„Tag der Freiheit!“? Eine Demo in Berlin samt einem Exkurs zu Verschwörungstheorien

Ich habe mir gestern den Spaß gemacht und das Internet abgegrast, um eine Demo zu dokumentieren – statt wie sonst direkt und mit der Kamera vor Ort zu sein. Das geht gut vom Schreibtisch aus, man bekommt keinen Sonnenbrand und man gerät nicht mit Leuten in Kontakt, mit denen man nichts zu tun haben will. Ich bin, obwohl ich solche Ereignisse photographierend in der Regel gerne begleite, zu der Demo der Coronaleugner am 1.8.2020 nicht hingegangen, weil mir das Risiko zu groß ist, von Menschen, die allesamt keine Masken tragen und die spuckend sprechen und rotzen, mich anstecken zu lassen. Wer sich einen Eindruck von der Qualität der Veranstaltung machen will und was ihn dort erwarten wird, der schaue sich dieses Ankündigungsvideo an:

Den Schlußpunkt einer Pandemie – mit bisher rund 680.000 Toten und vielen durch dieses Virus chronisch Kranken mit vermutlich irreparablen Folgeschäden  – kann man nicht per Ordre verkünden: „Das Ende der Pandemie – der Tag der Freiheit“ – und mit Pech wird in Deutschland eher das Gegenteil der Fall sein. On verra. Ob die Veranstalter wußten, daß das Motto der Demo der Titel eines Propagandafilms von Leni Riefenstahl ist: „Tag der Freiheit! – Unsere Wehrmacht“, sei dahingestellt. Würde man in jenen verschwörungstheoretischen Mustern denken, wie es ein großer Teil dieser Leute tut, müßte man dahinter wohl eine verborgene  Absicht vermuten. Geheime Codes des Deep-Nazi-State: ist nicht auch die 1 der erste Buchstabe des Alphabets: ein A, es steht für Adolf und die 8 ein H, es steht für Hitler? Da wurde doch sicherlich mit Bedacht dieses Datum gewählt. Der Führer allerdings in seiner Reichsflugscheibe tauchte an diesem Tag nicht auf, um Berlin zu befreien und zurückzuerobern. Keine Armee Wenck. Es verlief alles anders. Aber Scherz beiseite.

Nein, die Veranstalter und ihr Pressesprecher Stephan Bergmann werden Riefenstahl vermutlich nicht kennen – obwohl ich mir bei letzterem nicht sicher bin, wenn man auf seine Gesinnung schaut – dazu mehr weiter unten. Ansonsten freilich: Kulturelle oder gar wissenschaftliche Bildung unterstelle ich den Veranstaltern nicht, aber es gibt immerhin sowas wie Internet, wo der geneigte Veranstalter googlen kann, was es mit einem Slogan auf sich hat.

Nun schätze ich Leni Riefenstein zwar als Bildästhetin, Photographin und Filmemacherin, die wegweisend war, bis heute, und Stripped“ gehört bis heute zu meinen Lieblingsvideos von Rammstein. Weniger aber schätze ich sie als Nazi-Sau und -Akteurin. Und wer es 1935 noch nicht wußte oder meinte es nicht wissen zu wollen, der muß solches dennoch für die Vita sich zurechnen lassen. Einerseits möchten diese Leute als Erwachsene behandelt werden, und tut man es, reden sie sich andererseits auf faule Weise heraus, als ob man es mit einem unmündigen Kind zu tun hätte.

Und das gilt ähnlich auch für die heutige Demonstration. Wer bei sowas mitläuft, sollte sich dies gut überlegen, wenn er zwischen Reichskriegsflaggen und Südstaaten- und QAnon-Fahnen mitmarschiert, er mag auch solche Fahnen nicht billigen oder es ist ihm egal. Ein Veranstalter, der nicht dazu aufruft, solche Fahnen umgehend zu entfernen, weiß ebenfalls, mit wem er da marschiert oder er will es nicht anders und hält um der hohen Teilnehmerzahlen willen und um unterschiedliche und teils schlimme Kräfte zu bündeln, den Mund. Die Reihen fest geschlossen – passend insofern, als auch die NPD zur Teilnahme an dieser Veranstaltung aufrief. Und ebenfalls Leuten wie der Reichsbürger (und Ex-NPD-Mitglied) Rüdiger Hoffmann, der vor dem Reichstag eine Rede schwang. Nicht in Absprache mit den Organisatoren dieser „Tag der Freiheit“-Kundgebung, aber eben doch als Teil solcher Masse. Man kann den Leuten dies nicht eins-zu-eins zurechnen, aber selbst als ein Mensch, der Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Corona skeptisch gegenübersteht, sollte sich gut überlegen, mit wem er sich da auf den Weg macht.

Transparente wie „Wer in der Coronakrise schläft, wird in der Diktatur aufwachen“, dazu eine Friedenstaube, kann man vielleicht als Naivität oder als Alarmismus besorgter Menschen werten – beides gab es bereits in den 1980er Demos der Friedensbewegung: Le German Angst. Angst ist nicht rational und leider helfen gegen sie oftmals keine logischen Argumente. Und es sind sicherlich nicht alle Teilnehmer dieser Demonstration Reichsbürger und Rechtsradikale – auf den von mir im Internet gesichteten Videos sind unterschiedliche Menschen zu sehen, ein Teil Esoteriker, teils Rechte, teils Leute, die man kaum einschätzen kann, teils aggressive Leute, wie man sie von Pegida kennt. Einige erscheinen wie eine Mischung aus Wutbürger und normaler Bürger, die irgendwie ihren Dampf ablassen wollen. Transparente mit Slogans wie „STRAFVERFOLGUNG FÜR DIE GURUS DER GEMEINGEFÄHRLICHEN SEKTE DER ZEUGENCORONAS“ zeigen den Stand des Bewußtseins einiger dieser Teilnehmer.

Insofern sollten aufgrund solcher Teilnehmer gerade solche, die sich ernsthaft um die Freiheitsrechte sorgen und mitmarschieren, sich überlegen, mit wem sie da teils gemeinsame Sache machen und daß da eine unheilvolle Melange entsteht. Wer ein DIN-A4-Blatt „WER JEDES RISIKO AUSSCHLIESSEN WILL HAT DAS LEBEN NICHT BEGRIFFEN Liebe Freiheit Toleranz“ mag ein Anliegen haben und besorgt sein und solche Leute kann man womöglich in Debatten auch noch erreichen, weil sie vielleicht halbwegs noch bei Sinnen sind.

Bei vielen jedoch, die das Wort „Grundgesetz“ vollmundig heraustönen, vermute ich stark, daß sie dieses niemals komplett und nicht einmal in Auszügen gelesen haben. Denn sonst würden sie solchen Schmarren wie Diktatur und Zwangsmaßnahmen nicht derart unreflektiert herauskrähen – ich empfehle solchen Leuten gerne das Standardwerk von Manfred G. Schmidt „Das politische System der Bundesrepublik Deutschland“, um zumindest die basale politische und gesellschaftliche Organisation dieses Gemeinwesens intellektuell zu erfassen und um überhaupt mitreden zu können: Demokratie bedeutet nämlich keineswegs, daß ich mir wie in einer Cafeteria aussuchen kann, was mir persönlich gut gefällt. Das Grundgesetz ist keine Privatbespaßung, und es ist auch keine Proklamation für einen unbezüglichen Begriff von Freiheit, frei zu allem und zu jedem zu sein und daß jeder tun und lassen kann, was er will, weil sonst ja die eigenen Menschenrechte eingeschränkt würden.

Individualistische Ungebundenheit, tun zu können, was man zu wollen meint, ist keine Freiheit und bloßer Schein von Individualismus zudem. Tatsächliche Freiheit findet sich nicht im Ungebundenen, um mit Hegels Theorie der Freiheit zu sprechen, sondern in der Vermittlung durch Institutionen – eben einem Rechtsstaat, der unter anderem in der Gewaltenteilung besteht und dem Individuum durch das Recht erst seine Freiheit ermöglicht, Individuum zu sein, und vielfach hat die Judikative für die Durchsetzung von Freiheitsrechten selbst in Corona-Zeiten gesorgt – bspw. die Genehmigung der Demos in Stuttgart seinerzeit. Auch ein Aspekt, den viele der Teilnehmer gerne unter den Tisch fallen lassen: dass sie auf den Rechtsstaat spucken, von dem sie ansonsten jeden Tag profitieren. Jene vermeintliche Ungebundenheit, die fälschlicherweise als Recht auf Freiheit verkannt wird, führt zur Vereinzelung des Individuums oder bringt, wie man an den Parolenrufen der Demonstranten sieht, einen verhängnisvollen Kollektivismus zum Vorschein, der sich frei dünkt, in Wahrheit aber der Ausdruck des schlechten Allgemeinen ist, das zu bekämpfen vorgegeben wird.

Im übrigen rate ich jenen, die sich aufs Grundgesetz berufen und es ostentativ in die Höhe halten, einmal kurz einen Blick dort hineinzuwerfen sich den Artikel 11 einmal gut durchzulesen. Als Serviceleistung stelle ich ihn hier ein:

„(1) Alle Deutschen genießen Freizügigkeit im ganzen Bundesgebiet.

(2) Dieses Recht darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes und nur für die Fälle eingeschränkt werden, in denen eine ausreichende Lebensgrundlage nicht vorhanden ist und der Allgemeinheit daraus besondere Lasten entstehen würden oder in denen es zur Abwehr einer drohenden Gefahr für den Bestand oder die freiheitliche demokratische Grundordnung des Bundes oder eines Landes, zur Bekämpfung von Seuchengefahr, Naturkatastrophen oder besonders schweren Unglücksfällen, zum Schutze der Jugend vor Verwahrlosung oder um strafbaren Handlungen vorzubeugen, erforderlich ist.“

Aber weiter zu den Organisatoren dieser Kundgebung. Pressesprecher von „Querdenken 711“ ist Stephan Bergmann, der seine medizinische und wissenschaftliche Expertise mit Büchern wie „Steinwesen im Medizinrad: Das Kartenset zur Arbeit mit der Kraft der Steine“ unter Beweis stellte. Auf der Werbeseite für sein Buch findet sich zudem dieser Hinweis: „Stephan Bergmann, Erfinder der Motherdrum, Entdecker des Motherdrum-Healings und Schöpfer des Heal-The-Earth-Dances samt Motherdrum & FatherSky – Festivals. Vater von vier Kindern und der Motherdrum-Community.“ Das mögen Dinge sein, über die man vielleicht noch lachen kann, dennoch möchte ich von solchen Leuten eigentlich keine Referate zu Covid-19 hören, so wie ich mir etwas Medizinisches über eine Wurzelresektion auch nicht von jemandem erzählen lassen möchte, der mit Heilsteinen würfelt. Aber das kann man noch als Spaß verbuchen. Wer jedoch solche Aussagen teilt, der muß sie sich zurechnen lassen.

 

(Bild entnommen dem „Tagesspiegel“, in jenem Artikel finden sich weitere Hinweise zu Bergmann.)

Und wer solche Menschen als Pressesprecher beschäftigt – also jemand, der für die Außendarstellung und die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist -, muß sich dies ebenfalls zurechnen lassen.

Das Problem auf dieser Kundgebung sind aber nicht primär jene Nazis dort, Rechtsextremisten teils, die vielen Aluhüte und einige Reichsbürger, die den Reichstag stürmen wollen – ob sie nun wenige sind oder nicht und inwiefern solch esoterischem Gewäsch irgendwelcher Friedenstrommler ein autoritärer Charakter unterlegt ist, bleibt dafür gleichgültig. Das Problem ist die ungeheure politische Naivität dieser Leute und die Chuzpe mit der Dummköpfe simulieren, sie seien Wissende. Wenn man sich die Rede des GEZ-Verweigerers Heiko Schrang anhört und dazu jene, die Beifall klatschen, dann kann man ermessen, was ich damit meine:

„Wir sind nicht getrennt, ich bin oben, wir sind unten, wir sind alle eins, und ihr wißt es, ihr spürt es im tiefsten Inneren. Und der Mainstream hat eins gemacht, er hat jahrzehntelang uns geteilt, er hat dem Lebenssinn von uns verkehrt.“

Zwischen Selbstüberschätzung, billiger Rhetorik und einer pauschalen und leerlaufenden Medienkritik, ist in solchen Reden keine Substanz zu finden: Es geht darum, den Jubel der Gleichgesinnten zu organisieren – egal mit was für haarsträubenden Thesen – und das ist das eigentliche Problem dieser Leute, die solchem Blödsinn zujubeln. Auch das muß man sich zurechnen lassen. Und ebenso müßte man die übrigen Reden dieser Veranstaltung  einmal auf ihre Inhalte und ihre rhetorische Struktur hin untersuchen. Es kommt freilich solcher Blödsinn, das muß man dazu sagen, nicht nur auf jenen Demos der Aluhüte zum Tragen, sondern zieht sich durchs gesamte politische Spektrum. Solche Vögel wie Heiko Schrang  allerdings sind dann schon ein Spezifikum, das man vermehrt auf dieser Art von Demonstration antrifft – auch wenn man sich einige der Reden auf Pegida- und AfD-Kundgebungen anhört.

Das vermeintlich kritische Bewußtsein gleicht dem des Paranoikers. Und auf ähnliche Weise arbeiten auch die Verschwörungstheorien. Sie funktionieren als ein sich selbst stützendes Zirkelschlußsystem: Man setzt eine Annahme X per se als wahr (DER Islam, DIE Medien, DIE Juden, DAS System, die im Geheimen etwas Übles bewirken und konstruiert ein Kollektivsingular) – sei es, weil man diese Annahme einfach dogmatisch postuliert oder weil man einzelne Beispiele sich herausgreift und von „einige“ auf „alle“ schließt (mereologischer oder auch induktiver Fehlschluß). Das, was dann per ordre und im dogmatischen Gestus als wahr gesetzt wurde, bestimmt im weiteren Verlauf alle übrigen Interpretationen der sozialen Wirklichkeit und bestimmt auch die Ausführungen sowie die Fakten, die dann genau unter diesem dogmatisch gesetzten Aspekt gedeutet und zurechtgebogen werden. Jedes Zeichen, jede Aussage, jede Meldung kann dann bequem sortiert und eingeordnet werden: „Merkel-Diktatur, Medienhuren etc., Islam oder Judenverschwörung oder gleich wahlweise beides: Slogans wie Ostküste und Rothschild fungieren als Erkennungsmarke oder zeigen eben eine verborgene Absicht dunkler Geheimmacht an. Und so läßt sich auf diese Weise bequem eine in sich konsistente Wirklichkeit konstruieren, das auf der Basis von „Wir hier mit der Wahrheit“ und „Die da mit der Lüge“ arbeitet. Schlichte Dichotomisierungen zeichnet solches Denken aus. Daß die Welt komplexer ist als ein binäres Schema, gerät aus dem Blick oder wird im eigenen Überzeugungsfuror eben unterschlagen.

Verschwörungstheorie funktioniert zudem als Confirmation Bias oder wie in dem alten Witz: Fährt ein Mann auf der A2  und hört im Radio Verkehrsfunk: „Achtung! Auf der A2 kommt ihnen ein Geisterfahrer entgegen!“ „Einer“, kreischt der Mann, „Hunderte!“. Markiert und gesehen wird einzig das, was ins eigene Raster paßt.

Verschwörungsdenken braucht aber noch etwas, um geglaubt zu werden: Es muß einen Ansatz von Wahrscheinlichkeit geben, damit man Gehör findet: Wenn einer behauptet, der Regen fiele in Wahrheit von unten nach oben, aber die Bundesregierung verschleiere uns das durch Trugbilder, wird dieser Mensch kaum Glauben finden. Wenn man aber Hinterzimmermächte ins Spiel bringt, auf Realem basierend, sieht die Sache schon anders aus: Lobbyisten gibt es zuhauf und wer „CIA“ und „Geheimoperationen“ als Begriffe googelt oder Tonkin-Zwischenfall wird schnell fündig. Ebenso wird man fündig bei unsauberen Verquickungen von Journalisten mit den Regierenden oder wenn man ihre Beziehungen zu einer transatlantischen Freundschaftsorganisation herausgreift, die es realiter gibt, man schaue auf Joachim Bittner, Claus Kleber oder Josef Joffe. Und wenn man um diese Sachverhalte weiterhin eine große Erzählung spinnt und jegliches Ereignis diesem singulären Umstand unterordnet und darauf justiert, dann erhält man eine Großerzählung und ein Narrativ, das für viele stimmig wirkt: etwa solche wie: der Konflikt mit dem Iran diene nur dazu, uns von anderen wahren Problemen abzulenken. Es muß in der Verschwörungstheorie ein Körnchen Wahrheit stecken, und darauf kann dann die Simplifizierung und die gesamte Rhetorik einer solchen Großthese gebaut werden. Die weiteren komplexen Mechanismen von Entscheidungsfindungen, kritischer Gegenöffentlichkeit oder geopolitischen Überlegungen unterschlägt man. Ebenso den Aspekt, daß es möglicherweise auch andere Interpretationen und Sichtweisen der Weltpolitik gegeben könnte als die eigene.

