Buchhandlungen in Berlin (2) – b_books in Kreuzberg

Die Serie über Berliner Buchhandlungen schlief ein, so daß die geneigte Leserin den Eindruck bekommen könnte, ich ginge lediglich einmal im Jahr Bücher kaufen. Das ist nicht der Fall.

Letzte Woche reiste ich in den mir unliebsamsten Stadtteil von Berlin; unliebsam vor allem wegen seiner Rumpeligkeit. Ich fuhr ins linke Herz des „Reichshauptstadtslums“, wie Don Alphonso Berlin gerne und despektierlich tituliert: nach Kreuzberg, genauer SO36, und zwar zu b_books, einer Buchhandlung mit einem angegliederten Verlag, der Bücher zu Stadtsoziologie, politischer Philosophie, Kunsttheorie, Postcolonial Studies, Film sowie zur Queer-Theorie macht. Ähnlich sind auch die Regale der Buchhandlung sortiert, erweitert noch um Pop und eine kleine Ecke mit Belletristik. Die typische Atmosphäre eines linken Buchladens, wie ich sie früher aus den 80ern kenne. Nicht ganz so angeranzt zwar und Anti-AKW-Badges gibt es auch nicht mehr zu kaufen – zumindest fand ich keine –, aber noch ranzig genug, daß die Street Credibility nicht schwindet. Vom Ladendesign das Gegenteil der vor einem Jahr genannten Buchhandlung Ocelot im ersten Teil der unterbrochenen Serie.

Das Unansehnliche in linken Szenezusammenhängen behagte mir noch nie. Einmal in meinem Leben … – und nun mache ich das, was ich im Journalismus unangemessen finde und worüber ich mich belustige: wenn ein Autor von seinen Befindlichkeiten her schreibt, die niemanden wirklich interessieren, es sei denn, ihm gelänge irgendwie aus der Subjektivität heraus wieder die Biege zum Inhalt. Grauenvoll, wenn Hannah Lühmann über Rammsteinkonzerte oder über Heidegger-Kongresse kolumnisiert, wenn sie in der „Welt“ uns ihre Eindrücke von der Stadt Siegen schildert, wo es eigentlich um Heidegger gehen sollte, und sie jammert, wie öde die Stadt sei, mit der weltmännischen Geste der Bolleberlinerin, eine Haltung, um die es im Grunde nicht vieles besser als um die von ihr beschriebene Stadt Siegen steht. Oder wenn Quengelbengel Clemens Setz auf Zeit-Freitext sich beklagt, daß er bei einem Konzert von Keith Jarrett angemessen ruhig sich zu verhalten habe und keine Photos erwünscht seien. Lauter Zeugs, das nichts mit der Musik selbst und dem Eigensinn des Ästhetischen zu tun hat. Befindlichkeitsjournalismus, statt daß die Sache selbst Relevanz besäße. Das wird leider Mode. Lühmann immerhin kommt dann doch auf Heidegger zu sprechen – leider etwas mager zwar, aber wir erfahren: da war was in Siegen.

Das Unansehnliche in linken Szenezusammenhängen behagte mir noch nie. Einmal in meinem Leben bewegte ich mich in die Rote Flora in Hamburg, Anfang der 90er Jahre, weil eine Freundin dort im Kollektivladen Äpfel und Kartoffeln kaufen wollte. Ich begleitete sie aus Solidarität und weil wir beide vorher Hegels „Phänomenologie“ lasen. Hinab stiegen wir auf einer dunklen Kellertreppe. Steine, die mit Zeichen beschmiert waren. Bizarres Bauwerk, auf engen Treppen stiefeln, in gedrängtem Raum, und nun verstand ich, wie es sich nach dem Krieg angefühlt haben mußte, wenn Menschen auf dem Schwarzmarkt in einem zerbombten Gebäude Dinge erstanden hatten, die nötig waren. Nein, ich möchte in solchen Geschäften keine Lebensmittel kaufen. Nicht einmal aus Solidarität mit irgendwas.

16_07_24_P_5_6985b_book jedoch ist gut betretbar, allenfalls für Menschen mit Gehbehinderung dürften die ziemlich steil in den oberen Bereich führenden Stufen ein Hindernis darstellen. Die Buchhandlung ist klein, es läßt sich darin gut stöbern, wenn nicht zu viele Menschen gleichzeitig anwesend sind. Im Ressort Theorie steht viel Rancière im Regal, wenig Zizek. Viel Adorno, etwas Benjamin, kaum Marx, viel Foucault, einige Bücher von Jean-Luc Nancy. Um sich inspirieren zu lassen, auch für abseitige Themen, scheint mir diese Buchhandlung bestens geeignet, und wer einem Ort linker Politik etwas Gutes und Geld zukommen lassen mag, der kaufe seine Bücher dort – zumal der angegliederte Verlag interessante Bücher bietet: wie etwa  Helmut Draxlers „Gefährliche Substanzen. Zum Verhältnis von Kritik und Kunst.“ Für Herrn Dercon, dem designierten Intendanten der Volksbühne scheint mir dieses Zitat daraus angemessen, das er sich auf der Zunge zerschmelzen lassen sollte:

„Vor allem der globale Erfolg von Kunst im Kontext neoliberaler, bio- wie geopolitischer Strategien scheint mir mehr Reflexion darüber zu erfordern, wie ‚smart‘ Kunst einerseits innerhalb dieser veränderten gesellschaftlichen Bedingungen funktioniert und andererseits, wie die in ihrem privilegierten Namen eingerichteten gesellschaftlichen Freiräume auch für andere soziale und politische Praktiken besetztbar sein könnten. Kunst scheint mir sogar zunehmend aus dem Widerspruch heraus zu leben, dass ihre kritische Beanspruchung nicht zwingend in einem Gegensatz dazu steht, eine der exemplarischen Funktionsweisen der neuen kulturalisierten Ökonomien geworden zu sein. Darin liegt freilich auch die Chance, die Analyse von Kunst mehr im Sinn einer gesellschaftspolitischen Symptomatik zu betreiben, ohne doch einen grundsätzlich sympathisierenden Zug aufzugeben.“

Ich griff mir im Laden einige Bücher, stapelte, schaute weiter, betrachtete, stöberte, wie ich es in Buchläden gern tue – auch um mich inspirieren zu lassen, worüber ich denken und schreiben könnte. Da erspähte ich ein Buch aus dem Fink Verlag: Willem van Reijen Der Schwarzwald und Paris. Heidegger und Benjamin. Ein altes Buch, 1998 erschienen, und ein fixer Gedanke kreiste im Köpfchen: Das Buch ist bereits vergriffen. Es ist eine Rarität, schoß es durch meinen Kopf. Es kann nicht anders sein, denke ich mir und steigere mich weiter in Kauflaune – das Buch ist angeblättert, die untere Ecke arg schmutzig. Aber für den Preis und vergriffen ist das völlig in Ordnung. Dabei gerate ich beim Auswählen in eine klassische win-lost-Situation, die mir erspart geblieben wäre, besäße ich eines jener Geräte, die sich Smartphone nennen. Mit dem Telephon recherchierte ich in wenigen Sekunden, daß dieses Buch beim Fink Verlag immer noch bestens erhältlich ist und ich für diesen Preis ein Buch in besserem Zustand hätte erstehen können. Ich kaufte und freute mich über mein scheinbares Schnäppchen und ärgerte mich zu Hause vorm Rechner beim Betrachten der Verlagsseite. Aber was soll es: Solidarität zahlt und zählt. Auch im Geld. Das Nichts nichtet.

