Karl und Rosa, Eis und Eden

„Niemand zeugt für den Zeugen“ (Paul Celan)

Es gibt ein Gedicht von Paul Celan, das trägt den Titel „Eis, Eden“ (1963), es stammt aus dem Gedichtband „Die Niemandsrose“. Dieser Titel paßte ebensogut zu jener Lyrik, die mit dem Satz beginnt „Du liegst im großen Gelausche“ – Celan ließ in seiner späten Dichtung konsequent die Überschriften weg. Dieses Gedicht hat – man wird das vermutlich nur über Umwege und über die Kombination der Textelemente feststellen – die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg zum Thema. Das Gedicht ist undatiert, obwohl es in seinem Kern an ein Datum gebunden ist. Es wurde 1971 postum in dem Band „Schneepart“ publiziert, und es geht so:

DU LIEGST im großen Gelausche,
umbuscht, umflockt.

Geh zur Spree, geh zur Havel,
geh zu den Fleischerhaken,
zu den roten Äppelstaken
aus Schweden –

Es kommt der Tisch mit den Gaben,
er biegt um ein Eden –

Der Mann ward zum Sieb, die Frau
mußte schwimmen, die Sau,
für sich, für keinen, für jeden –

Der Landwehrkanal wird nicht rauschen.
Nichts
xx stockt.
(Paul Celan, im Gedichtband „Schneepart“)

Ich hatte bereits an dieser Stelle auf AISTHESIS über das Gedicht geschrieben. Ein paar Ergänzungen nur seien angemerkt, weil gestern der Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zum 98. Mal sich jährt. Peter Szondi schrieb einen kleinen Aufsatz über jenes Gedicht. Der Text heißt „Eden“ und befindet sich in den Schriften Band 2. Bemerkenswert bzw. hart im Faktum ist der Umstand, daß Szondi im Oktober 1971 in den Halensee stieg und sich ums Leben brachte – eineinhalb Jahre, nachdem Paul Celan von der Pont Mirabeau in die Seine sprang und ertrank. Am 20. April, Ironie der Geschichte. Beide waren sie als Juden späte Opfer der NS-Vernichtung. Wasserszenen also, aber kein Undinenzauber und es hat die Deutsche Romantik sich ausgeträumt. Die Wunde Eichendorff, um einen Aufsatz Adornos abzuwandeln.

Szondi schildert in diesem Text eine Tour durch Berlin, Celans Besuch in Plötzensee, Beobachtungen Celans, seine Lektüre einer Dokumentation zu Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg; ein Weihnachtsmarkt, wo Celan einen schwedischen Adventskranz erblickte, aus rotgestrichenem Holz mit Äpfeln und Kerzen bestückt, ein Spaziergang, den Szondi mit Celan unternahm. Wege, die sie gemeinsam abschritten, eine Fahrt vorbei am Hotel Eden, direkt am Europa-Center, wo Rosa Luxemburg zu Tode gefoltert und Karl Liebknecht durchlöchert wurde wie ein Sieb. Die biographischen Umstände also, unter denen dieses Gedicht entstand. Sicherlich konnte Peter Szondi als Zeuge mehr als jeder andere dazu beitragen, das Gedicht zu deuten. Aber was trägt dieses Wissen zur Interpretation eines Gedichtes bei?

„Indessen macht die Kenntnis der Realien, der realen Erfahrungen, die aus Celans Aufenthalt in Berlin um Weihnachten 1967 in das Gedicht Du liegst … eingegangen sind, noch keine Interpretation des Gedichts aus. Vielmehr eröffnet sich solcher Kenntnis die entstehungsgeschichtliche Dimension, in welcher zwar fast jede Stelle des Gedichts auf ein bezeugtes Erlebnis zurückverweist, nicht minder aber der Weg von den realen Erlebnissen zum Gedicht sichtbar wird, ihre Verwandlung. In dem Spannungsfeld zwischen dem halb vom Zufall gefügten Allerlei der Berliner Tage Celans und der kunstvollen Konstellation, welche das Gedicht ist, erscheint dieses dem Leser, der Celan in jenen Tagen begleiten durfte. Darum kann seine Absicht nicht sein, das Gedicht auf die Daten und Fakten zurückzuführen, aus denen die vierzehn Verse zusammenschossen, wohl aber zu versuchen, die Vorgang dieser Kristallisation nachzuvollziehen.“ (Peter Szondi, Eden)

Wer Gedichtete deutet, muß auf einer anderen Ebene lesen, auf anderes rekurrieren als aufs factum brutum. Eine Absage an jeglichen literaturwissenschaftlichen Positivismus. Szondi thematisiert – gleichsam als negative Größe, als Leerstelle – genau dieses Biographische, das Autobiographische jeglicher Dichtung im Grunde, das bis heute Thema der Lektüren, eine Art Fetisch ist und die Konstruktion, die Fiktion, das lyrische Ich überwuchert und in einen handhabbaren Kontext gelebten Lebens einzuhegen versucht. Deutbar durch Daten, das lyrische Ich nur eine krude Funktion des empirischen Ichs. Aber solche Sicht beraubt am Ende einen Text – egal ob Prosa oder Poesie – ums beste. Gedichte sind keine Berichte. Insofern ist dieser knappe Essay von Szondi auch aus Gründen der Methode in den Literaturdeutung so ungeheuer bedeutsam. Szondis Methode ist eine dialektische. Denn er schaltet das Biographische eben nicht krude im Sinne einer immanenten Lektüre des Hermeneutikers aus und markiert es als irrelevante Größe, sondern er nimmt diese Bezüge als Zeugnisse ernst. Oder wie es bei Adorno in seiner „Ästhetischen Theorie“ heißt: ein Kunstwerk ist immer beides. Fait social und autonom.

„Inwiefern ist das Verständnis des Gedichts abhängig von der Kenntnis des biographisch-historischen Materials? Oder prinzipieller gefragt: Inwiefern ist das Gedicht durch ihm Äußerliches bedingt, und inwiefern wird solche Fremdbestimmung aufgehoben durch die eigenen Logik des Gedichts?“

Doch das Gedicht, so Szondi, läßt all diese (privaten) Beobachtungen Celans, die biographischen Prämissen und die Flanier-Szenen des Dichter-Beobachters hinter sich. Der Nachmittag eines Schriftstellers ist hier nicht das Thema des Gedichts, genausowenig das, was er an den Phänomenen beobachtet und ebensowenig das Betrachten selbst als kontemplativer Zustand des Dichtens, aus dem heraus wie durchs Wunder oder das Ingenium des genialen Künstlers das Gedicht sich ergießt. Das Gedicht erzeugt eine Wirklichkeit sui generis – wie überhaupt das gelungene Kunstwerk eine Welt eigener Art und Ordnung ins Werk setzt – eine „nicht auf subjektive Zufälligkeiten reduzierte Wirklichkeit“. (Der Bezug zu Hegels Ästhetik wie auch zu Heideggers Kunstwerk-Aufsatz, der darin von Hegel die Redewendung von der stiftenden Funktion des Kunstwerks borgte, liegen auf der Hand.) Es verknüpfen sich dabei in dem Gedicht die Motive: das Weihnachtsfest und der (politische) Mord, Fleischerhaken und rote Äppelstaken, der Tisch mit den Gaben und das Eden, und sie schließen sich zu einem gänzlich neuen Kontext zusammen. Doppeldeutig allemal. Einerseits das Hotel, andererseits ein Garten der Lüste und der Freude.

Es bleibt in diesem Gedicht insbesondere das Paradies- und auch das Erlöser-Motiv („für sich, für keinen für jeden“) festzuhalten und zu konstatieren, wie es bei Celan mit dem Tod kontaminiert wurde. Eine negative Geschichtsphilosophie, fern jeglicher Utopie. Was tun und was geschieht? Es zeigt sich im letzten Wort, in den letzten beiden Zeilen, im Enjambement, das den Satz und damit einen dialektischen Fluß auftrennt, die Umkehrung des Heraklit zugeschriebenen Bildes vom panta rhei in der Verneinung und als Anspruch und Abbruch:
Nichts
Stockt.
Der Engel der Geschichte, den Benjamin schilderte und den Heiner Müller als glücklosen ins Bild setzte, erstarrt. Nein, nicht einmal das. Er dröselt sich auf, bricht ab. Im großen Gelausche zu liegen, umbuscht, umflockt – ein eigentlich romantisches Bild: die eingedeckte Tote im Fluß. Eine Art Ophelia. Eigentlich geht es nur noch ums Minimale, um den letzten Rest: Ums Überleben. Doch selbst dieses Weiterleben ist nicht selbstverständlich.

Das Gedicht „Eis, Eden“ schließt mit diesen Zeilen:

Das Eis wird auferstehen,
eh sich die Stunde schließt.

