„daß meine Zeit nicht kommen wird …“ Nachklapp zum Büchnerpreis und zur Kritik an Jan Wagner

Auf der Skala schrill bis unangenehmer Töne kommt gleich nach dem Klagen vermeintlich zu kurz gekommener Pegidisten die Jeremiade von Dichtern, zu wenig zu verdienen und noch gleich darauf, das Jammern, weshalb um Himmels willen ausgerechnet der Dichter-Kollege X den Büchner-Preis bekam und nicht vielmehr der viel ruhmreichere Dichter Y oder die noch bessere Dichterin Z ihn erhielte. Wenn nicht gar der hochrelevante Dichter Omega. Ja, ja:

Hätte, könnte, sollte
wenn Witwe Bolte wollte.

Diese Klage wird meist im Namen anderer geführt. Gemeint ist aber in der Regel und indirekt man selbst, den es qua Preisgeld wieder einmal nicht an den Futtertrog verschlug. Welch Kleinmut und welche Verlogenheit noch dazu. Sich selber für den Preis ins Gespräch zu bringen: das wäre es! – Aber so weit ging nicht einmal Clemens J. Setz. Wenn deutsche Dichter wenigstens Mut hätten und jene gehörige Portion Größenwahn aufbrächten, zu sagen: „Ich selbst bin der wahre und richtige Kandidat für den Georg-Büchner-Preis. Einzig ich, niemand sonst!“ – eine Büchnerwürdige Szene im grauen Alltag des Literaturbetriebs gäbe dies. Um den Preis freilich, als Dichter nun völlig verbrannt für jeglichen Preis zu sein.

Karl Kraus schrieb in seiner „Fackel“ über jenen Größenwahn:

„Die tiefste Bescheidenheit, die vor der Welt zurücktritt, ist in ihr als Größenwahn verrufen. Wer von sich selbst spricht, weil kein anderer von ihm spricht, ist lästig. Wer niemand mit seiner Sache zu belasten wagt und sie selbst führt, damit sie nur einmal geführt sei, ist anmaßend. Und dennoch weiß niemand besser als ich, daß mir alles Talent fehlt, mitzutun, daß mich auf jedem Schritt der absolute Mangel dessen hemmt, was unentbehrlich ist, um sich wenigstens im Gedächtnis der Mitlebenden zu erhalten, der Mangel an Konkurrenzfähigkeit. Aber ich weiß auch, daß der Größenwahn vor der Bescheidenheit den Vorzug der Ehrlichkeit hat und daß es eine untrügliche Probe auf seine Berechtigung gibt: seinen künstlerischen Ausdruck. Darüber zu entscheiden, sind freilich die wenigsten Leser sachverständig, und man ist auch hier wieder auf den Größenwahn angewiesen. Er sprach: Selbstbespiegelung ist erlaubt, wenn das Selbst schön ist; aber sie erwächst zur Pflicht, wenn der Spiegel gut ist. Und jedenfalls ist es sogar ehrlicher, zum dionysischen Praterausrufer seiner selbst zu werden, als sich von dem Urteil der zahlenden Kundschaft abhängig zu machen. Die Journalisten sind so bescheiden, die Keime geistiger Saat für alle Zeiten totzutreten. Ich bin größenwahnsinnig: ich weiß, daß meine Zeit nicht kommen wird.“ (Karl Kraus, Die Fackel, 13.10.1908)

Man mag von Jan Wagners Dichtung halten, was man will. Aber noch einmal: Literaturpreise sind keine Gefälligkeitspreise, sie sind keine Alimentierungen für Dichter, die keine Lust haben, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Allenfalls sekundär haben sie auch das Ziel, Dichter zu unterstützen, damit sie weiter und vielleicht ein Stück weit unbeschwert wirken könne. Und Preise sind keine Auszeichnung für eine politisch korrekte Gesinnung oder fürs Geschlecht oder die ethnische Herkunft. Und natürlich lassen sich immer Namen finden, die ebenfalls geeignet und manchmal sogar geeigneter wären. Allein – das Spiel ist langweilig, und wenn man es spielt, dann sollte der Spieler wenigstens gute Gründe nennen, weshalb der Dichter Y auf die Liste oder aufs Preispodest gehörte. Einfach einen Namen in den Raum zu raunen ist kläglich. Zeugt nicht einmal von Größenwahn, sondern vielmehr von Kleinmut und neidischer Haltung. Invidia – eine der sieben Todsünden übrigens.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , | 4 Kommentare

Jan Wagner und der Georg-Büchner-Preis

Die einen sagen so, die anderen meinen es seien die „Regentonnenvariatonen“ eine allzuseichte und gefällige Lyrik – eher den gediegenen Publikumsgeschmack des typischen „Landlust“-Lesers treffend. Ich habe mir in der Causa Grünzeug kein abschließendes Urteil gebildet. Ob ich freilich die „Epiphanie eines Rosmarins im schwäbischen Garten“ – so angekündigt bei Hanser für Wagners im März erschienenen Essay-Band „Der verschlossene Raum“ – tatsächlich goutiere und für relevant erachte, mag es sprachlich noch so flirren: auch das weiß ich nicht. Ich wittere hinter solchen Epiphanien eher die theologischen Mucken der Ware. Und rilkesches Wortklingeln und Huberei der Bedeutsamkeiten sind ein zweischneidiges Schwert, das manchem Dichter schon entglitt und ihm auf den eigenen Fuß fiel.

Gut sicherlich, daß nicht nur die älteren Damen und ältere Herren diesen wichtigen Preis bekommen, ein Preis, der fürs Renommee eines Dichters bedeutsam ist. In der FAZ lobt der geschätzte Andreas Platthaus Jan Wagners Lyrik. Jedoch: Ich verstehe solche Art von Kritik nicht:

„Er versteht es meisterhaft, anschaulich zu dichten, in einer allgemein zugängliche Sprache, die aber auf einer vollendeten Kenntnis der lyrischen Formen beruht. Kaum ein klassisches Reimschema, das Wagner nicht schon benutzt, bisweilen auch kreativ variiert hätte. Seine besondere Sympathie gilt dem Sonett.“

Weshalb kann man diese Aussagen nicht mit einem guten Beispiel illustrieren? Ohne Beleg bleiben die Sätze leer und reichen übers bloße Behaupten nicht hinaus. Wenigstens ein klitzekleines Zitat hätte es geben und wir Leser hätten uns ein Urteil bilden können, weshalb dieses Dichten meisterhaft sei. Nun werde ich morgen in meine Buchhandlung stapfen und schauen, was auf den Auslagetischen von Jan Wagner zu finden ist. Ich werde mir das eine oder andere Buch greifen. Besonders an Debüts bin ich interessiert. „Probebohrung im Himmel“ – das klingt für den materialistischen Metaphysiker im Grandhotel Abgrund verlockend. Aber vielleicht ist Jan Wagner genau als das zu begreifen: Lyrik in luftigen Höhen. Doch diese Luftschifferei ist nur bedingt meine Sache, und meist interessiert sie mich als Prosa, wenn der Kontext stärker gefaltet und dann wieder ausgefahren wird. Schachtelprinzip. „Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch“. Luftgeist statt Erdgeist. Und wenn schon Erdgeist, dann einer, der seine Sache auf Sand oder dicht am Meer baut. Verspieltheit in Sprache, immerhin, funktioniert in vielen Varianten. Für jeden was dabei. Ein Vivat auf Jean Paul! Und auf Jan Wagner bin ich dann mal gespannt. Ich habe mich, das sei zugegeben, vor seiner Lyrik bisher herumgedrückt.

