Buchhandlungen in Berlin (2) – b_books in Kreuzberg

Die Serie über Berliner Buchhandlungen schlief ein, so daß die geneigte Leserin den Eindruck bekommen könnte, ich ginge lediglich einmal im Jahr Bücher kaufen. Das ist nicht der Fall.

Letzte Woche reiste ich in den mir unliebsamsten Stadtteil von Berlin; unliebsam vor allem wegen seiner Rumpeligkeit. Ich fuhr ins linke Herz des „Reichshauptstadtslums“, wie Don Alphonso Berlin gerne und despektierlich tituliert: nach Kreuzberg, genauer SO36, und zwar zu b_books, einer Buchhandlung mit einem angegliederten Verlag, der Bücher zu Stadtsoziologie, politischer Philosophie, Kunsttheorie, Postcolonial Studies, Film sowie zur Queer-Theorie macht. Ähnlich sind auch die Regale der Buchhandlung sortiert, erweitert noch um Pop und eine kleine Ecke mit Belletristik. Die typische Atmosphäre eines linken Buchladens, wie ich sie früher aus den 80ern kenne. Nicht ganz so angeranzt zwar und Anti-AKW-Badges gibt es auch nicht mehr zu kaufen – zumindest fand ich keine –, aber noch ranzig genug, daß die Street Credibility nicht schwindet. Vom Ladendesign das Gegenteil der vor einem Jahr genannten Buchhandlung Ocelot im ersten Teil der unterbrochenen Serie.

Das Unansehnliche in linken Szenezusammenhängen behagte mir noch nie. Einmal in meinem Leben … – und nun mache ich das, was ich im Journalismus unangemessen finde und worüber ich mich belustige: wenn ein Autor von seinen Befindlichkeiten her schreibt, die niemanden wirklich interessieren, es sei denn, ihm gelänge irgendwie aus der Subjektivität heraus wieder die Biege zum Inhalt. Grauenvoll, wenn Hannah Lühmann über Rammsteinkonzerte oder über Heidegger-Kongresse kolumnisiert, wenn sie in der „Welt“ uns ihre Eindrücke von der Stadt Siegen schildert, wo es eigentlich um Heidegger gehen sollte, und sie jammert, wie öde die Stadt sei, mit der weltmännischen Geste der Bolleberlinerin, eine Haltung, um die es im Grunde nicht vieles besser als um die von ihr beschriebene Stadt Siegen steht. Oder wenn Quengelbengel Clemens Setz auf Zeit-Freitext sich beklagt, daß er bei einem Konzert von Keith Jarrett angemessen ruhig sich zu verhalten habe und keine Photos erwünscht seien. Lauter Zeugs, das nichts mit der Musik selbst und dem Eigensinn des Ästhetischen zu tun hat. Befindlichkeitsjournalismus, statt daß die Sache selbst Relevanz besäße. Das wird leider Mode. Lühmann immerhin kommt dann doch auf Heidegger zu sprechen – leider etwas mager zwar, aber wir erfahren: da war was in Siegen.

Das Unansehnliche in linken Szenezusammenhängen behagte mir noch nie. Einmal in meinem Leben bewegte ich mich in die Rote Flora in Hamburg, Anfang der 90er Jahre, weil eine Freundin dort im Kollektivladen Äpfel und Kartoffeln kaufen wollte. Ich begleitete sie aus Solidarität und weil wir beide vorher Hegels „Phänomenologie“ lasen. Hinab stiegen wir auf einer dunklen Kellertreppe. Steine, die mit Zeichen beschmiert waren. Bizarres Bauwerk, auf engen Treppen stiefeln, in gedrängtem Raum, und nun verstand ich, wie es sich nach dem Krieg angefühlt haben mußte, wenn Menschen auf dem Schwarzmarkt in einem zerbombten Gebäude Dinge erstanden hatten, die nötig waren. Nein, ich möchte in solchen Geschäften keine Lebensmittel kaufen. Nicht einmal aus Solidarität mit irgendwas.

16_07_24_P_5_6985b_book jedoch ist gut betretbar, allenfalls für Menschen mit Gehbehinderung dürften die ziemlich steil in den oberen Bereich führenden Stufen ein Hindernis darstellen. Die Buchhandlung ist klein, es läßt sich darin gut stöbern, wenn nicht zu viele Menschen gleichzeitig anwesend sind. Im Ressort Theorie steht viel Rancière im Regal, wenig Zizek. Viel Adorno, etwas Benjamin, kaum Marx, viel Foucault, einige Bücher von Jean-Luc Nancy. Um sich inspirieren zu lassen, auch für abseitige Themen, scheint mir diese Buchhandlung bestens geeignet, und wer einem Ort linker Politik etwas Gutes und Geld zukommen lassen mag, der kaufe seine Bücher dort – zumal der angegliederte Verlag interessante Bücher bietet: wie etwa  Helmut Draxlers „Gefährliche Substanzen. Zum Verhältnis von Kritik und Kunst.“ Für Herrn Dercon, dem designierten Intendanten der Volksbühne scheint mir dieses Zitat daraus angemessen, das er sich auf der Zunge zerschmelzen lassen sollte:

„Vor allem der globale Erfolg von Kunst im Kontext neoliberaler, bio- wie geopolitischer Strategien scheint mir mehr Reflexion darüber zu erfordern, wie ‚smart‘ Kunst einerseits innerhalb dieser veränderten gesellschaftlichen Bedingungen funktioniert und andererseits, wie die in ihrem privilegierten Namen eingerichteten gesellschaftlichen Freiräume auch für andere soziale und politische Praktiken besetztbar sein könnten. Kunst scheint mir sogar zunehmend aus dem Widerspruch heraus zu leben, dass ihre kritische Beanspruchung nicht zwingend in einem Gegensatz dazu steht, eine der exemplarischen Funktionsweisen der neuen kulturalisierten Ökonomien geworden zu sein. Darin liegt freilich auch die Chance, die Analyse von Kunst mehr im Sinn einer gesellschaftspolitischen Symptomatik zu betreiben, ohne doch einen grundsätzlich sympathisierenden Zug aufzugeben.“

Ich griff mir im Laden einige Bücher, stapelte, schaute weiter, betrachtete, stöberte, wie ich es in Buchläden gern tue – auch um mich inspirieren zu lassen, worüber ich denken und schreiben könnte. Da erspähte ich ein Buch aus dem Fink Verlag: Willem van Reijen Der Schwarzwald und Paris. Heidegger und Benjamin. Ein altes Buch, 1998 erschienen, und ein fixer Gedanke kreiste im Köpfchen: Das Buch ist bereits vergriffen. Es ist eine Rarität, schoß es durch meinen Kopf. Es kann nicht anders sein, denke ich mir und steigere mich weiter in Kauflaune – das Buch ist angeblättert, die untere Ecke arg schmutzig. Aber für den Preis und vergriffen ist das völlig in Ordnung. Dabei gerate ich beim Auswählen in eine klassische win-lost-Situation, die mir erspart geblieben wäre, besäße ich eines jener Geräte, die sich Smartphone nennen. Mit dem Telephon recherchierte ich in wenigen Sekunden, daß dieses Buch beim Fink Verlag immer noch bestens erhältlich ist und ich für diesen Preis ein Buch in besserem Zustand hätte erstehen können. Ich kaufte und freute mich über mein scheinbares Schnäppchen und ärgerte mich zu Hause vorm Rechner beim Betrachten der Verlagsseite. Aber was soll es: Solidarität zahlt und zählt. Auch im Geld. Das Nichts nichtet.

Wer in Berlin lebt oder wer als Besucher nach Kreuzberg reist, einen Abstecher ins pittoresk-wilde Milieu machen will, zwischen Graffiti, ausrangierten, zertretenen Computern oder Schränken, die auf dem Bürgersteig abgestellt werden (Bürgersteig – ein so schönes Wort aus der Kindheit. Gibt es denn noch Bürger und Proletarier? Wo aber gehen die Proletarier? Wollen auch die Arbeiter Bürger sein? Fragen eines lesenden Arbeiters), zwischen Einheimischen und Touristen, die schauen, Türken, Kurden, Dealern am Görlitzer Park, Armen, Ausgestiegenen, Normalen, Andersnormalen und Irgendwas-mit-Medien-Menschen, wer also all das Leben sich betrachten will, der fahre nach Kreuzberg, ins alte SO 36, flaniere die Skalitzer Straße hinunter, zum Lausitzer Platz, wo die 1. Mai-Demos beginnen, und biege dann in die Lübbener Straße, hin zur Nummer 14. b-books ist eine Institution. Wohnte ich dichter dran, ginge ich sicherlich auch zu einer der Veranstaltungen, die der Buchladen bietet, obgleich ich in Kreuzberg nach drei Stunden wieder froh bin, draußen zu sein. „Denn bleiben ist nirgends“ Da kannte Rilke die entfesselten Städte noch nicht richtig. Bei Kuchen Kaiser hingegen ist es gemütlich und das Stück Torte schmeckt. Kein Schnickschnackkaffee. Die Bilder der Stadt sind immer Denkbilder, die wir uns entwerfen. Das wußte Walter Benjamin gut. Deshalb lebe ich lieber im tiefen Westen von Berlin. Unweit von Dahlem, nicht fern von Potsdam.

Galerietage in Berlin. Der Hipster, die Backstube Thoben und der Aesthic turn

Kunstwochenende in Berlin. Im kecken Ton subjektiven Befindens plaudert Ronja von Rönne in der Samstagswelt des Feuilletons prominent auf der ersten Seite über das Gallery Weekend. Sie berichtet uns, daß sie mit moderner Kunst nichts anfangen könne. Früher, in den Jahren des Qualitätsjournalismus wählte der Redakteur eine Kunstkennerin und erteilte ihr einen Rechercheauftrag. Heute läuft es anders. Ohne Inhalt fabulieren, schickt sich als neues Journalistenformat, und es ist gut, wenn eine Zeitung Autoren im Anekdotenstil über die Dinge schreiben läßt, mit denen jene Autoren nichts am Hut haben, denn am Ende drückt auch das die Preise der Schreiber. Für Qualität muß man etwas zahlen. Fürs Loslabern nicht so viel. Es wird in symbolischer Währung honoriert. Da ist der Schreibplatz Lohn genug. Aber vielleicht ist es von der „Welt“ bloß die angemessene Reaktion auf einen entleerten Kunstbetrieb, Rönne schreiben zu lassen. Während in der Abendschau vom Samstag Sascha Hingst mit einem Adorno-Zitat den Anfang macht – ich staunte nicht schlecht: Aufgabe der Kunst sei es, Chaos in die Ordnung zu bringen. Exakt heißt es in Adornos „Ästhetischen Theorie“: „Mehrfach ist, zuerst wohl von Karl Kraus, ausgesprochen worden, daß, in der totalen Gesellschaft, Kunst eher Chaos in die Ordnung zu bringen habe als das Gegenteil.“ Sympathisch fand ich diesen Ausschweif in dialektische Ästhetik trotzdem.

