Die Tonspur zum Sonntag – ein radikales Plädoyer für revolutionäre Postromantik


 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

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Jene Hamburger Jahre. Zum Tod Uwe Kopfs

Heute vor einem Jahr verstarb der Kolumnist, Musikkritiker und Romanautor Uwe Kopf. Wer in den 80er Jahren in Hamburg lebte, sich für Musik interessierte und das einschlägig bekannte Stadt-Magazin „Szene Hamburg“ las, wird ihn kennen. „Tempo“-Leser vermutlich ebenfalls. Alle anderen haben im Leben etwas versäumt. Knapp nach Kopfs Tod erschien sein erster und letzter Roman mit dem schönen und rätselhaften Titel „Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe“. Kopf konnte ihn gerade noch vollenden und das vollständige Rohmanuskript abgeben. So kamen wir in den Genuß eines herrlichen Buches. Doch dazu später mehr, in einer separaten Kritik nächste Woche, zunächst ein paar persönliche Worte zu Uwe Kopf.

Als ich in den 80er Jahren Popmusik-Kritiken zu lesen begann, eher widerwillig, stieß ich schnell auf den Namen Kopf. Ihn oder genauer seine Texte zeichnete ein klarer und böse-bissiger Ton aus, treffend in mehrfachem Sinne. Ironisch, wortwitzig. Er konnte vernichten und spotten, doch er konnte genauso loben und den Sinn einer Platte herausstellen. Und manchmal eben auch den Unsinn solcher Musik. Nicht bloß aus einem vagen Gefühl heraus geschahen Verriß oder Preisung, sondern sprachlich versiert sezierte Kopf eine Platte oder ein Konzert.

Selbst wenn ich als Leser Kopfs Urteil nicht teilte, goutierte ich doch seinen Ton und den Witz seines Arguments. Allein um des Schreibtons willen las ich diese herrlichen Glossen. Kopf schrieb für das Stadtmagazin Szene-Hamburg, das wir alle damals kauften. „Szene“ war deutlich pfiffiger als das etwas zu betulich-alternative „Oxmox“, das eher für den Jahrgang einer älteren Schwester oder jung gebliebener Eltern gemacht war und qualitativ deutlich besser als das viel zu grelle und popperhafte „Prinz“, das zudem von Ahnungs- und Witzlosen beschrieben wurde.

Später im Studium entdeckte ich diese Art des Kopf-Schreibens auch bei Karl Kraus, freilich um einige Drehungen subtiler. Aber hier, beim Pop und bei Kopf paßte es, Oberfläche und Tiefe waren gut austariert. Sätze wie „Lieber Aids haben, als so auszusehen wie Jimmy Somerville“ (Sänger von Bronski Beat) trafen damals meinen Geist von Zeit und bösem Witz – zumal ich diese Band nicht mochte. Und auch, daß Kopf gerne Weiberärschen nachsah, befriedigte und stieß auf Wohlwollen. Warum verschweigen, was in den meisten Köpfen von Menschen vorgeht? Keiner ahnte damals, daß ein neues viktorianisches Zeitalter bevorstand. Diesmal im Zeichen einer tugendterroristischen Gender-Linken, linke Ideale von Liberalität und Freiheit verratend.

Kopfs Verrisse waren legendär und böse. Manchmal auch liebevoll-böse, wenn er über Wolfgang Broschs Krachscheibe „Sic Transit Gloria Mundi“ immer vom Bröschchen sprach. Wer Wolfgang Brosch kannte, wie er cool im Plattenladen „Michele“ hinter der Kasse hockte, mit langen Haaren und hartem Blick, wird erdenken können, daß Kopf hier teils treffend, teils aber auch mit liebevollem Ton die Sache gut auf den Begriff brachte: Das Szene-In-Gebrummel vom Brosch und von vielen anderen – das, was heute vermutlich als toxische Männlichkeit gelabelt würde – war eine Form von Versteckspiel und gehörte zum guten Ton in der Hamburger Düsterszene (und nicht nur dort) mit dazu.

Während des Studiums im Sommer, die DDR gab es noch, aber die 80er näherten sich ihrem Ende, was sich auch musikalisch bemerkbar machte, ein neuer Klang hielt Einzug, hockten die ultrahübsche dunkelhaarige, schwarzkittelige Catrin und der brave Bersarin oft auf dem Campus am Rasenrand, nach einer Vorlesung zur Französischen Philosophie im 20 Jahrhundert etwa. Während wir von den Kopf-Kritiken schwärmten und über den bösen Ton lachten, während sie manchmal etwas zu freizügig dasaß und ich meinen Blick der jungen Jahre versuchte, möglichst unschuldig und unverfänglich in der Gegend schweifen zu lassen statt auf Schambehaarung und ihr zartes, weißes Fleisch der Oberschenkel oder die schönen herausflupschenden Brüste zu sehen, denn immerhin nannte C. mich, meist leicht spöttisch, „Herr Geist“, während ich dies mit einem koketten „Frau Körper“ erwiderte: so mußte ich beim verstohlenen Schauen schließlich meinem Ruf als Geist und als Ästhetiker zugleich gerecht werden.

Das war nicht ganz einfach, wenn man einerseits über Sartre und die Metaphysik sprach und andererseits auf eine sehr erotische und knappe Unterhose schaute, während manche Frau in der Kunstgeschichte noch Frotteehöschen trug, was heute wiederum cool wäre. Soviel nur: es war eine wunderbare Zeit der Freiheit. Es wurde geraucht, getrunken, böse gewitzelt, geglotzt und gesehnt und wohl auch viel  gevögelt und gefummelt vor allem. Also ganz anders als die Prüderie der heute so korrekten Studenten, die sogar, wie vom System gefordert, richtig gendern und brav, wie es sein soll, in der abgezirkelten Raucherzone rauchen und die dafür plädieren, alles, was die zarten Schneeflöckchen nur leicht verstören könnte, von Wand und Tafel zu entfernen – und sei es bloß ein Gedicht.

Soviel nur als kleines Vorspiel zu Uwe Kopf. Irgendwann verlor ich seine Kolumnen aus den Augen, ich glaube, er schrieb nicht mehr für die „Szene“, und ich beschäftigte mich, was die Ästhetik betraf, nicht so sehr mit Musik, sondern mit anderen Medien. Und auch „Tempo“ interessierte mich als altklugjungen Adorniten und Hegelianer nicht sonders. Doch gedacht habe ich immer wieder an diese Art von Schreibe, diesen Stil, vor allem wollte da einer nicht auf Jungderrrida machen oder Plattenkritik à la Lacan fabrizieren, sondern Kopf erzählte uns von der Musik. Ich vermißte Kopf und ich vermisse diesen Stil Kopfs bei den meisten Kritikern des etablierten Feuilletons. Ich vermißte ihn eigentlich immerzu.

Ein wenig fand ich diesen gewitzten Ton und den Spott beim frühen Jens Balzer in der „Berliner Zeitung“, vor 12 Jahren, aber dort wurde es irgendwann abgestanden und schal und auch das politisch Korrekte, die Sauberkeitserziehung dieser Generation der Überangepaßten war meine Sache nicht. Also das Gegenteil von all dem, wofür Uwe Kopfs Schreiben stand. Sowieso war Kopf in seiner Bosheit noch viel böser, in seiner Schärfe schärfer, in seiner Apodiktik apodiktischer und es kam bei ihm immer auch dieser Ton von Schwermut mit hinzu – ein vielleicht nicht ganz und gar treffendes Wort, aber ich finde kein anderes.

Nein, ich kannte Uwe Kopf nicht persönlich und wäre auch nicht auf die Idee gekommen, ihn irgendwo anzusprechen oder anzuschreiben. Irgendwann, es gibt diese Zeit, wo man bemerkt älter zu werden und das zeigt sich daran, daß der Modus des Erinnerns zunehmend aktiviert wird, statt des Modus Leben: das Leben also einfach als Leben zu nehmen, so wie damals auf dem Campus mit C. oder mit anderen schönen Menschen, irgendwann also googelte ich Uwe Kopf, sah daß er eine Kolumne für die B.Z. schrieb. Erst 2016 stieß ich bei meinem Facebookfreund Sven Heuchert (Dunkels Gesetz, Rezension von mir hier bei AISTHESIS.) auf einen gewissen Uwe Kopf und dachte mir, vom Textton  und auch von dem seltsamen Bild her, obwohl sich Uwe Kopf mit Bildern bedeckt hielt, in der „Szene“ fand ich damals nie (oder nur ein einziges Mal) eines von ihm, daß dies doch wohl jener Kopf aus meiner Hamburger Zeit sein müsse.

Er war es dann auch, wie ich bemerkte und was man unschwer an seiner Art zu kommentieren und zu schreiben herauslesen konnte. Artig bedankte ich mich bei ihm auf Svens Profil – auch mit einer Anekdote: Denn meine Kopftextversessenheit war damals so groß, daß ich Ende der achtziger Jahre ein Buch mir in der Auslage griff, worauf der Titel stand „Von der Nutzlosigkeit erwachsen zu werden“ von Uwe Kopf und zudem von einem Georg Heinzen, den ich nicht kannte. Ein eigentlich hellsichtiges Buch, vom Titel her, das ein Zeitgeistphänomen, welches im Grunde erst Mitte der 90er bis weit in die 00er Jahre zu einer Marotte von Männern und auch von Frauen sich auswuchs, hier bereits in den endenden 80er zart andeutete. Als ich das Buch dann, von der Heinrich Heine Buchhandlung zu Hause angekommen, aufschlug und mir nochmal das Cover betrachtete, stand da aber als Autorenname nur Uwe Koch. Das Buch war trotzdem gut. Blindheit aus Einsicht.

