Schnüffeln am Wörthersee. Über eine bedenkliche Tendenz im Umgang mit Literatur

Um den ästhetischen Unwillen abklingen zu lassen, habe ich mich mit dem Schreiben einige Tage zurückgehalten – zumal ich die Woche über Besuch erwartete und insofern kaum Zeit bliebe, auf Blog-Kommentare zu reagieren. Nun also, etwas über eine Woche nach den Klagenfurter Lesetagen im Wettstreit um den Bachmannpreis, ein Text hier auf AISTHESIS zu einem Vorfall, der zugleich symptomatisch ist für den Ton in bestimmten Kunstdebatten und für den „Geist“ einer seltsamen Zeit, wenn man denn überhaupt in dieser Angelegenheit von Geist sprechen mag: Ästhetische Gebilde werden nicht mehr primär als Kunstwerke gesehen, sondern man mißt sie mit moralischen Kriterien. Nicht mehr die Maßgaben der Kunst sind zentrales Kriterium, sondern das Kunswerk muß politischen, moralischen oder gesellschaftlichen Geboten gehorchen. Was war passiert? In einem der Texte, die Anfang Juli in Klagenfurt gelesen wurden, benutzte ein Autor das Wort „Zigeuner“. Worauf es reflexmäßig-erwartbare Twitter-Empörung gab. In einem anderen Lese-Text kam der Name Lumumba und eine afrikanische Perspektive vor. Wie auf Knopfdruck standen Cultural Approbiation-Vorwürfe im Raum: Böser weißer Mann, der eine schwarze Perspektive einnimmt. Die übliche Twitter-Erregung einerseits, übliche Aufrege-Spielchen in einer Zeit, in der alle alles sagen und unmittelbar kundtun können – ohne jeglichen Reizschutz oder intellektuellen Abstand.

Man kann sowas als Petitesse abtun, aber doch zeigt sich in solchen Äußerungen eine problematische Tendenz: nämlich Kunst auf Reizwörter und auf moralische oder politische Verwerfungen hin abzuklopfen. Das Absurde an solchen Aktionen ist, daß beide Autoren sich vermutlich als links verstehen, und sie würden ihre Texte gerade als Kritik einer rassistischen Perspektive beschreiben.

Kriterium für diese Äußerungen des Mißfallens war dabei nicht etwa der Text selbst in seiner Struktur, geschweige, daß literaturkritische Gründe genannt werden konnten, weshalb die Konstruktion nicht funktioniert und ein Begriff wie „Zigeuner“ nicht verwendet werden dürfe, sondern wie bereits bei Eugen Gomringers Avenida-Gedicht wurde außerästhetisch nach einer Hermeneutik des Verdachts ein subjektives Gefühl dogmatisch als verbindliches Richtmaß genommen. Der erhobene Zeigefinger „Das darfst du nicht!“ oder „ein ungutes Bauchgefühl“ werden zum Maßstab für literarische Referenz, was geschrieben werden darf und was nicht.

Man könnte denken, solches Labeln von Prosa sei kunstkritisch nicht weiter relevant oder sei eine Satire auf den Betrieb, irgendwas zwischen den Romanen von Tom Wolfe, Martin Walser, Philip Roth oder Eckart Henscheid. Denn jeder wisse im Grunde um die Funktion autonomer Kunst und damit auch um den Unterschied zwischen realem Sprechen und Rollensprechen, zwischen fiktiven Texten und Sachtexten, wie etwa einem Zeitungsartikel. Darin wäre das Wort „Neger“, etwa in einer Zeitung, in der Tat unpassend und vermeidbar, sofern es sich nicht um ein Zitat handelt oder eine bestimmte Denkhaltung veranschaulicht werden soll – denn auch da ist der Gebrauch des Wortes geboten: Bildlichkeit macht anschaulich. Aber leider ist diese Haltung im Feld der Literatur bitterer Ernst – sogar von Leuten vorgebracht, die sich im Wissenschaftsbetrieb an Universitäten bewegen. Die Tabuisierung von Sprache. (Dazu auch das Culturmag, Ausgabe Juni 2018 zum Thema Tabu.) Wissenschaftler, die nach Wörtern fahnden, die ein literarischer Text nicht enthalten darf. Eine seltsame Methode der Literaturbetrachtung scheint sich zu etablieren. Der Unterschied zwischen eigentlichem und uneigentlichen Sprechen wird eingezogen. Prosa und Poesie werde unmittelbar genommen oder als Handlungsanweisung gelesen. Begriffe wie Ironie, literarische Brechung, Figurenrede sind nicht mehr auf dem Schirm oder werden zugunsten außerliterarischer Kriterien lax beseite geschoben. Die Buchstäblichkeit eines literarischen Textes bekommt einen fatalen neuen Sinn.

Auch 2016 schon in Klagenfurt zu beobachten – damals bei Astrid Sozios inzwischen als Roman erschienener Prosa Das einzige Paradies. Ein genauer und gelungener Text. Darin kommt mehrmals, wohl 20 Mal das Wort „Neger“ vor. Es ist Rollenprosa, die Protagonistin Frieda Troost, eine alte Frau, die sich in einem längst geschlossenen Hotel verbunkert hat, darin eine schwarze Frau „eindringt“ und Schutz sucht, muß genau so sprechen, wie sie spricht: sie sagt „Neger“, weil das ihre Sprache ist, weil das ihren Schrecken ausdrückt, weil das Wort „Neger“ ihr Befremden zeigt, weil das drastisch im Wort zeigt, wie Frieda Troost denkt und tickt und diese „Neger“-Iteration kann man zugleich als ein Stilmittel sehen. Eine sprachpolizeiliche Regelung nach einem willkürlichen Kanon von zu vermeidenden Reizwörtern oder moralin Ungenehmem hätte Sozios Text ästhetisch verdorben. Daß Kunst auch ein Schlag vor den Kopf sein kann: dieses Bewußtsein geht den meisten inzwischen verloren, wenngleich von vielen dieser seltsamen Leser ansonsten immer noch der Kafka-Satz von dem Buch, das eine Axt sein müsse für das gefrorene Meer in uns, beschworen wird. Was gab es nach Sozios Lesung für einen Twitterkleinsturm! Absurd waren diese Reaktionen vor allem deshalb, weil dieser Text genau die Fremdheitserfahrungen und das Aus-der-Welt-Gefallensein zweier ganz unterschiedlicher Personen beschreibt und weil diese Prosa explizit den impliziten Rassismus zum Thema machte.

Bei Rollenprosa geht das in dieser Art und nicht anders, weil solche wie Frieda Troost weder die perfekt gegenderte Sprache noch das politisch korrekte Sprechen gelernt haben. Motiviert sind solche Aussagen durch den literarischen Text, durch den Plot und die Figurenzeichnung. Daß diese simplen Voraussetzungen ästhetisch nicht mehr gewußt werden, auch bei Wissenschaftlern nicht, ist bedenklich. Daß eine alte Frau wie Frieda Troost von PoCs spricht, dürfte kaum vorstellbar sein und wäre wohl lächerlich. Ein guter Lektor striche ihr mit schwungvoller Hand und Rotstift diesen Ausdruck aus dem Text heraus – zumal Literatur nicht für das politisch korrekte Sprechen zuständig ist und auch nicht als moralische Erziehungsanstalt für Bürgersöhne und -töchter fungiert. Der Bitterfelder Weg als normatives Maß fürs Schreiben ging bereits in der DDR in die Hose. Gleiches gilt für die Vorgaben eines – angeblich – diskriminierungsfreien Schreibens. Literatur läßt sich nicht regeln, und selbst dort, wo ein Roman rassistische Stereotypen verbreitet, wie etwa Jean Raspails Das Heerlager der Heiligen ist ein Text immer noch mehr und übersteigt die Intention des Autors. Literarische Texte sind autonome Gebilde, sie ragen in ihren Tiefenschichten und in ihrer Bedeutung weit über den unmittelbar gemeinten Sinn hinaus.

Eine Kulturwissenschaftlerin schrieb in dieser Causa:

„Leute, die heute noch Essays darüber schreiben, weshalb man dieses oder jenes diskriminierende Wort (in der Literatur) verwenden darf, drücken damit aus, dass sie solche Themen und Fragen nur unter ihresgleichen besprechen möchten. Das bedeutet, dass Menschen, die durch diskriminierende Sprache ausgegrenzt und verletzt werden, Zaungäste in dieser Diskussion sind.“

Davon ab, daß sich mir die Logik einer solchen Aussage nicht erschließt, da es in öffentlichen Debatten jedem freisteht, sich zu diesem Thema äußern zu dürfen, ist es kaum ersichtlich, was solche Vorschrift sachlich motiviert. Was geschrieben werden darf und was nicht, bestimmt kaum eine einzelne Stimme oder ein moralines Kollektiv – zumal wenn es in Fragen der Ästhetik sich blind verhält. Es wird von jener Schreiberin ohne jede Begründung dogmatisch eine Hypothese in den Raum geworfen, es wird, so interpretiere ich solche Sätze, für die Gemeinde moralischer Druck aufgebaut. Mit solchem Verfahren hält eine gefährliche Tendenz Einzug, daß dogmatisch und ohne jegliches Begründen festgelegt wird, worüber debattiert werden darf und worüber nicht. Anstatt Gründe anzugeben, weshalb es problematisch ist, solche Fragen zur Diskussion zu stellen, wird per ordre du mufti vorab Sagbares und Unsagbares festgelegt. Gleiches gilt für Begriffe in literarischen Texten: Per ordre wird postuliert, was sein darf und was nicht.

All das sei Erregungsfeuerwerk und morgen wieder vergessen, so könnte man entschärfen. Aber leider haben solche „Meinungen“ im Betrieb durchaus normative Konsequenzen: Daß nämlich bestimmte Texte in Redaktionen oder Lektoraten nur noch bedingt akzeptiert werden. Tina Uebel wies in ihrem Zeit-Text „Der große Verlust. Wie die politische Korrektheit meine Arbeit als freie Schriftstellerin einschränkt“detailliert und mit Beispielen aus der Praxis auf diese Problematik hin. Uebel pointiert dieses Absurde:

„Ich hatte eine Romanidee, inspiriert von drei Menschen, die ich bewundere, einem Kameruner König mit hinreißender Chuzpe, einem äthiopischen König, den ich im dortigen Knast besuchte, und einem innigen Freund und atemberaubenden Künstler aus Kamerun. Mein Romanheld wäre schwarz gewesen, da lass ich mal besser die Finger von und schreibe stattdessen nunmehr Bücher, die von der Interaktion weißer neunundvierzigjähriger Schriftstellerinnen mit weißen neunundvierzigjährigen Schriftstellerinnen handeln. Sicher ist sicher. Die anderen Geschichten werden unerzählt bleiben.“

Uebel spitzt hier zwar zu, und ob es diesen Roman nicht dennoch geben könnte, bleibt an dieser Stelle offen. Denn soweit ist es im deutschen Verlagswesen zum Glück noch nicht, daß sich Verleger vorschreiben lassen, was sie veröffentlichen. Dennoch ist solche Sentenz bezeichnend: Denn vor allem ist mit solchen Forderungen an Literatur noch lange kein Ende in Sicht und prinzipiell sind solche Textsäuberungen einer moralischen Reinlichkeitserziehung unabschließbar. Es lassen sich immer neue Forderungen erheben, was ein Text enthalten darf und was nicht. Sind es heute Begriffe wie „Neger“ oder „Zigeuner“ oder schwarze Perspektiven, die von Weißen geschrieben werden, so läßt sich der Reigen des angeblich Unsagbaren, weil angeblich Diskriminierenden beliebig erweitert: Vom Zwerg bis zum Krüppel. Absurd wäre es, wenn nur noch Behinderte über Behinderungen schreiben dürften. Thomas Hettches wunderbarer Roman Pfaueninsel wäre kaum in dieser Art entstanden, wenn nur Kleinwüchsige über Kleinwüchsige schreiben dürften. Und irgendwann mag dann auch die Hausfrau, die intakte Familie mit Mann, Frau, Kind oder der Handwerker aus dem Roman vertrieben werden, weil sie die „heternormative maskuline Matrix“ spiegeln und gesellschaftlich Approbiertes festigen. Vielleicht darf man es aber auch schreiben, muß vorher freilich zur gesellschaftlichen Güte seine Privilegien checken. Man kann hier die absurdesten Beispiele wählen, wir lachen noch darüber, aber inzwischen hat sich eine Haltung breitgemacht, die solches Abklopfen von Texten gleichsam systematisiert. Solche „Textexegese“ nach verdächtigen Passagen ist prinzipiell unabschließbar.

Dies sind keine Petitessen und diese Dinge geschehen nicht einfach so. Inzwischen entsteht ein übles soziales Klima des vorauseilenden Verdachts. Sicher kann niemand mehr sein. Es wird bezichtig und auf absurde Weise im Text nach vermeintlich Verdächtigem gesucht – etwa bei jenem Autor in Klagenfurt, dem dann ein Facebook-Kommentator zudem Homophobie in den Text hineinlas. Dann wird das Gesuchte auf den Autor projiziert und wenn er nicht explizit rassistisch schreibt, so wird das Unterbewußte bemüht, indem, nicht anders als in der klassischen Ideologiekritik, der Entlarver vom Standpunkt des richtigen Bewußtseins aus das Gegenüber als fehlbar markiert. An Universitäten ist dieses Suchen nach rassistischen Stereotypen oder anderweitigen mißliebigen Äußerungen bereits angekommen. Ob das die Debatte um das Gomringer-Gedicht ist, einem Blog wie  Münkler-Watch, wo ein Hochschullehrer anonym überwacht wird, oder Diskussionen um Gemälde in Museen, wie Dana Schutz‘ Gemälde Open Casket, das denunziert und auf die Verbotsliste sollte.

