Urbane Räume (6)

„Lumpensammler traten in größerer Zahl in den Städten auf, seitdem durch die neuen industriellen Verfahren der Abfall einen gewissen Wert bekommen hatte. Sie arbeiteten für Zwischenmeister und stellten eine Art Heimindustrie dar, die auf der Straße lag. Der Lumpensammler faszinierte seine Epoche. Die Blicke der ersten Erforscher des Pauperismus hingen an ihm wie gebannt mit der stummen Frage, wo die Grenze des menschlichen Elends erreicht sei.“
(Walter Benjamin, Das Paris des Second Empire bei Baudelaire)

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OLYMPUS DIGITAL CAMERA [Für diese Photographien ist nicht der Photograph verantwortlich.]

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Copyright für die vierte Photographie: „Steinbrueck Wuerzburg“ von Renredam in der Wikipedia auf Deutsch. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons

FDP: 4,9 % …

das wäre eine schöne Meldung, die wir am Sonntag aus dem beliebten Bundesland Nordrhein-Westfalen hören möchten. Denn es darf in diesem Land keinen Platz für extremistische Gruppierungen geben. Also: Keine Macht den Ridikülen. (Obwohl weniger jener Extremismus der FDP als deren Figuren und Charaktermasken ein Bild der Lächerlichkeit abgeben: Im Berliner Abgeordnetenhaus jüngst wieder in bester Form vorgeführt. Ist es mittlerweile nicht mehr Dr. Martin Butter-Lindner, der sich lächerlich macht, so ist es nun eben ein anderer. Austauschbare Politikdarsteller)

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Acedia

Wenn es am Eigenen ermangelt und die Kreativität zu versiegen droht, dann greift der Mensch gerne auf das zurück, was andere einst fertigten. So mache es auch ich und zeige deshalb eine nettes Bild von der „Titanic“.

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Copyright: Titanic

Ach ja, dies geisterte vor einigen Tagen durch den Blätterwald: Frau von der Leyen will Hartz IV abschaffen, indem sie den Begriff tilgt. Eine gute Idee warf sie da in den Raum. Auch Aisthesis beteiligt sich gerne an sinnvollen, menschlichen Projekten, tut Gutes, spricht darüber und schafft deshalb sogar den Hunger in der Welt ab. Es gibt also ab heute per Ordre weltweit keinen Hunger mehr. Wir bitten deshalb darum, diesen Begriff aus dem Sprachschatz, aus dem Bewußtsein, aus allen Wörterbüchern zu streichen: Konstruktion von Realität mittels Sprache.

Und was sehe ich heute morgen, auf der Straße am Zeitungsgeschäft vorbeigehend: Eine schöne Schlagzeile der Bild-„Zeitung“, daß die Hartz-Abzocker zunehmend dreister werden. Immer einmal wieder muß ja Bewußtsein geschürt werden vom Kampfblatt der Arbeiterklasse. Aber wie Hartmut es auf „Kritik und Kunst“ sehr treffend formuliert: Eigentlich trifft der Begriff „Hartz IV“ die Sache ganz genau, wird doch dieses Projekt geziert mit dem guten Namen eines Ganoven. Sowieso steht auf „Kritik und Kunst“ eine sehr gute Analyse, die ich meinen Lesern anempfehlen möchte, falls sie dort nicht sowieso schon gelesen haben.

Silvana Koch-Mehrin (2) und die FDP

Zum Stand der Diskusion zu Silvana Koch-Mehrin verweise ich hier repräsentativ auf die beiden Blogs „Kritik und Kunst“ sowie „Exportabel“ samt ihrer Beiträge; es sind dort auch Links zu kritischen Zeitungsberichten zu finden:

http://kritik-und-kunst.blog.de/2009/06/04/neues-frau-koch-mehrin-6235298/

http://kritik-und-kunst.blog.de/2009/06/02/ruhrbarone-versus-koch-mehrin-bitte-blog-kollegen-6219776/

http://exportabel.wordpress.com/

Bei „Kritik und Kunst“ habe ich einige Kommentare gepostet bezüglich der Frage, warum ausgerechnet SKM in den Blick der (kritischen) Öffentlichkeit geraten ist.

Was mich neben SKMs Lobby-Arbeit am meisten stört, ist der Umstand, daß kritische Stimmen in der Medienöffentlichkeit mittels anwaltlicher Drohungen mundtot gemacht und eingeschüchtert werden sollen.  Die Frage ist gar nicht mehr, wie oft Silvana Koch-Mehrin im EU-Paralment nun fehlt, sondern die Art, wie sie damit umgeht, wenn diese Dinge erwähnt werden.

Daß es im Europaparlament auch andere Faulpelze oder Fehlzeitler wie den FDP-Abgeordneten  Alexander Sebastian Léonce Freiherr von der Wenge Graf Lambsdorff gibt, der mit hohen Abwesenheitsquoten  geglänzt haben soll, muß allerdings genauso zum Thema werden.

