Unbeugsame Bildnisse (1)

Es ist eine der schönsten Skulpturen des Barocks: Die peneïsche Nymphe, Daphne, ihres Zeichens Priesterin der Gaia und Tochter des Peneiosʼ, im Trieb und in Leidenschaft, liebestoll verfolgt, nein, gejagt, gehetzt und begehrt von Apollon.

IMG_20150525_0002Copyright: Bersarin 1983, aufgenommen auf Ilford FP 4

„Die Augen von Feuer erglänzend schaut er, licht wie Gestirn. Er schaut den Mund, und Genüge findet er nicht vom Schaun. Er preiset die Finger und Hände, preiset den Arm und die Achsel entblößt bis über die Hälfte. Was sich verbirgt, dünkt schöner ihm noch.“ (Ovid) Entzugserotik: Während die Nymphe entweicht, so heißt es, wie ein Lufthauch, davonschwebt und steht nicht still im Fluchtreflex, greifbar höchstens als Bild: ein in den Moment fixiertes Ereignis, als Bildnis in Stein fest gebannt, geschlagen in weißen Marmor von Gian Lorenzo Bernini (1598–1680), und in der Villa Borghese in Rom ausgestellt. Liebkosung und Begehren nach der Haut, [ob der Gott wohl und gerne in ihre Brustwarzen bisse, würde er der Nymphe habhaft? Ob er sich zwischen ihre Schenkel schmiegte, eingrabend und die dichtbehaarten Wölbungen berührte und leckte?] unter dem Wahn und dem Wunsch, die der Liebespfeil ins Fleisch grub, und wild flieht die peneïsche Nymphe, ebenso von einem Pfeil getroffen, den Cupido, der mal schalkhafte, mal zornige Venusknabe im Wettstreit mit dem Apollon auf den einen und auf die andere schoß:

 „Sprachʼs und säumte nicht und teilte rasch mit bewegten Schwingen die Luft und stand auf der schattigen Höhʼ des Parnassos. Zwei der Geschosse entnimmt er dem pfeilumschließenden Köcher, ungleichartig an Kraft. Eins scheucht, eins weckt die Liebe. Welches sie weckt, ist golden und glänzt mit spitziger Schärfe; welches sie scheucht, ist stumpf, und Blei ist unter dem Rohre. Dieses versendet der Gott zur peneïschen Nymphe; das andre schnellt er durch das Gebein ins innerste Mark dem Apollo. Der fühlt Liebe sogleich; sie flieht vor des Liebenden Namen: Nur an der Wälder Versteck und am Fang des erbeuteten Wildes findet sie Lust nach dem Bilde der stets jungfräulichen Phoebe. Fesselnd schlang sich ein Band um das kunstlos liegende Haupthaar. Viele wohl warben um sie; doch jene, den Werbenden abhold, flüchtig und scheu vor dem Mann, durchstreift Einöden der Wälder, und sie bekümmert sich nicht um Hymen und Amor und Ehe.“ (Ovid, Metamorphosen)

 Es bleibt das Hymen – das, was ganz unsinnlich Scheidenklappe genannt wurde – als Haut des Inneren unangetastet und bewahrt. Jungfernmythos. Eine Berührung, in weißen Marmor gemeißelt, ich habe sie vor über 30 Jahren zum ersten Mal in Rom geschaut, während ihre harten kleinen Brüste sich unter ihrem engen, dünnen Sommerkleid abzeichneten und rund wölbten, Brustwarzen durch den Stoff stachen, und männliche Finger, die nach der Haut des köstlichen Weibes streben, das sich windet, wandelt, unter südlicher Sonne und wie der Körper ins Geäst und Gehölz sich verzweigt zu organischer Materie schmiegend: hölzern: Hylemorphismus, morphisch, nicht Schlaf, sondern neue Gestalt bildend. Es bleibt die unwiederbringliche Transformation. Stein, Holz, Materie ohne Fleischgehalt. Der Gott geht leer aus. Mit jenem sprießenden Lorbeer bekränzt sich der Sänger, der Bogenschütze und Lyraspieler Apollon.

Frauen agieren im männlichen Mythos als Wirkgrund. Der Bergnymphe, die der Erde einzig dient, bleibt nur die List, die aus der Gnade der Natur und der Herkunft erwächst. Metamorphose des Entzuges, wie Publius Ovidius Naso sie dichtete. Aber es ist die Liebe nicht frei, sondern beide regen sich wie unter Zwang und folgen einem höheren Gesetz als der Autonomie des Willens oder der Willkür von Lust: kein bürgerliches Liebesspiel und kein Liebeswerben, nicht Individualcharakter, sondern ein Schicksal oder anders noch eine Gegenmacht drängt. Von der Liebe bleibt nur Trieb und verblendete Gier. Das mag im Heute parallel laufen und äußert sich trotzdem ganz anders. Dennoch können wir gegenwärtig, was diese eigenwilligen Verstrickungen betrifft, diese Geschichten in einer Welt, wo Mythen abwesend oder sich in andere Bilder oder Monetäres sich transformierten, in dieser Weise einer Verhängnisverfügung nicht mehr schreiben. Wie sähe ein solcher Text aus? Es bleibt der wunderbar schimmernde, kühle, glänzende Marmor. Der zur Flamme entfachte Gott. Und dies Wesen der Natur, der Erde, der Bäche und Berge, welche Haut, Körper, Poren und Öffnung verschließt? Während der Gott den Körper der Frau unter der Macht seines Blickes preist, bleibt der Frau der passive Part. Zu verschwinden. In Natur und Stofflichkeit verwandelt. Oder in einer Häuserwand, irgendwo, wie in Wien im Ungargassenland. Call it hot stuff. Stoff in seinen verschiedenen Wendungen. Auch dies sind Metamorphosen. Selbstreferenz des Mediums und, wenn wir die Geschichte von Flucht, Verfolgung, von Treiben und Vertreibung ins Hier projizierten, vom Bild in den Text, der die Bilder zu Metaphern und Metonymien gruppiert, Spiegelungen bis in den Abgrund.

„Phoebus liebte zuerst die peneïsche Daphne, für die nicht blindes Geschick ihn entflammt, nein rächender Zorn des Cupido; …“ Eine über die Position des Dritten vermittelte Liebe sozusagen. Nicht aus dem sinnlichen Selbst heraus geschöpft. Was machen wir heute daraus? Das Thymotische realisiert sich als Eifersuchtsdrama. Ansonsten dünken die Liebenden sich autonom.

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Die Modalitäten des Internet: Münkler-Watch und die ewig währende Erregungsposse des Shitstorm

Natürlich wieder eine Posse aus der Humboldt-Universität zu Berlin. Diesmal traf der Erregungseifer – von verschiedenen Seiten und Lagern her – den relativ bekannten, inhaltlich und von der Sache her durchaus kritisierbaren Politikwissenschaftler Herfried Münkler, dessen Vorlesung nun von einem Blog namens Münkler-Watch auf rassistisches, eurozentristisches oder frauenfeindliches Gedankengut hin überwacht wird. Münkler steht durch eine Gruppe Studenten unter Beobachtung, weil er sich erlaubt, in einem Seminar klassische Texte der Politikwissenschaft immanent zu lesen und die Argumente der Autoren zunächst so dazustellen, wie diese sie in ihrem Text schrieben. Ja: Es sind diese Autoren meist Männer, weil zu dieser Zeit meist Männer schrieben. Das ist bedauerlich, aber es läßt sich als Faktum nun einmal nicht beseitigen. Und es wohnt den meisten Autoren ein eher eurozentristischer Blick inne. Da sie in Europa schreiben und das zu einer Zeit als Cultural Studies noch nicht erfunden waren, scheint mir dies nicht allzu befremdlich. Was nicht bedeutet, die Texte nicht kritisieren zu dürfen. Nur: Bevor man sie kritisiert, muß man sie gelesen und auch verstanden haben. Eine durchaus differenzierte und gute Sicht der Dinge liefert Nils Markwardt, bei bei Zeit-Online nachzulesen.

Medial in Szene gesetzt, erwächst aus dieser Sache von unterschiedlichen Lagern her der Disput. Mancher schäumt angesichts dieses Münkler-Blogs vor Aufregung unangemessen über, so Friederike Haupts Text in der FAZ. Wenn man Polemik macht, sollte man diese auch beherrschen. Andererseits scheint mir ebenso die Kritik von Münkler-Watch überzogen und sachlich aus dem Ruder zu laufen, denn es handelt sich um eine Vorlesung zu den Grundlagen. Da geht es zunächst um die Basistexte. Um den Eurozentrismus jedoch zu kritisieren, sollte man seinen Gegner besser kennen als diese sich selber. Ja, was für eine Ungeheuerlichkeit von Münkler, daß er nicht sogleich den distanzierende Warnhinweis mitlieferte und am besten als Aufdruck über den Texten plazierte: „Kant-Lesen schadet Ihrer Gesundheit und kann zu Rassismus und Eurozentrismus führen.“ Da ist sie wieder: die unendliche Triggerwarnung. Äußerungen Münklers jedoch in einem Interview der „Zeit“ dieser Woche machen alles nicht besser. Den Studenten zu unterstellen, es wären dies Methoden wie 1933, ist nicht nur absurd, sondern verharmlost eine Situation, die mit nicht vielem in Deutschland vergleichbar ist. Das sollte einem Politologen wie Münkler eigentlich bekannt sein. (Fast möchte man, was diese von Münkler geäußerten Bezichtigungen anbelangt, dem Münkler-Watch-Blog, denn doch eine gewisse Berechtigung nicht absprechen. Und wenn ich mir manche der dort geschriebenen Kommentare durchlese, zeigt sich, daß der Kampf gegen Rassismus mehr als wichtig ist. Es fragt sich allerdings nur, in welchen Formen und in welcher Weise der erfolgen sollte.)

In den guten und seligen Zeiten sprengten Studentinnen Vorlesungen noch mit Titten-Attentaten. Dazu reicht es heute nicht mehr hin, dazu ist die prüde und weichgegenderte Studentin (mit oder ohne Unterstrich) nicht mehr in der Lage, denn Tittenzeigen, und überhaupt jegliche sexuelle Regung ist im Lager des neokonservativen Pietismus naturgemäß verpönt. In genau diesem Pietismus einer Gesinnungslinken und in einem völlig aus dem Ruder gelaufenen Erregungseifer liegt das Problem, das implizit dann die Betreiber des Münkler-Watch-Blogs betrifft – mögen sie in einigen Punkten ihrer Kritik auch richtig liegen. Eine Haltung, die Linkssein lediglich als Simulationsprojekt und als Sprachschnüffelei betreibt, um einer Sprecherpositionen wahlweise Sexismus, Homophobie, Rassismus unterzujubeln, führt zu einem verhängnisvollen Modus der Kritik. Denn auf diese Weise entsteht eine Szenerie des generellen Verdachts. Jedem Begriff und jeder unliebsamen Äußerung oder Lebensregung wird ein rassistisches, homophobes oder eurozentristisches Motiv untergeschoben, jede Äußerung wird zunächst einmal gewichtet, ob sich darin nicht verborgenes Verbotenes zeigt. Was früher in einer simplen Variante als Vulgärideologiekritik betrieben wurde, hat sich heute zu einer anderen Gemischlage verdichtet, die aus den USA herüberschwappte: Othering sowie die tatsächliche oder vermeintliche Diskriminierung verschiedener Gruppen. Mittlerweile hat sich das zu einer Tendenz geballt, in der es nicht mehr um reale Diskriminierungen von Minderheiten geht, sondern um Diskurshoheiten: Anderen Diskriminierung unterzujubeln.

