Welttag der Philosophie

Heute ist Welttag der Philosophie und ich habe dazu eigentlich nur einen einzigen Rat: Lest die Texte der Philosophinnen und Philosophen und nicht die Sekundärtexte dazu, lest diese Texte gründlich! Begreift, daß Philosophie Arbeit ist und daß man dabei kein Wissen schwarz auf weiß nach Hause trägt, mit dem man dann irgendwo glänzen kann. Manchmal machen solche Texte erhebliche Mühe, oft erschüttern sie überkommene Denk-Gewißheiten und Meinungen, und vielleicht bemerkt manche Leserin, mancher Leser in diesem Prozeß dann: philosophische Texte dienen nicht der Referenzrahmenbestätigung und sie sind auch keine Munition, die sich dazu mißbrauchen läßt, die eigenen Thesen, die man eh schon vorher im Kopfe trug, abzusichern. Philosophische Texte sind keine Bunker. Denn wenn man diese Texte, auch die der vermeintlichen Geistesheroen und jener „heiligen“ Autoren, die man dabei besonders lieb gewonnen hat, gründlich liest, wird man oftmals bemerken: diese Texte führen ein Eigenleben und je öfter ich solche Texte lese, desto mehr kann ich das als Leser bemerken, stoße auf neue Adern, Wege und Argumente.

Ob Philosophie solche Welttage tatsächlich benötigt, sei dahingestellt, aber ich will die symbolische Dimension solcher „Feierlichkeiten“ nicht gering schätzen. Besser als hohe Würdigungsreden freilich, die meist auf Phrasen hinauslaufen, was man sich landläufig so von der Philosophie vorstellt – dies oder eben auch das, glauben, meinen, annahmen –, ist es, an diesem Tag sich einen ausgewählten Text vorzunehmen: Das XII. Buch der Metaphysik des Aristoteles, Platons „Phaidros“, Leibnizens „Monadologie“, Hegels „Vorrede“ zur „Phänomenologie des Geistes“, Marxens Feuerbachthesen und dazu vielleicht die ersten Seiten seiner „Deutschen Ideologie“, Kierkegaards „Diapsalmata“ aus „Entweder-Oder“, Husserls „Philosophie als strenge Wissenschaft“ oder auch etwas ganz anderes. Philosophie bedeutet, unter anderem, (aber eben nicht nur), einen Text gründlich zu lesen. Und Philosophie heißt ebenfalls, das Gelesene zu hinterfragen und es nicht per se als geltend zu setzen, nur weil es der „Meister“  sagt. Philosophie ist kein Ismus.  Philosophie sollte nicht das Nachbeten von Texten und Werken sein, und vielleicht entdecken wir durch intensive Lektüre noch andere Pfade und Wege im Text als das, was bisher in Lehrbüchern und in Sekundärtexten als Auslegung festgeschrieben wurde. Philosophie sollte sich insofern kritisch zum „Meister“ stellen – etwas, das ja gerade Hegel auch fordert und in diesem Sinne wird der Hegelianer seinem „Meister“ in diesem Sinne nicht gerecht und ist geradezu kein „Hegelianer“.

Für jene Menschen, die noch jung und noch Studenten sind – aber eigentlich gilt das auch für ältere und für alle Leserinnen und Leser , sei zudem geraten: Bildet Banden, bildet Lesekreise, lest gemeinsam, diskutiert, debattiert, streitet und vergeßt bei all diesem Disput eines nicht: im Zentrum steht der Text und nicht das persönliche Ego. Texte wollen verstanden werden. Sie auszulegen und zu verstehen, bedeutet nicht, irgendeinen heiligen und irgendwie geheimen verborgen Sinn dort herauszulesen, den ein Autor dort hineingeschmuggelt hat. Sondern die meisten Texte beschäftigen sich mit einer Frage oder einem Problem. Manchmal muß man ein wenig schauen und forschen, was eigentlich die Frage und was das Problem ist, das der Text angeht. Oft hängen diese Frage bzw. dieses Problem mit der Darstellungsart und der Sprache des Textes zusammen. Es gibt Inhalte und es gibt eine Form, in der sich Inhalte präsentieren. Zum philosophischen Text gehören also auch dessen argumentativer Aufbau und dessen rhetorische Struktur. Was wie in Kierkegaards „Entweder-Oder“ locker als Literatur und als ästhetizistisches Happening anmutet, das dann vom Ethiker „gekappert“ wird, ist nicht bloß ein Dreischritt vom Sinnlichen übers Moralische in den Glauben: sondern es handelt sich um Philosophieren in einer spezifischen Form und wie so oft bestimmen Frage und Problem die Darstellung.

Wer einen Blick für unterschiedliche Textformen schärfen will, lese Platons Staat, Aristoteles‘ Metaphysik, Spinozas Ethik, Wittgensteins „Tractatus“, Heideggers „Beiträge zur Philosophie“ oder Adornos Ästhetische Theorie. All diese Fragen von Darstellung, Argument, Stil, Rhetorik, Inhalt wollen beim Lesen mitbedacht werden. In diesem Sinne ist das Lesen von Texten eine mühevolle Arbeit. Aber eben nicht nur.

Wer da lange genug gelesen hat, wird irgendwann auch bemerken: Text ist Sex! Nur eben nicht zum Anfassen. Aber zum Begreifen.

Zu Habermas‘ „Auch eine Geschichte der Philosophie“ sowie zu den doxographischen Engführungen von Philosophie

Nach all den, zumeist wohlwollenden, Kritiken zu Habermas‘ „Auch eine Geschichte der Philosophie“ – sie lasen sich ein wenig wie Grabreden über einen verdienten Philosophien, der über seinem Opus Magnum dahinsank und von dem man nun, ob des Werksumgangs im Ganzen, weil da auch Gutes dabei war, und da man doch im Angesicht des Alterswerkes nichts Schlechtes schreiben mag (de mortuis nil nisi bene, obwohl der Mann doch noch sehr lebendig ist) – denke ich mir, nach der Darstellung des Buchinhaltes, daß ich diese Werk nicht wirklich lesen möchte, weil es zum einen die Verengung der „Geschichte“ der Philosophie produziert und zum anderen und das ist das Resultat des einen, insofern aufgrund der doxographischen Verengung keinen Gewinn an Erkenntnis bietet. Wie schon „Der philosophische Diskurs der Moderne“, darin Habermas nicht im Ansatz der „französischen“ Philosophie gerecht wurde, sondern sie auf sein eigenes Konzept zurechtstutzte, läuft es, so vermute ich, auf eine Fehllektüre hinaus, die mehr Ärger als Freude über jene Geschichte der Philosophie erregt.

Bis heute müssen wir im übrigen jene Rebekka rügen, die ihm den „Neostrukturalismus“ (sic!) nahegebracht hat. Sie hat es nicht gut getan. Oder sie erzählte etwas, das Habermas dann in einen ganz anderen und leider falschen Kontext brachte.

Es mag zwar sein, daß Mitte der 1980er durch Habermas‘ „Der philosophische Diskurs der Moderne“ erstmals der sogenannte Poststrukturalismus – eine wie ich finde sowieso unglückliche Zuschreibung, weil es sich um eine Abbreviatur sehr unterschiedlicher Philosophen handelt –  auf einer breiteren Ebene akademischer Philosophie debattiert wurde – wobei in den Subzirkeln derer, die im Post-68 nicht einfach dogmatisch bei Marx und Freud verharren wollten, lange schon Foucault, Deleuze und Derrida auf dem Zettel standen, man denke nur an die Merve-Kultur, die Philipp Felsch im „Langen Sommer der Theorie“ schildert. Nur kommt es eben bei Habermas‘ Darstellung auch auf das Wie an. Und wenn dabei verkürzte Lektüren entstehen, wird die Angelegenheit problematisch.

Zumal diese Lesart von Foucault, Bataille und Derrida durch Habermas im deutschsprachigen Raum leider erhebliche und leider lektüretechnisch-hermeneutisch meist negative Auswirkungen hatte und bis in die Neunziger Rezeptionskonstrukte und zudem eine völlig überflüssige Frontstellung schuf: als ob da in Frankreich irgendwelche Neokonservativen mit zu viel Nietzsche und Heidegger im Gepäck herumirrationalisierten. Was schlicht nicht der Fall war. Den ganzen phänomenologischen Strang etwa bei Derrida und Lyotard wie auch der Bezug zu Hegel wurden abgeschnitten.

Was Derrida und Foucault taten, mag mit Habermas‘ Form der Vernunftkritik nicht unmittelbar kompatibel sein. Aber das bedeutet im Umkehrschluß nicht, daß es unvernünftig oder irrational ist, sondern bei so unterschiedlichen Philosophen wie Derrida, Foucault, Deleuze und Lyotard wird ebenso eine Kritik der Vernunft mit den Mitteln der Vernunft betrieben, wie dies auch Romantiker wie Novalis taten – indem sie im Philosophieren ebenso auf Formen von Literatur  zurückgriffen und poetische Verfahren ebenso einbezogen. Oder indem Denker wie Foucault auch das Subjekt selbst bzw. den Begriff des Subjekts in kritischer Absicht als eine historische Figur aufzeigten – ohne dabei irrationale Schubkräfte, vages Fühlen und Dräuen, Mythos und die Triebkräfte der Seele nun zu institutionalisieren. Ich denke, daß durch die Habermas-Rezeption leider lange Zeit ein falsches Bild, also ein Artefakt in Umlauf gebracht wurde, das diese Denker auf einer bestimmten Linie festschrieb. Und ich fürchte, daß auch im Falle dieser Philosophiegeschichte ähnliches geschieht – wobei ich mich, und insofern ist das hier keine verbindliche Einschätzung, gerne auch angenehm überraschen  lasse und alles ist anders.

Richtig ist aber, daß man sich an Habermas‘ „Der philosophische Diskurs der Moderne“ immerhin abarbeiten konnte. Und las einer Derrida und Foucault selbst, dann entdeckten er oder sie schnell, daß es sich doch etwas anders verhielt. So zumindest erging es mir 1988 bei der Lektüre einiger dieser Texte der French Philosophy.

Allerdings bin ich bei Philosophie-Geschichten, zumal solchen, die von Philosophen geschrieben werden, die systematisch arbeiten, und nicht von Philosophie-Historikern, sowieso vorsichtig und erinnere mich immer wieder gerne an die Worte meines Soziologie-Professors und -lehrers Gerhard Kleining: „Wenn Sie die Primärtexte nicht verstehen, werden Sie auch die Sekundärliteratur kaum begreifen. Fangen Sie also lieber bei den Primärtexten an, lesen Sie langsam und gründlich, sprechen Sie über den Text mit anderen.“

Das gilt auch für die Philosophietexte der Tradition: besser Platon, Aristoteles, Plotin, Augustinus, Duns Scotus oder Thomas von Aquin selbst zu lesen, als über sie etwas zu lesen. [Es harren noch so viele unentdeckte, ungelesene Texte, die warten.] Jene Texte über Philosophen – insbesondere wenn es sich bei den Autoren selbst um originäre Philosophen handelte, die ein eigenständiges Denken ausarbeiteten – waren meist ein Trauerspiel: schufen sie doch meist enge Grenzen der Auslegung und verengten einen komplexen Textkorpus hin aufs je Eigene. Eine der großen Ausnahmen scheint mir in diesem Falle Martin Heidegger zu sein: wenn er Heraklit, Anaxagoras oder Parmenides liest, so mag das eine Rezeptionsverengung bedeuten und doch öffnet Heidegger zugleich den Horizont für diese Philosophen, um sie tiefer oder anders zu lesen. Gerne auch anders als Heidegger es denkt. Ansonsten aber bleiben Philosophiegeschichten von Philosophen meist heikel. Was nicht heißt, daß sie schlecht sein müssen. Adornos „Philosophische Terminologie“, Hegels „Geschichte der Philosophie“ und auch Blochs „Leipziger Vorlesungen“ sind allesamt gute, weil anregende Philosophiegeschichten und auch vom Hirschberger will ich gar nicht abraten, geschweige vom Ueberweg. Dennoch: lesen Sie die Primärtexte, so geht mein ceterum censeo.

