Kein Elefant mehr im Paul Celan-Laden: Zum Tod von Wiglaf Droste

Böse und mit spitzer Zunge ging Droste die eigene Polit-Szene an: das Muff-Milieu, jene Trieftrinen-Linke, ihre moraline Gesinnung, ihre Doppelmoral, ihren Ranz. Unaushaltbar und deshalb unbedingt dem Spott preiszugeben: Spießer, die auf Spießer schimpfen. Mir alles gut aus den 80er und 90er Jahren bekannt von der Hafenstraße und einem bestimmten Uni-Milieu. Let there be rock: Satire und beißender Witz hilft, um sich zu wehren. Das große Auslachen starten. Ja, so sind die bösen alten weißen heteronormativen Männer: toll toxisch maskulin. Warum auch nicht? Droste höhnte, schlug zu. Immer ein Treffer. Es sprach mir aus der Seele schon damals: da waren sie wieder, die guten, frühen alten Titanic-Jahre, wo Droste von 1989 bis 1991 wirkte.

Nicht immer fein kamen Drostes Texte daher, nicht mit dem Florett, sondern oft focht er mit dem Säbel, den er freilich mit Esprit zu führen verstand und wie einen Degen gebrauchte. Wortscharfer Meister der Sprache. Mit bösem Spott schnitt er in die linke Seelengemütlichkeit. Aber nicht nur gegen das Fleisch vom eigenen Fleisch, jenes Jammertal-Links-Milieu zog er an, denn Droste ist selber links, sondern es ging ebenso gegen die Spießigkeit einer rechten und biederen Haltung, die es sich im Simplen gerne gemütlich machte: Patriotismus, Papst, Vaterland. In Abwandlung des Adorno-Zitates hieß es bei Droste:

„Wer sonst gar nichts hat, der hat doch ein Vaterland. Patriotismus ist die Religion der ganz armen Schweine.“

Ich verhehle es nicht: Ich bin nicht nur traurig, sondern Leute wie Droste sprachen mir, wie man so im Kitsch und Klischee vor sich hin sagt, aus der Seele. Droste hätte darüber, übers „Sprechen aus der Seele“, Wendungen aus dem Wörterbuch der Phraseologie oder der Gemeinplätze, vermutlich einen Witz gerissen: über jenes raunende Delirieren. Es gab eben wenige solcher Streiter und Polemiker, die mit Bosheit und Witz ihre Umwelt bedachten. Spottdrossel-Dichter, Sprachmeister in Wort und Klang, zugleich aber auch, man denke an Robert Gernhardt, in der Dichtungs-Tradition der „Titanic“, für die er einst schrieb. (Inzwischen ist dieses „Magazin“ ein Schatten seiner selbst und leider viel zu häufig siedelt es in Betulichkeit. Leute wie die humorbefreite Zone Leo Fischer waren der Tod dieses Blattes.) Erotische Gedichte halt, wo heute eine derangierte Linke vor Schreck und Scham die Hände hochreißt: Gottseibeiuns! Sie würden am liebsten Laken über die Erotik decken, Statuen verhüllen und Bilder aus Museen abhängen. Doch diese Lustfeindlichkeit machte Droste nicht mit:

DICHTERREGEL
Nach dem Sex und vor dem Essen
schöne Lyrik nicht vergessen!
(Womit man noch besser fährt,
hält man es auch umgekehrt.)

Fein auch solche Buchtitel: „Die Würde des Menschen ist ein Konjunktiv. Neue Sprachglossen“. Man lacht bereits beim Titel und dichtet sich schon vorm Lesen das Buch im Kopf zurecht, denkt und sinnt, was darin wohl an Glossen vorkommen mag.

In der FR heute lese ich dieses Zitat, es stammt aus dem Gedicht „Männergruppensong in dem Band „Bombardiert Belgien!“: „Frauen nicht mehr klammern / In der Gruppe jammern / Männergruppe gründen / Gründe dafür finden“. Es paßt so unendlich gut. Besonders das gruppenbezogene Menschenfeindlichkeitsgejammere einer identitären, intersektionalen, nun ja, nennen wir sie „Linke“. Bekloppt bis ins Mark.

Wer hören will, was ich meine, auch hinsichtlich des Sprachklangs und der Wortmelodie, also nicht bloß politkomisch genommen, kann das – nicht nur im Blick auf Kreuzberg im Grunde – in diesem kleinen, feinen YouTube-Stückchen machen: „Der Schokoladenonkel bei der Arbeit“. Eine Persiflage auf die Täterjagd, auf eine aufgeheizte, undifferenziert agierende Meute, Leute „die im Leben immer nur eins sein wollen, nämlich Opfer, und das natürlich im warmen Mief der Gruppe; und die diese superkonservative Attitüde als schwer fortschrittlich juchheissen“. Aktuell bis hin zum Heute, zum Hashtag- Engagement derer von Bückdich und Strohkowski. Herrlich und auf den Punkt gebracht: Geschosse des Grauens!

Aktuell bis heute hin ist diese Satire. Zu jenem Text, der erheblichen Anstoß zu erregen schien, schrieb Droste in der taz:

„Wegen meines Textes „Der Schokoladenonkel bei der Arbeit“ lauerten mir 1995 Leute im Dreidutzendpack bei Lesungen auf und brüllten „Täterschützer!“ und „Faschist!“ Vermummt und mit Knüppeln bewaffnet gingen sie auf mich los, im Namen des Feminismus drangsalierten sie weibliches Publikum. Sie versuchten, Lesungen mit Buttersäure zu sprengen, spuckten, sprühten Tränengas in Gesichter und entblößten durch das Ausbringen von sorgfältig gehütetem Eigenkot auch den Inhalt ihrer Köpfe.“

Im Westen nichts Neues, und das reicht bis in die Gegenwart. Säkulare Calvinisten, die (literarische) Texte nach Reizwörtern durchforsten. Jene, die eine von Zwängen befreite Gesellschaft erkämpfen wollen, sind in ihrem Willen und Vorgehen zwanghafter noch als jener gestörte Zwangscharakter, den sie zu bekämpfen vorgeben und man möchte von jenen Miefern besser niemals befreit werden und wünscht dann doch, daß diese Gesellschaft besser so bleibt wie sie ist, als daß jene mit ihren vermeintlichen Utopien je zur Macht gelangten. Man weiß nicht wie, es bleibt die Aporie.

Droste wußte das, und er wehrte sich insofern mit Heftigkeit gegen jenes Milieu. Das mochte auch manche Überreaktion bei ihm provoziert haben. Mir ist solches Verhalten des Überreagierens gut vertraut, und insofern ist mir Droste auch aus diesem Grunde nahe. Mit Leuten, die eigentlich nicht reden wollen, sollte man in der einzigen Sprache sprechen, die diese Leute verstehen: Böser Spott und kräftiges Auslachen. Dies alles konnte Droste und beherrschte die Töne. Vor allem aber spießte er in jenem Stück die Hysterie und die Hermeneutik des Verdachts auf. Diese Variante des Linken wird ihren alten Stalin nicht los.

Aber Droste konnte eben auch anders: Poetisch fast und an Heine oder Jandls Sprachwitz erinnernd sein 2015 erschienener Gedichtband „Wasabi dir nur getan?“, erschienen im Verlag Antje Kunstmann und von mir unbedingt zum Kauf empfohlen.

„Bring die Psyche zum Schuster
Neuer Absatz, neues Muster.
Lass die Seele dir besohlen
und dann sage: Gott befohlen …!“

Das Gedicht heißt „Anfang“, und es steht am Ende dieses schönen Buches.

Am 15. des wonnigen Monats Mai verstarb Wiglaf Droste in Pottenstein, im herrlichen, hügligen Franken. Provinz und ein feiner, sehr feiner Ort (ich kenne ihn gut) – allemal besser und schöner zum Sterben als der furchtbare Kreuzberg-Ranz – aus dem immerhin Droste einige Inspiration bezog, wenn auch vielfach ex negativo. Fleisch vom eigenen Fleisch eben oder das, was die Linke Selbstkritik nennt, Denken kann auch durchs Spiegeln entstehen. Aber der pädagogische Effekt ist zugleich auch wieder Nebensache, denn es geht ja vor allem darum, lachen zu können. Wenn schon nicht die Gesellschaft befreit werden kann, so befreit eben Lachen das Subjekt und läßt für Momente vergessen. Ja, ja Kreuzberg. Und sofern man sich jemanden wie die Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann vorstellt, ist es irgendwie auch wieder leicht, Spott in Wort und Text zu gießen, so denke ich mir. „Aber hier leben? Nein danke“ sage ich mir mit Tocotronic und denke ans schöne Franken, ans märchenhafte Pottenstein mit seinen fränkisch-dunklen Wäldern und Höhlen, denke an den Witz des Oberfranken Jean Paul und an den Spottspaß des im Westfälischen geborenen Droste. Er wurde 57 Jahre alt.

Es verstarb ein großartiger Polemiker, ein Essayist, ein Satiriker, der insbesondere dem eigenen Milieu einen Spiegel vorhielt und der zudem zeigte, daß Genuß und Hedonismus eben auch Bestandteil linker Politik sein können. Wer statt des Gebrauchswerts nur auf den Tauschwert blinzelt, verfehlt das beste. Und wer in genießender Manier, wie Droste, gerne den einen oder den andren Wein süffelt, der greife zu seinem bei DuMont erschienenen Buch „Wein“ darin sich herrliche Glossen finden, auch zum Bier:

„Spätestens in meinem Jahr als Titanic-Redakteur in Frankfurt am Main aber war ich vorsichtig geworden: Bindingbrühe und „Aans is sischä – Lischä!“ hatten mich leiden lassen und einen Notwehrreim provoziert:

In Frankfurt spült der Bahnhofsstricher
Nach dem Blow-Job mit Licher.“

Alles im Leben geht zu Ende, manches zu früh. Ein Abschiedsgedicht also noch, melancholisch und von einer Lebenslust getragen, lakonische Herbstnotiz von Droste, nun im Mai, aus dem wunderbaren Gedichtband „Wasabi dir nur getan?“

DEUTSCHLAND IM HERBST
Der Sommer ist vorbei.
Es folgt die Zeit, da Frauen Leggins tragen.
Mir ist so müd zumute, und entsetzlich leer.
Wie? Sagte ich zumutʼ? – Mut hab ich keinen mehr.
Oh, es hebt an ein großes Weh und Klagen:
Der Sommer ist vorbei.
Ihm folgt die Zeit, da Frauen Leggins tragen.