Veröffentlicht unter Literatur, Lyrik | Verschlagwortet mit , | 13 Kommentare

„Einmal die 5 und die 52 bitte!“

Das  kann man auch mal machen: Alte Texte korrigieren, umschreiben und dann im Blog noch einmal posten. (Ist schon Sommerloch? Wann fängt es an? In Frankreich ist das einfacher, da gibt es les grandes vacances.) Bei Restaurantkritiken ist das System Wiedervorlage allerdings, anders als bei einer Buchkritik, ein Problem, weil ein Restaurantbetrieb sich ändern kann, während ein Buchinhalt immer der gleich bleibt, es sei denn, vielleicht, die Oulipo-Gruppe fände neue Formen von Text oder der Blick des Lesers änderte sich, was freilich häufig vorkommt. Lesen wir Rainald Goetz‘ Texte der 90er noch mit derselben Begeisterung wie damals oder ist da doch die Luft draußen?Alles wirkt anders, distanziert, der Ton einer verrauschten Epoche, Texte, die in genau dieser Zeit hielten und heute seltsam abgelebt wirken. Die große Party und das große Gelage sind vorbei.

Also nochmal einige Jahre zurück, als ich mit einer Freundin ein China-Restaurant namens „Hot Spot“ besuchte, wir fanden es durch einen Zufall. 2012 war das Lokal nur mäßig bekannt. Heute ist es schwierig, dort einen Sitzplatz zu bekommen, denn das Essen und vor allem die Weine gut sind. Gastro-Kritiker schwärmen – erst kürzlich wieder in der Berliner Zeitung Tina Hüttl. Ich stutzte bei ihrer Kritik zu diesem Restaurant, den normalerweise, so mein Eindruck, bespricht sie kaum Lokale die westlich vom Prenzlauer Berg, vermutlich ihrem Wohnort, und Kreuzberg liegen. Insofern lese ich ihre Kolumne kaum noch.

Eigentlich wollten die junge Frau und ich im abgestorbenen tiefen Westberlin ein zünftig Schnitzel essen. Der Westberliner ißt gerne Schnitzel, deshalb gibt es in Westberlin Schnitzelrestaurants. Das Lokal befindet sich in einer Seitenstraße vom Kudamm. Aber es hatte geschlossen. Wir standen vor einer Tür, die definitiv versperrt war, im Lokal war es finster. Meine Begleiterin wirkte enttäuscht und ihre Enttäuschung kippte ins Ungnädige. Wir hatte Hunger. Um sie aufzumuntern, schlug ich vor, daß wir woanders hingehen könnten, und weil es ihr vorletzter Tag in Berlin sei, würde ich sie zum Essen einladen wollen, bevor sie für drei Wochen nach New York reiste. Wir überließen uns dem Zufall, schauten uns um, warfen Blicke in die Seitenstraßen, ließen uns über den Kudamm treiben.

Was gibt es am Kudamm Gutes? Etwas anderes essen als immer nur Italienisch. Wir spazierten, suchten, der Magen wurde knurriger, sie auch,  was sich wiederum auf mich übertrug, und da entdeckten wir in einer Seitenstraße einen chinesischen Schriftzug. Ach, Glutamt könnte das übersetzt heißen. Lieber der klassische Italiener. Aber wir beschlossen dann doch, zunächst einen Blick auf die Speisekarte zu werfen. „Wir können doch wenigstens schauen und wenn es uns nicht gefällt, gehen wir weiter. Bis unsere Laune dann endgültig auf dem Tiefpunkt ist.“ „Dree Cheenesen met dem Kentrebeß“ fing sie an zu singen. Ich lachte mein bekanntes Sezuan-Rednecklachen. Wir können rassistisch sein, wenn wir nur wollen, aber meist wollen wir nicht. Zumindest besitzen wir den gleichen bösen Humor. Außen hing eine Gastron-Kritik aus dem „Tagespiegel“, die vielversprechend klang. Der Name „Hot Spot“ ist einerseits für einen Restaurantnamen blöde, genausogut hätte das Lokal sich „Sching, Schang, Schong“ nennen können, andererseits für ein China-Restaurant auch wieder witzig gewählt: Kurz, scharf und knackig. Es prägt sich der Name ein.

Nicht nur der Bericht im Tagesspiegel las sich gut, sondern auch die Speisekarte sah vielversprechend aus: es herrschte dort nicht das übliche Einerlei und Elend chinesischer Speisekarten, wenngleich sich die Karten ähneln, aber das tun die von Italienern ebenfalls. Aber was das beste ist: dieses Restaurant besitzt eine richtig gute und sehr umfassende Weinkarte. Zahlreiche Deutsche Weingüter sind dort vertreten. Denn der Hausherr, Herr Wu, ist Weinfreak. Unser Urteil ist schnell gefällt: da gehen wir hinein. Gedacht, gesagt, getan: Die Tür geöffnet. Wir sitzen direkt neben dem Weinschrank. Oh je. Verhängnisvoll für einen Schluckspecht wie mich, „in Schlucken, zwei Spechte“. Die Bedienung ist freundlich und zuvorkommend, auf eine angenehme, nicht servile Weise, sondern so wie ich es mir wünsche und wie es in der Gastronomie eigentlich selbstverständlich sein sollte.

„Einmal die 52 bitte!“, um eine alte Bestellphrase für China-Restaurants aufzugreifen. „Und noch die Flasche Riesling vom Weingut Leitz!“ Vorab bestellten wir uns jeder eine Suppe. Sie aß eine sehr leckere und schmackhafte „Sauer-Scharf-Suppe“, die mir aber zu sehr gewürzt erschien, für J. aber genau richtig zubereitet war. „Der Herr badet gerne lau“ wie Herbert Wehner über Willy Brandt sagte. Ich hingegen aß, ziemlich sozialdemokratisch, eine Maissuppe mit Hühnerfleisch, Koriander und Reisessig. Dazu gab es besagte Flasche Riesling und als diese beim Hauptgang geleert war, bestellte ich noch eine Flasche Riesling Kabinett von der Mosel, weil sie so gerne einen Moselwein trinken wollte. Zu einem scharfen Essen wie ihrem gebratenen Tintenfisch mit Chili-Soße und Sichuan-Pfeffer paßt die leichte Süße des Kabinettweins gut. Mir erschien der Riesling bei meinem weniger scharfen Gericht – gebratenes Entenfleisch mit Gemüse – etwas zu kraftlos und zu wenig in den Nuancen, aber gerne trank ich ihn doch. Mein Urteil mochte an der Kombination gelegen haben. Die Würze des Essens entstand, wie versprochen, nicht durch Geschmacksverstärker, sondern weil mit Kräutern und Salzen gewürzt wurde: so wie es sein soll.

Wer das Restaurant ausprobieren mag: Es befindet sich in der Eisenzahnstraße 66 beim Adenauerplatz. Das Interieur ist nicht wirklich gemütlich, aber es gibt Schlimmeres. Das Essen dort und die Weine gefielen. Ein angenehmes und unprätentiöses China-Restaurant. Insofern: „Aisthesis“ rät zu.X


 
 

 
 
x
 
 

 
 

 
 

Veröffentlicht unter Fetzen des Alltags | Verschlagwortet mit | Kommentar hinterlassen

Im Grandhotel Abgrund, der Ästhetiker in der Revolte

Ich hoffe, meine Bestellung beim lokalen Buchhändler führt dort nicht zu Irritationen und darüber hinaus zu einer möglichen Rasterfahndung nach subversiven Gesellen. Zwar ist im Leben und in der Welt nichts mehr harmlos, hier aber im Reich der Bücher sowie der philosophischen und ästhetischen Einbildungskraft ist es doch ganz unverfänglich: Ich präpariere mich lediglich für eine Rezension und einen Vortrag über Kafka:

Kate Tempest: Hold Your Own: Gedichte, edition suhrkamp Taschenbuch

Anleitung zum Bürgerkrieg (LAIKA theorie) vom Autorenkollektiv Tiqqun

Alles ist gescheitert, es lebe der Kommunismus (LAIKA theorie) Taschenbuch, ebenfalls vom Autorenkollektiv Tiqqun

Unsichtbares Komitee: Der kommende Aufstand (Flugschrift), bei der feinen Edition Nautilus erschienen.