Auch im klassischen Feuilleton finden wir diese Art von unseriösem Entstellen eines Textes schon länger: 1999 Thomas Assheuers unsachlicher Angriff auf Sloterdijk, oder 2012 Georg Diez‘ Denunziation von Christian Krachts Imperium als rassistisch: Kracht als Gatekeeper für das Völkische. Diese Art des außerliterarischen Wertens von Prosa hat inzwischen einige Methode. Diese Liste ließe sich beliebig verlängern: auch im Diskurs des Politischen, wenn wir an die Anfeindungen und an die unsachliche Kritik denken, denen die Autoren des Sachbuches Mit Rechten reden ausgesetzt waren.

Dabei geht es in diesen Fragen nicht darum, Literatur gegen Kritik zu immunisieren. Ethische Fragen sind von der Literatur nicht per se ausgeschlossen. Jemandem Leid und Ausgrenzung zu ersparen, ist auf der subjektiven Ebene ein löbliches Anliegen. Nur: Literatur ist etwas anderes als Alltagspraktik, und literarisches Sprechen unterscheidet sich vom normalen Sprechen in wesentlichen Aspekten. Wer die Verstörungen nicht versteht, die die Literatur erzeugt, verfällt in die (häufig kleinbürgerliche) Haltung jener, die den Text an seinen Skandalisierungen und an Normübertretungen messen statt an seiner Sprache, seinem Gemachtsein, dem Stil, der ästhetischen Form mithin. Eine Haltung, wie sie im 19. und 20. Jahrhunderts üblich war, Kunst zunächst moralisch zu werten und bei entsprechendem Verstoß gegen geltende Konventionen zu skandalisieren. Und so gelangten Baudelaires Gedichte und Flauberts Madame Bovary auf den Index, weil sich darin Verwerfliches befand.

Freilich ist die ästhetische Autonomie ist kein Selbstzweck. Theoretiker wie Adorno wußten gut, daß sich im Kunstwerk immer beide Momente verschränken: das Werk ist fait social und autonom in einem, wie Adorno es in seiner Ästhetischen Theorie zeigt. Gesellschaftlich ist es aber gerade dadurch, indem es sich des unmittelbaren Engagement und des politischen Eingriff enthält – dazu mehr in einem möglichen zweiten Teil dieses Essays. Einen literarischen, also fiktiven Text jedoch unter der Maßgabe richtigen Sprachgebrauchs abzuklopfen, zeugt nicht vom Bewußtsein für den spezifischen Sinn der Literatur, sondern vielmehr dafür, daß Ebenen durcheinander rutschen oder wie Adorno es in anderem Zusammenhang, nämlich dem des identifikatorischen Lesens, nannte: jener „Schulfall von Banausie“. Aus persönlichen Befindlichkeiten oder moralischen Erwägungen lassen sich kaum ästhetische Kriterien ableiten – schon gar keine allgemein-verbindlichen. Der Beischlaf mit Kindern ist nicht nur verwerflich, sondern auch strafbar. Schreiben darüber, selbst in der verherrlichten Form innerhalb der Literatur bleibt aber aus guten Gründen straffrei und ist zudem per Gesetz von der Kunstfreiheit gedeckt. Ob einem Leser ein Roman wie Lolita moralisch oder vom Plot her gefällt, ist eine Sache der Präferenz. Es sagt dieses subjektive Gefallen jedoch nichts über die Qualität eines literarischen, fiktiven Textes aus.

Daß solche ästhetischen Selbstverständlichkeiten inzwischen nicht mehr selbstverständlich sind, deutet auf ein grundsätzliches Problem in der öffentlichen Rezeption von Kunst. Zunächst könnte man in einer eher unmittelbaren Lesart annehmen: Wo eine kulturalistisch-identitäre Linke politisch keine Siege einfährt und sich zu einer Minderheit qualifiziert, werden stattdessen Erfolge auf der Ebene des Symbolischen gefeiert. Der arme Neger in Afrika interessiert nur noch, als daß er Spielball für die Sprachspiele identitärer Diskurse im universitären Milieu ist, anstatt daß man nach den EU-Subventionen für die EU-Landwirte nachfragt, die das Billiggetreide exportieren, und zum Protest anspornt. Man kapriziert sich auf die symbolische Ebene, um vom Realen nicht reden zu müssen. Aber diese Anwürfe greifen andererseits viel zu kurz. Davon ab, daß sie als Argument nicht funktionieren: Von einer Sache schweigen, heißt nicht, sie zu goutieren. Das Problem in diesen Kontexten ist vielmehr, wenn Leser eindimensional auf Prosa sich fokussieren und sie moralisierend nach Reizworten abklopfen. Im Grunde nicht anders als jene Tugendwächter, die in Der Tod von Venedig schwule Verderbnis, in Anaïs Nins Tagebüchern Sexdreck und im Professor Unrat unzüchtige Disziplinlosigkeit wittern.

Wer sich solchen Texten und Ausdrücken nicht gewachsen zeigt, für den bleibt immer noch die Möglichkeit, Literatur als Religion zu nehmen und das heißt als beliebiges Glaubensbekenntnis zu setzen, in einer Zeit, wo – frei nach Bourdieu – die entsprechende Literatur den entsprechenden Lebensstil repräsentiert, oder einfach nur solche Bücher sich zu wählen, die ein Herz erwärmen, Prosa, die einem das spiegeln, was gesellschaftlich genehm ist. Man bringt sich dann zwar um die moralisch fragwürdigen Texte von Goethe, Jean Paul, Kleist, Büchner, Joyce, Kafka, Döblin, Jahnn, Malaparte, Breton, Baudelaire, Céline, de Sade oder Apollinaire, aber es muß nicht jeder alles lesen und für wen Literatur Herzensergetzung ist und Selbstbespiegeln, der kann das machen. Nur läßt sich daraus ästhetisch verbindlich nichts Normatives ableiten – davon ab, daß wir in der Kunst seit 250 Jahren die Regelpoetik verabschiedet haben. Das gilt auch für Negerwörter.

Wie man das auf der Ebene des subjektiven Befindens beurteilt, bleibt jedem selbst überlassen. Wer aber einen Autor öffentlich rügt, der sollte Gründe bringen. Ansonsten gerät dieses Unternehmen in heikles Fahrwasser und es grenzt solche Hermeneutik des Verdachts an Denunziation. Daß in einem Text ein rassistisch konnotierter Begriff vorkommt, spricht weder gegen den Text noch gegen den Autor, sondern sagt zunächst einmal etwas über die Befindlichkeiten des Lesers aus. Und damit sind wir mitten in der Rezeption und bei der Literatursoziologie, die sich über ein neues Klima verständigt und die zeigen kann, was im Verhältnis von Gesellschaft und Literatur sich verschoben hat. Die Freiheit der Kunst aber ist in einer demokratischen und liberalen Gesellschaft nicht verhandelbar. Weder von rechter noch von linker Seite.

Hashtag tddl – Notizen zu Klagenfurt

Ich bin dann pünktlich um halb drei zum Mittagsschlaf gegangen. Den Text von Anselm Neft unterbrechend, man kann das ja eh nachlesen, im Internet, und braucht es nicht im Fernsehen zu schauen. Und später als Buch – vielleicht. Zu viel Lebensdetail bei Neft. Bei Clemens Meyer oder Sven Heuchert paßt es, hier in der Lesung klemmt irgendwas – so zumindest mein Eindruck. Und ich bin zudem am Leben anderer, mir fremder Menschen erstmal nicht interessiert, außer es interessiert mich und da ist ein Detail oder eine Szenerie, die mich packt. Das ist natürlich kein Kriterium für die Qualität von Literatur, sondern nur ein vages Indiz. Aber die Geschichte mit dem Mann und dem Hund sprang nicht über. Was zunächst mal nichts über die Ästhetik und das Gemachtsein des Textes aussagt, zumal ich ja vorzeitig abbrach. (Auch interessant zu nehmen: wieso manche Texte sofort zünden, andere erst später beim stillen Lesen.)

Bei der Zahnarztgeschichte von Corinna T. Sievers gestern – oder war die Autorin Zahnärztin?, ich weiß das leider nicht mehr –, habe ich das TV-Gerät ausgeschaltet und mich wieder berufsmäßig Hegels Geistphilosophie zugewendet. Was vor allem an meiner Zahnarztphobie liegt und nicht unbedingt am Text. Ich möchte da doch den Text selbst hören, die Stimme und der Vortrag der Autorin hat mich in diesem Fall vom Text entfernt. Bei Ally Klein heute war ich angespannt interessiert. Ein zunächst rätselhafter Text eines irgendwie stolpernd-strauchelnden Ichs. Dunkel, staksend, seltsam, in einen interessanten Duktus auch von der Sprechsprache her vorgetragen, sich aufsteigernd und wieder abfallend in der Stimme. Aber nie kann ich ganz und konzentriert zuhören. Abgelenkt vor allem durch Twitter mit dem Hashtag #tddl, um mitzulesen und zugleich zuzuhören, was sich für mich als schwierig erweist, weil ich lieber konzentriert und fokussiert arbeite. Auch Kleins Videoportrait gefiel mir. Da die Autorin bisher nichts veröffentlicht hat, gab es, sozusagen metaphorisch eine Art unbeschriebenes Blatt. Die Autorin schwieg ganz einfach, man konnte in ihr – zugegeben sehr schönes ­ Gesicht sehen, Mimik und Regungen studieren. Und sagte kein einziges Wort. Eine interessante Idee. Witzig und originell ebenfalls Raphaela Edelbauers Video. Ich mag diese Art von Humor: „Hallo ich bin’s. Aber das kann eigentlich jeder von sich behaupten“ ist ein schöner Auftakt für eine Schriftstellerin. Mein Name sei Edelbauer. „Wenn ich Papst wäre, wären die Meßweine 2006er Brunesco Barolo und die Hostien Steaks“. So ist es, sage ich da als Gesinnungskatholik und Schlegelianer.

Vorgestern, da fand ich Raphaela Edelbauers Text verstörend gut, wie sich die Tiefe der Höhle mit der deutschen Geschichte eines Lagers in der NS-Zeit verband, wie da eine Höhlenforscherin in einer Sprache Bericht erstattete, die nicht unbedingt die Sprache von Höhlenforscherinnen ist. „Eine Nebenstelle des Konzentrationslagers Mauthausen wurde eingerichtet …“ Fast im Sinne eines Novalis- Motivs im Sinne auch des „Heinrich von Ofterdingen“ kann man wohl denken: Hinab geht der Weg:

„Den Pferden, die vor 200 Jahren unter Schinderei den Löschkalk aus dem Felsen zogen, mussten erst die Augen ausgestochen werden; ein sehendes Pferd wäre niemals freiwillig ins Schwarze hinabgestiegen. Zwanzig Jahre oder länger, d.h. ein ganzes Pferdeleben, mussten die Tiere unter diesen Bedingungen ausharren, um als Transporteur für die Mineralien zu dienen.“

Diese Verschränkung der Ebenen und die Art es zu erzählen, überzeugten mich beim ersten Hören. Es bleibt abzuwarten, was der Roman dann bringt und liefert oder ob das auch als Erzählung trägt, was ich ebenfalls passend fände, weil der Text von einer Geschlossenheit getragen wird. Wie auch in Edelbauers Video findet sich in dieser Prosa ein schönes Spiel mit den Ebenen und den Bezügen. Genaueres in einer Buchbesprechung.

Auch Martina Clavadetschers Text aus der Sterbeperspektive einer alten Frau im Pflegeheim sprach an – zumal alte Menschen nicht so häufig das Setting in Geschichten bilden. Nach dem Hinübergehen in diese andere Welt, vom Ort des Todes her ein Leben nacherzählen, scheint mir eine immer wieder interessante Idee. Anscheinend im Augenblick ein Thema, wenn ich an Robert Seethalers neuen Roman Das Feld denke. Aber auch in –  lange ist es her – Cees Nootebooms Die folgende Geschichte und Alban Nikolai Herbsts wunderbares Traumschiff behandeln dieses Sujet auf ihre Art. Die Idee, frei Heidegger übersteigend und radikal in Adorno terminierend, daß noch vom Ort des Todes her geschrieben und berichtet werden könnte, so wie Adorno es zum Schluß seines Endspiel-Essays schreibt als er Prousts Notizen auf dem Totenbett ansprach, die er noch in seine Recherche einfügen wollte, um den Tod Bergottes detailgenauer zu machen.

