Selektives Sehen

Diese Firma weiss, was Sie denken. Cambridge Analytica kann mit einer neuen Methode Menschen anhand ihrer Facebook-Profile minutiös analysieren. Und verhalf so Donald Trump mit zum Sieg.“ So schreibt der Zürcher Tages-Anzeiger.

Was Journalisten bei Donald Trump mit einem Male alles auffällt, das sie bisher und in anderen Zusammenhängen geflissentlich übersahen, das ist schon interessant zu beobachten. Aber wer weiß – vielleicht erhält ja durch Trump der kritische Journalismus tatsächlich wieder Auftrieb. Ironie des Zeitgeistes sozusagen oder aber eine Hegelsche List der Vernunft in der Geschichte. Nachdem es viele Zeitungen mit der Agenda 2010 (Hallo „Spiegel“) nicht so genau nahmen und sie die soziale Umverteilung von unten nach oben als alternativlos dem Leser andealten, nachdem Journalisten mit der Kritik am Neoliberalismus kräftig sparten wie dieser an den Gehältern der Arbeiter, um die Taschen der Aktionäre dafür umso mehr zu füllen; nach den Berichten über die sozialen Proteste in Portugal, Spanien, Griechenland, die in den Medien weitgehend ausfielen oder lediglich als Randnotiz auftauchten, bis hin zur Lage in der Ukraine (Hallo Alice Botha) oder in den USA, samt den Tricksereien von Hillary Clinton (Hallo Joffe). Nachdem man all das nicht so genau nahm, ist es erfrischend zu lesen, wie manche Zeitung ihren kritischen Geist wiederentdeckt.

Wäre eigentlich bei einem Clinton-Sieg auch so exakt hingeschaut worden? Frage ich mal maliziös.

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Geschichten aus der Produktion

„… Sonntag, die Parodie der Freiheit von Arbeit …“ (Th. W. Adorno)

 
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Die neue Weinerlichkeit oder das kleine Einmaleins der Warenkunde

Wenn in der Konsumgüter produzierenden Wirtschaft ein Produkt bei den Verbrauchern sich nicht gut verkauft, dann gibt es, sobald sich Marktforscher daran machen, die Ursachen dafür zu ergründen, kein einziges Unternehmen, das hinterher dem Verbraucher die Schuld zuschiebt und flugs behauptet, der Kunde wäre nur zu dumm für das Produkt gewesen oder er sei ein Arschloch. Sondern das Unternehmen versucht, entweder das Marketing zu verändern und die Vorzüge der Ware herauszustreichen, oder wenn das nicht funktioniert, rät der Marktforscher dem Produzenten, die Ware so zu verändern, daß der Kunde mit ihr etwas anfangen kann und sie gerne kauft. Was nicht überzeugt, wird nicht gekauft. Dieser Grundsatz gilt im Kapitalismus übrigens nicht nur für alle Waren, die sich irgendwie auf dem Markt anbieten.

Ansonsten verweise ich nicht nur auf meine Rezension von Didier Eribons Buch  „Rückkehr nach Reims“ (und auch hier ein Teaser dazu), sondern ich empfehle aus der „Berliner Zeitung“ das Interview mit Didier Eribon:

Eribon: „Der Begriff Klasse gilt als altmodisch und marxistisch. Klassen gibt es gar nicht mehr, heißt es jetzt. In den 80ern hat vor allem die sozialistische Partei in Frankreich versucht, die Existenz einer Sozialstruktur nach Klassen zu verleugnen. Stattdessen sprach man von der Selbstbestimmtheit des Individuums und dessen Verantwortung für sich selbst. Man sagte den Leuten: ‚Wenn du arbeitslos bist und keinen Schulabschluss hast, ist das deine schuld.‘

Wozu führte das?

Eribon: Damit nahm man den Arbeitern ihre Identität. Das Problem ist: Klassen existieren, auch wenn keiner darüber sprechen möchte. Und in dieses Vakuum stieß der FN. Marine Le Pen hat vor einigen Tagen noch in einer Rede gesagt: „Wir sind diejenigen, die für die Arbeiterklasse kämpfen.“ Die AfD in Deutschland und Ukip in Großbritannien machen das Gleiche.

In Deutschland ist Rechtspopulismus noch ein recht neues Thema. Haben Sie hier ähnliche Entwicklungen beobachtet wie in Frankreich.

Eribon: In Deutschland hat es in den vergangenen Jahrzehnten eine Prekarisierung der Arbeit gegeben. Und wie in Frankreich waren es auch in Deutschland die linken Parteien unter Kanzler Schröder, die das politisch durchgesetzt haben. In Großbritannien hat die Labour-Regierung sich ebenfalls nicht um die Arbeiterklasse gekümmert, obwohl das eigentlich ihr Klientel sein müsste. Wenn man sich anschaut, wer für den Brexit gestimmt hat, dann deckt sich das mit den Gebieten, die von der Deindustrialisierung am stärksten betroffen waren.“

(Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/25198024 ©2016)

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„Aufruhr der Mittelschichten“, Verdinglichung und Dinghaftes – Zum 50. Todestag von Siegfried Kracauer

siegfried-kracauer-portrait-640x1096Wieder einmal verspätet – um zwei Tage. Vor 50 Jahren verstarb Siegfried Krakauer in New York. 1933 wurde er, wie viele andere auch, aus Deutschland ins Exil getrieben. Er landete am Ende in den USA und kehrte, anders als Adorno und Horkheimer, nie mehr nach Deutschland zurück. Da er das Dickicht der Städte liebte, war New York kein schlechter Ort für Kracauer. In Christian Krachts jüngstem Roman zum Kino, in „Die Toten“ taucht Kracauer  realiter auf, was nicht weiter verwundert, denn eine Geschichte des Kinos der 20er und dann der 30er Jahre unter Hitler ist ohne Kracauers Standardwerk „Von Calligari zu Hitler“ kaum zu denken, und auch der Blick auf jene Zeit der Weimarer Republik, der im Keim bereits ihr Untergang eingeschrieben war, bliebe ohne Kracauers Texte unvollständig. Und so ist es ein schöner Zug von Kracht, daß bei einer Taxifahrt Kracauer höchstselbst  zusammen mit Lotte Eisner durch Berlin kutschiert. Angemessen auch deshalb, weil Kracauer die Städte liebte und ein großer Flaneur war. Sein Buch „Straßen in Berlin und anderswo“ (bei Suhrkamp) und ansonsten verstreut zu findende Artikel in den vier Essaybänden der Gesamtausgabe, geben davon auf schöne Weise Zeugnis. Stadtbilder, das war für Kracauer wie auch für Walter Benjamin jenes Zauberwort:

„Man kann zwischen zwei Arten von Stadtbildern unterscheiden: den einen, die bewußt geformt sind, und den andern, die sich absichtslos ergeben. Jene entspringen dem künstlerischen Willen, der sich in Platzen, Durchblicken, Gebäudegruppen und perspektivischen Effekten verwirklicht, die der Baedeker gemeinhin mit einem Sternchen beleuchtet. Diese dagegen entstehen, ohne vorher geplant worden zu sein. Sie sind keine Kompositionen, die wie der Pariser Platz oder die Concorde ihr Dasein einer einheitlichen Baugesinnung zu verdanken hatten, sondern Geschöpfe des Zufalls, die sich nicht zur Rechenschaft ziehen lassen. Wo immer sich Steinmassen und Straßenzüge zusammenfinden, deren Elemente aus ganz verschieden gerichteten Interessen hervor gehen, kommt ein solches Stadtbild zustande, das selber niemals der Gegenstand irgendeines Interesses gewesen ist. Es ist so wenig gestaltet wie die Natur und gleicht einer Landschaft darin, daß es sieh bewußtlos behauptet. Unbekümmert um sein Gesicht dämmert es durch die Zeit.

Vor meinem Fenster verdichtet sich die Stadt zu einem Bild, das herrlich wie ein Naturschauspiel ist.