Ob freilich Kunst dieses Verwirren noch leistet, bezweifle ich. Chaos, Bruch und Anarchisches verflogen oder wurden im Betrieb als wohlfeile Regung eingemeindet. Kunst stiftet Seelenheil, vom Épater le bourgeois blieb nicht einmal der Bourgeois übrig und das wirkte ebenso auf die Kunst zurück. Keiner regt sich auf. Alle regen sich an, wenn sie von Galerie zu Galerie schlendern oder im BMW-Shuttelservice kutschiert werden. Ich blicke in aufgekratzte Gesichter. Es hätte auch das von Ronja sein können. Die Provokation, die einst ein Manet mit seiner nackten „Olympia“ im Pariser Salon auslösten oder die Wut auf die Blutorgien eines Hermann Nitsch sind längst ausgedampfte Geschichte. Das Reinheitsgebot für Kunst fordern allenfalls noch AfDler oder die Identitären in Wien, wenn sie eine Jelinek-Aufführung im Burgtheater stürmen. Vielmehr delektieren wir uns an den Werken – verbrämt im Jargon der Kunsttheorie als ästhetische Erfahrung – wie wir eine fluffige Crème brûlée löffeln. Mit zufriedenen Gesichtern stehen die Menschen in den Galerien der Auguststraße, der Linienstraße, im alten Berlin in Kudammnähe oder rund um die Potsdamer Straße. Geschmack ist auf sein unmittelbar sinnliches Surrogat geschrumpft, Kunstwerke werden geschlürft, wie später bei den Empfängen dann die Austern. Sie prickeln und machen Lust auf mehr. Wie ein Champagner. Vom Wahrheitsgehalt eines Werkes oder von ästhetischer Wahrheit sind beim Betrachten kaum noch Spuren zu finden. Allenfalls rudimentär und in Vereinzelung. „Was weiß Kunst?“ fragt Alexander García Düttmann und plädiert im Untertitel seines Buches für eine „Ästhetik des Widerstands“.

Wenn wir schon anekdotisch über bildende Kunst schwätzeln und im Rönne-Sound statt Kenntnissen Nichtwissen für Text auftischen, dann werfe ich mich auf ein Randphänomen des Galerienwochenendes: Die Frakturen. Die zeigen sich deutlich sichtbar in der Potsdamer Straße. Aber ebenso in der Markgrafenstraße in Kreuzberg, nahe Springer und taz. Dort steht zwischen Charlottenstraße und Markgrafenstraße eines der letzten Gewerbegebäude, das nicht recht mehr in diese Gegend zwischen eleganten Hochhäusern zu passen scheint. Ein Lidl ist darin untergebracht, ein Hostel, ein Geschäft für Essens- und Trinkbedarf aus Spanien und eben auch einige Galerien. Alles hier sieht aus, als warte es nur auf den Abriß.

Zurück aber zur Potsdamer Straße. Keine 300 Meter vom schicken Galeriegeschehen entfernt, wie es sich im ehemaligen Haus des „Tagesspiegels“ abspielt, wo Erlesenes der Kunstwelt seine Location hat, liegt Wulle. Wulle ist keine In-Galerie oder eine neue Cocktailbar, die sich an der Potse zum Absinthsuff auftat, sondern das gute alte Woolworth. Beständig und billig. Wo Kanaksprakfrau mit Kopftucht günstig Omaschlüpper ersteht oder weniger wohlhabende Biodeutsche Shirts kaufen. Das Warenwesen in seiner Billigform. Wenn man möchte, kann man durch den Laden laufen und ohne zu kaufen die Plastik- und Kunststoffprodukte in ihrem Ausstellungswert besehen. Der Unterschied zwischen Wulle und einer Galerie ist, was die in Theoriedesign vielbeschworene ästhetische Erfahrung wie auch den absurden Sinnesreiz des ästhetizistischen Aufsteigerns anbelangt, nicht sonders groß. Es könnte Wulle oder irgendein anderes Warenhaus genauso eine Riesengalerie mit Ready Mades sein. Die Brillo-Box hat unsere Wahrnehmung entweder verdreht oder aber gut verschärft. Das kommt auf die Perspektive an.

Dieses Wesen von Mensch, das bei Wulle nicht betrachtet, sondern kauft, wohnt und wohnte bislang in dieser Umgebung. Der Sozialpalast z.B. ist keine drei Straßenzüge entfernt. Genannt Pallasstraße. Ein Hochhaus, das über eine Straße ragt, darunter dann die Autos z.B. zum Biomarkt auf dem Winterfeldtplatz fahren. Eine Nummer größer in Berlin gibt es das nur an der Schlangenbader Straße. Eine Autobahn führt unter einem Hochhauskomplex hindurch.

Den üblichen Hipster zu erwähnen, den ubiquitären mit dem Bart, ist im Bericht öde, denn er gehört zum Distinktionsmerkmal Kunst in der Art dazu wie Hure auf Kurfürstenstraße, und der Hipster verirrt sich nie nicht ins Woolworth, um zu shoppen. Nicht mal aus Spaß. Dafür aber finden wir ihn in den Galerien. Belustigende Szene in der Galerie Fuchs, wo Montagen von Tomi Ungerer gezeigt wurden. Da stehen sie, staunen, einer der beiden Hipster, in weinroter Hose und einer weißen Kapuzenjacke, die halbangezogen wie bei Kindern zwischen Ellenbogen, Unterarm und Hüfte baumelt, murmelt so zum anderen und schüttelt voll Unverständnis sein bärtiges Köpfchen: „Das ist ja echt 68er-Kritik.“

Der Hipster sieht diese Menschen, die in ihrem Kiez seit Jahrzehnten leben, allenfalls belustigt als Requisiten. Oder gar nicht. Auf der Potse aber sitzen nur wenige Schritte vom nächsten Hipster entfernt, der einen dunklen Poncho-Umhang aus Schurwolle trägt, wie vor 20 Jahren die Indiomusiker in den Fußgängerzonen (nur das deren Gewänder bunter waren, während das vom Hipster drastisch feiner ist), die Frauen vom Kiez. Sie hocken auf den Plastikstühlen vor der Backstube Thoben mit den schlechten billigen Brötchen, die nach Luft schmecken. Die Frauen plaudern, sie trinken ihren Kaffee, sie lachen, sie zeigen ihre Goldzähne oder es erfüllt das Gebiß eine Lücke. In Sichtweite, aus der Richtung zum „Wintergarten“-Varieté hin wehen Gitarrenklänge herüber und ein schwarzbärtiger Mann von rundlicher Gestalt singt französische Lieder: Wenn man nichts hat als die Liebe. Ein neues Bistro feiert mittags Eröffnung. Weine und Speisen der französischen Küche werden gereicht. Gemüse und Fleisch vom Grill, Rosé- und Weißwein fließt oder steht im Glas. Anders als Thobenkaffeeleute trinken und essen. Potsdamer Straße. Ich frage mich, wie lange die Menschen, die hier wohnen, noch wohnen. Die Frau, mit der Druckerei, die ihr Leben ausmacht und ihr den Unterhalt sichert, muß sich mit Vermieter und Künstlern streiten, die in dem Gewerbehof anderes vorhaben und gerne Bierflaschen liegenlassen.

Wo vor zwei Jahren in der Kurfürstenstraße ein Verein mit Griechen seine Räume hatte, zeigt nun eine Galerie Photographien von geschundenen Kühen. Aber vielleicht war auch der Verein mit den Griechen bereits eine Inszenierung von geschundenen Griechen, denke ich mir. Ein Kunstprojekt. Man sollte in der Potsdamer Straße auch Woolworth, das finanziell wackelt, als einen Show-and-Collectorsroom betreiben.

Gone, but without the wind – Dahlems Südsee und die Indianer in der Ethnologischen Sammlung

Wer je vom „Wunsch, Indianer zu werden“, besessen war, so der Titel einer Erzählung Kafkas, der wird in unbändiger Vorfreude nach Dahlem gereist sein, um die Räume der ethnologischen Sammlung zu bestaunen. Gar nicht weit von diesem Museum entfernt, in der Grunewaldstraße, wohnte die letzten Jahre seines Lebens Franz Kafka. Zwar wurde das Museum in Dahlem bereits 1921 fertiggestellt, und so hätten Kafka und seine Geliebte Dora Diamant durchaus in den Hallen spazieren können, aber bezugsfertig waren die Räume erst fünf Jahre später. Insofern konnte Kafka all die fremden Objekte aus Übersee nicht mehr betrachten. Es hätte ihm, der das Außergewöhnliche so genau zu beobachten verstand, vermutlich behagt, vor diesen – in seinen Augen – Sammelsurien fremder Welten zu verweilen. Nun ist seit gestern Schluß mit der Südseesammlung wie auch mit den Räumen zu Indien und den nordamerikanischen Indianern, weil der Umzug ins Humboldtforum vorbereitet wird. Keine Südseeboot mehr, kein Südseehaus. Keine Masken, Ketten, Armbänder und Lanzen, und die Totenschädel der Ahnen, die geschnitzten Seefahrpläne in Kisten verpackt und auf Jahre unsichtbar. Alles das soll ins Humboldtforum, sprich ins neue Berliner Stadtschloß verbracht werden.

Zum Schloß stehe ich relativ entspannt – zumal als Leser der Kafkaschen Prosa weiß ich gut von den Unerreichbarkeiten und den Landschaften aus Schnee. Mich stört das rekonstruierte preußische Stadtschloß nicht. Es gibt schlimmeres. Man hätte unbedingt den Palast der Republik lassen müssen – daß er in grobschlächtiger und Geschichte klittender Intention abgerissen wurde, ist der eigentliche Skandal. Alles andere, was sich z.B. in Mitte abspielt, ist mir gleichgültig. Nicht ganz gleichgültig jedoch ist mir der Umzug der ethnologischen Sammlung. Für Dahlem und für eine dezentrale Museumslandschaft, die nicht nur um der Touristen willen, sondern ebenso für die Bewohner dieser Stadt („Völker der Welt“ tönt es noch in meinen Ohren. Ach, die gute alte schlechte Zeit) geschaffen sein sollte, ist der Auszug ein herber Verlust. Zumal sich im Völkerkundemuseum Objekte und Räume auf eine fast magische Weise verbunden haben. Das wird andernorts und in dieser Tradition so nicht wiederholbar sein. Das Dunkle der Südseeräume, das Abgelebte, die Patina, die sich über Ding und Raum gleichermaßen legte; die schönen, uns Europäern so fremden Boote, prachtvoll schnitzten ihre Erbauer Motive und Ornamente ins Holz; Schiffe, von denen man gar nicht glauben kann, daß mit ihnen der Ozean befahren wurde – „hochseetüchtig“ wie auf einer der Beschriftungen steht – das große Südseehaus in der Mitte des Saals, die Scharen von Kindern, die das Haus bestiegen und Eingeborene spielten oder darin bloß lungerten, die in die Boote sich hievten, die die Masken, die Amulette und Gefäße hinter den Glasvitrinen betrachteten.

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Gleiches galt für die Erwachsenen, deren Phantasie das Museum entfachte. Ach, die Lust am Fetisch. Am magischen Objekt. Schwülstig aufgeladene Welten aus Dschungellandschaften, die wir zu den Objekten imaginierten, die Hitze der Tropen, Traumpfade fast, auf denen ich schritt und beschaute, ohne viel zu wissen, was sich real hinter den Dingen verbirgt und wozu sie einst dienten. Tot nun und aus ihrem sozialen Kontext gerissen, lagern sie hinter Glas in Vitrinen. Manchmal von Völkern fortgenommen, die es lange nicht mehr gibt, manchmal geraubt, ohne viel zu fragen. Und so wird von dem, was ansonsten der Vergessenheit anheimfiele, im Museum dennoch ein kleines Stück gewahrt. All die Lust und Freude, wenn wir das uns Fremde beschauen. Ein Stückchen Bildung natürlich, aber genauso lud ich dieses Vorhandene als ein für mich imaginär Zuhandenes auf. Auf diese Weise unter dem belebenden Blick befreien sich die Objekte von ihrem Dingcharakter und geraten in der Phantasie lebendig. Gar nicht tot, nicht mehr starr. Diese Spaziergängen nach Dahlem und das Flanieren durch Räume, die alltags und sogar an Wochenenden oft völlig leer waren, hören nun auf: vorbei auch diese Indianerjahre, die mit Kindheit, Prairie, lauern hinter Büschen und den Lederstrumpffilmen zu Weihnachten besetzt waren. Die letzten Tage war es in den Sälen noch einmal voll und viele Menschen kamen, um sich Fremdes anzuschauen, was nun verschwindet. Indianerschmuck, Büffelhaut, Tipis, die Bilder vom Sonnentanz.