Das Internet trägt als medialer Verstärker qua Blog, Facebook, Twitter usw. einen guten Teil dazu bei. Triviale Erkenntnis, aber man kann sie nicht oft genug aussprechen. Eine an sich einmal richtige Sache, nämlich Unterdrückung, versteckten bzw. subtilen Rassismus und Widersprüche zum Thema zu machen, verfällt ins Gegenteil: die Inquisition hält Einzug sowie daran anschließend der Beicht- und Bekenntniszwang. In bestimmten Kreisen geht das dann so: Männer, die mit einer Frau flirten und sie irgendwie mit Begehren anschauen, sind erst einmal grundsätzlich verdächtig und haben sich für ihr schandbares Verhalten zu rechtfertigen, Frauen, die sich körperbetont und erotisch aufreizend anziehen, sind ebenfalls verdächtig und müssen sich erklären, wie sie es als Frauen verantworten können, sinnliche Spitzenunterwäsche zu tragen; Frauen, die Kinder wollen sind verdächtig, Weiße, die zwecks journalistischer Recherche sich schwarz schminken sind verdächtig, weiße Schauspieler, die Schwarze spielen, sind nicht nur verdächtig, sondern sogleich Rassisten; Heterosexuelle, die sich im Park küssen, werden dazu aufgefordert, dies aus Solidarität mit Queeren, Schwulen und Lesben zu unterlassen. Statt Gesellschaft relevant zu kritisieren, werden Sprachregelungen getroffen, und es wird debattiert, ob in Büchern, die vor mehr als 50 Jahre geschrieben wurden, das Wort „Neger“ vorkommen darf. (Vermutlich tilgt man irgendwann bei Tom Sawyer und Huck Finn das Zigarettenrauchen aus den Büchern. In Japan ist es bereits soweit, daß dem David von Michelangelo ein Lendentuch umgehängt wurde. Ich habe das seinerzeit mal als Witz geschrieben. Ein Jahr später wurde der Wahrheit.) Prinzipiell ist diesen neodogmatischen Pietisten jeder verdächtig: Raucher, Flucher, Alkoholtrinker, Fleischesser, Zu-wenig-Esser, Sportbetreiber, Bergkletterer, sogar unschuldige in der Alpenlandschaft kopulierende Murmeltiere, denn die bestätigen die heterosexuelle, heteronormative Matrix. (Nein, das stammt nicht aus der Titanic, sondern ist der realen Welt der Blogs entnommen.)

Wichtig vor jedem Diskursbeginn: am besten gar nicht lesen oder etwas äußern, sondern vorm Aufschlagen des Buches und vorm Sprechen unbedingt die eigenen Privilegien und die Sprecherrolle checken. Sinnvoller wäre es freilich, statt Privilegienchecks zu veranstalten, wie sonst nur der BRD-Bürger sein Auto tüvmäßig durchprüft, zuerst einmal die Fakten zu checken und Redner- oder Textbeiträge nicht nach Quotierungen auszumitteln, sondern wer zu welchem Thema etwas kompetent beitragen kann und nicht bloß daherfaselt. Ob da nun unterkomplex und mit unvergleichlicher Naivität frei von jeglicher Marx-Kenntnis über den Marktbegriff schwadroniert wurde, wie weiland in der Blogosphäre geschehen, oder ob da ein billig zu habender Sprach-Antirassismus als Gesinnungsmonstranz von mea culpa murmelnden weißen Bürgersöhnchen und den Bürgertöchterchen vor sich hergetragen wird, die sich bei jedem Nazi-Aufmarsch sofort verpissen.

Für die Logik der Sache und den Gang des Argumentes ist es jedoch relativ egal, ob einer schwarz, weiß, hellbraun oder gelb im Gesicht ist oder ob Mann oder Frau oder irgendwas dazwischen. (Freilich nicht für die sozialen Umstände und die Bedingungen.) Aber wenn es schon darum geht, Privilegien zu checken, so muß sich halt auch eine politisch engagierte Autorin wie Noah Sow fragen lassen, wer eigentlich privilegierter ist: Der hellhäutige Betreiber dieses Blogs, der keinen Verlag zur Hand hat, der seine Texte veröffentlicht, der Flüchtling aus Gambia, der vor einer schwarzen Elite mit nichts als seinem Hemd und seiner Hose unter schlimmen Umständen in die BRD flieht, oder die dunkelhäutige Autorin, die bei Bertelsmann mit ihrem Buch „Deutschland schwarz weiß“ doch eine gewisse Wirkungsmacht zu entfalten vermag? (Das spricht nicht gegen ihr Buch: ganz im Gegenteil. Es ist so ratsam, dieses Buch zu lesen; wie es ratsam ist, sich die Filme anzuschauen, wo der Journalist Günter Wallraff als Schwarzer verkleidet durch die BRD reist.) Und ein weißer, männlicher Blogger, der das Privileg besitzt, einmal im Monat eine Radiosendung zu moderieren, sollte sich fragen lassen, weshalb er seine privilegierte weiße Sprecherposition nicht zugunsten der von ihm ansonsten in jedem Atemzug genannten Lampedusa-Flüchtlinge weitergibt und diese nicht ans Mikro oder an seinen Blog läßt. Es zeigt sich bereits an diesen Beispielen, zu welchen Absurditäten ein bis zur letzten Konsequenz gedachter Check von Privilegien führt. Daß dann nämlich niemand mehr etwas sagen, schreiben und veröffentlichen dürfte. (Es geht mir in meinem Text nicht gegen die Arbeit der Antirassisten. Wohl aber gegen den Rassismusvorwurf, der als mediale Spielmarke eingesetzt wird.)

Das Internet nun erzeugt ein besonderes Milieu – wenngleich es dieses immer schon gab, nur gewichtet und äußert es sich in diesem Falle anders und potenzierter, was einen Umschlag der Quantität in eine neue Qualität ergibt –, und es ist ein besonderes Medium, in dem die Erregungskommunikation des Shitstorm und die Logik des Verdachts gut gedeihen. Es lädt insbesondere zu solchen Formen des anonymen Denunzierens, die bis hin zum Rufmord reichen, geradezu ein, so daß ein neuer Pranger entsteht: Es streut jemand irgendein Gerücht über jemanden oder stellt falsche Behauptungen auf oder äußert in der Internetöffentlichkeit Dinge, die eigentlich nicht dorthin gehören, sondern im privaten Rahmen behandelt werden sollten. Es werden Sätze falsch zitiert, aus dem Zusammenhang gerissen oder am besten noch: gar nicht erst gelesen. Aber trotzdem wird eine falsche Behauptung oder eine bewußte Lüge in den Raum gestellt. Andere greifen dies auf, kolportieren es, übersteigern den Verdacht, schmücken ihn aus und schon hat man aus einer kleinen Angelegenheit ein großes Brimborium und Bohei gezaubert. Nein, gezaubert ist falsch: sondern bewußt inszeniert.

Über eine solche Inszenierung von Petitessen und über die Kommunikation der Aufgeregtheiten und Erregungen schreibt Don Alphonso auf seinem FAZ-Blog „Stützen der Gesellschaft“ einen ausnehmend klugen und lesenswerten Artikel: „Mit dem Rückgrat einer Qualle: Wie das Westfalen-Blatt eine Autorin dem Mob opfert“. Wie mittels eines bereits kleinen Shitstorms die Redakteurin eines Provinzblattes aus ihrer Tätigkeit gejagt wurde, weil sie die falsche Antwort auf die falsche Frage gab und wie die Rechtschaffenheit der korrekten Gesinnung mittlerweile zum Maßstab für die öffentlichen Diskurse gemacht wird.

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Nicht mehr die Debatte und der Widerstreit, gar Konträres sind Bestandteil von Diskussionen, wie man es von früher her kannte und wie man es eigentlich bei Debatten erwarten sollte, sondern das Einerlei homogener Meinungssoße wird gefordert. Ich kann mittlerweile Kolumnisten wie Harald Martenstein oder Wiglaf Droste, die auf das Dummerhafte solcher Politpossen mit deftiger Polemik reagiert, immer besser verstehen. Don Alphonso hat in der FAZ einen bemerkenswerten, abgewogenen und klugen Artikel geschrieben, hat eine weitere Posse derer mit der politisch korrekten Gesinnung uns vorgeführt. Don Alphonso gehört immer noch und weiterhin zum Klügsten, was die politische Blogosphäre hervorbringt, weil er sich dem simplen Schema rechts/links nicht beugt, weil er eine Komplexität und Unabhängigkeit des Denkens von politischen Markierungen sich bewahrt hat. Das schlägt manchmal ins Extrem der Polemik aus. Die beherrscht Don Alphonso rhetorisch perfekt. Im Gegensatz zum linksposierenden Schwätzertum mancher, die bereits bei der Lektüre von Sätzen, die mehr als vier Begriffe beinhalten, aufgeben müssen oder die in ihrer Kreuzberger Medienblase nach einem simplen Schematismus die Welt in hell und dunkel einteilen, weil es von der Denkkraft zu mehr nicht ausreicht als zum Dualismus.

Ergänzend zu Don Alphonsos Beitrag sei auf Hartmuts Text in seinem Blog „Kritik und Kunst“ hingewiesen, der diesen Vorgang auf den Punkt bringt. Wie eine eher läppische Frage eines Mannes sowie die Antwort darauf zu einem Auswuchs an Homophobie hochgekocht wird. Dieses Beispiel mag noch eines der harmlosen sein. Das Netz ist voll davon: Immer ein Stück weiter die Flamme drehen. Und kräftig Unterstellungen hinzufügen. Wie nicht anders zu erwarten, sind natürlich reflexartig in ihrer Schnappatmung die mit der simplen Gesinnung dabei, die dann Don Alphonso Homophobie unterschiebt und etwas insinuieren, was in dem Beitrag von Don Alphonso nun gerade nicht zum Ausdruck kommt. Hauptsache aber, es kann denunziert und eine dezidierte und komplex dargelegte, gute Argumentation mit inkriminierenden Schlagwörtern besetzt werden. Hinter solchen widerwärtigen Mechanismen des Umlügens von Sachverhalten steckt jedoch eine Methode: Wer homophob ist, mit dem braucht man nicht mehr zu diskutieren, denn er oder sie haben sich per se aus der Gemeinschaft der Vernünftigen und der Diskutierenden ausgeschlossen. Das eben ist der simple Trick dieser simplen Gestalten. Es wäre gut, wenn zumindest eine aufgeklärt denkende Linke darauf nicht weiter hereinfällt. Es handelt sich um Solidarität mit den Falschen. Neo-Pietisten und Denunzianten sind keine Partner, sondern Gegner.