Denn mit den Philosophiegeschichten verhält es sich ähnlich wie mit Leuten, die wandern wollen. Das ist als spazierte man auf einer großen Landkarte statt in der Landschaft selbst. Um dort genauere Orientierung zu bekommen, können Landkarten allenfalls helfen. Aber sie ersetzen den Weg und das Suchen nach Wegmarken nicht. Und Philosophiegeschichten bzw. die Auseinandersetzungen von Philosophien mit anderen Philosophen sind oftmals nicht sonders wohlgeraten, sondern vielmehr wird der interpretierte Philosoph im Hinblick auf die eigene Philosophie gelesen.

Das kann produktiv sein, wenn man jenen Philosophen und sein Denken, in diesem Falle eben Habermas, genauer sichten will. Man muß sich eben nur hüten, solche Interpretationen und solche blickverengenden Lektüren für den Text des anderen Philosophen selbst zu nehmen. Das beste Beispiel sind Adornos Heidegger-Interpretationen. So sehr ich Adorno schätze, sind sie an vielen Stellen deutlich zu eng, wenn nicht sogar in großen Teilen falsch. Auch wenn sich selbst durch diese adornoschen Heidegger-Lektüren ein instruktiver Blick auf Adornos Philosophie werfen läßt

Diese Fehldeutung ändert nichts an der Qualität von Adornos Philosophie. Und so mag das auch bei Habermas sein. In vielen Aspekten halte ich seine Diskursethik und insbesondere auch „Faktizität und Geltung“, also seine Theorie zum Rechtsstaat für ungemein anregend und wichtig. Es ist dies also kein schlichtes Anti-Habermas-Bashing – worum es in der Philosophie sowieso nicht gehen sollte, irgendeinem Ismus aufzusitzen. Aus diesem Grunde konnte ich auch Kierkegaard neben Hegel, Nietzsche zusammen mit Marx und Heidegger mit Adorno lesen. Ein Verfahren übrigens, daß ich sowohl durch Derridas Texte wie auch mit Hegels Philosophie lernte.

Jener 9. November 1989 – Jahrestage

Man könnte diesen Tag mit dem bekannten Gedicht Thomas Braschs vom „schönen 27. September“ einleiten – es erschien 1980, als Brasch bereits vier Jahre im Westen lebte:

Der schöne 27. September

Ich habe keine Zeitung gelesen.
Ich habe keiner Frau nachgesehn.
Ich habe den Briefkasten nicht geöffnet.
Ich habe keinem einen Guten Tag gewünscht.
Ich habe nicht in den Spiegel gesehn.
Ich habe mit keinem über alte Zeiten gesprochen
und mit keinem über neue Zeiten.
Ich habe nicht über mich nachgedacht.
Ich habe keine Zeile geschrieben.
Ich habe keinen Stein ins Rollen gebracht.

Es ist in seiner Alltäglichkeit und als Moment des Rückzugs aus jenem Alltag ein schönes, ein ruhiges, ja auch ein kontemplatives Gedicht und manchmal liefert solche Dichtung eine Art Korrektiv gegen das Überschießende wie auch gegen das Politische. Es läßt im Trubel der Zeiten einen Schritt zurücktreten. Für solchen Abstand in der (dichterischen) Reflexion kann ein solcher datierter Tag zu einem Ritual werden. Wurde es auch und war es, nämlich für Christa Wolfs Buch „Ein Tag im Jahr“. Wolf folgte im Jahr 1960 einem Aufruf der Moskauer Zeitung „Iswestija“, den 27. September zu schildern und ihn zu beschreiben, und sie setzte das bis ins Jahr 2000 als Tagebuch fort und hielt fest, was an diesem Datum geschah. Eine zwar unter schlechtem Zeichen sich inszenierende, aber zugleich doch gelungene Idee, die auf Maxim Gorki zurückgeht, der im Jahr des Stalin-Terrors 1936 und kurz vor den großen Säuberungen diesen Schreib-Tag zum Lobe des Sozialismus ins Leben rief. Unfaßbar naiv und im Grunde unverzeihlich. Und gerade unter diesem Gesichtspunkt des schreibenden und engagierten Arbeiters bekommt die Lakonie des Brasch-Gedichtes besondere Bedeutung, und so fängt Brasch die Dialektik des Datums in einer Lyrik ein, die ins Oblomowsche Nichtstun in eine Art von Verweigerung geht. Eine Art Gegen-Sozialismus zum hohen Propaganda-Ton. [Wer zur Ästhetik und ebenso zur Politik des Datums als Einschnitt und Beschneidung einen Text lesen will, der greife zu Jacques Derridas „Schibboleth“.]

Solche Daten können privat sein und sie ragen zugleich übers Private hinaus. In ihnen bündelt und pointiert sich Geschichte und ebenso privates Erleben. Fast jeder weiß, was er am 11. September tat. Dieser neunte November ist für die Deutschen solch ein Gedenktag. Kein Geschichtszeichen zwar – ausgenommen vielleicht der 9. November 1989 – aber doch vielfältig determiniert. Es müßte dieser Tag wegen dieser hohen, fast überdeterminierten Symbolik der zentrale Feiertag der Deutschen sein. Ein Datum, in dem sich unterschiedliche Ereignisse kreuzen und treffen und die miteinander in einem Bezug stehen oder zumindest geschichtlich korrespondieren und eine Linie bilden.

Am 9. November 1848 die standrechtliche Hinrichtung von Robert Blum in Wien, am 9. November 1918 im Deutschen Reich die Absetzung des deutschen Kriegskaisers und die Proklamation der Republik: eine deutsche Revolution, aber mit fatalem Ausgang, denn man vergaß, die Generäle Ludendorff und Hindenburg vor ein Gericht zu stellen, und man hätte sie vorher zwingen müssen, eigenhändig den Friedensvertrag zu unterschreiben. Am 9. November 1923 der Hitler-Ludendorff-Putsch in München und am 9. November1938 die Pogrome und der systematische Angriff auf Juden und ihre Synagogen. Damit war, fürs Volk gut sichtbar, jene Szenerie eingeläutet, auf die das Dritte Reich zulief: die Endlösung der Judenfrage. Das Ende des Zweiten Weltkrieges machte diesem Grauen ein Ende und brachte ein anderes Europa – ein in Ost und West geteiltes. Eines, das wohl hundert Jahre und mehr noch dauern mochte, so nahmen die meisten bis weit ins Jahr 1989 hinein an. Aus dieser politischen Konstellation gingen die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik, kurz DDR, hervor – von der Springer-Presse bis in die 1980er Jahre noch in Anführungszeichen geschrieben.

Die Solidarität der West-Linken mit der DDR-Opposition war mäßig bis gleichgültig. Das einige Deutschland stand kaum auf der Agenda, denn auch nach über 40 Jahren noch galt es, die unendliche Schuld abzutragen, für die die Teilung der Preis war, inzwischen aber in den Schleifen der Gewöhnung eine abstrakte Schuld, die tatsächliches Gedenken aufs Ritual zurückbrach – wie Martin Walser das nicht zu unrecht in seiner Friedenspreisrede 1998 feststellte. Kranzabwurfstellen eben, die da wohlfeil eingerichtet wurden – wobei die symbolische Dimension solcher Akte nicht zu unterschlagen ist.

Floskeln, Phrasen und Parolen vielfach auch von links: „Hoch und nieder, vorwärts, nie wieder!“, wie 1997 in leicht-melancholischem Ton der Sammelband zu vierzig Jahre „konkret“ titelte. Nicht schlecht eigentlich und die Hoffnungen und die Kämpfe der Jahre nicht in einen Satz, sondern vielmehr in Begriffe gegossen, gemeißelt, wissend, daß jene linken Jahre vorüber sind und zugleich das bloß noch Symbolisches rezitierend. Nicht daß mir diese Position einer Deutschland-Kritik damals fern stand, ich will mich hinterher nicht widerständischer machen als ich war. Im Rückblick aber und selbst als Zeuge der Zeit hätte einem das Falsche daran aufgehen können. Daß zwei Staaten mit einer ähnlichen Kultur, der gleichen Geschichte und derselben Sprache in dieser Weise geteilt waren, erschien auch mir nicht als der normale Weg. Da stand einerseits eine widerständische Linke, die viel auf Protest und bei der DDR die Schnauze hielt – wenn man von den Grünen und einigen wenigen Ausnahmen absieht – und da stand andererseits ein festgefügter Block des kapitalistischen Lebens, der zugleich aber auch ein Rechtsstaat war.

Mir ging seit Mitte der 1980er jedoch jene Gesinnungs-Linke zunehmend am Arsch vorbei. Der Solidaritäts-Kaffee aus Nicaragua schmeckte nach Scheiße, also trank ich ihn nicht. Jacobs- und Tschibo-Kaffee waren Wirtschafts-Betrug und beruhten, so steht zu vermuten, auf der Ausbeutung der Arbeiter in den Plantagen, aber sie schmeckten wenigstens halbwegs und erweckte nicht den Eindruck, daß da zugleich neben den Bohnen der Marke „Schlechte Solidaritätsernte“ gemahlene Eicheln und deutsche Bucheckern mitverarbeitet wurden. Dennoch kam mir, 1989, als inzwischen lange schon ins Ästhetische, in die Kunst und als Praxis in die Photographie abgewanderter Zaungast von Politik diese deutsch-deutsche Grenze widersinnig vor und sie kam mir auch schon 1982, als ich im Schwarzen Block in Hamburg als Fußvolk mitlief, falsch vor – vielleicht auch, weil ich früh schon, mit 14 Jahren die Biermann-Gedichte las und seine Lieder hörte: die von der kaputten DDR, von der Hoffnung auf ein besseres Land, nicht auf bessere Zeiten zu warten, sondern zu mache, zu protestieren, und irgendwann war klar, daß die Greise bleiben, und wie Attinghausen schon in Schillers „Tell“ deklamierte: „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen.“

Wenn man von der Lebensqualität und den Möglichkeiten eines guten Lebens, die die Bundesrepublik immerhin bot, einmal absieht: Das Spektrum an politischen Überzeugungen in der BRD war deutlich breiter als in der rigiden DDR, wo Witze nicht nach dem Lacheffekt gemessen wurden, sondern wie viele Jahre Knast sie einbrachten. Die Höhe der Haft war auch insofern ein nicht nur qualitatives Maß für die DDR, sondern ebenso quantitativ ein wohlfeiler Tauschwert im guten marxschen Sinne, weil die Haftdauer den Preis des politischen Gefangenen im Freikauf durch die BRD bestimmte. Wenn sie auch sonst nichts von Marx begriffen: das Prinzip des Kapitalismus, wie man eine Ware teuer verkauft, verstanden sie und auch die in diese Ware Mensch investierte Arbeit durch Befragung, Folter, Schlafentzug und Sonderbehandlung sollte sich in der Höhe des Preises auszahlen. Den Mehrwert fuhren dann immerhin die Arbeiter und die Funktionäre ein. Wer sich ein Bild von dieser Art der DDR machen will, besuche in Torgau die Ausstellung zu den Jugendwerkhöfen oder die Gedenkstätte Hohenschönhausen, mithin den Stasi-Knast.

Und in den 1980er dann wußte noch der Doofste: es wird nichts sein und es wird nichts mit dieser Art des Sozialismus, der ein Volk einsperren muß, Endspiel, Warten auf Godot, das letzte Band und der letzte machtʼs Licht aus. Ökonomisch nicht mehr zu stemmen. Es gab keine Alternative, auch der Kapitalismus war es nicht. Kein Ort, nirgends, las ich damals von Christa Wolf. Das traf die Stimmung. Und dennoch verstand ich diese Menschen, die da heraus wollten oder die ein anderes Deutschland sich wünschten, ein ganz anderes sogar, oder wenn es auch nur darum ging, ein besseres Auto zu kaufen. Idiotische Wünsche vielleicht, auf äußere Bedürfnisse zu schielen. Die Frage des Gebrauchswertes, selbst dort, wo er ein versteckter Tauschwert und Symbolisierung samt Habitus bedeutet, ist nicht gering zu veranschlagen.