In einem entfernten Sinne geben diese Zeilen sogar ein Stück weit Hoffnung. Die Erlösung noch des Unerlösbaren. Die Auferstehung des Eises.

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Die Presse

Es ist, es war, es bleibt: leider aktuell. Wie immer und auf den Punkt bringt und singt es Karl Kraus, das Lied von der Presse. Ja, die Welt und wir haben es in der Tat weit, sehr weit gebracht: Zur Zeitung. Hätte Karl Kraus von Twitter und Facebook geahnt: Er nutzte das technisch Neue. Aber in seinem Sinne und in böser Anklage gegen die, die sich heute so unendlich leichfertig User nennen. Seine Aphorismen mögen zum 140-Zeichen-Satz taugen, denn sie pointieren und spießen auf. Seine komplexen Texte jedoch eignen sich nicht dazu, ihren Gehalt auf 140 Zeichen zu reduzieren, und es ist insoofern nachgerade absurd, Kraus bloß auf die flotte Sentenz herunterzubrechen. Was er zur Literatur schrieb, zu Heine und über seinem verehrten Nestroy, zu Sittlichkeit und Kriminalität, wenn es darum ging, daß vor Gericht nicht die Angeklagte, sondern vielmehr ihr sozialer Status verurteilt wurde – das paßt nicht in 140 Zeichen. Verdinglichung pur.

Andererseits heftete sich der Blick von Karl Kraus ans geringste Detail und entzündete sich daran. Er sezierte die Zeitung messerscharf anhand des vermeintlich Nebensächlichen.

„Ich pfeife auf den Text, ich bin imstande, das Antlitz der heutigen Welt mir aus dem hinteren Annoncenteil zusammenzustellen.“

 

 

Im Anfang war die Presse
und dann erschien die Welt.
Im eigenen Interesse
hat sie sich uns gesellt.
Nach unserer Vorbereitung
sieht Gott, daß es gelingt,
und so die Welt zur Zeitung
er bringt.

Die Welt war es zufrieden,
die auf die Presse kam,
weil schließlich doch hienieden
Notiz man von ihr nahm.
Auch was sich nicht ereignet,
zu unserer Kenntnis dringt;
wenns nur fürs Blatt geeignet –
man bringt.

Wenn auch das Blatt die Laus hat,
die Leser gehn nicht aus;
denn was man schwarz auf weiß hat,
trägt man getrost nachhaus.
Was wir der Welt auch rauben,
sie bringt uns unbedingt
dafür doch ihren Glauben;
sie bringt.

Sie lesen, was erschienen,
sie denken, was man meint.
Noch mehr läßt sich verdienen,
wenn etwas nicht erscheint.
Wir schweigen oder schreiben,
ob jener auch zerspringt –
wenn uns nur unser Treiben
was bringt.

Die Welt, soweit sie lebend,
singt unsere Melodie.
Wir bleiben tonangebend
von aller Gottesfrüh.
Nach unsern notigen Noten
die Menschheit tanzt und hinkt,
weil Dank sie für die Toten
uns bringt!

Die Zeit lernt von uns Mores,
der Geist ist uns zur Hand,
denn als Kulturfaktores
sind wir der Welt bekannt.
Kommt her, Gelehrte, Denker,
komm, was da sagt und singt,
daß hoch hinauf der Henker
euch bringt!

Wir bringen, dringen, schlingen
uns in das Leben ein.
Wo wir den Wert bezwingen,
erschaffen wir den Schein.
Schwarz ist’s wie in der Hölle,
die auch von Schwefel stinkt,
wohin an Teufels Stelle
man bringt!

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Charlie Hebdo – 7.1.2015

Paris, diese so leichtlebige, elegante, teure Stadt hat sich innerhalb von wenigen Jahren nicht ein Stück geändert und sie ist doch eine ganz andere geworden. Zwei Jahre ist der Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo nun her. Doch der Begriff Anschlag ist nicht ganz korrekt – richtig muß es heißen: das Massaker, das Islamisten anrichteten. Man muß nicht alle Karikaturen dieses Magazin mögen – das tun viele Menschen auch bei der Titanic nicht; Martin Mosebach wird über das Bild vom Papst Benedikt mit den Fantaflecken auf der Soutane nicht gelacht haben –, aber es muß möglich sein, solche Karikaturen zu zeigen. Das müssen auch Muslime aushalten, wenn sie im Westen leben möchten. Ob diese Zeichnungen ihnen gefallen oder nicht. Wer hier nach Religionen und Gehalten differenziert und das große „Ja, aaaaaber“ anstimmt, sollte dann besser generell und mit offenem Visier für ein Verbot der Satire eintreten, die Religionen zu karikieren. Und vielleicht überhaupt für ein Verbot der Kritik an der Obrigkeit optieren. Das Prinzip einer säkularen Moderne jedoch wird damit verraten.

Doch mit Kant gesprochen bleibt allein der kritische Weg offen. Dieser Weg kann vielfältig ausfallen und er ist oft, wie Kant schreibt, ein „dornichter Pfad“. Zu diesem Pfad gehört ebenso die alberne oder sogar die beißende Satire und manchmal auch der Holzweg. Auch solche Satire kann in einem Kantischen Sinne Aufklärung bedeuten. Sicherlich hat die Verletzung von Religion ihre Grenzen – das gilt dann übrigens auch für die Satire auf christlichen Religionen – und man sollte sich bei einer guten Karikatur immer fragen, ob die Provokation Selbstzweck ist, um Mohammed zu beleidigen, oder ob sie ein politisches Problem aufspießt. Ein Mohammed, der Ziegen fickt, ist in den meisten Konstellationen nicht besonders witzig. Aber eine solche Zeichnung muß in einem Heft gedruckt möglich sein. Und ebenso muß die Kritik an solchen Karikaturen möglich sein: man muß sie dumm nennen dürfen, sofern eine solche Karikatur einfach nur anti-islamische Ressentiments bedient. Und ebenso muß wiederum eine Kritik an dieser Kritik möglich sein. Dieses Verfahren nennt sich öffentlicher Diskurs, auch wenn es häufig ad infinitum läuft und häufig leider nur der Bestätigung des eigenen kleinen Weltbildes dient. Dennoch: von diesem Modus der Kritik kann mancher Muslime und auch mancher militante Katholik etwas lernen und sich abschauen. Im übrigen bleibt Kritikern einer Karikatur immer noch der Rechtsweg offen.

Ich fürchte jedoch für die nächsten Jahre, daß die Kämpfe härter werden und immer ein Stückchen weiter tröpfelt der Extremismus ein, auch aufgrund der unendlichen Feigheit der Linken, sich Problemen zu stellen, Probleme zu benennen, aus Furcht zu verletzen. Aber wo schon ein Text von Houellebecq einer bestimmten Gruppe der Linken Anathema ist und vor Lehrveranstaltungen an der Uni Triggerwarnungen herausgegeben werden müssen, ist nicht allzuviel an Widerstand zu erwarten: Weder gegen den Kapitalismus in toto noch gegen religiöse Bevormundung.

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Ein bewegendes und instruktives Interview mit der Illustratorin und Comic-Zeichnerin Catherine Meurisse gibt es auf dem Blog intellectures. Sie kam bei dem Massaker in den Räumen von Charlie Hebdo mit dem Leben davon.

Einen schönen Text zu meinem geliebten Paris und ein feines Gedenken auch an die Opfer dieses Anschlags und ebenso an die Opfer auf den jüdischen Supermarkt – das wollen wir ebensowenig vergessen – schreibt Melusine Barbey auf ihrem Blog „Gleisbauarbeiten“. Zu Paris, zu Frankreich heißt es dort:

„Die Grande Nation feiert ihre Siege. (Trotz vieler Besuche in Paris zuvor: Ich war zuvor noch niemals in Versailles. Aus Gründen. Die sich in diesem neuen Jahr als richtige erwiesen. Die Galerie der Schlachten und den Spiegelsaal – ich kann sie nicht anders betrachten als  mit dem schaurig-bösen Triumphgefühl der eingefleischten Republikanerin, die Köpfe rollen lassen wollte, wenn Köpfe noch zu haben wären. … Winterkorn. Ach nein, wir fordern keine Laternen. Mehr.) Auch das Frankreich von heute gibt sich wehrhaft, gewaltig, gewalttätig, prächtig und schön. Der Laizismus immerhin – anders als die deutsche Linke in ihrer relativistischen Pseudo-Toleranz – erkennt seine Feinde und stellt sich ihnen entgegen, stolz, herrisch auch. Die Geschichte des Kolonialismus, zum Beispiel, unaufgearbeitet.“

Da ist etwas dran. Allerdings hat Frankreich jenes Problem mit bestimmten Ausprägungen des Islams zu großen Teilen selber herbeigeführt. Durch organisierte Gleichgültigkeit, durch Ghettosierung, durch Benachteiligung bestimmter Gruppen. Wer sieht, daß er niemals mehr eine Chance haben wird, strengt sich irgendwann nicht mehr an, sondern läuft aus dem Ruder. Zumal dann, wenn das Abziehen und Beklauen von Menschen einträglicher ist als die Arbeit und wenn das sowieso niemand sanktioniert. Zumal die Medien, von der Werbung bis zu den Auslagen, das Besitzen und Konsumieren als die neue Religion der Waren ausstellen. Jede Auslage ist eine Aufforderung. Die Riots in London 2011 haben das gezeigt. Die Menschen haben sich genau das genommen, was die Werbung ihnen versprach. Was bedeutet das? Es bedeutet, daß Werbung funktioniert.

