Post Marx? Postromantischer Belastungsstreß? 150 Jahre „Das Kapital“

„Der Mensch ist im wörtlichsten Sinn ein zoon politikon nicht nur ein geselliges Tier, sondern ein Tier, das nur in der Gesellschaft sich vereinzeln kann. Die Produktion des vereinzelten Einzelnen außerhalb der Gesellschaft – eine Rarität, die einem durch Zufall in die Wildnis verschlagnen Zivilisierten wohl vorkommen kann, der in sich dynamisch schon die Gesellschaftskräfte besitzt – ist ein ebensolches Unding als Sprachentwicklung ohne zusammen lebende und zusammen sprechende Individuen.“
(Karl Marx: Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie)

„Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eignen Botmäßigkeit.“
(Karl Marx, Das Kapital I)

„Der Revolte garstiger Feuerstank!“
(Bersarin, Dankesrede zur Verleihung der Joseph de Maistre-Medaille)

Was fangen wir mit Marx an? So schalt es, freilich verhalten, im Gewimmel des bürgerlichen Feuilletons und in den öffentlichen Diskursen. 150 Jahre Kapital – im Sommer 1867 erschien der erste Band. Und im nächsten Jahr werden wir Marx‘ 200. Geburtstag begehen. Ob es dazu ebensolchen Rummel gibt wie zu Luthers Thesen, wird man sehen. Gewiß wird mancher, wie schon bei Luther, den vorgeblichen Antisemitismus von Marx hervorkramen. Dumm freilich – insbesondere von Hannah Arendt, aber, so steht zu vermuten, eher ihrem boshaften Beißreflex gegen die Frankfurter Schule geschuldet, als der Sache. [Davon ab, daß diese Kritik insbesondere bei Luther kein völkischer Antisemitismus im modernen Sinne ist, sondern sich aus dem religiösen Antijudaismus speist.]

Wie sich Marx nähern? Am besten sinnlich und konkret vom Text her. Das heißt, die beiden Zitate laut zu lesen. Den Klang der Wörter, den Rhythmus des Satzes beim Vorlesen wirken lassen. Marx schrieb nicht die Revolution, sondern er war Analytiker der Gesellschaft und in seiner Analyse der kapitalistischen wie bürgerlichen Gesellschaft zugleich ein Stilist. Er legte beim Schreiben Wert auf Sorgfalt. Selbst einer wie der Springer-Journalist und der spätere Leiter der Henri Nannen-Schule, Wolf Schneider, der wie sein Namensgeber mehr von einem Wehrmachtssoldaten mit Störkraftfeuer als von einem feinsinnigen Schreiberchen hatte, konzedierte Marx einen hervorragenden Stil. Klar, präzise, deutlich, wie Scheider es sich wünschte, wenn einer schrieb.

Und Marx war stilistisch ein Vorläufer von Karl Kraus, nicht nur, weil er die Sprache zum Tanzen brachte, sie mit Schwung auf die Sache kaprizierte und ihr so zum Ausdruck verhalf, sondern vor allem, was den bösen Ton betraf. Marx‘ Polemiken sind Legion, sie sind scharf, sie treffen den Gegner genau. Ins Gesicht. Gesellschaftskritik läuft (auch) über die Sprache. Marx wußte das, Kraus wußte es und ebenso Adorno und Benjamin, die Kraus‘ „Methode“ schätzten.

Was also tun mit Marx: Ihn nachbeten, ihn rekonstruieren, wie Habermas es in „Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus“ forderte? Geschichte ist Rekonstruktion, Theorie ist dies auch – sicherlich, – und ebenso lassen sich die ökonomischen Prozesse der Vergangenheit wie auch der Gegenwart beschreiben. Marx hat sie in seinem Kapital analysiert. Er lieferte jedoch keine Volkswirtschaftslehre für Linksradikale, wie manche fälschlich annahmen, sondern er spielte der Gesellschaft ihre eigene Melodie vor. Marx schrieb, was ist. Marx „Kapital“ ist im besten Sinne eine kritische Theorie der Gesellschaft, weil er sie bei ihren eigenen Begrifflichkeiten nahm.

Historischer Materialismus ist dabei, wie auch der Begriff der Dialektik, ein Schlagwort. Wie aber füllt man sie mit Inhalt? Auch in diesem Sinne ist der Begriff der Rekonstruktion zu verstehen. Linien bei Marx nachzeichnen. Ob dafür Habermas tatsächlich der richtige Gewährsmann ist, daran wird mancher Kritische Theoretiker zu Recht seine Zweifel hegen. Rekonstruktion von Marx im Sinne Habermas? Er schreibt dazu in der Einleitung seines Buches, 1976 erschienen, die Träume der 60er Jahren waren zu dieser bleiernen Zeit schon lange keine linken Nachwehen mehr, sozusagen postromantischer Belastungsstreß (den es sicherlich auch gab im Vorrausch wie in den Nachwehen und dem Abklang der 60er), sondern nach der großen Misere von 1968 bereite sich die Leere aus, die Theorie der Dogmatiker mit den Ismen gelangte in die objektlose Innerlichkeit marxistischer Exegese-Orthodoxie der unterschiedlichen K-Gruppen. Marx als Säulenheiliger.

Aber nicht im Text selbst mehr bewegte man sich, diese Immanenz, das, was da buchstäblich stand, tatsächlich zu verstehen, war selten, trotz der Lektürekreise, die in Hochintensität lasen, sondern es steckten die K-Kombattanten – statt im Analysemodus der Theorie zu fahren – in den Revolutionspostulaten, postromantisch ein Revolutionssubjekt imaginierend – sie glaubten die IG-Metall wäre links und auf ihrer Seite. Aber was sie projizierten, das waren in Wahrheit Arbeiter in der BRD, die lange schon keine Arbeiter mehr sein wollten und sich schon gar nichts von jungen Männern mit Bärten sagen lassen mochten, die von der Universität kamen und klug daherredeten. Marx-Exegeten, die vor lauter Tauschwert nicht mehr die Schönheit des Gebrauchswertes sahen. Im Grunde völlig contre Marx, diesen unproduktiv mißverstehend. Und so sahen die Menschen in den Lesekreisen noch bis in meine Studienzeit aus: Unansehnlich. Gleichförmig. Aber wie wir wissen, sind Statuen und Säulen tot, leblos unlebendig, manchmal erschlagen sie ihre Anbeter, kraft ihrer Größe. Es ist das Gegenteil von kritischer Philosophie Idolatrie zu betreiben.

Habermas schreibt in der Einleitung von „Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus“:

Renaissance würde die Erneuerung einer Tradition bedeuten, die inzwischen verschüttet worden ist: das hat der Marxismus nicht nötig. Rekonstruktion bedeutet in unserem Zusammenhang, daß man eine Theorie auseinandernimmt und in neuer Form wieder zusammensetzt, um das Ziel, das sie sich gesetzt hat, besser zu erreichen: das ist der normale (ich meine auch für Marxisten normale) Umgang mit Theorie, die in mancher Hinsicht der Revision bedarf, deren Anregungspotential aber noch (immer) nicht ausgeschöpft ist.“

Ob das so funktioniert, steht auf einem anderen Blatt. Ich denke, daß Kritische Theorie heute lediglich deskriptiv sein kann, mit Foucault sozusagen ein fröhlicher Positivismus, obgleich sich die Dinge eigentlich nicht fröhlich gestalten, denn diese Gesellschaft ist, wie Karl Kraus es bereits für die k.uk.-Monarchie festhielt ein riesiges Versuchslabor für den Weltuntergang. Zu sagen also, was ist. Die Zeichen der Zeit zu deuten:

„Sie zeigen, wie selbst in den herrschenden Klassen die Ahnung aufdämmert, daß die jetzige Gesellschaft kein fester Kristall, sondern ein umwandlungsfähiger und beständig im Prozeß der Umwandlung begriffener Organismus ist.“ (K. Marx, Vorwort zur ersten Auflage des Kapitals)

Die Begriffe an dem zu messen, was sie unter sich befassen, auch das bedeutet, der Dynamik der Gesellschaft nicht nur gerecht zu werden, sondern ebenso den Schwung und die Entwicklung in Bewegung zu bringen. Auf Defekte weisen. Und zwar möglichst in einer ästhetisch ansprechenden Art, wie Karl Kraus es tat – der beileibe kein Marxist war – oder wie aus anderer Ecke immer wieder Wolfgang Pohrt es macht. Mit bösem Biß, wider den Stachel löcken, auch gegen die eigene Gemeinde.

Daß es im 20 Jahrhundert mit Marx allein nicht mehr geht, darauf verwies insbesondere die frühe Kritische Theoriem, die sich ebenso die Einsichten Freuds und Nietzsches zu eigen machte und soweit eine sozialpsychologische Dimension in die Theorie der Gesellschaft einführte – das eben ist deren eigentliche Pointe. Habermas ist da eine Abzweigung, die mit der Kritischen Theorie im eigentlichen Sinne nicht mehr viel zu tun. Die Frage nach Geltungsansprüchen ist ein universalphilosophisches Projekt, im Rahmen der Philosophie als Reflexionsmedium über die Vernunft, mithin eine Reflexion auf ihre eigenen Bedingungen. In dem gleichnamigen Sammelband „Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus“ spricht Habermas von solchen Begründungsfragen. Das aber, diese Fragen nach moralischem Sollen und nach Geltung sind etwas ganz anderes als die Kritische Gesellschaftstheorie von Marx.

Was also tun, mit Marx? Am besten, ihn lesen.

„Der Mensch streift heute nicht mehr mit seinen Hunden und seinem Bogen am Rande der Sümpfe umher: sein Freiheitsdrang hat sich andere Einöden erschlossen. Intellektuelles Brachland, wo der Einzelne dem gesellschaftlichen Zwang entgeht. Dort lebt ein unbekanntes Volk, das sich um seine Legende wenig kümmert. Ich sehe seine Landhäuser, seine Laboratorien der Lust, sein Handgepäck, seine Schliche und Listen, seine Vergnügungen.“ (Louis Aragon, Le Paysant de Paris)

Eine Vorstellung von Arbeit, die nicht entfremdet ist, vermittelt die Kunst. Utopie und Vorschein eines Anderen, von dem wir nicht wissen, was es ist. Auch darauf deutet der Text von Marx.