Ganz falsch freilich ist also all das eben nicht. Haha zu machen: dem CIA käme doch nie in den Sinn, einen gewählten Staatspräsidenten umzubringen oder aus dem Amt zu jagen, ist durch die Geschichte bereits hinreichend widerlegt. Dennoch sollte man in der Analyse solcher Zusammenhänge immer die geschichtlichen und gesellschaftlichen Komplexionen im Blick behalten und solche Umstände nicht zugunsten vereinfachter Sichtweisen im dualen System aufzulösen und dann monothematisch zu besetzen. Solche manichäische Sicht ist auch bei Corona-Leugnern anzutreffen. Freilich ist auch die Gegenseite in ihrem Furor oftmals nicht besser und fährt dogmatisch.

Wenn die Bezirksbürgermeisterin von Kreuzberg Monika Herrmann twittert „Wir haben es aber laufen lassen – was ich für einen großen Fehler halte.“, dann sollte sie dazu sagen, daß ebenso die Black Live Matters-Demo vom 6.6.2020 in Berlin ohne jegliche Abstandsregeln verlief und viele Menschen dort ebenfalls keine Masken trugen oder aber nur nachlässig. Doppelte Standards machen eine Kritik problematisch im Hinblick auf die eigene Glaubwürdigkeit.

Burks schrieb zur heutigen Demo auf Facebook:

„Wo sind die Sozialdemokraten Ebert, Noske und Zörgiebel, wenn man sie mal braucht?“

Mehr ist eigentlich zum heutigen Tag für Berlin nicht zu sagen, könnte man entgegen. Aber vielleicht will ein Freund des Rechtsstaates eben doch keinen Noske, denn anders als eine Vielzahl der Demonstranten es glauben, ist Deutschland eine Demokratie und eine Rechtsstaat: es schießen keine Soldaten in die Menge der Demonstranten wie in Peking, es knüppeln keine Omon-Truppen wie in Rußland ohne Grund plötzlich eine Demo nieder. Allerdings: das Behindern der Pressfreiheit bei der Rednertribüne der gestrigen Demo hätte zwingend einen Polizeieinsatz zur Folge haben müssen, sofern die Veranstalter der Demo nicht umgehend den Zugang der Presse zur Tribüne ermöglichten. Verdi twitterte:

#b0108 15:24 Die Pressefreiheit verkommt zur Farce. Vor Ort ist die Polizei nicht „in der Lage“ die Pressefreiheit für Pressebereich vor Bühne durchzusetzen. Sie verweist seit ca 1,5 Std. auf den Pressesprecher der vor Ort irgendwann kommt und das dann regeln soll.

Der Umgang der Demonstranten mit der Presse ist, wie auch das erste Video oben zeigt, nicht immer unentspannt gewesen. Ebenfalls ist in diesem Video vom rbb zu sehen, wie ein Mann im Wallewalle-Gewand und mit einer Trommel einen Kameramann des rbb anspuckt.

Das Demonstrationsrecht ist ein hohes Gut. Es gilt auch für Covidioten und solche, die aufs Tragen von Masken verzichten und es billigend und bewußt in Kauf nehmen andere Leute anzustecken und ggf schwere Krankheitsverläufe zu provozieren. Allerdings gibt es eben auch kein Grundrecht darauf, andere Menschen in Gefahr zu bringen. Und genauso gibt es auch das Recht auf Gegenprotest, um darauf aufmerksam zu machen. Zumal diese Leute brav ihre Masken trugen..

Stefan Liebich (Die Linke) twitterte heute:  „Ihr seid keine Querdenker. Ihr seid gefährliche Spinner!“

Zu einem großen Teil stimmt das leider, insbesondere was das ostentative Nichttragen von Masken betrifft. Nur hilft die Wut oder das Gepöbel der anderen, der sich besser dünkenden Seite, am Ende nicht wirklich, jene noch irgendwie erreichbaren Menschen, die da heute auf der Demo in Berlin mitliefen, zu erreichen. Ich fürchte aber, daß wir schon lange in einer Spirale der Wutkommunikation stecken, aus der es kaum noch einen Ausstieg gibt. Allerdings: Wer mit Reichsbürgern, Rechtsextremisten, der NPD, Compact zusammengeht, muß sich dies dann am Ende des Tages schon zurechnen lassen.

Zur Krise der Literaturkritik

„Wer nach langen Emigrationsjahren wieder in Deutschland sich befindet, spürt den Verfall der literarischen Kritik. Es mag dabei Selbsttäuschung im Spiel sein. Der Vertriebene neigt dazu, den geistigen Zustand in Deutschland in der Zeit vor Hitler zu verklären und den Gedanken an all das zu verdrängen, was damals schon die faschistische Barbarei teleologisch in sich trug. Erinnert man sich an den Kampf, den Karl Kraus gegen die literaturkritischen Prominenzen führte, an den von ihm unerbittlich erbrachten Nachweis ihres Konformismus, ihrer Inkompetenz, ihrer Schlamperei, Wichtigmacherei und Unverantwortlichkeit, so wird man sich aller Illusionen über den damaligen kritischen Großbetrieb entschlagen. Aber gerade Karl Kraus hat im Negativen zwischen Dummheit und Gemeinheit, zwischen Mittelmaß und Inferiorität, zwischen dem Schmock und dem Kaffern zu unterscheiden gewußt. Es liegt im Sinne solcher Unterscheidung, daß man den heutigen Zustand, in dem der Geist kritischer Freiheit und Autonomie in Deutschland zu fehlen scheint, abhebt von einer Periode, in der die Kritik sich mag aufgebläht haben, aber wenigstens noch dem sogenannten geistigen Leben gegenüber ein Element von Unabhängigkeit bewahrte.

[…]

Die faschistische Autorität ist zergangen, aber übrig geblieben ist von ihr der Respekt vor einem jeglichen Bestehenden, Anerkannten und sich als bedeutsam Aufspreizenden. Ironie, geistige Beweglichkeit, Skepsis gegen das, was nun einmal da ist, hat nie in Deutschland hoch im Kurs gestanden. Solche geistigen Verhaltensweisen wurden auch während des liberalen Zeitalters mit schlechtem Gewissen, als eine Art illegitimer Reiz genossen. Sie galten für unsolid: stets mißtrauten das Feuilleton und das Akademische einander. Das Element der produktiven Negativität geht nun offenbar der heute in Deutschland Kritik übenden Generation weithin ab. Entweder man traut sich nicht, oder der Versuch bleibt hilflos. Polemiken wie etwa die, welche vor einiger Zeit Alfred Polgar im ‚Monat‘ dem Opus des Herrn von Salomon widmete, sind seltene Ausnahmen. Wird negativ geurteilt, so geschieht es eher im Sinne des autoritären Dekrets als dem des Eindringens in die Sache. […] Meist aber beschränkt sich die Kritik aus Mangel an Freiheit, Distanz und vor allem wirklicher Kenntnis der sachlichen Probleme, in deren Bewältigung künstlerische Arbeit wesentlich besteht, auf eine Art gehobener Information. Oft fällt es schwer, den Kritiker vom Waschzettelschreiber zu unterscheiden, wie ich mir umgekehrt habe erzählen lassen, daß jüngst ein Literaturkritiker, anstatt sich mit dem ihm vorliegenden Buch zu befassen, sich auf die Kritik des Waschzettels beschränkte.

[…]

Als Lessings helle Rationalität den äthetischen Rationalismus durchschaute, Heine die zum Genrehaften und Reaktionären verkommene Romantik angriff, als Nietzsche die Sprache des Bildungsphilisters bloßstellte, trug sie alle die Teilhabe am objektiven Geist. Selbst Karl Kraus, der den Expressionismus der Baller und Steiler bekämpfte, aber Georg Trakl entdeckte, wäre ohne jene geistige Bewegung nicht vorstellbar gewesen. Daß es heute eine damit irgend vergleichbare Tendenz des objektiven Geistes kaum gibt, und daß, was etwa noch an avantgardistischen Intentionen sich vorwagt, sofort in Gefahr steht, zur Spezialität zu verkümmern, reduziert Kritik zur beliebigen, unverbindlichen Meinungsäußerung.

Noch die Aussage, daß an der Sterilität der Kritik die Sterilität der Produktion Schuld trage, griffe zu kurz.Der wahre Grund ist die Neutralisierung der Kultur, die weiter weist wie zufällig von den Bomben verschonte Häuser, und an deren Substantialität keiner mehr recht glaubt. In solcher Kultur wird der Kritiker, der sie nicht selber beim Namen nennt, notwendig zum Mitmacher und verfällt der Gleichgültigkeit seiner Objekte, in denen die geschichtlichen Kräfte des Zeitalters zwar stofflich erscheinen, kaum je aber das Gestaltete selber tragen. Die Aufgabe der Literaturkritiker scheint an weiter und tiefer greifende Besinnungen übergegangen, weil die ganze Gattung Literatur heute nicht mehr die Dignität beanspruchen kann, die ihr noch vor dreißig Jahren zukam. Nur der Literaturkritiker würde seiner Aufgabe noch gerecht, der über diese Aufgabe hinausginge und etwas von der Erschütterung in seinen Gedanken registrierte, die dem Boden widerfuhr, auf dem er sich bewegt. Das könnte aber nur gelingen, wenn er zugleich in voller Freiheit und Verantwortlichkeit, ohne alle Rücksicht auf öffentliche Geltung und Machtkonstellationen und zugleich mit der genauesten artistisch-technischen Erfahrung sich in die Gegenstände versenkte, die ihm vorkommen, und den Anspruch aufs Absolute, der noch dem erbärmlichsten Kunstwerk verzerrt innewohnt, so schwer nähme, als wäre es das, wofür es sich gibt.“
(Th. W. Adorno, Zur Krisis der Literaturkritik, veröffentlicht 1952/53)

Dieses Passage kann man unkommentiert stehenlassen. Sie spricht und steht für sich. Auch was den Geist der bösen und bissigen Kritik, gerade im Sinne eines Karl Kraus betrifft, der heute fehlt, um jene scheinheiligen Lemuren – von links wie von rechts – aufzuspießen. Von der mißlungenen Literatur ganz zu schweigen. Man kann das insgesamt als eine Krise der Kultur begreifen. Immerhin aber ist es möglich zumindest diesen Umstand auszusprechen.

 

 

Vom Existieren: Fiktionäre und ein kybernetischer Realismus – Alban Nikolai Herbsts Erzählungen „Wanderer“

Erzählungen sind so ein spezielles Literaturding: frei nach Goethe Sentenz „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen; und jeder geht zufrieden aus dem Haus.“ Ich finde, das stimmt zwar einerseits und stimmt doch nicht ganz. Denn es stellt sich eben oft auch der Effekt ein, daß einige Erzählungen hängen bleiben, andere aber durchrauschen und ich schon nach vier weiteren Erzählungen nicht mehr weiß, was in jener ersten geschah. So zumindest geht es mir oft, und das macht mich nicht wirklich zufrieden, und deshalb lese ich Erzählungen nicht so gerne wie Romane – bei Harald Brodkeys „Unschuld. Nahezu klassische Stories“ widerfuhr es mir damals, und leider auch bei Denis Johnsons wunderbarem Band „Jesusʼ Sohn“. Das muß nicht an der Qualität der Geschichte liegen, sondern hat damit zu tun, was mich an einem Plot und der Konstruktion einer Erzählung fesselt und was weniger. Sozusagen auf einer ganz intuitiven Ebene: das, was Schlegel in seiner bitte unbedingt wieder zu lesenden Schrift zum Studium der griechischen Poesie das Interessante nannte und was später, von der Jenaer Frühromantik ausgehend, eine zentrale Kategorie moderner Dichtung werden sollte, im Gegensatz zur nach bestimmten Regeln durchgebildeten Dichtkunst der Alten. (Obgleich man auch dieses Narrativ der Ästhetik anzweifeln kann.)

Vielleicht ist es aber auch nur eine Wohnzimmerbequemlichkeit: es geht mir so, daß ich mich beim Lesen lieber in eine kontinuierliche Geschichte verstricke, gerne mit Umwegen und Ausbrüchen aus der linearen Ordnung und indem Zeitebenen durcheinander gehen. Bei Erzählungen verliere ich mich oft oder möchte bei einer einzigen Geschichte verharren und wissen, wie es weitergeht oder was man hinzudichten kann – oft sind Erzählungen, auch wenn sie zu Ende sind, für mich noch gar nicht zu Ende. In diesem Sinne bin ich kein guter Leser für Erzählungen. War ich noch nie. Einzig im Märchenbuch früher, Bechsteins Märchen, da las ich eine Geschichte nach der anderen weg – Fraktur übrigens –, verschlang sie und freute mich ob des Jammers oder auch der Erlösung. Vielleicht müssen wir uns Alban Nikolai Herbsts Erzählungsband „Wanderer“ wie ein Märchen vorstellen. Aber eben ein solches, wo eine Geschichte mit der anderen vielleicht kommuniziert und zusammenhängen könnte, ähnlich wie in der gleichnamigen Erzählung „Wanderer“, wo ein eigenes Leben mit dem anderen eigenen Leben verquickt ist, weil da der Protagonist aus seiner eigenen Lebenswelt herausfällt und in der Decke in einer Anders- und Parallelwelt verschwindet. Gleich der eigenen Welt, aber doch nicht gleich und um ein winziges verrückt.

Nun sind 2019 im Septime Verlag zwei Bände mit Erzählungen erscheinen: im Frühjahr 2019 „Wanderer“ und im Herbst 2019 „Wölfinnen“ – davon ich über den ersten Band hier schreiben werde. Trefflich vor allem, daß in dem Wanderer-Band frühe und teils auch unveröffentlichte Prosa zu lesen ist. Welcher Autor macht sich die Mühe, solche teils über vierzig Jahre zurückliegenden Texte noch einmal sich vorzunehmen, zu überarbeiten und zu redigieren? Und jeder, der einmal in jungen Jahren schrieb, weiß, daß da auch Ausschuß bei ist und der Wille zum Neuen manchmal vom Überschwang des Ausdrucks des Künstlers als junger Gefühlshund überlagert wird. Der Autor versucht, probiert, macht Experimente mit der Form und dem Inhalt. So auch bei Alban Nikolai Herbst. Doch beileibe sind diese Texte keine Jugendsünden – zumindest nicht in der hier dargereichten Form

Die frühen, freilich überarbeiteten Erzählungen lesen sich insofern gut, weil sie souverän gearbeitet sind. Dabei es mir die erste Geschichte „Svenja“, „Die Orgelpfeifen von Flandern“ und „Die Sache mit Kark Jonas“, die dann später zu dem Roman „Der Wolpertinger oder Das Blau“ umgeformt wurde, besonders angetan haben. Dazu später mehr. Der Neugierige freilich hätte gerne neben der letzten Fassung auch die frühere, die erste Version einer Erzählung sich gelegt, um zu schauen, wie ANH in Jugendjahren schrieb und tickte und was am Stil sich änderte. Andererseits aber sollte solche Neugier, ja Voyeurismus gar, nur etwas für den forschenden Germanisten sein und nicht für die lustvollen Leser, der am Interessanten wie am regelmäßigen Unregelmäßigen sich delektiert. Davon einmal abgesehen, daß solche philologischen, textkritischen Ausgaben kaum zu finanzieren sind und sich – verständlicherweise – nicht jeder Autor gerne in seine Werkstatt gucken läßt: wer gibt schon den Blick frei in die Experimentierküche der frühen wilden wunderbaren Jahre? Der Kritiker und der lustvolle Leser, der immer auch und zugleich im Kritiker stecken muß, will am Ende die fertige Prosa lesen – beim Literaturwissenschaftler mag es anders sein. Und solche Prosa haben wir in diesem Falle auch. Denn Herbst hat an seinen frühen Texten gefeilt und gearbeitet.

