Luthers Reformation

Ein offizieller Feiertag also – heute –, ausnahmsweise auch in den westlichen Bundesländern. Umso besser, denn da dürfte sich auch die taz- und Missy-Klöps*In Hengameh Yaghoobifarah am Deutschsein freuen – ob Mann oder ob Frau, man weiß es nicht genau, was da zwischen den dicken Stampferln baumelt. Es kann verreisen und dabei sogar singen: „Eine kleine Dickmadame fuhr mal mit der Eisenbahn, Eisenbahn die krachte, …“ Sofern die DB ihren Fahrplan nach stürmischen Nächten wieder aufgenommen hat. Aber Ernst beiseite.

Was wäre Europa, was wären die deutschen Fürstentümer sowie das österreichische Habsburgerreich, das also, was man heute als Deutschland und Österreich bezeichnet (Ungarn, Tschechien und die Slowakei mal beiseite), ohne Luther? Kleines Gedankenspiel: wie sähe Geschichte anders aus? (Wien übrigens war einmal eine Stadt mit ungeheuer hohem Anteil an Protestanten, bis der Habsburger Kaiser sich zum Säubern anschickte, indem er Protestanten arge Nachteile zufügte, was manchen zur Konversion bewegte.)

Bekamen wir vom sauberen Luther – der Saubär Luther wie der Schriftsteller und Prediger Abraham a Sancta Clara spottete, wenn er vom sauberen Luther sprach – jenen nötigen Schritt in die Moderne? Brachte der Reformator eine Revolution des Denkens? „Des Teufels Sau, der Bapst“, so wetterte Luther gegen Rom und trat eine Lawine los, die sich nicht mehr bändigen lies, insbesondere durch die Härte beider Seiten in diesem Konflikt. Für Luther war jener Papst Leo X. der Antichrist schlechthin. Aber auch kirchenimmanent, in den zentralen Fragen der Heilslehre ging es ums ganze. Von der Theologie her genommen polte Luther also ganz sicher die Welt um. Die Heilsgewissheit lag nicht mehr in den Werken, sondern in der Gnade Gottes. All dies, von theologisch-immanenten Fragen bis hin zur kulturgeschichtlichen Bedeutung der Reformation, zeichnen zahlreiche Bücher nach, die passend zum Lutherjahr in Kohortenstärke auf den Markt kamen.

Im Rahmen der Frage, wie Ideen sich in der Welt verbreiten, ist von Andrew Pettegree lesenswert Die Marke Luther: Wie ein unbekannter Mönch eine deutsche Kleinstadt zum Zentrum der Druckindustrie und sich selbst zum berühmtesten Mann Europas machte – und die protestantische Reformation lostrat  (Insel Verlag, EUR 26,00). Bereits vom Titel her vielsagend, und so zeigt Pettegree wie mittels eines Mediums wie dem Buchdruck, der Malerei und den Stichen sich ein Bild, eine Idee unters Volk verbreiten konnte. Sich zu einer Marke machen – dieser Gedanke allerdings, an Luther herangetragen, ist doch sehr ex post facto, also vom Denken der Gegenwart her bestimmt, als ob es lediglich um werbetechnisches Branding ankäme. Die beste Werbung nützt nichts, wenn die Zeit für eine Sache nicht reif ist. Und dieses leicht Reißerische des Titels verstimmt dann ein wenig.

Wer es ganz genau wissen will und in die Tiefen der Biographie einsteigt, der greife unbedingt zu Heinz Schilling: Martin Luther, Rebell in einer Zeit des Umbruchs (Beck Verlag, 19,95 EUR) Keine Hagiographie, sondern auch auf die Schwächen Luthers leuchtet das Buch. Ebenfalls direkt im Kontext zu Luther und insbesondere zum Aspekt des Neuerungen, des Umbruchs im Denken steht Thomas Kaufmann: Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation (Verlag C. H. Beck, EUR 26,95) und ebenfalls Volker Leppin: Die fremde Reformation. Luthers mysthische Wurzeln. (Verlag C.H. Beck, EUR 21,95)

Den Blick von Rom aus wagt hingegen Volker Reinhardt mit Luther, der Ketzer. Rom und die Reformation (Verlag C. H. Beck, EUR 24,95). Eine nicht ganz selbstverständliche Perspektive, so Reinhardt, weil die meisten Darstellungen der Reformation eher aus protestantischer Sicht bzw. mit einem wohlwollenden Blick erfolgen. In dieser Auseinandersetzung jedoch spiegelt sich nach Reinhardt ein Kampf der Mentalitäten wider. Vom päpstlichen Rom, von Italien aus nahm man das, was sich in den deutschen Landen im Norden, jenseits der Alpen abspielte, als barbarisches Stück aus dem Tollhaus wahr. Gegen die Kultiviertheit der Italiener stand der Teutone:

„Für Rom und das Papsttum war Luther der hässliche Deutsche schlechthin: trunksüchtig, jähzornig, ungebildet, von Hochmut gebläht, ein Liebhaber der Fäkalsprache, der sich durch seine irrsinnigen Angriffe gegen die segensreiche Führung der Kirche durch die Päpste bei den Mächtigen Deutschlands lieb Kind machen und so Ruhm und Reichtum ergattern wollte.“

Feindbilder sind nötig, um den anderen zu markieren, und sie erweisen sich zunächst als brauchbare Gesellen. Nur funktionieren sie nicht immer und auf Dauer. Was für damals galt, das gilt auch heute (besonders für den Journalismus). Betreutes Denken und Lesen lassen sich die meisten nur begrenzt gefallen. Sie greifen zu anderen Medien und bilden sich ihre Meinung.

Trotzdem ist es interessant, im Falle der Reformation die Blickrichtung umzukehren und aus der Sicht der heiligen Mutter Kirche in Rom zu schauen, wie sich die Ereignisse in deren Augen ausnehmen. Dennoch, trotz aller anregenden Perspektivierung, denn manchmal führt es durchaus weiter, den Blick des anderen einzunehmen: jenes Ausbreiten der frohen Botschaft in deutschen Landen hat das Papsttum grandios verkannt. Was für eine Fehldeutung, der der kultivierte und klimatisch so feine Süden erlag. Rom ging ein zweites Mal an seinem Hochmut zugrunde oder wurde zumindest arg zurechtgestutzt. Europa brachte das einhundet Jahre später einen der verheerendsten Kriege.

Ins Detail hingegen, auf die dornichten Pfade der Ebene begibt sich Martin Heckel mit seinem Buch Martin Luthers Reformation und das Recht. Die Entwicklung der Theologie Luthers und ihre Auswirkung auf das Recht unter den Rahmenbedingungen der Reichsreform und der Territorialstaatsbildung im Kampf mit Rom und den ‚Schwärmern‘. (Mohr Siebeck, EUR 29,90, als Broschur) Das klingt nach einem Brocken Theorie und das ist es auch. Trotzdem ist das Buch interdisziplinär ausgerichtet und damit auch für die Kulturgeschichtler lesbar. Im Vorwort heißt es:

„Die Entwicklung des evangelischen Kirchenrechts und des Staatskirchenrechts in Deutschland seit Beginn der Reformation ist nur aus der steten Wechselwirkung der juristischen Probleme und Dynamik mit ihren theologischen und politischen Ursachen und Folgen zu erfassen. Erst durch ihre Umsetzung in Rechtsformen führen die geistigen und gesellschaftlichen Kräfte und Bewegungen zur umwälzenden Veränderung oder beharrlichen Verfestigung ihrer Epoche.