Veröffentlicht unter Gesellschaft, Kapitalismuskritik, Kritische Theorie, Philosophie | Verschlagwortet mit | Kommentar hinterlassen

Karl Heinz Bohrers „Granatsplitter“ – Ohne Kindheitsmuster: die Exzesse des Augenblicks

Zum Ende von Bohrers großartig geschriebenem Erinnerungsbuch „Granatsplitter“ möchte ich am liebsten nach England reisen. Eindringlich fängt Bohrer die Atmosphäre der Nachkriegszeit ein: Merry old England, in der Grafschaft Kent. The White Cliffs of Dover, London, das Zentrum des alten Empire. Der Zauber des Neuen, der Reiz, den England auf den jungen Mann ausübte, kurz nachdem er sein Abitur bestand. Davor der Bann der Internatszeit nach dem Krieg und auch davor zur NS-Zeit, die Bombennächte, die Spiele der Kinder in Köln, in den Trümmern. Und wie der Vater den Sohn aufs Land zu den Großeltern schickte, um ihn vor den Bomben zu schützen. Daß Theoretiker zu solcher Prosa fähig sind und flüssig zu erzählen verstehen, erstaunt. Andererseits auch wieder nicht: Bohrer schildert aus seiner Leidenschaft heraus, greift sich die Momente, die ihn fesseln. Lust und Erkenntnis sind bei Bohrer dem Leben verschwistert. Und manchmal gesellt sich dem die Melancholie bei, jedoch ohne zur Attitüde zu gerinnen. All das wird später auch Bohrers theoretisches Schreiben bestimmen. Am Schluß der Erzählung heißt es:

„Was endgültig verschwand, waren seine englischen Tage. Daran änderte die Erinnerung nichts. Nein, die Erinnerung änderte das Verschwinden nicht. Dass etwas für immer endgültig verschwindet, nicht als Ort, aber als Zeit, das empfand er in diesem Augenblick zum ersten Mal.“

Bohrers unkonventionelles Denken – als Theoretiker des Augenblicks schätzte ich schon während des Studiums. „Granatsplitter“ zeigt eine Form von Subjektivität, die man vielleicht mit dem Begriff der Idiosynkrasie als Erkenntnismedium fassen kann. Oder aber – positiv gewendet – die Kraft subjektiver Phantasie erst beleuchtet die Phänomene in neuem Licht. Im Augenblick ihrer ersten Erkenntnis, wenn die Dinge ihre Augen aufschlagen, weil sie angeblickt werden.

Bohrer, eigentlich Theoretiker und Literaturwissenschaftler, einst in Bielefeld, veröffentlichte 2012 eine Autobiographie, schildert die Jahre seiner Kindheit. Doch Bohrer erzählt in einer solch souveränen und fesselnden Weise, daß man dieses Buch genauso als einen Roman lesen könnte. Nicht bloß die kruden Fakten eines Kinderlebens und später dann das des Jugendlichen packt Bohrer auf den Tisch, sondern er lädt die Ereignisse mit Bedeutung auf. Wenn er als Kind in Köln, einige Jahre nach der Machtergreifung der Nazis in die Auslage des Schaufensters blickt und dort im Spielzeuggeschäft die Soldaten betrachtet, dann schafft Bohrer es, Erinnerungen auch an die eigene Kindheit heraufzubeschwören: Wie gefesselt der Blick auch bei uns war, all das bunte Spielzeug, Sachen aus Plastik. Für Bohrer sind es die bemalten Soldaten, mit Pickelhauben, MGs, Gewehre, die so anders sind als die bleichen Zinnsoldaten, die ihm die Großtante schenkte. Und dann erst, gleich in den ersten Kriegsjahren, jenes funkelnde Objekt, das zur Erde regnete, gefährlich, unberechenbar: die Granatsplitter von den Flak-Geschossen, die ihr Ziel nicht trafen, dann in der Luft explodierten und als messerscharfe große Kristalle zur Erde fielen.

„Mit den Granatsplittern hatte das nichts mehr zu tun. Sie waren wie farbige Sterne vom Himmel gefallen, und ihre leuchtende Schönheit gehörte zu den ersten blendenden Erscheinungen, aus denen für ihn das Leben bestand. Erscheinungen, deren tieferen Sinn er erst allmählich verstand.“

Solche vom Himmel fallenden Geschoßfetzen haben etwas von einer Apparition. Himmelserscheinung oder Feuerwerk. Ein Feuerwerk, das nicht bloß zündet, sondern in seinem Erscheinen etwas bewegt, wenn wir es betrachten. Adorno brachte dieses Himmelsfeuerwerk in seiner „Ästhetischen Theorie“ mit den Kunstwerken in Zusammenhang:

„Sie überflügeln die Dingwelt durch ihr eigenes Dinghaftes, ihre artifizielle Objektivation. Beredt werden sie kraft der Zündung von Ding und Erscheinung. Sie sind Dinge, in denen es liegt zu erscheinen. Ihr immanenter Prozeß tritt nach außen als ihr eigenes Tun, nicht als das, was Menschen an ihnen getan haben und nicht bloß für die Menschen.
Prototypisch für die Kunstwerke ist das Phänomen des Feuerwerks, das um seiner Flüchtigkeit willen und als leere Unterhaltung kaum des theoretischen Blicks gewürdigt wurde; …“ (Th. W. Adorno, Ästhetische Theorie)

Im Bohrerschen Sinne hat dieses Erscheinen zugleich etwas mit dem Ingenium gemeinsam: Das Objekt löst sich von seiner ursprünglichen Funktion, gerät außer Kontext und dient zum Spiel der Einbildungskraft. Ähnlich geschieht dieses Aufladen bei Bohrer mit den Details des Lebens, jenen Szenen und Augenblicken, die wir als unser eigenes Leben zu empfinden glauben. Kann man sein Leben umfassend erzählen? Allein das involviert bereits ästhetische Fragen – solche einer Poetik autobiographischer Literatur nämlich. Das Ephemere zu fassen, bedeutet für Bohrer nämlich, eine Stimmung zu erzeugen, eine Atmosphäre, die auf den Leser überspringt:

„Das ist nicht Teil einer Autobiographie, sondern Phantasie einer Jugend. Der Erzähler sagt nicht das, was er über seinen Helden weiß, sondern das, was sein Held selbst wissen und denken kann – je nach seinen Jahren. Die Neugier des Lesens wird auch nicht durch eine biographische Identifizierung der übrigen Charaktere und Schauplätze befriedigt, sondern ausschließlich durch die Darstellung der Atmosphäre und der Gedanken einer vergangenen Zeit.“

Phantasie ist für Bohrer das Stichwort und in diesem Sinne bis heute das Mantra seiner ästhetischen wie theoretischen Existenz. Diese Phantasie ist zugleich ein Schlüssel, mit dem Bohrer später dann die Texte abklopft. Nicht daß er sie aufschlösse, sondern vielmehr liest er aus ihnen ihr expressives Moment heraus. Nicht um Deutung geht es ihm, sondern im Sinne Barthes um eine „Lust am Text“, wenngleich sich Bohrer vermutlich gegen solche Phrasen sperren würde. Am „Michael Kohlhaas“ interessiert ihn nicht die Frage der Moral, sondern die bis zum Exzeß aufgesteigerte wilde Geste. Das Eruptive, das Ereignis. In diesem Sinne versuchte Karl Heinz Bohrer immer wieder, der akademischen Theorie in den Literaturwissenschaften ein sinnliches Moment beizugeben. „Granatsplitter“ erzählt wie es dazu kam.

Im März diesen Jahres ist nun der zweite Teil von Bohrers Autobiographie erschienen, sie trägt den Titel „Jetzt“ und führt uns in die wilden, aber eben auch, wie Bohrer es empfindet, provinziell-langweiligen Gründerjahre der BRD und darüber hinaus in die Gegenwart hinein. Was die Lektüre von „Jetzt“ so fesselnd macht: Er schwimmt gegen den linken Mainstream politischer Korrektheiten, die heutzutage alles daran mißt, wie marginalisiert jemand ist, anstatt wieder auf die Sache zu kommen. Gesellschaftskritik freilich ist nur bedingt Bohrers Angelegenheit. Und wenn er sich in diese Gefilden begibt, dann aus einer bürgerlich-konservativen Warte heraus. Besser daß alles bleibt, wie es ist, damit sich besser und schöner phantasieren läßt. Die von ihm als langweilig konstatierte bürgerliche Gesellschaft dient Bohrer lediglich zum Schutz der eigenen Phantasie, wie er es an einer Stelle des Buches schön formuliert. Das mag mancher als Eskapismus werten. Im Sinne eines konsequent verstandenen Ästhetischen ist dieses Lebensmotiv Bohrers jedoch berechtigt, weil der Sache gemäß: adaequatio rei et intellectus. Etwas böse gemeint, könnte man Bohrer als einen Adorniten lesen, dem die Utopie schwarz verhüllt ist. Aber das würde ihm vermutlich die Zornesröte ins Gesicht treiben.

Man kann beide Bücher – „Jetzt“ und „Granatsplitter“ – unabhängig voneinander lesen, man kann mit „Jetzt“ anfangen, ohne „Granatsplitter“ gelesen haben zu müssen. Beide Bücher zumindest sind für sich lesenswert. Das eine aus der Distanz heraus in der Perspektive der dritten Person erzählt. Das Kind, das einer mal war, eine Kindheit, die fern zurückliegt, über siebzig Jahre. „Jetzt“ hingegen, ganz gegenwärtig in der ersten Person singular. Beide Bücher berichten vom Leben eines der letzten Intellektuellen der BRD, der sich selber nie als solcher sah und auch die Theorie nur betrieb, um seiner Sinnlichkeit und der Phantasie zu frönen. Um diese Bedeutung des Phantastischen, der Tragödie, des Pathos für heutige moralingeträufelte Ohren überhaupt noch verständlich zu machen, muß man vielleicht auf Bohrers ganz frühes Theoriewerk verweisen: „Die gefährdete Phantasie, oder Surrealismus und Terror“ sowie daran anschließend seine umfangreiche Habilitation „Die Ästhetik des Schreckens“.

