Zur Aktualität Adornos und zu seinem 116. Geburtstag – nachträglich

Kürzlich erschien bei Suhrkamp jener Vortrag Adornos „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“, gehalten am 6. April 1967 in Wien, darin er sich mit den Bedingungen und dem Nährboden solcher Einstellungen auseinandersetzte. Instruktiv nicht wegen möglicher Parallelen zur Gegenwart – die Zeit schritt in diesen über fünfzig Jahren erheblich voran –, sondern vielmehr wegen der Bestimmungen, die sich zumindest in eine Analogie bringen lassen, insbesondere was die Fragen des Ökonomischen und der sozialpsychologischen Struktur von gesellschaftlichem Bewußtsein betrifft. Und ebenso, zu diesem Thema passend, erschien von Adorno vor einigen Tagen bei Suhrkamp „Bemerkungen zu ‚The Authoritarian Personality‘ – und weitere Texte“.

Ich weiß nicht, inwieweit es mit Adornos Buch „Studien zum autoritären Charakter“ identisch ist, das in der ersten Auflage 1973 erschien. Jene von den Forschern entwickelte F-Skala wurde von Soziologen-Kollegen methodisch zwar erheblich kritisiert. Dazu müßte man freilich im Detail nachsehen und das läßt sich auch nicht im Überflug behandeln. Dennoch brachte diese Studie Einsichten zu Bewußtsein, die manchen lieber verborgen geblieben wären. Die Frage nach einer autoritären Gesinnung – sie findet sich übrigens nicht minder auf der linken Seite! – bleibt bis heute virulent und in diesem Sinne auch der soziologische und gesellschaftskritische Ansatz Adornos.

Aber nicht nur der, sondern genauso dessen Philosophie insgesamt, die ja durchaus mit diesen Dingen zusammenhängt. Nichts ist bei Adorno isoliert zu betrachten. Auch seine Ästhetik nicht, die wie die Hegels, konkret in gesellschaftliche Mechanismen eingebettet und mit ihnen verschränkt ist. Auch ex negativo, wenn gelungene Kunst sich gerade als Aussparen des Gesellschaftlichen erweist. Was jedoch unmittelbar draußen scheint, taucht mittelbar vermittelt im Kunstwerk wieder auf. In diesem Sinne ist Kunst – bis heute – eine Reaktion auf die Gegenwart; gelungene Kunst ist immer zeitgenössisch, selbst da, wo sie sich der Zeitgenossenschaft verweigert. Freilich nicht, im Sinne des banalen Engagements, wie es sich teils Schlingensief und vor allem aber das „Zentrum für Politische Schönheit“ und sein Vertreter Philipp Ruch in einer eher simplen und einfältigen Form vorstellen.

Kunst und Gesellschaft korrespondieren. Auch darin bleibt Adorno aktuell, wenngleich man mit Juliane Rebentisch fragen kann, inwiefern die Adornosche Ästhetik noch Antworten auf das Phänomen der Entgrenzung der Künste bieten kann und wie sich dieser Umstand mit Adornos Begriff vom Fortschritt des ästhetischen Materials und vom Fortschritt der Materialbeherrschung decken läßt.

Im Tagesspiegel vom 08.09.2019 (online Version) erschien ein Artikel über die frappierende Aktualität Adornos, insbesondere im Hinblick auf die beiden oben genannten neu erschienenen Werke und damit also auf die gesellschaftlichen Fragen. Darin heißt es unter anderem:

„Das Gesellschaftliche wird für Adorno gerade dort interessant, wo die Ausfallserscheinungen der spätkapitalistischen Ordnung Einblick gewähren in die Maschinerie, die Menschen als gesellschaftskompatibel zurechtstanzt. Gerade die zunehmende Verrohung im Alltag, der Rechtsextremismus und der florierende Verschwörungswahn dieser Tage sind hierbei nicht voneinander unabhängige Phänomene, sondern Objekte einer Alltagsempirie, die Adorno zur Analyse gesellschaftlicher Gegensätze und Brüche empfiehlt. Sie ist heute dringlicher denn je.

Beispielsweise das Lachen sagt für Adorno viel über eine Gesellschaft aus. Das harsche, laute Prusten der Fahrgäste, wenn jemand unbeholfen in der Zugtür stecken bleibt oder das Feixen, wenn psychisch Kranke, heutzutage von Passanten gerne mit dem Handy abgefilmt, auf der Straße randalieren, sind Momente, in denen „individuelle Reaktionsweisen zugleich gesellschaftliche Aggressivität kanalisieren“, die sich an den nächst Schwächeren austobt. „Leicht verbünden die von sozialem Druck Deformierten sich mit der Gewalt, die sie zurichtete“, schreibt Adorno zum kollektiven Lachen. „Sie halten sich schadlos für den gesellschaftlichen Zwang, der ihnen selbst widerfuhr: an denen, die ihn offenbar zur Schau tragen“, notiert Adorno in seinen „Anmerkungen zum sozialen Konflikt heute“.“

Solche Beobachtungen und solche Blicke aufs Detail, auf konkrete Reaktionen, auf unmittelbare und für das normale Auge kaum noch wahrnehmbare gesellschaftliche Deformationen, lieferten wesentlich Adornos „Minima Moralia“. (Wobei eben, dies sei an eine bestimmte Linke der Hermeneutik des Verdachts gesagt, diese Beobachtungen gerade keinen Anlaß zu abtrakten und leeren Bezichtigungen und zu „Rassist!“-Rufen geben, sondern insbesondere die dialektische Differenziertheit erfordern, die es bei Adorno immer gab.) Es sind jene „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“, wie ihr Untertitel heißt. Solche Beobachtungen aus einem Leben, das zwar lebt aber doch irgendwie immer leblos wirkt, bleiben aktuell, auch wenn sich im Strukturwandel der Gesellschaft manches verschoben hat. Ein Fußballspiel kann man in ganz unterschiedlicher Perspektive betrachten, es muß nicht immer der Ausdruck von Nationalismus sein. Die vertrackte gesellschaftliche Dialektik sollte man nicht allzusehr ins Schwarz-weiß-Schema strapazieren und zugleich sollte man die Subversionen, die auch in der sogenannten Normalität oder im Approbierten wie auch im Pop und der Kulturindustrie liegen können, nicht naiv als Ein-und-alles ontologisieren. Warum Gruppen, Gemeinschaften und Gesellschaften jedoch Fremdes und Eigenes scheiden, was bis hin zu den Spielen der Nationalmannschaften reicht, und wie sich solche Differenzierungen von Einschluß und Ausschluß entwickeln, bleibt nicht nur ethnologisch interessant.