Ganz und gar entsetzlich, vorgestern, der Text von Joshua Groß Flexen in Miami, vom Titel vielleicht noch ganz lustig, man ahnt eine Mischung zwischen Bernhard, Goetz, Jelinek und Schwab. Doch war es nur eine leider schlecht aufgepimpte Pubertasten-Prosa: „…ihre Vagina nach dem Zuckerwasser von Dosenbirnen schmeckt…“ Wer, bitte, schreibt sowas? Wie kommt man mit solchen Sätzen nach Klagenfurt? Wieso, weshalb warum. Der Text wurde von den Juroren hoch gelobt – bis auf Gomringer und Keller. Ich habe bei solcher Jugendlichkeitsprosa den Verdacht, daß sich die Kritiker beim Jubeln selbst um ein Stück weit verjüngen wollen. Fehlt noch, daß Hubert Winkels Yolo gejauchzt hätte. Mag sein, daß ich dem Text unrecht tue, ich habe ihn mir nicht zuende angehört, aber ich habe in meinem Leben zu viel solcher Prosa gelesen. Mag aber sein, daß es am Ende oder in der Mitte oder an andere Stelle noch eine Wendung nimmt: sozusagen das Leben in der Simulation, nach der Metapolitik oder auch schon lange vor ihr, wenn wir an die Postmoderne uns erinnern, die Meta-Literatur, sozusagen eine Meta-Ficktion um diesen alten Literaturkalauer einmal wieder aufzuwärmen. Provozieren kann man heute, kleiner Tip fürs Jungvolk, eher damit, daß man ganz und gar konventionell schreibt und einen Stil von Thomas Mann pflegt oder Jean Paulsch mäandert: „Einen jener klassischen …“

Eine angenehme Überraschung bildete gestern Bov Bjerg. Von seinem Auerhaus war ich weniger angetan, vielleicht auch, weil ich den Jubel der Vielen über dieses Buch unangemessen fand, es hat mich das Buch zudem literarisch nicht überzeugt: eine nette Geschichte, aber mir fehlte darin das Salz in der Suppe, es hatte das etwas Durchschaubares. Und wenn ich die Absicht des Autors merke, mein Herz rühren zu wollen, bin ich verstimmt. Egal wie: das Videoportrait war schon einmal entwaffnend ehrlich und er bringt eine zentrale Einsicht zum Ausdruck, die auch mich bewegt und über die es nachzudenken lohnt: die Qual des Schreibens: „Es macht eigentlich gar keinen Spaß, das Schreiben, das Überarbeiten macht mir Spaß. Aber nur die eigenen Texte (…), anderer Leute Texte überarbeiten, macht mir auch keinen Spaß“, bemerkte er mit einem Lachen. Dieses Statement sprach an, und da traf Bjerk vor allem eine richtige Sache: wenn ich am Text feile, ihn ausbaue, Zeilen streiche, wenn ich komponiere dann geht es mir leicht von der Hand. Das Schreiben hingegen ist oft schwierig. Wie eine Text aus dem Inneren, aus dem Kopf heraustritt, aufs Papier – früher – und heute eben in die Tastatur getippt und dann sich auf dem Bildschirm auf einer weißen Fläche materialisierend. Immer der Gefahr der Ablenkung ausgesetzt. Beim Schreiben auf Twitter oder Facebook, zur FAZ oder zu irgendwelchen Blogs gleiten, um sich von der Konzentration abzulenken.

Auch die von ihm vorgetragene Geschichte fesselte. Sie hat wohl, zusammen mit Edelbauers Text, das Zeug zu einem Preis – zumindest nach dem, was ich bisher hörte. (Gucken wir mal beim Publikumspreis, wer da das Rennen macht und am besten seine Groupies mobilisieren kann) Bjergs Geschichte von einem Vater und seinem Sohn, die zusammen eine Ausfahrt auf die Schwäbische Alp machen, überzeugte in ihrer Erzähltechnik und in der Art, wie sie die Spannung steigerte. Zwar von Plot und Sprache her eher konventionell erzählt, sozusagen das Gegenstück des Ally-Klein-Textes, doch indem diese Geschichte in ihrer Klimax auf einen Kipppunkt zusteuerte, gewann sie Stärke. Da fuhr nicht nur einfach ein Vater mit seinem Sohn auf Ausflug, sondern im Hintergrund zeichnete sich eine Familien-Geschichte ab, die dramatische Elemente trug. Ein Vater, mit seinem Sohn auf der Flucht, das Handy in einer Dose versteckt – damit ihn niemand orten kann? Dieses Reisen, das womöglich ein Fliehen war, erinnerte mich an Daniela Danzʼ starken Roman Lange Fluchten. Eine spannende Dramatik die Bjerg da aufbaute.

Sehen wir weiter, was noch kommt. Heute werde ich nicht zuhören. Die Sonne scheint und auf dem Markt gibt es Himbeeren. Obwohl ich den Fernseher schon wieder an habe, nachdem ich schnell diesen Text in die Tasten schlug. Geben Sie Riesling, auf das notwendigste kann ich verzichten. Ihnen einen guten Lektüretag, heute.

Daß heute bei der Nolte-Lesung eine Frau in Ohnmacht fiel, da sage noch einer, daß Literatur keine Wirkung entfaltet.

Im Bamberger Hain, in den Gassen der Stadt: Von den sprechenden Hunden und einem üblen Getränk namens Rauchbier

Ein fast Robert-Walserhaftes Spazieren, bloß ohne Ziel, anders als in der seltsam-versponnenen und auf ihre Art unendlich traurigen Erzählung „Der Spaziergang“. Das Licht im Winter ist schöner als im Sommer, denke ich mir auf meinem Weg aus der Stadt hinaus – zumindest zum Photographieren schöner – im Bamberger Hain und, später wieder zurück von freiem Feld und schattigem Baumwuchs, den Wiesen und Gewässern, dem Schleusenwehr und an der Regnitz gegenüber am Ufer die Künstlerville Concordia, zurück dann in die alten Stadt, zur Fleischerei, wo es ein Leberkäs-Semmel gab, aber wenigstens temperiert es im Sommer angenehmer. Denn warm ist es und Licht strömt in den Hochtagen des Juni auf Gassen und Wege. Sommerbeginn, der längste Tag des Jahres, ich sitze draußen, abends in der Galerie am Stephansberg oder im Café Müller mit einem Weißwein, noch kurz vor den Vorträgen. Tags ist das Sommerlicht grell. Der Abend allerdings bietet besseres Licht zum Photographieren. Nur: da waren die Vorträge in der hellen Dominikanerkirche zu hören, also blieb die Kamera in der Tasche.

Im Bamberger Hain begegnete ich dem sprechenden Hund Berganza und nach einigen Gläsern des eher gräßlich schmeckenden Bamberger Rauchbiers scheint es einem, als wäre es tatsächlich so: alle Hunde sprächen zu einem oder blickten seltsam zum schwankenden Gast hinauf. Die Stadt der sieben Hügel. Beim Aufstieg zum Michelsberg oder zum schönen Biergarten auf dem Stephansberg kann man ins Hecheln geraten und der Alkohol stieg besonders ins Blut. Bamberger Rauchbier schmeckt, als hätte ein böswilliger Mensch oder ein maliziöser Gott einen Räucherspeck zehn Tage ins Bier getunkt. Sebastian drängte, unbedingt dieses Bier zu probieren, riet aber gleichfalls zur Vorsicht; dies sei nicht jedermanns Sache und Geschmack. Und so war es dann auch. Wir taten es im Alt-Ringlein. Ich schlendere in weißer Sommerjeans. Hunde zumindest begegnen einem im Hain einige, wenn man tagsüber und natürlich noch heilignüchtern an den Ufern der Regnitz spaziert. Aber all diese lieben Hunde, die da an der Leine oder manchmal auch ohne laufen: sie alle sind wohlerzogen. Manche Leser des Hoffmann-Textes freilich und Kenner seines Werkes behaupten, E.T.A. Hoffmanns „Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza“ sei eines seiner schwächsten Prosa-Stücke gewesen.

„Du bist Kulturblogger, du mußt Gehaltvolleres machen, statt nur zu schweifen und abzuschweifen!“ „Nein, nein, ich muß bloß spazieren, eine Kamera zwischen den Pfoten. Die Geschichten entdecke ich nicht, sondern gehe an ihnen vorbei, gebe ihnen höchstens ein Bild, setze sie in eine Photographie“. Solches unaufmerksame Gehen vermurkste mir am Ende eine schöne Story für die Zeitung. Aber diese Geschichte läßt sich nachholen.

Im Bamberger Hain scheint grell die Sonne, anders als auf meinem Gang im Winter dort, und vor dem Denkmal Ludwig des II. räkelt sich eine junge Schönheit im Bikini. Ich blicke gelassen vorbei.

 

Vom Ereignis mit viel Raum für Marx oder: Hegelwoche in Bamberg

Reist man ins schön-wunderschöne Bamberg, ins wellige, ins hügelig-liebliche Oberfranken, dann passiert der Fußgänger, wenn er am Bahnhof eintrifft, aus dem Zug aussteigt und ebenerdig zu Fuß zum Kloster-Hotel auf den Kaulberg spaziert, zunächst die Luitpoldstraße und schreitet schnellen Schrittes auf ihr voran. Da kommt er, fast vor der Brücke über den Main-Donau-Kanal beim Orion Erotik und Sexshop vorbei und schaut in die Auslagen. Es lassen sich dort Erotikwäsche und Dessous erstehen und manch anderes Accessoire. Doch für dieses Spiel der Imago geschweige zum Betreten der Verkaufsräume bleibt dem Fußgänger keine Zeit, denn es ist die 29. Bamberger Hegelwoche mit dem Thema: Untergänge. Warum Reiche vergehen.

Die Hegelwochen sind für ein allgemein interessiertes Publikum bestimmt, also nicht nur für Akademikder interessant. Zu hören waren die Alt-Historiker Alexander Demandt und David Engels, einem breiteren Publikum relativ bekannt durch sein Buch Auf dem Weg ins Imperium, sowie Barbara Zehnpfennig, Professorin für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Passau. Demandts Vortrag Musste Rom untergehen? befaßte sich mit der Völkerwanderung, die zum Zusammenbruch des Imperiums führte, den internen Schwächen Roms sowie dazu einige Einsprengsel von Hegels Lehre von den vier Weltreichen aus seinen Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. Der Vortrag war profund und anregend, so empfand ich es laienhaft, als Nicht-Historiker, Demandt wartete mit viel historischem Wissen auf, wenngleich mir Hegels Teleologie-Begriff in bezug auf die Geschichte doch einer verkürzten Interpretation geschuldet scheint. Daß die Geschichte in der Moderne an ein Ende käme, ist keine genuin Hegelsche These, sondern vielmehr beschrieb Hegel in der Geschichte wie auch in der Kunst die Komplexität einer Moderne, in der sich nicht mehr in der gewohnten Weise von einer Heilsgeschichte oder von einer harmonischen Konstellation sprechen läßt wie in der römisch-christlichen oder der hellenischen Antike. Die „Kunst der Entzweiung“ gelangte zur Hochform, doch die Synthese ist bei Hegel keineswegs einfach gesichert – schon gar nicht im preußischen Staat. Aber das sind Detailfragen, die in einem Vortrag kaum zu lösen sind, sondern nur mit Hegels Rechtsphilosophie im Blick debattiert und betrachtet werden können. Ebenso die zu Telos und Vernunft in der Geschichte, wobei man hier in der Analyse guttäte, Deskriptives von Normativem zu trennen und ebenso Hegels Begriff von Vernunft und nicht den eigenen in Anschlag zu bringen.

Demandt setzte in bezug auf die Krise der Gegenwart, insbesondere der EU und mögliche Untergangsparallelen seine Hoffnungen in die Kraft des Politischen, in die Möglichkeiten des Verhandelns und der klugen Politik. Auch, so scheint es Demandts Hoffnung, brauchen Erosionen Zeit, sie dauern und sind insofern aufhaltbar. In diesem (guten) Sinne ist Demandt ein aufrechter Konservativer. Und er übte berechtigte Kritik an einer einseitigen Politik der offenen Grenze. In den Ausführungen zur römischen Geschichte schien die Sache profund, was jedoch die tagesaktuelle Politik betraf, blieb es im vagen. In der FAZ schrieb er im Januar 2016:

„Es ist eine alte Frage, weshalb die reiche, hochentwickelte römische Zivilisation dem Druck armer, barbarischer Nachbarn nicht standgehalten hat. Man liest von Dekadenz, von einer im Wohlstand bequem gewordenen Gesellschaft, die das süße Leben des Einzelnen erstrebte, aber den vitalen und aktiven Germanenhorden nichts entgegenzusetzen hatte, als diese, von der Not getrieben, über die Grenze strömten. Überschaubare Zahlen von Zuwanderern ließen sich integrieren. Sobald diese eine kritische Menge überschritten und als eigenständige handlungsfähige Gruppen organisiert waren, verschob sich das Machtgefüge, die alte Ordnung löste sich auf.“

Wieweit eine Gesellschaft solche massiven Probleme, die ihren Bestand bedrohen können, zu bewältigen vermag, hängt von ihren Funktionsmechanismen ab: inwiefern sie fähig ist, solche Komplexität zu reduzieren und in einen rationalen Diskurs zu integrieren, vor allem aber beim Wähler glaubhaft und überzeugend darzustellen. Aber bei solchen Fragen der Zeit und insbesondere bei historischen Analogien läßt sich viel spekulieren, nicht jedoch wahrsagen. In der Geschichte kann ein kleiner Flügelschlag, kann ein an sich zunächst unbedeutend erscheinendes Ereignis, das aus einer Laune des Zufalls heraus geschieht, einen Schub an Veränderungen, wenn nicht einen Epochenwechsel nach sich ziehen. Wobei für solch epochalen Wandel die Bedingungen bereits vorbereitet sein müssen. Ein Sturm auf die Bastille macht keine Revolution, sondern höchstens eine Revolte. Eine Zeit muß reif sein, damit daraus ein Ereignis erwächst.