Durch seine rechtshistorischen Aspekte und Analysen will dieses Werk auch den theologischen und historischen Nachbardisziplinen dienen, auf deren Vorarbeiten es fußt. Es ist problemgeschichtlich ausgerichtet. Es sucht die Entstehung und Wandlung der rechtlichen Institutionen aus den geistlichen und weltlichen Ursprüngen, die dem modernen Empfinden fremd geworden sind, verständlich zu machen und zugleich das Bewußtsein der Kontinuität zu stärken, die unsere pluralistische Geisteswelt und Rechtsordnung mit ihren geschichtlichen Wurzeln verbindet und bis heute prägt und bedingt.“

Einen Schwung um 180 Grad machen wir mit Bruno Preisendörfer Als unser Deutsch erfunden wurde. Reise in die Lutherzeit (Verlag Galiani, EUR 24,99) Schon in Als Deutschland noch nicht Deutschland war. Reise in die Goethezeit begab sich Preisendörfer in eine ganz andere Welt und schilderte hochanschaulich, wie es sich in jenen uns heute so fern und manchmal auch wieder heimelig dünkenden Epochen lebte. Nach der Lektüre dieser Bücher bin ich als Leser ganz angetan, daß ich diese Reisen im bequemen Sessel nur anzutreten brauchte. Aus der Reihe der Luther-Bücher dürfte Preisendörfer wohl das heiterste und unterhaltsamste Buch geliefert haben. Was nicht heißt, daß das nicht lesenwert sei – ganz im Gegenteil, denn alles hat seine Zeit. Und ein bißchen Abenteuerspielplatz ist zuweilen eine feine Sache – sowohl für Jungs, die nicht bloß als Junges gelesen werden wollen, sondern die es sind, als auch für manches wilde Mädchen. Drastik macht bekanntlich anschaulich und Preisendörfer kann anschaulich schildern. Eine kurzweilige Lektüre also, vielleicht gerade an einem Tag wie heute.

Wer es freilich unorthodox mag und auf jenen Reformator blicken möchte, der im Schatten Luthers stand und doch ganz revolutionär auf der Seite der Bauern sich schlug und im Kampf für die Freiheit fiel, der greife zu Siegfried Bräuer und Günther Vogler: Thomas Münzer. Neue Ordnung machen in der Welt (Gütersloher Verlagshaus, EUR 58,00) Zeit wird es, diesen Mann  aus dem Schatten Luthers zu bugsieren, und wer es anschaulich mag, fährt an jenen Ort, wo Thomas Münzer nach der aussichtslosen Schlacht bei Frankenhausen gefangengenommen und dann auf der Festung Heldrungen getötet wurde. Dabei versäume er oder veräume sie auf keinen Fall Werner Tübkes grandioses  Gemälde dieser Schlacht, ein Geschichtspanorama aus bosch-breughelschen Höllenvisionen und aus kruder Wirklichkeit. (Eine detailveresessene, wunderbare Kunst und ein ganz anderer Weg der Moderne.) Dazu und auch zum Buch von Bräuer und Vogler als Ergänzung kann man von Ernst Bloch das bekannte oder inzwischen vermutlich wieder in Vergessenheit geratene Buch Thomas Münzer als Theologe der Revolution lesen (Suhrkamp Verlag, EUR 16,00).

Was aber wäre, wenn diese Reformation niemals stattgefunden hätten, im Keim erstickt oder durch Reformen und sanftes Abwiegeln umgeleitet in die einzig wahre Lehre der katholischen Kirche? Ein gedehntes Habsburgerreich unter dem Zepter Wiens? In Budweis, Prag, Tschernowitz, Triest, Karlsbad und Neukölln spräche man heute noch die deutsche Sprache? Die Judenemanzipation schritte voran, es gäbe kein Deutsches Reich unter Bismarck. Vielleicht ein Blüte europäischer bzw. deutscher Kulturen im Zeichen Habsburgs, ein prosperierendes Judentum, keine Shoah, sondern ein Europa der Völker? Der ebenfalls katholische König von Frankreich – wie hätte er es machtpolitisch aufgenommen? Gedankenspiele im Sinne Habsburgs und im Wiener Zuckerbäckerstil. All die schönen Mehlspeisen und ein kräftiger Zug Grüner Veltliner oder Gemischter Satz im Caféhaus. Das Habsburger Reich – ein Versuchslabor für den Weltuntergang, wie Karl Kraus ahnte und spottete. Doch mit dem, was nach dessen Fall zutage trat, war er ebensowenig glücklich.

Wer übrigens von den Verwerfungen im Protestantismus, im Dürer-Deutschland der Mittellage gerne lesen will, was bis in die 40er Jahre des letzten Jahrhunderts ragt und von viel Kunst, spezieller noch von der Musik, von Schönberg, Mahler und Nietzsche ebenso getragen wird,  und wer es dazu literarisch mag, der greife immer noch und unbedingt zu Doktor Faustus von Thomas Mann. Die exakt richtige Literatur zum Lutherjahr. Insbesondere in diesem großen Roman steckt ungemein viel Luther, doch genauso die Ästhetik samt der Politik. Kalt und scharf blitzend wie all die Marmorklippen dieser europäischen, dieser deutschen Moderne, die nahe von Los Angeles unter Mitwirkung eines bekannten Musikästhetikers ihr Entstehen im Text fand.

Worum ich freilich die östlichen protestantischen Bundesländer, besonders Sachsen beneide: das sind diese leckeren Reformationsbrötchen, die es im gräßlich-grauen Berlin ganz einfach nicht gibt. Davon hätte ich heute auch gerne eines auf dem Frühstückstisch. Aber dieser Dienstag ist nun einmal ein Arbeitstag wie jeder andere, ich schreibe also flink noch diesen Blogtext zuende. Morgen begehen wir dann das Hochfest Allerheiligen und einen Tag darauf Allerseelen. Zum Gedächtnis der Verstorbenen.

Noli me tangere oder Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? – Die Entdeckung des leeren Grabes

„An dem ersten Tage der Woche kommt Maria von Magdalena früh, da es noch finster war, zum Grab und sieht, daß der Stein vom Grab hinweg war. Da läuft sie und kommt zu Simon Petrus und dem anderen Jünger, welchen Jesus liebhatte, und spricht zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen und wir wissen nicht, wohin man ihn gelegt hat.
(…)
Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein. Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu den Häuptern und den anderen zu den Füßen, da sie den Leichnams Jesu hin gelegt hatten. Und beide Engel sprachen zu ihr: Frau, warum weinst du? Sie antwortete ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin man ihn gelegt hat.

Als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesum dastehen, weiß aber nicht, daß es Jesum ist. Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast. Dann will ich ihn holen. Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich ihm zu und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister. Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. Maria von Magdalena ging zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie richtete aus, was er ihr gesagt hatte.“ (Johannes 20)

Eine der schönsten Stellen in der Bibel. Wie auch bei Hegel in seiner Vorlesung über die Philosophie der Geschichte das leere Grab, das die Kreuzfahrer suchen und dann leer vorfinden, eigentlich ein Nichts ist. Das Christentum erschöpft sich nicht an den endlichen Dingen und an einigen Kreuzsplittern.

