Die Tonspur zum Samstag, für Lars von Trier

Für einen der bildgewaltigen Regisseure des 20. Jahrhunderts, nachträglich zum Geburtstag gereicht. Freilich nicht für ihn selbst und also für Lars von Trier dargebracht, denn er kennt schließlich seine eigenen Filme und die Bildszenen besser als jeder und er wird sich kaum für diesen Blog interessieren, aber doch als Referenz auf das gedacht, was ich liebe und ästhetisch schätze.

Daß Lars von Trier, wie auch Jean Paul, zu den großen Humoristen gehört, entgeht vermutlich den meisten Betrachtern seiner Filme. Pathos und Witz sind meist durch einen Faden aus zarter Zahnseide geschieden. Zum 30. April nachträglich mein Wunsch nach vielen weiteren Filmen: Schieß sie in Bildern nieder! Es sind die Sterne, die kalt und stumm auf uns herabschauen. Es sind solche von den wenigen, die zurückzublicken vermögen. Wohin gehst Du mit dem Teleskop? Mit der Linsenwaffe. Die Schläge ins Geschlecht und nichtrasierte Frauen. Gewalt, die an die Grenze des erträglichen geht. Kunst, die schmerzt. Bei Lars von Trier wird nicht korrekt gegendert oder das Soziale in ein nettes Problemchenfilmchen geparkt, sondern der Regisseur setzt sich dem Extrem aus. Dies kann bis zur rasenden Besessenheit gehen und so gebiert die Kamera wunderbare Bilder von Kraft und Ausdruck.

(Man muß sich für dieses YouTube-Video mit einer Altersangabe anmelden. Ich kann aber versichern: Es lohnt sich. Nicht nur wegen des Songs, dieser guten Cover-Version von „Hey Joe“ aus dem Film wunderbaren Film Nymphomaniac mit der großartigen, großen und wundervollen Schauspielerin und Sängerin Charlotte Gainsbourg. Solches gibt es nur in Frankreich, und nur ein Nordlicht weiß, wie man solch wilde Rosen weckt.)

 

 

 

Der versehrte Körper

„Es stand aber bei dem Kreuze Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, des Kleophas Weib, und Maria Magdalena. Da nun Jesus seine Mutter sah und den Jünger dabeistehen, den er liebhatte, spricht er zu seiner Mutter: Weib, siehe, das ist dein Sohn! Darnach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Darnach, da Jesus wußte, daß schon alles vollbracht war, daß die Schrift erfüllt würde, spricht er: Mich dürstet! Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Isop und hielten es ihm dar zum Munde. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied.“ (Joh. 19:25-29)

Passend zum Karfreitag einige Überlegungen zum Körper – freilich aus nichttheologischer Perspektive geschrieben, mit dem Schwerpunkt auf die Bildlichkeit -, und zwar über den in seiner physischen Beschädigung auch medial inszenierten Körper. Den in der Marter im Bild dargebotenen Körper als eine Weise der Repräsentation von Gottesfurcht und Dasein Gottes im dunklen Moment seiner (scheinbaren) Abwesenheit, einem Moment, der mit Notwendigkeit erfolgen muß – religio. Daß sich die Schrift erfülle. [Und um dieser Erfüllung willen ist auch eine Person wie Judas religionsdramaturgisch notwendig.]

Zugleich bleibt dieser Körper jedoch – trotz medialer Darbietung, insbesondere in der christlichen Ikonongraphie – akzidentell. Er ist Bild geworden. Eine Paradoxie in der Bildlektüre zeigt sich hier: einerseits verweist der bildlich dargestellte, gemarterte Körper auf ein bloßes Moment im Prozeß: Passionsgang, Marter, Zerschindung, Verklärung und Auferstehung als Geist. Das Zentrum des Bildes ist jedoch, trotz Kreuzestod, nicht die Marter. Andererseits kann sich jener Geist, die Aufhebung des Opfers, das trinitätische Wesen nicht in Abstraktion oder Ornament entäußern und präsentieren, sondern muß (womöglich mit Notwendigkeit) auf die ganz und gar sinnliche Form zurückgreifen. Der Geist und das Wesen Gottes bleiben auf die irdische Repräsentation samt den Repräsentationsmedien und damit auch: auf den Körper als Träger angewiesen.

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In jenem Körper des Gekreuzigten verbinden sich – zumindest in den meisten Bild-Inszenierungen des Abendlandes – Marter, Qual, Verklärung und Verzückung im Schmerz, so wie ihn die zahlreichen und vielschichtigen Gemälde von der Kreuzigung Christi zeigen, über jenes Kreuzigungsbild von Lucas Cranach d. Ä., aber auch El Grecos semi-expressive Leidverzückung in düsterroter Farbe. Oder wie später dann der (biblische) (Hollywood-)Film den Körper (als lesbares Zeichen) ausstellt – ob nun „Das Gewand“ oder „Ben Hur“ und in aller Drastik vielleicht bei Mel Gibsons „Die Passion Christi“. Aber auch Filme, die dem kulturindustriellen Strom entgegenstehen, wie „Montana Sacra“ von Alejandro Jodorowsky oder Pasolinis „Das 1. Evangelium – Matthäus“, präsentieren einen unter dem Zeichen der Religion gekerbten und versehrten Körper. Bei Pier Paolo Pasolini vielleicht durch die Schlichtheit der Darstellung und weil dort keine Überhöhungen  als kulturindustrieller Film-Kitsch und damit im Grunde eine Erniedrigung der Passion stattfinden, vielleicht noch am drastischsten. Die Leidensgeschichte kommt in einer ganz und gar unaufgeregten Form daher. Italienische Bauern als Laiendarsteller.

Eine der kunstgeschichtlich wohl heftigsten Darstellung des Leidens Christi während des Kreuzestodes findet sich in der Bildenden Kunst beim Isenheimer Altar in Colmar, so wie es das Tafelbild von Matthias Grünewald zeigt.