Wer in Berlin lebt oder wer als Besucher nach Kreuzberg reist, einen Abstecher ins pittoresk-wilde Milieu machen will, zwischen Graffiti, ausrangierten, zertretenen Computern oder Schränken, die auf dem Bürgersteig abgestellt werden (Bürgersteig – ein so schönes Wort aus der Kindheit. Gibt es denn noch Bürger und Proletarier? Wo aber gehen die Proletarier? Wollen auch die Arbeiter Bürger sein? Fragen eines lesenden Arbeiters), zwischen Einheimischen und Touristen, die schauen, Türken, Kurden, Dealern am Görlitzer Park, Armen, Ausgestiegenen, Normalen, Andersnormalen und Irgendwas-mit-Medien-Menschen, wer also all das Leben sich betrachten will, der fahre nach Kreuzberg, ins alte SO 36, flaniere die Skalitzer Straße hinunter, zum Lausitzer Platz, wo die 1. Mai-Demos beginnen, und biege dann in die Lübbener Straße, hin zur Nummer 14. b-books ist eine Institution. Wohnte ich dichter dran, ginge ich sicherlich auch zu einer der Veranstaltungen, die der Buchladen bietet, obgleich ich in Kreuzberg nach drei Stunden wieder froh bin, draußen zu sein. „Denn bleiben ist nirgends“ Da kannte Rilke die entfesselten Städte noch nicht richtig. Bei Kuchen Kaiser hingegen ist es gemütlich und das Stück Torte schmeckt. Kein Schnickschnackkaffee. Die Bilder der Stadt sind immer Denkbilder, die wir uns entwerfen. Das wußte Walter Benjamin gut. Deshalb lebe ich lieber im tiefen Westen von Berlin. Unweit von Dahlem, nicht fern von Potsdam.

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Pariser Ansichten (4) – Ne pas se pencher au dehors

Wissen kann unmöglich das Höchste sein – handeln ist besser als wissen.“
(H. v. Kleist, Brief an Ulrike v. Kleist, 1801)

Dann war es still.
Dann gingen viele Jahre hin
und ich blieb hier
in diesem kleinen Zimmer in Paris
und trank mit Trinkern auf ihr Glück
und sang mit Gauklern Liebeslieder
und morgens kamen auch die Diebe wieder,
nur du kamst nie zurück.
(Wolf Wondratschek)

„Paris – die unbesiegte Schönheit“ titelte „Der Spiegel“ vor einigen Monaten. Die Fragmente von Stadt, vom Mann mit der Kamera aufgenommen. Ich bleibe nirgends, und bis auf die letzte und die erste Zeile des Wondratschek-Gedichtes ist alles ein Klischee von Paris, das genauso in jeder beliebigen Stadt Europas spielen könnte. Eine Stadt als Mythos und unter den Schichten liegen andere Schichten verborgen, die es freizulegen gilt, die Traumbilder. Das können Dresden, Leipzig, Meißen oder Halle sein. Schöne Städte. Traumlandschaften. Küsse über der Burg; Küsse die Thomas Brasch trauriger besänge als  Wondratschek, womöglich noch eine Tonlage tiefer in den Alkohol gehaucht und eine Prise mehr ins Kokain getaucht.

Reisen bedeutet, in die Archive zu steigen und als Archäologe zu arbeiten. Reisen und photographieren hängt mit dem Imaginieren zusammen. Optisch Unbewußtes freizulegen. „Im Zug nach Paris“ könnte man in der schönen Pop-Variante von Georgette Dee ebensogut summen. „Zwei Augen gegenüber und was da klopft sind die Räder“.  Sowas ist heute nur noch bei langsamen Formen des Reisens möglich. Der Nachtzug damals Mitte der 80er Jahre fuhr über Köln, Aachen und dann durch den industrieöden Süden Belgien – nicht der wildschöne von R. D. Brinkmann aufgeladenen Wörtersüden: Sie träumen alle von Süden … Fiktion Süden.  Mir machte es Freude, nachts in das fahle Licht zu blicken, das am Fenster vorbeizog, und eine Landschaft zu schauen, die aus Halden und Ruinen bestand, zumindest sahen im Nachtlicht die Gebäude wie Ruinen aus, die dunklen Städte und Orte, durch die der Nachtzug sich gemächlich schob, während die Reisenden in den Abteilen schlief, draußen ein Licht, wie in Lars von Triers The Element of Crime.  Industriereste und die dazugehörigen Wohnbehausungen. Lüttich, Namur, während der Zug mit kreischenden Rädern hielt und am Bahnhof keiner einstieg, nicht einmal Arbeiter, die es in dieser Region in den 80ern sicherlich noch gab, geschweige daß einer den Zug verließe, eine Zigarette am offenen Fenster, reines Fürsichsein und dabei doch wach zu sein, anders als alle übrigen Reisenden, Charlesroi, Maubeuge, Saint Quentin und durch den Wald von Compiègne, um dann am frühen Morgen von Norden her über Saint Denis am Gare du Nord in die graue Stadt einzufahren. Die Schienenstränge, die sich durchs Häusermeer schnitten. Paris.

Heute geht es mit dem Flugzeug fix, doch die Sitzreihen fügen sich eng nebeneinander, daß es kein vis-à-vis mehr gibt. Funktionales Reisen. Andererseits möchte ich ebensowenig in einer Postkutsche mein Gegenüber finden und von Berlin nach Paris reisen. Ich, Heinrich von Kleist, ein preußischer Spion, in einer Kutsche bei Mainz, die stürzt. „Und an einem Eselsgeschrei hinge ein Menschenleben?“ (Brief an Karoline v. Schlieben, wo Kleist einen fast tödlich ausgegangenen Unfall in der Postkutschen schilderte. Sozusagen das Spiel von Zufall und Notwendigkeit, statt eines  Jeu de l’amour et du hasard, das dem armen von Kleist sicherlich schwergefallen wäre.) Heute reisen wir bequemer.

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Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue? Eine alte, alerte Dame oder ein Kreuzworträtselkunstmord

„Vor jedem Kunstgenuß stehe die Warnung: Das Publikum wird ersucht, die ausgestellten Gegenstände nur anzusehen, nicht zu begreifen.“
(Karl Kraus)

Fülle die freien Felder aus! Diese Aktion einer klugen Frau von 91 Jahren ist so das beste, was ich in letzter Zeit zu Theorie und Praxis spätmoderner Kunst gehört habe. Die Dame vermochte zu lesen, und sie nahm die Kunst in ihrem appellativen Charakter wahr. In diesem Sinne ist das Sich-Verhalten zur Kunst nicht nur Rezeption, sondern selbst ein Stückchen Fluxus, wenn nicht sogar Konzeptkunst samt Sprachphilosophie – Aktivität mithin: Eine Frau fängt in einem eher kleinen, unbedeutenden und daher vermutlich schlecht bewachten Museum an, ein Kunstwerk, das sich in Gestalt eines Kreuzworträtsels darbietet, zu komplettieren, weil der Künstler schrieb: „Insert words!“. So wurde ein doch recht starres Ding wie das Gemälde des Fluxus-Künstlers Arthur Köpcke in den Raum ästhetischer Kommunikation eingeholt. Traum jeden Künstlers und eigentlich auch jedes Museumspädagogen. Das ist der entscheidende Satz aus der „Süddeutschen Zeitung“, den jene Dame sagte:

„Wenn da kein Schild stehe, dass der Bitte des Künstlers nicht Folge zu leisten sei, man im Gegenteil unter keinen Umständen Folge leisten dürfe, so dürfe man sich nicht wundern, wenn im Besucher der Beschluss reife: Gut, mach ich.“

Eine Frau nimmt ein Museum wörtlich: Kunst ist Handlung, am Anfang war die Tat, Kunst hat Aufforderungscharakter und lädt zur Interaktion ein, soll die passiven Sinne aktiv machen: Werdet rebellisch! Unter diesem Konzept trat ein Teil der Klassischen Avantgarden an. So gelangte Kunst aus ihrem Käfig der Autonomie, hin zur Souveränität. Und die, die dafür plädieren, daß Kunst und Leben korrespondieren, stehen mit offenem Mund da und sind irritiert. Für meine Ästhetik der Verstiegenheit ein feines Fundstück.