Etwas vom Verlust, vom Suchen, vom Lieben vor allem und auch von jenem Unsterblichen finden wir in dieser Auferstehungsszene. Interessant an dieser Passage des Johannes-Evangeliums ist dabei die Bedeutung der Sinne: Zunächst ist da der Gesichtssinn, um den herum sich die gesamte Szene ordnet. Maria sieht, daß der Stein vorm Grab fort ist, sie spricht dann zu den Jüngern, und wieder zurück beim Grab weint sie. Die Tränen verschleiern ihre Augen, trüben den Gesichtssinn, sie sieht nicht richtig oder genauer: sie sieht, ohne richtig zu sehen und glaubt in dem Mann vor ihr den Gärtner auszumachen. Erst an der Stimme, als Jesus die Maria anspricht, erkennt sie, hörend, wer da vor ihr steht. Wie um sich dieses Körpers und seines Daseins zu vergewissern, will Maria ihn berühren, sie tastet, sie faßt, die Haut, das Fleisch, will den Körper ergreifen, ohne aber diesen besonderen Leib tatsächlich berühren zu können Berühren zu dürfen. Den Körper jener Person, die plötzlich und ohne Ankündigung, unverhofft und unvermutet, erscheint. Wir kennen diesen Auftritt aus den vielen Gemälden – hier im Bild von Tizian. Es ist eine Szene, die so nicht in der Bibel steht und die wir aus dem Kontext und den Worten Jesus eruieren müssen. Noli me tangere. Es ist das Berühren erst, was uns glauben läßt, etwas Taktiles im Menschen, die Haut des Anderen. (Endend im Verkünden Marias, was sie sah und was sich zutrug. Im ungläubigen Thomas taucht dann noch einmal dieses Motiv des Berührens auf, des Betastens von Wunden.)

Der Philosoph Michel Serres formuliert es in seinem Buch Die fünf Sinne:

„Viele Philosophen beziehen sich auf den Gesichtssinn, nur wenige auf das Gehör, und noch weniger setzen ihr Vertrauen auf den Tast- oder den Geruchssinn. Die Abstraktion zerschneidet den empfindenden Körper; sie grenzt Geschmack Gehör und Tastsinn aus, behält nur Geruchssinn und Gehör, Anschauung und Erkenntnisvermögen zurück. Abstrahieren heißt weniger den Körper hinter sich lassen als ihn in Stücke zu schneiden: Analyse.“

Diese Abstraktion freilich hat in der denkenden Betrachtung bzw. im betrachtenden Denken gute Gründe, ohne daß man ins Extrem des Descarteschen Dualismus zurückfallen muß. Doch zugleich spielen die anderen Sinne der Philosophie bei – zumal wer liebt, will nicht erkennen, sondern berühren. Diese Liebe zur Weisheit kann ebenso ein taktiles Element bedeuten. (Für die Kunst wußte Hegel in seinen Vorlesungen, daß eigentlich nur der Gesichtssinn und das Hören für die Auffassung von Kunstwerken in Frage kommen. Riechen, schmecken, berühren verboten. Oder wie es Karl Kraus so unnachahmlich schrieb: „Vor jedem Kunstgenuß stehe die Warnung: Das Publikum wird ersucht, die ausgestellten Gegenstände nur anzusehen, nicht zu begreifen.“)

Wenn jedoch das Profane in den Stand des Göttlichen gehoben wird, verschieben sich die Koordinaten und es entsteht so etwas wie eine gegenspielige Dialektik der Unvermitteltheiten. Roland Barthes beobachtete diesen Vorgang in seinen Mythen des Alltags an einem, wenn nicht an dem Fetischobjekt schlechthin: dem Automobil, dem Citroën DS 19: auf dem Metall gilt nicht mehr das Noli me tangere, sondern ganz im Gegenteil reizt die glatte Oberfläche zum Berühren:

„In den Ausstellungshallen wird der Wagen mit intensivem, verliebten Eifer besichtigt: Es ist die große Phase der taktilen Erkundung, der Moment, in dem das sichtbar Wunderbare den prüfenden Ansturm des Berührens erleiden muß (denn der Tastsinn ist unter allen Sinnen der am stärksten entzauberte, während der Gesichtssinn von allen der magischste ist): Die Blechteile, die Verbindungsstellen werden berührt, die Polster betastet, die Sitze ausprobiert, die Türen gestreichelt, die Lehnen befühlt. Hinter dem Lenkrad wird mit dem ganzen Körper das Fahren simuliert. Das Objekt wird hier völlig prostituiert, in Besitz genommen: Kaum hat die Göttin den Himmel von Metropolis verlassen, wird sie vom Volk binnen einer Viertelstunde profaniert und vollzieht mit diesem Exorzismus exakt die Bewegung des kleinbürgerlichen Aufstiegs.“ (Roland Barthes, Mythen des Alltags. Der neue Citroën)

Phänomenologie und Ideologiekritik in einem unter den Bedingungen der Moderne, in den wunderlosen Zeiten dieses Sälulums.

Vom Erhabenen, vom Schaudern und vom Vergehen in der Zeit

„Es ist ein vornehmlich in der frommen Sprache üblicher Ausdruck, einen sterbenden Menschen sprechen zu lassen: er gehe aus der Zeit in die Ewigkeit.

 Dieser Ausdruck würde in der Tat nichts sagen, wenn hier unter der Ewigkeit eine ins Unendliche fortgehende Zeit verstanden werden sollte; denn da käme ja der Mensch nie aus der Zeit heraus, sondern ginge nur immer aus einer in die andre fort. Also muß damit ein Ende  aller Zeit bei ununterbrochener Fortdauer des Menschen, diese Dauer aber (sein Dasein als Größe betrachtet) doch auch als eine mit der Zeit ganz unvergleichbare Größe (duratio Noumenon) gemeint sein, von der wir uns freilich keinen (als bloß negativen) Begriff machen können. Dieser Gedanke hat etwas Grausendes in sich: weil er gleichsam an den Rand eines Abgrunds führt, aus welchem für den, der darin versinkt, keine Wiederkehr möglich ist (‚Ihn aber hält am ernsten Orte, Der nichts zurücke läßt, Die Ewigkeit mit starken Armen fest.‘ Haller); und doch auch etwas Anziehendes: denn man kann nicht aufhören, sein zurückgeschrecktes Auge immer wiederum darauf zu wenden (nequeunt expleri corda tuendo.  Virgil).“ (Immanuel Kant, Das Ende aller Dinge)

 Noch in der Theologie oder in der Lehre von den letzten Dingen (sowohl der Eschatologie, aber damit in Korrespondenz doch auch der Kosmologie) finden wir ein Erhabenes, und in den Bestimmungen ex negativo, daß es etwas gibt, welches in keiner Anschauung zum Bild gebracht zu werden vermag, verbreitet sich mittels der Phantasie und der Imagination zwar kein Positives, aber doch ein Weg des Denkens – gleichsam eine ästhetische Position. Die Einbildungskraft, so schreibt Kant, wirkt in der Dunkelheit sehr viel mächtiger als beim hellen Licht. Das Schaudern und der Schrecken der schwarzen Romantik und überhaupt der Prosa von Poe wirken darin nach. Kant – jener Alleszermalmer und bedächtige Metaphysiker. In der Zeit zu versinken, in den Gewalten des Chronos  sich zu wissen, der seine Kinder frißt und der blutig zerschlägt, bedeutet: Im Leben zu sein.

Der Stachel des Todes liegt darin, daß jenes Licht endgültig ausgeschaltet wird, das die Farben und den Schatten schafft, das Finsternis und Gleißen in einem produziert und im Strom der Bilder und in den Zügen der Zeit die Funken schlägt.

Bamberg – Neigung zum Katholizismus

Die Pracht und die Herrlichkeit der katholischen Kirche sind unerreichbar. Ich habe mein Amt angetreten.
 
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Der Bamberger Dom ist eine Basilika, die in den Stilen zwischen Romanik, Gotik bis hin zum Barock schillert, darin sich eine Vielzahl an Statuen, Altären sowie das Grab des Kaisers Heinrich II. befindet, dessen Sarg aus der Werkstatt Tilman Riemenschneiders stammt.  Im Bamberger Dom befindet sich zudem das nördlichste der erhaltenen Papstgräber, und zwar ist es das von Clemens II. sowie jener rätselhafte Bamberger Reiter aus dem frühen 13. Jahrhundert, der seinerzeit farbig bemalt war: Ein Mann mit einem roten Gewand. Ein Mirakel bleibt es ebenfalls, was eine solche Reiterstatue in einem Dom zu suchen hat; um die Bedeutung dieser Skulptur ranken sich unterschiedliche Deutungen.

