Weshalb wir TTIP brauchen!

Die Sache kocht hoch, eine undichte Stelle enthüllte am Samstag geheime Details, die jedoch die meisten bereits ahnten. Von Wissen kann leider keine Rede sein, weil es bei demokratischen Staaten unabdingbar ist, Dinge unter Verschluß zu halten. Die Öffentlichkeit muß schließlich nicht alles kennen. Schon gar nicht bei derart alternativlosen Projekten, wie man den Wählern versichert und nicht müde wird zu betonen, weil sie zum Wohle aller sind – ganzer Volkswirtschaften  und Kontinente. Da ist dann Nichtwissen nötig. Neben der Invisible hand der freien Marktwirtschaft – sozusagen die Metaphysik der rechnenden Kerls – webt und wirkt zum Wohle des Volkes genauso the Veil of ignorance wie die Nornen die Fäden des Schicksals. „Der Postillon“ nun nennt uns Gründe, die für das Freihandelsabkommen sprechen. Aber anders als ein Lobbyist wie Josef Joffe, der sich bei der „Zeit“ als Journalisten tarnt, betätigt sich „Der Postillon“ als ehrlicher Makler, um uns mit handfesten Argumenten die Sache nahe zu bringen. Mich hat dieses Statement überzeugt, und es paßt ins Konzept. „Der Postillon“  schreibt:

Wozu braucht man TTIP?

TTIP dient zum Abbau von Handelshemmnissen zwischen den USA und der EU. Typische Handelshemmnisse sind Arbeitnehmerrechte, Umweltstandards, Verbraucherschutz, Verbot von Sklaverei, Zölle, Demokratie und Menschenrechte. Ein florierender Handel ohne störende Regulierungen hilft dabei selbstverständlich nicht nur den Reichen, die sich für TTIP aussprechen, sondern auch den Superreichen (Trickle-Up-Effekt).

Wer will TTIP?

TTIP wird von einer breiten Basis von Politikern und Wirtschaftsvertretern vorangetrieben, die ihrer Bevölkerung in selbstloser Weise Wohlstand und Reichtum bringen wollen. Außerdem ist Sigmar Gabriel ein glühender Verfechter des Freihandelsabkommens. Und wann hätte die SPD jemals etwas beschlossen, das der Arbeitnehmerschaft schadet? Also außer Hartz IV. Ok, und der Rente mit 67. Ach ja, und der Zerstörung der staatlichen Rente zugunsten der Versicherungswirtschaft. Oh, und der Öffnung für Öffentlich-Private Partnerschaften. Oder der Abschaffung der Reichensteuer. Ach ja, da waren ja noch der Ausbau des Niedriglohnsektors und 1-Euro-Jobs. Hatten wir die Lockerung des Kündigungsschutzes schon?

Den kompletten Text lesen Sie an dieser Stelle.

 

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Galerietage in Berlin. Der Hipster, die Backstube Thoben und der Aesthic turn

Kunstwochenende in Berlin. Im kecken Ton subjektiven Befindens plaudert Ronja von Rönne in der Samstagswelt des Feuilletons prominent auf der ersten Seite über das Gallery Weekend. Sie berichtet uns, daß sie mit moderner Kunst nichts anfangen könne. Früher, in den Jahren des Qualitätsjournalismus wählte der Redakteur eine Kunstkennerin und erteilte ihr einen Rechercheauftrag. Heute läuft es anders. Ohne Inhalt fabulieren, schickt sich als neues Journalistenformat, und es ist gut, wenn eine Zeitung Autoren im Anekdotenstil über die Dinge schreiben läßt, mit denen jene Autoren nichts am Hut haben, denn am Ende drückt auch das die Preise der Schreiber. Für Qualität muß man etwas zahlen. Fürs Loslabern nicht so viel. Es wird in symbolischer Währung honoriert. Da ist der Schreibplatz Lohn genug. Aber vielleicht ist es von der „Welt“ bloß die angemessene Reaktion auf einen entleerten Kunstbetrieb, Rönne schreiben zu lassen. Während in der Abendschau vom Samstag Sascha Hingst mit einem Adorno-Zitat den Anfang macht – ich staunte nicht schlecht: Aufgabe der Kunst sei es, Chaos in die Ordnung zu bringen. Exakt heißt es in Adornos „Ästhetischen Theorie“: „Mehrfach ist, zuerst wohl von Karl Kraus, ausgesprochen worden, daß, in der totalen Gesellschaft, Kunst eher Chaos in die Ordnung zu bringen habe als das Gegenteil.“ Sympathisch fand ich diesen Ausschweif in dialektische Ästhetik trotzdem.