Da dies aber ein Blog zur Ästhetik und Philosophie ist, kann und mag ich hierzu nicht viel sagen.  Mögen andere dies tun. (Irgendwie, so sei satirisch angemerkt,  scheinen sich die faulen Leistungsträger und die der Arbeit aus dem Weg gehenden sogenannten selbsternannten Eliten in der FDP zu tummeln, vielleicht steht das „F“ ja doch für faul, um mit einem faulen Witz abzuschließen. Ja,  irgendwie auf dialektisch dekonstruierte Weise stimmt der Slogan der FDP sogar: „Arbeit muß sich wieder lohnen“, vor allem, wenn andere sie leisten, so frei nach dem Motte „Hannemann, geh du voran“. Vielleicht will die FDP mit ihrem Slogan aber auch für die Einführung des Mindestlohnes werben:

http://www.liberale.de/webcom/show_article.php/_c-459/_nr-1194/_p-1/i.html

Silvana Koch-Mehrin

Ich mach das eigentlich nur, weil ich gerade eine passende Photographie von jener hübschen Frau habe: Insofern ist damit auch der unbedingt erforderliche ästhetische Referenzrahmen gesetzt, und es ist nicht nur politisch. Sollen doch in diesem Blog die ästhetischen Betrachtungen eines Unpolitischen nicht durch den Staub des Alltags getrübt werden. Aber ein mittelmäßiges Photo mit einer schönen Frau: das möchte man doch gerne zeigen.

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Nun aber zurück zu der durchaus ernsten Angelegenheit des Verdachts eines Meineides, den die FDP-Europa-Abgeordnete Silvana Koch-Mehrin geleistet haben soll. Insbesondere in Zeiten, wo man bereits für am Arbeitsplatz mutmaßlich entwendete Pfandbons über 1,30 EUR seine Arbeit los wird, ist so ein Meineid ja nicht uninteressant. Ich verweise auf diese drei Links, um sich über diese unschöne Angelegenheit zu informieren, die gepaart zu sein scheint mit Dirty Campaigning, sobald kritische Berichterstattung erfolgt:

 http://www.ruhrbarone.de/die-eidesstattliche-versicherung-von-fpd-kandidatin-koch-mehrin/und

http://kritik-und-kunst.blog.de/2009/06/02/ruhrbarone-versus-koch-mehrin-bitte-blog-kollegen-6219776/

http://juliehamburg.wordpress.com/2009/05/31/silvana-koch-mehrin-fdp-fur-zensur-und-lobbyismus/

Edit: Allein, man mag noch hinzufügen: In den Medien werden kaum Berichte über solches (zunächst einmal mutmaßliches) Verhalten erfolgen, da ja am Sonntag Wahlen sind. Und damit nur ja jeder hingeht, so ist das fröhliche Motte: Bloß keine schlechte Presse zur Europa-Wahl.

Immanuel Kant – Zum 205. Todestag

 Ich habe ihn, ich gebe es zu, vergessen vor lauter Thomas Bernhard: Immanuel Kant, welcher heute seinen 205. Todestag hat. Bernhard zumindest hätte es gefallen, am selben Tag sterben zu dürfen, wie jener große Philosoph der Aufklärung, zumal Bernhard schließlich ein Theaterstück mit dem Titel „Immanuel Kant“ geschrieben hat.

Kein besonderer und extra runder Todestag heute, doch ein besonderer Philosoph, der gerade jetzt in den Zeiten einer allgemeinen Manipulation durch die Medien und in der es kaum noch mediales, kritisches Gegengewicht gibt, wichtig ist und es wert ist, immer wieder und wieder gelesen und studiert zu werden. (Als kleines aufklärerisches Korrektiv sei hier etwa auf die Nachdenken-Seite oder auf „Kritik und Kunst“ verwiesen, um nur einige Seiten zu nennen.)

Also auf die Schnelle (was eigentlich ungerecht gegen ihn ist): ein paar Sätze zu Kant. (Doch ungerechter noch wäre es, gar nichts zu schreiben über diesen Großen aus Königsberg. Ich hätte heute – naturgemäß – auch gerne etwas zu Darwin geschrieben, doch die traumatischen Erfahrungen aus dem Leistungskurs Biologie halten mich davon ab.)

Nicht nur bedeutet Aufklärung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, wie es Immanuel Kant in seiner Schrift „Was ist Aufklärung“ schrieb, sondern es ist diese Aufklärung eine Lebenshaltung, um – zumindest im Denken, wenn es in der Praxis schon kaum noch möglich ist – standhaft zu bleiben innerhalb einer Welt, in der dauernd manipuliert und getrickst wird, um Menschen für dumm zu verkaufen und sie dahin zu bringen, wohin man sie haben will. Als kleines Nebenher-Mäandern: daß ausgerechnet die FDP, der Antreiber eines radikal neoliberalen Kurses, in der größten Wirtschaftskrise seit 1929 mit 18 % in den Umfragen dasteht, ist wohl eigentlich als ein Hohn anzusehen: um billig zu kalauern: es wählen sich die Kälber ihre Metzger selber, das Bürgertum glaubt, durch diesen Akt vorauseilenden Gehorsams noch einmal davon zu kommen: aber sie täuschen sich. Es kommt eben keiner so einfach davon, nur weil er auf den Gesang der Sirenen hört und sich mit dem Aggressor gemein macht: das, was die Krise eigentlich ausgelöst hat, soll sie wieder austreiben: lächerliche Homöopathie, die dem Publikum um den Bart geschmiert wird. Wie heißt es bei Heiner Müller: Erst wenn sie mit Schlachtermessern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen. So wird es leider kommen, und bei dieser nächsten Bundestagswahl 2009 wird der aufklärerische Impuls kaum Wirkung zeigen.

