St. Martin in Vincoli

St. Martinstag finde ich jedes Jahr erneut rührend und schön – wenn nicht all die Kinder da wären. Nein, Scherz beiseite: Hier in dem doch im ganzen angenehmen Stadtteil der ansonsten widerlich verranzten Stadt, in der ich lebe, gab es heute abend einen großen St. Martinszug. Ich habe ihn mir angesehen, denn ich mag Laternelaufen und Kinder mit ihren Laternen. Meine schöne blaue Laterne mit dem guten gelben Mond darauf habe ich damals geliebt. Die Musik heute schallte zwar etwas kläglich – lediglich ein Bläserensemble von fünf Mann. Die Kinder und die Erwachsenen hätten mehr singen können (eigentlich sangen sie gar nicht), ich hätte die Kinder mit den Werkzeugen der Inquisition dazu angehalten, fröhlich-melancholisch St-Martinslieder abzusingen, aber gut, ich bin leider kein Mann der Kirche.

Wir damals in „Born in Hamburg-Horn“ hatten auch St. Martin, aber bei uns im Arbeiter-Aso-Osten hieß das Laternenumzug, da spielte, wie das Anfang der 1970er üblich war, ein ganzer Spielmannszug auf und schmetterte. (Ich liebe im übrigen Spielmannszüge, wer da Bildbände für mich hat, bitte melden.) Schöne Geschichte einer Horner Freundin dazu, von anno dunnemals, sie war damals vielleicht vier Jahre und ging mit ihrer drei, vier oder fünf Jahre älteren Schwester, in die ich mich in der Schultheater-AG zehn Jahre später schwer verlieben sollte, aber das ist eine andere Story, auf diesen Laternenumzug. Der Spielmannszug spielte und am Ende des Zuges schlug ein Mann die Pauke und irgendwie dahinter schlenderte auch ein Polizist. Die kleine Schwester der zukünftigen Theaterliebe fragte, warum der Polizist dort ginge, worauf die große Schwester mit viel Ernst antwortete: „Damit der Mann mit der Pauke dem der vor ihm geht, nicht den Paukenschläger auf den Kopf haut!“ So war Hamburg-Horn und ja, ich hatte mich in das richtige Mädchen verliebt.

(Das Photo stammt aus unserem, nun ja, Einkaufszentrum und ist aus genau jener Zeit. Allerdings nicht zum Laternenumzug, wie man unschwer sieht. Der Bengel hinten links auf dem roten Rad mit der Vistramjacke könnte ich sein – ich rätsele noch.)

Und im Abschluß noch ein guter Song, den ich gerade bei einem Facebookfreund zu diesem schönen Anlaß sah und hörte. Man muß Korrespondenzen erzeugen: „Und er zerteilt sein Maillot Jaune.“

Freundschaft und Reise – oder On a road to nowhere? Salih Jamal, Das perfekte Grau

Es gibt Romane, die liest man in einem Rutsch durch, weil sie eine gute Story haben, weil sie spannend erzählt sind und da sieht der Leser, in diesem Falle der Rezensent, auch über manche kleine Schwäche eines Buches hinweg. So bei Salih Jamals „Der perfekte Grau“. Es ist ein On-the-road-Roman und man möchte das Buch beim Lesen gar nicht mehr beiseite legen, weil der Leser wissen will: Was passiert als nächstes? Welches Drama wird sich als nächstes ereignen? Cliffhanger nach jedem Kapitel. Und ich sage es gleich am Anfang, was am Ende des Buches geschieht: Der Rezensent ist traurig, daß diese schöne und wilde Story zuende ist, er hätte gerne weiter diese vier Helden des Buchs – zwei Männer, zwei Frauen – auf ihren Wegen begleitet. Und es denkt der Rezensent noch lange an all die schön-traurigen Begebenheiten und möchte mit den vieren weiterreisen und sehen: Was machen die?

Der Erzähler heißt Dante mit Spitznamen, tatsächlich aber Ante, die kroatische Form von Anton. Eine Reise in die Hölle ist es zuweilen schon, aber Jamal strapaziert dieses Motiv nicht über, sondern es wird angespielt. Alles beginnt in einem Hotel, irgendwo an der deutschen Ostsee, ein früher einmal prominenter Kurort am Meer, wie es in dem Buch heißt. Genauer gesagt: eigentlich beginnt die Geschichte mit dem traurigen Geburts- und Lebenskaff des Erzählers, das irgendwo in einer deutschen Landschaft, einen Steinwurf von einem Dorf entfernt liegt, Ostdeutschland, so steht zu vermuten, denn nach dem großen Umbruch, genannt Wende, wurde dort die Autobahn ausgebaut. Kurz nur spielt Jamal das Szenario an, und das ist ein guter Schachzug: Verknappung, man weiß in diesen kurzen Skizzen in etwa, was das für ein junger Mann ist, der da für uns Leserinnen und Leser der zukünftige Protagonist über 238 Seiten sein wird. Das mögen nebensächliche Details sein, so wie überhaupt das Leben jenes Erzählers, der irgendwo Mitte dreißig ist, nur angedeutet wird. Er flieht vor etwas, das in der Mitte des Romans kurz genannt wird: es sind Verwicklungen mit Frauen, im Grunde Petitessen im Vergleich zu dem, wovor die anderen drei Protagonisten fließen.

An der Ostsee jobbt Dante in einem Hotel, bei einer Frau Schmottke, der der Laden zu gehören scheint. Und weil erste Sätze eines Romans wichtig sind: „Ich sah den Rost an der Heizung, Es fraß von den Rändern durch die weiße Emaille immer weiter über die einst glänzenden Flachen.“ Das sagt bereits alles über die Qualität des Hotels. Die besten Tage liegen hinter ihm. „Ein neuer Sommer stand vor der Tür und wartete nur darauf, eintreten zu können, …“ Punkt. Ich hätte den Rest des Satzes dann gestrichen: „um mit seinen Geschichten der Vergänglichkeit Widerstand zu leisten.“ Hier liegt leider das kleine Störfeuer im Roman, dass Jamal gerne manche Szenen mit Sprache zu stark auflädt. Aber darauf komme ich später. Normalerweise breche ich Bücher ab, wenn ich merke, sie funktionieren nicht. Das ist hier aber ganz und gar nicht der Fall. Der Roman fesselt.

Es sind mit kurzen Strichen, knapp skizziert, die Orte des Buches und vor allen die Figuren, die sofort lebendig werden. So der sudanesische Flüchtling Rofu, der im Hotel als Hilfskoch arbeitet und unter dramatischen Umständen übers Mittelmeer floh. Ihm fehlt ein Ohr, das hat man ihm, wie sich später zeigen wird, abgeschnitten, weil er schwul ist und das führt im Laufe der Erzählung noch zu einer weiteren Verwicklung, die hier aber nicht verraten werden soll. Da ist weiterhin eine junge Frau, die im Hotel neu zu arbeiten anfängt. Wir erleben bei ihrer Ankunft einen spektakulären Auftritt, als sie sich bei der Anreise mit dem Taxifahrer heftig streitet. Das Girl ist Anfang zwanzig, sie trägt den Namen Novelle – wohl französisch auszusprechen, denn sie gibt zunächst vor, aus dem Elsaß zu stammen –, halb Punk, halb Wave, halb Manga-Girl mit Tattoos über und über und mit einer schrecklichen Vita versehen: vom Vater mißbraucht, zumindest, wenn man der leicht irrsinnigen Erzählung dieser Frau und ihrem Gestammel Glauben schenkt. Daß sie nicht immer ganz alle beisammen hat und irgendwas Schlimmes erlebt haben muß, glaubt man da gerne. Sie hört verschiedene Stimmen, die zu ihr sprechen und sie spricht und murmelt immer mal wieder unverständliches Zeugs. Die Stimmen haben Namen. Und da ist zuguter Letzt Mimi, eine Frau Mitte vierzig, schön, Engländerin, etwas Besonderes, erotisches Flair, eigentlich elegant, wenn sie denn elegant sein dürfte und nicht im Hotel schuften müßte. Sie ist dort Mädchen für alles: Zimmer machen, einkaufen, bedienen. Dante hat sich ein wenig in sie verguckt, aber es bleibt alles rein freundschaftlich. Und alle Charaktere tragen ihr Päckchen. Alle sind sie auf der Flucht. Aber es sind, wie der Roman zeigt, ganz unterschiedliche Fluchten, manche durch ein Luxusleben bestimmt, wie bei Mimi, Kunstszene London, Mode, Luxus. Doch sie brachte dort ihren reichen Ehemann mit einem Pilzgericht um. Ihr Mann war ein Wifebeater, die Schläge wurden heftiger. Und nun versteckt sie sich hinter einer Sonnenbrille und unter einer schwarzen Perücke und flieht durch Europa. Diese vier seltsamen Gestalten freunden sich locker an, machen an ihrem freien Tag einen herrlichen Bootsausflug, wo ein wenig die Sorgen von Arbeit und dem, was sie mitschleppen, abfallen. Sehnsucht und Trauer sind Energien.