Solidarität in gemeinsamen Kämpfen auszubilden, ist schwierig. In Wackersdorf, in Gorleben sowie im Elsaß, im Kaiserstuhl und im Badischen im Kampf gegen Whyl, Fessenheim, Marckolsheim – schöne deutsche Ortsnamen, davon zwei in Frankreich lagen – gelang ein Bündnis ganz unterschiedlicher Kräfte gegen eine Macht. In der DDR geschah dies langsam, aber stetig. Immer schon gab es jene Dissidentenszene – im Westen prominent und bekannt geworden durch Sänger und Dichter wie Wolf Biermann oder den Physiker Robert Havemann.

Was war meine DDR? Eigentlich keine. Sie existierte für mich in Berichten und Erzählungen. Ich besuchte die DDR 1982 für einen Tag, genauer gesagt Ostberlin, ich fand es spannend dort, teils seltsam; und befremdlich, auf diese Weise innerhalb Deutschland zu reisen, schon die Transitstrecke mit dem alten Golf, den ein Freund fuhr, schien mir widersinnig und gegen die Geschichte. Viel Grau da in Ost und beim Blick vom Fernsehturm auf dem Alex und schweifend über die Stadt freute ich mich, als dann über der Stadt, im Drehrestaurant sitzend, die Dämmerung hereinbrach, daß auf Ostseite nicht Neonreklame blitzte, sondern eine Schwärze und Stille sich über die Stadt legte. Man konnte die Nacht sehen. Aber was waren Eindrücke des Beobachters. Mit der Situation und der Politik im Land hatte das alles nichts zu tun.

Wenige nur, wie etwa Teile der Grünen zeigten Solidarität mit der Opposition in der DDR. Die Solidarität galt fernen Völkern, man schweifte lieber in die Ferne. Das war bequem, das war so weit weg, daß niemand im Zweifelsfall Konsequenzen tragen mußte. Man ging auf Nicaragua-Demos, protestierte für ein freies El Salvador, prangerte – zu recht freilich! – die imperiale und aggressive US-Außen- und Wirtschaftspolitik an. Das war gut, das war richtig. Einer mußte es tun. Und wo die Konservativen schwiegen, sprach und protestierte die Linke, und weil die Konservativen zur DDR nicht schwiegen und protestierten, sprach die Linke nicht über die Repressionen dort oder man sprach darüber nur geringfügig. Solidaritätsdemos mit „Schwerter zu Pflugscharten“ und mit der Opposition der DDR gab es keine – allenfalls in kirchlichen Kreise und bei manchen Grünen sah ich damals dieses Logo, der übrigen Linken war es egal oder anderes war Thema. Immerhin aber in der Friedensbewegung der BRD vereinzelt Solidarität und offene Briefe:

„Die in Gefängnissen der DDR sitzenden Aktiven aus der Friedensbewegung haben nichts getan, was wir nicht auch tagtäglich tun … Sie wurden verhaftet, wofür wir von Ihnen gelobt werden.“ (Offener Brief an Erich Honecker, Januar 1984, unterzeichnet von Vertretern der westeuropäischen Friedensbewegung)

In Westberlin gab es 1984 einen von Frauen organisierten Protest am Checkpoint Charlie, die aus Solidarität mit den mutigen Bürgerrechtlerinnen Bärbel Bohley und Ulrike Poppe demonstrierten. Dieser Protest hielt an, bis die inhaftierten Frauen freigelassen werden.

Wesentliches zum Fall der Mauer trugen in der DDR die Kirchen bei, denn sie boten jenen einen Schutzraum, die gegen das System rebellierten. Der Satz Biermanns für die Revolution der Polen galt auch für die DDR: Besser Jesus im Herzen, als Marx im Arsch. Ebenso aber war es der Protest der Straße, samt einer kurzen aufkeimenden Hoffnung, es könnte ein anderes Deutschland geben. Diese Hoffnung war auf einer Illusion gebaut und auch mit demokratischen Mitteln, also durch freie und geheime Wahlen nicht herbeizuführen. Zu tief saß die Wut über alles das, was nur annähernd mit dem Begriff „Sozialismus“ konnotiert war. Dem konnte auch die in der DDR sich wieder etablierende und aus der Zwangskollektivierung sich befreiende Sozialdemokratie nichts entgegensetzen.

In fataler Umkehrung könnte man auch sagen, daß den Feinden einer gerechten und sozialen Gesellschaft nichts Besseres passieren konnte als der real existierende Sozialismus. In den Etagen Macht, in den Zentralen der Großkonzerne mit ihrem Shareholder-Value-Denken dürften schon lange die Sektkorken geknallt haben. Immerhin gab es bis 1989 einen – wenn auch schrecklichen, grausamen, aber in seiner Grausamkeit auch wieder gewünschten Widerpart: den real existierenden Sozialismus, der aber, wie Hermann L. Gremliza es für die BRD formulierte, eine gewisse Mäßigung bewirkte.

„Ich schätzte die Sowjetunion nicht wegen ihrer Nachteile, wie Planwirtschaft, Arbeitsplatzgarantie und festgeschriebener Einkommen, sondern wegen ihrer Vorzüge, wie Atomraketen, Panzerarmeen und riesiger Raketenkreuzer, die das einzige Mittel waren, den überbordenden Kapitalismus im Zaum zu halten und zu zivilisiertem Verhalten zu zwingen, aus reiner Angst“

Fatale Dialektik des Gesellschaftlichen. Im Kampf der Systeme siegte der Westen und mit dem Wegfall der Ostblock-Diktaturen und dem Zusammenbruch des Mutterlandes der Revolution war ein neuer Weg frei. Daß dieser Zusammenbruch einer bis in die Köpfe reichenden Diktatur sein Gutes hatte, steht außer Frage. Der 9. November 1989 brachte vielen Menschen Freiheit und zugleich einen tiefen Einschnitt in der Vita. Die Leerstellen, die entstanden und wo die Jugend, die in diesen Tagen aufwuchs, auf den Trümmern tanzte und in den Ruinen träumte und scheiterte, brachte Clemens Meyer in seinem wunderbaren Debüt- Roman in ein literarisches Bild.

Heiner Müller schreibt am 25. September 1992 in seinem in der „Frankfurter Rundschau“ erschienenen Text „Die Küste der Barbaren“:

„Ein Dokumentarfilm über Skinheads in Halle beginnt mit einer Sequenz, wo ein Junge in Bomberjacke und Springerstiefeln professionell und liebevoll nach dem Kochbuch vor der Kamera und für das Filmteam einen Napfkuchen bäckt. Sein Berufstraum war Bäcker und Konditor, und seine Chance auf eine Lehrstelle liegt im nächsten Jahrhundert. Nach dem Backen geht er uniformiert auf die Straße in der Neubauwüste Halle-Neustadt (der Städtebauer Ulbricht war stolz auf die längsten Langzeilen der Welt in diesem Viertel und in anderen Neubauvierteln, mit denen er, laut Auskunft seiner Witwe an den Architekten Henselmann während einer Mittelmeerrundfahrt mit dem Veteranendampfer VÖLKERFEUNDSCHAFT, dem deutschen Arbeiter das Flanieren beigebracht hat) und verwandelt sich im Kollektiv der anderen Arbeitslosen in ein Monster. In der Wohnung weint seine Mutter, ehemalige Lehrerin mit ehemaligem Glauben an die sozialistische Menschengemeinschaft DDR, jetzt Lohnsklavin für Neckermann irgendwo westlich der Elbe mit fünf Stunden Anfahrtsweg zur Arbeit und zurück, damit der Sohn ‚von der Straße bleibt‘

[…]

[Günter] Maschke sagte mir, aus der DDR-Revolution kann nichts werden, weil keine Leichen die Elbe hinabgeschwommen sind, von Dresden nach Hamburg. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, warum Brecht die Bauernkriege für das größte Unglück der deutschen Geschichte hielt. Sie kamen zur Unzeit, mit ihnen wurde der Reformation gut protestantisch der Reißzahn gezogen. Auch die Gewaltfreiheit der DDR-‚Revolution‘ 1989, gesteuert und gebremst von (protestantischer) Kirche und Staatssicherheit, war ein deutsches Verhängnis. Jetzt steht der Sumpf: die Unsäglichkeit der Stasidebatten, Versuch, die Kolonisierten durch die Suggestion einer Kollektivschuld niederzuhalten. Der versäumte Angriff auf die Intershops mündete in den Kotau vor der Ware. Von der Heldenstadt Leipzig zum Terror von Rostock. Die Narben schrein nach Wunden: das unterdrückte Gewaltpotential, keine Revolution/Emanzipation ohne Gewalt gegen die Unterdrücker, bricht sich Bahn im Angriff auf die Schwächeren: Asylanten und (arme) Ausländer, der Armen gegen die Ärmsten, keinem Immobilienhai, gleich welcher Nation, wird ein Haar gekrümmt. Die Reaktion auf den Wirtschaftskrieg gegen das Wohnrecht ist der Krieg gegen die Wohnungslosen. Eine Fahrt durch Mecklenburg: an jeder Tankstelle die Siegesbanner der Ölkonzerne, in jedem Dorf statt der gewohnten Schreibwaren Mc Paper & Co. Im Meer der Überfremdung ist Deutschsein die letzte Illusion von Identität, die letzte Insel. Aber was ist das: deutsch.“

Diese Frage bleibt bis heute. Sie ist Stachel und Ansporn. Müller schreibt vom grassierenden Haß aufs Fremde nach Rostock-Lichtenhagen. Auch das gehört zur Einheit dazu. So wie sie viele Aspekte hat. Schöne und weniger schöne. Und manchmal muß der Betrachter an solchen Gedenktagen, bei aller Freude über diesen geglückten Tag, daß die Mauer ohne einen Tropfen Blut fiel, dennoch Wasser in den Wein kippen. Die Dialektik der Kritik besteht darin, dieses Wort im etymologischen Sinne und in seiner Bedeutung vom Griechischen her zu lesen: krínein nämlich, was „unterscheiden“ bedeutet. Gute wie auch schlechte Aspekte zu sichten und beides perspektivisch als unterschiedliche Hinsichten einer und derselben Sache zu betrachten. Es gibt am 9. November Gründe zu feiern und es gibt Gründe zur Skepsis. Vielleicht gerät diese Bewegung des Denkens – in einem Rechtsstaat immerhin, wenn auch teils mit Tücken und Lücken, aber auch das ist als Errungenschaft nicht wenig! – zum sich vollbringenden Skeptizismus. Ohne Geschichtstelos, denn Geschichte ist ein offener Prozeß. Und dennoch wäre ohne das eschatologische und versöhnende Motiv alles Pragmatische ein Nichts. Eingedenk dessen, daß es kein richtiges Leben im falschen gibt und daß doch auch jenes Leben eines ist, das in seinem bescheidenen Horizont dennoch zu einem Teil auch ein gelingendes Leben sein kann. Der Fall der Mauer trug, trotz  mancher Tücken und mancher Verwerfungen, dazu bei, eine blutige Diktatur zum Fall zu bringen.

 

[Die beiden Photographien stammen aus dem Jahr 2014, als aus Luftballons symbolisch die Mauer nachgebaut wurde. Diese Ballons stiegen zu der Uhrzeit in den Himmel, als das Günter Schabowski jenen Worte sprach – so zumindest meine ich mich zu erinnern.]

„Kein ding sei wo das wort gebricht“

Das Bild vom Bauhauslappen
(Die Photographie dieses Küchenlappens:
Beim Facebooklesen bei einer Facebookfreundin gesehen)

Damit man mich fürs Putzen nicht entdeckt, habe ich mich schnell hinter dem Male-Gaze versteckt, wo sich auch meine Dichterklause befindet, in die ich schnell entschwinde:

Die Frau, die putzt, die Frau, die kocht
Egal mit welchem Lappen.
Die Hauptsache ist, bis heute noch:
Es muß im Haushalt klappen.

Gar zarte gute Frauenhände
gelangen zwischen Tisch und Wände,
Ob Lappen rot, ob Lappen blau:
Es putz und putz und putzt die Frau.

Gar gründlich und gar gern gesehen
Klug nickend der Mann, danebenstehen
Er hat gar manchen Rat parat,
Ist beim Erklären ganz auf Draht.