Alban Nikolai Herbst ist ein umtriebiger Autor. Zahlreich sind seine Romane und auch die Gedichte und hoch seine Produktivität, was man bereits daran sehen kann, mit welcher Intensität und welchem ästhetischem Furor der Autor seinen literarischen Blog „Die Dschungel. Anderswelt“ betreibt. Wohl kaum ein deutschsprachiger Gegenwartsautor läßt seine Leserinnen und Leser derart an seinem Schaffen, seinem Leben, seiner Literatur teilnehmen, läßt sich in die Karten schauen beim Überarbeiten von Gedichten, wenn eine bessere und neue Version entsteht. Was ist produzierender Autor, was ist Text, was gehört zur Literatur, was zum Ich? Gehören womöglich auch die Stufen der Überarbeitung und der Schwund zur Literatur? Wenn man sich die Hölderlin-Ausgabe des Stroemfeld Verlags ansieht, ist das Fragment als ständige Umschrift und nie endender Prozeß von Überschreibungen das eigentliche Werk.

Die Unterscheidung etwa zwischen Werk und Beiwerk, Autor und Romanfiguren, wie wir sie in jenen Erzählungen „Geständnis für die literarische Welt“ „Der Gräfenberg-Club“ finden, die Differenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit sind nicht grundsätzlich getilgt, aber doch in einer Weise verschoben, ja aufgehoben, daß in die Realität eine Nebenwelt, eine Anderswelt eben, einbricht. Der Begriff der Aufhebung paßt: so in der Geschichte „Joachim Zilts‘ Verirrungen“. Wandern zwischen den Welten, wenn da jener Protagonist plötzlich im Schlafzimmer, in dem er vorher noch mit seiner Freundin lag, in einer Art Krater in der Wand, in einem Dübel-Loch in der Decke aus Neugier hineinkriecht und verschwindet und damit in eine Welt aus Gangsystem und Abweichungen hineingezogen wird, in Parallelwelten wieder auftaucht, die sein Leben sind, die aber doch nicht identisch mit seiner alten Lebenswelt und seiner Existenz sind. Aus dem Schutzort des Bettes heraus geschieht zwar nicht die Verwandlung, aber doch eine Transformation und es fällt der Protagonist aus seinem gewöhnlichen Leben. Eine Art kybernetischer Realismus, wie Herbst es in seiner Poetik formuliert. In diesen labyrinthischen Gangsystemen, die ein Zurückfinden in seine alte und gewohnte Welt unmöglich machen, leben noch andere Menschenwesen, die es ebenfalls aus ihrer alten Lebensweise hinausschoß. Joachim Zilts scheint nicht der einzige zu sein, dem dies widerfährt.

„Ich war aus dem letzten von mir beschrittenen Gang in eine Welt hinabgestürzt, die meiner nur analog war.“

Menschen werden in diesen Erzählungen in Anderswelten versetzt. Und ebenso verwischen sich die Figurationen und die Frage nach Autorschaft, so zum Beispiel in der Erzählung „Geständnis für die literarische Welt“: der Autor Alban Nikolai Herbst ist nicht der Autor seiner Texte, sondern ein gewisser Hans Erich Deters schreibt diese Prosa und Lyrik, für die dann ein gewisser Alban Nikolai Herbst seinen Namen hergibt: der Autor ist nicht Herr im eigenen Haus. Deters nimmt dann auch weiterhin in Herbsts Werk eine zentrale Rolle ein. Und bereits der Titel des literarischen Weblogs „Dschungel.Anderswelt“ spielt, neben der Assonanz auf den von Herbst geschätzten Dichter Rudyard Kipling, mit solchen Wucherungen, und es heißt dort auf der Seite: „Das Literarische Weblog. Erschaffen 2003/04 von den Fiktionären Herbst & Deters“. In dem Roman „Wolpertinger oder Das Blau“ tritt ebenfalls ein Hans Erich Deters auf. Man könnte dieses Buch einen postmodernen Roman nennen, so wie überhaupt das Schreiben von Herbst unter diesen Begriff fallen mag: Figuren nämlich, die immer wieder im Werk des Autors auftauchen, ein Autor, der Figur ist und wo Inszenierung und Leben nicht mehr trennscharf sind – so auch in seinem Blog. Allein, es greifen solche Klassifizierungen dann auch wieder zu kurz, weil sie das Spezifische der Prosa tilgen. Eben dem Eigensinn von Dichtung zuwider sind. Es läßt sich diese besondere Prosa auf keinen Begriff bringen. Immerhin: ein Autor von über sechzig Jahren.

Herbst schreibt den Realismus, aber in diese Welt des Realen bricht immer wieder die Seltsamkeit herein, so in „Die Sache mit Kark Jonas“, wo abends in den Gassen der Altstadt ein junger Mann, ein Ich-Erzähler mit einem Bettler ins Gespräch kommt und diesen in eine Kneipe einlädt. Der Bettler fabuliert, die Situation gerät seltsam, immer seltsamer und der Alltag aus den Fugen. Solche Erzählungen sind von einem surrealistischen Moment gespeist; daß da unter der Realität der gemütlichen Altstadt mit den romantischen Mauern noch was anderes dräut. Da setzt plötzlich die Zeit aus, als der junge Mann den Bettler angreift und schlägt und der Bettler ins Messer des Mannes fällt oder aber, daß der Mann das Messer in den Bettler stößt. Eine seltsame Frau taucht auf, eine Initiationsgeschichte, die was mit Körperlichkeit zu tun hat, ein normaler Alltag an einem Abend in einer Kneipe, wo einen zuweilen ein Gast zuquatscht, wird atmosphärisch aufgeladen, gerät aus den Fugen, fällt aus dem Lauf unserer Normalzeit und durch die seltsame Geschichte des Bettlers gelangt eine andere Ebene ins Erzählspiel. Herbst transformiert das konventionelle Erzählen, bringt es in eine andere Sphäre und verbindet die unterschiedlichen Ebenen. Wenn man es vergleichend klassifizieren wollte, was nicht zielführend ist, weil dies, siehe oben, den Eigensinn von Literatur raubt, aber deshalb vielleicht doch sinnvoll, weil sich der zunächst unwissende Leser auf diese Weise ein Bild zu machen vermag, könnte man hier Namen wie Italo Calvino und Jorge Louis Borges und den sogenannten magischen Realismus nennen.

In den späteren Erzählungen des „Wanderer“-Bandes dann findet sich vermehrt das Spiel mit den Realitäten, so in „Azreds Buch“, „Der Gräfenberg-Club“ oder „Geständnis für die literarische Welt“. Elemente eines fantastischen Realismus durchziehen viele der Erzählungen. Herbst spricht auch vom kybernetischen Realismus, was ich von der Begrifflichkeit passend finde, um diese fürs Deutsche her ungewöhnliche Prosa zumindest zu beschreiben. Sofern solche doxographischen Kategorien wie postmodernes Erzählen hier in Anschlag gebracht werden können, scheinen sie eine Tendenz dieser Literatur zu treffen. Zumindest aber, das bleibt festzuhalten, beschreiben sie Herbst Art des Erzählens in dem Sinne, daß die herkömmlichen Formen des realistischen Erzählens aufgebrochen werden: nicht zugunsten von Wunderwesen oder andershumanen Existenzen: es gibt keine Einhörner, Cyborgs und Oger, aber doch, daß da eine andere Ebene ins Spiel gerät: eine Phantastik. Wie wenn wir träumen. Wenn man es so sagen will, kann man Herbsts Prosa als eine Fortschreibung etwa von Louis Aragons „Le Paysan de Paris“ lesen: auch dort bricht in die Szenerien der Stadt immer wieder eine andere Welt ein, wenn etwa unter dem Pflaster von Paris der Mythos brodelt und dort das Unbewußte nistet, die Statuen des Parks Buttes-Chaumonts etwa führen ein Eigenleben: Sie reden, sie erzählen. Ja, sie leben. In Aragons Roman heißt es: „Ein Gegenstand konnte sich vor meinen Augen verklären, ohne allegorische Züge noch Symbolcharakter anzunehmen; er manifestierte weniger eine Idee als er selbst diese Idee war.“ Bei Herbst gesellt sich zur ästhetisch-erzählerischen Verklärung noch die Transformation hinzu. In diesem Sinne lese ich diese Prosa Herbsts auch in der Tradition von Aragon und dieser Art des Surrealismus, unsere Welt neu zu beleben. Das eben, was alle ästhetisch gelungene Literatur will. Verzaubern und entzaubern. Der Mythos ist Aufklärung.

In vielen dieser Geschichte spielt der Tod eine Rolle (Gehirn, Der Sieg, Joana. Nachtstück, Der letzte Wille, Der Ton, Roses Triumph, Joachim Zilts Verirrungen) bis hin zu den Phantasien zum Selbstmord (Müder Gegner), kulminierend in der letzten Erzählung des Bandes, der wunderbaren, traumschönen, liebesseltsame Prosa „Die Orgelpfeifen von Flandern“. Ein Zeitrückblick, eine Recherche und der Abschied von einer Frau. Allein für diese Erzählung, der man eine eigene Rezension widmen muß, lohnt der Kauf dieses Buches.

Allerdings: Ich fand beim Lesen nicht alle Erzählungen gleichermaßen gelungen und interessant. Bei jenen Erzählungen, die in Slang oder Mundart geschrieben wurden – sicherlich: ein Formexperiment auch –, schaltete ich ab, etwa bei „Marlboro“, auf die ich mich vom Titel her gefreut hatte, weil sie nach Rauchen, nach Pferden und den 1980er Jahren klang, und auch bei der vom Stoff her eigentlich spannenden Erzählung „Schluß machen mit denen“: mir fehlte in dieser Intensität des Dialekts, der als Stilmittel das Extrem dieser Ich-Perspektive zeigt und insofern ästhetisch sicherlich konsequent verwendet wurde, das Wechsel im Ton. Vielleicht muß man sich die Erzählung „Marlboro“ vorgelesen vorstellen, denn Herbsts Prosa lebt, wie eigentlich jede gute Literatur, vom Klang. Dichtung ist immer auch Musik. ANHs Dichtung besonders.

Ich verstehe das Formexperiment, das für diese frühen Erzählungen eine zentrale Rolle spielt und eine teils saturierte Ich-Erzählzeit der damals grassierenden Neuen Subjektivität implizit kritisiert, die sich heute im autobiographischen Schreiben wiederholt oder zumindest darauf rekurriert. Und in diesem Sinne sind Herbsts Romane wie auch dieser Erzählungsband eine wichtige Kritik jener Knausgardisierung der Literatur. Daß das Ich ein Ich und zugleich immer eine Fiktion ist. Sich wandelnd, und zwar derart, daß es nicht einfach von sich erzählt, sondern zu fabulieren beginnt. Dichter sind Phantasten.

Herbst scheut das Experiment nicht. Er spielt mit den Stilen, setzt sie je nach Sujet und Geschichte unterschiedlich ein. Insofern ist dieses Jonglieren in den unterschiedlichen Erzählungen und damit die Abweichungen in der Form sowie das Variieren des Stils nicht Beliebigkeit, sondern es bedingt der Inhalt die Form und die Form wiederum wirkt auf den Inhalt, was ein neugieriger Betrachter vermutlich wird verifizieren können, wenn er sich in die Werkstatt des Autors schliche, sich die Schritte betrachtete, in denen diese Erzählungen je überarbeitet wurden.

Auch ein manchmal hoher Ton kommt vor. Da Herbst aber Pathos – ganz zu recht übrigens – nicht als Schwundform des Literarischen und auch nicht als Kitsch betrachtet, sondern dieses Pathos der Dichtung wesentlich ist – seltsames Ding auch: was beim Pop gerne toleriert wird, wenn Menschen beim Klammerblues schwelgen und fummeln und in Rückreflexion sehnsüchtig werden, wenn sie daran denken, wie die Fingerspitze an der Poritze glitt und wenn sie sentimental durch den Song fingerten, wie sie es tun sollen: all das wird von den selben Menschen, die dieses Pathos in der Musik und beim nachträglichen Denken übers Fummeln schätzen, in der Literatur verpönt – insofern scheut sich Herbst nicht, diese Pathos einzusetzen und einen ganz eigenen, auch hohen Ton anzuschlagen oder Wortwendungen zu wählen, die wie aus der Zeit gefallen scheinen „Wie ihre Kehle hüpft“ – zumindest aber lesen wir bei den frühen Erzählungen schon eine Sprache, die im Polit-Sound der frühen 1970er Jahre seltsam wirkte. Der Anfang der ersten Erzählung bereits spielt nicht nur mit dieser Tonlage, sondern erzeugt in der Sprache und ihrer Anordnung eine nicht nur besondere Atmosphäre der Verklärung, sondern schon optisch und im Lesefluß einen Bruch:

„Elfenkönigin seine“

und dann, um den Gedanken fortzusetzen, ein Absatz und eine Minuskel und ein Enjambement:

„schon als sie zum ersten Mal vor ihm steht: im Halbprofil schräg jemandem andres zuwendet. Wie sehnig sie ist und wie schmal!

Ihr durchgedrücktes Hohlkreuz. Ihre sehr kleine Brüste.“

So in „Svenja“: dieser Eindruck und diese Körperbeschreibung und Geste, die im Anfang und am Ende für eine Liebe verantwortlich ist: daß da was funkt. Im Ton, denkt sich der Leser zunächst, ist das eigenwillig geschrieben, in einem besonderen Sprachstil und für einen vielleicht 17jährigen Autor ungewöhnlich. Die Erzählung ist um 1972 entstanden, auf Schreibmaschine getippt, mehrfach umgearbeitet, wie man der Quellenangabe am Ende des Bandes entnehmen kann. Insbesondere wenn man die politischen Tendenzen jener frühen 1970er Jahre bedenkt, taucht da eine andere Art von Erzählen auf – die Geschichte ist im Stil so anders gehalten als jene bereits aufkeimende Innerlichkeitsprosa der frühen 1970er Jahre, und sie hat nichts von den Post-68er-Politpossen, die entweder die Befindlichkeiten gescheiterter Revolten ausrollen oder aber die Literatur am liebsten gleich ganz abschaffen wollten. Die klugen Autoren wie Handke und Bernhard, aber auch Frisch und Johnson wußten um solche Tücken und machten sich im Schreiben mit dem unmittelbar Politischen nur bedingt gemein.

Der Stil ist teils lyrisch, doch gerade durch dieses Mittel bleiben die Charaktere im Kopf des Lesers hängen und werden plastisch: jenes Mädchen Svenja, das gerade mal der Pubertät entwachsen ist und jener junge Mann, der sie anscheinend begehrt, der seine erste Liebe liebt und darin vielleicht mehr noch die Liebe als jene Svenja – aber auch das gehört vermutlich zum Lieben – und der sie gerade deshalb grandios verfehlt. Eine schöne Geschichte vom Scheitern und sie korrespondiert vor allem wunderbar mit jener oben genannten letzten und tieftraurigen Erzählung „Die Orgelpfeifen von Flandern“. Sie bildet den Abschluß und die Klammer zur Erzählung „Svenja“ und auch den Höhepunkt dieses Bandes.

Erzählungen sind insofern ein eigenes Genre, weil es hier leichter möglich ist zu sehen, wie ein Autor, hier Herbst, den Stil und den Ton der Texte immer wieder variiert. Man kann diesen Wechsel der Töne auch, wie uns Joyces „Ulysses“ demonstrierte, in einem einzigen Roman machen, aber in den Erzählungen zeigt sich das insofern angenehmer, da die unterschiedlichen Sujets und Erzählsituationen unterschiedliche Stile motivieren. In diesem Sinne lese ich diesen ersten Band als einen Blick in die Werkstatt des Autors – einerseits – und andererseits eben finden wir eigenständige und als gelungene Literatur sich bewährende Prosa, der ich viele Leser wünsche. Ob die Erzählungen einen guten Einstieg bieten, um in Alban Nikolai Herbsts Werk hineinzugelangen? Ich weiß es nicht. Ich denke, man sollte schon ein wenig mehr von Herbst gelesen haben, um in dieses Labor aus Form, Formwille, neuem Stil und metaphysisch-existenzieller Versuchsanordnung den Weg zu finden. Oder doch nicht? Vielleicht bietet gerade der „Wanderer“-Band einen guten Überblick, etwa mit der Svenja-Erzählung wie auch den Orgelpfeifen und der Sabinenliebe und insbesondere die Erzählung „Roses Triumph“ liefert ein herrliches, trauriges und zugleich saukomisches melvillesches Bartleby-Motiv: fatale Dialektik von Freiheit: plötzlich und wie auf einen Schlag zu wissen, daß man frei ist, wie eben jener Herr Rose, jene mediokre Angestelltenexistenz, die auch wir sind, und diese ungeheure Erkenntnis doch für sich zu behalten, ohne praktische Konsequenz, niemandem sie zu sagen, in sich hineinschmunzelnd, schweigend und in seiner Büroexistenz immer weiter machend und harrend, weil Rose ja wußte, daß er frei war und also gar nicht aufzuhören brauchte, bis zum Ende. Auch eine dieser herrlichen Herbst-Erzählungen.