Barbara Zehnpfennig mit ihrem Vortrag Warum zerfiel der Ostblock? hielt sich bis zum ersten Drittel weitgehend an die Fakten. Das Sowjetreich ließ sich kaum affirmieren und loben, nicht einmal für wenige Dinge, allenfalls mochte seine Funktion darin bestehen, ein kapitalistisches System einzuhegen und – List der Geschichte – als Korrektiv zu fungieren, so daß der Kapitalismus im reichen Westen seine häßlichen Züge nicht zeigen durfte. Aber diese fatale Dialektik und Kritik am System war keineswegs Zehnpfennigs Absicht. Doch die historischen Bedingungen, weshalb es zu einer solchen Revolution kam, hätten mindestens genannt werden müssen. Sie erwähnte Zehnpfennig mit nicht einem einzigen Wort, was für eine Politologin, die sich mit Ideengeschichte befaßt, kein Glanzstück ist. Der Bezug zu Hegel freilich blieb bei diesem Vortrag zwar eher im vagen und genauso hätte dieser Vortrag bei einer Kant-Woche oder bei einem Schmitt-Kongreß gehalten werden können, wo er womöglich sogar besser aufgehoben wäre.

Immerhin aber diente der arme Hegel unvermeidlich dazu, auf den bösen Marx überzuleiten. Und da hakte der Vortrag aus und geriet nicht nur auf die schiefe Bahn, sondern in Vorurteile, wie man sie einem Erstsemestler im Proseminar in einem mißglückten Referat nicht hätte durchgehen lassen. Sowas darf einer erfahrenen Lehrkraft nicht passieren, selbst dann, wenn Idiosynkrasien im Spiel sind und man nicht zu den Marxologen dieser Welt sich zählt, hat man als Wissenschaftler an die Texte sich zu halten und nicht die eigenen ideologischen Vorurteile fürs Publikum zu reproduzieren und zum Maßstab der Darstellung zu machen. Man kann durchaus Marx kritisieren, aber wenn man das tut, muß das im Modus der reflektierten und immanenten Lektüre geschehen und nicht in der Weise wie Gerhard Löwenthal oder Ludwig von Mises, die Marx nicht verstehen, sondern mit ihrer Kritik ihren eigenen ideologischen Standpunkt kaschieren und damit – lustige Dialektik – zugleich zementieren. Auch auf einem Vortrag für die Allgemeinheit, vielleicht sogar gerade dort, weil da ein Publikum sitzt, dem die Marx-Texte nicht selbstverständlich sind.

Das Desaster des Vortrags begann mit falschen ideengeschichtlichen Zuordnungen und damit, daß orthodoxer Sowjetmarxismus in kruder Unmittelbarkeit mit dem Text von Marx parallelisiert wurde. Zwar sah Zehnpfennig immerhin, daß Marx die Bedingungen für eine mögliche proletarische Revolution in einem Agrarland wie Rußland für schwer möglich hielt und sie bemerkte immerhin, daß man den Leninismus hier mitlesen müsse, um aber sogleich auf Theoreme bei Marx zu sprechen zu kommen, wo man durchaus diesen Aspekt der Diktatur herauslesen konnte, wenn etwa in einer Gesellschaft Freiheitsrechte abgeschnitten wurden. Angefangen bei Marxens Kritik am Privateigentum, als ob Marx der Oma ihr klein Häuschen enteignen würde – dabei den Analyse- und Kritikcharakter des „Kapitals“ konsequent übersehend –, bis hin zur Fehllektüre beim Klassenbegriff und der Diktatur des Proletariats, dabei überlesend daß dort im „Kapital“ 3. Buch, 2. Teil, 7. Abschnitt, 52. Kapitel von der klassenlosen Gesellschaft auf nicht einmal zwei Seiten die Rede ist: Danach bricht das Manuskript ab. Das Kapital ist nun gerade kein Buch, daß sozialistische Utopien auspinselt, sondern eine Analyse der kapitalistischen Produktionsweise und in gleichem Zuge liefert es eine Kritik derselben. Und daß die klassenlose Gesellschaft bei Marx weit komplexer sich gestaltet als ein sowjetisches Terror-Regime, zeigen nicht nur die Frühschriften von Marx.

Beim Begriff der „Diktatur des Proletariats“ hätte bereits ein einfacher Blick in Wikipedia gereicht, um hier über die Facetten dieses Begriffs aufzuklären: daß dieser Begriff im historischen Kontext dieser Zeit eine bestimmte Form von Herrschaft bedeutete, wie es im 19. Jahrhundert durchaus Sprachgebrauch war, wenn man von Diktatur schrieb und daß damit eben nicht Hitler, Lenin oder ein Stalin gemeint sind. Dies sind ex post facto-Deutungen des Diktaturbegriffes, hier wird semantisch und von seinem Bedeutungsgehalt ein Begriff ideologisch unzulässig aufgeladen, was sowohl philosophisch wie von der Begriffsgeschichte her verhängnisvoll ist, weil bewußt ein falsches Bild in Szene gesetzt wird. Mit Unwissenheit läßt sich das kaum entschuldigen. Und schwer vorstellbar, daß eine erfahrene Politologin um diese Fakten nichts weiß, zumal sie eigentlich dafür vorgesehen war, Marxens „Kapital“ im Meiner Verlag in einer kritischen Studienausgabe darzustellen. (Zum Glück übernahm diese Aufgabe dann Michael Quante.)

Und wer es detaillierter möchte und Marxens Ausführungen zur proletarischen Diktatur lesen will, die eben doch etwas ganz anderes meinen als einen simplifizierten Begriff, der greife zum Lexikon „Geschichtliche Grundbegriffe“ – unter anderem von Koselleck herausgegeben:

„denn die sogenannte bürgerliche Demokratie ist für Marx nichts anderes als die Diktatur des Bürgertums, und die proletarische Diktatur ist nicht etwa erst nach ihrem Ende, sondern schon während ihres Verlaufs auf viel genuinere Weise eine Demokratie, als es die bürgerliche Demokratie je war. Marx erläuterte diese Konzeption 1871 am Beispiel der Pariser Kommune, die das allgemeine Stimmrecht erstmals zu einer Wahrheit und zum Diener des Volkes gemacht hatte.“

Gleiches Wahlrecht für alle nämlich war in den halb bürgerlichen, halb monarchistischen Ländern Europas keineswegs eine unverbrüchliche Sache. Insofern sollte man Marx‘ Texte im Sinne eines Principle of charity aus seiner Zeit heraus lesen und Texte nicht mit der eigenen Ideologie überformen. Marx‘ Begriff der Diktatur ist aus den Kämpfen der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts zu verstehen:

„In Wirklichkeit aber ist der Staat nichts als eine Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine andre, und zwar in der demokratischen Republik nicht minder als in der Monarchie; und im besten Fall ein Übel, das dem im Kampf um die Klassenherrschaft siegreichen Proletariat vererbt wird und dessen schlimmste Seiten es ebensowenig wie die Kommune umhin können wird, sofort möglichst zu beschneiden, bis ein in neuen, freien Gesellschaftszuständen herangewachsenes Geschlecht imstande sein wird, den ganzen Staatsplunder von sich abzutun.

Der deutsche Philister ist neuerdings wieder in heilsamen Schrecken geraten bei dem Wort: Diktatur des Proletariats. Nun gut, ihr Herren, wollt ihr wissen, wie diese Diktatur aussieht? Seht euch die Pariser Kommune an. Das war die Diktatur des Proletariats.“ (K. Marx: Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: MEW Bd. 17)

„Andrerseits aber forderte es eine revolutionäre Umgestaltung Deutschlands, die nur durch die Gewalt, also nur durch eine tatsächliche Diktatur, durchführbar war. Und dabei hatte das Bürgertum von 1848 an Schlag auf Schlag, in jedem entscheidenden Moment, den Beweis geliefert, daß es auch nicht die Spur der nötigen Energie besaß, um, sei es das eine, sei es das andre, durchzusetzen – geschweige beides. Es gibt in der Politik nur zwei entscheidende Mächte: die organisierte Staatsgewalt, die Armee, und die unorganisierte, elementare Gewalt der Volksmassen. An die Massen zu appellieren, hatte das Bürgertum 1848 verlernt; es fürchtete sie noch mehr als den Absolutismus. Die Armee aber stand keineswegs zu seiner Verfügung. Wohl aber zur Verfügung Bismarcks.“ (Fr. Engels: Die Rolle der Gewalt in der Geschichte, in: MEW Bd. 21)

Eine insgesamt leider ärgerliche Marx-Auslassung von Zehnpfennig. Umso unerfreulicher auch, weil sie es hätte besser wissen müssen. Gleiches gilt für ihre Kritik an Marxens Arbeitswertlehre. Sie läßt sich nicht damit kritisieren, indem man dem Wert eines Diamanten kommt, der nicht durch Arbeit entsteht, um damit den Falschheit des Marxschen Wertbegriffs herauszustreichen – zumal wenn man dabei die basale Differenz von Gebrauchs- und Tauschwert unterschlägt. Als es noch, in den seligen Zeiten, als das Wünschen zwar auch nichts half, aber manchmal kluge Zwischenfragen im Plenum kamen, die Marxistische Gruppe an den Universitäten gab – eine zwar unangenehme und dogmatische, aber theoretisch doch hochfundierte Organisation –, hätte deren Frager aus der Referentin Kleinholz gemacht. Immerhin gab bei den Publikumsfragen einer der Frager zu bedenken, daß von Zehnpfennigs Ausführungen zu Marx etwa 80 Prozent falsch sei und führte dies in einigen Punkten auch aus. Man hätte gut und gerne auf 90 erhöhen können.

Etwas besser ging es dann am dritten Tag zu. Nicht nur, daß der Vortrag von Engels anregend war, weil darin Verfallstendenzen des römischen Imperiums mit denen der EU in eine spannend-destruktive Analogie gesetzt wurden: bei manchem Cicero- oder Polybios-Zitat oder beim Hinweis auf Sallusts Die Verschwörung des Catilina  dachte man, wie vom Vortragenden beabsichtigt, doch unwillkürlich an die Gegenwart, etwa wenn von Grenzüberdehnungen die Rede ist oder von der Vermittlung unterschiedlicher Kulturen ebenso wie bei der Frage der Machtanhäufung oder dem Programm von Brot und Spielen, mit dem die Bevölkerung ruhig gestellt werden sollte. Wenn es einmal ganz schlimm käme, so müssen wir eben die Menschen belügen, so zitierte Engels Jean Claude Juncker. Vertrauen in Demokratie schafft so etwas nicht.

Das Problem bei Analogien ist freilich, daß sie Analogien bleiben. Nicht mehr, nicht weniger. Der „Zauberstab der Analogien“, den Novalis in seinem Essay Die Christenheit oder Europa favorisierte, um mit ihm die Geschichte zum Klingen zu bringen, ist primär ein ästhetisches Phänomen, und sowieso ist dieser Novalis-Text nicht einfach als politisches Pamphlet zu lesen ist: „An die Geschichte verweise ich euch, forscht in ihrem belehrenden Zusammenhang, nach ähnlichen Zeitpunkten, und lernt den Zauberstab der Analogie gebrauchen.“

Aus solchen Geschichts-Analogien lassen sich interpretierend durchaus unterschiedliche Lesarten ableiten. Sie geben einen heuristischen Rahmen zum Betrachten und Analysieren – mehr nicht. Sie sind kein Orakel. Geschichte mag sich in Strukturen ähneln, doch sie wiederholt sich nicht und es läßt sich aus den Gegenwartszeichen nicht wie die römischen Auguren aus den Innereien der Tiere lesen, indem man rückbezüglich Parallelen sucht und dann drauflos interpretiert oder alarmisiert. Unterhaltsam und auf alle Fälle anregend, aber nur für die ästhetische Phantasie, die sich ihre Untergänge gerne als Ereignis der Kunst ausmalt. Thema für einen Roman, der die Geschichtszeichen in einer Geschichte ordnet – irgendwas zwischen Don DeLilo und Roberto Bolaño.

In solcher Analogiebildung lag dann auch die entscheidende Schwäche von Engels Vortrag. Realiter zudem von einer Spenglerschen Untergangsvision gespeist, die ich für geschichtsphilosophisch problematisch bis fragwürdig halte. Sie ist dialektisch unausgegoren. Ein Hegel zum herabgesetzten Preis. Und so zeigt sich wieder einmal, daß ideologische Voreinstellungen und Referenzrahmen, die ja durchaus – ähnlich der Analogie – ein Feld heuristisch und produktiv strukturieren können, in die Hose gehen, wenn sie dogmatisch als Strukturgerüst und damit als ideologisches Fundament gebraucht werden. Darin lag leider der Fehler von Engelsʼ Vortrag.