(…)

Diese Landschaft ist ungestelltes Berlin. Ohne Absicht sprechen sich in ihr, die von selber gewachsen ist, seine Gegensätze aus, seine Härte, seine Offenheit, sein Nebeneinander, sein Glanz. Die Erkenntnis der Städte ist an die Entzifferung ihrer traumhaft hingesagten Bilder geknüpft.“

Kracauer war nicht nur Filmkritiker, sondern ebenso Soziologe. Er schrieb übers „Ornament der Masse“ und auch heute noch aktuell zu lesen ist sein Essay über den „Aufruhr der Mittelschichten“ (man beachte dabei den Plural!), es gibt von ihm die „Soziologie als Wissenschaft“, eine Studie über die Angestellten und über den Detektivroman. Die Erkenntnis der Städte wird jedoch im Falle des Flaneurs nicht bloß als eine methodisch abgesicherte Soziologie betrieben, sondern Kracauer beobachtet und dechiffriert aus den Zeichen und aus den „traumhaft hingesagten Bildern“ Ton und Textur der Stadt, destilliert in feiner Prosa ihr Spezifisches heraus. Es ist bei Kracauer nicht nur der Blick, sondern Bild und Sprache bedingen sich – die Bilder zeigen sich nicht, sondern sie sind hingesagt. Und die Natur selbst transformiert sich bei Kracauer, wird – als Bild – auf die Stadt selbst übertragen: so erscheint die Stadt als eine Landschaft, auf die genausogut die Kategorie des Naturschönen angewandt werden kann. Ähnlich wie bei dem Spaziergänger Baudelaire, der die Künstlichkeit liebte und mit der Natur als solcher nichts anfangen  konnte, vielmehr: der ihre Maskeraden und Verwesungsprozesse festhielt und sie als ein Stück Mode und Kultur entzifferte und die Prozesse der Natur auf die Gesellschaft übertrug.

Es ist bei Kracauer aber ebenso der Blick auf die Zeit, der sein Denken bestimmte, die Sicht des Erkenntniskritikers auf Vergangenes, auf die Dinge, auf Szenen, Stücke des Lebens, das Hören von Liedern, eine Phänomenologie des Alltags, die Kracauer umtreibt. Die Medien Film und Photographie sind Speicherorte solcher Geschichten:

„Auch die Wiedergabe alter Schlager oder die Lektüre einst geschriebener Briefe beschwört wie das photographische Bildnis die zerfallene Einheit neu herauf. Diese gespenstische Realität ist unerlöst. Sie besteht aus Teilen im Raum, deren Zusammenhang so wenig notwendig ist, daß man sich die Teile auch anders angeordnet denken könnte. Das hat einmal an uns gehaftet wie unsere Haut, und so haftet unser Eigentum noch heute uns an. Wir sind in nicht enthalten, und die Photographie sammelt Fragmente um ein Nichts.“ (Kracauer, Die Photographie)

Was für eine bedrückende und zugleich aufreizende Melancholie, die sich mit der Erkenntnis paart, wie vergänglich unsere Existenz sich gestaltet. Unseres fragmentarischen Charakters innewerden. Vermittels der Bilder, auf denen auch wir Menschen zu Dingen werden. Es ist dies eine eigene und ästhetisch inspirierte Variante der Verdinglichung, der zugleich die Erkenntnis ums Fragile unseres Lebens eingewirkt ist.

Adorno hielt zur Würdigung Kracauers einen Radiovortrag; er trug den Titel „Der wunderliche Realist“. Kracauer allerdings war über diesen Titel verständlicherweise wenig begeistert, obgleich es Adorno anders meinte, als Kracauer annahm. Am Ende dieses Vortrags findet sich ein feiner Blick auf das Werk Kracauers, der pointiert ausspricht, was der Gehalt seines Denkens ist:

„Die Fixierung an die Kindheit, als eine ans Spiel, hat bei ihm die Gestalt von einer an die Gutartigkeit der Dinge; vermutlich ist der Vorrang des Optischen bei ihm gar nicht das erste, sondern die Folge dieses Verhältnisses zur Dingwelt. Im Motivschatz seiner Gedanken dürfte man Aufbegehren wider die Verdinglichung vergebens suchen. Einem Bewußtsein, das argwöhnt, es sei von den Menschen verlassen, sind die Dinge das Bessere. An ihnen macht der Gedanke wieder gut, was die Menschen dem Lebendigen angetan haben. Der Stand der Unschuld wäre der der bedürftigen Dinge, der schäbigen, verachteten, ihrem Zweck entfremdeten; sie allein verkörpern dem Bewußtsein Kracauers, was anders wäre als der universale Funktionszusammenhang, und ihnen ihr unkenntliches Leben zu entlocken, wäre seine Idee von Philosophie.“ (Adorno, Der wunderliche Realist)

Lesenswert und schön zu betrachten ist neben den oben genannten Aufsätzen auch ein Photo-Band bei diaphanes:

Kracauer. Fotoarchiv, herausgegeben von  Maria Zinfert, mit Fotografien von Elisabet und Siegfried Kracauer. 49,95 EUR,  ISBN 978-3-03734-670-9. 

Darin finden sich zahlreiche Portraits von Kracauer, Photographien aus dem Nachlaß und von den Reisen, die Kracauer und seine Frau unternahmen. Hinzu kommen umfassende Begleittexte der Herausgeberin.

Aktuell ist Kracauer, wie überhaupt die Kritische Theorie, angesichts einer Zeit aufkeimender totalitärer Strukturen allemal. Seine Abhandlung  „Die Angestellten“ wäre wiederzuentdecken. Und insbesondere für die Methoden Qualitativer Sozialforschung können seine „Studien zu Massenmedien und Propaganda“  als heuristisches Werkzeug Mittel und Ideen liefern, um als Soziologe wie als Beobachter unserer Zeit den Blick aufs Jetzt zu schärfen. Und zwar nicht im Ton der wehklagenden Blasenwelten, wie wir sie gut aus dem Berliner Medienmilieu kennen, denen es um ihre eigenen Komfortzonen geht. Krisenerfahrungen lassen sich zwar nie im Modus eins-zu-eins übertragen. Aber im Blick auf die Vergangenheit können wir manches für die Gegenwart lernen. Darin bleiben Siegfried Kracauers Werke nach wie vor aktuell.

„Die prekäre Lage des Mittelstands ergibt sich daraus, daß seine Angehörigen einerseits proletarisiert werden, andererseits durchaus in den bürgerlichen Traditionen befangen sind. Sie wehren sich, eben auf Grund dieser Tradition, erbittert gegen den Kommunismus und müssen doch zugleich ihre Stellung im kapitalistischen Produktionsprozeß negieren. Im herrschenden System sind sie nicht mehr ohne weiteres unterzubringen. Daher streben sie eine Veränderung dieses Systems, ohne doch eine Diktatur des Proletariats bejahen zu können.“ (Kracauer, Studien zu Massenmedien und Propaganda)

Von sowjetmarxistischen Zeiten einer Diktatur des Proletariats sind wir Lichtjahre entfernt. Aber die Erfahrung der Krise und die Desorientierung breiter Kreise dieser Gesellschaft, bis hinein zu den (noch) Arrivierten – Hartz IV und die neoliberale Agenda 2010 der Grünen und der SPD haben gezeigt, daß es jeden treffen kann –, gestaltet sich ähnlich. Es lohnt sich also, Siegfried Kracauer für die Gegenwart neu zu entdecken.

 

 

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Postfaktisch? Postkoital!

Dummes Zeug – solch ein Begriff wie „postfaktisch“. Und dumm auch das Nachplappern, wenn Journalisten und Kolumnisten uns Jahrhunderte alten Wein in neuen Schläuchen verkaufen wollen. Nun aber, mit Trump, ist es amtlich und auch beim letzten Ärmelschoner angekommen: das postfaktische Zeitalter. Gerne wird das Alte in neuem Gewand hochgejazzt und à la mode aufgepeppt.

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Die Konstruktion von Wirklichkeit mittels Sprache ist jedoch keine neue Erfindung, und wir haben all das nicht erst seit Donald Trump. Der mittlerweile für jeden Scheiß als Reiztuch herhalten muß und als Katalysator dient. Aber immerhin, einen Effekt hat Trump: Der Spiegel, den man bei kritischer Berichterstattung zu Clinton und zur Ukraine zum Jagen tragen mußte, beginnt mit einem Male wieder skeptisch über die USA zu berichten. Aber ist das nicht böser Anti-Amerikanismus, lieber Spiegel, den ihr da verbreitet? So ging doch die Parole immer, wenn man Clinton, Obama oder Bush kritisierte und eine differenzierte Berichterstattung forderte.

Ich würde ansonsten behaupten, daß „Spiegel Online“ und andere Medien seit einigen Jahrzehnten bereits postfaktischen Journalismus betreiben. Auch insofern ist all das im Westen nichts Neues.  André Mielke schrieb gestern in seiner Kolumne in der Berliner Zeitung: heute ist im Journalismus die Haltung wichtiger als die Recherche. Statt der aufwendigen und teuren Nachforschung leisten sich viele Journalisten und Zeitungen lieber eine politisch korrekte Gesinnung, die dann als Bericht sich ergießt. Bloß nicht nach Sachsen reisen und mal recherchieren, stattdessen von Berlin aus über Bautzen schwadronieren. Immerhin lieferte die Zeit im Dossier eine gute Reportage zu Bautzen und schickte eine Reporterin vor Ort.