„Äußerte sich nicht die vielleicht perfideste Freiheit gerade darin, daß er – sitzen blieb? Wenn er sich weiterhin nichts anmerken ließ? Die Vorstellung, eine Frau, mit der er über zweieinhalb Jahrzehnte verbracht hatte und die deshalb nicht völlig grundlos annehmen durfte, ihn zu kennen – eine solche Frau derart zu täuschen, begeisterte ihn. Er lachte auf.“

Gepaart ist dieses Spiel mit jenem Motiv aus Nathaniel Hawthorne Erzählung „Wakefield“: das Leben der anderen zu beobachten, nur daß jener Rose, anders als in „Wakefield“, nicht aus dem Verborgenen, aus dem gegenüberliegenden verlassenen Haus das Leben seiner Ehefrau und seiner Familie beobachtet, nachdem er nach einem Spaziergang niemals wiederkehrte, sondern Rose ist live dabei und doch sich verstellend. Selbst das Alter und den Verfall simuliert er noch – klar bei Geist und die anderen taxierend.

Ich bin mir nicht schlüssig, ob ich diesen Band mit Erzählungen als Einstieg empfehlen würde. Ja, ich begänne beim Herbst-Lesen und -Entdecken mit anderen Büchern. Wenn es aber darum ginge, einen Einstiegstext für jene zu finden, die bisher ihn nicht gelesen haben, so empfehle ich die wunderbare „Sizilianische Reise“, den flirrenden Süden aus Mythos, Zeit und Erzählung, in der ebenfalls zahlreiche Elemente und Motive, die auch in seinen Erzählungen auftauchen, Eingang finden: insbesondere die Frage nach der Realität und der Fiktion. Oder für jene Melancholiker seinen Roman „Traumschiff“: zart und poetisch reisen wir mit dem Protagonisten auf seiner Todesreise über den Ozean und hinüber in jene andere oder aber Gar-nicht-Welt – je nachdem, wie wir religiös gestimmt sind. Wer aber einen Einstieg finden will in die Leidenschaft der Kunst, des wilden Liebens und des wunderbaren Lebens, der lese unbedingt „Meere“:

„Fichte hat nie sublimieren wollen. Immer das Leben direkt. Daher dieses öffentliche Missverständnis über seine Kunst. Es geht ihr nicht darum, ein Manko zu beheben. Sie will das Manko sein. Will es auf eine Weise sein, die es erzwingt, die gar nichts anderes möglich macht, als Lust aus ihm zu ziehen. Sie soll Welt sein.“

Fichte, das ist nicht nur Kiefer, sondern das unreine Ich und Tathandlung. Lebenswild, schaffend, Dionysos, Apollon und unsere so moderne Moderne, die dieser Roman schildert und persifliert in einem. Das aber wieder ist ein anderes Thema.

Alban Nikolai Herbst: Wanderer, 600 Seiten, ISBN: 978-3-902711-81-6, EUR 29,90, Septime Verlag 2019

 

 

Differenz des Idioms – Zum 90. Geburtstag von Jacques Derrida

DerridaDie Philosophie Jacques Derridas auf ein, zwei, drei Begriffe oder Motive zu bringen, scheint kaum sinnvoll – einmal davon abgesehen, daß es eine verdinglichte und unangemessene Weise ist, sich derart auf Philosophie zu kaprizieren und sie im Begriffsraster einer Aufzählung einzufangen. Insofern kann ein  Blogbeitrag nichts Grundsätzliches leisten, allenfalls ein wenig Lust auf die Texte Derridas machen. Denn Schreiben und Lesen haben, das zeigen auch manche der Texte Derridas, mit jener „Lust am Text“ (Roland Barthes) zu tun. Zudem kann ein solcher Text einige Motive der Philosophie Derridas umkreisen, anschneiden, anspielen und würdigen: Das Literarische seines Schreibens, ohne freilich, daß Philosophie nun Literatur wird; dort wo, eine Konstellation von Texten in eine Grenzform driftet – wie bspw. in Glas oder in Derridas Postkartentext und sich eine andere Form des Schreibens in Szene setzt.

Und vielleicht kann ein solcher Blogtext dazu ermuntern, bestimmte Bücher einmal wieder oder überhaupt erst zu lesen. Ich würde als Einstieg vielleicht sogar Derridas „Schibboleth- Für Paul Celan“ empfehlen, obwohl seine Grundlagentexte wohl eher in der „Grammatologie“ zu finden sind und in seinen Untersuchungen zu Husserl, wie etwa „Die Stimme und das Phänomen. Ein Essay über das Problem des Zeichens in der Philosophie Husserls“ sowie „Husserls Weg in die Geschichte am Leitfaden der Geometrie. Ein Kommentar zur Beilage 3 der ‚Krisis'“ und als Standardtext sicherlich aus „Randgänge der Philosophie“ – der Titel bereits setzt die Szene – den Différance-Essay sowie aus „Die „Schrift und die Differenz“ den Aufsatz „Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaft vom Menschen“. Womit anfangen? Mit dem Anfang? Oder einfach anfangen? Es sind Versuche, Denkversuche. Derrida gehört in diesem Sinne zu den schwierigen Autoren, weil für die Lektüre seiner Texte bereits die Geschichte der abendländischen Philosophie vorausgesetzt ist. Dennoch halte ich solche Texte wie das Celan-Buch und dazu noch den ebenfalls im Passagen Verlag erschienen Interview-Band „Positionen“ für einen guten Einstieg. Danach noch den Nietzsche-Aufsatz „Sporen. Die Stile Nietzsche“ aus dem sowieso lesenswerten Sammelband „Nietzsche aus Frankreich“. Anhand dieses Textes bekommt man vielleicht ganz gut in den Blick, was eigentlich Derrida mit dem Begriff der Textlektüre und damit verbunden mit den Begriffen Dekonstruktion und Hermeneutik meint.

Gegen Doxographie

Derrida macht im Grunde das, was das klassische Geschäft der meisten Philosophinnen und Philosophen ist: er bezieht sich auf die Texte anderer Philosophen oder im Falle Derridas auch auf die Texte von Literaten. Er liest z.B. Platon, Hegel, Nietzsche, Freud und Husserl vor allem, aber auch Artaud, Bataille, Ponge, Kafka oder Celan. In diesem Sinne und gerade in bezug auf Derridas Husserl-Lektüren wäre es vielleicht sogar sinnvoller, Derrida in der Phänomenologie zu verorten – ebenso wie auch Jean-François Lyotard von der Phänomenologie her kommt.

Viel Verwirrung und Schaden haben dabei solche Einordnungen von Derridas Philosophie angerichtet, die ihn in Begriffen wie „Postmoderne“ oder „Poststrukturalismus“ doxographisch einpressen wollen, und auch der Name Dekonstruktion läuft dann ins Leere, wenn damit eine Spielmarke gemeint ist, unter der man die sehr heterogenen Texte Derridas zusammenfaßt. Wer diesen Begriff in bezug auf Derrida verwendet, täte gut daran, zu zeigen in welchem konkreten Text-Kontext und in welcher Weise der Operation dieser Begriff gebraucht wird. Seine Schrift „Glas“ macht etwas ganz anderes als seine Celan-Lektüre im „Schibboleth“, die wiederum ganz anders mit einem Text umgeht, als bspw. „Die Postkarte. 1. Lieferung“ und dann dazu in Korrespondenz und in Absetzungsbewegung die „Postkarte, 2. Lieferung“, worin es (unter anderem) um Lacans Fakteuer der Wahrheit und um eine Präsenzkritik geht, die zwar einerseits mit der literarischen Form der 1. Lieferung in einem Zusammenhang steht, die aber in der Durchführung und insbesondere in dem teils literarisch gehaltenen Stil doch etwas anderes betreibt, etwa über der Postkarte als Kommunikationsmedium, den Begriff der Telekommunikation, einer Art von actio in distans, was zugleich ein Verweis auf die Zauberei und eben auch auf Nietzsches gleichnamigen Aphorismus in der „Fröhlichen Wissenschaft“ ist: die Wirkung der Frauen aus der Ferne und der Begriff „Frau“ ist dabei nicht bloß als empirische Reifizierung gemeint und auch nicht als Prinzip, sondern „Frau“ und „Weib(lichkeit)“ stehen für eine bestimmte Bewegung eines anderen Denkens. Eine Komplexion an Bezügen also – gerade das machte für mich damals Anfang der 1990er diese „Postkarte. 1. Lieferung“ für mich reizvoll. Was bei Derrida „Dekonstruktion“ ist, kann man eben immer nur am konkreten Text selbst zeigen.

Das universitäre Milieu

Für meinen eigenen philosophischen Werdegang gehörte der Text Derrida in den junge, den wilden und verwegenen Jahren des Studiums wesentlich dazu, sicherlich auch ein wenig als Attitüde gegen einen saturierten Habermasianismus der bundesdeutschen Philosophie, und er bestimmte mein Denken: zusammen mit Kant, Hegel, Nietzsche, Adorno, Foucault, Benjamin und eben auch Martin Heidegger. Dialektisches Denken Hegelscher Provinienz bzw. dialektische Kritik, die von Marx, Hegel und Adorno her kam,  einerseits und Dekonstruktion bildeten die beiden Pole, um die sich mein Schreiben gruppiert. (Und möglicherweise ebenso meine Photographien.) Ein Schüler zu sein, ein gehorsamer zumal, der gelehrig aufnimmt, sich in die Schrift vertieft und talmudartig entziffert und unentwegt kommentiert, bedeutet jedoch nicht, es dem Meister dieser Philosophie gleichzutun. Genaues und gründliches Lesen will gelernt sein und oft überhebt man sich in den jungen Jahren in Gesten und Simulation von Philosophie – Philosophie hat in diesem Sinne auch etwas mit dem Finden der eigenen Position zu tun, und deshalb identifizieren manche sich zuweilen zu sehr. Das ist nicht weiter schlimm. Schlimm wird es, wenn man es im Laufe des Prozesses nicht bemerkt.

Die schlechteste Art dieses Überlassens an einen Text geschah in der unreflektierten Mimesis: wenn da, was es leider bis heute gibt, der Jargon des „Meisters“ in einer seltsamen Blödig- und Hörigkeit nachgeahmt wird: Neologismen kaum zu unterscheiden, ob das nun Dada oder Derrida oder Derridada ist. Gefasel, das sich klug dünkt und als wissenschaftlicher Text oder als Essay oder einfach nur als Kommentar doch über die bloße und leere Assoziation nicht hinauszukommen vermag, Parodie auf Philosophie und bis heute leider eine Praktik. Schon damals im Studium saßen da in den Seminaren jene postmodernen Jünger des Jargons der Uneigentlichkeit mit ihrem Hang zum ortlosen Verschwafeln. Man mochte da fast wieder zum Habermasianer werden.

Against methode?

Die sogenannte Dekonstruktion (und ebenso die Dialektik) sind keine Methoden, die starr zu handhaben sind. Mit solcher imitatio wird keiner glücklich – es sei denn, die Duplizierung des Meisters gelingt auf eine derart überzeugende Weise, daß daraus wiederum eine Gestalt hervortritt, die überbordend in der Imitation und dadurch im stillen verformend (und das Wesen des Meisters radikal befolgend und strikt gelesen) dennoch eine Verschiebung ums ganze erzeugt, indem durch solches Verfahren eine neue Gestalt des Denkens freigelegt wird. Dies freilich ist selten. Eine Striktur. Was sich idealerweise aus dem Kokon spinnt, ist immer eine neue Gestalt, mögen ihr die Fäden noch anhaften, die aber irgendwann reißen. Der Faden der Ariadne kann aus dem Labyrinth bringen. Eine der Aufgaben der Philosophie ist es jedoch, die Labyrinthe zu begehen, zu sichten und ihnen einen Ort zuzuweisen, sie zu befragen. Und dennoch überlassen wir uns diesen Labyrinthen der Texte, die Gewebe, Faden und Kokon sein können. Was immer wir in diesem Labyrinth antreffen mögen. Wenigen nur gelingt dieses Spiel.

Solche Wege ins Abseitige eines Textes beschritt Derrida. Eine unscheinbare oder gar „wolkige“ Stelle gab den Anlaß zur Lektüre, möglicherweise dem Leser unwesentlich erscheinend, wie etwa in „Sporen. Die Stile Nietzsches“ jener Satz Nietzsches, daß er seinen Regenschirm vergessen habe. Derrida insistierte in seiner Lektüre auf genau diesem winzigen Detail. So brachte er auf diese Weise die undialektische Oppositionsbildung bei Michel Foucault auf den Begriff. Eine eher zu überlesende Passage in Foucaults 1961 erschienenem Buch „Wahnsinn und Gesellschaft“ war es, wo Foucault eine Ausführung Descartes in seinen „Meditationen“ aufgriff, in der die Gestalt des Wahnsinnigen im Kontext des Wissens auftrat. Derrida zeigte in seinem Aufsatz „Cogito und die Geschichte des Wahnsinns“ (1964), daß Foucault in dieser Lesart einem viel zu starren Schema der Oppositionsbildung nachhing. Das genial Perfide Derridas – sozusagen die Strategie des Textes – bestand nun insbesondere darin, daß er Foucaults Text strikt befolgte, in einer Art von Kommentar und immanenter Lektüre, wie Derrida schreibt: „… wir werden der Absicht Foucaults so getreu wie möglich folgen, indem wir erneut die Interpretation des kartesianischen Cogito in das Gesamtschema des Foucaultschen Buches einschreiben.“ (J. Derrida, Cogito und die Geschichte des Wahnsinns) Einmal unabhängig davon, wieweit Derridas Foucault-Lektüre hier plausibel ist, zeigt sie das Interessante, aber auch das Heikle solchen Vorgehens. Schnell kann solche Lektüre freilich ebenso ins Beckmesserische, ins Rechthaberische driften. Derrida und Foucault waren nach diesem Derrida-Text keine guten Freunde mehr, erst sehr viel später wieder enspannte sich deren Verhältnis.

Wer die Details zu diesem Disput nachlesen will und noch vieles anderes aus dem Leben Derridas, der greife unbedingt zu der lesenswerten Biographie von Benoît Peeters. Sie zeigt die intellektuellen Dispute mit Lacan, Foucault, Lévy-Strauss und vielen anderen wie etwa dem legendären Streit zur Sprachphilosophie mit John Searle – auch hier wieder zeigt sich, daß die Verhärtung der Fronten oftmals das Gemeinsamein der Differenz zurücktreten läßt. Auch findet sich darin ein schöner Blick auf  jene wilden 1960er Jahren in Paris, zwischen Revolte, Revolution, Sartre, Althusser, Foucault, Kristeva, Derrida und auch manches zur Tel Quel-Gruppe. Und als ich die Biographie damals las, dachte ich mir zugleich, daß es doch schön wäre, wenn es für Deutschland auch eine Geschichte zu jener den intellektuellen Diskurs prägenden Tel Quel-Gruppe bzw. der Zeitschrift gäbe, vielleicht so, wie das Philipp Felsch im „Langen Sommer der Theorie“ zum Merve Verlag tat und den dort stil- und denkbildenden Diskursen, die aus dem Spektrum zwischen Kritischer Theorie, Poststrukturalismus und Dekonstruktion entstanden, ein Erinnerungsbuch schrieb, das die Geschichte von Denksystemen, freilich launig erzählt, uns liefert.

Vor allem aber, und das macht diesen Text als Gegenpol interessant, kommt Peeters nicht aus dem Umkreis der Dekonstruktion, liefert insofern keine irgendwie in den Fußspuren Derridas sich einschreibende Lektüre. (Was man freilich ebenso als ihren Schwachpunkt lesen kann.)