Der Sommer ist vorbei.
Nun folgt die Zeit, da Frauen Leggins tragen.
Die Pfahlbau-Zeit, Triumph der fahlen Knöchelstümpfe,
fatal, Final, Brutal, wie abgeschnittʼne Strümpfe.
Ich werf mich auf den Totentisch, den Schragen:
Der Sommer ist vorbei.
Nun kommt die Zeit, da Frauen Leggins tragen.

Der Sommer ist vorbei.
Jetzt ist die Zeit, da Frauen Leggins tragen.
Sie sagen: Ist doch sexy und bequem zugleich!
Wie allen Uhren wird Big Ben der Zeiger weich.
Ich weiß: Ich rede mich um Kopf und Kragen:
Der Sommer ist vorbei,
Jetzt ist die Zeit, da Frauen Leggins tragen.

Der Sommer ist vorbei.
Es folgt die Zeit, da Frauen Leggins tragen.
Plastik-Elastikhaftes soll mich deprimieren;
wer jetzt kein Frauenbein hat, der wird lange frieren.
Ich kann es nur in diesen Worten sagen:
Der Sommer ist vorbei.
Es folgt die Zeit, da Frauen Leggins tragen.

Mach’s gut, Wiglaf Droste und möge da oder dort oder wo auch immer ein gut gefüllter Weinkeller bereitstehen.

(Die Photographie entnahm ich der Seite vom Magazin Capriccio im Bayerischen Fernsehen.)

Das Weben am Mythos ist Gesellschaft – Kafkas „Proceß“ (3)

„Durch den Glauben empfing Abraham die Verheißung [Gal. 3, 8], daß in seinem Samen alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollten. Die Zeit ging hin, die Möglichkeit eröffnete sich, Abraham glaubte; die Zeit ging hin, es wurde zum Widersinn, Abraham glaubte.“ (Sören Kierkegaard, Furcht und Zittern)

Es ist ein geheimnisvoller und seltsamer Prozeß, den Kafka 1914 begann. Dieses Rätsel als Literatur, das uns Kafka darbrachte, mochte jenes Mädchen mit der lila Latzhose damals verwirren, es zwang sie in die Abwehrhaltung und dieses Verrätseln irritierte auch mich, den seltsamen Jungen mit Hang zu Godard- und Tarkowski-Filmen. „Opfer“, „Stalker“, „Solaris“ und der Nebel einer Zone im All, die unsere Gedanken saugt und uns unsere geheimen Wünsche spiegelt. „Das Kino schafft für unseren Blick eine Welt, die auf unser Begehren zugeschnitten ist.“ Jener Satz von André Bazin, der „Die Verachtung“ einleitete und den ich mir niemals merken konnte, wie die meisten Zitate. Er paßte, so dachte ich, als ich damals in einem jener Programm-Kinos Godards „Le Mepris“ sah, ebensogut auf die Literatur Kafkas. Eine Zone, die die Gedanken saugte und zog, die dehnte und befeuerte. Und eben jene Welt ganz eigener Art: eine Fiktion als Reales.

Und es gesellte sich diese Prosa zu jenen frühen 1980er Jahren, nicht bloß als eine äußere Korrespondenz und weil da ein Schüler seiner Lebensfaulheit mittels Literatur kaschieren wollte, sondern es entstand ein katastrophisches Szenario, das ganz gut zu zum Zeitgeist jener Jahre paßte. Atombewegte Zeit, Zonenzeit, Nato-Nachrüstung und Anti-AKW-Proteste: Sweet Child in Time, Friedensbewegung, Le WALDSTERBEN. Nichts ist, wie es scheint. Zahlenspiele. 23. Sondern in das Politisch-Grelle und in die Angstkommunikation der sozialen Bewegungen gesellte sich ein noch viel wirkmächtigeres Störfeuer. In der Form von Literatur. In der Prosa Kafkas, wo das Ungeheure so beiläufig auftrat.

Ich faßte diese Irritationen qua Kunst immer als produktives Moment. Als Anlaß, Fragen zu stellen. Rätselhaftes. „Ein / Rätsel ist Rein- / entsprungenes“, wie Celan jene Hölderlinstelle aus „Der Rhein“ bedichtete und zugleich durchs doppelte Enjambement neu sistiert. Verrätseln des Rätsels. Das war für mich damals die Prosa Kafka. Und zugleich bedeutet dieses Verfahren ebenso: bei der Rätselgestalt verharren, sie als Rätsel belassen, weil manchmal vertrackte Rätsel spannender sind als ihre Auflösung, sie nicht zu knacken oder zumindest doch die Lösung als nur eine Möglichkeit unter anderen aufzuzeigen.

Die Leser erfahren nicht, weshalb der Prozeß angestrengt wurde. Kein Grund wird genannt – weder erfährt ihn K. noch wir. Die Instanz, die hinter dem Prozeß steckt, bleibt bis zum Ende verborgen – nicht anders als in jener Parabel vom Torhüter jenes Verborgene, dahin der Mann vor dem Gesetz strebte. Doch im Verlauf des Romans zeigt sich diese Instanz zugleich in unterschiedlichen Gestalten und Ausprägungen: jeder, dem K. begegnet, kann dazugehören, es ist ein Gericht, das allgegenwärtig ist. Die verschiedensten Personen stehen irgendwie mit ihm in Verbindung oder wissen um K.s Prozeß – mehr als Josef K. selbst. Er, so hat man den Eindruck, weiß am allerwenigsten, während jene, denen er begegnet, gut eingeweiht scheinen. Was die Sache um so unheimlicher macht. Und immer wieder tappt K. in die Fallen oder überschätzt sich maßlos, hält sich fürs souveräne Subjekt. Aber wir sind nicht gut zu Hause in der gedeuteten Welt. Wußte Rilke, wie ich damals las, und wußte mit Rilke auch ich. Jungs mögen Pathoston. Ich mochte Rilke nicht. Dafür aber Kafka

Die Verhaftung beruht nicht etwa auf einem Rechtsakt, wie es zunächst aussieht, sondern es steckt, so scheint es, anderes dahinter. Ein Haftbefehl oder eine Anklageschrift existiert nicht. Die Sache wird mündlich verkündet. Die Wächter benehmen sich eigentümlich, verzehren das Frühstück von K. und auch an seinen Legitimationspapieren zeigen sie auffallend wenig Interesse. Die Behörde selbst, von der die Anklage ausgeht, ist eine eigentümliche Instanz, im Nebel, so zumindest für einen der Männer:

„‚Unsere Behörde soweit ich sie kenne, und ich kenne nur die niedrigsten Grade, sucht doch nicht etwa die Schuld in der Bevölkerung, sondern wird, wie es im Gesetz heißt von der Schuld angezogen und muß uns Wächter ausschicken.“ (Franz Kafka, Der Proceß, S. 14, Kritische Ausgabe, Fischer Verlag)

Dieses Schwebende zeigt sich auch in der Sprache. Es kennzeichnet diese Prosa bereits auf den ersten Seiten der Frage-Modus:

„Was waren denn das für Menschen? Wovon sprachen sie? Welcher Behörde gehörten sie an? K. lebte doch in einem Rechtsstaat, überall herrschte Friede, alle Gesetze bestanden aufrecht, wer wagte, ihn in seiner Wohnung zu überfallen?“ (Kafka, Der Proceß, S. 11)

Was man aus solchen Fragen herausliest, ist die existentielle Verunsicherung eines Individuums in seinen Lebensbezügen. Und solcher Schub von Fragen streut sich immer wieder in diese Prosa ein und hält sich bis zum Ende des Romans durch, steigert sich dort in einen Exzeß – Rest noch und expressionistischer Einschlag jenes „Oh Mensch“-Pathos. Hohe, hohe Mitternacht. Zum Ende terminieren jene Daseinsfragen in eine Hinrichtungsszene:

„K. wußte jetzt genau, daß es seine Pflicht gewesen wäre, das Messer, als es von Hand zu Hand über ihm schwebte, selbst zu fassen und sich einzubohren. Aber er tat es nicht, sondern drehte den noch freien Hals und sah umher. Vollständig konnte er sich nicht bewähren, alle Arbeit den Behörden nicht abnehmen, die Verantwortung für diesen letzten Fehler trug der, der ihm den Rest der dazu nötigen Kraft versagt hatte. Seine Blicke fielen auf das letzte Stockwerk des an den Steinbruch angrenzenden Hauses. Wie ein Licht aufzuckt, so fuhren die Fensterflügel eines Fensters dort auseinander, ein Mensch, schwach und dünn in der Ferne und Höhe, beugte sich mit einem Ruck weit vor und streckte die Arme noch weiter aus. Wer war es? Ein Freund? Ein guter Mensch? Einer, der teilnahm? Einer, der helfen wollte? War es ein einzelner? Waren es alle? War noch Hilfe? Gab es Einwände, die man vergessen hatte? Gewiß gab es solche. Die Logik ist zwar unerschütterlich, aber einem Menschen, der leben will, widersteht sie nicht. Wo war der Richter, den er nie gesehen hatte? Wo war das hohe Gericht, bis zu dem er nie gekommen war? Er hob die Hände und spreizte alle Finger.“

(Die Bedeutung von Händen und auch die der Gesten in Kafkas Prosa – seien es die Briefe oder die Romane – wäre ein gesonderter Text für sich. Hände, Kinder und Gespenster. Auch Kinder können solche Spukgestalten sein.)

Auffallend, daß im ganzen Roman über kein psychologischer Entwurf der Figur des Josef K. erfolgt, besondere Merkmale sind an K. nicht festzustellen. Er taumelt von Szene zu Szene. Es ist ein Herr Jedermann. Prokurist in einer Bank.