Am Ende halte ich es  jedoch mit der Kunst, in diesem Falle mit Durs Grünbein und seinem Rondo „Après l’amour“, ein Gleiten zwischen Körper, Haut und Geist, darin die postkoitale Erfahrung zum Stoff der Dichtung wird.

APRÈS L’AMOUR

Gleich nach dem Vögeln ist Liebe der bessere Stil.
Die Tierhaut entspannt sich, das Herz fängt sich ein.
Flacher Atem bläst Schweiß aus den Schlüsselbeinmulden.
Auf der Zunge zergangen, löschen Spermien den Durst
Auf den Nachwuchs. Die Achselhöhlen, den müden Bauch,
Alles holt sich der Schlaf. Wie nach zuviel Theologie
Kehren die Laken sich um. Altes Dunkel am Rand,
Neue Ränder im Dunkel. Die Kniekehlen zwitschern
Zweistimmig stimmlos ihr Post-Coital, ein Rondeau.
Eben noch naß, richten die Härchen wie Fühler sich auf.
Betäubt, summa summarum gestillt, hört dieser Schmerz
Des Lebendigsein bis zur Erschöpfung auf weh zu tun.
Zurück in der Zeit, sind die Körper an keinem Ziel.
Gleich nach der Liebe ist Vögeln der bessere Stil

 

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Das auratische Kunstwerk – Man Ray zum 40. Todestag

Sterben sei ein echt surrealistischer Akt, verkündete André Breton in seinem zweiten Surrealistischen Manifest, und zwar indem man einfach mit einem Revolver in die Menge schießt. Der Schock, den solche Sätze auslösten, lag darin, daß Breton es ernst meinte. Nicht bloß als Kunst verkleidet, sondern real: Einmalig und unwiderruflich. In der Gegenwart, angesichts eines politischen Islams erhalten diese Proklamationen der Kunst ein anderes Gewicht. Insbesondere ein Jahr nach dem Massaker im Pariser Bataclan-Theater.

Vielleicht machen wir es eine Nummer harmloser und es ist ein echt surrealistischer Akt, einen Tag nach dem Todestag (und damit verspätet) eine kleine Würdigung zu schreiben. Sowieso sind all diese Kunstdinge angesichts ihrer Vernutzung und den sich überschlagenden Realitäten eine Sache des Museums, was bedeutet, daß sie Zeit haben und sich aufschieben. Die klassischen Avantgarden wurden das, was sie nie wollten: Inventar des Museums und ihre Werke wurden zu Sammlerobjekten. Sammler, die Geld besitzen, denn diese Objekte muß man sich zunächst leisten können. Andererseits ist wegen der Selbstreferenzialität all der Debatten der letzten Tage, vor allem die Selbstbezüglichkeitsdiskurse auf Facebook und andernorts in Kommentarspalten, die Kunst ein guter Ort, auszuschweifen.

objectdestroyedWas bleibt von Man Ray? Faszinierend sind seine Solarisationsbilder, seine Rayographien, weil sie die Photographie vom Abbildrealismus wegführen. Erotisch aufgeladen sind die Frauenportraits, oft in Close-up-Manier geschossen, und die zunächst neusachlich anmutenden Objektphotographien, die es nicht sind, weil sie das eine Objekt mit einem ganz anderen Gegenstand in Verbindung setzen – Baudelaires Korrespondenzen in seinem gleichnamigen Gedicht und Lautréamont Anordnung von Nähmaschine und Regenschirm auf dem Operationstisch ins Bild übertragen und konkretisiert – huldigen dem Ding-Fetischismus. Ontologisches Photographieren. Als besonders gelungenes Kunstwerk bei Man Ray möchte ich jedoch jenes „Indestructible Object“/„Object to Be Destroyed“ herausgreifen und betrachten. Das „Object to Be Destroyed“ spielt in seiner Präsenz, die zunächst nur für Man Ray selbst bestimmt war – erst später wurde dieses Objekt musealisiert und damit zum Gegenstand öffentlicher Ausstellung – mit verschiedenen Ebenen und reizt eine Vielzahl an biographischen und ästhetischen Bezügen aus: das Verrinnen der Zeit im Takt, Liebesverlust, der Blick eines toten Auges, der Blick eines Bildes. Und zudem ein blinder Blick. Augen, die nicht zurücksehen. Im dreidimensionalen Objekt manifestiert sich das zweidimensionale Bild.

Dieses Kunstwerk wurde (in einer rekonstruierten Variante) auf der Documenta 2012 präsentiert, und zwar passender Weise gegenüber den Photographien von Lee Miller. Sie und Man Ray waren Anfang der 30er Jahre ein Liebespaar. Vermittels dieser Korrespondenz gibt es eine unsichtbare Achse und (biographische) Linien, die zwischen den Kunstwerken wirken. Lee Millers Photographien, insbesondere 1945 nach der Befreiung Deutschlands, in München nackt in der Badewanne Hitlers sitzend, und Man Rays eigentümlicher Gegenstand, der ohne Kontextwissen schlicht unerklärlich oder zumindest rätselhaft bleibt.

Das „Original“ dieses Ready Mades schuf Man Ray 1923. Ein Metronom, an dem auf einem Taktstock die Photographie eines ausgeschnittenen Auges befestigt war. Ein „klassisches“ Ready-Made ist dieses Objekt jedoch nicht, denn der Alltagsgegenstand wird mit einem anderen Objekt besetzt, das zu diesem Ding in keinem unmittelbaren Verhältnis steht. Nicht anders als auf den Photographie Man Rays jener Nagel, der den Stil des Apfels ersetzt, oder die Walnuß neben dem Feuerzeug, auf dem der Name Man Ray eingraviert ist. Diese Idee, im Metronom Bewegung und Blick zu verbinden, erwies sich so genial wie einfach: das Tempo der Musik und der Blick; der Takt und das Auge, mithin Zeit und Raum, verdichten sich in einem flüchtigen Gebilde, das durchs Fortnehmen des Auges sogleich wieder umfunktioniert werden konnte. Ein Gegenstand, der Kunst und doch nicht Kunst ist – jene beharrliche Figur der Klassischen Moderne, ein Wiedergänger, bis hin zum Pop hin: die „Verklärung des Gewöhnlichen“ (Arthur C. Danto), indem ein Gegenstand als Gegenstand zum Kunstwerk sich transformiert, und zwar nicht auf dem Umweg, daß dieses Objekt gemalt oder photographiert wird, sondern rein in seiner Materialität.

Ein Metronom organisiert die Aufführung und das Spiel der Musik. Man Ray, so geht die Überlieferung, benutzte dieses Metronom beim Zeichnen wie es ein Pianist beim Klavierspielen verwendet. Weil aber ein Zeichner Zuschauer benötige, so erzählte Man Ray, um sich eine Legende zu stricken oder aber weil es der Wahrheit entsprach, heftete er ein Auge an jenen Taktstock. Etwa um 1932 zeichnete Man Ray dieses Objekt auf Papier und nannte es „Object of Destruction“, dazu gab es einen kleinen Text, gewissermaßen eine Anweisung:

„Cut out the eye from a photograph of one who has been loved but is seen no more. Attach the eye to the pendulum of a metronome and regulate the weight to suit the tempo desired. Keep going to the limit of endurance. With a hammer well-aimed, try to destroy the whole at a single blow.“

Jene legendäre Lee Miller, das Weib seiner Begierde, lernte Man Ray 1929 in Paris kennen. Sie trennten sich 1932 und Miller reiste von Paris wieder zurück nach New York. Lee Miller war keine jener klassischen Musen wie Kiki de Montparnasse, sondern sie ging ihren eigenen Weg, wollte nicht das Objekt eines Künstlers, sondern eine selbständige Künstlerin sein und als solche auch wahrgenommen werden. Bereits als sie Man Rays Photoschülerin war, bewies sie ihren eigenen ästhetischen Sinn und entwickelte einen spezifischen Stil.

Nun aber war die Frau weg – back in New York. Zunächst heftete Man Ray als Sehnsuchtsobjekt und im Wahn des Begehrens das Auge von Lee Miller an das Metronom-Objekt. Im Akt der Obsession oder auch kalt kalkuliert, wir wissen es nicht, zerstörte Man Ray dieses Ready Made anschließend mit einem Hammer, und er reduzierte und destruierte zugleich sein Model aus Fleisch und Blut, das mehr war als nur Model – Man Ray idealisierte und entwertete Lee Miller im gleichen Zug. Leidenschaft, Exzesse und Liebe, all die Verwerfungen aus Liebe, bewegten sich nun innerhalb der Kunst. Noch einige Zeit später trug Man Ray in der Tasche seines Jacketts ausgeschnittene Augen von Lee Miller. So geht die Legende. Eine Art von Sandmann-Symptom vielleicht. Nur daß die Kastration hier symbolisch und an der Frau stattfindet.

