Schreibtage wie diese, wenngleich keine Hundstage

OLYMPUS DIGITAL CAMERAGenau meine Temperatur, genau mein Klima. Heute am 28.7.2015 im schönen Berlin, Datumsgrenzen, weit im Westen der Stadt. So kann es bleiben: Ich, der Mann, der aus der Kälte kommt. Kälte ist mir eine Herzensangelegenheit. In der Hitze des Sommers mag ich nicht vor die Tür treten. Die ersten Tage des Julis mit seiner drückenden Hitze, als ich nach Wien reiste und mich tagelang nur in der klimatisierten Albertina und dem Kunsthistorischen Museum aufhielt, weil ich es woanders nicht ausgehalten hätte, waren mir ein Graus. Einzig hier, in meinem kühlen, geräumigen Altbau läßt es sich wohltemperiert verweilen – noch bei größerer Hitze. Nachts, wenn der Flaneur seine Streifzüge unternimmt, werden die Fenster geöffnet. Dann dringt die Kühle der Nacht, der Bäume und der nahen Wälder in die Wohnung. Zirkulation ist das Prinzip.

Eigentlich wollte ich mich heute an eine Rezension setzen. Entweder Goetzens „Johann Holtrup“ in der Luft zerreißen, denn so etwas Banales und simpel Gestricktes im Modus eins-zu-eins habe ich lange nicht gelesen – Kapitalismuserklärbärmodus für Kinder mit Wutanfall. Nach vier Seiten legte ich das Buch beiseite. Und ich befürchte, es wird im Gesamt und Lauf der Schtory nicht viel besser werden. Aber ich kann mich irren. Bei Lutz Seilers „Kruso“ fand ich es auf den ersten 20 Seiten bemüht, der Text kam nicht in Gang und klemmte, irgend etwas hakte und ging nicht auf. Aber dann, von Seite zu Seite nahm die Angelegenheit Fahrt auf, Sprache und Welt wurden poetisch. Das Gewebe des Textes stimmte. Ich reiste nach Hiddensee, dort, wo ich niemals in meinem Leben war und wo der Sanddorn so hoch steht.

Überhaupt wäre das eine gute neue Kolumne: „Mein Verriß nach vier Seiten“. Vielleicht lese ich vom „Johann Holtrup“ noch den Schluß. Das Problem, das sich für private Blogger ergibt, die nicht ihre Arbeitszeit, sondern ihre Lebenszeit dafür einsetzen – obgleich das bei mir in eins geht –, wenn sie ein Buch lesen und dann einen Text dazu schreiben, ist es, einen eigentlich grauslichen Roman oder einen blödsinnigen Gedichtband weiterlesen zu müssen, um darüber etwas zu berichten. Das kostet Zeit. Zeit, die für etwas aufgebracht werden muß, das schmerzt, ärgert und manchmal sogar wütend macht, weil man die Sache für von Grund auf mißlungen hält.

Nun ist es zwar so, daß Verrisse eigentlich die hohe Kunst der Literaturkritik bedeuten – nichts schöner, als in einer Bernhardschen oder Reich-Ranickischen Kanonade des Schimpfs niederzumähen. (Manchmal zumindest und solange das nicht auf Dauer gestellt wird und als Prinzip fungiert. Dann wird es durchschaubar wie Goetzmeckern. Wegen Meckerns vom Platz gestellt, könnte man dazu sagen. Nun hat er aber gerade ob dieses Tons einen Preis erhalten.  Nun gut.) Aber für die kurzen Wonnen der Lust 350 Seiten lesen? Und was mache ich, wenn ich den auf dem Stapel ungelesener Bücher liegenden Steffano DʼArrigo mit „Horcynus Orca“ für mißlungen halte? Na gut, das wird hoffentlich nicht passieren, ich habe in das Buch schon einmal hineingelinst und bin angetan. Aber dieses „angetan und zugeneigt“ kann eben nicht das Gerüst für eine gelungene Kritik bilden, die sich an der Sache, am Text, an seiner Sprache, an der Kunst, Welt und Wirklichkeiten zu poetisieren und Literatur neu zu erfinden, orientiert.

Worauf wollte ich eigentlich hinaus? Genau: auf eine Goetz-Rezension, die ich aber dann  doch aufschob zugunsten eines anderen, noch ausstehenden Textes, der mir wichtiger erscheint: Meinen „Dritten Ratschlag für Wien“, den ich heute oder morgen eigentlich auf „Aisthesis“ posten wollte. [Seien Sie gespannt, wie der Rat lauten wird.] Zudem muß ich das Design des Blogs ändern, denn WordPress hat ungefragt die Vorlage umgewurschtelt. Nun habe ich eine schwarze Titelschrift statt einer roten. Ich möchte jedoch ohne Einschränkung und Kompromiß eine rote Schrift auf einem weißen Grund. Keine schwarze. Denn dies hier ist kein Totenblog, sondern die Seite eines ungemein heiteren, Dekonstrukteurs, eines Nihilisten und Pessimisten. Wenn jemand mir sagt: „Du Pessimist!“ dann bin ich häufig sehr glücklich und zufrieden; ein freundliches, ja gütiges Lächeln umspielt meine Mundwinkel. (Zart und kaum wahrnehmbar freilich, wie das der „Mona Lisa“.)

Wie einem am Vormittag die Zeit durch die Finger rinnt! Und schon ist es eine Stunde später. Lebenszeit, die geht. Und während ich meine Privilegien checke, daß ich ein alter, weißer, heteronormativer, bleicher Mann bin, der tanzt (Tocotronic – hehe) und der in einer immer größer werdenden Bibliothek das Einsame genießt – ich denke gerade mit Genuß an meinen wunderbaren Freund, den Soziopathen Sherlock Holms, insbesondere wie ihn Benedict Cumberbach in jener legendären, ganz und gar großartigen und zu den Romanen kongenial umgesetzten BBC-Serie spielt, über die ich ebenfalls schreiben wollte – während ich also checke, bemerke ich zu meinen Entsetzen, daß ich dem Vorhaben, einen Vortrag, den ich in kleinem Rahmen im schönsten Monat des Jahres, nämlich dem November in Weimar hielt, in Schriftform zu bringen, damit er in der kleinen Zeitschrift „Kunst Spektakel Revolution“ abgedruckt werde, nicht ein Stück näher gekommen bin. Das stimmt mich traurig, während die Sonne östlich am Bibliotheksfenster minutenlang streift, um sich dann wieder zu entziehen und in den Bäumen schräg eine Berliner Krähe knurrt, rabt und lärmt. Abgabetermin soll – zum zweiten Mal herausgeschoben – nun endgültig der 31. Juli sein. Also muß ich den „Dritten Ratschlag für Wien“ zeitlich nach hinten lagern. Denn heute geht es ans Korrekturlesen jenes Textes mit dem Titel „Von der Grundfarbe Schwarz. Negative Ästhetik oder verhüllte Utopie in der Kunsttheorie Adornos“.

„Les jours sʼen vont je demeure“ dichtete Guillaume Apollinaire im Refrain und beschließt damit zugleich sein wunderbares Gedicht vom „Pont Mirabeau“. Die Tage vergehen. Ich bleibe. Das freilich ist ein Irrtum.
 
 
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Hinweis in eigener Sache – Blogdesign

Nichts ist im Leben sicher, schon gar nicht das Internet: seien es darin die personalen oder geschlechtlichen Identitäten oder Digitales, das sich auf Bildschirmen materialisiert. Alles auf der Flucht und flüchtig mithin. So auch das Blogdesgin, das WordPress hier und heute eigenmächtig verändert hat, ohne daß ich etwas dazutat. Interessantes Vorgehen. Mein Wunschdesign ist dies ganz sicher nicht, schon gar nicht dieses völlig idiotische und schlecht gemachte WordPress-Bild. Warten wir ab, was geschieht. Gegebenfalls muß ich hier später, wenn ich wieder Zeit habe, manuell nachbessern. Die kurzfristigen Eingriffe, um das alte schöne Bild von der Pont Neuf wiederherzustellen, die durch Christo und Jean-Claude 1985 verhüllt wurde – von mir natürlich selber aufgenommen – brachten keinen Erfolg.

On verra.

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Das Bild ist wieder das alte. Aber es fehlt immer noch die Menüleiste mit den Unterkategorien,  die mir wichtig ist und auf die ich nicht verzichten möchte. Wer, um es neu einzurichten, für mich einen feinen Basteltip hat, möge es kundtun.