Ob freilich Kunst dieses Verwirren noch leistet, bezweifle ich. Chaos, Bruch und Anarchisches verflogen oder wurden im Betrieb als wohlfeile Regung eingemeindet. Kunst stiftet Seelenheil, vom Épater le bourgeois blieb nicht einmal der Bourgeois übrig und das wirkte ebenso auf die Kunst zurück. Keiner regt sich auf. Alle regen sich an, wenn sie von Galerie zu Galerie schlendern oder im BMW-Shuttelservice kutschiert werden. Ich blicke in aufgekratzte Gesichter. Es hätte auch das von Ronja sein können. Die Provokation, die einst ein Manet mit seiner nackten „Olympia“ im Pariser Salon auslösten oder die Wut auf die Blutorgien eines Hermann Nitsch sind längst ausgedampfte Geschichte. Das Reinheitsgebot für Kunst fordern allenfalls noch AfDler oder die Identitären in Wien, wenn sie eine Jelinek-Aufführung im Burgtheater stürmen. Vielmehr delektieren wir uns an den Werken – verbrämt im Jargon der Kunsttheorie als ästhetische Erfahrung – wie wir eine fluffige Crème brûlée löffeln. Mit zufriedenen Gesichtern stehen die Menschen in den Galerien der Auguststraße, der Linienstraße, im alten Berlin in Kudammnähe oder rund um die Potsdamer Straße. Geschmack ist auf sein unmittelbar sinnliches Surrogat geschrumpft, Kunstwerke werden geschlürft, wie später bei den Empfängen dann die Austern. Sie prickeln und machen Lust auf mehr. Wie ein Champagner. Vom Wahrheitsgehalt eines Werkes oder von ästhetischer Wahrheit sind beim Betrachten kaum noch Spuren zu finden. Allenfalls rudimentär und in Vereinzelung. „Was weiß Kunst?“ fragt Alexander García Düttmann und plädiert im Untertitel seines Buches für eine „Ästhetik des Widerstands“.

Wenn wir schon anekdotisch über bildende Kunst schwätzeln und im Rönne-Sound statt Kenntnissen Nichtwissen für Text auftischen, dann werfe ich mich auf ein Randphänomen des Galerienwochenendes: Die Frakturen. Die zeigen sich deutlich sichtbar in der Potsdamer Straße. Aber ebenso in der Markgrafenstraße in Kreuzberg, nahe Springer und taz. Dort steht zwischen Charlottenstraße und Markgrafenstraße eines der letzten Gewerbegebäude, das nicht recht mehr in diese Gegend zwischen eleganten Hochhäusern zu passen scheint. Ein Lidl ist darin untergebracht, ein Hostel, ein Geschäft für Essens- und Trinkbedarf aus Spanien und eben auch einige Galerien. Alles hier sieht aus, als warte es nur auf den Abriß.

Zurück aber zur Potsdamer Straße. Keine 300 Meter vom schicken Galeriegeschehen entfernt, wie es sich im ehemaligen Haus des „Tagesspiegels“ abspielt, wo Erlesenes der Kunstwelt seine Location hat, liegt Wulle. Wulle ist keine In-Galerie oder eine neue Cocktailbar, die sich an der Potse zum Absinthsuff auftat, sondern das gute alte Woolworth. Beständig und billig. Wo Kanaksprakfrau mit Kopftucht günstig Omaschlüpper ersteht oder weniger wohlhabende Biodeutsche Shirts kaufen. Das Warenwesen in seiner Billigform. Wenn man möchte, kann man durch den Laden laufen und ohne zu kaufen die Plastik- und Kunststoffprodukte in ihrem Ausstellungswert besehen. Der Unterschied zwischen Wulle und einer Galerie ist, was die in Theoriedesign vielbeschworene ästhetische Erfahrung wie auch den absurden Sinnesreiz des ästhetizistischen Aufsteigerns anbelangt, nicht sonders groß. Es könnte Wulle oder irgendein anderes Warenhaus genauso eine Riesengalerie mit Ready Mades sein. Die Brillo-Box hat unsere Wahrnehmung entweder verdreht oder aber gut verschärft. Das kommt auf die Perspektive an.

Dieses Wesen von Mensch, das bei Wulle nicht betrachtet, sondern kauft, wohnt und wohnte bislang in dieser Umgebung. Der Sozialpalast z.B. ist keine drei Straßenzüge entfernt. Genannt Pallasstraße. Ein Hochhaus, das über eine Straße ragt, darunter dann die Autos z.B. zum Biomarkt auf dem Winterfeldtplatz fahren. Eine Nummer größer in Berlin gibt es das nur an der Schlangenbader Straße. Eine Autobahn führt unter einem Hochhauskomplex hindurch.

Den üblichen Hipster zu erwähnen, den ubiquitären mit dem Bart, ist im Bericht öde, denn er gehört zum Distinktionsmerkmal Kunst in der Art dazu wie Hure auf Kurfürstenstraße, und der Hipster verirrt sich nie nicht ins Woolworth, um zu shoppen. Nicht mal aus Spaß. Dafür aber finden wir ihn in den Galerien. Belustigende Szene in der Galerie Fuchs, wo Montagen von Tomi Ungerer gezeigt wurden. Da stehen sie, staunen, einer der beiden Hipster, in weinroter Hose und einer weißen Kapuzenjacke, die halbangezogen wie bei Kindern zwischen Ellenbogen, Unterarm und Hüfte baumelt, murmelt so zum anderen und schüttelt voll Unverständnis sein bärtiges Köpfchen: „Das ist ja echt 68er-Kritik.“