In der BRD kann man von dem, was sich in Frankreich abspielt, nur lernen und es besser machen. Keinen Fußbreit den Intoleranten und denen, die eine totalitäre Variante ihrer Religion peu à peu einträufeln wollen. Dieses Sickern fängt bereits in den ganz kleinen Dingen an. Als alte Sozialdemokraten sollten sich manche noch an das schlechte alte Lied des Stasi-Spitzels Diether Dehm erinnern: „Das weiche Wasser bricht den Stein“. Im guten, im schlechten. Von der Abschaffung oder meinetwegen auch von der evolutionären Umpolung des Kapitalismus, wie sie uns Armen Avanessian, Nick Srnicek und Alex Williams in ihrem „Manifest für eine akzelerationistische Politik“ empfehlen, sind wir noch Lichtjahre entfernt. Die kommende Revolution wird eine religiöse sein. Der erwachte Trikont hat sich seiner politischen Ideen entledigt. So zumindest scheint es. Diese Einschläge spürte die letzten zwei Jahre Paris, und die Ausläufer bemerkt nun auch die BRD.

 

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Clash of Civilisation oder was sind Nafris?

Mag sein, jene Idee vom Clash of Civilisation wurde nach dem Zusammenbruch des Ostblocks von konservativen US-Thinktanks erfunden, um ein neues Freund/Feind-Schema zu installieren. Auf diese Weise sollte nach der Ausschaltung des ehemaligen Gegners eine neue Politik ins Spiel gebracht werden. Doch keineswegs ist diese Idee vom Kampf der Kulturen neu. Dieser Kampf herrschte zu archaischen Zeiten, und er ist uns schriftlich übermittelt, spätestens mit dem Beginn der Geschichtsschreibung unter Herodot und Thukydides. Perser und Helenen. Zwei Welten, die sich dennoch durchdrangen. Orient und Okzident. Geschichte denkt immer auch im Schema der Gegnerschaft, wenn die Völker aufeinander einschlagen.

Richtig sind solche Befunde, wenn sie die unterschiedlichen Regionen, die Differenz, die Dissonanzen der Kulturen und die unterschiedlichen kulturellen Gepflogenheiten kennzeichnen. Solche Markierungen und Differenzieren fallen uns in der BRD inzwischen vermehrt auf. Lebten wir in der alten BRD noch unser beschauliches Inseldasein, von den „Eingeborenen von Trizonesien“ bis hin zum Wirtschaftswunder, „hier kommt das Wirtschaftswunder“,  mit einigen „Gastarbeitern“ aus anderen Ländern, die wir lediglich deshalb beachteten, weil sie für uns meist Personal waren, das putzte, kochte, servierte oder andere wenig geschätzte Tätigkeiten verrichtete, so hat sich die Situation inzwischen geändert. Die, von denen wir dachten, sie seien Gäste, blieben. Sie brachten ihre Kultur mit, und wie es bei Kulturen so ist, traten nicht nur die schönsten Seiten zutage. Die Gesellschaft – und das sind mithin wir – hat es schleifen lassen. In mehrfacher Hinsicht. In Berlin und auch in anderen Städten, z.B. im Ruhrgebiet, haben wir arabische Clans, die Kieze kontrollieren. Die Polizei rückt dort nicht mit Streifenwagen, sondern in Mannschaftsstärke an.

Wir finden in bestimmten Stadtteilen einen Islam vor, den wir in dieser Weise nicht haben wollen. Der Kampf gegen Kirche, Religion und Einschränkung durch Religion wurde von der Europäischen Aufklärung nicht deshalb geführt, damit solche Religion durch die Hintertür wieder hineinschlüpft. Und da gibt es eben Menschen, die das stört und die nicht in einer solchen Gesellschaft leben wollen. Wer kein Geld hat, muß in diesen Vierteln wohnen bleiben. Das erzeugt Unmut. Oft wird er heruntergeschluckt. Und er äußert sich auf unterschiedliche Arten. Das reicht hin bis tief in die sogenannten bürgerliche Mitte.

Ebenso gibt es den anderen Fall: Menschen lassen ihrem Haß auf solche, die anders aussehen, freien Lauf, stecken Menschen in Brand, schlagen den Schwarzen tot, obwohl sie eigentlich ganz gut biodeutsch unter sich leben und die Probleme in Kreuzberg, Neukölln, Marxloh oder Veddel nur am Rande und meist aus den Medien kennen. Nein, Clash of Civilisation als Begrifflichkeit trifft solche und andere Probleme nicht korrekt. Hier handelt es sich lediglich um Fragen des Zusammenlebens, um Fragen des wehrhaften Rechtsstaates und nach einer Justiz, die ggf. migrantische Straftäter konsequent in ihre Heimat zurückschickt, sofern sie nicht die deutsche Staatsangehörigkeit haben. (Aus diesem Grunde war ich übrigens immer für den Doppelpaß.) Abschiebung, das klingt nicht schön. Jedoch, Meister Hegel formuliert es in seiner „Logik“ so:

„Die gewöhnliche Zärtlichkeit für die Dinge aber, die nur dafür sorgt, daß diese sich nicht widersprechen, vergißt hier wie sonst, daß damit der Widerspruch nicht aufgelöst, sondern nur anderswohin, in die Subjektive oder äußere Reflexion überhaupt geschoben wird, und daß diese in der That die beiden Momente, welche durch diese Entfernung und Versetzung als bloßes Gesetztseyn ausgesprochen werden, als aufgehobene und auf einander bezogene in Einer Einheit enthält.“

Und genau das geschieht in solchen unendlichen Disputen ohne Handeln. Die Widersprüche gehen nicht zu Grunde, sondern werden in die unendlichen Diskurse, in die sogenannte Kommunikationsgemeinschaft, ins Twitter- und Facebookgemenge vertagt, mithin in die äußere Reflexion verschoben. Andererseits bleibt, geschichtsphilosophisch gedacht, die antagonistische Gesellschaft antagonistisch, da kann ein Staat – korrekterweise – abschieben wie er mag. Nach Hegels Logik ist womöglich seine Rechtsphilosophie der bessere Stil. Nicht Moralität, sondern die Sittlichkeit einer Gemeinschaft dient als Vorlage, eine Variante kommunitaristischer Vergesellschaftung. Obgleich reiner Kommunitarismus mit Hegel gerade nicht machbar ist. Sondern zentral steht ein starker und wehrhafter Staat. In Hegels Falle der Preußens. Zu Silvester 2015 war von diesem Staat, von seiner Exekutive nichts zu spüren. Unter den Augen der Polizei fanden hunderte von Sexübergriffen statt und ein arabischer Mob tobte sich über Stunden vor dem Kölner Dom und dem Hauptbahnhof aus – da helfen auch die Ausnahmen einzelner Syrier nichts, die beschützend eingriffen. Wahrlich ein geschichtsträchtiger Ort und symbolisch zudem hoch aufgeladen.

Diese Diskursgemeinschaft als eine des Widerstreits samt ihrer unseligen Dispute – sie wird uns auch 2017 in Atem halten. Das Jahr ist noch jung und bereits jetzt bringen uns die jüngsten Ereignisse zu Silvester auf Trab: der gelungene Polizeieinsatz am Kölner Hauptbahnhof und die völlig unverhältnismäßige Kritik daran. In Köln wurde diesmal gehandelt, und zwar in diesem Falle richtig. Es gab, anders als im letzten Jahr, keine massenhaften Sexübergriffe, die in rund 450 Anzeigen zu Sexualdelikten und in knapp 700 angezeigten Diebstählen kulminierten. Statt aber sich darüber zu freuen, daß es diesmal besser lief und an diesem öffentlichen Ort verhältnismäßig wenige Frauen Opfer von sexueller Gewalt wurden, traten Simone Peter (Grüne) und Christoph Lauer (SPD), um nur zwei Namen programmatisch zu nennen, eine absurde Sprachdebatte los, stießen sich an dem Begriff Nafri und an vermeintlichem racial profiling; diesen Begriff undifferenziert einfach lancierend.