Entdeckt noch manch schmutzge Ecke.
„Entferne bitte diese Flecke!“
Raunzt er dem Mäusezähnchen zu.
„Und beeile dich! Nur zu, nur du!“

Der Bauhauslappen schmiert und scheuert
Und ungeniert die Frau beteuert:
„Ich putz für Dich, für Dich allein.
In unserm schönen Bauhausheim“.

Der Mann gerührt sich zu ihr wendet.
Die Frau sich wegdreht, ganz behendet.
Ob Lappen rot, ob Lappen blau:
Es putz und putz und putzt die treue Frau.

 

Für Paul Valéry: Die Struktur des Autors

„Flaubert, Mallarmé, jeder auf seinem Gebiet und auf seine Weise, sind literarische Beispiele für das völlige Aufgehen eines Lebens im Dienste des alles umfassenden imaginären Anspruchs, den sie der Kunst des Schreibens beimaßen.“
(Paul Valéry, zit. nach Adorno: Der Artist als Statthalter)

Gestern, Paul Valéry Geburtstag, wie ich erst heute übers soziale Medium Facebook erfuhr. Im Jahr 1871, im Geburtsjahr des Deutschen Kaiserreiches also. Valéry starb im Juli 1945, als die Nachzuckungen dieses Reiches in Trümmern lagen und Millionen von Menschen in zwei Weltkriegen dem Feld der Ehre für Phrasen die letzte Ehre erwiesen, während ihre deutschen Generäle über die maßstabsgetreuen Karten sich beugten und die Divisionen verschoben oder die deutschen Flugzeuge in den Himmel und die deutschen Schiffe auf dem Meer dirigierten, und nachdem in einem Massenmord an Juden, wie er bisher nicht seinesgleichen hatte, Menschen als Rauch und als Asche sich über  den Kontinent Europa verteilten. Zugleich brachten diese späten 1890er Jahre und die frühen 1900er Jahre bis in die 1930er hinein einen ungeheuren Modernisierungsschub über Deutschland und Frankreich, was die Technik, die Welt der Maschinen, der Kriegsgeräte wie Flugzeug, Rakete, Panzer und Maschinengewehr und auch die Welt der Telekommunikation betraf: Film und auch Photographie wurden zum Massenmedium, in den 1930er war es durch die Kleinbildkamera zum ersten Mal möglich, daß eine breitere Schicht die Welt in einen realistischen Bild ablichten konnte. In der Kunst geschahen Dinge, die bisher unausdenkbar waren. Technik und Kunst verschwisterten sich, wenn man den Futurismus und ebenso den russischen Konstruktivismus nimmt. Und ebenso das Politische: die russische Revolution, die Weimarer Republik. Und der Schnitt 1918 als dann das kurze 20. Jahrhundert begann und eine alte Welt aus den Fugen geriet.

Eine seltsame Koinzidenz von Zeitalter und Vita, dachte ich mir, von Moderne und Tradition, die einerseits nichts bedeutet und dem Zufall geschuldet ist und doch spannend ist, was die Ästhetik, besonders die Valérys betrifft, die Tradition und Moderne verband und die als intellektuelle Disziplin immer auch den Geist einer Zeit reflektiert. Hier spiegelte sich eine Epoche in einem konkreten Menschenleben. Und daß dem Artisten und  Ästheten Valéry tiefere Einsichten in das gesellschaftliche Wesen der Kunst gelangen „als die Doktrin ihrer unmittelbaren praktisch-politischen Nutzanwendung“, wie Adorno dieses Verfahren Valérys in „Der Artist als Statthalter“ beschrieb.

Anregend ist es, wenn ich mich über solche Geburtstage an meine Lektüren zurück erinnere – Reise in Zeit, Reise in  Bücher, meine Lektüre ist lange her, dachte ich mir.

Bezieht man das Schreiben Paul Valérys auf die Gegenwart, könnte man ihn als einen der eifrigsten und regelmäßigsten Blogger bezeichnen, wenn es denn seinerzeit bereits ein solches Kommunikationsmedium gegeben hätte. Vom Jahre 1894 an bis zu seinem Tode 1945 schrieb Valéry täglich: morgens zwischen fünf und acht Uhr. Und zwar in seine Cahiers. Es handelt sich bei dieser Arbeit jedoch nicht um ein Tagebuch im herkömmlichen Sinne, wie etwa bei Thomas Mann, der dort von seiner Verdauung schreibt oder über Schriftstellerkollegen wie Brecht und Feuchtwanger spricht, um die höfliche und diskrete Formulierungsvariante zu benutzen.

Auch fließen in die Cahiers nicht nur unmittelbare Tages-Reflexionen oder Assoziationen ein, sondern vielmehr geht es um den Strom des Bewußtseins mitsamt seinen Verzweigungen und Umwegen, um Gedanken und Einfälle, Aperçus, Aphorismen, Vergewisserung des Selbst, kürzere oder längere Sentenzen, Reflexionen, Beobachtungen, welche teils der Intuition folgen, teils komponiert wirken. Mithin ein ästhetisches Prinzip, was wir bei zahlreichen Autoren dieser Zeit finden, prominent seien nur Marcel Proust, James Joyce, aber auch Arthur Schnitzler erwähnt. Und was den Modus der Selbstreflexion betrifft, sind ebenso Augustinus, Montaigne, Pascal, den er freilich vehement kritisiert, und Rousseau als Ahnherren zu nennen: ein (auch, aber eben nicht nur) am Ich ausgerichtetes Schreiben. Das Subjekt als Instanz, die fragt und die sich zugleich in Frage stellt

Kurz und gut: es handelt sich bei diesen Heften um jenes über sich selbst reflektierende Subjekt, welches dabei über sich selber hinaus schreibt. Und zwar wesentlich im Modus des Fragments. Bruchstücke also und Notizen, die aber doch in einem verborgenen Kontext stehen. Was als zufälliger Aphorismus aufscheint, steht doch im Bezug:

„Wo mein Denken anhebt, ist es mitunter viel schöner, als wo es fortfährt.“ (Valéry, Cahiers I)

Die Cahiers liefern Bedingungen der Konstitution, Analysen, Untersuchungen, in denen Denken verströmt. Leib, Seele, Psyche, Körper, Geschichte, Idee, Ästhetik, Poietik, Bewußtsein sind Thema dieses Suchens. Wer in einem solch unwillkürlichen und zugleich äußerst strengen Modus schreibt, forscht die eigene (Geistes-)Existenz aus (Monsieur Teste), notiert die Ideen, die Entwürfe, die Fragmente, es überläßt sich solches Schreiben in seinem Suchen und Probieren jenem Fluß. Es ist ein Denken des Denkens und damit eine Form von ästhetischer wie auch philosophischer Reflexivität. Hinzu kommen in Valérys Cahiers auch noch andere Ausdrucksformen wie Zeichnungen und Skizzen, sogar Aquarelle.

Diese Cahiers lassen sich keiner Sorte von Text so recht zuschlagen. Sie sind keine Prosa, kein Essay, keine Philosophie, keine Lyrik, kein innerer Monolog, aber auch kein rhizomhaftes Wurzelwerk, weil auch dieses Gebilde immer noch von einem Nexus ausgeht. Valéry beschäftigte sich ebenso mit Mathematik, mit Physik, insbesondere der Thermodynamik, Relativitätstheorie und Quantenmechanik wie er sich mit Fragen des Dichtens befaßt. Dennoch: In diesem Gewebe und Dickicht von Text konstituiert sich ein Autor-Subjekt, welche jedoch nicht mit der hergebrachten Form von Subjektivität gleichzusetzen ist.

Zwar handeln diese Cahiers von „geistig-seelischen Vorgängen“, von Gefühlen über Wünsche, Emotionen und Träumen bis hin zum menschlichen Willen, aber in ihrer Komplexität und ihrer Struktur erschöpfen sie sich doch nicht in der bloßen Subjektivtät des Bewußtseins. Was bei Valéry im Akt des Schreibens sowie im Modus der Schrift zu einem unerschütterlichen Fundament der Erkenntnis sich steigern sollte, gerät wider den Autor zu einem Hypertext. Die von Valéry zu recht geforderte Klarheit und Strenge des Schreibens (und Denkens) bordet über. In solcher Bewegung des Suchens nach jenem unerschütterlichen Fundament der Erkenntnis steht Valéry durchaus auch auf der Seite Descartes – und es läßt sich sagen, daß fast die gesamte französische Philosophie des frühen 20. Jahrhunderts – unter anderem – eine Auseinandersetzung mit Descartes ist: bis hin zu Sartre.

Seit jener Gewitternacht von Genua, am 4. auf den 5. Oktober 1892, perspektivierte sich für Valéry der Gang seines Denkens anders als bisher, es war Valérys Abschied von der Literatur und auch von der Liebe und vor allem von dem, wie Valéry es annahm, Trug des Gefühl. Jene Nacht brachte eine Wandlung, und sie gehört zu jenen Daten (auch der Literatur), welche den Einschnitt ausmachen und eine Wendung ums ganze ergeben: So etwa dieser Abend am 13. August des Jahres 1912, als Franz Kafka auf einer kleinen Gesellschaft bei Max Brod jene Felice Bauer traf: dieses leere Gesicht, wie er es in seinem Tagebucheintrag vom 16. August schrieb. Diese Nacht von Genua mag als Auslöser für jenen radikalen Zweifel, der sich im Schreiben zur Höhe trieb, gedient haben, folgt man dem Mythos der Literaturgeschichte.

Was Valéry insbesondere in den Bezug zu Montaignes „Essais“ setzt, ist sicherlich diese Weise der Selbstvergewisserung, die ausschweift und in die Weite geht. Zugleich löst sich der Text Valérys jedoch vom herkömmlichen Begriff eines Subjekts ab – trotzdem er auf die Formen der Wissenschaft rekurriert und jener cartesianische Zweifel und der Gang hin zur Gewißheit die Basis seines Schreibens/Denkens ausmachen.

„Die Person des Autors ist das Werk seiner Werke.

Mein Charakter bringt mich dazu, das, was geschrieben wird, als Exerzitium zu betrachten, als äußeren Akt, als Spiel, als Anwendung – und mich zu unterscheiden von dem, was ich ausdrücken kann.

Gl
Meine Verse hätte ich nicht geschrieben, wenn ich nicht durch die Anzahl der Bedingungen, die ich ihnen auferlegte und die nicht alle sichtbar sind, ihre Entstehung fast verhindert hätte.

Das Wesentliche ist für mich nicht das Werk (Mißverständnis) – es ist die Erziehung des Urhebers.“

(Paul Valéry, Cahiers 1, S. 332, Frankfurt/M 1987)

Nun eignen sich solche Hefte freilich gut als Steinbruch für Zitatesammlungen, um irgend etwas, irgend eine Befindlichkeit oder eine Stimmung mit einer Sentenz zu illustrieren und dieser Stimmung derart und qua Autorität des Autors einen gewissen Wahrheitswert zu verschaffen, ohne daß das Zitat im Zusammenhang einer Reflexion stünde. Um die Reflexion auf die Sache aber, und zwar in jahrzehntelanger Kontinuität, geht es diesem gedehnten Text Valérys. Denken, das sich auf die Form richtet – auf die Bedingungen der Möglichkeit von Subjektivität und Autorschaft. Jener Cartesianische Zweifel, der am Ende zur Gewißheit finden will, kann unter den Bedingungen der Moderne bloß noch die Spaltung des Subjekts hervorbringen oder eben: verschiedene Perspektiven und Möglichkeitsräume uns (ästhetisch wie philosophisch) vergegenwärtigen – daß das Ich in verschiedenen Perspektiven aufscheint und dies eben ist mit Nietzsche das Signum nicht nur der ästhetischen Moderne zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Georg Lukács fand für diesen Zustand in seiner „Theorie des Romans“ den Begriff der „transzendentalen Obdachlosigkeit“. Das muß gar nicht einmal schlimm sein.