Was fehlt mir? Ein Buch mit Kopfs besten Kritiken und Artikeln. Manchmal läßt sich gerade aus solch flüchtigen Phänomenen wie Popmusik samt ihrer Kritik so etwas wie der Geist einer bestimmten Epoche ablesen. Jene schweren und zugleich so unendlich leichten 80er Jahre, wo manche dachten, die Welt ginge wegen Atomkraft, Waldsterben, Atomraketen unter. Sie tat es nicht, sie machte weiter. Trotz Tschernobyl. Ich denke mittlerweile, die Welt steht als Mittelpunkt immer gleich nah zum Untergang. Egal von welcher Position aus man schaut. Allerdings hat das Atom einen Umschlag der Quantität in eine neue Qualität bewirkt. Günter Anders erkannte dies in seinem Buch „Die Antiquiertheit des Menschen“ früh und sprach von der promethischen Scham. Vielleicht aber deutete jener Buchtitel „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ von Milan Kundera, der dann 1988 auch verfilmt wurde, jene Zeit der 80er Jahre gut an und liefert vom Titel her eine passenden Slogan, um diese Zeit in einer Redewendung zu zeichnen.

Kopfs Kritiken und Texte gehörten für mich zu diesen wunderbaren, wilden, schönen und manchmal auch liebestraurigen Jahren. Womit ich im nächsten Zug bei Uwe Kopfs zartem, schönen, frechen und melancholischen Hamburg-Roman angelangt bin: „Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe“. Uwe Kopf hätte, als strenger Redakteur aus den beiden letzten Sätzen alle acht Adjektive gestrichen und auch sonst manches hier im Text gestrichen, verbessert, kritisiert. Nun lebt er aber nicht mehr, ich schalte und walte also relativ frei, und so gebe ich in schöner Erinnerung an Uwe Kopf noch einmal jenes „Regelwerk“ mit auf den Weg, das Kopf als Textredakteur seinen Tempo-Schreibern ans Herz zwang.

Bildquelle: B.Z., Photo: Friederike John
https://www.bz-berlin.de/kultur/fernsehen/zum-tod-von-b-z-kolumnist-uwe-kopf
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La Belle de France – in Trauer, zum Tod von France Gall

Es war die Musik meiner Eltern, in den frühen 60er Jahren, der kleine Bersarin war nicht einmal ein Jahr alt, Kennedy keine zwei Jahre tot, und auf den Mond sollte der Mensch erst vier Jahre später fliegen, drei Jahr also, bevor die Schwester des Kolumnisten geboren wurde, das Jahr 1965, langsam begannen Studenten aufmüpfig zu werden und gegen Regeln und Verbote zu protestieren, als France Gall beim Grand Prix Eurovision de la Chanson, wie dieser Contest damals noch hieß, mit  Poupée de cire, poupée de son antrat. Und gewann. Eine unbeschwerte Zeit, trotz aller politischen Beschwernisse. Eine Zeit erotischer Freizügigkeiten.

So wie Serge Gainsbourg, der jenen Song für France Gall schrieb, kann man heute nicht mehr singen. Es ergingen über die Sängerin und den Texter Kübel von Denunziationen. Weil nämlich jegliche Regung in einer biederen Moral erstickt wird. Waren die linken 68er damals noch für die Befreiung von Frau, Gesellschaft und Sexualität angetreten und standen ihnen die Konservativen damals als Feinde gegenüber, so haben sich heute die Register empfindlich verschoben. Die heutige kulturalistische Linke hat den Part der Konservativen übernommen, Ideologiekritik verkam unter der Hand zum Werkzeug von Inquisition. Die Grünen sind inzwischen eine Verbotspartei und beim Namen Heiko Maas fällt den wenigsten heute Gutes ein. Sänge heute eine Frau Poupée de cire, poupée de son in der naiven Weise, wie France Gall es tat, träte beim Spiegel die Hysterikerin Stokowski oder irgendeine andere sogenannten, selbsternannte Twitter-Feministin an, um in schrillem Ton Banales zu posten und die Standardspielmarke Sexismus einzusetzen. Die Lust am Mehrdeutigen ist dem zwanghaften Bekenntnis gewichen. Nicht mehr „Zeig mir, ob er steht!“, sondern wiedermal jenes unsägliche „Sag mir, wo du stehst!“

Oder aber es herrscht eine solche Ubiquität des Sexuellen, daß jeglicher Nebensinn und jegliches Subtile einfach nur verblaßt und verschimmert. Von Erotik keine Spur mehr, sondern angesichts derb gezeigter Titten und Ärschen in Videos und von Halbstarkposen der Hip-Hop-Macker bietet der Pop aufdringlich die Körper dar. Nein, früher war nicht alles besser. Aber manche Musik hatte mehr Kraft und Potential. Selbst dort, wo es bloß Unterhaltung war. Ein Hauch von Mode und ein Tick des Zeitgeists, an dessen Gewand sich aber immerhin noch die Idee von Schönheit und von Lust heftete, wie sie einst die Moderne, auch als Imago von Erotik, beschwor. Ein Moment von Freiheit blitzte in solchen Liedern wie von France Gall auf. Eine durchzechte Party, ein Engtanz und übrig blieben morgens ein paar schöne Luftballons. Oder zertanzte Schuhe oder ein neues Lebewesen, das da im Bauch sich bald regte und mit den Monaten langsam zu strampeln begann, weil’s die Pille noch nicht gab. Es wurde gelebt und nicht gelabert. Männer stellten sich tatsächlich manchmal noch ihrer Verantwortung anstatt ein Ticket für Holland zu besorgen oder sich einfach aus dem Staub zu machen. [Sicher – es gab auch das Gegenteil. Feige Männer existieren zu allen Zeiten.]

All jene freien und manchmal eben auch wieder verklemmten Momente jener 60er Jahre und der frühen 70er schossen mir durch den Kopf, als ich die CD mit Songs von France Gall vorhin hörte. Die Erzählungen meiner Eltern. Der kiffende Hippiefreund Klaus, der einmal seinen Joint in der Zigarettenschachtel vergaß. Muttern, die nichts ahnte, verschenkte die Packung mit den letzten drei oder vier Zigaretten darin an die Handwerker. Die werden statt Astra („Wer Häuser baut und seine Frau verhaut, der trinkt auch das, was Astra braut!“) mal einen anderen Spaß gehabt haben. (Gott hab ihn selig, den guten alten Klassismus.) Unsere Vormittage an der Elbe, die Schiffe, die Wellen. Manchmal denke ich, daß die Frauen zu dieser Zeit sehr viel emanzipierter waren als sie es heute sind. Aber das mag ein Trug sein oder eher für die DDR zutreffen. In der BRD sah es von der Gesetzeslage, seien es die Scheidungsgesetze oder die Möglichkeit der Frau vom Gesetz her einem Beruf nachzugehen, anders aus.

Aber das ist ein anderes Thema, beim Betrachten jenes Videos Laisse tomber les filles aus dem Jahr 1964, dem Geburtsjahr des Autors, fiel mir auf, wie frei und wie wild, aber auch wie unschuldig damals noch die Bilder von der Hand gingen. Anders als in den 50ern, die freilich beileibe nicht so verklemmt waren wie es schien und im Vergleich zum Heute, wo schon ein Wandgedicht sexuellen Argwohn erregt. Was diese Bilder zeigten: Ausgelassenheit und Bruch zugleich – am deutlichsten vielleicht fand sich dieses Spiel und dieses Vexierbild in Jean Luc Godards Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca-Cola aus dem Jahr 1966. Vielleicht sehr französisch, das ganze. Aber diesen Ton der Freiheit kriegt man auch mit, wenn man etwa die Briefe von Gudrun Ensslin an Bernward Vesper oder Ensslins Briefe von 1968 aus dem Knast an Andreas Bader liest. Eine seltsam bedrückende und doch zugleich freie Zeit. Etwas Neues brach sich Bahn. Auch wenn ich den Erzählungen meiner Eltern folge.

Feiern wir also jene unbeschwerte schöne Zeit und denken an die schönen Lieder und an jenes ausgelassene Frankreich von France Gall und Serge Gainsbourg. Adieu, France Gall! Sie starb heute, in Neuilly-sur-Seine an ihrer Krankheit namens Krebs.

Schauen wir also zur Erinnerung die Videos und hören diese schöne und so sehr französische Musik.

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Von der neuen Unsichtbarkeit über Guillaume Paoli zum NetzDG – der kulturalistischen „Linken“ ins Stammbuch geschrieben

Ein instruktives wie auch gutes Interview gibt es im „Freitag“ dieser Woche, und zwar mit dem Philosophen Guillaume Paoli. Es trägt den Titel „Die Armen sind Gegner“. Zu Beginn des Marx-Jahres bereits vom Titel her ein guter Auftakt.