Aber ein Ready Made ist eben, anders als das auratische (Gemälde-)Kunstwerk, das an seine Einmaligkeit im Gemachtsein gebunden bleibt, unzerstörbar. Es läßt sich wieder herstellen, und Man Ray stellte also das Objekt wieder her, und zwar in unterschiedlichen Varianten. Es gibt von einem Ready Made unendlich viele Transformationen und Kopien – nicht anders als es beim Text der Fall ist. Und Man Ray nutzte diese Möglichkeit, mit dem Kunstobjekt zu spielen und es auf seine Weise zu vervielfältigen. Ready Mades sind reproduzierbar. Sie lassen sich immer wieder neu auf- oder nachbauen, und so geschah es auch mit jenem Metronom.

„Indestructible Object“/„Object to Be Destroyed“ bezeichnet nicht nur das Verhältnis von Zeit und Liebe, von Kunst und Leben, von Vergänglichkeit, Einmaligkeit der Liebe und unendlicher Liebe, es zeigt nicht nur das Spiel der Kunst und das der Liebe an und taktet, sondern innerhalb des Titels manifestiert sich die Unvergängliche von Kunst, das mit dem Vergehen zugleich kontaminiert ist, und ein Reigen philosophischer Fragen schließt sich daran an: Was an diesem Ding ist unzerstörbar und was geht den Weg alles Vergänglichen? Gewissermaßen eine Variante des Paradoxons vom Schiff des Thesseus: Behält ein Gegenstand seine Identität, wenn alle seine Teile, die Planken, Masten und Segel, ausgetauscht und durch neue Teile ersetzt wurden? Ist der Kölner Dom nach allen Restaurierungen noch der Kölner Dom? Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit oder in diesem Falle das Kunstwerk im Zeitalter seiner Substituierbarkeit bleibt am Ende im Blick der Interpretationen, der ästhetisierenden Blicke und Lektüren auratisch aufgeladen. Selbst dann, wenn die Einmaligkeit des Werkes im Zeitlauf der Kunst zerstört wurde. Insbesondere dieses geniale Objekt Man Rays zeigt uns die Ambivalenz des Werkes und weist darauf, daß Kunst nach wie vor mit der Aura besetzt ist, und zwar genau dann, wenn wir um ein Werk eine Geschichte, eine Erzählung spinnen können. Wir werden die Idealismus und wir werden Platon nicht los. Kunst und Mythos.

Die Ästhetik, die Kunst sowie deren Kritik lebt von den Interpretationen, von den Lektüren und Korrespondenzen, auch in jenem Sinne Baudelaires, wie es in seinem gleichnamigen Gedicht entfaltet wird:

„La Nature est un temple où de vivants piliers
Laissent parfais sortir de confuses paroles;
L‘homme y passe à travers des forêts de symboles
Qui l‘observent avec des regards familiers.

Die Natur ist ein Tempel, wo aus lebendigen Pfeilern zuweilen wirre Worte dringen; der Mensch geht dort durch Wälder von Symbolen, die mit vertrauten Blicken ihn beobachten“ (Übers. v. Friedhelm Kemp)

Dieses Verhältnis kann man ebenfalls mit dem Ausdruck Verdinglichung bezeichnen oder eben in einer geschickten Volte als Freiheit zum Objekt betrachten.

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Wolf Biermann zum 80. Geburtstag

Es kreischt leise, dann geht es lauter, spielt ins Schrille hinüber, man könnte meinen, es sei eine sanfte Variante des Industrial Sounds. Doch für die 60er Jahre ist diese Musik zu früh dran. Um die Ecke kurvt eine Straßenbahn. Automotoren rasseln im Hintergrund. Auch den Wind meinte ich zu hören, und es dringen da die Geräusche der Stadt ins Zimmer. Was für ein Auftakt bei einer Langspielplatte, denke ich mir, als ich diese Klangcollage zum ersten Mal höre. Von der Idee ist es von Biermann genial gewesen, das Auftritts- und Produktionsverbot in der DDR, das seit Mitte der 60er Jahre herrschte, einfach zur Waffe zu machen und die Lieder in der eigenen Wohnung aufzunehmen. So konnte es jeder hören: Kein Studio, Improvisiertes, denn der Lärm von der Straße, von der Chausseestraße, war nicht draußenzuhalten. Alles Dämmen half nichts, so berichtet Biermann in seiner Autobiographie „Warte nicht auf bessere Zeiten“. Also der Straßenlärm, genialer Trick und genauso genial die Idee, diese LP einfach nach seinem Wohnort zu benennen: Chausseestraße 131. Offenheit kann in diesem Falle schützen, um nicht im Stasi-Knast gebrochen zu werden. Und dann diese laute, schreiende Stimme, der wilde Sound dieser Gitarre, als das Spiel anhob. Hingerissen, als ich diesen Song aus Protest, Lautstärke und Leidenschaft hörte. Vor allem aber jene Kritik an den Zuständen im realexistierenden Sozialismus und an denen, die da bauten:

ZUEIGNUNG
Die Ballade ist gewidmet
jenen sogenannten guten
Wirklich tief besorgten Freunden:Revolutionäre Zittrer
Die mich quälen, mürben, öden
Wenn sie mir mit leichenbittrer
Müder Klassenkämpferpose
Unsern Feind im Westen zeigen
Mit gestrichen voller Hose
Aber hier im Osten schweigen

Meine erste Begegnung mit Wolf Biermann hatte ich 1979, mit 14 Jahren. In der Bücherhalle meiner Stadt lag eine Kassette aus: „Warte nicht auf beßre Zeiten“. Der Titel sprach mich an, junger Butsche der ich war und der politisch links und Kommunismus für sich zu entdecken begann. In Deutsch lasen wir eine Zeit vorher ein Gedicht von Biermann, das von der Dialektik zwischen Natur und von Gesellschaft handelte. Das, was uns als Natur erscheint, ist eigentlich Produkt der Gesellschaft und was wir als Natur sehen, ist mit Gesellschaft besetzt. Diese Dialektik und die Verschleierungen hatte ich in der Interpretation schnell verstanden und schrieb es. Der Lehrer gab die für mich übliche Note. So griff ich mir in der Stadtbücherei diese Kassette und hörte zu. Ich mochte das Spiel der Gitarre, diese Stimme, die sich überschlug, die schrie, die sanft und dann wieder grob anhob. Und zu meiner großen Freude konnte ich pubertierender Junge damit meine Mutter ärgern, die bestürzt die Tür zum Kinderzimmer aufriß und rief, daß ich diesen Krach sofort leiser machen solle, was sei das überhaupt für ein entsetzlich schreiender Mann? Mit Chuck Berry, mit Rocken und Rollen sowie Johnny Cash konnte ich sie kaum ärgern, denn das war immer ihre Musik gewesen. Mit Biermann schon. Und nun wird der Junge auch noch ein Kommunist, so mag sich Muttern gedacht haben. Denn Kommunist mit feurigrotem Herzen war Biermann damals noch – auch nach seiner Ausbürgerung in die BRD. Glaubte ans „Paradies uff Erden“ und spottete über die „verdorbenen Greise“ in Wandlitz:

Die Finsterlinge – na grade die!
reden vom Morgenrot
vom lichten Morgenrot
Die Generäle – na grade die!
reden vom Heldentod
vom schönen Heldentod.
Aah ja…!

„So oder so, die Erde wird rot“, das behagte mir und es kam der Satz von Rosa Luxemburg dazu: „entweder Übergang zum Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei.“ So dachte ich und wie alle Linken glaubten wir ans Prinzip Hoffnung.

Eigentlich gehöre ich nicht zu jenen, die auf simple Botschaften von Liedermachern hereinfallen. Songs, die dem Protest die Richtung vorschreiben, waren mit von Jugend an nicht geheuer, ich wollte nie wissen, wo die Blumen sind und wo sie geblieben waren. Vermutlich beim Schnitter, dachte ich mir. Deshalb heißt es ja Schnittblumen. Und schon gar nicht mag ich kollektive Veranstaltungen, wenn Menschen im Konzertsaal zu „We shall overcome“ selbstgefällig schunkeln – ausgerechnet bei diesem Lied, das davon lebt, bei einer Demo von Schwarzen auf der Straße gesungen zu werden. Bei Biermanns Liedern war es anders. Diese mit Brechtscher Volte geschlagenen Texte, diese Frechheit und natürlich der Umstand, daß sie in der DDR schlicht verboten waren, trugen dazu bei, daß ich mehr davon begehrte. Auch lieh ich mir das erste Biermann Quarthefe von Wagenbach „Die Drahtharfe“.