„Ich sinke zu Boden unter der Last all dessen, was ich nicht getan habe.“ (Cahiers 1, S. 61)

[Dieser Text ist eine erweiterte und leicht veränderte Fassung aus dem Jahr 2012.}

Quelle Photographie: Wikipedia

Der Naschmarkt zu Wien, Donaukanal, Josefstadt und ein Handke-Nachschlag

Um nicht nur das Thema Handke und all die Denunziationen und die Nicht-Lektüren hier zum Thema zu machen, aber um doch irgendwie in Österreich zu bleiben, wenn auch nicht in Kärnten, sondern in Wien, spiele ich hier einige Photographien aus jener schönen und herrlichen Stadt ein.

Zu dem unseligen Artikel von Alida Bremer beim „Perlentaucher“ sei aber doch noch soviel geschrieben: Ihr Text ist voll von freien Assoziationen und Handke-Zitate werden bewußt dekontextualisiert. Bremer reißt aus dem Zusammenhang, um dann dasjenige an Deutung in ein vermeintlich inkriminierendes Zitat zu packen bzw. herauszukonstruieren, was ihr in den Kram paßt. Nach dieser Methode wäre auch Thomas Mann mit seinem Text „Bruder Hitler“ ein Nationalsozialist par exellence . Unter dem Nazi, unter dem Faschismus und Breivik macht es Bremer nicht. Suggestiv der gesamte Text und wenn man die Methode Bremer auf diese Frau einmal selbst anwendete, dann käme womöglich heraus, daß durch dieses Überdehnen des Nazi-Begriffes dieser entleert und damit zugleich verharmlost und relativiert wird, und wo der Nazi beliebig als Spielmarke eingesetzt wird, um andere zu diskreditieren, ist am Ende jeder oder eben niemand mehr ein Nazi bzw. ein Rechter. Den echten Nazis kommt das gut zupasse. Betreibt Bremer also das Geschäft der Nazis? Mit ihrer Methode zumindest entwertet Bremer den Begriff des Rechten und leert ihn aus.

Die Methode Bremers besteht, neben den üblichen und bei ihr inzwischen notorischen Denunziationen, in einer fehlerhaften Kontextualisierung von Zitaten, und darin liest Bremer dann genau den Sinn hinein, den sie bereits vorher hineinlegte. Hermeneutische Referenzrahmenbestätigung mithin. Daß sich all diese Passagen auch anders lesen lassen und auch so zu lesen sind, verschweigt diese Dame geflissentlich. Bereits im Auftakt ihres Textes zeigt sich die rhetorische Kläglichkeit ihres Unternehmens: daß dieser Text eben nichts als rhetorischer Klimbim ist. Im Heranzitieren einer Äußerung von MRR wird sogleich jegliche Kritik an einer (dazu noch unsachgemäßen) Handke-Kritik abgebügelt und gleichsam pathologisiert. Kritisiert man den Kritiker oder hier eben, die Kritikerin, so gehört man bereits zur Gemeinde.

Dabei gelingt es ihr im Sinne einfachster Recherche nicht einmal, Marcel Reich-Ranickis Literarisches Quartett korrekt zuzuordnen. Daß der Mann bereits 2013 tot war und also am 27. September 2014 (so in der Ursprungsfassung ihres Textes, bis heute morgen so online) kaum auf Sendung gehen konnte: geschenkt (inzwischen hat sie es korrigiert). Ebenso wie mit Zahlen geht sie mit den Zitaten um: ungenau und ausgedeutet nach ihrem persönlichen Gusto, so wie es in Bremers vorgefertigtes Schema paßt. Differenzierungen können da gar nicht erst auftauchen.

Kritik aber heißt unterscheiden und eine Sache zunächst einmal zu sichten. Das heißt nicht, Handke in jedem zuzustimmen. Das aber was Bremer macht, ist ein Tribunal. Ihr geht es um die Vernichtung eines Autors, indem etwa bewußt Zitate und Sätze Handkes aus dem Kontext gerissen werden und dazu dann ein rechtes Narrativ aufgefahren wird.

Die komplexe Geschichte des Jugoslawienkriegs, der in der Tat gut erforscht ist, löst sie in eine Richtung hin auf, nämlich die ihr in den persönlichen Abrechnungskram passende.

Lesen und Gelesenes begreifen/verstehen sind übrigens zweierlei. Vielleicht sollte dies irgendwer der Frau Bremer einmal stecken.

Und um es auf den Punkt zu bringen, und darin scheitert eben auch der Bremer-Text: Eine komplexe und überdeterminierte Angelegenheit wie die Prosa Handkes und auch dessen Essays bzw. Aufsätze  zu Jugoslawien werden reduziert auf einen einzigen Aspekt: Ein rechter Autor, ein rechter Denker. Jegliche Mehrdimensionalität wird in bewußter Entstellung exkulpiert. Solche Texte wie die von Bremer verhindert damit eine tatsächliche und sachliche Auseinandersetzung – das also, was sie vorgeblich anstrebt, wird vereitelt durch die Methode und die Thesen solcher Texte.

Peter Handke und die kargen Lemuren: Jagoda Marinić, Saša Stanišić, Sophie Paßmann samt Stokowski

Eine Polemik

Eigentlich wollte ich die Sache mit Peter Handke ruhen lassen. Es ist ein verdienter Literaturnobelpreis. Er geht an einen Autor, der schreiben kann und der Gespür für Sprache hat. Eine gute Wahl also. Ein Autor, dem am Detail eine Welt aufgeht und der diese Welt in einer Jukebox sichten oder einfach in die Müdigkeit oder einen simplen Nachmittag hineinpacken kann. Wir haben Peter Handke viel zu verdanken.

Seine Texte zu Serbien und Jugoslawien freilich haben die wenigsten gelesen. Aber es hat sich inzwischen in der Lektüre ein Reiz-Reaktions-Schema ausgebildet, und das Gerücht über einen Text ersetzt den Text selbst: „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ wird nicht gelesen, sondern es wird gemutmaßt, was darin stehen könnte, die Mutmaßung entspricht dann im Sinne der Referenzrahmenbestätigung und des Rezeptionskonstrukts, das man flugs verbreitet, einem vermeintlichen Text, der vage im Kopf schwirrt, oder man kolportiert einfach das weiter, was mancher vom Feuilleton als Interpretationskonstrukt und dann als Parole ausgibt. Es hat sich im Blick auf Handkes Texten zu Serbien ein Erregungsfuror gebildet und eine Lesart verselbständigt, ohne daß da einer in die Texte ginge oder gar ein einziges beleg- und belastbares Handke-Zitat gebracht hätte. Rezeptionskonstrukte statt Texte, die man selbst gelesen hat. Infos aus zweiter Hand, die in der Sache Handke kolportiert und so  unbesehen, ungeprüft und ohne jegliche Differenzierung immer weiter gereicht werden.

Eine Hermeneutik des Verdachts und des heimlichen Geflüsters macht sich breit, setzt sich durch: man kennt das von Schulhöfen und vom Tratsch im Treppenhaus. Das geht soweit, daß eine Mädchenautorin wie Margarete Stokowski sich nicht entblödet, in ihrer Spiegel-Kolumne sogar noch Dubios-Privates auszubreiten. Vielleicht sollte jemand einmal und demnächst die privaten und öffentlichen Entgleisungen von Stokowski sammeln und diese dann zum Maßstab dafür machen, daß sie nicht mehr beim „Spiegel“ schreiben dürfe. Samt Protestpetition und „Gegen den Haß“-Parolen ehrlich-deutscher Empörungskultur, wenn man etwa ihre Gewaltverherrlichung nimmt oder Aufrufe zum Gesetzesbruch.

Ich wollte weniger böse schreiben, wollte Belangloses wie den Rant von einer mittelmäßigen Autorin wie Jagoda Marinić oder eine böse und unterstellende Buchpreisrede wie die von Saša Stanišić hintenanstellen. All das wertet am Ende das Schlechte und Häßliche auf, und in diesem Schäbigen und im dummen Haß der Lemuren geht am Ende die Schönheit einer Prosa verloren. Dann aber kommen mir die Twitter-Tweets von Jagoda Marinić in die Quere sowie die der humorbefreiten Speckzone Paßmann: „Eine talentfreie Dickmadame, fuhr mal mit der Eisenbahn, Eisenbahn, die krachte, Publikum lachte, steckt sie in das Kellerloch, weil Paßmann so nach Käse roch.“ Dazu das im typischen Strohwkoski-Laber-Stil gehaltenes Spiegel-Geschreibe und irgendwann läuft das Faß über:

Der Bernd Höcke des Literaturbetriebs bricht Interview ab.
#Handke #Nobelpreis #fbm19 #nieWieder

Manchen Autoren ist jeglicher Kompaß abhanden gekommen. In Jagoda Marinić‘ Dalmatien-Grill brutzelt es auf Stichflamme. Wenn man freilich die Prosa Marinićʼ neben die von Handke setzt, fällt das Urteil leicht – sowas kriegt keinen Preis. Und ebenfalls ist da journalistisch einiges im Keller, was einem Leser, einer Leserin bei der Lektüre ihres taz-Textes zu Handke aufgehen kann. Man kann diese Form des Schreibens mit einem Satz zusammenfassen: Jagoda Marinić hat nicht eine Zeile von Peter Handke gelesen.

Und der ansonsten nicht unbegabte Saša Stanišić ebenfalls nicht. Ein Entkommener zu sein, wie er es in seiner Buchpreisrede darstellt, rechtfertigt nicht, Behauptungen und Unterstellungen öffentlich in die Welt zu setzen und billige Gerüchte weiter zu befeuern. Man kann sich Stanišićʼ Reaktion allenfalls, wie es eine Facebookfreundin schrieb, mit seiner direkten Betroffenheit erklären – er ist immerhin als Kind und Flüchtling Opfer dieses Krieges und da mag eine Menge Wut den Blick trüben. Aber ich frage mich dennoch: Auf welche Referenz berufen sich diese beiden Autoren? Sollten sie als Schriftsteller nicht eigentlich damit betraut sein, Texte zunächst mal möglichst exakt lesen zu können? Warum geschieht das nicht? Warum projiziert man auf Handke? Und weil es sich hier also um Sprachprofis handelt, gelten hier für mich im Gegenteil verschärfte Umstände.

Wie würden Stanišić reagieren, wenn man seinen „Vor dem Fest“-Roman plötzlich in der Öffentlichkeit als völkische Idylle reichsbürgerhafter Siedler denunzierte und ihn als Propagandisten dieser Bewegung dekonstruierte, indem man ihm unterstellt, daß er ein deutsch-völkisches Dorfgemeinschaftsleben idealisierte? Sogar mit deutschem Fuchs und Wald- und Seeheimeligkeiten.

Für Stanišić tut es mir Leid, daß er sich derart in die Irre begab. Ich finde es schade für ihn. Jagoda Marinićʼ Ausfälle hingegen sind nicht mehr im Bereich des noch irgendwie Tolerablen.

Bei Paßmann immerhin kann man mutmaßen, daß es das ansonsten sich ebenfalls nicht groß variierende und übliche talentfreie Twitter- und Zeit-Magazin-Geschreibe ist. Herumwitzeln als Beliebigkeit, ein wenig dicketun und auf fette Vulva machen, Beliebigkeit zeigt sich als Witzelei, denn Witzischkeit kennt keine Grenzen. No border, no nation. Ebenso wie bei der Kuchenbloggerin Katja Berlin, die lieber die Rückseite von Shampoo-Flaschen liest. Soll sie, solange es die Augen beim Kleingedruckten zulassen, wenigstens ist da die Gefahr von Fehllektüren für Kuchen-Katja gering.