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Theorie und Praxis

Ist es ermutigend oder eher deprimierend, am Sonntagmorgen einen Text von Adorno zu lesen? Falsche Frage, falsche Kategorien, falscher Denkansatz. Ins Ungebundene geht die Fahrt: Schwarzes Denken, schwindelfrei und dennoch mit der Emphase des Körpers praktiziert. Nein, auch in dieser Weise läuft es nicht, weil all dies, von der Emphase des Körpers und dem schwindelfreien oder gar dichterischen Denken, Phrasen sind. Zudem klingt solcher Ton zu sehr nach dem Märchenonkel Ernst Bloch – so zumindest nannte ihn in einem bösen Satz Adorno. Die Kunst des Sichverweigerns kann man nur in Gesten und in der Kunst der Begriffe (und Bilder) sichtbar machen. Dialektisch-verdreht, vertrackt und nicht dem Sermon des Endlichen oder des Je-einzelnen einer Tat, die dies oder das macht, huldigend. Daß wir morgen nicht mehr aufwachen und aus dem warmen, gemütlichen Bett steigen können, weil wir nach einer wild durchzechten Nacht, schwer von Wein und Gewicht der Welt trunken ins Bett taumelten – vielleicht schlugen wir in jener letzten bewußten Minute unseres Lebens sogar glücklich die Augen zu, selbst in der Besinnungslosigkeit des Rausches – und am nächsten Morgen öffnen wir nicht mehr, nie mehr diese Augen. Weltblickentzug. Dauerhaft. Wie es Ulrich Zieger in Montpellier widerfuhr. 53 Jahre alt. Da nützt alles deklamierte „Carpe diem“ nichts. Es dient das Sprüchlein wohl auch eher einer magischen Beschwörung, einem Ritual, in Sprache und zur Floskel geronnen, dem Tod nicht anheimzufallen. Ihn zumindest hinauszuzögern, aufzuhalten. Das Hier und Jetzt ist flüchtig.

 „Philosophie, wie sie nach allem allein zu verantworten wäre, dürfte nicht länger des Absoluten sich mächtig dünken, ja müßte den Gedanken daran sich verbieten, um ihn nicht zu verraten, und doch vom emphatischen Begriff der Wahrheit nichts sich abmarkten lassen. Dieser Widerspruch ist ihr Element. Es bestimmt sie als negative. Kants berühmtes Diktum, der kritische Weg sei allein noch offen, gehört zu jenen Sätzen, in denen die Philosophie, aus der sie stammen, die Probe besteht, indem sie, als Bruchstücke, das System überdauern. Freilich rechnet die Idee der Kritik selbst zu der heute zerrütteten Tradition von Philosophie. Während mittlerweile der Schauplatz jeder Erkenntnis so sehr von den Spezialwissenschaften beschlagnahmt ist, daß der philosophische Gedanke sich terrorisiert fühlt und fürchtet, als dilettantisch sich widerlegen lassen zu müssen, wo immer er inhaltlich wird, ist reaktiv der Begriff der Ursprünglichkeit zu unverdienten Ehren gelangt. Je verdinglichter die Welt, je dichter das Netz, das der Natur übergeworfen wurde, desto mehr beansprucht ideologisch das Denken, das jenes Netz spinnt, seinerseits Natur, Urerfahrung zu sein. Die überlieferten Philosophen dagegen waren seit den gepriesenen Vorsokratikern Kritiker. Xenophanes, auf dessen Schule der heute gegen den Begriff gewendete Begriff des Seins zurückdatiert, wollte die Naturkräfte entmythologisieren. Die Platonische Hypostasis des Begriffs zur Idee wiederum wurde von Aristoteles durchschaut. (…) Jene Denker hatten in Kritik die eigene Wahrheit. Sie allein, als Einheit des Problems und der Argumente, nicht die Übernahme von Thesen, hat gestiftet, was als produktive Einheit der Geschichte der Philosophie gelten mag. Im Fortgang solcher Kritik haben auch diejenigen Philosophien ihren Zeitkern, ihren geschichtlichen Stellenwert gewonnen, deren Lehrgehalt auf dem Ewigen und Zeitlosen beharrte.

[…]

Ist Philosophie noch nötig, dann wie von je als Kritik, als Widerstand gegen die sich ausbreitende Heteronomie, als sei’s auch machtloser Versuch des Gedankens, seiner selbst mächtig zu bleiben und angedrehte Mythologie wie blinzelnd resignierte Anpassung nach ihrem eigenen Maß des Unwahren zu überführen.

[…]

Philosophie, als der zugleich konsequente und freie Gedanke, findet sich in einer gänzlich anderen Situation. Marx wäre der letzte gewesen, den Gedanken vom realen Gang der Geschichte loszureißen. Hegel, der der Vergänglichkeit von Kunst inneward und ihr Ende prophezeite, hat ihren Fortbestand abhängig gemacht von dem ‚Bewußtsein von Nöten‘. Was aber der Kunst recht ist, ist der Philosophie billig, deren Wahrheitsgehalt mit dem der Kunst konvergiert, indem ihre Verfahrensart von jener sich sondert. Die ungeminderte Dauer von Leiden, Angst und Drohung nötigt den Gedanken, der sich nicht verwirklichen durfte, dazu, nicht sich wegzuwerfen. Nach dem versäumten Augenblick hätte er ohne Beschwichtigung zu erkennen, warum die Welt, die jetzt, hier das Paradies sein könnte, morgen zur Hölle werden kann. Solche Erkenntnis wäre ja wohl Philosophie. Sie abzuschaffen um einer Praxis willen, die zu dieser historischen Stunde unweigerlich eben den Zustand verewigte, dessen Kritik Sache der Philosophie ist, wäre anachronistisch. Praxis, welche die Herstellung einer vernünftigen und mündigen Menschheit bezweckt, verharrt im Bann des Unheils ohne eine das Ganze in seiner Unwahrheit denkende Theorie. Daß diese nicht den Idealismus aufwärmen darf, sondern die gesellschaftliche und politische Realität und ihre Dynamik in sich hineinnehmen muß, bedarf keines Wortes.“ (Th. W. Adorno, Wozu noch Philosophie, in: Eingriffe)

 
 
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Aus der Serie: Die Selbstreferenz des Photographen (Partie 1)

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Literatur und Kritik: Immanenz in Säkulum – tintig, tränig, tranig

Weil ich nicht nur Alliterationen in Überschriften ungemein originell finde und meinen Text außerdem gerne bildungsbürgerlich aufsteigere und damit sogleich auch sättige, um von der Höhe aus, von meinem behaglichen Grandhotel Abgrund her und mit dem Blick des Adlers dann in die Niederungen und auf die Mühen der Ebene zu schauen, sei soviel noch angemerkt: Kritik und Krise stehen etymologisch in Verwandtschaft: crisis ist die Substantivierung von krinein (unterscheiden, trennen), worauf ebenfalls das Substantiv „Kritik“ zurückgeht. Wenn wir es in der Diktion der Kantischen Aufklärung sagen möchten, dann bleibt für die Epoche der Moderne allein der kritische Weg noch offen, wie Kant es in der „Kritik der reinen Vernunft“ formulierte: „Unser Zeitalter ist das eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen muß.“ Dieser Ansatz bestimmt zukünftig Blick und Paradigma, auch wenn Hegel diese Differenzierung von Ebene und ihrem Meta einzudämmen suchte. Schwimmen lernt man, so Hegel, nur durch den Sprung ins (hoffentlich mit Wasser gefüllte) Becken und nicht auf die Weise wie sie der Scholasticus betreibt, der am Beckenrand über die Bedingungen der Möglichkeiten des Schwimmens sinniert und im Geist oder als Trockenübung Arm- und Beinbewegungen pantomimisch vorführt. Was Hegel in seiner „Enzyklopädie“ und insbesondere in der „Phänomenologie des Geistes“ für die Erkenntnis forderte, gilt grosso modo ebenfalls für die Literaturkritik: Sich über das Erkennen zu verständigen, ist bereits eine Weise des Erkennens. Aber ist es schon Literaturkritik, über das Wesen jener Kritik zu debattieren und zu reflektieren?

[Für die Musik prägte ich irgendwann einmal den feinen Satz: Es bleibt allein der britische Weg noch offen. Da war ich gewißlich noch „New Order“-Fan oder einer von „Oasis“. Kantlesen hilft selbst beim Pop.]