Ebenfalls schade, daß alle drei geladenen Gäste eher dem konservativen oder bürgerlich-liberalen Lager zuzuschlagen waren. Das brachte ein etwas zu einhelliges und damit leider auch eintöniges Gespräch bei der abschließenden Podiumsdiskussion. Es fehlte der linke Gegenpart – auch bei den drei Vortragenden. Abweichungen allenfalls in den Details, ob man die Entwicklungen und Probleme Europas eher pessimistisch sah, wie Engels, oder in der Gefahr eben doch auch ein Rettendes erwachsen kann, wie das teils zumindest Demandt und massiv Zehnpfennig vertrat. Immerhin wirkte Zehnpfennig hier nicht mehr, als hielte sie einen Vortrag für die Hayek-Stiftung. Als es auf die Begriffe von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit kam und die Unwucht zugunsten von Gleichheit moniert wurde, die unter Absehung vom Freiheitsbegriff immer mehr zur Forderung erhoben würde – man fragt sich als Zuhörer allerdings von wem eigentlich in der Politik und wo in relevanter Weise – gab Zehnpfennig zu bedenken, daß eine Freiheit, wo die Gerechtigkeit fehle, keine Freiheit sei. Da hatte sie an diesem Abend durchaus recht. Auch wenn sie das politische Dilemma der Zeit, daß es Freiheit nur in einer gerechten Gesellschaft geben kann, in der gleiche Chancen für alle herrschen, kaum zum Thema machte. Freiheit ist von der Kritik der politischen Ökonomie nicht zu trennen.

 

Paris – Mythen des Alltags

„Der Traum eröffnet nicht mehr eine blaue Ferne. Er ist grau geworden. Die graue Staubschicht auf den Dingen ist sein bestes Teil. Die Träume sind nun Richtweg ins Banale. Auf Nimmerwiedersehen kassiert die Technik das Außenbild der Dinge wie Banknoten, die ihre Gültigkeit verlieren sollen.“ (Benjamin, Traumkitsch)

Obwohl ich Rom lieber mochte als Paris, weil ich das Antike und Alte mit der Hand geradezu greifen und berühren konnte, während es in Paris dicht hinter Plexiglas verschlossen und in Vitrinen verborgen lag, und obwohl ich Lissabon immer noch für die schönste Stadt Europas halte, weil die Traurig-Schöne an einem großen Fluß ragt und schon den Geist des Meeres atmet, oder mit andren Worten: weil ich dort das Meer bemerke – unbedingt lesenswert übrigens von Alban Nikolai Herbst zum Meer sein Roman „Traumschiff“ – und als Hamburger liebt man nun einmal breite Flüsse und die Meere, war ich doch immer in Paris verschossen. Aber es ist eine andere Zuneigung als zu Rom oder zu Lissabon, eine andere Form der Schönheit. Was für eine Schönheit zeichnet Paris aus und was ist es, das so viele an einer Stadt wie Paris lieben? Sie ist laut. Sie ist hektisch. Sie ist voll von Menschen, die sich auf die Füße treten und durch die Stadt hetzen. Es gibt kaum Grün, allenfalls die vielen kleinen Parks sind eine Oase mitten im Lärm der Stadt. Wer mit dem Flugzeug anreist oder von Südwesten mit dem Auto von der Anhöhe auf die Stadt sieht, die in diesiger Ferne daliegt, blickt auf einen grauen Moloch aus Stein und auf Dächer aus Zink. Dennoch schlägt manchem das Herz höher und bis zum Hals, wenn es dann nach Paris hinein geht. Place d’Italie, Boulevard de Blanqui. Oder wenn der Flieger in Orly aufsetzt und französischen Boden berührt.

Aber was macht den Zauber einer Stadt aus, wie wird sie zum Mythos, wie schreibt sich eine Legende? Dieser Frage geht im Literaturmuseum Marbach die Ausstellung „Die Erfindung von Paris“ nach, Deutschlandradio Kultur brachte es in einem Bericht:

„In vier Räumen des Marbacher Literaturmuseums erzählen Anekdoten und Schwarz-Weiß-Fotografien Geschichten aus einer unvergleichlichen Stadt. Der Ausstellungsflyer gleicht einem stilisierten Stadtplan mit Theatern, Cafés und Sehenswürdigkeiten. Die Besucher werden zu Flaneuren und stoßen wie beiläufig auf die Spuren von 17 ausgewählten, deutschsprachigen Autorinnen und Autoren. Sie alle haben unsere Vorstellung von Paris geprägt.

‚Paris hat sehr viele Erfinder gehabt‘, sagt der Direktor des Deutschen Literaturarchivs, Ulrich Raulff:

‚Das waren französische Autoren, aber das haben im 20. Jahrhundert ganz wesentlich auch deutsche Autoren getan. Und die Franzosen haben das in Anführungsstrichen mit sich machen lassen, die haben das anerkannt. Also, die wissen, dass der Mythos von Paris ganz Wesentliches Rainer Maria Rilke und Walter Benjamin verdankt.‘“

Und diese Frage bleibt im Kopf hängen: Was macht den Reiz? Sie ist nicht einfach zu beantworten, genausowenig wie die Frage „Was ist deutsch?“ Es läßt sich nicht definieren, was deutsch oder was Paris ist, sie beantwortet und erschöpft sich nicht in der Aufzählung von Merkmalen. Um es ein wenig zu wittgensteinisieren oder auch mit Adorno anzugehen: Es handelt sich, wie bei dem Begriff des Spiels, um eine Praktik. Wir begreifen sie, indem wir Klavier spielen, indem wir zusammen mit Kindern spielen, Fußball spielen, Schach oder Skat. Bloß die Regeln von Skat, Räuber-und-Gendarm, Super-Mario oder Fußball zu kennen, zeigt noch nicht, was Spielen ist. Man muß dasein, dabeisein: eine Lebensform wird durch die lange Teilnahme verinnerlicht. Wer einmal durch die Straßen von Paris spaziert, ohne jedes Wissen von der Stadt, mag vielleicht etwas ahnen, aber diese Ahnung bleibt vage.

Paris ist das, was Walter Benjamin so treffend den Traumkitsch nannte. Es mischen sich beim Klang des Namens die Szenen, teils vom kollektiven Unterstrom besetzte Bilder – sei es das kulturindustriell gefertigt Motiv Moulin-Rouge-Mythos, Can-Can-schwingende Weibsbeine, das Viertel im Montmartre, Kackre Coeur wie meine damalige Frau zu sagen pflegte – sie mochte Paris und die arroganten Bewohner nicht. Ich erzählte ihr lieber nicht, daß im Jahre 2004 das Verhalten der Eingeborenen aus Lutetia sich im Vergleich zu den 80er Jahren erheblich besserte. Den Mythos bekräftigen ebenfalls solche wunderbaren Paris-Filme wie Hôtel du Nord, À Bout de Souffl, Midnight in Paris oder der kitschig-schöne Film Le Fabuleux Destin d’Amélie Poulain, tragen dazu bei. Wir sehen mit dem imaginären Auge immer noch die alten Citroens, Renaults und Peugeots in der Avenue Matignon, auf dem Boulevard Raspail, in der Rue Rodier, denn beim Klang von Paris haben wir ebenso die 30er, 40er und die 50er Jahre im Kopf und manche auch die Zeit, als die Deutschen an der Seine herrschten. Wir denken an die Chansons von Piaf oder Jacques Dutronc, an die bildenden Künstler, an Picasso oder die Surrealisten. An Wein, ans gutes Baguette mit Käse und Wurst, ans Centre Pompidou, an den Friedhof Père Lachaise, an die Bücher, die wir lasen und die uns, wie die Filme, in eine Atmosphäre eintauchten. Paris ist ein Effekt der Bilder.

Daß dieser Mythos bis heute wirkt, zeigen Bücher wie das von Sarah Bakewell: Das Café der Existenzialisten. Freiheit, Sein & Aprikosencocktails. Philosophie wird hier gleichsam konsumierbar gemacht und auf ein Lebensgefühl hinuntergeschrieben. Dennoch: Das Buch ist nicht schlecht, wenn man die Ebenen trennscharft sieht. Das eine sind die Texte von Sartre und Camus, das andere das, was wir lesend – und das heißt in äußerster Intensität studierend – mit ihnen machen und was wir auf einer gleichsam privaten Ebene aus ihnen machen, in welcher Weise wir diese Texte mit Assoziationen aufladen.

Seltsam freilich, daß selbst im völlig durchrationalisierten Paris des ausgehenden 20. und des 21. Jahrhunderts ein Wunschbild erhalten ist, von dem wir zehren. Sogar noch im eigentlich längst ab- und ausgelebten Saint-Germain-des-Prés, wo schon seit langer Zeit nichts mehr von dem ist, was früher einmal war und wovon Paris zehrt: die Cafés der Existenzialisten wie das Café Flore gibt es noch immer, und sie sehen so aus, wie sie früher aussahen. Aber die wilden Szenen, wo Boris Vian trompetete, wo Camus, Queneau, Sartre und Beauvoir mit Wein und Zigaretten an Tischen hockten, schrieben oder Hofstaat hielten  und der Existenzialismus Mode wurde, sind passé. Wer heute mit schwarzem Rollkragenpullover und Das Sein und das Nichts gut sichtbar unterm Arme eines dieser Cafés betrifft, macht sich eher verdächtig oder lächerlich als  daß er den Geist dieser Zeit erfaßte. Allenfalls als Happeningform, als kulturelles Anschmiegen im Sinne schauspielerischer Mimesis mag das durchgehen. Oder der Umswitch auf Lacan, Derrida und Foucault, die Surrealisten, die Photographien von Brassai oder von Doisneu, die ebenfalls zu einem bestimmten Bild beitrugen, das als eine Art Film immer noch im Kopf mitläuft. Ach, alte Zeit. Und doch ist alles das heute anders. Und doch ist alles wie ehedem. Es halten sich Mythos und Legende dieser faszinierenden Stadt am Leben, irgendwas ist da, schwebt da, webt da in den Gassen, trotzdem in Saint-Germain-des-Prés inzwischen lediglich teure Galerien, Antiquitätenhändler und Modegeschäfte eröffneten, kaum noch finden sich dort die kleine Cafés oder günstige Restaurants, wo man für wenig Geld mal mehr, mal weniger guten Wein trank – selbst der schlechteste Wein damals in den 1980er Jahren war immer noch besser als ein guter Wein aus der Hansestadt.

Allerdings – schön verborgen findet sich in Saint-Germain-des-Prés doch das Wohnhaus des Malers Eugène Delacroix. Man muß ein wenig suchen, bis man dahin gelangt. Ganz und gar traurig-gerührt war ich, als ich im Jahr 2004 sah, daß mein Restaurant in der Rue Bonaparte, wo ich Mitte bis Ende der 1980er Jahre oft aß, weil es günstig war und weil dort zudem viele Kunsthochschülerinnen speisten, denn das Restaurant lag vis-à-vis zur École des Beaux-Arts, bis wenige Tag vor meiner Ankunft noch geöffnet hatte. Ich wollte eigentlich an diesen Ort alter Zeiten gar nicht vorbeigehen, wenngleich die Rue Bonaparte doch unvermeidlich ist, wenn man vom Place Saint-Germain-des-Prés zur Pont des Artes oder zum Pont du Carrousel schlendert, dachte aber: Geh mal an Deinem alten Restaurant vorbei. Und da hing dann ein Zettel: Wie haben seit dem 11. August 2004 geschlossen. Einen Tag nach meiner Ankunft in Paris. Ich hätte es also zu einem Abschiedsmahl noch geschafft, wenn ich einen Tag früher gekommen wäre.

Seltsam aber, daß ich von diesem Restaurant nicht einmal mehr den Namen weiß. Ich habe es nicht einmal photographiert, wie ich sonst so vieles im Photo abbilde, weil dieser Ort mir so derart selbstverständlich war, daß ich gar nicht daran dachte, er könnte irgendwann einmal verschwunden und für immer fort sein. Paris, das ist auch ein Rausch von Namen, die Erinnerungen freisetzen. Allein die Namen der Metrostationen: Porte Dauphine, Oberkampf, Blanche, Monceau, Varenne, Ségur, Duroc, Vaneau, Sèvres-Babylone, Mabillon, Odéon, Place Monge, Port de Lila – es ist wie ein Lautgedicht und Stationsnamen, mit denen ich Geschichten verbinde. Peter Handke brachte das in ein lakonisch-feines Metro-Gedicht:

Métro Balard-Charenton

Bei Sonnenuntergang stieg ich ein
an Motte-Piquet-Grenelle
An Bonne Nouvelle hörte ich auf
das pariscope zu durchblättern
An der Station Filles du Calvaire
war der Flüssigkeitsautomat leer
An Daumesnil waren in einer Vitrine Schuhe ausgestellt
Vor der Porte Dorée sah ich noch Licht
durch einen Schacht kommen
In Charenton-Ecoles
– Mündung der Marne in die Seine –
war es schon Nacht
Im hellen Westen irgendwo
spielte Young Mr. Lincoln

Dazu freilich gesellt sich die Lektüre von Walter Benjamin, von Franz Hessel, von Henry Miller und Raymond Queneaus wunderbare Rotzgöre „Zazie in der Metro, die kongeniale Verfilmugn des Buches durch Louis Malle, sich in einen Truffaut-Film versetzen oder mit Godard Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca-Cola nachspielen. Es ist so eine Art Lebensgefühl, und genau das meint der Begriff von französischer Kultur – die es genauso gibt wie deutsche KulturDazu die französische Philosophie von Sartre, über Foucault bis Derrida, die für mich nicht nur ein intellektuelles, sondern zugleich auch ein ästhetisches Moment besaßen: alles das, samt dem Spazieren in den Straßen hier machen den Reiz der Stadt aus.  Man könne den Inhalt von Büchern auch durch Handauflegen erspüren, orakelte einmal Jacob Taubes.