Der Blogger und tell-Autor Hartmut Finkeldey schrieb zu diesem Artikel im Tagesspiegel:

„Gutes Gegengift gegen den allzu hurtig erhobenen Vorwurf, bei Adornos Grand Hotel Abgrund handele es sich bloß um folgenloses dialektisches Gelaber, das sich im Rechthaben gefalle.“

Diese Beobachtung sieht der Hausherr im Granhotel Abgrund ganz ähnlich, man kann es nicht oft genug wiederholen, und er nennt und schreibt über diese nach wie vor anhaltende Aktualität Adornos, die anscheinend gegenwärtig gerade wiederentdeckt wird, eigentlich seit Bestehen dieses Blog immer einmal wieder und er sah diese Aktualität bereits in den 1980er Jahren, als der Bewohner des Grandhotel Abgrund mit der Philosophie begann. Gesellschaftlich wie auch von der Philosophie her konnte dies, konnte man die Aktualität Adornos schon lange wissen und oder wenn nicht dies dann doch ahnen. Wer Adorno intensiv liest und studiert – aber eigentlich reicht für diese Einsicht bereits ein einfaches Lesen –, kommt nach der Lektüre der „Dialektik der Aufklärung“, den „Minima Moralia“, der „Negativen Dialektik“ wie auch der zahlreicher Aufsätze sei es zur Kunst oder zur Gesellschaft, wie sie in den Bänden „Prismen“, „Noten zur Literatur“, „Stichworte“, „Eingriffe“, „Ohne Leitbild“ (vom Titel her, besonders auch für eine bestimmte Linke heute aktueller denn je) schnell zu der Einsicht, daß es in Adornos Philosophie um eminent praktische Dinge geht, daß seine Philosophie eine materialistische ist – selbst in Fragen der Kunst am Ende.

„Das Negierte ist negativ, bis es verging. Das trennt entscheidend von Hegel. Den dialektischen Widerspruch, Ausdruck des unauflöslich Nichtidentischen, wiederum durch Identität glätten heißt soviel wie ignorieren, was er besagt, in reines Konsequenzdenken sich zurückbegeben. Daß die Negation der Negation die Positivität sei, kann nur verfechten, wer Positivität, als Allbegrifflichkeit, schon im Ausgang präsupponiert.“ (Adorno, Negative Dialektik, S. 162)

Das mag methodisch problematisch sein – denn wer bestimmt und sagt, was negativ sei? Und auch die Sicht auf Hegel scheint mir verkürzt oder aber wegen der Sache eher elliptisch dargestellt. Philosophen sind nicht immer die besten Ausleger anderer Philosophen. Nimmt man den Wirklichkeitsbegriff Hegels, insbesondere von der „Wissenschaft der Logik“ her, dann ist die Wirklichkeit gerade nicht das, was unmittelbar empirisch so da ist, wie es ist, und was dann deshalb auch vernünftig ist, wie eine Lesart zum reduzierten Nennwert es in bezug auf jene bekannte Stelle aus der Rechtsphilosophie unternimmt. Richtig ist aber die Einsicht Adornos, daß jene Positivität eben nicht einfach antizipiert werden kann. In diesem Sinne betont Adorno vor allem das Prozeßhafte solcher gesellschaftlich-materialen Dialektik. Und es ließe sich an solchen Stellen bei Adorno zugleich von einer Art moralischer Empfänglichkeit, von einem ästhetisch-moralischen Sensorium sprechen, wie wir sie auch über Schopenhauers Mitleidsethik finden, und in diesem Sinne scheinen mir gerade in bezug auf Adorno und die „Probleme der Moralphilosophie“ auch Ernst Tugendhats „Vorlesungen über Ethik“ interessant und für diese Fragen wesentlich. Solches ästhetisch-moralische Sensorium kann man immer wieder aufs neue und welthaltig ansetzen, die „Minima Moralia“ machen es vor: Wo auf der Welt noch Menschen verhungern oder in großer Zahl bettelt oder wo sie aus ihrer Heimat fliehen müssen wegen Krieg und Hunger, da stimmt etwas nicht und diese Welt ist nicht in Ordnung. Oder wie Walter Benjamin es einmal im „Passagenwerk“ schrieb:

„Solange es noch einen Bettler gibt, solange gibt es noch Mythos.“

Eine weitere Ähnlichkeit zwischen den Beobachtungen Adornos und dem Blick von uns Zeitgenossen scheint mir, bei allen Unterschieden im Lebensstandard, dort gegeben zu sein, wo Adorno mit seinem mikrologischen Blick in den „Minima Moralia“ solche Details wie einen Türknauf oder das alltägliche Geduze in den Blick nimmt. Man sollte solche Dinge nicht eins-zu-eins analogisieren, aber methodisch kann man es übertragen und auch für heute eine solche Mikrologie entwickeln und gleichsam mit Benjamin ebenfalls eine Art von Passagenwerk schreiben, wenn man durch unsere Konsum- und Einkaufszonen schlendert.

„Das Interieur ist nicht nur das Universum sondern auch das Etui des Privatmanns. Wohnen heißt Spuren hinterlassen. Im Interieur werden sie betont. Man ersinnt Überzüge und Schoner, Futterals und Etuis in Fülle, in denen die Spuren der alltäglichsten Gebrauchsgegenstände sich abdrücken. Auch die Spuren des Wohnenden drücken sich im Interieur ab. Es entsteht die Detektivgeschichte, die diesen Spuren nachgeht.“
(Walter Benjamin, Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts, in: Passagen-Werk, Erster Band)
Diese Beobachtung Benjamins gilt bis heute, Adorno potenzierte sie und machte sie zu einem der Momente seiner Philosophie.
Die Aktualität Adornos übrigens in gesellschaftskritischer Hinsicht bedeutet nicht, alles eins-zu-eins von Adorno zu übernehmen und schon gar nicht, einen Autor einfach nur nachzubeten und zu denken, daß es damit dann irgendwie getan sei. Vorbilder im Denken und Schauen geben Anlaß zu weiterer Reflexion und auch um neue Weisen und neue Formen der Kritik zu entwickeln. Dem Wirklichkeitssinn Kritischer Theorie korrespondiert der Möglichkeitssinn von Dialektik.

 

 

Gender Trouble für die Theaterbubble – Katie Mitchells „Orlando“

Eine Bühne, die wie ein Requisitenlager oder ein Filmset ausschaut. Der Raum verbirgt nicht, daß zum Theater Schminke, Kleider und Perücken gehören. Links am Rand ist im Dunkeln der Tisch für all diese Dinge zu sehen, es werkelt und packelt und wuselt da das Bühnenpersonal. Mikrophon-Träger und Filmleute huschen über die Bühne, fahren auf Schienen Kameras, laufen mit Handkameras umher, von Szene zu Szene, die Schauspieler abfilmend, so daß oberhalb des Live-Geschehens auf einer Leinwand die Spiel-Szenen von der Bühne dupliziert und per Video eingespielt werden. Es zeigt sich gleichsam eine fünfte Wand: die zur Inszenierung nämlich: daß Theater zugleich eine Illusion ist, und will ein Regisseur diese Illusion erzeugen, so sind dazu zahlreiche Gegenstände und Helfer nötig: eben auch jene Requisiten, Maskenbildner, Bühnenarbeiter. Katie Mitchells Aufführung verbirgt diese Dingen nicht. Vom Bühnenbau bis zum Umkleiden. Auch die Techniker und die Gewerke sind Teil der Aufführung, schwarz gewandet, mit dem Hintergrund verschmelzend und doch unabdingbares Personal. Hier ganz sichtbar.