Karl Heinz Bohrer: Granatsplitter, Hanser Verlag 2012, 320 Seiten, 19,90 EUR

 

Veröffentlicht unter Buchkritik | Verschlagwortet mit | 7 Kommentare

Vom Sublimierungsdenker in der Theorie

„Ich glaubte aber, das sexuelle Ereignis, ob Tier oder Mensch, sei etwas Ungeheures. Später dachte ich, man könnte sich nichts Verführerisches vorstellen als die Frauen als Stuten. Nie sprach jemand davon, aber viele dachten es, ganz gewiss.“

Dies schreibt Karl Heinz Bohrer in seiner Autobiographie Jetzt. Ich habe jedoch statt der Stuten tatsächlich Statuen gelesen. Man könne sich nichts Verführerisches vorstellen als die Frauen als Statuen. Zweimal. Ich schrieb mir das Zitat ab, ordnete es in meinem Zettelkasten unter der Rubrik Bildende Kunst ein, las es gegen. Erst dann, beim dritten Lesen fiel mir auf, daß jenes Zitat auf dem falschen Zettel gelandet war. Man mag darüber denken, was man will. Wo ich Verdinglichungen lese, ziert Bohrer das Ereignis mit Lust und mit der Wildheit im Augenblick: The sublime is now! Ich hingegen drehe den Pygmalion-Effekt in die andere Richtung. Im Stein.

„Warum gibt es so viele Statuen in den Landschaften der Melancholie? Warum gibt es auf Giorgio de Chiricos 1912 gegebenes Signal hin alle diese großen Melancholieszenen in der Malerei zu Beginn des Jahrhunderts? (…)

Eine Statue auf einem Gemälde, das ist gewiß in der Organisation des Bildes ein Knotenpunkt, ein Reiz, den der betrachtende Blick nicht zu ignorieren vermag: Er muß anhalten, sich dort aufhalten.“ (Jean Starobinski, Der Blick der Statuen)


 
 

Die beiden Statuen wurden von mir im Sommer 2015 in Wien abgelichtet.
Veröffentlicht unter Fetzen des Alltags | Verschlagwortet mit | 6 Kommentare

Laßt das Räuberrad stehen!

„Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse, Tanztheater dieser Stadt.“
(Tocotronic, auf der LP: Digital ist besser, 1995)

Es ragt da, nicht prunkvoll, sondern eisenrostig und inzwischen irgendwie trotzig, wenn ich kämpferisch-böse die Rosa-Luxemburg-Straße zur Volksbühne hin entlang schreite. Das Gaunerzinkenzeichen muß bleiben, auch wenn sich Castorf aus Trotz und aus berechtigter Wut dagegen sträubt. Es muß bleiben, weil es ein Zeichen ist: Zeichen für eine verfehlte Kulturpolitik unter Müllers blassem Adlatus Tim Renner: Weißes Hemdchen ohne Schimmer. Inzwischen zu recht vom Hof gejagt. Bis heute ist vielen schleierhaft wie ein Kapellenmanager es in diese Position bringen konnte. Eine verantwortungslose Entscheidung von einem Bürgermeister, dem Kulturpolitik Nebensache ist. (Andererseits stimmt es schon: Nichts mehr sollte an diesen Mann erinnern. Aber der Gaunerzinken ist eben doch mehr als nur das blasse Hemd.)

Das Räuberrad bleibt, denn es ist ein ewiger Stachel im Fleische von Macron oder Decron oder wie immer der neue Mann heißen mag: Sinnbild der neoliberalen Kulturalisten, die sich mit dem Etikett links schmücken, weil es modisch ist, die Theater oder Kunst oder irgend etwas jenseits der Gattungsgrenzen machen, wie man es genauso in London oder in Brüssel erleben kann. Eine spezifisch in Berlin gewachsene Sache wurde mutwillig vernichtet. Ein Raum, den es nirgends anders geben kann, der mit den Jahren gewachsen ist. Eine besondere Situation. Man kann sagen: Aber das Volksbühnending ist doch Museum! Ja, das mag sein. Es ist Museum, ein Museum, das immer neue Ideen schöpft. Aber andererseits ist auch die übrige Kunst inzwischen Museum und genauso die zum Kultur-Marketing entgrenzte eines Dercons. (Und für die vermeintlich linken Politposen haben wir in Berlin eh andere Spielstätten.) Oder glaubt irgendwer an die subversiven Potentiale einer vermeintlichen Avantgarde? Kunst in Städten ist Standortfaktor. Weshalb wurde nicht das „Haus der Kulturen“ (also die Schwangere Auster, wie der Nichtberliner sagt) umgewidmet? Es taugt für Dercon, es liegt in Regierungsnähe.

Nein, nein, keine alten Debatten sollen neu entfacht werden. Das ist ganz sinnlos. Es ist vorbei. Was nun ist, das ist. Aber dieses Räuberrad wird auf Dauer daran erinnern, was an diesem Ort einmal Besonderes gewesen ist, und es wird sich einer wie Dercon das rostige Rad nicht als Markenzeichen aneignen können. Er weiß das, und er weiß auch, daß er sich damit lächerlich machen würde. Aber jedesmal wenn Dercon aus London oder aus Tokio anreist, um einmal kurz im Theater vorbeizusehen, wird er in seiner Limousine oder wie es unter den Kulturalisten neuerdings Mode ist, auf seinem Fahrrad an diesem Rad aus Rost vorbeimüssen.

Das Räuberrad ist ein Zeichen von Widerstand, ein böses Bild, das bleibt. Es erhält vor allem unsere Wut und sicherlich bei vielen auch ihre Trauer. Ein Erinnerungsmal daran, wie leichtfertig mit einem Theater der besonderen Art umgegangen wurde. Andererseits kann ich diese heterogene, wilde, dreiste Theatertruppe um Frank Castorf herum gut verstehen, daß sie „ihr“ Rad wiederhaben will. Ulrich Seidler schrieb in der „Berliner Zeitung“:

„Angemessen wäre es, für diese kulturpolitische Meisterleistung eine Statue des inzwischen abgewählten Kurzzeitkulturstaatssekretärs, der Castorfs Vertrag nicht verlängert hat, aufzustellen: Am besten in einer solarbetriebenen Winke-Winke-Version.

Ist es nicht verständlich, dass die verjagte Truppe ihr Zeichen mitnehmen möchte, wenn sie am 31. Juli ihre Höhle besenrein übergeben muss? Wer hätte das Recht, ihr das zu verwehren? Soll das Ding doch selbst entscheiden: Es hat ein Rad, es hat Beine, und es hat Wurzeln.“

Aber andererseits dieser Gedanke: Ist das laufende Räuberrad nicht längst schon in Volkseigentum übergegangen? Im Grunde ein letzter Rest DDR. Deren tatsächlich noch subversive Kultur, die die Theaterlandschaft Berlins bereicherte: Ob Einar Schleef, der große Geschichts- und Geschichtenerzähler Heiner Müller oder eben Frank Castorf.

Veröffentlicht unter Theater | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

Re:publica 2017

Der Neoliberalismus des Berliner Medien-Prekariats braucht keine Feinde von rechts, sondern erledigt sich in seinem evangelikalen Biedersinn von selbst. Texte von Margarete Stokowski, seit Jahren im Tone des Predigers Sermon unterwegs, wie sonst nur Xavier Naidoo selig christliches Erbauungsgut singt, führen dies dem Leser regelmäßig vor: Wie überflüssig jene kulturalistische Linke inzwischen ist, in ihren Echokammern.

„Mit Liebe gegen rechts Mal ein guter Trend aus Berlin. Liebe und Solidarität: Das sind genuin linke Formen der Gemeinschaftsbildung. Alle Rechten sind herzlich eingeladen, dabei mitzumachen – nur müssen sie dann eben mit Rechtssein aufhören.“

So titelt’s im Internet-Spiegel. Evangelische Kirchentage sind eine intellektuelle Herausforderung dagegen. Statt einer Verheißung lauert hinter jedem Satz ein Verhängnis. Aber darf man das – so für die Berliner SPD zur Seite gesprochen – noch sagen: „Es lauert“? Oder ist das nicht bereits Hate Speech  und damit abmahnungswürdig?

Den Ort, wo  und bei welcher Tätigkeit Stokowski die Ideen kommen – Ausweis intellektueller Redlichkeit immerhin –, nennt sie. Stokowskis Ideen kommen ihr beim Scheißen: „Denn während wir auf unseren Unisex-Klos saßen, haben wir uns Gedanken gemacht …“

Veröffentlicht unter Gesellschaft | Verschlagwortet mit | 13 Kommentare

Gallery Weekend – nachträglich. Some Photographers, two Painters

Am 1. Mai hätte ein Text zur bildenden Kunst folgen sollen, denn es war Galerie-Wochenende in Berlin. Aber ich schrieb statt dessen, weshalb es heute schwierig ist, links zu sei. Und sowieso: auch das Politische läßt sich bekanntlich als ästhetisches Phänomen betrachten, solange man daraus nicht den ästhetischen Staat ableiten will oder mit Hingabe die Ästhetisierung der Politik betreibt. Besser Langeweile als Faschismus, wie Habermas sinngemäß sagte. Da hat er recht – andererseits gibt es ja auch andere Alternativen als den Faschismus. Ich kann politischen Aktionen lediglich etwas abgewinnen, wenn sie eruptive Ereignisse sind, wenn sie die Dimension des Alltäglichen durchbrechen, wenn sie meine Sinne reizen. Aber ich betrachte dies als Zuschauer, mich interessiert – im Sinne einer entfernt teilnehmenden Beobachtung, als Photograph oder mitlaufender Chronist – die Menge in der Revolution. Ebenso wie der Mensch in der Revolte. Ohne je involviert zu sein. Insofern ist für mich aus jenem aisthetischen Kitzel der Nerven heraus das schockhafte Ereignis als solches ästhetisch bedeutsam, betrachtet aus der sicheren Distanz. Das freilich ist eine riskante Haltung. Denn wenn man diesen Blick ganz ohne Inhalte praktiziert, eine Art Praktik ohne Praxis, kann man genauso die Ereignisse in Rostock-Lichtenhagen 1992 wie auch bei jenem legendären Maikrawall vor 30 Jahren ästhetisieren: als es bei Bolle und bei den Vietnamesen brannte. Man kann von Glück sagen, daß niemand starb. Nun also die Kunst. Benjaminschen Proklamationen eher abhold.