„Wir waren Ausreißer mit nichts in der Tasche als Sehnsucht. Gefangen in der Gewissheit, dass alles Bleiben sinnlos und vor sich selbst weglaufen unmöglich ist. Aber das wusste ich damals noch nicht.“

In gewissem Sinne ist dies auch eine Coming-of-Age-Geschichte – nur eben, daß sie hier einen Mitte Dreißigjährigen betrifft, der es versäumte, erwachsen zu werden, der sich durchschlägt, ein liebenswerter Taugenichts, der nicht recht weiß, wohin er gehört und was seine Aufgabe ist. Am Ende des Romans weiß Dante es. Vielleicht. Eine einerseits dramatische, andererseits befreiende Tat. Wenn denn das, was Novelle erzählte, stimmt. Was da getan wird und was da geschieht oder auch nicht geschieht, weil der Roman einen Schritt davor, abblendet, wird nicht verraten, und vorher sind viele Wege und eine lange Reise von der Ostsee, über Norddeutschland, nach über Berlin, nach Salzburg und wieder zurück nach Altötting, der Heimat von Novelle, zu bestehen.

Je nimmt die Geschichte eine Wendung, als im Hotel zwei Herren auftauchen und Mimi glaubt, daß sie enttarnt sei. Dante ertappt sie beim heimlichen Abreisen. Sie gesteht den dreien, daß sie gesucht wird und weshalb. Die vier beschließen, Mimi zu helfen und gemeinsam zu fliehen. Vorher zieht Novelle einem der Männer mit der Dachlatte gehörig einen über. Sie klauen im Hafen ein Boot, sie schippern in die Fluß- und Seenlandschaft Mecklenburg-Vorpommerns hinein. Wohin aber soll die Reise gehen? Zunächst einmal weg und es will ein Plan überlegt sein. Die vier Menschen wachsen zu einem Gespann zusammen. Sie versuchen ihr schmales Geldbudget aufzubessern und arbeiten auf einer Erdbeerfarm. Leider nur für einen Nachmittag, denn dort geschieht eine schreckliches Mißgeschick, so daß sie wieder fliehen müssen – nur diesmal ohne Novelle, die Auslöser dieser Verwicklungen ist. Sie warten und harren heimlich vor der Farm, beobachten, doch sie werden Novelle erst zum Schluß ihrer Reise finden, und auch nicht alle. Mimi wird dann nicht mehr dabei sein. Es ist also auch ein Buch über Abschiede und Freundschaften, die immer wieder auf die Probe gestellt werden. Diese Verbundenheit, diese Liebe und Freundschaft der vier zueinander vermag das Buch auf eine schöne und auch berührende Weise zu erzählen:

„Ich dachte darüber nach, für wie lange denn Freunde wirklich Freunde bleiben können. Freundschaft nährt sich an sich selbst. Ohne ein Miteinander verblasst sie wie eine grau gewordene Tapete. Vergessen mit der Fahrt der Zeit. Werden die Bilder abgehängt, erzählen nur noch die Ränder die Geschichten von Liebe, Abenteuer, dem Lachen und vielleicht von gemeinsamem Leid.“

Solchen melancholischen Blick auf die Zeit und aufs Bleiben und Gehen wirft Jamals Roman an manchen Stellen und dabei vermag er beim Lesen Atmosphäre zu erzeugen. Jamal trifft einen besonderen Ton und er hat das Talent, Spannungsbögen aufzubauen, daß der Leser mitfiebert: Was passiert als nächstes?

Wenn man Romane nach Kategorien einordnet, würde ich es unbedingt auch (aber nicht nur) als Jugendbuch lesen wollen. Wenngleich die Protagonisten, bis auf Novelle, keine jungen Menschen mehr sind. Aber diese Lebensträume von Erwachsenen sind eben am Ende auch die von jungen Menschen – und ganz ähnlich die Nöte und Sorgen. Insofern ist es gut gewählt, daß sich der Roman nicht einfach in die Rubrik Jugendbuch einordnen will – so wie ich auch Kirsten Fuchsʼ „Mädchenmeute“, wofür ich in meiner Rezension den sehr gelungenen Titel „Tschicks on speed“ fand, nicht einfach als Jugendroman nehmen würde.

Allerdings, und nun muß, es muß sein, Wasser in den Wein gegossen werden: Allein und allerdings, es hat Jamals schöne Geschichte, was die Form betrifft leider einen Haken. Ich bin an einige Stellen mit der Sprache nicht zufrieden – Sprachüberschwang zuweilen, der auch der Erzählerrolle geschuldet sein kann, aber Sätze wie „Fragezeichnen regneten auf mich herab wie ein Monsun in Juli“ im Blick auf eine Handlung von Novelle überzeugen mich nicht, auch wenn sie etwas von einem Comicstrip haben, was für den Charakter Novelles paßt und weil diese Sätze von der Szene her mit den Mangas, die an der Wand im kleinen Dienstbotenzimmer von Novelle hängen, korrespondieren. Auch Einschübe wie „die Erinnerung, dieses kleine Arschloch“ sind Sätze, die man hätte streichen müssen, weil sie zu sehr Klischee sind. Ebenso „Ein Satz, wie ein Schuss aus einer Hecke“. Sätze sollten sich in den seltensten Fällen selbst kommentieren – ausgenommen es handelt sich um einen ästhetisch hoch selbstreferentiellen Roman, der das Erzählen und die Form des Erzählens zum Thema hat. Gute Sätze sind ein Schuß aus der Hecke, Erinnerung ist jenes kleine böse Arschloch, weil sie im Erzählen bereits quält, so wie die schreckliche Flucht von Rofu. Es reicht in solchen Fällen, das, was Arschloch ist, zu erzählen. Und das bemerkt der Leser, es muß ihm nicht mehr erklärt werden: Show, donʼt tell! Was die Sprache betrifft, will der Roman zu viel. Verständlich sicherlich bei Themen wie Heimat, Ankommen und Zuhause-sein und jener wilden Reise durch Deutschland, bis nach Österreich. Doch die Fluchten und Sehnsüchte wären an manchen Stellen besser aufgehoben, wenn Jamal weniger Botschaften eingebaut hätte und stattdessen mehr erzählte, denn das kann er und darauf sollte er sich verlassen. Im Erzählen stellen sich dann von ganz allein jene Botschaften ein, die der Roman manchmal zu sehr im Modus eins-zu-eins dem Leser überbrät.

Nie kommentieren, immer machen. So wie mit dem Namen Dante. Der wird nicht groß ausgereizt und es wird dem Leser per kommentierendem Einschub keine Höllenfahrten, kein Purgatorium, keine Beatrice auf die Nase gebunden, sondern der Leser merkt, daß da einer spricht, der seine Figuren und auch sich selbst durch Hölle und Paradies führt, kleine und lange Fluchten. Und damit schrieb Jamal einen berührenden On-the-road-Roman von Heimat und Ortlosigkeit. Stark ist das Buch da, wo es beschreibt. So die entsetzliche Flucht von Rofu übers Mittelmeer. Die Tage auf dem Boot in den norddeutschen Flußläufen, das Stehlen von Fahrrädern, schön mit der Überschrift „Fahrraddiebe“, denn von Armut handelt auch dieses Buch, der Südstaatenflair dieser durchrationalisierten Erdbeerfarm mit im nordostdeutschen Ökobauernhof.

Zum Glück aber stören solche Irritationen der Sprache am Ende nicht, weil die Geschichte Drive hat und derart solche Scharten auswetzt. Und weil der Roman diese Ortlosigkeit und den Wunsch nach Ankommen von vier sehr unterschiedlichen Figuren auf berührende Weise zu erzählen vermag. Zumindest mir ging es so – auch wenn ich vermute, daß andere Rezensenten in diesen Fragen der Sprache weniger gütig sind. Man kann das literaturkritisch unterschieden nach storygebundener Prosa und solcher, wo fast nichts geschieht, aber alles Erzählte, und sei es das Wogen von Wellen, durch eine dezidiert genaue Sprache in die Form kommt: das kann der lange Nachmittag eines Schriftstellers sein oder ein einfacher Spaziergang. In Jamals Roman aber kommt es darauf an, daß jemand eine feine Story gut erzählen kann und daß da etwas passiert, was Leser berührt und fesselt. Da können wir dann an einigen Stellen gerne über die Sprache streiten und falsches Pathos mit dem Rotstift markieren – wobei gegen Pathos nicht per se etwas zu sagen ist.

Ob am Ende jene zwei Herren im Hotel tatsächlich Polizisten sind, bleibt offen. Gefahndet zumindest wird nach diesem seltsamen Gespann mit einem Schwarzen, dem ein Ohr fehlt und einem von oben bis unten tätowiertem Manga-Girl im Tanktop anscheinend nicht. Aber das ist für den Fortgang der Geschichte und für die Beziehung dieser vier Menschen zueinander und was sie aus Solidarität und Freundschaft füreinander tun werden auch ganz gleichgültig und hätte diese schöne Geschichte nur gestört.