Das schlimme an solchen Diskursen ist, daß man selber zum Teil dieser Erregungskommunikation beiträgt. Andererseits verhält es in diesen Dingen derart: Wenn hier nicht explizit eine Gegenöffentlichkeit hergestellt wird, wie unter anderem Don Alphonso es verschiedentlich macht und wie Hartmut es auf  „Kritik und Kunst“ seit Jahren trommelt, dann überlassen wir das Feld den falschen Leuten. Und zwar von beiden Seiten: Sei das der Neopietismus, der sich links dünkt, aber ohne es überhaupt zu bemerken mit Denkmustern arbeitet, die aus dem Archiv der klerikalen Inquisitionen, mithin dem 15. Und 16. Jahrhundert entstammen. Old school schlechthin und weder ihres Foucaults noch ihres Derridas mächtig, sondern bloß die akademischen Phrasen plappernd. Oder aber denen von der anderen Seite, eine in der Tat homophobe, antisemitische, antimuslimische Rechte. Von PI bis zu Pegida und Legida. Beide treffen sich in ihrem Extremismus und ihren Methoden nicht nur in der Mitte.

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Edit: Wobei ich ergänzen möchte, daß ich mit dem Begriff Pietismus eben jener Bewegung doch Unrecht tue. Zu ihrer Zeit mochte sie im 17. und 18. Jahrhundert theologische und lebenspraktische Berechtigung besessen haben. Was ich in meinem Zusammenhang eher meinte, ist ein heruntergekochter, herabgesunkener, sozusagen säkularisierter Begriff dieser Bewegung. Mithin eher eine Metapher. Genauso hätte ich – und das trifft die Sache doch schon eher – von einer Art evangelikalen Sekte sprechen können. Diese Art des linken Gesinnungssektierertums ist im Grunde seitenverkehrter Spiegel.

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Urbane Räume (7) – 1. Mai

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„Tocotronics“ rotes, neues Album

Der 1. Mai ist als Tag insofern bedeutsam, als ich nicht mehr in Konzerte gehe. Es sei denn, es werden dort Mahler, Beethoven oder Schönberg gespielt, und ich kann, während ich höre, gepflegt im Konzertstuhl sitzen. Gefesselter Konzertbesucher, der ich nun einmal im restbürgerlichen Habitus residual oder fragmentiert noch bin oder gerne gewesen wäre, sofern das überhaupt noch in diesem outrierten Zeitenfeld und in der verwalteten Welten möglich ist. Eine der besten Passagen Adornos aus der „Dialektik der Aufklärung“ weist auf diesen arbeitsteiligen Zustand der Deformation, der beide Parteien gleichermaßen betrifft. Kein Ort, nirgends und so bleiben einzig die den Wellen und dem Meer preisgegebene „Flaschenpost“ und die „Gesten aus Begriffen“ als Philosophie und ästhetische Theorie:

„Der Gesang der Sirenen aber ist noch nicht zur Kunst entmächtigt. Sie wissen ‚alles, was irgend geschah auf der viel ernährenden Erde‘ … Der Gedanke des Odysseus, gleich feind dem eigenen Tod und eigenen Glück, weiß darum. Er kennt nur zwei Möglichkeiten des Entrinnens. Die eine schreibt er den Gefährten vor. Er verstopft ihnen die Ohren mit Wachs, und sie müssen nach Leibeskräften rudern. Wer bestehen will, darf nicht auf die Lockung des Unwiederbringlichen hören, und er vermag es nur, indem er sie nicht zu hören vermag. Dafür hat die Gesellschaft stets gesorgt. Frisch und konzentriert müssen die Arbeitenden nach vorwärts blicken und liegenlassen, was zur Seite liegt. Den Trieb, der zur Ablenkung drängt, müssen sie verbissen in zusätzliche Anstrengung sublimieren. So werden sie praktisch. – Die andere Möglichkeit wählt Odysseus selber, der Grundherr, der die anderen für sich arbeiten läßt. Er hört, aber ohnmächtig an den Mast gebunden, und je größer die Lockung wird, um so stärker läßt er sich fesseln, so wie nachmals die Bürger auch sich selber das Glück um so hartnäckiger verweigerten, je näher es ihnen mit dem Anwachsen der eigenen Macht rückte. Das Gehörte bleibt für ihn folgenlos, nur mit dem Haupt vermag er zu winken, ihn loszubinden, aber es ist zu spät, die Gefährten, die selbst nicht hören, wissen nur von der Gefahr des Lieds, nicht von seiner Schönheit, und lassen ihn am Mast, um ihn und sich zu retten. Sie reproduzieren das Leben des Unterdrückers in eins mit dem eigenen, und jener vermag nicht mehr aus seiner gesellschaftlichen Rolle herauszutreten. Die Bande, mit denen er sich unwiderruflich an die Praxis gefesselt hat, halten zugleich die Sirenen aus der Praxis fern: ihre Lockung wird zum bloßen Gegenstand der Kontemplation neutralisiert, zur Kunst. Der Gefesselte wohnt einem Konzert bei, reglos lauschend wie später die Konzertbesucher, und sein begeisterter Ruf nach Befreiung verhallt schon als Applaus. So treten Kunstgenuß und Handarbeit im Abschied von der Vorwelt auseinander. Das Epos enthält bereits die richtige Theorie. Das Kulturgut steht zur kommandierten Arbeit in genauer Korrelation, …“ (Th. W. Adorno, Dialektik der Aufklärung)

fee_786_587_pngIch schätze die Band „Tocotronic“ sehr, wenngleich ich mit den Stücken ihres neuen Albums, welches „das rote Album“ genannt wird, weil es von der Grundfarbe rot ist, allerdings optisch-drucktechnisch retrogradig mit einigen künstlichen Spuren des Abblätterns oder Abriebs versehen, wenig anfangen kann. Aus diesem Album gefallen mir – zumindest nach dem ersten Hören, vielleicht ändert sich das noch – nur drei Lieder wirklich gut. Von den Texten reicht es lange nicht an das letzte Album „Wie wir leben wollen“ heran. Das Subtitele, fast schon Lyrische oder zumindest doch Dichterische bleibt in „Wie wir leben wollen“ ohnegleichen, ebenfalls das Musikalische, das zwar einerseits an die letzten Alben anknüpfte, aber dennoch einen Sprung machte, und das gab es in dieser Reife bei Tocotronic bisher nicht. Ich halte „Wie wir leben wollen“ für ihre beste und am klügsten auskomponierte Platte. (Ästhetische Form ist immer ein Phänomen des Gesamtzusammenhangs, isoliert nicht die Momente.) Die frühen Alben aus den 90ern freilich – „ K.O.O.K.“  mit dem legendären Song Let there be rock bildet bei „Tocotronic“  allerdings einen Wendepunkt und in einem bestimmten Sinne knüpft das rote Album daran wieder an – sind von einem anderen Kaliber: Wie bei jeder Band, die neu kommt, herrscht der Sturm-und-Drang vor. Wilder, aufbegehrender Rock von jungen Menschen, Zwanzigjährige, die Teil einer Jugendbewegung sein möchten und doch bereits abgeklärt in ihren so jungen Jahren, wissen, daß diese epochemachende Musik und Phase längst vorüber ist.

Das Moment des Pophaften überwiegt auf dem roten Album. Es ist, so heißt es, eine Platte, die von den Teenagern handelt. Sophie Hungers (nach einem Interview aus dem „tip“ mit Dirk von Loewtzow zitierte) Bemerkung jedoch über „Die Erwachsenen“, „das Stück sei dreimal um die Ecke gedacht und trotzdem mitten ins Gesicht“, kann ich nicht nachvollziehen, die subtile Drehung dieses Stückes entging mir. Im Gegenteil, viele der Texte scheinen mir eher unidirektional aus dem Hallraum des Jugendzimmers zu stammen. Vielleicht muß man sich beim Hören dieses „roten Albums“ die Welt des Teenager-Seins wieder vergegenwärtigen. Das ist für einen mittlerweile älteren Menschen nicht unbedingt mehr leicht, es bedarf dazu der Übung, sich in den ästhetisch-literarischen Imaginationen, von den Flügeln des Phantasie getragen, in diesen Zustand zwischen Euphorie und (Hormon)Verwirrung, Umbrüchen, Zeitenwende des Privaten, Wildheit, ungestümer Emotionen und Verhaltenheit zurückzuversetzen: in jene Zeit des Liebens und Lebens, als alles an Welt noch vor einem lag und fast alles an Zielen und Wünschen möglich erschien. Omnipotenz, Schönheit des Körpers, Narzißmus und hemmungsloser Kleinmut sowie radikaler Selbstzweifel gingen die im Leben wohl einmalige Konstellation ein. Wie es nie mehr wiederkehren wird. Auf eine interessante und witzig-trickreiche Weise unternimmt diesen Versuch, diese Jahre einzuholen, übrigens der Schriftsteller Navid Kermani in seinem 2014 erschienenen Buch „Große Liebe“: Sich in die Perspektive des 15-Jährigen zu begeben, darin er den Gefühlshaushalt dieses jungen Mannes, dieses alten Kindes in den 80er Jahren, inmitten der politischen Auseinandersetzungen um Atomkraft und Nato-Doppelbeschluß, mit den Texten arabischer Mystik kontrastiert. Die erste Liebe zu einer Frau, die drei Jahre älter ist, die er in der Oberstufenecke bei den Rauchern betrachtet. Solche Liebe der Jugend ist Erleuchtung und Verblendung in einem. „Gedauert hat diese große Liebe, um die mein Gedächtnis so viel Aufhebens macht, keine Woche, gerechnet vom ersten Kuß bis zur Trennung, der Trennungsschmerz natürlich länger, in gewisser Weise bis heute, sonst würde ich nicht unsere Geschichte erzählen.“ (Navid Kermani, Große Liebe“) Das Schöne, die Melancholie und die Tücken dieser Zeit fängt Kermani wunderbar ein, und es ist ein kluger Schachzug, der von der Unmittelbarkeit des Erlebten wiederum distanziert und eine Reflexionsstufe dazwischenschaltet, wenn er die Überlegungen der arabischen und persischen Mystiker da einfließen läßt, wo der Schmerz immer noch zu treiben vermag.