In Paris freilich endeten auch manche deutsche Träume, und zwar nicht immer so, wie Heinrich Heine es zum Ende der deutschen Nachtgedanken dichtete:

Gottlob! durch meine Fenster bricht
Französisch heit’res Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

Für Paul Celan, Shoah-Überlebender, dessen gesamte Familie dank deutscher Gründlichkeit in Auschwitz zu Seife und zum Rauch wurde, war das nicht mehr möglich, ja, er erkannte in schrecklichen Phasen sein Weib nicht einmal mehr, weil Medikamente den Blick verstellten. Paul Celan sprang dort in Paris von der Pont Mirabeau in die Seine.

Lassen wir diese Seligkeit von Paris in dem schön-traurigen Gedicht von Guillaume Apollinaire aus dem Band mit dem vielsagenden Titel „Alcools“münden:

LE PONT MIRABEAU

Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine dahin
Unsre Liebe auch
Ist Erinnern Gewinn
Aus traurigem Sinn wird fröhlicher Sinn

Komm Dunkel Stunde eile
Die Tage gehen ich verweile

Aug in Aug laß uns bleiben und Hand in Hand
Ach unter der Brücke
Der Hände schwand
Die Welle von ewigen Blicken verbrannt

Komm Dunkel Stunde eile
Die Tage gehn ich verweile

Die Liebe vergeht wie der Strom der wogt
die Liebe vergeht –
Wie das Leben stockt
Wie heftig die Hoffnung uns hinreißt und lockt

Komm Dunkel Stunde eile
Die Tage gehn ich verweile

Die Tage gehn hin und die Wochen gehn hin
Vorbei ist die Liebe
Nun Zeit verinn
Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine dahin

Komm Dunkel Stunde eile
Die Tage gehn ich verweile

 

 

Imaginieren ist alles – Michael Angele „Frank Schirrmacher. Ein Portrait“

An den Ufern des Mains herrschte, um die Mitte der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts, ein Roßhändler, namens Frank Schirrmacher, Sohn eines Ministerialbeamten, einer der rechtschaffensten und zugleich entsetzlichsten Menschen seiner Zeit. – Dieser außerordentliche Mann würde, bis zu seinem Ende für das Muster eines guten Blattmachers haben gelten können. Sein Umgang mit Kollegen freilich ließ oft zu wünschen übrig, selbst als selbiges in seligen Zeitungszeiten noch geholfen hatte, und es waren diese Fehltritte oft zu bemängeln und zuweilen schäbig zu nennen. Zugleich aber trugen den Genius auf Adlers Schwingen oft Ideen, Launen und Einfälle mal kapriziös mal mit Furor empor in elysisches Gefilde. Keinen Gott und keine Obrigkeit fürchtete er. Eine zwieschlächtige Gestalt.

Nein, angenehm berührt bin ich nach der Lektüre von Michael Angeles Buch von diesem Typus Feuilletonist nicht, und ich kann mir nicht vorstellen, daß es in irgendeiner Form erquicklich sei, „unter Schirrmacher gedient zu haben“, wie es Don Alphonso schrieb. Aber jeder macht seine eigenen Erfahrungen. Das Bild über einen Menschen setzt sich am Ende aus den Facetten und Perspektiven zusammen, die der Chronist zusammenträgt. Ich bin zwar einerseits, nachdem ich die ersten 20 Seiten von Angeles Portrait las, ganz froh, kein Kulturjournalist zu sein, sondern als Kulturblogger arbeiten zu dürfen und gelegentlich für den Freitag zu schreiben, ansonsten aber nicht weiter involviert zu sein – ein Feuilletonchef, der vor der Tür eines mißliebigen Kollegen im Vorbeigehen immer wieder Kotzgeräusche macht, weckt kaum Sympathie. Aber die Neugier auf Klatsch und Tratsch überwog doch den moralisierenden Vorbehalt. Nicht nur Kulturblogger sind Voyeure, und süffisante Berichte aus dem Innenleben des Feuilleton-Betriebs zu erhaschen, macht Spaß, zumal wenn es wenig kostet, schon gar nicht die Nerven eines geopferten Lebens. Solange man eben auf dieser Wurstsuppe nicht mitschwimmen muß.

Imaginieren ist alles, denke ich mir, sich als Lauscher in der Feuilleton-Redaktion Frankfurt-Main mit dazugesellen – freilich ohne die Mühen der Ebene und ohne das arbeitsame Dabeisein, ohne den schirrmacherschen Anranzer. Da lausche und lese ich neugierig, wie schon bei Fritz J. Raddatzʼ brillant-witzigen Tagebüchern oder seiner Autobiographie, vielleicht nicht gar so garstig wie Truman Capote, was die böse Anekdote und den süffisanten Klatsch betrifft, aber doch ein brennender, inspirierender Geist. Raddatz reizt und hat diesen Esprit, den ich bei Schirrmacher vermisse. Raddatz besaß jenen Stil des Großbürgers – von der Kleidung und vom Habitus angefangen: die Art, wie er Zigaretten hielt –, den ich bei Schirrmacher nicht wahrnehme. Wollte man sich beide als Autohändler vorstellen, so verkaufte Schirrmacher Opel Rekord B und Raddatz die Sportwagen von Alfa Romeo. Beide spielten Rollen, waren Schauspieler von bestimmten Charakteren, aber Raddatz füllte sie bei weitem besser aus, während Schirrmacher ein Mann aus dem Volk blieb, wenn ich Michael Angeles Portrait folge. Will man Feuilletonchefs aus dem Volk? Nein. Auch ein Grund für die Krise des Feuilletons. Der Großbürger, der Dandy sind verschwunden, es bleibt das Mittelmaß.

Schirrmacher ist solches Mittelmaß, soviel steht für mich nach der Lektüre von Michael Angeles Portrait fest, und er ist dennoch eine faszinierende Person, überbordend, voll sprühender Intelligenz quecksilbrig, zwanghaft, ein Kontrollfreak, ein Hochstapler, ein Narziß mit Goldmund, ein Mann mit Phantasie, ein Rauschmensch, wie Angele schreibt. Vielleicht macht gerade diese Spannung zwischen dem Normalen, also dem, was wir als Mittelmäßiges wahrnehmen, und der überschäumenden ADHSler-Tatkraft den Reiz an diesem Menschen aus. Schirrmacher war kein outrierter Modedandy, seine Wirkung in der Erscheinung beruhte auf etwas anderem: Dem Wort, seiner Art, andere zu begeistern und für sich einzunehmen. Das breite Spektrum der Person Schirrmacher fängt Angeles Portrait gut ein, liefert viele Geschichten, Anekdoten, aus dem Nähkästchen geplaudert – was man halt gerne hört. Ja, Schirrmacher war ein umtriebiger Geist, er gestaltete das Feuilleton unterhaltsam, was nicht jeder gleichermaßen goutierte. Er bugsierte das Feuilleton in neue Gewässer: die der Gesellschaftskritik, des politischen Feuilletons, und er entdeckte vor allem das Internet als neues Kommunikationsmedium, holte Blogger wie Don Alphonso ins FAZ-Boot.

Wenn Angele in seinem Buch mit der Figur des Karlson vom Dach beginnt – ein Spitzname, auf den Schirrmacher von irgendwem, vermutlich von Dirk Kurbjuweit, so Angele, getauft wurde –, dann legt das freilich eine Blickrichtung nahe, auf die hin wir Schirrmacher lesen (sollen). Diese Pointe als Auftakt ist zwar einerseits trefflich gesetzt und läßt schmunzeln, lenkt aber auch in die falsche Richtung und schafft gleich für den Anfang eine bestimmte Farbe, in die die Figur Schirrmacher getaucht wird und unter der wir ihn lesen sollen. Das fixiert ein Bild und wird dem Schillernden der Figur Schirrmacher nur bedingt gerecht. Kindkaiser, Caligula, „das gebildetste Kind, das jemals ein Feuilleton leitete“. Alles das nicht wirklich schmeichelhaft. Aber vielleicht kann man diesen Karlson-Zug bei Schirrmacher einfach Eigensinn nennen: den des Egoisten, des Phantasievollen, des Mittelmäßigen, der es vermochte, sich biographisch diesem Maß zu entwinden. Dieser Zug gerade, dieses Changieren zwischen Kind und Erwachsenem macht die Figur Schirrmachers spannend, so meine Lesart von Angeles Portrait. Sein Charakter pendelte irgendwo zwischen „destruktivem Narzissmus und Kreativität“.  Schwierig festzumachen, was genau er war:

„Wer bei Schirrmacher nach einem Stilprinzip sucht, findet es ex negativo in der Furcht vor dem Unbedeutenden.“

Und dazu gehört bei Schirrmacher auch die Angst, selber wieder zu den Unbedeutenden zu gehören. Sozialer Aufstieg ist mühsam, Abstieg leicht. In diesem Sinne brannte Schirrmacher – eine Kerze, die man an beiden Enden anzündet, um noch einmal einen Vergleich mit Fritz J. Raddatz und seiner Selbstbeschreibung zu bemühen. Dazu gehörten Ideen:

„Am 27. Juni 2000 erschien die legendäre Ausgabe der FAZ zur Entschlüsselung des Genoms. Schirrmacher ließ ein Feuilleton drucken, das über sechs Seiten hinweg fast nur aus Sequenzen mit den Buchstaben A, T, G und C bestand. Es war Schirrmachers größter Coup als Blattmacher. Er, der sich für Kunst nicht sonderlich interessierte, hatte die ästhetische Kategorie des Erhabenen aufs Blattmachen angewandt.“

Schirrmacher war den Themen der Zeit auf der Spur: Internet, Überalterung der Gesellschaft. Ego-Kultur. Gewissermaßen zeigt sich hier die Genialität solchen Mittelmaßes: Alle wissen es bereits und haben das Thema vage im Kopf, kollektiver Unterstrom, ein Gefühl. Aber keiner sagt’s und wagt’s. Und wie es mit der Wahrheit so ist: es bedarf eines klugen Kopfes, der sie ausspricht. Das Trüffelschwein eben. Themen wollen nicht neu erfunden, sondern entdeckt werden. Der begabte Journalist zeichnet sich aus, weil er im Vorfeld merkt, was anliegt und das dann ins Feuilleton bringt.

„Das ist Feuilleton. Wo Langeweile eine Todsünde ist, wird die Neugierde zur Kardinaltugend – auch wenn sie von der Klatschsucht manchmal kaum zu unterscheiden ist,  aber wer möchte das ernsthaft beklagen?“

Nun also, nachdem er vier Jahre tot ist, schreibt Michael Angele, stellvertretender Chefredakteur beim Freitag, über Frank Schirrmacher. Keine Biographie, sondern, wie es im Untertitel heißt, ein Portrait, was bedeutet, daß ins Buch Subjektives einfließen kann, daß nicht jede Regung von der Geburt bis zum Abschied detailliert aufgeschlüsselt werden muß. Das Portrait ist ein Text für die Schnelle, kann eine Skizze sein, ohne sich in der Feinarbeit verlieren zu müssen – was kein Makel ist. Wir erfahren bei Angele in flinken Strichen und pointiert manches über Schirrmachers Umtriebe – Anekdoten spare ich mir, dazu sollte man das Buch lesen –, seine Ränkespiele, viel über den Zeitungsbetrieb, die Verfilzungen im Medienbetrieb. Ja, Journalisten sind ein eigenes Völkchen und leider sind viele Journalisten meilenweit von denen entfernt, für die sie schreiben. Wir lesen über Schirrmachers Umgang mit Menschen, seinen Instinkt, sein Gespür für Macht, wen man zur rechten Zeit umwirbt und ihn zur rechten Zeit wieder fallen läßt.

Aber weshalb sollten wir ein solches Portrait lesen, warum sollte sich ein Leser dieses Buch kaufen, wenn er nicht selbst aus dem Milieu der Kulturschreiber stammt? So fragte auch eine Freundin und winkte bloß ab, als ich mit weitschweifigen Erklärungen anhob. Ein Buch von Journalisten für Journalisten, mithin das Übliche des Betriebs, der sich selbst bedient, der um sich kreist und seine eigene Bedeutung selbstreferentiell kreiert, entgegnete sie lakonisch. Ein Verein, der über sich schreibt, sich selbst zum Thema macht. Womit jene Freundin recht hat. Luhmannsche Autopoiesis des Medienbetriebs und zudem viel Klatsch und Tratsch – in diesem Sinne weckt Angele den Voyeur. Und mancher Redakteur wird vermutlich wie bei den Raddatz-Tagebüchern schauen, ob er mit Namen im Register auftaucht. Und für Frauen sei es mit dazu gesagt: It’s a man’s world. Geschichtlich also schon mal interessant, wie dieser Feuilletonbetrieb lange Zeit tickte. Als Männerdomäne.

Das Buch ist nichts für die, die Zeitungen einfach nur lesen, aber nichts über die Interna wissen wollen. Neugierige jedoch und Zeitungsfreaks kommen auf ihre Kosten, Betriebsvoyeure ebenso. Schirrmacher-Fans jedoch werden enttäuscht sein, denn Angele schreibt keine Hagiographie – allerdings auch keine Vernichtung. Das Buch ist auf angenehme Weise ausgewogen. Angele kennt Schirrmacher kaum, ist ihm höchstens zweimal begegnet, gehört also nicht zum inneren Kreis junger Männerbünde, hat keine Rechnung offen, muß nichts zurückzahlen oder nachträglich loben. Das Buch ist flott geschrieben, wie es sich für Journalisten gehört, keine Schnörkel gesetzt, keine Umstandskleidprosa. Das ist zwar für sich noch kein Qualitätskriterium, aber für unbedarfte Leser nicht ganz unwichtig.