Der Hipster sieht diese Menschen, die in ihrem Kiez seit Jahrzehnten leben, allenfalls belustigt als Requisiten. Oder gar nicht. Auf der Potse aber sitzen nur wenige Schritte vom nächsten Hipster entfernt, der einen dunklen Poncho-Umhang aus Schurwolle trägt, wie vor 20 Jahren die Indiomusiker in den Fußgängerzonen (nur das deren Gewänder bunter waren, während das vom Hipster drastisch feiner ist), die Frauen vom Kiez. Sie hocken auf den Plastikstühlen vor der Backstube Thoben mit den schlechten billigen Brötchen, die nach Luft schmecken. Die Frauen plaudern, sie trinken ihren Kaffee, sie lachen, sie zeigen ihre Goldzähne oder es erfüllt das Gebiß eine Lücke. In Sichtweite, aus der Richtung zum „Wintergarten“-Varieté hin wehen Gitarrenklänge herüber und ein schwarzbärtiger Mann von rundlicher Gestalt singt französische Lieder: Wenn man nichts hat als die Liebe. Ein neues Bistro feiert mittags Eröffnung. Weine und Speisen der französischen Küche werden gereicht. Gemüse und Fleisch vom Grill, Rosé- und Weißwein fließt oder steht im Glas. Anders als Thobenkaffeeleute trinken und essen. Potsdamer Straße. Ich frage mich, wie lange die Menschen, die hier wohnen, noch wohnen. Die Frau, mit der Druckerei, die ihr Leben ausmacht und ihr den Unterhalt sichert, muß sich mit Vermieter und Künstlern streiten, die in dem Gewerbehof anderes vorhaben und gerne Bierflaschen liegenlassen.

Wo vor zwei Jahren in der Kurfürstenstraße ein Verein mit Griechen seine Räume hatte, zeigt nun eine Galerie Photographien von geschundenen Kühen. Aber vielleicht war auch der Verein mit den Griechen bereits eine Inszenierung von geschundenen Griechen, denke ich mir. Ein Kunstprojekt. Man sollte in der Potsdamer Straße auch Woolworth, das finanziell wackelt, als einen Show-and-Collectorsroom betreiben.

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Pariser Ansichten (2) – Camus und Foucault, auf meinem Weg in die Unterwelt

Orphisch verdreht, die alte Leier, die alten Lieder, es blüht der Flieder. Wieder. Jedes Jahr wieder. Na gut. Ich pflege den Ennuie, der zum Spazieren unerläßlich ist. Absurder Baudelaire-Abklatsch zwar, aber es geht nicht anders und unerläßlich für mein Unterfangen, in jener Großstadt Paris zu wandeln. Pathos als Bathos als Pseudopathos.

[Nach Hegels Ästhetik ist Pathos ein für die Kunst Unerläßliches:
„Das Pathos nun bildet den eigentlichen Mittelpunkt, die echte Domäne der Kunst; die Darstellung desselben ist das hauptsächlich Wirksame im Kunstwerke wie im Zuschauer. Denn das Pathos berührt eine Saite, welche in jedes Menschen Brust widerklingt, jeder kennt das Wertvolle und Vernünftige, das in dem Gehalt eines wahren Pathos liegt, und erkennt es an. Das Pathos bewegt, weil es an und für sich das Mächtige im menschlichen Dasein ist.“ (Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik)
Baudelaires Ennuie und Hegels Pathos der Kunst in eine Konstellation bringen. Gegensätzliches zusammensetzen Schnittstelle: Karl-Heinz Bohrer?)]

 Ich steige in die Tiefe, in die Hölle, ich steige in die Metro, fahre zwei Stationen, steige wieder aus, schlendere den Boulevard entlang, daran am Rand zur Fahrbahn grüne Mülltonnen stehen, die zu den Häusern gehören. Die Papierkörbe der Stadtreinigung jedoch sind mit durchsichtigen Plastiksäcken ersetzt, damit niemand große, schwere, explosive Gegenstände hineinlegen kann.

Distanz und Teilnahmslosigkeit: Lediglich zu registrieren. Augen wie Photoapparate. Ich bin ein Fan der Google-Datenbrille, die ständig Bilder macht – gerade fürs diskrete Ablichten von Menschen unerläßlich, weil dieses Gerät noch relativ unbekannt ist. Verstecke für Photoapparate ersinnen, wie dies Walker Evans in New York für seine Subwayphotos tat. Aber diese Brille sollte und darf eigentlich nicht für jeden bestimmt sein. Das Problem liegt in der Masse. Andererseits schätze in den elitären Herrenreitergestus des Pseudo-Nietzscheianers wenig. Sich fern halten. Geht das? Statt solidaire solitaire, wie Camus es in „Der Fall“ oder „Der Fremde“ entwickelte und wie er es in „Die Pest“ wieder umkehrte. Wenn ich Camus wiederläse, lösten diese Romane dasselbe bei mir aus wie damals beim 16jährigen? [Das Verb ennuyieren liebte ich als Jugendlicher und gebrauchte es fein affektiert.] Das Pathos und dieses so direkt Existenziale wären, was Jugend aufwühlt wie sonst nur Wedekinds „Frühlingserwachen“ oder Goethes „Werther“, und schmölzen am Ende und im Prozeß des Alterns dahin. Ungerecht sicherlich, daß Camus von Foucault geschmäht wurde. Foucaults Kritik am Humanismus ist nicht von der Hand zu weisen, und es kam mittels poststrukturaler Philosophie ein neuer Ton ins Denken der französischen Subjektphilosophie. Im Nachgang aber sind die alten Debatten eben nichts als alt und vergangene Dispute: als säße man in den späten 70ern noch im Café de Flore oder im zehnten Stock des Seminars im Turm, und es könnte dennoch Camus heute vielleicht in einem anderen Licht noch einmal gelesen werden. Abgeklärter sind wir geworden. In den Jahren. Was tun? Nach dem Flanieren? Nach dem Flanieren ist Schreiben der bessere Stil.

