein Schalter umgelegt worden. Geräuschrinnsale laufen unten auf der Straße zusammen, die Schottengasse hallt von Stimmen. Sie schreien ‚Ein Volk, ein Reich, ein Führer!‘ und: „Heil Hitler! Sieg Heil!‘ Und brüllen: ‚Juda verrecke!‘“ (Edmund de Waal)

 
36_Book galleryNetsuke sind kleine, aus Wurzelholz oder Elfenbein geschnitzte, fein gearbeitete Figuren, die im ausgehenden 17. Jahrhundert bis ins 19. Jahrhundert hinein in Japan gefertigt wurden. Als der US-Admiral Matthew Calbraith Perry im Jahre 1853 im Auftrag seiner Regierung der Ortschaft Edo (dem heutigen Tokio) mit seinen schwarzen Kanonenbooten einen freundschaftlichen Besuch abstattete, um mit stählernen Argumenten die gewünschte Öffnung Japans für Handel und Wandel zu kommunizieren, gelangte langsam aber beständig die japanische Kultur über ihre Insellage hinaus. Ich will diese eigenwilligen Wechselwirkungen zwischen Okzident und allem, was dieser Kultur nicht gleicht, sowie den Einfluß Japans auf westliche Kulturen nicht im Detail ausbreiten. Nur soviel: Auch Künstler und das gehobene Bürgertum begannen sich insbesondere in Frankreich für die Kultur Japans zu begeistern.

Diese Bewegung, die sich in den Gemälden der französischen Impressionisten wie Manet, Monet und Pissaro, aber auch im französischen Expressionismus, namentlich bei Gauguin und van Gogh, niederschlug, nannte sich Japonismus. (Dazu ist im letzten Jahr aus Anlaß einer Ausstellung im Essener Museum Folkwang im Steidl Verlag ein bemerkenswerter Katalog erschienen, der den Titel „Monet, Gauguin, van Gogh … Inspiration Japan“ trägt. Um Details und Wissen zu vertiefen, wie intensiv die Kultur Japans sich als Mode und zugleich als produktiver Einfluß in die Moderne des ausgehenden 19. Jahrhunderts senkte, scheint mir dieses Werk gut geeignet.) So begann eine Geschichte voll von schwärmerischen wie auch schöpferischen Mißverständnissen – wie es häufig passiert, wenn sich Europa mit andern Kulturen befaßte. Was für die Japaner in Traditionszusammenhängen und in Ritualen stand, wurde in Europa als ästhetizistischer Kitzel und Sinnesreiz umfunktioniert, transformierte sich in autonome Kunst oder es diente rein dekorativen oder andächtigen Zwecken. (Auratisierung und Fetischismus liegen in Kunstdingen wie auch in den Praktiken des Alltags, wenn wir uns mit schönen und kostbaren Objekten oder einem Kunstwerk umgeben, häufig nahe beieinander.)

38_Book galleryNetsuke verwahrt man, um sie gegen den Staub der Tage zu schützen, in Vitrinen. Sie können, freilich nur für eine kurze Zeit, momenthaft gleichsam, aus ihrer Behausung genommen und als Handschmeichler sanft berührt werden. Man möchte das Schöne des Materials und der Formen nicht mehr lassen. Aber es vergeht das Schöne samt der Aura eines Ortes. Bleiben ist im Dasein nicht vorgesehen, so behaupten Dichter wie Naturwissenschaftler gleichermaßen, wenngleich die Dichter denn doch ein gewissen Sehnen umtreibt, als wäre zumindest kontrafaktisch ein Bleiben und vielleicht sogar ein (Inne)Halten möglich: Sei es auch nur in der Poesie, im Text, der in Bildern fixiert, die Fixierungen wieder aufbricht, ins Offene entläßt und das Geliebte doch ganz und gar umschließt in immer neuen Konstellationen und Gesängen. Aber dies scheint mir ein anderes Thema zu sein.

Solche Netsuke spielen in Edmund de Waals „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ eine zentrale Rolle. Wer nach Wien reist, der lese als eine Einführung der besonderen Art unbedingt dieses Buch. Es ist die Familiengeschichte der Ephrussi, die ursprünglich aus den jüdischen Vierteln Berdytschiws in der heutigen Ukraine stammt, dann nach Odessa siedelte und sich dort im 19. Jahrhundert als Weizenhändler und dann im Bank- und Börsengeschäft nach Wien und Paris verzweigte. Edmund de Waal, der großmütterlicherseits ein Nachkomme jener Ephrussi ist, tastet sich an seinen Gegenstand heran: an das Dinghafte dieser wundervollen Netsuke, die wie magische Fetische mit Geschichten und Bedeutungen aufgeladen werden – je nachdem, an welchem Ort sie sich gerade befinden –, und ebenso an die Geschichte seiner Familie, die zum Großbürgertum aufstieg und unter dem deutschen Faschismus in alle Winde zertrieben wurde. (Im Falle derer, die zu Asche wurden, ist dies ganz und gar wörtlich und metaphernlos zu nehmen. Diaspora selbst noch im Tod.)