Eigentlich ist es eine absurde Situation, die einer double-bind-Struktur folgt: Niemals, in keiner Epoche zuvor wurde derart viel und auf allen Kanälen über Literatur gesprochen und niemals wurde derart viel über ihren Verfall und das Zerfransen nachgedacht. Niemals wurde mehr gelesen, getextet, gedichtet, fabuliert, kritisiert und Prosa im Raum der Digitalgewitter wie auch im Analogen des Buchdrucks ausgeworfen. Das reicht vom Poesiealbum der Krankenschwester bis zum ausgefeilten Text von Profis in Prosa, von Menschen in Beruf, mit oder ohne Berufung zu Schrift und Text – sozusagen eine Variante des Bitterfelder Wegs: „Arbeiter greif zur Feder!“ – von Freizeitdichtern, die ihr Handwerk verstehen, über Künstlerdarsteller bis hin zu Romanciers und Lyrikerinnen mit ungebremster Phantasie. Niemals war der inoffizielle Literaturbetrieb derer, die nie ein Buch veröffentlichten, wie auch der offizielle Betrieb und das, was sich daran anknüpfend der Markt nennt, reichhaltiger und fetter bestückt: Ob Laie oder Profi, ob Luise Rinser – Gott sei ihrer armen Schreibseele gnädig, wenn wir den Weg des Virgil und damit auch den Dantes beschreiten, werden wir sie im Kreis der Schreibmamselhölle finden – oder Durs Grünbein, den die Adler auf Schwingen früh schon zum Olymp trugen. Unendliche Literaturproduktion: Was früher der klassische und in Prosa und Poesie nicht ganz ernst zu nehmende Druckkostenzuschuß-verlag war, bei dem jeder alles produzieren und publizieren konnte, ohne daß es gelesen wurde, das bekommt heute über Crowdfunding Auftrieb. Oder aber es existieren, kleine, doch ausgesprochen feine Verlage wie KOOKbooks von Daniela Seel. Schreiben, schreiben, immerzu. Alles da, für jeden eine Nische. Wie es Adorno bereits 1944 über die Kulturindustrie schrieb: Es wird jeder bedient, es kommt keiner zu kurz. Vom Seichten bis zum Komplexen. So ist vom Betrieb für alle gesorgt. Gute alte Alma Mater.

Einerseits ist diese Öffnung der Schreibprozesse in Literatur und ihrer Kritik eine feine Sache. Was andererseits jedoch bei solchen Demokratisierungen und der Vielfalt an Stimmen herauskommt, wenn alle alles sagen dürfen und können, sahen wir leider im Zerrbild des Negativen seinerzeit in den 90er Jahren bei den Offenen Kanälen im Fernsehen. Schlimmer geht nimmer. Schreckenszenarien des Banalen und Beliebigen. Ohne Sinn. Ohne Verstand. So blieb ob dieses Dilettantismus am Ende völlig zu recht das Publikum aus und die Angelegenheit wurde zu einer Nischensache für Nieten. Eine der wenigen guten Ausnahmen ist das sehr spezielle „Freies Sender Kombinat“ in Hamburg.

Die Rede, daß die Öffentlichkeit angesichts des Wucherns neuer Medien zunehmend verfiele, führt jedoch häufig einen konservativen Beiklang mit sich. Früher war mitnichten alles besser. Lebenswelten ändern sich. Ebenso ist die Rede vom Ende der Literatur nicht neu bzw. die meist rhetorisch gebrauchte Figur von ihrem Niedergang wird von Zeit zu Zeit und je nach Paß- und Tagesform gerne belebt. Seit dem Beginn der Moderne, die man für die Literatur mit jener „Querelle des Anciens et des Modernes“ ansetzen könnte, keimt und stößt es immer mal wieder hoch: das Unbehagen. Aber was ist jene Moderne? – ein weit gedehnter Begriff. Modern ist, was neu und anders ist als das Überkommene, ein neuer Blick, ein Stil, eine Form des Ausdrucks, die alles, was war, verändert, und es stößt dieses Neue das Überlieferte um. Doch genauso schnell ist die gegenwärtige hippe Mode und das Moderne bloß noch das Kommode und schließlich der Schnee von gestern. Insofern schließt sich an die Frage nach der Moderne die vom Avancierten an, das in sich selber und qua Struktur besteht. Oder zumindest eine Weile Bestand hat. Kunstkritik kann und sollte in diesem Feld einen Beitrag leisten, um Kunst zu verstehen, Kunst zu öffnen, Dimensionen des Werke, die verborgen liegen, in einen Essay zu bringen, zu analysieren, nicht nur sinnlich, sondern auch begrifflich erfahrbar und damit dann ebenso – für die, die es so gerne hören und fühlen wollen – spürbar zu machen. Da ist er wieder: Mein Blick vom hohen Berg ins tiefe, finstere Tal – leider nicht das der Superhexen – in die Niederungen der Empfindungsspürer, die Kunst als eine Art Appetithappen und kulinarisch begreifen. Die, die bloß Texte schlürfen und Literatur inhalieren. Das wäre eigentlich ein gutes neues Produkt für den Markt: der Literaturinhalator. Garantiert keimfrei und auch als medizinisches Produkt auf Rezept beziehbar. Es spart die Arbeit, nur ein Hauch alles, freilich ohne pneuma.

csm_anw_inhal__b57c144296Ja, die Literatur und die Kritik. Einfach ist es nicht, und das Verhältnis beider Bezirke darf nicht unbedingt als entspannt bezeichnet werden. Es ist sogar alles andere als das. Wesentlich gründet sich dieser Konflikt darin, daß es sich um ein disparitätisches und asymmetrisches Verhältnis handelt, denn es betrachtet und wertet darin einer den anderen. Zudem haben Schriftstellerin und Schriftsteller kaum Möglichkeiten, einer in ihren Augen mißlungenen Literaturkritik irgend etwas entgegenzusetzen. Sich gegen Verrisse zu wehren, gilt im Betrieb des Feuilletons als Nachtreten und wird grundsätzlich übelgenommen. Werʼs macht, muß damit rechnen, gar nicht oder selten besprochen zu werden. Oder es passiert ein veritabler Skandal, wie seinerzeit mit Martin Walsers Buch „Tod eines Kritikers“.

Auch beim Lesemarathon in Klagenfurt kann der Schriftsteller nicht viel entgegnen. Hier wären unbedingt die Regeln zu ändern. Es würde dies zudem – um im Sensations- und Steigerungsmodus der Medien zu verbleiben – die Angelegenheit aufreizen und beim Lesen und beim öffentlichen Diskutieren der Prosa dieses Format mehr auf Krawall bürsten. Und irgendeiner würde irgendwann einmal dem unsäglichen Hubert Winkels, dem Häuptling Silberlocke des Literaturbetriebs, irgend etwas Abgefeimtes und knallhart Hartes entgegenschleudern. Uns fehlt Thomas Bernhard. Uns fehlt Rolf Dieter Brinkmann. Nein, das ist falsch: die fluchenden Stimmen sind durchaus vorhanden, aber es ist alles sehr viel pluraler geworden als vor 30 Jahren. Da liegt der Hase im Pfeffer. Womit wir wieder beim Jägertopf Hubertus bzw. bei Häuptling Silberlocke wären. Oder bei Maxim Biller.

Literatur und Kritik – es bleibt dabei, es ist dieser ewige und alte Gegensatz, wie wir ihn bereits bei Schillers „Die Räuber“ in der Eröffnungsszene erfahren, wenn Karl Moor auftritt:

Moor: Der lohe Lichtfunke Prometheusʼ ist ausgebrannt, dafür nimmt man jetzt die Flamme von Bärlappenmehl – Theaterfeuer, das keine Pfeife Tabak anzündet. Da krabbeln sie nun, wie die Ratten auf der Keule des Hercules, und studieren sich das Mark aus dem Schädel, was das für ein Ding sei, das er in seinen Hoden geführt hat. Ein französischer Abbé dociert, Alexander sei ein Hasenfuß gewesen; ein schwindsüchtiger Professor hält sich bei jedem Wort ein Fläschchen Salmiakgeist vor die Nase und liest ein Collegium über die Kraft. Kerls, die in Ohnmacht fallen, wenn sie einen Buben gemacht haben, kritteln über die Taktik des Hannibals – feuchtohrige Buben fischen Phrases aus der Schlacht bei Cannä und greinen über die Siege des Scipio, weil sie sie exponieren müssen.