„Für den Intellektuellen ist unverbrüchliche Einsamkeit die einzige Gestalt, in der er Solidarität etwa noch zu bewähren vermag. Alles Mitmachen, alle Menschlichkeit von Umgang und Teilhabe ist bloße Maske fürs stillschweigende Akzeptieren des Unmenschlichen. Einig sein soll man mit dem Leiden der Menschen: der kleinste Schritt zu ihren Freuden hin ist einer zur Verhärtung des Leidens.“
(Adorno, Minima Moralia)

Dies schrieb Adorno 1944 im US-amerikanischen Exil an der Pazifikküste in den „Minima Moralia“ Der Aphorismus heißt „Herr Doktor, das ist schön von Euch“ – jener Satz des Famulus Wagner aus dem „Faust“. Ähnliches gilt für den Photographen: unverbrüchliche Einsamkeit beim Spazieren. Wobei ich Adornos letzten Satz skeptisch lese. Leid wird sich so oder so perpetuieren. Den Menschen die gesellschaftlichen Widersprüche, die eigentlich eklatant vor Augen liegen, wieder und wieder vorzuhalten. Ja, richtig, aber bei vielen Linken führte diese Sicht zu einer vollständig humorbefreiten Haltung. Die neue Frankfurter Schule war in diesem Sinne ein Ausbruch aus dem versteinerten Korsett, ein Weg aus dem Stillstand. Wie auch der frühe Punk und ein daran gekoppelter politischer Hedonismus. Diesen Genuß zu schätzen, gar zu zelebrieren und den Gebrauchswert nie gering zu achten, wußten immer schon die Pariser Intellektuellen (Na ja, einige und einige Deutsche auch. Ist ja eine Typusfrage und keine der Nation nur.) Freilich brauchtʼs dafür in Paris Geld. Ansonsten isste zähes Fleisch, das sich Entrecôte nennt, mit dürftigen Pommes, die an den Enden braun oder schwarz geraten sind, daß ich erst dachte, da hätte jemand Stücke von Schwarzwurzeln zugetan oder angeklebt (wo immer diese Färbung herrühren mag) und Salatblattbeilage. Klägliches Mahl. Auch nicht so schön. Da lieber deutschen Spargel. Zeit ist.

Mein Grandhotel Abgrund – auch am Platz der Republik, wo in Paris der soziale Protest traditionell seinen Ort hat. Bis heute hin, bis zu Nuit Debout. Eine gute Sache. Sicherlich.

 

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Pariser Ansichten (1)

Photographien aus Paris, geschossen und locker in Reihe eingestreut. Nicht als Tagebuch oder als Dokument gedacht, das ich zeigte, an einem bestimmten Ort, in einer bestimmten Straße, in einem bestimmten Quartier gewesen zu sein, sondern als Blick auf eine Stadt, während ich mehr oder auch manchmal weniger wachen Auges durch die Straßen spaziere. Es mischen sich Gesamt und Details. Flüchtigkeit und den Zufall bannend. Immer wieder, seit Jahren schon, überlegte ich, ob ich die Bilder selbst mit einem Datum markieren, also im Bild mittels Kameratechnik ein Datum einfügen sollte. Dann sah ich es bei Daido Moriymas s/w-Photographien in der Pariser Ausstellung. Die Idee ist nicht schlecht, aber ich möchte im Grunde keine Konkretion irgendeines Datums als Maß der Zeit. Oder mit Daten spielen wie On Kawaras Konzeptkunst und diese Daten mit der Imagination und dem Tagesaktuellen jeweils vor Ort verschränken. Nein. Dem Fluß der Zeit einen Fluß an Bildern entgegensetzen. Starres, das doch fließt und sich nie sistiert. In den Bruchteil der Sekunde gefroren und doch beweglich, taktil, mobil. Wie die Kamera selbst. Lediglich einige wenige Ereignisse will ich datiert wissen und genau dieses Datum als ein solches Bild festhalten –als unnachahmliches, einmaliges unwiederholbares Dies-da. Bei meinen Spaziergängen durch Städte und Landschaften spielen die Daten keine Rolle – manchmal wie beim Le Bataclan oder am Place de la République ergeben sich die Hinweise auf bestimmte Ereignisse von selber. Eigentlich ist es sogar überflüssig, im Titel den Namen der Stadt zu nennen. Ansichten, durchnumeriert, das genügte.

 

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Peter Wawerzinek über den Stadtschreiberposten in Dresden

Selten wird bei AISTHESIS verlinkt. An dieser Stelle mache ich es mal, und zwar auf Peter Wawerzineks Aufruf. Den Hinweis darauf entnehme ich dem guten Perlentaucher, Pflichtlektüre am Morgen wie das Zähneputzen, der erste Kaffee und abends die Gläser Riesling.

Ein großer wie auch guter Text, poetisch und am Puls der Zeit, denn sich wegzuducken und in den Proklamationen zu verlieren „Keine Nazis“ usw. – das reicht mitnichten aus. Die Spaziergänger von Pegida lassen sich durch solche Rufe kaum vertreiben, sondern fühlen sich vielmehr in ihrer Sicht bestätigt. Gegenseitig sich verstärkende Blasenwelten. Ganz zu lesen gibt es diesen Beitrag  Wawerzinek hier. Wawerzinek trifft eine mutige wie richtige Entscheidung. Denn Dresden ist eine schöne und interessante Stadt, wie überhaupt Sachsen ein spannendes Bundesland ist. Trotz Rechtsdrall. Überhaupt wieder – als Fortgereister, als Schriftsteller und damit auch als Beobachter und Protokollant dessen, was der Fall ist – den Glanz wie auch das Trübe einer Stadt zu entdecken. Wawerzinek schreibt:

„Ich werde ein halbes Jahr Stadtschreiber in Dresden sein. Das habe ich so gewollt, die Herausforderung eingefordert, und nun will mich endlich zu allem und der Pegida äußern. Ich wurde genommen, weil sich in diesem Jahr deutlich weniger Autoren um das Amt bewarben. Waren es ein Jahr zuvor noch knapp hundert, so ist die Zahl auf den kläglichen Rest von dreiunddreißig Bewerbern geschrumpft. Da frage ich mich, was los ist mit unseren Schriftstellern? Wie kann binnen eines Jahres das Interesse für das Dresdner Amt um volle zwei Drittel sinken? Was hat über sechzig Autoren zum Rückzieher bewegt? Welche Angst, welcher Kleinmut macht sich da unter meinen Kollegen breit? Und welcher von den Autoren, die von ihren sicheren Schreibtischen aus ständig irgendwelche Unterschriftenaktionen anzetteln, Protestpapiere entwerfen, Aufrufe zum Schutz des Federhalter und Radiergummis injizieren, kommt einfach mit mir nach Dresden?“

Ja, eine gute Frage – in der Tat. Die meisten werden zu Hause am Schreibtisch bleiben und über dies und das, über die Welt und zu wenig Geld jammern, klagen, Zähne knirschen.

 

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Die Tonspur zum Sonntag – statt Shakespeare und Welttag Buch

Denn heute vor 25 Jahren starb Johnny Thunders – unter anderem bei den New York Dolls dabei. Und dieses Datum vergessen wir natürlich nicht und niemals. Post-Punk-Zeit der frühen 90er Jahre, Bierschwemme, Philosophieren mit Adorno, ein Leben und ein Labern in der Bar, ein Konzert in der Markthalle, sein letztes in Hamburg. Wir witzelten angesichts seines Aussehens – dürrer und dürrer der Körper – blöd: „Wie lange macht er noch?“ Ihre Hand an meiner Seite, während die Gitarre ins Ohr drang, Haut an Haut. Du kannst Deine Arme nicht um die Erinnerungen schlingen – es ist das sein schönstes Lied. Tanzbar. Im Moment zu sein – wie heute in Meißen an der schönen Elbe und auf der Burg.

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Paris – im dunklen Grunde

Ich schriebe etwas über den andauernden Protest in Paris, genannt Nuit Debout. Er richtet sich gegen den Sozialabbau unter der Regierung des Sozialdemokraten Hollande. Die Aktionen fanden keine 2 km entfernt von meinem Hotel statt, am Place de la République. Ich ginge hin, ich schösse Bilder. Allerdings bin ich am Abend zu erschöpft und politisch lustlos wie auch skeptisch. Ich wünsche zwar, aber glaube nicht wirklich an den Erfolg der neuen sozialen Bewegungen. Unter dem Pflaster liegt nicht der Strand, sondern dort lauern die Wizoreks, die Mädchenmannschaft, Inquisistion oder schlimmer noch Georg Diez und Jakob Augstein. Erstickt wird die Revolte wieder und wieder durch die Moral des Kleinbürgers und idiotische Partialinteressen, die sich im Gesinnungsdenken manifestieren. Debatten auf Nebenschauplätze lenken, die dann zur Hauptsache gedreht werden. Gute alte Encounter-Methode.

Meine Sache ist eher dies hier und bereit mir wesentlich mehr Freude. Galante Feste und provokante Lust in einem.

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Jean-Honoré_Fragonard_009

In Bildern Gerahmtes, daran die Phantasie sich entzündet. Allzu direkt wird das weibliche Geschlecht dargeboten, ohne Schleier, aber wer mit Courbet sich beschäftigte, kennt ebenso die Geschichte, wie diese Gemälde verhüllt und überdeckt wurde. Das, worauf sich der begehrliche Blick des Mannes (und manchmal auch Blick und Sehnen der Frau) richtet, entzieht sich. Erstaunlich im Musée dʼOrsay, wo das Gemälde Courbets seit 1995 hängt, daß vor dem Selbstbildnis van Goghs einige Säle weiter die Menschen sich drängeln und im Selfieformat neben dem Bild des Malers sich ablichten, um zu zeigen: Wir waren dort, nahe einem echten van Gogh, und Minuten später sind sie zusammen mit dem Antlitz van Goghs in Pixeln auf Facebook gegenwärtig. Während der Raum, wo der Courbets L’Origine du monde hängt, leer ist. Gut eigentlich fürs betrachten. Eine Familie mit ihren beiden Kindern schlenderte hinein. Mehr nicht. Andere gehen achtlos vorüber. Was einst im Pariser Salon einen veritablen Skandal erzeugt hätte, so daß der osmanische Diplomat, der das Bild erwarb, es lieber in einer Kammer verbarg, ist heute im Zeitalter der Nackten zur Gewohnheit verkommen. Nur daß sich Frauen heute rasieren. Der Kitzel ist weg. Im Saal der van Gogh-Bilder tummeln sich die Zuschauer. Die Menschen knipsen sich mit ihren Telephonen, simulieren Präsenz, zeigen, daß sie dabei waren, ohne auch nur einen kurzen Blick auf das Bild geworfen zu haben. Denn sobald das Photo im Telephon sitzt, wird in den nächsten Saal gewandert, ohne weiter von den reproduzierten Ich mit photographiertem Gemälden Notiz zu nehmen. Kunst war immer schon eine Ware, und sie besitzt eine symbolische Funktion, um die „feinen Unterschiede“ deutlich zu markieren. In solchen Szenen wie im Musée dʼOrsay zeigt sich der Fetischcharakter der Kunst überdeutlich. Sich selbst zusammen mit dem Bild festzuhalten, das den Mehrwert fürs eigene Dasein verschafft. Hier aber ist es nicht einmal mehr der Unterschied, der feine Leute macht, sondern der herabgesunkene Kleinbürger feiert sich selbst vor dem Kunstwerk als Event. Was sich im Musée dʼOrsay, im Louvre und an anderen Orten abspielt, ist das Gegenteil von Kunst. Kulturbetrieb ohne Kultur.