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Dieser Körper der Marter, grün fast, wie von Schimmel überzogen, wird erst in der Auferstehung zum Leib verklärt, und an diesem Leib sind dann alle Zeichen der Entstellung, der Folter und des Vergänglichen getilgt – elevatorische Transformation alles Irdischen und gegen alle Gesetze der Physik, umgeben von der Aureole. Eine herrliche Darstellung, die man sich unbedingt im Original betrachten muß. Das läßt sich in keiner Reproduktion erfassen.

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Ein (mögliches) Pendant zu jeglichem Kreuzigungsbild – inspiriert vom Dada – in satirisch-zuspitzender Absicht, und zugleich als eine komplexe Materie im freilich bereits abgelebten Gestus der Provokation und (notwendig) simplifizierend, zeigt uns Martin Kippenberger. Religion als Farce und dennoch provoziert solche Kunst bis heute:

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Das Bild  entstammt folgender hier verlinkter  Quelle.

Im biblischen Hollywoodfilm hingegen verweltlicht sich in monetärer Absicht der Aspekt der Marter und des Schmerzes. Der Kreuzestod geriet säkular und zur Produktion der Studios. Der Kalvarienberg und die Schädelstädte (des Geistes), auch hier eine Masseninszenierung, wenngleich in anderer Qualität als jene Gemälde und Altarbilder. Doch das Lebendige des Geistes ist nicht im Toten zu suchen oder gar zu fixieren, so wußte es bereits Hegel in seinen Vorlesungen über die „Philosophie der Geschichte“, wenn er im Hinblick auf die christlichen Kreuzzüge formuliert:

„Von Christus selbst konnte man keine Reliquien haben, denn er war auferstanden: das Schweißtuch Christi, das Kreuz Christi, endlich das Grab Christi wurden die höchsten Reliquien. Aber im Grabe liegt wahrhaft der eigentliche Punkt der Umkehrung, im Grabe ist es, wo alle Eitelkeit des Sinnlichen untergeht. Am Heiligen Grabe vergeht alle Eitelkeit der Meinung, da wird es Ernst überhaupt. Im Negativen des Dieses, des Sinnlichen ist es, daß die Umkehrung geschieht (…) Das Prinzip eurer Religion habt ihr nicht im Sinnlichen, im Grabe bei den Toten zu suchen, sondern im lebendigen Geist bei euch selbst. Die ungeheure Idee der Verknüpfung des Endlichen und Unendlichen  haben wir zum Geistlosen werden sehen, daß das Unendliche als Dieses in einem ganz vereinzelten äußerlichen Dinge gesucht worden ist.“ (Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte)

Im Prozeß von Moderne und Medien ist der gemarterte Körper zugleich als inszeniertes Ereignis und Spektakel und als eine Art Unterhaltungsnarrativ bedeutsam. Und zugleich weisen gelungene filmische oder überhaupt bildliche Darstellung auf mehr als nur Religiöses: nämlich auf die Folter. Auf eine Folter, die ohne Wenn und Aber und ohne Einschränkungen nicht sein darf. In den vier Evangelien finden sich z.B. keine nennenswerten Hinweise auf Gewalt am Körper Jesu, nichts an Gewalt wird dort in extenso ausgemalt, die Via Dolorosa ist kein Ort für bildliches Theater, für Passionsspiele und Filmeffekt, sondern allenfalls Zeichensprache. Die Gewalt am Körper um der Darstellung von Gewalt willen ist den Evangelien fremd, ihr zentrales Moment ist vielmehr das letzte Opfer des Menschen- und Gottessohnes als Ende jeden Opfers.

Anders der Hollywood-Film, der diese Gewalt am Körper im Extrem und als bereits fetischhafte Obsession inszeniert und in überbordenden, teils auch reißerischen Bildern darbietet, am drastischsten wohl in Mel Gibsons Film „Die Passion Christi“, den man weniger als einen religiösen Film, sondern als eine Orgie der Selbstdestruktion lesen kann – von der darin sich manifestierenden politischen Bildsprache einmal ganz abgesehen. Religion geschieht hier eben auch um des Effektes willen, dient möglicherweise gar der Produktion von Ideologie qua Bildsprache. Was nicht ausschließt, daß man bei „Die Passion Christi“ auch eine dekonstruktive Lesart wählen kann, die die Formen der Sexualisierung darstellt. [Jeder Fesselung wohnt ein Reiz inne. Sei’s der an den Felsen gefesselte Prometheus, sei’s der ans Kreuz geschlagene Jesus: formschöne, gezeichnete Männerkörper. Die Linie Jesus, Justine, Juliette ziehen. Was man als These dann wiederum konkret am Film selbst überprüfen müßte, auch sein ideologisches Moment, ich will mich hier nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen. Aber ich denke, daß solche Assoziationen aufschlußreich sein können.]

Verklärung des Leids oder Exzeß der Verausgabung?: „– Hat man mich verstanden –? Dionysos gegen den Gekreuzigten!“, wie es im letzten Satz von Nietzsches letzter Schrift heißt: „Ecce homo“. Oder eben Brot und Wein, wie wir es bei Hölderlin finden.

Die Grenze zwischen Lust, Erotik, Gewalt, Schmerz und Religion sind fließend: der kaum bekleidete, gemarterter Körper eines Mannes, den Blicken dargeboten, der Beckenbereich mit einem Schamtuch verhüllt und der warme, der heiße Schmerz durchfährt jede Faser des Körpers. Die Selbstgeißelung und auch die Fremdgeißelung, die sich im Akt des Religiösen ereignet, maskiert ein im Grunde sexuelles Spiel. (Und insofern wird mich auch Ulrich Seidls Film „Paradies: Glaube“ interessieren.)

Die Lust am versehrten Körper hängt einerseits mit einer Form von Gewalt zusammen, die eine absolute Macht darstellt, (der so ausgesetzte Subjekt-Körper als Homo sacer im Sinne Agambens), aber diese Lust ist nicht unbedingt nur totalitarismus- oder faschismuskompatibel, und es hat seine Gründe, weshalb Breker und Riefenstahl lediglich den makelloses Körper in Skulptur und Film umsetzten, von dem alle Spuren der Entstellung durch Mord und Folter getilgt wurden – man betrachte nur diese speer- und diskuswerfenden Männer in Riefenstahls Olympia-Film „Fest der Völker“. Man müßte diese Bilder neben Francis Bacons und Lucien Freuds Gemälden plazieren und zusammendenken. Mich haben immer schon die Gegensätze interessiert.