30_Book galleryFiguren aus Elfenbein und Wurzelholz strukturieren diese ausgreifende Biographie und das ist kompositorisch für das Buch ein Glücksfall, weil so nicht nur eine dramatische Familiengeschichte, sondern ebenfalls Kulturgeschichte erzählt werden kann. 264 solcher Netsuke gelangten in den 1870er Jahren als Sammlung in den Besitz der Familie Ephrussi. Charles Ephrussi, der Urgroßonkel aus Paris, erstand im Zuge des aufkommenden Japan-Stils mit geschmackssicherem Gespür diese feinen Figuren von einem Kunsthändler, der sich auf jene Gegenstände spezialisierte. Sie wurden Bestand seines üppigen, kunstsinnig austarierten Pariser Salons, in dem die Maler und Schriftsteller jener Epoche verkehrten – so auch Marcel Proust. Und Charles wurde im Gegenzug Bestand von Proust „Recherche“ – etwas von seinem Charakter findet sich in jenem wunderbaren Swann wieder. (Irgendwann muß ich hier im Blog mir noch meinen Proust-Essay erlauben. Mindestens 14 Folgen: Auf der Suche nach dem verlorenen Textende. Apokalypse now und über 55.000 Textzeichen.)

Charles Ephrussi verschenkte die Netsuke 1899 zur Hochzeit seines Cousins Victor nach Wien:

„Die Netsuke sind aus der Welt eines Gustave Moreau in Paris in die Welt der Dulac-Kinderbücher in Wien übersiedelt. Sie erzählen ihren eigenen Widerhall, sie gehören nun zum Geschichtenerzählen am Sonntagvormittag, sind Teil von Tausendundeiner Nacht, den Reisen Sindbads des Seefahrers und vom ‚Rubaíyát‘ des Omar Khayyám. Sie sind in ihre Vitrine gesperrt, hinter der Tür des Ankleidezimmers, am Gang, oben nach der hohen Treppe herauf vom Innenhof, hinter dem doppelflügeligen Eichentor, wo der Portier wartet, im Märchenschloss eines Palais an einer Straße aus Tausendundeiner Nacht.“

B1928113T12699489So wechselten die Figuren ihren Ort und gelangten in die Welt von de Waals Großmutter. Im Ankleidezimmer ihrer Mutter im Palais Ephrussi, von Zeit zu Zeit an den Sonntagen, durften die Kinder mit den Netsuke spielen. All diese Details und Geschichten, vom Bohème-Leben in Paris, das Charles inmitten der Künstler genoß, wie auch die eigenwillige Sicht auf Juden, die der eine oder andere Impressionist pflegte, erzählt uns de Waal in einem unprätentiösen Ton, als wäre es ein Stück der Literatur; und doch wissen wir in jeder Regung, daß es recherchiertes Leben ist: Dokumente einer verzweigten Familie, die de Waal ausgrub. Das Leben in Wien an einer der besten Adressen der Stadt in einem prunkvollen Bürgerpalast. Vom Antisemitismus als beständigem Begleiter des sozialen Aufstiegs: alles was ein Jude erreicht hatte, konnte ihm qua eines unvorhersehbaren Ereignisses, an dem sich das Ressentiment auflud, ebenso schnell wieder und ohne Rechtssicherheit genommen werden. Die Affäre Dreyfuss, aber auch der immer wieder aggressiv aufkeimende Antisemitismus in Wien zeigte solches Umkippen der Meinungen und Neigungen drastisch. Solches Feuer, das am Ende in die Ausrottung mündete, schürte der radikal antisemitische Dr. Karl Lueger, der von 1897 bis 1910 Bürgermeister Wiens war. In Österreich wird beim Namen immer brav der Titel genannt: man steigt nicht etwas am Karl-Renner-Ring, sondern am Dr.-Karl-Renner-Ring aus, wenn man mit der Tram kommt. „Küß die Hand, gnädige Frau!“ Das mache ich manchmal gerne, und nicht nur die Hand. Wien und seine Titel – eigenwilliger Charme. Diesen Charme der Stadt wie auch die sinnlose Kriegsbegeisterung im Juli 1914, den ans Idiotische grenzenden Patriotismus, gegen den Karl Kraus nicht müde wurde, in seiner „Fackel“ anzuschreiben, bringt das Buch gut ins Bild.

Ebenso schildert de Waal das soziale und abgezirkelte Leben eines gehobenen Bürgertums, das sich von Bediensteten einkleiden und bekochen ließ. Eine Welt, in der die Mühe der Arbeit nur am Rande vorkam. Das ist in Wien nicht anders als in Paris. („Wer baute das siebentorige Theben? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?“) Allgegenwärtig aber bleibt der Antisemitismus dieser Epoche. Egal ob in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg oder in jenen Jahren der Ersten Republik: „Wien mit seinen knapp 2 Millionen Einwohnern war aus der Metropole eines Reiches mit zweiundfünfzig Millionen zur Hauptstadt eines winzigen Landes mit sechs Millionen Menschen mutiert; es konnte den Umsturz einfach nicht verkraften.“ So brach die Wirtschaft zusammen. Georg Wilhelm Pabsts Stummfilm „Die freudlose Gasse“ illustriert die Zustände im Wien des Jahres 1921 drastisch. Bester Nährboden für den Antisemitismus, der in Wien die Oberhand gewann. Das ging bis zu der vom Deutsch-österreichischen Alpenverein ausgerufenen Losung: „Haltet die österreichischen Alpen judenrein!“ De Waal schreibt: „ Es war durchaus möglich, nicht über den Antisemitismus zu sprechen; nichts davon zu hören, das ging nicht.“ Die Ephrussis versuchten ihn weitgehend zu ignorieren – doch dies wurde mit den Jahren zunehmend schwieriger.

