Öde Orte – Berlin

„Wir werden die besten einsamen Menschen aller Zeiten sein.“
So singt es Wanda auf ihrer neuen Platte: Lascia mi fare.

„Niente
Amore lascia mi fare
Non lascia mi fare
Niente“

Was für eine schöne Musik! Ich will wieder weg aus diesem Berlin und will endlich wieder in mein geliebtes Wien, lascia mi fare!

„daß meine Zeit nicht kommen wird …“ Nachklapp zum Büchnerpreis und zur Kritik an Jan Wagner

Auf der Skala schrill bis unangenehmer Töne kommt gleich nach dem Klagen vermeintlich zu kurz gekommener Pegidisten die Jeremiade von Dichtern, zu wenig zu verdienen und noch gleich darauf, das Jammern, weshalb um Himmels willen ausgerechnet der Dichter-Kollege X den Büchner-Preis bekam und nicht vielmehr der viel ruhmreichere Dichter Y oder die noch bessere Dichterin Z ihn erhielte. Wenn nicht gar der hochrelevante Dichter Omega. Ja, ja:

Hätte, könnte, sollte
wenn Witwe Bolte wollte.

Diese Klage wird meist im Namen anderer geführt. Gemeint ist aber in der Regel und indirekt man selbst, den es qua Preisgeld wieder einmal nicht an den Futtertrog verschlug. Welch Kleinmut und welche Verlogenheit noch dazu. Sich selber für den Preis ins Gespräch zu bringen: das wäre es! – Aber so weit ging nicht einmal Clemens J. Setz. Wenn deutsche Dichter wenigstens Mut hätten und jene gehörige Portion Größenwahn aufbrächten, zu sagen: „Ich selbst bin der wahre und richtige Kandidat für den Georg-Büchner-Preis. Einzig ich, niemand sonst!“ – eine Büchnerwürdige Szene im grauen Alltag des Literaturbetriebs gäbe dies. Um den Preis freilich, als Dichter nun völlig verbrannt für jeglichen Preis zu sein.

Karl Kraus schrieb in seiner „Fackel“ über jenen Größenwahn:

„Die tiefste Bescheidenheit, die vor der Welt zurücktritt, ist in ihr als Größenwahn verrufen. Wer von sich selbst spricht, weil kein anderer von ihm spricht, ist lästig. Wer niemand mit seiner Sache zu belasten wagt und sie selbst führt, damit sie nur einmal geführt sei, ist anmaßend. Und dennoch weiß niemand besser als ich, daß mir alles Talent fehlt, mitzutun, daß mich auf jedem Schritt der absolute Mangel dessen hemmt, was unentbehrlich ist, um sich wenigstens im Gedächtnis der Mitlebenden zu erhalten, der Mangel an Konkurrenzfähigkeit. Aber ich weiß auch, daß der Größenwahn vor der Bescheidenheit den Vorzug der Ehrlichkeit hat und daß es eine untrügliche Probe auf seine Berechtigung gibt: seinen künstlerischen Ausdruck. Darüber zu entscheiden, sind freilich die wenigsten Leser sachverständig, und man ist auch hier wieder auf den Größenwahn angewiesen. Er sprach: Selbstbespiegelung ist erlaubt, wenn das Selbst schön ist; aber sie erwächst zur Pflicht, wenn der Spiegel gut ist. Und jedenfalls ist es sogar ehrlicher, zum dionysischen Praterausrufer seiner selbst zu werden, als sich von dem Urteil der zahlenden Kundschaft abhängig zu machen. Die Journalisten sind so bescheiden, die Keime geistiger Saat für alle Zeiten totzutreten. Ich bin größenwahnsinnig: ich weiß, daß meine Zeit nicht kommen wird.“ (Karl Kraus, Die Fackel, 13.10.1908)

Man mag von Jan Wagners Dichtung halten, was man will. Aber noch einmal: Literaturpreise sind keine Gefälligkeitspreise, sie sind keine Alimentierungen für Dichter, die keine Lust haben, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Allenfalls sekundär haben sie auch das Ziel, Dichter zu unterstützen, damit sie weiter und vielleicht ein Stück weit unbeschwert wirken könne. Und Preise sind keine Auszeichnung für eine politisch korrekte Gesinnung oder fürs Geschlecht oder die ethnische Herkunft. Und natürlich lassen sich immer Namen finden, die ebenfalls geeignet und manchmal sogar geeigneter wären. Allein – das Spiel ist langweilig, und wenn man es spielt, dann sollte der Spieler wenigstens gute Gründe nennen, weshalb der Dichter Y auf die Liste oder aufs Preispodest gehörte. Einfach einen Namen in den Raum zu raunen ist kläglich. Zeugt nicht einmal von Größenwahn, sondern vielmehr von Kleinmut und neidischer Haltung. Invidia – eine der sieben Todsünden übrigens.