Schlimmer und hartnäckiger leider Jagoda Marinić: Schlicht und bösartig sind ihre Befunde. Und dies ist ebenso bei einer bestimmten Blase von Twitter-Literaturleuten der Fall: eine ostentativ zur Schau gestellte Lese-Dumpfheit und vor allem eine Haltung des Verweigerns gegenüber der Prosa Handkes treffen wir an. Bei solchen, zu dessen Beruf das Lesen eigentlich gehören sollte. Auch hier nimmt man nicht den Text als Maß, sondern liebgewonnene Gewohnheit. Belege oder irgendwelche Zitate, die Behauptungen untermauern könnten: Nichts. Ein Twitterer wie „leonceundlena“ witzelt im Blödelmodus mephitischen Auswurf, nahe an Fips Asmussen – wobei der wenigstens noch den Witz des Kleinbürgers gut pflegt. Die Frechheit dieses Internet-Charakters liegt hier bereits darin, den Namen Georg Büchners perfide zu mißbrauchen und Banales in der Dauerschleife als Flachwitzes zu prusten, der sich intellektuell gibt: daß dauerhafte Ironie zur stumpfen Waffe wird, kommt ihm nicht in den Sinn. Von Büchner hat dieser Mensch wenig begriffen. Aber es reicht heute, sich einen Namen aufs Revers zu pappen. Ein paar dumme Reime und ansonsten Mist aus Halbbildung. Daß Halbbildung nicht die Hälfte von Bildung, sondern deren Gegenteil ist, muß man diesem .leonceundlena und anderen von diesem Kaliber noch einmal gesondert stecken.

Statt einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit Handkes Texten, insbesondere denen zu Jugoslawien: auf all diesen Kanälen Ressentiments und ins Bösartige gehende Unterstellungen. Da setzt man dann einen fragenden, tastenden, denkenden, differenzierenden Handke mit Björn Höcke gleich. Ich frage mich, ob das dieselben Leute sind, die ansonsten sich nicht entblöden, ihre wohlfeilen Statements „Gegen den Haß“ abzugeben. Peter Handke immerhin hat dieses Land selbst bereist und sich ein Bild von den Menschen dort, den Schwierigkeiten und der Lage gemacht. Kriegsverbrechen und Massaker hat er niemals in irgendeinem Text beschönigt.

Ich frage mich bei jenen Handke-Denunzianten, ob das dieselben Leute sind, die ansonsten gerne „Deutschland scheiße!“ rufen und gegen Nationalismus protestieren und dabei nicht einmal merken, daß es neben dem Serbischen eben auch einen kroatischen, einen slowenischen, einen kosovarischen und einen bosnischen Nationalismus gab und daß es einem Autor wie Handke immer darum ging, diesen Nationalismus zu kritisieren – etwa in seinem Artikel zur Republik Slowenien.

Solche wie Marinić und auch andere aus dubiosen und intellektuell zweifelhaften Literaturwissenschaftler-Bubbles sind die ersten, die prinzipiell gegen Nationalismus wettern. Und begreifen weder Handkes noch Wolfgang Pohrts Argument, der seinerzeit ebenfalls in zahlreichen Texten gegen eine einseitige Sicht auf diesen Jugoslawien-Konflikt schrieb. Was damals im Milieu der politischen Journalisten bei Jugoslawien forciert wurde, nämlich das Auseinanderfallen eines Staates, wird seltsamerweise bei der Ukraine oder bei Spanien und Katalonien oder den Basken massiv unterbunden. Von den Kurden ganz zu schweigen, für die sich ein Genscher niemals einsetzte. Gunther Nickel schrieb auf Facebook:

„Offenbar muß man tatsächlich daran erinnern, daß Handke zu Beginn der 1990er Jahre sich für den Erhalt des Vielvölkerstaats Jugoslawien ausgesprochen und damit eine dezidiert antinationalistische Position eingenommen hat. Deutschland hingegen unterstützte vorbehaltslos den Unabhängigkeitswillen der jugoslawischen Teilrepubliken Slowenien und Kroatien und damit die Zerschlagung eines Vielvölkerstaats zugunsten ethnisch homogener (bzw. zu homogenisierender) Kleinstaaten.

Vor den blutigen Folgen einer solchen Politik hat damals nicht nur Peter Handke gewarnt, sondern nachlesenswert auch Wolfgang Pohrt in seinem Essay „Serbienfeldzug“ (www.magazinredaktion.tk/docs/entscheidung.pdf), in dem er überdies auf Parallelen der bundesrepublikanischen Balkanpolitik unter Hans-Dietrich Genscher mit der des „Dritten Reichs“ hinwies.

Man mag es für falsch oder auch naiv halten, an einem jugoslawischen Vielvölkerstaat festhalten zu wollen, nachdem eine Ethnisierung der Konflikte bereits begonnen hatte. Was aber an einer Kritik an der Zerschlagung Jugoslawiens wie sie Pohrt und Handke gleichermaßen, wenn auch auf unterschiedliche Weise, geübt haben, Positionen des rechtsradikalen Flügels der AfD entsprechen soll, weiß noch nicht einmal der Geier, sondern offenbar nur Jagoda Marinić.“

Ein Stück aus dem Tollhaus, fürwahr, und es zeigt dies leider auf welchem Niveau momentan von Literaten getapst wird. Wobei ich bei Jagoda Marinić nichts anderes erwartet habe. Ihr Auftritt kürzlich bei Kulturzeit und auch in anderen Kontexten reicht mir aus, um zu sehen. Und ihre Texte sprechen für sich: Bei Stokowski und Marinić kann man es frei nach Karl Kraus machen: wir wenden die schärfste Waffe gegen sie selbst an, die es gib – wir zitiert sie aus SpOn:

„Würden Leute, die da auf einer strikten Trennung von Werk und Künstler bestehen, sich auch ein Landschaftsgemälde von Hitler an die Wand hängen, wenn es ein richtig gutes Bild wäre? Und wenn nicht: Nur aus Angst vor Ächtung – oder doch aus einer inneren Überzeugung, dass die eigenen ästhetischen Bedürfnisse nicht in jedem Fall der einzig gültige Maßstab für die Bewertung von Kunst sein können?“

„Perfide Mülltrennung“ heißt die Kolumne, man sollte allerdings bei Stokowski auch auf die exakte Trennung von  Sprachmüll achtgeben, der in den „Spiegel“ gekübelt wird. Daß bei einer Sicht auf Handkes Prosa nicht die „eigenen ästhetischen Bedürfnisse“ eine Rolle spielen, kommt Stokowski nicht in den Sinn. Aber wer seinen eigenen Geschmack in popkultureller Distinktion oder in der Minderleseleistung zum Maß der Sache aufsteigert, von dem mag ich nichts anderes erwarten, als daß man ein Werk einzig nach dem je eigenen Horizont bemißt und eben: einzig bemessen kann.

Unter Hitler macht es Stokwoski ebensowenig. Der Unterschied zwischen einem Kunstgewerbemaler mit Kriegstick und später dann mit Massenmord, mit Menschenmord, mit Judenmord, mit Shoah, mit Weltkrieg samt 60 Millionen Toten und der Prosa Handkes scheint dem Mädchen nicht ganz aufzugehen. In anderen Kontexten wäre solche Analogie für Stokowski Hatespeech und es kämen in Spiegelkolumnen gekreischte Boykott-Aufrufe.

Böse Zungen behaupten allerdings, Margarete Stokowski sei die Rache Polens für Hitler.

Daß übrigens der Besuch einer Trauerfeier nichts über die Haltung zum Verstorbenen aussagt, muß man Stokowski nochmal extra erklären. Daß eine einzelne Situation im Leben Handkes, sofern sie denn wahr ist, auf ein ganzes Leben ausgedehnt und zu einer zeitlosen Schuld aufgeworfen wird und daß nun im Büßermodus eine unendliche Schuld herauskonstruiert wird, ist eine Haltung, die ziemlich seltsam für jemanden anmutet, der sich ansonsten angeblich auf humane Werte beruft und dabei selbst in einer ihrer Kolumnen ansonsten kein Problem hat, Gewalttäter und Gesetzesbruch das Wort zu reden. Zumal Handke über diese Beziehungs-Sache offen sprach. Öffentlichen Tribunalen, wie sie von Stokowski veranstaltet werden, reicht das aber nicht.  Während man bei anderen einen unendlichen Maßstab anlegt und noch die kleinste Regung als Anlaß für einen Scheißesturm genommen werden darf, ist man bei sich selbst lax und nachlässig. Die Schuld beim anderen aber darf niemals mehr vergehen. Sie ist untilgbar und man darf sie auch dreißig Jahre später noch aus der Schublade hervorziehen, um sie als rhetorische Spielmarke einzusetzen.

„Kann man die Kunst nicht aber vom Künstler trennen? Na klar. Es ist jedoch ein Luxus, den man sich leisten können muss.“ So Stowkoski.

Interessant ist, daß jene, die dieses Abtrennen der Kunst von der Person kritisieren, genau das gleiche machen, indem politische Aspekte herausgebrochen und diese dann abstrakt verabsolutiert und vom Werk getrennt werden – genau das mithin wird da von Leuten wie Stokowski praktiziert, was man beim vorgeblich sich rein auf Werk beziehenden Gegenüber kritisiert. Daß Stokowskis diesen Selbstwiderspruch nicht einmal im Ansatz bemerkt, verwundert mich freilich nicht besonders. Gesinnung siegt über Kontexte und Prosa.

Magnus Klaue bringt diese Angelegenheit in der „Jungle World“ auf den Punkt: unter dem Titel „Pilze und Preise“:

„Der Literaturnobelpreis wird bekanntlich nicht mehr für Literatur, sondern für politisch korrekte Sprechblasen verliehen. Umso erstaunlicher, dass ihn dieses Jahr ein Mensch erhält, der tatsächlich schreiben kann.“

***

Ich schätze Handkes Prosa, seit Jugendjahren, und habe mich manchmal zugleich über deren Ton geärgert, und dann darin wieder diese Exaktheit, gepaart mit Poetischem, entdeckt und bewundert. Die von ihm gegenüber der Gruppe 47 diagnostizierte „Beschreibungsimpotenz“ (dazu auch das Buch von Jörg Magenau, zu jener Reise nach Princeton1966) trifft ja auf ihn selbst auch zu, wenn man zum Maß die flott und variierend, nach Schreibschulmanier erzählte Geschichte nimmt, die sich potent spreizt, doch leider häufig im Fortgang locker energetisch versackt und wenn man dabei im Kontrast dazu sieht, wie Handke sich, so anders in Sprache und Ton, in Details verliert und plötzlich bemerkt, impotent, doch mit famosem Möglichkeitssinn fürs Dinghafte versehen, versehrt, gesichtet vom Spaziergänger des Augenblicks (ich denke immer wieder an Rilke in Paris und an „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“) und wie grandios genau das, DIESES Detail von Handke gesagt und zugleich gezeigt wird: Haecceitas denke ich mir dann. Vollkommenheit im Beschreiben, im Ton der Dichtung. Stunden wahrer Empfindung? Nein, eine angewandte Phänomenologie. Peter Handke ist ein Exaktheitsmensch.

„Ich stehe vor meinem Gartentor und da sind 50 Journalisten und alle fragen nur wie Sie. Von keinem Menschen, der zu mir kommt, höre ich, dass er sagt, dass er irgendwas von mir gelesen hat. Es sind nur die Fragen: Wie reagiert die Welt? Reaktion auf Reaktion auf Reaktion. Ich bin ein Schriftsteller, ich komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes. Lasst mich in Frieden und stellt mir nicht solche Fragen.“

Auch für solche Sätze und für diese Grundwut gegen das, was sich da an sein Haus pestet, ist Peter Handke zu danken.

Die Familie Brasch – 30 Jahre keine DDR (2). Die Tonspur zum Sonntag

Unbedingt sei den Leserinnen und Lesern diese Dokumentation zur Familie Brasch ans Herz gelegt. Untertitel: „Eine deutsche Geschichte“. Und eine solche deutsche (Familien)Geschichte ist es in der Tat, darin sich die verhängnisvolle Geschichte Deutschlands spiegelt: mal heiter, oft traurig. Es ist zugleich die Geschichte eines aus Nazi-Deutschland vertriebenen Juden, nämlich Horst Brasch, Vater unter anderem des Schriftstellers und Filmemachers Thomas Brasch. Horst Brasch gelangte 1939 mit den Kindertransporten nach England und konnte derart der Vernichtung durch die Deutschen entkommen. Er wollte nach der Befreiung Deutschlands durch die westlichen Alliierten und die Sowjetunion ein anderes, ein besseres Deutschland schaffen. Damit das nie mehr wiederkehrt, denn der Schoß ist fruchtbar noch – bis heute. Und daß da zum Ende des Krieges ein Land namens Deutsche Demokratische Republik aus den Trümmern von Faschismus, Judenmord und Verbrechen erwuchs: aufrechte Antifaschisten traten an, es diesmal anders zu machen. Künstler wie Alfred Döblin und Bert Brecht, Stefan Heym folgten. Aber was geglaubt und was dann am Ende realisiert wurde, ist oft zweierlei. Brecht faßte dies in einem klugen Gedicht in lehrhafte Worte:

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.

Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.

Dabei wissen wir ja:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es soweit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.

So schrieb Bert Brecht „An die Nachgeborenen“, und das, was im Gedicht, auch in den vorhergehenden Strophen, gedichtet wurde, muß man historisch im Hinterkopf behalten, wenn man die DDR und das, was da war, verstehen will. Eine Diktatur, ohne Meinungsfreiheit und bürgerliche Rechte und zugleich der Versuch, eine gerechte Gesellschaft ohne Ausbeutung zu schaffen.

Die Dokumentation (in der Mediathek leider nur noch bis zum 16.10.) erzählt die Geschichte des Vaters Horst Brasch (1922-1989), der Mutter Gerda (1921-1975), der Söhne Thomas, Klaus und Peter Brasch sowie der Tochter Marion Brasch (1961). Davon der bekannteste Sohn eben der Schriftsteller und Filmemacher Thomas ist (1945–2001). Klaus Brasch (1950-1980) kennen manche aus dem großartigen DEFA-Spielfilm „Solo Sunny“, Peter Brasch (1955-2001) dürfte wenigen nur als Schriftsteller, Dramaturg und Autor von Kinderhörspielen bekannt sein. Sein Roman „Schön hausen“, im April 2019 im Eulenspiegel Verlag wieder aufgelegt, dürfte neu zu entdecken sein – auch im Kontext der Wenderomane scheint mir dieses Buch literaturästhetisch bedeutsam.

Horst Brasch mußte die Wende nicht mehr erleben, sehr wohl aber all die Zerwürfnisse mit seinen Söhnen: als linientreuer Parteisoldat zeigte er seinen Sohn Thomas bei den Oberen an, als dieser zusammen mit Florian Havemann, Bettina Wegner und vielen anderen gegen die Einmarsch der Sowjets in die CSSR  protestierte, Flugblätter verteilte und Protestparolen an die Wand schrieb. Ebenso schickte er die Klagebriefe, die sein Sohn Thomas aus der Kadettenanstalt an den Vater schrieb, an den Ausbilder von Thomas. Funktionäre müssen funktionieren. Man wollte schließlich das bessere.

Anetta Kahane (ebenfalls ein Kind jüdisch-kommunistischer Emigranten und in den 1970er Jahren IM bei der Staatssicherheit) schrieb: „Zu den Feinden der DDR gehören in erster Linie Klaus Brasch und Thomas Brasch.“ All das im Hinterkopf geraten solche Szenen vertrackt. Einfach ist es nicht. Was tat man aus Überzeugung, was aus Opportunismus? Liest man Thomas Braschs „Vor den Vätern sterben die Söhne“ (1977 bei Wagenbach erschienen, ein Jahr nach Braschs Ausreise nach West-Berlin), so ist dies ein zutiefst kritisches Werk zwar, aber es klagt nicht die DDR im ganzen an und ist in diesem Sinne kein Dissidenten-Buch.

Lebenswege fallen unterschiedlich aus. Diese Dokumentation zeigt zwar nicht im Detail den Werdegang jedes einzelnen Familienmitglieds nach, sondern eher bestimmen skizzenhafte Konturen das Bild. Aber gerade darin, in den Skizzen dieser deutsch-deutschen Tragik zeigt sich das Wesentliche: daß da ein Staat antrat, es anders zu machen und das Rad der Geschichte anzuhalten oder wie es Wladimir Majakowski im „Linken Marsch“ dichtete:

Entrollt euren Marsch, Burschen von Bord!
Schluß mit dem Zank und Gezauder.
Still da, ihr Redner!
Du
hast das Wort,
rede, Genosse Mauser!
Brecht das Gesetz aus Adams Zeiten.
Gaul Geschichte, du hinkst …
Woll’n den Schinder zu Schanden reiten.
Links!
Links!
Links!

Dies aber konnte nicht gelingen. Nicht so. Aporie der Utopie. Und deshalb eben, weil diese sich perpetuierenden Widersprüche nicht einfach dialektisch sich auflösen lassen, sondern mit der unvermeidlichen Gewalt und dem Terror konnotiert sind, scheitert die Revolution, frißt sie ihre Kinder, und es kamen nach Prag über Nacht die Panzer. Die antifaschistischen Emigrantenkinder ahnten dies: das, was ihre Väter besser machen wollten, mißlang. Sie probten, nicht anders als jene Bürgerkinder im Westen, den Aufstand gegen ihre Eltern. Und im Kampf der Geschichte, auch gegen den Westen, fielen manchmal die Mittel der Regierenden, die antraten, die Arbeiterklasse zu vertreten, hart aus. Was aber bleibt, stiftete die Kunst der DDR: sie erzählt, sie zeigt. Spannend vor allem zu sehen, wie Kunst ästhetisch die Widersprüche in Prosa oder Bild faßte  – seien das die widerständigen Autoren wie Günter Kunert, Kunze, Huchel, Biermann, Christa Wolf zum Teil, Thomas Braschs DDR-Buch „Vor den Vätern sterben die Söhne“, die großartige Brigitte Reimann mit „Franziska Linkerhand“ oder aber Wolfgang Hilbig, aber auch Autoren, die diesem Staat  nahestanden – Hermann Kant oder der ambivalente und unbedingt lesenswerte Peter Hacks sind da zu nennen.

Die Geschichte der Familie Brasch jedoch bietet ein besonderes Drama, in dem sich Privates und Politisches auf unheilvolle Weise verquicken: Widerstand und ein neues Deutschland, doch Genosse Funktionär kann mit drei rebellischen Söhnen nicht funktionieren und so wird Horst Brasch nach jenem Thomas-Desaster des August 68 in die Parteischule nach Moskau weggelobt. Vordergründig als Auszeichnung deklariert, tatsächlich aber ist es eine Strafe. Immerhin gibt es das Hotel Lux nicht mehr, in dem deutsche Genossen auf Stalins Geheiß auf Nimmerwiedersehen verschwanden.

Es zeigt diese Dokumentation das Nicht-Ankommen jener rebellischen Funktionärskinder: wie sich Konflikte zuspitzen, wie aus jungen Menschen, die dem Projekt DDR im Grunde nicht abgeneigt waren, am Ende Abtrünnige wurde, wie eines der Kinder dem Land den Rücken kehrte und wie Thomas in Reformen keinen Sinn mehr sah. Die einzige „brave“, die es schaffte, die es überlebte und weiterlebte, ist Marion Brasch. Ihre Familiengeschichte findet sich in dem wunderbaren, großartigen Buch „Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie“ – und gerne ließen sich hier noch ein paar weitere Superlative zu diesem Buch hinzufügen.

Und es handelt diese Geschichte ebenso von jenen heißen und liebenden Herzen, die verglühten, die verblühten und im Zorn der Tage, im Strom des Alltags, in den Unverzeihlichkeiten sich zerrissen und zerstritten. Unheilbar – dabei haben wir doch nur ein einziges Leben und kein zweites, um es noch einmal zu probieren. Da geht der Riß durch Familien und Freunde. Aus Zorn und produktiver Wut wird Verbitterung und nach dem Fall der Mauer bei Thomas Brasch ein Schweigen. Ein sprachlos bleibender Vater, der auf die Fragen des Sohnes Thomas nichts zu entgegnen wußte. Ein Streit, der nie mehr zu klären ist, und vielleicht als einzige Hoffnung darin zu lesen, daß Marion Brasch aus all dem halbwegs heil herausgekommen zu sein schien und über diese Geschichte ein solch feines Buch schrieb. Mehr wäre davon zu erzählen. Eine großartige Dokumentation über eine deutsche Familie: über solche, die das bessere, das andere Deutschland wollten.

„Ab jetzt ist Ruhe“ war das Machtwort, das damals die Mutter sprach, wenn die Brasch-Kinder abends zur Schlafenszeit im Kinderzimmer noch zankten. In ihrem Epilog zum Roman, der eine Biographie ist, beschreibt Marion Brasch eine Fahrt zu den drei verschiedenen Friedhöfen, wo die Familienmitglieder verstreut liegen. Thomas Brasch auf dem berühmten, da wo all die anderen lagen: von Fichte und Hegel, über Brecht, Weigel und Heiner Müller, dann ein abgelegener Friedhof, wo Peter und Klaus gemeinsam ruhten, wie man so schön sagt, und schließlich die Fahrt zur Gedenkstätte der Sozialisten in Friedrichsfelde:

„Schließlich fuhr ich zum Friedhof, auf dem meine Eltern lagen, und als ich an ihrem Grab stand, wartete ich wieder auf einen Gedanken. Er kam. Abwesend, dachte ich. Jetzt seid ihr alle abwesend. Das ist traurig, doch es hat auch was Gutes: Ihr könnt mir nicht mehr verlorengehen, weil ich euch schon verloren habe. Ich legte die letzte Rose auf das Grab meiner Eltern. Ich habe euch lieb, sagte ich. Und ab jetzt ist Ruhe.“

 

 

Extinction Rebellion – seit dem 7. Oktober in Berlin

Es werden diese Woche in Berlin und vielen andren Städten der Welt Straßen blockiert, es werden von jungen Leuten in Berlin zentrale Achsen wie der Potsdamer Platz und der Große Stern besetzt. Ich bin dem Protest der Extinction Rebellion diese Woche in Berlin nicht abgeneigt, obwohl ich Autofahrer bin, und es erinnert mich diese Form des Widerstands und das Singen von „Hejo, spann den Wagen an“ gestern beim Großen Stern – diesmal auf Englisch (siehe Video hier im Link) – an jene frühen 1980er Jahre: Als da aus den Demozügen in Brokdorf und Gorleben der Gesang ging: „Wehrt euch, leistet Widerstand!“ Nicht nur, daß ich schon als Kind dieses Lied wunderbar und schön und zugleich auch ein wenig unheimlich fand, denn mit dem Wind und dem Regen, den ich als Fan des Fliegenden Robert eh mochte, kamen eben auch die dunklen Wolken, die da tief übers Land zogen und die ich mir ausmalt. Für besondere Lagen sind besondere Protestformen erforderlich. Weltweit.

Ich fand diese Form des Protests damals gut und richtig, und ich halte sie auch heute im Prinzip immer noch für gut – und zwar nicht nur als Gründen des privaten Gefallens oder irgendeiner subjektiven Lust, sondern aus einer sachlichen Notwendigkeit heraus. Mediale und intellektuelle Aufmerksamkeit für ein Thema bekommt man, indem ein Thema öffentlich debattiert wird und soziale Bewegungen können dafür sorgen, indem sie diese Debatten durch Aktionen unterstützen – diesen Aspekt hat Niklas Luhmann damals 1988 in seinem lesenswerten Buch „Ökologische Kommunikation“ übersehen: daß soziale Bewegungen durch ihr Vorgehen bestimmte Themen lancieren, auf die in einem bestimmten Subsystem aus Gründen mangelnder Codierung bisher nicht reagiert werden konnte, so daß damit mittels Protest dieses Thema andockfähig werden kann. Rauschen wird in Sinn überführt und auch ein Subsystem wie das der Wirtschaft kann die ökologische Frage über kurz oder lang nicht mehr ignorieren. Solcher Protest kann manchmal auch massiver ausfallen. (Friedliche, d.h. gewaltfreie) Blockaden gehören dazu, wobei man sich dabei im klaren sein muß, daß die Protestler einen Rechtsbruch begehen und daß darauf hin eben die Polizei, je nach Verhältnismäßigkeit, einschreiten muß.