Wer sind jene Unsichtbaren und aus wessen Perspektive wird da jeweils gedacht? Das ist ja der eigentliche Clou dieser ganzen Geschichte von den Marginalisierten: Sie dienen einer kulturalistischen Linken, genauer gesagt einer neoliberalen Elite, die sich selbst als progressiv wahrnimmt, als Projektionsfläche oder als Deckmäntelchen oder sie werden, weil politisch nicht genehm, dem rechten Rand zugeschlagen. In deren Namen verrichtet man in die eine, wie in die andere Richtung sein politisches Geschäft. Manche dieser scheinbar Marginalisierten sind inzwischen als Schwule, als Farbige, als sogenannte LGBT bereits selbst in prominente Position gerutscht und alles andere als marginalisiert. Sie sind mit Medienmacht, mit Sprache und all dem Rüstzeug, um kulturell sich zu positionieren, bestens ausgestattet, verkaufen aber ihre Privilegien im Jammerton als Repression der Gesellschaft. Diese Leute arbeiten in Medien, in Agenturen, haben Buchverträge mit arrivierten Verlagen wie Bertelsmann, sie wohnen in Vierteln, aus denen die alten Bewohner längst verdrängt wurden. (Auf diese Widersprüche wies in den 60er Jahren bereits Pier Paolo Pasolini hin, wenn er schrieb, daß die wahren Underdogs nicht die damals protestierenden Studenten aus dem bürgerlichen Milieu waren, sondern die Arbeiter bei der Polizei, denen diese Jugend gegenüberstand.)

Solche Verdrängung der Alteingesessenen aus Wohnvierteln ist in Kreuzberg, Kreuzkölln nicht anders als im Schanzen- und Karoviertel in Hamburg der Fall. Der Protest dieses Milieus neoliberaler Linker gegen Gentrifizierung hat etwas seltsam Bigottes, wie auch ansonsten ihre politische Haltung. Vorgebliche Toleranz dient als kulturelle Währung, als kulturelles Kapital. Die sogenannte Diversity ist in Wahrheit das alte Identitäre, der Einheitsbrei, nur in einem neuen, einem vorgeblich linken Gewand. Oder wie es Adorno in bezug auf die Ideologie des „Melting pots“ in den Minima Moralia unter dem Titel Melange schrieb:

„Das geläufige Argument der Toleranz, alle Menschen, alle Rassen seien gleich, ist ein Bumerang. Es setzt sich der bequemen Widerlegung durch die Sinne aus, und noch die zwingendsten anthropologischen Beweise dafür, daß die Juden keine Rasse seien, werden im Falle des Pogroms kaum etwas daran ändern, daß die Totalitären ganz gut wissen, wen sie umbringen wollen und wen nicht. Wollte man demgegenüber die Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt, als Ideal fordern, anstatt sie als Tatsache zu unterstellen, so würde das wenig helfen. Die abstrakte Utopie wäre allzu leicht mit den abgefeimtesten Tendenzen der Gesellschaft vereinbar. Daß alle Menschen einander glichen, ist es gerade, was dieser so paßte. Sie betrachtet die tatsächlichen oder eingebildeten Differenzen als Schandmale, die bezeugen, daß man es noch nicht weit genug gebracht hat; daß irgend etwas von der Maschinerie freigelassen, nicht ganz durch die Totalität bestimmt ist. Die Technik der Konzentrationslager läuft darauf hinaus, die Gefangenen wie ihre Wächter zu machen, die Ermordeten zu Mördern. Der Rassenunterschied wird zum absoluten erhoben, damit man ihn absolut abschaffen kann, wäre es selbst, indem nichts Verschiedenes mehr überlebt. Eine emanzipierte Gesellschaft jedoch wäre kein Einheitsstaat, sondern die Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen. Politik, der es darum im Ernst noch ginge, sollte deswegen die abstrakte Gleichheit der Menschen nicht einmal als Idee propagieren. Sie sollte statt dessen auf die schlechte Gleichheit heute, die Identität der Film- mit den Waffeninteressenten deuten, den besseren Zustand aber denken als den, in dem man ohne Angst verschieden sein kann. Attestiert man dem Neger, er sei genau wie der Weiße, während er es doch nicht ist, so tut man ihm insgeheim schon wieder Unrecht an. Man demütigt ihn freundschaftlich durch einen Maßstab, hinter dem er unter dem Druck der Systeme notwendig zurückbleiben muß, und dem zu genügen überdies ein fragwürdiges Verdienst wäre. Die Fürsprecher der unitarischen Toleranz sind denn auch stets geneigt, intolerant gegen jede Gruppe sich zu kehren, die sich nicht anpaßt: mit der sturen Begeisterung für die Neger verträgt sich die Entrüstung über jüdische Unmanieren. Der melting pot war eine Einrichtung des losgelassenen Industriekapitalismus. Der Gedanke, in ihn hineinzugeraten, beschwört den Martertod, nicht die Demokratie.“ (Th. W. Adorno)

Diesen Aphorismus kann man in alle möglichen Richtungen hin abwandeln. Das Negative bleibt negativ bis es verging. Solange dies so ist, bleiben Dissens und Widerstreit.

Diese gesellschaftlichen Widersprüche zwischen denen da unten, jenen Unsichtbaren, und den kulturell Arrivierten, die zunehmend auch in der Kunst verschleiert und zugedeckt werden, spricht Guillaume Paoli in dem Interview an. Eine Kunst der gesunden Mittelschichtkinder, mit gesunden Mittelschichtproblemen. Flüchtlinge sind ihre Objekte, aber keine Akteure wie es eigentlich sein sollte: Jenen eine Stimme zu geben, indem man sie sprechen läßt, statt über sie zu sprechen. Eine um sich selbst kreisende Kunst, die kaum noch weh tut, deren innovative oder avantgardistische Potentiale sich längst abgenutzt haben zugunsten einer fetten Rendite, als kulturelles Kapital, wie Bourdieu es formulierte, oder aber als moraliner Mehrwert. Gesellschaftliche Widersprüche geraten kaum noch auf die Bühne oder aufs Papier und wenn, dann so seicht, daß es nichtssagend wirkt. (Ich befürchte sehr, daß Juli Zehs neuer Roman sehr gut gemeint, aber in der Ästhetik eher simpel gestrickt ist.)

Überhaupt: das, was wir benötigen, ist eine Kultur, eine Kunst des Konflikts, des Disputes, der Verschiedenheiten, des Widerstreits. Die Meinung des Gegenübers nicht gleich als Hatespeech zu verbieten oder als Nazisprech zu denunzieren, sogar dort, wo es sich um eine dezidiert kritische Ansicht handelt, wie etwa bei Sloterdijk oder Safranski, sondern zunächst einmal zu begreifen, was eigentlich gemeint ist, um dann gegebenenfalls mit Argumenten zu reagieren.

Und manchmal ist es sogar so, daß man eine andere Meinung eben ertragen muß. Meinungsfreiheit bedeutet nicht, nur das eigene Theorem gelten zu lassen. Meinungsfreiheit gilt uneingeschränkt, unbedingt und überall, auch für solche Ansichten, die nicht mit der eigenen Gesinnung kompatibel sind, selbst wenn sich Menschen beleidigt fühlen. Ansonsten regeln näheres die Strafgesetze, die bei bestimmten Äußerungen, wie etwa der Schmähkritik oder unwahren Behauptungen eine Grenze setzen. Gefühlter Rassismus ist eine private Sache, jeder kann annehmen, was er mag, aber das rechtfertigt kein Verbot. Und in diesem Sinne ist auch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz verhängnisvoll. Wer heute über die Sperrung der Beatrix Storch jubelt, sollte bedenken, daß er morgen der nächste sein könnte – Stichwort Indymedia. Und wer allzuforsch auf Facebook über die G20-Riots schreibt, riskiert eben eine im vorauseilenden Gehorsam ausgeübte Sperrung. So geht das nämlich, wenn man am Eingang zur Hölle rüttelt. Zensur ist keine Einbahnstraße.

Nun aber zu Auszügen aus dem instruktiven Interview, erschienen im Freitag der Ausgabe 1/2018.

Frage: Schuld am Elend ist also der Relativismus der Poststrukturalisten!

Guillaume Paoli: Mitschuld, würde ich sagen. Mit dieser Haltung schaut alles wahnsinnig tolerant aus, wer aber diese Pose nicht annimmt, wird als Ewiggestriger gebrandmarkt. Übrigens spielen die aktuellen Rechten dieses Spiel gekonnt mit, wenn sie sagen, sie seien keine Nazis. Sie berufen sich eben auf ihre Identität, nicht umsonst heißt eine Bewegung „Die Identitären“. Das ist in den Zeiten von identity politics konsequent modern.

Das bringt uns zu Themen wie Trump und Brexit. Haben einfach die Ewiggestrigen gewonnen?

Nein, ich denke, die eigentliche Sensation bestand darin, dass plötzlich Menschen sichtbar wurden, die bis dato unsichtbar waren.

Wie wurden sie unsichtbar?

Nehmen wir Seattle. Das ist eine wunderbare Stadt, alle fahren Fahrrad, es gibt nur noch Bioläden, Hühner laufen durch die Stadt. In Seattle sitzen Microsoft, Amazon und Starbucks, die Bewohner im Zentrum sind gut bezahlte Mitarbeiter der genannten Firmen. Die alte Bevölkerung, die noch vor 15 Jahren in Seattle wohnte, wohnt jetzt außerhalb. Die können nicht mit dem Fahrrad zur Arbeit. Die müssen weit anreisen, um den hippen Bewohnern die Sandwiches zu machen, im Stadtleben aber sind sie vollkommen unsichtbar. Seattle hat übrigens mit 87 Prozent Clinton gewählt, darauf ist man dann stolz.