Für das Spiel mit den Geschlechterrollen, wie es Virgina Woolf in ihrem 1928 als Biographie tituliertem Roman „Orlando“ konzipiert, ist es keine schlechte Idee, den inszenatorischen Charakter solcher Theater-Szenen hervorzuheben. Wenn schon Geschlecht auch auf Konventionen und nicht nur auf der Biologie beruht, so auch unsere Gesellschaftsinszenierungen, wozu eben genauso das Medium Theater gehört – kleiner ironischer Seitenhieb. Der Text wird aus dem Off von einer Sprecherin (Cathlen Gawlich) gelesen, die neben der Leinwand in einer Art Studiokasten hinter einer Scheibe sitzt und ins Mikrophon spricht. Gawlich liest ihn in hohem Tempo, so daß der Gang durch die Jahrhunderte wie auf Schnelldurchlauf gesprochen oder im Zeitraffer wirkt. Die Prosa kommentiert die Bilder und Szenen, gelegentliches Beiseitesprechen schafft eine Komplizenschaft mit den Zuschauern. Das erzeugt im Publikum manchmal eine gewisse und auch beabsichtigte Komik.

Teils kostümprächtig sehen wir auf der Bühne eine Zeitreise vom elisabethanischen Zeitalter des 16. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert. Die Zeit vergeht im Fluge. Brüste der Königin Elisabeth, Männer, die Frauen sind, oder auch Männer, die Männer sind, umwerben Damen. Und Damen, die Männer oder auch Frauen sind, umwerben Männer, die Damen sind. Ein weiter Reifrock, der in seiner Breite nicht durch die Tür paßt, viel des Sinnlichen ist, Erotik, Dichtung und die Frage nach dem, was Mann und was Frau ist und ausmacht. Wandel der Konventionen und sogar das Klima wandelt sich, von der Kältezeit im Elisabethanischen Zeitalter hin zum Warmen. Auf dieser Reise begleiten wir den jungen Adligen Orlando (Jenny König), der all das erlebt. Ein Dichter, ein Sensibler, der seine Empfindungen und seine Sexualität auslebt, erst Mann, dann Frau. Klassenmäßig kann er sie es sich leisten. Erlaubt ist, was gefällt. Er verfällt einer russischen Fürstin, die ihn bezirzt. Sie versetzt aber Orlando, dieser versinkt in Schwermut. Vorabgefilmte Szenen dienen auf der Leinwand als Einspieler, ein Ritt auf dem Pferd, Schneelandschaft und ein Mohnfeld auf der Leinwand wechseln mit Bühnenszenen. Manchmal ist es witzig zu sehen, wie von der Technik her die Anschlüsse von der Out-Door-Realität zur In-Door-Szenerie des Theaters gut gelingen.

Orlando betäubt sich in Dichtung, in süßlicher Symbolik, Woolf-Text wie Gustave Moreau-Gemälde. Die Theaterbilder versuchen durch Überdramatisierung und Schnelligkeit immer einmal wieder den Woolf-Text ironisch zu brechen. Am türkischen Hof, wohin sich Orlando als Gesandter flüchtet, um sich schließlich einer aufdringlichen Verehrerin zu entziehen, gerät er in eine Revolution. Er fällt in eine Ohnmacht, wacht als Frau auf und muß als Frau fortan leben: in Frauenkleidern und mit den Zwängen von Frausein. „Man ist nicht als Frau geboren, man wird es.“ Dieser emblematischen Satz aus Simon de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“ ist sicherlich Folie auch für diese Inszenierung.

Das alles, das Spiel mit Geschlechterrollen wie auch mit der Theaterpraxis, den Bühnenraum als Bühnenraum sichtbar zu machen, wären eine interessante Idee gewesen, leider wurde der gute Ansatz zugunsten einer Aufführung mit vielen Klischees preisgegeben. Das Thema „Geschlecht“ zerspielt diese Inszenierung im Banal-Humor und die mal ironische, mal witzig-derbe Gender-fluidity wirkte oft nicht lustig und spielerisch, sondern oberlehrerhaft und bemüht. Flaue Witzchen, Männer, die als Tunten oder Frauen über die Bühne stöckeln, hach und huch kreischt die Lady Harriet (Konrad Singer), wild werden Partys gegeben, Adelstanz zu Technostampf. Da zuckt die Adelsmeute zu wilden Rhythmen.

Die Rückfahrt vom Osmanischen Reich nach Merry Old England geschieht nicht per Schiff, sondern im engen Flieger in der Touristenklasse. Irgendein männlicher Fluggast neben Orlando schwafelt wie Männer schwafeln und kreischt in Perücke. Ein Orlando immerhin, der gekonnt die Geschlechtsidentität wechselt, wenngleich mich die Spielkunst von Jenny König nicht recht überzeugte, zu outriert, zu gestelzt, zu gestanzt das Sprechen, zu oft reißt sie erstaunt über das alles, was ihr da widerfährt, die Augen auf. Es wirkt stellenweise laienhaft, als spielte eine Jugendliche Theater. Ob das Absicht ist, weiß ich nicht, aber mir scheint dieser Ton samt Mimik nicht geglückt und auch nicht amüsant und auch mit der leicht ironischen Tonlage werde ich nicht warm. Der Sprechtext der Figur findet gegenüber dem sprachlichen Original des Woolf-Textes nicht die nötige Souveränität. Mir gefiel’s nicht, wie König diese Rolle verkörperte. Ebensowenig der Humor dieses Stückes, er hatte etwas Verdruckstes. Bemüht, bestellt, nicht abgeholt. Wir sind so frei, hahaha. Witze an Klischees werden irgendwann selber zu Klischees. Irgendwie, so dachte ich mir, paßte dazu auch Carolin Emcke im Premierenpublikum und mein Grollen verstärkte sich.