Und manchmal kann Pathos durchaus gelungen pointieren, etwa wenn die vier extra für Novelle mitten im Sommer auf dem Boot Weihnachten feiern, um ihre Freundschaft und Liebe zu zeigen:

„Wir zündeten die Teelichter an und es lag tatsächlich eine selig machende Feierlichkeit auf diesem schönen Abend.“

Salih Jamal: Das perfekte Grau, 240 Seiten, Septime Verlag, 2021,  EUR 22,90

Ein Buchmessenachklapp: Rauschen gegen Rechts

Man könnte diese Überschrift auch derart formulieren: Wie man dem Kampf gegen rechts nicht nur einen Bärendienst erweist, sondern sich auch noch in eine Paradoxie verstrickt. Man kann nicht nicht kommunizieren, wie es Paul Watzlawick in dem zusammen mit Janet H. Beavin und Don D. Jackson geschriebenen Buch „Menschliche Kommunikation“ formulierte. Das, was man bekämpfen will, in diesem Fall rechte Verlage, macht man durch dessen Thematisierung erst groß. Wieder einmal ist ein Verlag in aller Munde, den bisher kaum jemand auf dem Schirm hatte – es sei denn er hätte die Bücher von Alain de Benoist bestellt. Dieses paradoxe Publikmachen dessen, was man eigentlich unsichtbar machen will, geschah bereits 2017 auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Antaios Verlag und dann 2018 in Leipzig. Nun auch wieder in Frankfurt durch die Absage von Jasmina Kuhnke, einer schwarzen Autorin und Aktivistin, die dort eine Lesung bzw. ein Literaturgespräch gehabt hätte. Deren neues Buch „Schwarzes Herz“ ist gerade bei Rowohlt erschienen. (Wäre Kuhnke eine Konservative, hätten diverse Medien, von Deutschlandfunk Kultur bis Kulturzeit auf 3sat, vermutlich das Adjektiv „umstrittene“ hinzugefügt. Aber die Art Kuhnkes, ihre Auftritte bei Twitter, deren Identitätspolitik sowie die linksidentitäre Gefolgschaft sind nochmal ein anderes Thema, um das es hier nur am Rande geht.)

Verlage wie Karolinger gibt es seit 1980, Antaios seit 2000, Jungeuropa seit 2016 – wobei ich Karolinger als rechtskonservativ bezeichnen würde, und es gibt bei allen Verlagen durchaus lesenswerte Bücher. Aber seit wann und wodurch kennen wir diese Verlage und wodurch sind sie prominient in der Öffentlichkeit? Aufgemerkt und aufgepaßt! Genau. Durch all die Aufregung, den Rabbatz und den Medienrummel und daß da vor den Ständen randaliert und gepöbelt wurde, so daß die Messepolizei dann in großem Aufgebot auftauchte. Das erst brachte 2017 jene Aufmerksamkeit, nach denen jene Verlage gieren. Nichts schlimmer, als nicht beachtet zu werden. Selbst eine schlechte Presse ist eine gute Presse – wie sich selbst an solchen widerwärtigen Podcastbeiträgen des rechtsextremen Verlegers von Jungeuropa, Philip Stein, zeigt. Und auch im Jahr des Herren 2017: Krawall und Boykott und ein beschädigter und beschmierter Verlagsstand eines der neurechten Verlage. 2019 wurde es wieder ruhig. (Eine der kleinen Provokationen von Kubitschek lief relativ ins Leere.)

Durch die Art der Absage von Jasmina Kuhnke, verbunden vor allem mit einem Boykottaufruf, ist nun der Verlag Jungeuropa in aller Munde. Der Verleger bedankte sich dann auch artig für die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wurde. Manchmal kann das Ignorieren besser sein. Einfach vorbeigehen, wenn man keine Lust darauf hat. Die Demokratie und der Rechtsstaat stehen nicht kurz vor ihrer Auflösung, wenn ein solcher Verlag auf einer Buchmesse sein Programm präsentiert. Und was die Leute lesen oder nicht lesen oder nicht anschauen sollen, das haben am Ende nicht Einzelpersonen zu entscheiden. Wie man mit Rechten umgehen kann, zeigt wunderbar immer noch das Buch „Mit Rechten reden“ (Nein, das ist kein Imperativ.) Dabei ist freilich, das sei klar gesagt, nicht die Absage Kuhnkes als solche das Problem, sondern die Art, wie dies kommuniziert wurde und vor allem der damit verbundene Boykottaufruf. Gerade die Buchmesse aber wäre ein Ort, über solchen Rassismus zu sprechen. Boykottforderungen hingegen machen genau das Gegenteil: man redet nun über jene Verlage, über Meinungsfreiheit und Rechtsgüterabwägunge – einmal abgesehen davon, daß solches Ausschließen an erheblichen justistischen Hürden scheitern kann. Und das zu recht.

Gewalt darf nicht kleingeredet werden, aber sie sollte doch in Relation gesetzt sein und wir sollten reale Bedrohungslagen und subjektives Bedrohungsgefühl unterscheiden können. Antisemitische und rassistische Äußerungen sind strafbar. Direkte Bedrohungen oder die Androhung eines empfindlichen Übels ebenfalls. Anders aber verhält es sich bei subjektiven Einschätzungen: Gefühlte Bedrohungen mögen für den einen unangenehm sein für den anderen sind sie unerheblich. Gefühlslagen sind aber kein Grund, einem Verlag die Teilnahme an einer Messe zu verbieten. Wer sich einem solchen Verlag und deren Standpersonal oder den Büchern dort nicht aussetzen möchte, der bleibt weg. Das ist eine persönliche Entscheidung. Aus solchem Wegbleiben sind jedoch keine Forderungen abzuleiten. Völlige Sicherheit ist leider ebenfalls eine Illusion, auch eine völlige Sicherheit des öffentlichen Raumes, sei es vor Neonazis, vor islamistischen Attentätern, vor migrantischen Jungsgruppen in Berlin, vor betrunkenen Hooligans im ÖPNV oder einfach vor Aggro-Gewalttätern gibt es leider nicht. Im Falle einer konkreten Bedrohung ist es ratsam, die Polizei zu rufen. Und wir als Gesellschaft sollten zudem überlegen, wie wir auch den öffentlichen Raum sicherer machen können. Auch für Schwarze. Patentrezepte wird es da leider nicht geben.

So schlimm es ist, wenn schwarze Frauen oder schwarze Männer bedroht werden, so ändert dies nichts an der Kritik, die ich an solchen Leuten wie Kuhnke übe, gerade auch im Hinblick auf das, was sich Identitätspolitik nennt, und darin liegt auch einer der Gründe, warum es mir sehr schwer fällt, mich mit Leuten wie Kuhnke und all denen, die da in ihrer Twitterblase schwimmen und die angebliche weiße Mehrheitsgesellschaft beschimpfen, zu solidarisieren. Wer dauernd auf die ekelige weiße Mehrheitsgesellschaft schimpft, solle in Betracht ziehen, daß diese Leute, auf die man vielleicht doch qua Zuspruch irgendwie angewiesen ist, sich abwendet. Zumindest Teile davon. Und als ich las, daß eine ganze Riege von Autoren die Messe absagte, unter anderem auch Till Raether, überkam mich am Ende irgendwie doch eine klammheimliche Freude und ich dache mir: „Zu irgendwas muß doch dieser steindämliche Verlag auch gut sein!“

Wer im Dauerton der Gesellschaft Rassismus unterstellt, wer in Dauerschleife am Schimpfen, Pöbeln, Zurechtweisen und Belehren von Stimmen ist, die anders sind, der sollte sich einmal überlegen, ob es nicht vielleicht zuweilen auch angeraten sein kann, eine andere Strategie als Polemik und Provokation zu fahren. Ansonsten denke ich, daß gerade die Buchmesse, trotz rechter Verlage, ein Ort ist, wo es relativ freundlich und oft auch homogen zugeht. Schon aus diesem Grunde ist die Absage der ansonsten auf Twitter nicht zimperlichen Kuhnke im Blick aufs Ganze gesehen und vor allem mit der absurden Boykottforderung unangemessen – auch wenn Kuhnke subjektv berechtigte Gründe gehabt haben mag. Was die Sicherheit für Kuhnke betrifft, dürfte es allerdings kaum einen sichereren Ort geben als eine Buchmesse – zumal die Messe ein umfassendes Sicherheitskonzept ausgearbeitet hat und zumal die Lesung eben nicht, wie immer wieder berichtet wurde, in der Nähe jenes rechtsextremen Verlages hätte stattfinden sollen.

Wenn Canan Bayram twittert: „Rechte Verlage auf der Buchmesse: Deutsches Traditionsbewusstsein – Trotz #Halle trotz #Hanau trotz des Mordes an Walter #Lübcke und zig Polizeiskandalen made in Hessen. Als ob die geistige Brandstiftung nichts mit dem rechten Terror zu tun hätte #nonazis“, dann erinnert mich das leider fatal an rechtskonservative und konservative Stimmen seinerzeit in den 1970er und 80er Jahren, etwa wenn es um angeblich Terrorismus verherrlichende Literatur ging und wenn man linken Schriftstellern vorwarf, Sympathien für Terroristen zu hegen. Ja, enige taten das vermutlich sogar. Auch auch das ist kein Grund, etwa Bücher von Peter Paul Zahl zu verbieten und ihn auf einer Messe nicht auszustellen. Und das zeitweise im Jahr 1975 bestehende Verbot von Bommi Baumanns Buch „Wie alles anfing“ war Unsinn – eine unveränderte Neuauflage konnte dann 1976 unbehelligt verkauft werden. Rechten Terror wird man nicht dadurch verhindern, daß die Veranstalter bestimmte Verlage von der Messe ausschließen – zumal all die Infos und Bücher heute gut und schnell übers Internet bestellbar sind. Wer sich radikalisieren will, wird dazu keine Buchmesse brauchen, so wie Islamisten sicherlich nicht durch irgendwelche in Frankfurt ausliegenden Schriften von arabisch-islamistischen Verlagsständen – die es ürigens ebenfalls auf dieser Messe gibt und die man dann ebenfallls verbieten müßte – radikalisiert werden. Insofern schließt Bayram hier unvermittelt Aspekte zusammen, die in keinem direkten und schon gar nicht in einem nachweisbaren Zusammenhang stehen.