Was den Bamberger Dom ausmacht, ist seine Pracht und die reichhaltigen Kunstschätze: vom Veit-Stoß- bis zum Riemenschneider-Altar. Katholische Sinnlichkeit, Kunst und Katholizismus. Das Katholische begleitet uns. Selbst in den vermeintlich säkularen Zeiten wirkt es nach, umfängt den Geist.

Die katholische Kirche ist uns immer noch nahe – vor allem in ihrer Doppelmoral, die wir nicht loswerden, sowie in ihren Ritualen und Anbettungsszenerien. Die verborgene Theologie des Politischen – bis heute hin. Das Katholische ist das, was sich aufs Ganze bezieht. Nietzsches Haß auf die christliche Religion war nie eine Aversion gegen die Religion als solche, sondern gegen eine bestimmte Form, die in unheilvoller Unterkomplexität ihren eigenen Grund nicht zu reflektieren vermag (dies gilt wesentlich für den Protestantismus in vielen seiner Spielarten) und deshalb mit doppeltem Standard rechnet und die zudem für eine bestimmte Weise des Moralisierens und Wertens zuständig ist. Der Doppelstandard in die heutige Zeit transformiert: links blinken, rechts fahren. Der deutsche Hund wacht fest am Rhein, er ist mal katholisch, dann wieder evangelisch und wenn es den Zeitgeistumständen geboten scheint, auch links, wenn es ihm auch nur um den Pantoffel geht, den er treudeutsch an den Tatzen trägt, um sich brav am guten Gewissen zu erwärmen. Und bekanntlich scheißt der Deutsche Schleim. Hoffen wir nur, daß mancher nicht auf seiner eigenen Schleimspur ausrutschen wird. Nietzsches Spott richtete sich gegen all die Kleinbürger mit dem schmalen Denkhorizont: der deutsche Michel mit Schlafmütze und dem chronisch guten Gewissen des Rechtschaffenen. Es gibt ihn in mancherlei Gewand.
 
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Immerhin jedoch ist der Doppelstandard des Katholischen sinnenfroh, barocke Pracht eignet ihm, es kann gesündigt werden, ohne daß die ewige Verdammnis zwangsläufig gegeben ist, denn für die Verfehlungen betet man einen Rosenkranz, und in mancher Gestalt kommt die katholische Lehre mit metaphysischer und theologischer Bildung daher, die von Aristoteles über Thomas von Aquin reicht. Naphta versus Settembrini. Das entschädigt für vieles. Leider eignet dem Katholizismus ebenso eine gewisse Dogmatik und die Starrheit des Denkens. Das macht ihn weniger sympathisch. Die Kategorien bleiben häufig statisch, was bei einer solch großen Institution andererseits nicht verwundert. Am Ende aber ist mir die direkte und evidente Verlogenheit lieber als die Lügen derer, die sich im Gewand der Rechtschaffenheit tarnen, in der Realität aber kleine Wichtel sind.

Doch muß man zur Ehrenrettung des Katholizismus sagen: es ist immerhin eine polytheistische Religion. Nicht einen Gott gibt es, sondern in den verehrten Heiligen dupliziert sich Gott. Ebenso besitzt der Katholizismus über den Marienkult Matriarchat-Strukturen. Es bewahrt sich im Katholizismus zugleich die Fetischreligion der Naturvölker: man denke nur an die Gewandfetzen, an die Kreuzessplitter und die Nägel des Kreuzes. Gestern erzählte mir ein befreundeter Wissenschaftler, man habe bei einer verstorbenen alten Frau eine Kiste gefunden, darin lag ein rostiger Nagel. Dieser Nagel war vom Vatikan zertifiziert. Und zwar stellte der Vatikan das Echtheitssiegel darüber aus, daß es sich um einen der Nägel handelt, die in der Schmiede neben den Nägeln gelegen hätten, mit denen Jesus ans Kreuz geschlagen wurde. Eine wunderbare Geschichte. Fast wie die vom Bergwerk zu Falun.

Bamberg ist zugleich die Stadt, in der E.T.A. Hoffmann einige Zeit lebte. Es entstand dort die Novelle „Der goldene Topf“. Weiterhin schrieb Hegel in Bamberg an seiner „Phänomenologie des Geistes“, was man ihm mit einer Inschrift dankte. (Man beachte die Reihenfolge der Vornamen! Es gibt Danaergeschenke.)
 
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Heimliche Rache der Katholen am Pietismus und an jener Philosophie, die man – zumindest was seine Staatslehre betrifft – als Zen-Buddhismus für Preußen bezeichnete? Wir wissen es nicht.
 
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Daily Diary (101) – Ostersonntag

Mutmaßungen: Auferstehung und Leben als Exzeß des Bildhaften. Und da, wo zwei Ordnungen des Bildes aneinanderstoßen: Im Museum, in der Photographie des Museums als Ort theologischer Kontemplation. Metaphysik ist die Abwesenheit jeglicher Präsenz. Auch über jenes Noli me tangere schrieb ich: da wo die andere Ordnung des Körpers waltet und da wo, es kein Berühren mehr gibt. Segen, Liebkosung, Verzückung, Schmerz und Distanz in einem: das sind die Gesten, die sich in dem wunderbaren Gemälde von Antonio da Correggio verdichten. Und was für eine wunderbare Farbe das Fleisch besitzt. Sinneslust. Und die Nicht-Präsenz eines Körpers, der nicht mehr von dieser Welt ist. Der Gesalbte.

Was sucht ihr den Lebenden unter den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden. Dies war mir in meinem Studium einer der liebsten Sätze, der die Abwesenheit des Anderen bei gleichzeitiger Präsenz anzeigte. Besäße ich den Glauben, hätte ich Theologie studiert. So aber bleibe ich der negative Dialektiker im Grandhotel Abgrund. Über das Verhältnis von Jenseits sowie Hier und Jetzt, Präsenz und Abwesenheit grübelnd. Der Ostersonntag ist ein besonderer Tag, um dieses Verhältnis ins Bild zu bringen. Da wo die Ordnung des Körpers und die des Sichtbaren sich spalten. Verklärung und Verschwinden des Fleisches in einem. Der Ostersonntag war für mich nie ein Tag der Freude, sondern gab Anlaß zum Grübeln des Skeptikers. Melancholia in extenso
 
 
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Beschlagnahme des Fleisches: dieses eine Mal. Theorie des Abschieds. Karfreitag

OLYMPUS DIGITAL CAMERAFassen, tief ins Blut greifen. Ortswechsel. Leib und Instrument. Dieses eine Mal, dieses letzte Mal saßen dreizehn und später dann, nach Aufbruch des einen, dem das Brot gereicht wurde, zwölf Personen versammelt. Es gibt für uns alle ein letztes Mal. Ein Buch von Karl Heinz Bohrer, das Ende der 90er Jahre erschien, heißt „Der Abschied. Theorie der Trauer“ Bohrer ist, was seine politischen Statements zur sogenannten Lage der Nation betrifft, fragwürdig und reaktionär in einem. Dennoch enthalten seine Bücher interessante Aspekte zur Literatur- und Kunsttheorie. So setzt Bohrer z.B. den Abschied als eine der entscheidenden Reflexionsfigur der Moderne. Dabei gibt es von der Theologie und der griechischen Tragödie herkommend die Figur des objektiven Abschiednehmenmüssens und die subjektive Figur des Abschieds. Für dieses gilt: „Was sich auch im Falle der seelischen Katastrophe nicht übersehen läßt: Abschiednehmen heißt nicht, die Zeit als verlorene Zeit zu verwerfen.“ Aber als Zeit ist sie doch vergangen und lediglich in die Erinnerung gebannt. Eine Aufhebung der Zeit findet nicht statt. Erlebtes hebt sich einzig im Gedächtnis auf und kann in literarischen Bildern bewahrt werden. Prousts Recherche zeugt souverän davon und liefert auf vielen tausend Seiten das literarische Bild von jener Zeit, die bleibt und die doch vergeht, die wiederauftaucht bei einer Tasse Tee und einem Stück feinen Gebäcks.
 