Was sich in den Bildern abspielt, und was sich dahinter zuträgt. Wie sich in einem Bild ein Geheimnis verstecken läßt. Insbesondere das Rokoko-Gemälde „Le Verrou“ von Fragonard, das es im Louvre zu sehen gibt, lädt zum Raten ein. Aber es gilt hier gar nicht so sehr, das Rätsel zu lösen: Was nämlich hinter der Tür sich verbirgt, die die junge Dame zu öffnen trachtet, indem sie nach dem Mann greift, der wiederrum den Riegel hält, sondern das Rätsel als Rätsel zu bewahren und sich vielmehr von der Szene in Beschlag nehmen zu lassen, allenfalls über die im Gemälde eingestreuten Zeichen zu sinnieren, der am Boden gestreute Strauß Blumen, die auf dem Bett gebrochene Rose wie auch der Faltenwurf der Gewänder. Das Bild will gerade nicht eindeutig sein und uns etwas zeigen, das offen daliegt und was wir beim Betrachten bereits ahnen, sondern es möchte verbergen. Der Rätselcharakter ist für die Kunst konstitutiv. Immerhin waren das galante Spiel samt den mal mehr, mal weniger frivolen Festen und den Maskenbällen Bestandteil der höfischen Kultur jener Jahre. Zu solcher Sinneslust und dem Vertreiben von Langeweile jedoch bedarf es der Zeit und des Geldes. Gut ist es, beides zu haben.

Schade freilich, daß sich eine solche Szene, wie Fragonard sie malte, nur selten wird photographieren lassen. Gleichsam als ein Dokument des Augenblicks von Eifersucht, Leidenschaft, Begehren und Lust. In einer ganz anderen Weise des Schnappschußhaften on the street und in Tokio Dekadenz et tristesse macht Daidō Moriyama seine Photos. Zu sehen in der Foundation Cartier am Boulevard Raspail. Über diese Ausstellung schreibe ich nächste Woche.

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Abwesenheitsnotiz (In Paris)

Einige Tage schlendern, flanieren, spazieren, schauen. Über die Boulevards und die Straßen. Lange Zeit war ich nicht mehr in Paris. Paris – die steinerne Stadt. Mauern und Grau, wenn man sich im Flugzeug der Metropole nähert oder vom Hügel des Pére Lachaise über die Stadt blickt. Wir suchten die Gräber von Balzac und Proust. Wir fanden sie. Regen in der Stadt. Ich liebe das Grau der Steine, das durch den Regen noch grauer wirkt.

Allerdings – es fehlt mir in Paris meine Geliebte. Wo ist meine FAZ? Nichts zu finden hier, um im Bistro zu lesen. Freilich fehlt mir auch meine andere Geliebte. Die weit ostwärts weilt. Der Mensch braucht viele Dinge, er findet sie an verschiedenen Orten. Hier ist es die Stadt, die ich immer noch mag. Auf alle Fälle sind die Menschen im Vergleich zu den 80er Jahren sehr viel freundlicher geworden. Zumindest die jungen Leute. Daß der Pariser herzlich ist, kannte ich bisher gar nicht. Noch im Jahre 2004 rangierte die Höflichkeit des Parisers gegenüber Gästen knapp hinter dem Bretonen, der, als er einem Gast den gußeisernen Fuß eines Tisches auf den menschlichen Fuß wuchtete, kein Wort des Bedauerns fanden, sondern, nachdem die Frau laut vor Schmerz schrie, zornig die Frau anstarrte. Andere Länder andere Sitten. Ich begegnete der Grobheit wehrmachtsmäßig in zackigem Bestellbefehlston. Bellend bestellen in deutscher Sprache und dabei mit dem Finger auf die Karte deutend, damit der Bedienstete auch weiß, was wir wollen. Inzwischen ist es anders. Freundliche Menschen in den Bars und Geschäften.

Heute morgen, in einem der Gänge in der Metrostation Arts et Métier grölt plötzlich einer Allahu akbar. Sein Schrei hallt durch die Gänge, aber man sieht den Rufer nicht, es kommt vom gegenüberliegenden Gleis. Ich drücke mich in Fluchtroute. Keine schöne Vorstellung. Wieder 2 % mehr für Le Pen. An der Place de la République, vorm Denkmal, am Sockel schwimmt das Blumenmeer und die Bilder der Opfer kleben am Stein. Aber auch Plakate zu aktuellem Protest mischen sich darunter. Das Bataclan liegt ganz in der Nähe am Boulevard Voltaire. Auf der anderen Seite türmen sich die Reste aus Blumen und Kerzen. Verwelktes Andenken. Aus manchem Fenster hängt traurig im Regen die Tricolore. Ich mag Paris im Grau.