Gallery Weekend also – so sperrig dieses Wort ins Deutsche übersetzt klingt, so komplex und sperrig ist auch das Event. Die 47 „offiziellen“ Galerien mögen zu „bewältigen“ sein; deren Werke, all die Installationen lassen sich komfortabel betrachten. Aber die ans Gallery Weekend andockenden Kunsträume sind schier unendlich. Keiner, der das alles ablaufen könnte. Was bedeutet: nicht bloß drei Sekunden aufs Bild schauen, um dann weiterzuhetzen. So wie man einen 1000-Seiter der Weltliteratur nicht in drei Tagen mit Siebenmeilenstiefeln durcheilt. In dieser Hetze entgleitet das Wesentliche, die Details rutschen durch. Also nimmt sich der Leser Zeit.

Allerdings dienen solche Leistungsschauen und Messen – erst am 29.4. endete die Art Cologne – nicht der ästhetischen Versenkung, nichts soll analysiert werden, sondern der Kunstkenner verschafft sich einen Überblick, was auf dem Kunst-Markt läuft, was geht und was nicht, was dernier crie und was abgewirtschaftet bloß noch an der Wand hängt. Spazieren und das was da ausgestellt wird, betrachten, taxieren, bewerten. Immer wieder gerne erwähnt bei solchem Berliner Spaziergang und als eine absurde Dissonanz wahrgenommen, ist der Kontrast zwischen der Potsdamer Straßen mit ihren Ein-Euro-Läden, dem türkischen Gemüseladen in der XL-Variante, heruntergekommene Döner-Spelunken und ebenso alte, noch verbliebene Bars wie das „Joseph Roth“. Und natürlich peu à peu sich ausweitend die Galerien, die sich rund ums ehemalige Gebäude des Tagesspiegels gruppierten und manch Altes verdrängen. Das Farben- und Tapetengeschäft „Erwin Fron“ in der Kurfürstenstraße gibt es nicht mehr. Der Laden steht leer. Letztes Jahr existierte er noch und stellte sogar ein paar Farbbilder aus. Aber das half nichts. Und dort, wo vor zwei Jahren ein griechischer Kulturklub sein Domizil hatte, ist eine Galerie. Die Besitzerin einer kleinen Druckerei mußte den jungen wilden Künstlern weichen. Gegen Gentrifizierung wird immer dann erst protestiert, wenn das zahlungskräftige Klientel von noch Reicheren verdrängt wird.

Im Tagesspiegel-Gebäude selbst befinden sich die Großgalerien von Blain|Southern, was vom Klang her genauso ein Ölkonzern sein könnte. Und Esther Schippers, die vom Schöneberger Ufer ins Tagesspiegel-Gebäude zog. Blain|Southern zeichnet sich durch eine riesige Halle aus, in der früher die Druckmaschinen der Zeitung standen – allein wegen des Gebäudes lohnt der Besuch. Ideal für Gemälde von Jonas Burgert, und zwar mit den Maßen 6 x 22 Meter. Eine ganze Wand breit (siehe unten, Photo 5 u. 6). Da sehen wir ein wild-expressives Getümmel. Menschen verknäult in Farbe, eine malerische Großtat. Ich bin bei solch Pompösem ansonsten skeptisch, wenngleich die Riesengemälde im Louvre von David oder Gericault ebenso durch diese Größe ihre Wirkung entfalten – man denkt da auch an Kants Erhabenes, als Monumentales hier direkt auf die schiere Bildgröße bezogen. Diese Größe weckt eine ästhetische Idee in uns. Ein Objekt, das sich über die normalen Ansprüche der Sinnlichkeit erhebt, kein Guckkastenbild, sondern ein Koloß thront da. Das sollte man sich ansehen. Mal unabhängig davon, wie man das Kunstwerk selbst bewertet.

Spannend am Gallery Weekend ist, daß man auf interessante Kunst stößt und dafür nicht einmal den Museumseintritt bezahlen muß – wobei ich nichts gegen den Eintritt bei Museen haben – für die, die es sich leisten können. Die meisten Ausstellungen sind eine Zeit lange zu sehen, über das Weekend hinaus. Jonas Bungert noch bis zum 29. Juli.

Beeilen hingegen muß man sich in der galerie hiltawsky in der Tucholskystraße in Mitte. Dort sind die Photographien der legendären Lee Miller noch bis zum 6. Mai in einer wilden Petersburger Hängung im ersten Raum und schön nebeneinander im hinteren Teil, im schmalen Flur zu sehen. Ein Ansammlung, die man so schnell nicht wieder in den Blick bekommt: Reisephotos, Bilder in surrealistischer Manier, Reportagephotos aus dem befreiten Nazi-Deutschland. In der wilden Mischung versinkt leider das geniale Einzelbild. Aber es ist eine Galerie nun einmal kein pädagogisches Museum. Für einen Überblick jedoch reicht es.

Ebenso gibt es diese feine Übersicht in der Galerie Kicken (Linienstraße 161A), aber dort wohlgeordnet und jede Photographie einzeln für sich: nämlich die Bilder von Sibylle Bergemann und dazu andere legendäre Ost-Photographen wie Harald Hauswald, Arno Fischer, Helga Paris. (Bis 1.9.) Ebenfalls Sibylle Bergemann in der Galerie Loock (Potsdamer Straße 63). Bergemann ist schwer im Schwange, „Frauen. Und in Farbe“: das sind Mode- und auch Reisephotos, eine Masse wundervoller Bilder. Sehr genau hat Bergemann diese Menschen gesehen und abgelichtet. Ich haderte lange mit mir, ob ich ein oder zwei dieser Photos hier und bei Kicken kaufen solle.

Gleich nebenan die wohl seltsamsten Photographien, nämlich die des Norwegers Kåre Kivijärvi. Schwarz-weiß-Bilder zwischen 1959 und 1966 geschossen, hart im Kontrast, wie das zu seiner Zeit nur wenige Photographen praktizierten. Man kennt diese Art von Bildkontrast eigentlich eher aus der Japanischen Photographie Ende der 60er Jahre – wer es genauer sehen will, schaue sich den Bildband „Provoke“ vom Steidl-Verlag an, der von jenem gleichnamigen japanischen Photomagazin handelt: Provocative Materials for Thought. „Kåre Kivijärvi war ein komplizierter Mann voller Widersprüche. Er begann als Photojournalist, ums sich später als Romantiker zu bezeichnen.“ So beginnt der Ankündigungstext der Galerie Michael Janssen (Potsdamer Str. 63). Zu sehen gibt es Photographien aus dem Norden, Reisebilder aus Afghanisten. Kivijärvi photographiert die abgelegenen Orte dieser Welt, er macht Reportagebilder von der Seefahrt, in Nepal oder Grönland, Landschaftskompositionen, ein Kohlkopf im Feld.

Bei hunderten von Bildern trifft der Betrachter eine Auswahl. Willkürlich oder unwillkürlich – bei mir waren es die Gemälde der rumänischen Künstlerin Iulia Nistor. „canary in a coal mine“ heißt die Ausstellung in der Galerie Plan B (Potsdamer Straße 77-87, bis. 17.6). Ich kannte Iulia Nistor bisher nicht, aber wie es in der bildenden Kunst so ist, fallen einen momenthaft und ohne daß es einen Grund gibt, manche Werke auf den ersten Blick sofort an. Ästhetische Unwillkürlichkeiten. Wenn ein Künstler Farben in der Manier der Pastellmalerei weich auf die Leinwand bringt, springe ich nicht gerade vor Freude auf, weil das zartgetupfte Zartgetuschte meine Sache nicht ist. Oft sind solche Bilder verzärtelt und hinter die Zeit gefallen. Es haftet ihnen das Kunstgewerbliche an. Meist denke ich an Worpswede und an Schönwettermalerei. Aber natürlich: wie es immer ist – es gibt die Ausnahmen von der Regel. Diese Bilder von Iulian Nistor sind alles mögliche, nur nicht lieblich. (Photo 2 und 3)

Eine besondere Ausstellung findet sich in der Galerie Thomas Fischer (Potsdamer Straße 77–87). Irmel Kamp (*1937) photographiert das Neue Bauen in Tel Aviv und Brüssel. Es heißt ja, daß es in keiner anderen Stadt der Welt als in Tel Aviv derart viel Bauhausarchitektur gebe. Kamps Bilder zeigen diese Gebäude. Menschenleer und man könnte meinen alles sei kalt. Aber in der Anordnung und durch das Schwarz-weiß entfalten diese Photographien Spannung. Genau auskomponiert, exakt den Ausschnitt und den Anschnitt gewählt. Diese Leere der Straßen, wo nur die Dinge, das Haus, ein Auto so dastehen, berührt. Manchmal ragt bloß ein Zweig ins Bild oder Blätter, als wäre da auch noch die Natur. Der Mensch aber ist fort. Manches Haus sieht verfallen aus, andere wieder sind in einem passablen Zustand. Kamp geht es um die Besonderheit des jeweiligen Gebäudes, sein Spezifisches. Zwar für Menschen gemacht, aber erst weil diese Menschen fehlen, können diese Photographien veranschaulichen, daß Gebäude zwar für uns gebaut sind, aber dennoch ein Eigenleben führen. Reine Form und Funktion. Für jeden Bewohner zwar offen, aber erst der Bewohner ist es, der dann mit seinem Interieur dem Inneren zum besonderen Leben verhilft. Kamp zeigt Möglichkeitsbedingungen des Wohnens und des urbanen Lebens. Oberflächenbilder, die tief sind.

Veröffentlicht unter Bildende Kunst, Gesellschaft, Photographie | Verschlagwortet mit | 1 Kommentar

Heinz Keßler ist tot

Ich hatte schon immer einen ästhetizistischen Fimmel, überhaupt für Uniformen und insbesondere für die Paraden der NVA. Zum ersten Mal 1982 in Ostberlin gesehen, am 6. Oktober, also einen Tag vor dem Jahrestag der Republik. Da marschierten sie auf und probten ihr Jubiläum: die Kampftruppen, die NVA-Verbände der DDR. Raketenwerfer, Panzer, Jeeps, Russenautos. Die Karl-Marx-Allee war in den Nebel gehüllt, das Musikkorps marschierte auf, spielte einen flotten Marsch, die Soldaten defilierten in ihren Uniformen. Besonders liebte ich die Marineverbände, ihre weißen Hosen, die weißen Oberteile, das blau-weiß geringelte Shirt darunter.