Spiegelberg: Das ist ja recht alexandrinisch geflennt.

 Dem Räuber Spiegelberg ist recht zu geben. Wenn die Fülle eines Lebens und des Gehaltes, das Begehren nach Intaktheit sowie Einheit, die ich nebenbei für eine Illusion halte, bereits per Deklamation eingeklagt werden müssen, dann lebt das Leben schon lange nicht mehr und etwas ist faul oder zumindest arg angefressen. Eine Kritik, die nach den Grundlagen der Kritik fragt, betreibt keine Kritik mehr, sondern sie verzehrt sich in ihrem eigenen Medium, verzettelt sich, streicht sich durch. Etabliert die Meta-Diskurse und macht sich überflüssig. Mit Nietzsche aus den „Unzeitgemäßen Betrachtungen II“ gesprochen, und das muß man um des Wohlklanges willen sich selbst oder einander laut vorlesen:

„Nirgends kommt es zu einer Wirkung, sondern immer nur wieder zu einer ‚Kritik‘; und die Kritik selbst macht wieder keine Wirkung, sondern erfährt nur wieder Kritik. (…) Die historische Bildung unserer Kritiker erlaubt gar nicht mehr, dass es zu einer Wirkung im eigentliche Verstande, nämlich zu einer Wirkung auf Leben und Handeln komme: auf die schwärzeste Schrift drücken sie sogleich ihr Löschpapier, auf die anmuthigsten Zeichnungen schmieren sie ihre dicken Pinselstriche, die als Correcturen angesehen werden sollen: da warʼs wieder einmal vorbei. Nie aber hört ihre kritische Feder auf zu fliessen, denn sie haben die Macht über sie verloren und werden mehr von ihr geführt anstatt sie zu führen.“

Du mußt Dein Kritisieren ändern! Da sind Stellen, die dich ansehen. Kritik lernen wir einzig durch: Kritisieren! Fechte mit Florett und Schwert gleichermaßen! Wie Wespe und Orchidee. Jene „Lust am Text“ hervorzutreiben und auszufahren, ohne unterkomplex wieder den üblichen Dualismus von Sinnlichkeit und Verstand aufzuziehen.

„Aber Herr Bersarin, was deklamieren Sie groß in langgezogener Prosa? Sie machen all das doch bereits in ihren Kritiken und Texten!“

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Hinweis in teils eigener Sache

Am Freitag, den 24. August Juli, sendet Deutschlandradio Kultur um 19:15 Uhr unter der Rubrik „Readerʼs Corner“ einen Beitrag von Sieglinde Geisel über Literaturblogs: „Im Netz ist jeder Leser ein Kritiker“. Darin kommt auch meine unbescheidene Stimme zu Wort – wie oft und wie häufig, weiß ich freilich nicht. Ich habe mich aber trotz eines thymotischen Grundzuges in meinem Wesen, wenn es um Literaturblogs geht, die ihren an sich selbst gestellten Anforderung nur minimal Herr oder Frau werden, sehr zurückgenommen. Hoffen wir mal, daß andere dort zorniger sind, damit nicht immer nur ich den bad guy geben muß, der gegen den Schrunz dieser Welt wettert. Aber wie es so ist: Wir, die wir den Boden für die Freundlichkeit und guten Text (nein, nicht guten Sex!, der interessiert den Monsieur Teste nicht) bereiten wollten, konnten selbst nicht freundlich sein.

Eine kurze Angabe zum Inhalt findet sich im Programmteil von Deutschlandradio Kultur unter der Zeitangabe Neunzehnuhrfünfzehn, oderauch viertel Acht, wie der Berliner, der Ostdeutsche, die  Menschen im einstmalig Böhmischen (man achte auf die Zeitangaben im Werk von Kafka),  der Franke wie der Bayer zu sagen pflegen. Viel Vergnügen beim Hören und möglicherweise Gewinn von Erkenntnis.

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Urbane Räume (8)

 
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Literatur und Literaturkritik und darüber hinaus: Ghostwriters in the sky

Über die Funktion sowie die Arbeitsweise von Literaturkritik schrieb ich anläßlich von Jörg Sundermeiers Kritik an der Kritik bereits zu Anfang des Jahres drei Beiträge, und zwar hier, da und dort. Diese Texte hätten fortgesetzt werden sollen, nun aber bot sich ein Anlaß, weil beim „Perlentaucher“ eine interessante Debatte entstand. Nachzulesen an dieser Stelle.

Zum Begriff der „Kritik“ gesellt sich – je nach Konjunktur, nach Zeitgeist und Lage – in schöner Regelmäßigkeit immer einmal wieder das Substantiv „Krise“. Es schwanken die Begrifflichkeiten und wechseln die Konstellation. In dieser Verbindung läßt sich als Headline gut der Genitiv erzeugen: „Die Krise der Kritik“. Wenn wir es gut händelten, ginge daraus die Kritik der Krise hervor. Nur wird dieses Spiel, dieser Prozeß leider nicht ganz leicht werden, denn die Krise der Kritik läßt sich nicht per ordre beseitigen, und eine Kritik der Krise setze nicht nur voraus, die komplexen Bedingungen zu benennen, die zu dieser Krise oder zumindest zu einem Mangel, einer Art von Unbehagen am Betrieb führten. Ein Grund für das, was von einigen als Krise wahrgenommen wird, liegt sicherlich in der Pluralisierung und der Diversifizierung des Kulturbetriebs, der sich in klassisches Zeitungs-Feuilleton, Online-Magazine, Print-Magazine wie „Literaturen“, die mittlerweile Schatten ihrer selbst sind und in die Blogwelt mit mehr oder eher weniger guten Literaturblogs auffächern. Dazu gesellen sich diverse literarische Blogprojekte. Von den meisten kann man getrost die Finger lassen. Weiterhin existieren die unterschiedlichsten Kultur- und Kunstzeitschriften. Vom populären „Philosophie Magazin“, über „Hoheluft“ (ebenfalls Philosophie), von „Texte zur Kunst“, „Monopol“, „Kunstforum“ bis hin zu „Cicero“ oder „Polar“.

Es gibt im Internet und außerhalb desselben derart viel zu lesen und zu betrachten, daß uns zwei Augen und zwei Leben nicht ausreichen. Denke ich mir. Und denke mir weiter, daß wir, wenn wir von der Krise der Kritik schreiben, immer weiter und weiter die Metaebenen füttern. Das muß manchmal möglich sein, wir sollten die Zusammenhänge sowie die Strukturen, in denen wir wirken und gewirkt werden, nicht ausblenden. Wir können diese Verquickungen samt dem Changieren zwischen Metaebene und den Diskursen in einem Satz von Marx benennen: „Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen …“ Jedoch wurde dieser Satz aus der konkreten Praxis geboren und zielte auf genau diese eingreifende und verändernde Praxis ab. Zumindest aber spricht aus ihm, wenn man ihn weiterliest, die Notwendigkeit, daß Theorie praktisch werden müsse. Diese Umsetzung gilt am Ende ebenso für die Literatur- und Kunstkritik, und wir sollten diesen zielenden Satz ummünzen, indem wir eine Literaturkritik betreiben, die mehr ist als das, was man uns bisher vorsetzte.

Ein weiterer Grund für diese Krise, die in diesem Falle ebenso als eine Chance sich erweisen kann, liegt darin – und dies hängt mit dem ersten Aspekt zusammen –, daß die Rolle des Großkritikers, wie Thorsten Jantschek auf Deutschlandradio feststellte ausgespielt ist: „Der Kritiker verläßt den Richterstuhl“. Zwar glaube ich daran nicht wirklich, vielmehr handelt es sich eher um einen unfreiwilligen Abgang oder um einen Rausschmiß. Denn kein arrivierter Kritiker gibt freiwillig seinen wohldotierten Posten auf und wirft hin. Das klassische Feuilleton selber hat – nebenbei – zu seinem Bedeutungsverlust massiv selber beigetragen. Zu sehen etwa am Literaturteil der „Zeit“, inwiefern die ästhetische Urteilskraft schwindet. Ausnahmen wie Ina Hartwig oder Andreas Isenschmid bestätigen leider die Regel. Nein, ich will den alten Wein in den alten Schläuchen nicht aufwärmen: Damit panschen wir bloß Glühwein. Dennoch bin ich der Meinung, daß Buchbesprechungen in den Zeitungsmedien in ihrer Qualität nachließen – und dies ohne jeglichen Anlaß und ohne wirkliche Notwendigkeit.