Die in sich manchmal durchaus sinnigen, sinnlichen und zuweilen auch gelungenen einzelnen Szenen und Bild-Sentenzen wirken durch den Schnelldurchlauf in ihrem Zusammenhang jedoch inkonsistent. Es könnte alles genausogut auch anders sein, die Bilder in ihrer Abfolge sind beliebig, ästhetische Stimmigkeit geht anders. Mich überzeugt diese Anordnung von Bildern nicht. Selbst der Brexit darf im Stück nicht fehlen, als Filmeinspielsel eingeblendet auf die schöne Leinwand sehen wir Pro-Europa-Demonstranten, und in einer anderen Szene dann Eisberge, die im Meer treiben. Sie werden wohl bald schmelzen. Ob traurige Eisbären durchs Bild trotten, ob gleich Greta Thunberg auftaucht oder Orlando ein Schild ins Publikum hält: „Skolstrejk för klimatet“?

Vielleicht ist dies ein generelles Problem bei der Inszenierung von Romanen auf Theaterbühnen, so wie das in den letzten Jahren zur Mode wurde, von Melle über Zeh bis Strunk: eine narrative Erzählordnung in eine bildliche Narration samt Dialogen überführen zu müssen. Erzählerstimmen aus dem Off, die den Originaltext nachsprechen, sind da nur ein Notbehelf. Konsequent immerhin von Mitchell durchgehalten und damit eines der konsistenten Theatermittel ist die Idee, den Romantext (in Übersetzung von Alice Birch) über die knapp zwei Stunden mit den Theaterbildern zu konfrontieren. Wobei mir an einigen Stellen die Übersetzung problematisch schien. Auch da müßte man mit dem Original gegenlesen, ob mancher Over-Schwulst so da steht.

Da auf der Bühne die Spiel-Szenen oft schwierig zu erkennen sind, schaut der Theaterbesucher meist auf die Leinwand. Grob gesagt: Man hätte diese Sache ebensogut verfilmen können. Dabei verloren gegangen wäre allenfalls das Spiel zwischen Theater-Illusion und der Entlarvung der Illusion als Illusion. Nichts Festes ist. Aber vielleicht hätte es für diesen Trick dann beim Film gereicht, ein Mikro oder einen Kameraständer ins Filmbild ragen zu lassen, wie das schon John Waters in „Hairspray“ tat. Auf der Bühne zumindest entfalten die Szenenbilder nicht ihre Kraft, und die Filmeinspieler retten nicht die Theaterszenen.

Die Figur des Kritikers Nicholas Greene wurde freilich gut und auch inspirierend gespielt von Carolin Haupt – eine der wenigen tatsächlich lustigen Szenen, weil sich die Inszenierung an dieser Stelle der Spielfreunde und dem Witz von Texten überließ und das Lehrhafte in jenem Spiel unterging. Wenn dann in der Inszenierung dieser Greene den Orlando um seinen Erfolg als Dichter betrügt, indem er die Poesie als eigene ausgibt – anders als im Roman, dort sorgt er für jenen Erfolg – so mag das als Regieeinfall ein Seitenhieb auf die Kritikerkaste und die der Literaten sein, zeigt aber zugleich ein Problem: Die Inszenierung trägt zu dick auf, sie wedelt mit dem Zeigefinger. Männer, die tumb und trottelig wirken. Komödien sind eben doch schwieriger zu gestalten als Tragödien. Gerade beim Witz muß das Timing stimmen. In Mitchells „Orlando“ funktionierte er nicht. Berechenbarer Humor. Daß auch Derbes subtil sein und somit ein Spiel zwischen verschiedenen Polen entfalten kann, kommt der Inszenierung nicht in den Sinn.

Immerhin gibt es einen guten Aspekt an dieser Aufführung zu nennen: Sie dauert gerade mal 1 ¾ Stunden. Spielfilmlänge. Dann ist es vorüber und ausgestanden.

Es war erwartbar, erwartbares Theater war es. Wenn ich Lustiges oder Tiefsinniges zu den Geschlechterrollen sehen will, schaue ich mir am liebsten immer noch Édouard Molinaros herrlichen Film „La cage aux folles“ oder Wilders „Some Like it Hot“ an. Den Gang in die Schaubühne kann man auch lassen.

Weißensee (Ost-Orte) – sowie die Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg

Ost-Orte, so denke ich mir, nenne ich diese Serie von Photographien – vielleicht auch, um verstärkt solche Regionen in Ostdeutschland einmal wieder zu bereisen und zu photographieren. Hier also der  Bezirk Weißensee, Berlin Nord Nord Ost. Kurz hinter der Kunsthochschule Weißensee liegen die Kleingartenanlagen, man biegt in die Straße „Am Steinberg“ und kommt, wenn man die Hochschule verläßt, in eine andere Welt, und da ist man dann in einer Mischung aus Wohngebiet mit 20er-Jahre-Häusern, parkenden LKWs, Strommasten, Kleingartengrün. Seltsamer und interessanter Ort für die Kunst – ob diese seltsame Verbindung von Wohnen, Gärtnern und Kunst wohl auch in die Kunstproduktion der jungen Menschen eingeht und darauf reflektiert wird? Was sich heute in Kreuzberg oder auf dem Tempelhofer Feld so modisch Urban Gardening nennt, ist uralt. Es heißt Schrebergarten. Diese Kombination aus Kunst und Schrebergarten, aus Exzeptionellem und Gewöhnlichem, aus Alltag und Ausbruch finde ich spannend. Beides, Kleingärtnern und Kunst, machen etwas, das abseits der gesellschaftlichen Arbeitsrationalität liegt – zumindest sofern sie es mit Emphase tun. Es sind Formen der Ausflucht, manchmal auch Eskapismus, und eine Suche nach anderem. Wir stehen in solchem Tun aus der gewöhnlichen Zeit heraus, wir erfahren  eine andere Form der Arbeit, des Tuns. Vita activa als vita contemplativa. Davon also zeugen auch diese unten gezeigten Photographien. Selbst das Photographieren und das Suchen nach Motiven in Kleingartenanlagen ist in gewissem Sinne wie Gärtnern.

***

Gestern die Wahlen in Sachsen und Brandenburg. Interessant, daß all das sogenannte „Engagement“, indem man pauschal Wähler als Nazis, Nazi-Versteher oder als Rassisten bezeichnet hat (wie das leider vielerorts in Debatten getan wurde), und ebenso die unteilbar-Demos und Rock-gegen-Rechts-Konzerte, zu nichts, zu rein gar nichts geführt haben. Im Gegenteil. Mit böser Zunge könnte man sagen, es dient das als eine Selbstvergewisserung der eigenen Haltung. Ist auch wichtig, reicht aber nicht aus. Allenfalls kann man sich noch freuen, daß die AfD nicht die stärkste Kraft wurde.