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Im Rahmen des Subjekts bzw. des Subjektiven, ist der Abschied meist unwiderruflich – sei er nun heilsam sowie reinigend und gut oder schmerzlich betrieben. Die Literatur zeigt das in ihren Texten vielfach. Im Fall des subjektiven Abschieds verläuft die Zeit linear. Das Wiedersehen, wie etwa des jungen Werthers mit Charlotte oder das von Hyperion und Diotima liegt nicht mehr in dieser Welt, sondern andernorts Werther setzt auf die unmögliche Kontinuität von Diesseits und Jenseits, die aber weder in seiner Macht noch in seiner Möglichkeit steht, einzig der Metaphysik oder genauer dem, der die Heilsgeschichtliche bringt, ist sie möglich: „Wir werden sein! Wir werden uns wiedersehen!“ Doch diese Hoffnung Werthers dürfte mehr als trügerisch sein, denn das als Möglichkeitssinn gesetzte transzendierende Bewußtsein bleibt diesseitig gerichtet.

Es gibt aber neben der literarischen Form, in der Abschied als jene moderne Reflexionsfigur gesetzt ist, in der heilsgeschichtlichen Perspektive noch eine andere Weise, wie Zeit sich strukturiert. Bohrer macht das an zwei unterschiedlichen Formen des Abschiedes fest, die jedoch von ihrer Struktur dennoch zum selben Zeit-Typus gehören. Einmal dem Abschied des Hektors von Andromache in der Illias bzw. der Didos von Aeneis sowie der Abschied Jesu von seinen Jüngern, dieser liegt zwar in einem anderen Zeithorizont, zentral ist aber in allen drei Fällen die Figur der Rettung bzw. eine heilsgeschichtliche Perspektive. Insofern ist dieser Abschied kein endgültiger, „sondern der der Beginn einer Wiederkehr. Jesus versichert die zeitliche Perspektive zweimal nachdrücklich (…) bevor der die berühmten Worte ausspricht: ‚Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich ncht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen‘ (Johannes 16,16). Der Abschied ist hier die Voraussetzung einer Rückkehr. Die heilsgeschichtliche Zeit kennt also gar keinen Abschied im Sinne eines endgültigen Bruchs zwischen zwei Zeitphasen: das Präsens wird nie zur endgültigen Vergangenheit, sondern ihm entspringt immer die Zukunft.“

Wer diese eigentümliche Zeitstruktur anhand von Gemälden illustriert sehen möchte, der betrachte sich, sofern er einmal nach Colmar reisen sollte, Matthias Grünewalds Isenheimer Altar und auch die Kreuzigungsszene von Lucas Cranach dem Älteren. Ich schrieb hierüber verschiedentlich an diesen Stellen.
 
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„NOLI ME TANGERE“ – Berühre mich nicht! als eine Form von abwesender Präsenz. Die Macht und das Leben der Bilder (6)

„Maria aber stand vor dem Grabe und weinte draußen. Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein. Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu den Häupten, den anderen zu den Füße, da sie den Leichnams Jesu hingelegt hatten. Die Engel sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie antwortete ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wohin sie ihn hingelegt haben. Und als sie das gesagt hatte, wandte sie sich zurück und sieht Jesum  dastehen, und weiß nicht daß es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meinte, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, daß du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hin gelegt, so will ich ihn holen. Jesus sprach zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm: Rabbuni!, (das heißt: Meister)! Spricht Jesus sagte zu ihr: Rühre mich nicht an! denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater. Gehe aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. Maria Magdalena ging zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen, und solches hat er zu mir gesagt.“ (Joh. 20:11–18)

Diese Szene zwischen Maria Magdalena und Jesus wird von einer paradoxen Logik der Präsenz sowie einer paradoxen Geste von Berührenwollen und der Abwehr jeglicher Berührung (und damit: Körperlichkeit) getragen, die – zunächst in sprachlicher Form dargeboten – Nähe und absolute Distanz in einem einzigen zeitlich-räumlichen Moment verkörpert. Jesus spricht Maria Magdalena an, Maria antwortet. Maria erkennt Jesus zunächst nicht, ihr Blick nimmt einen präsenten Körper eines Menschen, aber nicht den von Jesus wahr. Die Gründe über diese Nicht-Wahrnehmung bleiben im unklaren. Maria antwortet, indem sie nach dem vermeintlich toten Körper fragt, um ihn zu holen – wohin auch immer. Nun spricht Jesus sie mit ihrem Namen an, einem Eigennamen, der sowohl für die Mutter als auch für die Frau an Jesus Seite gebraucht wird. Erst dadurch, daß Jesus sie beim Namen nennt, erkennt Maria ihn, wendet sich ihm wieder zu.

Überhaupt ist diese beschriebene Szenerie bereits im Ablauf der Bewegungen und der Blickachsen eigenwillig konstituiert. Maria wendet sich (wahrscheinlich vom leeren Grab) zurück, sieht eine ihr scheinbar fremde Gestalt, diese redet sie an, sie befragt dieser Gestalt, muß sich aber anscheinend während diese Gespräches wieder abgewandt haben, denn ansonsten wäre der Satz „Da wandte sie sich um und spricht zu ihm: Rabbuni!“ von der logischen Abfolge der Bewegungen her sinnlos. Sie sieht zunächst, ohne zu erkennen. Nur ein Blick, der nicht das sieht, was er erwartet oder sehen möchte, wendet sich vom Gegenüber ab – eben weil er in Erwartung von anderem als dem Dargebotenen affiziert ist. Beim Namen erst, ihrem eigenen, fährt Maria auf und erkennt. Allerdings geschieht das Wahrnehmen samt der Bewegung hin zu Jesus in einer Weise, die dem Gegenstand des Erkennens nicht angemessen ist. Maria Magdalene sucht eine Nähe, die nicht mehr möglich ist.

Der Aspekt von Namensnennung und Magie des Namens, die – zumindest in der jüdischen und auch in der christlichen Textualisierung – mit der adamitischen Namensgebung ihren Lauf nimmt, ist ein Topos, der vielfältig in Philosophie und Literatur abgehandelt wird. Paradigmatisch sei hier nur auf Benjamins Aufsätze „Über die Sprache überhaupt …“, „Die Aufgabe des Übersetzers“ sowie „Über das mimetische Vermögen“ hingewiesen. Sprache unter dem Aspekt des Namens tritt beim frühen Benjamin als eine Form auf, die die Logik bloßer sprachlicher Repräsentation und handhabbarer Wiedergabe übersteigt. Namens-Sprache überwindet jegliche Subjekt-Objekt-Distanz, so wie Maria erst im Angesprochen- und Abgewehrtwerden durch Jesus dessen (freilich abwesende) Nähe gewahr wird. Namens-Sprache dient in dieser Anordnung verschiedener Weisen von Körperlichkeit zugleich als Werk von Aufhebung (in jenem dialektischen Dreifachsinn) und wirkt als Zauber (also: Magie): actio in distans. Nietzsche dann verkehrt dieses Motiv von Nähe und Ferne (in unserem, im biblischen Falle die zwischen einem Mann und einer Frau): die Macht und der Zauber nicht des Mannes, des anwesend-abwesenden Messias, sondern der Frauen wirkt gerade durch ihren Abstand. Nachzulesen unter anderem in jenem Kapiteln in der „Fröhlichen Wissenschaft“, das heißt „Die Wirkung der Frauen aus der Ferne“.