Dieses Abflauen hat nichts damit zu tun, daß wir der Literaturrichter überdrüssig wären. Wir sind dies ganz und gar nicht, was sich bereits darin zeigt, wenn ein Format wie „Das literarische Quartett“ wiederbelebt wird. Das Publikum hat Reich-Ranicki genau für dieses Richteramt geliebt, ja verehrt, und es glühte in seiner Fernseherregung, wenn das Fallbeil rauschte oder der Daumen hochschnellte und der Mann mit dem rollenden R Hymnen zu Sex bei Haruki Murakami sang. Das Problem ist nicht der Richter und eine scharfe, aber begründetet Kritik, sondern vielmehr die vielen, die sich als Richter aufspielen, aber Geist und Witz nicht mehr mit profundem Wissen und Kenntnis zu paaren verstehen. [Daß Reich-Ranickis Begriff von Literatur eher konventioneller Natur war, steht auf einem anderen Blatt. Er tappte jedoch nicht in die Falle, Bildungsfeindlichkeit als dummen Fetisch zu kultivieren.]

Vielleicht fehlt es an geeignetem Personal, nachdem die Gilde der Großkritiker sich auflöste bzw. deren Akteure nach und nach verstarben. Vielleicht mangelt es an ästhetischer Kraft. Womöglich beides. In den entindividualisierten Zeiten, da wo jeglicher ostentativ bemüht ist, als Individuum sich zu erweisen und mit originellen Phrasen sich sichtbar zu machen, im Zeitalter einer neuen, sich spreizenden Subjektivität, ohne daß da irgendwie noch ein Subjekt im emphatischen Sinne sich zeigte, feilen wir an unserer Außenperformance: Das, was wir produzieren, klingt zunächst nach Subjekt, aber leider tönen im Chor des Ich, Ich, Ich die Stimmen ungemein ähnlich und singen unisono und mehr oder weniger das gleiche Lied. Das gilt auch für zahlreiche Blogs, die Bücher besprechen oder sich mit Literatur befassen: Es steht im Diskursraum bloß ein Meinen neben dem anderen; unverbindlich und lose, wie all die Literaturbesprechungsblogs, die zwar locker vernetzt sind, und es kommentiert da eine beim anderen, aber diese Blogs besitzen lange nicht die Wirkung und Reichweite, die einst das klassische Feuilleton mit seiner Debattenkultur und den Besprechungsessays auszeichnete. Zudem schwankt die Qualität erheblich. Wenn ich, wie kürzlich auf einem dieser Blogs einen Beitrag zu Ingeborg Bachmann mir betrachten muß, wo über dem Text eine Photographie präsentiert wird, in der Herzchensteine auf einer Flauschdecke drapiert sind, die ausschaut wie ein geschmackloser Klovorleger mit Pisseflecken, und wenn ich dazu erlebe, daß rund 62 Blogger solchen höheren Blödsinn, der mit Literatur rein gar nichts, mit Gesinnungskitsch jedoch einiges zu tun hat,  liken, dann befällt mich ein arger Reiz: nicht zur zum Erbrechen, sondern auch der Wunsch, das Internet lahmzulegen und einen Wühlarbeiter oder einen Maulwurf auf den Weg zu schicken, Glasfaserkabel zu nagen, damit für einige Tage wenigstens Ruhe herrscht. Die letzten Tage der Menschheit wiederholen sich in einer schrecklichen Schleife. Aber wir müssen all dies nehmen, wie es ist: Die Kombination von Texten und Bildern ist nicht jedermanns oder in diesen letztens betrachteten Fällen jederfraus Sache, um hier korrekt zu gendern.

Die wesentlichen und gehaltvollen ästhetischen Diskurse und Dispute finden immer noch im akademischen Betrieb statt, weil einzig dort ein hinreichendes Niveau herrscht.

Dennoch: das Interesse an Kunst, an Ästhetik, an Literatur, an fundierter, lustvoller, geistreicher Kritik ist vorhanden. Es will den abgezirkelten Bereich sprengen. Philosophie ist eigentlich und wenn man sie beim Wort nimmt ein komplexes Feld, das voll von Tretminen steckt und eher weniger ein freundliches Platon-Plaudern wie manche annehmen, oder ein Herausgreifen von Bröcklein und Büchlein. Dennoch erfahren Philosophie-Magazine eine Renaissance.

Was tun? Im Sinne von Gille Deleuze und Felix Guattari könnten wir von einer kleinen Literatur sprechen, wie beide sie für Kafka positionierten, und damit dann ebenfalls von einer kleinen Literaturkritik, von einer Bewegung der Deterritorialisierung, von den Rhizomen, die wuchern. Nur bereinigt um Deleuzes/Guattaris Ödipus-Trauma und den Schizo-Fetisch. Es bleiben die Wucherungen und ein paar markige Sätze der Postmoderne, die nun selber schon wieder Post ist: jene Anleihe an den Surrealismus, wenn ein letztes Mal Wind der Moderne Segel bläht: „Seid nicht eins oder viele, seid Vielheiten! Macht nie Punkte, sondern Linien! Geschwindigkeit verwandelt den Punkt in eine Linie! (…) Seid der rosarote Panther, und liebt euch wie Wespe und Orchidee, Katze und Pavian.“ (Deleuze/Guattari, Rhizom) Regenschirm und Nähmaschine küssen sich nur noch sittsam wie selten, und seit dem NSU-Terror geht leider auch der rosarote Panther nur noch bedingt. Formal sind die Produkte der Kulturindustrie in alle Richtungen hin nutzbar wie man sieht. Den Vielheiten ist in jenem „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ eben auch der Bedeutungsverlust eingeschrieben sowie das Prinzip der prinzipienlosen Fungibilität. Selbst das fragmentierte Subjekt ist irgendwie allgegenwärtig ganzheitlich an jeder Stelle, die dich ansieht oder eben auch nicht, weil sie mit anderem sich befaßt, anwesend.

In den Digitalgewittern änderten sich die Produktionsbedingungen von Text, und dies affizierte naturgemäß ebenfalls die Form der Literaturkritik: Nun ist jeder seines Textes Schmied – sei es im literarischen oder im kritisierenden Genre. Dieser Wandel ist einerseits gut, mit dieser neuen digitalen Moderne sollten und müssen wir umgehen. Denn so absurd wie es vor über 100 Jahren war, die Photographie als Ablöse der Malerei oder aber als bloße Verfallsform zu sehen, anstatt sie als ein ganz neues Medium mit eigenen Möglichkeiten zu begreifen, so absurd ist es, die Welt des Internets nicht zu nutzen. Andererseits haben wir eine völlig andere literarisch und überhaupt anders kulturell orientierte Öffentlichkeit: nicht nur, daß Kultur zu einem Standortfaktor wurde und damit als eine Art von Kapital symbolischen Mehrwert erzeugt, der sich am Ende auch in barer Münze zeigt – so geriet Kultur ubiquitär wie Ballonskulpturen von Jeff Koons. Sondern jene Pluralität überfordert – wie oben geschrieben – unsere Aufnahmefähigkeit. Um überhaupt wahrgenommen zu werden, muß etwas Besonderes geboten werden. Klick und Kick schrauben die Aufmerksamkeitsspirale ein Stück weiter in die Höhe. Man könnte es freilich statt mit Spektakel oder Befindlichkeiten ebenfalls mit Qualität versuchen. Und in den Angelegenheiten der Kunst mit ästhetischer Urteilskraft, die besticht, die bezirzt. Text, der Lust auf Text macht. Vielleicht wieder wie eine Art literarischer Salon. Womit ich beim zentralen Thema bin.

Seit Anfang des Jahres, angestoßen durch jenen Beitrag von Jörg Sundermeier, häufen sich wieder einmal die Klagen über die Funktion von Literaturkritik. Daran anschließend die Frage, was ihre Aufgabe sei. Wolfram Schütte äußerte sich dazu kürzlich im „Perlentaucher“ unter dem Titel „Über die Zukunft des Lesens“.