Wenn die grüne Stadtverordnete von Frankfurt, Mirrianne Mahn, am 24.10. in einem Gespräch mit Per Leo in der Hessenschau sagt, daß die Meinung der einen Person nicht mehr Gewicht haben dürfe als die Meinung der anderen Person und daß jene Leute, die bei der Buchmesse absagten, ihre Meinung nicht äußern konnten und daß wir damit den Rechten mehr Raum gegeben hätten, so stimmt dies aus verschiedenen Gründen nicht. Kuhnke ist medial ausgesprochen präsent, so daß man kaum von Mundtotmachen sprechen kann. Im Gegenteil: die Sache, ihr Name, das Buch sind nun in aller Munde, ebenso die ganze Angelegenheit, wie auch der Verlagsname. Über Twitter äußert sie sich hinreichend oft und sie kann auch real auf eine gehörige Anzahl an solidarischen Freunden und Kollegen zählen, sie hat mithin eine breite Öffentlichkeit. Ihre Sicht zur Buchmesse und zu Rechten ist Dauerthema des politischen Feuilleton und der Medien. Vom Beschneiden ihrer Meinungsfreiheit kann man insofern kaum sprechen. Zudem war sie selbst es, die sich dieser Möglichkeit begab, auf der Messe ihre Meinung zu sagen. Dies kann man kaum der anderen Seite vorhalten – selbst dann nicht, wenn es sich um einen rechtsextremen Verlag handelt. Instruktiv, klug, sachlich und abwägend in diesem Gespräch ist Per Leo. Er weist darin auch auf den Rechtsrahmen hin und daß in einer pluralen Gesellschaft die Meinungsfreiheit – auch von Ansichten, die wir für verwerflich halten – ein hohes Gut ist. Hörenswert dazu auch seine Ausführungen im Deutschlandfunk in der „Kultur heute“-Sendung vom 20.10.2021. Leo stellt darin unter anderem die Frage, was die Buchmesse konkret sei: ist sie ein Salon, die Diskussionsformum, wo man durchaus bestimmte Kriterien erheben kann, wer rein darf und wer nicht. Oder aber ist die Buchmesse eher ein Markt, eine Infrastruktur, auf dem unterschiedliche Menschen bzw. Verlage ihre Produkte auslegen und die keine andere Grenze kennt als die des Gesetzes? Leo plädiert – zu recht – für letzteres. Was von Gerichten nicht verboten ist, darf ausliegen und dieser Markt ist an das hohe Postulat der Meinungsfreiheit gebunden, so Leo. Einerseits also gibt es jene Meinungsfreiheit, andererseits die Frage nach den Grenzen des Sagbaren und dessen, was wir als Aussagen akzeptieren müssen – so z.B. jene Sichtweise des Ethnopluralismus, daß man nichts gegen Schwarze habe, nur daß diese eben nicht nach Deutschland gehörten, zumindest nicht in dieser Vielzahl. Eine Messe, aber auch Medien können ein Ort sein, um genau solche Fragen zu debattieren und mit Argumenten abzuwägen und zu prüfen. Was eben nicht bedeutet, daß alles gleichberechtigt gültig ist und nebeneinander stehen kann. „Behaupten“ ist nicht „gelten“. Und nur weil einer etwas sagt, ist es deshalb nicht schon richtig. Aber dennoch muß es die Möglichkeite geben, sich äußern zu dürfen. Hier eben finden wir eine der Grundfragen, wie auch die Autoren von „Mit Rechten reden“ es unter anderem thematisieren. Leo weiter:

„daß die Buchmesse […] ein Spiegel der Gesellschaft ist, also alles, was in unserer Gesellschaft das Wort ergreifen darf, was es also kurz gesagt nicht mit Gerichten zu tun hat, ist da und damit ist auch dem Rest der Gesellschaft, die Frage aufgegeben, wie gehen wir damit um. Das ist letztlich die gleiche Frage: wie gehen wir mit der AfD in den Parlamenten um, wie gehen Journalisten damit um, daß sie Politiker der extremen Rechten als Parlamentarier auch interviewen müssen. Das ist letztlich ein politischer und gesellschaftlicher Kampf […], aber die Buchmesse wäre genau der Ort dafür.“

Dies sind Ausführen, die einerseit es möglich machen, ein größtmögliches Maß an Meinungsfreiheit zuzulassen, gleichzeitig aber liegt in solcher Freiheit eben auch die Chance, sich kritisch mit solchen Positionen auseinanderzusetzen – wozu eben auch gehören kann, auf die Bedrohungen im öffentlichen Raum immer wieder hinzuweisen, denen bestimmte Menschen ausgesetzt sind.

Weniger luzide und klar dagegen Mirrianne Mahn. Diese Sätze von ihr im Blick auf rechte Verlage auf einer (öffentlichen) Buchmesse muß man sich allerdings und in der Tat auf der Zunge zergehen lassen: „Ich bin der Meinung man könnte sie irgendwo ganz dahinten in eine Halle stellen, ohne Licht und ohne andere Stände, mit einem Photo, das jeden photographiert, der da hinläuft.“ Eine erstaunliche Aussage in bezug auf Meinungsfreiheit und den Grad an Toleranz, den wir als liberale Gesellschaft aufbringen sollten. Besonders was die Videoüberwachung betrifft, bei der ansonsten grüne Politiker kritisch sich zeigen. Das Getöse und das Geschrei, das ein solcher Satz bei Teilen der Linken – zu recht! – ausgelöst hätte, wenn in einem Radiogespräch Friedrich Merz oder Roland Koch über Stände vom Unrast Verlag oder von „Neues Deutschland“ gesagt hätten, wäre groß. Auch hier wieder: doppelte Standards.

Ja. der Jungeuropa Verlag ist unappetitlich. Aber auch solches müssen wir aushalten können. Durch das Verbieten bestimmter Verlage auf einer Messe wird im Leben da draußen nicht eine Pöbelei und nicht eine Gewalttat und Bedrohung weniger geschehen. (Auch wenn dies nicht das zentrale Argument ist, dieses ist immer noch das Postulat der Meinungsfreiheit und daß über deren Grenzen im Bundestag beratene Gesetze und Gerichte entscheiden.) In solchen Fragen der politischen Gewalt wäre sehr viel wichtiger, daß der Staat solche Bedrohungen konsequent verfolgt und daß Gerichte diese Taten hart ahnden. Die volle Härte des Gesetzes, wie es so schön heißt, ist eine Sprache, die diese neue Rechte gut versteht.

Weiterhin: Gerde die Messe könnte durchaus ein Ort sein, genau solche Bedrohungen und die Problematik der neuen Rechten zum Thema zu machen, zumal wenn ein solcher Verlag in direkter Nähe ist. Dazu gehört, daß man in Debatten und Konfrontationen machmal auch unangenehme politische Haltungen aushalten muß. Leider geht es jener Twitter-Bubble und bei einer bestimmten identätspolitischen Linken nur allzu oft lediglich um die richtige Haltung. Aggressiv ist man verbal, teilt aus, pöbelt. Doch abends auf der Buchmesse beim Wein wiegen wir uns im Takt einer Rede von Carolin Emcke und lauschen andächtig dem Czollek-Max, wenn er dann von der Kanzel spricht „Oh, wie wohl ist mir am Ahaaabend, mir am Abend!“ Nein, das eben ist es nicht, was ich mir unter Diskurs und Debatte vorstelle.

Das ist das Problem einer Demokratie: Sie muß in gewissem Rahmen auch ihre Feinde dulden. Und da wir bisher keinen Goebbels haben und da die Situation alles andere als 1933 ist, können wir in Bezug auf solche Verlage relativ entspannt sein.

Nein, und nochmal nein: Ich möchte nicht, daß ich als Besucher einer Messe von Leuten vorgefiltert bekomme, was ich als Besucher sehen darf, was andere Besucher sehen dürfen und was nicht. Ich will an dem Stand der DKP-Zeitung „Unsere Zeit“ genauso vorbeigehen wie an einem Stand mit antiisraelischen oder islamistischen Büchern oder an einem Stand, der deutsches Volksgut oder das widerliche Compact-Magazin ausstellt. Es mag ein Vergleich der schiefen Ebene sein und unterschiedliche Dinge müssen unterschiedlich behandelt werden, aber dennoch: Als nächstes kommen dann solche Leute aus dem evangelikalen Lager, sei es der Bibelrechten oder der Identitätslinken, die sagen, Messestände mit Auslagen wie „Mein heimliches Auge“ und andere Stände, die erotische Bücher und Bilder ausstellen, dürften da nicht zu sehen sein, weil das die guten Sitten gefährde. Solange Verlage und Stände nicht gegen Gesetze verstoßen oder deren Bücher verboten sind, soll und muß auf einer Messe jeder ausstellen, wie er mag. Das ist eine diverse und vielältige Gesellschaft und wer will, kann sich damit auseinandersetzen und wer das nicht will, kann es ignorien.