Heinz Politzer schreibt in seiner Kafka-Studie:

„Als Menschengestalt zeigt Josef K. so wenig Leib und Seele wie die grotesken Kleinfiguren, die Kafka mit spitzer Feder an den Rand seiner Manuskripte zu zeichnen pflegte. Es ist ein Sinnbild und kein Portrait, geschweige denn das Selbstportrait eines Autors.“

In diesem Sinne kann man sagen, daß es in Kafkas Roman nicht so sehr um eine konkrete Person geht, gar im Sinne eines (positiven) Bildungsromans, wie man ihn noch in Kafkas „Der Verschollene“ herauslesen kann, sofern man diese Schlußszene auf der Eisenbahn, diese Reise in immer felsiger Regionen, als eine Ausfahrt ins Bessere lesen mag, sondern vielmehr trifft das, was  zum Schluß des Prozesses geschieht, eine beliebige Existenz. Und insofern heißt der Roman nicht „Josef K.“, sondern „Der Proceß“, wenngleich ansonsten für solche Art von Geschichten von Individuen durchaus Namen gewählt wurden. „Leutnant Gustl“ von Schnitzer, „Wilhelm Meister“ von Goethe, „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“, von Musil. Selbst bei „Der Verschollene lesen wir keinen Namen mehr, sondern nur noch eine abstrakte Personalisierung.

Die Deutungen von Kafkas „Proceß“ sind vielschichtig – das machte ihn damals sicherlich auch für den Deutschunterricht zum Anschauungsmaterial. Und nimmt ihm dadurch, als Schulstoff, womöglich seinen ästhetischen Reiz. Man kann diesen Roman religiös interpretieren, das Domkapitel gibt dazu einigen Anlaß, man kann ihn im Sinne von Alfred Webers Analyse zur Bürokratie und zum Beamten verwaltungssoziologisch lesen oder man kann diesen Prozeß gesellschaftlich nehmen, denn er weist auf den Totalitarismus des 20. Jahrhunderts. Linke wie rechte Diktaturen, die zu Kafkas Zeiten dem Jahrhundert noch bevorstehen. Kafka wußte von ihnen nichts: Willkürliches Verhaften bei abweichender Meinung. Muster links- wie rechtstotalitärer Politik, die bis heute aktuell sind: unter dem Namen einer vorgeblichen Befreiung wird die Säuberung und die Eliminierung des Gegners vorbereitet.

Dieser Überschuß an Deutungen – und diese Erkenntnis weist dann wiederum weit über bloß Didaktisches heraus – erzeugt einen verschlungenen und unabschließbaren Kommentar zur Prosa. Kafkas Text freilich – in der Prosa wie in den Briefen und den Tagebüchern – hat diese Deutungsebenen mitgedacht. Auch in jenen Worten des Geistlichen im Domkapitel kommt es zum Ausdruck:

„‚Richtiges Auffassen einer Sache und Mißverstehen der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus. ‘“

„‚Die Schrift ist unveränderlich und die Meinungen sind oft nur ein Ausdruck der Verzweiflung darüber. In diesem Falle gibt es sogar eine Meinung nach welcher gerade der Türhüter der getäuschte ist.‘“

Aber all diese Fragen sind die von Literaturwissenschaftlern und ästhetischen Theoretikern, die einen Text unter der Optik ihrer Disziplin oder mit den Augen des Philosophen sehen – Literatur als eine Form der Philosophie. Mich faszinierte damals, in jenen jungen Jahren und bis heute hin die Bildlichkeit dieser Prosa, vor allem aber ihr Reflexionsniveau: nämlich sich selbst als Literatur immer wieder zum Thema zu machen: Das Schreiben als Akt der Erkenntnis, Forschungen eines Hundes. Bei größtmöglicher Offenheit der Deutungen – wozu auch die Fragmentstruktur des Romans beitrug.

Denn da beim „Proceß“ kein von Kafka autorisierter Text vorliegt, dem er das Imprimatur erteilte, sondern eine Anordnung von Kapiteln oder Szenen, mithin eine Sammlung von Fragmenten, war die Forschung lange Zeit auf Spekulationen bzw. auf die Zusammenstellung von Max Brod, dem Freund und Nachlaßverwalter Kafkas, angewiesen. Erst jüngere Forschungen haben eine etwas andere Anordnung der Kapitel eruiert als in der von Max Brod autorisierten Ausgabe. Wenn man aber einige Schritte hinter diese eher positivistische Deutung zurücktritt, zeigt sich an diesen Fragen vielmehr ein anderer Umstand, der gut mit dieser literarischen Moderne, eigentlich seit dem Don Quijote, korrespondiert, nämlich einerseits im Sinne literarischer Autoreflexivität auf den Werkcharakter des Romans aufmerksam zu machen und qua Fragmentstruktur das Offene und Lose dieses Textes aufzuzeigen, das zur ästhetischen Gestalt des Romans dazugehört – vom Autor freilich nur bedingt intendiert, sondern dem Umstand ästhetischer wie subjektiver Unentscheidbarkeit geschuldet. Aber diese Unsicherheit gerade verschaffte der Prosa die adäquate Form. Daß nämlich die um Anfang und Ende gruppierten Kapitel genausogut auch anders angeordnet werden könnten. Ein Spiel also mit der Anordnung der Kapitel, wie es später dann ganz bewußt eingesetzt Julio Cortázar in „Rayuela“ betreibt.

Es gibt Bücher, die qua ihrer ästhetischen Form einen anderen Blick auf die Welt liefern und dieser neue Blick überträgt sich auf den, der das Buch liest. Verpeilte Jungs in jungen Jahren sind dafür gut empfänglich. Sie produzierten Deutungen und ihren Privatexzeß für Frauen in Deutschkursen oder für ihren seltsamen Weg suchten sie jene Sprache, die ihnen entsprach.

Im Falle Kafkas wurde dem jungen Mann dieses Spiel der Lektüre als ästhetisches Prinzip unabdingbar zum ewig webenden Mythos vom Gesang, von der Schönheit, der Kunst und am Ende dem Schweigen wie dem Verstehen – man denke an den Verurteilten der „Strafkolonie“: da wo es – beim Exzeß, als die Nadel ins Fleisch ritzte und das Vergehen in die Haut schrieb – nach Bekunden des Offiziers noch dem Blödesten aufgeht: die Wahrheit. Die aber für die Zuschauer jener Prozedur unentzifferbar bleibt. Eine Hieroglyphe. Jenes Schweigen, als Rätselschrift, nimmt in Kafkas Werk eine zentrale Stelle ein – man denke nur an seine letzte Erzählung „Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse“. Hier aber soll zum Ende dieses Langessays einzig von der Sprache der Sirenen die Rede sein. Weiber mit schönen Brüsten nicht nur. Jene Verlockenden, deren Gesang gleichsam, wenn man Adornos „Dialektik der Aufklärung“ folgen mag, eine Urszene der Kunst bedeutet. Kafka hat in dieser Prosa-Miniatur das wohl treffendste Bild für die Hermeneutik der Dekonstruktion gestaltet.

„Nun haben aber die Sirenen eine noch schrecklichere Waffe als den Gesang, nämlich ihr Schweigen. Es ist zwar nicht geschehen, aber vielleicht denkbar, daß sich jemand vor ihrem Gesang gerettet hätte, vor ihrem Schweigen gewiß nicht. Dem Gefühl, aus eigener Kraft sie besiegt zu haben, der daraus folgenden  alles fortreißenden Überhebung kann nichts Irdisches widerstehen.

(…)

Sie aber – schöner als jemals – streckten und drehten sich, ließen das schaurige Haar offen im Winde wehen und spannten die Krallen frei auf den Felsen. Sie wollten nicht mehr verführen, nur noch den Abglanz vom großen Augenpaar des Odysseus wollten sie solange als möglich erhaschen.

Hätten die Sirenen Bewußtsein, sie wären damals vernichtet worden. So aber blieben sie, nur Odysseus ist ihnen entgangen.

Es wird übrigens noch ein Anhang hierzu überliefert. Odysseus, sagt man, war so listenreich, war ein solcher Fuchs, daß selbst die Schicksalsgöttin nicht in sein Innerstes dringen konnte. Vielleicht hat er, obwohl das mit Menschenverstand nicht mehr zu begreifen ist, wirklich gemerkt, daß die Sirenen schwiegen, und hat ihnen und den Göttern den obigen Scheinvorgang nur gewissermaßen als Schild entgegengehalten.“

Teil 1 des Essays

Teil 2 des Essays

Tag der Befreiung bleibt Tag der Befreiung

auch mit popkultureller Industrie – wobei all der Schrecken, das Grauen eben nicht weggesungen oder mit Parolen weggesprochen werden können. (Zugleich aber ist mitzudenken, daß sich Rituale und symbolische Tage im Zeitlauf eben auch verändern. Und daß dieser 8. Mai für Deutschland ein Tag der Freude ist.) Morgen folgen ein paar Photographien. Am 9. Mai.

Die Tonspur zum Samstag, für Lars von Trier

Für einen der bildgewaltigen Regisseure des 20. Jahrhunderts, nachträglich zum Geburtstag gereicht. Freilich nicht für ihn selbst und also für Lars von Trier dargebracht, denn er kennt schließlich seine eigenen Filme und die Bildszenen besser als jeder und er wird sich kaum für diesen Blog interessieren, aber doch als Referenz auf das gedacht, was ich liebe und ästhetisch schätze.

Daß Lars von Trier, wie auch Jean Paul, zu den großen Humoristen gehört, entgeht vermutlich den meisten Betrachtern seiner Filme. Pathos und Witz sind meist durch einen Faden aus zarter Zahnseide geschieden. Zum 30. April nachträglich mein Wunsch nach vielen weiteren Filmen: Schieß sie in Bildern nieder! Es sind die Sterne, die kalt und stumm auf uns herabschauen. Es sind solche von den wenigen, die zurückzublicken vermögen. Wohin gehst Du mit dem Teleskop? Mit der Linsenwaffe. Die Schläge ins Geschlecht und nichtrasierte Frauen. Gewalt, die an die Grenze des erträglichen geht. Kunst, die schmerzt. Bei Lars von Trier wird nicht korrekt gegendert oder das Soziale in ein nettes Problemchenfilmchen geparkt, sondern der Regisseur setzt sich dem Extrem aus. Dies kann bis zur rasenden Besessenheit gehen und so gebiert die Kamera wunderbare Bilder von Kraft und Ausdruck.