Was ist denn an 87 Prozent Clinton so schlecht?

Zumindest ist es bedenklich. Denn diese Leute, die so vorbildlich leben und Clinton wählen, sie rümpfen verächtlich die Nase über die anderen. Sie merken nicht, dass sie damit eine Klassenverachtung wie im schlimmsten 19. Jahrhundert reproduzieren. Damals schimpfte die Bourgeoisie über die stinkenden Arbeiter, jetzt aber – und das ist das Perfide – mit einem guten Gewissen.

Jetzt reden wir endlich über Klassenkampf. Also auch über Marx?

Jaja, aber es gibt da eine Pointe: Im Kommunistischen Manifest lobt Marx die Bourgeoisie dafür, dass sie starre Institutionen wie Nation, Tradition oder das Patriarchat hinwegfegen würde, um den Kapitalismus vollends zu entfesseln. Wenn sich moderne Linke heute für ihren Kampf gegen konservative Traditionen rühmen, vervollständigen sie im Grunde das Projekt der Bourgeoisie von 1848. Ich meine, kann man machen, aber ich frage mich doch, wo bleibt da der Antikapitalismus? (Lacht.)

Sagen Sie’s uns!

Das weiß ich nicht. Aber dieser Logik zufolge sind die Gegner der Emanzipation plötzlich nicht mehr die Reichen wie früher, sondern die Armen und die Arbeiter. Sie wählen Trump, kaufen nicht im Bioladen und sind wahrscheinlich sexistisch.

Warum fällt es Schriftstellern, Journalisten und Künstlern so schwer, die Unsichtbaren sichtbar zu machen?

Die große Frage. Wo ist heute jemand wie John Steinbeck, der in den 30er Jahren das Elend in der Gesellschaft beschrieben hat, wo sind die Hollywood-Filme, die beispielsweise das Drogenelend der weißen Unter- und Mittelschicht in Amerika zeigen oder die Ausbeutung von Leihmüttern durch wohlhabende Frauen, die sich ihre Körper nicht mit einer Schwangerschaft ruinieren wollen? Es gäbe so viele unerzählte Geschichten aus der Wirklichkeit.

(…)

Sie sagen außerdem, wir leben in einer Zeit der andauernden Gegenwart. Was meinen Sie damit?

Da ist die Volksbühne wieder ein gutes Beispiel. Es hieß immer, ein Vierteljahrhundert Castorf reiche jetzt, denn nun komme das Zeitgenössische! Ganz so, als hätte das Zeitgenössische an sich einen Wert. Das Erstaunliche ist, niemals zuvor wurde so viel über Kreativität gesprochen, doch das einzig Neue sind Updates. Ich frage mich, ob bei diesem ständigen Drang nach Innovation und Selbstoptimierung überhaupt noch etwas Neues möglich ist.

Ist das die dialektische Pointe im späten Kapitalismus?

Was ich als Mutation beschrieben habe, das ist eine Form der Gesellschaft, in der es keine Gegenkräfte mehr gibt: Arbeiterklasse, Sozialismus, Gewerkschaften, alle unsichtbar oder irrelevant. Die Pointe aber ist, dass die größte Gefahr für den Kapitalismus der Kapitalismus selbst ist, seine Selbstzerstörungskraft. Das merken wir jetzt anhand der ökologischen Katastrophen, und es sind – wie damals die Arbeiter mit den Gewerkschaften – heute im Grunde die Kapitalismusgegner, die versuchen, den Kapitalismus zu retten.“

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Zum neuen Jahr

„Als zum erstenmal das Wort ‚Friede‘ ausgesprochen wurde, entstand auf der Börse eine Panik. Sie schrien auf im Schmerz: Wir haben verdient! Lasst uns den Krieg! Wir haben den Krieg verdient!“ (Karl Kraus)

Den Leserinnen und Lesern dieses Blogs wünsche ich ein gutes neues Jahr, mit all den Wünschen, die zu einem neuen Jahr so dazugehören. Man wird wohl das beste daraus machen müssen.

Hier ist der Morgen des ersten Tages vom Neuen Jahr. Von Greifswald, der Stadt Caspar David Friedrichs, ging es zu Silvester herüber auf die Insel Rügen. Weit und fern der Schüsse und Raketentests im „Reichshauptstadtslum“, wo es eigentlich ganz und gar unmöglich bis widerwärtig ist, Silvester zu feiern. (Aber ich will hier keine Bernhardsche Beschimpfungskaskade machen, Berlin ist mit sich und einem Großteil seiner Blasenbewohner bereits genug gestraft.)


 
 

Also besser sich den Landschaften widmen. Und was Sie dann sehen, ist der hereinbrechende Abend des neuen Jahres samt Vollmond. Auf Rügen und mit wenig bis gar keinem Internet. So sollte es auch in Zukunft weitergehen. Zumindest, was die Zeitdiebe Facebook und Twitter betrifft. Über Hegel, über den Deutschen Idealismus oder über die wunderbare Malerei von Caspar David Friedrich läßt sich da nichts bis wenig lernen. Eine innere Uckermark finden und erfinden. Nicht im Netz partizipieren, sondern wieder die Texte produzieren. Es muß im Netzwerk nicht jeder ein Leser dort sein.

Und nach der alten Maßgabe weitermachen: Nicht jenen ahnungslosen Kleinemädchenjournalismus lesen, irgendwas zwischen Hannah Lühmann, Judith Engelmann und Margarete Kreischkowski, genau das, worauf ich seit Jahren keine Lust habe und was die kostbare Zeit raubt. Weniger ist mehr. Keinen Online-Journalismus. Oder kaum. Die durchs Dorf getriebenen Säue. „Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können – das macht den Journalisten.“ (Karl Kraus) Heute funktioniert viel zu oft nicht einmal mehr das Ausdrückenkönnen. Schreibimpotenz. Nicht einmal zu jener Beschreibungsimpotenz, die Handke 1967 in Princeton nannte, reicht es. Was ja immerhin noch ein Ton und ein Klang wäre: Nichts zu beschreiben, sondern Dinghaftes als Ding einfach zu zeigen. Ich will nach Wien in die Stadt von Karl Kraus. Auf diesen Spuren. Dieses Jahr. Die bösen und die guten Dinge tun.

Dieses Jahr – es steht Marx an, dessen Gedenkjahr 2018 zelebriert wird, mal angemessen, und sehr viel öfter vermutlich dumm-überflüssig , weil die Lektüre von Inkompetenz und Vorurteil getragen wird. Nicht was im Text steht, wird gelesen, sondern was sich im Köpfchen des Betrachters abspielt, ist das Maß der Lektüre und wird posaunt. Am Anfang steht nicht der Versuch und der Wille mehr oder weniger ausgebildet zu verstehen, sondern eine Hermeneutik des Verdachts. Lesenswert auf alle Fälle scheint mir die im September erschienene Biographie von Jürgen Neffe Marx. Der Unvollendete. Und dazu noch, allerdings älteren Datums, von Terry Eagleton Warum Marx recht hat. Man kann – so steht zu vermuten – allerdings schon dankbar sein, wenn die Diskussion dieses Jahr nicht auf dem Niveau „Aber Marx hat den Gulag möglich gemacht“ entlang glitscht. Mit solcher Unfug-Vermeidung wäre bereits einiges gewonnen. (Wenn auch wenig erreicht).

Auf geht es also zur Lektüre. Am besten die Originale selbst. Denn wie schon mein Professor Kleining in der Soziologie einst den Eleven sagte, die da im Proseminar saßen: Wer das Original nicht begreift, wird auch die Sekundärliteratur nicht verstehen.

Was Karl Marx und Karl Kraus übrigens eint: beide waren nicht nur kritische Analytiker und Beobachter ihrer Epoche, sondern ebenso glänzende Stilisten und Polemiker.

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Die Festtage

Mutmaßungen: Sind für den Geist und für das Herz die Stunden, da sie nichts voneinander wußten, besser gewesen als die, wo im gemeinsamen Sein und Spazieren die gewußte Zeit zuallererst das Bewußtsein schaffte, Bewußtsein und den Übergang?

Nächstes Jahr: Ich möchte wieder nach Wien, und ich fahre nach Wien. Deshalb ein paar Photographien von dieser herrlichen Stadt, gleichsam um Gestimmtheit anklingen zu lassen, eine Art Freude. Die des Spaziergängers.

Den Leserinnen und Lesern dieses Blogs ein paar frohbesinnliche Tage, Weihnachtstage mit, ja: mit was Sie sich wünschen. Der Blog macht bis zum Neuen Jahr eine Pause, es sei denn, es ergäben sich gar zu dringliche Angelegenheiten oder es pressiert im Denken. Halten Sie es mit Jean Paul und Lichtenberg: Bleiben Sie heiter, witzig, satirisch. Alles andere lohnt sich angesichts des objektiven Wahnsinns nicht. Und vor allem: Bissig bleiben. (Aber natürlich nicht stutenbissig.)

 

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Unkonforme Konformität. Martin Lichtmesz und Caroline Sommerfeld „Mit Linken leben“

„Die Vergiftung der Gesellschaft mit dem Virus des ‚Kampfs gegen Rechts‘ hat die Leute auf das menschliche Niveau einer Erkennungssoftware abgewrackt.“ In der Tat beschreibt dieser Satz aus dem Buch Mit Linken leben ganz gut, was gegenwärtig die Stunde schlägt. Und auch sonst ist das Buch für manche Provokation gut. Aber bei Aussagen kommt es auf den Kontext an, und es ist hilfreich zu wissen, wer sie macht. Solchen Sätzen zuzustimmen, bedeutet nicht, automatisch den Personen sowie den Kontexten zuzustimmen.