Der Körper aber, der bei der Kreuzlegung dann gebettet wird, ist aber versehrt. Soviel ist richtig. Doch diese Versehrung bildet keineswegs das zentrale Motiv der Passion.

„Und es war um die sechste Stunde, und es ward eine Finsternis über das ganze Land bis an die neunte Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels zerriß mitten entzwei. Und Jesus rief laut und sprach: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt, verschied er.“ (Lukas 23:44-46)

Man lese diese Stelle parallel mit Kafkas „Die Strafkolonie“. Der gemarterte Körper eines Gefangenen, bei Kafka, mit einer Schrift versehen, die zugleich Tat und Strafe zum Inhalt hat: der Körper als inszenierter Text. So und nicht anders haben wir Verfechter des Textes es gerne. Auch am Karfreitag. Und so geht die Rede des strafenden Offiziers:

„Es darf natürlich keine einfache Schrift sein; sie soll ja nicht sofort töten, sondern durchschnittlich erst in einem Zeitraum von zwölf Stunden; für die sechste Stunde ist der Wendepunkt berechnet. […] Begreifen Sie den Vorgang? Die Egge fängt zu schreiben an; ist sie mit der ersten Anlage der Schrift auf dem Rücken des Mannes fertig, rollt die Watteschicht und wälzt den Körper langsam auf die Seite, um der Egge neuen Raum zu bieten. Inzwischen legen sich die wundbeschriebenen Stellen auf die Watte, welche infolge der besonderen Präparierung sofort die Blutung stillt und zu neuer Vertiefung der Schrift vorbereitet. Hier die Zacken am Rande der Egge reißen dann beim weiteren Umwälzen des Körpers die Watte von den Wunden, schleudern sie in die Grube, und die Egge hat wieder Arbeit. So schreibt sie immer tiefer die zwölf Stunden lang. Die ersten sechs Stunden lebt der Verurteilte fast wie früher, er leidet nur Schmerzen. Nach zwei Stunden wird der Filz entfernt, denn der Mann hat keine Kraft zum Schreien mehr. Hier in diesen elektrisch geheizten Napf am Kopfende wird warmer Reisbrei gelegt, aus dem der Mann, wenn er Lust hat, nehmen kann, was er mit der Zunge erhascht. Keiner versäumt die Gelegenheit. Ich weiß keinen, und meine Erfahrung ist groß. Erst um die sechste Stunde verliert er das Vergnügen am Essen. Ich knie dann gewöhnlich hier nieder und beobachte diese Erscheinung. Der Mann schluckt den letzten Bissen selten, er dreht ihn nur im Mund und speit ihn in die Grube. Ich muß mich dann bücken, sonst fährt er mir ins Gesicht. Wie still wird dann aber der Mann um die sechste Stunde! Verstand geht dem Blödesten auf. Um die Augen beginnt es. Von hier aus verbreitet es sich. Ein Anblick, der einen verführen könnte, sich mit unter die Egge zu legen. Es geschieht ja weiter nichts, der Mann fängt bloß an, die Schrift zu entziffern, er spitzt den Mund, als horche er. Sie haben gesehen, es ist nicht leicht, die Schrift mit den Augen zu entziffern; unser Mann entziffert sie aber mit seinen Wunden. Es ist allerdings viel Arbeit; er braucht sechs Stunden zu ihrer Vollendung.“

Doch das Szenario, von dem der Offizier so angetan ist, mißlingt:

„Die Egge schrieb nicht, sie stach nur, und das Bett wälzte den Körper nicht, sondern hob ihn nur zitternd in die Nadeln hinein. Der Reisende wollte eingreifen, möglicherweise das Ganze zum Stehen bringen, das war ja keine Folter, wie sie der Offizier erreichen wollte, das war unmittelbarer Mord. Er streckte die Hände aus. Da hob sich aber schon die Egge mit dem aufgespießten Körper zur Seite, wie sie es sonst erst in der zwölften Stunde tat. Das Blut floß in hundert Strömen, nicht mit Wasser vermischt, auch die Wasserröhrchen hatten diesmal versagt. Und nun versagte noch das letzte, der Körper löste sich von den langen Nadeln nicht, strömte sein Blut aus, hing aber über der Grube, ohne zu fallen. […] Hierbei sah er [der Reisende, Hinw. Bersarin] fast gegen Willen das Gesicht der Leiche. Es war, wie es im Leben gewesen war; kein Zeichen der versprochenen Erlösung war zu entdecken; was alle anderen in der Maschine gefunden hatten, der Offizier fand es nicht; die Lippen waren fest zusammengedrückt, die Augen waren offen, hatten den Ausdruck des Lebens, der Blick war ruhig und überzeugt, durch die Stirn ging die Spitze des großen eisernen Stachels.“

Es war Mord.

(Bei diesem Text handelt es sich um eine leicht überarbeitete Fassung vom 29.3.2013)

Berlin, Berlin oder vom Geist eines Volkes (1)