Und was jenes Narrativ des „Mit Rechten reden“ angeht: Niemand muß mit Götz Kubitschek und Martin Lichtmesz reden, und schon gar nicht mit solchen wie Philip Stein. Doch wenn man die einmalige Chance hat, einen solchen Stand zum Thema zu machen, dann dürfte es doch wohl einer auch ansonsten auf einem hohen Polemik-Level performenden Kuhnke nicht allzu schwerfallen, ein paar Worte über diese neue Rechte zu verlieren. Und wenn man Furcht hat, allein zu sein, bringt man sich Freunde mit. Auch das geht. Nehmt sie auseinander, zerlegt sie, zeigt es ihnen! Mit Worten. Macht die anderen auf eure Lage aufmerksam. (Kleiner Tip noch: Wenn man andere für sich gewinnen will, ist es unklug, sie andauernd zu beschimpfen.) Zeigt, daß diese Rechten keine harmlosen Leuten sind und macht das mit Argumenten, indem ihr die Aussagen und Texte dieser Leute vorführt und zeigt, was daran nicht stimmt. Was nicht geht: aus privaten Befindlichkeiten, weil man bestimmte Verlage nicht mag, medienwirksam ein Buchmessenverbot abzuleiten. Davon abgesehen, daß dadurch jener Verlag nun erst recht in aller Munde ist. Eben der Effekt jener paradoxen Kommunikation. Und wenn man all das nicht will, rate ich immer noch zum besten Mittel: tief einatmen, tief ausatmen, tief einatmen, tief ausatmen und dann: Weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen!

Mit Rechten reden, ist kein Imperativ, wie jenes Buch klar darlegte. Ansonsten gilt im Blick auf Debatten mit Rechten die alte Regel des Swingerclubs: Alles kann, nichts muß. Mit Worten eben. Und für alles andere ist der Rechsstaat zuständig und nicht ein Privatsubjekt, das meint, das Recht in die eigene Hand nehmen zu müssen.

„Du liegst im großen Gelausche“. Peter Szondi zum 50. Todestag

Ich habe mir Ende der 1980er und zum Beginn der 1990er Jahre die Germanistik zu einem großen Teil mit den (gedruckten) Vorlesungen von Peter Szondi erschlossen und ebenso mit seinen Aufsätzen, die in den Schriften Band I und II erschienen sind. Seine Celan-Deutung der „Engführung“ habe ich 1993 als Tutor für Erstsemester im germanistischen Seminar begleitet und bin dabei auf die hübsche Susanne gestoßen. Nun ja, die Beziehung zu Szondi war am Ende doch anhaltender, tiefer und weniger von Streit und Kummer geprägt. Szondi hielt, bis heute und um den Sinn für Texte zu schärfen, lese ich ihn immer einmal wieder – sei es seine Vorlesungen zu „Poetik und Geschichtsphilosophie“, darin Hegel, Schelling, Schlegel, die Fragen der Gattungspoetik, Hölderlin, die sogenannte Klassik und die Romantik eine Rolle spielen und daß in solchen Begriffen immer auch eine dialektische Übergängigkeit liegt. Philosophiesche Grundlegung der Germanistik und damit beste Vorbereitung aufs Fach: zu wissen, in welchem geistigen Kontext und in welchem Horizont Dichtungen wie Hölderlin, Rilke, Hofmannsthal, Celan stehen und was jene Querelle des Anciens et des Modernes noch für das ausgehende 18. Jahrhundert bedeutete: Geist der Goethezeit und die Ausfaltung der Ästhetik um 1800. Für einen Einstieg in die Literatur jener Zeit ist diese Lektüre keine schlechte Voraussetzung.

Aber nicht nur binnenästhetisch genommen, sondern ebenso gesellschaftlich-politisch: Wie wichtig Szondi in den 1960er Jahren für die Germanistik in Deutschland war, läßt sich heute vermutlich kaum noch ermessen. Es war ein philologisches Denken, das dem Muff unter den Talaren trotzte. Zu betonen ist vor allem Szondis Offenheit gegenüber den neuen Denkströmungen aus Frankreich, nämlich Jacques Derrida unter anderem, den er nach Berlin einlud. Er verband Dialektik und Hermeneutik und er rutschte, eben weil er ein kluger Dialektiker war, dennoch nie in die triviale Ideoliekritik ab. Dichtung nahm er beim Wort, wie in seiner Lektüre von Celans „Engführung“, Rilkes „Duineser Elegien“ und in vielen anderen Analysen. Und doch ließ er jene Momentaufnahmen, die aus Privatem und Biographischem bestehen und die manchmal in ein Gedicht einfließen, nicht völlig außen vor, wie in seiner Lektüre von Celans „Du liegst im großen Gelausche“ aus dem Band „Schneepart“ (1971 erschienen) (Eine Celan-Würdigung dieses Gedichts mit Bezug auf Peter Szondi findet sich hier auf AISTHESIS)

Am 18. Oktober 1971 beging Peter Szondi in Berlin Selbstmord. Er nahm sich das Leben. Obwohl dies eigentlich – und im Sinne der anderen Lesart von „nehmen“ – nicht stimmt, denn der Tod ist das Ende allen irdischen Lebens.

Geboren wurde Szondi 1929 in Budapest. Er überlebte das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Die „Jüdische Allgemeine“ schreibt über sein Leben und Überleben nach dem Dritten Reich:

„Doch er blieb zeitlebens ein Heimatloser, der von sich selbst einmal sagte, er hätte es verlernt, irgendwo zu Hause zu sein. An Gershom Scholem, der ihn nach Jerusalem holen wollte, schrieb er: ‚Dass sich das ändern könnte und sollte, weiß ich, aber dieses Wissen ist nicht stark genug, um den Widerstand in mir jetzt – und das heißt: solange ich es in Deutschland aushalte – zu brechen.‘ Szondi hielt es nicht lange aus: Im Alter von 42 Jahren ertränkte er sich 1971 im Halensee.

Mit diesem tragischen Ende war er unter den prominenten deutschsprachigen jüdischen Überlebenden nicht alleine. Paul Celan stürzte sich 1970 in die Seine, Jean Améry starb 1978 an einer Überdosis Schlaftabletten. Sie hatten zwar überlebt, konnten aber nicht weiterleben. Auch waren sie enttäuscht über die mangelnde Sensibilität der deutschen Gesellschaft. Am deutlichsten brachte dies der Historiker Joseph Wulf zum Ausdruck, bevor er am 10. Oktober 1974 aus dem Fenster seiner Berliner Wohnung sprang: ‚Ich habe hier 18 Bücher über das Dritte Reich veröffentlicht, und das alles hatte keine Wirkung. Du kannst dich bei den Deutschen totdokumentieren, es kann in Bonn die demokratischste Regierung sein – und die Massenmörder gehen frei herum, haben ihr Häuschen und züchten Blumen.'“

Doch will ich Szondi gar nicht so sehr auf jene deutsche Zeitgeschichte festnageln. Er war und ist bis heute ein bedeutender deutsch-ungarischer Literaturwissenschaftler, und er steht in der Tradition von Gelehrten und Denkern wie Georg Lukács, Walter Benjamin, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno.

„Unterschiedenes ist
gut.“ (Hölderlin)

Mit diesem Zitat leitet Szondi seine Hölderlin-Studien ein. Und unterscheiden heißt eben auch und vor allem: Kritik, krínein. Gut wäre es, wenn auch die sogenannten Literaturkritik sich wieder mehr an solchen wie Szondi orientierte. Denn das, was Szondi in seinen Schriften macht, ist Literaturkritik im besten Sinne.

Eine schöne Hinführung zu Szondi – wenngleich die beste Hinführung und der Königsweg immer noch über das Lesen der Originaltexte geht – scheint mir von Hans-Christian Riechers „Peter Szondi. Eine intellektuelle Biographie“ zu sein. Mir ist im Augenblick keine andere aktuelle biographische Monographie bekannt. Und um sich, zumindest wenn einer neu in der Germanistik bzw. in der vergleichenden Literaturwissenschaft ist, einen Überblick über das geistige Szenario, jene Denkbewegungen und das, was man den Geist der Zeiten heißt, zu verschaffen, scheinen mir solche Bücher ganz gut geeignet.