Schon 1975 in London war ich, als Kind noch, von den Truppenparaden der Tommys begeistert. Dudelsackpfeifer und Regimenter im Schottenrock, dazu ein wendiger kleiner Panzer. Nun also ein Aufmarsch der NVA, in den meine Begleiterin und ich hineingeraten waren. Ich stellte mir vor, sie würden durchs Brandenburger Tor ziehen. Ich wollte bleiben, aber die Freundin zog mich vom Platze, zur Friedrichstraße hin, in Richtung des Tränenpalasts. „Du mußt wieder heim! Auch bei uns gibt es Aufgaben.“ Wir witzelten, wie es wäre hier uns einzubürgern, als gute Sozialisten, was würden unsere Eltern sagen, wenn wir blieben, und was würden wir ihnen für eine Ausrede auftischen? Wir gaben das letzte Ostgeld aus, viel zu viel hatten wir in den Taschen, man wurde es nicht los. Ihre Tante hatte uns noch dazu Geld geschenkt, wir kauften und kauften und es wurde das Zahlungsmittel aus Buntmetall nicht weniger. Wir kehrten dann zum krönenden sozialistischen Abschluß in ein sozusagen Wilhelm Pieck feines Restaurant in der Friedrichstraße ein, um das letzte Geld der DDR loszuwerden. Nach West-Berlin durfte man es nicht mitnehmen. Wegwerfen wollten wir es nicht.

Diskret im Hintergrund des Salons musizierten Männer in roten Westen, schwarzen Anzughosen und weißen Hemden auf einer Hammond-Orgel und einer Art Baß-Gitarre. Wir schmausten und tranken. Hübsch war es hier, ein wenig skurril vielleicht, aber das war es in anderen Orten in West-Berlin ebenfalls. Ich stellte mir die junge Frau in einer NVA-Uniform vor und wie sie sich langsam entkleidete. Ihren Frotteeschlüpfer kannte ich bereits. Ich hätte es gerne, daß sie sich in dieser Kampfmontur auf mich setzte, während ich lag. Der vom Kellner gereichte Alkohol beflügelte meine Jungsphantasie. „Würden Sie bitte Ihre Lederjacke an unserer Garderobe abgeben?!“, fragte der Mann beim Einlaß, nicht unfreundlich oder böse, aber doch bestimmt. Ich trug unter der schwarzen Lederjacke bloß ein dünnes T-Shirt. Meinen mausgrauen Pullover, den ich liebte, hatten sie mir in jener ostszenigen Ostbar am Alex gestohlen, weil ich das Stück nachlässig auf einer Stuhllehne parkte. Und weg war er. „Hey ihr beiden, ihr seid doch aus dem Westen?“ „Woran sieht man‘s?“ fragte ich dumm. „Na woran wohl? Haben hier alle solche modischen Lederjacken?“ Nein, nicht, dachte ich. Und auch nicht so einen schönen grauen Pullover. Viel weniger mausgrau als eure Häuser hier, eher so mausgrau wie die Uniformen der NVA-Männer. Wir trafen die Männer auf dem Fernsehturm. Im Drehrestaurant, was immer die da zu suchen hatten. Am Alex hatten Vopos zuvor einen Punk im Griff abgeführt, Polizei mit ihren über die Hüften hängenden Hemden. In hellblau. Ich kannte solchen Szenen ja von den westdeutschen Demos, an denen ich mich damals noch beteiligte. „Habt ihr Lust mit uns was zu trinken? Nicht so eine FDJ-Kaschemme, sondern Szene. Punks, Jazzer, Musiker, Künstler undso.“ Ja, da gingen wir gerne mit. Wilde Melange dort. Schön rauchgeschwängert, dazu paßten meine Selbstgedrehten. Gut daß ich nicht meine Schnöselluckystrikes mithatte, die damals noch keine Modemarke waren und die es nur ohne Filter gab. Meinetwegen hatten die Männer sicherlich nicht gefragt. Sie waren ein paar Jahre älter als wir, Bärte, sie erzählten, wir erzählten von uns. Das Bier fließt, kostete wenig, einander auszugeben war selbstverständlich, alles ist günstig hier zu haben.

Als wir dann aufbrachen, fehlte der Pullover. Kalt war es. Ostberliner Luft mit Kohle und Ostoktoberherbst. Die Jazzer hatten von ihren Auftritts- und Ausreiseverboten erzählt. Der eine durfte nicht aus Ostberlin, der Hauptstadt der DDR, ausreisen, der andere nicht ins sozialistische Ausland. Eigentlich müßten wir das weitererzählen jetzt. Die Süße stupste mich. Wir passierten den Einlaßbereich, jene rote Linie, die nur dem Westbürger zu übertreten erlaubt war. „Würden Sie bitte Ihre Tasche öffnen!?“, sagte der Posten. Ich machte auf. „Packen Sie mal alles aus!“, meinte er. Es war nicht unhöflich gesprochen, sondern eine schlichte, klare Ansage. Nicht anders als die im noblen Restaurant beim Einlaß. Ich dachte an die absurde Hammondorgel. Nein, es war kein Sächsisch in seiner Stimme. Obwohl ich diesen Dialekt eigentlich schon immer gemocht hatte. Heute sächselt meine Geliebte, leicht nur, in ihrer frechen Art. „Aha, Bücher“, machte der Mann. Eine Biographie über Che Guevara und irgendein sozialistische Zeugs kam zum Vorschein. Ich dachte, der Offizier wäre stolz auf mich. War er aber nicht. Ganz im Gegenteil. Er blickte ernst und skeptisch. Kurz vor Mitternacht, das Tagesvisum war am Auslaufen. Die junge Frau war schon durch die Kontrolle und schaute fragend herüber. Ich zuckte die Schulter. Ob ich von meinem gestohlenen Pullover erzählen sollte, dachte ich. Aber instinktiv hielt ich das für keine gute Idee.

Die Situation wurde angespannt. „Sie haben hier eine russische Kamera dabei. Die haben Sie in der Deutschen Demokratischen Republik gekauft. Können Sie mir bitte die Quittung dafür zeigen?“. Natürlich besaß ich keine Quittung und schon gar nicht hatte ich die Kamera in der Deutschen Demokratischen Republik erstanden. Zumal es sie im Westen für 250 DM und in Ostberlin für 2000 Ostmark gab. Ich hatte das gute Stück, es war eine russische Zenit, noch wenige Stunden zuvor in einem Schaufenster nahe des Alex gesehen und mich über die abweichenden Preise amüsiert. Aber Luxus hat eben seinen Preis sagte ich zu der jungen Frau. Ich mochte es, wenn ihr Zopf und ihre Brüste wippten. Diese unverschämte Differenz im Wert der Ware wollte ich dem Mann schon ins Gesicht schleudern, dachte mir jedoch, daß dies eine unkluge Aktion wäre. Es könnte wohl als Opponieren aufgefaßt werden. Die Sache mit dem in der DDR Bleiben würde sich bewahrheiten, dachte ich mir. Aber auf eine Weise, wie wir es uns nicht, oder besser, wie ich es mir nicht vorgestellt hatte.

Der Grenzer wühlte tiefer in der Tasche. Da kam zu allem Überfluß noch ein dreißig Zentimeter langes Teleobjektiv zum Vorschein, das ich zwar bei solchen Reisen meist dabei, aber nie bis selten benutzt hatte. Er nahm es heraus, blickte hindurch, drehte es, stellte scharf, als ob das Teil an einer Kamera befestigt wäre und da gäbe es was zu sehen. Er nickte bestimmt und mit Vopo-Blick. Ich sah meine letzte Stunde Freiheit. „Sie sind ein deutscher Spion!“, kommt es gleich. Oh weh, oh weh. Der Sozialismus kann streng sein und weh tun. Verdammte russische Zenit, verdammtes Teleobjektiv, und jene junge Süße wird sich nie wieder im Frotteschlüpfer oder in NVA-Uniform auf Deinen Körper setzen, direkt über Deinem Gesicht. Nie mehr, oh weh. Es ist schade. Eigentlich weiß ich nicht mehr, was genau ich gedacht habe. Ich wußte nur, ich mußte trotz Alkohols nun Geistesgegenwart beweisen.

„Ach, ein Teleobjektiv also. Ja, das ist ein Dreilinser, dieses Objektiv habe ich auch. Gut für den Urlaub. Eine schöne Heimreise wünsche ich Ihnen noch.“ Es fehlte bloß, daß er noch „Genosse“ gesagt hätte. Die S-Bahn fuhr uns in den Westen, zu ihrem Auto, das beim alten Reichstag parkte und wo wir die Sitze in die Liegestellung brachten.
 
 

 
 

 
 

 
 

Veröffentlicht unter DDR, Fetzen des Alltags, Todestage | Verschlagwortet mit | 12 Kommentare

Wirkungslose Linke: Von der Revolte zur Erbauungspredigt Carolin Emckes – Gedanken zum 1. Mai

Vor einer Woche erschein in der Zeit ein Artikel von Verena Friederike Hasel, weshalb es schwierig ist, heute links zu sein. Eine der Gründe ist die Hypermoralisierung von Diskursen. Moral ersetzt gesellschaftskritisches Denken und komplexe Sprechweisen werden durch einen normierten Code verdrängt. In anderem Kontext und eher auf die politische Krise der Linken bezogen, samt den Gründen dafür, bringt Didier Eribon diesen Widerspruch einer kulturalistisch gefärbten Linken in seinem Buch „Rückkehr nach Reims“ auf den Punkt. Einer Linken, die sich für jegliche Minderheit einsetzt – was per se nicht falsch ist –, aber die ökonomische Situation zunehmend aus dem Blick verliert.