Vielleicht muß ich diese Platte von „Tocotronic“ mehrmals hören, vielleicht beim Autofahren über die Weite der Landstraßen Brandenburgs, bis nach Sachsen hin, wenn ich die Felder und die Wälder beobachte, wenn ich an einem Waldweg das Auto stoppe und ich halte an, und es spielt die Musik. Vielleicht klingen dann Erinnerungsfetzen nach, als Bilder materialisiert, im Kopf des älteren Mannes. Und wie verweht ziehen die Brüche durch den Kopf. Zeichenhaften Elemente und das bildet dann ein Muster, in dem wir uns erinnern, wiederholen und durcharbeiten. „Jungfernfahrt“

„Tocotronic“ spielte am 1. Mai im SO 36 ihr sogenanntes Club-Konzert, um ihr Album vorzustellen. Mir war in der schlauchartigen Halle die Akustik zu schlecht, es taten die Ohren weh, auch gefiel mir die Auswahl der gespielten Stücke nur mäßig. Es war ein nettes, freundliches Konzert, von einer netten, freundlichen plüschophilen Band eben, die ich sehr schätze. Als ich dann wieder zu Hause und gemütlich in meinem Sessel saß, um in den Gedanken den Abend ausklingen zu lassen, war ich froh, in meiner stillen, weitläufigen, friedlichen Wohnung mich zu befinden, im komfortablen Grandhotel Abgrund. Das schöne an Kreuzberg ist, wenn man dann wieder fort ist. Nichts Schlimmeres als das Maifest. Was jedoch das Heruntergeranzte dieses Viertels betrifft: da sieht es auch zu den Zeiten, wo kein Maifest befriedet, nicht viel anders aus. Insofern paßt dann wiederum der Görlitzer Park nach Kreuzberg. Jeder Stadtteil hat, so will es mir scheinen, die Parks, die ihm gemäß sind.

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Zum christlich-jüdischen Abendland. Sowie ein kurzer Blick auf den Briefwechsel zwischen Adorno und Gershom Scholem

Es gibt von zwei Seiten ausgehend eine mehr als problematische Anlehnung ans Judentum: Einmal von der islamophoben Front her, jener Achse der Guten, die beständig von den ewigen christlich-jüdischen und westlichen Werten salbadert, um damit das andere Element auszusondern, während deren Vorfahren nicht müde wurden, eben jene Juden samt ihrer Lebensweise, ihrer Kultur und Religion auszurotten. Auf der anderen Seite findet sich eine eigentümliche Form des politischen, ästhetischen oder philosophisch motivierten Philosemitismus, der eher von der politischen Linken kommt. Sozusagen das Bedürfnis, eine Schuld abzutragen, die die Vorfahren dieser Menschen auf sich luden. Nun grinst der Ostjude in den Karikaturen nicht mehr breit, feist und widerlich mit Hakennase und großen Ohren, wie in der faschistischen Propaganda, sondern es lächelt in der Imago der Rabbiner sanft und fein.

Während das Judentum, das sich für die erste Position wesentlich im Staat Israel manifestiert, für deren Propaganda lediglich als beliebige Spielmarke fungiert – meist mit vollständiger Unkenntnis jüdischen Lebens und deren Lebenswirklichkeiten behaftet –, dient das Judentum insbesondere der zweiten Partei als eine Projektionsfläche eigener Sehnsüchte und Regungen. Das und insbesondere die Haltung des „Nie wieder!“ ist mir einerseits nicht unsympathisch, führt aber in dieser unidirektionalen Sicht zu Problemen und Ausgrenzungen anderer Art. Sofern diese Haltung zugleich nicht kritisch sich reflektiert, wird sie problematisch und vereinnahmend. Der Nicht-Jude ist nun einmal kein Jude – da kann er anstellen, was er will. Im Juden manifestiert sich in dieser Sicht das Andere.

Dieses Anders-Sein erwirkt aber wiederum Zuschreiben und Fixierungen: gleichsam ein ontologisch-anthropologisches Paradigma. Zwischen diesen Positionen changierend: Der Staat Israel. Da gerät dann innerhalb dieser mehr als komplexen Dimensionen manches durcheinander, und die Kritik an den Repressionen des Staates Israel gegen Araber/Palästinenser wird allzu flugs und leichtfertig als Antisemitismus gedeutet. Derart werden die Kategorien und Begrifflichkeiten verwechselt und Differenzen innerhalb eines komplexen Feldes unterschiedslos gemacht. Antisemitisch ist eine Kritik an Israel dann, wenn das, was Israel mit den Palästinensern macht, als intrinsische Eigenschaften der Juden gedeutet wird. Aber was Israel politisch veranstaltet, ist nicht typisch jüdisch, sondern es handelt sich um Machtausübung eines Staates. Leider ist jener Antisemitismus nicht nur in der BRD wirksam und virulent.

Zum deutsch-jüdischen Dialog in den 60er Jahren in der BRD schrieb Adorno in seinem Briefwechsel mit Gershom Scholem am 22. Juni 1965 von Frankfurt am Main nach Jerusalem:

 „Schon wenn man ein Wort wie jüdisch-deutsches Gespräch hört nach dem Geschehenen, kann es einem übel werden, und es ist die einfache Wahrheit, daß es ein solches Gespräch nie gegeben hat, und daß die sogenannten größten Deutschen wie Kant und Goethe Dinge geschrieben haben, die sich nun doch ausnehmen wie die Scheite, welche das alte Weiblein zum Scheiterhaufen des Hus herbeischleppte. Es ist von einer wahrhaft abgründigen Ironie, daß die Teilnahme am Judentum qua Judentum, und nicht etwa an einzelnen jüdischen Figuren, erst jetzt in Deutschland sich stärker ausprägte, nachdem es dort keine Juden mehr gibt.“ (Th. W. Adorno/Gershom Scholem: Briefwechsel 1939 – 1969)

 Dieser Briefwechsel zwischen Adorno und dem Judaisten Gershom Scholem (geboren als Gerhard Scholem), der 1923 aus Deutschland nach Palästina übersiedelte, um dort als Jude leben und lehren zu können, bietet interessante Einblicke in eine besondere Form des „deutsch“-jüdischen Dialogs, der von Frankfurt und Jerusalem her geführt wurde. Adornos Philosophie läßt sich nur bedingt auf das Judentum zurückführen – anders als die Philosophie Walter Benjamins. Motive jüdischen Denkens wird man bei Adorno nur über Umwege eruieren können. Allenfalls über den Begriff des Messianischen, wie er ihn etwa am Ende seiner „Minima Moralia“ verwendet und wie er in einigen Motiven in den „Meditationen zur Metaphysik“ anklingt. Diese unterschiedlichen Perspektiven, die dennoch nahe beieinander liegen, insbesondere über den Begriff der Negativen Dialektik und des Nichtidentischen bei Adorno und den Erforschungen jüdischer Mystik sowie der Kabbala bei Scholem, geben ein Bild zweier kritischer Intellektueller. Untergründige Folie ihres Schreibens bleibt das faschistische Deutschland sowie eine restaurative BRD. Ebenso aber die Fragen der Philosophie. Scholem wie auch Adorno tauschen sich über ihre philosophischen bzw.. judaistischen Projekte aus; zudem liefert dieser Briefwechsel Zeugnis von den Bemühungen, eine erste Ausgabe der Schriften Walter Benjamins in der BRD erscheinen zu lassen. Ohne die Anstrengungen Adornos und Horkheimers sowie die Arbeit von Scholem wäre die Philosophie Walter Benjamins in der BRD in Vergessenheit geraten oder zumindest doch wesentlich später erst „entdeckt“ worden. Soviel als knapper Abstecher zum deutsch-jüdischen „Dialog“.

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Die wunderbaren deformierten Jahre ungehemmten Denkens. Über Philipp Felschs „Der lange Sommer der Theorie“ (2)

Felsch erzählt diesen langen Sommer der Theorien in einer durchaus anregenden Weise – ich schrieb dies bereits im ersten Teil meiner Besprechung, wenngleich der Wein denn doch mit einigem Wasser zu verdünnen ist. Anregend insofern, weil Felsch einen unterhaltsamen Ton pflegt: das Buch ist für viele mit Gewinn lesbar, auch für die, die nicht unbedingt in diesen Theoriebauten heimisch sich fühlen und darin sich bewegen wie die freundlichen Fische im klaren kalten Wasser. Zudem erliegt das Buch nicht der ach so postmodern witzig-ironischen Versuchung, im abgeklärten Ton der Spätgeborenen (zu denen in gewissem Sinne auch der Rezensent gehört: Jahrgang 64 immerhin) über das linke Theoriepotential insbesondere der Kritischen Theorie im seicht-affirmativen Bolz-, Kittler- oder Sloterdijk-Imitation-Ton  sich zu erheben und in eben jener doch eher bedeutungslosen und zu oft gehörten Rillung zu spuren und zu schwadronieren. Zumindest in großen Teilen. Felsch spart (weitgehend) mit Polemik sowohl gegen den hermetischen Text der frühen Frankfurter als auch gegen das Delirieren und den neuen Ton der wilden und so ganz anders als dialektisch denkenden Franzosen. Sofern er Polemik einsetzt, geschieht das – von kleinen Ausnahmen abgesehen – meist dosiert. Dieser Spagat, verschiedene Theoriesysteme dazustellen, gelingt Felsch.

Felschs Buch kann man auf zwei Arten lesen. Entweder es läßt sich der Leser vom ungeheuren Sog, den Theorien sowie ihre Kontexte ausüben können, in den Bann ziehen, weil diese Theorien zum Bestand der eigenen Lebenswelt und der intellektuellen Biographie werden. Man gleicht dann die von Felsch geschilderten Lese- und Lektüreszenen mit seiner eigenen intellektuellen Biographie ab, entdeckt gemeinsames oder Differenzen. Oder aber man ärgert sich gigantisch über den zusammengeklaubten Inhalt des Buches sowie über die Art, wie Felsch vorgeht, weil er Theorie vielfach als Accessoire der Mode oder im Sinne lebensweltlicher Bezüge behandelt und auf die Biographie herunterschraubt. Daß, wie Felsch schreibt, Theorie – mal grob gesprochen – einen gewissen Sexappeal verleiht und akademisches Kapital erzeugt, mag nicht von der Hand zu weisen sein. Wissen tritt häufig triumphierend und als Machtspiel auf – insbesondere in den Seminaren. Aber wenn man seinen Blick auf die verschiedenen Produktionen intellektuellen „Mehrwerts“ beschränkt – seien das nun die heißesten Blond-Schnitten des Adorno-Seminars oder aber eine gewisse dialektische Geschmeidigkeit und qua Ästhetik vermittelter Geist und Rhetorik –, verliert man mit diesem willkommenen Beiwerk allzuleicht den Sachgehalt aus den Augen, der einer Theorie zugrunde liegt. Hegel, Marx, Benjamin, Adorno, Foucault oder Deleuze schrieben sicherlich nicht aus diesen Gründen ihre Texte, sondern es drängte sie eine bestimmte Frage, die den Rahmen ihrer Theorie wirkte.