Szondi betrieb eine kritische Theorie der Literaturwissenschaften und obgleich er selten unter den Namen der Kritischen Theoretiker genannt wird, würde ich ihn doch zu jenen zählen. Adorno widmete Szondi seinen Hölderlin-Essay „Parataxis“. Ich bin kein Freund von Merksätzen, aber jene Einsicht von Szondi aus seinem Essay „Über philologische Erkenntnis“ trifft es:

„Das philologische Wissen darf […] gerade um seines Gegenstandes willen nicht zum Wissen gerinnen. Auch für die Literaturwissenschaft trifft merkwürdigerweise zu, was Ludwig Wittgenstein zur Kennzeichnung der Philosophie gegenüber den Naturwissenschaften sagte: ‚Die Philosophie‘, heißt es im Tractatus logico-philosophicus, ‚ist keine Lehre, sondern eine Tätigkeit. Ein philosophisches Werk besteht wesentlich aus Erläuterungen.‘ Davon scheinen die englischen und französischen Bezeichnungen für die Literaturwissenschaft ein Bewußtsein zu haben. Sie betonen nicht das Moment des Wissens, sondern das der kritischen Tätigkeit, des Scheidens und Entscheidens. In der Kritik wird nicht bloß über die Qualität eines Kunstwerks entschieden, sondern auch über falsch und richtig; ja, es wird nicht bloß über etwas entschieden, sondern Kritik entscheidet sich selbst, indem sie Erkenntnis ist.“

Copyright: Suhrkamp Verlag (Facebookseite)

Die Geburt des Absurden aus dem Geist der US-Moderne: Lee Friedlander in Berlin

Ich treffe meine Begleitung vor dem Café des c/o Berlin, dem alten Amerika-Haus. Sie möchte, bevor wir die Photographien von Lee Friedlander schauen, noch eine Kleinigkeit trinken, so sagte sie und so bestellen wir, da ich ihren Wünschen gerne nachkomme, je eine Cola. Da jene Begleitung und ich uns lange nicht sahen, gab es viel zu berichten. Fast verpaßten wir den eigentlichen Anlaß unseres Treffens: nämlich die Ausstellung. Es gibt solche Tage, da will man gar nicht ins Museum, weil’s so viel zu erzählen gibt. Und man muß es und will es am Ende doch – zumal einen bei komplizierten Geschichten die Bilder dazu zwingen, sich anders zu fokussieren und in der Kunst seinen Blick zu ändern. Werke fordern. Du mußt nur die Blickrichtung ändern!

Vorab schon sei gesagt, daß ich unbedingt zu dieser umfassenden und in Teilen witzigen Ausstellung rate: denn inmitten des Absurden dieser Gegenwart bietet sie einen guten Gegenpart. Zudem bekommt der Betrachter einen guten Überblick über das Werk des 1934 in Aberdeen im Nordwesten der USA geborenen Photographen. Als ich den Namen Friedlander hörte, dachte ich zunächst: Ach, auch einer dieser toten US-amerikanischen Streetphotographer. Aber nein: Friedlander lebt noch, wenngleich er eine Herz-OP hinter sich hat, wie man einem seiner Selbstportraits entnehmen kann. Ob Friedlander freilich noch Bilder macht, weiß ich nicht. Im c/o Berlin finden sich Photographien von 1956 bis 2014, die meisten Bilder sind in den USA geschossen, einige wenige stammen aus Spanien, Hongkong und Kyoto. In diesem Sinne ist das Werk von Friedlander auch ein Abriß moderner US-Geschichte aus der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg und teils auch der Pop-Moderne. Einige der wenigen Farbphotographien sind Portraits von schwarzen Jazzern: Duke Ellington, King Curtis, Miles Davis, John Coltrane – teils auch für Plattencover verwendet. Friedlander photographiert ansonsten durchgehend und konsequent in schwarz-weiß. Er ließ sich nicht zur New New American Color Photography hinreißen, wie wir sie bei Stephan Shore, William Eggleston oder Joel Sternfeld finden. Dieses Beharren auf dem Klassiker schwarz-weiß ist zumindest konsequent und gerade dort, wo wir bei der Stadtphotographie über die Farbe neue Kontraste und den Reichtum im Detail qua Farbe ausmachen können, stellt Friedlander sich immer wieder dieser Herausforderung der Graustufen.

Die Photographien hängen weitgehend chronologisch, aber es macht auch nichts, sich in der Ausstellung gegenzeitlich von hinten nach vorne zu bewegen. So oder so erschließt sich das nach Themen geordnete Œuvre ganz gut. Wir sehen Portraits, Selbstportraits, Familienbilder, Stillleben, einige wenige Aktphotographien, Landschaften und Straßen- sowie Stadtszenen vor allem. Was wir aber insbesondere bemerken: Friedlanders Photos wirken zuweilen wie Amateurbilder, wo der Photograph nicht recht sieht, worauf er sich fokussieren muß, weil da zu viele Dinge gleichzeitig im Bild sind. Es wirkt zunächst, als könne Friedlander nicht ordnen: wenn da irgendwas ins Bild ragt, was vermeintlich gar nicht dort hingehört oder wenn viel zu viele Details ineinander wirken. Da finden sich scheinbare Bildfehler, da verrutschen Perspektiven. Aber genau das ist von Friedlander gewollt. Ich komme darauf weiter unten zu sprechen.

Oft arbeitet Friedlander mit Spiegelungen in Schaufensterscheiben, so daß sich zwei Bildebenen überlagern: die Realität der Straße draußen, in der Scheibe gespiegelt, mit einem Auto und einem Motorroller, vor dem Fenster ein Junge hockend, den Blick vom Photographen abgewandt und im Schaufester eines Antiquitätengeschäfts ein paar Objekte: ein Jagdhund aus Porzellan, ein antikes Möbelstück, Geschirr und feine Gläser. Das Interieur aus einer anderen Zeit und eine seltsame, heutige Welt da draußen schieben sich ineinander. Manchem Photo von Friedlander eignet eine gewisse metaphysische Verschliertheit, eine Art Rätselwelt. Ein in das Nichts eines dunklen Raumes gestellter Sessel, auf den durch Jalousien ein Licht fällt. Dinge, kalt und fern, wie in einem Gemälde Vilhelm Hammershøis.

Friedlander hat einen Blick für solche Dinge und Menschen, für den Witz von Szenen und Situationen, die uns begegnen. Vor allem aber sieht er im scheinbar Alltäglichen das Absurde oder das Komische. Lustiges oder Seltsames, das wir mit unseren normal betrachtenden Augen nicht unbedingt immer wahrnehmen: wenn in einer tristen US-amerikanischen Suburban-Ödland-Landschaft in Schwarz-weiß aus der Rückseite eines Vorfahrt-achten-Dreiecks über der breiten Seite eine Wolkenkrone wächst und zugleich der Schatten des Dreiecks auf den Gehsteig schlägt. Oder eine dem Anschein nach banale Straßenszene: von links unten aus der Diagonale heraus ein Zaun mit Stacheldraht. Schaut man aber genauer, so zeigen sich in jener Szene plötzlich zwei unterschiedliche Geschichten: links vom Zaun ein ödes Betonhaus in Fertigbauweise, hinter dem ein Hochhaus noch hervorragt, vor dem Haus parkt ein Auto. Die Szene rechts davon ist aber ganz anders, als ob da zwei Bilder in einem wären. Deckt der Betrachter die linke Bildhälfte mit der Hand ab, so blickt er auf südliches Urlaubsflair wie auf einer Promenade, eine leere Straße zwar, aber im Hintergrund ragen Palmen, in der Ferne erheben sich Berge und das ganze könnte am Ende doch eine anmutige südliche Ferien-Landschaft irgendwo in San Diego sein. Mit solchen Brüchen und Irritationen spielt Friedlander.

Wie auch jenes auf einer Stange ragende Auto, das aus dem Auto heraus photographiert aus der Luft auf den Betrachter zustößt und damit auch auf den Photographen sich hin bewegt – das Automotiv zudem im Spiegel noch einmal aufgreifend. Wir beschauen Photos, in denen Ungewöhnliches sich zuträgt. Ähnliche Seltsamkeiten auch in den Portraits: teils blicken wir auf angeschnittene Köpfe, in einer anderen Photographie wächst aus einem Kinderkopf ein Tannenbaum heraus. Und was in einem Photo, das eine Straßenszene festhält, zunächst wie ein großer, schwarzer Entwicklungsfleck oder eine Überbelichtung im Bild wirkt, entpuppt sich als die von hinten aufgenommene Afro-Frisur eines Schwarzen: nur noch der Kopf und ein winziger Teil des Jackenkragens ragen ins Bild. Oder aber eine Frau in New York, die wir von der Rückansicht sehen und auf ihren Pelzmantel fällt der harte, schwarze Schlagschatten eines Männerkopfes. Birth of the cool, birth of a nation. Sozialgeschichte in smarten Bildern, oftmals versteckt und man muß manchmal ein wenig schauen.

Solches Suchen nach Überraschungen aber macht beim Betrachten Spaß. Verfremdungen und Verwirrungen in Photographien, die dazu einladen, daß der Betrachter die Geschichten darin entziffert oder entspinnt oder den Witz darin entdeckt und sich daran wie auch an einer komplexen Wirktlichkeit, die sich in den Photos widerspiegelt, erfreut und zugleich ins Grübeln kommt.