Keineswegs jedoch bin ich subversiv oder trage die Revolte in die Welt – Adorno schreibt am 5.4.1957 an Max Horkheimer:

„… in allen Bewegungen, welche die Welt verändern möchten, ist immer etwas Altertümliches, Zurückgebliebenes, Anachronistisches. Das Maß dessen, was ersehnt wird, ist immer bis zu einem gewissen Grade Glück, das durch den Fortschritt der Geschichte verloren gegangen ist. Wer sich ganz auf der Höhe der Zeit befindet, ist immer auch ganz angepaßt, und will es darum nicht anders haben. Durch dies anachronistische Element ist aber zugleich auch der Versuch der Veränderung selber, eben weil er hinter den Verhältnissen eben so viel zurück wie ihnen voraus ist, immer auch aufs Schwerste gefährdet, und setzt sich bei denen, die es am wenigsten nötig haben, dem Vorwurf aus, reaktionär zu sein. So etwa wie Schelsky von uns sagt, unsere Vorstellungen seien eigentlich die des Hochliberalismus. Sie wissen ja auch, wem Herr Kux vorwirft, er sei ein ‚Romantiker‘, und man würde sich schon in eine hoffnungslose Situation begeben, wenn man das einfach bestritte, sondern gerade die Wahrheit dieses Moments ist in die Theorie aufzunehmen. Es läge alles daran, aus diesem Zirkel herauszukommen, und dazu gehört freilich zuerst, daß man ihn selber ganz ernst nimmt. Das wäre so ein Stück Geschichtsphilosophie.“ (Th.W. Adorno)

„Ich bin kein Mensch in der Revolte. Die Revolte ist in mir.“ (Tocotronic)

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Veröffentlicht unter Fetzen des Alltags, Gesellschaft | Verschlagwortet mit | Kommentar hinterlassen

Unendliche Schönheit

„4. Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen . .. ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake.“ (Filippo Tommaso Marinetti)

(Die beiden Photographie von der Mille Miglia wurde dem Twitteraccount von Don Alphonso entnommen.)

Wenn bei den Futuristen aus dem Rausch des Neuen der alte Funken Schönheit aufblitzt. Der Gesang des Futuristen Marinetti, 1909 in seinem futuristischen Manifest propagiert, bleibt freilich in manchen Passagen problematisch, wenn wir diesen Text als politisches Pamphlet verstehen. Das wäre jener sattsam bekannte Fehler, die Kunst mit der Politik zu verwechseln oder gar sie im unmittelbaren Modus zu verkoppeln. Was im Umkehrschluß nicht heißt, die Kunst sei nicht politisch. Sie ist es. Aber in anderem Sinne als die Futuristen oder die Engagierten es sich ausmalen und träumen. Ebensowenig aber – und damit sind wir beim schönen Widerspruch – lassen sich diese und insbesondere die folgenden Passagen mit dem Einwurf entschärfen, es habe Marinetti dies gar nicht politisch und schon gar nicht wörtlich gemeint.

Ähnlich wie bei Bretons surrealistische Tathandlung  des Revolver-Ichs im zweiten surrealistenschen Manifest von 1930 ist zugleich auf dem Wortsinn zu beharrren, denn sonst wären diese Sätze keine Provokation und keine Revolte, sondern bereits ästhetisch enschärft als Pamphlet und Propaganda der Kunst: eines Souveränitätsanspruchs, der sich am Ende aufs Reich des schönen Scheins beschränkt:

„die einfachste surrealistische Handlung besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings soviel wie möglich in die Menge zu schießen. Wer nicht wenigstens einmal im Leben Lust gehabt hat, auf diese Weise mit dem derzeit bestehenden elenden Prinzip der Erniedrigung und Verdummung aufzuräumen, der gehört eindeutig selbst in diese Menge und hat den Wanst ständig in Schußhöhe.“

Breton meint es genau so, wie er es schreibt. Rennwagen und Schußwaffen. Was damals freilich als Rausch der Geschwindigkeit bzw. als antibourgeoiser Exzeß auftrat, das erscheint heute, im Rücklick als die gemächliche Bewegung der alten Zeit. Manchmal konnte man annehmen, einer steinalten klassischen Moderne, der grauen, alten Vorzeit entsprungen und dennoch gegenwärtig, nur daß niemand mehr in einer solchen naiven Unmittelbarkeit in dieser Form proklamierte – wobei, wenn ich an Jonathan Meese denke, ich mir andererseits nicht ganz sicher bin. Und obgleich man mit solchen Sätzen gewiß eine bestimmte Mainstream-Ästhetik sowie die politisch gestimmten Produzenten von Kunst wie auch die moralisch Hochnotrechtschaffenen, die bei jedem Negerwort bleich vor Angst erzittern, als käme der Gottseibeiuns demnächst um die Ecke geschwänzelt, erneut verschrecken kann und damit eine hochmoralisch aufgeladene Debatte losträte, in der wieder einmal der anschwellende Gesang der politisch Korrekten ins Ästhetische einfällt wie die Hunnen in Europa:

„9. Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt -, den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.

10. Wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und gegen jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht.

11. Wir werden die großen Menschenmengen besingen, die die Arbeit, das Vergnügen oder der Aufruhr erregt; besingen werden wir die vielfarbige, vielstimmige Flut der Revolutionen in den modernen Hauptstädten; besingen werden wir die nächtliche, vibrierende Glut der Arsenale und Werften, die von grellen elektrischen Monden erleuchtet werden; die gefräßigen Bahnhöfe, die rauchende Schlangen verzehren; die Fabriken, die mit ihren sich hochwindenden Rauchfäden an den Wolken hängen; die Brücken, die wie gigantische Athleten Flüsse überspannen, die in der Sonne wie Messer aufblitzen; die abenteuersuchenden Dampfer, die den Horizont wittern; die breitbrüstigen Lokomotiven, die auf den Schienen wie riesige, mit Rohren gezäumte Stahlrosse einherstampfen, und den gleitenden Flug der Flugzeuge, deren Propeller wie eine Fahne im Winde knattert und Beifall zu klatschen scheint wie eine begeisterte Menge.“

Doch die Wildheit dieser Art von Moderne weist bereits implizit aufs Grauen auch wenn diese Deutung ex post factum geschieht. Und es klingen arg noch die Wehen Nietzsches an und werden im identifikatorischen Duktus nachgesprochen. Die Moderne ist ein Projekt, das sich aus Traditionen und wilden Träumen speiste.

Veröffentlicht unter Ästhetische Theorie, Surrealismus | Verschlagwortet mit , | 5 Kommentare

Deutscher Dichter, dichte mir! Oder wovon Lyriker leben

„Es sind zuverlässig in Deutschland mehr Schriftsteller,
als alle vier Weltteile überhaupt zu ihrer Wohlfahrt nötig haben.“
(Georg Christoph Lichtenberg)

Diesen Satz schrieb vor über 200 Jahren jener Naturforscher und Aphoristiker mit dem scharfen Witz und der exakten Beobachtungsgabe in seine Sudelbücher hinein. Zu Lichtenbergs Zeiten waren sowohl Weltbevölkerung wie auch Dichteranteil deutlich geringer als heute. Auch das Klagesingen, von einer Leidenschaft bzw. von seiner genialischen Besessenheit nicht leben zu können, fiel deutlich leiser aus. Von Carolina Guhlmann, M.A., erschien nun eine Untersuchung mit dem lyrischen Titel „Studie zur Einkommenssituation von Dichter*innen in Deutschland“. Für den Lyriker sieht es nicht gut aus. In der „Zeit“ schreibt Ijoma Mangold in bezug auf jene Studie: „77 Prozent erzielen mit ihrer schriftstellerischen Arbeit 10.000 Euro und weniger.“

Oh ja:

In luftigen Höhen, der Lyriker schwingt, in duftiger Weite, wo er singt, nur finanziell – da stinkt er.