Und dazu gesellen sich Berufstwitterer, die ihre gute Gesinnung bzw. ihre eigene Gefühligkeit und damit ihre abstrakte Subjektivität samt dem vorgeblichen Antifaschismus als Mantra und als Selbstvergewisserung des politisch (vermeintlich) richtigen Denkens vor sich hin und vor anderen her twittern, doch scheinen sie wohl ebenso wenig etwas bewirkt zu haben. Haltung mag wichtig sein, Engagement ebenso. Dort aber, wo es zur Selbstgefälligkeit gerinnt, versagt auch das und bleibt im wohlgefälligen Selbstbezug kleben. Die Waffe der Kritik ersetzt eben nicht die Kritik der Waffen. Wer das Wahlverhalten ändern will, muß die Leute erreichen und überzeugen – die bisherigen Methoden dieses Antifa-Sprechs bestimmter Leute – häufig leider im journalistischen Milieu anzutreffen – schienen nicht besonders zielführend. Wir leben in Blöcken und Blasen. Vielleicht sollten die politischen Akteure sich also besser andere Wege überlegen. Und nein: es sind nicht alle Leute Nazis, die gegen die Migrationspolitik von 2015 sind. Der Twitterer Dr Atomreisfleisch schrieb:

„Die #AfD konnte deshalb groß werden, weil es in der Flüchtlingsfrage eine Repräsentationslücke gab. Jetzt ist sie da. Und sie wird bleiben. Weil solche Parteien ein europäisches Phänomen sind.“

Wenn für einen Mann wie Hans-Georg Maaßen in der CDU kaum noch Platz ist, bekommt das politische Spektrum innerhalb einer Volkspartei ein Problem. Daß gute Leute wie Heinz Buschkowsky (ehemals SPD-Bezirksbürgermeister von Neukölln) nicht mehr tätig sind, ist ebenfalls ein Problem. Wenn eine Volkspartei wie die CDU und ehemals die SPD nicht mehr die konservativen oder auch rechten Wähler oder solche, die der gegenwärtigen Migrationspolitik skeptisch gegenüberstehen, über längere Zeit binden können, dann ist eine Partei wie die AfD die Folge. Damit muß man leben, damit muß der politische Diskurs umgehen, sofern andere und etablierte Parteien nicht die Kohäsionskräfte entwickeln, und wenn eine Partei wie Die Linke sich „No-border-no-nation“-Parolen auf die Fahnen schreibt, so kann sie das machen. Sie muß dann in Brandenburg und Sachsen nur mit den Konsequenzen leben. Und so zeigt sich auch hier im nachhinein, wie sehr Sahra Wagenknechts Weg der sinnvollere gewesen wäre: eine linke und soziale Politik zu gestalten, ohne migrationsfeindliche Parolen zu fahren, wie die AfD. Man wollte Wagenknecht bei der Linken nicht mehr, stattdessen ein Kipping-Kurs, und da kippte das dann beim Wahlergebnis der Linken im Osten eben.

Die AfD ist da, in allen Landesparlamenten, im Deutschen Bundestag. Dieser Erkenntnis muß man sich stellen und das eben heißt, daß wir politisch und in den Parlamenten in Zukunft deutlich kontroversere Debatten führen werden. Vielleicht, wie es früher einmal war, ich erinnere mich noch an die Zeiten in der alten BRD in den 1980er Jahren, als es eine Dregger-CDU gab und den rechten „Bayernkurier“, eine schwer konservative „Welt“ und als der Bayerische Rundfunk ein hochkonservativer Sender war und in Bayern Strauß Ministerpräsident. Wir müssen lernen, eine neue Streitkultur zu etablieren, und die funktioniert nicht über Parolenproduktion und Antifa-Bekenntnisse wie seinerzeit von Margarete Stokowski bei SpOn, wenn in einem Artikel implizit zu politischer Gewalt aufgerufen wird, indem man genehmigte Demonstrationen blockiert und auf diese Weise zu verhindern versucht. Man sollte sich, vor allem im Sinne der politischen Rationalität und auch im Sinne eines nicht bloß taktischen Agierens, sondern strategisch auf lange Sicht der Erkenntnis stellen, daß die AfD Bestandteil der Bundesrepublik Deutschland sein wird und bereits ist. „Nazi, Nazi!“-Rufe sind da nur der Ausdruck hilfloser Empörung. All das Klagen darüber und das Schimpfen auf diese Wähler hat die AfD nicht schwächer gemacht – ganz im Gegenteil. Es verstärkte die Lagerbildung. Das Aubrechen solcher Mentalitäten des politischen Lagers – auf beiden Seiten übrigens – und damit die Erweiterung des politischen Diskurses als Debatte ist wohl eine der schwierigsten Aufgaben für die Gegenwart. Strukturwandel der Öffentlichkeit. (Ich werde demnächst mehr Hannah Arendt lesen.  Ergänzt um Adorno kann das ein spannendes Denken ums Politische ergeben – auch wenn sich beide politisch wie philosophisch nicht besonders gut gesonnen waren. Aber solche Konflikte, eben gegen das Lagerdenken – sollten einen nicht abhalten, bestimmte Ideen und Theorien miteinander in Bezug zu setzen.)

Ein anderes Gedankenspiel von mir geht so, und doch bin ich damit nicht ganz glücklich, weil am Ende niemand die Folgen absehen kann. Aber: Vielleicht wäre in diesem Sinne, als Herausforderung, in Sachsen sogar eine bürgerlich-rechte Koalition aus CDU und AfD nicht schlecht. Dann nämlich müßte die AfD in die politische Arbeit und damit in Leistung treten und der Wähler sieht, was ihm da beschert wird. Bei der nächsten Wahl kann er dann entscheiden, ob er diese Ergebnisse so will oder nicht. Auch für die SPD und den hochgeschätzten Martin Dullig wäre das womöglich auf lange Sicht eine Chance. Daß die SPD zeigt, daß sie mehr kann als nur Opposition oder Kleinwinzig-Partner in einer Koalition. Freilich kann das auch ein Spiel mit dem Feuer sein. Andererseits sind auch der AfD aufgrund von Gewaltenteilung und einer starken kritischen Öffentlichkeit gewisse Grenzen gesetzt.

***

 

 

 

Die Tonspur zum Sonntag

Meine Wahl für Sachsen, am 1.9.2019, wenn ich dort wählen dürfte: AISTHESIS positioniert sich selten, aber: Geht wählen, geht SPD wählen, wählt Martin Dulig! Eine große Koalition ist nie bis selten dolle. Hier aber ist sie wichtig, nötig, dringlich.

Der unauslöschliche Eindruck eines Bildes – dem Herrn Geheimrat Goethe zum 270. Geburtstag

Ach ja, die Geburtstage – die runden, die eckigen, die verwunschenen, die heiteren, die traurigen, die trüben. Und die eines Genius. Goethe darf man nicht übergehen. Keinesfalls. Wer etwas lesen möchte zum kruden Faktum Geburt, hinter das keiner, der je einmal geboren wurde, wieder zurück kann – wir müssen die Erde umrunden und eine Reise um die Welt tun, denn das Paradies ist verriegelt und so müssen wir reisend und lebend irgendwie sehen, „ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist“ – samt einer damit verbundenen mehr oder weniger glücklichen Fügung der Stunde, also einer Art literarischem Kairos, wer dazu also lesen mag, der beginne mit „Dichtung und Wahrheit“:

„Am 28sten August 1749, Mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich: die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig, Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig; nur der Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins um so mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese Stunde vorübergegangen.