Denn immer noch treibt den Rezensenten hier die Frage um, weshalb man das Buch lesen sollte. Aber frei nach dem Billy Wilder-Satz „Du sollst nicht langweilen“ sind guter Stil und eine spannende Story über einen interessanten Mann wesentliche Aspekte, weshalb man zu diesem Buch greifen könnte. Es ist kurzweilig oder um es im Amazon-Sound zu schreiben: Leser die Felix Krull mochten, würden auch Angeles „Schirrmacher“ kaufen. Vor allem aber wegen solcher Passagen und Beobachtungen aus dem Medienbetrieb lohnt die Lektüre, etwa im Hinblick auf die sechs Seiten der Genom-Sequenz im FAZ-Feuilleton vom 27. Juni 2000:

„Den Versuch, das Undarstellbare sinnlich erfahrbar zu machen, das ist, was man die Ästhetik des Erhabenen nennt. Schirrmacher hat versucht, die Ästhetik des Erhabenen auf Zeitungsformat zu bringen. Er, der immer Grenzen sprengen wollte, hat das Feuilleton an seine Grenze gebracht. Es war ein letzter Höhepunkt, bevor es vom digitalen Wandel erfasst wurde.“

Dieser Wandel im Zeitungsmachen und die Krise des Journalismus durchs Digitale sind unterschwellig ebenfalls Buchthemen.

Daß es sich, wie Andrian Kreye in der SZ schrieb, um ein „durch und durch boshaftes Buch“ handele, ist schlichter Blödsinn. Angele schont nicht, das ist richtig, aber er bleibt dabei in sachlichem Fahrwasser. Und mal ehrlich: Ein wenig Voyeure sind wir alle und wollen keine kreuzbraven Geschichtchen für Pastorentöchter hören. Die Tagebücher von Raddatz lasen wir nicht, weil es darin sittsam zuging und Raddatz für alle Kollegen lobende Worte fand, sondern weil er schrill lästerte. Kreyes Vorwurf, daß Angele sich im letzten Kapitel in die Grauzone des Boulevardjournalismus begebe, weil er dort seinen Besuch bei Schirrmachers Mutter schilderte, ist lächerlich. Was sonst sollte ein Journalist, der ein Portrait schreibt, wohl machen als Freunde und Angehörige zu befragen? Kartensatz legen und Glaskugel sind für Journalisten nicht die geeigneten Verfahren, eher die detailierte Recherche. Dies sollte man auch bei der SZ wissen. Angele befragte zahlreiche Kollegen und Bekannte. Interessant freilich, daß viele der Befragten anonym bleiben wollten.

Warum also lesen? Um es in dieser Hinsicht kurz zu machen: Es ist ein Buch für alle, die sich für Medieninterna und für die Mechanismen von Macht interessieren, um dabei hinter die Kulissen lugen zu dürfen. Böse Zungen könnten behaupten, daß sich hinter Angeles Neutralität eine besonders subtile Form von Hintersinn verbirgt. Unter der Maske des Reporters, der vermeintlich ausgewogen Freunde, Gefährten und Rivalen befragt, schaufelt man häppchenweise die delikaten Dinge hervor. Daß Angele sozusagen ein im Gewand des Redlichen auftretender Capote ist. Egal wie: Er hat das gut getroffen und wie es bei einem Portrait so ist, werden unterschiedliche Menschen unterschiedliche Blickwinkel von einem Menschen liefern. Angele liefert einen feinen Reigen von Eindrücken.

Wenn ich darin freilich manche der Schilderungen über Journalisten lese, vom devoten Verhalten bis hin zu Untertanengeist, gegen den Diederich Heßling fast ein Revoluzzer war, graust es einem wiederum: wenn der Rotarsch-Pavian aufkreuzt, wird gekuscht. Handelt es sich hier um dieselben Journalisten, die ansonsten immer für eine moralisierende Belehrung gegenüber anderen gut sind? Auch auf solche Widersprüchlichkeiten des Betriebs weist Angeles Buch. Andererseits gab es ebenso eine Rebellion des Schirrmacher-Feuilleton-Teams wegen des verdorbenen Betriebsklimas, wo Mißtrauen und Furcht herrschten. Bedingungen, unter denen Kreativität, Ideen und Schreiben kaum wachsen und gedeihen.

Der Leser erhascht also einen Blick hintern den Vorhang – ins Arkanum FAZ-Feuilleton. Es ist aus einem durchaus subjektiven Blickwinkel geschrieben, auch wenn Angele viele Perspektiven und Stimmen zu Wort kommen läßt. Da es sich allerdings um eine Epoche handelt, die es in der heutigen Ära nicht mehr in dieser Form gibt, lesen wir zugleich ein schönes Stück (Zeitungs-)Geschichte über jene Zeit, als Männer noch Macht besaßen. Tempi passati, und das ist vielleicht auch ganz gut so.

Michael Angele: Schirrmacher. Ein Portrait. Aufbau Verlag 2018, 222 Seiten, EUR 20,00

 

Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ im TV

Heute Abend gibt es die Verfilmung von Michel Houellebecqs Unterwerfung. Dazu schrieb Necla Kelek einen kleinen Essay im „Perlentaucher, daraus ich insbesondere die letzten Sätze hervorheben möchte, weil sie einige Wahrheit haben. Besonders, was die Verkitschung durch Kunst betrifft.

„Houellebecq führt in seinem Roman in Frankreich spielerisch einen Islam ein, wie er in 55 islamischen Staaten Realität ist. Eine islamische Diktatur, in der Frauen genau diese Rolle spielen, wie sie im Roman dargestellt wird, und nicht die, die sich angeblich nur im Hirn eines verlorenen weißen Literaturprofessors abspielt. Die Frauen sind in vielen dieser Länder sogar rechtlich die Sklavin des Mannes. In fast allen dieser Länder werden Mädchen früh verheiratet und können nur verschleiert die Männerdomäne, uns bekannt als  Öffentlichkeit, betreten. Diese real-existierende Welt in der über eine Milliarde Menschen leben, viele bereits auch in Europa, auf eine Fantasie eines kaputten Mannes zu reduzieren, ist dekadent. Oder ist es bereits die Angst vor dem Islam? Die Macher haben sich entweder nicht getraut, das Buch so zu inszenieren, wie der Autor es gemeint hat, als erschreckende Vision. Oder es erschien ihnen wohl als zu gefährlich.“

(…)

Die Themen, die der Islam in unserer Gesellschaft aufwirft, finden eh kaum Zugang auf den Bühnen dieses Landes. 2006 wurde eine „Idomeneo“-Inszenierung vom Spielplan der Deutschen Oper Berlin abgesetzt, weil man befürchtete, dass die Szene in der Jesus, Buddha und Mohammed der Kopf abgeschlagen wird, muslimische Gewalttäter provozieren könnte. Lessings „Nathan der Weise“, als einziges klassisches Repertoire-Stück zum Thema Religion, wird meist als Toleranz-Kitsch und nicht als Auseinandersetzung mit der Glaubens-Orthodoxie inszeniert. Voltaires „Mahomet“ ist unaufführbar. Soweit, so einseitig.

Und wenn man sich im Theater mit Fragen wie Islam oder Integration auseinandersetzt, überlässt man das  – wie in der Politik die Integration den Migrantenverbänden und Moscheevereinen –  dem Migrantenstadel. Als solcher hat sich das mithilfe einer Raubtiernummer zum „Theater des Jahres“ hochgejazzte Gorki-Theater in Berlin-Mitte  etabliert. Im Ton moralischer Korrektheit und Hypermoralität – weit entfernt vom Theater als Ort der Reflexion – inszenieren sich dort seit ein paar Jahren Migrantendarsteller als Opfer der bösen Deutschen. Wenn sie wenigstens die orientalischen Traditionen des Geschichtenerzählens beherrschten, wäre man ja schon dankbar. Statt dessen inszenieren sie „Schenkelklopfen für Kumpelclubs“ (Berliner Zeitung). Die Bühne als Ort der Realitätsverweigerung oder wie bei Edgar Selge des Verrats durch Nicht-Identifikation mit dem Thema führt zur Entpolitisierung von Politik.

Das Theater als Spiegel – ein Ort der Unterwerfung.“

Der komplette Text ist auf der Online-Plattform „Perlentaucher“ nachzulesen. Vermutlich wird diese Verfilmung mit dem ansonsten als Schauspieler sehr geschätzten Edgar Selge kontrovers diskutiert werden. Kann man Literatur überhaupt adäquat verfilmen? Schwierig, denn Film und Fernsehen sind völlig andere Medien. Eine Übersetzung im Modus eins-zu-eins ist naturgemäß nicht möglich. Der Film arbeitet mit anderen ästhetischen Mitteln als die Literatur. Fernsehen insbesondere muß Konzessionen an den allgemeinen Geschmack machen. Obwohl das in dieser Form nicht stimmt, Fernsehen muß nicht, macht es aber. Genauso wäre eine TV-Version denkbar, die jene düstere Dystopie zeichnet, die auch Houellebecq vorschwebte, der mit seinem Roman das Ohr am Puls der Zeit hatte.

Ich vermute – zumindest nach diesem Artikel -, man hätte besser eine Übertragung des Theaterstücks aus dem „Deutschen Schauspielhaus“ zu Hamburg gezeigt, da dieses Stück, folge ich den Kritiken, die Problematik des Romans anschaulich machte und mit den Mitteln des Theaters zudem eine drastische Reduktion möglich ist  – in der Tendenz zumindest, wenn es nicht gerade das Gorki Theater ist. Man wird heute Abend sehen. Die FAZ zumindest lobte in ihrer Besprechung den Film als Spiel mit den Ebenen zwischen Fiktion und Wirklichkeit.

An dem Tag übrigens, als in Frankreich Houellebecqs Unterwerfung erschien, stürmten islamistische Terroristen die Redaktion von Charlie Hebdo und ermordeten zwölf Menschen.

 

 

Es war viel Weibsvolk anwesend – die AfD-Demo und ihre Gegenkundgebung

Ein Fahnenmeer vorm Hauptbahnhof und Hitzewellen in stickiger S-Bahn. Bereitschaftspolizei in Kampfmontur, darin es wie im Glutoffen sich anfühlen mußte. Sprechchöre dann draußen an den Absperrungen: „Ganz Berlin haßt die AfD!“. Wo anfangen? Ein heißer Tag in Berlin, an einem Sonntag im Mai. Ein Großkampftag für alle, eine Demo der AfD, eine Großdemo gegen die AfD, die vom Hauptbahnhof bis zum Platz des 18. März zog und sogar auf dem Spree-Rinnsal schipperten kleine Boote, Nußschalen und Kähne. Die Polizei konnte mit massiver Präsenz das Demonstrationsrecht durchsetzen, das genauso für die AfD gilt – auch wenn viele, die von Pluralität reden, es hier mit der Vielfalt nicht so genau nehmen und gerne die Demoroute der AfD blockiert hätten. Das Demonstrationsrecht gilt aber auch für die Feinde der Vielfalt, selbst für Islam-Nazis am 9. Juni zum Al Quds-Tag. Ebenso wie es Leuten freigestellt ist, in entsprechender Entfernung eine Gegenkundgebung abzuhalten. Mehrere davon gab es. Protestler säumten die Strecke auf der anderen Seite der Spree gegenüber dem AfD-Zug und auch vorm Hauptbahnhof standen die meist jungen Leute in der Hitze, riefen Sprüche und hielten ihre Transparente in luftige Höhe, so daß es die AfDler gegenüber sehen und vor allem hören konnten. Beim Paul-Löbe-Haus entdeckte ich Christian Ströbele am Stock und trotz Gebrechen war er dabei. Tanzen und raven auf der „AfD wegbassen“-Demo wird er wohl nicht mehr, dachte ich, aber unermüdlich ist dieser Mann.

Mindestens 10 Gegenkundgebungen, was organisatorisch ein Problem bedeutet. Für mich. Denn egal wie ich es bei solch einem Großevent anstelle: ich bekomme nicht alles in den Blick, zudem gesundheitlich angeschlagen, die Sonnenglut tut ein übriges. Rennen, ein mögliches sich retten, Schnappschuß-Jagd war nicht möglich. Eher ruhiges Flanieren, schauen, sichten. Der kranke Körper rebelliert. Flaue Photoausbeute am Ende. Das kommt, wenn der Photograph nicht gestimmt ist. Zur AfD hin war bereits alles abgesperrt und auch auf gutes Zureden ließ mich der Polizist nicht passieren. Schade, denn ich hätte gerne gesehen, was dort vor sich geht und hätte gerne Gauland gehört, den ich nicht uninteressant finde. Die Dummheiten der Linken kenne ich, nun wollte ich einmal auch die der Rechten in Erfahrung bringen, und es funktionierte nicht. Kein Durchkommen. Zu spät gekommen. „Wären Sie früher dagewesen, wäre es ok.“ Ich mag die Antworten von jungen Polizistinnen und wenn die charmant lächeln. Ich lächelte zurück und zog weiter.