Wie genial und witzig solche Photos sind, illustriert sich vielleicht exemplarisch an einem ganz besonderen nicht-besonderen Bild aus der Rubrik US-Touristenphotographie: Da schaut in Urlaubsstimmung eine Frau durch ein Fernglas, schräk auf den Betrachter des Photos zu, neben ihr der Mann, mit der Fernglastasche umgehängt, wie es sich für einen braven Ehemann gehört, der der Frau das kostbare Gerät für einen Augenblick anvertraute, um es bald zurückzuverlangen, während der Mann gerade im Begriff ist, ein Photo zu machen und das, was die Frau durchs Glas sieht, in einem ewigen Bild der Kamera zu bannen. Wir Betrachter sehen etwas, das von beiden angeschaut und auf einem Film festgehalten wird, was aber wir nicht sehen können. Hinter dem Paar ein Gebäude mit einer großen, in zehn Rechtecke abgeteilten Fensterfront. Im Gebäude befinden sich eine Vielzahl von Menschen, die wir durch die Fenster sehen. Wir Zuschauer fragen uns, was um alles in der Welt das Bild zeigt, worauf es hinaus will und was das soll: „Gut“, denkt der Betrachter, „die beiden älteren Touristenherrschaften, die da schauen und photographieren. Aber was nur und warum ist das ein Einzelphoto wert?“ Bis man, in der Scheibe gespiegelt, die uns so gut bekannten und ansonsten in Übergröße gesehenen oder reproduzierten Präsidentenköpfe am Mount Rushmore in Sout Dakota entdeckt. Winzig und klein und als Reflexion bloß ein einem der Rechtecke der Scheiben.

Nicht jedes Photo von Friedlander würde ich als gelungen bezeichnen, manches kann man als Experiment nehmen oder als Versuch, Photographie-Normen zu brechen, ohne daß es immer gelingt, daraus eine eigene Bildästhetik zu schaffen. Aber der Versuch, einmal anders als Ansel Adams in den Graustufenschablonen klassisch-photographisch-schön eine Landschaft zu fixieren, muß unbedingt gelobt werden. Bei Friedlander paaren sich der Wille zur Gestaltung mit Phantasie und vor allem mit dem Blick für Ungewöhnliches und Witziges in den Alltagszenen. Manchmal reicht es bis ins Verstörende – so etwa die menschenleeren Räume, darin Sessel oder Komoden stehen.

Ästhetisch ansprechend sind auch die Baum- und Busch-Landschaften (anders als Adams nicht Weite, sondern Enge), die in ihrem Grau-in-Grau fast schon wie ein getupftes Gemälde wirken. Formen entrücken und lösen sich. Schwarz-weiß-Impressionismus, der sich in Abstraktion verliert, wenn das Grau-in-Grau von Geäst, Baumblüten und Gras in eine schwirrende Struktur übergeht, die zu zerfließen scheint. Oder wenn sich wie im surrealen Zufall im Weiher ein Fisch und ein kahles Baumgeäst ineinanderschieben und treffen: das eine gespiegelt, das andere im Fluß treibend. Lange kann man sich in all diese schönen Landschaftsphotographien versenken. Daß einige der Bilder in Japan aufgenommen wurde, mag im Assoziationsraum das Meditative womöglich noch verstärken.

Vor allem kann man in manchen der Bilder, gerade in den scheinbar unorthodox komponierten, die Photographenregeln brechenden Bildern, ganze Geschichte herauslesen. So wird ein Gesicht gerade deshalb interessant, weil der Photograph beim Portraitieren alles nur Erdenkbare falsch macht: ein Frauengesicht von einem Holzpfeiler durchschnitten, der vor dem Gesicht ins Bild steht, so daß hinter dem Pfeiler nur ein Auge noch hervorblickt. Dieses Auge aber bekommt, da der Rest des Gesichts verdeckt ist, gerade erst durch diesen Mangel die besondere Intensität. Der scheinbare Photographenfehler erweist sich als wohlmotiviert.

Dieses Suchen, das Lesen der Details und das Verblüfftwerden macht Friedlander derart spannend. Da steht auf einem Denkmalsockel ein einsames Pferd mitten in der Wüste von Arizona. Der Betrachter fragt sich, warum dieses Denkmal da steht, im Schattenriß schaut es aus wie Jolly Jumper und wir wähnen, daß gleich der rauchende Lucky Luck um die Ecke kommt, jener herrliche Cowboy, der schneller zieht als sein Schatten. Schöner kann man US-Mythen nicht erzählen und sie zugleich um ein winziges verschieben. Absurdes auch in den Landschaftsbildern, wenn da in der Weite einer US-Landstraße irgendwo im Westen auf einem Laster eine Holzhütte in den Horizont hinein fährt: manchmal sagt ein einziges Bild mehr über die Unbehaustheit und die Heimatlosigkeit als eine Abhandlung im Essay.

Friedlanders Photos stehen in der Tradition von Walker Evans und Robert Frank. Sie zeigen eine teils witzige, eine teile derrangierte und eine teils surreale US-Gesellschaft – gerade auch dann, wenn in den leeren Landschaften oder Städten keine Menschen zu sehen sind, sondern nur ein einzelnes mit Staub bedecktes Auto in einer Garage irgendwo in Florida, der vordere Teil in hartem Schatten und schon nicht mehr sichtbar, während aufs Heck grell die Sonne fällt.

Gesellschaftliches findet sich vor allem in seinen in den frühen 1960er Jahren aufgenommenen Photos von Fernsehgeräten, ebenfalls in schwarz-weiß: kalte, kahle Zimmer, darin sich ein TV befindet, irgendwo in Hotels abgelichtet oder in Wohnungen, manchmal blicken wir auf kleine, tragbare TVs. Das Massenmedium der Spätmoderne, Gesichter und Personen jedoch sehen wir nur auf dem Bildschirm. Die Räume selbst sind menschenleer. In einem schauen wir, in einem Spiegel, auf ein ungemachtes Einzelbett. In einem anderen Photo blicken wir rechts auf eine Toilette, deren Tür ist geöffnet und darin befindet sich ein Spiegel, der einen Teil des Wohnzimmers mit Sofa reflektiert; links im Bild ein Fernseher, darin drei Frauen mit Toupet-Frisuren und ein Junge in weißem Anzug und mit schwarzer Fliege zu sehen ist. Ein fast unheimliches Photo. Wir sind es, die in die Fernseher blicken. Verlassen, leer und es spiegeln diese Bilder die Kälte der Dingwelt, die von menschenleeren Räumen. Verdinglichung – jedoch mit ästhetischem Reiz aufgeladen. Das bekannteste Photo wohl jenes, wo der Motorradfahrer auf den Betrachter zuhält. Der Mythos von Freiheit, in die Enge des Raumes gebannt und neben dem Heizkörper der guten Stube. Rebel Without a Cause. Im Nachtlager eines Hotelzimmers im Irgendwo. Americana.

Zu dieser Ausstellung und zum Vertiefen gibt es ebenso einen Katalog. Mit 62,50 EUR ist der nicht ins Deutsche übersetzte Katalog freilich vom Preis nicht gerade günstig, dafür aber in einer schönen Leinen-Ausstattung gehalten und recht umfassend. Soweit ich sehe, finden sich alle in der Ausstellung gezeigten Bilder darin.

Friedlander liefert, und das macht ihn besonders, eine originelle Spielart der Straßen- wie auch der Sozialphotographie. Vor allem, daß wir Betrachter bei manchem Photo, wo wir auf den ersten Blick uns fragen: „Was soll das denn nun, diese unkomponierte Gewimmel von Linien, Details und Spiegelungen?“ beim nächsten Blick aufmerken, bis wir beim zweiten, dritten und manchmal beim ersten Sehen den Witz im Bild entdecken und weshalb das genau so sein muß, wie gezeigt.

Zu sehen ist diese feine Ausstellung noch bis zum 3. Dezember im c/o Berlin.

France Gall zum 74. Geburtstag – Die Tonspur zum Sonntag

France Gall haben in den 1960er Jahren meine Eltern bereits auf den Partys gehört und auch ich höre das bis heute gerne, und wer die kürzlich verstorbene wunderbare Françoise Cactus kennt und ihre Art, diese Form von Chanson in deutsch wieder aufzugreifen, der dürfte spätestens ab diesem Punkt davon ausgehen können, daß solche Musik nicht einfach nur ein Kleinmädchengesang ist, sondern ganz im Gegenteil eine subitle Form von Spiel mit Rollen. Und auch vom Sound, von der Melodie her ist diese Musik ganz und gar wunderbar und sehr französisch, so daß ich am liebsten im geilen Peugot 404 Cabriolet abends durch die Stadt mit ihren Lichtern fahren möchte. (Mit Dank an Sara Rukaj, wo ich den Hinweis zu France Galls Geburtstag heute auf Facebook fand.)

Anbei unten im Link jenes schöne Video „Haifischbaby“ von 1967. Von France Gall.

Big in Berlin,

Wählen zu dürfen, ist ein elementares Bürgerrecht, und wenn Menschen daran gehindert werden, wie in Berlin geschehen und in dieser Weise bisher in Deutschland mir nicht bekannt, so haben wir ein erhebliches Problem. Und an dieses Desaster schließt sich auch die Frage an, wie lange ein Bürger bereit sein muß, in einer Warteschlange zu stehen, um zu wählen. Wahlzettel sollten keine Bückware und Wahlkabinen keine Mangelware sein. Ich hoffe sehr, daß dieses eklatante Versagen hier in Berlin politisch und auch juristisch aufgeklärt wird. Daß es eine ungute Idee ist, einen Marathon zusammen mit einem Großkampftag in puncto Wahlen abzuhalten, dürfte selbst meinen 22jährigen Neffen schon bewußt sein. Hinzu kommen die nötigen Sicherheitsmaßnahmen wegen Corona, die zu beachten waren und auf die man von den Wartezeiten hätte vorbereitet sein müssen. Eine Wahl zudem, wo nicht nur ein Volksentscheid stattfindet, sondern auch ellenlange Wahlzettel ausliegen – wenn sie denn überhaupt vorhanden sind: man wußte wohl erst ein paar Minuten vor der Wahl, wieviele Wahlberechtigte es gibt – und man pro Wahlgang und Wähler mindestens eine Minute, wenn nicht drei oder vier Minuten Verweildauer in der Wahlkabine einrechnen muß.