Weiter heißt es bei Ijoma Mangold, die Lyriker forderten ein Grundeinkommen und bessere Ausstattung für Lyrikveranstaltungen sowie Mindesthonorare. Eine Haltung, die Mangold – zu recht – befremdet.

Zu holen ist mit Dichtung in der Tat nicht viel. Schon gar nicht mit der Lyrik. Das einsame Leben und Sterben der armen Autoren – es rührt zu Tränen, es rührt mich zutiefst. Aber ich sage es harsch, hart und knapp: Wer in einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft sein Hobby oder seine Leidenschaft zum Beruf und damit eben auch zu seiner Passion macht, der muß damit leben, daß er davon möglicherweise nicht leben kann. Ich habe hier im Blog schon einmal einen Aufruf getätigt, leider wurde er nicht befolgt: Ich plädierte in Sachen Literatur für den Bitterfelder Weg, und zwar als Variante des Kapitalistischen Realismus: Dichter in die Produktion! Und meinetwegen schreibt Geschichten aus der Produktion. Hartmut Finkeldey brachte das genial und kongenial in einer Sentenz samt Vers zum Ausdruck:

„Gedicht, das einer schrieb, nachdem er bemerkte, dass seine U-Bahn-Karte härter, genauer, wirklichkeitsnäher schreibt als er

Wollt sein das deutsche Dichterkind.
Und lese meine U-Bahn-Karte.
Wie schreibt die gut, Mann, sie schreibt harte
Zeilen die mein Ende sind.“

Ulla Hahn hatte in den 80er Jahren einen guten Rat für all jene parat, die Dichter werden wollten: „Geht einer ordentlichen Arbeit nach, von der es sich leben läßt und schreibt in Eurer Freizeit!“ Das schmeckte nicht jedem. Denn diese Arbeitsteilung erfordert eine gewisse Disziplin, die im hedonistischen Zeitalter übel aufstößt. Man muß verzichten. In der Tat. Zum Beispiel den lauschigen Abend in der Bar kippen, weil gerade Schreibzeit ist, und möglicherweise läßt sich mit Doppellast schwierig eine Familie gründen. Doch das Leben liefert für den privilegierten Dichter bereits hinreichende Versicherungen und Luxus – denn die meisten durften – vermutlich kostenlos – studieren, was keinem, der seinen Meister in einem Fachberuf macht, je vergönnt ist. Ja, in der Tat: Hölderlin und Lenz waren Hauslehrer, das war zu jener Zeit ein verbreiteter Beruf.

„Dichter in den Deutschunterricht?“ – auch eine schöne Parole. Die Situation für Lyriker mag arg sein, aber so what! Oder wie es eine Freundin in witziger Sentenz formulierte:

„An den Spassfaktor im Brotberuf zu glauben ist genauso zielführend wie der Versuch, schwimmend den Atlantik zu queren. Geld bleibt Geld und Schnaps bleibt Schnaps.“

Bewundernswert, wenn einer seinem Hobby frönt und noch schöner, wenn er seine Leidenschaft leben will und vielleicht sogar talentiert ist. Aber das ergibt keinen Rechtsanspruch auf ein Grundeinkommen. Denkt lieber, liebe Dichter, generell darüber nach, wie in dieser Gesellschaft Arbeit organisiert sein soll.  Auf Facebook schreibt Gregor Weizmann:

„Mein Vorschlag zur Güte:

– Arbeitet in einem anderen Hauptberuf, Dichter! Bei einer 38,5-Stunden-Woche bleibt nun wirklich Zeit genug, will man sie sich von anderen Freizeitbeschäftigungen abknapsen wie Familiengründung oder Fernsehen, um ein Werk zu schaffen. Täglich vier Stunden Arbeit sollten drin sein. Macht es wie Fernando Pessoas Bernardo Soares! Arbeitet wie Kafka! Seid Voskuil! Verhaltet Euch nicht wie Beamte, sondern macht Euch die Hände schmutzig! Weil es doch sein muss und auch sein Gutes hat.“

Yes said. Alles andere ist Jammern auf hohem Reim-Roß. Das Feuilleton mag sich dafür interessieren, die armen Poeten ebenso, aber niemand sonst. Verbeamtetes Dichtertum ist eine Contradictio in adiecto. Ihr Lyriker wollt wild, gefährlich und leidenschaftlich leben wie Rimbaud, Verlaine und Bukowski in eins und ruft dann nach mehr Absicherung? Da beißt sich was.

„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

Aber wie es nun einmal ist: Es gibt kein richtiges Dichten im falschen Leben.

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Gesellschaft, Lyrik | 103 Kommentare

Karl Ove Knausgård oder Berlinerisch ist Sächsisch mit niederdeutschem Einschlag. From Meißen with love

„Daher wird es dem Dichter so schwer, zugleich dichterisch zu seyn und vollkommen wahr und natürlich zu bleiben, da seine Einbildungskraft, um diesen Gipfel der Kunst zu erreichen, noch mitten im strengsten Gehorsam ihre Freiheit bewahren muß.“
(Wilhelm von Humboldt, Das achtzehnte Jahrhundert)

Auch im Hinblick auf die gegenwärtig und seit einger Zeit gärende Mode des autobiographischen Schreibens – sie ist allerdings, was die deutsche Literatur betrifft rund 250 Jahre alt –, scheinen mir diese Zeilen eindringlich. Benennen sie doch ein grundsätzliches Problem der Literatur. Immer wieder keimen diese Debatten um Begriffe wie Wahrhaftigkeit und in anderem Zusammenhang eben „Authentizität“ des Geschriebenen auf. Beschworen wird eine literarische Intensität, deren Maß im Aufrichtigen liegt, deren Lackmustest die Echtheit ist. Man könnte, wenn wir uns in der Literatur des 18. Jahrhunderts bewegen, in dieser Frage nach wahrhaftiger Intensität und Empfindsamkeit fürs Ich auf Goethes „Werther“ sich kaprizieren und jene Bücher, Autoren und vor allem jene Begebnisse nennen, die Goethe zu diesem Roman inspirierten. Der „Werther“ stellt innerhalb dieser Epoche des Sturm und Drang einen Fixpunkt für die radikale Subjektivität des Ichs, fürs Empfindsame dar.

Doch im Sinne der dichterischen Einbildungskraft – eben dichterisch und das heißt erfindend zu sein, zu fiktionalisieren – ist das Konzept der Authentizität in der Form des biograpischen Schreibens fragwürdig. Die Frage, wieviel Goethe im Werther steckt, führt auf ein Nebengleis; Goethe wußte dies, und er verstand es in diesem Sinne seinen Stoff zu formen und in eine Anordnung zu bringen, der das krude Authentische oder gar das Autobiographische überstieg: Jene Knausgårdisierung der Dichtung, deren euphorische Aufspreizungen wir dieser Tage im Literaturbetrieb der BRD wieder einmal  „erleben“. Denn inzwischen ist der sechste Band der Knausgårdschen Lebensbeichte aus allen Lagen übersetzt und erschienen. Und wie um die Menschen zu quälen, natürlich nicht mit 250 Seiten, die man an ein oder zwei Tagen vertilgt, sondern rund 1200 Seiten. Josef Breitenbach sagte einmal in einem Interview, er benötige nicht die autobiografischen Motivation, sondern er habe schließlich Phantasie.