Derridas konstellatives Denken

Begriffe wie Dekonstruktion und Aufpfropfung greifen für den Text Derridas zu kurz, sind eine Abbreviatur komplexen Denkens. Denn jedesmal, an jedem Text, in jedem Idiom und Stil des Schreibens, an jeder Struktur eines Textes oder eines Satzes entwirft sich die Dekonstruktion neu. Als Stil. Das macht ihr literarisches Element  aus und aus diesem Grunde kann man bei der derridaschen Dekonstruktion nicht von einer Methode sprechen. Sie ist dabei unbedingt affirmativ, indem sie ihren Gegenstand beläßt. Darin unterscheidet sie sich womöglich von der (hegelschen) Dialektik, in der ein Gegenstand und ein Begriff an sich selber kollabieren und dabei zugleich weiter und über sich hinaus treiben und wie Phönix und die bekannte Asche steigt und steigert eine neue Verbindung. [Der Kohlenstoff ist ein ganz und gar eigenwilliges und vielseitiges Element der Bindung und des Lebendigen. Die Bedeutung der Asche als verstreubarer Rest, Vernichtung und Spur in einem ist für Derrida zentral. Das zeigt seine Celan-Lektüre ebenso wie „Feu la cendre“ und das darin entfaltete Spiel mit dem Geben, der Gabe, dem Feuer, dem „Es gibt …“. Ähnliches in „Falschgeld. Zeit geben I“, wo wir zum einen eine Lektüre von Baudelaire und zugleich eine Poetik des Tabaks finden.]

Es ließe sich zwar ein Feld von Begriffen nennen, die das Denken Derridas charakterisierten: Kultur und Natur, Schrift, Kommunikation, Sprechen, Text, Logozentrismus, Gerechtigkeit, Gabe, Differenz, der Eigenname, das Idiom, die Psychoanalyse, die Spur. Mit all diesen Begriffen verbinden sich bestimmte Texte Derridas und Phasen seines Denkens. Die Zahl seiner Bücher und Aufsätze ist schier unnennbar.

Zentral für den Text Derridas bleibt jedoch der Begriff der différance – jener Kunstbegriff, der vom lateinischen Wortstamm her über das Verb differer auf zwei Aspekte verweist: verschieden sein und verschieben. Ein bedeutungstragender, graphischer Unterschied, der sich beim Klang, beim Aussprechen des Wortes jedoch nicht ausmachen läßt und nur in der Schrift selber in seiner Mehrdeutigkeit lesbar ist. Ein Begriff, der eine Verschiebung in der Zeit bezeichnet, als Aufschub und Entfernung dessen, was niemals in eine volle Präsenz gebracht werden kann und niemals als Präsenz zu haben ist, denn diese bleibt immer Phantasma. Die reale Gegenwart ist ein Trug. Darin teilt Derrida sicherlich Hegels Kritik der Unmittelbarkeit. Wie sich überhaupt Derrida und Hegel in der Bewegung des Textes ähneln, wo Begriffe und Bestimmungen des Denkens flüssig werden – wo sie mithin liquidiert werden, indem starre Festsetzungen und Fixierungen aufgelöst werden sollen. Mit dieser différance verbunden ist ein räumlicher Aspekt des Aufschubs, der sich als Spur manifestiert, eine Heterogenität und Alterität. Zudem ist es das andere seiner selbst, als Verschiedenheit, absolute Differenz, wie im Idiom oder Eigennamen, der das eigene bezeichnet und der dennoch wiederholbar ist und ebenso auf andere zutrifft, die denselben Namen tragen.

Aber diese différance ist im strengen Sinne kein Wort, kein Begriff, sondern in den Diktion Derridas ein „Bündel“, in dem sich verschiedene Aspekte verdichten, sammeln und formieren, um sich jedoch immer neu wieder zu verschieben und zusammenzuschießen: nicht still zu stellender Sinn: von der Ökonomie (des unendlichen Aufschubs) von Präsenz bis hin zu einem strategischem Spiel der Kräfte und Bündnisse.

„Ich bestehe darauf, die différance ist keine Opposition, nicht einmal eine dialektische Opposition: Sie ist eine Bejahung-aufs-neue des Selben, eine Ökonomie des Selben in seiner Beziehung zum Anderen, ohne daß es notwendig ist, damit sie existiert, sie einzufrieren oder sie in einer Unterscheidung oder in einem System dualer Oppositionen zu fixieren.“ (Jacques Derrida/Elisabeth Roudinesco, Woraus wird Morgen gemacht sein?)

Gleichzeitig bedeutet diese différance eine Weise der Ermöglichung, sie ist Bedingung von Diskursen, Texten, Äußerungen. Insofern kommt ihr – unter anderem – eine transzendentale Struktur zu. Wie jenes kantische „Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten können …“ läßt sich die différance nicht reifizieren und in dieser Weise des Empirischen exponieren. Derrida umschreibt diese Form der différance in seinem gleichnamigen Text. Dieser Text ist schwierig, er braucht Zeit, er muß genau gelesen werden, er ist auf den ersten Blick rätselhaft in seiner Gestalt, und das hat bei mir damals im Studium seinen Reiz ausgemacht. Poetisch manchmal. Eine Philosophie des Entzugs. Und damit ganz und gar mimetisch einerseits: der Text führt das vor, was er beschreibt, Inhalt und Form stehen in einem Verhältnis, das nicht bloß zufällig ist. Andererseits sich jeglicher Verwertungslogik entziehend. Diese „Struktur“ der différance macht die ästhetische wie auch die philosophisch-kritische Kraft dieses Neologismus, der weder Begriff noch Zeichen ist, aus. Den Unterschied einzuschreiben, zu bewahren, ihn aufzuheben, ihn zugleich aber nicht im Sinne der Oppositionsbildung absolut zu setzen, ist eine der Tätigkeiten der différance. Denn der Dekonstruktion Derridas geht es um die Auflösung und Verflüssigung von Oppositionen: was wir als naturgegeben annehmen, erweist  sich als kulturell gemachte Unterscheidung. Das freilich ist seit Marx so neu nicht. Aber Derrida polt diese Verhexung, die unser Denken beständig präformiert und gesellschaftlich Gemachtes als Naturwüchsiges  simuliert, auf Bereiche, die sich unserem überkommenen Blick entzogen und die wir bisher als randständig erachteten.

Politik der Dekonstruktion oder Die Ethik des Textes

Derrida wird immer wieder vorgeworfen, seine Dekonstruktion sei unpolitisch und ein sinnfreies Spiel, das die Wirklichkeit zugunsten schierer Textualität auflösen will. Solche Kritik summiert Derrida meist unter dem pejorativ gemeinten Slogan „Postmoderne“. Aber es ist das bloß eine Postmoderne – sofern es diese denn überhaupt gibt –, die zu einem reduzierten Preis ins Angebot der Theoriedesigns gestellt wird. Sie ist eher unterhaltender Natur und bedient das Feuilletonistische. Mit den Begriffen der Philosophie Derridas und noch weniger mit Derridas philosophischer Operation hat all das nicht viel zu tun: die Realität löst sich nicht in Texte auf. Jener dazu bemühte Satz Derridas aus der „Grammatologie“ „[e]in Text-Äußeres gibt es nicht“ bedeutet nicht, daß wir nichts als Texte hätten, sondern vielmehr, daß wir bei der Lektüre von Texten immer nur auf Texte uns beziehen können; darin folgt Derrida zunächst einmal einer ganz und gar hermeneutischen Einsicht. Wenn wir uns lesend und in intensiver Lektüre uns auf Texte beziehen, dann sind es zunächst Texte, mit denen wir umgehen und die aufeinander verweisen und in Beziehungen stehen. So auch dieser Blogeintrag: ein Text. Inwiefern sich in jeden Text auf eine ganz bestimmte Schreibweise ein Idiom und damit ein Privates darin einschreibt, das eine Spur erzeugt und als Einzelnes verschwindet, um sich dennoch in Anzeichen wieder lesbar zu machen, ist  eines der Themen Derridas. Der Text selbst ist der Maßstab und wird als Text genommen.

In seiner Auto-Biographie „Zirkumfession“ vergleicht Derrida die Abnahme des Blutes – der Moment, wo aus dem eigenen Körper das unsichtbare Innere, jene Flüssigkeit, die am Leben hält, nach außen freigesetzt wird – mit dem Schreiben: Die Feder, also das Schreiben mit der Hand, denn für Derrida kam, wie auch für Heidegger, der Handschrift eine ganz besondere Bedeutung zu, gebiert einen Text – sei es Prosa oder Philosophie. Blut wie auch Schreiben entlassen ein zunächst Unsichtbares aus dem Inneren, die Schrift bringt dieses Unsichtbare als Text in eine (wiederholbare) Anordnung. Die Spritze, in die das Blut aus der Vene fließt, gibt jene Flüssigkeit in ein Röhrchen ab, die dort eingeschlossen, mit einem Namen beschriftet und dann untersucht wird. Feder und Spritze stehen in einem Verhältnis, sie stellen das Innerstes eines Lebens nach außen zur Schau. Insofern ist die Annahme, die von mancher und manchem gehegt wird, ein Text sei körperlos, eine den Charakter der Schrift verkennende Illusion. Auch eines dieser Phantasmen. Der Text hingegen löst sich im Prozeß unwiederbringlich vom Körper ab und wird unbeherrschbar. Niemandes Eigentum. Eine Gabe.

Am 15. Juli wurde Derrida in El Biar, einem Vorort von Algier, als algerisch-französischer Jude geboren. Daß Herkunft prägt und zugleich einfache Identitätsmuster zum Durchstreichen bringen kann, zeigen die unterschiedlichen Texte Derridas – insbesondere seine Celan-Lektüre zur Poetik des Datums, zur Beschneidung und eben zum Schibboleth, das ja gerade ein Identitätsausweis ist, gleichsam mit dem Körper gemacht und als tödlichfaktisches Wort, als Codewort und Erkennungszeichen kann die Aussprache dieses Wortes ganz unmittelbar über Leben und Tod entscheiden, wenn wir an jene Bibelstelle denken:

„Gilead schnitt Efraim die Jordanfurten ab. Und wenn die Flüchtlinge aus Efraim sagten: Ich will hinüber!, fragten ihn die Männer aus Gilead: Bist du ein Efraimiter? Wenn er Nein sagte, forderten sie ihn auf: Sag doch einmal Schibbolet! Sagte er dann Sibbolet, weil er es nicht richtig aussprechen konnte, ergriffen sie ihn und machten ihn dort an den Furten des Jordan nieder. So fielen damals zweiundvierzigtausend Mann aus Efraim.“ ( Buch der Richter 12,5–6)

Geburt bedeutet, einen Anfang zu setzen: in diesem Falle ganz empirisch und relativ einfach. Beim Denken ist dies bereits anders: wir eigenen uns an, stehen auf den Schultern von Riesen. Es gibt keinen Anfang und im chronologischer Weise zu lesen hat wenig Sinn, weil wir nach Interessen auch lesen. Derridas Lesepensum war gewaltig. Wie wir im Text als Leben und im Leben als Schrift wirken, die Lektüren und Re-Lektüren gestalten und eine Tradition des Denkens als Neues und immer wieder neue Spur reanimieren, zeigen uns Derridas Texte. Zugleich war Derrida ein unermüdlich Reisender als sei’s eine Flucht: die Stationen und Konflikte dieses Lebens eines französischen, in Algerien geborenen Juden, der sich identitär nicht festlegen lassen mochte und in kein Bündnis einzubinden war, lassen sich gut in Benoît Peeters‘ Biographie nachlesen. Ebenso lesenswert ist auch Geoffrey Bennington Buch „Jacques Derrida. Ein Portrait“, darin befinden sich, was für eine Biographie ungewöhnlich ist, aber gut zu Derridas Schreibweise paßt, Fußnoten und Ergänzungen von Derrida selbst zum Text von Bennington. In diesem Sinne ein Duett in Schrift, „Zirkumfession“, wie Derrida es nennt, „Neunundfünfzig Perioden und Periphrasen geschrieben in einer Art innerem Rand zwischen dem Buch Geoffrey Benningtons und einem Werk in Vorbereitung“. Während Bennington solche für Derrida wesentlichen Begriffe wie „Gabe“, „Kontext“; „Übersetzung“, „Zeichen“, „Schrift“, „Husserl“ oder „Eigenname“ umschreibt und Korrespondenzen zu Derridas umfangreichen Werk herstellt.

Obwohl Derrida in der akademischen Philosophie Frankreichs mit ihren strengen Hierarchien und ihrem trockenen Rationalismus nie recht ankam, wurde er einer der anregendsten, umstrittensten Philosophen. An Derrida scheiden sich bis heute die Geister. Was man unbedingt in den Blick nehmen müßte, auch hier wieder Derrida gegen seine postmodernen Liebhaber oder eher noch: gegen jene schlechte Mimesis verteidigt, ist die eminent rationale Weise seines Philosophierens. Ebenso wie die literarische Frühromantik nicht die Opposition zur Aufklärung und ihren unterschiedlichen Philosophien bildete, sondern diese Philosophie weiterführt und ergänzt, so steht auch Derrida nicht dem Denken der Vernunft und des Logos entgegen. Aus guten Gründen knüpften die Gebrüder Schlegel und Novalis unter anderem an Kant und auch an Fichte an. So wie man Derridas Philosophie in diesem Sinne auch als eine Fortschreibung des Projekts Hegelscher Philosophie lesen kann: nämlich ein Ganzes zu denken, das doch nicht ganz zu denken ist. Es aber in Bewegungen immer wieder und dabei auch selbstreflexiv in den Blick zu nehmen

Hamburg (3)

Wenn man nicht mehr so viel verreist, wie eben in Corona-Zeiten oder weil man das Reisen nicht mehr mag, da überall dieselben sich individuell gebenden Menschen tummeln und in Cafés herumlümmlen, bleiben immer noch die Nahbereiche fürs Photographieren und für das Schlendern übrig.Schwer vernachlässigt ist dabei die andere Seite der Elbe in der schönen Stadt Hamburg – sei das die Veddel, Wilhelmsburg, aber auch Harburg oder aber die Kais und Schuppen in Hamburgs ehemaligem Freihafen. All diese Orte zeigen Spannendes: Brachflächen, Spülfelder, Containeranlagen, Kais, Arbeit, Hafenindustrie, Sattelschlepper, Kräne manchmal auch einen Blick in die alte Welt des Hafens – die alten Backsteingebäude der 1950er Jahre oder sogar aus der Vorkriegszeit. Früher mußte man dort hin zum Freihafen die Zollschranken passieren, und wenn der Besucher einmal Pech hatte, wurde er auch gefilzt. Diese Zeiten sind vorbei, und ebenso die alte Welt der Arbeit im Hamburger Hafen. Schiffe werden mit Containern beladen und von Van Carrieren oder Riesenkränen blitzschnell entladen, da Zeit Geld ist und lange Liegezeit vergeudetes Geld. Die alten Schauerleute, die Schutenfahrer und Ewerführer sind überflüssig. Die Hamburger Speicherstadt hat den Weg fast aller Hafenstädte genommen, ob Bordeaux oder London: es zogen Werbeagenturen, Mulitmedia- oder Internetfirmen dort ein, Museen auch, neue Firmen, und Wohnen am Hafen. Schön und begeisternd sicherlich das Miniaturwunderland. Aber die alte Zeit ist weg. Old brave World. Und einen der herrlichen Hamborger Veermaster sieht man allenfalls auf dem Hafengeburtstag noch. Wir haben dieses Lied als Kinder damals noch in der Schule voll Inbrunst gesungen, und wir und ebenso die heute toten Lehrer hätten in der Grundschule wohl nie gedacht, daß diese Welt des Hafens, der Speicherstadt, des alten Fischmarktes mit dem industriellen Wandel der 1980er Jahre einmal zuende ginge:

 

Ein wenig anzusehen von dieser alten Welt der Arbeit gibt es noch im Hafenmuseum Hamburg  oder in Barmbek im „Museum der Arbeit“. Andererseits ist der nostalgische Blick insofern auch wieder problematisch, weil diese Welt der Arbeit eine harte Welt war. Immerhin aber: noch bis in die frühen 1970er Jahre existent, und auch das machte Hamburgs besonderen Flair aus. Ich erinnere mich noch, wenn wir Ende der 1960er und Anfang der 1970er vom Osten Hamburgs aus mit unserem Vater an die Elbe nach Övelgönne fuhren und dann mit dem beige-weißen VW-Käfer die Reeperbahn passierten, an die gemalten riesengroßen Filmplakate des Aladin-Kinos dort: die Westernhelnden in diesen seltsamen Farben gemalt, mit einem Revolver in der Hand, die mich von oben und grimmig anblickten, und das Kind schaute fasziniert in die Höhe. Ich erinnere die Schlachthöfe beim Karoviertel und als in Altona, auf St. Pauli und in der Schanze die Arbeiter noch wohnten, als der FC St. Pauli kein Verein für Werbefuzzis, linksidentitäre Gesinnungscalvinisten und solche Leute waren, für die linke Politik eher eine Attitüde ist, weil es eben schick ist, auf Instagram oder Facebook ein schwarzes Quadrat zu setzen (eine Art von Blackfacing, wenn man es gerne in der Denunziationstradition dieser Leute machen möchte) und Black lives Matter zu rufen, während einem die Schlachtarbeiter in Niedersachsen und NRW, mithin die Vertragsarbeiter aus Osteuropa, aus Rumänien am Arsch vorbeigehen. Auf einer Demo für andere Arbeitsbedingungen sehe ich diese Trieftrinen nie und man wird sie dort auch nicht sehen.