Daß Maria Magdalena gestisch kurz davor ist, Jesus zu berühren, seinen Leib oder aber: seinen Körper zu spüren, diesen Umstand verschweigt der Text des Johannes-Evangeliums; das Begehren nach dem Körper Jesu (was auch immer dieses Begehren zunächst tragen mag) läßt sich lediglich durch den von Jesus ausgesprochenen Satz ahnen, der zum geflügelten Wort wurde und als Bildtitel in die Kunstgeschichte einging: „NOLI ME TANGERE!“ Weshalb wird dieses Verbot, einen Körper zu berühren, ausgesprochen? Jesus spricht, um Maria mitzuteilen, daß er zwar anwesend, mithin dort und an diesem Ort durchaus (physisch) präsent ist und daß er trotzdem nicht da und berührbar sowie berührungsfähig ist, eine Anwesenheit als Nicht-Präsenz, die sich im Grunde jeglicher Repräsentation und jeder Weise von Vergegenständlichung entzieht (ausgenommen der sprachlichen), weil jener Jesus bald in eine andere Sphäre, in die des Vaters, in den Bereich des Gottes eintreten wird.

Er ist nicht da, wo Maria ihn wähnt, er ist anderswo und er ist dennoch an diesem Ort in der Nähe des Grabes. Dem Hier und Da dieser Präsenz ist der Modus radikaler Abwesenheit bzw. einer Andersheit eingeschrieben, die die Reaktion Jesu konstituiert. (Zu diesen Motiven anwesend-abwesend kann man die kleine Schrift von Jean-Luc Nancy (einem Schüler Jacques Derridas) lesen, die meine Überlegungen zur Präsenz und zur Logik von Repräsentation einer Nicht-Präsenz teils anregten: „Noli me tangere. Essai sur la levée du corps“, Bayard Éditions, Paris 2003, in Deutsch im diaphanes Verlag, Zürich/Berlin 2008. Diese Schrift steht in einer Reihe von Texten Nancys, die den Versuch einer dekonstruktiven Lektüre des Christentums unternehmen: Also nicht die abstrakte Durchstreichung und Negation, wie dies Deleuze in einer teils simplifizierenden Weise betreibt, sondern Nancy liest die Texte des Christentums immanent.)

Der Körper eines geliebten Menschen ist dazu da, sinnlich affiziert und damit: berührt zu werden. In der Sicht Hegels freilich sieht dieses Moment anwesend-abwesender Körperlichkeit, die an den (bereits toten) Körper gebunden ist, anders aus. Das Tote bleibt tot und ist es doch nicht. Im Text Hegels ist das Moment der Leere des Grabes (jenes Grabmals der Empirie) zentral. Es klammert sich ein im Bereich der Philosophie oder der Theologie operierendes Denken nicht ans Sinnliche. (Was dies für die Bildende Kunst bedeutet, bleibt eine andere Frage.) Bei Hegel fungiert eine (radikale) Leerstelle als elevatorischer Motor dialektischer Geist-Theorie. Ich schrieb dazu an dieser Stelle und auch im Rahmen von Bildrepräsentation und Diesseits ebenfalls hier.

Ergänzen müßte man diese Lektüre von Geist, Aufhebung und Magie wohl noch um Derridas Texte zu den Gespenstern und zu all den Formen des Wiedergängertums, das Jesus in dieser Szenerie der Auferstehtung aus dem Grab ebenfalls darstellt.

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Veronese

Anderswo zu sein und doch gegenwärtig: Diesen Zustand kann im Grunde kein Bild repräsentieren, abbilden oder in irgendeine Form von Darstellung bringen. Zumindest nicht mit den realistischer Darstellung. Fra Angelico (Bild 1) und Veronese (Bild 2) deuten diesen Zustand anwesender Abwesenheit bzw. eines (im Bild repräsentierten) rein körperlichen Ichs durch die Gloriole an. Auf Fra Angelicos Fresco um 1440, das ist interessant, trägt auch Maria Magdalena, die zuweilen durchaus als eine Art Sünderin aufgrund liebender Geschlechtlichkeit wahrgenommen wird, diese Gloriole. Meist wird mit dieser Gloriole jedoch lediglich die Mutter Jesu dargestellt. Auf dem Gemälde von Veronese Ende des 16. Jahrhunderts bleibt diese Aureole Jesus vorbehalten. (Über die Bewegungsabläufe und das Verhältnis sowie die Darstellung der Hände und des Gestischen schreibe ich in einem zweiten Teil.)

Der Subjekt-Körper tritt in dieser Noli-me-tangere-Szenerie, die uns qua Johannes-Evangelium als Erzählung geliefert wird, in ein grenzgängerisches Zwischenstadium. Der Körper des Subjekts gleicht in diesem besonderen Status einem Körper, der nicht mehr als empirisch wahrnehmbarer Körper funktioniert, gleichsam ein gedoppelter Körper, ein Leib-Körper, unberührbar, verklärt, überhöht, brennend und zugleich doch aus Menschenfleisch, welches auf Berührung angewiesen ist. (Zu dem Aspekt, wie sich das Christentum über solche Modelle zunächst theologischer Repräsentation in eine Art politische Theologie transformierte, lese man: „Die zwei Körper des Königs“ von Ernst H. Kantorowicz.)

Identität oder auch Subjekt-Sein konstituieren sich in dieser Episode des Johannes-Evangeliums nicht nur über das Angesprochenwerden mit Namen, sondern auch als Berührung. Totes, das nicht tot ist, ist entweder ein irreales Geist-Gespenst oder aber ein Wesen eigener Art. Sinnlichkeit ist ein zunächst direkter Modus beglaubigenden und personale Identität erzeugenden Zugriffs, und es verifiziert sich in dieser ein Wesen im Tastsinn. Zu diesem Aspekt notwendiger Berührung lese und betrachte man z.B. die – ebenfalls in der Kunst häufig wiedergegebene – Episode vom ungläubigen Thomas: jener Finger in der klaffenden Speerwunde, die ein ebenfalls faszinierendes Sujet für die Malerei abgibt.

Menschenfleisch, das den Tod überwandt. Woran knüpft sich die Sinnlichkeit und der Wunsch nach Körper-Präsenz bei Maria Magdalena? Innerhalb der Bildsprache würde ich hier zwei Gemälde gegenüberstellen wollen, die auf zwei ganz unterschiedliche Weisen des Berührens verweisen. Einmal Tizians „Noli me tangere“ (Bild 3), das in der Nationalgalerie in London hängt, und dann Correggios wunderbares Gemälde (Bild 4) aus dem Prado in Madrid.

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Correggio

Dieser Bilder sprechen, schon in ihrem unmittelbaren Gestus, für sich und verweisen auf zwei ganz unterschiedliche Momente. Eine Lektüre dazu liefere ich demnächst.