Literatur, so meine ich, hat nicht authentisch zu sein, sondern sie ist ästhetisch stimmig. Das zeigt sich an Goethes „Werther“, der zudem im Sinne gesellschaftlicher Relevanz von Literatur verschiedene Motive seiner Epoche aufnimmt: Liebe und Empfindsamkeit – auch im Sinne des erstarkten Pietismus –, die Kultur des Weinens,  das empfindende, denkende Subjekt als emphatisches Sujet der Literatur sowie der Briefroman als dessen Ausdrucksmedium. Bürgerliches Leben verbindet sich darin mit Seelischem und dem Innenleben. So setzt sich das Bürgertum avant la lettre bereits als objektlose Innerlichkeit. Die Literatur erschreibt, sie antizipiert diesen Prozeß in ihrer Phantasie. Und zugleich setzt sich Goethe von den Unmittelbarkeiten ab und poetisiert eine Geschichte, hebt sie aus dem Maß des Gewöhnlichen heraus. In diesem Sinne ist gelungene Literatur die „Verklärung“ und nicht nur die „Erklärung des Gewöhnlichen“. Wobei wir uns bei diesen Fragen zur Poetik zugleich auf der Ebene der Widerspiegelung von Wirklichkeit in Sprache bewegen. Wie  darüber sprechen? Thomas Melle hat es mit seinem Buch „Die Welt im Rücken“ in seiner eigenen und wie ich finde in mißlungener Weise versucht. Im Sinne einer poetischen Digression schreiten wir dazu von der Knausgårdschen Gegenwart um einige Jahrhunderte zurück.

Man könnte es auch in dieser Variante formulieren: Im 18. Jahrhundert bildeten sich die grundlegenden Kategorien und Muster unserer Literatur aus, die bis in die Gegenwart weitgehend ihre Gültigkeit bewahrt haben. Sei es ein breiteres, an Literatur interessiertes Publikum, das es vordem nicht gab, insbesondere Frauen, die lasen, waren eine Zielgruppe. Es vollzog sich sozusagen der „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ auf dem Gebiet ästhetischer Rezeption, wie auch auf der Seite der Produktion: Literatur etablierte sich als eine autonome Veranstaltung, entwand sich dem Zwang, bloß zur Belehrung oder zur moralischen Besserung zu dienen. Zudem bildete sich als Instanz der Schriftsteller heraus, der von den Produkten seiner Arbeit zu leben trachtet und sein Auskommen finden kann – Klopstock und Jean Paul wären hier zu nennen, allerdings handelt es sich um Spezialfälle, denn den meisten Autoren war es kaum möglich, vom Verkauf ihrer Romane zu leben. Zudem waren sie nun statt von einem Mäzen – wie noch Klopstock – vom freien Markt abhängig. Das war für viele Autoren nicht immer von Vorteil. So suchte man sich als Autor also zugleich eine Erwerbsarbeit.

Was den literarischen und sprachlichen Ausdruck betrifft, so müssen wir uns das 18. Jahrhundert in den deutschen Fürstentümern und Königreichen als eine sprachlich zersplitterte Welt vorstellen. Es wurden alle möglichen Dialekte und Mundarten gesprochen und geschrieben. Um im Sinne der beginnenden Aufklärung, die den Barock ablöste, eine Art lingua franca im Verkehr der unterschiedlichen Stände und insbesondere der Gebildeten und der Wissenschaftler auszubilden, setzte man sich mit den Problemen der Sprachnorm auseinander. So kam zugleich die Frage nach dem reinsten Deutsch auf, das als Bezugsgröße für eine vereinheitlichte Sprache dienen könnte. Hier war, man staune, das Obersächsisch-Meißnerische Deutsch als reinste Sprachform ausschlaggebend, was sicherlich auch an Leipzig lag, das ein Zentrum der Buchkultur bildete. Berlinerisch übrigens, so sagen einige Sprachforscher, sei Sächsisch mit niederdeutschem Einschlag. (Weitere Details zu dieser unvermuteten Verwandtschaft finden sich in der „Berliner Zeitung„.) Noch Jean Paul übrigens beschäftigte um 1817 diese Frage nach Sprachnormen, etwa in seiner Schrift „Über die deutschen Doppelwörter“, und er plädierte fürs Abschaffen des Fugenlautes – „Hesperus oder 45 Hundposttage“ statt der Hundsposttage, heißt sein zweiter großer Roman. So poetisierte Jean Paul in einer ihm eigenen Art, oft in Opposition zur Adelungschen oder Campeschen Sprachnormierung.

Was hat das aber mit dem Authentischen zu tun? Es hängt dies insofern damit zusammen, als sich – nicht nur zu jener Epoche des 18. Jahrhunderts – fragen läßt, in welcher Weise erzählt und poetisiert wird. Und überhaupt: Wovon erzählt wird. Was ist das Sujet der Prosa? Zurück zu Knausgård:

„Die Autobiographie sollte seiner Rechtfertigung dienen; aus der Situation sozialer Demütigung des in die Außenseiterrolle Gedrängten resultiert jene schonungslose Offenheit der Enthüllung, die das Buch zum unvergleichlichen Dokument stempelte. Mit akribischer Besessenheit registrierte er seine psychischen und physischen Zustände, wobei er die Grenzen des Schicklichen sprengt – was auf die Zeitgenossen peinlich-befremdend wirkte.“

So heißt es über das Buch jener Zeit. Es könnte von Knausgård sein, es könnten diese Sätze über viele Autoren in dieser Weise geschrieben worden sein. Doch diese Zeilen handeln keineswegs von Karl OveKnausgård, sondern sie beziehen sich auf ein Buch von Adam Bernds: mit dem Titel Eigene Lebens-Beschreibung. Es erschien im Jahre 1738, Bernds lebte von 1676-1748, er entstammte kleinbürgerlichen Verhältnissen, arbeitete sich durch Bildung daraus empor und mußte sich, nachdem er in Leipzig sein Amt als Kanzleiredner wegen Aufruhr gegen die Orthodoxie verlor, als freier Schriftsteller durchschlagen. Obsessiv registrierte Bernds Inneres und Äußeres, forschte und hörte in sich hinein, betrieb das, was man später in Ablösung von der Wolffschen Psychologiae rationalis als Erfahrungsseelenkunde bezeichnete und was literarisch ausgeformt, sozusagen von der dichterischen Einbildungskraft durchdrungen, dann in Karl Philipp Moritz‘ Anton Reiser mündete. (Das obige Zitat fand ich in der „Geschichte der deutschen Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart“.)

Inzwischen haben sich die Register und die Kategorien der Literaturästhetik verschoben. Zu fragen ist nicht mehr, ob ein Text authentisch sei und auch die Erfahrungseelenkunde sowie Aufrichtigkeit sind nicht mehr primär ästhetisches Maß, sondern entscheindend ist, ob ein Text gut und stimmig erzählt ist – was freilich einen Essay für sich beanspruchen würde, um die Felder des guten und stimmigen Textes auszuleuchten.

Dieser Blog-Text hätte ebenso die Überschrift tragen können, wie man Karl Ove Knausgårds neues Buch bespricht, ohne es gelesen zu haben. Im Feuilleton kann man solches Spiel (zu recht) nicht veranstalten. In Blogs ist sowas aber möglich: die gepflegte Digression, um vom Hölzchen aufs Stöckchen zu gelangen,  in diesem Sinne ein Robert Walserscher Spaziergang mit mannigfaltigen Entdeckungen und Findlingen am Wegesrand.