Bis hin zu jenem Jahr 1938, als die Welt ihren Umsturz erlebte. Beim Anschluß Österreichs an Deutschland steigerte der alltägliche, Jahrhunderte währende Antisemitismus sich zu einem eliminatorischen. Adolf Eichmann machte dem Führer ein besonderes Geschenk, indem er Wien so schnell es ging judenrein zu machen trachtete. Als erstes und als Demütigung mußten die Juden mit Zahnbürsten die Gassen Wiens säubern. Das Palais Ephrussi mit seiner prachtvollen Einrichtung wurde geplündert. Die Faschisten raubten sich das, was sie brauchten, von den Juden.

46_Book gallery(Ein zweiter Teil folgt, darin der geneigten Leserin zur Kenntnis gebracht wird, was es im weiteren Verlauf mit den Netsuke auf sich hat, wie de Waal Kenntnis von ihnen bekam und wieweit Dinge ein ganz besonderes Leben entwickeln, ja sogar ein Eigenleben führen können, das Grenzen übersteigt. Sozusagen erfahren wir hier, was die „Freiheit zum Objekt“ bedeutet. Zwangloser Zwang. Das wäre eine Weise des praktizierten Fetischismus im guten Sinne. Der Verfasser dieser Zeilen, der einen Hang zum Fetisch in seinen unterschiedlichen Ausprägungen und Materialisierungen hat, weiß in diesen vielschichtigen Bezügen, Stoffen und Schleiern, wovon er spricht. Da der Verfasser dieser Texte ebenfalls weiß, daß er einen Bildungsauftrag hat, verweist er auf vier Bücher zum Fetischismus: „In Gegenwart des Fetischs: Dingkonjunktur und Fetischbegriff in der Diskussion“ kürzlich erschienen bei Turia + Kant, etwas älter bereits Hartmut Böhme, „Fetischismus und Kultur“ bei Rowohlt sowie Karl-Heinz Kohl „Die Macht der Dinge. Geschichte und Theorie sakraler Objekte“, weiterhin das Seminar IV von Jacques Lacan: Die Objektbeziehung, ebenfalls bei Turia + Kant. Die Bücher befinden sich teils gelesen, teils noch nicht gelesen in der Bibliothek des Verfassers dieser Zeilen. Bis auf ausgewählte Gäste bitten wir von Hausbesuchen im Grandhotel Abgrund abzusehen.)

Edmund de Waal, Der Hase mit den Bernsteinaugen; empfehlenswert ist die bei dtv erschienene Sonderausgabe. Sie kostet 14,90 EUR und ist mit zahlreichen Abbildungen versehen.
 Copyrightvermerke der im Text verwendeten Bilder: Die Photographien der Netsuke wurden der Homepage von Edmund de Waal entnommen.
 Das Palais Ephrussi entstammt der Homepage der „Österreichischen Nationalbibliothek

Nationalsozialismus und Philosophie – Heideggers Faschismus (2)

Vom Krankenlager aus über Heidegger schreiben? Nun – es wird sich schon nicht um das Sein zum Tode handeln; wenngleich wir alle – trivialerweise – dahinein gehalten sind, mit jener Barke übersetzen, über den Fluß, Lethe entlang, Styx oder Phlegethon, flammenzüngelnd, allesverbrennend, und dem Fährmann Charon eine Münze in die Hand gedrückt, und wenn unsere Bezüge unaufhörlich in dieses Schwarze rinnen, so daß unsere Welthaltigkeit ins Unaussprechliche zerfällt. Allenfalls im Vorlauf auf den Tod vermögen wir zu poetisieren. Das, finde ich, habe ich schön formuliert. Aber meist wird über den Tod im Tone der Afterphilosophie reflektiert und geschrieben. Manche lieben es zu herrndorfisieren. Tja, reiner Widerspruch der Rose//am Ende heißt es tote Hose. Rilke für Schaulustige, auch mal eine neue Rubrik, neben Rilke für Gestreßte oder Rilke im Winter oder Rilke auf dem Krankenbett oder Rilke für den Hausgebrauch. Egal wie. Mit dem Begriff des Todes sind wir bereits dicht am Thema.