Umstandslos akzeptieren wir die Trennung zwischen dem Museum als Ort des Gravitätischen, und der modernen Kunst samt dem Künstlersubjektgenie als Raum der Exaltiertheit, wie sie die inzwischen museumsreifen Dadaisten, Beuys oder Jonathan Meese betreiben. Weihestätte des Betrachtens wie des Kontemplativen konkurrieren mit dem Überborden der Phantasie als genialer Tathandlung – aus gutem Grunde nannte Alban Nikolai Herbst im Roman „Meere“ seinen exaltierten, lebensgierigen Künstler Fichte: das sich und Welt setzende Ich, auch in Ekstase: Grenzen reißen. Wildheit im Tun und inneres Afrika entkolonialisieren. Das Atelier als Heterotopie.

Sobald jedoch das aktionistische Moment ins Museum selbst, in die heiligen Hallen einzieht, ohne daß es sich um eine institutionalisierte Performance handelt, und wenn jemand die Regeln des Ortes bricht oder wie in diesem Falle unterläuft, indem eine alte, alerte Dame eine Aufschrift buchstäblich nimmt, kommen wir ins Nachdenken oder ins Lachen. So gerät auch dieses Schiff ins Schlingern und selbst das Museum wird zum heterotopischen Ort.

Für diese Entgrenzungen eignet sich insbesondere die Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg gut. Das ist ihre Stärke und ist zugleich ihre Schwäche. Gehlen kritisierte an der ungegenständlichen Kunst ihre Interpretationsbedürftigkeit. Aber auch Gegenständliches läßt viele ratlos. Wir können, wenn wir im System Kunst nicht gut institutionalisiert sind, Fettecken, Honigpumpen oder ein benutztes Bett nicht immer von einem Alltagsgegenstand unterscheiden. Das zerknüllte Taschentuch neben Tracy Emins Lotterbett könnte genausogut von einem Besucher stammen, der es absichtsvoll dazu drapierte, und ein Fleck auf dem Boden kann vom Künstler gewollt sein oder aber ein unliebsamer Abdruck. Eine Frage des Betrachtens und des Interpretationskonstruktes, das ich um einen Fleck oder ein Stück Papier aufbaue. Nicht immer leicht zu trennen. Daher die Inflation der immer gerne gebrachten Redewendung „Ist das Kunst oder kann das weg?“, die diese Hilflosigkeit angesichts moderner Kunst auf den Punkt bringt.

Anders verhält es sich bei jenen Werken, die wir den klassischen Epochen vor dem 20. Jahrhundert zurechnen. Bei Monets Seerosenbildern in der „Orangerie“ kämen nur wenige auf die Idee, den Lichteinfall noch ein wenig feiner zu tupfen oder sich zu irgend etwas aufgefordert zu fühlen, und nur Provokateuren fiele ein, der Gioconda einen Schnurbart zu malen. Insofern sind der Interaktion mit Kunstwerken am Ende doch enge Grenzen gesetzt. Sich jedoch einzubilden, ein klassisches Werk besser verstehen zu können als ein spätmodernes, weil es vermeintlich „realistischer“ scheint, ist Illusion. Die Komplexität eines Breughel, Cranach oder El Greco erschließt sich dem ungeübten Blick genausowenig wie eine Beuysche Fettecke. Kunst ist Arbeit. Aber eine lustvolle, die mit Kopf und Phantasie zu tun hat. In Nürnberg wurde beides eingesetzt.

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Karl Kraus – „ein ehrliches ‚Was wir umbringen‘ …“

„Der wahre Weltuntergang ist die Vernichtung des Geistes,
der andere hängt von dem gleichgiltigen Versuch ab,
ob nach Vernichtung des Geistes noch eine Welt bestehen kann.“
(Karl Kraus)

Mit der „Fackel“ machte Karl Kraus die Kritik der Zeitungsphrasen zu seiner Sache: Sprachkritik als Ideologiekritik. Er entlarvte einen Jargon, der dem Publikum einen Bären aufbindet und unterm Wortsalat eine bestimmte Sache schmackhaft servieren will. Das ist heute nicht viel anders als vor 100 Jahren, und es scheint dem Wesen der Presse als Kategorie der Öffentlichkeit inhärent. „Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Insbesondere im Wien des Fin de Siècle herrschte in der Wirtschaft Korruption. Statt daß Zeitungen jedoch darüber berichteten, schwiegen sie. Dagegen gingen verschiedene Seiten an – von den Konservativen bis zu den Sozialdemokraten. Zunächst versuchte auch Kraus, korrupte Absichten bei der liberalen Zeitung „Neue Freie Press“ offenzulegen. Schnell aber verlagerte er seine Strategie in eine andere Richtung. Nicht mehr auf die direkte Enthüllung kam es ihm an, sondern er zielte auf die Sprache dieser Zeitungen – „eine Trockenlegung des weiten Phrasensumpfes“. Damit literarisierte sich Karl Krausʼ Projekt. Diese Umpolung von Journalismus zeigte sich bereits im Vorwort für die erste Ausgabe der „Fackel“, so daß der Begriff „Journalist“ bei Kraus fortan eher ein Schimpfwort und wenig schmeichelhaft gemeint war. Auf die Idee, sich gar hochtrabend als Kulturjournalist zu bezeichnen, käme Kraus nicht:

„In einer Zeit, da Österreich noch vor der von radicaler Seite gewünschten Lösung an acuter Langeweile zugrunde zu gehen droht, in Tagen, die diesem Lande politische und sociale Wirrungen aller Art gebracht haben, einer Öffentlichkeit gegenüber, die zwischen Unentwegtheit und Apathie ihr phrasenreiches oder völlig gedankenloses Auskommen findet, unternimmt es der Herausgeber dieser Blätter, der glossierend bisher und an wenig sichtbarer Stelle abseits gestanden, einen Kampfruf auszustoßen. Der ihn wagt, ist zur Abwechslung einmal kein parteimäßig Verschnittener, vielmehr ein Publicist, der auch in Fragen der Politik die ‚Wilden‘ für die besseren Menschen hält und von seinem Beobachterposten sich durch keine der im Reichsrath vertretenen Meinungen locken ließ. Freudig trägt er das Odium der politischen ‚Gesinnungslosigkeit‘ auf der Stirne, die er, ‚unentwegt‘ wie nur irgendeiner von den ihren, den Clubfanatikern und Fractionsidealisten bietet.