„Wenn man in Gedanken von einem Gemälde zum anderen übergeht oder ihre Motive übereinander blenden möchte, lässt sich dieses Berühren als singuläre Kombination von Distanzierung und Zärtlichkeit, von Segen und Liebkosung verstehen. ‚Berühre mich nicht, denn ich berühre dich, und diese Berührung ist derart, dass sie dich auf Abstand hält.‘“ (J.-L. Nancy, Noli me tangere)

Der versehrte Körper – Oder wie der Text des Kreuzestodes zu lesen sei

„Es stand aber bei dem Kreuze Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, des Kleophas Weib, und Maria Magdalena. Da nun Jesus seine Mutter sah und den Jünger dabeistehen, den er liebhatte, spricht er zu seiner Mutter: Weib, siehe, das ist dein Sohn! Darnach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Darnach, da Jesus wußte, daß schon alles vollbracht war, daß die Schrift erfüllt würde, spricht er: Mich dürstet! Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Isop und hielten es ihm dar zum Munde. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied.“ (Joh. 19:25-29)

Heute am Karfreitag erwartet die geneigte Leserin und den geneigten Leser wieder ein Höhepunkt der reinen Geistigkeit und der intellektuellen Brillanz intensiv sublimierter Sexualität. („Text is Sex“ wie die Bloggerin Julia Seeliger es in ihrem Blog „zeitrafferin“ als Headline formuliert.) Ich schreibe, passend zum Karfreitag, einige Überlegungen zum Körper, und zwar über den in seiner physischen Beschädigung medial inszenierten Körper. Den in der Marter im Bild dargebotenen Körper als eine Weise der Repräsentation von Gottesfurcht und Dasein Gottes im dunklen Moment seiner Abwesenheit, einem Moment, der mit Notwendigkeit erfolgen muß – religio. Daß sich die Schrift erfülle. [Und um dieser Erfüllung willen ist auch eine Person wie Judas religionsdramaturgisch notwendig.] Der Text selbst ist es, der den Körper des Jesus, der zum Christus ward, steuert. Damit die Schrift sich erfülle. Zugleich bleibt dieser Körper jedoch – trotz medialer Darbietung, insbesondere in der christlichen Ikonongraphie – akzidentell. Eine eigentümliche Paradoxie in der Bildlektüre offenbart sich hier: einerseits verweist der gemarterte Körper auf ein bloßes Moment im Prozeß von Zerschindung, Verklärung und Auferstehung als Geist; das Wesen des Bildes und das Zentrum ist nicht die Marter. Andererseits kann sich jener Geist, die Aufhebung des Opfers, das trinitätische Wesen nicht in Abstraktion oder Ornament entäußern und präsentieren, sondern muß (womöglich mit Notwendigkeit) auf die sinnliche Form rekurrieren. Der Geist und das Wesen Gottes bleiben auf die irdische Repräsentation samt den Repräsentationsmedien und damit auch: auf den Körper als Trägermaterial angewiesen.

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In jenem Körper des Gekreuzigten verbinden sich – zumindest in den meisten medialen Inszenierungen des Abendlandes – Marter, Qual, Verklärung und Verzückung im Schmerz, so wie ihn die zahlreichen und vielschichtigen Gemälde von der Kreuzigung Christi zeigen, über Lucas Cranach d. Ä. Kreuzigungsbilder, aber auch El Grecos semi-expressive Leidverzückung in düsterroter Farbe. Oder wie später dann der (biblische) (Hollywood-)Film den Körper (als lesbares Zeichen) ausstellt – ob nun „Das Gewand“ oder „Ben Hur“ und in aller Drastik vielleicht bei Mel Gibsons „Die Passion Christi“. Aber auch Filme, die dem kulturindustriellen Strom entgegenstehen, wie „Montana Sacra“ von Alejandro Jodorowsky oder Pasolinis „Das 1. Evangelium – Matthäus“, präsentieren einen unter dem Zeichen der Religion gekerbten und versehrten Körper.

Eine der ungeschminktesten Darstellung des Leidens Christi während des Kreuzestodes findet in der Bildenden Kunst beim Isenheimer Altar (in Colmar) sich, wie es das Tafelbild von Matthias Grünewald zeigt.

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Dieser Körper der Marter wird erst in der Auferstehung zum Leib, und an diesem Leib sind alle Zeichen der Entstellung getilgt, elevatorische Transformation alles Irdischen und gegen alle Gesetze der Physik, umgeben von der Aureole.

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Das Pendant zu jeglichem Kreuzigungsbild – inspiriert vom Dada – in satirisch-zuspitzender Absicht und zugleich eine komplexe Materie im freilich bereits abgelebten Dada-Getus (notwendig) simplifizierend zeigt wohl Martin Kippenberger:

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Das Bild  entstammt folgender hier verlinkter  Quelle.

Im biblischen Hollywoodfilm hingegen verweltlicht sich in monetärer Absicht der Aspekt der Marter und des Schmerzes. Der Kreuzestod geriet säkular und zur Produktion der Studios. Der Kalvarienberg und die Schädelstädte (des Geistes): Aber das Lebendige des Geistes ist (nach Hegel) nicht im Toten zu suchen oder gar zu fixieren.

Der gemarterte Körper ist zugleich als mediales Ereignis bedeutsam, das auf mehr als nur Religiöses verweist: nämlich auf die Folter. Auf eine Folter, die ohne Wenn und Aber und ohne Einschränkungen nicht sein darf. In den vier Evangelien finden sich z.B. keine nennenswerten Hinweise auf Gewalt am Körper Jesu, nichts an Gewalt wird dort in extenso ausgemalt, die Via Dolorosa ist kein Ort für bildliches Theater, für Passionsspiele und Filmeffekt, sondern allenfalls Zeichensprache. Die Gewalt am Körper um der Darstellung von Gewalt willen ist den Evangelien fremd, ihr zentrales Moment ist vielmehr das letzte Opfer des Menschen- und Gottessohnes als Ende jeden Opfers. Anders der Hollywood-Film, der diese Gewalt am Körper im Extrem und als bereits fetischhafte Obsession inszeniert und in überbordenden, reißerischen Bildern darbietet, am drastischsten wohl in Mel Gibsons Film „Die Passion Christi“, den man weniger als einen religiösen Film, sondern als eine Orgie der Selbstdestruktion lesen kann – von der darin sich manifestierenden politischen, reaktionären Bildsprache einmal ganz abgesehen. Religion geschieht hier um des Effektes und um der Vermehrung von Kapital willen und dient wesentlich der Produktion von Ideologie qua Bildsprache. Was nicht ausschließt, daß man bei „Die Passion Christi“ auch eine dekonstruktive Lesart wählen kann, die die Formen der Sexualisierung darstellt. [Jeder Fesselung wohnt ein Reiz inne. Sei’s der an den Felsen gefesselte Prometheus, sei’s der ans Kreuz geschlagene Jesus: formschöne, gezeichnete Männerkörper. Die Linie Jesus, Justine, Juliette ziehen.]

Verklärung des Leids oder Exzeß der Verausgabung?: „– Hat man mich verstanden –? Dionysos gegen den Gekreuzigten!“, wie es im letzten Satz von Nietzsches letzter Schrift heißt: „Ecce homo“.

Die Grenze zwischen Lust, Erotik, Gewalt, Schmerz und Religion sind fließend: der kaum bekleidete, gemarterter Körper eines Mannes, den Blicken dargeboten, der Beckenbereich mit einem Schamtuch verhüllt und der warme, der heiße Schmerz durchfährt jede Faser des Körpers. Die Selbstgeißelung und auch die Fremdgeißelung, die sich im Akt des Religiösen ereignet, maskiert ein im Grunde sexuelles Spiel. (Und insofern wird mich auch Ulrich Seidls Film „Paradies: Glaube“ interessieren.)