Einen Teil der Objekte werden wir dann im Humboldt-Forum wiedersehen. Die Eröffnung ist auf den Dezember 2019 terminiert. Besser freilich wäre es gewesen, die Räume im Humboldt-Forum für solche Bilder, Objekte, Zeichnungen zu nutzen, die ansonsten in den Kammern und Depots der Museen verfaulen, ohne daß sie irgendwer zu Gesicht bekommt.

Es heißt nun Abschied zu nehmen von einer Berliner Institution. Traurig. Und dumm.

Aber es bleibt – zumindest in den Welten, wo wir zu Hause sind und uns gedeutet oder ungedeutet so unendlich gut auskennen – immer die Möglichkeitsform, der Optativ gar, daß alles ganz anders wäre und nichts, rein gar nichts so ist wie es ist: Unsere Fluchten und Himmelfahrten: sie spielen sich in der Phantasie, im Phantasma, eben im Ästhetischen ab:

„Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.“ (Franz Kafka)

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Nachtrag: Ich müßte nun irgend etwas zu David Bowie schreiben. Das wird nun auf allen Kanälen, auf Blogs und in den Online-Zeitungen kommuniziert. Aber ich habe mit seiner Musik niemals etwas anfangen können. Insofern läßt mich sein Tod seltsam unberührt. Wie mir überhaupt der Tod von Popgrößen nicht sonderlich nahegeht. Es ist doch alles nur Pop.

Photographie Südseeboot: Andreas Praefcke – Eigenes Werk (auf Wikipedia)

Berliner Buchhandlungen – Teil 1. Mit einem zufälligen oder aber gewollten Abschweifer zum Weinfachgeschäft

Da dieser Blog seit einiger Zeit steigende Besucherzahlen aufweist, möchte ich dieses Vertrauen an meine Leserinnen zurückgeben, die Gunst vergelten nicht nur mit wohlfeilen guten Worten, Wissen, Weisheit, kritischer Ästhetik und W-Alliterationen, sondern ebenfalls mit einem Schuß Service und Nähe zur Praxis aisthetisch und helfend aufwarten. Zumindest für die Menschen, die in Berlin leben. Naturgemäß. Keine Zeitschrift, keine Illustrierte, die nicht etwas für ihre Kund(inn)en tut, um Bindungen zu festigen. Dies soll auch auf „Aisthesis“ geschehen: Der Bewohner des Grandhotels Abgrund testet und begibt sich in die Buchhandlungen Berlins; durchstreift im Dickicht der Städte den Dschungel der Lesewelten und zeigt die unterschiedlichen Konzepte, wie Bücher verkauft und präsentiert werden. Aufzuschreiben, was an jener Buchhandlung gefällt und an dieser mißfällt. In gewohnt elitärem und sich mit niemandem gemeinmachendem Gestus unerhörter Arroganz und Menschenfeindschaft. Ekel und Idiosynkrasie, aber ebenso die Leidenschaft und der staunende Blick des Skeptikers bilden weiterhin die Kraft der Philosophie wie auch der phänomenologischen Betrachtung von Welt. Neben der Analyse und ästhetischer Kreativität. Versteht sich.

Prenzlauer Berg. Am Hang, am Weinbergpark: quatsch, das ist ja noch Mitte –  Veteranenstraße, Invalidenstraße, Ecke Brunnenstraße. Schiefe Lage oder Schieferlage? Ich weiß das gar nicht mehr so genau. Eigentlich wollte ich zur Buchhandlung „Ocelot“, um dort zu stöbern, aber etwas anderes bannte mich, zog mich geradeaus, im Gang über die Kreuzung. Blicke aus Augenwinkeln in die Auslage gestreut, gleiten hinein und da war was. Ich stand vor der Weinhandlung „Baumgard & Braun“ in der Invalidenstraße, kurz vor der Kreuzung zur Ackerstraße, über die ich an dieser Stelle berichtete (freilich über den Westteil, hier und an dieser Stelle des Textes befinden wir uns im ehemaligen Osten der Stadt) und dachte, wenn Du da jetzt hineingehst, dann wirst Du mit Hilfe von Wörtern und Begriffen, Dir dort einen Wein kaufen, und es gibt kein Zurück. Gepflegtes Trinken mit Hang zum Ausschweifen ist eine der feinsten Lebensweisen, dachte ich mir weiter. Wir wollen lieber in Reichtum und Schönheit zugrunde gehen, trunken, taumelnd, textwärts, versnobt Gutes erstehen und derart in Gedanken ward die Tür aufgestoßen: ich betrat das Geschäft, worin ein Kaufmann stand, der eher in eine rheinländische Bierbude passen würde denn in eine Weinhandlung. Nein, nicht ganz, etwas weiter östlich gelagert, in eine meiner Lieblingsregionen der BRD: Dieser Mann erinnerte mich an das Ruhrgebiet und in gewisser Weise vom Aussehen an Armin Rohde. Im Hintergrund lief im Fernseher Fußball, die Bundesliga. Paderborn hörte ich eine Stimme reden. Ich denke mir: „Also Schieferlage und mineralisch soll es sein“, und ich denke an die Sätze vom Nörgler, daß die besten Riesling-Weine nun einmal aus der Pfalz kämen. Meine Gedanken teilte ich dem Weinhändler, der wie ein Bierverkäufer aussah, mit. Die Beratung erschien mir knapp, aber kompetent. So wie ich es schätze, wenn mir mein Gegenüber egal ist. Es gab kein sinnloses Gequatsche und Geplänkel, sondern einfache Gesten: der da und der da, so deutet er, kämen in Frage. Also nahm ich diese beiden vom Verkäufer vorgeschlagenen Flaschen. Den einen aus der Pfalz, den anderen von woanders, von der Mosel. Auf der Homepage, wo ich später, wieder Heim gekommen, nachschaute, um Informationen zum Geschäft zu finden, las ich bei den Angaben, wann die Weinhandlung geöffnet hat: „Sprechzeiten“. Das amüsierte mich. Als ob der Kauf von Alkohol in einer Arztpraxis erfolgte. Doch stimmt dies sogar: Weine sind Therapie. Können es sein, sofern sie vielschichtig und schmackhaft ausfallen. Deshalb war es ein guter Einfall vom vorgezeichneten Weg um ein geringes Stückchen abzuweichen.

Flugs brachte ich die Flaschen in den Kofferraum des Wagens. Schaute, ob irgendwo eine Politesse schlenderte. Niemand da: Der Risikofaktor ist gering, denke ich mir, in der Veteranenstraße gibt es heute keine Kontrolle. Mit Parktickets ist es wie mit Pferdewetten: Man muß wagen und intuitiv aufs richtige Pferdchen setzen. Es gibt in den Städten zwei Dinge, die ich verabscheue: Dreißigerzonen auf vierspurigen Hauptstraßen und Parkzonen. Die Flaschen verstaut, begann ich mit dem Spazieren. Diesmal ohne vom Weg abzukommen. Von der  Veteranenstraße bog ich in die Brunnenstraße, die rechts in den schrecklichen Wedding geht und links nach Mitte hinein führt: zum Rosenthaler Platz, auf die Torstraße und dann zum Alexanderplatz. Diese Richtung wählte ich. (Ich liebe diese Achsen  und Verknüpfungen von Straßen, schon als Kind tat ich das: wie man von der einen Straße, wo man wohnt, wenn man häufig genug abbiegt und lange genug fährt über eine Anzahl von Straßennamen plötzlich weit ab vom Ausgangspunkt landet. Das geht in ungezählten Möglichkeiten, wenn ich wollte, könnte ich in Gedanken auf Karte und oder real auf Gebiet bis nach Wladiwostock reisen.) Gleich zu Anfang auf der rechten Seite der Brunnenstraße gegenüber dem Volkspark am Weinberg befindet sich die Buchhandlung „Ocelot“. Sie war insolvent, nun hat sie einen neuen Betreiber. Ich trete ein. Schönes Interieur. Modern, frisch, trotz der dunklen Möbel und Regale. Das Interieur wirkt geräumig und weitläufig konzipiert, keine Enge herrscht, keine Menschen drängeln sich. Ansprechend in der Aufmachung.

RS368_115_Berlin_Ocelot_039Allerdings sind die Regale, wie ich beim Betrachten der Reihen bemerke, nur mit wenigen Büchern bestückt. Zu wenig Literatur bei derart viel Platz. Es wird dies vermutlich Programm der Buchhandlung sein – auch um sich von der kleinen, engen, dunklen Schmöckerhöhlen abzugrenzen. Gut zwar, daß es viel Platz gibt, alles ansprechend und gediegen modern ausschaut, aber es sind eben doch zu wenige Bücher, um intensiv zu stöbern, wahnhaft besetzend hineinzusinken in Texte wie Totem und Tabu: Buchfetische, sich in den Reihen, den Titeln und den Namen zu verlieren, an die sich all die Assoziationen knüpfen. „Ach, der Hettche, ‚Nox‘ damals, diese Existenzen, die Zeiten. Berlin Berlin, diese eine Nacht. Mordsmäßig“ „Ja, is gut jetzt!“ Es existiert ein großer Bereich mit Belletristik, ein paar Regale, die Lyrik enthalten. „April is the cruellest month, breeding//Lilacs out of the dead land, mixing//Memory and desire, stirring//Dull roots with spring rain.“ Nun haben wir April, aber weshalb sind diese Tage der Geburt grausam? Natur bricht aus, das macht das Grau der Stadt gefällig. Brüchigkeiten und Mischverhältnisse. Ja, die Lyrik. Sie fristet dürftiges Dasein. Das ist bedauerlich, doch sind leider im Geist der Gegenwart die meisten Gedichte übel zusammengeklaubt. Von Maggi gibt es die Fünf-Minuten-Terrine, das leckere Fertiggericht (rhetorische Figur der contradictio in adiecto), in der Lyrik schreiben wir das Zwei-Minuten-Gedicht: immer auf ungeheuer bedeutsam getrimmt, den verstohlenen Moment gebannt und gezaubert. Die Buchauswahl bei „Ocelot“ ist gut konzipiert, die Neuerscheinungen liegen parat. Auch Abseitiges finde ich. Für jeden etwas, allerdings mit Blick auf den typischen Prenzlauer Berg- und Mittekunden. Modern, ansprechend. Schade daß ich keine dieser schön gestalteten Lyrik-Bände aus dem KOOKbooks Verlag sah. (Aber vielleicht habe ich sie nur übersehen, ich will mich auf diese Behauptung nicht versteifen.)

Bei den Kinderbüchern liegen ausgesprochen schöne, kunstvolle und mit Gespür gestaltete Exemplare. Kinderbücher, wie ich sie mag. Ich werde meinen Kindern welche kaufen, denke ich mir. Paula und ihrem Zwillingsbruder. Bis mir einfiel, daß ich gar keine Kinder habe. Ob man die auch mittels Sprachspielen erzeugen kann? Das wäre weniger mühselig. Ich überlege, ob ich hätte Kinder haben wollen. Nein. Ich wäre kein guter Vater. Ein Vater sollte für seine Kinder da sein. Ich bin ein Verfechter der typischen Kleinfamilie. Vater, Mutter, Kind und vielleicht noch eins und noch eins. Drei oder zwei Kinder sind immer gut.