„Unsere Städte haben enge stinkende Straßen – die Zimmer sind eng, dunkel getäfelt, mit dunklen Fenstern – große Säle niedrig und drücken, wenn man darin ist – um ja nichts Freies zu haben, wurden Säulen in der Mitte angebracht, so viel man konnte – es ist zutraulicher in einem kleinen Zimmer beisammen zu sitzen – hausväterlicher – ehemals zwar große Zimmer, gewöhnlich aber die ganze Haushaltung darin – Knechte und Mägde – man schlief, man speiste da – der ehemalige Geist der Deutschen, hauptsächlich in Hinsicht auf Kultur Hausväterlichkeit – ihre größte Ergötzlichkeit, z.B. schreckliches Saufen – überhaupt (wie auch in Treue und Glauben) Solidität – die Freude der Griechen lauter – fröhlicher – mäßiger – leichtsinniger – die Deutschen tranken nicht einen sokratischen sorgenfreien Becher – sondern Becher, bei denen man entweder bacchantisch lärmte – oder war er mäßiger, bei dem man sorgte – – Die gotische Bauart schauerlich – erhaben. Schon in der Bauart zeigt sich der verschiedene Genius der Griechen und Deutschen – jene wohnten frei, in weiten Straßen, in ihren Häusern waren offene, unbedeckte Höfe – in ihren Städten häufige große Plätze – ihre Tempel in einem schönen edeln Stil gebaut – einfach wie der Geist der Griechen – erhaben wie der Gott, dem sie geweiht waren. Die Bilder der Götter – die höchsten Ideale des Schönen – Die schönste menschliche Form, wie sie in der Morgenröte der Auferstehung hervorgehen mag – alles in der höchsten Kraft seines Daseins und Lebens dargestellt, keine Bilder der Verwesung – die scheußliche Larve des Todes war bei ihnen der sanfte Genius, der Bruder des Schlummers – Was bei dem Gottesdienst der Katholiken schön ist – ist entlehnt von den Griechen und Römern – der wohlduftende Weihrauch, und die schöne Madonna, aber die Tempel sind gotische Massen; die größten Werke der Kunst gewöhnlich in einem Winkel vergraben und überhaupt mit kindischen kleinlichen Zieraten, wie das Kind etwas Großes, etwas Erhabenes noch nicht fassen kann, dessen Seele noch nicht im Jünglings- oder Mannesalter des Geschmacks ist -“ (Hegel, Entwürfe zu: Fragment über Volksreligion und Christentum, in: GW I, S. 81)

Vielleicht dachte Hegel, als er jene EIngangssätze schrieb, an Berlin, darin er sich immerhin nach seiner Lehrzeit in Heidelberg von 1818 bis zu seinem Tode 1830 aufhielt. Zumindest nahm er einges davon, was heute im „Reichshauptstadtslum“ sich zuträgt, vorweg. Als ich dieses Zitat am Wochenende schon einmal für einen Blogbeitrag in spe einstellte, konnte ich noch nicht wissen, daß die Berliner Zeitung vom 30.7. über eine Forsa-Umfrage schrieb: Ein Drittel der Berliner mögen ihre Stadt nicht. In keiner anderen Stadt Deutschlands ist das Unbehagen am eigenen Wohnort derart hoch, in keiner anderen Stadt sind die Menschen unzufriedener mit der Situation. Verständlich freilich, wenn man sich genauer hier umsieht. Vom Nahverkehr angefangen, mit dem man nach 21 Uhr hier nicht mehr gerne unterwegs ist, bis hin zu jener zu Tode gesparten Feuerwehr. Man fragt sich, wie diese Stadt andere Projekte mit nationalpolitischer Dimension bewältigen will, wenn sie nicht einmal für ihre eigenen Belange Geld ausgibt. Treffend kommentiert diese desolate Lage Maritta Tkalec in der BLZ vom 31.7. Was vorgeblich als Toleranz postuliert wird, ist in Wahrheit die Verwahrlosung einer Stadt:

„Berlin ist nichts für zarte Gemüter. Wer es lange aushält in der Stadt, der hat ein dickes Fell. Ich komme aus Bitterfeld, einst als dreckigste und giftigste Stadt Europas bekannt – mich schreckt wenig. Bedeutet das Frieden mit vernachlässigten Schulen, verdreckten Spielplätzen, Parks voller Drogendealer, vermüllten Straßen? Nein! Ich hasse die Ratten auf meinem täglichen Arbeitsweg – am dichtesten liegen sie in allen Verwesungsgraden in einem der ärmsten Quartiere, am Moritzplatz.

Exemplarisch in Kreuzberg, aber nicht nur dort, befasst sich Kommunalpolitik obsessiv mit Gendersternchen, Unisexklos, duldet jahrelange Schulbesetzungen, lässt Menschen in subversiver politischer Absicht auf öffentlichen Plätzen campieren, akzeptiert rechtsfreie Räume und illegale Aktionen, statt am Gemeinwohl zu arbeiten, also an anstrengenden, langweiligen Dingen wie sauberen Straßen und Schülertoiletten.

Was da unter „Toleranz“ läuft, bedeutet Verwahrlosung. Kampfbereitschaft bricht erst aus, wenn das Monster Gentrifizierung sein Haupt erhebt – also Häuser saniert werden, qualifizierte Menschen mit gutem Einkommen bürgerliche Wünsche entwickeln: spritzenfreie Spielplätze, lernfreundliche Schulen, für gefahrenarm benutzbare Grünanlagen – oder gar Verwaltungen, die selbstverständlich Urkunden oder Pässe ausstellen, Hochzeitstermine vergeben oder Autos registrieren.“

Tu felix Bavaria. Wenn ich in süddeutsche Städte komme, selbst im häßlichen und ganz und gar unansprechenden Nürnberg, habe ich solche Verwahrlosung nicht erlebt. Im schönen Bamberg etwa geht einem das Herz auf, Menschen können auch freundliche Töne und bei der U-Bahn in München hatte ich nicht den Eindruck, ich säße live mitten in „The Walking Dead“. Ja, so und in dieser Weise, wie ich es in Bamberg, Bayreuth, Fürth oder München erlebe, stellt man sich menschliches Miteinander vor. Vielleicht ist es in der Tat so, daß der Mensch und die Gemeinschaft der Menschen nicht für Großstädte gemacht sind.