Rebell ist man heute, wenn man für den HSV ist. Und Traditionalist mit Eigensinn ist man, wenn man seit Anbeginn an von den Kindertagen her und bis heute dem HSV die Treue hält. Der wahre Revolutionär ist ein Konservativer, der die „Abende von St. Petersburg“ genießt (und einst die Nächte an der Elbe am Strand zwischen  Övelgöne und Teufelsbrück und es haßt, in einer Stadt zu leben, in der es möglich ist, daß solche entsetzlichen Leute wie Monika Herrmann Bezirksbürgermeister von Kreuzberg werden können. But the times, they are a changing. Aber muß man eben auch nicht jeden Scheiß mitmachen. Was bleibt, ist Widerstand und die Rebellion des Denkens.

Photographien können keine alte Zeit zurückholen. Sie zeigen, was ist – im Auge des Photographen und bei einem Spaziergang auf der anderen Seite der Elbe.

 

Hamburg (2)

Hamburger Hafen, die andere Seite des Flusses – Hafenmuseum.

 

Zur Gewalt in Stuttgart und zu einem Text von Hengameh Yaghoobifarah

Nichts daran ist gutzuheißen, wenn ein Mob in den Straßen randaliert. Aber es ist eben auch an eine andere Form von Gewalt zu erinnern, wenn solche Sätze fallen „Stuttgart hat eine solche Gewalt noch nie erlebt“:

„Ach ja? Erinnerung 2: Beerdigung von Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Jan-Carl Raspe, 27. Oktober 1977. Nach dem Verlassen des Dornhaldenfriedhofs werden wir aus dem Nichts von im Wald rechts und links der Straße postierter Polizei angegriffen, darunter Berittene, die in die Menge stoßen. Wir werden auf eine Straßensperre zugetrieben, in der die Personalien der Beerdigungsteilnehmer*innen aufgenommen werden sollen. Wir entwischen, entkommen in eine belebte Fußgängerunterführung, Motorradpolizei jagt hinter uns her, Passant*innen springen gerade noch zur Seite, entsetzte Schreie. Einer von uns stürzt, drei Polizisten stoppen, steigen vom Motorrad, prügeln entfesselt auf den am Boden Liegenden ein, immer wieder, immer wieder. Ein alter Mann kann sie stoppen, indem er sich schützend dazwischen stellt und laut ruft: „Schämen Sie sich nicht!“. Die Polizisten steigen auf ihre Räder und fahren, wieder durch die Passant*innen hindurch, aus der Unterführung heraus. Der alte Mann gibt uns etwas Geld, wir fahren mit dem Zug nach Mannheim, rufen zuhause Freunde an, werden eineinhalb Stunden später abgeholt.

stuttgart.“

(Gefunden bei Thomas Rudhof-Seibert. Dessen Buch „Zur Ökologie der Existenz. Freiheit, Gleichheit, Umwelt“ ich sehr zum Lesen empfehle)

Gewalt ist vielfältig. Und auch an die Gewalt von Polizisten ist zu erinnern – in unterschiedlichen Kontexten -, ebenso wie an die Gewalt von der anderen Seite, wie ich sie vielfach als sinnlose Gewalt auf den Demos zum 1. Mai erlebt habe, wo nicht die Politik auf der Straße ist, sondern ein Mob wütet und Riots simuliert. Und manchmal gibt es auf Demos und bei Kontrollen auch unverhältnismäßige Gewalt von der Polizei. Der Tod von Oury Jalloh, obwohl zwar von Gerichten aufgearbeitet, hinterläßt eine Vielzahl an noch offenen Fragen. „Im Verlauf der Prozesse wurden zwei weitere ungeklärte Todesfälle im Kontext mit Festnahmen durch Polizisten der Dessauer Polizeiwache Wolfgangstraße 25 bekannt.“ So heißt es bei Wikipedia. Auch hier bleiben also viele Fragen. 

Nur gibt es für solche Gewalt der Polizei keinen Freibrief für Pauschalkritik oder Satiren, die man nur mit Mühe bis gar nicht als Satire ausmachen kann und denen es nicht darum geht, auf Probleme zu weisen, sondern wo eine Autorin ihren Haß lediglich auf eine triviale Weise verbreitet – ohne Witz, ohne Esprit und mit bitterbösem Ernst, wie dies bei der taz-Kolumne von HengamehYaghoobifarah. Trivialkritik bestimmt den Ton und abgelatschte Bilder. Daß Satire ihren Gegenstand nicht unterlaufen, sondern sich ihm gewachsen zeigen sollte, hat jene auch in ihren sonstigen Texten grauenvolle Schreibmamsel HengamehYaghoobifarah nicht gut begriffen. Eine Polizei, die solche Feinde hat, braucht keine Freunde mehr, die sie verteidigen. Das erledigen dann solche taz-Kolumnen wie von selbst.

Allerdings: Frau Yaghoobifarah fährt die üblichen Provokationen im taz-Muffmilieu – dafür wird sie gebucht – und sie macht das, was sie am besten kann: ihren Gegenstand intellektuell unterlaufen oder besser: unterrollen. Gelungene Satire steht jedoch über ihrem Gegenstand und zeigt sich ihm gewachsen – das könnte sogar die Polizei sein, wobei ich mit der deutschen Polizei inzwischen eigentlich ganz zufrieden bin und nur wenige Probleme sehe, zumindest wenn ich es im Vergleich mit Frankreich, den USA und anderen Ländern sehe – von Rußland, der Türkei und China will ich gar nicht schreiben. Die Polizei ist zudem, wie viele Gruppen dieser Gesellschaft, ziemlich gemischt: es gibt solche und solche, und in Berlin beträgt der Anteil von Migranten bei der Polizei inzwischen ein Drittel: sollen die auch auf der Müllkippe entsorgt werden, wie weiland schon Gauland eine SPD-Politikerin mit Migrationshintergrund in Anatolien entsorgen wollte? Interessant, daß jene, die für alles mögliche Differenzierung einfordern, diese plötzlich aussetzen lassen und einen ganzen Berufsstand diffamieren, getarnt dann als Satire. Und jene, die sich vor ein paar Monaten noch über irgendwelche harmlos-trüben Greta-Witzchen von Dieter Nuhr aufregten oder bei der großartigen, witzigen und in der Tradition von Harald Schmidt stehenden Lisa Eckhart Antisemitismus witterten, werden bei solchem untertourigem Scheiß, wie ihn die taz produziert, zu Alles-Entschuldigern. Immerhin wird auch in der taz dieser Beitrag intern und auch öffentlich kritisch debattiert.

Daß Blätter wie SpOn und taz Nichtskönner aus der dritten Reihe zum Provozieren buchen, muß man wohl hinnehmen. Es korrespondieren solche Phänomene mit der lange schon ruinierten politischen Debatte. Diese Leute sind das Pendant zu Lichtmesz, Sellner, Kubitschek et al. (wie provoziert man Linke gut, fragte er in seinem Buch „Mit Linken leben“) und es fing solches Larifari an mit Talkshows wie Sabine Christiansen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, wo dem Zuschauer simuliert wurde, er sähe da politische Diskussion und Meinungsbildung. Aber: wer Scheiße bucht, dem fliegt irgendwann die Scheiße um die Ohren.

Ein Text, wie der von Frau Yaghoobifarah ist schon deshalb eine mißlungene Satire, weil ihm jeder doppelte Boden fehlt. Der Text tritt mit einem verbitterten und verbissenen Ernst auf – und auch das ist das Gegenteil von gelungener Satire. Yaghoobifarahs Texte entstammen aus derselben humorbefreiten Zone aus der auch das Geschreibe eines Leo Fischers stammt. Trivialer Politikitsch getarnt als Satire. Bei Yaghoobifarah handelt es sich um einen Polit-Kommentar aus dem intersektionalen Gewalt-Milieu wie man es teils auch an den Universitäten erleben kann, wenn Vorlesungen verhindert werden sollen und die demokratischen Rederechte ausgesetz werden, wie zu Stalin Stalinsens Zeiten: man will eine bewußt aggressive Linie fahren und man will qua Predigt die Leute aus dem eigenen Milieu erreichen – wobei das wohl selbst taz-intern mißlungen ist – hoffen wir, daß die Minderleisterin dort rausfliegt. Aber das wird, fürchte ich, nicht passieren.

Diesselben Leute, die diesen Text nun verteidigen, würden freilich das politische Gemeinwesen in Gefahr sehen, wenn Don Alphonso oder Birgit Kelle sowas in der WELT geschrieben hätten – nur eben statt Polizei dann „junge männliche Migranten“ – die auf einer Müllkippe dann unter ihresgleichen sind und da dann ihre Aggression auslassen und Frauen begrapschen können. Die Frage hier ist nicht, daß Kritik an der Polizei geübt wird, sondern das Wie steht zur Debatte. Der Text von Yaghoobifarah beraubt sich selbst also eines berechtigten Anliegens.

Demnächst werden zahlreiche Karstadt-Filialen geschlossen. Das interessiert die Leute, ihre wirtschaftliche Existenz, die Fragen politischer Ökonomie und wie Arbeit in einer Gesellschaft organisiert ist und ob es sie überhaupt gibt und zu welchen Bedingungen, und nicht irgendwelche halbgaren Verteidigungen dieser Frau und eine läppische Linke, die schon lange abgewirtschaftet hat, und die diesen Mist auch noch goutiert, anstatt schamvoll zu schweigen, daß man auch solches Dick- und Dumpfgemüse in den eigenen Reihen hat. Die Mehrheitsgesellschaft sollte zusehen, daß solche Leute eine Minderheit bleiben. Es ist sehr leicht, wenn irgendwelche weißen Jüngelchen und Mädchen ihre Black Lives Matter-Schilder auf Demos hochhalten. Gibt es auch solche für die rumänischen Arbeiter in den Schlachhöfen? Das wäre schön, wenn einmal die Arbeitsbedingungen hier in der BRD zum Thema würden. Auch das ist Gewalt.

Und für Frau Yaghoobifarah noch ein kleines Gedankenspiel: Beim nächsten Nazi-Aufmarsch durch Neukölln bleibt die Polizei einfach mal zu Hause: mal sehen, wer der Sieger bleibt. Und da wird es wohl für diese Linke nicht wie in dem Ton Steine Scherben-Song heißen: „Die letzte Schlacht gewinnen wir!“ Und das wird dann sehr unwitzig.

The times, they are a changing! Paßt auf, daß ihr die Anschlußzüge nicht verpaßt!

#tddl2020, #Team Philipp Tingler. Otoo, Schubert, Krusche, Haider und die Carolin-Emckesierung der Bachmann-Eröffnungsreden

Das Bachmannlesen begann mit einer Eröffnungsrede vom Typus pastoralöde Predigt an die Gemeinde, abgehalten von Sharon Dodua Otoo. Ein Gerede, das an die evangelikale Rhetorik der Erbauung zur Wende vom Jahr 1899 auf 1900 erinnerte, als seinerzeit weiße Pastoren im Negergral den armen Schwarzen Moralpredigten vortrugen und sie damit zu Zucht, Reinheit und deutscher, grunddeutscher Ordnung anhielten – so sieht dann eben, weiße Brüder und alte, als Mann gelesene Männer!, die Rache für unseren Kolonialismus aus: Gewäsch, das zu uns als Gespensterrede heimkehrt, bei dem man mit Tränen der Rührung in den Augen verfolgen durfte, wie alle sich fest umarmen, und die antirassistische Gemeinde der Kulturschaffenden so: „Yeah wir sind gegen Rassismus!“ jubiliert, manche waren gar von Tränen gerührt, so las ich auf Twitter. Twitterstimmung wie auf einem evangelischen Kirchentag. Kostet auch nichts. I feel good. Ich nicht. Mich nervt solches Salbadern. Eine Moral- und Gardinenpredigt mit Regelwerk, die ästhetisch in etwa so ansprechend war wie Tante Prusselieses Monologe an Pipi Langstrumpf. Auch aus diesem Grunde beschwiegen die meisten Feuilletons diese Art von Gesinnungskitsch geflissentlich.

Mich interessiert nicht, ob schwarze Blumen malen – davon ab, daß Blumen nicht malen, allenfalls als Metapher, wofür die Blume wiederum als Bild und eben damit als Metapher steht. Mich interessieren böse Blumen, böse Buben, die die Blusen der Böhmin aus Lust zerreißen und die Böhmin, die mit der Axt dann nicht das gefrorene Meer, sondern den Niederstrecker niederstreckt und zerhackt oder daß sie sich in Wildheit, Schönheit und Lust vereinen oder sie mit luxe, calme et volupté sich ergibt, was auch immer, wenn es heiß hergeht – Sex als Text, Text als Sex, oder auch – nicht und wir hier eine Baiser-moi-Rache-Szenario haben – das alles als Literatur. L’invitation au voyage. Diese Rede aber war alles andere als eine Einladung. Höchstens eine ins Herz der gutmeinenden Finsternis. Mich interessiert all das, was in einer Rede zur Literatur, mithin in einem Modus der Ästhetik als Rede über Kunst, mit intellektueller Schärfe oder mit Saft und Kraft daherkommt und was vor allem als Analyse von Prosa überrascht. Das Thema ist nicht schlecht, die Umsetzung des Themas grauenhaft und betulich.

Mich interessiert nicht, ob Schwarze Blumen malen, sondern mich interessiert ihre Kunst, mich interessieren die Bilder, wenn Schwarze Blumen malten. Und diese Bilder bitte ohne belehrende Botschaften. Ich habe dies schon beim weißen Mittelstandsmilieu gehaßt, ich hasse dies also genauso bei dunkel- oder schwarzhäutigen Künstlern. Seid politisch wie James Baldwin, aber macht was Gutes draus! Die meisten der kulturschaffenden und literaturkritisierenden Zuhörer werden ebenso denken, daß diese Rede von Sharon Dodua Otoo öde und belanglos war. Sie sagen es nur nicht. Ich möchte nicht die Carolin-Emckesierung der Bachmann-Eröffnungsreden.

„Verwendet eine weiße deutsche Autorin rassistisches Vokabular in ihrer Kurzgeschichte, weil sie die Lesenden ausschließlich als weiß imaginiert?“

So schreibt Otoo. Davon dürfte kaum auszugehen sein, sofern es sich um Literatur handelt, und insofern Sharon Dodua Otoo auf Astrid Sozios Beitrag zum Bachmannlesen 2016 anspielt, wo auch Otoo las und zu unrecht einen Preis für eine schlechte Prosa erhielt, so ist diese rhetorisch-niederträchtige Frage eindeutig mit Nein zu beantworten. Jene alte, weiße Frau, die in Sozios wunderbarem Roman „Das einzige Paradies“ da in ihrem verbarrikadierten und lange schon leerstehenden Hotel in einer Kleinstadt mehr haust als lebt und darin sich plötzlich eine schwarze Flüchtlingsfrau einquartierte, sagt das Wort „Neger“, weil sie es nicht anders weiß, weil eine solche Person aus einer solchen Zeit kaum PoC oder N*wort (bei dem jeder Hörer natürlich den Neger mitdenkt) sagen würde. Und gerade in diesem Szenario ist dieser Roman eine explizite Kritik am Rassismus. Er muß dabei eben nur nicht mit dem Zeigefinger von Moral- und Belehrungskunst fuchteln. Das wissen diese Kritiker natürlich ganz genau: daß solche Begriffe wie der „Neger“ in diesem Falle ein ästhetisches Mittel sind – außer sie sind derart amusisch, daß ihnen noch der geringste Sinn für Rollenprosa abgeht. Doch hier geht es um die Diskursherrschaft über Sprache. Das ist das Problem, und wir sollten dieses Spiel gar nicht erst mitspielen, zumindest nicht in dieser Form. Nachlesen kann man all das in Astrid Sozios gelungenem Roman „Das einzige Paradies“. Es ist ein Dokument des Antirassismus, und zwar auf eine ästhetisch ansprechende Weise und nicht mit dem Dodua Otoo-Belehrungsfinger.