(Man muß sich für dieses YouTube-Video mit einer Altersangabe anmelden. Ich kann aber versichern: Es lohnt sich. Nicht nur wegen des Songs, dieser guten Cover-Version von „Hey Joe“ aus dem Film wunderbaren Film Nymphomaniac mit der großartigen, großen und wundervollen Schauspielerin und Sängerin Charlotte Gainsbourg. Solches gibt es nur in Frankreich, und nur ein Nordlicht weiß, wie man solch wilde Rosen weckt.)

 

 

 

Gottfried Benn zum Geburtstag: dem Gegenglück, dem Geist

„Ich bin kein Menschenfeind. Aber wenn Sie mich besuchen wollen, bitte kommen Sie pünktlich und bleiben Sie nicht zu lange.“
Ansonsten halte ich es ebenso mit dem Titel jenes Bandes ausgewählter Briefe, erschienen bei Klett-Cotta/Wallstein:
„Absinth schlürft man mit Strohhalm, Lyrik mit Rotstift.“
Schöne Sentenzen, klangvoll, ein wenig markig auch, apodiktisch, aphoristisch sowieso. In solchen Aphorismen blitzt die Erkenntnis auf. Sie zeigen auf etwas, das sich nicht in langen Abhandlungen sagen läßt, sondern ein Gedanke, der auf den Punkt geht. Benn ist einer dieser großen Dichter, die im Lakonischen Wesentliches sagen. Der genau beobachtende Arzt. Mit Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten.
Aber was weht einen an, in dieser Prosa, dieser Lyrik? Die Kälte der Morgue, die Welt als Versuchsanstalt für den Weltuntergang – frei nach Karl Kraus -, die Kühle des Blickes bei doch feurigem Herz, Drachenkälte und Eisesfeuer: das ist auch die Haltung des Hausherren im Grandhotel Abgrund. Und er hat sich einmal wieder ein neues Schildchen für die Haustür mit einem neuen Motto für den Besuch gravieren lassen.
Ich blättere in der angegilbten und tatsächlich schon mit einer Art von Alterflecken versehenen Taschenbuchausgabe der Gedichte, bei Fischer erschienen, November 1982. Trunkenes Schiff, wie da die Gedanken aufsteigen, an alte Zeit, an „Café“ und „D-Zug“: die Gesinnungsfahndung des Tugendwächterrates jener Twitter-Literatur“wissenschaftler“ wäre ob dieses Gedichts und des Frauenanteils darin gar sehr aus dem Häuschen. Daß Kunst autonom  ist, haben sie vergessen, Texte werden nach dem Modus Eins-zu-eins abgeklopft. Daß Kunst böse und grausam sein darf, es sogar manchmal sein muß, geht nicht in den bolognisierten Kopf halbgebildeter Nachwuchsakademiker. Mehr Benn wagen, denke ich mir.

D-Zug

Braun wie Kognak. Braun wie Laub. Rotbraun. Malaiengelb.
D-Zug Berlin-Trelleborg und die Ostseebäder.-

Fleisch, das nackt ging.
Bis in den Mund gebräunt von Meer.
Reif gesenkt. Zu griechischem Glück.
In Sichel-Sehnsucht: wie weit der Sommer ist!
Vorletzter Tag des neunten Monats schon!-

Stoppel und letzte Mandel lechzt in uns.
Entfaltungen, das Blut, die Müdigkeiten,
Die Georgiennähe macht uns wirr.-

Männerbraun stürzt sich auf Frauenbraun:

Eine Frau ist etwas für eine Nacht.
Und wenn es schön war, noch für die nächste!
Oh! Und dann wieder dies Bei-sich -selbst-sein!
Diese Stummheiten! Dies Getriebenwerden!
Eine Frau ist etwas mit Geruch.
Unsägliches! Stirb hin! Resede.
Darin ist Süden, Hirt und Meer.
An jedem Abhang lehnt ein Glück.-

Frauenhellbraun taumelt an Männerdunkelbraun:

Ich sehe die blassen Hemdchen und Hemdch*Innen vor mir. T-Shirt-Feministen. Es ist lächerlich, wenn es mit diesen Leuten nicht so traurig wäre. Da werden die Neuerscheinungsverzeichnisse der Verlage nach Frauenquote und Diversenanteil durchgeforstet. Benn hätte sein Freude, Kraus auch.

Halte mich! Du, ich falle!
Ich bin im Nacken so müde.
O dieser fiebernde süße
letzte Geruch aus den Gärten.-

So endete Benns D-Zug. Jene Wissenschaftler geraten ins hysterische Kreischen. Es fällt mir zu jenen Leuten da, ich nenne keine Namen, der Satz Adornos ein: Halbbildung ist nicht die Hälfte der Bildung, sondern deren Gegenteil. (Zitieren aus dem Kopf zu später Stunde.)

Hätte ich bereits früher und nicht erst heute abend gelesen, daß Gottfried Benn Geburtstag hat, schriebe ich sicherlich einen schönen Text zu Benn. Allein es sollte nicht sein, deshalb eines jener Gedichte, die ich von Jugend an mochte, womit ich in gewisser Weise auch wieder bei jenem Blogthema wesentlicher Bücher der Jugend bin, jener zentralen Dichtung, die einen jungen Mann bewegte und prägte, im Denken, wie im Handeln, in jenen Nächten, da man zwar vielleicht nicht Kokain nahm, aber doch andere Drogen, die eine Blutverteilung in Gang brachten. Der Benn-Sound drang ins Blut und zirkulierte, mit Brecht und Benn zur selben Zeit, Exzeß bei unterkühlter Temperatur mit wohltemperiertem Wein im Grandhotel Abgrund – gerne auch auf der Terrasse. Das schätzte ich immer. Auch in jenen Augusttagen. Man ist gerne und ißt gerne bei sich selbst.
Einsamer nie als im August:
Erfüllungsstunde – im Gelände
die roten und die goldenen Brände,
doch wo ist deiner Gärten Lust?
Die Seen hell, die Himmel weich,
die Äcker rein und glänzen leise,
doch wo sind Sieg und Siegsbeweise
aus dem von dir vertretenen Reich?
Wo alles sich durch Glück beweist
und tauscht den Blick und tauscht die Ringe
im Weingeruch, im Rausch der Dinge −:
dienst du dem Gegenglück, dem Geist.

Vom Lesen – drei Bücher. Franz Kafkas „Der Process“ (2): Der Prozeß vom richtigen Auffassen einer Sache und dem Mißverstehen der gleichen Sache schließen einander nicht wirklich aus

Fast ist er zu einer geflügelten Rede geworden – jener erste Satz aus Kafkas „Proceß“. Er ist vermutlich jedem Leser bekannt, selbst jenen, die bisher keine Kafka-Zeile gelesen haben:

„Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“

Nur eben, da liegt die Tücke, es ist das Bekannte noch lange nicht das Erkannte. Und es ist sinnvoll, bereits zum Anfang genau in diese Prosa hineinzulesen und beim Detail zu verharren, was nicht  nur bei der Lektüre Kafkas ratsam ist: Wir finden ein Modalverb („mußte“, als eine Möglichkeit) und einen Konjunktiv („hätte“). Es besteht also die Möglichkeit, daß es eine Verleumdung sein könnte, aber eben nicht zwangsläufig sein muß. Erstes Rätsel bereits, das Kafka auslegt. Und daß K. nichts Böses tat, bleibt eine Mutmaßung im Konjunktiv II („hätte“). Die Instanz, die da Josef K. verleumdet haben mußte, bleibt anonym. „Jemand“. Irgendwer. Das einzige, was in dieser heiklen Situation sicher scheint, was die Szene bestimmt und für den Fortgang des Romans die Konfiguration schafft, ist die Verhaftung Josef Ks. Die zweite Gewißheit ist, daß es der Tag der Verhaftung der seines 30. Geburtstags ist.

Solche Überlegungen klingen gescheit, wissenschaftlich, klug – was auch immer. Doch all dies dachte ich damals, Anfang der 80er Jahre nicht, als ich mich, obwohl es kein Schulstoff war, nach dem Unterricht in Kafkas „Proceß“ stürzte und las. Sondern im ersten Akkord bereits packte mich ganz und gar unwillkürlich ein Szenario: dort, in Josef Ks Schlafzimmer, morgens direkt nach dem Aufwachen, im Bett genauer gesagt, wo er allein lag, geschahen seltsame Dinge. Das irritierte. Weshalb verhaftete man ihn kurz nach dem Aufwachen, und wieso eine Verhaftung – aber ohne Haft? Wie konnten diese Menschen in jenen intimen Bereich der Schlafstätte so einfach eindringen, vor allem aber: mit welchem Recht? Welche Rolle spielte die rätselhafte Frau Bürstner? Diese Art von Prosa stellt bereits zum Anfang Fragen an den Leser. Sie verrätselt. Daß dieser Fragemodus jedoch etwas ist, was nicht nur den Leser bereits zu Beginn, sondern ebenso diesen Roman durchgängig bestimmen wird, zeigt sich im Lauf der weiteren Lektüre, ganz handfest in der Prosa selbst. (Mehr dazu im dritten Teil mehr.)

Es gibt solche Bücher, die einem die Lauf- und Leserichtung ändern. Kafkas „Proceß“ war solch ein Roman, weshalb ich ihn in die Reihe jener drei Bücher aufnehme, die ein Leseleben verändern können. Da war zunächst meine Faszination für eine Szene und dann noch eine und noch eine Szene, eine besser als die andere, eine verrückter als die andere, so dachte ich es mir damals. Aber diese Begeisterung kam nicht vom Himmel gefallen, sondern Maßgabe war der Text selbst und sein Zusammenspiel mit einer entgegenkommenden Haltung. Nicht für die Person Kafkas – ich wußte von ihr damals nur wenig, höchstens, daß er ein sonderbarer Einzelgänger zu sein schien –, sondern für diese eigentümlich-packende Art zu erzählen und wie da plötzlich ein Mensch überfallartig in einen ungeheuren Vorgang verwickelt wird. Am Ende mit letalem Ausgang.