Mit diesem Beitrag brachte er ein Stück weit etwas auf den Weg, was all jene Meta-Ebenen einer Kritik der Kritik und einer Krise der Kritik überstieg. Schütte wartete mit einem konkreten Vorschlag auf und plädierte für ein digitales Zeitungsprojekt namens „Fahrenheit 451“: sozusagen, der Punkt, an dem sich das Papier der Bücher in anderen Stoff auflöst und sich selber entzündet. Die Idee ist gut, allein es fehlt der Glaube. Aber wie es so geht, griffen manche diese gute Idee auf. Etwa die NZZ-Kulturkorrespondentin Sieglinde Geisel auf ihrem Blog. Wie auch Ekkehard Knörer von der Redaktion des „Merkur“.

Ich werde in einem zweiten Teil auf verschiedene Aspekte dieser Debatte zu Literatur und Kritik beim „Perlentaucher“ eingehen.

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Wien literarisch – Wien kulinarisch

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Zweiter Rat für Wien: Die Albertina und Lee Miller

Bei einer wüstenähnlichen oder aber aus den Tiefen des Balkans, irgendwo südlich der Stadt aus Transdanubien herüberwabernden und andauernden Hitze, die sich wie ein böser Fluch über Wien gelegt hatte und alles Leben ersterben ließ, eine Hitze, die nicht weichen will – drückend, feucht, klebrig am Körper – ist es klug, auf ein Museum zuzusteuern. Denn die meisten Museen sind, damit die schönen Gemälde haltbar bleiben, mit einer guten Klimaanlage ausgestattet. Also bewegte ich mich am sonntäglichen Vormittag in eines dieser Museen – genauer in die Albertina. Und ich reiste ja genau deshalb nämlich nach Wien, um jene Ausstellung mit Photographien der wunderbaren Lee Miller (1907-1977) zu sehen. Sie läuft noch bis zum 16.8.; dann zieht sie in die USA nach Fort Lauderdale.

Ich berichtete an dieser Stelle anläßlich der documenta 2012 über diese bemerkenswerte Photographin. Dort war jene Photographie zu sehen, wo sie in München in Hitlers Badewanne sich präsentierte: ein gekacheltes Bad, fast im Stil der 50er Jahre gehalten, rechts positioniert eine Statue im klassizistischen Stil – ob sie Lee Miller, der sie ablichtende Photograph David E. Scherman oder aber Hitler selber dort plazierte, ist unbekannt. Links am Beckenrand ein Portraitphoto von Adolf Hitler. Für diesen Fall können wir wohl sicher sein, daß der Führer Adolf Hitler in seiner Münchener Wohnung am Prinzregentenplatz nicht mit seinem eigenen Portrait nackig in die Wanne stieg. Obwohl man es nicht genau weiß, inwiefern der Größenwahn Menschen verstiegen macht und sie mitunter zu seltsamem Verhalten nötigt. Die Inszenierung dieser Szenerie ist ein subtiles und zugleich hartes Spiel mit den Bild- und Bedeutungsebenen: der dokumentierte Ort, die ihn in Besitz nehmenden Sieger, die Photographen selber. Der banale Abglanz des Führers.

In der Albertina wird eine zwar kleine, aber im großen und ganzen repräsentative Auswahl von Lee Millers Photographien gezeigt. Die Ausstellung ist von der Anzahl der Bilder zwar reduziert – von ihren Kriegsreportagen bei der Landung in der Normandie, an der sie aktiv teilnahm – hängen nur wenige Photographien, und auch die Ausbeute aus ihrer Pariser Zeit ist gering. Von ihren Photos, die sie für die Vogue schoß, sind kaum Bilder zu sehen. Man kann insofern von einer reduzierten, aber doch feinen Ausstellung sprechen, die denen, die Lee Miller nicht kennen – und dies werden vermutlich die meisten sein – zunächst einen ersten Blick auf ihr Werk ermöglicht. Insofern keine wirklich umfassende, aber doch eine pädagogisch anregende Ausstellung für alle, die mit Lee Millers Werk vertraut werden möchten.

neckLee Miller reiste 1929 von New York nach Paris, hielt sich im Umfeld der Surrealisten auf, arbeitete dort mit Man Ray zusammen, der unter anderem auch für die „Vogue“ wirkte, und war sein Modell. Ihre ersten Photo-Aufnahmen entstanden 1929. Bei Man Ray lernte sie die Detailarbeit der Photographie, insbesondere die Verfremdungseffekte. Das Handwerk als solches war ihr jedoch bereits vertraut. Was Lee Miller bei der Photographie entgegenkam, war der Umstand, daß dort auch Frauen als selbständig Arbeitende mehr oder weniger akzeptiert waren. So geriet sie auf Empfehlung von Edward Steichen an Man Ray und wurde zudem seine Geliebte. Aber anders als die vielen weiblichen Musen, die von Künstlern gehalten werden, wie es früher am königlichen oder kaiserlichen Hofe üblich war, Narren oder Zwerge zur Gaudi sich zuzulegen, wollte Lee Miller eigenständig wirken und arbeiten. Nicht als inspirierende Muse – eine sowieso eher läppische Vorstellung, aber zu solchen Verdrehungen kommt es, wenn der intelligible Charakter mit dem empirischen verwechselt wird. Miller wollte als Künstlerin, als gleichberechtigte Photographin neben Man Ray wahrgenommen werden und nicht als Bestandteil des Systems Man Ray. Insofern sind auch die Photographien, die Man Ray von ihr schoß, ein Produkt gemeinsamer Arbeit. Eines der bekanntesten Bilder von ihr, jenes wunderbare, zauberhafte Portrait – es ließen sich hier weitere Adjektive hinzufügen, wenn dies nicht sowohl für den Schriftsteller wie auch für den Essayisten Anathema wäre – jenes Portrait also, das ihren Hals und ihr schönes Gesicht im Profil zeigte, den Kopf vom Betrachter fortgewandt, wurde von Man Ray zunächst verworfen. Lee Miller fischte sich das Negativ aus dem Papierkorb, änderte den Ausschnitt und bearbeitete es photographisch nach ihrer eigenen Maßgabe. So wurde eine Photographie geschaffen, die uns gegenwärtig bleibt. Über die Urheberschaft für dieses Photo stritten beide sich.

Surreal ist diese Photographie in dem Sinne, weil das Bild in der Komposition leicht verzogen sich darstellt und durch die Vergrößerung entstand zudem Unschärfe. Die Photographie zeigt uns einen für Portraits bisher ungewöhnlichen Ausschnitt und bildet den Hals sowie den Kopf in Anordnung und Haltung in einer ganz eigenen Weise ab. Fast ein Gemälde im Stile des Manierismus. Und doch ist es ein durch und durch klassisches Bild, das vom Schwung des Halses her die Schönheitslinie Hogarths nachzeichnet und von der Markierung der Grauwerte und ihrer Übergänge her harmonisch fast, aber zumindest eindringlich die Halspartie samt dem Gesicht fein modelliert. Eine Photographie, die denen im Gedächtnis bleibt, die Sinn für ausgefallene, neue Posen haben. Klassisch-schöne Profilphotographie einer ungewöhnlichen Frau. Absurd eigentlich, dies betonen zu müssen, aber diese Weise der Selbständigkeit – als Künstlerin und dann als Journalistin – ist für diese Zeit und Epoche leider nicht selbstverständlich.

Die Photographien sind über drei Räume verteilt. Im ersten Raum befinden sich die Bilder ihrer Zeit in Paris: Photographien, die zusammen mit Man Ray entstanden, aber auch Film-Stils aus „Le Sang dʼun Poète“ (1930) von Jean Cocteau werden gezeigt, wo Lee Miller als Statue wirkte, die mit einem Male lebendig wird. Miller bewegte sich in Paris durch ihre Beziehung mit Man Ray zwar im Umfeld der Surrealisten, schloß sich diesem Kreis jedoch nicht an, und auch ihre Photographien können als eigenständige Arbeit interpretiert werden. Die Photographien, die Man Ray von ihr machte, sind insofern das Produkt gemeinsamer Komposition, weil Lee Miller über die Posen und ihre Haltung entschied. Gemeinschaftsarbeit also in bestem Sinne, wenngleich diese Art der Arbeit in einer Paargemeinschaft nicht ohne Kontroversen wird abgegangen sein. Aber weil wir nicht mit dabei waren und daneben standen und da zudem solche Dinge eher unwichtig und damit Petitessen sind, interessieren die Begleitumstände wenig. Leben verweht, was aber bleibt, sind die Bilder.