Die Geburt des modernen Märchens aus dem Geist des Punsches

Wer durch die Gassen Bambergs wandert, wird sich womöglich erinnern, daß in dieser oberfränkischen Stadt nicht nur Hegel als Redakteur bei der „Bamberger Zeitung“ schrieb – eine Würdigung dieses großen Mannes befindet sich an seinem Wohnhaus; leider versäumte man es, seine Vornamen in die richtige Anordnung zu bringen –, sondern ebenfalls wirkte einige Jahre lang E.T.A. Hoffmann in Bamberg. Relativ erfolglos debütierte er als Musikdirektor, schrieb dort einige seiner wichtigsten Werke, z.B. „Der goldene Topf. Ein Märchen aus neuerer Zeit“. Darin aus dem „Geist“ des Alkohols eine Geschichte sich entspinnt, in der ein Jüngling die Freuden der Liebe in Gedanken erfährt. Nicht genau weiß man, was daran Wahrheit, Dichtung, Erlebnis oder der berauschenden  Kraft von Einbildung und schwerem Punsch geschuldet ist. Ein sozusagen postmodernes Literaturkonzept avant la lettre. Die ungebändigte Phantasie eines Jünglings, samt dem zu dieser Phase des Lebens gehörigen Rausch – auch eines Rauschs der Verliebtheit. Insofern ist die Warnung bzw. der Fluch des Apfelweibleins, den diese im „Goldenen Topf“ gegen den Jüngling Anselmus ausspracht, ganz wörtlich zu nehmen: „ins Kristall bald dein Fall – ins Kristall“. Einige zu tiefe Blicke in das Glas getan. Aber schön war es doch!

Wenn ich durch die nächtlichen Gassen Bambergs spaziere, die gelben Lichter der Laternen, die Kälte und auch das Diesige in der Luft, das vom Fluß her aufsteigt und sich hoch oben um den Dom und über das Kloster legt, das in den Nebelschwaden verschwindet und wie Kafkas Schloß mir erscheint, so meine ich, daß sich aus den Ecken von Häusern oder hinter den Mauern Gestalten des Spuks entwinden. Aber alles ist leer. Und dieser Zustand macht die Szenerie der beschaulichen Stadt noch viel trügerischer. Es ist ein Trick, denke ich mir. Die Schritte meiner Schuhe hallen nach. Das Rauschen des Flusses an der Oberen Brücke. Je weiter man sich von der Altstadt entfernt, desto stiller und auch unheimlicher schürt sich die Atmosphäre der Nacht. Keine Menschenseele und mit etwas Punsch, Wein oder wie man es im Oberfränkischen sehr lecker wegsüffeln kann, dem Bier, gerät die Phantasie auf die schiefe Bahn. In einer kleinen Galeriekneipe trank ich einige Bier und zum Abschluß einen Kant-Wein, was Weißes, leicht und lecker. Nachts hallen die Schritte in den Straßen, an einem kleinen Brunnen stehen Grablichter, die leuchten. Für irgendwas. Nachts durch eine relativ unbekannte Stadt zu schlendern und den Alkohol im Blute zu haben, stachelt die wilde Phantasie auf. Da kann man den Dichter Hoffmann gut verstehen. Daß  ins Leben der Doppelgänger und ins Sinnieren samt dem daran gebundenen Spintisieren die Phantastik sich einschleicht und die Einbildungskraft sich entfesselt.

Das Ingenium des Dichters muß sich auf das des Philosophen übertragen. Bedauerlicherweise schätzte der kluge Hegel die Schauergeschichten des E.T.A. Hoffmann nicht sonders, er empfand sie vielmehr als abgeschmackte Kopfgeburten – eine Literatur, die den Krankheiten des Geistes das Wort redete, so dachte es Hegel sich in seinen Ästhetikvorlesungen.