pmdesa3nazis2coverDas Magazin „Philosophie“ brachte im Januar eine Sonderausgabe auf den Markt, und zwar widmet sich dieses Heft dem Zusammenhang von Philosophie und Nationalsozialismus. Für den halbgebildeten Laien mag der eine oder andere Beitrag brauchbar sein und Instruktives zutage fördern. Leider jedoch kratzen solche Magazine lediglich an der Oberfläche von Themen, und deren Inhalte bleiben am Ende der Sache weitgehend äußerlich. Kursorisch wird mal dies, dann wieder das gesichtet, ohne daß es in die Tiefe geht, was freilich ein solches Magazin nun auch gar nicht leisten kann und möchte: insofern will ich hier keine Inhalte überfrachten sowie Verknüpfungen und Bezüge einfordern, die ein populärwissenschaftliches Magazin nun einmal nicht herstellen kann. Verhehlen will ich dennoch nicht mein Unbehagen, das sich bei solchen Magazinen strikt einstellt. Immerhin findet sich in dem Heft eine Auswahl an Primärtexten: Ein Auszug aus Benjamins Geschichtsphilosophischen Thesen, von Adorno eine Passage aus seiner Vorlesung „Metaphysik. Begriff und Probleme“, wo er eine kritische Einschränkung seines Satzes vornimmt, daß es barbarisch sei, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben. Von Agamben lesen wir einen Text über das Lager als Nomos der Erde, und unvermeidlich ist Celans „Todesfuge“ dabei, der dieses Gedicht am liebsten gar nicht erst geschrieben hätte, wenn er geahnt hätte, auf welche Weise es instrumentalisiert und zur Erbauungslektüre verbreitet wurde, so daß die Schrift des Gedichts sich verflüchtigte. Eine passendere Auswahl für dieses Heft wäre vermutlich Celans „Engführung“ gewesen, das ebenfalls, aber auf eine hermetischere Weise die Shoah ins bildlose Bild bringt. Die Sprache der „Engführung“ erzeugt sehr viel rätselhafter einen Ton, vielschichtig und interpretatorisch doch offener als die „Todesfuge“. Andererseits sagt die Drastik der „Todesfuge“ alles das, was an Grauen herrscht: schwarze Milch und jener Tod, der ein Meister aus Deutschland ist, „dein blondes Haar Margarete//dein aschenes Haar Sulamith“.

Zumindest lassen sich aus den zahlreichenPrimärtexten, von Karl Kraus über Jean Améry, John Dewy, Hannah Arendt und Vladimir Jankélévitch unterschiedliche Positionen und Aspekte herauslesen und in weiterführender Lektüre der Primärtexte dann eben auch vertiefen.

Zu lesen gibt es zudem ein Interview mit dem Philosophen Volker Gerhardt über Nietzsche und die Nationalsozialisten, darin es um die Vielschichtigkeit Nietzsches und die Möglichkeiten geht, dessen Philosophie faschistisch zu vereinnahmen, was freilich dem, wie Gerhardt es nennt, Pluralismus von Nietzsches Philosophie widerspricht. Weiterhin wird die Politologin Barbara Zehnpfennig über Hitlers „Weltanschauung “ und über „Mein Kampf“ interviewt. Im ganzen sicherlich ein Strauß, aus dem sich das eine oder andere herausziehen läßt.

Zudem finden wir in dieser Ausgabe einen Exkurs zum „Fall Heidegger“. Darin kommt ebenfalls Sidonie Kellerer zu Wort, die einen kleinen Text beisteuert. Bedauerlich ist es, daß in diesem Aufsatz nicht weiter den Möglichkeiten (oder eben: Unmöglichkeiten) einer kritischen Ausgabe der Werke Heidegger nachgegangen wird, die in der „Zeit“ vom November 2014 angesprochen wurde. (Ich schrieb an dieser Stelle darüber.) Hier hätte sich der Leser mehr gewünscht. Lediglich die verborgenen und zugleich verbogenen Wahrheiten im Text Heideggers werden angedeutet sowie die Legendenbildung, die er über seinen 1938 als Vortrag gehaltenen Text „Das Zeitalter des Weltbildes“ inszenierte, worin Heidegger die nationalsozialistische Weltanschauung vorgeblich ablehnte. Allerdings sind in diesem Text Passagen nachträglich umgeschrieben worden: das, was Heidegger 1938 vortrug, und das, was dann 1950 in dem Band „Holzwege“ veröffentlicht wurde, weicht in einigen Stellen voneinander ab, wurde nachträglich und beschönigend retuschiert. Ungenau und unsauber ist es freilich, wenn Sidonie Kellerer den Derrida-Schüler Philippe Lacoue-Labarthe zitiert, der Heidegger attestierte, dieser habe begriffen, daß die Shoah den Höhepunkt der aufklärerischen Moderne darstelle, ohne jene Heidegger gegenüber kritischen Passagen aus Lacoue-Labarthes Buch „Die Fiktion des Politischen“ (und insbesondere auch in späteren Aufsätzen von ihm) zu nennen. „Nicht mehr und nicht weniger als das Wesen des Abendlandes ist es, was sich in der Apokalypse von Auschwitz enthüllt hat – und sich seitdem unaufhörlich weiter enthüllt. Und bei dem Denken dieses Ereignisses hat Heidegger versagt.“ (Lacoue-Labarthe, Die Fiktion des Politischen)

Interessant zu lesen ist die Zusammenfassung jenes philosophischen Disputes zwischen Heidegger und Cassirer in Davos. Unterschiedlicher als der manierliche Cassirer und der emporstrebende Heidegger können zwei Denker kaum sein. Rivalitätsszenarien des Philosophiebetriebs zwischen zwei ganz und gar unterschiedlichen Strömungen des Denkens oder Auseinandersetzungen in der Sache? Als Serviceleistung dieses Blogs: Abgedruckt finden sich diese Gespräche zwischen Heidegger und Cassirer im Anhang des Bandes „Kant und das Problem der Metaphysik“

Treffend in bezug auf die Philosophie Heideggers ist sicherlich das in diesem Heft abgedruckte Zitat vom Heidegger-Schüler Karl Löwith aus seinem Text „Der europäische Nihilismus. Betrachtungen zur Vorgeschichte des europäischen Krieges (1940)“. Darin schreibt Löwith über Heideggers 1933 an der Freiburger Universität gehaltene Rektoraktsrede „Die Selbstbehauptung der deutschen Universität“ und bringt den nicht nur latenten Faschismus Martin Heideggers auf den Punkt:

„Der ‚Arbeits-‘ und ‚Wehrdienst‘ wird eins mit dem ‚Wissensdienst‘, so daß man am Ende des Vortrags nicht weiß, ob man Diels‘ Vorsokratiker in die Hand nehmen soll oder mit der SA marschieren. (…) Gegenüber Heideggers substanzieller Zugehörigkeit zur nationalsozialistischen Stimmung und Denkweise war es unangebracht, seine politische Entscheidung isoliert zu bemäkeln oder auch zu beschönigen, statt sie aus dem Prinzip seiner Philosophie zu erklären. Nicht Heidegger hat ‚sich selber mißverstanden‘, als er für Hitler eintrat (…), sondern diejenigen haben ihn nicht verstanden, die nicht begriffen, warum er dies tun konnte.“

Da mag etwas dran sein und es wird sich diese Philosophie zwar einerseits fragen lassen müssen, wieweit ihr als Subtext solcher Faschismus mal manifest, also deutlich sichtbar, dann wieder latent eingeschrieben ist. Während im selben Zuge der Text Heideggers rekonstruktiv und in Dekonstruktion zugleich in die Lektüre gebracht werden muß. Kritik kann nur dialektisch sein oder aber sie ist gar nichts.

 Philosophie Magazin, Sonderausgabe: Die Philosophen und der Nationalsozialismus, 9,90 EUR

6. Juni

In jener Juni-Früh nah bei Cherbourg
Stieg aus dem Meer der Mann aus Maine und trat
Laut Meldung gen den Mann an von der Ruhr
Doch war es gen den Mann von Stalingrad

(…)

Das da hätte einmal fast die Welt regiert.
Die Völker wurden seiner Herr: Jedoch
Ich wollte, daß ihr nicht schon triumphiert:
Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.

(B. Brecht, Kriegsfibel)

Ein Diez, ein Kracht, ein Heidegger

Der Kritiker mit der Kritikerbrille, Georg Diez, denn ohne eine Faschings-Kritikerbrille ist man kein Kritiker, schreibt auf SpOn über Heidegger. Kann das gutgehen? Nein, kann es nicht. Bereits in der „Zeit“ fiel Diez durch Unkenntnis, Laxheit und Gefasel auf: Literatur als Befindlichkeitsübung für Subjektive. Vollends disqualifizierte Diez sich, indem er Christian Krachts Roman „Imperium“ als von einer rassistischen Weltsicht durchdrungen bezeichnete und Kracht selber als Türsteher rechter Gedanken brandmarkte. Kracht schrieb in den 90ern „Faserland“, mit Georg Dietz befinden wir uns im Faselland. Kracht mag balancieren und spielen, er probiert aus, geht an Grenzen, und er verhält sich als Literat im Sinne der Gesinnungswächter politisch nicht eindeutig. Die Aufgabe von Literatur ist es nicht, politisch Stellung zu beziehen, sondern sich ihrem Gegenstand zu widmen: Der Realität und ihren Tücken oder einer unerhörten Begebenheit nachzulauschen, die Welt, die in eine spielerische oder sehr ernst Anordnung gebracht wird, in die Schrift zu bringen, oder aber es macht in einem Text, wie in „Die Marquise von O…..“, eine oder einer Bekanntschaft mit sich selbst.

Nun also greift Diez die Heidegger-Debatte auf, darin insbesondere Heideggers Antisemitismus. Daß man es bei manchen Menschen im Privaten mit Rotz und Dreck, mit nicht sehr angenehmen, mit einfachen und primitiven oder unehrlichen Menschen zu tun hat, entdeckt mancher zu spät erst. Heidegger war – das ist die harmlose Variante – nicht bloß konservativ, sondern deutsch-nationalistisch, und er war vermutlich, wie auch der frühe Thomas Mann, antisemitisch eingestellt. Auf viele Studenten und auch Studentinnen wirkte Heidegger anziehend in seinem Gestus, in seiner Philosophie, die das trocken Akademische des Neukantianismus weit hinter sich ließ; Heidegger faszinierte in seiner Art des Vortrags. Alles in allem: Unkonventionell, wenn er in Skifahrerkleidung statt im Anzug den Hörsaal betrat. Wahrscheinlich wäre Diez in den 20er Jahren Heideggervorlesungsteilnehmer, weil es modisch schmückt, unkonventionell zu sein. Statt Adidas-Jacke Skianzug.

Nun macht Diez einmal wieder auf aufgeregt – im Sinne des „Aufregungsjournalismus“. Diez geht es nicht um eine Position, sondern um eine Form des gesinnungshaften Posens. (Nein, nicht die Stadt in Polen.) Ja, dümmlicher Polemik, wie wir sie bei Diez finden, kann man sich nur mit Polemik näheren.  Diez schreibt:

„So wurde schon 2009 Emmanuel Fayes Buch ‚Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie‘ abgetan. Nichts Neues, hieß es auch damals: philosophisch mangelhaft, oberflächlich und damit implizit auch irgendwie undeutsch sei das, was der Franzose Faye da über diesen so ‚einflussreichen‘ Denker schreibt.“

Diez macht es wie immer in seinem Schreiben: er lenkt das Denken in eine bestimmte Richtung: „undeutsch“ und das soll wohl nach sich ziehen, daß alle, die Heideggers Text nach wie vor für wichtig halten, deutsche Nationalisten sind. Wer bitte schrieb von „undeutsch“, wenn es um eine Kritik an Fayes‘ Buch geht? Es ist lediglich alles das, was Fayes schrieb, nicht ganz neu. Diese Debatte gab es bereits in den 80er Jahren mit Farías und Habermas als Kritiker Heideggers. Ganz zu recht. Und es gibt immer noch einen konservativen Heideggerianismus, der diese Bezüge und Verstrickungen Heideggers leugnet oder herunterspielt. Daran soll kein Zweifel gelassen werden.