RS369_115_Berlin_Ocelot_055Weiter in den Gang hinein finden wir eine Krimiabteilung und auch eine Regalwand mit fremdsprachlicher Literatur. Von allem etwas. Kunstbuch und Photographie sind leider spärlich, mehr als spärlich mit Büchern ausgestattet. Der Theoriebereich ist restlos unterbelichtet, und es gibt deutlich zu wenige Berlin-Bücher. Gerade in dieser Ecke, wo es von spanisch, russisch, chinesisch, englisch, französisch sprechenden Menschen nur so wimmelt. Das hätte ich anders konzipiert. Ich hätte mir eine fette, abgefahrene Theoriewand gebaut, fein für den post-postmodernen Mitte-Hipster, den es vom „St. Oberholz“ vom Apple-Computer weg tatsächlich zum gedruckten Buch verschlägt. Foucault für Anfänger und für Laien vielleicht. Überwachen und Strafen für Chefs. Wahnsinn und Gesellschaft inmitten einer Partynacht. Lacan für Nerd. Und für den prenzelberger Sozialdarwinisten mit irgendwas in Medien und katholischem Einschlag: Carl Schmitt. Der Nomos der Erde – das sind Krieg, Raum und (Arbeits-)Lager. Leider ein wenig autoritätsdisponibel und dem Hörigkeitscharakter zuneigend. Texttheoretisch ist der opportunistische Gott-sei-bei-uns-Faschist aus Plettenberg dennoch nicht uninteressant.

So schwelgend, greife ich ins Regal, zunächst noch unentschlossen, schiebe die gezogenen Bücher wieder hinein, ziehe neue. Schließlich erstehe ich zwei Bücher, einmal „Butchers Crossing“ von John Williams und den Titel des anderen Buches habe ich wieder vergessen – es liegt in einem meiner Bücherstapel, die einzusortieren wären. Wer Kaffee trinken, einen Kuchen essen und Zeitungen lesen möchte, findet im vorderen Bereich der Buchhandlung Stühle und Tische, dahinter, die Theke, wo man sich seine Kaffee/Kuchen-Bestellung holen kann. Die Verkäufer_innen sind freundlich und hilfsbereit. Das ist alles nicht schlecht gedacht, insbesondere der großzügig konzipierte Platz, sehr modern im Ambiente, doch meine Lieblingsbuchhandlung wird es nicht werden. Zum unendlichen Stöbern ist mir die Auswahl zu gering und es fehlt der spezifische Charme. Was aber schwerer wiegt: es fehlt eine klare Linie im Aufbau und in der Konzeption, die eben für jenen spezifischen Charme sorgen würde. Ich hätte mich als Buchhändler in dieser Lage auf Berlin-Buch und auf Lyrik spezialisiert. Gerade für dieses Klientel, das es auf die Schnelle will und nicht den langen Atem für den großen Roman, die dicke Theorie oder ausschweifendes Sachbuch mitbringt, sondern die knappe Sentenz schätzt, ist Lyrik die bevorzugte Option. Insofern sage ich, vom Zeitgeist her gemutmaßt, diesem Genre Zukunft im Verkaufsgeschäft voraus. Geringe Textmengen, sofern es sich nicht um iliasgleiche Epen handelt, kurze Sätze, hohe Mitredekompetenz, und niemand erwartet mehr das Wissen um Gedichtformen wie Sonett oder Stanze, geschweige denn Wissen um Versmaß. Doch Töne erspüren vermögen qua Pop die meisten. Also: Lyrik ist der neue Roman.

Ich schlendere mit meinen Erstehungen die Brunnenstraße entlang, entsichere meinen Photoapparat und beginne damit, mich in den photographischen Blick zu versetzen. Die Bilder dieser Tour gibt es auf „Proteus Image“ zu sehen. Nach zwei Stunden geht es wieder in Richtung meines Wagens.

Ich halte den Prenzlauer Berg und diese Ecke von Mitte für gar nicht so schlimm, wie das bei vielen der Fall ist. Ich bin eigentlich sogar froh, daß dort viele Touristen sich aufhalten. Ich hoffe, das geschieht in den abgelegenen Gebieten Neuköllns irgendwann genauso: dann gibt es schöne Ladengeschäfte mit feinen Auslagen, die wir gerne zum Einkaufen betreten. Gut wäre es freilich, wenn auch die mit weniger Geld, soviel Geld hätten, um an den schönen Dingen teilzuhaben. Dazu allerdings müßten die mit dem weniger an Geld irgend etwas unternehmen. Da sie das nicht tun, müssen sie mit dem vorlieb nehmen, was übrigbleibt. Das ist schade, aber es ist so, denke ich mir traurig, während ich den Zündschlüssel herumdrehe und bemerke, daß hinter dem Scheibenwischer kein Parkticket klemmt.

Die Photographien sind der Internetseite bluespot entnommen.

Schockphotos. Schöneberg (1)

Die Natur der Photographie ist, daß sie nicht spricht, sondern zeigt. Gleichzeitig inszeniert sie jedoch und nötigt zum Sprechen.

Über die Inszenierung des Grauens, auch in guter Absicht der Parteinahme für Opfer, und über Schockphotos, die Roland Barthes in Paris in einer Ausstellung sah, schreibt er in den „Mythen des Alltags“:

„Die meisten Photographien, die hier versammelt wurden, um uns zu erschüttern, bleiben wirkungslos, gerade weil der Photograph sich beim Aufbau seines Sujets allzugroßzügig an unsere Stelle versetzt hat: Fast immer hat er das Schreckliche, das er uns vorführt, überkonstruiert und durch Kontraste und Nebeneinanderstellungen dem Faktum die effektheischende Sprache des Grauens hinzugefügt: Einer stellt eine Menge Soldaten unmittelbar neben ein Feld von Totenköpfen; ein anderer zeigt uns einen jungen Soldaten bei der Betrachtung eines Skeletts; wieder ein anderer nimmt eine Kolonne von Verurteilten oder Gefangenen in dem Moment auf, indem sie einer Schafherde begegnen. Doch keines der dieser allzu geschickt aufgenommenen Photos erschüttert uns. Das liegt daran, da wir ihnen gegenüber jedesmal unserer Urteilskraft beraubt sind: Man hat für uns gezittert, für uns nachgedacht; der Photograph hat uns außer unserem Recht auf intellektuelle Zustimmung nichts übriggelassen. Was uns mit diesen Bildern verbindet, ist ein technisches Interesse; vom Künstler selbst mit grellen Hinweisen überladen, haben sie für uns keine Geschichte, wir können nicht mehr selbst herausfinden, wie wir diese künstliche Nahrung vertragen, weil sie von ihrem Erzeuger bereits vollkommen vorgekaut wurde.“

 Aber gilt dies nicht für jede Photographie? Bei den Schockphotos mag es drastischer ins Bewußtsein treten. Was zeigen uns Kriegsphotographien? Zumindest nicht den Krieg, wie er vor Ort sich abspielt. Jedoch ist jedes Bild mit seinem Sujets, seinen Objekten und Szenen in irgend einer Weise gruppiert. Es gibt keine Ontologie der Dinge. Sondern nur das Kreisen, immerwährendes Kreisen um ein Ding, ein Objekt. Tentativ, hilflos, vorübergehend.

 

9. November – ein Gang durch Mitte, Kreuzberg und Friedrichshain (2. Teil). „Der Mann der Menge. Verbrechergeschichten“

Ich denke mir immer, bevor ich mit der Arbeit im digitalen Labor beginne: Photographien auszusuchen geht rasch. Aber das stimmt nicht. Es dauert mit dem Suchen, Betrachten und Bearbeiten ebenso lange, als schriebe ich einen Text. Hier also zeige ich den zweiten Teil meines Spazierganges durchs sonntägliche Berlin. Die schönste und charmanteste Frau des Abends war die mit der Leuchtjacke. Ihre Freundin war nicht minder voll des Witzes. Besäße ich Zeit und Muße, unterhielte ich mich ein wenig mit ihnen, um vor allem herauszubekommen, was eine Frau motiviert, eine Jacke mit Leucht-und-Blink-LED zu tragen. Eine Lichtzeichen aussendende Jacke, Lichtzeichen, die variieren.

Wenn Sie, geneigte Betrachterinnen und Betrachter, irgendwann im Fluß der Bilder auch das Springer-Hochhaus an der Rudi-Dutschke-Straße sehen und oben aus dem hohen Haus leuchtet es rot heraus, dann mutmaßen Sie richtig: diese Etage – das ist Springers Puff. Da verkehren die Frieda, der Kai, der Mathias.

Ich interessierte mich eigentlich immer weniger für das Politische an solchen Events (allenfalls für eine Theorie und Poetik des Datums), sondern vielmehr für das, was dort als Treiben und Ereignis geschieht: als Bild, als Augenblick, der lediglich dem Zufall geschuldet ist. Mir ist der Auftritt Biermanns egal, mir sind die Toten an der DDR-Grenze und an den Mauern der Festung Europa gleichgültig, denn ich bin ja nicht tot, und wenn ich tot wäre, sind sie mir ebenfalls gleichgültig, weil ich tot bin. Ich stelle mir immer vor, ich wäre in der DDR bei den Grenztruppen gewesen. Von beiden Seiten der Mauer blickend. Ich: die Waffe im Anschlag: Ich: die Flucht vor den Posten in einem Waldstück im Harz, kurz hinter dem Brocken, kurz vor Torfhaus im Gestrüpp und Geäst. Ich habe auf diesem Gang durch Berlin gesehen, ohne zu sehen. Ich schaute irgendwann nur noch als (Kamera-)Sucher in der Menge. Was diesen Spaziergang ausmachte, war der Reiz an der Menge. Ostfrauen sind attraktiver als Westfrauen dachte ich mir kurz beim Schlendern. Zumindest in meiner Erfahrung. Bis auf eine, oder zwei. Oder drei. Ostfrauen sind unkomplizierter, buchstabierte ich meine Klischees. Aber die stimmen häufig. Ich bin der Mann in der Menge. Ich schreite, schlendere den Mauerweg ab. Mit meinem bösen Blick den Arsch von Ostfrauen taxierend. Oder Westfrauen.

„Vor nicht allzu langer Zeit saß ich an einem Herbstabend an dem großen Bogenfenster des D…schen Kaffeehauses in London. Ich war einige Monate krank gewesen, nun aber auf dem Wege der Besserung, und je mehr meine Kräfte zurückkehrten, desto glücklicher wurde meine Stimmung, die man als das Gegenteil von Langeweile bezeichnen konnte; es war ein Zustand voll inneren Aufmerkens, voll heftiger Begier nach Neuem, es war mir gewissermaßen, als blicke mein geistiges Auge zum erstenmal frei und unverschleiert – das άχλύς ός πρίν έπήεν –, und der angespannte Intellekt überragt dann so sehr seinen gewöhnlichen Zustand wie der feurige und doch aufrichtige Verstand eines Leibniz die tolle und haltlose Beredsamkeit eines Gorgias. Nur zu atmen war schon Freude, und selbst aus den Quellen des Schmerzes wußte ich Genuß zu schöpfen. Ich nahm an allem ein stilles, doch eindringliches Interesse. Eine Zigarre im Mund und eine Zeitung auf den Knien, hatte ich mich den Nachmittag über damit unterhalten, in die Zeitung zu blicken oder die anderen Gäste zu beobachten oder durch die rauchgetrübten Scheiben auf die Straße zu schauen. (…)

Meine Beobachtungen waren zunächst ganz allgemeiner Art. Ich sah die Passanten nur als Gruppen und stellte mir ihre Beziehungen zueinander vor. Bald jedoch ging ich zu Einzelheiten über und prüfte mit eingehendem Interesse die zahllosen Verschiedenheiten in Gestalt, Kleidung, Haltung und Mienenspiel.