Das Gute an Paris – es gibt hier keine Kolumnen von Sibylle Berg oder Georg Diez. Ebenso keinen Böhmermann, kein Facebook. Paris entrückt.

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„Glückliche Tage“ – Samuel Beckett zum 110. Geburtstag

„Gott ist ein Zeuge, der nicht unter Eid genommen werden kann.“ (Watt)

„Wenn ich falle, werde ich weinen … vor Glück“ (Endspiel)

Ich verzögere um einen Tag, um diesen irischen Dichter, dessen Heimat am Ende Paris wurde, in einer Notiz und fragmentarisch zu würdigen.

Becketts Werk als eine Theologie ohne Gott zu lesen, es eine Liturgie und Literatur des Deus absconditus zu nennen, gehört spätestens nach „Warten auf Godot“ zum Allgemeingut des erwerbbaren Wissens. Aber diese theologischen Happen wie auch die schwarz-komischen Leckerbissen negativer Theologie, die düstere Anthropologie, die am Himmel flackert, schürfen wir auch aus anderen Werken Becketts heraus. Mal in einer Variante maliziöser Scholastik, wenn im Roman „Watt“, der im Sinne klassischer Erzähltheorie kaum noch Roman genannt werden kann, ein Zettel mit Fragen aus der Tasche gezogen wird:

Lourdes
Hautes-Pyrénées
France

Sir,
Eine Ratte oder irgendein anderes kleines Tier knabbert an einer Hostie:

Nimmt sie den wahren Leib in sich auf oder nicht?
2. Wenn nicht, was ist aus ihm geworden?
3. Wenn ja, was soll mit ihr geschehen?

Oder als hiobsches Schimpfen im „Endspiel“: „Verfluchter Erzeuger“, ruft Hamm. Und noch die Frage der Theodizee klärt Beckett in jenem Witz vom Engländer, dem Schneider und der Hose bündig (ein jüdischer Witz versteht sich):

NAGG: Ein Engländer er verzieht sein Gesicht, um einen Engländer nachzuahmen, und entspannt es dann wieder der dringend eine gestreifte Hose für die Silvesterfeier braucht, begibt sich zu seinem Schneider, der seine Maße nimmt. Stimme des Schneiders: „So, das wäre geschafft, kommen Sie in vier Tagen wieder, dann ist sie fertig.“ Gut. Vier Tage später. Stimme des Schneiders: „Sorry, kommen Sie in acht Tagen wieder, der Hosenboden ist mißraten.“ Gut, macht nichts, der Hosenboden ist nicht so einfach. – Acht Tage später. Stimme des Schneiders: „Bedaure sehr, kommen Sie in zehn Tagen wieder, die Schrittnaht ist mißlungen.“ Gut, einverstanden, die Schrittnaht ist delikat. – Zehn Tage später. Stimme des Schneiders: „Tut mir leid, kommen Sie in vierzehn Tagen wieder, der Schlitz ist mißglückt.“ Gut, wenn’s dann sein muß, ein schöner Schlitz muß sitzen. Pause. Normale Stimme: Ich erzähle ihn schlecht. Pause. Trübsinnig. Ich erzähle diesen Witz immer schlechter. Pause. Erzählerton: Kurzum, die Osterglocken blühen schon, und er verpatzt die Knopflöcher. Gesicht und dann Stimme des Kunden: „Goddam, Sir, nein, das ist wirklich unverschämt, so was! In sechs Tagen, hören Sie, in sechs Tagen hat Gott die Welt erschaffen. Ja, mein Herr, jawohl, mein Herr, sage und schreibe die Welt! Und Sie, Sie schaffen es nicht, mir in drei Monaten eine Hose zu nähen!“ Stimme des Schneiders, entrüstet: „Aber Milord! Milord! Sehen Sie sich mal verächtliche Geste, angeekelt die Welt an … Pause … und sehen Sie da selbstgefällige Geste, voller Stolz meine Hose!“

(Die Nähe Thomas Bernhards zu Beckett ist nicht nur in dieser Passage evident, denke ich mir, wenn sich Claus Peymann eine neue Hose kauft.) Die Welt liegt nicht ganz im Lot, und der Platz des Subjekts ist nicht mehr fraglos in der Mitte; so sehr Clov auch den Hamm in seinem Rollstuhl einmal um die Welt, einmal um die Bühne schiebt, damit er ihn schließlich mit Ruck und vieldeutbarem Da-Ausruf im Zentrum plaziert. Nicht ohne das Nölen und Nörgeln Hamms geht diese Tour ab.

HAMM: Hörst du? Er klopft mit seinem gekrümmten Finger an die Wand. Hörst du? Hohle Backsteine. Er klopft weiter. Das ist alles hohl. Pause. Er richtet sich auf. Heftig. Genug. Jetzt wieder zurück.
CLOV: Wir haben die Runde noch nicht beendet.
HAMM: Zurück an meinen Platz. Clov schiebt den Sessel wieder an seinen Platz und hält ihn an. Ist das hier mein Platz?
CLOV: Ja, dein Platz ist hier.
HAMM: Stehe ich genau in der Mitte?
CLOV: Ich werde nachmessen.
HAMM: Ungefähr! Ungefähr!
CLOV: Da.
HAMM: Stehe ich ungefähr in der Mitte?
CLOV: Es scheint mir so.
HAMM: Es scheint dir so! Stell mich genau in die Mitte!
CLOV: Ich hole den Zollstock.
HAMM: Ach was! so in etwa. So in etwa. Clov schiebt den Sessel unmerklich weiter. Genau in die Mitte!
CLOV: Da!