Das politische Programm dieser Zeitung scheint somit dürftig; kein tönendes ‚Was wir bringen‘, aber ein ehrliches ‚Was wir umbringen‘ hat sie sich als Leitwort gewählt. Was hier geplant wird, ist nichts als eine Trockenlegung des weiten Phrasensumpfes, den andere immerzu national abgrenzen möchten. Mit Feuerzungen – und wäre es auch ein Dutzend verschiedensprachiger – predigen die Verhältnisse das Erkennen socialer Nothwendigkeiten, aber Regierende und Parteien wünschen vorerst – mit hinhaltender Berechnung die einen, in leidenschaftlicher Verblendung die anderen – die Kappenfrage der Prager Studenten erledigt zu wissen.

Diese Erscheinung schmerzlichsten Contrastes, die sich durch unser öffentliches Leben zieht, wird hier den Gesichtspunkt für die Beurtheilung aller politischen Ereignisse bestimmen, und es mag zuweilen glücken, dem dumpfen Ernst des Phrasenthums, wo immer er sein Zerstörungswerk verübe, durch die ihm so unbequeme Heiterkeit rechtzeitig den Credit zu schmälern.

Dem durch keine Parteibrille getrübten Blick muss doppelt deutlich sich das Mene Tekel zeigen, welches dräuend in unserer durch Altarkerzen verstärkten Finsternis zuweilen aufleuchtet. Aber die Sprachgelehrten wissen es nicht zu deuten, und vom alten Hader noch erschöpft, erheben sie sich zu neuem Zanke. Von dem unheimlichen Anblick geblendet, weisen die einen mit einem ängstlichen ‚Zde‘ nach der Erscheinung, dieweil die anderen, völkischen Verrath witternd, als die Verhandlungssprache des jüngsten Gerichtes nur die deutsche gelten lassen wollen…..

Vielleicht ist dem frevlen Treiben gegenüber, das den Wettkampf zwischen der auf ihre Reife nicht wenig stolzen und einer kräftig erst sich emporringenden Cultur auf den rüdesten Wirtshauszank reducieren möchte, ein offenes Wort noch willkommen. Vielleicht darf ich mich aber auch der Hoffnung hingeben, dass der Kampfruf, der Missvergnügte und Bedrängte aus allen Lagern sammeln will, nicht wirkungslos verhalle. Oppositionsgeister, die des trockenen Tons nun endlich satt sind, möge er befeuern, alle jene, die Talent und Lust zu einer beherzten Fronde gegen cliquenmäßige Verkommenheit auf allen Gebieten verspüren, ermuntern und in diesem unakustischen, national verbauten Reiche nicht bloß bei den für jede neue Erscheinung empfänglichen und grundsätzlich hellhörigen Staatsanwälten ein Echo finden.

Der umständliche Instanzenzug, den hier der sogenannte ‚Geist der Zeit‘ noch immer durchmachen muss, um nach oben zu gelangen, wird bei jeder sich darbietenden Gelegenheit in seinen vielverschlungenen Wegen zu verfolgen sein. Was an dem unbefangenen Beobachter ist, soll geschehen, um zwischen der Regierung und den Parteien Schuld in gerechter Weise zu vertheilen: Ministern, die nur ein einziges Gesetz nicht verletzen, nämlich das Gesetz der Trägheit, vermöge dessen sich dieser Staat noch aufrechterhält – Volksvertretern, die jede andere, nur nicht die ‚innere Amtssprache‘ des Gewissens beunruhigt und welche unentwegt über die Aufschrift auf ärarischen Spucknäpfen streiten, während das Volk seine ökonomischen Bedürfnisse als Beichtgeheimnis allzuverschwiegenen Priestern anvertraut….. So möge denn die Fackel einem Lande leuchten, in welchem – anders als in jenem Reiche Karls V. – die Sonne niemals aufgeht.“

„Die Fackel“ erschien von 1899 bis 1936, bis kurz vor Krausʼ Tod – freilich in unregelmäßigen Abständen, so daß man auch sein Schweigen zu bestimmten Anlässen als eine Art von Äußerung nehmen konnte.

Auch zu Literaturpreisen, die der Aufmunterung dienen, schrieb Karl Kraus. Angesichts einer Flut an Literaten haben die Sätze bis heute nichts von ihrer Gültigkeit eingebüßt:

„Das Preisrichterkollegium hat sich vor der Fülle konkurrierender Genies nicht anders helfen können als für jedes Gebiet je drei Preise à 1000 Schilling festzusetzen. Sie sollten zwar ursprünglich jener »Aufmunterung« dienen, die auf sämtlichen Gebieten der Kunst schon so viel Unheil angerichtet hat, während Abschreckungspreise, geknüpft an die Bedingung, nichts dergleichen mehr zu tun, sondern einen nützlichen Beruf zu ergreifen, ein wahrer Segen wären.“

9783835314238lViele der Essays von Kraus sind heute lediglich für Literaturwissenschaftler verständlich und werden vom Publikum kaum mehr begriffen, weil mancher Bezug, manche Anspielung weit in der Ferne liegt und nicht mehr Gegenstand des Wissens ist – so etwa Kraus‘ Werfel- und Expressionismusparodie, die er 1921 in seinem Theaterstück „Literatur oder Man wird doch da sehen“ vortrug. Aber auch ein Text wie „Heine und die Folgen“ erklärt sich nicht jedem von selbst. So ist mehr als gut und löblich, daß der feine Wallstein Verlag es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Schriften von Karl Kraus in angenehmen Editionen feilzubieten. Seien es die Briefe Karl Krausʼ an seine große Liebe, die bemerkenswerte Baronin Sidonie Nádherný von Borutín, die eigentümliche Bewunderung des Dichters Detlev von Liliencron durch Karl Kraus. („Detlev von Liliencron entdeckt, gefeiert und gelesen von Karl Kraus“) oder aber jene Aufsätze zur Literatur, die mit dem Titel „Heine und die Folgen“ versehen sind, in welchem Aufsatz sich die schöne Einleitung findet von der „Wehrlosigkeit vor dem Stoff und der Wehrlosigkeit vor der Form“ als die zwei Richtungen der geistigen Unkultur.

„Das literarische Ornament wird nicht zerstampft, sondern in den Wiener Werkstätten des Geistes modernisiert. Feuilleton, Stimmungsbericht, Schmucknotiz – dem Pöbel bringt die Devise ‚Schmücke dein Heim‘ auch die poetischen Schnörkel ins Haus. Und nichts ist dem Journalismus wichtiger, als die Glasur der Korruption immer wieder auf den Glanz herzurichten.“ (Heine und die Folgen)

Schade ist es nebenbei, daß im Suhrkamp Verlag, wo einmal der Kraus in einer mehrteiligen Ausgabe erhältlich war, nur noch einzelne Bände zu bestellen sind. Die frühen Schriften, Sittlichkeit und Kriminalität, die Dritte Walpurgisnacht, die Gedichte, die Dramen – alles bloß antiquarisch erhältlich. Die vielbeschworene Suhrkamp-Kultur ist dahin – oder vielmehr: sie ist wie alle Verkaufskultur bloße Fetischbeschwörung. Fein wäre es, gäbe Suhrkamp eine gute kommentierte Ausgabe heraus. Glücklicherweise aber bemüht sich der Wallstein Verlag um die Prosa Krausʼ.

„Für mein Leben gern wüßtʼ ich: was fangen die vielen Leute nur mit dem erweiterten Horizont an.“

Zu empfehlen bleibt da nur: Karl Kraus lesen!