Andererseits hat es im Kontext unserer Biographien Gründe, die nicht in den Theorien selber liegen, weshalb wir zu einem bestimmten Denken gelangten: warum griffen wir genau zu diesem einen Zeitpunkt zu einem uns bisher unbekannten Buch, schlugen es auf, lasen es, durchdrangen das Buch, kämpften mit ihm , lasen in Intensität und erschlossen einen Text, der uns derart affizierte, daß für dahin alles ganz anders aus der alten und hinein in eine neue Bahn drängte? Diese Fragen knüpfen sich auch an dieses Buch und verweisen damit auf den Leser als aktiven Part dieser intellektuellen Biographie. Wieso war es genau dieses eine Buch, das eine Art von Umkehr im Denken und auch in den Handlungen auslöste und in unserem Denken etwas in Gang setzt – womöglich ein Leben verändert und ihm eine andere Richtung verleiht? Jeder, der liest und sich mit Texten beschäftigt, wird solche Erlebnisse nennen können. Diese Lese-Urszenen gehören zur intellektuellen Biographie. Hegel, Adorno – so geht meine Reihung. Weshalb war es bei mir mit 16 oder 17 Jahren ausgerechnet Hegels „Phänomenologie“ und nicht Kant, Fichte oder Schelling? [Vorwitzig könnte ich nun schreiben, weil der Geist Hegels bis heute das Klügste und im Mannigfaltigen der Theorie unübertroffen ist.]

So bedeutsam sie sein mögen, doch oft sind diese Urszenen in der Reflexion schwierig einzuholen: weshalb in einer bestimmten Lebenssituation etwas zu einer Konstellation zusammenschoß, das uns für dahin und bis ans Ende unserer Tage im Denken bestimmen wird. Dem Kairos oder der Beliebigkeit des Zufalls geschuldet? (Die Kunst des Lesens ist nicht gering zu schätzen. Und wir sollten, wenn in Roland Barthesʼ gleichnamigem Text vom Tod des Autors gesprochen wird, nicht vergessen, daß er damit zugleich die Geburt des Lesers verkündete. Ich wies in meinem Text zur Literaturkritik darauf hin. Ich halte diese Geburt für mehr als problematisch. Insbesondere die Sphäre der literarischen Blogger:innen zeigt uns, was wir am Ende von solchen Leserinnen und Lesern zu erwarten haben. Anderes Thema aber. Geeignet für die Rubrik „100 Zeilen Haß“.)

Was auch immer uns in den Lektüren motivierte – für solche Grundlagenforschung ist die Psychoanalyse zuständig. Theorien und deren Rezeption hängen sicherlich zu einem Teil auch mit unserem eigenen „Bildungsroman“ zusammen, wie Feltsch schreibt. Theorien sind nicht nur Theorien, sondern ihre Texte klingen und stehen in einem bestimmten Ton, ihnen liegt eine Schreibweise zugrunde, die affiziert. Theorien sind sicherlich nicht nur sexy, wie Felschs Buch es stellenweise nahezulegen scheint. Aber sie berühren uns doch, greifen uns an, greifen in unser Leben ein. Bei Peter Gente waren es 1957 Adornos „Minima Moralia“, die schweren Eindruck hinterließen und sein Leben umkrempelten. Zu Recht. In jener Zeit nach dem verlorenen Krieg samt dem Massenmord an Juden, wo es als konservativem Abwehrreflex und in biederer Gemütlichkeit einer allzuleicht von der Hand gehenden Besinnung im „Jargon der Eigentlichkeit“ vor Entschlossenheiten, Befindlichkeiten und Geworfenheiten geschichtlicher Situationen nur so wimmelte, war eine Bewegung und ein Denken dringend vonnöten, das sich dem, was war, stellte und nicht in der Heideggerei die Geschichte zu verdrängen trachtete oder Ontisches ontologisch zudeckt. Sondern vielmehr: Wer waren diese Täter? Diese Frage war zu stellen. Das Klima, in dem Gente aufwuchs, gleichsam die Bundesrepublikanische Geworfenheit von Verdrängung, die Ideologie des Aufbaus, insbesondere das Akademische der Universitäten mit seinem Begriffsgeraune erhabener Worte und leerer Phrasen luden einen denkenden jungen Menschen geradezu zum Gegenangehen ein. Gente rannte mit Adornos „Minima Moralia“ in der Jackentasche herum. Der klare und zugleich aporetische, dann wieder zarte Ton der darin enthaltenden Texte, das Musikalische dieser Philosophie in Prosa und insgesamt das ästhetische und kritische Moment dieser Skizzen aus dem beschädigten Leben, bewegte in Gente etwas. In dieser Weise näherte er sich Adornos Denken, vertiefte sich in all jene Texte, derer er habhaft werden konnte. Nicht anders als der Betreiber dieses Blogs Felsch gelingt eine interessante Beschreibung dieses Milieus der Aufklärung, das sich gegen Obskurantismus und Bundesrepublikanischen Mief wandte und insbesondere dagegen, daß sich eine Kultur wieder aufrichtete, die ihrer Inhalte und ihrer formenden Aspekte längst beraubt war. Diesen Bildungsgang Gentes mit all den Tücken, Schwierigkeiten, Entdeckungen und Eroberungen textuellen Terrains schildert Felschs Buch.

Wer – in Anlehnung an Rüdiger Safranskis feinen Titel – über jene „wilden Jahre der Philosophie“  und den Geist dieser Zeit einen schweifenden Blick werfen möchte, der ist in „ Der langen Sommer der Theorie“ bestens aufgehoben. Es ist ein anregendes Sachbuch, das insbesondere für interessierte Laien, die diese Theorien bisher nur vom Hörensagen kannten, gut lesbar ist. In launiger Sprache geht es durch die Zeiten. Allerdings ist dieser lange Sommer der Theorie keiner der Kommunikationstheorie, der Fundamentalontologie, der Hermeneutik und dem, was man gerne jenen Paradigmenwechsel nennt: während die alten Gräben zwischen kontinentaler Metaphysik sowie Materialismus und angloamerikanischer Philosophie zu bröckeln begannen und Analytische (Sprach)Theorie und Logik sowie Hermeneutik, Kantische Transzendentalphilosophie und später sogar – über die Holismuskonzepte – Hegelsche Dialektik miteinander in Berührung kamen und während sich an den deutschen Universitäten Theoriekonzepte gegenseitig durchdrangen. Diese Selektivität begründet sich in der individuellen Perspektive, und insofern kommt das Buch nicht in die Versuchung, eine Großgeschichte von 30 Jahren an Theorie zu schreiben.

Schön zu lesen bei Felsch sind naturgemäß jene Szenen, wo die Theorie in einer bisher ungeahnten Weise praktisch wird und sich Theorie und Bar durchdringen: als die Zeiten begannen, sich umzupolen und die Verbindungen und die Anschlüsse sich änderten. Aber es zeigt sich in dieser postmodernen Feierlaune des Amüsierbetriebs bereits auf der Bühne der Freigeisterei das Wesen des Betriebs und kontaminiert das Private. Wer nach der Lektüre von Adornos „Minima Moralia“ immer noch und unverdrossen auf die Orte der Unschuld lauerte, scheint unverbesserlich oder aber obskurantistischer Renegat. Wie so oft bei den Postmodernen. Plötzlich wird der niedrige Level zu hoher Theorie aufgeplustert oder Banales bedeutungshubernd aufgeladen: Ob Pop oder Comic, Kneipe und Augenblickskunst, die eher dem Capricciohaften und dem Assoziativen des Moments anverwandt sind. Das ist in etwa so als meinte man, Hertha Zehlendorf sei ein Erstligaverein. Aufbrezeln des Bedeutungslosen. Aber das kommt, das geht, das ist morgen dann wieder vergessen. Das einzige was an der Postmoderne bleibt, wird der Studiengang „Kulturwissenschaft“ sein.

Jenes von Felsch genannte Spiel von „Exklusion und Inklusion“ des Berliner Nachtlebens der späten 70er Jahre in den Szene-Clubs weist bereits, so muß man Felsch ergänzen oder korrigieren, auf die Zeit radikaler Umverteilung, die wenig später dann als Regierungsprogramm neoliberaler Ökonomie von dem Schauspieler Ronald Reagan und der Unternehmgattin Thatcher administrativ untermauert und betrieben wurde. Der Club entscheidet über die, welche drinnen sind, indem wie im Berliner „Dschungel“ an die Hausfreunde bunte Plastikmarken als Erkennungszeichen ausgegeben wurden, so das der Einlaß sichergestellt war, während die übrigen durch gutes Aussehen oder andere schwierig zu bestimmende Faktoren Einlaß sich erkämpften oder eben nicht erhielten und draußen harrten. Der Türsteher, als ausführendes Organ und als Büttel, vollzieht die Distinktion, die von einer mehr oder weniger bekannt-unbekannten Instanz propagiert wird: IN oder Out. Haben  oder Nichthaben. Nachtclub, Bar und Kneipe als gesellschaftliches Ensemble in nuce. Diesen seine Schatten vorauswerfenden neoliberalen Aspekt beim Clubbesuch haben die wenigsten überhaupt nur im Ansatz registriert.

Aber für die Beteiligten dieser Distinktionsszenerien, die ja zugleich ein Phänomen des Pop sind, (Popmusik ist immer Absatzbewegung und Differenzerfahrung) sollte es mehr sein, denn auch im Nachtleben kam bekanntlich der Theorienschwung nicht zum Erliegen – dort wurde geplant, genetzwerkt, Kommunikation betrieben, Ideen und Spleens gepflegt, die sich mal groß oder mal gar nicht realisierten und bloßes Phantasma blieben. Zwischen Rauch und Rausch. Die Moderne wurde zur Postmoderne, der Geist wandelte sich ironisch. Die strikte Theorielastigkeit der 68er-Textarbeitsgruppen, wie Felsch sie darstellt, bricht sich zugunsten eines Spiels von Theorie und Spaß auf, im Grunde genau die Aufhebung der Arbeitsteilung, die wir in der New Economy der Software-Buden, der Werbe- und Agenturwelten heute finden, wenn der Arbeitsplatz wie eine Ferienfreizeit für große Kinder ausschaut: eine gespenstische Szenerie, von der Adorno bereits in den 40ern in den „Minima Moralia“ sprach: Die Freizeitvergnügen nähern sich der Arbeit an, während die Arbeit sich in die Freizeit hinein verlagert.

Im Bezirk der Theorien freilich lag in den studentischen Milieus noch die Unschuld: Nach dem Seminar oder nach der Hegel-Arbeitsgruppe gab es die Bar, den Park mit Picknick und Weinvorräten, wo umstandslos und oft auch vertiefend an die Gespräche angeknüpft wurde, die bereits in den Seminaren heftig geführt wurden. Felschs Buch vergegenwärtigt dieses Lektüre-Milieu, in dem Habitus und Theorie zu einer Lebensform verschmolzen. Diese Welt versank jedoch für die meisten mit dem Ende des Studiums.

Abschließend noch dies: die „Bleiwüste der Gesellschaftskritik“ der 60er Jahre, die Felsch in Typographie und Design jener Texte zu recht bemängelt – wir erinnern uns an diese in der Tat grauenhafte Flugblattästhetik: weshalb können kluge Texte typographisch nicht gut und vor allem ansprechend dargeboten werden? – fällt leider ebenfalls auf das Literaturverzeichnis des Buches zurück, das ausgesprochen unübersichtlich und damit leseunfreundlich gestaltet wurde. Erst die Vornamen zu bringen und dann in alphabetischer Reihenfolge die Nachnamen erleichtert das Suchen nicht. Das „Ders“ bei Namenswiederholungen ist schlecht gewählt, weil es in der Bleiwüste der Literaturangaben untergeht. Besser gesetzt wäre hier ein Gedanken- oder Spiegelstrich gewesen. Die unerfreuliche Gestaltung ist insofern schade, weil das Literaturverzeichnis ausgesprochen instruktiv ist und zum Stöbern und Weiterlesen der von Felsch angeführten Aspekte einlädt.