Die Lust am versehrten Körper hängt einerseits mit einer Form von Gewalt zusammen, die eine absolute Macht darstellt, (der so ausgesetzte Subjekt-Körper als Homo sacer im Sinne Agambens), aber diese Lust ist nicht unbedingt totalitäts- oder faschismuskompatibel, und es hat seine Gründe, weshalb Breker und Riefenstahl lediglich den makelloses Körper in Skulptur und Film umsetzten, von dem alle Spuren der Entstellung getilgt wurden – man betrachte nur diese speer- und diskuswerfenden Männer in Riefenstahls Olympia-Film „Fest der Völker“.

Der Körper der Kreuzlegung aber ist versehrt. Soviel ist richtig. Aber diese Versehrung bildet keineswegs das zentrale Motiv.

„Und es war um die sechste Stunde, und es ward eine Finsternis über das ganze Land bis an die neunte Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels zerriß mitten entzwei. Und Jesus rief laut und sprach: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt, verschied er.“ (Lukas 23:44-46)

Man lese diese Stelle parallel mit Kafkas „Die Strafkolonie“. Der gemarterte Körper bei Kafka mit einer Schrift versehen, die zugleich Tat und Strafe zum Inhalt hat: der Körper als inszenierter Text. So und nicht anders haben wir Verfechter des Textes es gerne. Auch am Karfreitag.

Quo vadis, Domine?

Nun ist er am 28. Februar wieder heim. Zumindest fast. Wenn ich aber recht nachdenke, ergeben sich im Anschluß an diesen Rückzug doch einige theologische Fragen und Überlegungen, die bedeutsam sind. Die theologischen Mucken, die treiben auch im Felde physisch-metaphysischer Dublizierung ihren Schabernack. Wenn ein Papst zurücktreten kann, darf dann ebenfalls die Taufe, die den Bund zwischen Mensch und Christus besiegelt, zurückgenommen werden, wenn jemandem mit der Kirche hadert und scheiden will, weil er nicht mehr mag, nicht mehr kann? Überhaupt stellt sich die Frage nach dem dezisionistischen Akt: Wieweit vermag der Entschluß des Subjekts, die Entscheidung, die freie Wahl als Vermögen des Subjekts sich über das Sakrament der Taufe zu erheben, oder eben auch: wieweit kann aus Freiheit ein Amt zurückgegeben werden, das mehr als nur ein weltliches Amt ist? Kirchenrechtlich scheint ein Rücktritt vom sogenannten Petrusamt kein Problem darzustellen. In der Denk-Dimension jedoch, die sich im Feld des Theologisch-spekulativen befindet, verhält es sich nicht ganz so einfach. Es gibt Positionen, die kein Subjekt aus freien Stücken je verlassen kann. Die Transsubstantiation zum Beispiel ist keine bloß erbauliche Metaphorisierung oder ein Spiel des Als-ob, das man sich nach Belieben drehen und verschieben kann, sondern reale Dingwandlung. (Ich schrieb hierüber auf Aisthesis verschiedentlich. Es handelt sich um eines der bedeutsamsten Themen. Was diese Frage betrifft, bin ich strenger Katholik, ohne katholisch zu sein.)

Dante Alighieri plazierte jenen Papst Coelestin V., der 1294 aus freien Stücken abdankte, in seiner „Göttlichen Komödie“ nahe den Pforten der Hölle:

So heißt es zu Beginn des III. Gesanges, als der Dichter in Begleitung Vergils das Tor der Hölle durchschreitet:

„‚Durch mich gelangt man zu der Stadt der Schmerzen,
Durch mich zu wandellosen Bitternissen,
Durch mich erreicht man die verlorenen Herzen.

Gerechtigkeit hat mich dem Nichts entrissen;
Mich schuf die Kraft, die sich durch alles breitet,
Die erste Liebe und das höchste Wissen.

Vor mir ward nichts Geschaffenes bereitet,
Nur ewiges Sein, so wie ich ewig bin:
Laßt jede Hoffnung, die ihr mich durchschreitet.‘

[…]

Nachdem erkannt ich hatte manch Gesicht,
Sah und erkannte ich den Schatten dessen,
Der feige tat den großen Amtsverzicht.

Da konnte ich sofort daran ermessen,
Daß hier die Menge jener Schlimmen steckt,
Von Gott und seinen Feinden gleich vergessen.“

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Domine,_quo_vadis

„Venio Romam iterum crucifigi.“ So steht es in den Apokryphen. Theologisch ist das, was Papst Benedikt XVI. tat, lange nicht abgegolten. Manchmal bedauere ich es, nie in meinem Leben der Kirche in einem Amt angehört zu haben. Ich wäre sicherlich ein begnadeter (katholischer) Theologe. Wenn nur diese verflixte Superbia samt Acedia nicht wären. Alles hätte gut werden können. [Es ist dies übrigens, wie mir WordPress anzeigt, der 669. Beitrag, den ich fertigte. Was für eine Zahl! Wie gut, daß die letzte Ziffer umgedreht ist. Aber wie das deuten? Der Zahlenmagier Thomas Mann wäre verzückt.]

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Meine unheilbar wilde, unaufhebbar katholische Obsession – Warschau christlich

Ich kann die Obsession Luis Buñuels für das Katholische und insbesondere seinen Faible für die darin sedimentierte Form von Gewalt gut verstehen, denn Gewalt ist der Inbegriff sinnlicher Erfahrung. Buñuel transformiert diese Koppelung von Katholizismus und (teils lustvoller) Gewalt in das Medium des Filmes. Erst in der Gewalt erfahren wir uns ganz unmittelbar als sinnliche, körperhafte Wesen, und wenn wir dies auf das Sexuelle übertragen, so läßt sich vermuten, daß jenes Geschäft mit christlichen Devotionalien an der Plaza Mayor in Madrid, wo es Dornenkronen, Fesseln und Peitschen gibt, nicht nur von frommen Katholiken besucht wird; so ahnte ich schon 1989, als ich vor diesem Lädchen lungerte, mir interessiert, ach was: mit religiös-begierigem Blick die Auslage betrachtete und über die Formen der Buße nachdachte, die ich tun könnte. Allerdings hielt mich die in mir lauernde Acedia von weiterem Handeln ab. Praxis hat sich in die Theorie vertagt, wie es so schön in einem der Bücher heißt, die ich gerne lese.

Und in diesem Zusammenhang präsentiere ich dann auf Proteus Image einige Photographien aus dem katholischen bzw. christlichen Warschau.

Und wenn wir schon bei diesen langweiligen Sachen in bezug auf das Sexuelle sind, dann möchte ich ebenfalls einen Blick in die gütige und schöne Natur werfen: So steht in der Berliner Zeitung vom 28.8.2012:

„Der Gesang betrogener Singvogel-Männchen ist lauter als der ihrer Artgenossen in einer intakten Beziehung. Die erhöhte Lautstärke sei vermutlich eine Reaktion auf die Abwesenheit ihrer Partnerin, wie das Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen (Kreis Starnberg) mitteilte. (…)

Grundsätzlich sei der Gesang von Singvogel-Männchen vielfältig und diene dazu, Rivalen abzuschrecken sowie Weibchen anzulocken. Tempo, Tonhöhe und Lautstärke des Gesanges spiegelten den Fortpflanzungserfolg der Männchen.

Gerade erfolgreiche und ältere Männchen sangen lauter als junge. Allerdings würden gerade Ältere öfter von ihren Weibchen betrogen, schreiben die Forscher. Das würden sie durch vermehrtes eigenes Fremdgehen wettmachen und so ihren Fortpflanzungserfolg noch steigern. Insgesamt sei der Gesang betrogener Männchen – egal, ob jung oder alt – lauter. (dpa)“

Ja, was soll man sagen? Dazu fällt mir sofort der kleine Meisenmann von Helge Schneider ein.