„Der Proceß“ schildert solchen Wahnwitz in einer unaufgeregten Sprache: kein Engagement, keine Empörung, nur eine leichte Verstörung aus der Perspektive Ks. Im Erzählprinzip Kafkas, wo sich auktoriales und personales Erzählen, erlebte Rede und Distanz des Erzählerbetrachters immer wieder durchdringen und ergänzen, kommt diese Geschichte erst zum Tragen. Wir spüren als Leser einerseits diese Bedrohung und andererseits blicken wir fast wie im Film aufs Geschehen. (Zu Kafka und dem Kino sei der Text von Peter-André Alt empfohlen: „Kafka und der Film: über kinematographisches Erzählen“.) Diese Perspektivität damals und wie Kafka damit den Effekt der Verstörung erzeugte, gefiel mir, sie erfaßte psychologisch und sozial einen Mechanismus von „Überwachen und Strafen“ im Modus literarischer Rede. Die Einspannung des Subjekts ins Gesellschaftliche wie auch eine Entäußerung von Inneneffekten. Nur eben hier in einer radikal negativen und bedrohlichen Weise.

Die Sprache Kafkas dabei: lakonisch und ohne Schnörkel eine Szene in dieser Form in Sprache dazustellen, in dieser Art und Weise sie zu erzählen: die Spannung, die sich aufbaut, weil etwas aus der Bahn gerät und wie die Existenz des normalen Lebens bereits zu Beginn des Szenarios nicht mehr zu funktionieren scheint: die Bedrohung, und dazu etwas, daß einerseits ganz und gar unrealistisch anmutete und zugleich völlig real erschien. Eine Ambivalenz. Wir kennen jenes bekannte Zitat bzw. jene Anekdote von Georg Lukács, jener Lukács, der Kafka im Expressionismusstreit der 30er Jahre einen Formalisten scholt und als der Genosse Lukács dann in den 50er Jahren von den eigenen Genossen je verhaftet wurde, eben doch bekennen mußte: Kafka war Realist. Aber das sind später, sehr viel später hinzutretende Referenzen einer Prosa, die den sozialistischen Realismus als Totalitarismus beschreibt.

Mich riß damals aber nicht das Soziale aus meinem Schlummer linker Politisierung, sondern eine eminent ästhetische Position. Es changierte in dieser Prosa ständig etwas. Ortlos, bodenlos. Nie ist man sich einer Szene ganz sicher. So die Szenen vor dem Gericht auf dem Dachboden oder wenn K. mit seinem Onkel und dem Advokaten Huld spricht, der ihm im Prozeß helfen soll, man glaubt sich zu zweit im Gespräch und ist es doch nicht. Eine Szene wie im Film noir, vom Spiel des Lichts getragen, das den Spannungsbogen aufbaut. Wir betreten mit den Augen des Helden (persönliche Perspektive) und zugleich mit der Kamera, die registriert (also noch eine Form des Auktorialen) einen düsteren Raum: Die Vorhänge zugezogen, kaum Licht, fast ein Höhlengleichnis:

„Im Licht der Kerze, die der Onkel jetzt hochhielt, sah man dort, bei einem kleinen Tischchen, einen älteren Herrn sitzen. Er hatte wohl gar nicht geatmet, daß er so lange unbemerkt geblieben war. Jetzt stand er umständlich auf, offenbar unzufrieden damit, daß man auf ihn aufmerksam gemacht hatte. Es war, als wolle er mit den Händen, die er wie kurze Flügel bewegte, alle Vorstellungen und Begrüßungen abwehren, als wolle er auf keinen Fall die anderen durch seine Anwesenheit stören und als bitte er dringend wieder um die Versetzung ins Dunkel und um das Vergessen seiner Anwesenheit. Das konnte man ihm nun aber nicht mehr zugestehen.“

Ein Bild, wie aus der mythischen Vorzeit, die bei Kafka immer wieder in den Alltag einbricht. Bereits in solchen knappen Sentenzen – wie wir sie auch in Kafkas Tagebüchern und Briefen oft finden – bricht sich sein der Wille zur Gestaltung Bahn. Eine Szenerie weniger psychologisch ausgerichtet, sondern vielmehr phänomenologisch zu beschreiben, was ist und in diese Phänomenologie doch zugleich auch eine Deutung, eine Sichtweise einzuarbeiten. Diese Kombination von Darstellung und Deutung finden wir auch in jener in den Prozeß-Roman eingebauten Parabel „Vor dem Gesetz“ und der Szene im Dom. Sie erzählt etwas und liefert dabei zugleich eine Deutung von Ks eigener Sache. Kafka baute in den „Proceß“ immer wieder solche Spiegelungen ein.

Man weiß nicht, wie einem geschieht, das, so vermute ich, war es, was mich in jenen Jahren ansprach. Dieser Taumel macht sich schon in der ersten Szene bemerkbar. Es war da etwas Intuitives, es geschah, ich geriet beim Lesen sofort und unmittelbar in den Text, kein Anfangszögern, kein häsitieren, sondern eine Begeisterung steigerte mich auf. So wie einen jungen Mann der Anblick des einen und nicht des anderen Mädchens reizt, so wie den jungen Mann der Schwung des Armes, die unwillkürliche Geste des Mädchens beim Sprechen, das Wippen der Brüste unterm T-Shirt und der Blick auf Brustwarzen entfacht. Es waren das für mich Prosa-Sätze mit Wucht, fatal auch, aber das allein reicht nicht, es zog nicht nur das, was bei Kafka dann nach dem Auftakt folgte, mich irgendwie in den Bann, sondern der ganze Bau dieses Romans faszinierte mich. Die Dachbodenszenen in den Mietskasernen, die seltsamen, befremdlichen Kinder. Die Prüglerszene da in einem Hinterraum im Büro. Sicherlich: Türen des Unbewußten werden da geöffnet, dachte sich der naive Jungsleser und war von den surreal-realen Effekten begeistert.

Das Gericht, das auf den Dachböden tagt. Doch ist das Gericht selbst ist nicht etwa, wie bei bedeutenden Staatsgebäuden üblich, mitten in der Stadt angesiedelt, sondern in den grauen Vorstädten, wo anscheinend wichtige Behörden sich verborgen halten, inmitten der Mietskasernen, Proletariermilieu, wo zwischen den Fenstern, Wäsche zum Trocknen hängt. Hier bereits die ersten Chiffren von Intimität. Und topographisch eine Region des Abseits. Kafka schildert den Weg zum Gericht:

„Aber die Juliusstraße, in der es sein sollte und an deren Beginn K. einen Augenblick lang stehenblieb, enthielt auf beiden Seiten fast ganz einförmige Häuser, hohe graue von armen Leuten bewohnte Miethäuser. Jetzt, am Sonntagmorgen, waren die meisten Fenster besetzt, Männer in Hemdärmeln lehnten dort und rauchten oder hielten kleine Kinder vorsichtig und zärtlich an den Fensterrand. Andere Fenster waren hoch mit Bettzeug angefüllt, über dem flüchtig der zerraufte Kopf einer Frau erschien. Man rief einander über die Gasse zu, ein solcher Zuruf bewirkte gerade über K. ein großes Gelächter. Regelmäßig verteilt befanden sich in der langen Straße kleine unter dem Straßenniveau liegende, durch ein paar Treppen erreichbare Läden mit verschiedenen Lebensmitteln. Dort gingen Frauen aus und ein oder standen auf den Stufen und plauderten. Ein Obsthändler, der seine Waren zu den Fenstern hinauf empfahl, hätte, ebenso unaufmerksam wie K., mit seinem Karren diesen fast niedergeworfen. Eben begann ein in besseren Stadtvierteln ausgedientes Grammophon mörderisch zu spielen.“

Ein detailgetreues Bild von den Vorstädten, am Ende überschießend durch das Spiel des Grammophons. Kafkas Roman ist, wie der Kafkaforscher Heinz Politzer bemerkt, ebenfalls ein Großstadtroman in der Tradition des frühen 20. Jahrhunders. (Ähnliches schon in „Der Verschollene“.)

Solche Vorstädte als Chiffre für die Moderne finden wir paradigmatisch ebenso in der Prosa-Miniatur „An alle meine Hausgenossen“ aus den Oktavheften, Anfang 1917 geschrieben:

„In unserm Haus, diesem ungeheuern Vorstadthaus, einer von unzerstörbaren mittelalterlichen Ruinen durchwachsenen Mietskaserne, wurde heute am nebligen eisigen Wintermorgen folgender Aufruf verbreitet!“

(Daß dieser Aufruf zugleich auch mit einer Revolution oder zumindest Revolte zu tun hat, darauf wird vielleicht noch im dritten Teil einzugehen sein.)

Jener Schulfreundin mit der lila Latzhose war diese Prosa in ihrer Negativität unerträglich. Ich widersprach damals heftig. Wir stritten, insbesondere über die Legende vom Mann vor dem Gesetz. Sie fand dieses Warten entmutigend und in seiner Fatalität schlimm. Ich entgegnete ihr, daß der Mann doch einfach nur durch das Tor hätte treten müssen, denn es war nur für ihn, einzig für ihn, für jenen Mann vor dem Gesetz bestimmt. Wir waren beide jung und wir waren naiv und voller Emphase für Texte. Ich hingegen nahm diese Texte als Leben, anders als das schöne, blonde Mädchen in der lila Latzhose und ihrem weiten T-Shirt, ihren feinen Brüsten. Sie lebte. Ich las. [Daß dann später in meiner Lektüre jene „Briefe an Felice“ hinzukamen, machte die Sache des Literarisierens und eines Lebens, um des Schreibens willen, nicht besser.] Gelungene Literatur ist grausam und sie ist Exzeß. (Für die heutigen Literaturwissenschaftler und Leser kann man nur raten: Mehr Dionysos wagen!)