Die Autoren Caroline Sommerfeld und Martin Lichtmesz sind im Umfeld der Sezession und als Neue Rechte zu verorten. Man tut ihnen wohl nichts Böses an, wenn der Rezensent sich dieses Begriffes bedient. Im Gegenteil: sie selbst sehen diese Position nicht negativ, sondern als Auszeichnung und als Opposition zu einer meinungsmäßig immer gleichförmiger agierenden Gesellschaft. Sommerfeld ist zudem, das macht die Sache spritzig, mit dem eher links sich verortenden Kulturwissenschaftler Helmut Lethen liiert. (Zu Lethens Buch Der Schatten des Fotografen findet sich auf AISTHESIS eine Rezension.) Ich habe einen ziemlichen Faible für das Zusammengehen oder in diesem Falle eben das erotische Zusammenlieben von Gegensätzen.

Was für ein Buch ist Mit Linken leben? Vor allem aber: weshalb sollte man es lesen? Ein Sachbuch ist es mit Sicherheit nicht – wie etwa Thomas Wagners Die Angstmacher –, eher schon eine Kampfschrift, um die eigene Position für die eigene Gemeinde zu bestimmen und Freund von Feind zu scheiden. Also das, was Carolin Emcke oder das Missy Magazin für die andere Seite machen.

Das Buch, so die Autoren, dient als Leitfaden. Für die verschiedenen Arten von Linken haben die Autoren eine kleine Typologie entwickelt, und sie zeigen Redestrategien gegen linke Denkfiguren. Zudem ist es als Orientierungshilfe gedacht, wenn es um die Konfrontation mit links geht. Es können sich, so die Autoren, darin die Leser wiederfinden, um in ihrem Denken bestärkt zu werden – daß kluge Bücher eigentlich das Gegenteil leisten sollten, um freies Denken zu ermöglichen, steht auf einem anderen Blatt und ist das Problem nicht nur der Ratgeber für Rechte, sondern auch innerhalb der linken Erbauungsliteratur, bis hin zum Belehrungsjournalismus: Vorbetung und Predigt, wie die Emckesche Friedenspreis-Rede in Frankfurt. Nur hier eben von rechts. In diesem Sinne will das Buch – frei nach Gramsci, auf den sich mancher Neurechte inzwischen gerne beruft – den Kampf um kulturelle und politische Hegemonie aufnehmen, statt mit Argumenten zu streiten, wie dies etwa Leo/Steinbeis/Zorn in ihrem Buch Mit Rechten reden machen.

Es ist ein politischer Klimawandel im Gange und dies sehen die Autoren als Chance. Die Lager haben sich seltsam verdreht, es etablierte sich eine sehr eigentümliche Merkel-Linke, und da, wo früher Konservative für Verbote bestimmter Ansichten sich aussprachen, kommen heute Anti-Hatespeechkampagnen von links, die nicht bloß das treffen, was unters Strafgesetzbuch fällt, sondern mittlerweile genauso Ansichten verbannt sehen wollen, die ihnen nicht in den Kram passen. Daß sich beide Seiten immer weiter von der Grundlage sachlicher Argumente entfernen, kommt am Ende, was das politische Klima betrifft, den Rechten zugute. Die kulturalistische Linke merkt es nicht. Als Opfer des Gegners stilisieren sich beiden Seiten. Auch darin herrscht zwischen beiden Lagern Symmetrie.

In diesem Sinne will das Buch, so die Autoren weiter, unentschlossene Leser, die nicht wissen, wo sie stehen, auf ihre Seite ziehen. Pädagogischer Impetus sozusagen. Das freilich könnte fürs Buch nicht besonders gut ausgehen, sofern der Leser bereits einen kritischen Kopf mitbringt. Denn da wird er manche Ungereimtheit entdecken: Angefangen bei einem Essentialismus, der seine eigenen Voraussetzungen von Kultur nicht weiter begründen kann, sondern sie als Glaubenssache postulieren muß, bis hin zu gefühlter Wahrheiten, die genau wegen jener Fühligkeit weder Tatsachen und schon gar nicht Wahrheit sein können.

Dennoch lohnt die Lektüre. Wer aus erster Hand wissen will, wie diese Neue Rechte tickt und bisher Provokation von Götz Kubitschek und Tristesse Droite. Die Abende von Schnellroda nicht auf dem Schirm hatte, lese dieses Buch. Man erfährt einiges über deren Taktik und welche Strategien möglicherweise in the long run dahinterstecken. Manchmal ist das Buch sogar witzig. Die Bunkermentalität in Teilen des linken Lagers beschreiben die Autoren treffend, es findet sich eine feine kleine gemeine Liste, wie man Linke in Blasenwelten – ich nenne sie meist die kulturalistische oder evangelikale Linke – provozieren kann. Da sind lustige Sachen bei. Manche treffen unter die Gürtellinie, sind also böse, sehr böse. Das mag nicht jeder lustig finden.

Wir sollten jedoch in einer pluralen Gesellschaft wieder lernen, auch Meinungen auszuhalten, die nicht unbedingt konform sind. Allerdings sollten wir zugleich für die Ansichten Begründungen einfordern und nachhaken, was genau gemeint ist. Niemand ist gezwungen, für die Homoehe zu votieren, und ob man dann bei einer Schwulenheirat Blumen streut oder es sein läßt, ist Privatsache. Ich selbst differenziere nicht nach solchen Aspekten, sondern nach Arschloch und Nicht-Arschloch. Das vereinfacht in der Regel die Mechanismen der sozialen Auslese.

Trotzdem liegt das Buch in seiner Beschreibung in einigen Passagen richtig, wenn es an die Zuschreibungen geht, die Linke von Rechten machen und was heute bereits als rechtsextrem gelabelt wird. Da tauchen plötzlich liberale oder konservative Autoren wie Greiner, Mosebach, Safranski, Sloterdijk oder Baberowski im Reigen der Rechtsaußen auf. Und auch wer Heimat sagt statt Zuhause, wer offene Grenzen problematisch findet, ist von diesen Annahmen her nicht per se rechts. Ob man für solche Einsichten jedoch Mit Linken leben gebraucht hätte, ist fraglich. Dazu hätte auch die Lektüre dieses Blogs gereicht.

Bei Teilen dieser kulturalistischen Linken geht es in der Tat darum, unliebsame Meinungen moralisch zu labeln, anstatt sachlich nach den Kontexten zu fragen, in denen solche Sätze geäußert werden. Darauf deutet das Buch zu recht. Eine Linke im schrillen Daueralarm, das also, was, so die Autoren mit (richtigem) Verweis auf Arnold Gehlen, Hypermoral genannt wird: Indem ein Begriff von Moral, der partikular relevant sein mag, auf ein ungeheures Maß aufgeblasen wird. Jede Regung in einer Gesellschaft, jeder nur irgendwie geäußerte Satz oder ein vermeintlich falsches Sujet im Kunstwerk, wie ein Geschlechtsteil führen dann regelmäßig zu Empörungsdiskursen der vermeintlich Rechtschaffenen. Im Dauerton werden von beleidigten Leberwürsten Diskriminierungsabsichten gewittert und getwittert. Eingebaute AfD-Detektoren klingeln und wittern. Ich halte die jedoch für eine stupide Form des Denkens. Politischer Infantilismus macht sich breit statt kritischen Denkens.

Eigentlich ein trauriges Zeichen, daß man in solchen Fragen bereits Lichtmesz und Sommerfeld recht geben muß. Diese Art von „Linke“ sollte sich fragen, woher eigentlich solche Reflexe rühren. Aber dazu ist Reflexion erforderlich – was auch bedeutet Selbstdistanz einzunehmen und einmal aus der Blasenwelt des eigenen Milieus hinauszutreten. (Mit Rechten reden zeigt, wie das durchaus sinnvoll funktionieren kann.)

Ebenso benennt das Buch die intellektuelle Unzulänglichkeit jener puritanischen Linken konkret und korrekt:

„Nur wenige Linke gründen heute ihr Weltbild in der Lektüre von Marx und Engels, Adorno und Marcuse, Foucault und Derrida oder Debord und Chomsky; an die Stelle der linken Theoriebildung ist für die Masse der Linken die wesentlich einfacher zu handhabende Nomenklatur der ‚politischen Korrektheit‘ getreten. Hierin unterscheiden sich die zeitgenössischen in vielerlei Hinsicht von der klassischen Linken. Ökonomische Ungleichheiten werden immer mehr zugunsten einer Form der ‚Identitätspolitik‘ vernachlässigt, die immer neue ‚Opfer‘gruppen (…) vor ‚Diskriminierung‘ zu schützen oder ihnen soziales, symbolisches und kulturelles Ansehen zu verschaffen sucht.“

Doch verkehrt sich richtige Intuition ins Falsche, wenn die eine Sache gegen den anderen Aspekt ausgespielt wird. Auch wenn das Buch manche Mechanismen scheinlinker Diskurse richtig beschreibt, liegt es in seinen Bewertungen und vor allem in den Generalisierungen zu oft daneben und kontaminiert damit die eigentlich richtigen Ansätze. Es ist ja nicht so, daß wir seit 150 Jahren Schwulenbefreiung haben. Der Paragraph 175 galt bis zum 11. Januar 1994.