Zwar kann man diese Texte als Gedichte lesen, aber sie funktionieren eigentlich nur über die Musik – anders als die Lyrik Brechts, die auch für sich haltbar ist. Doch haben die Texte Biermanns mit den Brechtschen Gedichten oft den Ton und auch die Dialektik sowie die Tücke des Politischen gemeinsam. Hören aber muß man sie von Biermann auf der Gitarre geschlagen. Obwohl Biermann den legendären Ernst Busch kannte, verfiel er nie auf die Idee, den Barrikadentauber in irgendeiner Weise zu imitieren. Und selbst da, wo mancher eine Ähnlichkeit feststellen mag, schlägt es bei Biermanns Musik in den genialen Eigensinn um. Schreien, Kreischen, Spott für jene Greise, die sich in Wandlitz selbst einmauern, Spott für die Stasi, obwohl Biermann genau wußte, wozu das Pack fähig war. Dennoch höhnte er in der Stasi-Ballade. Dazu der harte Schlag der Gitarre. In der „Zeit“ beschreibt der Schriftsteller Andreas Maier dieses sagenhafte Gitarrenspiel, zwischen Flamenco-Anschlag, Arbeiterfaust und klassischer Gitarre. Eine lesenswerte Begegnung mit dem Liedermacher über das Spielen dieses Instruments.

Biermanns Musik unterstreicht die Texte nicht, sondern sie wirkt als Kontrapart, spielt sich gegen den Text. Sie hatte im Klang etwas Rohes, aber da waren genauso diese Zwischentöne, die mich als Jugendlicher faszinierten. Ausuferndes Spiel. Und wenn dann ein Akkordeon-Sound „Acht Argumente für die Beibehaltung des Namens Stalinallee für die Stalinallee“ spielte und den Spott über die Wendehälse der 50er Jahre herausschrie, war diese Kritik richtig. Diese Kritik am System: es galt ja bis zum Fall der Mauer, und insbesondere galt sie danach jenem grinsenden Pferdegebiß. „Es steht in Berlin eine Straße …“ „Und die Häuser stehen ewig. In Baureparatur.“ So geht maroder Sozialismus. Aber wo nichts ist, muß man mit wenig vorlieb nehmen. Biermann tat das, in seinem Land, der DDR, die seine Heimat war. Trotz Stalinismus. Gegen Faschismus. (Was freilich dort ein Lippenbekenntnis blieb, aber wengistens stand Antifaschismus, anders als in der BRD, dort auf der Agenda. Leider auch der Personenkult und Stalinismus.)

Und Henselmann kriegte Haue,
damit er die Straße baut
Und weil er sie dann gebaut hat,
hat man ihn wieder verhaut
Auch darum heißt das Ding Stalinallee,
Mensch, Junge, versteh und die Zeit ist passe!

Ist sie? Nein, bei den „verdorbenen Greisen“ wie Biermann die Normenklatura der DDR nannte, ist sie es nicht. Nie gewesen. Auch diese Lektion lernte ich als junger Linker schnell. Die DDR – das ist kein Sozialismus. Das, was dort geschah, konnte man allenfalls mit den DDR-Oppositionellen kritisch begleiten und hoffen, daß es da hinter dem Stacheldraht und eingemauert in Ost mehr solcher linker Stimmen gab. Am Ende aber brach 1990 jenes Experiment am lebenden Menschen ab. Es war gut so. Während der friedensbewegten Zeiten der 80er und beim AKW-Protest in Brokdorf zumindest wußte ich: Sowjetraketen sind keine Friedensraketen, während Nato-Raketen Kriegshetze bedeuten, wie es die DKP weißmachte, die die Friedensbewegung mit schlechtem DDR-Geld unterwandert hatte. Ebenso sind AKWs in Ost und in West die gleiche Pest. Diesen kritischen Blick lernte ich schnell. Die Lektüre von Marx tat ein übriges, um zu verstehen, daß jene Sache, die dort „in China, hinter der Mauer“ geschah, nicht der Sozialismus war, von dem die jungen Menschen träumten. Das zumindest habe ich von den Biermannplatten schnell gelernt. Trotz Traum von der Pariser Commune.

In den 80er Jahren änderte sich Biermanns Blick. Das „Paradies uff Erden“ – eine Illusion. Und auch beim zweiten Golfkrieg 1991 bezog er deutlich Stellung, viele Friedensbewegte waren irritiert, doch zu Sadam Husseins Raketen auf Israel schwiegen sie oder relativierten, wie etwa der widerliche „grüngetünchte Tartuffe“ Hans-Christian Ströbele, der meinte, „die irakischen Raketenangriffe sind die logische, fast zwingende Konsequenz der Politik Israels.“ So trennten sich bei der neudeutschen Linken, Anfang der 90er Jahre, noch einmal die Wege. Auch aus solchen Disputen um den Golfkrieg ging die Bewegung der Antideutschen hervor. Biermann votierte für die militärische Intervention:

„‚Kein Blut für Öl!‘ – heilige Einfalt! Natürlich ging es den Amerikanern auch ums Öl. Und ich sage: zum Glück! Wenn in Kuwait nicht Öl gefördert worden wäre, sondern nur die Kunst des Kamelreitens, dann hätte die Weltgemeinschaft den Dieb aus Bagdad die wertlose Beute gelassen.“

Ich nachhinein muß ich sagen: Biermann hatte recht. Wer das Völkerrecht bricht, muß mit Sanktionen rechnen. Diese aus der Hitlerzeit resultierende Logik hatte Biermann begriffen.

Von Herzen alle Gute, Wolf Biermann, zum 80. Geburtstag. Zum Schluß der Eloge aber mein Lieblingssong, es ist neben dem Barlach-Lied eines der schönsten Biermann-Stücke. Bis heute haben sich bei mir im Kopf einige dieser Songs gehalten. Wenn ich über den Hugenottenfriedhof, der eigentlich Dorotheenstädtischer Friedhof heißt – was genauso schön klingt – zu Marcuse, Brecht, Hegel, Müller und Thomas Brasch pilgere, dann summe ich diese Melodie für mich hin, manchmal schießen Textzeilen in den Kopf, ich bin glücklich, denke an die Spatzen, an meine große und unendliche Liebe im Großraum Leipzig, und die Chausseestraße 131 ist gleich um die Ecke. Doch sehen diese Straßen in der Nähe des Bundesnachrichtendienstes heute anders aus als zu DDR-Zeit mit Kohlegeruch. Der Friedhof aber bleibt:

Der Hugenottenfriedhof

Wir gehn manchmal zwanzig Minuten
Die Mittagszeit nicht zu verliern
Zum Friedhof der Hugenotten
Gleich hier ums Eck spaziern
Da duftet und zwitschert es mitten
Im Häusermeer blüht es. Und nach
Paar wohlvertrauten Schritten
Hörst du keinen Straßenkrach

Wir hakeln uns Hand in Hand ein
Und schlendern zu Brecht seinem Grab
Aus grauem Granit da, sein Grabstein
Paßt grade für Brecht nicht schlecht
Und neben ihm liegt Helene
Die große Weigel ruht aus
Von all dem Theaterspielen
Und Kochen und Waschen zu Haus

Dann freun wir uns und gehen weiter
Und denken noch beim Küssegeben:
Wie nah sind uns manche Tote, doch
Wie tot sind uns manche, die leben

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It’s the economy, stupid!

Was mich bei den damals auf Politische Ökonomie eingestimmten gesellschaftskritischen linken Bewegungen und auch bei  links  sich  nennenden Journalisten verwundert, ist der Umstand, wie sehr diese wirtschaftlich basalen Fakten einfach ausgeblendet oder als marginal abgetan werden. Wie intensiv wurde damals Marx‘ „Kapital“ in Studiengruppen geradezu gebüffelt. Zu recht, weil diese Texte von Marx samt seinen Polemiken immer noch zentral sind, um diese Gesellschaft in ihren Ausprägungen sowie in ihrer Struktur zu begreifen. Heute liest man Judith Butler und debattiert über die Mehrfachdiskriminierung von Minderheiten und über Gender-Toiletten in Kindergärten. Für manche mag das wichtig sein. Aber in den Filterblasenmilieus sollte man sich gelegentlich über die Relevanz von solchen Themen Gedanken machen. Ob es sich hier nicht vielmehr um einen Nebenwiderspruch handelt. Sicher wird es dem Schwulen und der Lesbe nicht egal sein, wenn sie diskriminiert werden. Darüber muß es Öffentlichkeit geben.