Karl Kraus: Heine und die Folgen. Schriften zur Literatur, hrsg. und kommentiert von Christian Wagenknecht und Eva Willms, € 32,00, ISBN: 978-3-8353-1423-8, Wallstein Verlag, 2014
Karl Krausʼ ‚Literatur oder Man wird doch da sehn‘. Genetische Ausgabe und Kommentar, hrsg. v. Martin Leubner, € 34,00, ISBN: 978-3-89244-089-5, Wallstein Verlag 1996
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Beim Coq au Vin

Wolfram Siebeck ist tot. Ich habe seine Zeit-Kolumnen gerne gelesen, denn sie waren nicht nur für den Impuls verantwortlich, auch selber und für andere gutes Essen zu kochen, zu sotten und mit der Niedriggarmethode zu braten, nicht nur lehrreich, um Leckeres nachzukochen und daran technisch und kulinarisch zu wachsen, daß im Sinne der Aufklärung Geschmacks sich bilde, sondern oft auch polemisch-böse, vor allem, wenn Siebeck gegen deutsche Genußfeindschaft und gegen die schlechte Qualität von Produkten wetterte. Siebeck scheute es nicht, mit den großen Köchen sich anzulegen, wenn ihm was nicht schmeckte. Er liebte den Wein, wußte Qualität zu beschreiben, ohne daß es hochtrabend klang, sondern die Logik der Sache bestimmte seine Kritiken und Kolumnen. Fein vor allem seine Reiseberichte, wenn er Restaurants besuchte und über sie schrieb. Ich las sie, auch wenn ich wußte, daß ich als Wenigreisender, der gerne seine Ruhe zu Hause hat, nie diese Stätten betreten würde.

Essen

Manchmal habe ich versucht, Siebecks Gerichte nachzukochen – insbesondere für Frauenbesuch. Beim Coq au vin dauerte es der schönen frechen Frau zu lange, und sie fiel in der Küche mit Küssen einfach über mich her. (Sie ist oft ungeduldig. Und launisch vor allem.) Das Essen verschmorte zum Glück nicht, denn mit gutem Gerät brennt nichts an. Mein Rat für wichtigen Besuch und für schöne Momente: ein Restaurant aufsuchen. (Man kann sich da auch wunderbar in der Öffentlichkeit streiten.) Oder etwas Schnelles kochen. Auch dafür gibt es feine Rezepte.

Daß gutes Kochen, jenseits von dummen Kochsendungen und dem Modetrend Küche, der sich seit sechs oder sieben Jahren etablierte, auch ohne großes Gewese und Show funktioniert, zeigte Siebeck in seinen Sommerseminaren in der „Zeit“. Insbesondere jenes von 2006 sei hervorgehoben, wo er einer „nachwachsenden Generation die Grundzüge der feinen Küche“ erklärte. Daß Rosenkohl nicht muffig schmecken und riechen mußte, bewies er in einem schönen Rezept. Man kann Rosenkohl zusammen mit gutem Parmesan zubereiten. Oder mit Crème fraîche und Zitrone. Oder Blumenkohl in kleinste, zentimetergroße Röschen zerteilen, in Butter dünsten und dann mit Safran würzen. Der Blog für Ästhetik, Philosophie und Kunstkritik ist eben auch einer für Aisthetisches. Deshalb der Name und nicht nur Texte zur Kunst. Sowieso scheint sich seit einiger Zeit auch eine Art von Gastrosophie durchzusetzen. Etwa 2007 Harald Lemke mit einer „Ethik des Essens. Eine Einführung in die Gastrosophie“, und im gleichen Jahr „Die Kunst des Essens. Eine Ästhetik des kulinarischen Geschmacks“ sowie vor zwei Jahren „Über das Essen: philosophische Erkundungen“. Was ich davon halten soll, weiß ich nicht genau. Vielleicht eine lebensweltliche Phänomenologie im Sinne kritischer Theorie, wie etwa der lesenswerte Traktat von Detlev Claussen aus dem Jahr 1986: „Kleine Frankfurter Schulde des Essens und Trinkens“, wo es um den Geschmack und das Konsumsubjekt im Spätkapitalismus geht.

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Auch in der Küche wie in der Kunst sind sie zu entdecken: die Dinge, die die Sinne bereichern und aufsteigern. Ohne daß Kochen dabei zur technischen Trendsportart mutiert. In meiner Küche, die ansonsten ohne großen Schnickschnack auskommt, finden sich lediglich gute Messer und Töpfe.

„Übrigens werden die Benutzer scharfer Kochmesser beim Zwiebelschneiden unmittelbar belohnt. Weil die feinen Einschnitte den Zwiebelsaft nicht so hervorlocken wie ein ‚normales‘ Messer, fließen auch die Tränen kaum oder gar nicht.“

Und es stehen in der Küche zwei Kochbücher von Siebeck: „Alle meine Rezepte“. Darin präsentiert er Gerichte der verfeinerten bürgerlichen, mitteleuropäischen und mediterranen Küche. Es fungiert bei mir als Standardwerk: Vom einfachen Gericht bis zu komplexen Gängen läßt sich mit diesem Buch alles kochen. Dazu als Tip Weinsorten, die passend zu den Gängen getrunken werden könnten. Das nachzuprobieren und insbesondere nachzutrinken, übt und schärft die Sinne. Vor allem aber macht es Spaß. Ein weiteres Buch meines Küchenregals: „Die Deutschen und ihre Küche“ – vor allem deshalb ließ ich es mir schenken, weil darin das leckere Labskaus genannt wird und Siebeck erklärt, wie man es gut zubereitet.

Was mich an Wolfram Siebeck faszinierte, war sein Faible für guten Wein. Ein Genußmensch. Wer einmal nur ein paar gute Lagen gekostet hat, mag eigentlich nicht mehr aus dem Discounter trinken. Daß der Abschied nahe war, konnten wir sehen, weil seine Kolumnen in der „Zeit“ ausblieben. Der Mensch verschwindet mit seinen Texten. Und doch bleiben am Ende einzig die Texte und Bücher übrig. Der Rest sind Knochen.

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Wut, Gewalt, Gedanke – Theorie und Praxis

Der Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin wird, sobald Chris Dercon an der Berliner Volksbühne die Intendanz übernimmt, auf Anregung des Kulturbeauftragten Tim Renner und in Abstimmung mit dem Berliner Senat in „Friedrich-August-von-Hayek-Platz“ umbenannt. Sind Sie jetzt wütend? Das ist gut. Denn Wut kann manchmal eine Energie sein. Aber eben nicht immer. Da liegt die Tücke. Emotionen sind leicht in eine falsche Richtung zu kanalisieren. Und Praxis macht sich manchmal blind. „Aber der praktische Zweck, der die Befreiung von allem Bornierten einschließt, ist gegen die Mittel, die ihn erreichen wollen, nicht gleichgültig; …“ (Th. W. Adorno)

kra_portHeute abend gibt es an der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz ein „Projekt über Adorno und Krahl“ mit dem Titel „Wut und Gedanke“ (von Christian Franke und Vincent Glander). Zu Hans-Jürgen Krahl muß man wissen: Er war einer der begabten Adorno-Schüler. Er promovierte bei Adorno mit einer Arbeit über „Naturgesetze der kapitalistischen Entwicklung bei Marx“. Vor allem aber war Krahl einer der Unbändigen, der das, was er lernte, praktisch werden lassen wollte. Anders als das reine Denken, das im Denken als Theorie verbleibt. Krahl war aktiv im Frankfurter SDS, er beteiligte sich an der Besetzung des Instituts für Sozialforschung, das dann von der Polizei geräumt wurde. Als einer der wenigen wurde er dafür vor ein Gericht gestellt und verurteilt. Die Details zu diesen wilden Jahren linker Theorie und Praxis lassen sich gut in der Adorno-Biographie von Stefan Müller-Doohm nachlesen.