Felschs Buch liefert den Blick auf eine Epoche, als Bildung in den Geisteswissenschaften noch nicht auf Bachelor-Niveau und auf Kulturwissenschaften heruntergewirtschaftet wurde. Als wir – auch im Sinne eine Humboldtschen Bildungsideals – mit einem  Blick aufs Ganze wie auf die Nebenwege studierten, als wir aus Neigung diese oder jene Biege nahmen, manchmal uns verzettelten. Aber wie es beim Blättern in einem Lexikon so ist: man sucht einen bestimmten Begriff, gerät aber mit einem Male ins Stöbern, schlägt diesen und jenen  Artikel auf, schweift ab, liest, vertieft sich darin. Für die zielorientiere Wissensanwendung ist dieses Verfahren gewiß nicht produktiv. Für ein breites und in die tiefe gehendes, für ein fundiertes Wissen jedoch bleibt dieser Gang des Geistes unerläßlich. Felschs Buch vermittelt uns Lesern ein wenig von diesen wunderbaren Jahren. Wenn er jedoch das Buch mit dem Satz beendet „Die Zukunft der Theorie ist ungewiss.“ so handelt es sich allerdings um einen fragwürdigen Allgemeinplatz.

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Eine anhaltend manifeste Latenz im Denkstrom. Über Philipp Felschs „Der lange Sommer der Theorie“ (1)

„Chaque époque rêve la suivante“
(Michelet, Avenir! Avenir!, zitiert nach:
Walter Benjamin: Passagenwerk

 Es gibt Buchtitel, die sind in ihrer Formulierung derart pointiert geraten, daß man sich wünscht, sie selber entdeckt zu haben; oder aber sie prägten sich auf eine solche Weise ins Bewußtsein, daß sie im Gedächtnis unweigerlich haftenbleiben und zum geflügelten Wort sich aufschwingen. Hans Magnus Enzensbergers Buch über den spanischen Bürgerkrieg „Der kurze Sommer der Anarchie“ führt einen solchen Titel, der verheißend klingt – wie ein Versprechen, das sich im Gang der Geschichte freilich nicht einlöste. Wie so oft in den Träumen und Taten der linken Bewegungen. Solche Titel laden dazu ein, sie abzuwandeln. Dies tat der an der Humboldt Universität Berlin lehrende Historiker und Kulturwissenschaftler Philipp Felsch und nannte sein Buch schwungvoll „Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte. 1960-1990“.

9783406668531_coverDer Titel macht neugierig, und er verführt zu Spekulationen, die zunächst freilich, beim ersten Lesen dieses Titels in eine falsche Richtung sich versteigen mögen. Natürlich geht es in diesem Buch auch um die unterschiedlichen Theorien, die in dieser Epoche rezipiert oder neu konzipiert wurden. Aber es dient der entfaltete Stoff nicht bloß dazu, die Theoriegebäude sowie den Wandel im Theoriebau ideengeschichtlich zu exemplifizieren. Sondern vielmehr wird anhand des Merve Verlegers Peter Gente und seiner ersten Gefährtin Merve Lowien, nach der, wie man unschwer erkennt, der Verlag benannt wurde, und später dann Heidi Paris, die 1974 Lowien als Geliebte ablöste, der Geist jener Zeit eingefangen. Eher also schildert Felsch die kulturgeschichtlichen Ausprägungen auf einer individuellen Ebene: wie nämlich Menschen auf Theorien reagieren, wie sie diese Theorien sich aneignen, in ihr Leben betten, wie Denken die Praxis formt. Felsch versucht, dem Geist dieser Zeit von 1960 bis 1990 mit all seinen Brüchen und Widersprüchen in Texten und Kontexten von Lebenswelt näherzukommen, indem er das Spezifische aufgreift und von konkreten Menschen und von Details ausgeht, anhand derer Theorie-Geschichte rekonstruiert und ein bestimmter Klang des Textes, der als kollektiver Strom wirkte und sich zugleich verzweigte, dargestellt werden kann. Dieses Schreibweise erfreut sich momentan in den Reflexionen auf Theoriebildung methodisch einer gewissen Beliebtheit, scheint zeitgeisthaft Konjunktur zu besitzen – man denke an das letztes Jahr mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnete Werk von Helmut Lethen „Der Schatten des Fotografen“.

„Der lange Sommer der Theorie“ erzählt von „Peter Gentes Bildungserlebnissen, von den Irrfahrten des Merve-Kollektivs und von den Entdeckungen des Verlegerehepaars.“ Theorie als Lebensform. Sie formiert sich in den Lektüregruppen der 60er Jahre, nimmt Gestalt an in der Exegese und Intensität der klassischen kanonischen Texte der Philosophie, wenn sich, wie der Berliner Religionsphilosoph Jakob Taubes bemerkte, junge Menschen über die Texte Herbert Marcuses beugten und sie studierten wie einst die „‚Talmud-Jünger den Text der Thora auslegten‘“, so Felsch, Taubes zitierend.

Aber der homo theoreticus blieb nicht bloß im Denken und in der Reflexivität stecken, sondern es verbanden sich diese Lektüreszenen mit verlegerischer, politischer, aber ebenso auch mit bohèmehafter Praxis: Ausgehen in Bars und diskutieren nicht mehr nur im WG-Wohnzimmer, sondern in Clubs und Kneipen hinein verlagerte sich das Theorieseminar. Teils sicherlich bierselig und im Bier- oder Weindunst berauschend, wilde Thesen heraushauend, bei denen es eher auf die rhetorische Eleganz und Brillanz ankam denn auf den Sachgehalt oder in den Diskussionen statt auf den „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ (Habermas) auf die geniale Idee und die wildeste abgefahrenste These. Theorie als eine Art von Pop-Musik, so schildert uns Felsch diese wundersamen Szenarien der Kneipenphilosophie. Am nächsten Morgen jedoch wieder einmal alles im Rausch und im Treiben der Nacht vergessen und alles auf Anfang und neu: Eine neue undogmatische Linke trat Ende der 70er auf den Plan, die sich auch gegenüber Strömungen öffnete, die dem klassisch linken Theoriekanon zunächst gleichgültig oder sogar skeptisch gegenüberstanden. So etwa der hyperkritische Foucault, dem die dialektisch-politischen Widerstands- und Denkformen der 68er-Revolten und auch die Methoden der RAF schlicht in den Macht- und Denksystemen des 17. Jahrhunderts verhaftet blieben, weil dieses aufbegehrende Denken die Subversion und Umtriebigkeit des Machtbegriffes nicht realisierte.

Daß sich Hegel im Schlaglicht und als Schock des Augenblicks mit Nietzsche paarte, und das ergab, in Absatzbewegung zum Diskurs der 68er, dem Gente zunächst entstammte, eine völlig neue Konstellation an Theorie. Gente ging diesen Weg zunächst mit, verharrte jedoch letztendlich nicht im Dogma der K-Gruppen, sondern versuchte, das Unvereinbare nicht zusammen-, aber doch nebeneinander oder gleichzeitig zu denken. Allenfalls die hartgesottenen Adorniten, die nicht kommunikationstheoretisch den Drift paddelten, hatten jenen neuen Denktypus französischer Provenienz halbwegs auf dem Schirm und begriffen flink.

In den Philosophieseminaren der 80er und 90er Jahre, so die Beobachtung des Rezensenten schlug sich diese Verquickung darin nieder, daß die eifrigsten Adorniten sowie die kritischsten Theoretiker zugleich als die innigsten Leser Derridas, Lacans und Foucault sich erwiesen. (Von Nietzsche und dem doch subtil en vogue und unterströmig wirkenden Heidegger ganz zu schweigen.) Hier wuchs ein neues Potential heran, und es entwickelten sich produktive Korrespondenzen, die die alten Frontlinien und die überkommenen Verläufe aufbrachen. Die „größten Kritiker der Elche“ waren früher durchaus selber welche, sind es womöglich immer noch, doch sie wollten gleichzeitig aus der Immanenz sich herausspielen, mit literarisch-romantischer, potenzierender, aber ebenso postmoderner Ironie sich herausdenken – vielleicht auch im Sinne des Rortyschen Ironikers, der ohne Gewißheiten denkt – oder postmodernes Katapultieren, Verwinden, Drehen und die Eindeutigkeiten beseitigen.

Der Ton des Diskurses wandelte sich ästhetisch. Theorie wurde zu einem ästhetischen Ereignis – Felsch beschreibt diesen Wandel in der Theorie im letzten Teil seines Buches – und baute die Versatzstücke als Aporien und Widersprüche. Darin waren wir in den Seminaren und Arbeitsgruppen in einer Art dichotomischem Pointilismus (fast wieder) Kant näher als Hegel. Unentscheidbare Antinomien und unauflösbare Paralogismen – nun freilich innerweltlich gewendet –, da genügt es nicht, diese Antinomien formalistisch und technokratisch einfach als Probleme der Sprache zu handhaben, als ließen sich jene Antinomien durch die Klarheit des Definierens und in der Reflexion auf ihren Gebrauch beseitigen: ein wenig Sprache waschen, bürsten, putzen, schneiden, fönen, legen und lenorsauber und porentief rein-schlackenlos strahlen wieder im Glanz der Systeme die Begriffe widerspruchsfrei. Objektive Aporien lassen sich nicht durch subjektive Veranstaltungen wegoperationalisieren, sondern Begriffe entwickeln und entfalten sich in (dialektischen oder aporetischen) Kontexten und im Rahmen von Text. (Adornos Der Essay als Form bleibt in diesem Sinne maßgeblich, inwiefern Sprache nicht in trivialen Analysen zerfaselt wird, sondern an ihrem Gegenstand, mithin an der Sache selber sich erweist und sich also zur Sprache bringt.) Die objektiven Widersprüche haben sich auch in der Theorie niederzuschlagen, siedeln und wirken dort. Es ist der Finger auf diese Widersprüche zu legen. Sie nicht zu tilgen. Diese unhintergehbare Differenz warfen wir in den Raum und beharrten. Nicht einzelne Begriffe geben das Maß, sondern wie und in welcher Weise sie sich in den Zusammenhängen entfalten. Dies freilich bleibt sowohl ein ästhetisches wie auch ein rhetorisches Phänomen.