Aber nun ein kleiner Bilderreigen. From Meißen with love. Die Photos von der schönen Querulantin, ehm, der schönen Spaziergängerin sowie dem leicht mopsig aussehenden älteren Herren,  zumindest auf den Photographien, zeige ich hier – naturgemäß – nicht.

 

Veröffentlicht unter Ästhetische Theorie, Literatur, Photographie | Verschlagwortet mit , | 7 Kommentare

Post Marx? Postromantischer Belastungsstreß? 150 Jahre „Das Kapital“

„Der Mensch ist im wörtlichsten Sinn ein zoon politikon nicht nur ein geselliges Tier, sondern ein Tier, das nur in der Gesellschaft sich vereinzeln kann. Die Produktion des vereinzelten Einzelnen außerhalb der Gesellschaft – eine Rarität, die einem durch Zufall in die Wildnis verschlagnen Zivilisierten wohl vorkommen kann, der in sich dynamisch schon die Gesellschaftskräfte besitzt – ist ein ebensolches Unding als Sprachentwicklung ohne zusammen lebende und zusammen sprechende Individuen.“
(Karl Marx: Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie)

„Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eignen Botmäßigkeit.“
(Karl Marx, Das Kapital I)

„Der Revolte garstiger Feuerstank!“
(Bersarin, Dankesrede zur Verleihung der Joseph de Maistre-Medaille)

Was fangen wir mit Marx an? So schalt es, freilich verhalten, im Gewimmel des bürgerlichen Feuilletons und in den öffentlichen Diskursen. 150 Jahre Kapital – im Sommer 1867 erschien der erste Band. Und im nächsten Jahr werden wir Marx‘ 200. Geburtstag begehen. Ob es dazu ebensolchen Rummel gibt wie zu Luthers Thesen, wird man sehen. Gewiß wird mancher, wie schon bei Luther, den vorgeblichen Antisemitismus von Marx hervorkramen. Dumm freilich – insbesondere von Hannah Arendt, aber, so steht zu vermuten, eher ihrem boshaften Beißreflex gegen die Frankfurter Schule geschuldet, als der Sache. [Davon ab, daß diese Kritik insbesondere bei Luther kein völkischer Antisemitismus im modernen Sinne ist, sondern sich aus dem religiösen Antijudaismus speist.]

Wie sich Marx nähern? Am besten sinnlich und konkret vom Text her. Das heißt, die beiden Zitate laut zu lesen. Den Klang der Wörter, den Rhythmus des Satzes beim Vorlesen wirken lassen. Marx schrieb nicht die Revolution, sondern er war Analytiker der Gesellschaft und in seiner Analyse der kapitalistischen wie bürgerlichen Gesellschaft zugleich ein Stilist. Er legte beim Schreiben Wert auf Sorgfalt. Selbst einer wie der Springer-Journalist und der spätere Leiter der Henri Nannen-Schule, Wolf Schneider, der wie sein Namensgeber mehr von einem Wehrmachtssoldaten mit Störkraftfeuer als von einem feinsinnigen Schreiberchen hatte, konzedierte Marx einen hervorragenden Stil. Klar, präzise, deutlich, wie Scheider es sich wünschte, wenn einer schrieb.

Und Marx war stilistisch ein Vorläufer von Karl Kraus, nicht nur, weil er die Sprache zum Tanzen brachte, sie mit Schwung auf die Sache kaprizierte und ihr so zum Ausdruck verhalf, sondern vor allem, was den bösen Ton betraf. Marx‘ Polemiken sind Legion, sie sind scharf, sie treffen den Gegner genau. Ins Gesicht. Gesellschaftskritik läuft (auch) über die Sprache. Marx wußte das, Kraus wußte es und ebenso Adorno und Benjamin, die Kraus‘ „Methode“ schätzten.

Was also tun mit Marx: Ihn nachbeten, ihn rekonstruieren, wie Habermas es in „Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus“ forderte? Geschichte ist Rekonstruktion, Theorie ist dies auch – sicherlich, – und ebenso lassen sich die ökonomischen Prozesse der Vergangenheit wie auch der Gegenwart beschreiben. Marx hat sie in seinem Kapital analysiert. Er lieferte jedoch keine Volkswirtschaftslehre für Linksradikale, wie manche fälschlich annahmen, sondern er spielte der Gesellschaft ihre eigene Melodie vor. Marx schrieb, was ist. Marx „Kapital“ ist im besten Sinne eine kritische Theorie der Gesellschaft, weil er sie bei ihren eigenen Begrifflichkeiten nahm.

Historischer Materialismus ist dabei, wie auch der Begriff der Dialektik, ein Schlagwort. Wie aber füllt man sie mit Inhalt? Auch in diesem Sinne ist der Begriff der Rekonstruktion zu verstehen. Linien bei Marx nachzeichnen. Ob dafür Habermas tatsächlich der richtige Gewährsmann ist, daran wird mancher Kritische Theoretiker zu Recht seine Zweifel hegen. Rekonstruktion von Marx im Sinne Habermas? Er schreibt dazu in der Einleitung seines Buches, 1976 erschienen, die Träume der 60er Jahren waren zu dieser bleiernen Zeit schon lange keine linken Nachwehen mehr, sozusagen postromantischer Belastungsstreß (den es sicherlich auch gab im Vorrausch wie in den Nachwehen und dem Abklang der 60er), sondern nach der großen Misere von 1968 bereite sich die Leere aus, die Theorie der Dogmatiker mit den Ismen gelangte in die objektlose Innerlichkeit marxistischer Exegese-Orthodoxie der unterschiedlichen K-Gruppen. Marx als Säulenheiliger.

Aber nicht im Text selbst mehr bewegte man sich, diese Immanenz, das, was da buchstäblich stand, tatsächlich zu verstehen, war selten, trotz der Lektürekreise, die in Hochintensität lasen, sondern es steckten die K-Kombattanten – statt im Analysemodus der Theorie zu fahren – in den Revolutionspostulaten, postromantisch ein Revolutionssubjekt imaginierend – sie glaubten die IG-Metall wäre links und auf ihrer Seite. Aber was sie projizierten, das waren in Wahrheit Arbeiter in der BRD, die lange schon keine Arbeiter mehr sein wollten und sich schon gar nichts von jungen Männern mit Bärten sagen lassen mochten, die von der Universität kamen und klug daherredeten. Marx-Exegeten, die vor lauter Tauschwert nicht mehr die Schönheit des Gebrauchswertes sahen. Im Grunde völlig contre Marx, diesen unproduktiv mißverstehend. Und so sahen die Menschen in den Lesekreisen noch bis in meine Studienzeit aus: Unansehnlich. Gleichförmig. Aber wie wir wissen, sind Statuen und Säulen tot, leblos unlebendig, manchmal erschlagen sie ihre Anbeter, kraft ihrer Größe. Es ist das Gegenteil von kritischer Philosophie Idolatrie zu betreiben.