[…]

Es war jetzt fast Tagesanbruch; doch eine stattliche Anzahl elender Trunkenbolde drängte im protzigen Eingang hin und her. Mit einem leisen Freudenschrei erzwang der Alte sich den Zutritt, nahm sofort sein ursprüngliches Wesen wieder an und schritt ohne ersichtliches Ziel inmitten der Menge umher. Er war jedoch noch nicht lange beschäftigt, als ein Drängen nach den Türen verriet, daß der Wirt sich anschickte, sie für die Nacht zu schließen. Es war mehr als Verzweiflung, was ich jetzt auf dem Antlitz des seltsamen Wesens geschrieben sah, dessen Beobachtung ich mich so ausdauernd gewidmet hatte. Aber er hielt in seinem Lauf nicht inne, sondern lenkte mit wahnsinniger Hartnäckigkeit seine Schritte wieder dem Herzen des mächtigen London zu. Rastlos und eilig floh er dahin, während ich ihm in höchster Verblüffung folgte, fest entschlossen, nicht von diesem Studium zu lassen, für das ich jetzt ein verzehrendes Interesse fühlte.
Die Sonne ging auf, während wir weiterschritten, und als wir wiederum jenen belebtesten Teil der volkreichen Stadt, die Straße des D…schen Kaffeehauses erreicht hatten, bot diese ein Bild von Hast und Emsigkeit, das hinter dem vom Vorabend kaum zurückstand. Und hier inmitten des von Minute zu Minute zunehmenden Gewirrs setzte ich standhaft die Verfolgung des Fremden fort. Er aber ging wie immer hin und zurück und verließ während des ganzen Tages nicht das Getümmel jener Straße. Und als die Schatten des zweiten Abends niedersanken, ward ich todmüde und stellte mich dem Wanderer kühn in den Weg und blickte ihm fest ins Antlitz. Er bemerkte mich nicht. Er nahm seinen traurigen Gang wieder auf, indes ich, von der Verfolgung abstehend, in Gedanken versunken zurückblieb. ‚Dieser alte Mann‘, sagte ich schließlich, ‚ist das Urbild und der Dämon des Triebes zum Verbrechen. Er kann nicht allein sein. Er ist der Mann der Menge. Es wäre vergeblich, ihm zu folgen, denn ich werde weder ihn noch sein Tun tiefer durchschauen. Das schlechteste Herz der Welt ist ein umfangreicheres Buch als der Hortulus Animae und vielleicht ist es nur eine der großen Gnadengaben Gottes, dies: Es läßt sich nicht lesen.‘“ (E.A. Poe, Der Mann der Menge

Das Aufstehen nach einer Krankheit als Metapher (wir kennen das Bild des Genesenden aus dem Text Nietzsches – fast jede der Vorreden zu seinen Büchern beginnt mit dem Verweis auf eine Krankheit, von der sich Nietzsche nun erholt habe). Die Ruhe des Schauens und Sitzens, die alles andere als Langeweile darstellt. Auch bei Poe, nicht anders als bei Kafka, diese paradoxen Sätze: „und je mehr meine Kräfte zurückkehrten, desto glücklicher wurde meine Stimmung, die man als das Gegenteil von Langeweile bezeichnen konnte …“ Daß diese Erzählung von Edgar Allan Poe nicht nur tief philosophisch ist, weil sei vom Beobachten, vom Sehen und Deduzieren handelt, sondern zugleich das Wesen der heraufkommenden Moderne der Großstadt samt dem detektivischen Flaneuer zeichnet, schrieb bereits Walter Benjamin in seinen Studien zu Baudelaire. Es ist die Menge und die Gestalten, welche auf die eine oder die andre Weise aus dieser Masse herausstechen und unser Auge fesseln: sei es, weil dieser eine visierte Mensch interessante Aspekte seines Daseins in seiner Gestalt entäußert oder aber weil er eben durch die vollständige Abwesenheit solcher Merkmale glänzt und gerade deshalb interessant und womöglich in all der Bedürftigkeit in einer bestimmten Weise sogar liebenswürdig zu sein scheint.
Zu dieser Erzählung Poes werde ich sicherlich demnächst und gesondert etwas schreiben. Nun aber zu den Bildern dieses Tages.

Berlin-Wedding, Ecke Ackerstraße

So sprang mich das Wort vorgestern auf der ersten Seite des „Zeit“-Feuilletons an. Na, wie denn, wo denn, wat denn, klar, den Namen kennste doch, böllerte ich in meinem fettesten Bolle-Berlinerisch in der Küche feist vor mich hin! Armeleutegegend. Biermilieu. Engelhardt macht den Stengel hart, dichtet der berliner Baustellenpoet immer wieder aufs neue. „Am westlichen Ende der Ackerstraße“ hieß eine Reportage, die Moritz von Uslar in der „Zeit“ über jene Straße am Rande des Weddings schrieb. Nun wunderte ich mich zwar, was ein solcher Text mit Lokalkolorit im Feuilleton sucht: Einblicke für Nicht-Berliner? Arme begucken für Bildungsbürger? Street Credibility für gestandene Feuilletonleser, die nicht nur in Kultur machen, sondern auch einmal die Welt der anderen sehen möchten, nachdem sie von Biennalen, Bildern und Büchern gesättigt sind? Belustigung oder Sozialreportage? Unterschichtis gucken gehen und Hartz IV als hippen Szene-Gag irgendwie lustig und witzig finden wie weiland der Kreuzberger Dummspecht Seeliger? Ganz so schlimm denn doch nicht. Uslar kann distanziert schreiben, und er schaut sich gerne bei denen da unten um. Das kennen wir bereits von seiner Brandenburg-Reportage aus dem Ort Zehdenick, wo er drei Monate in einer, wie er es nannte, „teilnehmenden Beobachtung“ im Landkreis Oberhavel unter Tankstellenjugendlichen und Landmenschen kurz vor Berlin verbrachte. Klingt für die kundige Fachfrau und den Fachmann des Tiefenblicks durch die schöne Wendung „teilnehmende Beobachtung“ gut nach Soziologie, und als Mehrwert assoziiert sich durchs Beobachten zugleich ein essayistisch-beschreibender Aspekt.

Solche Aufenthalte in den entlegenen Regionen (aber doch nahe genug am Zentrum) besitzen zugegebenermaßen einen gewissen Reiz, und sie haben das Zeug zur Reportage, sofern sie nicht den Sozialkitsch des Gesinnungsmoralisten (das Zauberwort linker Kritik heißt: Distanz – darauf kann man gar nicht genug insistieren) bedienen oder einfach nur paternalistisch im semiproletarischen Gestus sich einen Lebensraum mit Menschen aneignen. Der kalte Blick des Beobachters ist erforderlich. Die Menschen und die Dinge ins Eis gefrieren, um sie in ihrem Eigenleben schreiben und beschreiben zu könne. Das ist das Kunstvolle an einer guten Reportage: Lesbar machen, was in den Zwischenräumen siedelt und wohnt. Ohne Begrifflichkeiten wie Gentrifizierung oder dem ganzen Gendertröten- und Heteronormativitätsgeschwätz auskommen. Und dennoch könnten in den Faltungen und Falten, an den Rändern und im Pflasterstein all die Fehlstellungen sichtbar werden. Direkt am Material. Nicht anders als eine Literatur, die von dem einen spricht und doch etwas ganz anderes meint. Anstatt ständig im Hohlpathos zu proklamieren. Aber für solche Subtilitäten sind die wenigstens empfänglich und auf derart knappem Raum wie in einer Zeitung scheint mir solche Art von Reportage über Stadtteile und Straßenzüge kaum entfaltbar. Von dialektischen Bildern ganz zu schweigen. Die einen singen immer noch „Roter Wedding“ – was mir nicht unlieb ist, wenn es denn wenigstens aus den Kehlen von waschechten Proletarier=innen tönt und nicht von Bürgersöhnchen oder Pastorentöchtern, die mit 40 immer noch links spielen, lieblich oder simulationsradikal geträllert wird. Die anderen haben bereits ihre Eigentumswohnung oder mit dem Verwerterblick ihre Irgendwas-mit-Medien-Agentur aufgeblasen, die sich gut in solchen Zonen ansiedeln läßt. Auch das verschafft eine gewisse Credibility. Der Wedding scheint aufwertbar. Definitiv. Das bleibt für den Blick des teilnahmslosen Aseptikers ein spannendes Feld.

Die Ackerstraße ist eine von vielen Straßen in Berlin, die ihre Armut nach außen tragen. Freilich gibt es in den Tiefen des Weddings oder in Neukölln Straßen und Viertel, die sind heftiger und unangenehmer als diese kleine Ackerstraße. Insofern bezieht sie als Gegenstand einer Reportage ihren Reiz eher aus ihrer speziellen Lage, denn sie stößt aus dem alten Westberlin heraus südöstlich auf die Bernauer Straße. Gewiß, 25 Jahre Mauerfall wollen auch im Feuilleton auf eine pittoreske Weise begangen sein, mal abseits der ausgetretenen Pfade. (Aber weshalb Wedding und nicht besser Dahlem? Auch hier noch: Alles wie vor 25 Jahren, nur ein wenig mehr hinter Mauern, sprich: hohen Gartenzäumen und -hecken.) Uslar spiegelt in groben Zügen das wider, was die Ackerstraße war und ist. Damals ein Zipfel Straße, der im Niemandsland der Todesstreifen endete; zu Mauerzeiten in den 60er Jahren neu bebaut und von den Weddinger Mietskasernen befreit. Sechster Hinterhof, siebter Hinterhof, Zillemillieu. [„Zille klopft dem Elend auf den Popo“ schrieb Adorno in den „Minima Moralia“. Das wird nun wieder vielen nicht gefallen: der pöse pöse Adorno macht den Zille madig und nimmt den armen Menschen die Unbefangenheit und ihre Residual-Romantik von der Resterampe, entlarvt diese vermeintliche Unbefangenheit gar als das, was sie ist: Kulturindustriell produzierter und vorfabrizierter Müll nach Standards.]

Die Moderne des sozialen Wohnungsbaus hielt als Sozialmaßnahme der sozialen Marktwirtschaft in den 60ern Einzug und schaufelte in Etappen die Betonbauten. Bis in die 80er Jahre. Nicht anders als in der DDR. In der Ackerstraße läßt sich diese Art des Bauens, diese Mischung aus Beton, Grünfläche und Funktionalität – wie an vielen Ecken Berlins – gut bestaunen. All das inmitten der Stadt. Diese Art von Architektur als bequemer Lebensraum für viele, aus Beton gegossen und hochgezogen, verschleift sich durch den gesamten östlichen Wedding, der an Mitte und den Prenzlauer Berg grenzt. Ob man nun vom Mauerpark aus die Gleimstraße tunnelwärts schlendert und von dort weiter Richtung Gesundbrunnencenter oder aber ins Brunnenviertel spaziert.

Die Ackerstraße ist ruhig, wie so viele der Nebenstraßen im Wedding, sie pausiert noch eine Weile, zeigt dem geneigten Betrachter eine Zone, in der selbst in den 00er Jahren des 21. Jahrhunderts die Zeit stehen blieb, während keine zweihundert Meter weiter im hippen Teil von Ostberlin alles anders und angesagt ist. Läden, Menschen, Lebensgefühl. Von Uslar beschreibt knapp die Szenerie dieser westlichen Ackerstraße. Die Menschen, die Trinker, die Frau, der ein Lädchen gehört, die Kneipe, die Betonplatten, die Straßen, die Geschichte. Der Text nennt das alles richtig, und er tischt nur am Rande die ewiggleichen, rührseligen Mauergeschichten auf. Aber er bleibt dennoch leblos und leer. Wirkt wie eine Pflichtübung. Abgeranzte Wessis begucken gehen. Lose Aufgesammeltes. Andererseits erwarte ich in der „Zeit“ keinen Text, als wäre er von Benjamin oder Bersarin geschrieben. Die Trockenheit der Schreibform mit dem leicht abgeklärten Ton, der süffisant registriert, was ist, funktioniert bei Uslar nur bedingt. Schalkspositivismus.