Da reisen hunderte Nafris und Araber nach Köln und wollen das fortsetzen, was sie Silvester 2015 begannen, und es regen sich Dauerempörte nicht über die Täter, über die Sexgewalt jener Araber auf, sondern über Begriffe und Polizeimaßnahmen. Eine absurde Szenerie. Postfaktisch at its best. Maßnahmen übrigens, die letztlich zum Erfolg führten, eine hochaggressive Gruppe junger Nordafrikaner und Araber einzudämmen. Nicht die Taten wildgewordener jugendlicher Migranten auf der Domplatte sind inzwischen das Thema, sondern ein Begriff aus der Polizeisprache für 140 Zeichen. Und angebliches racial profiling. (Das es in vielen Zusammenhängen durchaus geben mag, nur eben nicht in der Causa Köln, wenn man sie in ihrer Gesamtheit betrachtet.) In Hamburg und auch in Köln hat es zu Silvester 2016 hochexplosive Lagen gegeben, im wahrsten Sinne des Wortes, und nun kommen Polizei-Dilettanten wie Simone Peter, Christoph Lauer oder Julia Schramm, klauben in Worten und wollen der Polizei erzählen, wie sie zu arbeiten hat.

Anlaßbezogene Personenkontrollen sind natürlich kein Rassismus, wenn von diesen kontrollierten Gruppen – in diesem Falle Nordafrikaner (Nafri) und Araber – eine Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht und diese sich bereits bei der Anreise und in Kontrollsituationen aggressiv verhalten. (Was als solches schon eine Eselei ist.) Es haben in Köln keine grauhaarigen, heterosexuellen, alten, weißen Männer gewütet, die ansonsten gerne als Pauschalbild herhalten müssen, und auch keine Vietnamesen. Insofern werden sowohl diese wie auch jene eben nicht vermehrt kontrolliert.

Ein paar gute Fragen an jene reisefreudigen Nafris, die es auch dieses Jahr wieder nach Köln zog, sogar von Frankreich und der Schweiz her, stellte Don Alphonso:

„Herzlich willkommen in meinem Heimatland. Warum bist Du dieses Jahr ausgerechnet nach Köln gefahren?

Gefällt es Dir in Dortmund, Bonn und Düsseldorf nicht?

Habt Ihr Euch etwa hier verabredet? Es sind so viele. Irgendwie glaube ich nicht ganz an einen Zufall.

Bist Du Dir ganz sicher, dass der Kölner Hauptbahnhof der ideale Ort ist, um an diesem Tag mit dieser Vorgeschichte dort aufzulaufen?

Warum geht von Dir und Deinen Freunden ‚Grundaggressivität‘ aus?

Warum habe ich als Begründung bislang nicht gehört, dass Du mit Deinen jugendlichen Freunden dort für ein paar Minuten eine spontanes Zeichen gegen Gewalt an Frauen und gegen Kriminalität setzen willst, obwohl das doch sicher eine gute Gelegenheit zur Verbesserung des Verhältnisses zwischen Einheimischen und Zuwanderern wäre?

Habt Ihr nicht auch ein wenig den Eindruck, dass Euer diesjähriges Kommen den Einheimischen, wie soll ich sagen, in gewisser Weise etwas renitent und unbelehrbar erscheint?

Wunderst Du Dich ernsthaft, dass die Polizei dann mit Personenkontrollen überprüfen will, wer da in Köln feiern möchte?

Was würde eigentlich die Polizei in Deiner Heimat bei so einer Gelegenheit tun, und würde sie Deine Rechte ähnlich wahren wie die Polizei bei uns?“

Fragen an jene Nordafrikaner, auf die viele gerne eine Antwort hätten. Populismus ist manchmal eine gute Sache, denn er bringt drängende Fragen auf den Punkt und spitzt die Widersprüche zu.

Simone Peter empfindet die Debatte um ihre Person inzwischen als „diffamierend und verletzend“ (SpON). Nun ja, erst denken, dann schreiben, möchte ich raten, wenn man zu Silvester mit seinem Hintern auf dem Sofa im Warmen hockt, statt als Politikerin vor Ort sich aufzuhalten und mal zu schauen, was in Köln sich zuträgt. Ein wenig die aggressive Grundstimmung dieser jungen Männer einfangen: Weshalb war Simone Peter Silvester nicht auf der Domplatte und am Hauptbahnhof und hat mit jenen zu hunderten angereisten Nafris gesprochen, vor allem um die ungehemmte Aggression dieser Leute zu beruhigen?

Und nun kritisieren zudem jene den Umgang mit Peter, denen es ansonsten eiskalt egal war, als Rainer Brüderles politische Existenz vernichtet wurde – allerdings nicht sofort, sondern strategisch kalkuliert, ein Jahr nach seiner flapsigen Äußerung. Im Gegensatz zu den 454 Sexübergriffen in Köln, wo über Stunden hinweg Finger in alle möglichen Körperöffnungen gesteckt wurden, handelt es sich bei Brüderles Äußerung, das muß man immer wieder festhalten, um eine – zudem noch unter vier Augen gesagte – Flapsigkeit. So hoch die Wellen bei Brüderles Verbalsalat schlugen, so verhalten die Reaktionen der Brüderle-Hetzer nach Köln 2016. Abwiegeln, kleinreden, schönfärben heißt die neue Diskurssport der Postfaktischen.

Die richtigen Fragen an Simone Peter stellt im „stern“ Tilman Gerwien.

1. Finden Sie es richtig und angemessen, dass eine grüne Parteivorsitzende in ihrer ersten Reaktion nach einem solchen Mammut-Einsatz vor allem Sprachwächterin spielt – anstatt sich vielleicht mal ein Wort des Dankes abzuquetschen für die vielen Tausend beteiligten Polizistinnen und Polizisten, die Silvester sicher auch lieber zu Hause gewesen wären (wie Sie es vermutlich waren)?
(…)
3. Waren Sie schon einmal bei einem Bundesligaspiel? Haben Sie dort gesehen, dass Fans der beiden Mannschaften, soweit sie als solche an ihren bunten Trikots und Schals erkennbar sind, von der Polizei zum Stadion eskortiert werden, was eine erhebliche Einschränkung der individuellen Bewegungsfreiheit bedeutet, obwohl nicht jeder Fan ein gewaltbereiter Hooligan ist? Finden Sie diese Praxis auch diskriminierend? Wo kann ich eine entsprechende Meinungsäußerung von Ihnen nachlesen?
(…)
5. Finden Sie zumindest Zugang zu dem Gedanken, dass die Kölner Polizei am Hauptbahnhof und auf der Domplatte vor allem Werte verteidigt hat, für die Ihre grüne Partei eintritt? Zum Beispiel das Recht von Frauen, zu feiern, wann und wo sie es wollen, bekleidet, wie sie es für richtig halten, in einer (männlichen) Gesellschaft, die sie sich selber ausgesucht haben – und das alles auch noch ohne betatscht, begrapscht, vergewaltigt und beklaut zu werden?
6. Ist es nicht ein wenig albern, dass Ihre Partei immer noch reflexartig bei jedem, aber auch wirklich jedem Vorschlag zur Verbesserung der öffentlichen Sicherheit die „Bürgerrechte“ in Gefahr sieht – wo es doch das vornehmste aller Bürgerrechte ist, von seinem Staat vor Kriminalität und Terror geschützt zu werden? Ist es nicht auch ein Bürgerrecht, als junge Frau abends im Park joggen zu können, ohne Angst haben zu müssen? Ist es nicht auch ein Bürgerrecht, auf einem Weihnachtsmarkt nicht von einem durchgeknallten Islamisten mit schwerem Lkw wie ein Insekt plattgewalzt zu werden? Ist die Freiheit, keine Angst haben zu müssen, nicht die wahre Freiheit? Und wer sollte diese Freiheit garantieren – wenn es nicht ein starker Staat tut? Selbst ernannte „Bürgerwehren“ etwa?
(…)
11. Können Sie ungefähr den Zeitraum veranschlagen, den Sie brauchen, um sich zu der Erkenntnis durchzuringen, dass eine multikulturelle Gesellschaft (wie Ihre Partei sie will, genau wie ich), einen starken Staat zu Bedingung hat? Einen starken Staat, der es durchsetzt, dass Nazis keine Flüchtlinge attackieren? Aber auch einen Staat, der durchsetzt, dass Frauen Frauen küssen und lieben können, auch in Berlin-Neukölln, ohne von jungen Arabern angespuckt zu werden, einen Staat, der es durchsetzt, dass junge Mädchen aus Migrantenfamilien selber entscheiden können, wann und wen sie heiraten, einen Staat, der durchsetzt, dass es nur einen Ort gibt, an dem in unserem Land Recht gesprochen wird – an deutschen Gerichten. Halten Sie mich auf dem Laufenden, was diesen, ihren Erkenntnisfortschritt betrifft?“

Dieses Jahr wird ein hartes Jahr, weltweit, europaweit und auch in der BRD. In der sozialen Frage wird zudem von einer gespaltenen Gesellschaft gesprochen. Das muß nichts Schlechtes sein. Die Frage ist vielmehr, wie sich die Widersprüche entäußern. Der CSU wäre zu raten, bei der Wahl im Herbst bundesweit anzutreten.