In den 1990er Jahren gab es bewundernde Blicke dafür, wenn man in Berlin lebte, heute sind diese Blicke voll von Mitleid. Eine Bekannte aus Sachsen spricht nur vom Molloch Berlin und ist dankbar, daß sie dort wohnt, wo sie wohnt. Und ich kann sie gut verstehen. Das einzige, was mich in Berlin hält, ist die Schönheit und Größe meiner Altbauwohnung und daß ich in einem Stadtteil weit weg von Kreuzberg, Friedrichshain und Prenzlauer Berg wohne. Wenn es so weiter geht, sollten wir vielleicht die Abspaltung Steglitz-Zehlendorfs von Berlin fordern und daß man uns als Stadt dem Land Brandenburg zuschlägt.

Freilich, freilich: Berlin hat auch schöne Seiten. Ich liebe meinen Kiez und den Westen. Aber auch Mitte, die Auguststraße, die Kieze in Friedenau, den Rüdesheimer Platz mit dem Weinfest und vieles mehr. Herrlich sitzt man in den Sonnenuntergang hinein am Wannsee und schaut aus dem Schinkel-Casino bei Brot und Wein durch die Arkaden, auf der Wiese auf die im See versinkende Sonne. Und ein Sommer im Treptower Park ist herrlich oder eine Bootsfahrt auf Spree und Landwehrkanal und selbst die Kastanienallee hatte lange Zeit etwas.

Man kann, was Krisen-Berlin betrifft, auf die Lage in Sachsen und auf die Siege der AfD dort verweisen und sich fragen, was besser ist. Doch würde ich, was Sachsen betrifft, die Lage in bezug auf die AfD vergleichen mit dem Wandel in der BRD. Wer da kritisch auf Sachsen schaut, sollte sich ansehen, wie es noch vor 35 Jahren in Teilen Westdeutschlands und besonders in der ländlichen Region aussah. Man denke an die lange tiefschwarzen und CDU-regierten Bauern-Bundesländer Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Die ländliche Bevölkerung war teils tief rechtskonservativ. Das, was heute die AfD ist, wurde damals von der CDU bedient. Auch diese Strukturen und diesen langsam einsetzenden Wandel darf man bei dem guten AfD-Ergebnis, das sicherlich beklagenswert ist, nicht außer acht lassen. Von dem nun mit einiger Gewißheit wieder erfolgenden Sachsenbashing halte ich rein gar nichts. Wenn man etwas ändern will, muß man die Wähler überzeugen. Auch hier wird, wie in Niedersachsen und Schleswig-Holstein, der Wandel langsam vonstatten gehen. Auch durch die jungen Leute, die langsam ein anderes Bewußtsein entwicklen. Ich erinnere mich noch an all die Hakenkreuze im Harzvorland und auch Richtung Hessen hin Mitte der 1980er Jahre. Und daß eben Nordheim nicht Göttingen ist. Glatzen, Bomberjacken, seltsame Gestalten. Auch das waren die 1980er Jahre in der BRD. Auch Westdeutschland hatte seine Baseballschlägerjahre.

Was auch immer man von diesem Wahlerergebnis halten mag: ein solches Desaster wie gestern ist einer europäischen Großstadt in einer Demokratie unwürdig. Putins Trollfabriken haben in puncto Berlin Arbeitspause. Sie sind für Berlin auch gar nicht nötig. Ich sehe die Geheimdienster in St. Petersburg und Moskau ratlos sitzen, ich höre die Schelte des Geheimdienstchefs: „Warum ist euch Saftnasen nicht eingefallen, auf einen Wahltag einen Marathon zu legen?“ Nein, eigentlich ist all das nicht lustig, und wenn wir über den Zustand in Berlin – nicht nur in bezug auf die Wahlen, sondern auch was die ganze Verwaltung und das Durcheinander zwischen Bezirken und Senat betrifft – nachdenken, dann muß sich in dieser Stadt dringend etwas ändern.

Gustav Seibt schrieb auf Facebook: „Rom wurde nach 1870 mehrfach unter Zwangsverwaltung gestellt. Das, was heute noch funktioniert in der Stadt und ihrem öffentlichen Verkehr, geht darauf zurück.“

Wenn das stimmt, so wäre darüber nachzudenken, daß mit Rechtsmitteln das Funktionieren einer Stadt und vor allem einer Verwaltung sichergestellt wird, in der – unter anderem – Menschen zeitnah die Möglichkeit haben müssen, auf einem Bürgeramt ihren Paß zu verlängern oder eine andere Dienstleistung zu erhalten – für die zudem bezahlt werden muß.

„Jede Stimme zählt“ – Wahlen in Berlin

Wenn man diese Stimme denn abgeben könnte, ist das bestimmt richtig und wahr. Und so ist in Berlin das eingetreten, was ich erwartet habe und weshalb ich bereits um neun Uhr früh zur Wahl gegangen bin, um hier den rot-rot-grünen Senat abzuwählen: Staus vor den Wahllokalen, fehlende Stimmzettel, falsche Stimmzettel und dazu ein Marathon, der Straßen nicht passierbar macht, um so schnell es geht die für den Bezirk richtigen Stimmzettel zu liefern. Denn in Charlottenburg bringt es nichts, die Bezirksversammlung von Köpenick zu wählen. Und heute abend wird man dann wieder das Gesicht von Herrn Oberbürgermeister Müller sehen, der für solches Chaos, das man vielleicht in Moldawien oder in Bananistan erwartet, Worte finden muß, und er wird abwiegeln, abwiegelt, nochmal abwiegel und irgendwelche Worte findet.

Eine Stadt wie Berlin, die nicht einmal Basales hinbekommt wie zeitnahe Termine beim Paßamt unter zwei Monaten, will vier Wahlen an einem Tag meistern (Bundestag, Abgeordnetenhaus, Bezirk und ein Volksentscheid über die Enteignung der „Deutsche Wohnen“). Und dazu noch einen Marathon, der durch die ganze Stadt geht. Hinzu kommt ein nicht erst seit gestern bekanntes Virus, das Hygienemaßnahmen erforderlich macht. Dementsprechend sieht es dann auch vor den Wahllokalen aus. Wartezeiten von über einer Stunde, wie in irgendeiner Bananenrepublik, wo zum ersten Mal seit 40 Jahren gewählt werden darf. Aus Mitte und aus Schmargendorf wird von fehlenden Wahlzetteln berichtet. Als ob die Anzahl der Wahlberechtigten erst seit heute morgen feststünde.

Der Tagespiegel berichtet, heute 16 Uhr:

„Die Berliner Wahlen laufen deutlich chaotischer als von der Landeswalleitung erhofft. Mehrere Wahllokale mussten am Sonntag zeitweise schließen, weil sie keine Stimmzettel mehr hatten. Manche Wahllokale bekamen zudem die falschen Stimmzettel geliefert – nämlich Stimmzettel anderer Bezirke.

Der Bundeswahlleiter twitterte: „Die Landeswahlleiterin Berlin hat uns mitgeteilt, dass in Wahllokalen in Berlin Zweitstimmzettel der Wahl zum Abgeordnetenhaus fehlen. Wahllokale hatten, wie sich erst am Wahltag herausstellte, Zweitstimmzettel eines anderen Bezirks erhalten.“

Wegen vertauschter Wahlzettel war es in einigen Wahllokalen zu ungültigen Stimmabgaben und Verzögerungen gekommen. Betroffen waren Stimmzettel aus den Bezirken Friedrichshain/Kreuzberg und Charlottenburg/Wilmersdorf.

In den Wahllokalen 404, 407 und 408 in der Spartacus Grundschule in Friedrichshain lagen nach Angaben aus dem Wahllokal für die Abgeordnetenhauswahl nur Stimmzettel aus Charlottenburg/Wilmersdorf vor. Bis die richtigen Stimmzettel nachgeliefert wurden, mussten die Wahllokale zeitweise geschlossen werden. Zudem mussten einige Stimmabgaben auf falschen Stimmzetteln für ungültig erklärt werden.“

In der Berliner Zeitung heißt es:

In einem Wahllokal in Charlottenburg wurden die Leute wieder nach Hause geschickt, mit dem Hinweis, die Wahlzettel seien alle und neue könnten im Moment nicht beschafft werden, da die Straßen wegen des Marathons gesperrt seien. Auf die Ansage, die Wähler sollten nach 17 Uhr noch mal kommen, gab es wütende Reaktionen. Wie unsere Reporter berichten, handelt es sich um das Wahllokal in der Paula-Fürst-Schule.

Hackerangriffe aus den St. Petersburger Trollfabriken kann sich Putin für Berlin sparen: All das, die Zerstörung von Infrastruktur und Verwaltung erledigt hier der rot-rot-grüne Senat in Eigenregie. Völker der Welt, bitte schaut auf diese Stadt, wenn ihr mal lachen wollt.

Oder wie es auf Facebook kommentiert wurde: „Afrikanische Wahlbeobachter zeigen sich besorgt…“