Aber das Buch ist eben keine linke oder liberale Kritik an der kulturalistischen Linken, sondern eine von ganz rechts her. Wendungen wie „Der Apparat der Tabuisierung und Einschüchterung“ (S. 56) für ein bestimmtes Milieu politischer Korrektheit ist eine solch unzutreffende Verallgemeinerung. Die politische Wirklichkeit ist pluraler und auch konservativer verfaßt, als es Lichtmesz/Sommerfeld ausmalen.

Kulturell mag es in bestimmten Kontexten eine Hegemonie dieses Milieus geben – wer je zu einer Vernissage mit Antaios-Tasche erscheint, dürfte sein blaues Wunder erleben, und was sich in den meisten Theatern tut, ist nicht die Inszenierung einer widersprüchlichen Gesellschaft, sondern wir schauen viel zu oft Erbauungsstücke für die eigenen Gemeinde, wo am Ende eine Art griechischer Chor noch dem letzten Dummen ins Ohr bläst, was er zu denken und wie er Pegida-Demonstranten einzuordnen habe. Kritisch ist das schon lange nicht mehr.

Politisch aber ist die herrschende Tendenz keineswegs links. Claus Kleber, Friede Springer und Liz Mohn sind mir nicht als Linksradikale bekannt. Hier überspitzt das Buch deutlich. Links-liberal bzw. links-grün regierten in der BRD gerade mal 20 Jahre (und auch da kann man lange streiten, ob das wirklich links ist). Konservative hingegen regierten rund 48 Jahre. Es gibt in der BRD im Politischen keine linke Hegemonie. Allein die Springer-Presse steht deutlich und seit Jahrzehnten als Beleg dagegen.

Und so findet sich in Mit Linken leben manche Verkürzung. Man kann das damit entschuldigen, daß dieses Buch eine Polemik sein will, und bekanntlich steckt in der Übertreibung die Veranschaulichung. Ich hege jedoch den Verdacht, daß hier gar nicht so sehr übertrieben werden soll, sondern daß diese Inhalte tatsächlich geglaubt und gut abgehangen auf Emotion heruntergerechnet werden. Diese mangelnde Differenzierung jedoch macht das Buch am Ende intellektuell unergiebig für jene, die keine große Lust haben, dieser oder irgendeiner anderen Sekte beizutreten.

Problematisch sind insbesondere die Dogmatismen sowie ein kultureller Essentialismus. Nationale wie auch kulturelle Identität lassen sich nicht einfach proklamieren, sondern hier handelt es sich um komplexe, komplizierte Prozesse, auch in bezug auf die Fragen der Assimilation bestimmter Gruppen. Wenn dann die Begründungen für einen absolut gesetzten Geltungsanspruch versagen oder nicht ausreichen, wird sich auf eine Autorität berufen, wird gar Goethe zitiert:

„‚Wenn ihrs nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen‘ Das hat mit ‚links‘ oder mit ‚rechts‘ an sich gar nichts zu tun; es ist eine Gegebenheit menschlicher Kommunikation, die nicht zu ändern ist.“ (S. 101)

Nur begründet eben solch ein Satz nichts. Da steht dann ein Meinen gegen ein anderes, wie Hegel schon in seiner „Phänomenologie“ spottete. Und eine Seite weiter geben die Autoren ganz unverhohlen zu, daß es ihnen um sophistische Tricksereien und nicht ums Argument geht. Da wird Schopenhauers eristische Dialektik, die „Kunst, Recht zu behalten“ bemüht. Dabei verkennen die Autoren freilich, daß Schopenhauer dieses Buch implizit in aufklärerischer Absicht schrieb und nicht bloß, wie man auf den ersten Blick glauben mag, als Anleitung zur geschickten Manipulation.

Wenn in den Angelegenheiten von Kultur und Identität keine Klarheit und Eindeutigkeit besteht, sondern sich bloß aufs vage Fühlen berufen werden kann, dann sind gedanklich ebenso andere Fühligkeitskonzepte möglich. Fundamentalismus führt sich selbst in den Widerspruch, es ist nicht das Fundament im starken Singular, sondern moderne Gesellschaften bestehen aus verschiedenen Bauteilen. Hier freilich – und das ist ja auch ihre erklärte Absicht – wollen die Rechten auf der Ebene der Gefühle ihren Kampf um die Deutung und damit um die politische Hegemonie aufnehmen, um jene Emotionen zu mobilisieren: Nation, Heimat, Identität. Begriffe, freilich, die nicht per se schlecht sind, weil sie von den Rechten benutzt werden. (Sieht man vom Begriff der Nation mal ab. Ich bevorzuge, in Hegelscher Tradition, den des Staates.)

Manches, was die Autoren schildern, trifft zu – unabhängig von den politischen Koordinaten. Aber die maßlosen Übersteigerungen führen am Ende auch dieses Verfahren ad absurdum. Nicht Argumente, sondern Stimmungen sind das Ziel: „Endlich sagt es mal jemand!“ Das sehe ich als problematisch, und zwar nicht wegen der einzelnen Themen, wie etwa Islam oder Flüchtlingsfrage, darüber kann man reden, sondern aufgrund einseitiger Zuspitzung, etwa in Begriffen wie Volkstod, Überfremdung, „zur Minderheit in seinem eigenen Heimatland“ werden, Umerziehung des Volkes: da möchte man dann um eine inhaltliche Präzisierung und vor allem um Argumente bitten, statt daß Emotionen durchgenudelt werden.

Aber es geht Lichtmesz/Sommerfeld nicht um rationale Diskurse oder um politische Argumente, sondern darum, das Kampfvokabular zu schärfen. Intellektuell unterlaufen Lichtmesz/Sommerfeld den von ihnen gesetzten Maßstab erheblich. Das mitanzulesen, macht wenig Freude. Es ist Mit Linken leben eine Ressentiment-Buch geworden, statt eines streitbarer Essay mit Sprachwitz – und was Nietzsche von der niederen Regung des Ressentiments schrieb, wissen wir. Das Buch enthält gedanklich kaum Subtiles. Daß es die Linke ins Schwitzen brächte, steht kaum zu befürchten. Zumindest nicht vom Argument her. Lesenswert ist es jedoch, um zu sehen, wie diese Neue Rechte tickt und in welcher Liga sie spielt.

Interessant freilich hätte das Buch an der Stelle werden können, wo Sommerfeld von ihrer Beziehung zu Helmut Lethen schreibt – da, wo das Private politisch wird. Wie mit solchen Gegensätzen in der Liebe umgehen? Leider streift sie diese brisant-spannende Frage nur in wenigen Absätzen. Schön dabei immerhin Sommerfelds Verweis auf den Humor, um qua Witz, diesem wunderbaren Ingenium, Disparates zusammenzuhalten. Der ist in solchen Liebesdingen in der Tat relevant. Aber dafür lese ich dann lieber Jean Paul oder Robert Gernhardt, dessen 80. Geburtstag ich hier im Blog leider versäumte. Wie auch den 220. vom geliebten Heinrich Heine. Vielleicht ist ja der Humor eine Exit-Strategie aus den allzurechten Verquickungen. Und auch mancher Diskussionsdisput in Freundeskreisen entschärft sich oft durch jene Prise Witz. In der Liebe sowieso.

Caroline Sommerfeld / Martin Lichtmesz: Mit Linken leben, Antaios Verlag 2017, 18,00 €, 336 S., ISBN 978-3-944-42296-1
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Flaneure mit System. Zu Peter Handkes 75. und Niklas Luhmanns 90. Geburtstag

„Die Essenz des fiktionalen Schreibens ist die Isolation.“ So sagte es der US-amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen in einem Interview mit der NZZ. Ebenfalls, so möchte ich ergänzen, ist die Bedingung für wissenschaftliches Schreiben die Abgeschiedenheit. Hegelianisch gedacht ein reines Für-sich-sein. Doch kein Schreiben, kein Denken ohne Dialektik: um der Welthaltigkeit einer Theorie und um der Fähigkeit zur Erfahrung willen muß sich der Denker zur Welt öffnen. Die fensterlose Monade mag Resultat der Theorie sein, aber nicht ihr Ideal und schon gar nicht deren Voraussetzung im Denkprozeß. Hegel im übrigen war ein ausnehmend geselliger Geist und in solcher Geselligkeit kann sich das Denken prägen und entfalten, vor allem aber stößt es auch auf den Widerpart. Gedanken verflüssigen sich in den Gesprächen, im zweisamen Flanieren manchmal sogar, wenn man, wie es so schön heißt, über Gott und die Welt und die verschiedenen Theorien der Philosophen spricht.  Zwischen Freiheit und Systemzwang, zwischen Eros der Erkenntnis und einer blonden Haarsträhne.

Wie es der Soziologe und Systemtheoretiker Niklas Luhmann in der Frage des geselligen Austausches hielt, ist mir nicht bekannt. Er lebte eher zurückgezogen und folgte einem intensiven Schreib- und Arbeitsrhythmus, wie man dem Luhmann-Interview „Biographie, Attitüden, Zettelkasten“ in dem Merve-Gesprächsband „Archimedes und wir“ entnehmen kann. [Wer es eher persönlich und aus dem Nähkästchen geplaudert mag, wähle sich die drei Gesprächs- und Interviewbücher mit Luhmann, die im Kadmos Kulturverlag erschienen sind, um dem Systemtheoretiker sich zu nähern – ein weiteres Buch mit dem Titel „Niveau, wozu, wieso, Herr Luhmann? Problemorientierte Gespräche mit Niklas Luhmann“ erscheint im Oktober 2018.]