Die Fragen nach dem Praktischwerden von Theorie und damit unfreiwillig auch die nach dem Aktionismus der „Kollektivbewegungen“, trieb Adorno um, nachdem der Traum vom proletarischen Kollektivsubjekt angesichts des Integrationskittes, den die verwaltete Gesellschaft produzierte, ausgeträumt war und das postbürgerliche, postproletarische Individuum so hilflos als wie zuvor dastand – auch dank des Integrationskitts von Kulturindustrie und einem Phänomen namens Pop. Bereits in der 1966 erschienenen „Negativen Dialektik“ schrieb Adorno in der Einleitung:

„Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward. Das summarische Urteil, sie habe die Welt bloß interpretiert, sei durch Resignation vor der Realität verkrüppelt auch in sich, wird zum Defaitismus der Vernunft, nachdem die Veränderung der Welt mißlang. Sie gewährt keinen Ort, von dem aus Theorie als solche des Anachronistischen, dessen sie nach wie vor verdächtig ist, konkret zu überführen wäre. Vielleicht langte die Interpretation nicht zu, die den praktischen Übergang verhieß. Der Augenblick, an dem die Kritik der Theorie hing, läßt nicht theoretisch sich prolongieren. Praxis, auf unabsehbare Zeit vertagt, ist nicht mehr die Einspruchsinstanz gegen selbstzufriedene Spekulation, sondern meist der Vorwand, unter dem Exekutiven den kritischen Gedanken als eitel abzuwürgen, dessen verändernde Praxis bedürfte.“

adornokrahlSätze, über die auch heute noch Worte zu verlieren sind angesichts einer (weitgehend) hoffnungslosen politischen Linken, die sich entweder in absurden Critical Whiteness-Debatten bzw. Genderdada aus dem Reich der Encounter-Theorie verliert, oder aber einer Linken, die blindem Aktionismus folgt – man denke an Occupy oder Attac, die, so schnell sie kamen, ebenso flink wieder in der praktischen Bedeutungslosigkeit verschwanden. Doch trotz aller Kritik an Praxis, bleibt jener Satz von Marx aus der „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ zu bedenken: „Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.“ Letzteres ging daneben. Trotz proletarischer Revolution 1917/18, trotz sozialdemokratischer Volksbildung der späten 60er und der 70er Jahre – sowohl in der BRD als auch in der DDR.

Theorie und Praxis der Kritischen Theorie – es lassen sich diese beiden Begriffe, die aufeinander verwiesen sind und doch einen Gegensatz bilden, nicht schöner als an den Namen Adorno und Krahl verhandeln. Insofern bin ich auf dieses Theaterprojekt gespannt. Rest-Karten kaufen kann man noch an der Abendkasse der Volksbühne. Für die Spätveranstaltung um 22 Uhr gibt es noch Karten.

Zu diesem Verhältnis fällt mir der unbedingt lesenswerte Aufsatz von Adorno aus den „Stichworten“ ein: „Marginalien zu Theorie und Praxis“. Es ist einer der späten Texte Adornos, und er wurde erst nach seinem Tod veröffentlicht. Der Band „Stichworte“ erschien 1969. Der Essay läßt sich als Paralipomenon zur „Negativen Dialektik“ lesen, insbesondere zu jener Einleitung. Voraussetzunglose und blinde Praxis als Aktionismus läuft ins Leere und verfällt am Ende dem Prinzip, das sie zu bekämpfen vorgibt. Die Spaltung von Subjekt und Objekt, von Theorie und Praxis ist nicht durch den großen Sprung aufzuheben oder durch die direkte Aktion. Allerdings sind die Aporien ebensowenig Ausrede fürs Nichtstun oder die Weltflucht. Ob der Volksbühnenabend mit Theatertext diese Fragen dialektisch verschlungen löst oder in den üblichen einseitigen Bildern verharrt, ohne die nötigen Kippfiguren, bleibt abzuwarten. Das Primat der Praxis kann zumindest keinen Selbstzweck bilden.

„Die Scheu von Marx vor theoretischen Rezepten für Praxis war kaum geringer als die, eine klassenlose Gesellschaft positiv zu beschreiben. Das ‚Kapital‘ enthält zahllose Invektiven, meist übrigens gegen Nationalökonomen und Philosophen, aber kein Aktionsprogramm; jeder Sprecher der ApO, der sein Vokabular gelernt hat, müßte das Buch abstrakt schelten.“ (Th. W. Adorno, Marginalien zu Theorie und Praxis)

Es bleibt schwierig. Denken ist insofern eine Praxis, als es auf einen Gegenstand zielt. Dies wußte bereits Aristoteles. Wer über Freiheit und Gerechtigkeit nachdenkt, will nicht im bloßen Raum des Denkens bleiben. „Das Ziel richtiger Praxis wäre ihre eigene Abschaffung.“ (Adorno) Daß eben nicht mehr gefragt und agiert würde in diesen Dualismen und in den Oppositionen. Die zudem daraufhin befragt werden müßten, auf welchem Grunde sie beruhen.

Die erste Photographie ist der Homepage https://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/20Jh/Krahl/kra_intr.html entnommen. Die zweite der Seite https://viewpointmag.com/2014/09/29/hans-jurgen-krahl-from-critical-to-revolutionary-theory/
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Riskante Texte?

So forderte Burkhard Spinnen in seiner die Lesetage eröffnenden „Rede zur Literatur“. Es gab sie, und es gab auch literarisch Anspruchsvolles und erzählerisch Ausgefeiltes, was ohne die Produktion von Allgemeinplätzen auskam – insbesondere die heiter-heimtückische Prosa von Zwicky, aber auch Jan Snela, Tomer Gardi und Sascha Macht. Aber diese Texte wurden nicht prämiert. Ratlos bin ich, ich schrieb es, über die diesjährige Auswahl des Hauptpreises. Und noch ratloser, wenn ich die Elogen des Feuilletons lese. Ich sehe nicht, wie Judith von Sternburg in der BLZ meint, „wie vergnüglich und durchtrieben“ der Text sei, sondern lese eine biedere und verklemmte Prosa. Unter dem Weltganzen und einer wandernden Eiseele in Otoos Text macht es Sternburg nicht. Was ist los im Feuilleton? Wiebke Poromka in Zeit-Online:

„Hintersinnig, klug, im besten Sinne frech und witzig überraschte der Text der britisch-ghanaischen Autorin. Die 1972 geborene Aktivistin, die sich nicht nur gegen Diskriminierung und für Diversität einsetzt, ist bisher allenfalls an den Rändern des Literaturbetriebs in Erscheinung getreten.