Für Europa wird die größte Herausforderung sein, wie sich ein aufgeklärter europäischer Islam etablieren kann und wie wir mit dessen totalitären Tendenzen umgehen. Sie zeigen sich zudem nicht schlagartig, sondern sie sickern Stück für Stück ein. Der Holocaust-Überlebende Imre Kertész ist skeptisch und hegt Mißtrauen:

„Europa wird bald wegen seines bisherigen Liberalismus untergehen, der sich als kindlich und selbstmörderisch erwiesen hat. Europa hat Hitler hervorgebracht; und nach Hitler steht hier ein Kontinent ohne Argumente: die Türen weit offen für den Islam; er wagt es nicht länger über Rasse und Religion zu reden, während der Islam gleichzeitig einzig die Sprache des Hasses gegen alle ausländischen Rassen und Religionen kennt. Ich würde darüber reden, wie Muslime Europa überfluten, besetzen und unmissverständlich vernichten; darüber, wie Europa sich damit identifiziert, über den selbstmörderischen Liberalismus und die dumme Demokratie. Es endet immer auf dieselbe Weise: Die Zivilisation erreicht eine Reifestufe, auf der sie nicht nur unfähig ist sich zu verteidigen, sondern auf der sie in scheinbar unverständlicher Weise seinen eigenen Feind anbetet.“ (Imre Kertész, The last Refugee)

Clash of Civilisation, in einen harten Dualismus gepreßt. Nur wird dieser nötige Kampf von Europa inzwischen gemieden. Eher wird gegenüber dem Feind an die eigene Integrationskraft geglaubt, an die einhegende Wirksamkeit der Demokratie, der Grundrechte, der Menschenrechte. Das, was  Kertész formuliert, liest sich extrem und ohne Ausweg. Aber zugleich sollten wir die Propheterien des Untergangs, jenes geschichtsphilosophische Menetekel, das Kertész uns mahnend an die Wand zeichnet, nicht im Modus eins-zu-eins lesen, sondern als ein Bild, das uns warnt, als eine Metapher für das, was noch nicht ist, was aber droht. Nicht anders als Walter Benjamins letztes Werk, das er kurz vor seinem Tode notierte, seine Geschichtsphilosophische Thesen, die angesichts des nicht mehr nur heraufziehenden Faschismus Zeichen setzten.

Wieweit sich geschichtsphilosophischer Pessimismus freilich in den Optimismus überführen läßt, bleibt weiterhin fragwürdig. Wieweit auf die sich auskristallisierenden neuen Totalitarismen eine „Dialektik der Aufklärung“ noch zutrifft, stellt sich jedoch als Frage weiterhin und perennierend: ein umfassender, entfesselter transnationaler Kapitalismus, das Erstarken nationaler Bewegungen und ein totalitärer, rückständiger Islam, der Jahrhunderte vor der sexuellen und geistigen Aufklärung Position bezieht und im Archaischen verharrt. Immerhin aber vermag er den Menschen das Gefühl von Gemeinschaft zu bieten und den Männern das von Stärke. Das Jahr 2017 wird zugegeben spannend. Wie jedes neue Jahr.

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Die Tonspur zum Geburtstag: Patti Smith

Heute zum 70. Geburtstag, Idol einer Jugend, Idol meiner Jugend, noch zu Punk-Zeiten, als deren Ahnfrau sie zu recht beschrieben wird; ihre Musik immer gerne auf dem Plattenteller – „Horses“ natürlich, ebenso wie „Easter“. Das drehte sich im Kopf und immer im Kreis. Ein brachialer Sound klingt aus den scheppernden Boxen. Wildes Tanzen, Zigaretten und Drinks auf Party-Nächten und ein bißchen klägliches Fummeln. „Because the night“ war da der Bringer. Was für eine Sängerin und überhaupt diese Stimme, als ich Patti Smith zum ersten Mal hörte! – so ging es mir sonst nur mit Johnny Cash. Spricht sie singend oder singt sie sprechend? Das sowieso ist ja die Frage der Dichtung seit der Antike, wenn Texte zur Lyra vorgetragen werden. Sprache, die sich übersteigt und in den reinen Ton übergeht. Cello-Einsatz heißt ein Gedicht von Paul Celan. Oder Novalis: „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren// Sind Schlüssel aller Kreaturen// Wenn die, so singen oder küssen,// Mehr als die Tiefgelehrten wissen, …“ Und gut küssen konnte man zu dieser Musik ganz sicher. Schöne Frauen der 80er Jahre. Schwarze Lederjacke oder zerrissene Jacketts.

Schade, daß ich nicht zu Konzerten gehe – ich hätte diese Sängerin gerne live erlebt. Und wenn ich diese Lieder höre: Gleich wieder tanzen gehen! (Zumindest in den Gedanken. Aber wem nützt das Tanzen in Gedanken? Nun, vermutlich denen, die das Imaginäre nicht minder als das Reale schätzen, bedeutet das Imaginieren als Modus fürs Schreiben viel. Wie entstehen Intensitäten? Vermutlich durch beides, durch ein austariertes Verhältnis von Nähe und Ferne: Keine Ferne macht dich schwierig. Man darf nur nicht bei zu viel Nähe in der Flamme verbrennen.) Es gibt Pferde und weites, wildes Land. „All die schönen Pferde“. Wilde, brutale Gesellschaft. Americana. Auch davon singt Patti Smith. Vom ewigen Mythos des Pop. Von den USA und den Innenwelten.

Und dazu – natürlich – der Klassiker:

Eine Poetin, eine Lyrikern, eine Autorin ist Patti Smith noch dazu. Insofern sollte dann auf dem Leseplan für 2017 auch „M Train. Erinnerungen“ nicht fehlen.

Alles, alles Gute zum 70. Geburtstag, Patti Smith.

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Zwischen den Jahren

Aus der Nachträglichkeit heraus getextet: Meinen Leserinnen und Lesern wünsche ich, ein frohes Fest gehabt zu haben. Geraten Sie in den Rauhnächten nicht aus den Fugen. Aber wie es nun einmal ist und wie es Martin Heidegger in seiner Rede zur Selbstbehauptung der deutschen Universitäten 1933 formulierte, steht alles Große im Sturm.

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Wie man diesen beiden Photographien ebenfalls entnehmen kann. „Schwere See“, sangen Element of Crime und wie meine Geliebte, anspielungsreich in ihrer Art, diese Photos kommentierte. Unsere See ist immer die wilde, die schwer zu umsegelnden Meere.

Insbesondere inmitten des Seichten und der Ansprachenrhetorik der Politiker mag dieser Satz von der Größe und dem Sturm sich bewahrheiten. Ebenso ist jenes „Fürchtet Euch nicht“ ein schöner Satz – auch wenn er dem Volk von Politikern, Journalisten und Kommentatoren regelmäßig eingetrichtert wird, damit Ruhe im Karton ist. Ich gehöre jedoch zu denen, die diesen Satz nicht bloß weltlich, sondern vielmehr im strengen Sinne theologisch begreifen und solches nicht ins Gerede der Alltagspolitik umgemünzt wissen wollen. Wobei ich am Soteriologischen meine Zweifel hege. Auch der Gott mag uns nicht mehr retten.

Und um inmitten des Getümmels Klartext zu sprechen: Die Täter vom Breitscheidplatz in Berlin sind nicht das Böse – dies eben ist eine theologische Kategorie, die von Frau Merkel säkularisiert wurde -, sondern es sind Feinde; im Sinne Carl Schmitts könnte man auch, sofern man das Wort Terrorist nicht gebrauchen mag, von Partisanen sprechen. Ihre Ordnung gegen die andere Ordnung. Zu lesen wäre fürs nächste Jahr Schmitts Theorie des Partisanen. Gewiß wird 2017 nicht minder ereignisreich.