(Ende des zweiten Teils)

Weltpinguin-Tag

Is auch wichtig und Zeit für den Zoo in Bildern, denke ich mir, heute am Weltpinguin-Tag. Und da die lustigen Pinguine (besonders die Brillenpinguine), zusammen mit den freundlichen Eseln, meine Lieblingstiere sind, muß das gewürdigt werden. Was mich daran erinnert, bald einmal wieder in den Berliner Zoo zu gehen – und auch in den Zoo meines geliebten Leipzigs. Derweil stelle ich hier ein paar ältere Photographien aus dem Jahr 2014 ein.

Der versehrte Körper

„Es stand aber bei dem Kreuze Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, des Kleophas Weib, und Maria Magdalena. Da nun Jesus seine Mutter sah und den Jünger dabeistehen, den er liebhatte, spricht er zu seiner Mutter: Weib, siehe, das ist dein Sohn! Darnach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Darnach, da Jesus wußte, daß schon alles vollbracht war, daß die Schrift erfüllt würde, spricht er: Mich dürstet! Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Isop und hielten es ihm dar zum Munde. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied.“ (Joh. 19:25-29)

Passend zum Karfreitag einige Überlegungen zum Körper – freilich aus nichttheologischer Perspektive geschrieben, mit dem Schwerpunkt auf die Bildlichkeit -, und zwar über den in seiner physischen Beschädigung auch medial inszenierten Körper. Den in der Marter im Bild dargebotenen Körper als eine Weise der Repräsentation von Gottesfurcht und Dasein Gottes im dunklen Moment seiner (scheinbaren) Abwesenheit, einem Moment, der mit Notwendigkeit erfolgen muß – religio. Daß sich die Schrift erfülle. [Und um dieser Erfüllung willen ist auch eine Person wie Judas religionsdramaturgisch notwendig.]

Zugleich bleibt dieser Körper jedoch – trotz medialer Darbietung, insbesondere in der christlichen Ikonongraphie – akzidentell. Er ist Bild geworden. Eine Paradoxie in der Bildlektüre zeigt sich hier: einerseits verweist der bildlich dargestellte, gemarterte Körper auf ein bloßes Moment im Prozeß: Passionsgang, Marter, Zerschindung, Verklärung und Auferstehung als Geist. Das Zentrum des Bildes ist jedoch, trotz Kreuzestod, nicht die Marter. Andererseits kann sich jener Geist, die Aufhebung des Opfers, das trinitätische Wesen nicht in Abstraktion oder Ornament entäußern und präsentieren, sondern muß (womöglich mit Notwendigkeit) auf die ganz und gar sinnliche Form zurückgreifen. Der Geist und das Wesen Gottes bleiben auf die irdische Repräsentation samt den Repräsentationsmedien und damit auch: auf den Körper als Träger angewiesen.

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In jenem Körper des Gekreuzigten verbinden sich – zumindest in den meisten Bild-Inszenierungen des Abendlandes – Marter, Qual, Verklärung und Verzückung im Schmerz, so wie ihn die zahlreichen und vielschichtigen Gemälde von der Kreuzigung Christi zeigen, über jenes Kreuzigungsbild von Lucas Cranach d. Ä., aber auch El Grecos semi-expressive Leidverzückung in düsterroter Farbe. Oder wie später dann der (biblische) (Hollywood-)Film den Körper (als lesbares Zeichen) ausstellt – ob nun „Das Gewand“ oder „Ben Hur“ und in aller Drastik vielleicht bei Mel Gibsons „Die Passion Christi“. Aber auch Filme, die dem kulturindustriellen Strom entgegenstehen, wie „Montana Sacra“ von Alejandro Jodorowsky oder Pasolinis „Das 1. Evangelium – Matthäus“, präsentieren einen unter dem Zeichen der Religion gekerbten und versehrten Körper. Bei Pier Paolo Pasolini vielleicht durch die Schlichtheit der Darstellung und weil dort keine Überhöhungen  als kulturindustrieller Film-Kitsch und damit im Grunde eine Erniedrigung der Passion stattfinden, vielleicht noch am drastischsten. Die Leidensgeschichte kommt in einer ganz und gar unaufgeregten Form daher. Italienische Bauern als Laiendarsteller.

Eine der kunstgeschichtlich wohl heftigsten Darstellung des Leidens Christi während des Kreuzestodes findet sich in der Bildenden Kunst beim Isenheimer Altar in Colmar, so wie es das Tafelbild von Matthias Grünewald zeigt.

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Dieser Körper der Marter, grün fast, wie von Schimmel überzogen, wird erst in der Auferstehung zum Leib verklärt, und an diesem Leib sind dann alle Zeichen der Entstellung, der Folter und des Vergänglichen getilgt – elevatorische Transformation alles Irdischen und gegen alle Gesetze der Physik, umgeben von der Aureole. Eine herrliche Darstellung, die man sich unbedingt im Original betrachten muß. Das läßt sich in keiner Reproduktion erfassen.

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Ein (mögliches) Pendant zu jeglichem Kreuzigungsbild – inspiriert vom Dada – in satirisch-zuspitzender Absicht, und zugleich als eine komplexe Materie im freilich bereits abgelebten Gestus der Provokation und (notwendig) simplifizierend, zeigt uns Martin Kippenberger. Religion als Farce und dennoch provoziert solche Kunst bis heute:

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Das Bild  entstammt folgender hier verlinkter  Quelle.

Im biblischen Hollywoodfilm hingegen verweltlicht sich in monetärer Absicht der Aspekt der Marter und des Schmerzes. Der Kreuzestod geriet säkular und zur Produktion der Studios. Der Kalvarienberg und die Schädelstädte (des Geistes), auch hier eine Masseninszenierung, wenngleich in anderer Qualität als jene Gemälde und Altarbilder. Doch das Lebendige des Geistes ist nicht im Toten zu suchen oder gar zu fixieren, so wußte es bereits Hegel in seinen Vorlesungen über die „Philosophie der Geschichte“, wenn er im Hinblick auf die christlichen Kreuzzüge formuliert:

„Von Christus selbst konnte man keine Reliquien haben, denn er war auferstanden: das Schweißtuch Christi, das Kreuz Christi, endlich das Grab Christi wurden die höchsten Reliquien. Aber im Grabe liegt wahrhaft der eigentliche Punkt der Umkehrung, im Grabe ist es, wo alle Eitelkeit des Sinnlichen untergeht. Am Heiligen Grabe vergeht alle Eitelkeit der Meinung, da wird es Ernst überhaupt. Im Negativen des Dieses, des Sinnlichen ist es, daß die Umkehrung geschieht (…) Das Prinzip eurer Religion habt ihr nicht im Sinnlichen, im Grabe bei den Toten zu suchen, sondern im lebendigen Geist bei euch selbst. Die ungeheure Idee der Verknüpfung des Endlichen und Unendlichen  haben wir zum Geistlosen werden sehen, daß das Unendliche als Dieses in einem ganz vereinzelten äußerlichen Dinge gesucht worden ist.“ (Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte)

Im Prozeß von Moderne und Medien ist der gemarterte Körper zugleich als inszeniertes Ereignis und Spektakel und als eine Art Unterhaltungsnarrativ bedeutsam. Und zugleich weisen gelungene filmische oder überhaupt bildliche Darstellung auf mehr als nur Religiöses: nämlich auf die Folter. Auf eine Folter, die ohne Wenn und Aber und ohne Einschränkungen nicht sein darf. In den vier Evangelien finden sich z.B. keine nennenswerten Hinweise auf Gewalt am Körper Jesu, nichts an Gewalt wird dort in extenso ausgemalt, die Via Dolorosa ist kein Ort für bildliches Theater, für Passionsspiele und Filmeffekt, sondern allenfalls Zeichensprache. Die Gewalt am Körper um der Darstellung von Gewalt willen ist den Evangelien fremd, ihr zentrales Moment ist vielmehr das letzte Opfer des Menschen- und Gottessohnes als Ende jeden Opfers.

Anders der Hollywood-Film, der diese Gewalt am Körper im Extrem und als bereits fetischhafte Obsession inszeniert und in überbordenden, teils auch reißerischen Bildern darbietet, am drastischsten wohl in Mel Gibsons Film „Die Passion Christi“, den man weniger als einen religiösen Film, sondern als eine Orgie der Selbstdestruktion lesen kann – von der darin sich manifestierenden politischen Bildsprache einmal ganz abgesehen. Religion geschieht hier eben auch um des Effektes willen, dient möglicherweise gar der Produktion von Ideologie qua Bildsprache. Was nicht ausschließt, daß man bei „Die Passion Christi“ auch eine dekonstruktive Lesart wählen kann, die die Formen der Sexualisierung darstellt. [Jeder Fesselung wohnt ein Reiz inne. Sei’s der an den Felsen gefesselte Prometheus, sei’s der ans Kreuz geschlagene Jesus: formschöne, gezeichnete Männerkörper. Die Linie Jesus, Justine, Juliette ziehen. Was man als These dann wiederum konkret am Film selbst überprüfen müßte, auch sein ideologisches Moment, ich will mich hier nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen. Aber ich denke, daß solche Assoziationen aufschlußreich sein können.]

Verklärung des Leids oder Exzeß der Verausgabung?: „– Hat man mich verstanden –? Dionysos gegen den Gekreuzigten!“, wie es im letzten Satz von Nietzsches letzter Schrift heißt: „Ecce homo“. Oder eben Brot und Wein, wie wir es bei Hölderlin finden.

Die Grenze zwischen Lust, Erotik, Gewalt, Schmerz und Religion sind fließend: der kaum bekleidete, gemarterter Körper eines Mannes, den Blicken dargeboten, der Beckenbereich mit einem Schamtuch verhüllt und der warme, der heiße Schmerz durchfährt jede Faser des Körpers. Die Selbstgeißelung und auch die Fremdgeißelung, die sich im Akt des Religiösen ereignet, maskiert ein im Grunde sexuelles Spiel. (Und insofern wird mich auch Ulrich Seidls Film „Paradies: Glaube“ interessieren.)