Diese guten Aspekten, welche mir die Astrologen in der Folgezeit sehr hoch anzurechnen wußten, mögen wohl Ursache an meiner Erhaltung gewesen sein: denn durch Ungeschicklichkeit der Hebamme kam ich für tot auf die Welt, und nur durch vielfache Bemühungen brachte man es dahin, daß ich das Licht erblickte. Dieser Umstand, welcher die Meinigen in große Not versetzt hatte, gereichte jedoch meinen Mitbürgern zum Vorteil, indem mein Großvater, der Schultheiß Johann Wolfgang Textor, daher Anlaß nahm, daß ein Geburtshelfer angestellt und der Hebammen-Unterricht eingeführt oder erneuert wurde; welches denn manchem der Nachgebornen mag zu gute gekommen sein.“ (Goethe, Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit)

Nicht nur jene Spiel von Sternen als geglückte Konstellation der Himmelskörper – oder eben eine Großwetterlage im Jahre 1913, wie Musil im „Mann ohne Eigenschaften“ auftaktete, worin ein Vorausblick auf ein krachendes, in sich zusammenfallendes Jahrhundert getan wird –, sondern zugleich eine Biographie-Prosa, die flott erzählt und voranschreitet: allein der Titel dieses Buches bleibt nach wie vor unabgegolten: denn so geht es fast jedem Dichterleben – ob Jörg Fauser oder Christa Wolf, ob Max Frisch oder Maxim Biller. Wie da bei Goethe ein Künstler-Individuum und zugleich ein Bürger mit dem großen Ganzen in einem Einklang schwingt, einerseits, und sich zugleich doch ein Moment des Brüchigen und Fragilen einschleicht, zeigt bereits dieser Anfang.

Daß für Goethe das Maß und nicht die euphorische Verausgabung eines Dionysos wesentlich schien, mag man bereits aus solchen Zeilen herauslesen. In dieser Autobiographie thematisiert Goethe ebenfalls jenes Puppentheater, das er zum Geschenk bekam und Thomas Mann war rund 130 Jahre später hochbeglückt über diese Analogie: die Nähe zum großen Meister: daß auch er ein solches Puppenspiel zum Geschenk erhielt. Die Geburt des Autors aus dem Geist des Handpuppenspiels. Solches Spielen setzt Phantasie voraus. Der künftige, noch kindliche Autor fabuliert vor seinem kleinen Familienpublikum, denkt sich kleine Geschichten aus, die er den anderen vorspielt.

Was nun die Frage nach dem heutigen Nutzen von Autoren wie Goethe anbelangt, das ewige Für und Wider des gravitätischen Klassikers – aber was interessiert es die Eiche, wenn sich deutsche Terrier daran wetzen? – und ob solchen Klassikern nicht etwas gar Altbackenes anhaftet, so sei daran erinnert, daß Literatur keine Autoritätssimulation ist und auch keine Caféteria, wo man sich das herauspickt, was einem gerade intuitiv gefällt, und daß Vergangenes niemals vergangen ist – schon gar nicht im Feld der Kunst. Und es sei daran erinnert, daß das Gravitätische eben auch dadurch entsteht, weil wir einen Autor als unhintergehbare Autorität betrachten, anstatt ihn als Anregung zu begreifen, als Anlaß für eigene Phantasien wie auch als Anlaß für Analyse von Gegenwart. Im Faust II ist Goethe gegenwärtiger als manchem lieb sein mag, in seiner „Dialektik der Aufklärung“ zeitgemäßer als mancher gegenwärtige Berlin-Autor, der das immergleiche Klischee doch nur beliebig in der Reproduktionsschleife hält. Man betrachte sich, was die Möglichkeiten, „Klassiker“ zu aktualisieren betrifft, nur die geniale Faust-Interpretation von Frank Castorf, (Kritik dazu siehe Link), 2017 an der Volksbühne.  Es liegt also viel an uns und es ist all dies nicht die „Schuld“ eines Goethe oder Schiller, wenn es altbacken und vergangen klingt. Buc, Kopf, Leser. Auch über Migration und Revolution weiß Goethe zu berichten. Man lese die „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“.

Wer etwas über die Bildung des Individuums und über die Tücken solcher Bildung wissen will, der kommt um den Wilhelm Meister nicht herum – nicht bloß als zentrale Referenz, um andere Bildungsromane wie Flauberts sarkastisch-böse „L’Éducation sentimentale“, Stifters „Nachsommer“, Kellers „Grüner Heinrich“ oder Thomas Manns „Zauberberg“ angemessen zu lesen. Den Frühromantiker Friedrich Schlegel faßte es in Athenäum-Fragment Nummer 216 derart zusammen:

„Die Französische Revolution, Fichtes Wissenschaftslehre, und Goethes Meister sind die größten Tendenzen des Zeitalters. Wer an dieser Zusammenstellung Anstoß nimmt, wem keine Revolution wichtig scheinen kann, die nicht laut und materiell ist, der hat sich noch nicht auf den hohen weiten Standpunkt der Geschichte der Menschheit erhoben. Selbst in unsern dürftigen Kulturgeschichten, die meistens einer mit fortlaufendem Kommentar begleiteten Variantensammlung, wozu der klassische Text verloren ging, gleichen, spielt manches kleine Buch, von dem die lärmende Menge zu seiner Zeit nicht viel Notiz nahm, eine größere Rolle, als alles, was diese trieb.“

Goethes „Wilhelm Meister“ wurde für die Jenaer Frühromantiker zum Fixpunkt. An ihm entzündete sich die Frage nach einer neuen Form von Literaturkritik. Ernst Behler beschreibt das in seinem Buch über die Frühromantik wie folgt:

„Dabei bezogen sich die Frühromantiker in erster Hinsicht auf Goethes Romankunst, vor allem auf seinen Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre. Der Grund für die hohe Anerkennung der poetischen Qualität des Wilhelm Meister lag in Goethes ausgebildeter Erzähltechnik, mit der er durch Spiegelungen, Korrespondenzen, Kontrastierungen, Antizipationen, Symbolisierungen, Steigerungen, Retardationen und Ironie dem Werk eine poetische Einheit verlieh, die von der prosaischen Erzählweise der Romane aus dem achtzehnten Jahrhundert wie durch eine Kluft getrennt war.“ (Behler, Frühromantik)