Die unseligen Ereignisse in Berlin bringt Stefan Winterbauer gut auf den Punkt:

„Die Politik findet jenseits der eingeübten Betroffenheitsrituale offenbar keine Sprache, dem Terror zu begegnen. Und die meisten Medien greifen dies auf und verstärken den Effekt, statt diese Sprachlosigkeit anzuprangern. Viele Medien sind gegenüber der Politik derzeit im Echo-Modus und sind damit Teil einer großen Beschwichtigungsmaschine. Ist das noch Gelassenheit oder schon Gleichgültigkeit?
(…)
Während ein staatsbekannter „Gefährder“, der mit einem gefälschten Ausweis eingereist ist, sich in einem Netzwerk radikaler Islamisten herumtrieb, eigentlich abgeschoben werden sollte und dessen Telekommunikation schon mal überwacht wurde, mutmaßlich am vergangenen Montag einen Sattelschlepper in einen deutschen Weihnachtsmarkt steuerte und 12 Menschen tötete. Was soll man da machen? Weiter Glühwein trinken? Ganz gelassen?“

Insofern sind die Appelle, keine Angst zu haben oder weiterzumachen wie bisher, von einer grenzenlosen Naivität. Reflex aus Angst. (Zumal Ängste und auch Furcht sich kaum durch Appelle beseitigen lassen.) Wobei es im übrigen interessant ist, daß die, die nun mahnen, Ruhe sei die erste Bürgerpflicht, mit denen deckungsgleich sind, die bei der Wahl Trumps in wilder Angstkommunikation wie die aufgescheuchten Hühner im Stall flatterten und hyperventilierten als stünde uns der Leibhaftige vor der Tür. Aber auch das gehört zum medialen Geschäft der doppelten Standards.

Was wird das nächste, das neue Jahr bringen? Auf alle Fälle setze ich die Serie zu 70 Jahre Dialektik der Aufklärung fort; es wird sicherlich ebenfalls um das Ende der Berliner Volksbühne unter der Intendanz Frank Castorfs gehen; die nächste documenta steht an. Die Ausstellung „Geschlechterkampf“ in Frankfurt am Main reizt mich zum Reisen und Schauen.

 

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Das Wesen des Weibes – „Geschlechterkampf. Franz von Stuck bis Frida Kahlo“ im Frankfurter Städel Museum

Im Spiel der Schleier und der Stoffe natürlich, wie Nietzsche es in seinen verschiedenen Vorreden propagierte, so steht das Weib da. Im Entzug, qua Stoff, der die Haut und jene zentralen Stellen des Körpers dem männlichen Blick und damit dem Zugriff zunächst entzieht – das Motiv jenes Jünglings vor dem Bildnis zu Sais variierend – und zugleich doch diese Haut unterm Stoff inszenierend. Aber Schleier, Tuch, Haut und Weib sind bei Nietzsche zugleich Metaphern. Nietzsche setzt neben den bekannten Wahrheitstheorien der Philosophie eine Weise von Wahrheit an, die sich herkömmlichen Bestimmungen entzieht. Die Wahrheit ist ein Weib, das Gründe hat, ihre Gründe nicht sehen zu lassen:

„Nein, dieser schlechte Geschmack, dieser Wille zur Wahrheit, zur ‚Wahrheit um jeden Preis‘, dieser Jünglings-Wahnsinn in der Liebe zur Wahrheit – ist uns verleidet: dazu sind wir zu erfahren, zu ernst, zu lustig, zu gebrannt, zu tief … Wir glauben nicht mehr daran, daß Wahrheit noch Wahrheit bleibt, wenn man ihr die Schleier abzieht; wir haben genug gelebt, um dies zu glauben. Heute gilt es uns als eine Sache der Schicklichkeit, daß man nicht alles nackt sehn, nicht bei allem dabei sein, nicht alles verstehn und ‚wissen‘ wolle. ‚Ist es wahr, daß der liebe Gott überall zugegen ist?‘ fragte ein kleines Mädchen seine Mutter: fragte ein kleines Mädchen seine Mutter: ‚aber ich finde das unanständig‘ – ein Wink für Philosophen! Man sollte die Scham besser in Ehren halten, mit der sich die Natur hinter Rätsel und bunte Ungewißheiten versteckt hat. Vielleicht ist die Wahrheit ein Weib, das Gründe hat, ihre Gründe nicht sehen zu lassen? Vielleicht ist ihr Name, griechisch zu reden, Baubo?… Oh diese Griechen! Sie verstanden sich darauf, zu leben: dazu tut not, tapfer bei der Oberfläche, der Falte, der Haut stehenzubleiben, den Schein anzubeten, an Formen, an Töne, an Worte, an den ganzen Olymp des Scheins zu glauben! Diese Griechen waren oberflächlich – aus Tiefe! Und kommen wir nicht eben darauf zurück, wir Wagehalse des Geistes, die wir die höchste und gefährlichste Spitze des gegenwärtigen Gedankens erklettert und uns von da aus umgesehn haben, die wir von da aus hinabgesehn haben? Sind wir nicht eben darin – Griechen? Anbeter der Formen, der Töne, der Worte? Eben darum – Künstler?“ (F. Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft)

Wahrheit wird nicht mehr einzig in der Tradition herkömmlicher Philosophie gefasst, etwa als Adaequatio-Theorie, sondern konstituiert sich als Entzug. Dabei kommen zu ihrer Darstellung auch literarische Mittel zum Einsatz. Wahrheit ist – qua Verkoppelung mit einem bestimmten Konzept von Weiblichkeit – eine Art „Spiel“, dass den traditionellen Wahrheitsbegriff übersteigt oder in einer neutraleren Variante: zumindest ergänzt. In diesem Sinne ist jenes Konzept einer Wahrheit als Weib auf Nietzsches frühe Schrift „Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne“ zu beziehen: Wahrheit ist ein Metapherntrieb, die Wahrheit ein Heer von Metaphern. Insofern ist es konsequent, dass auch der Wahrheitsbegriff bei Nietzsche sich in metaphorischer Form darbietet. Wahrheit ist nicht postfaktisch, sehr wohl aber unterliegt sie den Interpretationen bzw. wie es in Nietzsches Philosophie dann heißt, den Perspektiven. (Eine Philosophie des Perspektivismus könnte sicherlich auch eine gute Erklärung für unser babylonisches Stimmengewirr der Spätmoderne liefern, für all die Formen des Widerstreits ohne Überbrückung und Konsens.)

Andererseits darf der (männliche) Erkenntniskritiker, der zum Weibe geht, um das Weibliche zu zwingen, die Peitsche nicht vergessen. So der Rat des alten Weibleins im „Zarathustra“. Durch diese Weise metaphorischen oder verrätselten Sprechens, nähert sich der philosophische Wahrheitsbegriff einer Form von Literarizität an und unterliegt einer rhetorischen Strategie.

Erkenntnistheorie fungiert als eine Art von erkenntniskritischer Erotik und als eine Art Entzugs-Spiel also – all die Spielarten der Psychoanalyse dürfte solches freuen. Derrida etwa hat in seinem Aufsatz Sporen. Die Stile Nietzsches diese Figur des Weiblichen bei Nietzsche als eine Form des weiblichen Schreibens im Manne untersucht. Doch zurück zur Kunst, zu jenen von Nietzsche angerufenen Künstlern.

67ab3563-ab05-4d36-9e4a-050c0cc3c919Eine interessante Ausstellung ist in Frankfurt im Städel zu sehen: „Geschlechterkampf. Franz von Stuck bis Frida Kahlo“. Die Ankündigung bzw. die Kritik im „Freitag“, insbesondere die Überschrift „Männerphantasien“ weckte meine Neugier. Ich bin allerdings, anders als der Autor dieses Artikels, froh, daß jene Ausstellung keinerlei Verbindungen mit der Gegenwart herstellt. Zumal solche Bezüge schnell in den üblichen Peinlichkeitsfeminismus abrutschen. Soll doch jeder Betrachter und jede Betrachterin selber die Assoziationsketten in Bewegung setzen. Der Titel „Männerphantasien“ jedoch, frei nach Theweleit, ist treffend. Denn um genau die geht es am Ende, wenn wir uns Bilder (von Männern und auch die von Frauen) anschauen und uns Bilder machen. Bilder sind ebenfalls solche Gründe, die Grund haben, ihre Gründe nicht sehen zu lassen. Und gegen solche Bilder und gegen solche männlichen Verwesentlichungen sollten Frauen wiederum ihre eigenen Phantasien setzen. Nur in einer solchen Pluralität funktioniert die Erotik, funktionieren die Diskurse des Erotischen. Und nicht in den politisch korrekten Proklamationen.