In Herr Gröttrup setzt sich hin zeichnet Sharon Doduas Otoos mit leisem, aber nie bösem Humor das Porträt eines typisch deutschen Spießers. „Er fand bei Rot über die Ampel gehende Jugendliche, das Anglisieren des Genetivs und das Einfach-drauflos-duzen weniger gut. Wenn jemensch ihn in seiner Gegenwart als ‚Christ‘ bezeichnet hätte, hätte er ‚mit Verlaub‘ korrigiert: Er war überzeugter Protestant. Wenn jemensch ihn allerdings als ‚Cis-Mann‘ bezeichnet hätte, hätte er vor lauter Irritation bestimmt die Augen zusammengeknifffen.“

Auf Deutschlandradio Kultur heißt es dann bei Poromka weiter: Ein brillanter witziger, ein ästhetisch überraschend gemachter Text. Begründet werden diese Elogen freilich an keiner Stelle, statt dessen wird eine Passage aus Otoos Lesung vorgestellt, die das Gegenteil des gerade Behaupteten beweist. Weshalb achtet kein Kritiker der Literatur mehr auf das, was für Literatur basal ist – nämlich die Sprache, den Stil und damit zusammenhängend die Konstruktion der Handlung? Spätestens dann hätte mit diesen zitierten Sätzen doch auffallen müssen, daß sich der Text von Otoo in schlimmen Klischees verheddert. „Show, don’t tell!“, der Slogan jeder US-Schreibschule wurde sträflich mißachtet. Nein,  das stimmt so auch nicht: Otoo schuf derart aufdringliche Bilder, daß es mich als Leser verstimmt. Ich mag Texte nicht, die mir sagen wollen, wie es ist, und die Klischeefiguren als Klischee vorführen. Das funktioniert ästhetisch nicht. Ein Text als Proklamation – einmal davon abgesehen, wer wohl außer der Autorin auf die Idee kommen sollte, Herrn Gröttrup als Cis-Mann zu bezeichnen. Gröttrup ist Raketenforscher. Kein Musiker. Zwanghaft in den Text gepreßte Bedeutung und politisches Schulmeistern machen noch keine gute Literatur. Das konnte man schon an den Theaterstücken Sartres erfahren.

Mir scheint, daß hier das Feuilleton der Kulturjournalisten mit ihren Elogen eine eher politische Entscheidung mit den Mitteln der Literaturkritik abzusichern versuchte. Jedoch ohne literaturkritische Begründung. Gewonnen hat in diesem Falle nicht die Literatur. Riskante Texte? Nein, eher seicht, und um noch einmal die vielen Eiermetaphern der Kulturjournalisten zu bemühen: „Klingelingeling, hier kommt der Eiermann!“ Als Cis-Mann versteht sich.

Eine der wenigen, die die Sprache selbst und den Stil des Textes zum Anlaß einer Betrachtung nimmt, ist Sieglinde Geisel auf dem Online-Magazin tell.

 

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tddl (6) – Die Preisträger des 40. Bachmannwettbewerbs

Bereits in den letzten Jahren überzeugte mich die Wahl der Jury nicht. Weshalb sollte es diesmal anders sein? Dachte ich mir, und so kam es. Ich halte Sharon Dodua Otoos vorgelesenen Text „Herr Gröttrup setzt sich hin“ für eine mißglückte Satire. Der Witz erschließt sich mir nicht, das Ei erinnert mich an Loriot – und das meine ich nicht als Lob. Oder an Humpty Dumpty. Auch das meine ich nicht als Lob. Ich kann solchen Klischees weder im Ironiemodus noch als Satire den Witz abgewinnen:

„Gleich nach der Kirche kutschierte er gerne, samt Frau und Wackeldackel, stundenlang die Hauptstraßen entlang, „Im Frühtau zu Berge“ singend, während ihre Hand auf seinem Oberschenkel lag. Er freute sich über die Pünktlichkeit der Regionalbahn, die schattigen Stellen in seinem Schrebergarten während des Hochsommers und die kleine, verlässliche Flasche Underberg am Ende des Tages.“

Das bleibt simpel, und diese Reihung von Klischees beruhigt sich auch in der weiteren Lektüre nicht:

„Das. Ei. War. Noch. Weich.

Wie konnte das nur sein? Er ließ das Ei augenblicklich auf seinen Teller fallen und befreite seine Krawatte von dem gelben klebrigen Chaos mit seiner frisch gebügelten Baumwollserviette. Verärgert schaute Herr Gröttrup hoch. Frau Gröttrup aß ihr Ei in Ruhe. Es war ihr allerdings anzusehen, dass sie sich anstrengte, nicht loszuprusten. Die Anzeichen dafür waren nicht an ihrer Körperhaltung festzumachen, denn ihre Hände waren immer noch ruhig . Sie tupfte zwar vorsichtig ihren Mund mit ihrer Serviette ab, dabei waren ihre Lippen still. Doch Herr Gröttrup konnte genau sehen, wie Schadenfreude über ihr Gesicht huschte und einen Ort zum Ausruhen in ihren Augen fand.“

Bereits daß der erste Satz deklamatorisch durch diese vier Punkte zerhackt wird, ist ein aufdringliches Stilmittel. Ansonsten wird mir hier eine eher banale Szenerie geschildert. Das rettet auch der sozialkritische Schluß nicht, wo Herr Gröttrup die Reinmachefrau Ada jovial duzt, diese zurückduzt und dieses Duzen Gröttrup irritiert, worauf Ada nonchalant entgegnet: „Sie haben damit angefangen.“ Als Szene freilich amüsant.

Das persönliche Interesse ist sicherlich kein ausreichendes ästhetisches Kriterium für einen Text, dennoch frage ich mich, was mich an dem Text fesseln sollte und aus welchem Grunde ich mich für den Raktenforscher Gröttrup interessieren sollte, der aus der Perspektive eines Eies betrachtet wird. Zumal dieser Trick stilistisch und sprachlich nicht sonders elegant gelöst wird. Vielleicht erschließt es sich beim zweiten oder dritten Lesen oder wenn dieser Auszug als Teil eines Romans erscheint, was an dieser Prosa preisverdächtig ist. Hubert Winkels bezeichnete diesen Text als „realistisches Stück Geschichte“. Und genau da liegt das Problem dieser Prosa. Man möchte rufen: Die Phantasie an die Macht und die Phantastik der Literatur. Aber nicht die gutgemeinte Gesinnung. Der Prosa ist ihre Absicht anzusehen. Das macht sie blaß.

„Als deutsches Ei nicht hart zu werden ist keine so große Leistung. Deutlich schwieriger ist es für mich, auszuhalten, dass ihr Lebenden ausschließlich mittels dieses Gefängnisses namens Sprache kommuniziert.“

Das bleibt alles sehr dicht am Wörterbuch der Allgemeinplätze gebaut. Zuviel Intention, die mir in diese Geschichte hineingeblasen wurde. Weshalb ist es keine große Leistung, als deutsches Ei nicht zu hart zu werden? Wie sonst als mit Sprache läßt sich kommunizieren? Selbst Gesten und Mimik sind eine Sprache, und das nicht nur aus dem Grunde, weil sie im Denken in eine solche übersetzt werden. Ich spüre Zuneigung, ich zeige sie in der Mimik, ich verbalisiere sie. Aber das ist eine andere Sache. Sprachphilosophie, um die es in diesem Text nur bedingt geht. Eher schon um Kategorisierungen, wie der Absatz danach anzeigt. Und genau da funktioniert der Text nicht und kommt übers Klischee nicht hinaus. Für die Literatur, wie schon letztes Jahr, keine gute Wahl.