Ich nenne dieses Personal der Echokammern die kulturalistische Linke. Was einst unter dem Zeichen der Aufklärung zum Sprung ansetzte, mutierte zu intellektueller und ignoranter Bräsigkeit. Sinnbild für diesen Verfall ist die Rede Carolin Emckes zum Friedenspreis des Buchhandels. (Mehr zu diesem Kitsch der rechten Gesinnung unten.) Die Meinung dieser Leute ist so vorhersehbar, wie die von Alexander Gauland zum Deutschtum. Ihr Arbeitsplatz sind die Medien: Fernsehen, Zeitungen, Kunst, Kulturmagazin, Kulturjournalist. Ob sie heute in Berlin oder morgen in New York und Rom leben, ist ganz einerlei, denn ihre Produktionsstätten sind Schreibtische und ein mobiles Gerät namens Computer. Leicht ist es, wie der Chef von Apple, jener seinerzeit in den 00ern als Guerilla-Firma gehypten Marke, ein sonores Statement gegen die Diskriminierung von Schwulen abzulegen – was per se nicht falsch ist –, während das Management die Produktionsstätten nach China verlagert, wo unter harten Bedingungen und zumal billiger gearbeitet wird. Ebenso einfach ist es, wie Hillary Clinton es tat, dieser kulturalistischen Mittelschicht Puderzucker in den Arsch zu blasen, um dann umgekehrt in den Leitmedien von den kulturell Arrivierten der USA zurückgepudert zu werden mit Wahlempfehlung. Jene, die vor einem Jahr noch Bernie Sanders ins Abseits bugsierten, beklagen sich nun lautstark darüber, ungerecht behandelt zu werden. Der US-Wahlkampf spiegelt gut diese Geschichte eines linken Verfalls wider.

Gleiches in Frankreich: So verwundert es nicht, daß jene Franzosen, die einst Stammwähler der Sozialisten oder der KPF waren, nicht mehr links, sondern Le Pen wählen. Die Versprechen der kulturalistischen Linken sind nicht die der Angestellten. Whitney Biennial oder Venedig Biennale interessieren in diesem Milieu niemanden und gegen denHaß läßt sich gut predigen, wenn der eigene Arbeitsplatz sowieso ein flexibler ist. Dem deutschen heteronormativen Familienvater aus dem Osten, für den damals VEB nur noch hieß, „Vatis ehemaliger Betrieb“ hat für solche Dinge wenig übrig. Frau Emcke und ihresgleichen werden mit jenem Mann kaum um einen Arbeitsplatz bei einer Security-Firma oder bei der Zeitarbeit konkurrieren. Ähnlich in France: Während Le Pen bejubelt wurde, als sie eine Fabrik besuchte, die von der Schließung bedroht ist, wird der neoliberale und eloquente Macron von diesen Arbeitern ausgebuht und kann das Werk nur unter Polizeischutz betreten.

Weshalb sich im politischen Spektrum die Koordinaten verschoben haben, darüber wäre nachzudenken. Die hier gelieferten Thesen sind lediglich Impressionen und Tupfer einer allgemeinen Tendenz. Die sich in den marktwirtschaftlichen Demokratien im Wahlergebnis niederschlägt. Die Angestellten wollen nicht, wie sie sollen. Ein Problem, mit dem schon die sogenannten 68er zu kämpfen hatten: Die Arbeiter der BRD mögen sich von ihren goldenen Ketten nicht so gerne befreien lassen. Man kann das mit Heiner Müllers kurzem Interludens „Die Befreiung des Prometheus“ aus dem Theatertext „Zement“ gegenlesen.

Was also ist links? Eine Frage, die auf Arte einen Fernsehabend füllte. „Mann der Arbeit, aufgewacht!//Und erkenne deine Macht!//Alle Räder stehen still.//Wenn dein starker Arm es will.“? Zumindest in der von Verena Friederike Hasel beschriebenen Variante fällt Linkssein vielen schwer – einmal davon abgesehen, daß Denken und Analyse von Gesellschaft eben etwas anderes sind als bloß eine bequeme Haltung an den Tag zu legen, die sich als Habitus zeigt, um kulturelles Kapitel zu schöpfen, das sich dann auf dem Arbeitsmarkt der kulturalistischen Linken ökonomisch gut zweitverwerten läßt. Was solches Besinnen auf eine vernünftige Praxis betrifft, denke man nur an Adornos hervorragende Reflexionen zum Verhältnis von Theorie und Praxis – zu finden in „Stichworte. Kritische Modelle 2“. Aber solche Zusammenhänge überhaupt noch zu begreifen, scheint heute schwierig. Vielleicht auch, weil dieses Denken in gewissem Sinne eine Radikalopposition zur Gesellschaft voraussetzt – auch zu der der linken Praktiker. Gegenwärtig vertagt sich die Praxis meist ins Klein-Klein, wo dann in der richtigen Haltung und in der richtigen Gesinnung das richtige Leben im falschen sich installieren soll.

„Während Praxis verspricht, die Menschen aus ihrem Verschlossensein in sich hinauszuführen, ist sie eh und je verschlossen; darum sind die Praktischen unansprechbar, die Objektbezogenheit von Praxis a priori unterhöhlt. Wohl ließe sich fragen, ob nicht bis heute alle naturbeherrschende Praxis in ihrer Indifferenz gegens Objekt Scheinpraxis sei. Ihren Scheincharakter erbt sie fort auch an all die Aktionen, die den alten gewalttätigen Gestus von Praxis ungebrochen übernehmen.“

Diese Kritik an Praxis greift ins Grundsätzliche aus, nicht anders als Martin Heideggers Denken des Seyns, das dem Handhabbarmachen sein Unzulängliches attestierte. Freilich aus einer konservativen Position heraus. (Zur Frage der Technik als Geschick allerdings bleibt Heidegger auf eine interessante Weise ambivalent.) Weiter heißt es bei Adorno:

„Was seitdem als Problem der Praxis gilt und heute abermals sich zuspitzt zur Frage nach dem Verhältnis von Praxis und Theorie, koinzidiert mit dem Erfahrungsverlust, den die Rationalität des Immergleichen verursacht. Wo Erfahrung versperrt oder überhaupt nicht mehr ist, wird Praxis beschädigt und deshalb ersehnt, verzerrt, verzweifelt überwertet. So ist, was das Problem der Praxis heißt, mit dem der Erkenntnis verflochten.“

In diesem Sinne bestimmt durchaus auch das Bewußtsein das gesellschaftliche Sein, ohne dabei in jenen schwärmerischen Idealismus zu gleiten. Im Kontexten der Gegenwart freilich eher als Fades. Nur die traurigen Tropen kann der Ethnologe des Eigenen in Fragen links noch konstatieren. Aus diesem Grunde hält sich Theorie am Leben,  weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward, so formuliert Adorno es in der Einleitung zur Negativen Dialektik.

Bei dem Habitus vieler Linker, den Verena Friederike Hasel uns schildert, nämlich soziale Aspekte in einer politisch korrekten Sprechweise zu moralisieren, handelt es sich um eine Tugendmoral, in der zudem die eigene Position verabsolutiert wird. Vielheiten werden lediglich für die eigene Position akzeptiert, Abweichungen werden sanktioniert und diskreditiert. Toleranz und Offenheit gegenüber anderem Denken schleifen sich zunehmend ab, wird aber für die eigenen Position eingefordert, und wer das verweigert, ist schlimmstenfalls ein Hater, den es unschädlich zu machen gilt.

„Wozu diese narzisstische Selbstüberhöhung führt, bekam ich neulich in Berlin mit. Im Mauerpark im Bezirk Prenzlauer Berg gibt es einen Abschnitt, in dem die Mitglieder des Mauergarten-Vereins ihre Hochbeete haben. Dort, unter vielen zugezogenen Bullerbü-goes-Berlin-Familien gärtnerte auch ein älterer Herr aus der DDR. Es kümmert sich um den Komposthaufen des Vereins. (…) Er macht Führungen für Schüler aus dem Wedding, von denen viele noch nie eine Tomate an einem Strauch gesehen haben. Vor einigen Monaten dann forderte ein anderes Vereinsmitglied per Mail den Ausschluß dieses älteren Herrn, weil er in der AfD ist. ‚Entnazifizierung‘ stand in der Betreff-Zeile. Er ist kein Björn Höcke. Er hat auf seinem Hochbeet auch nie die AfD-Fahne gehisst. Er hat einfach nur Zucchini angebaut.“

So entwickelt sich aus der Moralblase heraus ein restringiertes Verhalten, das vorab schon Bescheid weiß. Aus den eigenen Echokammern gelangt es nicht mehr hinaus. Dieses Milieu ist, wie die Überschrift von Hasels Artikels titelte, selbstgerecht, intolerant und realitätsfern. Harald Martenstein schreibt gegen den Tugendwächterrat seit Jahren an.

In der NZZ vom 29.4., also kurz vor dem Kampftag, gibt es einen feinen Text von Reinhard Mohr, der zum Nachdenken anregt. Er trägt den Titel „Rebellion gegen linke Sonntagspredig“:

„Ein halbes Jahrhundert später hat sich die Situation komplett gedreht: Der Mainstream in Medien und Politik ist im Zweifel deutlich links der Mitte, emanzipiert, ökologisch, nachhaltig, gendergerecht. Die Grünen, im Nachhall des 68er Protests gegen das bürgerliche Establishment gegründet, sind längst zur alternativlosen Staatspartei mit Hang zur Hypermoral geworden, während der rechte Flügel der konservativ-liberalen Wählerschaft zur offenen Rebellion übergegangen ist – teilweise in roher Form bis hin zu eindeutig rechtsradikalen Positionen. Das Ergebnis ist einigermassen grotesk: Die klassische Sonntagspredigt zur Verteidigung des Wahren, Schönen, Guten – vom Windrad bis zur Willkommenskultur – halten nun die einstigen Rebellen von 68 und ihre links-grünen Adepten, während die radikale Gesellschaftskritik jetzt von rechts vorgebracht wird – ein Hauch von Weimar.

Die moralisch-politische Selbstbeschwörung des links-grünen Milieus setzt dem Protest von rechts die bewährten Prinzipien von Demokratie, Toleranz und Rechtsstaat entgegen, ohne sie nach ihrer praktischen Tauglichkeit zu befragen. Doch genau um diesen schmerzhaften Praxistest geht es: um den Euro als Fehlkonstruktion, das Scheitern der EU in der Flüchtlingskrise, um Fehleinschätzungen bei den Themen Einwanderung, Kriminalität, Terror und Integration, Islam und säkularer Staat.