Etwa auf der Hälfte der (westlichen) Ackerstraße liegt die Ernst-Reuter-Siedlung, die es ebenfalls in Ludwigshafen gibt. Die Zeit blieb auch hier stehen. Nichts, das sich bewegt und rührt. Wie auch? Das aber bleibt nicht ewig. Wie auch? Die Blätter im Wind, die zum Lüften geöffneten Fenster, manchmal ein Gesicht hinter der Gardine oder ein Mensch, der auf einem der Balkone raucht. Schneespuren auf den Gehsteigen, pudern wie weißer Staub die Flächen. Alles wie üblich, wenig Menschen, so erinnere ich mich. Denn ich bin die Ackerstraße im Jahre 2012 im Januar entlanggegangen und habe dort und in der Umgebung photographiert.
 


 

„Every you Every me“: Stadt als Standort – Facetten des Populären (2)

„Das jemand in Berlin ‚lebt und arbeitet‘, kam
hier einem Bedeutung generierenden Faktor gleich. So als
wäre die Ortsangabe per se dazu in der Lage, etwas über
künstlerische Arbeiten selbst auszusagen, Sinn zu stiften und dadurch
die Sehnsucht nach Orientierung und ‚Bedeutung‘ zu befriedigen.“
(Isabelle Graw, in: Texte zur Kunst, Heft 94)

 
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Aisthetische Verhältnisse: Die Stadt als eine Lebensweise und Lebensform, als Möglichkeitsraum, um günstig zu wohnen, seinen Träumen, Ideen oder Idealen nachzugehen, sexuelle Präferenzen ohne Grenzen, die Stadt als Metapher und ihr Name eine Verlockung, als Leben, zweckfrei und frei von Zeit: eine Verheißung. Generierung des Mehrwerts. Unendliche Feste. Das freilich zog die Menschen von überall her an. Nicht anders wird es demnächst leider Leipzig ergehen. Nicht im großen Stil, aber es kommen mehr Menschen. Doch dem romantischen Spiel der inszenierten Bohème folgt in der Regel das Maklerbüro Engel & Völkers – was freilich nicht immer ein Nachteil sein muß. Es kommt auf die Bezüge an, unter denen Makler arbeiten und inwiefern eine Stadtverwaltung bzw. deren Regierende sich das Heft nicht oder eben doch von wirtschaftlichen Interessen aus der Hand nehmen lassen. [Andererseits sind solche Sätze absurd – hegen sie doch irgendwie die Illusion, daß es innerhalb des Systems ein gutes Gegen gäbe oder irgendwo in den Tiefen des Politischen oder Privaten ein richtiges Leben im falschen existierte, sei es auch bloß als Feierabend- und Freizeitkommunismus beim lauschigen Bierchen am Lagerfeuer.]

Berlin als Lebensform: vom Berghain bis zur Kaschemme. In anderer Weise geschieht der Berlin-Hype auf der Ebene der Kunst. Insbesondere die bildenden Künste zog es seit den 00er Jahren nach Berlin. Die erste Berlin Biennale, kuratiert von Klaus Biesenbach, Hans-Ulrich Obrist und Nancy Spector, fand 1998 statt. Schauen wie „Based in Berlin“ und Kunstmessen wie ABC brachten auf verschiedenen Ebenen, von kultureller Distinktion, ästhetischer Reflexion bis zur Ökonomisierung des Raumes,  in Berlin einen massiven Wandel. Waren früher München und insbesondere das Rheinland mit Köln und Düsseldorf solche Hochburgen, so mausert sich inzwischen auch Berlin. Wenngleich das zahlungskräftige Publikum immer noch in der Rheinregion sitzt.

Berlin ist noch nicht saturiert genug, insofern lassen sich hinreichend viele Nischen finden, in denen mal zu recht, mal outriert der Subversion gefrönt wird. Nicht dem Kommerz dient – zumindest vorgeblich – das kulturelle Engagement, sondern dem symbolischen Wert der hehren Sache Kunst. Dabei geschieht freilich eine eigentümliche Dialektik der Subversion. Je marktferner sich in Berlin die Kunst gibt, desto größer der Standortvorteil. Das führt, was die Aufwertung von Vierteln betrifft, zu einer vertrackten Situation. Dem Gebiet um die Potsdamer Straße herum (kurz Potse genannt, was in meinem puritanisch-gegenderten Ohr einen obszönen Anstrich hat, aber da die Kurfürstenstraße nicht weit liegt, mag das Wort passen) tat ein Wandel gut. Inzwischen siedeln Galerien dort und massiv werden Wohnungen entmietet. Das ist nicht die Schuld der Galeristen und Künstler, sei dazu gesagt, sondern (konsequente) Folge einer Politik, die weder fähig noch willens ist, zu handeln. Aber es handeln andere im Hintergrund. Berlin ist eben arm. Armut ist nicht sexy. Macht und Geld sind es sehr wohl.
 
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Inwiefern in diesem Prozessen Kunst als Standortvorteil wirkt – ganz gleich, ob sie sich nun subversiv gibt oder nicht, ob sie marktkonform oder sperrig sich verhält, das spielt keine Rolle – und das „symbolische Kapital“ durchaus geldwerten Vorteil generiert, haben seit einem Jahrzehnt zahlreiche Künstler und Galerien begriffen. Kunst und Neoliberalismus stehen (gewollt oder ungewollt) in einem Verhältnis, Kunst borgt von diesem ihr Begriffsrepertoire, und Begriffe der Ideologie des ungehemmten Marktes, wenn nur der Staat verschwindet und jeder seines Glückes Schmied sei und authentisch, individuell und flexibel sich verhält, zogen in die Kunstwelt ein. Daß der Künstler ein autonomes Individuum sei, das sich in keine Vorgaben pressen läßt, können wir seit der Renaissance den großen Künstlerportraits entnehmen – sei’s Albrecht Dürer oder im Barock dann Rembrandt van Rijn.
 
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Diesem andauernden, sich in immer neue Windungen steigernden Trend, Individualität und Kreativität als Zauberwort für die neue Arbeitswelt zu preisen, widmet sich – um nun wieder zum Thema zu kommen – in den „Texten zur Kunst“ Isabelle Graws Beitrag „Der Mythos der Marktferne. Anmerkungen zum Aufstieg Berlins zu einer Kunstmetropole“. Kreativität ist das Zauberwort, das als „Heilswort der Gegenwart“ Tore öffnet und noch die simpelste Arbeit zum genialen Tun aufwertet. Insbesondere da, wo alle das gleiche betreiben, hält man sich für besonders kreativ. Einer muß es den Menschen nur lange genug vorbeten, daß sie einzig und authentisch seien.

Die Reize werden aufgesteigert, Betriebsweihnachtsfeiern zu Events stilisiert und noch in der Freizeit dienen die für Leistung, die sich wieder lohnen muß, ausgezahlten Sachprämien dem Ethos der Arbeit. Ein Betriebsmarathon oder ein nach der Arbeit einzulösender abendlicher Wochenkursus für ein US-Marine-artiges Trainingsprogramm sehen aus wie feine Geschenke oder Boni, sind aber nichts weiter als die Verlängerung der Arbeitswelt. Das Recht auf Faulheit kommt in diesen Zonen nicht vor. Keiner dieser Arbeitnehmer, die sich als solche kaum noch verstehen – „Einen Betriebsrat? Wozu brauchen wir den denn?“ – verfiele auf die Idee, daß seine Arbeit tatsächlich Arbeit ist, von der weder er selbst oder die Gesellschaft, sondern wer anders profitiert. Der Kunst die Schuld für diese Szenarien aufzubürden ist naturgemäß zu simpel. Aber im universellen Verblendungszusammenhang greift eins ins andere. Es existieren keine unschuldigen Orte. Wer das annimmt, ist mit gehöriger Naivität geschlagen, gestraft, vielleicht aber auch: gesegnet. Das Heilsame der Anästhesie.
 
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 „Auch von Arbeitern und Angestellten wird inzwischen ein gewisses Maß an Kreativität verlangt, wobei sich die Vorstellung, die man sich vom ‚kreativen Arbeiter‘ macht, am Modell des selbstbestimmt arbeitenden Künstlers orientiert. Entsprechend dem traditionellen Künstlerbild hat auch der kreative Arbeiter möglichst flexibel, mobil und kreativ zu sein. Er soll zudem eigenverantwortlich arbeiten und sich dabei auch noch selber verwirklichen. Je deregulierter und prekärer die Arbeitsverhältnisse, desto gefragter ist dieser Typus des kreativen Arbeiters, der prototypisch in Berlin-Mitte der späten 1990er Jahre anzutreffen war. … Jedes Abendessen war zugleich eine Teamsitzung, jedem Gespräch wohnte ein instrumenteller Zug inne, da es mit Brainstorming einherging.“ (I. Graw)

Als dann in den 00er Jahren die schönen Blasen platzten und den ersten Internetbuden der Arsch auf Grundeis ging, war es plötzlich vorbei mit dem schönen Schein und dem Hohn auf den Betriebsrat. Die nachfolgenden Unternehmen lernten freilich schnell, und eine absurde Melange aus Kunst, Medienphilosophie samt Blahsprech, Zen und Asien (von Kopf bis Bauch: Nahrung aus Vietnam hält schlank), Illusion von Freiheit, wie sie vorher in den 80ern nur Camel oder Marlboro produzierten, bestimmte die Arbeit des Betriebes, der seine Tätigkeit freilich nur am Rande als Arbeit verstanden wissen wollte. Der kasual in den Abend hinein verlängerte Freitag war fast schon Freizeit. Dieser Umstand trifft sicherlich auf diverse Software-Firmen zu, die ihre Produkte für Kunst, für E-Commerce, fürs Internet oder fürs Smartphone entwickeln und an den angesagten Orten (nicht nur in Berlin) fleißig programmieren.

„Der flexibel Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus“ hieß Ende der 90er Jahre ein Buch des amerikanischen Soziologen Richard Sennett, der bereits früh diese Phänomene beschrieb. (Wobei ich hoffe, daß er den Begriff der Kultur ironisch gebrauchte, denn ansonsten wäre der Titel ein einziger Schrott: diese Phänomene nämlich sind genau das Gegenteil von Kultur, sofern man diesem Begriff noch einen emphatischen Gehalt zubilligen möchte, was ich mittlerweile für verfehlt halte.) Diese Flexibilität hängt nicht nur mit der Bereitschaft zusammen, Orte der Arbeit relativ schnell bereitwillig wechseln zu können und zu wollen, sondern sie disponiert das Subjekt selber zu einem Bündel heteronomer Verhaltensweisen, die es freilich als die ihr authentisch eigenen zu instrumentalisieren hat. Insbesondere die bildende Kunst ist in diesem Zusammenhängen das Surrogat, das die Betriebstemperatur kuschelig hält. Abends eine Vernissage, bei der die aufs Stichwort einschnappende und vorhersehbar geschulte Wahrnehmung zum weiteren Einsatz abkommandiert wurde. Foster Wallace oder Bolaño eignen sich zu solchem Prozedere nur bedingt, weil ihre Lektüre ein Unmaß an Zeit erfordert, die sich am Ende des Vorgangs nur selten amortisiert. Der kulturelle Mehrwert liegt lediglich darin, einen Namen nennen zu können, der mit einer hinreichenden Komplexität gezeichnet ist.
 
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Sicherlich kann man als Kritik anmerken, daß die „Texte zur Kunst“ diesen Phänomenen der Stadt samt einer Kunst als Kompensationskomplement spät erst sich widmeten. Ausprägungen, die bereits vor zehn oder fünfzehn Jahren abzusehen waren, als Berlin noch hyper-hypester Hype war. Aber besser zu spät als nie, und bekanntlich beginnt die Eule der Minerva … Aber ob daraus nun so etwas wie Philosophie zu pressen ist, bezweifle ich. Wir verbleiben im Modus der bestimmten Negation. Das ist für viele nicht sehr gemütlich. Aber der Blick des Ironikers gleitet bekanntlich von distanzierter Warte über den Görlitzer Park und andere Brachen und Umstände, geht in die neutralen oder auch in die schwer bedeutsamen Zonen der Stadt, in denen gewerkt, gewichtelt und kulturell getan wird. Erfreut sich am Tand und am Spiel der Zeiten.