Wie sehr aber in solchen Diskursen die gesamtgesellschaftlichen Bedingungen ausgeblendet werden und die Debatten nur noch auf Partialmoralen abzielen und zudem die politischen Diskurse vehement moralisiert werden, ist erschreckend. Vor einem Jahr zeigte diese der Fall der Journalistin Barbara Eggert, die für einen unklugen Rat in einem Provinzblatt von Volker Beck dafür als homophob denunziert wurde. Sie verlor ihren Job. Und um jenen Tugendterror auch auf Herrn Beck anzuwenden: Von einem Politiker, der nachweislich eine Droge wie Crystal Meth konsumiert und beim Kauf dieser Droge erwischt wurde, möchte ich mir keine moralischen Belehrungen anhören. Schon gar kein Mobbing – um an dieser Stelle die Moralisierung von Diskursen zu spiegeln.

Nicht mehr die kritische Analyse und Ideologiekritik werden geübt, sondern heute überwiegt die Moralisierung von gesellschaftlichen Fragen: Labels wie Rassist, Homophober usw. werden bei abweichender Meinung geklebt, ohne daß irgendwie eine Begründung dafür gezeigt würde, außer daß sich einer abweichend oder eben auch problematisch äußerte. Statt über soziale Verwerfungen und eine zunehmende Kluft zwischen Armen und Reichen debattiert man mit Verve über Blackfacing im Theater von Dieter Hallervorden, inszeniert einen Quatsch wie den Blog Münklerwatsch, um unliebsame Professoren nicht mehr immanent mit Wissen im Seminar kritisieren zu müssen – wozu es vermutlich von der gelernten politischen Theorie nicht mehr ausreicht -, sondern um zu überwachen und zu strafen.

Linke Bewegungen entwickeln eine Tugendhaltung, wie man sie früher bei den Evangelikalen oder überhaupt bei religiösen Bewegungen wahrnehmen konnte, die auf dem alleinseligmachenden Wahrheitsanspruch der Kirche pochten. Gefühlslinks kann man diese neuen Positionen nennen. Sie sowie die Partialmoralisierung sind leider auch im Journalismus anzutreffen. Über die Gründe kann man spekulieren. In einer globalisierten Welt ist der flexible und von jedem Ort aus operierende Journalist sicherlich ein Gewinner. Gut vernetzt, in einer Welt, in der allenfalls in Gestalt seiner Eltern oder der Verwandten die alte Angestellten- und Arbeiterklasse noch Bestand hat. Da mag genügend Zeit zur Verfügung sein, über Spezialprobleme nachzudenken, die die urbanen Eliten haben, jedoch nicht die Bevölkerung am Stadtrand, in den Mietskasernen, den Wohnbetonsiedlungen, jenen „Fickzellen mit Fernheizung“, wie Heiner Müller die Blocks in Friedrichsfelde nannte oder aber jene Menschen, die in den Provinzen leben und die wahrlich andere Fragen und Probleme umtreiben als die gendergerechte Toilette oder sexfreie Werbung in ganz Berlin. Diese Fragen mögen nicht irrelevant sein. Es geht mir lediglich um deren Gewicht. Hier werden Mücken  zu Elephanten aufgeblasen. Als ob dies die zentralen Probleme der Gesellschaft wären und nicht vielmehr die soziale Ungleichheit. Und da sind wir dann wieder bei der Ökonomie, bei Trump und damit auch bei den nächsten Bundestagswahlen.

Auf seinem FAZ-Blog Stützen der Gesellschaft erklärt Don Alphonso anhand der US-Firma Cannondale in Bedford den Wahlsieg Trumps: Respekt, gut gemacht und es trifft den Kern:

„Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie gehörten zu den 300 Leuten in Bedford und ihren Angehörigen. Sie haben jahrelang mit das Beste gemacht, was es weltweit gab. Sie haben geholfen, das Exportdefizit des Landes klein zu halten. Auf Ihren Rädern siegten die Besten. Handmade in USA stand auf Ihren Rädern unter der Flagge Ihres Landes. Sie haben erlebt, wie Entscheidungen nach den Wünschen der Wall Street Elite die Firma in den Bankrott trieben, zum Spielball der Investoren machte und Sie arbeitslos werden liess. Sie haben erlebt, wie ein Staatsgeschenk genutzt wurde, um nach der Produktion auch die verbliebenen Bereiche abzuziehen. Jetzt sitzen Sie in Bedford, irgendwo in Pennsylvania, wohin nie ein Journalist reist, und haben die Wahl. Zwischen Hillary Clinton und Stronger Together, ihren Unterstützern in den Medien, die meinen, man müsste sie wählen, weil sie mit dem System gut kann, eine Frau ist und ganz wunderbare Ideen für transsexuelle Kinder und ihren Toilettenbesuch in Schulen hat, und für Black lives matter und Handelsbeziehungen im pazifischen Raum.“

„Ich bin zigtausend Höhenmeter mit solchen Coda-Kurbeln hochgefahren. Sie sind einfach gut. Da kann man sagen, was man will. Gut und leicht und überhaupt nicht schlampig gefertigt, wie man das sonst oft amerikanischen Produkten wie Autos, Software oder Judith Butlers Genderesoterik zurecht nachsagt.“

 

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Ein paar Worte zu Trump

Ich habe heute morgen eine kurze Zeitungslektüre gehabt. Das Gute an diesem Tagesbeginn: Lieste einen Artikel, kennste alle. Da sich Berichte, Kommentare, Leitartikel im Ton ähneln, reicht es die ersten drei Zeilen zu lesen und dann zu überfliegen. Unterkomplexe Analysen, Überheblichkeiten, das übliche Gerede. Angefangen bei der Alarmkommunikation auf SpOn, denen irgendwie der Arsch auf Grundeis zu gehen scheint und nun müssen sich zudem auch die Jungs um Joffe mit den Transatlantikern ganz neu verständigen. Mein Mitleid hält sich da in Grenzen. Auch das mit einem bestimmten linksliberalen Juste Milieu.

Was wäre übrigens, wenn die Wähler Trumps keine überwiegend Abgehängten sind, sondern Trump bewußt wählten, weil sie in ihm eine Chance sehen? So etwas wie einen Neuanfang. Eine Wirtschaft, die nicht bloß an Börsen mit Geld spekuliert und dann verspielt, sondern vielmehr eine Gesellschaft, die auf Erwerbsarbeit setzt. Es ist die Wirtschaft, an der alles hängt. Die Aussicht, daß der altbekannte Widerspruch von Arbeit und Kapital in nächster Zeit ausgehebelt wird, hegen nur noch wenige, und mit einem nationalkonservativen Kapitalisten wie Trump wird diese Revolte sowieso nichts. Aber eben auch nicht mit einer neoliberalen Politikerin, für die die USA ein Geschäftsmodell ist. Die meisten in den USA sind froh, wenn sie überhaupt drei Arbeitsplätze haben – einer reicht nämlich oft nicht. Da liegt die Crux.

Ja, es ist eine feine Watsche für den linksliberalen Mainstream, der lieber über das Gender-Gap und über fünfzehn Geschlechter, über die Minderheit der Minderheit einer Minderheit, die als Minderheit einer Minderheit benachteiligt wird, nachdenkt. Das alles, mit Verlaub, ist jenen in den USA, die in Autos schlafen, weil sie kein Dach mehr über dem Kopf haben, schnurzegal. Und das ist auch denen egal, die morgen diesem Schicksal ausgesetzt sein können. Denn diese Drohung schwebt beständig über den Menschen und hält sie im Kapitalismus gefügig. Ja, Trump wurde auch von Rednecks gewählt. Aber ebenso aus einem Protest heraus, der sich in keiner Partei mehr wesentlich wiederfindet und der nicht nur mit dem konservativ-weißen Milieu zu tun hat. Eine krude Gemengelage oft. Das alles unter dem Slogan Protestwähler zu fassen, greift viel zu kurz und ist unterkomplex. Die Kolumnisten lieben bequeme Erklärungen.

Es sind übrigens, was die Zahlen betrifft, nicht überwiegend die Abgehängten, die Trump wählten – bei den Menschen mit niedrigem Einkommen wählte eine Mehrheit Clinton –, sondern es ist Angst vor drohendem Abstieg – der Mittelstand in den USA zerbrach – und der Wunsch, alte Eliten abzuwählen. Und zu diesen Eliten gehören eben auch fast alle Kommentatoren. Auch die in der BRD. Das sollte man für die nächste Bundestagswahl im Auge behalten.