0945b6de0f2b83e25a2193fd8764ea5f Das Thema der Photographien und Sujet ist häufig der weibliche Körper, der freilich in der männlichen Optik als jenes Objekt der Begierde daliegt. Aber gleichzeitig werden die Erwartungen des Blickes gestört, und es löst sich der Körper in eine Form auf oder gleitet in die Abstraktion, wird aber in jedem Falle de-kontextualisiert, wie in jener Photographie, die Lee Millers Torso zeigt, auf dem sich das Schattenmuster einer Gardine abbildet. Ebenso jene Photographie, die sie mit einer Fechtmaske abbildet: Insbesondere hier sehen wir einerseits ein Spiel von Hülle und Enthüllung. Aber es geschieht mehr als das: eine Fechtmaske ist kein klassischer Fetisch, kein Schleier, kein feiner Stoff, der Gesicht, Körper oder das weibliche Geschlecht verhüllt, umspielt und der abgelegt werden möchte, sondern jene Maske dient dem Schutz. So wie einige Jahre später – und ich denke, untergründig mit jenem Maskenbild korrespondierend – jene Photographien, die Miller in den Kriegsjahren für die Vogue fertigte: jene zwei Frauen mit den Brandschutzmasken. Einerseits Modephotographien, andererseits den Krieg aufgreifend. Auf diese Weise korrespondieren – fast könnte man schreiben in surrealistischer, Comte de Lautréamontscher-Manier – zwei unterschiedliche Gegenstandsbereiche nebeneinander, die eigentlich nicht zusammengehören.

Ebenfalls finden wir in diesem Raum jenes „Object to Be Destroyed“ von Man Ray in einer Vitrine ausgestellt. Leider erschließt sich für diejenigen Ausstellungsbesucher, die nichts weiter über diesen Kunst-Gegenstand wissen, der Zusammenhang nicht, in dem das Objekt steht. Da sieht man dann lediglich ein Metronom, an dessen Pendel ein Auge angebracht ist, das von einer Photographie ausgeschnitten wurde. Ich schrieb zu diesem seltsamen und zugleich eindringlichen Objekt 2012 hier im Blog einen Beitrag unter dem Titel „Dieses obskure Objekt der Begierde“ der neben Lee Miller und Man Ray vorab die Struktur des Begehrens behandelt. Zwei Liebende und das, was eine Trennung in der Kunst zu erzeugen vermag.

129.308Im zweiten Raum sehen wir Lee Millers Reisephotographien aus Ägypten und Rumänien sowie einige Bilder von der Landung in der Normandie. Im dritten Raum die Photographien von der Befreiung Deutschlands durch die US-Army. Eindrucksvolle und harte Photographien nachdem die US-Army das KZ Dachau erreichte: Leichen und der entsetzte Blick der US-Soldaten auf das, was sich ihnen vor ihren Augen auftat: der Massenmord, den Deutsche begingen. Lee Miller stieg für eines dieser Bilder in einen der Eisenbahnwaggons, in dem die Leichen sich türmten und photographierte aus einer schrägen Position heraus, so daß sowohl die Toten wie auch die Blicke der Soldaten zu sehen waren. Wir schauen zudem auf Bilder vom zerbombten Wien, betrachten uns jene bekannten Photographien aus München in Hitlers Wohnung oder Lee Miller, die sich im Bett von Eva Braun inszeniert, womit der Aspekt des Dokumentarischen erweitert wird: in einem Akt der Inszenierung, in dem sich die Photographen David E. Scherman und Miller selber in die Photographie mit einbringen. Auf diese Weise werden Subjekt und Objekt der Photographie zum Sujet, und so werden die Objekte oder Fetische der Besiegten (immerhin die Privatwohnungen von Eva Braun und Hitler) in Beschlag genommen und im Akt der Photographie einer anderen Funktion unterzogen. Wir sehen SS-Wachleute, die sich Zivilkleidung anzogen, um aus Dachau zu entkommen und die zusammengehauen wurden – ihre blutigen und zerschlagenen Gesichter und wie sie in einer Gefangenenzelle knien. Photographien werden gezeigt von NS-Bürgermeister, seiner Frau und den Kindern, die sich das Leben genommen hatten. Harte Bilder, Realität eines Krieges. Diese Bilder sind rein dokumentarisch.

Nach dem Krieg hat Lee Miller nie mehr eine Kamera angefaßt, niemals mehr photographiert: Zu sehr nahm sie dieses Grauen des Krieges und diese Hölle, die sie gesehen hatte, mit und brannte sich in ihr Gedächtnis. Es gibt innere Bilder, die sind schlimmer als alles, was eine Kamera je festzuhalten, zu bannen und dem kollektiven Bilderstrom hinzuzufügen vermag. Lee Millers Leben ging in den Alkohol über. Eine der begabtesten Photographinnen, die einen solch besonderen Blick besaß, hörte auf. Insbesondere diese Mischung aus Surrealismus und sachlich-harter Reportage machte den Reiz ihrer Arbeit, ihrer Photographien aus. Ihr wunderbares Portrait wurde zu einer Ikone – es ziert unter anderem Hans Beltings Buch „Faces“ – und wer diese Komposition je sah, wird schnell bemerken, daß in diesem Blick mehr steckte als nur der Surrealismus.

Was Lee Miller betrifft, so scheint es, daß sich seit der documenta 2012 in den Verlagshäusern und Museen der Blick wandelte. In den deutschsprachigen Verlagen sind inzwischen einige Bücher über sie erschienen. So bei Hatje/Cantz der Katalog zur Ausstellung, im Nautilus Verlag bereits 2013 ein Buch über Lee Millers Kriegsreportagen, bei Scheidegger & Spiess ein Bildband über ihre Modephotographien und ihre Rolle als Muse und Model sowie  vor einem Monat im Juni bei Hoffmann & Campe „Die Amerikanerin in Hitlers Badewanne: Drei Frauen berichten über den Krieg: Martha Gellhorn, Lee Miller, Margaret Bourke-White“ herausgegeben von Elisabeth Bronfen und Daniel Kampa.

Soviel zunächst zur dieser Ausstellung in der Albertina im journalistisch-berichtenden Modus. Im zweiten, eher essayistischen Teil möchte ich auf einzelne Aspekte und Details der Photographen von Lee Miller eingehen.

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Und der Büchnerpreis geht an …: Rainald Goetz

Irgendwann wird ihn auch Daniel Kehlmann bekommen. Ich bin mir da sicher. Jedes Jahr für jeweils einen Schriftsteller jeweils ein Büchnerpreis: Da fällt für alle im Betrieb etwas ab, und es gibt zudem die vielen kleinen Preise – da muß am Ende kein Dichter mehr in der im Sommer zu heißen, im Winter zu kalten und im Frühjahr sowie Herbst zu feuchten Spitzwegschen Dachkammer hausen und über sein prekäres Dasein jammern. Immerhin: Der Schriftsteller hat – anders als die Vielzahl derer, denen in tatsächlich prekären Verhältnissen der Saft ausgesogen wird – das Privileg, dieses Jammern und Klagen kathartisch für sich selber und (manchmal auch) zum Leseleidwesen der übrigen öffentlich tun zu dürfen. Ich halte nichts von Preisgeldern. Ich bin für die Abschaffung jeglichen Literaturpreisgeldes. Diese Preisungen sollten rein symbolisch erfolgen. Eine Frage der Ehre sozusagen. Andererseits sind 50.000 Euro eine eher klägliche Summe und man kommt damit nicht wirklich weit.

Ansonsten wäre an dieser Stelle und in diesem Zusammenhang ein weiteres Thema eine Kritik des Literaturbetriebes sowie einer immer mehr marktförmig sich organisierenden Literatur, die rein konventionell ihre Prosa schreibt. Dies zumindest kann man dem frühen und dem mittleren Goetz nicht vorwerfen. Erst Ende der 90er wird die Angelegenheit problematisch. Jedoch geht mir ein bestimmter Typus des Goetz-Bewunderers mehr auf die Nerven als jene Texte von Goetz aus den 90er Jahren, und dieses Genervtsein über die popaffinen Schwadroneure der Beliebigkeiten übertrage ich dann in einem Fehlschluß auf den Text von Goetz – das ist zugegeben ungerecht. Insofern wäre es angebracht, seine Texte gegen seine Bewunderer und vor allem gegen die Liebhaber zu verteidigen.