Daß ein Text und ein Schriftstellerleben, ein Werk und eine Existenz zwei Paar Schuhe sind, der Text sich von seinem Schöpfer ablöst und ein Eigenleben führt – mag der Text noch so sehr durchdrungen vom Leben sein –, geht nicht in den Kopf von Diez hinein; unermüdlich bezieht er in schlechter Unmittelbarkeit das eine auf das andere, und so unterlaufen Diez dann eben solche Fehllektüren wie bei Kracht. Da kann man einmal wieder sehen, was geschieht, wenn die Einfalt des unmittelbaren Lesesubjektes die Sätze eins zu eins übernimmt. Diez hielte vermutlich Kafka für einen folternden Sadisten, wenn er seine „Strafkolonie“ gelesen hätte. Und umgekehrt bezieht er die Biographie Heideggers auf den Text und liest diesen einzig unter dieser Optik. Daß unter einem solchen eingeengten Blick Verkürzungen des Textes und Fehllektüren hinter der Kritikerbrille nicht ausbleiben können, liegt nahe.

Es schreibt Diez:

„Wenn man nun wieder über die hässlichen Seiten seines Lebens redet, sollte man deshalb endlich auch wieder über die hässlichen Seiten seines Denkens reden, über das Raunende, Sektenhafte, Vernunft- und Menschenfeindliche, über die Sprachklumpen, den so dumpfen wie verführerischen, weil so einfach wie schwer verständlichen Technologie-Ekel, seinen Hölderlin-Kult auch und überhaupt die immer noch herumgeisternde Art von geistesaristokratischer Arschlochmentalität.“

Vermutlich sind Diez auch Hölderlin, auch Kleist und Schiller verdächtig, weil sie im Faschismus gerne zitiert wurden. Dem Grund für Heideggers Kritik am Subjekt und am Begriff der Technik kommt Diez nicht ein Stück nahe. Er insinuiert und überträgt im Modus der Unterstellung unidirektional ein Leben auf einen Text. Daß die Sprache Heideggers womöglich auch einem anderen Moment noch als dem Blut-und-Bodenhaften geschuldet sein könnte, darauf kann Diez hinter seiner Kritikerbrille nicht kommen. Sie ist beides: sehr der Scholle verbunden und zugleich einen anderen Raum öffnend.

Ja, man kann und man muß Heidegger kritisieren. Und zwar anhand seiner Texte. Adorno tat das in verschiedenen Aufsätzen sehr ausführlich, indem er Heidegger beim Wort nahm. Doch es bleibt, unabhängig von Heideggers Verstrickungen in den Faschismus, eine Faszination des Textes, der sich selbst Theoretiker wie Herbert Marcuse, der sicherlich der Parteinahme für den Faschismus unverdächtig ist, nicht entziehen konnten. Diesem Text der Philosophie, der die Frage nach dem Sinn von Sein stellte, diesem Faszinosum Heidegger gilt es nachzugehen und dort, im Text selber weiterzufragen. Es sind gerade die Ambivalenzen, die das Denken antreiben und in andere Richtungen bringen können.

Was ist es, was viele Denker, insbesondere solche aus Frankreich, an Heideggers Text in den Bann zog, und was war das für ein Ton, den Heidegger traf? Das Denken der Metaphysik, die Struktur einer Struktur freizulegen und die abendländische Oppositionsbildung samt ihrem Dualismus auf eine philosophische, phänomenologische Weise zu hinterfragen und ihre verdeckten Voraussetzungen in den Blick zu bringen: daß wir in einer Struktur gefangen sind, die uns bis ins Detail, bis in die Lebensregung hinein konditioniert. Heidegger stellte die Frage nach dem Fundament und dem, was darunter liegt. Anders als Adorno und Horkheimer freilich, die in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ ebenfalls das abendländische Subjekt und seine Philosophie in die Kritik bringen, denkt Heidegger zum einen nicht mehr in den Termini der Aufklärung, die für ihn der zu überwindenden Metaphysik und der Technik einer universellen Machbarkeit angehören, und er scheidet zudem jeglichen Begriff von konkreter Geschichte aus seinem Denken aus. Die geschichtliche Konstellation und überhaupt jegliches Geschehen, das sich innerhalb der Geschichte zuträgt, bleibt ihm bloßer Abdruck einer irgendwie übergeordneten Geschichtlichkeit und kann nur als darauf Bezogenes gedacht werden. Zwar ist es nicht falsch, den Historismus über Bord zu werfen – das tut auch Walter Benjamin in seinem Text „Über den Begriff der Geschichte“ –, aber Heidegger vermag es nicht mehr, Geschichte noch in einem irgendwie materialistischen Sinne zu fassen. Doch die Methode Heideggers, den Grund des abendländischen Denkens freizulegen und zugleich den Blick auf ein anderes Denken hin zu öffnen, das bleibt auch diesseits und jenseits von Heideggers Faschismus eine Aufgabe der Philosophie. Philosophen wie Jacques Derrida haben sich an dieser Methode immer orientiert.