Dieses Wahlverhalten ist der Effekt einer Politik, die Jahrzehntelang das eigene Land zum Ausverkaufsplatz für neoliberale Wirtschaftspolitik machte, und Hillary Clinton samt ihren Freunden in Wallstreet samt dem militärisch-industriellen Komplex stehen genau für diese Linie. Da hilft auch alles Kaschieren mit ein paar linken Bonbons nichts, und der aufgesetzte Frauenbonus ist in diesen Fragen der Wirtschaft wahrlich das lächerlichste Effekt oder zumindest naiv. (Als ob es Margret Thatcher nie gegeben hätte.) Was ist eigentlich falsch an einem Politiker, der sagt, wenn Ford in Mexiko seine Autos baut, dann wird Ford in Zukunft für den Import dieser Autos in die USA hohe Zölle zahlen? Zumindest entdecken die Wähler eine Tendenz, sehen in Schemen eine der Ursachen ihres Elends. Mögen am Ende die Abgründe des Kapitalismus auch sehr viel tiefer reichen als in die Schutzzollfrage hinein.

Mit böser Zunge kann man sogar sagen: Im Gegenteil die Wahl ist gut gelaufen, es ist die Wahl von Trump ein Zeichen dafür, daß die Demokratie funktioniert, daß Menschen durchaus ihr Unbehagen artikulieren, auch wenn das Ergebnis der Wahl nicht allen paßt. Aber das hätte es bei Hillary Clinton ebensowenig. Weshalb wählten so wenig Latinos und Schwarze Clinton? Wäre sie alle zur Wahl gegangen, hätte Clinton gesiegt. Auch das bleibt eine Frage. Die USA sind und bleiben ein tief gespaltenes Land.

Und für die linken Freunde in der BRD, für die Hillary-Linke, nochmal ins Stammbuch geschrieben, aber das ist jetzt wieder der Friedensblick aus Europa: Wie anders kann man eigentlich eine Flugverbotszone über Syrien durchsetzen als militärisch? Sofern sie nicht durch die UN gedeckt ist, müßte sie ggf. auch gegen die Russen durchgesetzt werden. Was das bedeutet, sollte jeder wissen. Ob wir wirklich für einen weiteren islamistischen Staat nach IS-Vorbild den Frieden in Europa aufs Spiel setzen wollen, sollte man sich gut überlegen. Wer droht, muß einlösen können und auch einlösen wollen, das bleibt Grundannahme der Machtpolitik. Sonst ist die Drohung eine Hülse und damit überflüssig.

Eine gute Analyse zur Wahl finden wir von Jens Berger auf den Nachdenkseiten.

Schön beschrieb diese Linksmaskerade der Clintons auch Zizek in der „Zeit“:

„Der gleiche Volkszorn, der Trump gebar, brachte auch Sanders hervor, und während beide der weitverbreiteten sozialen und politischen Unzufriedenheit Ausdruck verleihen, tun sie es auf entgegengesetzte Weise: der eine mit rechtem Populismus und der andere mit der linken Forderung nach Gerechtigkeit. Und hier ist der Trick: Der linke Ruf nach Gerechtigkeit geht häufig Hand in Hand mit den Kämpfen um die Rechte von Frauen und Homosexuellen, für Multikulturalismus und gegen Rassismus und so weiter. Das strategische Ziel des Clinton-Konsenses besteht darin, all diese Kämpfe von der linken Forderung nach Gerechtigkeit abzutrennen – weshalb das lebende Symbol dieses Konsenses Tim Cook ist, der Apple-Chef, der stolz einen offenen Brief gegen die Diskriminierung von LGBT-Personen unterzeichnet und jetzt problemlos Hunderttausende Foxconn-Arbeiter in China vergessen kann, die Apple-Produkte unter Sklavenbedingungen montieren. Er hat ja seine große Geste der Solidarität mit den Unterprivilegierten gemacht und die Abschaffung jeglicher Geschlechtersegregation gefordert. Wie so oft stehen die Großunternehmen stolz vereint mit der politisch korrekten Theorie.“

 

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„Der tote Gott“ – Curzio Malaparte „Die Haut“

„Heute wird in Europa alles verkauft: Ehre Vaterland,
Freiheit, Gerechtigkeit. Sie müssen zugeben, daß es dann recht
nebensächlich ist, seine eigenen Kinder zu verkaufen.“
(C. Malaparte, Die Haut)

Sich mehr den alten Texten widmen. Die Ich-Sucht der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ist schwierig auszuhalten. Als Leser weiß ich nicht recht, wie dies zu deuten ist. Die Starre des Kaninchens Schriftsteller vor der flinken Schlange Realität? Das gäbe eine possierliche Tierfabel. Auch der Fall Ferrante ist zu nennen.

Malaparte_05368_MR2.inddAber wenn schon Erzähltes vom Ichkammerton und aus Neapel, dann zunächst in seiner Hard-Boiled-Form, in aller Drastik, die uns Geschichte bietet. Als Vorspiel zur Lektüre von Elena Ferrante las ich Curzio Malapartes „Die Haut“. Es ist ein realistisch surreales Buch, so surreal wie die Realität der Massenvernichtung nur sein kann. Ein böses Buch, ein bitteres Buch, das von den Siegern und von den Besiegten handelt und vom clash of cultures. Ein altes, uraltes Europa, darin sich die Schlacken der Geschichte lagerten, darunter wucherte eine ewig-alte Zerstörung, der Gott Mars, und eine relative junge neue Welt, die sich mit der Landung in Sizilien anschickte, Europa vom Faschismus zu befreien. Die naive und freundliche Unbekümmertheit und die Lockerheit der amerikanischen Offiziere, aber auch ihr Bild, das sie von einem alten, bildungssatten Europa herumtragen: die Illias und wenn in Hexametern die Leichenspiele zu Ehren des Patroklos deklamiert werden, Winckelmanns Idee vom Schönen und von der Hellenistischen Klassik. Die Grand Tours, die mancher Amerikaner durch Europa unternahm und „Paris, ein Fest fürs Leben“. Die Illusion von einem schönen, einem kultivierten Europa. Die Wut der Mannschaftsränge auf die mitkämpfenden Italiener. Der Haß der Partisanen auf die Faschisten, die blutige Rache der Partisanen, wenn vor einer Kirche eine Gruppe Faschisten erschossen werden soll. Was der Erzähler als Offiziersrang und im Rücken eine Schar Kanadier sowie ein Priester gerade noch verhindern. Gewalt gegen Gewalt. Wut gegen Wut. Pragmatisch-besonnen, wenngleich oft naiv, erscheinen einzig die Offiziere der US-Army.

Die letzten Tage der Menschheit liegen lange schon hinter ihr. Und nach dem letzten Menschen erschien nicht, wie Nietzsche es sich dachte, der höhere Mensch. Das Danach ist das Inferno. Jene Hölle, die Malaparte in seinem ersten Roman „Kaputt“ illustrierte. Zugleich stellt dieser Roman aber auch die Frage nach einer Identitätspolitik. Wer sind „wir“, wer sind die anderen?:

„‚Um Europa zu verstehen‘, sagte ich, ‚ist cartesianische Vernunft zu nichts nütze. Europa ist ein mysteriöses Land, voll undurchdringlicher Geheimnisse.‘
‚Ach Europa! Was für ein erstaunliches Land!‘, rief Jack, ‚ich brauche Europa, um mich als Amerikaner zu fühlen.‘“

Neapel ist von der Pest befallen, heißt es zu Beginn. Doch ist die Seuche eine Metapher, darin Camus‘ Roman „Die Pest“ verwandt und zugleich dessen Kritik – „Die Pest“ erschien zwei Jahre zuvor im Jahr 1947. Die wohlfeile Moralität der Existenzphilosophie sowie das Pathos bloßer Individualität samt dem Spiel von solitaire und solidaire ist Malapartes Sache nicht. Die Seuche ist Ausdruck für die Verkommenheit dieser widerlichen und zugleich leidenden Stadt, Ausdruck der Verkommenheit ihrer Bewohner, wie auch der übrigen Landsleute. Malaparte schreibt,

„es ist weit schwieriger einen Krieg zu verlieren, als ihn zu gewinnen. Einen Krieg gewinnen – das können alle, aber nicht alle sind fähig, ihn zu verlieren.“

Die Italiener sind beides: Sieger und Besiegte. Besiegt von den Alliierten und Sieger gegen ihre eigenen Landsleute wie die Deutschen, die für die Republik von Salò kämpfen, einem faschistischen Satellitenstaat im Norden Italiens. Jene Pest ist ein Bild für den Zustand des Mezzogiorno nach der Landung der Alliierten. Diese Pest steht ebenso für den Opportunismus wie auch real für die sich ausbreitende Geschlechtskrankheiten, für Wendehälse, fürs Elend der Menschen, die verhungern oder ihren Körper verkaufen müssen, um nicht zu verhungern.