„Vorzüglich jedoch ist in neuester Zeit die innere haltlose Zerrissenheit, welche alle widrigsten Dissonanzen durchgeht, Mode geworden und hat einen Humor der Abscheulichkeit und eine Fratzenhaftigkeit der Ironie zuwege gebracht, in der sich [Ernst] Theodor [Amadeus] Hoffmann z.B. wohlgefiel.“

Von der Poetik her genommen, sind diese Sätze Hegels zwar wenig schmeichelhafte Worte für die dunkle Dichtung des E.T.A. Hoffmann. Hegel hatte in diesem Sinne jedoch mehr recht, als er es ahnte und dies zudem ohne die von ihm intendierte negative Beimischung. Denn er formulierte ungewollt die Bedingungen der heraufziehenden literarischen Moderne, unter denen solches Schreiben  geschah –  samt einer Ästhetik des Häßlichen, wie sie der Hegelschüler Rosenkranz formulierte. Trunkenes Böses, Rausch und künstliche bis irre Paradiese – sei es in den USA Edgar Allan Poe und knapp 25 Jahre nach Hegels Tod dann Baudelaire. Dem Geist des Weines zumindest sprachen alle vier gerne zu.

„‚Es kann aber auch sein‘, sprach der Student Anselmus zu sich selbst, ‚daß der superfeine starke Magenlikör, den ich bei dem Monsieur Conradi etwas begierig genossen, alle die tollen Fantasmata geschaffen, die mich vor der Haustür des Archivarius Lindhorst ängsteten. Deshalb bleibe ich heute ganz nüchtern und will nun wohl allem weitern Ungemach, das mir begegnen könnte, Trotz bieten.‘ – So wie damals, als er sich zum ersten Besuch bei dem Archivarius Lindhorst rüstete, steckte er seine Federzeichnungen und kalligraphischen Kunstwerke, seine Tuschstangen, seine wohlgespitzten Rabenfedern ein, und schon wollte er zur Tür hinausschreiten, als ihm das Fläschchen mit dem gelben Liquor in die Augen fiel, das er von dem Archivarius Lindhorst erhalten. Da gingen ihm wieder all die seltsamen Abenteuer, welche er erlebt, mit glühenden Farben durch den Sinn, und ein namenloses Gefühl von Wonne und Schmerz durchschnitt seine Brust. Unwillkürlich rief er mit recht kläglicher Stimme aus: ‚Ach, gehe ich denn nicht zum Archivarius, nur um dich zu sehen, du holde, liebliche Serpentina?‘ – Es war ihm in dem Augenblick so, als könne Serpentinas Liebe der Preis einer mühevollen gefährlichen Arbeit sein, die er unternehmen müßte, und diese Arbeit sei keine andere, als das Kopieren der Lindhorstischen Manuskripte.“

Der Akt des Kopierens und der Schrift dienen in dieser Prosa als Voraussetzung für die Liebe. Sozusagen eine neue Art der Transzendentalpoesie in pragmatischer Absicht.

 

Beim Coq au Vin

Wolfram Siebeck ist tot. Ich habe seine Zeit-Kolumnen gerne gelesen, denn sie waren nicht nur für den Impuls verantwortlich, auch selber und für andere gutes Essen zu kochen, zu sotten und mit der Niedriggarmethode zu braten, nicht nur lehrreich, um Leckeres nachzukochen und daran technisch und kulinarisch zu wachsen, daß im Sinne der Aufklärung Geschmacks sich bilde, sondern oft auch polemisch-böse, vor allem, wenn Siebeck gegen deutsche Genußfeindschaft und gegen die schlechte Qualität von Produkten wetterte. Siebeck scheute es nicht, mit den großen Köchen sich anzulegen, wenn ihm was nicht schmeckte. Er liebte den Wein, wußte Qualität zu beschreiben, ohne daß es hochtrabend klang, sondern die Logik der Sache bestimmte seine Kritiken und Kolumnen. Fein vor allem seine Reiseberichte, wenn er Restaurants besuchte und über sie schrieb. Ich las sie, auch wenn ich wußte, daß ich als Wenigreisender, der gerne seine Ruhe zu Hause hat, nie diese Stätten betreten würde.

Essen

Manchmal habe ich versucht, Siebecks Gerichte nachzukochen – insbesondere für Frauenbesuch. Beim Coq au vin dauerte es der schönen frechen Frau zu lange, und sie fiel in der Küche mit Küssen einfach über mich her. (Sie ist oft ungeduldig. Und launisch vor allem.) Das Essen verschmorte zum Glück nicht, denn mit gutem Gerät brennt nichts an. Mein Rat für wichtigen Besuch und für schöne Momente: ein Restaurant aufsuchen. (Man kann sich da auch wunderbar in der Öffentlichkeit streiten.) Oder etwas Schnelles kochen. Auch dafür gibt es feine Rezepte.