Sechs Wochen habe ich im Januar hier auf einen Amtstermin gewartet. Schulen sehen aus, als wäre man in einem Film, der gerade ein paar Jahre nach dem „Endsieg“ der Deutschen gedreht würde oder irgendwo in der 50er-Jahre-DDR in tiefer Provinz spielte. Wer durch Kreuzberg oder Neukölln geht, meint zuweilen auf einer Müllkippe zu spazieren. Hauswände, die wie Rotz aussehen. Brachen und Fassaden, als wäre vor wenigen Minuten Bomber Harris dagewesen oder es tobte eben noch ein Inferno. Dafür aber wird der eigenen Wählerschaft in Kreuzberg sexismusfreie Werbeflächen schmackhaft gemacht und eine dritte Klotür für ein drittes oder Xtes Geschlecht. Symbolpolitik der absonderlichen Art. Man kann all das gerne machen  und über die eigene Wählerklientel das Füllhorn ausschütten, nur gibt es für Stadt, Verwaltung sowie für die öffentliche Daseinsvorsorge Prioritäten. Wie viele Transgender-Menschen gibt es und vielviele Bürger, die einfach nur einen zeitnahen Termin bei einer Behörde benötigen? Man kann sich fragen, ob Straßenland, das vor sich hin rottet, ein angenehmer Anblick ist oder nicht eher schöne, attraktive Frauen auf Plakaten, die sich in Dessous präsentieren. Diese durch und durch hochkapitalistische Werbung ist – Ironie der Sache – die einzige Seinsform, die wenigstens den letzten Glanz in die verdorbene Hütte bringt. „Die Welt der Plakate“, und die Zeiten haben sich verdreht.

„Dagegen zog mich von jeher das Leben der Straße an, und den Geräuschen des Tages zu lauschen, als wären es die Akkorde der Ewigkeit, das war eine Beschäftigung, bei der Genußsucht und Lernbegier auf ihre Kosten kamen. Und wahrlich, wem der dreimal gefährliche Idealismus eingeboren ist, die Schönheit an ihrem Widerspiel sich zu bestätigen, den kann ein Plakat zur Andacht stimmen!“ (Karl Kraus, Die Welt der Plakate)

Und so geht es auch mit der Berliner Straßenlandschaft. Wer meint „Wir schaffen das“, der sollte zunächst einmal Geld für die eigenen Belange und die eigene Infrastruktur ausgeben. Sonst nämlich nimmt man die sogenannten „Leute“, die ja auch sogenannte „Wähler“ sind, nicht mit. Man kann denken, das sei nicht wichtig. Wahlen aber werden in der Mitte de Gesellschaft entschieden.

Und was die Prioritäten in einer Großstadt betrifft, die zufälligerweise noch die Hauptstadt dieses Landes ist, da spreche ich nicht einmal vom Flughafen BER, sondern von Elementarem: Nämlich einen zeitnahen Termin zur Kfz-Anmeldung oder beim Bezirksamt zu bekommen, S-Bahnen, die auch im Winter fahren, Stadtviertel, die nicht wie eine Toilette in Kalkutta aussehen. Allerdings ist all dies ein verschlepptes Problem, gleichsam ahnungsvoll aus uralten Zeiten aufgestiegen und sich hingezogen. Nicht nur r2g-spezifisch. Und da meine Miete hier sowieso alle drei Jahre um 100 Euro ansteigt, kann ich genauso die FDP oder die CDU wählen. Es ist ganz gleich. Und diese Gleichgültigkeit, die sich hier aus ganz unterschiedliche Gründen bei vielen einstellt, ist das schleichende Gift. Nicht nur für eine Stadt, sondern überhaupt für ein Gemeinwesen. Was man früher noch irgendwie als laisser faire oder als Toleranz wahrnahm, entpuppt sich zunehmend als fatal. Das fängt bei dem Arabermann an, der vorgestern nachts zugedrogt in die S-Bahn einsteigt und seine Füße breitbeinig aufs gegenüberliegende Polster der Sitzbank legt. Es ist auf der ganzen Fahrt des abends niemand da, der einmal nur sagt: „Füße runter!“ Diese Dinge fangen im Kleinen an.

Barbara Weitzel hat in der Berliner Zeitung eine schöne Kolumne, immer am Montag. In  ihrem Beiträge vom 6.8. schrieb sie, was man erlebt, wenn man mit S- und U-Bahnen fährt. Unterschiedliche Menschen, die einem begegnen und oft Stoff für interessante Geschichten liefern. Mag sein, daß es tagsüber so ist. Abends verzichtet man besser aufs Fahren, es sei denn, man ist Polizeireporter und will möglichst schnell vor Ort sein. Als ich  vor einiger Zeit in einem U-Bahnhof die Polizei rief, weil ein junger Mann die Wände dort mit Graffiti zuschmierte, sagte mir der Beamte am Telefon, ich solle den Mann solange festhalten, bis die Streife käme – es könne aber etwas dauern. Natürlich tat ich es nicht und wartete auf die Polizei, um als Zeuge dazusein. Als nach zehn Minuten die Streife immer noch nicht vor Ort war und auch der Sprayer zum Verschwinden ansetzte, ging ich auch. Soviel zum Bürgersinn.

Andererseits hat Berlin durchaus sein Flair. Und es gibt immer noch schöne, wunderbare Tage an der Spree und am Landwehrkanal, am Wannsee, an der Havel oder im Schleusenkrug. Das Außen der Stadt sind gut bewohnbar. Und ich könnte hier ein paar schöne Geheimnisse nennen, die ich aber nicht verrate, sonst sind diese herrlichen, an den Rändern der Stadt verborgenen Plätze kein verlassener Ort mehr und nicht mehr schön. Einer vielleicht sei genannt: Das Weinfest am Rüdesheimer Platz. Das ist etwas, was ich mag. Und auch  in Mitte spazierte es sich einmal schön, vor 15 Jahren war hier vieles noch anders, und davor sowieso. Clärchens Ballhaus ist auch so ein Ding, das man nicht missen möchte. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Und weil die Hitze der Hundstage – der Hundsposttage, mit Jean Paul ergänzt – so unerbittlich auf uns drückt, möchte ich mich dabei doch gerne an Theodor Storms kleines Gedicht aus der Regentrude erinnern:

Dunst ist die Welle,
Staub ist die Quelle!
Stumm sind die Wälder,
Feuermann tanzet über die Felder!

Nimm dich in acht!
Eh‘ du erwacht,
Holt dich die Mutter
Heim in die Nacht!

weil also gewissermaßen etwas Griechisches, Flirrendes  über dem Land liegt, freilich ohne daß irgendwie Pans Stunden anbräche, müßten wir hier im Blog zur Hochzeit der Philosophie auflaufen oder zur Hochzeit mit der antik-schönen, freilich längst vergangenen Mittelmeerwelt aufrufen. Lesend. Das könnten wir zum Beispiel über Herder, Hegel, den Volksgeist und das Verhältnis von Moralität und Sittlichkeit: allein, es drückt den Nordmenschen zu sehr die Wärme, nicht einmal der kühle Riesling aus dem schönen deutschen Elsaß oder der französischen Pfalz kühlt das Gemüt und dämpft die Phantasien.