„und vor allem gilt es zu verstehen, wie sich Heideggers Denken so tief in 20. Jahrhundert bohren konnte, bis weit hinein in die Postmoderne, und was das genau bedeutet.“ Da allerdings hat Dietz Recht. Er selbst kommt in seinem Lamento aber dieser Frage denkbar unnah. Wieder einmal bewahrheitet sich, was seit der Gründung der „Bild am Montag“ gilt: Der „Spiegel“ besitzt kein Feuilleton. Bloße Polemik, Parteinahme und Politikposing werden dem Text Heideggers nicht gerecht. Ebenso wenig wie sich die Texte Benns oder Jüngers auf den Faschismus reduzieren lassen. Von den Filmen Leni Riefenstahls ganz zu schweigen: Die gesamte Pop-Kultur des Westens bis hin zur Sportreportage bedienten sich bei ihr. Und auch der Totalitäts-Pathos der Band „Laibach“ wäre ohne die Bildsprache von Riefenstahl nicht denkbar. All diese Werke haben etwas Verstörendes, sie deuten auf einen Geist der Zeit, auf ein Denk- und Gesellschaftssystem, aber es steckt zugleich ein Faszinosum in diesem Werken. Der Ästhetisierung der Politik kann man, wie im Falle Riefenstahls, mit Benjamin gesprochen, die Politisierung der Ästhetik entgegensetzen – nur geht diese für die Ästhetik meist schlecht aus, während es die Ästhetisierung der Politik (eben als Werbung und Marketing) leicht hat. Nur selten und in ihren besten Werken, wie bei dem Filmen Eisensteins, kommen bei dieser Politisierung der Ästhetik wunderbare Werke heraus, die die Grenzen des Films erweitern. Anders herum können Werke rassistischen Inhalts wie etwa David Wark Griffith „The Birth of a Nation“ trotzdem ästhetisch bedeutungsvoll sein und aufs weitere eine Wirkung ausüben.

Es gibt Texte, die von Menschen geschrieben wurden, die wir für moralisch nicht integer halten. Dumm und unidirektional ist es, den Text auf seine Urheber zu reduzieren oder die politische Gesinnung eines Textes abzufragen. Einen Text kann man nur anhand seiner Struktur, seines Gemachtseins, seiner darin enthalten These oder seines Gehaltes – mithin als Text selbst – kritisieren. Kein Text, kein Werk fällt vom Himmel. Aber jeder Text, jedes Werk führt ein Eigenleben. Es positivistisch auf seinen Schöpfer zu reduzieren, ist der Schulfall von Banauserie und Ausdruck des Amusischen. Das Leben eines Menschen unterliegt ebenso vielfältigen, jedoch ganz anderen Kriterien als ein Text.

Virtuelle Fundstücke (2)

Oder: eine kleine Kulturgeschichte
der Deutsch-Italienischen Freundschaft

Liebe Italiener, die Ihr Berlusconi für einen prima Kerl haltet, der doch eigentlich ganz gemütlich ist

(Ihr anderen, die Ihr diesen verdorbenen Greis verabscheut, hört jetzt besser einmal weg, damit Ihr nicht zu traurig werdet),

 schon einmal in unserer langen gemeinsamen Geschichte seid Ihr uns um etwas mehr als 10 Jahre vorausgegangen. Gar nicht mal so unwillig sind wir Euch dann, was die politische Ausrichtung betraf, etwa zehn Jahre später gefolgt. Bei unseren Unternehmungen und Ausflügen durch Europa ward Ihr uns dann allerdings eher ein Klotz am Bein, als daß Ihr Euch als nützlich erwiesen habt. Schwamm drüber. Wir haben militärisch eigentlich eh nicht mit Euch gerechnet. Da ist es mit Euch wie heute noch, wenn Ihr Fußball spielt: ein paar Mal nach vorne gehen, aggressiv reinruppen, hinterher unschuldig dreinschauen, ansonsten aber lahmarschig-langweilig in der Defensive mauern. Einmal hat Euch ein Franzose per Kopfstoß gezeigt, was er von Euch hält.

Dann haben wir auf verschlungenen Wegen zur Demokratie gefunden. Ihr irgendwie auch, wenngleich nicht so gut und so eifrig wie wir. Immerhin hattet ihr die größte KP Europas sowie Don Camillo und Peppone. Wir sind uns dann auch wieder näher gekommen. Ihr, indem Ihr bei uns Restaurants aufmachtet und im schönen Deutschland als Gäste gearbeitet habt, was nett von Euch war. Manche von uns haben Euch Katzelmacher genannt. Das war sicherlich nicht nett von uns, und jetzt seid ihr vielleicht immer noch böse, aber wir haben das gar nicht so gemeint, so wie wir eigentlich nie etwas so meinen, wie wir es dann tun oder sagen.