Geselligkeit also. Angeblich soll Luhmann mit Habermas Pingpong gespielt haben. Trotz jener hart geführten Kontroverse zwischen System- und Kommunikationstheorie. Eine legendäre Fehde, die die beiden so unterschiedlichen Denker Anfang der 70er Jahre austrugen, nachzulesen in jenem Band aus der „Theorie“-Reihe im Suhrkamp Verlag: „Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie – Was leistet die Systemforschung?“. Weltreduktion gegen Vielfalt und Erfahrungsbegriff. Theorie gegen Theorie, Konzept gegen Design, kritische Beschreibung gegen Konstruktivismus:

„Die soziale Kontingenz sinnhaften Erlebens ist nichts anderes als ein Aspekt jener unermeßlichen Weltkomplexität, die durch Systembildung reduziert werden muß.“

So Luhmann in jenem Band. Lebenswelt gegen Systemwelt. Beides hat methodisch und im Erfahrungsreflex etwas für sich. Ich denke diese Aspekte nicht in der Logik des Entweder-Oder. Und insofern kann man auch die ansonsten unterschiedlichen Denker und Autoren Handke und Luhmann in eine Konstellation bringen. Theorien sind Versuche.

Ähnlich auch Peter Handke, wenngleich, folgt man dem kürzlich gesendeten Fernsehportrait und den Handke-Interviews, deutlich ungesellig: Jener einsame Flaneur, mit seiner Behausung in der „Niemandsbucht“ nahe Paris. Ein Seinsbezirk mit Garten, verwunschenem Haus, mit Schreibzeug und Bleistift, von dem aus der Dichter seine Spaziergänge startet, von wo aus er die Welt um sich herum erkundet. Ein ausgedehntes Spazieren, von den Rändern der Stadt – diese Peripherie als System und Grenze spielt übrigens ebenfalls, seltsame und eher unfreiwillige Parallele, in Shumona Sinhas Roman Erschlagt die Armen! eine Rolle. Und bei Luhmann sowieso, wenn es in seinem Grundlagenbuch „Soziale Systeme“ um die Grenze zwischen System und Umwelt ging. Nur ist das kein Spaziergang.

In Handkes Roman „Der Große Fall“ spaziert ein Mann, von dem der Erzähler dieser Geschichte berichtet, genauer gesagt, ein Schauspieler, vom Rand der Stadt hin zum Zentrum. Betrachtet, schaut, wie der Rand in die Stadt verfließt, was sich tut auf den Straßen, im Wald, im Park. Die Vorstadtregionen sind es, wo Landschaft und Stadt, Natur und Menschenwelt in eine Berührung geraten, sich ineinander verstricken. Der Autor beobachtet dies, aber es ist (meist) eine Beobachtung erster Ordnung: bei den Dingen selbst zu sein, sie in ihrer schönen Unerbittlichkeit aufzufassen, aufzuheben in die Literatur. Handke ist ein Phänomenologe des Dinglichen, einer freilich, der mit Poesie begabt ist.

„Mein Lebtag lang hat mir die Unnahbarkeit der Welt, ihre Unfaßbarkeit und Unzulänglichkeit, mein von ihr Ausgeschlossensein, am schmerzlichsten zugesetzt. Das ist mein Grundproblem gewesen. Ein Dazugehören, Teilhaben, Mitwirken war so selten, daß es ein jedes Mal ein großer Augenblick für mich wurde, zudem überlieferungswert. Das Weltwerden jeweils der Welt, der friedfertigen, das Biegen, Sicherstrecken, Farbwerden, der Natur wie der Zivilisation, war nicht nur Ereignis, sondern auch Moment von Erkenntnis: mit dieser Erkenntnis gäbe es keinen Krieg.“ (P. Handke, Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten)

Handkes Suche nach solchen Augenblicken. Literatur weist auch auf jenen Nicht-Ort, aufs Utopische nämlich. Das freilich unterscheidet Handke vom Skeptiker Luhmann, dem das Singen von der Schönheit der Welt lediglich ein Effekt der Kunst in der Moderne ist, auf alle Fälle einer systemtheoretischen Betrachtung wert, was bedeutet, nach der Funktion dieser Neigung zu fragen, und zwar unter den Bedingungen funktionaler Ausdifferenzierung: „Die Kunst der Gesellschaft“ ist eben keine Ästhetik, sondern eine soziologische Beschreibung.

Niklas Luhmanns 90er Geburtstag (inzwischen gestorben, nämlich am 6. November 1998) und Peter Handke, der Dichter, mit 75 Jahren noch am Leben und produktiv. Seltsames Band zwischen beiden. In einem einzigen Text kaum unterzubringen. Aber es reizen die Gegensätze und darin etwas zu entdecken, was verbindet.

Hinausgehen ins Unentdeckte, sich übersteigen, Disziplin in der Arbeit und jene Stetigkeit im Tageslauf. Handkes wunderbare Prosa, die auf den Moment zugeschnitten ist, berichtet von solchen Szenen, vom Alltäglichen und von der Arbeit des Schriftstellers im Besonderen, folgt ihm in den Nachmittag hinein. Den einen geglückten Tag zu suchen, um dabei – Beobachtung zweiter Ordnung – doch irgendwie das Schreiben selbst als Akt in den Blick zu bringen:

„Wann, anstelle des unendlichen Zickzacks draußen an der Peripherie, des zittrigen Grenzziehens an einer um so leerer wirkenden Sache, setzt du endlich, Satz für Satz, zu dem so leich-wie-scharfen Schnitt, durch das Wirrwarr in medias res, an, damit dein obskurer ‚geglückter Tag‘ beginnen kann, sich zu der Allgemeinheit einer Form zu lichten?“ (P. Handke, Versuch über den geglückten Tag)

„Ich habe von dem geglückten Tag keine einzelne Vorstellung, keine einzige. Es gibt allein die Idee, und das läßt mich auch fast verzweifeln, einen erkennbaren Umriß ins Bild zu rücken, das Muster durchschimmern zu machen, die ursprüngliche Leuchtspur nachzuziehen – von meinem Tag, wie ich es mir doch eingangs ersehnte, einfach und rein zu erzählen. Indem nichts als die Idee da ist, kann das Erzählen nur handeln von ebendieser Idee. ‚Ich möchte dir eine Idee erzählen.‘ Aber eine Idee – wie ist sie erzählbar?“ (P. Handke, Versuch über den geglückten Tag)

Diese Prosa umkreist, sie sucht und versucht die Sprache, schreitet, von Schwelle zu Schwelle, der Schriftsteller ist ein Schwellenkundiger, so Handke, und trägt zugleich Scheu vor der Schwelle. Diese Scheu, diese Furcht macht die Sprachkraft des Dichters aus, weil er imstande ist, diese Schwelle zu denken. Von ihr zu schreiben. Und so spaziert der Dichter entlang den Waldwegen, bis in die Pilze hinein.

Dem Theoretiker und dem Flaneur ist die Lust am Beobachten und am Entdecken gemeinsam – bis in die intimsten Regungen hinein:

„Das Leitsymbol, das die Themenstruktur des Mediums Liebe organisiert, heißt zunächst ‚Passion‘, und Passion drückt aus, daß man etwas erleidet, woran man nichts ändern und wofür man keine Rechenschaft geben kann. Andere Bilder mit zum Teil sehr alter Tradition haben den gleichen Symbolwert – so wenn man sagt, Liebe sei eine Art Krankheit; Liebe sei Wahnsinn, folie à deux; Liebe lege in Ketten. In weiteren Wendungen kann es heißen: Liebe sei ein Mysterium, sei ein Wunder, lasse sich nicht erklären und nicht begründen usw. All dies verweist auf ein Ausscheren aus der normalen sozialen Kontrolle, das aber von der Gesellschaft nach einer Art Krankheit toleriert und mit der Zuweisung einer Sonderrolle honoriert wird.“ (N. Luhmann, Liebe als Passion)

„Die angestrengte Beobachtung des anderen auf jedes Zeichen hin, das er (absichtlich oder unabsichtlich) gibt als Hinweis auf eine Möglichkeit, ihm ein Zeichen der Liebe zu geben, gehört zu den wichtigsten Vorschriften der klassischen Liebesemantik. Die dem zu Grunde liegende Einsicht lautet, daß nur kontinuierliche Aufmerksamkeit und Dauerhandlungsbereitschaft im Blick auf den anderen wirklich Liebe zu symbolisieren vermögen.“ (N. Luhmann, Liebe als Passion)

Das Wagnis Liebe, so Luhmann, erfordert eine tradierte Semantik, auf die sich die Liebenden – unbewußt und ungewußt – stützen können, sonst geschieht es nicht. Kein Ereignis ohne Semantik. Funktional, aber in der Theorie doch luzid und präzise, beschreibt Luhmann diese Irrungen und Wirrungen, die doch – für die Liebenden freilich unbewußt – einer Ordnung der Welt unterliegen. Liebe geschieht. Aber nach Regeln. Für die kostbare Poesie und die Ausdichtung dieses feinen Verhältnisses sind freilich andere zuständig, nicht mehr der statuarisch beobachtende Systemtheoretiker. Die Poesie der Liebe schreibt der Systemtheoretiker in kühler Prosa des Alltags als Verhältnis mit Systemzwang. Zwischen Zettelkasten, Schreibtisch und Mittagsessen. Doch die Haltung des Erzählers und die des Theoretikers ähneln sich insofern, weil sie den offenen Blick erfordern – das verbindet sie. Insbesondere einen derart intensiven Betrachter und Spaziergänger wie Handke.