Zwischen dem Zwang, das Treiben zu beenden und der Ordnungsneurose exakter Strukturiertheit, schlägt das Stück seine Kapriolen. Ausdeutbar sind solche Szenen in viele Richtungen hin – von der dreifachen narzißistischen Kränkung des Mängelwesens Mensch, die kompensiert werden will, bis zur poststrukturalen Kritik Descartescher Subjektphilosophie, wie es im Frankreich des 20. Jahrhunderts zum guten Ton gehörte. Die Vermessung von Welt im Rahmen der Kunst. Deren Reich vormals von Theologie durchpflügt wurde.

Beckett

Mit dem „Endspiel“ steigt Beckett in den Maschinenraum der Ästhetik, indem er die „Poetik“ des Aristoteles sichtet, die er dann nach Arbeitsmaß im Drama gleichsam auf die Bühne zerrt und inszeniert. Beckett nimmt Aristotelesʼ Konzept der Einheit von Zeit und Handlung wörtlich und dechiffriert im gleichen Zug das Theater, indem er dieses Prinzip bis zum letzten ausreizt und damit auf sein Rudiment eindampft. Becketts Drama ist ein Endspiel mit der Kunst, das er uns genüßlich vorführt – jenes nicht enden wollende Enden der Kunst, das als Reflexionsfigur die klassischen Moderne seit Hegels Diktum in Kontinuität begleitete. Aber bei allem tragischen Enden ist der Spielcharakter des Dramas nicht zu übersehen. Hamm und Clov spielen Rollen. Noch zum Schluß heißt es: „spielen wir es eben so … und sprechen wir nicht mehr darüber …“ Nicht mehr Kommunikation als kommunikatives Handeln im pseudoemanzipatorischen Gewand, sondern der Spielcharakter als Form und Kunst tritt in den Vordergrund. Das Ende wird der Anfang sein. Daliegend, mit dem Taschentuch über dem Gesicht, scheint Hamm zu schlafen, zum Ende hin, („Altes Linnen“) und zum Anfang, um sodann zum Beginn des Spiels wieder erneut geweckt zu werden. Wachbleiben heißt da sein. Auch dies ist in einer theologischen Perspektive genommen.

« Il ne faut pas dormir pendant ce temps-là «  heißt es in Blaise Pascals „Pensées“ an der Stelle, wo es um das Mysterium und die Verheißung Jesu geht, die zugleich etwas vom unabdingbaren Zwang hat: „Bis an das Ende der Welt wird die Agonie Jesu dauern: nicht schlafen darf man bis dahin.“ Und in Becketts „Endspiel“, das diese Agonie ins theatralische Bild bringt, spricht Hamm im Überdruß: „Wenn ich schlafen könnte!“

Das Berkeleysche „Esse est percipi“ exzerziert sich noch im Zwang des Wachens, des Nicht-mehr-schlafen-könnens – auch eine Reaktion auf die ins Negative gewendete Theodizee –, aber genauso im reinen Spiel als Spiel, um des Spiels willen, um sich des eigenen Daseins wie dem Sein des anderen zu versichern. Intersubjektivität als gestanztes Rollenspiel und ein verdrehtes Anerkennungsverhältnis, wie wir es auch bei Herrn Watt und Mr. Knott finden, von dem Hegel nicht zu alpträumen wagte, dem das Ganze noch als das Wahre erschien.

Schade daß es in der Lektüre – insbesondere der Romane Becketts – ruhig um ihn wurde. Sicherlich begrub man ihn nicht als toten Hund, aber doch erlitt er das Schicksal der Klassiker: er entschlief und ruhte sakrosankt und ausdeutbar im Museum der Literaturwissenschaft. Becketts Prosa wäre kalt und unsinnlich, läse sich sperrig, so die irrige Annahme. Wer in den in den Wir-kommen-Jahren der gegenwärtig Ungegenwärtigen, der jetztzeitig-modischen Leser freilich Raketen angelt, Tiger jagt, die Welt vermaß und im Gegenspiel bürgerlicher Befindlichkeiten oder Knausgardscher Ich-schreib-mich-Seichte in Lektüre authentisch sich geriert, wird mit der Prosa Becketts seine Schwierigkeiten haben. Die Komplexität der literarischen Moderne ging flöten. Pan läßt auf sich warten.

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Lüneburg II

Um einen Satz Walter Benjamins abzuwandeln: Photographieren heißt, den Dingen und Orten ihre Physiognomie wiederzugeben. Es ist dies eine spezielle Physiognomie. Eine Photographie lichtet das So-Sein einer Szene ab, und sie verschiebt diesen Gegenstand unter der Perspektive des Objektivs um ein Winziges. Indem sie etwa das Relief in einer Kirche oder ein kleines Schleusenwehr aus dem Alltagskontext rückt; ein Plakat etwa, an dem Menschen jeden Tag vorbeilaufen, isoliert. So nimmt es der Betrachter durch die Selektion des Apparats mit einem Male anders wahr: reduziert auf eine Form, auf Schrift, auf die Materialität des Papiers wie auch des steinernen Untergrunds, auf den es gekleistert wurde. All das springt plötzlich ins Auge. Die Kunst, Nebensächliches zu verdichten. Nicht: es poetisieren, als wohne ein Glanz in allen Dingen. Sondern schlicht die Protokollsätze einer Welt zu liefern.

 

 

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