Wenn zudem eine Twitterin namens Charlotte, die sich als Literaturwissenschaftlerin ausgibt, solches in die Tasten tippt: „Und nochmal zum #tddl16: Es hat der Text einer Schwarzen Autorin gewonnen, die weiße und cis Positionen benannte. So gut.“ Dann sind wir mit der Literatur wieder auf dem Bitterfelder Weg. Nein, das ist falsch, schlimmer noch, Literatur als Politpose und -posse. Hier wird Gesinnung bewertet und nicht Literatur, Sprache, der Bau einer Geschichte betrachtet. Gleiches Motiv vermute ich bei der in Literaturdingen doch ebenfalls eher unkundigen Carolin Emcke: Gesinnungstwittern. Solchen billigen Reduktionismus aufs unmittelbar Politische hat selbst dieser Text von Sharon Dodua Otoo nicht verdient, und man muß sie vor ihren Liebhaber_Innen in Schutz nehmen. (Was sind eigentlich cis-Positionen? Eine besonders versaute Sexstellung? Was aus der Musiktheorie? So cis-dur?)

Literatur nach Gesinnung zu bewerten, schreckt mich ab. Und damit wird weder der Literatur noch der Gesinnung ein Gefallen getan.

Ich will nicht verhehlen, daß ich Isabell Lehns Text „Binde zwei Vögel zusammen“ lieber in der ersten Runde als Preisträgerin gesehen hätte. Zunächst war sie in der Shortlist drinnen – vom Ablauf in Klagenfurt heute fast ein wenig, wie das gestrige Fußballspiel: Wer kriegt ihn, den Preis. Nur zum Glück erwies sich das Prozedere am Ende doch nicht ganz so langwierig und spannend wie der Abend gestern in Bordeaux.

Lehn schreibt über ein aktuelles Thema, ohne sich dem Zeitgeist anzubiedern. Auf den Roman bin ich insofern gespannt. Vom Klang des Titels her erinnert es mich stilistisch zwar an den zweiten Roman von Helene Hegemann, und ich hoffe, diese Imperativ-Titel werden irgendwann nicht literarische Mode: „Schreibe zwei Romane“ „Sotte den Tafelspitz“, „Höre den Hasen“, „Koche das Ei hart“. Aber das, was man das Erzählte, den Plot, die Geschichte nennt, hat mich überzeugt. Ein Ausbildungslager für die US-Army in Franken, das Menschenmaterial für den Einsatz im Mittleren Osten trainiert, und Menschen, die vom Arbeitsamt dorthin als Vermittlungsmaßnahme geschickt werden. Ich hoffe, es ist das bloß eine dichterische Freiheit und Erfindung. Vermute aber, dies wird nicht der Fall sein.

Immerhin bin ich mit der Wahl von Dieter Zwickys Text „Los Alamos ist winzig“ zufrieden, der den Kelag-Preis erhielt. Zwicky schrieb einen wuchtigen, ausufernden, sprachlich anspruchsvollen und doch politischen Text. Voll Humor und vor allem mit Gespür für Sprache. Locker und frech imTon.

„Das kurze frenetische Licht über Fourth Junction befähigt einen zu hübschen, leichtfertigen Spielchen. Man handelt, in einem sozialen Sinn, sonderbar draufgängerisch, leistet sich subtile Dreistigkeiten. So bemerkte ich neulich zu der wahrhaft greisen Frau, die neben mir auf der erwärmten Bank sichtlich schwitzte:

Löse dich auf –  ja, ich habe sie wirklich geduzt – , löse dich auf, und du hast endlich ausgeschwitzt, alter Waran!

Die Dame trug ein auffälliges, jedenfalls auffällig breites Uhrenband aus Echsenleder. Sie verdrehte keck die Augen, hüstelte, weitete unter Zuhilfenahme ihrer Wangenmuskeln theatralisch den Nasenraum und flüsterte mir zu, dass ihr Sohn endlich, endlich der Hölle Englands entkommen sei.“

„Subtile Dreistigkeiten “  und der alte Waran: fein gesagt. (Und wieder das Duzen. Ha!) Auf diese Art des Schimpfens muß man kommen. Ein Text übrigens, der noch mehr gewinnt, wenn er mit guter Betonung gelesen wird. Wie das Dieter Zwicky tat.

Ebenfalls interessiert mich der Text von Astrid Sozio. Rassismus im Denken, im Kopf, im inneren Monolog eines (rätselhaften) Zimmermädchens, einer Reinmachefrau, die im Hotel ihrer Tante die Zimmer säubert. Flüchtlinge aus Afrika schienen dort untergebracht, nun sind sie woanders. Dieser Monolog geschieht allerdings an einigen wenigen Stellen in einer elaborierten Sprache, die eigentlich vom Stil und der Art der inneren Rede nicht zur Sprechrolle paßt. Da sehe ich ein stilistisches Problem. Ihre Angst vor dem Anderen, dem schwarzen Mann, der schwarzen Frau. Vielleicht in einer Weise, bei der das Ergebnis nicht von vornherein feststeht und die gutgemeinte Intention am Schluß den Text doch wieder verdirbt. Insofern paßt es in diesem literarischen Kontext natürlich, wenn jemand „Negerin“ oder „Zigeunerin“ denkt und dann auch schreibt. Der Vorschlag „PoC“ wie jemand twitterte, ist sicherlich als Scherz gemeint. Keine Reinmachefrau und keiner, der sich ernsthaft mit Afrika befaßt, sagt: PoC.

Nein, nach dem im TV geschauten Prozedere dieser Bachmann-Wahl glaube ich eher, daß da in der Hektik, Eile, Schnelle ein Zufallskandidat gewählt wurde. Die Qualität des Textes von Odoo kann ich nicht entdecken.

Interessant in diesen Jury-Debatten war vor allem die Frage danach, wem die deutsche Sprache eigentlich gehört, was insbesondere an dem eigenwilligen babylonischen Text von Tomer Gardi aus Israel diskutiert wurde. Mir nicht ganz klar, weshalb dies bei einigen für Unmut sorgte, denn in der Literatur scheint mir die Frage nach Sprache, Stil, Rhythmus, Ton des Textes nicht ganz unwesentlich. Die Qualität des Farbauftrags kann man an einem Text ja eher weniger diskutieren.

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tddl (5)

Sprachlich variantenreich ist der Text von Dieter Zwicky. Barock manchmal, witzig, herrliche Sätze und Kaskaden. Endlich Poesie und Politik, ohne daß es aufdringlich wirkt. So macht man das in Sprache.  Die weißen alten Männer zeigen es eben immer noch den Kritikhansel-Youngstern.

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An der Publikumsabstimmung werde ich dann doch teilnehmen. Lehn, Macht, Snela, Sargagel oder Zwicky. Vielleicht noch Dorian? Noch einmal lesen. Gerade bei Zwicky. Wie wirkt es leise gelesen. Bleibt diese Kraft der Sprache und der Erzählung, hat sie beim Leiselesen Bestand?

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Sandra Kegel scheint nach den Augenringen zu urteilen, eine wilde Nacht hinter sich. Sehr wild. Leider ohne mich. Cola trank sie oder Kaffee aus dem Glas.

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tddl (4)

Astrid Sozio: Sie hat Negerin gesagt! Und Zigeunerin, Und nun geht, wie zu erwarten und berechenbar, die politisch korrekte Empörung und das Affektgeschwätz wieder einmal los. Nicht unterscheiden können zwischen Figuren- und Autorenrede, aber auf Twitter politisch tönen! Leider ist die Prosa von Sozio trotzdem nicht besonders. Klischeeverhaftet bisher. Allerdings muß man beachte, daß dieser Auszug Bestandteil eines Romans ist. Insofern: Kontext beachten!

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Allerdings kann Sozio vorlesen. Nicht selbstverständlich.

So ist es, guter Tweet:

 

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