Habermas schreibt in der Einleitung von „Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus“:

Renaissance würde die Erneuerung einer Tradition bedeuten, die inzwischen verschüttet worden ist: das hat der Marxismus nicht nötig. Rekonstruktion bedeutet in unserem Zusammenhang, daß man eine Theorie auseinandernimmt und in neuer Form wieder zusammensetzt, um das Ziel, das sie sich gesetzt hat, besser zu erreichen: das ist der normale (ich meine auch für Marxisten normale) Umgang mit Theorie, die in mancher Hinsicht der Revision bedarf, deren Anregungspotential aber noch (immer) nicht ausgeschöpft ist.“

Ob das so funktioniert, steht auf einem anderen Blatt. Ich denke, daß Kritische Theorie heute lediglich deskriptiv sein kann, mit Foucault sozusagen ein fröhlicher Positivismus, obgleich sich die Dinge eigentlich nicht fröhlich gestalten, denn diese Gesellschaft ist, wie Karl Kraus es bereits für die k.uk.-Monarchie festhielt ein riesiges Versuchslabor für den Weltuntergang. Zu sagen also, was ist. Die Zeichen der Zeit zu deuten:

„Sie zeigen, wie selbst in den herrschenden Klassen die Ahnung aufdämmert, daß die jetzige Gesellschaft kein fester Kristall, sondern ein umwandlungsfähiger und beständig im Prozeß der Umwandlung begriffener Organismus ist.“ (K. Marx, Vorwort zur ersten Auflage des Kapitals)

Die Begriffe an dem zu messen, was sie unter sich befassen, auch das bedeutet, der Dynamik der Gesellschaft nicht nur gerecht zu werden, sondern ebenso den Schwung und die Entwicklung in Bewegung zu bringen. Auf Defekte weisen. Und zwar möglichst in einer ästhetisch ansprechenden Art, wie Karl Kraus es tat – der beileibe kein Marxist war – oder wie aus anderer Ecke immer wieder Wolfgang Pohrt es macht. Mit bösem Biß, wider den Stachel löcken, auch gegen die eigene Gemeinde.

Daß es im 20 Jahrhundert mit Marx allein nicht mehr geht, darauf verwies insbesondere die frühe Kritische Theoriem, die sich ebenso die Einsichten Freuds und Nietzsches zu eigen machte und soweit eine sozialpsychologische Dimension in die Theorie der Gesellschaft einführte – das eben ist deren eigentliche Pointe. Habermas ist da eine Abzweigung, die mit der Kritischen Theorie im eigentlichen Sinne nicht mehr viel zu tun. Die Frage nach Geltungsansprüchen ist ein universalphilosophisches Projekt, im Rahmen der Philosophie als Reflexionsmedium über die Vernunft, mithin eine Reflexion auf ihre eigenen Bedingungen. In dem gleichnamigen Sammelband „Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus“ spricht Habermas von solchen Begründungsfragen. Das aber, diese Fragen nach moralischem Sollen und nach Geltung sind etwas ganz anderes als die Kritische Gesellschaftstheorie von Marx.

Was also tun, mit Marx? Am besten, ihn lesen.

„Der Mensch streift heute nicht mehr mit seinen Hunden und seinem Bogen am Rande der Sümpfe umher: sein Freiheitsdrang hat sich andere Einöden erschlossen. Intellektuelles Brachland, wo der Einzelne dem gesellschaftlichen Zwang entgeht. Dort lebt ein unbekanntes Volk, das sich um seine Legende wenig kümmert. Ich sehe seine Landhäuser, seine Laboratorien der Lust, sein Handgepäck, seine Schliche und Listen, seine Vergnügungen.“ (Louis Aragon, Le Paysant de Paris)

Eine Vorstellung von Arbeit, die nicht entfremdet ist, vermittelt die Kunst. Utopie und Vorschein eines Anderen, von dem wir nicht wissen, was es ist. Auch darauf deutet der Text von Marx.

Veröffentlicht unter Gesellschaft, Kapitalismuskritik, Kritische Theorie, Philosophie | Verschlagwortet mit | Kommentar hinterlassen

Karl Heinz Bohrers „Granatsplitter“ – Ohne Kindheitsmuster: die Exzesse des Augenblicks

Zum Ende von Bohrers großartig geschriebenem Erinnerungsbuch „Granatsplitter“ möchte ich am liebsten nach England reisen. Eindringlich fängt Bohrer die Atmosphäre der Nachkriegszeit ein: Merry old England, in der Grafschaft Kent. The White Cliffs of Dover, London, das Zentrum des alten Empire. Der Zauber des Neuen, der Reiz, den England auf den jungen Mann ausübte, kurz nachdem er sein Abitur bestand. Davor der Bann der Internatszeit nach dem Krieg und auch davor zur NS-Zeit, die Bombennächte, die Spiele der Kinder in Köln, in den Trümmern. Und wie der Vater den Sohn aufs Land zu den Großeltern schickte, um ihn vor den Bomben zu schützen. Daß Theoretiker zu solcher Prosa fähig sind und flüssig zu erzählen verstehen, erstaunt. Andererseits auch wieder nicht: Bohrer schildert aus seiner Leidenschaft heraus, greift sich die Momente, die ihn fesseln. Lust und Erkenntnis sind bei Bohrer dem Leben verschwistert. Und manchmal gesellt sich dem die Melancholie bei, jedoch ohne zur Attitüde zu gerinnen. All das wird später auch Bohrers theoretisches Schreiben bestimmen. Am Schluß der Erzählung heißt es:

„Was endgültig verschwand, waren seine englischen Tage. Daran änderte die Erinnerung nichts. Nein, die Erinnerung änderte das Verschwinden nicht. Dass etwas für immer endgültig verschwindet, nicht als Ort, aber als Zeit, das empfand er in diesem Augenblick zum ersten Mal.“

Bohrers unkonventionelles Denken – als Theoretiker des Augenblicks schätzte ich schon während des Studiums. „Granatsplitter“ zeigt eine Form von Subjektivität, die man vielleicht mit dem Begriff der Idiosynkrasie als Erkenntnismedium fassen kann. Oder aber – positiv gewendet – die Kraft subjektiver Phantasie erst beleuchtet die Phänomene in neuem Licht. Im Augenblick ihrer ersten Erkenntnis, wenn die Dinge ihre Augen aufschlagen, weil sie angeblickt werden.

Bohrer, eigentlich Theoretiker und Literaturwissenschaftler, einst in Bielefeld, veröffentlichte 2012 eine Autobiographie, schildert die Jahre seiner Kindheit. Doch Bohrer erzählt in einer solch souveränen und fesselnden Weise, daß man dieses Buch genauso als einen Roman lesen könnte. Nicht bloß die kruden Fakten eines Kinderlebens und später dann das des Jugendlichen packt Bohrer auf den Tisch, sondern er lädt die Ereignisse mit Bedeutung auf. Wenn er als Kind in Köln, einige Jahre nach der Machtergreifung der Nazis in die Auslage des Schaufensters blickt und dort im Spielzeuggeschäft die Soldaten betrachtet, dann schafft Bohrer es, Erinnerungen auch an die eigene Kindheit heraufzubeschwören: Wie gefesselt der Blick auch bei uns war, all das bunte Spielzeug, Sachen aus Plastik. Für Bohrer sind es die bemalten Soldaten, mit Pickelhauben, MGs, Gewehre, die so anders sind als die bleichen Zinnsoldaten, die ihm die Großtante schenkte. Und dann erst, gleich in den ersten Kriegsjahren, jenes funkelnde Objekt, das zur Erde regnete, gefährlich, unberechenbar: die Granatsplitter von den Flak-Geschossen, die ihr Ziel nicht trafen, dann in der Luft explodierten und als messerscharfe große Kristalle zur Erde fielen.