Auch wir sind Euch nähergekommen und haben in kleinen oder großen Autos, manchmal mit einem Campingwagen hintendran, Fahrten zum Gardasee oder sogar weiter unternommen und verbrachten manchen Urlaub in Rimini, wo wir uns an den Stränden die Plätze mit Handtüchern auf den Liegen sicherten. Dies mochtet Ihr eher nicht so gerne, doch dafür gab es für Euch die gute D-Mark, die wir gegen Eure luschig geführte Währung Lira eintauschen mußten. Aber immerhin: wir fühlten uns, was die Zahlenwerte betraf, mit Eurem Geld als Millionäre. Das hat uns gutgetan. Und ich, immerhin, bin in Rom in sehr sehr jungen Jahren und sehr sehr betrunken, als ich noch sehr Politisch war, zusammen mit einer sehr schönen Frau, in die ich sehr verliebt war und die mich anstiftete, über sehr teure Autos gestiegen. (Wer schafft in einem Satz mehr „sehrs“,die passend und wohlklingend sitzen?)

Im geeinigten Europa taten wir viel für Euch, liebe Italiener. Auch haben wir für Euch die Geschichte von den zwei kleinen Italienern, die von Napoli träumten und ihre Heimat sowie Tina und Marina vermißten, gedichtet. Dafür habt im Gegenzug Ihr wiederum uns Bud Spencer (kandidierte seinerzeit für Berlusconi) und Adriano Celentano mitsamt Azzuro mitgebracht (Celentano ist wenigstens ein entschiedener Kritiker Berlusconis und protestiert laut). Auch haben wir so manches leckere Gericht durch Euch kennengelernt. Das Dosenravioli von Maggi hätte ich ohne Euch wohl niemals gegessen. Und ich wäre kaum auf die Idee gekommen, daß man in einem römischen Restaurant für das Eindecken des Tisches von Lire umgerechnet eine Mark bezahlt. Dafür aber gab es in solchen versteckten römischen Restaurant dann auch tatsächlich das beste Essen, wunderbare Weine und feine Grappas, so daß die damals sehr junge Frau und ich aus dem Restaurant wankten (und eben über besagte Autos gestiegen sind, weil sie nun einmal im Wege standen). Dies hat die Ravioli von Maggi und die eine D-Mark- Eindeckgebühr mehr als wettgemacht. Ja, ich gebe es zu: den Aufenthalt 1983 in Rom habe ich genossen. Nun aber müssen wir dies da sehen:

faschistische-uniform

 

 GNI

 

Erinnert Euch das nicht an etwas? Nein? Ihr meint also, dies seien ja nur schicke Uniformen für eine private Bürgerwehr, ähnlich vielleicht, wie sie die schwarzen Sheriffs in München damals trugen; es handele sich doch nur um die „Gruppen unbewaffneter Bürger“, die auf privatinitiativer Basis für die Sicherheit in den Städten sorgten und Gammler, Punks, Roma, Flüchtlinge, Bettler in die notwendigen Schranken wiesen. Das sei alles ganz harmlos, nur ein wenig Eigeninitiative an dem Ort, wo der Staat nicht mehr weiter weiß. Da stecke nichts Böses dahinter. Na, wenn Ihr meint.

Ich weiß nicht, ob dieses Bild echt oder nur (als Satire) einem eigenwilligen Humor geschuldet ist, den ich sogar teile. Wenn aber Ersteres der Fall ist, so müssen wir Euch massiv drohen. Nein, erstmal noch nicht militärisch, obwohl wir da nicht viel zu befürchten hätten, weil Eure Panzer nur mit einem Vorwärts-, aber dafür mit vier Rückwärtsgängen ausgestattet sind, bei Euren Flugzeugen und Schiffen wird es sich nicht anders verhalten, um hier einen alten Kalauer wiederzubeleben.

Ja, wir müssen uns um Euch kümmern, liebe Italiener, denn Berlusconi & Co KG scheint Euch ja irgendwie am Arsch vorbeizugehen. Dabei habt Ihr doch eigentlich Geschmack, und in Kleidungsfragen seid Ihr mehr als stilsicher, einiges an Kunst nennt Ihr Euer eigen, Euer Design, Eure Rennautos, Eure Anzüge und Schuhe sind berühmt. Kaum würde man Euch mit Sandalen und Barfuß – oder in weißen Socken gar – durch die Stadt laufen sehen. Das ist auch gut so. Aber weitermachen wie bisher solltet Ihr lieber nicht.

Denn wartet mal ab, was wir uns alles für spaßige Dinge bei unserem nächsten Italienurlaub in der Toscana oder in Rom ausgedacht haben. Und was die Uniformen betrifft: da haben wir definitiv das bessere Design und laufen nicht mit so phantasiemäßigen Gaddafi-Uniformen herum, die eher Lachen als Schrecken und Furcht erzeugen. Vielleicht führen wir sie Euch ja mal vor, wenn in vier Jahren im September 2013 die erste rot-rot-grüne Regierung einen Italieneinsatz beschließt. Dann bis bald liebe Italiener.

 Das Bild verdanke ich dem Blog „als-ob-leben“. Darauf gestoßen bin ich beim Lesen im Blog „Kritik und Kunst“. Auf „als-ob-leben“ findet sich auch ein entsprechender lesenswerter Artikel mit Hintergrundinformation hinsichtlich der Zustände in Italien sowie interessante Links zu Zeitungsartikeln.

Das zweite Bild kommt von

http://blog.libero.it/Nuovaresistenza/7325279.html

Und das hier möchte ich als letztes virtuelles Fundstück nicht aussparen, liebe Italiener: Kommt da irgend etwas hoch? Nein? Nicht einmal die Kotze vom letzten oder vorletzten Grappa?: Schade.

 

Berlusconi