So eilte ich zunächst zum Großen Stern, wo verschiedene Clubbetreiber eine Kundgebung starteten: AdD wegbassen. Eine Art Liebesparade gegen die AfD. Und so geschah es: wummernde Beats und Bässe. Partyvolk, das tanzte, verschwitze Körper, die im Takt der Musik schwangen oder freundlich schunkelten. Viele junge Menschen, junge Männer, junge Frauen, junge Nicht-Mann-nicht-Frau-Halbwesen, junge als Mann gelesene Frauen – oh, ich merke, ich wollte nicht spotten. Nette Menschen waren es. Viel trivial und trallala. Ich schaute mich um, schaute auf junge Pobacken, die aus Shorts hervortraten. Anblick und Wohlgefallen. Als dann der Sprecher auf dem Hauptwagen seine Demo-Durchsage damit beendete, daß hier gerade ein weißer cis-Mann gesprochen habe und also die herrschende Macht dieser Gesellschaft und von ab jetzt nur noch Frauen, andersfarbige, queer-, trans- und intersexuelle Menschen ans Mikro dürften, machte ich mich ob solchen Gesinnungsquatschs und Quotenpolitik vom Acker und versuchte an die Orte der Konfrontation zu gelangen. Vielleich werden sie irgendwann auch den Spielfiguren von Playmobil ein Rederecht erteilen. Ach, wenn wenigstens Alf gesprochen hätte – ich hätte lachen können. Das aber geschah nicht. Man kann heute nicht mehr links sein ohne gutes Gewissen.

Viel war nicht zu holen – photomäßig. Alles gut abgesichert. Müde Knochen in mir. Ins Gebüsch in den Tiergarten hinein, und dort standen die Menschen vor den Absperrungen hin zum Platz des 18. März, es riefen die Menschen ihre Parolen, hielten Plakate, brachten ihre Slogans. Manche mit Witz, andere mit dem Haß, den sie bei der AfD beklagten. Junge Männer in schwarzen North Face-Jacken, Kapuzen, Sonnenbrillen, Rücksäcke, aus denen plötzlich Feuerwerk geholt wurde, im Gebüsch des Tiergartens vorm abgesperrten Platz, und einer warf einen dieser Böller durch die Lücke zwischen den Sträuchern auf die Polizeiketten. Sinnfrei, ohne Grund, ohne daß irgendwer provoziert hätte. Allein aus Lust an der Gewalt und niemand aus der Gruppe derer, die vorgeblich gegen den Haß waren, protestierte oder hielt den jungen Mann zurück: „So nicht, mein Junge! Wir wollen keinen Haß schüren“. Im Gegenteil. Als ich mich ereiferte, wurde ich böse angeschaut. Ich konnte diese Szenen nicht im Bild festhalten, weil es zu schnell ging und ich nicht nahe genug dran war im Getümmel. Ich hätte sie gerne abgelichtet und war zum ersten Mal derart wütend, daß ich am liebsten diese nichtvorhanden Dokumente an die BFE geliefert hätte. Einzig eine mittelalte Frau protestierte vehement und lautstark, sie wurde aber sogleich angegangen, und eine junge Frau, die mit zu der Gruppe der Gewalttäter gehörte, wollte an ihr zerren. Aber da ging dann doch einer von den Begleitern dazwischen. Immerhin. Aber das Partyvolk hatte Spaß am Tanzen. Und auf den Straßen ging es beschwingt zu. Ein seltsamer politischer Protesttag.

Die Antifa im übrigen (oder ein Teil derselben)  tat im Vorfeld genau das, was die AfD von ihr erwartete:

„Vor AfD-Aufmarsch die „Bibliothek des Konservatismus“ eingefärbt“,

„AfDler im Wedding markiert. Letzte Nacht wurden im Berliner Stadtteil Wedding Wohnung und Arztpraxis zweier AfDler farblich markiert.“

„Glasbruch bei Wild“

„Friedrichshainer AfDler besucht“

So heißt es in dem linksextremistischen Portal Indymedia. Gut dokumentierte Straftaten sozusagen. Der Hinweis, Opfer linker Übergriffe zu sein funktioniert also. Und das rückt dann leider auch die Opfer rechter Übergriffe in den Schatten, weil hier das üblich-üble Spiel der Aufrechnungen einstetzt.  Rechts- und Linksextremisten berühren sich an den Rändern. Und „farbliche Markierungen“ bei Andersdenkenden erinnern mich nicht an Widerstand, sondern lediglich an ungute Zeiten. Umso erfreulicher aber, daß die Gegenkundgebungen ansonsten weitgehend friedlich verliefen.

Realitätsgewitter – Jeff Walls „Overpass“

Wir sehen Menschen auf einer Reise oder auf einer Flucht, auf alle Fälle mit einigem Gepäck und in Bewegung – von einem Ort zu einem anderen. Ihre Kleidung wirkt wenig elegant und wie Touristen sehen diese Menschen nicht aus, zumindest nicht in dieser Gegend. Die Gegend, in der sie sich bewegen, könnte in Marc Augés Buch Nicht-Orte vorkommen:

„So wie ein Ort durch Identität, Relation und Geschichte gekennzeichnet ist, so definiert ein Raum, der keine Identität besitzt und sich weder als relational noch als historisch bezeichnen lässt, einen Nicht-Ort.“ (Marc Augé, Nicht-Orte)

Eigentlich eine unspektakuläre Photographie, in der Komposition genau aufgeteilt: eine Diagonale durchzieht das Photo, sowohl von dem Schatten des Kabels wie auch von der Bewegung der anonymen Menschen, wir sehen nur, daß es eher dunkle Tpyen sind, ein spannungsreicher Lichteffekt bestimmt das Bild durchs kalte Blau, einfallendes Licht im Rücken der Kamera, ein dramatischer, aber nicht überdramatisierter Himmel. Blau, wolkig, kühl. Von der Ortschaft her schwierig zu lokalisieren, vermutlich in einem Gewerbegebiet, irgendwo in der Welt, lediglich Architekturspezialisten oder Menschen, die viel reisen, könnten die Gegend lokalisieren, ein Ort, wie es ihn überall auf der Welt gibt, langweilig, bedeutungslos, ohne Schönheit, Reize nur im Verborgenen, wer ausgewählt öde Orte schätzt oder die Spannung eines Nicht-Ortes, einer Anti-Landschaft mag, könnte sich wohlfühlen, einzig die Laternen geben Hinweise, und im Hintergrund parkt oder fährt ein LKW – die Fixierung des Bildes läßt keinen Rückschluß zu. Den Lastwagen kann man vom Typ her als amerikanischen Truck klassifizieren, so daß die Szene vermutlich in den USA oder in Kanada abgelichtet wurde. Jeff Wall zumindest ist Kanadier.

Und man muß für diese Photographie dazu wissen: Jeff Wall inszeniert seine Photographien in der Regel. Es sind keine Schnappschüsse, keine Streetphotographie im herkömmlichen Sinne, wo eine zufällige Szene just im richtigen Moment eingefangen und für die Ewigkeit gebannt wurde. Wie Robert Doisneaus Kuß vor dem Rathaus. Nur daß dieses Photo eben von zwei Schauspielschülern nachgestellt wurde, wie später herauskam, als jemand sich auf dem Bild wiederzuerkennen glaubte oder einfach mit der Ähnlichkeit Geld machen wollte und Rechte am Bild anmeldete. Da flog der Schwindel auf. Anders als Alfred Eisenstaedts Kuß auf dem Times Square, der mitten ins Leben hinein seine Kamera richtete und den Augenblick festhielt oder André Kertészʼ oder Brassaïs Kuß-Photos, in Budapest oder in den wilden Nächten von Paris in den 30ern. Wobei auch Brassaï seine Bilder teils inszenierte.

Insofern ist die Kunst des gestellten Schnappschusses ein relativ altes Verfahren und ein ästhetisch legitimes Mittel. Denn anders als die Malerei kann die Photographie nicht das abbilden, was sich in den Phantasien eines Photographen zuträgt. Der Photograph muß es nachstellen, inszenieren, bauen – wie auch immer er es anstellt. Eine unnatürliche Natürlichkeit also, vermittelte Unmittelbarkeit. Ein Prozeß zudem, der zur Reflexion auf die Modalitäten von Wahrnehmung wie von „Realität“ anregt. In diesem Sinne ist die Photographie ein erkenntniskritisches Medium. Anders als der Film, von dem wir in der Regel, qua Genre, wenn es ein Spielfilm ist, wissen, daß er Illusion liefert, selbst da, wo im Vorspann steht: Nach einer wahren Begebenheit. Das Erzählmodell funktioniert hier anders als beim Photo. (An dieser Stelle müßte  man mit dem Essay des  Cahiers du cinéma-Kritiker André Bazins Ontologie des photographischen Bildes aus dem Band Was ist Film gegenlesen):

„denn die Photographie erschafft nicht, wie die Kunst, Ewigkeit, sondern sie balsamiert die Zeit ein, entzieht sie bloß ihrem Verfall.“

„Die ästhetische Wirkungsmöglichkeit der Photographie liegt in der Enthüllung des Wirklichen. Der Reflex  auf dem nassen Troittoir, die Geste des Kindes – ich hätte sie im Gewebe der Welt um mich herum nicht zu entdecken vermocht; nur die Leidenschaftslosigkeit des Objektivs, das den Gegenstand von den Gewohnheiten, Vorurteilen, dem ganzen spirituellen Dunst befreit, in den ihn meine Wahrnehmung einhüllt, ließ ihn wieder jungfräulich werden, so daß ich ihm meine Aufmerksamkeit und Liebe schenke.“ (André Bazin, Ontologie des photographischen Bildes

Die Photographie macht sichtbar, zeigt die Welt unter dem kalten Blick des Apparates – was auch Adornos Vorbehalte gegen die Photographe als Kunstform bestimmt haben mag, wir denken dabei auch an das seltsame Selbstportrait Adornos vor dem Spiegel. Und die Natur ahmt auf der Photographie, dem „natürlichen Bild einer Welt“ den Künstler nach, so Bazin. Aber wie sieht es bei einer ganz anderen Sorte von Photographien aus?

Bei Jeff Walls Bild Overpass, (was man vom Titel schon mehrdeutig lesen kann, und es steckt als Assoziation auch das Wort Passport darin), wenn wir es uns unbedarft besehen, glauben wir zunächst an die Echtheit der Photographie. Weil Photos uns zeigen und indirekt eben auch sagen wollen: So ist es! Aber man lese, um sich von diesem Trug des Wahrhaftigen zu befreien, nur die Photo-Essay von Susan Sontag. (Ihr Buch Über Fotografie müßte eigentlich Gegen Fotografie heißen, derart vehement kritisiert sie dieses Medium.) Andererseits, sofern wir uns mit Jeff Walls Bildern länger beschäftigten, wissen wir es nicht mehr genau: Ist das echt? Was ist echt? Sind Photographien wirklich Dokumente oder nicht vielmehr auch Narrationsmedien, sofern in einem Bild so etwas wie eine Geschichte schimmert? (Selbst bei einem Stilleben oder einer statischen Szene kann das der Fall sein, man denke an Lee Miller, wie sie in Hitlers Badewanne in München posiert. An diese Szene kann man eine komplette Geschichte anbinden – allein die im Raum deponierten Objekte, die (Venus)Statue, das Hitlerportrait, das der selige Führer ganz sicher nicht selbst sich an seine Badewanne stellte, Millers Stiefel der US-Armee. Oder Robert Mapplethorpes Blumenbilder: Sie setzen vermutlich nicht nur florale Phantasien frei.)

Wir glauben etwas, nehmen an, daß es irgendwie real oder wirklich ist, was wir ins Bild hineinlesen. In der Regel halten wir die Szenen auf Photos für echt. Bei Jeff Wall aber wird es zunehmend rätselhaft, je länger wir ein Bild von ihm betrachten und je mehr seiner Photos wir uns hervorholen. Manche seiner Motive – etwa sein legendäres Bild Insomnia – deuten geradezu darauf, daß da etwas nicht stimmt: Spielt Jeff Wall nicht vielmehr mit solchen Szenen, indem er sie nachbaut? Oder dokumentiert er sie, indem er das zeigt, was ist, indem er das nachstellt, was gerade nicht ist? Oder zeigt er, was ist, indem er eine Dokumentation spielt, die zugleich beide Seiten des Photos in Darstellung bringt: den Spiel- wie auch den Dokumentcharakter? Wir erinnern und dabei an Jeff Walls Photographie von 1992 „Dead Troops Talk“, die eine Szene aus dem Afghanistankrieg der Sowjets nachstellt. Lustvoll freilich sind diese Phantasien nicht, anders als bei Mapplethorpe oder bei der ironisch-subtilen Lee Miller, wo man beim Badewannen-Bild aus dem Lachen gar nicht mehr herauskommt, trotzdem man genauso ihre schrecklichen Dachau-Bilder mit im Hinterkopf hat. Oder gerade deswegen. Auch so eine Frage nach der Bedeutung der Komik in der Kunst.) Eindringlicher kann man den Krieg nicht ins Bild bringen. Sowohl bei Miller, aber ebenso in der doku-fiktionalen  Versuchtsanordnung von Jeff Wall. Denn das da sind Tote, die auf uns warten und uns ansehen. Du bist wie wir. Nur daß hier in diesem Tal irgendwo in Afghanistan eben nichts echt ist. Und doch der Tod lauert. Auch im Photostudio.