Nichtidentisches und différance, Hegelsche Dialektik und die Kritik an dem, was ist, versammelten sich zu einem Denken, das die Vermittlung nicht mehr absolut setzte, sondern sich in die Extreme schoß. Out oft the limit. Das galt auch für Abends bei Tränken an Tresen mit jungen blonden Damen nach dem Seminar: Wenn die Existenz im Fragment pathetisch überschäumte. In Kußmund, Mai oder Enttäuschung. (Worin immer das Täuschen steckt: das Spiel mit den herrlichen Masken, wie hinterm Vorhang.) Für uns waren seinerzeit in den 80er Jahren die Phasen des reinen Politisierens und des Engagements passé. Gesellschaftskritik fand sich genauso in der Kunst selber wieder. Viel besser sogar. Wir praktizierten eine ausufernde Weise Flaubertscher l’art pour l’art. Beugten uns über die Texte und versuchten zu entziffern, wie bereits die Talmudschüler über der Thora und die Marcuse-Leser über dessen Texten. Marxʼ „Kapital“ ließ sich ebenso als Literatur lesen. Was nicht bedeuten muß, die Kritik der politischen Ökonomie zu exstirpieren. Soviel als knapper Ausflug in die Theoriezeiten des Blogbetreibers.

Diesen Klang der Zeit, genauer geschrieben: diese so verschiedenen Töne des Zeitgeistes, die durch die Jahrzehnte mäanderten und sich variierten, teilten, vervielfältigten, greift das Buch von Felsch auf. Text und Theorie werden von ihm als Phänomen des Zeitgeistes gedeutet. Ob Hegel, Marx, Adorno, Marcuse, Benjamin oder Lyotard, Baudrillard, Foucault und Deleuze – um die für Peter Gente zentralen Namen zu nennen. Oft „wog die Suggestivkraft gewisser Texte sogar schwerer als ihr systematischer Zusammenhang. Ausgehend von dieser Einstiegsintuition, die auch eine methodische Entscheidung bedeutet, soll den Darstellungen der Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts im Folgenden keine weitere hinzugefügt werden.“ Das Buch steht insofern unter der subjektiven Optik, trifft eine Auswahl und Vorentscheidung – gewissermaßen ein rezeptionsästhetischer Dezisionismus; von Leseeindrücken und der Intensität von Lektüren geprägt, wofür sehr gut Roland Barthes Buchtitel „Die Lust am Text“ stehen kann, denn Gente war ein Vielleser. Er gehörte zu jenen, die, wie auch der in diesem Buch häufig genannte Jakob Taubes, viel Textmasse in sich aufsogen, aber wenig wieder abgaben und schrieben. Gente taugte nicht gut dazu, selber Texte zu verfassen, eher war er ein Medium, das aufnahm und Ideen samt dem Geist einer Zeit witterte; einer, der es verstand, Verbindungen  zu knüpfen und – zu einer bestimmten Zeit zumindest – für ein Verlagsprogramm fruchtbar zu machen. Neben dem großen Suhrkamp bot Merve eine Nische für Texte auf Abwegen, von der am Ende beide Verlage profitierten. Heute hat sich dieses Moment des Subversiven verzweigt. Es existieren viele solcher Verlage wie Merve: ob nun Turia + Kant, diaphanes, Fink, transcript, Aisthesis und viele andere. Doch Merve war der erste, der in dieser Art eine neue Weise von Theorie in Büchern brachte.

Subjektivismus ist das Stichwort dieses Buches, doch diese von Felsch erzählte Geschichte von Theorie bildet nur einen Teil der intellektuellen Biographie der BRD bzw. jener Jahre in Westberlin ab. Genauso ließen sich diese Theorie- und Lebensszenarien von ganz anderen Positionen oder Personen her vortragen: von der Hermeneutik, vom Geist der Heidelberger oder Tübinger universitären Szenen und ganz zu schweigen von der langsam in die akademischen Diskurse einziehenden analytischen Sprachwissenschaft aus dem angloamerikanischen Raum. Das alles, als Kompaktpaket, will Felsch nicht. Und es würde zudem mißlingen, handelte einer diese Vielfalt auf rund 300 Seiten ab. Insofern ist es sinnvoll, den Geist jener Zeit auf die zentralen Theorieszenarien zu fokussieren, am Detail das Exemplarische zu entwickeln. An Foucault anknüpfend versteht Felsch sein Buch als „Ideenreportage“, indem „‚die Analyse des Gedachten stets mit der Analyse des Geschehens‘ zu verknüpfen“ ist. Theorien spiegeln sich in der Praxis und wirken auf sie, was bis in die Lebensweisen hineingreift, während wiederum die Praxis neue Formen von Theorien und Herangehensweisen im Denken erfordert.

Bruch und Übergang zeigen sich in Felschs Buch insbesondere, wenn Gentes und Parisʼ Verlagsprojekt sich langsam aber sicher von den Ideen und Idealen der studentischen Bewegung der 60er Jahre – sei es das Kollektiv oder die Aufhebung der Arbeitsteilung: daß jeder für jedes zuständig ist – sowie im Rahmen der Theorie vom dialektischen Denken Hegels verabschiedet und sich mehr und mehr zu einem aus Frankreich einströmenden Denken der Intensitäten und der rhizomhaften Vernetzungen ohne Fundament und ohne Zentrum hin gewichtet. Das Buch ist angefüllt mit Anekdoten, Geschichten und Episoden, ohne daß es allzu schwadronierend, bescheidwisserisch und für den inneren Zirkel verschwörerisch-augenzwinkernd aufträte. Im zweiten Teil mehr zu den Details. Wer gerne vor Abschluß des Essays eine abschließende Leseempfehlung mag: Es lohnt sich der Kauf, vor allem aufgrund des umfangreichen Literaturteils, der zum Stöbern einlädt, um die verschiedenen im Buch entfalteten Aspekte weiterzulesen und zu vertiefen: sei das nun die Zeit des Politischen, die Kunstdiskurse, die Welt des 70er-Jahre-Punk, Foucault in Berlin oder aber bestimmte inhaltliche Aspekte der von Felsch angespielten Theorien. Das ist profund und anregend gemacht. Auch Leser:innen, die die Bücher des Merve Verlags nicht kennen, können das Buch mit Erkenntnisgewinn und Freude lesen. Felsch versteht es zu erzählen. Wenngleich es im zweiten Teil ebenso Kritik geben wird.

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Urbane Räume (6)

„Lumpensammler traten in größerer Zahl in den Städten auf, seitdem durch die neuen industriellen Verfahren der Abfall einen gewissen Wert bekommen hatte. Sie arbeiteten für Zwischenmeister und stellten eine Art Heimindustrie dar, die auf der Straße lag. Der Lumpensammler faszinierte seine Epoche. Die Blicke der ersten Erforscher des Pauperismus hingen an ihm wie gebannt mit der stummen Frage, wo die Grenze des menschlichen Elends erreicht sei.“
(Walter Benjamin, Das Paris des Second Empire bei Baudelaire)

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OLYMPUS DIGITAL CAMERA [Für diese Photographien ist nicht der Photograph verantwortlich.]

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Die Tonspur zum Gallery Weekend

Und nicht nur dazu, sondern ebenso als Tonspur-Videoscherz auf Poststrukturalismus, Heideggerei und Szene-Sein: Das Da des Seins und „das fragmentierte Subjekt stellt sich physisch dar“. Tolle Band, witziger und treffender Text.

Heute beginnt, neben der revolutionären 1.-Mai-Demonstration um 18 Uhr nahe des grauslichen Görlitzer Parks und dem Tocotronic-Konzert im SO 36, wo man den Blogbetreiber wird antreffen können, (schweren Herzens wird er nach Kreuzberg fahren) in Berlin ebenso das Gallery Weekend. Zu empfehlen heute auch eine Vernissage in der Galerie Tanja Wagner mit Werken von Angelika J. Trojnarski.

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Berliner Buchhandlungen – Teil 1. Mit einem zufälligen oder aber gewollten Abschweifer zum Weinfachgeschäft

Da dieser Blog seit einiger Zeit steigende Besucherzahlen aufweist, möchte ich dieses Vertrauen an meine Leserinnen zurückgeben, die Gunst vergelten nicht nur mit wohlfeilen guten Worten, Wissen, Weisheit, kritischer Ästhetik und W-Alliterationen, sondern ebenfalls mit einem Schuß Service und Nähe zur Praxis aisthetisch und helfend aufwarten. Zumindest für die Menschen, die in Berlin leben. Naturgemäß. Keine Zeitschrift, keine Illustrierte, die nicht etwas für ihre Kund(inn)en tut, um Bindungen zu festigen. Dies soll auch auf „Aisthesis“ geschehen: Der Bewohner des Grandhotels Abgrund testet und begibt sich in die Buchhandlungen Berlins; durchstreift im Dickicht der Städte den Dschungel der Lesewelten und zeigt die unterschiedlichen Konzepte, wie Bücher verkauft und präsentiert werden. Aufzuschreiben, was an jener Buchhandlung gefällt und an dieser mißfällt. In gewohnt elitärem und sich mit niemandem gemeinmachendem Gestus unerhörter Arroganz und Menschenfeindschaft. Ekel und Idiosynkrasie, aber ebenso die Leidenschaft und der staunende Blick des Skeptikers bilden weiterhin die Kraft der Philosophie wie auch der phänomenologischen Betrachtung von Welt. Neben der Analyse und ästhetischer Kreativität. Versteht sich.

Prenzlauer Berg. Am Hang, am Weinbergpark: quatsch, das ist ja noch Mitte –  Veteranenstraße, Invalidenstraße, Ecke Brunnenstraße. Schiefe Lage oder Schieferlage? Ich weiß das gar nicht mehr so genau. Eigentlich wollte ich zur Buchhandlung „Ocelot“, um dort zu stöbern, aber etwas anderes bannte mich, zog mich geradeaus, im Gang über die Kreuzung. Blicke aus Augenwinkeln in die Auslage gestreut, gleiten hinein und da war was. Ich stand vor der Weinhandlung „Baumgard & Braun“ in der Invalidenstraße, kurz vor der Kreuzung zur Ackerstraße, über die ich an dieser Stelle berichtete (freilich über den Westteil, hier und an dieser Stelle des Textes befinden wir uns im ehemaligen Osten der Stadt) und dachte, wenn Du da jetzt hineingehst, dann wirst Du mit Hilfe von Wörtern und Begriffen, Dir dort einen Wein kaufen, und es gibt kein Zurück. Gepflegtes Trinken mit Hang zum Ausschweifen ist eine der feinsten Lebensweisen, dachte ich mir weiter. Wir wollen lieber in Reichtum und Schönheit zugrunde gehen, trunken, taumelnd, textwärts, versnobt Gutes erstehen und derart in Gedanken ward die Tür aufgestoßen: ich betrat das Geschäft, worin ein Kaufmann stand, der eher in eine rheinländische Bierbude passen würde denn in eine Weinhandlung. Nein, nicht ganz, etwas weiter östlich gelagert, in eine meiner Lieblingsregionen der BRD: Dieser Mann erinnerte mich an das Ruhrgebiet und in gewisser Weise vom Aussehen an Armin Rohde. Im Hintergrund lief im Fernseher Fußball, die Bundesliga. Paderborn hörte ich eine Stimme reden. Ich denke mir: „Also Schieferlage und mineralisch soll es sein“, und ich denke an die Sätze vom Nörgler, daß die besten Riesling-Weine nun einmal aus der Pfalz kämen. Meine Gedanken teilte ich dem Weinhändler, der wie ein Bierverkäufer aussah, mit. Die Beratung erschien mir knapp, aber kompetent. So wie ich es schätze, wenn mir mein Gegenüber egal ist. Es gab kein sinnloses Gequatsche und Geplänkel, sondern einfache Gesten: der da und der da, so deutet er, kämen in Frage. Also nahm ich diese beiden vom Verkäufer vorgeschlagenen Flaschen. Den einen aus der Pfalz, den anderen von woanders, von der Mosel. Auf der Homepage, wo ich später, wieder Heim gekommen, nachschaute, um Informationen zum Geschäft zu finden, las ich bei den Angaben, wann die Weinhandlung geöffnet hat: „Sprechzeiten“. Das amüsierte mich. Als ob der Kauf von Alkohol in einer Arztpraxis erfolgte. Doch stimmt dies sogar: Weine sind Therapie. Können es sein, sofern sie vielschichtig und schmackhaft ausfallen. Deshalb war es ein guter Einfall vom vorgezeichneten Weg um ein geringes Stückchen abzuweichen.