Daß solche Gegenüberstellung in dieser Ausstellung fehlt, hält der Autor vermutlich zu recht fest. (Ich werde mich davon freilich selber überzeugen wollen, wenngleich ich eigentlich nicht gerne reise.) Ansonsten aber gilt für all diese Spielarten der Erotik zwischen Mann und Frau jener Satz aus Kleists „Penthesilea“: er gilt beim Zerfleischen, beim unendlichen Lieben, beim Kampf der Geschlechter, beim Ringen miteinander:

„Küsse, Bisse, das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, kann schon das eine für das andre greifen.“.

Für den Diskurs der Spätmoderne freilich bleibt nur die Erkenntnis der Band „Schnippo Schranke“, die jenen Satz von Kleist kongenial umformulierte:

„warum schmeckt’s, wenn ich Dich küsse,//untenrum nach Pisse?“

Die Kritik zumindest macht mich auf diese Ausstellung neugierig und so werde ich wohl demnächst nach Frankfurt reisen. Bis zum März nächsten Jahres bleibt noch Zeit.

Photographie: Städel Museum; entnommen dem „Freitag“

 

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Unreifeprüfung – Julia Zange „Realitätsgewitter“

Bevor ich das Buch überhaupt aufschlage, argwöhne ich bereits den Berlinranz, auch wenn der Titel „Realitätsgewitter“ eine lustige Anspielung auf Ernst Jünger zu enthalten scheint. Doch wird das Buch der Fallhöhe nicht gerecht werden, mutmaße ich. Und das ist dann  umso peinlicher, wenn ein vollmundiger Titel gewählt wurde. Auch die Bezeichnung Popliteratur nimmt mich nicht wirklich für das Buch ein. Ich würde sogar behaupten, das Gegenteil sei der Fall. Nun kenne ich zwar Julia Zanges neuen Roman nicht, aber manchmal reichen Inhaltsangaben. Rönne für Arme, Karen Köhler für die Lesebühne, Hegemann-Szenigkeit, aber fürs breite Publikum angelegt. Denke ich mir. Ohne sprachliche Ambition und in eitler Selbstgefälligkeit zu Papier gebracht oder genauer in die Datei gehuscht. Literatur nicht als Literatur, sondern als Pose gespielt. So steht der Verdacht im Raum, und wenn ich anschließend den zum Buch passenden Artikel von Hannah Lühmann in der „Welt“ lese, eine Art Homestory, wird das alles nicht besser. So gar nicht besser. Hallo Blasenwelt, denke ich mir. Eine Blasenwelt, in der sich die Stimmchen gegenseitig verstärken möchten und zurück bleiben Echo und Echolalie. Der Scheiß taugt nicht einmal mehr zum Mythos und heiß ist er auch nicht. Narziß kotzt, Püppie pupst. Wen außerhalb Berlins interessiert solche Prosa? Vielleicht jene, die es nach Berlin zieht. Immerhin ein Verkaufsargument. Das Stadtmarketing Berlins dankt.

Dazu noch ein kleiner Medienskandal, der per Presse, also von Lühmann, flugs lanciert werden muß, damit das Buch denn doch die nötige Aufmerksamkeit erfährt. (Dem Aufbau Verlag sei es gegönnt.) Schließlich haben die Eltern gegen Inhalte des Buches eine einstweilige Verfügung eingereicht. Sie fühlten sich wiedererkannt. Heute weiß man nicht einmal mehr, ob nicht sogar solche Klagen eine Art Inszenierung sind. Aber glauben wir es den armen Eltern mal.

Daß die Protagonistin des Romans etwas in Medien macht, war zu erwarten. Schon diese Anordnung von Klischees vom Klischee eines Klischees nimmt mich für das Buch nicht ein. Aber, so denke ich mir, es gibt auf den Verlagsseiten Leseproben, ich möchte mir und dem Buch eine Chance geben. Vielleicht tragen die Sprache oder eine filigrane Konstruktion jene schlechte Story und das kann dann wiederum Geschichte und Setting spannend machen. Die Probe-PDF nehme ich mir vor, lese die ersten Seiten, greife mir die Auftakt-Szene heraus: Mara ist einsam, es ist kurz vor Weihnachten, Mara hat da Beklemmungen, weil sie allein und es eben kurz vor Weihnachten ist, nur Ben schafft es immer gut, Maras Beklemmungen zu lösen. Mara textet Ben, Ben textet zurück, will sie auch sehen, bekommt einen Termin, Mara macht sich fein, Mara lackiert ihr Nägel, Mara besucht einen Typen namens Ben, in den sie verliebt ist, er jedoch nicht in sie. Ben ist Amerikaner. Und so nimmt die Julia Zanges Bravo-Photolovestory ihren Lauf:

„Ich mache wie immer ein paar Bemerkungen zu den Pflanzen und der Aussicht. Ich sage, dass ich gerne umziehen würde. Er drückt mich während ich rede, zieht meine Jacke aus und unterbricht meine Sätze mit Küssen. Ich hole jedes Mal Luft, um weiterzureden. Aber er drückt jetzt eine Hand gegen meine Brust. Und dann kann ich mich schon wieder nicht wehren, weil ich so selten angefasst werde, dass mein Körper sofort explodiert. Er zieht mir alles aus, liebevoll, aber auch irgendwie professionell und wirft mich aufs Bett. Wenn wir Sex haben, ist alles ganz selbstverständlich und er vollkommen selbstbewusst, aber das ist er eben nur beim Sex. Wir küssen uns wie zwei verlorene Kätzchen.“

(…)

„Ben bringt mich zur U1, damit ich die letzte Bahn nach Hause nehmen kann.

‚Komm doch mit zu mir!‘, flehe ich augenflatternd.

‚Nein, ich kann nicht, ich habe noch Bettwäsche in der Waschmaschine …‘

Zu Hause angekommen setze ich mich auf das neue geblümte Schlafsofa, das meine Mutter mir vor einiger Zeit geschenkt hatte. Wir hatten es im Onlineshop zusammen ausgesucht und sie hatte es bezahlt.“

Und so läuft die Prosa im Leerlauf des Zeilenschindens weiter. Atemlos durch die Nacht, atemlos durch die Clubs und auf die Haut ganz sicher auch ein Liebestattoo geritzt. Diese Prosa ist auf den ersten Seiten bereits ohne jede Überraschung, ohne jede Wendung, jeder Satz ist erwartbar. Interessieren uns wirklich die Geschichten von verwahrlosten Wohlstandsgören? Storys, die nach demselben Muster gestrickt sind.

Aber wenigstens wissen wir nun, weshalb die Amerikaner um Klassen gekonnter erzählen können, selbst dort, wo sie langweilig sind und uns den Alltag des Mittelstands andienen,  wie in Updikes Rabbit-Romanen. Und ich weiß nach solcher Zange-Lektüre auch, weshalb ich mich lieber Botho Strauß, Peter Handke und Jean Paul widme. Weshalb hört diese Art des Biographie-Schreibens, diese Variante der Pop-Texte nicht auf? Als hätte es Alexa Henning von Lange niemals gegeben, eifern Autoren weiterhin diesem Stil nach, der gefühlte 30 Jahre alt ist, produzieren Texte in dieser Form, kopieren Inhalte. Nein, da will ich statt Berlin doch lieber die deutsche Provinz in der Literatur. Ob das nun der ins Kunstgewerblich-Ziselierte spielende Saša Stanišić ist, ob die kluge Baumeisterin Zeh oder der Inselbewohner Lutz Seiler oder im besten Falle eine solche wundervolle und blitzgescheite Geschichte, wie sie Thomas Hettche mit „Pfaueninsel“ zu erfinden vermochte. Bücher, die wenigstens halten und uns etwas zu erzählen haben. Was ich von den ersten 12 Seiten bei Julia Zange nicht zu sagen vermag. Man soll Bücher nie gegeneinander ausspielen. Aber nach diesen ersten Seiten von Julia Zanges Roman weiß ich zumindest, was ich in der Literatur auf keinen Fall lesen möchte. Denn es bedeutet, Zeit zu vergeuden, die für andere Bücher – sagt meinethalben Klassiker dazu – besser aufgehoben sind. Solches Zelebrieren und Wiederholen der ausgestanzten Formen jedoch ist schlicht unproduktiv. Für Leser wie Schreiber.