«Sagen, was ist», die ursozialistische Fortschrittsparole von der anbrechenden Morgenröte, ist heute zur Parole «rechtspopulistischer» Bewegungen in Europa geworden, die die einst linke Strategie der permanenten Provokation als Erfolgsrezept entdeckt haben. Verkehrte Welt. Grosse Teile des linken Milieus werden gleichsam auf dem falschen Fuss erwischt.
(…)
Der «Migrant» ist der grosse Andere, «ein Geschenk», wie die Spitzenkandidatin der deutschen Grünen, Katrin Göring-Eckardt, sagte. Er ist der Antideutsche, der Antispiesser, eine exotische Projektionsfläche für Ideen und Träume, die man selbst eigentlich schon längst beerdigt hat. «Unser Land wird sich ändern, und zwar drastisch. Und ich sag euch eins: Ich freu mich drauf!», sagte Göring-Eckardt auf dem grünen Parteitag im November 2015. Kriegs- und Armutsflüchtlinge als Präsent für die europäischen Wohlstandsgesellschaften – auf diesen gepflegten Salon-Rassismus muss man erst einmal kommen.“

Der Hauch von Weimar ist freilich der beliebten (Über-)Dramatisierung geschuldet. Selbst wenn wir in der BRD bei den Rechten eine Figur wie Hitler hätten, sind die Verhältnisse, insbesondere die ökonomischen im Augenblick so gut wie selten, auch bei fortschreitendem und gewolltem Pauperismus. Die Leute am rechten Rand rebellieren nicht, weil sie nichts zu essen haben. Doch der Befund, den Mohr liefert, stimmt. Ich kann nur empfehlen, diesen Artikel komplett zu lesen. Es fällt zunehmend schwer, links zu sein. Insbesondere, wenn man sich eine „linke Sonntagspredigt“ wie die unselige, in Kitsch und Betroffenheit sich spreizende Rede Carolin Emckes zum „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels“ hört. Sie steht als Sinnbild für jeneBigotterie der kulturalistischen Linken:

„In der Paulskirche, dem historischen Ort der gescheiterten deutschen Revolution von 1848, appellierte sie an die Gemeinde: «Wir dürfen uns nicht wehrlos und sprachlos machen lassen. Wir können sprechen und handeln. Wir können die Verantwortung auf uns nehmen. Und das heisst: Wir können sprechend und handelnd eingreifen in diese sich zunehmend verrohende Welt. Dazu braucht es nur Vertrauen in das, was uns Menschen auszeichnet: die Begabung zum Anfangen. Wir können hinausgehen und etwas unterbrechen. Wir können neu geboren werden, indem wir uns einschalten in die Welt.»

Jenseits der ästhetischen Frage, ob es sich hier um Kitsch handelt, ist die Redundanz der unscharfen, fibelhaften Beschwörungsformeln unverkennbar. Konkrete Probleme, Interessenkonflikte und Widersprüche kommen nicht vor, weder Vergangenheit noch Zukunft, und die Gegenwart scheint so weit weg wie der Mond. Eine Ansammlung zeitloser Kalenderweisheiten aus dem Arsenal der Weihnachtsansprache. Es zählt das gute Gefühl – der fortgeschrittene Zustand einer politischen Selbsthypnose. Aus dem Protest ist die Predigt geworden.“

Intellektuelle Kompetenz und die Analyse dessen, was der Fall ist, wurden zugunsten des guten Gewissens vertagt, und es schwingt, klingt und klingelt der Ton evangelikaler Erbauungspredigt. Bestimmt ist er für die eigenen Gemeinde. Die kulturalistische Linke erfreut sich ihrer selbst. Mit solchen Leuten ist weder Staat noch Veränderung zu machen. Heraus zum roten ersten Mai? Ich bleibe zu Hause.

Die beigefügten Maibilder stammen von einer Demo aus dem Jahre 2014 und wurden hier z.T. schon einmal gezeigt.

 

Veröffentlicht unter Aufklärung, Gesellschaft | Verschlagwortet mit | 30 Kommentare

Nora Bossongs „Rotlicht“, die Temperatur des menschlichen Körpers und Todestage (Antonio Gramsci)

Nora Bossong taucht in ihrem neuen Buch „Rotlicht“ ins Milieu ein, sie recherchiert und betrachtet die Varianten des käuflichen Sexes. Diesmal also ein Sachbuch. (Eine Kritik zu „Rotlicht“ gibt es bei „tell – Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft“.) Ein Laufhaus auf St Pauli, einer der größten Straßenstriche Europas in Dortmund, wo die bulgarischen Frauen anschaffen, die „Venus“-Erotikmesse, aber ebenso die sanften Varianten wie ein Wohnungsbordell oder ein Tantra-Salon für erotische Massage.

Mich hat dieses Buch nicht überzeugt, zu erwartbar sind Bossongs Eindrücke, ich entdecke keine neuen Perspektiven und sehe nichts, das ich nicht vorher und ohne Bossong auch wußte. Wer einmal eine Erotikmesse wie die „Venus“ besuchte oder in einer Table-Dance-Bar weilte, weiß ungefähr, wie es in diesem Gewerbe vor den Kulissen zugeht. Da wäre es für eine Recherche spannend gewesen, etwas genauer hinter die Kulissen zu blicken und sozusagen tiefer zu recherchieren. Sich nicht nur von den Eindrücken treiben zu lassen und diese zu berichten, wenngleich diese Schreibe aus dem Subjektiven heraus im Moment en vogue ist. Sozusagen die Knausgardisierung der Reportage als Erlebnisbericht.

Bossong kritisiert die Verhältnisse, kritisiert den Trend, Sex als Leistungssport zu nehmen, kritisiert auch, von bürgerlicher Warte (meiner nicht fremd) die Kapitalisierung des Sex. (Das kann man machen, man sollte sich darüber nur nicht erstaunt zeigen, denn das ist naiv.) Sie wappnet sich mit Theorie. Ja, ich habe mir von Nora Bossongs Buch mehr erwartet.

Es ist schade, daß Bossong an ihrem Gegenstand scheitert oder zumindest, wenn man es nicht derart harsch schreiben möchte, da ich Nora Bossongs Literatur schätze, ihn verfehlt. Denn ihr Roman „36,9°“ über den Kommunisten Antonio Gramsci las ich angeregt; mir gefiel das Buch. In der Konstruktion und der gegenstrebigen Geschichte zweier Protagonisten aus zwei verschiedenen Zeiten ist dieser Roman gelungen. (Ich habe den Roman an dieser Stelle besprochen.) Auch dieses Buch handelte vom menschlichen Körper – ein Thema, das Bossong in ihrer Prosa umtreibt. Allerdings ist es im Falle Gramscis ein Körper in seiner verzerrten, deformierten Variante. Es heißt bei Bossong:

„Wenn jemand klein war und ausgerechnet als Mann, wenn er so wenig maß, dass es den anderen wie eine Verwachsenheit, ja wie eine Verzwergung erschien, dann sollte er sich entweder an einem bestimmten Punkt des Lebens von der Sinnlichkeit verabschieden, und je früher, desto besser, desto weniger Quälerei, dann sollte er sich ein Gehäuse aus Gedanken bauen oder vielmehr wachsen lassen, wie es die Schnecken tun und sich dorthinein zurückziehen.

Das war die eine Möglichkeit.

Oder aber er trainierte sich ein solches Übermaß an Sinnlichkeit an, dass sie die Umgebung stutzig machte, dass man nicht mehr aus noch ein wusste und niemand mehr sah, wer er war oder was oder wie groß. Der eigene Körper musste unter steter Spannung stehen.“

Wir finden uns in einer sehr katholischen, kommunistischen Passionsgeschichte wieder. Wir begegneten jenem Leib, der im Gefängnis, in unerträglicher Haft nur noch als Kopf agieren kann, und im Rückblick des Erzählens auch als jener Körper, der er einst war. Der Körper suchte die Liebe. Aber nur schwierig findet er sie und muß die Liebe doch lassen. Um der Sache willen. Parteidisziplin und die Passion zu Italien. Und auf der anderen Seite, Jahrzehnte später, betrachten wir jenen kalten Wissenschaftler Anton Stöver, einem ganz anderen linken Milieu entwachsen und mit diesem abrechnend. Stöver ist Wissenschaftler, er forscht über Gramsci. Ihn treibt die Lust am Körper, aber es ist der fremde Körper, nicht der seiner Frau. Er betrügt sie, noch während der Schwangerschaft. So souverän wie Bossong in „36,9°“ erzählt, so sehr verliert sich dieses Interesse in „Rotlicht“.

Ganz passend zu diesem Roman ist heute der 80. Todestag von Antonio Gramsci. Protokollarisch schreibt Bossong von diesem Tod, krudes Faktum der Geschichte und geborgen wird am Ende eine höchst kostbare Fracht, Frucht des Geistes:

„Um zehn endlich öffnete man ihm die Adern.
In der Nacht lassen die Ärzte einen Priester kommen

Halb schlafend, halb wachend sitzt Tanja an seinem Bett, sie hat die ganzen Stunden bei ihm ausgeharrt.
(…)
Am Morgen des 27. April 1937, um zehn Minuten nach vier, gibt sie auf.

Noch am selben Morgen trägt Tanja Schucht einen Stapel Hefte aus der Klinik, ein Konvolut aus Notizen, das als Gefängnishefte des Antonio Gramsci berühmt werden wird, der vor wenigen Stunden an Entkräftung gestorben ist, an einer vorangegangenen Hirnblutung, an der schlechten Gefängniskost, an den Wärtern, die ihn vom Schlaf abgehalten haben all die Jahre, ihn mehrmals in der Nacht aufweckten, er stirbt am Ausbleiben der Briefe Julias, an Paranoia, an Stalins Führung, an Mussolinis Italien, an sich selbst. Von all dem steht nur wenig im ärztlichen Protokoll.