Die Lust am versehrten Körper hängt einerseits mit einer Form von Gewalt zusammen, die eine absolute Macht darstellt, (der so ausgesetzte Subjekt-Körper als Homo sacer im Sinne Agambens), aber diese Lust ist nicht unbedingt nur totalitarismus- oder faschismuskompatibel, und es hat seine Gründe, weshalb Breker und Riefenstahl lediglich den makelloses Körper in Skulptur und Film umsetzten, von dem alle Spuren der Entstellung durch Mord und Folter getilgt wurden – man betrachte nur diese speer- und diskuswerfenden Männer in Riefenstahls Olympia-Film „Fest der Völker“. Man müßte diese Bilder neben Francis Bacons und Lucien Freuds Gemälden plazieren und zusammendenken. Mich haben immer schon die Gegensätze interessiert.

Der Körper aber, der bei der Kreuzlegung dann gebettet wird, ist aber versehrt. Soviel ist richtig. Doch diese Versehrung bildet keineswegs das zentrale Motiv der Passion.

„Und es war um die sechste Stunde, und es ward eine Finsternis über das ganze Land bis an die neunte Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels zerriß mitten entzwei. Und Jesus rief laut und sprach: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt, verschied er.“ (Lukas 23:44-46)

Man lese diese Stelle parallel mit Kafkas „Die Strafkolonie“. Der gemarterte Körper eines Gefangenen, bei Kafka, mit einer Schrift versehen, die zugleich Tat und Strafe zum Inhalt hat: der Körper als inszenierter Text. So und nicht anders haben wir Verfechter des Textes es gerne. Auch am Karfreitag. Und so geht die Rede des strafenden Offiziers:

„Es darf natürlich keine einfache Schrift sein; sie soll ja nicht sofort töten, sondern durchschnittlich erst in einem Zeitraum von zwölf Stunden; für die sechste Stunde ist der Wendepunkt berechnet. […] Begreifen Sie den Vorgang? Die Egge fängt zu schreiben an; ist sie mit der ersten Anlage der Schrift auf dem Rücken des Mannes fertig, rollt die Watteschicht und wälzt den Körper langsam auf die Seite, um der Egge neuen Raum zu bieten. Inzwischen legen sich die wundbeschriebenen Stellen auf die Watte, welche infolge der besonderen Präparierung sofort die Blutung stillt und zu neuer Vertiefung der Schrift vorbereitet. Hier die Zacken am Rande der Egge reißen dann beim weiteren Umwälzen des Körpers die Watte von den Wunden, schleudern sie in die Grube, und die Egge hat wieder Arbeit. So schreibt sie immer tiefer die zwölf Stunden lang. Die ersten sechs Stunden lebt der Verurteilte fast wie früher, er leidet nur Schmerzen. Nach zwei Stunden wird der Filz entfernt, denn der Mann hat keine Kraft zum Schreien mehr. Hier in diesen elektrisch geheizten Napf am Kopfende wird warmer Reisbrei gelegt, aus dem der Mann, wenn er Lust hat, nehmen kann, was er mit der Zunge erhascht. Keiner versäumt die Gelegenheit. Ich weiß keinen, und meine Erfahrung ist groß. Erst um die sechste Stunde verliert er das Vergnügen am Essen. Ich knie dann gewöhnlich hier nieder und beobachte diese Erscheinung. Der Mann schluckt den letzten Bissen selten, er dreht ihn nur im Mund und speit ihn in die Grube. Ich muß mich dann bücken, sonst fährt er mir ins Gesicht. Wie still wird dann aber der Mann um die sechste Stunde! Verstand geht dem Blödesten auf. Um die Augen beginnt es. Von hier aus verbreitet es sich. Ein Anblick, der einen verführen könnte, sich mit unter die Egge zu legen. Es geschieht ja weiter nichts, der Mann fängt bloß an, die Schrift zu entziffern, er spitzt den Mund, als horche er. Sie haben gesehen, es ist nicht leicht, die Schrift mit den Augen zu entziffern; unser Mann entziffert sie aber mit seinen Wunden. Es ist allerdings viel Arbeit; er braucht sechs Stunden zu ihrer Vollendung.“

Doch das Szenario, von dem der Offizier so angetan ist, mißlingt:

„Die Egge schrieb nicht, sie stach nur, und das Bett wälzte den Körper nicht, sondern hob ihn nur zitternd in die Nadeln hinein. Der Reisende wollte eingreifen, möglicherweise das Ganze zum Stehen bringen, das war ja keine Folter, wie sie der Offizier erreichen wollte, das war unmittelbarer Mord. Er streckte die Hände aus. Da hob sich aber schon die Egge mit dem aufgespießten Körper zur Seite, wie sie es sonst erst in der zwölften Stunde tat. Das Blut floß in hundert Strömen, nicht mit Wasser vermischt, auch die Wasserröhrchen hatten diesmal versagt. Und nun versagte noch das letzte, der Körper löste sich von den langen Nadeln nicht, strömte sein Blut aus, hing aber über der Grube, ohne zu fallen. […] Hierbei sah er [der Reisende, Hinw. Bersarin] fast gegen Willen das Gesicht der Leiche. Es war, wie es im Leben gewesen war; kein Zeichen der versprochenen Erlösung war zu entdecken; was alle anderen in der Maschine gefunden hatten, der Offizier fand es nicht; die Lippen waren fest zusammengedrückt, die Augen waren offen, hatten den Ausdruck des Lebens, der Blick war ruhig und überzeugt, durch die Stirn ging die Spitze des großen eisernen Stachels.“

Es war Mord.

(Bei diesem Text handelt es sich um eine leicht überarbeitete Fassung vom 29.3.2013)

„Game oft Thrones“ – Die neue Staffel acht

„Ich bin Daenerys Sturmtochter vom Blut des alten Valyria, und ich nehme mir, was mein ist! Mit Feuer und mit Blut werde ich es mir holen!“ (Daenerys Targaryen)

Nun kommt sie also: Die endgültige, die letzte Staffel von „Game of Thrones“. Es wird sich zeigen, wer den Eisernen Thron besteigt. Es werden bereits Wetten angenommen.

Spät erst bin ich in diese Serie eingestiegen, nämlich vor einer Woche und eigentlich nur angefixt durch die Auflösung all der Verwicklungen von Macht, Liebe und Krieg, die sich in der letzten Staffel ergeben wird. Doch ich bin zu spät. Insofern ist mein Unterfangen, für die achte Staffel up to date zu sein, nicht realisierbar. Ich hätte die letzte Woche über 70 Stunden hintereinander „Game of Thrones“ schauen müssen – selbst für einen hartgesottenen Fan nicht ganz einfach.

Woher kommt es, daß mich diese Serie sofort ansprang? Ich komme nicht aus dem Bereich des Fantasy, ich bin nicht von der Serien-Sucht befallen. Aber bereits nach den ersten 20 Minuten war ich begeistert und wurde mit dem Voranschreiten der Serie immer euphorischer, ob der Geschichte und der Bilder. Man möchte sich da gleich mit ins Getümmel stürzen. Wieso? Da ist im Auftakt diese Bildästhetik: der dunkle Wald mit dem Schnee, grau in grau gezeichnet, zwischen den Bäumen dämmert es: da im Norden diesseits des großen Walls aus Eis geht eine Wächter-Patrouille. Und was die dort sieht, ist nicht besonders erfreulich. Ja, es ist sogar schrecklich, einer überlebt und desertiert aus lauter Angst heraus. Und überlebt deshalb nicht, sondern wird vom Fürsten Ed Stark geköpft. Schnell begreift der Zuschauer: Es wird blutig werden. There will be blood.

Es sind solche Details, die den Betrachter in die Serie einführen und Lust erzeugen. Spannend erzählt und gefilmt, wie die Patrouille dort im Schneewald schreitet. Mit solchen – aufregenden – Anfängen eröffnet man ein Szenario, denn es geht in einer Serie schließlich (auch) darum, Zuschauer zu gewinnen. Und wenn es gut gemacht ist, bedeutet dies eine hohe Handwerkskunst – in den ersten beiden Staffeln übrigens ohne großen technischen Schnickschnack, alles pur und einfach gedreht und dennoch spürt man in keiner Minute, daß es sich hier um schlechten Billigtrash handelt. Lieber eine (zunächst) kleine, feine und handwerklich gut gebaute Serie, anfangs mit wenigen Mitteln produziert, als etwa mit viel Budget so etwas wie das technisch hochgerüstete „Babylon Berlin“ auf den Markt geworfen, das in den ersten vier Folgen verheißungsvoll anfing, um dann stark nachzulassen. (Allerdings immer noch besser, als schwach anfangen und stark nachlassen.)

Aber solche filmische Stimmigkeit und eine Atmosphere noir mit Eis, Schnee und teutonischem, herrlichem Wald, daß man sich mal wie im Märchen mit Wölfen und mal wie in Hobbits Auenland fühlt: das allein reicht nicht aus, es muß auch die erzählte Geschichte stimmen, die Figuren müssen in sich schlüssig gezeichnet sein und dabei doch genügend Spiel bieten, auch den Charakter wechseln zu können. Und das geschieht in „Game of Thrones“ häufig. Man ist vor Überraschungen nicht sicher, jeder kann prinzipiell alles sein, der Zuschauer soll sich niemals auf seinen ersten Eindruck verlassen: Gute werden Böse, Böse gut. Wer einem als Charakter zunächst freundlich gegenübertritt, kann später als ein ausgemachter Erzschurke sich erweisen. Oder umgekehrt. Dieses Changieren trägt viel zur Spannung des Films bei.

Und ebenso macht die Musik ihren Teil aus. Etwa die von Ramin Djawadi komponierte Titelmelodie der „Games“. (Deren Ähnlichkeit zu der Serie „Westworld“ sticht – sozusagen – ins Ohr, aber selbst das ist weder für „Westworld“ noch für „Game of Thrones“ störend.)  Auch diese Musik trägt zur Atmosphäre von der Serie bei. Besonders ist dabei auf die unterschiedlichen Musikstücke im Abspann zu achten. Hier gefiel mir vor allem dieser fröhliche Punk-Song zum Ende der dritten Folge der dritten Staffel: „The Bear and the Maiden fair“ von der Indie-Band „The Hold Steady“. Solche kleinen, witzigen Details machen „Game of Thrones“ liebenswert.