Bei seinem Büchlein „Rave“ und insbesondere ein wenig später dann bei der Prosa aus jener Zeit, als das Internet in den Kinderschuhen steckte und Blogs etwas Neues waren, mangelte Goetz den „Abfall für alle“ durch den Wolf. Berichte aus der Erlebnis-Zone wurden en vogue. Das reicht bis heute in den Blogwelt hinein.  Von unsäglichen Prosa-Blogs bis hin zu Literaturblogs, die über die simple Subjektivität nicht zu einem Übergreifenden hinausgelangen und ein Mehr entfalten. (Eine der wenigen löblichen Ausnahmen bildet die Dschungelanderswelt von Alban Nikolai Herbst. Ein giganto-manisches und gigantisches Projekt, das sich nicht vor den Niederungen des Banalen scheut, aber ebenso den hohen und geistreichen Ton trifft.) Egal wie: Leider muß man – neben vielem Guten – Goetz ebenso als den Ahnherren einer Assoziationsprosa oder -Lyrik bezeichnen, die ohne Struktur Einfälle, gerade Erblicktes, Gehörtes, Gelesenes und Launen verbindet: eine Art von Capriccio, das jedoch schnell als Schreibsystem kalkulierbar wurde. Solche Prosa seiner Epigonen gemahnt an Computerprogramme und Bots, denen man versucht, das Schreiben beizubringen: Aus der Luft Herbeifabuliertes – ohne Struktur: Vor meinen Füßen das Blütenblatt aus dem Topf, oder Vase, Fallhöhe und Luftzwang, der zu Boden geht. Jedes Blatt ein Manifest. Die Bilder müssen stimmen, rief Peter Hahne und Herr Pawelka lachte schief. Politik ist das Geschäft ohne Eigenschaften. Oh Rose reicher Überschiß. Schnell gemacht, schneller geschossen – solche Textlein.

Bei Goetz bin ich also gespalten. So wie er Gutes schrieb, existiert bei ihm ebenso der „Abfall für alle“, Ranz und Reigen der Beliebigkeiten wie „Rave“ oder „Celebration“. Mit dieser Form des Subjektiven hat er für das Schreiben von Literatur einerseits neue Wege markiert, andererseits ein Pop-Schreib-Maschinen-Assoziations-Sound seiner Epigonen hervorgebracht, der bloß noch nach dem Prinzip Zufall und Assonanz ausfällt und den Text zerfasert, weil sich Einfall an Einfall und gehörte Musik an erlebte Abende reiht. Zwischen Alk und Zigarettendampf: Schreibwut oder Drogenkrampf. Diese Assoziations- und Beziehungswut, die Bedeutungen auflöst oder umpolt oder aber bloß beliebig Namen von öffentlichen Personen aneinander kettet, mag als Einmaliges wie u.a. in „Festung“, „Krieg“ (immerhin Theaterstücke und damit Büchner gerecht werdend) sowie in der Prosa „Hirn“ gut funktionieren.

Aber wie sieht es mit den Halbwertszeiten solcher Texte aus? Leben solche Texte nicht mehr von den Effekten als aus der Komposition heraus? Das macht man einmal, aber dann nicht mehr und es hat etwas Kalkuliertes. Als Absatzbewegung von einer bestimmten Literatur der alten weißen Männer, die man mit bestimmten Namen der 50er, 60er, 70er Jahre verknüpft, mochte dieser Sound frischen Wind in die Küche bringen. Nun aber gehören auch die einstmals hungrigen jungen Männer jener Riege an und wurden im Laufe der Zeit alt und zu Männern mit weiß im Haar. Oder mit F.W. Bernstein und der „Titanic“ in jener absurden Verdrehung geschrieben: „Die schärfsten Kritiker der Elche, waren früher selber welche.“ Das Altern also auch der Postmoderne und der antiklassische Effekt des Subjektivismus – in diesem Sinne schreibt Goetz eine literarische Tendenz der 70er Jahre fort: die der Neuen Subjektivität, wie Ralf Schnell sie in seiner Literaturgeschichte der BDR beschreibt – er verwandelt sich in den Klassiker.

[In diesem  Spiel von Tradition und Avanciertem, zwischen Stürmen und Drängen sowie der Klassik liegt sicherlich ein gewichtiger Aspekt moderner Ästhetik. Das Innovative kann eben nur einmal innovativ sein, in einer bestimmten Raum/Zeit-Stelle paßt es und steht in seiner Struktur. Kleist, Kafka oder Beckett kann es nicht sehr häufig geben. Sie schufen Bleibendes. Einmaligkeit einer bestimmten Prosa.  Frage der Querelle des Anciens et des Modernes]

In den guten alten 50er, 60er Jahren war es einfach, den Büchner-Preis zu vergeben, denn es standen etwa 20 oder 30 relevante Schriftstellerinnen (wenige freilich, sehr wenige) und Schriftsteller (viele, sehr viele) zur Verfügung. Da fiel Lob und Preis nicht schwer, die Auswahl leicht. Andererseits täuscht der Eindruck des Verknöcherten bei der Preisvergabe und wenn man heute die Namen liest: Thomas Bernhard zählte 39 Lenze, als er den Preis erhielt. Hans Magnus Enzensberger 34 Jahre, Peter Handke 31 Jahre. Man könnte insofern auch behaupten, daß die Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zunehmend konservativer in der Preisvergabe verfährt.

Man kann – unabhängig vom monetären System Literatur – bei einer Preisvergabe immer einmal diese oder jene Auswahl eines Preisträgers kritisieren. Weshalb den Büchnerpreis etwa Friedrich Dürrenmatt sowie Erich Fried, deren Texte man als eher schwach bezeichnen kann, und 1991 Wolf Biermann erhielten, bleibt schleierhaft. Biermann hätte man ihn allenfalls 1973 für seine in den 60ern und in den frühen 70ern zur Gitarre vorgetragenen Lyrik aus der DDR geben müssen. Auch der Name Jelinek wurde kritisiert. Beim Nobelpreis verstehe ich die Gründe gut. Beim Büchnerpreis weniger. Denn wenn man jenen Autor nimmt, in dessen Namen der Preis jährlich vergeben wird, dann geht es um eine besondere, vor allem jedoch um eine innovative Form des Schreibens bzw. des Komponierens von Text. Was Büchner in „Dantons Tod“ oder im Theater-Fragment „Woyzeck“ als eine unerhörte Schreibweise auftat, das sollte auch berücksichtigt werden, wenn in seinem Namen ein Preis vergeben wird: Innovatives und avancierte Prosa, die sich auf der Höhe ihrer Zeit erweist. Aber es gehört zum Büchner ebenso der Aspekt des Politischen. (Dieser Umstand mag dann ebenfalls die Wahl von Fried und Dürrenmatt motivieren.) Diese unerhörte Schreibweise und das Avancierte der Prosa existiert bei Goetz. Seinen Roman „Johann Holtrop“ kenne ich leider nicht. Es gibt Kritiker, die schreiben, er wäre voll von Versatzstücken und huldigt einem eher schlichten, abbildhaften Realismus, der das, was sowieso bereits der Fall ist als das zurückspiegelt, was der Fall ist. Ein (Wider)Spiegelungskabinett also, das nichts sonders kniffelig und tricky auftritt. Das wäre zu prüfen.

Aber man sollte in jedem Falle Goetz gegen seine Liebhaber verteidigen. Er brachte mit seinen Romanen „Irre“ (1985) und „Kontrolliert“ (1988) einen neuen und frischen Ton in die Literatur: „Kontrolliert“ –  ein gigantomanischer RAF-Narzißmus in Textschrei und Baader-Haß und jene Nacht in Stuttgart-Stammheim, die vielen als zentraler Aspekt der BRD-Geschichte heute kaum noch geläufig sein dürfte. Ein Ich, das sich in jenen anderen hineinschreibt. Ein Schriftsteller-Ich ins Raspe-Ich. In den Kopf des anderen blicken, und wenn wir uns auch die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren könnten: Doch dieser Akt gelingt nur mit der Kraft der Prosa und in den imaginativen Verhältnissen. Auch hier also: Büchner. Krieg den Hütten, Friede den Palästen. Und am Ende lag da vor uns ein Kampf, ein Krieg im Kleinen und in den Städten, der auf diese Weise jedoch nicht recht funktionierte. Insofern alles Gute für Rainald Goetz. Trotz manchem Zwiespalt.

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