 

 

Öde Orte – Berlin

„Wir werden die besten einsamen Menschen aller Zeiten sein.“
So singt es Wanda auf ihrer neuen Platte: Lascia mi fare.

„Niente
Amore lascia mi fare
Non lascia mi fare
Niente“

Was für eine schöne Musik! Ich will wieder weg aus diesem Berlin und will endlich wieder in mein geliebtes Wien, lascia mi fare!

„daß meine Zeit nicht kommen wird …“ Nachklapp zum Büchnerpreis und zur Kritik an Jan Wagner

Auf der Skala schrill bis unangenehmer Töne kommt gleich nach dem Klagen vermeintlich zu kurz gekommener Pegidisten die Jeremiade von Dichtern, zu wenig zu verdienen und noch gleich darauf, das Jammern, weshalb um Himmels willen ausgerechnet der Dichter-Kollege X den Büchner-Preis bekam und nicht vielmehr der viel ruhmreichere Dichter Y oder die noch bessere Dichterin Z ihn erhielte. Wenn nicht gar der hochrelevante Dichter Omega. Ja, ja:

Hätte, könnte, sollte
wenn Witwe Bolte wollte.

Diese Klage wird meist im Namen anderer geführt. Gemeint ist aber in der Regel und indirekt man selbst, den es qua Preisgeld wieder einmal nicht an den Futtertrog verschlug. Welch Kleinmut und welche Verlogenheit noch dazu. Sich selber für den Preis ins Gespräch zu bringen: das wäre es! – Aber so weit ging nicht einmal Clemens J. Setz. Wenn deutsche Dichter wenigstens Mut hätten und jene gehörige Portion Größenwahn aufbrächten, zu sagen: „Ich selbst bin der wahre und richtige Kandidat für den Georg-Büchner-Preis. Einzig ich, niemand sonst!“ – eine Büchnerwürdige Szene im grauen Alltag des Literaturbetriebs gäbe dies. Um den Preis freilich, als Dichter nun völlig verbrannt für jeglichen Preis zu sein.

Karl Kraus schrieb in seiner „Fackel“ über jenen Größenwahn:

„Die tiefste Bescheidenheit, die vor der Welt zurücktritt, ist in ihr als Größenwahn verrufen. Wer von sich selbst spricht, weil kein anderer von ihm spricht, ist lästig. Wer niemand mit seiner Sache zu belasten wagt und sie selbst führt, damit sie nur einmal geführt sei, ist anmaßend. Und dennoch weiß niemand besser als ich, daß mir alles Talent fehlt, mitzutun, daß mich auf jedem Schritt der absolute Mangel dessen hemmt, was unentbehrlich ist, um sich wenigstens im Gedächtnis der Mitlebenden zu erhalten, der Mangel an Konkurrenzfähigkeit. Aber ich weiß auch, daß der Größenwahn vor der Bescheidenheit den Vorzug der Ehrlichkeit hat und daß es eine untrügliche Probe auf seine Berechtigung gibt: seinen künstlerischen Ausdruck. Darüber zu entscheiden, sind freilich die wenigsten Leser sachverständig, und man ist auch hier wieder auf den Größenwahn angewiesen. Er sprach: Selbstbespiegelung ist erlaubt, wenn das Selbst schön ist; aber sie erwächst zur Pflicht, wenn der Spiegel gut ist. Und jedenfalls ist es sogar ehrlicher, zum dionysischen Praterausrufer seiner selbst zu werden, als sich von dem Urteil der zahlenden Kundschaft abhängig zu machen. Die Journalisten sind so bescheiden, die Keime geistiger Saat für alle Zeiten totzutreten. Ich bin größenwahnsinnig: ich weiß, daß meine Zeit nicht kommen wird.“ (Karl Kraus, Die Fackel, 13.10.1908)

Man mag von Jan Wagners Dichtung halten, was man will. Aber noch einmal: Literaturpreise sind keine Gefälligkeitspreise, sie sind keine Alimentierungen für Dichter, die keine Lust haben, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Allenfalls sekundär haben sie auch das Ziel, Dichter zu unterstützen, damit sie weiter und vielleicht ein Stück weit unbeschwert wirken könne. Und Preise sind keine Auszeichnung für eine politisch korrekte Gesinnung oder fürs Geschlecht oder die ethnische Herkunft. Und natürlich lassen sich immer Namen finden, die ebenfalls geeignet und manchmal sogar geeigneter wären. Allein – das Spiel ist langweilig, und wenn man es spielt, dann sollte der Spieler wenigstens gute Gründe nennen, weshalb der Dichter Y auf die Liste oder aufs Preispodest gehörte. Einfach einen Namen in den Raum zu raunen ist kläglich. Zeugt nicht einmal von Größenwahn, sondern vielmehr von Kleinmut und neidischer Haltung. Invidia – eine der sieben Todsünden übrigens.

Die Geburt des modernen Märchens aus dem Geist des Punsches

Wer durch die Gassen Bambergs wandert, wird sich womöglich erinnern, daß in dieser oberfränkischen Stadt nicht nur Hegel als Redakteur bei der „Bamberger Zeitung“ schrieb – eine Würdigung dieses großen Mannes befindet sich an seinem Wohnhaus; leider versäumte man es, seine Vornamen in die richtige Anordnung zu bringen –, sondern ebenfalls wirkte einige Jahre lang E.T.A. Hoffmann in Bamberg. Relativ erfolglos debütierte er als Musikdirektor, schrieb dort einige seiner wichtigsten Werke, z.B. „Der goldene Topf. Ein Märchen aus neuerer Zeit“. Darin aus dem „Geist“ des Alkohols eine Geschichte sich entspinnt, in der ein Jüngling die Freuden der Liebe in Gedanken erfährt. Nicht genau weiß man, was daran Wahrheit, Dichtung, Erlebnis oder der berauschenden  Kraft von Einbildung und schwerem Punsch geschuldet ist. Ein sozusagen postmodernes Literaturkonzept avant la lettre. Die ungebändigte Phantasie eines Jünglings, samt dem zu dieser Phase des Lebens gehörigen Rausch – auch eines Rauschs der Verliebtheit. Insofern ist die Warnung bzw. der Fluch des Apfelweibleins, den diese im „Goldenen Topf“ gegen den Jüngling Anselmus ausspracht, ganz wörtlich zu nehmen: „ins Kristall bald dein Fall – ins Kristall“. Einige zu tiefe Blicke in das Glas getan. Aber schön war es doch!