Aber nicht nur das: es wird wie im griechischen Epos – nur deutlich verschlungener, mit vielen Göttern und Gestalten – eine komplexe Geschichte von Menschen und Macht erzählt. Von den Charakteren übertrifft dieses Menschengewimmel die Komplexität eins Romans von Tolstoi oder Dostojewski bei weitem. Aber trotz der Vielzahl an Figuren und Bezügen wird es bei ein wenig Kontinuität im Sehen eigentlich nie unübersichtlich.

Von den Spielen der Macht her, fühlt man sich an Shakespeares Königsdramen erinnert, an die Rosenkriege zwischen den Häusern York und Lancester, und, was das Ränkespiel samt Mord und Magie betrifft, an Shakespeares „MacBeth“. Mystisches wird in „Game of Thrones“ ebenfalls bedeutsam. Epische Konflikte, in die tiefe Vorzeit reichend. Auch staatspolitisch ist „Game of Thrones“ fast schon ein Lehrstück – nicht nur über jene Außengrenzen, über die immer auch eine andere Welt einbrechen kann, sondern auch über Könige, Feudalherren, Warlords und die Welt des Mittelalters, in der die Winter und die Sommer über mehrere Jahre dauern können.

Böse könnte man zu solcher Art von Serien sagen, die Produkte der Kulturindustrie machen Werke der Kultur fungibel. Herabgesunkenes Bildungsgut. Und sogar das bereits der Tradition entstammende herabgesunkene Bildungsgut wie der Grusel- und Zombiefilm findet hier noch ihren Anschluß. Aber solche Ideologiekritik wird einer fein gearbeiteten Serie wie „Game of Thrones“ nicht gerecht, verkennt sie doch die komplexe Bauart samt dem erzählerischen Moment. Ebenfalls trifft der Vorwurf, daß hier bloße Technik und Kunsthandwerk zum Fetisch wird, die Sache nicht. Solche Kritik verfehlt die epische Qualität, die eine ganz eigene Sache und von eigener Qualität ist. Sie ist zu betrachten, und damit kommen solche Serien (teils) in den Rang des Gesellschaftsromans des 19. Jahrhunderts. Was Game of Thrones zusammenbringt – ähnlich übrigens, wie die großartige HBO-Serie „Westworld“ (über die hier ebenfalls noch geschrieben werden soll) – sind Emotionen und Reflexionen. Sinnlichkeit und Verstand. Philosophische Fragen, die sich in Geschichten und Figuren einkleiden. Besonders bei „Westworld“: Hochaktuell die Frage, was eigentlich Leben, Bewußtsein und Emotionen bedeuten; wem wir diese zusprechen wollen und wem nicht.

„Game of Thrones“ ist in diesem Sinne einer mehrfachen Lust an der Reflexion und an Emotionen großartiges Kino: Liebe, Verrat, Treue, Tragik und der Wechsel der Tonart und der Charaktere. Dazu gesellen sich all die schönen Frauen, die herrlichen Brüste, das Blut, das wir gerne vom Degen lecken, das Schwert, die Spannung. Ja, wie im Leben. Nur nicht ganz so langweilig. Das ganze zudem in sich schlüssig und spannend erzählt. Gegen Ende der zweiten Staffel, wenn Stannis Baratheon Königsmund mit Schiffen und Armeen angreift, fiebert man sogar schon mit den ganz und gar unsympathischen Lennisters, die den eisernen Thron an sich gerissen haben. Einziger Lichtblick bei den Lennisters (zumindest bis zur Mitte der dritten Staffel) ist der im ganzen doch humane Tyrion, der Zwerg und Außenseiter der Familie: der mit den zynischen Sprüchen, dem Witz, dem Scharfsinn und dem Geist und vor allem seiner Lust zu leben – auch was die Weiber betrifft. Schon das werden ihm die Puritaner nicht nachsehen. Man fühlt sich vielfach ans heute erinnert. Nur daß wir in der Gegenwart identitätspolitisch säkulare Calvinisten am Start haben, deren neue Religion die des Jammeropfers ist. Da lobe ich mir die Erotik, das Kopulieren, welches die Lust des Voyeurs ist, die große Tragik von Macht und Leben, jener Widerstreit zwischen Pflicht und Gefühl, das Drachenfeuer, und vor allem als Höhepunkt die Mutter der Drachen, Daenerys Targaryen.  Nackt ersteigt sie aus dem Feuer, nachdem sie sich mit ihrem Mann, dem Barbaren Khal Drogo, dem Fürst der Dothraki, hat verbrennen lassen. Da steht sie: im Anblick ihrer herrlichen Brüste und ihre Stärke. (Aber ich kann auch Frauen trösten: es gibt ebenso die schönen Körper von Männern und Schwänze zu sehen. In Game of Thrones wird mit Geschlechtsteilen nicht gespart.) Ja, es ist dies vor allem auch eine Serie der starken Frauen, die nicht einfach nur auf ihren Körper oder ihre Schönheit reduziert werden.

Aber auch Dialogwitz kennzeichnet diese Serie: Als die Prinzessin und spätere Mutter der Drachen, jene herrliche Daenerys Targaryen, deren Fan vermutlich die meisten Serienschauer sind, beim Khal Drogo für eine Wohltat sich bedanken will und da sie deren Sprache noch nicht beherrscht, den Dolmetscher fragt, was „Danke“ auf Dothrakisch heißt, bekommt sie zur Antwort, daß die Dothraki kein Wort für „Danke“ haben. Wegen solcher und vieler anderer Bonmots und wegen des Wortwitzes in den Dialogen, insbesondere auch zwischen der jungen erotischen Wildlingsfrau und Jon Schnee, liebe ich diese Serie. Jedes einzelne Element für sich freilich reicht nicht hin, um eine Serie gut zu machen: geschliffene Dialoge bei künstlich-öden Bildern machen keine spannende Serie, gute Bilder, aber schlaff gezeichnete Charaktere ebenfalls nicht. Erst wenn Bilder, Einstellungen, Ton, Musik, Dialoge, Plot, Charaktere, Technik, Schnitt und Montage in einer guten Konstellation zusammentreten, kann es gelingen. Bei der Einstellungsgröße etwa, bis hin zur italienischen Einstellung, wo nur noch das Auge des schwer verwundeten Tyrion Lennister zu sehen ist oder in einer anderen Szene die Klaffung einer Wunder gezeigt wird. All das ist technisch wie erzählerisch sauber gearbeitet: ästhetisch Stimmig eben. Bei Game of Thrones passen all diese Aspekte zusammen und insofern reicht diese Serie über die bloße Unterhaltung weit hinaus. Vor allem herrscht dort eine Leidenschaft in einzelnen Szenen, daß einen dies fast physisch anspringt. Etwa als die herrliche Daenerys Targaryen die Armee der 8000 Sklavenkrieger (jene „Unbefleckten) übernimmt, dann alle Sklavenhalter tötet und den sadistischen Stadtherren vom Drachen verbrennen läßt. Die Armee ist nun frei. Und noch besser als Sklaven dienen Freie, die um die einstige Sklaverei noch wissen. Dialektik der Macht, die diese Serie immer wieder in kleinen Szenen ausspielt.

In diesem Sinne bin ich von den ersten drei Staffeln, die ich bisher sah, angetan. Das gute daran, derartig weit noch in den Folgen zurück  zu sein, ist der Umstand, daß ich all das Schöne, Spannende, Grausame, all die Geschicke von Tyrion Lennister, Arya Stark, Daenerys Targaryen, Jamie Lennister, Jon Schnee, der königlichen Hofbeamten Lord Petyr Baelish (genannt Kleinfinger) und Lord Varys noch vor mir zu haben und gesagt werden muß, daß ich ebenfalls ein Fan der Schattenwölfe und der Telegramm-Raben bin, die in dieser Serie, gleichsam wie Brieftauben, die Botschaften und Nachrichten übermitteln. Feine Form der Telekommunikation. Und ich freue mich, daß auch die achte Staffel dann, wenn sie zu kaufen ist, noch auf mich wartet, wenn alle anderen schon diese Serie zu Ende geschaut haben werden.

Um nun am Ende doch noch die Produkte der Kulturindustrie zu streifen, habe ich zum Schluß sogar den „Game of Thrones“-Persönlichkeitstest mitgemacht, der vermutlich in Kleinfingers und Lord Varys Namen die Gepflogenheiten von uns normalen Erdenbürgern auf Facebook und Google ausforschen soll. Mit der Wahl von Arya Stark (der jungen und wildfanghaften Tochter des Herrn des Nordens, Ed Stark) bin ich zufrieden, wenngleich ich lieber Tyrion Lennister wäre. Zu der in der Tat ebenfalls herrlich gezeichneten und auch wunderbar gespielten Arya Stark steht dann:

„Ebenso wie die jüngste Tochter aus dem Hause Stark hattest du schon immer deinen eigenen Kopf. Regeln hast du zwar zur Kenntnis genommen, aber sobald du dich umgedreht hast, hast du sie wohlwollend ignoriert oder gebrochen. Ein echter Wildfang – das hast du sicher schon als kleines Kind oft zu hören bekommen. Oft wurdest du belächelt und unterschätzt. In Wahrheit bist du aber zielstrebig, neugierig und clever, jedoch auch unglaublich stur. Du hast deine Prinzipien, an denen man nur schwer rütteln kann. Das ist auf der einen Seite etwas Gutes, allerdings würde dir ein wenig Nachgiebigkeit hier und da nicht schaden. Denn auch wenn du dein Ziel klar vor Augen hast, musst du es nicht immer im Alleingang erreichen und darfst auch mal anderen Leuten vertrauen und musst sie nicht immer argwöhnisch beäugen. Dir macht man so zwar kein X für ein U vor, aber manche Menschen haben tatsächlich keine Hintergedanken und können dein Leben bereichern.“

„Du hast ja ein Ziel vor Augen“: Ich werde mir aber am Ende wohl einen eigenen Charakter erfinden und mich nun Lord Bitterfeld nennen: das ist so eine Mischung aus sozialistischem Realismus, mit Hang zur Leipziger Schule und zudem Schild und Schwer der Partei. Am Ohr des Volkes. Aber nicht, um es zu beschützen, sondern um seiner ästhetisch habhaft zu werden.

Nun muß ich weitergucken.