Aber um aus der unnützen Aufregung zurückzukommen: Insofern ist Aufklärung und Entschleierung hier mehr als wichtig, insofern tut Kant mehr als Not, nicht nur im Feld der theoretischen Philosophie die Grenzen der Metaphysik aufgezeigt zu haben, auf daß sie nicht Ansprüche erhebe, die ihr nicht zustehen, sondern auch im praktischen Bereich einer Ethik das Fundament zu sichern, ohne hier auf theologische Prämissen oder – als Gegenposition – auf das größte Glück der größten Zahl, also einen Utilitarismus, zurückgreifen zu müssen. Wie wäre es: wenn man einen Menschen opferte, um dafür 10 oder 100 oder 1000 usw. Menschen retten zu können? (Adorno sind solchen Beispiele ein Greuel, weil sie bereits Ausdruck des verdinglichten Denkens sind. Zu recht.) Nach Kant ist ein solches pragmatischen Verhalten, das sich am bloßen Kosten-Nutzen-Kalkül orientiert, völlig unstatthaft, und es gäbe für die Entscheidung, den einen zu opfern, keinerlei Begründung. Darin eben ist Kant so bedeutsam: daß es nicht um den kurzfristigen Effekt und Erfolg einer Handlung gehen kann, sondern daß etwas Prinzipielles im Vordergrund steht und Handlungen reflektierend leiten muß. Vielleicht läßt sich deshalb nach dem Scheitern des Marxismus, weil das historische Subjekt Proletariat aus der Geschichte sich verabschiedet hat, und jenseits oder diesseits einer Habermasschen Diskursethik mit der Kantischen Philosophie etwas anfangen, um eine Form der Begründung für Handlungen zu finden. Manchmal können ein oder zwei Schritte zurück gut tun, um einen Blick aus einer Ferne auf die vertrauten Dinge zu gewinnen. (Siehe auch da Karl Kraus-Wort)

Was man Kant, etwa von der Position Hegels aus, vorwerfen mag, ist dieses Ziehen von Grenzen, in denen die Vernunft ihren Bereich absteckt, denn nach Hegel heißt es, eine Grenze zu setzten, bedeutet, sie bereits zu überschreiten. Aber nicht nur innerhalb der theoretischen Vernunft, daß diese nämlich ihre eigenen Fähigkeiten nicht ausreizen möge zugunsten einer haltlosen Metaphysik, sondern auch zwischen der praktischen und der theoretischen Vernunft tut sich im Kantischen System eine Kluft und Grenze auf. Die am Ende offene Frage, wie die beiden Aspekte der Vernunft, nämlich der theoretische und der praktische, sich zuletzt vermittels einer „Kritik der Urteilskraft“ noch zusammenbringen lassen und ob überhaupt ein solcher Holismus wünschenswert oder möglich sei, dies gibt immer noch die große Frage der Moderne oder, mit dem leider in Vergessenheit geratenen Lyotard gesprochen, der Postmoderne ab. (In seiner Schrift „Der Widerstreit“ findet diesbezüglich eine hochinteressante Auseinandersetzung mit Kant statt.) Diese Fragen und die Entschleierung der Verhältnisse halten Kant in der kritischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart, denn nach ihm ist nur der kritische Weg allein noch offen, immer wieder aktuell.

Wie Ernst Bloch es schrieb: Kant ist das Schwarzbrot der Philosophie, was sagen will, daß seine manchmal etwas trockene Sprache nicht immer die „Lust am Text“ weckt; aber doch ist die Kantische Philosophie ein Grundnahrungsmittel, es geht um den Akt des Denkens, die Leistung der Vernunft, wenngleich sie sich in ihrer Selbstbewegung bei Kant noch nicht selber erkannt hat, dies geschieht erst mit Hegel. Aber wer einmal in diese Welt des klaren Gedankens und der klaren Sprache der Kantischen Philosophie eingedrungen ist, den lassen diese Sätze und dieses Denken so schnell nicht mehr los. Bis zu Hegel ist es dann nur ein kleiner Schritt. Zumindest aber ist die Kantische Philosophie für die heutige Zeit unentbehrlich. Denn die Aufklärung ist ein Projekt, welches noch sehr jung ist und eigentlich gerade erst eröffnet wurde. Momentan sind wir auf einem Weg in die andere Richtung. Vor allem in den Zeiten der Krise, wenn die Peitsche des Herren lauter knallt und die Rufe der gedungenen Antreiber und Aufseher schärfer werden, ist es in der kuscheligen Strohecke des Stalls besonders gemütlich und warm.