Über die Wiederholung schrieb Sören Kierkegaard 1843:

„Wie jeder weiß, trat Diogenes als Opponent auf, als die Eleaten die Bewegung leugneten. Er trat wirklich auf, denn er sagte nicht ein Wort, sondern ging ein paarmal hin und her, wodurch er jene ausreichend widerlegt zu haben glaubte. Als ich mich, zumindest gelegentlich, längere Zeit mit dem Problem beschäftigt hatte, ob eine Wiederholung möglich sei und welche Bedeutung diese habe, ob etwas durch Wiederholung gewinne oder verliere, fiel es mir plötzlich ein: Du kannst ja nach Berlin reisen, da bist du früher schon einmal gewesen, und überzeuge dich, ob eine Wiederholung möglich ist und was sie zu bedeuten hat.“

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Die Geburt des modernen Märchens aus dem Geist des Punsches

Wer durch die Gassen Bambergs wandert, wird sich womöglich erinnern, daß in dieser oberfränkischen Stadt nicht nur Hegel als Redakteur bei der „Bamberger Zeitung“ schrieb – eine Würdigung dieses großen Mannes befindet sich an seinem Wohnhaus; leider versäumte man es, seine Vornamen in die richtige Anordnung zu bringen –, sondern ebenfalls wirkte einige Jahre lang E.T.A. Hoffmann in Bamberg. Relativ erfolglos debütierte er als Musikdirektor, schrieb dort einige seiner wichtigsten Werke, z.B. „Der goldene Topf. Ein Märchen aus neuerer Zeit“. Darin aus dem „Geist“ des Alkohols eine Geschichte sich entspinnt, in der ein Jüngling die Freuden der Liebe in Gedanken erfährt. Nicht genau weiß man, was daran Wahrheit, Dichtung, Erlebnis oder der berauschenden  Kraft von Einbildung und schwerem Punsch geschuldet ist. Ein sozusagen postmodernes Literaturkonzept avant la lettre. Die ungebändigte Phantasie eines Jünglings, samt dem zu dieser Phase des Lebens gehörigen Rausch – auch eines Rauschs der Verliebtheit. Insofern ist die Warnung bzw. der Fluch des Apfelweibleins, den diese im „Goldenen Topf“ gegen den Jüngling Anselmus ausspracht, ganz wörtlich zu nehmen: „ins Kristall bald dein Fall – ins Kristall“. Einige zu tiefe Blicke in das Glas getan. Aber schön war es doch!

Wenn ich durch die nächtlichen Gassen Bambergs spaziere, die gelben Lichter der Laternen, die Kälte und auch das Diesige in der Luft, das vom Fluß her aufsteigt und sich hoch oben um den Dom und über das Kloster legt, das in den Nebelschwaden verschwindet und wie Kafkas Schloß mir erscheint, so meine ich, daß sich aus den Ecken von Häusern oder hinter den Mauern Gestalten des Spuks entwinden. Aber alles ist leer. Und dieser Zustand macht die Szenerie der beschaulichen Stadt noch viel trügerischer. Es ist ein Trick, denke ich mir. Die Schritte meiner Schuhe hallen nach. Das Rauschen des Flusses an der Oberen Brücke. Je weiter man sich von der Altstadt entfernt, desto stiller und auch unheimlicher schürt sich die Atmosphäre der Nacht. Keine Menschenseele und mit etwas Punsch, Wein oder wie man es im Oberfränkischen sehr lecker wegsüffeln kann, dem Bier, gerät die Phantasie auf die schiefe Bahn. In einer kleinen Galeriekneipe trank ich einige Bier und zum Abschluß einen Kant-Wein, was Weißes, leicht und lecker. Nachts hallen die Schritte in den Straßen, an einem kleinen Brunnen stehen Grablichter, die leuchten. Für irgendwas. Nachts durch eine relativ unbekannte Stadt zu schlendern und den Alkohol im Blute zu haben, stachelt die wilde Phantasie auf. Da kann man den Dichter Hoffmann gut verstehen. Daß  ins Leben der Doppelgänger und ins Sinnieren samt dem daran gebundenen Spintisieren die Phantastik sich einschleicht und die Einbildungskraft sich entfesselt.

Das Ingenium des Dichters muß sich auf das des Philosophen übertragen. Bedauerlicherweise schätzte der kluge Hegel die Schauergeschichten des E.T.A. Hoffmann nicht sonders, er empfand sie vielmehr als abgeschmackte Kopfgeburten – eine Literatur, die den Krankheiten des Geistes das Wort redete, so dachte es Hegel sich in seinen Ästhetikvorlesungen.

„Vorzüglich jedoch ist in neuester Zeit die innere haltlose Zerrissenheit, welche alle widrigsten Dissonanzen durchgeht, Mode geworden und hat einen Humor der Abscheulichkeit und eine Fratzenhaftigkeit der Ironie zuwege gebracht, in der sich [Ernst] Theodor [Amadeus] Hoffmann z.B. wohlgefiel.“

Von der Poetik her genommen, sind diese Sätze Hegels zwar wenig schmeichelhafte Worte für die dunkle Dichtung des E.T.A. Hoffmann. Hegel hatte in diesem Sinne jedoch mehr recht, als er es ahnte und dies zudem ohne die von ihm intendierte negative Beimischung. Denn er formulierte ungewollt die Bedingungen der heraufziehenden literarischen Moderne, unter denen solches Schreiben  geschah –  samt einer Ästhetik des Häßlichen, wie sie der Hegelschüler Rosenkranz formulierte. Trunkenes Böses, Rausch und künstliche bis irre Paradiese – sei es in den USA Edgar Allan Poe und knapp 25 Jahre nach Hegels Tod dann Baudelaire. Dem Geist des Weines zumindest sprachen alle vier gerne zu.

„‚Es kann aber auch sein‘, sprach der Student Anselmus zu sich selbst, ‚daß der superfeine starke Magenlikör, den ich bei dem Monsieur Conradi etwas begierig genossen, alle die tollen Fantasmata geschaffen, die mich vor der Haustür des Archivarius Lindhorst ängsteten. Deshalb bleibe ich heute ganz nüchtern und will nun wohl allem weitern Ungemach, das mir begegnen könnte, Trotz bieten.‘ – So wie damals, als er sich zum ersten Besuch bei dem Archivarius Lindhorst rüstete, steckte er seine Federzeichnungen und kalligraphischen Kunstwerke, seine Tuschstangen, seine wohlgespitzten Rabenfedern ein, und schon wollte er zur Tür hinausschreiten, als ihm das Fläschchen mit dem gelben Liquor in die Augen fiel, das er von dem Archivarius Lindhorst erhalten. Da gingen ihm wieder all die seltsamen Abenteuer, welche er erlebt, mit glühenden Farben durch den Sinn, und ein namenloses Gefühl von Wonne und Schmerz durchschnitt seine Brust. Unwillkürlich rief er mit recht kläglicher Stimme aus: ‚Ach, gehe ich denn nicht zum Archivarius, nur um dich zu sehen, du holde, liebliche Serpentina?‘ – Es war ihm in dem Augenblick so, als könne Serpentinas Liebe der Preis einer mühevollen gefährlichen Arbeit sein, die er unternehmen müßte, und diese Arbeit sei keine andere, als das Kopieren der Lindhorstischen Manuskripte.“

Der Akt des Kopierens und der Schrift dienen in dieser Prosa als Voraussetzung für die Liebe. Sozusagen eine neue Art der Transzendentalpoesie in pragmatischer Absicht.

 

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Selektives Sehen

Diese Firma weiss, was Sie denken. Cambridge Analytica kann mit einer neuen Methode Menschen anhand ihrer Facebook-Profile minutiös analysieren. Und verhalf so Donald Trump mit zum Sieg.“ So schreibt der Zürcher Tages-Anzeiger.

Was Journalisten bei Donald Trump mit einem Male alles auffällt, das sie bisher und in anderen Zusammenhängen geflissentlich übersahen, das ist schon interessant zu beobachten. Aber wer weiß – vielleicht erhält ja durch Trump der kritische Journalismus tatsächlich wieder Auftrieb. Ironie des Zeitgeistes sozusagen oder aber eine Hegelsche List der Vernunft in der Geschichte. Nachdem es viele Zeitungen mit der Agenda 2010 (Hallo „Spiegel“) nicht so genau nahmen und sie die soziale Umverteilung von unten nach oben als alternativlos dem Leser andealten, nachdem Journalisten mit der Kritik am Neoliberalismus kräftig sparten wie dieser an den Gehältern der Arbeiter, um die Taschen der Aktionäre dafür umso mehr zu füllen; nach den Berichten über die sozialen Proteste in Portugal, Spanien, Griechenland, die in den Medien weitgehend ausfielen oder lediglich als Randnotiz auftauchten, bis hin zur Lage in der Ukraine (Hallo Alice Botha) oder in den USA, samt den Tricksereien von Hillary Clinton (Hallo Joffe). Nachdem man all das nicht so genau nahm, ist es erfrischend zu lesen, wie manche Zeitung ihren kritischen Geist wiederentdeckt.

Wäre eigentlich bei einem Clinton-Sieg auch so exakt hingeschaut worden? Frage ich mal maliziös.

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