Es geht wie es geht. Immer näher rücken mir die Figur und der Habitus des Ernst Jüngers (freilich nicht dessen politische Haltung, wobei man sich natürlich fragen muß, wie beides am Ende doch zusammenhängt), der bei der Kanonade von Paris, auf einem Dach dinierend, in die Nacht blickte und dazu eine Champagnerbowle zu sich nahm, darin Erdbeeren schwammen, Feuer und Strahlkraft der Gewalten beschauend. Der eigentümliche, erhabene, erschaudernde Glanz, den das Ungeheure mit einem Male auslöst. Aber insbesondere im Wirken solcher ästhetischer Augenblicke, in dieser eigenwilligen Inszenierung des Schreckens tritt dieser sehr viel deutlicher zutage als in den halbpathetisch-verkitschten Antikriegsbeschwörungen des „Nie wieder!“, die in die ästhetische Form nur die politische Intention hineinpressen. Wer die Form zugunsten der Politik preisgibt, liefert nicht nur die ästhetische Form aus und banalisiert sie, sondern entleert im selben Moment ebenso das Politische zugunsten eines engagierten Statements aus dem geblähten Bauch. Aber wenigstens die Fürze sind in dieser Haltung echt und authentisch. Anderes Thema aber. Wir jedoch, wir betrachten weiter diese Stadt in ihren Facetten. Nicht im Ton des Unmittelbaren schwingen wir  mit oder anders. Sondern als böser Stachel und als häßliche Unke. Der Rosa Luxemburg die Hand zu reichen, bleibt vergeblich, weil sie noch immer im Landwehrkanal treidelt.

Der kalte Blick Nietzsches und Jüngers auf diese Stadt. Ich möchte deren Bewohnerinnen und Bewohner als Käfer fixieren und in die entomologische Sammlung bringen. Wir werden dann im Herbst wieder diese Perspektiven in Photoserien begleiten, wie bereits hier oder auch da und an verschiedenen anderen Stellen und Städten.
 
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Berlin, Berlin [Bashing for Bohème]. Facetten des Populären (1)

Marktferne, aber dafür Kunstnähe? Dies war einmal! Heute geht in Berlin beides recht gut zusammen: Stadt als Kunst als Standortfaktor. Vom Wilden und Ungezähmten der Kunst blieben allenfalls die Brachen der Stadt, die sanft ruhen und den Schlaf schlummern. Bis sie erweckt werden. Sie liegen solange brach, bis sich ein für Investoren geeignetes Projekt findet, das sich wirklich lohnt. So wird es – meine Prognose – in 10 Jahren ebenso dem Tempelhofer Feld ergehen. Insofern hatten die Bebauungsgegner – obwohl dem Schein nach die Abstimmung gewonnen – bereits im Mai verloren; denn anstatt heute, im Hier und Jetzt, für eine sinnvolle Bebauung zu votierten, sperrten sie sich komplett. Auch das ist Berlin.

94_TZK_Cover_02_t_w470Die Juni-Ausgabe der „Texte zur Kunst“ widmet dieser Stadt in all seinen Facetten von Kunst, Kommunikation und Kommerz – rtl-alliteriert, freilich von mir, wie Biker, Busen, Büchsenbier – unter dem Titel „Berlin Update“ ein Heft: Vom radikalen Wandel Berlins innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte, der wesentlich durch ökonomische Faktoren bedingt ist, bis zum Kunsthype samt der Kommerzialisierung, vom „Theorie-Design“, das mit dieser Stadt durch drei Universitäten samt ihren Sonderforschungsbereichen verbunden ist sowie dem kulturellen Crossover verschiedener Institutionen wie Theatern, Museen und Kunst-Events (Berlinale, Theatertreffen, Berlin Biennale, Gallery Weekend, Monat der Fotografie, Kunst- und Modemessen usw.), bis hin zu einer Stadt der neuen Medien, für die symbolisch Orte wie das Café Sankt Oberholz oder andere Trendbars, -Restaurants und-Clubs stehen, die genauso schnell wechseln wie sie kamen, samt perfider Arbeitswelten, die den Schein des Authentischen malen, wo Arbeit und Freizeit keinen Unterschied mehr machen, weil Freizeit den Charakter von Arbeit annimmt und Arbeit sich als Freizeit geriert – vom Fitnessprogramm bis zu den Plänen gesunder Ernährung, irgendwelchen Kursen im Creativ Writing und Schreibseminaren.

Berlin bietet für die Kreativ- und Kunstszene in relativ günstiger Weise zwei ökonomisch hoch wertvolle Ressource: Raum und Zeit. Immer noch läßt es sich in dieser Stadt für wenig Geld und gut leben, wenn man seine Essens- und Lebensansprüche gering ansetzt, sich von Nudeln ernährt und dieses Minimale als neue Zünftigkeit propagiert. Insofern ist billiger Wohnraum in guter Lage gewünscht und wird als Anspruch angemeldet. Gerne wird dabei in schäbiger Bude die Aura der Bohème gepflegt. In einer Weise freilich, die mich in diesem Klischee an Aki Kaurismäkis absurd-komischen Film „Das Leben der Bohème“ denken läßt. Ein Schuß Tragik und schönes Scheitern ist naturgemäß ebenso beigemischt, denn was wäre das Leben samt seinen Inszenierungen ohne jene Tragik und sei diese auch nur eine Posse und Simulationseffekt. In einem post-dramatischen, post-aristotelischen Zeitalter, in dem Ort, Zeit und Handlung sprunghaft divergieren können, bleibt das Dividuum.

Das „transgressive Potential von Underground-Parallelwelten“ diente immer schon – seit dem Phänomen des Pop und den läppischen Exzessen der Beat-Generation, allen voran J. Kerouac: keiner wußte das besser als Adorno – der radikalen Ökonomisierung von Gesellschaft. „Mit Danone kriegen wir euch alle!“, drohte die Werbung der 80er Jahre. Oder mit Kunst. Oder mit Pop oder indem sich die Bezirke mischen. Neoliberalismus und Kunst sind zu einem gewissen Teil Komplizen derselben Sache. Selbst da noch, wo letztere sehnend an ihre Autonomie glaubte. In den letzten Zügen der Dialektik rettet sich Kunst in den Pop: in den Bezirk der identitätsstiftenden Erfahrungswelten im turnschuhmiefenden Teenager-Zimmer, wo sich mit diesem oder jenem Musikstück ein besonderer Raum von Existenz und Dasein verband. Das kroch ins Musikstück wie in Prousts Madeleine und im Tee die Erinnerungen sich aufbewahrten, so daß eine Situation inmitten der neuen Unübersichtlichkeiten qua Musik als Gestus und Haltung doch noch als allgemein kommunizierbare zu konnotieren war. So konnte sich das Phänomen Pop zumindest auf der Ebene der Referenzierungen am Leben halten. (D.  Diederichsen beschreibt diese Wirkungen des Pop – ich drücke es mal in meinen Worten aus, man muß das ja bei solch feinen Wortwendungen dazu sagen, sonst denkt jeder, das sei von Diederichsen – als aisthetische Erfahrung auf eine geniale Weise in seinem gleichnamigen Buch. Inwiefern er dieses Phänomen Pop dialektisiert und fruchtbar macht, ist durchaus tricky zu nennen. Aber so kennen wir ihn, dafür lieben wir ihn. Das ist eines dieser interessanten Interferenzphänomene. Affirmativsein ohne Affirmation)

Allerdings gibt es zu jedem Berlin-Trend genauso den Gegenzug. Daß immer mehr Menschen von Berlin genug haben und ihnen das Gewese um diese Stadt zum Halse heraushängt, haben manche bereits zum Beginn der Blase erkannt. Lange bevor ein New Yorker Magazin namens „Gawker“ Anfang des Jahres verkündete, „Berlin is over“, es ginge mit Berlins Habitus als irgendwie coole Stadt nun zu Ende. Sehr viel früher schon teilte zum Beispiel der großartig bissige Don Alphonso regelmäßig gegen Berlin und insbesondere die sogenannte Berliner Medien-Bohème mit ihrem Jammerton und ihrer Anspruchshaltung aus. Ein Habitus des Digitalen als Flow und Funding, ohne dabei irgend etwas an Kraft und Denk-Arbeit investieren zu wollen oder genauer geschrieben: zu können. Und ebenso früh polemisierte der Don gegen den widerlichen Ranz und das Unansehnliche dieser Stadt, die sich keine schönen Gebäude leisten mag, sondern das Verwildern von Flächen als Stadtplanung ausgibt oder aber Dokumente der Zeit, wie den Palast der Republik, abreißt. [Andererseits ist mir das Verwildern dann auch wieder lieber als eine Stadtpolitik, die nur für ein bestimmtes Klientel Geld in die Hand nimmt – zumal sich die Ödnis und der Dreck ungemein als Kulisse zur Photographie eignen: Die Welt ist bekanntlich seit Nietzsches Satz nur noch als ästhetisches Phänomen gerechtfertigt – zumindest solange ich in einer solchen Umgebung nicht wohnen muß. Ergänzt sei fürs Heute und für jene, die bei Nietzsche vorauseilend zucken und sich wegducken: als eine Ästhetik des Häßlichen oder als anästhetische Angelegenheit. Andererseits mochte ich in den 90er Jahren ebenso wenig im Rollbergviertel oder im Weserkiez wohnen. Und wer es sich leisten konnte, der zog naturgemäß weg. Organisierte Verwahrlosung von Stadtteilen, so könnte man das gemeinsame Programm aller Berliner Parteien nennen, die den Senat stellten. Dieses Herunterranzen hat sicherlich Gründe. Seit Nietzsche wissen wir freilich, daß die Wahrheit durchaus gute Gründe hat, ihre Gründe nicht sehen zu lassen.]

Bei aller berechtigter Kritik an Berlin, sehe ich vieles entspannter als der Don, denke mir daß München doch zu gediegen ist, allenfalls für die Besuche in den einschlägigen Museen geeignet, sicherlich eine Stadt mit schönen Vierteln und hervorragender Küche, viel Mode, gutem Weine sowieso, aber doch zu glatt. München ist wie ein Mann oder eine Frau in den 60ern. Nahe genug an Italien – immerhin. Wenn ich irgendwo leben möchte, dann in Leipzig, vielleicht noch in Essen, Köln oder Duisburg. Gerne in Hamburg wegen des breiten Stroms. Nur eine Stadt mit einem richtigen Fluß als Ader ist eine lebenswerte Stadt. Wir sehen dies an New York und Lissabon. Was ich an Berlin schätze, sind nicht die ungentrifizierten oder mittlerweile aufgewerteten Stadtviertel, die so oder so in ihrem Ranz daliegen, sondern die Weite der Stadt. Alles verläuft sich. Anders als in Hamburg oder Essen. Mein Mitleid mit den Gentrizifizierungsjammerlappen allerdings, für die Lankwitz oder Wilmersdorf Zumutungen sind, hält sich arg in Grenzen. Die Profiteure von gestern sind nun einmal die Verlierer von heute. So geht die Geschichte übers Subjekt hinweg. So funktioniert nun einmal eine über den Markt organisierte Gesellschaft. Seid nicht böse darüber. Es kommen andere Zeiten!