Wenn ich durch die nächtlichen Gassen Bambergs spaziere, die gelben Lichter der Laternen, die Kälte und auch das Diesige in der Luft, das vom Fluß her aufsteigt und sich hoch oben um den Dom und über das Kloster legt, das in den Nebelschwaden verschwindet und wie Kafkas Schloß mir erscheint, so meine ich, daß sich aus den Ecken von Häusern oder hinter den Mauern Gestalten des Spuks entwinden. Aber alles ist leer. Und dieser Zustand macht die Szenerie der beschaulichen Stadt noch viel trügerischer. Es ist ein Trick, denke ich mir. Die Schritte meiner Schuhe hallen nach. Das Rauschen des Flusses an der Oberen Brücke. Je weiter man sich von der Altstadt entfernt, desto stiller und auch unheimlicher schürt sich die Atmosphäre der Nacht. Keine Menschenseele und mit etwas Punsch, Wein oder wie man es im Oberfränkischen sehr lecker wegsüffeln kann, dem Bier, gerät die Phantasie auf die schiefe Bahn. In einer kleinen Galeriekneipe trank ich einige Bier und zum Abschluß einen Kant-Wein, was Weißes, leicht und lecker. Nachts hallen die Schritte in den Straßen, an einem kleinen Brunnen stehen Grablichter, die leuchten. Für irgendwas. Nachts durch eine relativ unbekannte Stadt zu schlendern und den Alkohol im Blute zu haben, stachelt die wilde Phantasie auf. Da kann man den Dichter Hoffmann gut verstehen. Daß  ins Leben der Doppelgänger und ins Sinnieren samt dem daran gebundenen Spintisieren die Phantastik sich einschleicht und die Einbildungskraft sich entfesselt.

Das Ingenium des Dichters muß sich auf das des Philosophen übertragen. Bedauerlicherweise schätzte der kluge Hegel die Schauergeschichten des E.T.A. Hoffmann nicht sonders, er empfand sie vielmehr als abgeschmackte Kopfgeburten – eine Literatur, die den Krankheiten des Geistes das Wort redete, so dachte es Hegel sich in seinen Ästhetikvorlesungen.

„Vorzüglich jedoch ist in neuester Zeit die innere haltlose Zerrissenheit, welche alle widrigsten Dissonanzen durchgeht, Mode geworden und hat einen Humor der Abscheulichkeit und eine Fratzenhaftigkeit der Ironie zuwege gebracht, in der sich [Ernst] Theodor [Amadeus] Hoffmann z.B. wohlgefiel.“

Von der Poetik her genommen, sind diese Sätze Hegels zwar wenig schmeichelhafte Worte für die dunkle Dichtung des E.T.A. Hoffmann. Hegel hatte in diesem Sinne jedoch mehr recht, als er es ahnte und dies zudem ohne die von ihm intendierte negative Beimischung. Denn er formulierte ungewollt die Bedingungen der heraufziehenden literarischen Moderne, unter denen solches Schreiben  geschah –  samt einer Ästhetik des Häßlichen, wie sie der Hegelschüler Rosenkranz formulierte. Trunkenes Böses, Rausch und künstliche bis irre Paradiese – sei es in den USA Edgar Allan Poe und knapp 25 Jahre nach Hegels Tod dann Baudelaire. Dem Geist des Weines zumindest sprachen alle vier gerne zu.

„‚Es kann aber auch sein‘, sprach der Student Anselmus zu sich selbst, ‚daß der superfeine starke Magenlikör, den ich bei dem Monsieur Conradi etwas begierig genossen, alle die tollen Fantasmata geschaffen, die mich vor der Haustür des Archivarius Lindhorst ängsteten. Deshalb bleibe ich heute ganz nüchtern und will nun wohl allem weitern Ungemach, das mir begegnen könnte, Trotz bieten.‘ – So wie damals, als er sich zum ersten Besuch bei dem Archivarius Lindhorst rüstete, steckte er seine Federzeichnungen und kalligraphischen Kunstwerke, seine Tuschstangen, seine wohlgespitzten Rabenfedern ein, und schon wollte er zur Tür hinausschreiten, als ihm das Fläschchen mit dem gelben Liquor in die Augen fiel, das er von dem Archivarius Lindhorst erhalten. Da gingen ihm wieder all die seltsamen Abenteuer, welche er erlebt, mit glühenden Farben durch den Sinn, und ein namenloses Gefühl von Wonne und Schmerz durchschnitt seine Brust. Unwillkürlich rief er mit recht kläglicher Stimme aus: ‚Ach, gehe ich denn nicht zum Archivarius, nur um dich zu sehen, du holde, liebliche Serpentina?‘ – Es war ihm in dem Augenblick so, als könne Serpentinas Liebe der Preis einer mühevollen gefährlichen Arbeit sein, die er unternehmen müßte, und diese Arbeit sei keine andere, als das Kopieren der Lindhorstischen Manuskripte.“

Der Akt des Kopierens und der Schrift dienen in dieser Prosa als Voraussetzung für die Liebe. Sozusagen eine neue Art der Transzendentalpoesie in pragmatischer Absicht.