Der biedere Ekkehard Knörer schreibt in der taz:

„Auf Twitter fiel irgendwann auf, dass ganz anders als im Vorjahr bei Clemens Setz, in den Diskussionen der Jury kein einziges Mal auf den Eröffnungsvortrag von Sharon Dodua Otoo Bezug genommen wurde. Sie hatte darin als Schwarze Autorin über inklusive Sprache nachgedacht.“

Nein, es fiel nicht allgemein bei Twitter auf, sondern einer gewissen Blase um Stokowski und der Literatur“wisssenschaftler“-Sabbel-Bubble, und daß etwas nicht genannt wird, muß nicht unbedingt etwas mit dem Thema zu tun haben, sondern es kann genauso daran liegen, wie und in welcher Art ein Thema vorgetragen wurde, so daß man es aus lauter Scham verschweigt. Auch diese Möglichkeit ist gut denkbar und in diesem Falle auch wahrscheinlich.

Wie aber war das Bachmann-Lesen, wie war die Jury? Neu hinzu kamen Brigitte Schwens-Harrant, die in den Beiträgen, wo ich sie sah, nicht recht zu Wort kam und sich auch selten nur meldete, und Philipp Tingler, der auf Twitter und auch auf Facebook überwiegend negativ aufgenommen wurde. Doch was die Juroren betrifft, bin ich #TeamTingler. Der Mann brachte Schwung in eine Versammlung teils von Schnarchnasen – Klaus Kastberger mal ausgenommen und Michael Wiederstein auch, den ich mag, ich kann gar nicht so genau sagen, weshalb. Was all jene Tingler-Kritiker vergessen, die das Bachmannlesen und die salbungsvollen Worte eines Hubert Winkels oder das Musterschülerinnengerede einer Insa Wilke für Literaturkritik halten: mit Literaturkritik hat eine solche Veranstaltung in dieser Form in etwa soviel zu tun hat, wie „Deutschland sucht den Superstar“ mit Musikkritik.

Zwar ist das ganze nicht nur Show und es gab zuweilen Sternstunden in den Debatten, nämlich dann, wenn gestritten und dabei auch die Kriterien für Kritik in Anschlag gebracht wurden. Daß aber seit Anbeginn des Lesens genauso die Performance zählt, kann man gut nicht nur an den Lesungen einer Autorin wie Lydia Haider und damals auch Nora Gomringer sehen, deren Text ich 2015 ästhetisch wenig überzeugend fand: er lebte allein vom Vortrag, aber nicht vom Vorgetragenen, was einer der Kritiker auch anmerkte – ausgezeichnet wurde Gomringer dennoch. Und dieses kulturindustrielle Moment von Unterhaltung in Koppelung mit Kunst fand sich auch damals schon, als der selige MRR noch mit dabei war. Gerade dort: eine hyperbolische Sichtung von Literatur als privates Geschmacksurteil – nicht mal mehr im Kantischen Sinne.

Über all das kann und muß man debattieren, auch über das Moment der Unterhaltung in einer solchen Veranstaltung und deshalb eben mein Plädoyer für den immer chique gekleideten Philipp Tingler, der ja eben nicht nur provokativ war, sondern dabei gleichzeitig Kriterien ins Spiel brachte, die das Binnenästhetische eines Texte, seine Machart, seine Form in bezug zum Inhalt betonten. Und er tat das in konsequenter und hartnäckiger Weise. Ich nenne sowas eine Haltung. Und die gefiel mir allemal besser als das, was Wilke tat. Über allem thronend ein in die Himmel der Literaturpäpste entschlafender unvermeidlicher Hubert Winkels, wo er sich selbst gerne sähe, und der sich nur einmal nach allen Regeln der Kunst echauffierte, als Tingler in direkter Ansprache die Autorin Lydia Haider nach dem Sinn dieser Geschichte befragen wollte. Winkels so, in hoher Wut und Erregung: es ist doch nicht die Aufgabe, der Autorin, uns Kritikern ihre Geschichte zu erklären: das ist unsere Arbeit. Einerseits ja. Andererseits muß man Zwänge zuweilen brechen. Aber so recht antworten konnte Lydia Haider dann auch nicht. Implizit gab sie Winkels recht und reichte die Frage an die Kritiker weiter – was ihr gutes Recht ist. Und es ist ja in der Tat so, wie es Adorno bereits in seinem Kafka-Essay schrieb: Der Autor ist nicht gehalten sein eigenes Werk zu verstehen.

Dennoch ist Tingler ein erfrischender Gegenpart. Seine Einschätzung des Textes von Lisa Krusche etwa teile ich. Die Dystopie sowie eine postapokalyptische Computerspielwelt, in der sich die Protagonistin des Textes bewegt, ist ein spannendes Thema, doch der Text hat mich in seiner Konstruktion nicht überzeugt. Schon vom Anfang nicht, sprachlich nicht und auch nicht in der Art der Bilder. Krusche präsentierte ein spannendes Thema, aber in der Umsetzung hat, so war mein erster Eindruck, etwas nicht funktioniert. Sicherlich: die Sprache mußte so sein, wenn dann Begriffe wie „nice“ auftauchen: es sind da zwei junge Frauen, junge Menschen einer Generation, die mir in etwa so fremd sind, wie ich der Generation meiner Urgroßmutter, sofern die noch leben würde. Zur Ästhetik und Philosophie des Computerspiels gibt es ja inzwischen auch schon Schriften und Sammelbände – man denke an Daniel M. Feige. Den Textauszug werde ich wohl nochmal als Roman lesen, wenn er dann erschienen ist, um zu schauen, wieviel daran Masche mit Cyborg, Cyberspace und Lebewesenverwandlung ist oder wieweit diese Dystopie aus schrecklicher Zeit doch trägt. Auch das Zum-Tier-werden war ja eine Zeit lang Thema der Literatur, seinen Ausdruck in Theorie fand es in Deleuzes/Gutattaris „Kafka. Für eine kleine Literatur“.

Ebenso kritisch-analysierend verhielt Tingler sich bei Leonhard Hieronymi und bei der gelungenen Erzählung von Helga Schubert, die sie zum Auftakt des zweiten Tages las. Wer sich über Tingler mokiert und zu Insa Wilke schweigt, den nehme ich nicht ernst: zu häufig meldete sie sich, immer gleich zu Anfang, beflissen wie eine Musterschülerin zu Wort. Tingler brachte Pfiff und Pfeffer in die Sache, und was er zur Notwendigkeit der Fiktionalität sagte, bringt Literatur auf den Punkt bzw. nennt einen ihrer wesentlichen Aspekte – im Gegensatz eben zur Geschichtsschreibung oder zur Biographie, deren Wahrheitsmoment nicht primär in der Art des Erzählens liegt, sondern zunächst mal in der Korrektheit der Fakten – diese interessieren in der Literatur nicht. Wenn, wie in Martin Mosebachs „Das Blutbuchenfest“ zum Anfang der 1990er Jahre ein Handy auftaucht, dann ist das auf der Faktenebene zwar falsch, weil es damals keine Handys gab, aber in der Erzählung mag dieser Umstand gerade deshalb eine Funktion besitzen, die man in nichtfiktionalen Texten kritisieren würde. Es mag in der Dichtung immer ein Kern Wahrheit stecken, aber am Ende erhalten wir, noch bei der autobiographischsten Geschichte, eine erzählte Fiktion. Selbst da, wo man es wie Max Frisch in „Montauk“ tat, nämlich die reine Wahrheit eines einzigen Tages mit der Geliebten zu erzählen: sagen, was ist.

Und sonst zu den Lesungen? Bei Freudenthaler habe ich dann den Ton ausgemacht. Es gibt Texte, denke ich mir, zumindest ist dies beim ersten Eindruck so, beim weiteren Lesen mag es anders sein, da ist die Kritikerdiskussion spannender als die Prosa. Das ist ungerecht, ganz sicher, aber weder Ton noch Text haben mich überzeugt. Das katastrophische Thema klang zwar interessant, aber irgendetwas sprang mich bei diesem Text nicht an, war zu glatt im Erzählen. Vielleicht passiert es dann beim zweiten Lesen. Laura Freudenthalers Text müßte ich mir nochmal anhören. Aber bitte von jemand anderem vorgelesen.

Lydia Haiders Wut- und Haß-Text in der Tradition von Werner Schwab, Thomas Bernhard, aber auch mit einem eigenen dialektgefärbten Ton der Wutprosa gefiel mir gut. Auch durch den Furor der Sprache: Gewalt als Ausdruck, eine sympathische Gewalt. Und durch die Performance, von der ein Text lebte. Aber diese Ausdrucksqualität von Dichtung ist immer der Fall und im Grunde etwas Selbstverständliches. Texte haben neben ihrem Textcharakter auch eine inszenatorische Qualität: wir sind es gewohnt, still zu lesen, aber Prosa oder überhaupt Dichtung muß man sich immer als vorgetragene auch vorstellen. Evident wird dies bei der dramatischen Dichtung. Und oft ist es so, daß bei vermeintlich schwierigen Texten durch das Vorlesen sich eine Ebene öffnet, die der Leser oder die Leserin bisher nicht sahen.

Kastbergers Schlußwort vom eigenen Jubel, in dem dieser Haider-Text untergeht, war allerdings richtig. Die Schlußszene auf dem Sofa der Autorin, wo eine mitgebrachte Fangruppe in den Fernseher jubelte und trötete, war überflüssig und peinlich. Haß sollte konsequent sein.

Von der Geschichte her und der Art, wie sie erzählt wurde, gefiel mir Helga Schubert gut – wenn auch in einer eher konventionellen Weise, so daß ich mir vorab schon dachte, daß sich auf diese Prosa die meisten Zuhörer irgendwie werden einigen können. Klar, kann man sagen, Schubert vermag solch gekonntes Erzählen, denn sie ist eine gestandene Schriftstellerin. Aber: es war dies ein Text, der hatte etwas zu erzählen und er machte das in einer fesselnden Art: unaufdringlich und doch eine Spannung haltend, bei einem eher konventionellen Thema und in einer konventionellen Art des Erzählens: unaufgeregt, aber nicht langweilig im Ton. Eine vermutlich autobiographische Geschichte, wie es beim Erzählen der letzten fünf Jahre im Trend liegt.

Leonhard Hieronymi hätte vom Thema interessant sein können, auch in bezug auf die Frage eines literarischen Europas: eine Reise an den östlichen Rand Europas, nach Bukarest und dann nach Konstanza, die Spuren Ovids. Das beste an dieser Geschichte war noch, daß ich mich daran erinnerte, wieder Christoph Ransmayrs großartigen Ovid- und Verwandlungsroman „Die letzte Welt“ zu lesen und auf diesen Roman wies auch einer der Kritiker hin. Aber hier bei Hieronymi hat nicht nur die Art der Konstruktion, sondern auch die Pose den Text kaputt gemacht.

Hanna Herbsts Ironisierung vom Dasein einer Schriftstellerin im Autorenvideo, dargeboten als Song, kam zwar unaufgeregt und witzig-nett daher, hat aber das Problem, daß diese Ironisierung eben auch auf die Geschichte überfärbt: ist dieses Abschiednehmen von einem Vater nun ironisch gemeint, wie Kastberger mutmaßte, oder ernst oder spielt es mit beiden Registern? Das müßte man sich noch einmal genauer ansehen. Ich fand den Text stellenweise bewegend in der Art des Erinnerns und wie eine Krankheit einen Menschen versehren kann und wie eine Tochter auf die wunderschöne Zeit zurückblickt: das melancholische Erinnern hatte einen eigenen Wert und das brachte Herbst in eine gute Form. Allerdings und wie Kastberger zu recht anmerkte hat auch mich diese Yoda-Sprache nicht überzeugt.

Lydia Haider würde ich wohl den Publikumspreis gönnen, dachte ich mir bei ihrem Vortrag, das würde eh gut passen. Und den hat sie dann folgerichtig erhalten. Verdient, weil das Bachmann-Lesen auch von der Performance und vom Vortrag lebt. Daß am Ende alle auf Helga Schubert sich einigten, war eine erwartbare und freundliche, wenn auch für die Literatur eher konventionelle Entscheidung. Es war aber auch ein handwerklich und erzählerisch im ganzen guter Text, bei dem man auf den dann folgenden Roman gespannt sein kann.

Fürs nächste Lesen bleibt vor allem zu hoffen, daß wieder einmal ein Eröffnungsredner eingeladen wird, der etwas zur Kunst zu sagen hat und nicht zu identitärer Schreibarbeit. Schwarze oder weiße oder gelbe oder gute Prosa entsteht durchs Machen und nicht durchs Reden darüber und durchs Vorschriften-Machen.

 

Zum Tod des Historikers Zeev Sternhell: Die dunkle Seite Europas

Hier noch einmal meine Ende Februar 2020 geschriebene Rezension zu Zeev Sternhells Buch: „Faschistische Ideologie. Eine Einführung“.

Im Spannungsfeld der politischen Lage, im Blick auf die AfD und nach den Ereignissen in Thüringen Anfang Februar kann es ratsam sein, sich auf einen Begriff zu besinnen, der im Zusammenhang mit Björn Höcke und der AfD immer wieder fällt: Faschist nämlich. Aber was ist Faschismus? Diesen Begriff als Spielmarke einzusetzen, ist insofern ein Problem, weil man durch solchen ubiquitären Einsatz das Spezifische und damit auch das, was am Faschismus gefährlich ist, verwässert. Zum Glück gibt es Bücher, die Wissen intensivieren.

Zeev Sternhells Buch Faschistische Ideologie will in diesem Sinne einen Überblick verschaffen, im Untertitel nennt sich das Buch Einführung. Gleich im ersten Satz betont Sternhell, daß sich das Wort Faschismus zwar seit Jahrzehnten im politischen Diskurs großer Beliebtheit erfreut, jedoch bleibt der Begriff zugleich verschwommen und unpräzise. Allerdings bereits beim zweiten Satz des Buches schüttelt der Rezensent den Kopf:

„Tatsächlich scheint es so zu sein, als ob die Erforschung des Faschismus noch in den Kinderschuhen stecke, und daß es wenige Wissenschaftler gebe, die sich umfassend um ein tiefgreifendes Verständnis dieses Phänomens bemühen.“

Nun handelt es sich bei diesem neu aufgelegten Text Sternhells zwar um einen Essay aus dem Jahr 1976, der uns hier in einer vom Autor überarbeiteten Fassung vorliegt aber diese Aussage ist so nicht haltbar: nicht nur im Hinblick auf die Gegenwart – hier zumindest hätte eine erläuternde Fußnote gutgetan –, sondern ebenso mit Blick aufs Jahr 1976 existiert eine schier unüberschaubare Zahl an Forschung, die Bibliotheken füllt. Insofern trügt dieser Schein. Gerade in den 1970er Jahren boomten die Texte zur Faschismusdiskussion. Wer sich zur Literatur dieser Jahre einen Überblick verschaffen will, lese Ian Kershaws Buch Der NS-Staat, darin auch die Debatten der 1960er Jahre erwähnt und mit zahlreichen Literaturangaben referenziert sind. Und wer eine detaillierte Sicht auf das Entstehen des Faschismus lesen will, greife zu Ernst Noltes Der Faschismus in seiner Epoche. Action française · Italienischer Faschismus · Nationalsozialismus.

Sternhell nun zeigt die Ursprünge faschistischer Bewegungen und ihrer Politik im ausgehenden 19. Jahrhundert, insbesondere in Frankreich und Italien. Zentral für den Faschismus ist für Sternhell dessen Auseinandersetzungen mit den ebenfalls aufstrebenden sozialistischen Bewegungen, nämlich die soziale in eine nationale Frage zu überführen, um einerseits die antibürgerliche, antiliberale Haltung der sozialistischen Arbeiter ins eigene Lager zu lenken und andererseits eine Politik gegen sozialistische und marxistische Ideen zu etablieren.