Und nicht nur das. Mit dem Mitteln der Literatur selbst, also als Kunst, sollte es eine neue Form von Literaturkritik geben, gleichsam als Autoreflexivität. Durchs Erzählen selbst wurde in einer potenzierten Weise ein anderes Werk in die literarische Kritik genommen. In zahlreichen Notizen und Fragmenten arbeitete sich etwa der frühromantische Dichter Novalis an jenem Wilhelm Meister ab, reflektierte auf eine andere Form von Literatur, war von Goethe inspiriert und zugleich schreckte ihn etwas an dieser Prosa. Die anfängliche Faszination kippte:

„Wilhelm Meisters Lehrjahre sind gewissermaaßen durchaus prosaïsch – und modern. Das Romantische geht darin zugrunde – auch die Naturpoësie, das Wunderbare. – Er handelt blos von gewöhnlichen menschlichen Dingen – die Natur und der Mystizism sind ganz vergessen. Es ist eine poëtisierte bürgerliche und häusliche Geschichte. Das Wunderbare darinn wird ausdrücklich als Poesie und Schwärmerey behandelt. Künstlerischer Atheismus ist der Geist des Buchs.

Sehr viel Ökonomie; mit prosaischem, wohlfeilem Stoff ein poetischer Effekt erreicht.
Meistern geht es wie den Goldmachern – Sie suchen viel und finden zufällig indirekt mehr.“ (Novalis, Fragmente und Studien)

„Gegen Wilhelm Meisters Lehrjahre. Es ist im Grunde ein fatales und albernes Buch – so pretentiös und pretiös – undichterisch im höchsten Grade, was den Geist betrifft – so poëtisch auch die Darstellung ist. Es ist eine Satyre auf die Poësie, Religion usw. Aus Stroh und Hobelspänen ein wolschmeckendes Gericht, ein Götterbild zusammengesezt. Hinten wird alles Farçe. Die Oeconomische Natur ist die Wahre – Übrig bleibende.

Göthe hat auf alle Fälle einen widerstrebenden Stoff behandelt. Poëtische Maschinerie.“ (Novalis, Fragmente und Studien)

Das Moderne und zugleich der kalte Klang der Ratio. Goethes Gegenwart. Sie hält an. Und Goethes Prosa wie auch seine Lyrik gehören auf alle Fälle mit zu dieser Moderne. Solche Gegenwärtigkeit als Zeitgenossenschaft betrifft „Dichtung und Wahrheit“ ebenso wie die Sesenheimer Lieder, 1770/71 in Straßburg und in Sessenheim im Elsaß entstanden, darin stürmerisch-drängerisch die Jugend auf eine Weise gestaltet wurde, wie es der höfisch-galanten Rokoko-Dichtung der Zeit niemals möglich gewesen ist. Es gab für dieses Phänomen der Jugend keine literarische Ausdrucksform, zumindest nicht im Rokoko. Zentral zeigen solche Werke den Wandel an. Deshalb auch die Notwendigkeit eines Kanons, um solche Übergänge zu verstehen – ohne diesen Begriff des Kanons starr und statisch zu halten, ein Kanon ist ein fluider Organismus. Und ebenso gehört die lange Zeit von der Forschung als Nebenwerk gehandelte Novelle „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“, darin auch das Märchen enthalten ist, in diesen Kanon. Gerade im Märchen findet sich jenes Spiel: Bilder bilden sich heraus, sie fixieren sich und lösen sich zugleich wieder auf – ein Reigen. Das also, was Literatur im Spiel der Phantasie leistet und was dann insbesondere bei den Frühromantiker zum Thema wird, nämlich die Fixierungen wieder aufzubrechen, wird in dieser Geschichte selbstreferentiell, und das heißt also in Literatur vorgeführt.

Und dazu lese man gleichsam als Gegenlektüre dann Novalis‘ romantischen Bildungsroman „Heinrich von Ofterdingen“. Und zuvor den „Wilhelm Meister“. Den „Heinrich von Ofterdingen“ kann man, was das Feld der ästhetischen Kritik betrifft, eben auch als eine Reaktion auf Goethes Meister lesen – so wie es Novalis und eben auch die Gebrüder Schlegel konzipierten. Und zwar als eine Literaturkritik in Form von Literatur und nicht bloß diskursiv. Was für Möglichkeiten von Kritik taten sich hier auf! Ganz nach dem Schlegelschen Programm einer transzendentalen Universalpoesie. Eine derart spannende Zeit, dieses Jahre um 1800 – nicht nur ästhetisch. Und leider vieles davon im Betrieb der feuilletonistischen Literaturkritik verschüttet.

Aber diese Gegenwart. Was tun? Viele schreiben über Karen Köhler oder über irgendwelche Debütromane mit Internet. Heute zu Goethes 270. Geburtstag las ich aufgrund eines Kommentars hier in meinem Blog in Kindlers Literaturlexikon noch einmal den Artikel zu seinen „Wahlverwandtschaften“. Interessant ist der Roman, aufregend geradezu in der Form und der Weise des Erzählens, wenngleich meine Lektüre über 25 Jahre her ist: zum einen von den Gesellschaftsschichten her, ein abgelebter Adel in der Bürgerwelt und doch ist diese Kultivierung von Nutzlosigkeit herrlich, denn frei sind diese Menschen vom Fron der bürgerlichen Arbeit. Zum anderen wird in den „Wahlverwandtschaften“ ein Konzept von (freier) Liebe zum Thema, das für diese Zeit doch ungewöhnlich ist – wobei Goethe eben auch die Aporie solcher Konstellation vorführt: „Warum Liebe weh tut“. Lieben und Entsagen. Freiheit und Notwendigkeit, Natürliches und Kultur. Also im Grunde Themen, die bis in die Gegenwart reichen: Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit,

Sogleich war ich beim Lesen des Lexikontextes wieder angefixt und begeistert von dieser Geschichte, erinnerte mich an die Szenerien, und ich sehe, daß vermeintlich Altes eben nicht alt ist, sondern nach wie vor interessant und ich frage mich, was von der Gegenwartsliteratur in 50 oder in 100 Jahren bleibt. Viel wird es nicht sein, so vermute ich. Man soll zwar nicht das Alte gegen das Neue ausspielen, aber bei vielen Gegenwartsromanen bleibt eben doch ein schaler Nachgeschmack – „Wozu das ganze?“, frage ich mich – oder sie geraten ganz einfach in die Vergessenheit. Auch eine spannende Frage für die Literaturkritik und für den sogenannten Kanon: Was bleibt? Was wird wieder neu entdeckt? Jan Philipp Reemtsma hatte seinerzeit in den 1990er in Hamburg immer wieder auf Wieland aufmerksam gemacht. Und heute würde ich, was den Witz, die Trauer und auch die Reflexivität von Ich und Erzählen betrifft, dringend zu Jean Paul raten und für die Verschränkungen von Freiheit und einer fatalen Notwendigkeit als Zwang im Menschen zu Kleist.