 

Beim Coq au Vin

Wolfram Siebeck ist tot. Ich habe seine Zeit-Kolumnen gerne gelesen, denn sie waren nicht nur für den Impuls verantwortlich, auch selber und für andere gutes Essen zu kochen, zu sotten und mit der Niedriggarmethode zu braten, nicht nur lehrreich, um Leckeres nachzukochen und daran technisch und kulinarisch zu wachsen, daß im Sinne der Aufklärung Geschmacks sich bilde, sondern oft auch polemisch-böse, vor allem, wenn Siebeck gegen deutsche Genußfeindschaft und gegen die schlechte Qualität von Produkten wetterte. Siebeck scheute es nicht, mit den großen Köchen sich anzulegen, wenn ihm was nicht schmeckte. Er liebte den Wein, wußte Qualität zu beschreiben, ohne daß es hochtrabend klang, sondern die Logik der Sache bestimmte seine Kritiken und Kolumnen. Fein vor allem seine Reiseberichte, wenn er Restaurants besuchte und über sie schrieb. Ich las sie, auch wenn ich wußte, daß ich als Wenigreisender, der gerne seine Ruhe zu Hause hat, nie diese Stätten betreten würde.

Essen

Manchmal habe ich versucht, Siebecks Gerichte nachzukochen – insbesondere für Frauenbesuch. Beim Coq au vin dauerte es der schönen frechen Frau zu lange, und sie fiel in der Küche mit Küssen einfach über mich her. (Sie ist oft ungeduldig. Und launisch vor allem.) Das Essen verschmorte zum Glück nicht, denn mit gutem Gerät brennt nichts an. Mein Rat für wichtigen Besuch und für schöne Momente: ein Restaurant aufsuchen. (Man kann sich da auch wunderbar in der Öffentlichkeit streiten.) Oder etwas Schnelles kochen. Auch dafür gibt es feine Rezepte.

Daß gutes Kochen, jenseits von dummen Kochsendungen und dem Modetrend Küche, der sich seit sechs oder sieben Jahren etablierte, auch ohne großes Gewese und Show funktioniert, zeigte Siebeck in seinen Sommerseminaren in der „Zeit“. Insbesondere jenes von 2006 sei hervorgehoben, wo er einer „nachwachsenden Generation die Grundzüge der feinen Küche“ erklärte. Daß Rosenkohl nicht muffig schmecken und riechen mußte, bewies er in einem schönen Rezept. Man kann Rosenkohl zusammen mit gutem Parmesan zubereiten. Oder mit Crème fraîche und Zitrone. Oder Blumenkohl in kleinste, zentimetergroße Röschen zerteilen, in Butter dünsten und dann mit Safran würzen. Der Blog für Ästhetik, Philosophie und Kunstkritik ist eben auch einer für Aisthetisches. Deshalb der Name und nicht nur Texte zur Kunst. Sowieso scheint sich seit einiger Zeit auch eine Art von Gastrosophie durchzusetzen. Etwa 2007 Harald Lemke mit einer „Ethik des Essens. Eine Einführung in die Gastrosophie“, und im gleichen Jahr „Die Kunst des Essens. Eine Ästhetik des kulinarischen Geschmacks“ sowie vor zwei Jahren „Über das Essen: philosophische Erkundungen“. Was ich davon halten soll, weiß ich nicht genau. Vielleicht eine lebensweltliche Phänomenologie im Sinne kritischer Theorie, wie etwa der lesenswerte Traktat von Detlev Claussen aus dem Jahr 1986: „Kleine Frankfurter Schulde des Essens und Trinkens“, wo es um den Geschmack und das Konsumsubjekt im Spätkapitalismus geht.

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Auch in der Küche wie in der Kunst sind sie zu entdecken: die Dinge, die die Sinne bereichern und aufsteigern. Ohne daß Kochen dabei zur technischen Trendsportart mutiert. In meiner Küche, die ansonsten ohne großen Schnickschnack auskommt, finden sich lediglich gute Messer und Töpfe.

„Übrigens werden die Benutzer scharfer Kochmesser beim Zwiebelschneiden unmittelbar belohnt. Weil die feinen Einschnitte den Zwiebelsaft nicht so hervorlocken wie ein ‚normales‘ Messer, fließen auch die Tränen kaum oder gar nicht.“

Und es stehen in der Küche zwei Kochbücher von Siebeck: „Alle meine Rezepte“. Darin präsentiert er Gerichte der verfeinerten bürgerlichen, mitteleuropäischen und mediterranen Küche. Es fungiert bei mir als Standardwerk: Vom einfachen Gericht bis zu komplexen Gängen läßt sich mit diesem Buch alles kochen. Dazu als Tip Weinsorten, die passend zu den Gängen getrunken werden könnten. Das nachzuprobieren und insbesondere nachzutrinken, übt und schärft die Sinne. Vor allem aber macht es Spaß. Ein weiteres Buch meines Küchenregals: „Die Deutschen und ihre Küche“ – vor allem deshalb ließ ich es mir schenken, weil darin das leckere Labskaus genannt wird und Siebeck erklärt, wie man es gut zubereitet.

Was mich an Wolfram Siebeck faszinierte, war sein Faible für guten Wein. Ein Genußmensch. Wer einmal nur ein paar gute Lagen gekostet hat, mag eigentlich nicht mehr aus dem Discounter trinken. Daß der Abschied nahe war, konnten wir sehen, weil seine Kolumnen in der „Zeit“ ausblieben. Der Mensch verschwindet mit seinen Texten. Und doch bleiben am Ende einzig die Texte und Bücher übrig. Der Rest sind Knochen.

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Über den Text von Sascha Macht kann man streiten. Über das dumme Geschwätz dazu auf Twitter nicht. Entsetzliche Mediendemokratie der Mediokren. Wie absurd und lächerlich, wenn die Qualität von Hemden oder einzelne Sätze von Juroren bekrittelt werden. Noch der Unkritischste geriert sich einmal im Leben als Kritiker. Ohne je eine einzige Erzählung je nur versucht zu haben. Grauenhaftes Zeitalter.

Schon Schiller kannte Twitter: „Kerls, die in Ohnmacht fallen, wenn sie einen Buben gemacht haben, kritteln über die Taktik des Hannibals …“

Hier allerdings stimmt es:

https://twitter.com/lilablossbIau/status/748437281476907008