„Mit den Granatsplittern hatte das nichts mehr zu tun. Sie waren wie farbige Sterne vom Himmel gefallen, und ihre leuchtende Schönheit gehörte zu den ersten blendenden Erscheinungen, aus denen für ihn das Leben bestand. Erscheinungen, deren tieferen Sinn er erst allmählich verstand.“

Solche vom Himmel fallenden Geschoßfetzen haben etwas von einer Apparition. Himmelserscheinung oder Feuerwerk. Ein Feuerwerk, das nicht bloß zündet, sondern in seinem Erscheinen etwas bewegt, wenn wir es betrachten. Adorno brachte dieses Himmelsfeuerwerk in seiner „Ästhetischen Theorie“ mit den Kunstwerken in Zusammenhang:

„Sie überflügeln die Dingwelt durch ihr eigenes Dinghaftes, ihre artifizielle Objektivation. Beredt werden sie kraft der Zündung von Ding und Erscheinung. Sie sind Dinge, in denen es liegt zu erscheinen. Ihr immanenter Prozeß tritt nach außen als ihr eigenes Tun, nicht als das, was Menschen an ihnen getan haben und nicht bloß für die Menschen.
Prototypisch für die Kunstwerke ist das Phänomen des Feuerwerks, das um seiner Flüchtigkeit willen und als leere Unterhaltung kaum des theoretischen Blicks gewürdigt wurde; …“ (Th. W. Adorno, Ästhetische Theorie)

Im Bohrerschen Sinne hat dieses Erscheinen zugleich etwas mit dem Ingenium gemeinsam: Das Objekt löst sich von seiner ursprünglichen Funktion, gerät außer Kontext und dient zum Spiel der Einbildungskraft. Ähnlich geschieht dieses Aufladen bei Bohrer mit den Details des Lebens, jenen Szenen und Augenblicken, die wir als unser eigenes Leben zu empfinden glauben. Kann man sein Leben umfassend erzählen? Allein das involviert bereits ästhetische Fragen – solche einer Poetik autobiographischer Literatur nämlich. Das Ephemere zu fassen, bedeutet für Bohrer nämlich, eine Stimmung zu erzeugen, eine Atmosphäre, die auf den Leser überspringt:

„Das ist nicht Teil einer Autobiographie, sondern Phantasie einer Jugend. Der Erzähler sagt nicht das, was er über seinen Helden weiß, sondern das, was sein Held selbst wissen und denken kann – je nach seinen Jahren. Die Neugier des Lesens wird auch nicht durch eine biographische Identifizierung der übrigen Charaktere und Schauplätze befriedigt, sondern ausschließlich durch die Darstellung der Atmosphäre und der Gedanken einer vergangenen Zeit.“

Phantasie ist für Bohrer das Stichwort und in diesem Sinne bis heute das Mantra seiner ästhetischen wie theoretischen Existenz. Diese Phantasie ist zugleich ein Schlüssel, mit dem Bohrer später dann die Texte abklopft. Nicht daß er sie aufschlösse, sondern vielmehr liest er aus ihnen ihr expressives Moment heraus. Nicht um Deutung geht es ihm, sondern im Sinne Barthes um eine „Lust am Text“, wenngleich sich Bohrer vermutlich gegen solche Phrasen sperren würde. Am „Michael Kohlhaas“ interessiert ihn nicht die Frage der Moral, sondern die bis zum Exzeß aufgesteigerte wilde Geste. Das Eruptive, das Ereignis. In diesem Sinne versuchte Karl Heinz Bohrer immer wieder, der akademischen Theorie in den Literaturwissenschaften ein sinnliches Moment beizugeben. „Granatsplitter“ erzählt wie es dazu kam.

Im März diesen Jahres ist nun der zweite Teil von Bohrers Autobiographie erschienen, sie trägt den Titel „Jetzt“ und führt uns in die wilden, aber eben auch, wie Bohrer es empfindet, provinziell-langweiligen Gründerjahre der BRD und darüber hinaus in die Gegenwart hinein. Was die Lektüre von „Jetzt“ so fesselnd macht: Er schwimmt gegen den linken Mainstream politischer Korrektheiten, die heutzutage alles daran mißt, wie marginalisiert jemand ist, anstatt wieder auf die Sache zu kommen. Gesellschaftskritik freilich ist nur bedingt Bohrers Angelegenheit. Und wenn er sich in diese Gefilden begibt, dann aus einer bürgerlich-konservativen Warte heraus. Besser daß alles bleibt, wie es ist, damit sich besser und schöner phantasieren läßt. Die von ihm als langweilig konstatierte bürgerliche Gesellschaft dient Bohrer lediglich zum Schutz der eigenen Phantasie, wie er es an einer Stelle des Buches schön formuliert. Das mag mancher als Eskapismus werten. Im Sinne eines konsequent verstandenen Ästhetischen ist dieses Lebensmotiv Bohrers jedoch berechtigt, weil der Sache gemäß: adaequatio rei et intellectus. Etwas böse gemeint, könnte man Bohrer als einen Adorniten lesen, dem die Utopie schwarz verhüllt ist. Aber das würde ihm vermutlich die Zornesröte ins Gesicht treiben.

Man kann beide Bücher – „Jetzt“ und „Granatsplitter“ – unabhängig voneinander lesen, man kann mit „Jetzt“ anfangen, ohne „Granatsplitter“ gelesen haben zu müssen. Beide Bücher zumindest sind für sich lesenswert. Das eine aus der Distanz heraus in der Perspektive der dritten Person erzählt. Das Kind, das einer mal war, eine Kindheit, die fern zurückliegt, über siebzig Jahre. „Jetzt“ hingegen, ganz gegenwärtig in der ersten Person singular. Beide Bücher berichten vom Leben eines der letzten Intellektuellen der BRD, der sich selber nie als solcher sah und auch die Theorie nur betrieb, um seiner Sinnlichkeit und der Phantasie zu frönen. Um diese Bedeutung des Phantastischen, der Tragödie, des Pathos für heutige moralingeträufelte Ohren überhaupt noch verständlich zu machen, muß man vielleicht auf Bohrers ganz frühes Theoriewerk verweisen: „Die gefährdete Phantasie, oder Surrealismus und Terror“ sowie daran anschließend seine umfangreiche Habilitation „Die Ästhetik des Schreckens“.

Karl Heinz Bohrer: Granatsplitter, Hanser Verlag 2012, 320 Seiten, 19,90 EUR

 

Veröffentlicht unter Buchkritik | Verschlagwortet mit | 7 Kommentare

Vom Sublimierungsdenker in der Theorie

„Ich glaubte aber, das sexuelle Ereignis, ob Tier oder Mensch, sei etwas Ungeheures. Später dachte ich, man könnte sich nichts Verführerisches vorstellen als die Frauen als Stuten. Nie sprach jemand davon, aber viele dachten es, ganz gewiss.“

Dies schreibt Karl Heinz Bohrer in seiner Autobiographie Jetzt. Ich habe jedoch statt der Stuten tatsächlich Statuen gelesen. Man könne sich nichts Verführerisches vorstellen als die Frauen als Statuen. Zweimal. Ich schrieb mir das Zitat ab, ordnete es in meinem Zettelkasten unter der Rubrik Bildende Kunst ein, las es gegen. Erst dann, beim dritten Lesen fiel mir auf, daß jenes Zitat auf dem falschen Zettel gelandet war. Man mag darüber denken, was man will. Wo ich Verdinglichungen lese, ziert Bohrer das Ereignis mit Lust und mit der Wildheit im Augenblick: The sublime is now! Ich hingegen drehe den Pygmalion-Effekt in die andere Richtung. Im Stein.

„Warum gibt es so viele Statuen in den Landschaften der Melancholie? Warum gibt es auf Giorgio de Chiricos 1912 gegebenes Signal hin alle diese großen Melancholieszenen in der Malerei zu Beginn des Jahrhunderts? (…)

Eine Statue auf einem Gemälde, das ist gewiß in der Organisation des Bildes ein Knotenpunkt, ein Reiz, den der betrachtende Blick nicht zu ignorieren vermag: Er muß anhalten, sich dort aufhalten.“ (Jean Starobinski, Der Blick der Statuen)


 
 

Die beiden Statuen wurden von mir im Sommer 2015 in Wien abgelichtet.
Veröffentlicht unter Fetzen des Alltags | Verschlagwortet mit | 6 Kommentare