Flugs brachte ich die Flaschen in den Kofferraum des Wagens. Schaute, ob irgendwo eine Politesse schlenderte. Niemand da: Der Risikofaktor ist gering, denke ich mir, in der Veteranenstraße gibt es heute keine Kontrolle. Mit Parktickets ist es wie mit Pferdewetten: Man muß wagen und intuitiv aufs richtige Pferdchen setzen. Es gibt in den Städten zwei Dinge, die ich verabscheue: Dreißigerzonen auf vierspurigen Hauptstraßen und Parkzonen. Die Flaschen verstaut, begann ich mit dem Spazieren. Diesmal ohne vom Weg abzukommen. Von der  Veteranenstraße bog ich in die Brunnenstraße, die rechts in den schrecklichen Wedding geht und links nach Mitte hinein führt: zum Rosenthaler Platz, auf die Torstraße und dann zum Alexanderplatz. Diese Richtung wählte ich. (Ich liebe diese Achsen  und Verknüpfungen von Straßen, schon als Kind tat ich das: wie man von der einen Straße, wo man wohnt, wenn man häufig genug abbiegt und lange genug fährt über eine Anzahl von Straßennamen plötzlich weit ab vom Ausgangspunkt landet. Das geht in ungezählten Möglichkeiten, wenn ich wollte, könnte ich in Gedanken auf Karte und oder real auf Gebiet bis nach Wladiwostock reisen.) Gleich zu Anfang auf der rechten Seite der Brunnenstraße gegenüber dem Volkspark am Weinberg befindet sich die Buchhandlung „Ocelot“. Sie war insolvent, nun hat sie einen neuen Betreiber. Ich trete ein. Schönes Interieur. Modern, frisch, trotz der dunklen Möbel und Regale. Das Interieur wirkt geräumig und weitläufig konzipiert, keine Enge herrscht, keine Menschen drängeln sich. Ansprechend in der Aufmachung.

RS368_115_Berlin_Ocelot_039Allerdings sind die Regale, wie ich beim Betrachten der Reihen bemerke, nur mit wenigen Büchern bestückt. Zu wenig Literatur bei derart viel Platz. Es wird dies vermutlich Programm der Buchhandlung sein – auch um sich von der kleinen, engen, dunklen Schmöckerhöhlen abzugrenzen. Gut zwar, daß es viel Platz gibt, alles ansprechend und gediegen modern ausschaut, aber es sind eben doch zu wenige Bücher, um intensiv zu stöbern, wahnhaft besetzend hineinzusinken in Texte wie Totem und Tabu: Buchfetische, sich in den Reihen, den Titeln und den Namen zu verlieren, an die sich all die Assoziationen knüpfen. „Ach, der Hettche, ‚Nox‘ damals, diese Existenzen, die Zeiten. Berlin Berlin, diese eine Nacht. Mordsmäßig“ „Ja, is gut jetzt!“ Es existiert ein großer Bereich mit Belletristik, ein paar Regale, die Lyrik enthalten. „April is the cruellest month, breeding//Lilacs out of the dead land, mixing//Memory and desire, stirring//Dull roots with spring rain.“ Nun haben wir April, aber weshalb sind diese Tage der Geburt grausam? Natur bricht aus, das macht das Grau der Stadt gefällig. Brüchigkeiten und Mischverhältnisse. Ja, die Lyrik. Sie fristet dürftiges Dasein. Das ist bedauerlich, doch sind leider im Geist der Gegenwart die meisten Gedichte übel zusammengeklaubt. Von Maggi gibt es die Fünf-Minuten-Terrine, das leckere Fertiggericht (rhetorische Figur der contradictio in adiecto), in der Lyrik schreiben wir das Zwei-Minuten-Gedicht: immer auf ungeheuer bedeutsam getrimmt, den verstohlenen Moment gebannt und gezaubert. Die Buchauswahl bei „Ocelot“ ist gut konzipiert, die Neuerscheinungen liegen parat. Auch Abseitiges finde ich. Für jeden etwas, allerdings mit Blick auf den typischen Prenzlauer Berg- und Mittekunden. Modern, ansprechend. Schade daß ich keine dieser schön gestalteten Lyrik-Bände aus dem KOOKbooks Verlag sah. (Aber vielleicht habe ich sie nur übersehen, ich will mich auf diese Behauptung nicht versteifen.)

Bei den Kinderbüchern liegen ausgesprochen schöne, kunstvolle und mit Gespür gestaltete Exemplare. Kinderbücher, wie ich sie mag. Ich werde meinen Kindern welche kaufen, denke ich mir. Paula und ihrem Zwillingsbruder. Bis mir einfiel, daß ich gar keine Kinder habe. Ob man die auch mittels Sprachspielen erzeugen kann? Das wäre weniger mühselig. Ich überlege, ob ich hätte Kinder haben wollen. Nein. Ich wäre kein guter Vater. Ein Vater sollte für seine Kinder da sein. Ich bin ein Verfechter der typischen Kleinfamilie. Vater, Mutter, Kind und vielleicht noch eins und noch eins. Drei oder zwei Kinder sind immer gut.

RS369_115_Berlin_Ocelot_055Weiter in den Gang hinein finden wir eine Krimiabteilung und auch eine Regalwand mit fremdsprachlicher Literatur. Von allem etwas. Kunstbuch und Photographie sind leider spärlich, mehr als spärlich mit Büchern ausgestattet. Der Theoriebereich ist restlos unterbelichtet, und es gibt deutlich zu wenige Berlin-Bücher. Gerade in dieser Ecke, wo es von spanisch, russisch, chinesisch, englisch, französisch sprechenden Menschen nur so wimmelt. Das hätte ich anders konzipiert. Ich hätte mir eine fette, abgefahrene Theoriewand gebaut, fein für den post-postmodernen Mitte-Hipster, den es vom „St. Oberholz“ vom Apple-Computer weg tatsächlich zum gedruckten Buch verschlägt. Foucault für Anfänger und für Laien vielleicht. Überwachen und Strafen für Chefs. Wahnsinn und Gesellschaft inmitten einer Partynacht. Lacan für Nerd. Und für den prenzelberger Sozialdarwinisten mit irgendwas in Medien und katholischem Einschlag: Carl Schmitt. Der Nomos der Erde – das sind Krieg, Raum und (Arbeits-)Lager. Leider ein wenig autoritätsdisponibel und dem Hörigkeitscharakter zuneigend. Texttheoretisch ist der opportunistische Gott-sei-bei-uns-Faschist aus Plettenberg dennoch nicht uninteressant.

So schwelgend, greife ich ins Regal, zunächst noch unentschlossen, schiebe die gezogenen Bücher wieder hinein, ziehe neue. Schließlich erstehe ich zwei Bücher, einmal „Butchers Crossing“ von John Williams und den Titel des anderen Buches habe ich wieder vergessen – es liegt in einem meiner Bücherstapel, die einzusortieren wären. Wer Kaffee trinken, einen Kuchen essen und Zeitungen lesen möchte, findet im vorderen Bereich der Buchhandlung Stühle und Tische, dahinter, die Theke, wo man sich seine Kaffee/Kuchen-Bestellung holen kann. Die Verkäufer_innen sind freundlich und hilfsbereit. Das ist alles nicht schlecht gedacht, insbesondere der großzügig konzipierte Platz, sehr modern im Ambiente, doch meine Lieblingsbuchhandlung wird es nicht werden. Zum unendlichen Stöbern ist mir die Auswahl zu gering und es fehlt der spezifische Charme. Was aber schwerer wiegt: es fehlt eine klare Linie im Aufbau und in der Konzeption, die eben für jenen spezifischen Charme sorgen würde. Ich hätte mich als Buchhändler in dieser Lage auf Berlin-Buch und auf Lyrik spezialisiert. Gerade für dieses Klientel, das es auf die Schnelle will und nicht den langen Atem für den großen Roman, die dicke Theorie oder ausschweifendes Sachbuch mitbringt, sondern die knappe Sentenz schätzt, ist Lyrik die bevorzugte Option. Insofern sage ich, vom Zeitgeist her gemutmaßt, diesem Genre Zukunft im Verkaufsgeschäft voraus. Geringe Textmengen, sofern es sich nicht um iliasgleiche Epen handelt, kurze Sätze, hohe Mitredekompetenz, und niemand erwartet mehr das Wissen um Gedichtformen wie Sonett oder Stanze, geschweige denn Wissen um Versmaß. Doch Töne erspüren vermögen qua Pop die meisten. Also: Lyrik ist der neue Roman.

Ich schlendere mit meinen Erstehungen die Brunnenstraße entlang, entsichere meinen Photoapparat und beginne damit, mich in den photographischen Blick zu versetzen. Die Bilder dieser Tour gibt es auf „Proteus Image“ zu sehen. Nach zwei Stunden geht es wieder in Richtung meines Wagens.

Ich halte den Prenzlauer Berg und diese Ecke von Mitte für gar nicht so schlimm, wie das bei vielen der Fall ist. Ich bin eigentlich sogar froh, daß dort viele Touristen sich aufhalten. Ich hoffe, das geschieht in den abgelegenen Gebieten Neuköllns irgendwann genauso: dann gibt es schöne Ladengeschäfte mit feinen Auslagen, die wir gerne zum Einkaufen betreten. Gut wäre es freilich, wenn auch die mit weniger Geld, soviel Geld hätten, um an den schönen Dingen teilzuhaben. Dazu allerdings müßten die mit dem weniger an Geld irgend etwas unternehmen. Da sie das nicht tun, müssen sie mit dem vorlieb nehmen, was übrigbleibt. Das ist schade, aber es ist so, denke ich mir traurig, während ich den Zündschlüssel herumdrehe und bemerke, daß hinter dem Scheibenwischer kein Parkticket klemmt.

Die Photographien sind der Internetseite bluespot entnommen.
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