Erneut ist es allein ihrem Geschick zu verdanken: Dass sie die Schriften jenes Mannes hinausträgt, den das faschistische Regime stimmlos hatte machen wollen.“

Auch hier, in dieser Sterbestunde, in diesem Krankenzimmer, in diesem Roman sind es – wie im Rotlicht – die Frauen als eine Art Passiv, die ihren Teil beitragen, jedoch als läßlicher Rest unter den Tisch fallen, wenn die Legenden erzählt werden. Der Roman von Bossong macht diese seltsame Liebe Gramscis zu den beiden Schwestern, die Passionsgeschichte eines Revolutionärs wieder lesbar. Eine Intimität, die berührt.

Und weil ich mir nach langer Zeit einmal wieder meine Photographien von Hamburg St. Pauli betrachtete, zeige ich auf AISTHESIS einige alte Bilder. Manches davon gab es hier bereits zu sehen, aber diese Wiederholung macht die Photographien kaum schlechter.

 

Veröffentlicht unter Ausgesucht öde Orte, Literatur, Photographie | Verschlagwortet mit , , , | 1 Kommentar

Daß aber nichts bleibt, auch nicht die Zeit, die die unsrige ist – Giorgio Agamben in Zitatensplittern zum 75. Geburtstag

„Man kennt den brutalen Spruch, den sich Scotus bei Avicena ausleiht, um die Kontingenz zu beweisen: ‚Diejenigen, die die Kontingenz leugnen, müßten gefoltert werden, bis sie zugeben, daß sie auch nicht hätten gefoltert werden können.‘“ (Agamben, Stanzen)

Die Kontingenz also, auch die unseres Daseins, was etwas anderes ist als der bloße Zufall.

„In dieser Verdoppelung des Arbeitsprodukts, derentwegen es dem Menschen einmal dieses, einmal ein anderes Gesicht zuwendet, ohne daß es jemals möglich wäre, beide im selben Moment zu erblicken, besteht das, was Marx den ‚Fetischcharakter‘ der Ware nennt. Der Fetischcharakter weist somit mehr als eine bloße terminologische Übereinstimmung mit den Fetischen, den Objekten der Perversion auf. Der Überlagerung des Gebrauchswerts durch den Tauschwert entspricht im Fetischismus die Überlagerung des üblichen Objektgebrauchs durch einen spezifischen symbolischen Wert. Ebenso wie der Fetischist seinen Fetisch niemals ganz zu besitzen vermag, weil dieser das Zeichen zweier widersprüchlicher Wirklichkeiten ist, genauso kann auch der Besitzer der Ware sich an dieser niemals gleichzeitig als Gebrauchsgegenstand und Wert erfreuen. Mag er den stofflichen Körper, in dem sie sich zeigt, auch auf alle erdenklichen Weisen handhaben, mag er ihn physisch bis zur Zerstörung verändern: selbst in diesem Hinschwinden wird die Ware einmal mehr ihre Ungreifbarkeit bestätigen.“ (Agamben, Stanzen)

Das aber war gerade der Zug von Marx, das Komplexe, das der Ware anhaftet, begreifbar zu machen. Es sollte in einer ökonomischen Analyse eingeholt werden, um den Waren genau jene theologischen Mucken auszutreiben bzw. deren „Metaphysik“ in der Analyse freizulegen. Agamben fällt hier mit Benjamin in eine quasimystische Betrachtung zurück. Allerdings geht es Agamben in seinen Stanzen nicht primär um ökonomische Begriffe, sondern um ein Phänomen der Literatur (aber genauso der Daseinsbefindlichkeit), nämlich um „Wort und Phantasma in der abendländischen Kultur“. (Was sicherlich ein weites, ein sehr weites Feld bedeutet. Doch ich schätze Bücher, die sich verausgaben und aufs Ganze zielen, ins Ungedeckte sich begeben.) Für dieses Unterfangen greift Agamben tief in die Kultur, schweift weit aus. In diesem feinen Buch reisen wir von Freud, Marx, Benjamin und Baudelaire hin zur Sphinx, zu Ödipus und Pygmalion. Fort in die Antike, unsere graue Vorzeit: Das, was bleibt, was nachwirkt. Verdeckte Seinsgeschichte und Sediment. Die Gegenwart wird von Agamben im Licht des Vergangenen beleuchtet und das Vergangene ist mit den Schichten der Deutung überlagert, zu denen die Gegenwart ihren Part hinzufügt.

Agambens Schreiben ist in diesem Sinne essayistisch-metaphysisch. Ein Hauch von Theologie zieht durch den Text, aber es ist der Strom einer materialistisch angewehten Theologie. Und wie bereits Walter Benjamin halb lobend dem Text von Franz Kafka jene „wolkigen Stellen“ konzedierte, finden wir dieses Wolkig bis Luftige, wenn nicht gar Sphärische, ebenfalls bei Agamben. Wobei „wolkige Stellen“ eine schöne Metapher für unverständliche, unklare, undeutliche, verworrene, vielleicht auch schwierige „Passagen“ ist. Solches, das im rein rationalen Diskurs ggf. als Unsinn durchzufallen droht, dem aber doch, wie in Kafkas allerdings luzider Prosa, ein zentraler Gehalt innewohnt. Was manchmal als Raunen abgetan wird.

Bei diesen „wolkigen Stelle“ es freilich, wie Benjamin betont, zu verharren gilt. Diese metaphysische Spekulation treibt auch den Text Agambens. Von solchen Verquickungen handelt sein Buch Stanzen. Zwischen dem Warencharakter, den in den Pariser Kristallpalästen ausgestellten féerien, dem Fetisch und dem Objekt als Anderes, das sich im Handbarmachen als Phantasma erweisen kann. Eine „Topologie des Irrealen“, aber ebenso der Gedanke der „Verzweiflung des Melancholikers“, in der „das Begehren sein Objekt verneint und zugleich bejaht“, also auch der Fetischismus trägt seinen Teil bei. Solche Zusammensetzung dient Agamben als ein Modell und eine Möglichkeit für Erkenntnis. Sozusagen poetisch-philosophisch gefärbt.Eine Untersuchung „der von der Ware bewirkten Verklärung der menschlichen Gegenstände“. Eine Frage mit weitreichender Dimension. Dieses Betrachten Agambens ist eine Variante der Theorie, die man – im Sinne Benjamins – gut als spekulative Erkenntniskritik bezeichnen kann.

Doch nicht nur. Agamben ist, wie sein Homo-Sacer-Projekt zeigt ebenso ein politischer Denker. Der Nomos der Moderne, einen Satz Carl Schmitts abwandelnd, der Agambens Denken wesentlich bestimmt, ist das Lager. Die Zerrissenheit der Moderne wird bei Agamben nicht hegelianisch aufgehoben, aber auch nicht im Gang des Denkens einfach als Riß und Bruch perpetuiert. Materialismus ohne verdinglichende geschichtsphilosophische Hybris. Als könnte sich noch irgendwas im revoltierenden Subjekt reifizieren. Praxis driftet nicht nur in Theorie,  sondern bei Agamben häufig auch in die Theologie. Inspiriert ist Agamben in solchem Kontext ebenso von Adornos negativer Dialektik. Die mit Benjamin freilich immer wieder ins Theologische samt deren Kritik gewendet wurde. Daß Agamben gegenüber Adorno das Denken Benjamins präferierte, daraus machte er keinen Hehl. Dennoch schießen in seine Texte immer wieder die Motive Adornoscher Philosophie hinein, etwa wenn er zum Verhältnis von Philosophie und Dichtung schreibt, die komplementär aufeinander bezogen sind.

Doch auch in deren Konstellation zeigen sich jene Spaltung und die Entzweiung. Sie zu kitten, sollte die große Aufgabe und die Kunst der Moderne darstellen. Schönheit in Kunst als Harmonie, wie das noch die Vereinigungsphilosophie Hölderlins im Hyperion anstrebte, halb im Bann der Antike, halb im Sog von Schillers Konzept idealisierter Schönheit und erzieherisch bewegt es sich im Absatz zum Politischen.  Schrecken und Schönheit der Revolution. Schönheit manifestierte sich im Werk als das sinnliche Dasein der Idee. Ein Zug ins Symbolische, Visualiertes und im ältesten Systemprogramm des Deutschen Idealismus, das mit relativer Gewiheit von Hegel stammt, mußten die Ideen sinnlich scheinen und schimmern, denn der höchste Akt der Vernunft ist ein ästhetischer. Und nichts höher zu schätzen im Konzept der Vereinigung als der ästhetische Sinn. Ein schöner Staat. Solchen Sphären mißtraut die Moderne samt ihrer ausdifferenzierten Vernunft. In einer neuen Mythologie oder einer Vereinigungsphilosophie ist solche Einheit unvermittel (oder auch vermittelt) nur noch schwierig zu haben. Hegel wußte seit seiner Jenaer Zeit, daß diese Aporie nicht zu knacken ist. Am Ende läuft es auf eine Verrechtlichgung der Verhältnisse hinaus. Darin Kunst lediglich ein Part von vielen anderen ist. Dies unter anderem motivierte Hegel zu seinem Diktum über die Kunst. Und zeugt von der paradoxen wie auch der kontingenten Situation der Kunst.

Was Agamben über das geschichtete und palimpsesthafte Verhältnis der Sphären und Texte zueinander schreibt, das gilt auch für Agambens eigenes Werk:

„Jedes geschriebene Werk kann als Vorwort (oder eher als verlorene Wachsschicht [wir kennen ja Freud Notiz über den Wunderblock, Bersarin]) eines nie geschriebenen Werkes, betrachtet werden, das notwendig ungeschrieben bleibt, weil die auf es folgenden Werke, die ihrerseits Vorspiele oder Abdrucke von anderen abwesenden Werken sind, nichts als Splitter oder Totenmasken von ihm darstellen. Obwohl das abwesende Werk nicht in einer genauen Chronologie verortet werden kann, bestimmt es die geschriebenen Werke als prolegómena oder paralipómena oder allgemeiner als párerga eine inexistenten Textes, die ihren eigentlichen Sinn einzig neben einem unlesbaren érgon gewinnen. In Anlehnung an ein schönes Bild von Montaigne bilden sie im Rahmen von Grotesken um ein unausgeführtes Portrait herum oder, gemäß der Meinung eines pseudoplatonischen Briefes, die Kontrafaktur eines unmöglichen Schriftstücks.“ (Agamben, Kindheit und Geschichte)

Veröffentlicht unter Geburtstage, Philosophie | Verschlagwortet mit | 1 Kommentar