„Nunmehr kämpfen wir an der Seite der Alliierten, um mit ihnen zusammen ihren Krieg zu gewinnen, nachdem wir den unseren verloren hatten; es war deshalb nur natürlich, daß wir in die Uniformen der von uns getöteten alliierten Soldaten gekleidet waren.“

Ist das noch die Realität oder bereits ein surreales Spiel? Ein Theater der verdrehten Welt, wo Soldaten in der Schlacht ihre Uniformen tauschen, wie Boris Vian es in seinem bitteren Antikriegsstück „Abdeckerei für alle“ als Obszönität des Krieges zur Schau stellte.

Die Story des Romans ist schnell erzählt. Sie handelt von einem italienischen Verbindungsoffizier namens Malaparte, der die 5. US Army auf ihrem Weg nach Norden begleitet. Die 5. Armee sammelte sich im Oktober 1943 in Neapel und bereitet sich nun auf den Marsch nach Rom vor. Der italienische König und Marschall Badoglio kapitulierten. Sie setzten Mussolini ab. Malaparte verkehrt mit den US-Offizieren, durchstreift mit seinem Freund Jack Hamilton Neapel und blickt zusammen mit den Amerikanern auf eine vom Krieg gezeichnete Stadt, auf ein zerstörtes Land, auf traumatisierte Menschen. Der Roman schildert die Folgen des Krieges wie die der Befreiung. Obwohl Freude und Erleichterung zu spüren sein müßten, daß die Heimat vom Faschismus befreit wurde, herrscht ein dunkler Grundton; über der gesamten Szenerie liegt die Farbe Schwarz. Malaparte zeigt uns das moralische Elend, ein vom Faschismus ausgeblutetes Italien. Gebeutelte Menschen, Kriegsgewinnler. Bitterkeit über ein Europa des Faschismus, das sich selbst in den Abgrund ritt. Frauen, die sich prostituieren, um ihre Kinder zu ernähren, ein Vater, der für Eintrittsgeld den GIs die Jungfräulichkeit seiner Tochter ausstellt. Das Pendino, wo Zwerginnen hausen, die Schauer erregen. Der Ausbruch des Vesuvs. Asche und Tod, die sich über die Stadt legen. Alptraumszenen einer Stadt, die einst den Süden Italiens verhieß. Malaparte war nach diesem Buch in Neapel eine persona non grata. Die Truppen rücken vor bis nach Norditalien, sie erobern Malapartes Geburtsort Prato, wo wir jene wunderbar-traurige Szene lesen, da die „Augen der Madonnen und der Engel Fillipino Lippis“ am Nachthimmel schimmern, während Jack diesen Glanz für banale Nachtfalter nimmt. Wer je die Bilder Lippis sah, wird um die Schönheit dieser Augenblicke mitten im Schrecken wissen und ahnen, was die befreite Phantasie vermag. Vorrücken, immer weiter, bis nach Mailand, wo Mussolini mit den Füßen am Fleischerhaken auf dem Marktplatz schaukelte. Berichte mischen sich mit Fiktionen.

Als Versatzstücke sind in diesen Roman Szenen eingestreut, von denen man nicht weiß, ob sie Fiktion oder Bericht sind, eine Art Vorläufer des New Journalism, wenn Malaparte als Kriegsbeobachter und Begleiter der US-Army schreibt: z.B. von der Schlacht um Monte Cassino. Ist jene Kriegsszene erlebt, ausgedacht oder der Realität entnommen und dann ausgeschmückt, als Malaparte den GIs rät, einen Kameraden, der auf eine Mine trat, sterben zu lassen und ihm die letzten Stunden, damit Sterben nicht weh tut, mit lustigen Geschichten zu vertreiben. Denn die Fahrt ins Krankenhaus würde der Soldat nicht überleben. Die GIs hassen ihn dafür, sie hassen ihn als Italiener, der ihr Feind war. Der Soldat stirbt. Was für eine Struktur hat der Text, so frage ich mich, was stellen diese hartrealistischen Berichte dar? Zumal Autor und Erzähler vom Namen her identisch sind. Wer spricht? Um dieses Verhältnis genauer zu betrachten, müßte man einen intensiveren Blick auf die Konzeption des Ichs bei Malaparte werfen. Wenn er sein legendäres Haus auf Capri, das auch als Filmkulisse für Godards „Die Verachtung“ diente, „Una casa come me: triste, dura, severa“ nennt, weist das zumindest auf eine Korrespondenz von Werk und Ich hin bzw. es zeigen solche Züge, daß sich das Ich ins Kunstwerk aufheben und verfließen kann.

Dann wieder sind da jene absurd-surrealen Episoden, wo das, was wir den italienischen Neorealismus nennen, der auch in diesem Buch sich niederschlägt, ins Surreale gleitet: als eine Amerikanische Charity-Lady aus den USA anreiste und die Generalität ihr zu Ehren ein Dinner im Palast des Herzogs von Toledo gab, wurde nach dem Fleisch der Fischgang serviert und es besaß der Fisch die Gestalt einer Sirene. Ein Mädchen, halb Fisch, halb Mensch wurde den Gästen aufgetischt. Gefischt aus dem Aquarium Neapels, wie es hieß, da aus Angst vor Sabotage an den Liberty-Dampfern, die die Armee mit Mensch und Material versorgen, die Fischerei verboten war. Zehn Jahre später schrieb Tomasi di Lampedusas seine Sehnsuchtserzählung „Die Sirene“. Malapartes Hohnszene parodiert und durchkreuzt ex ante alle Formen von ästhetisch-melancholischer Trauer und von Meereszauber.

„Es war das erstemal, daß ich ein zubereitetes, ein gesottenes Mädchen sah; und ich schwieg, von einem heiligen Schrecken gewürgt. Alle rings an der Tafel bleich vor Entsetzen.“

Es sind diese irrlichternden Szenen des Romans, die sich beim Lesen ins Gemüt fressen. Der Erzähler reitet im Winter 41 durchs Ukrainische, ist auf dem Weg in die Kolchose Dorogow. Ein Abschweif im Text, der auf Malapartes vorhergehendes Werk „Kaputt“ verweist. Der Reiter gerät in die Nacht hinein, irrt umher, ihm fällt der Geruch des Windes auf, und er hört irgendwann menschliche Stimmen. Hoch über seinem Kopf. Es ist eine Reihe Gekreuziger, an der der Erzähler vorbeikommt, während alles mit der Schwärze überzogen ist – für Malaparte steht hier die Metapher des schwarzen Windes, der auch in Neapel alles  mit einer Schicht von Schwarz tränkt. Und es beginnen diese Geschundenen am Kreuz zu sprechen, aus dem Dunkeln heraus. Deutsche, russische, jiddische Worte. Mit schwarzen Kaftanen Bekleidete, manche nackt – lebende Tote.

Die Szenen scheinen wie geträumt, ein Fieberwahn und kurz darauf, als der Erzähler Malaparte das Dorf erreicht fällt er ins Fieber. Aber die Leichen dort, das bemerkt er, nachdem er genesen und auf dem Ritt zurück ist, die Toten, die gekreuzigten Juden: sie sind da, immer noch da, aber sie sprechen nicht, sondern sie schweigen, und auf ihren Schultern sitzen Raben.

Es bleibt für Europa nur die Aporie, eine Tragödie ohne Helden, ohne Pathos als emphatische Regung, es bleibt moralische Ambivalenz und metaphysische Ortlosigkeit, die angeblichen Widerstandskämpfer, jene Opportunisten, die angeblichen Verteidiger der Freiheit, „die Helden von morgen, bleich und zitternd in den Kellern versteckt.“ Das sind wir: das menschliche Fleisch:

„‚Heute leidet man und macht leiden, tötet man und stirbt, vollbringt man wunderbare und entsetzliche Dinge, nicht etwa um die eigene Seele, sondern um die eigene Haut zu retten. Man wähnt, für die eigene Seele zu kämpfen und zu leiden, aber in Wahrheit kämpft und leidet man für die eigene Haut, nur für die eigene Haut.‘“

Ein beklemmender Roman, die Reportage einer Verheerung, drastisch und in der Sprache tiefer gehend, unter dem düsteren Himmel von Anthropologie tiefer schürfend als der saturierte Moralrealismus mancher Nachkriegsliteratur. Vom Unfaßbaren freilich, vom Zivilisationsbruch handeln alle diese Werke in ihrer Weise. In diesem Sinne gehört auch Malapartes Buch zu jener Ästhetik des Widerstands. Heute begehen wir Peter Weiss‘ 100. Geburtstag.

Curzio Malaparte, Die Haut, Hanser Verlag 2006, 448 Seiten, 25,90 EUR, ISBN 978-3-552-05368-7
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