Man kann in der Theorie wie auch in der Prosa flanieren.

„Endlich nur noch draußen, bei den Dingen, zu sein, das war eine Art von Begeisterung; es war, als wölbten sich dabei die Augenbrauen. Ja, den Namen los zu sein, begeisterte; man schien dadurch, wie der legendäre chinesische Maler, verschwunden im Bild …“ (Handke, Nachmittag eines Schriftstellers)

Nicht anders löst sich das Subjekt in der Systemtheorie auf.

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Mitten unter uns – arabischer Antisemitismus

Eigentlich sollte heute an dieser Stelle ein Text zu Peter Handkes 75. und zu Niklas Luhmanns 90. Geburtstag stehen – verspätet, nachträglich. Aber nachdem am Wochenende hier in Berlin am Samstag und Sonntag massive antisemitische Demonstrationen stattfanden, kann und will ich nicht zur Tagesordnung übergehen.

Es ist seltsam: Wenn in der BRD, egal wo, die AfD demonstriert, kommt es von seiten der Linken sofort zu Gegenprotest und Straßenblockaden. Das reicht so weit, daß sogar das Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit verletzt wird und daß rechtmäßig gewählte Abgeordnete – man mag von ihnen und von der AfD nun halten, was man will – bei einem Parteitag gehindert werden, zum Veranstaltungsort vorzudringen. Seltsam. Laufen aber seit zwei Tagen einige Tausend arabische und türkische Antisemiten durch Berlin, verbrennen Israelfahnen,  rufen nach dem Tod Israels und nach dem Tod der Juden, dann tut sich von seiten der Linken und der sogenannten, selbsternannten Antifaschisten gar nichts. Nichts. Irgendwie scheinen in den Fragen des Politischen immer mehr die Maßstäbe verrutscht. Vorgeblicher Antifaschismus, Antifaschismus als Ruhekissen für die gute Gesinnung.

Aber da, wo es ernst wird, mitten unter uns, im migrantischen, arabischen Milieu, wo gut abgehangen der Antisemitismus wächst und gedeiht, da schweigt dieser linke Antifaschismus. Während bei einer rechtmäßig gewählten Partei ein riesiges Gewese und Faschismusinszenierung gemacht wird, bleibt es still, wenn reale Judenhasser und solche, die die Juden tot sehen wollen, auf den Straßen durch Berlin marschieren. Wo sind eure Straßenblockaden gegen arabische Antisemiten? Wo ist euer Protest? Gibt es Statements der Amadeu Antonio Stiftung und von anderen linken Organisationen?

„Khaybar, Khaybar, ya yahud, Jaish Muhammad, sa yahud!“ Ich habe diesen Ruf bereits auf vielen arabischen, islamischen und türkischen Demos gehört, wenn ich photographierte und mich als Beobachter unter die Leute mischte. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, was das heißen könnte. (Ich warte nun nur noch auf die ersten Hinweise und Einwände, daß das alles natürlich rein gar nichts mit dem Islam zu tun hat.) Und ich bin mir sicher: es findet sich ein westliches Vergehen, das den arabischen Antisemitismus in irgendeiner Weise doch motiviert. Im Zweifel ist es immer der Kolonialismus. Seltsam auch: brächte man ein ähnliches Erklärungsmuster bei den Nazimorden an den europäischen Juden, kämen – zu recht – Protest.

Ich habe Araber gesehen, die auf einer Demo einen vorbeieilenden Juden angriffen, deutlich erkennbar durch die Kippa und die Schläfenlocken. Zwei eher zufällig anwesende Polizisten sowie ein Araber und auch ich haben sich massiv und schützend vor diesen Mann gestellt, so daß er fliehen konnte. Nein, dieser Antisemitismus ist kein zufälliges Moment und der geschieht auch nicht einfach so. Und über diesen Antisemitismus müssen wir reden und wir müssen uns überlegen, was geschieht, wenn zunehmend Menschen aus dem arabischen Großraum in die BRD drängen. Ich denken nämlich nicht, daß die Schulbildung in Syrien oder Irak so gelungen ist, daß sie zwischen Kritik an Israels Siedlungspolitik in Westjordan und einem generellen, strukturellen Antisemitismus differenziert. Davon einmal abgesehen, daß immer mehr externe Konflikte hier in der BRD internalisiert und ausgetragen werden, und zwar in einer unguten Weise, wie man auf den Bildern vom Wochenende sehen kann.

Wer als Araber oder Türke nicht begreift, daß das Existenzrecht Israels unantastbar ist, sollte sich überlegen, ob er hier in der Bundesrepublik im richtigen Land lebt.

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Nachzutragen auch dieser Bericht heute, für Herrn Höcke genauso wie für die, die am Wochenende durch Berlin marschierten:

„Vernichtungslager Belzec. Diese Namen dürfen wir nicht vergessen.Vor 75 Jahren rollte der letzte Todeszug in das deutsche Vernichtungslager Belzec. Mehr als 430.000 Menschen wurden dort ermordet. Wir müssen die Erinnerung daran wachhalten.“

http://www.t-online.de/nachrichten/wissen/geschichte/id_82858120/vernichtungslager-belzec-diese-toten-duerfen-wir-nicht-vergessen.html

 

Photographie: Teilnehmer einer Demonstration verbrennen eine selbstgemalte Fahne mit einem Davidstern in Berlin im Stadtteil Neukölln (10.12.2017).
Foto: Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V./dpa
– Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/29271560 ©2017

 

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Wien, Böhmen und Mähren

Mit dem Nationalismus kommen die Herrschenden, kommen Regierungen immer dann, wenn sie nichts weiter mehr anzubieten haben und der Arsch auf Grundeis geht. Trotzdem halte ich die postnationale Konstellation, wie sie etwas Habermas im Hinblick auf die EU vorschwebt, für problematisch. Der Kulturraum ist für ein solches Projekt zu groß angelegt, wenngleich diese Idee politisch nicht uninteressant ist, sofern es sich nicht bloß um eine wirtschaftsliberale Jean-Claude-Juncker-EU handelt. Ich selbst bin eher ein Freund der antiken Polis, aber in diesem Konzept von Gemeinschaft und Gesellschaft steht zugleich zu befürchten, daß dieser Verbund zu weit mehr Kriegen und Verheerungen führt als stabile (demokratische) Nationalstaaten. Auf absehbare Zeit wird der Nationalstaat mit intakten Grenzen weiterhin das Paradigma abgeben. Wer zu einem solchen Staat dazugehört und wer nicht, wird eine Frage der gesellschaftlichen Debatten bleiben und sich dort entscheiden. Ius soli oder ius sanguinis: Recht des Bodens oder Recht des Blutes, was die Einbürgerung betrifft. Frankreich ist nicht in allem ein gutes Vorbild, und wer das Ius soli favorisiert, sollte sich gut überlegen, wie solche Einbürgerungen bewerkstelligt werden,  daß ein gelungenes Gemeinwesen entsteht. Mit Ghettos und Banlieus als No-go-Areal ist nicht viel gewonnen. Anyway, das sind lange Prozesse, die in den öffentlichen Diskursen ausgetragen werden. Viel Für-und-Wider.

Im übrigen denke ich, daß Verfassungspatriotismus allein für einen solchen Staat nicht ausreicht. Denn der ist eine Sache eher für Intellektuelle und für die Freunde geistiger Konstrukte. Zur Frage des Nationalstaates interessant zu lesen auch Karl Heinz Bohrer in „Jetzt“ und natürlich sehr polemisch im Essayband „Provinzialismus“.

Soviel nur als kleines Anteasern. Da ich in den nächsten Tagen teils freudig-ausflüglerisch, teils freudig-akademisch beschäftigt bin, kann ich meine Rezension von „Mit Linken leben“ von Sommerfeld/Lichtmesz und „Mit Rechten reden“ von Leo/Steinbeis, Zorn erst ab dem 11.12. hier bringen. Da es zu diesen Texten vermutlich Kommentare geben wird und ich, da ich im Denken anderswo weile, nicht antworten kann, verschiebe ich lieber. Stattdessen Photographien von Wien.

Ja, die Zeit ist im Augenblick knapp und wenn man für einen Kolloquiums-Vortrag in Budweis über Hegels These vom Ende der Kunst mühsam alles ins Englische übersetzen muß, obwohl früher dort „mein geliebtes Deutsch“ (Faust) gesprochen wurde, dann wallen in mir nationale Wogen, und viel denke ich an Kafka und die Prager Juden, die in ihrer Heimat lieber Deutsch als Tschechisch sprachen. Vielleicht sollte ich das Vortragsthema ändern: „Hegel und die Wiedereroberung des Sudentenlandes unter Berücksichtigung von Böhmen und Mähren“. (Mal sehen, ob ich in meiner Englisch-Aussprache Slavoj Žižek übertreffe. Zumindest aber werde ich mich hüten, solche T-Shirts zu tragen.)

 

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