Daß gutes Kochen, jenseits von dummen Kochsendungen und dem Modetrend Küche, der sich seit sechs oder sieben Jahren etablierte, auch ohne großes Gewese und Show funktioniert, zeigte Siebeck in seinen Sommerseminaren in der „Zeit“. Insbesondere jenes von 2006 sei hervorgehoben, wo er einer „nachwachsenden Generation die Grundzüge der feinen Küche“ erklärte. Daß Rosenkohl nicht muffig schmecken und riechen mußte, bewies er in einem schönen Rezept. Man kann Rosenkohl zusammen mit gutem Parmesan zubereiten. Oder mit Crème fraîche und Zitrone. Oder Blumenkohl in kleinste, zentimetergroße Röschen zerteilen, in Butter dünsten und dann mit Safran würzen. Der Blog für Ästhetik, Philosophie und Kunstkritik ist eben auch einer für Aisthetisches. Deshalb der Name und nicht nur Texte zur Kunst. Sowieso scheint sich seit einiger Zeit auch eine Art von Gastrosophie durchzusetzen. Etwa 2007 Harald Lemke mit einer „Ethik des Essens. Eine Einführung in die Gastrosophie“, und im gleichen Jahr „Die Kunst des Essens. Eine Ästhetik des kulinarischen Geschmacks“ sowie vor zwei Jahren „Über das Essen: philosophische Erkundungen“. Was ich davon halten soll, weiß ich nicht genau. Vielleicht eine lebensweltliche Phänomenologie im Sinne kritischer Theorie, wie etwa der lesenswerte Traktat von Detlev Claussen aus dem Jahr 1986: „Kleine Frankfurter Schulde des Essens und Trinkens“, wo es um den Geschmack und das Konsumsubjekt im Spätkapitalismus geht.

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Auch in der Küche wie in der Kunst sind sie zu entdecken: die Dinge, die die Sinne bereichern und aufsteigern. Ohne daß Kochen dabei zur technischen Trendsportart mutiert. In meiner Küche, die ansonsten ohne großen Schnickschnack auskommt, finden sich lediglich gute Messer und Töpfe.

„Übrigens werden die Benutzer scharfer Kochmesser beim Zwiebelschneiden unmittelbar belohnt. Weil die feinen Einschnitte den Zwiebelsaft nicht so hervorlocken wie ein ‚normales‘ Messer, fließen auch die Tränen kaum oder gar nicht.“

Und es stehen in der Küche zwei Kochbücher von Siebeck: „Alle meine Rezepte“. Darin präsentiert er Gerichte der verfeinerten bürgerlichen, mitteleuropäischen und mediterranen Küche. Es fungiert bei mir als Standardwerk: Vom einfachen Gericht bis zu komplexen Gängen läßt sich mit diesem Buch alles kochen. Dazu als Tip Weinsorten, die passend zu den Gängen getrunken werden könnten. Das nachzuprobieren und insbesondere nachzutrinken, übt und schärft die Sinne. Vor allem aber macht es Spaß. Ein weiteres Buch meines Küchenregals: „Die Deutschen und ihre Küche“ – vor allem deshalb ließ ich es mir schenken, weil darin das leckere Labskaus genannt wird und Siebeck erklärt, wie man es gut zubereitet.

Was mich an Wolfram Siebeck faszinierte, war sein Faible für guten Wein. Ein Genußmensch. Wer einmal nur ein paar gute Lagen gekostet hat, mag eigentlich nicht mehr aus dem Discounter trinken. Daß der Abschied nahe war, konnten wir sehen, weil seine Kolumnen in der „Zeit“ ausblieben. Der Mensch verschwindet mit seinen Texten. Und doch bleiben am Ende einzig die Texte und Bücher übrig. Der Rest sind Knochen.

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Über den Text von Sascha Macht kann man streiten. Über das dumme Geschwätz dazu auf Twitter nicht. Entsetzliche Mediendemokratie der Mediokren. Wie absurd und lächerlich, wenn die Qualität von Hemden oder einzelne Sätze von Juroren bekrittelt werden. Noch der Unkritischste geriert sich einmal im Leben als Kritiker. Ohne je eine einzige Erzählung je nur versucht zu haben. Grauenhaftes Zeitalter.

Schon Schiller kannte Twitter: „Kerls, die in Ohnmacht fallen, wenn sie einen Buben gemacht haben, kritteln über die Taktik des Hannibals …“

Hier allerdings stimmt es:

https://twitter.com/lilablossbIau/status/748437281476907008