Ähnlich wie Melanie Reinsch von der BLZ es twitterte, sehe ich es auch:

„An alle Zyniker, die die Aktionen von Extinction heute kritisieren, belächeln oder sich schlichtweg lustig machen: wann seid ihr eigentlich das letzte Mal für etwas mit so großer Passion eingetreten? So schwer zu ertragen, dass junge Menschen sich für ihre Zukunft einsetzen?“

Man muß nicht alles teilen, was da die Leute wollen, aber der Spott über diese Leute  geht an der Sache vorbei. Zumal Demos eine symbolische Aktionsform sind. Wie jeder, wirklich jeder, noch der Dümmste wisssen müßte, seltsamerweise sind das immer Leute, die ansonsten neunmalgescheit tun, setzen sich solche Aktionen aus den unterschiedlichsten Gruppen und Menschen mit teils unterschiedlichen politischen Ansichten zusammen. Das war 1982 ff. bei der Friedensbewegung so, als es um den Nato-Doppelbeschluß ging, und das ist bei der Exinction Rebellion der Fall.

Diese Proteste in Berlin sind  friedlich, es geht von den Demonstranten keine Gewalt aus. Es sind Blockaden, wie damals in Mutlangen. Und wenn für diese Friedfertigkeit die Extinction Rebellion verantwortlich sein sollte, so ist es gut – egal ob das nun eine irgendwie esoterische Gruppe sei oder wie Jutta Ditfurth es schreibt:

„XR ist keine »gewaltfreie Klimabewegung« sondern eine religiöse-gewaltfreie esoterische Sekte, welche an die Apokalypse der baldigen »Auslöschung der Menschheit« glaubt und »Selbstaufopferung« empfiehlt.“

Daß ausgerechnet Jutta Ditfurth solches schreibt, ist dann schon wieder verwunderlich. Ist das die gleiche Jutta Ditfurth, die kein Problem damit hat, bei der revolutionären 1. Mai-Demo 2014 vor gewaltbereiten und im Anschluß dann auch gewalttätigen Militanten und Linksextremisten ihre Reden zu halten, Leute, die aus der Demo heraus die Polizei mit Steinen und Feuerwerk bewerfen? Mir ist da eine esoterische aber friedfertige Gruppe allemal lieber als Leute wie Jutta Ditfurth, die ihre Stimme gerne auch mal Gewalttätern leihen. Denn an genau einer solchen Demonstration hat Ditfurth teilgenommen, um hier einmal ihre eigenen Maßstäbe auf sie selbst anzuwenden.

Übrigens war beim Krefelder Appell damals auch die DDR qua DKP mitbeteiligt. Trotzdem war dieser Appell damals ein wichtiges und richtiges Zeichen. Auch wenn ich als alter weißer konservativer Mann, der es genießt, seine Privilegien zu genießen, nicht alles teile, was die jungen Leute da fordern und wollen, halte ich es dennoch  für gut und für richtig, was diese Woche in Berlin geschieht.

Und jeder, wirklich jeder Autofahrer weiß, was diese Woche in Berlin auf den Straßen los ist und kann sein Auto stehen lassen. Autofahrer genießen hier in der Stadt ansonsten 358 Tage Vorrechte gegenüber allen anderen Verkehrsteilnehmern. Sie nehmen den meisten Raum ein, sie fahren selbst in kleinen Nebenstraßen so, als gehörte ihnen die ganze Straße.

Nun wird gerne gesagt, wer der einen Seite das Recht auf zivilen Ungehorsam zubilligt, muß dies auch bei der anderen Seite akzeptieren, etwa wenn Identitäre mittels zivilen Ungehorsams gegen Einwanderung protestieren. Einerseits ja, und für das Prozedere der Räumung ist dann ja auch die Polizei grundsätzlich zuständig. Aber es ist Protest zugleich auch nicht gegen seine Inhalte neutral und gleichgültig. Solch eine „Passion“ hat etwas mit einer konkreten Sache zu tun, deren Wahrheit man durchaus eruieren kann, und insofern sind auch diese „Leidenschaften“ des Politischen nicht neutral und in eins zu setzen mit dem Protest bspw. von Identitären. Eine Sache wie bspw. der Klimawandel bzw. die Klimakrise ist wissenschaftlich recht gut belegt. Insofern sind die Befürchtungen der jungen Menschen nicht ganz von der Hand zu weisen. Ob man darob in Apokalypse oder Hysterie verfallen muß, ist dabei eine ganz andere Frage. Proteste dagegen setzt sich aus vielen Komponenten zusammen. Und ein Thema wird eben auch lanciert, weil sich entweder viele beteiligen oder eben durch witzige und kreative Aktionen – zumal dieser Protest als ziviler Ungehorsam weitgehend gewaltfrei ist.

Diese Aspekte auch zur rechtlichen Natur des zivilen Ungehorsams sind freilich keine neuen Fragen. Bereits in den 1980er Jahren, zur Zeit der Proteste gegen den Nato-Doppelbeschluß, schrieb Jürgen Habermas im September 1983 darüber in der „Zeit“:

„So entsteht eine Perspektive, aus der die Delikte von kleinen, aber mobilen Stoßtrupps gewalttätiger Randalierer mit Handlungen des moralisch begründeten zivilen Ungehorsams verschmelzen. Aus diesem verengten Blickwinkel kann an den heute praktizierten und in Aussicht gestellten Protestformen genau jenes Element nicht mehr wahrgenommen werden, welches die neuen sozialen Bewegungen auszeichnet. Wie der Vergleich mit der Studentenbewegung lehrt, gibt die gegenwärtige Protestbewegung zum ersten Mal die Chance, auch in Deutschland zivilen Ungehorsam als Wesenszug einer reifen politischen Kultur begreiflich zu machen.

Jede rechtsstaatliche Demokratie, die ihrer selbst sicher ist, betrachtet den zivilen Ungehorsam als Bestandteil ihrer politischen Kultur.
Unter den Wortführern des Protestes herrscht die Überzeugung, daß Protesthandlungen, auch wenn sie kalkulierte Regelverletzungen darstellen, nur symbolischen Charakter haben können und allein in der Absicht ausgeführt werden dürfen, an die Einsichtsfähigkeit und den Gerechtigkeitssinn der jeweiligen Mehrheit zu appellieren. Niemand bildet sich ein, die Raketenaufstellung – wenn überhaupt noch – auf andere Weise als dadurch verhindern zu können, daß die Masse der deutschen Bevölkerung für die politisch-moralische Ablehnung einer Entscheidung von existentieller Tragweite gewonnen und mobilisiert wird; Nur ein drohender Legitimationsverlust kann die Regierung umstimmen.

(…)

Ziviler Ungehorsam ist ein moralisch begründeter Protest, dem nicht nur Eigeninteressen zugrunde liegen dürfen; er ist ein öffentlicher Akt, der in der Regel angekündigt wird und von der Polizei in seinem Ablauf kalkuliert werden kann; er schließt die vorsätzliche Verletzung einzelner Rechtsnormen ein, ohne den Gehorsam gegenüber der Rechtsordnung im ganzen zu berühren; er verlangt die Bereitschaft, für die rechtlichen Folgen der Normverletzung einzustehen; die Regelverletzung, in der sich ziviler Ungehorsam äußert, hat ausschließlich symbolischen Charakter – daraus ergibt sich schon die Begrenzung auf gewaltfreie Mittel des Protestes.

(…)

Der Rechtsstaat, der mit sich identisch bleiben will, steht vor einer paradoxen Aufgabe: Er muß das Mißtrauen gegen ein in legalen Formen auftretendes Unrecht schützen und wachhalten, obwohl es eine institutionell gesicherte Form nicht annehmen kann. Mit dieser Idee eines nicht-institutionalisierbaren Mißtrauens gegen sich selbst ragt der Rechtsstaat über das Ensemble seiner jeweils positiv gesetzten Ordnungen hinaus. Das Paradox findet seine Auflösung in einer politischen Kultur, die die Bürgerinnen und Bürger mit der Sensibilität, mit dem Maß an Urteilskraft und Risikobereitschaft ausstattet, welches in Übergangs- und Ausnahmesituationen nötig ist, um legale Verletzungen der Legitimität zu erkennen und um notfalls aus moralischer Einsicht auch ungesetzlich zu handeln.

Der Fall des zivilen Ungehorsams kann nur unter Bedingungen eines im ganzen intakten Rechtsstaates eintreten. Die Möglichkeit des gerechtfertigten zivilen Ungehorsams ergibt sich allein aus dem Umstand, daß auch im demokratischen Rechtsstaat legale Regelungen illegitim sein können – illegitim freilich nicht nach Maßgabe irgendeiner Privatmoral, eines Sonderrechts oder eines privilegierten Zugangs zur Wahrheit. Maßgeblich sind einzig die für alle einsichtigen moralischen Prinzipien, auf die der moderne Verfassungsstaat die Erwartung gründet, von seinen Bürgern aus freien Stücken anerkannt zu werden.
(…)
Natürlich können sich auch die Regelverletzer irren. Die Narren von heute sind nicht immer die Helden von morgen; viele bleiben auch morgen die Narren von gestern. Der zivile Ungehorsam bewegt sich oft im Zwielicht der Zeitgeschichte. Dieser Mangel an Eindeutigkeit verpflichtet beide Seiten. Der Regelverletzer muß skrupulös prüfen, ob die Wahl spektakulärer Mittel der Situation wirklich angemessen ist und nicht doch nur elitärer Gesinnung oder narzißtischem Antrieb entspringt. Andererseits muß sich auch der Staat eines Urteils historischer Natur enthalten und noch denen gegenüber Respekt wahren, die heute ungesetzlich handeln und vielleicht morgen im Unrecht bleiben.“

Diese Aspekte sind bis heute bedenkenswert und zeigen die Möglichkeiten und die Grenzen eines friedlichen zivilen Ungehorsams auf.

Und was die Straßensperrungen betrifft: mit meinem Ford Ranger Raptor und dem Bullenfänger vorne denke ich, daß ich die Blockaden mit sanftem Anschub unterstützen kann. Neuinszenierung des Klassikers „Einer kam durch“. Denke ich mir hier am Schreibtisch bei einem kühl gewordenen Becher Kaffee in Berlin im Regen.

Die Tonspur zum Sonntag – 50 Jahre Monty Python: „Chleudert den Purschen zu Poden“

Gerade in der heutigen Zeit, wo manche im Arsch einen Stock tragen und selbst noch Witze nach ihrer politischen Korrektheit und nach diskriminierungsfreiem Scherz abklopfen, ist dieser nie ganz korrekte und oft schräge Humor nötiger denn je. Vor 50 Jahren begann „Monty Python’s Flying Circus“ und startete als Serie im TV. Die Produzenten der BBC bestanden darauf, daß das Wort „Zirkus“ im Titel vorkäme und das tat es dann auch: ganz deutsch, ganz im Sinne des Barons Manfred von Richthofen, dessen Flugkampfkunst von den Briten im ersten Weltkrieg als Flying Circus verspottet wurde. Ohne das Deutsche, als Klischee und als Bild, gäbe es den englischen Humor vielleicht nicht in dieser Form, zumindest liefert der preußische Deutsche, der in seiner Haltung nicht einen Millimeter weicht, ein gutes Bild für Spott und so sind Briten und Deutsche aufeinander bezogen. Deutsche mit gutem Humor lieben die Briten für diesen Ton, und noch schärfer als der Brite witzelt der Yorkshire-Man, so sagt man.

Wild wurde im „Flying Circus“ gekalauert: anarchischer, schwarzer Humor, der sich selbst und andere auf die Schippe nimmt. Es ging gegen alles: gegen Staat und Autorität, gegen liebgewordene Rituale. Dieser Humor war zwar Non-sense und doch zugleich mehr als nur solcher, mehr als bloßer Klamauk, denn im Aberwitz schien plötzlich tagesaktuell das Politische auf, ohne daß politisiert wurde.

 

Und auch dieses Szenen aus dem „Leben des Brian“, das Video ist häufig schon gezeigt worden, aber es bleibt immer noch treffend, kommt einem gut bekannt vor. Damals hielt man’s für einen Scherz und lachte. Heute ist es teils bittere Realität. Man kann das, was man da sieht, auch mit Karl Kraus aus DIE FACKEL Nr. 274 sagen: „Ein Paradoxon entsteht, wenn eine frühreife Erkenntnis mit dem Blödsinn ihrer Zeit zusammenprallt.“