Recht hat der Don freilich, wenn er in witzig-böser Weise gegen die Berliner Medien-Bohème austeilt: Menschen, die irgendwie und irgendwo einmal einen Text geschrieben haben, sei es auf einem (Zeitungs-)Blog oder anderswo, bezeichnen sich ernsthaft als „Journalisten“. Es ist doch eher lachhaft. Menschen, die keine drei Zeilen Foucault, Adorno, Hegel, Marx oder Zizek gelesen haben, führen diese Namen im Munde, als hätten sie zehn Jahre deren Texte beackert. Nichtlesen, aber trotzdem vollmundig darüber sprechen oder in Kurz-Zeichenzahl die Namen als Referenz- und Distinktionsmerkmal fallenlassen, weil’s den kulturellen Mehrwert erzeugt. Trends, trendy. Auf der Ebene der Textfakten nachprüfen können es sowieso nur wenige, weil niemand diese Texte zusammenhängend studierte. Schlagwortsound wird abgesondert.

Gleiche gilt für die Internetphänomene. Es werden Banalitäten zu riesigen Wolken und Gebirgen gebauscht, und dabei plustert man sich selber gleich mit auf wie’s Vögelchen im Walde. Und immer mal wieder geschieht im Schwung der Tage ein Paradigmenwechsel, Post-Privacy und Meme treten auf den Plan, werden wieder abbestellt, vielleicht springt morgen ein digitaler Platonismus aus dem Schächtelchen. Pseudo-Kenntnis der Philosophie und Medienwissen aus dem Kindergarten als Halbbildung spielen sich als Wissensformen auf: sozusagen als intrinsische Qualität des zugereisten Berlin-Bewohners. Insbesondere hier sehen wir, welchen Schaden das Studium der Kulturwissenschaften auf breiter Flur anrichtete. [Ende vom ersten Teil des kulturellen Narrativs]
 
 
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En avant Dada oder von der Verfransung der Künste: Hans Richters Werke in Berlin

snapshot200604011017259 Im Martin Gropius-Bau gibt es zur Zeit eine Vielzahl von Ausstellungen anzuschauen. Sehenswert vor allem die über den Maler und Filmemacher Hans Richter. Eine stille und kompakte Ausstellung, eine Ausstellung, die ob der zahlreichen Filme, die gezeigt werden, einiges an Zeit benötigt. Wer sich in jene Epoche vor und nach dem Ersten Weltkrieg, zwischen Expressionismus, Dadaismus, Surrealismus und Konstruktivismus bis hin zur Nachkriegsmoderne seit 1945 umsehen will und betrachten möchte, wie sich ein Werk entwickelt und fortschreibt, das dabei immer in intensivem Kontakt zu anderen Künstlern und Werken seiner Zeit stand, der ist in dieser Ausstellung hinreichend gut aufgehoben. Frühe Malerei und Zeichnungen, die noch ganz und gar im Stil des Expressionismus oder des Kubismus gehalten sind, finden sich neben Gemälden, Skizzen zu Filmen, den legendären Rollbild-Collagen, den Filmen von Richter sowie dem Spätwerk. Dazu gesellen sich Bilder von anderen Künstlern, die in einer gewissen Nähe zu Richter stehen.

Bereits in diesen frühen Bildern Richters, die die künstlerischen und gesellschaftlichen Tendenzen der Zeit aufgreifen, dabei aber in keiner Weise eklektizistisch wirken, zeigt sich bei Richter der Stil und der Wille zur Form. Einer Form, die später in die Bewegungsstudien Richters mündet: Wie nämlich Bilder in ihrem eigenen Referenzmedium nicht mehr nur statisch bleiben, sondern hinaus drängen und in Bewegung geraten, sich zum Film-, zum Bewegungs-Bild transformieren, und so ihre eigene Medialität unterlaufen, das Medium teils sprengen. Insofern ist aufgrund dieser Komposition von Bewegung – auch in Korrespondenz mit Musik – der Titel „Rhythmus“ sowohl fürs Bild als auch für den Film Richters Programm. Ebenso aber erweist sich das Serielle als Rahmen einer neuen Weise des Sehens: Nicht mehr bloß die Form als statisch ins Bild gebannte Fixierung, sondern ihre Auflösung, genauer gesagt ihre sanfte Transformation und die Verwandlung der einen Form in eine andere machen das abstrakte Bild aus und gestalten es.

Dabei spielt Richter ebenso mit der Formwiederholung, wie mit ihrer Auflösung. Dieser Wandel in der Kunst hat notwendiger Weise Einfluß auch auf unser Sehen. Insofern war es konsequent und folgerichtig, daß Richter sich ebenfalls mit dem Film beschäftigte – dem Medium der 20er Jahre, das unser Sehen und die Art des visuellen und sprachlichen Erzählens so stark konditionierte wie kaum ein Bildmedium vorher es massenmedial vermochte. Dabei löste sich bei Richter jedoch der Film in seinen Rhythmus-Bildern von der Gegenständlichkeit und dem bloß Narrativen, das – mit den nötigen Spannungsbögen versehen – eine Story von A über B mach C erzählt. Vielmehr geht es in Richters frühen Filmen darum, daß sich verschiedene Weisen der Medialisierung und der Visualisierung durchdringen. Raum löst sich in der Zeit auf. Diese Weise des experimentellen Films, der auf ein ganz anderes Sehen hinauswollte, hat sich leider nicht durchsetzen können. Zumindest wurde ein solcher neuer Blick im Film, jenseits des Hollywoodkinos und des herkömmlich Narrativen, nicht massentauglich. Daran konnten selbst die populäreren Filme von Jean-Luc Godard – um nur einen dieser Revolutionäre des Kino-Blickes zu nennen – nichts ändern. In den 20er Jahren war der Film eine Angelegenheit der Avantgarden. Nach Hitler und Hollywood eine der Narkotisierung oder der Unterhaltung. Zumeist zumindest.

Im Zeichen einer sich öffnenden Moderne der 20er Jahre bleibt Kunst nicht mehr starr in seinen Gattungen hängen, Richter experimentiere, verschob und konstruierte die Grenzen anders, taxierte und justierte neu aus: Architektur als Form wechselt über das Medium Film in die Bildende Kunst, die wiederum im Film ihre Aufnahme findet, während das Bild vom Kontrapunkt und dem Generalbaß – mithin von musikalischen Begrifflichkeiten – durchdrungen wird. Richter bringt die Form in die – freilich konstruierte – Bewegung. Form löst sich insofern nicht eruptiv auf, implodiert oder explodiert im all over und in der Strukturlosigkeit des Assoziativen oder des (vermeintlich) ungebändigten Wilden. Wer glaubt, Dada sei nichts als Kunstklamauk, der die bürgerliche Kunst samt ihrem gravitätischen Auftritt, aber ebenso die Kunst als Kunst selbst im revoltierenden Gewand ad absurdum führte, der täuscht sich oder begreift nur einen Teil von Dada. Mag Dada zwar am Auratischen des Kunstwerkes als Effekt stark gekratzt, das akademische Parlieren und Schreiben über Kunst ins Absurde getrieben und den biederen Bürger im behaglichen Kontemplations-Tempel Kunst aufgeschreckt haben, so zeigt sich insbesondere im Werk Richters sehr viel mehr als die bloße Geste der Provokation: nämlich die Tendenz, Kunst zu entgrenzen und zu öffnen, zwischen der strengen Form, der Konstruktion und dem Aleatorischen eines surrealen Einfalls oder dem bloßen Nonsense pendelnd. Aber von der ästhetischen Konzeption her in einer ganz anderen Weise, als beispielsweise Marcel Duchamp es mit Fountain und Flaschentrockner tat, die geradezu das Gegenteil von Dadaismus waren. Die ästhetische Moderne erweist sich als eine höchst plurale Angelegenheit.

Dennoch bleibt Richter insbesondere im Film dem Dadaismus in seinem Spielerischen, in der Leichtigkeit, aber auch im Grotesken verhaftet. Dieses Spiel geschah aber nicht als Selbstzweck und als Ornament, sondern es ging Richter immer auch um das Medium Film als Film (eben jene bekannte Selbstreferenzialität): Dabei paaren und ergänzten sich eine Weise des neuen filmischen Sehens durch die Eisensteinsche Montage mit einer Ding-Optik, die den Gegenstand ins Zentrum stellt, wie wir es in puristischerem Zusammenhang von der Neuen Sachlichkeit oder von der Bauhaus-Photographie kennen.

Bei Richter durchdringen sich diese Schulen auf eine produktive Weise. So in seinem Film „Vormittagsspuk“ (1928), wenn sich die Ordnung der Dinge auflöst und sie ohne menschliches Zutun das machen, was gegen die Intuition und die Intention des Subjekts ist. Ein Querbinder (Fliege, Krawattenschleife), die zunächst um 90 Grad am Hals des Mannes sich verdreht und dann (formschön und im Rhythmus) sich im Raum entbindet. Revolver, die sich dekontextualisieren, aus dem Zusammenhang geraten, als Gegenstand ins Bild und damit in die Augen dringen und zugleich in ihrer ursprünglichen Form sich auflösen und als Bild vervielfältigen. Die drei Hüte, die sich verselbständigen und in die Höhe oder zur Seite fliegen. Das sind teils Traum-Bilder, wie wir sie aus den Filmen der Surrealisten kennen, so in „Entr’acte“ (1924), der ebenfalls in der Ausstellung gezeigt wird. Bewegte Bilder, asynchron und stürzend in der Perspektive, das nimmt Elemente eines Konstruktivismus von Rodtschenkos Photographien auf, der das photographische Sehen und den Blick radikal von der herkömmlichen Perspektive freisetzte, eine Uhr, die voranrast und den Chronos bricht, beschleunigt, zu Tode und ins Absurde hetzt: der Strom der Zeit verflüchtigt sich im ästhetisch aufgeladenen Bild des Sur-Realen, in der Absurdität der Szene. Aber, so könnte man entgegnen, dieses Absurde ist nichts gegen das des irrsinnigen Weltlaufs. Diesem mochte sich Richter nicht beugen, und er gehörte schon gar nicht zu den vielen Deutschen, die 1914 mit Hurra und Krakele in den Krieg zogen, sondern vielmehr ging er nach Zürich, wo er auf zahlreiche Künstler aus dem Kreis der Dadaisten traf, die ebenfalls in die Schweiz emigrierten.

RichterJa, Richter war insofern in seiner Tätigkeit auch ein politischer Künstler, so zumindest verstand er sich. Bereits in seinen frühen Zeichnungen und Bildern machte er unter anderem den Krieg und sein Grauen zum Thema. Wenngleich sich bei ihm kaum Werke der direkten Parteinahme finden, sieht man einmal von dem monumental in die Breite gezogenen Bild mit dem Titel „Stalingrad (Victory in the East)“ ab. Dennoch galt sein Einspruch den Gewaltverhältnissen.

Was bei Umberto Eco das offene Kunstwerk genannt wird, wenn also ein Werk seine Grenze nicht mehr nur in der eigenen Gattung findet, sondern als Interferenzphänomen auftritt und durch das getragen wird, was Adorno in den 60er Jahren „die Verfransung der Künste“ nannte, das ist bei Hans Richter im Strom seiner Produktion als Idee bereits angelegt, wenngleich nicht voll entfaltet. Insofern zählt er, neben dem großartigen Duchamp, zu einem herausragenden Protagonisten der Kunst jener Zeit, die unter den Begriff der sogenannten Klassischen Moderne fällt, wo die Auflösung des klassischen Werkbegriffes an sich bereits angelegt ist Es ist das Experimentelle, das Suchende, die Öffnung der Formen und des Werkkanons hin zu einer Kunst, die sich nicht mehr auf das eine Medium beschränkt, das die Werke Richters interessant und wirksam macht. Aber ganz und gar ungedeckt: und sich dabei zugleich dem Scheitern exponierend.

Die Ausstellung der Werke von Hans Richter im Martin Gropius-Bau ist unbedingt sehenswert. Zu begehen, zu besehen, zu beschauen und bestaunen ist sie noch bis zum 30. Juni.