Für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg schreibt Sternhell im Blick auf Italien:

„Anstelle einer Klasse war es nunmehr die Nation, die den Lauf der Geschichte als Vertreterin von Fortschritt und Zivilisation bestimmte. Und genau dies war der Paradigmenwechsel, der den Übergang von links nach rechts so einfach machte, denn an jedem anderen Punkt hatten sich die extreme Linke, die sich aus Syndikalisten und revolutionären Sozialisten zusammensetzte, und die Radikalen und Nationalisten der Neuen Rechten bereits getroffen und Übereinstimmungen festgestellt.“

Diese geschichtlich verorteten Überlegungen zeigen vor allem, daß der Faschismus etwas ist, was nicht aus heiterem Himmel über die Menschen kam, sondern Faschismus entwickelte sich in geschichtlichen Prozessen und im Wandel sowie im Kampf der Ideologien des ausgehenden 19. Jahrhundert in Theorie und Praxis.

„Zu jener Zeit, da die alte Welt im August 1914 zusammenbrach, hatte die faschistische Ideologie schon eine lange Geschichte hinter sich, die bis ins Jahr 1880 zurückreichte.“

Das Verschwinden jener „Welt von gestern“ und die Wirrungen nach dem Ersten Weltkrieg setzten in Italien und später auch in Deutschland etwas frei, was in unterschiedlichen Ansätzen schon lange vorbereitet dalag. Es mußte, von der Ebene der Theorie ausgehend, nur noch praktisch werden. Die Mechanismen der Umsetzung allerdings, wie Theorie zur Praxis gelangte, bleiben bei Sternhell leider schematisch und beschränken sich eher auf allgemeine Thesen statt daß hier geschichtliche Forschung und Quellen bemüht würden. Dadurch entsteht in einem Text, der als Einführung konzipiert ist, stellenweise ein verengter Blick. Und es gehört zu einer Einführung dazu, unterschiedliche Positionen der Forschung darzustellen. Sternhell jedoch fährt seine eigenen Thesen aus, und in diesem Sinne führt der Untertitel des Buches auf eine falsche Spur.

Eine weitere Vorentscheidung Sternhell liegt darin, den Nationalsozialismus auszusparen. Der Nazismus „kann nicht als eine bloße Variante des Faschismus behandelt werden: seine Betonung des biologischen Determinismus schließt alle Bemühungen aus, ihn als solche zu betrachten.“ Diese Begründung ist zwar zirkulär, aber Sternhell scheint hier aufgrund der komplizierten Frage und „der spezifischen Charakteristika des Nazismus“ eher um eine Art Singularitätsthese zu gehen, die dem Spezifischen, eben dem Aspekt der brutalen Eliminierung Raum geben will. Aspekte also, die über die faschistische Ideologie hinausweisen.

Zentraler Punkt seines Buches ist das Verhältnis von linken und rechten Kräften in den unterschiedlichen Gesellschaften im Europa des späten 19. Jahrhunderts. Wieweit das, was heute unter dem Namen Hufeisentheorie verbreitet ist und in der Kritik steht, nämlich das Parallellaufen rechten und linken Extremismus, auch zum ausgehenden 19. Jahrhundert schon verbreitet war, zeigt Sternhell am Beispiel der Dreyfus-Affäre und anhand des französischen Sozialphilosophen Georges Sorel. Linke Syndikalisten, rechte Nationalisten und Teile der Sozialisten, die anfangs noch für Dreyfus einstanden, aber abrückten, als sie bemerkten, daß dieses Eintreten für die Republik nur weiter die „Vorherrschaft der Bourgeoisie“ sicherte, schritten bald Seit an Seit gegen die Französische Republik. Die extreme Linke der europäischen Sozialisten, so Sternhell, hielt es für besser, dem Proletariat die Verachtung gegenüber bürgerlichen und liberalen Werten einzuimpfen und jene bürgerlichen Tugenden ebenso abzulehnen wie deren Gesetze. Es ging, so Sternhell, beiden Seiten um die „reinigenden Prozesse des sozialen Kampfes. In den Schriften von George Sorel entdeckten die Syndikalisten außerdem einen reichen Schatz anti-intellektueller und irrationaler Argumente.“

Sorel kam von den Sozialisten, und er experimentierte mit politischen Haltungen. Er war ein vehementer Gegner der liberalen Demokratie des 19. Jahrhunderts. In dieser Ablehnung der demokratischen Idee fanden die rechten Nationalisten der Action Francaise und revolutionäre Syndikalisten eine gemeinsame Basis. Demokratie, darin stimmten sie überein, sei der „größte Fehler des letzten Jahrhunderts“. Diesen galt es zu bekämpfen. Ähnliches spielte sich in Italien ab, wie Sternhell an Sergio Pannunzio, einem Theoretiker des Syndikalismus, zeigt. Sein Schaffen „krönte“ 1934 die Teoria Generale Dello Stato Fascista. Pannunzio verband nationale Themen Italiens mit Überlegungen, die er von Sorel übernahm. Zentral für alle faschistischen Bewegungen ist die Ablehnung des liberalen, demokratischen Staates und dessen Transformation in einen totalitären Staat, der keine Parteien und keine Individuen mehr kennt, sondern alle Bereiche des Daseins als nationale Gemeinschaft zu umfassen bestrebt ist.

Ein weiterer zentraler Aspekt des Faschismus bestand darin die Idee des Klassenkampfes umzupolen in einen Kampf der Arbeiter aller Klassen – also vom Kleinbürger, über die Mittelschicht, dem Arbeiter bis zum Bauern – gegen den „Bankkapitalismus“ und gegen Ausbeutung. Dabei sollten allerdings die traditionellen Werte beibehalten werden, vor allem der Begriff der Nation als einigende Klammer.

Solche faschistischen Bewegungen machten sich in zahlreichen Ländern Europas breit. Ihre volle Wirkung jedoch entfaltete sie zunächst in Italien, obwohl gerade in Frankreich eine starke und erfolgreiche faschistische Bewegung schon vor dem Ersten Weltkrieg entstand. Das Buch nennt zwar diese Differenzen und deutet auch auf Gründe. Es sind also nicht einfach nur Begriffe wie Nation und das ideologische Unterfutter, sondern erst die politischen Umstände und Kontexte lenken Geschichte in die eine oder eben in die andere Richtung. Solche Darstellung der Interdependenzen und auch der analytische Blick, was sozialistische und faschistische Bewegungen vor allem trennt, fehlen in diesem Buch leider. Die Fokussierung auf Gemeinsamkeiten erscheint stellenweise einer Blickverengung geschuldet.

Die Frage, wie ausgeprägt und stark solcher Wechsel von der linken Seite auf die rechte tatsächlich ausfiel, müßte man zudem anhand von Quellen zeigen, um genaue Zahlen zu bekommen. Waren es einige aus den linken Bewegungen, die die Seiten wechselten, oder war es doch eine Vielzahl an Menschen? Und was setzte linke Theorie dem entgegen? Diese Aspekte fehlen im Buch und insofern geht Sternhells Buch über eine Einführung in die Materie hinaus, er liefert Interpretationen, und ich bin mir nach Abschluß der Lektüre nicht sicher, ob man nicht, um diese These Sternhells in ihrem Sachgehalt zu beurteilen, doch auch einen anderen Blick auf die Frage nach der Entstehung des Faschismus benötigte.

Ein weiterer Mangel des Buches liegt darin, daß Sternhell unidirektional ästhetisches und politisches Denken koppelt. Sei es bei seiner Lektüre des rechtsnationalen französischen Schriftstellers Drieu La Rochelle, in dessen Literatur sich teils heftiger Antisemitismus findet, oder wenn ästhetische Positionen wie der Italienische Futurismus und insbesondere die Thesen Marinettis unmittelbar mit dem Brutalismus der Faschisten, die gerne den neuen Barbaren gegen die verkrustete Zivilisation einsetzen, verbunden werden. Selbst dort, wo Marinetti 1909 in seinem Manifest die „Zerstörung der Museen, Bibliotheken und Akademien“ fordert, verkürzt und verkennt solcher Zusammenschluß nicht nur den Eigensinn des Ästhetischen, sondern greift auch in der Analyse ökonomischer und politischer Mechanismen zu kurz. Der Ästhetisierung des Politischen, wie ihn nicht nur Künstler, sondern auch die faschistische Politik gerne und bis heute hin betreibt, liegt ein politischer Akt zugrunde, kein ästhetischer. Selbst da nicht, wo Künstler wie Marinetti dies aus Gründen der Selbsterhöhung gerne annehmen. Die Ansätze, die Benjamin in seinem Kunstwerkaufsatz liefert und die im Blick auf eine politische Ästhetik wiederum zu korrigieren wären, bilden hier ein spannendes Interludens, um das Theoriefeld Masse, Macht, Ästhetisierung, Politik und die ästhetische Verheißung, die in solchen Verkoppelungen liegt, im Detail zu analysieren.

Instruktiv scheinen mir Sternhells Ausführungen an dem Punkt, wo er den Faschismus im Sinne eines Kults als neue Religion deutet, die ein „Produkt der Veränderung der Politikgestaltung [war], die gegen Ende des 19. Jahrhunderts stattgefunden hatte.“ Jene Beschreibung der „faschistischen Liturgie“ als „romantische und mystische Konzeption des Lebens“ ruht freilich, so Sternhell, im Politischen und ist Produkt einer neuen Massengesellschaft – wobei man sich an dieser Stelle und weil Faschismus fälschlicherweise immer einmal wieder mit dem vermeintlichen Irrationalismus der Romantik verbunden wird, einige Erläuterungen zu den Begrifflichkeiten gewünscht hätte.

Wichtig ist ebenso Sternhells Verweis auf das spezifisch Moderne der Bewegung, selbst da, wo sie regressive Elemente enthält und trotz aller Naturidylle und trotz Blut-und Boden-Ideologie. Die unterschiedlichen faschistischen Bewegungen Europas setzten auf die Entfaltung von Industrie und die Möglichkeiten neuester Technik, und sie setzte auf die Jugend.

Sternhell spricht zudem vom ganzheitlichen, mithin dem totalitären Charakter dieser Bewegung, etwa in der Annahme, daß die nationale Gemeinschaft einen Körper schafft, in dem das Proletariat integraler Teil einer Nation sein würde. Sternhell nennt hier den Charakter der Massenbewegung, insofern durch die Instinkte und Emotionen der Massen das analytische abwägende Vorgehen des Verstandes, das also, was man als die kalte Rationalität kritisierte, gebrochen wurde. Für den Faschisten sind die Emotionen dem Verstand überlegen, und das hat eminenten Einfluß auf die politische Propaganda: Gefühle sind leicht zu triggern und zu mobilisieren. Damit beschreibt Sternhell die neuen Herrschaftstechniken einer modernen politischen Bewegung, die einerseits Egalität beansprucht, diese aber andererseits an eine gemeinsame nationale Identität bindet – die rassischen Aspekte dieser Bewegung – wie sie bei den französischen Faschisten durchaus eine Rolle spielten, man denke eben an die Dreyfus-Affäre – streift Sternhell nur bzw. er konstatiert, daß sie für den italienischen Faschismus eine geringe Rolle spielten.

„Hinter dem Faschismus stand die Sehnsucht, dem Leben einen neuen Sinn zu verleihen. Deshalb nahm der Faschismus, wenn man ihn gründlich betrachtet, den Charakter einer neuen Religion an, die vollständig mit einer eigenen Mystik ausgestattet war und die bestehende Welt insgesamt ablehnte.“

Solche Sätze stehen allerdings thesenartig im Raum und man hätte sich für die inhaltliche Ausarbeitung doch den einen oder anderen Hinweis aus der Sozialgeschichte und den Gang in die Archive gewünscht, um das zu verifizieren. Als These mag das klangvoll sein, aber mangels Belegen überzeugt es nicht. Leider finden sich in diesem Buch immer wieder Beispiele für solche behauptenden Sätze.

Vorsicht ist auch im Hinblick auf die diagnostische Kraft des Buches geboten, wie manche Interpreten dies gerne sähen, auch die Autoren des Nachwortes. Sternhells Essay aktualisiert nicht auf die Gegenwart hin und ebenso wie Adornos Vortrag über rechtes Denken lassen sich zahlreiche Aspekte nicht umstandslos aufs Jetzt übertragen – was Sternhell allerdings auch nicht behauptet. Die Krisen der Gegenwart, wie etwa die Globalisierung, die Konkurrenz zwischen den USA und China, eine multipolare Welt mit Ländern, die Atomwaffen besitzen, sind andere und stellen die Politik vor neue Herausforderungen. Selbst da, wo rechte Nationalisten heute, wie schon die Rechtsnationalen in ganz Europa zu Zeiten der Wirtschaftskrise von 1929, sich für eine nationale Abschottung der Wirtschaft aussprachen, sind die globalen und nationalen Bedingungen andere als damals – allein über die mediale Vernetzung.

Und auch Analogiebildungen zwischen Gegenwart und Vergangenheit geraten schief. Sie zwängen Unterschiedliches in ein Muster. Wenn damals wie heute in einem faschistischen oder autoritären Staat politische Parteien keine Rolle mehr spielen sollen, sondern das Eingebundensein des Einzelnen in die Gemeinschaft zentral wird, dann mögen sich die Ideen gleichen. Doch ähnliche Ideen unter verschiedenen Voraussetzungen können unterschiedliche Effekte zeitigen. Dies fängt bereits bei den deutlich pluraleren Lebensformen an, die heute herrschen und die den Protest sozialer Bewegungen gegen solche Tendenzen befruchten – gerade die Ereignisse in Thüringen um die Wahl des Ministerpräsidenten zeigten, wie schnell sich der Widerstand im Bereich der Medien, aber auch als Straßenprotest organisieren ließ. Mit solchen Analogien übersieht man das Spezifische der Gegenwart und verfehlt es. Sternhell liefert insofern kein Vademecum – schon gar nicht, wie mit Faschismus heute umzugehen sei –, sondern er zeigt, wie es war und wie es wurde und er liefert auf rund 120 Seiten eine überblickshafte Skizze, die freilich in vielen Aspekten fragwürdig bleibt. Als Einführung in den Faschismus halte ich diesen Text für wenig geeignet. Als Perspektivierung auf ein Problem und seine geschichtliche Freilegung bleibt das Buch lesenswert.

Den Teil des Nachworts von Kristine Listau und Jörg Sundermeier, wo es um den politischen Gegenwartsbezug geht, kann man sich bei der Lektüre allerdings sparen. Es ist in seiner Vergröberung entbehrlich: ein Statement etwa, daß es inzwischen auch bei der Linken wieder Gruppierungen gäbe, die Begriffe wie Heimat, Volk und Nation affirmativ aufgreifen wollen, um diese Begriffe den Rechten wegzunehmen, zielt in lauer Polemik am Problem vorbei und ist in dieser simplifizierenden Allgemeinheit schlicht falsch. Als ob sich Faschismus einfach in Begriffen wie Heimat oder Nation, die nebenbei etwas völlig verschiedenes sind, erschöpfte. Und daß Menschen angesichts der politischen Lage ihre Lesekreise an Universitäten verlassen und sich nicht nur an irgendwelchen linken Identitätspolitiken ausrichten, ist nicht Querfront, sondern angesichts ökonomischer Schieflagen sogar geboten. Gerade solche Sätze machen deutlich, daß das Problem des Faschismus nicht im Ansatz begriffen wurde – trotz dieses Buches.

Zeev Sternhell: Faschistische Ideologie. Eine Einführung, Verbrecher Verlag 2019,136 Seiten, 15,00 EUR, ISBN 9783957323125

 

Die andere Seite des Flusses. Auto-Flanieren, Spazieren in Werften

Man kann ebenso mit dem Automobil flanieren, wie man es auch zu Fuß vermag – sicherlich auch mit dem Fahrrad, das ist für Körper und Geist gut, solange man beim Radeln nicht unters Auto gerät. Das Flanierfahren geht dann ganz gut, wenn ich durch Industrielandschaften kreuze und wenn wenig Verkehr ist, so daß die Aufmerksamkeit auf die Stadtlandschaft geht. Ausschau halten, in den Rückspiegel lucken, Perspektiven checken. Anhalten, schauen, schlendern, photographieren und dann weiterfahren. Das geht mit einem Auto sehr schnell. Und über die Köhlbrandbrücke gelangt man nicht mit dem Fahrrad. Noch interessanter aber ist dieses inzwischen schon wieder veraltete Bauwerk, unter das manche der Containerschiffe nicht einmal mehr passen, von unten anzusehen. Davon mehr in einem späteren Teil dieser Hamburg-Serie.