In dem Gespräch zwischen Wilhelm und dem seltsamen Fremden zum Ende des Ersten Buches heißt es in der Rede jenes Fremden:

„Das Gewebe dieser Welt ist aus Notwendigkeit und Zufall gebildet; die Vernunft des Menschen stellt sich zwischen beide und weiß sie zu beherrschen; sie behandelt das Notwendige als den Grund ihres Daseins; das Zufällige weiß sie zu lenken, zu leiten und zu nutzen, und nur, indem sie fest und unerschütterlich steht, verdient der Mensch ein Gott der Erde genannt zu werden. Wehe dem, der sich von Jugend auf gewöhnt, in dem Notwendigen etwas Willkürliches finden zu wollen, der dem Zufälligen eine Art von Vernunft zuschreiben möchte, welcher zu folgen sogar eine Religion sei. Heißt das etwas weiter, als seinem eignen Verstande entsagen und seinen Neigungen unbedingten Raum geben? Wir bilden uns ein, fromm zu sein, indem wir ohne Überlegung hinschlendern, uns durch angenehme Zufälle determinieren lassen und endlich dem Resultate eines solchen schwankenden Lebens den Namen einer göttlichen Führung geben.“

Gerne legt man die manchmal unbequemen und schwierig auszusprechenden Gedanken einem Fremden in den Mund, man denke nur an Platons „Politikos“.

Goethe war Spinozist. Oder eben Hegelianer.

Weimar, Gartenhaus und Klopapier

Johann Wolfgang von Goethe zu lesen, lohnt sich. Immer wieder – allein aufgrund der Vielfalt seiner Texte. Seien das seine Gedichte, des Wilhelm Meisters Lehrjahre, der West-östliche Divan, das Theater, insbesondere die „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ – eine Parabel auch auf die Tücken und die Schrecken der Revolution, ein Lehrstück über Öffentlichkeit, Kommunikation und Geselligkeit mit schönem, geistreichen Gespräch, wenn man auf der Flucht ist. Für Schüler lohnt es sich sowieso und erst recht für Erwachsene, deren Blick zuweilen verschlossen ist. (Das nicht nur heimliche, sondern geradezu öffentliche und von allen anerkannte Oberhaupt dieser illustren Runde ist übrigens eine Frau, eine Baronesse – für all die der Literatur nur schlecht kundigen Verdachtsschnüffler angemerkt.)

Literatur ist kein Entweder-Oder und auch keine Cafeteria, wo man sich leckere Küchlein wählt oder worin nett harmonisierende Dinge geschrieben stehen – da sollte die vorgeblichen Feministinnen dann doch besser Utta Danella lesen. Daß (sexuelle) Gewalt in manche der Goethe-Texte „eingeschrieben“ sei – ein dummes Wort, dieses „eingeschrieben“, es gehört, seit die kläglichen Adepten des Poststrukturalismus sich allüberall einschrieben, von Diskurs bis Text, in die Verbannung: eingeschrieben ist man allenfalls an der Uni. Daß also in Literatur Gewalt Thema sein kann, bedeutet nicht, daß Prosa oder Lyrik Gewalt affirmieren – man lese Goethe, man lese Curzio Malaparte. Und selbst da, wo es so scheint, daß dies der Fall ist – man lese genügend Kleist, den herrlichen Kleist und so geht mein Rat: immer wieder Kleist lesen -, besitzt der Text unterschiedliche Ebenen. Differenziertes Lesen gelingt nicht jedem und der Unterschied zwischen Realität und Fiktion scheint nicht jedem geläufig. Manche picken nach den Trauben des Zeuxis.

Die Kinder vom Gartenhaus des Goethe in Weimar tun niemandem was. Sie sind lustig. Wir haben damals als Benjamin-Ästhetik-Punks Goethes Provokationen geschätzt – so z.B. im „Faust“, mit Mephisto gegenfeuern:

„Für euch sind zwei Dinge // Von köstlichem Glanz: // Das leuchtende Gold // Und ein glänzender Schwanz. // Drum wißt euch, ihr Weiber, // Am Gold zu ergetzen // Um mehr als das Gold // Noch die Schwänze zu schätzen!“

Teuflisch gut der Goethe, und wer je die Szene mit Philemon und Baucis im „Faust II“  las, wußte als Schüler sofort, daß da die „Dialektik der Aufklärung“ harrt. Einem Teil der heutigen Linken sind nicht einmal mehr die basalen Momente der Bildung vertraut. In restringierter Form fahnden die Hermeneutiker des Verdachts in Gedichten herum, ohne je die subtilen Töne und insbesondere die Kritik Goethes gerade auch an einer solchen menschenvernutzenden Figur wie dem Faust mitzulesen – spät erst schaudert es ihm. Bildung setzt eben Kenntnis und vor allem gründliche Lektüre voraus und nicht das Reiz-Reaktion-Schema.Dieses gilt es nämlich gerade zu überwinden. Vor allem aber bedeutet es, den Sinn für subtile Töne in Literatur zu entwickeln. Und dazu leistet Goethe einen erheblichen Beitrag. Sie aber sehen das, was im eigenen Kopf schwirrt und kommen derart über den eigenen Horizont nicht hinaus.

Die Aktion der leseunlustigen Frankfurter Rotzlöffel hat etwas Gutes: Immerhin kann ich auf diese Weise ein paar Photographien aus dem schönen Weimar zeigen.

Krise der Kritik?– Kritik der Krise. Zu einer Debatte um Karen Köhlers „Miroloi“

Von Zeit zu Zeit flammen in der Literaturkritik Debatten um die Funktion oder um die Maßstäbe der Literaturkritik auf – meist verbleibt das im inneren Resonanzraum des Betriebes, selten nur, wie im Falle Martin Walsers beim „Tod eines Kritikers“ oder Fassbinders „Die Der Müll, die Stadt und der Tod“ dringt es über die literarische Sphäre hinaus. Und von Zeit zu Zeit wird die Frage nach dem, was Literatur leisten kann, anhand eines konkreten Romans zum Thema: Ob das Knausgards autobiographisches Schreiben samt einer hemmungslosen Ich-Suada ist oder 1990 der Disput um Christa Wolfs „Was bleibt“ – der freilich mehr eine politische als eine literaturtheoretische Auseinandersetzung war. Nun brach es über Karen Köhlers neuem Roman „Miroloi“ herein – Verrisse im Deutschlandfunk von Jan Drees, in der taz von Moritz Baßler, in der „Zeit“ dieser Woche von Burkhard Müller. Inzwischen wurde der Roman für den Deutschen Buchpreis nominiert. Und da stellt sich umso mehr die Frage über die Qualität eines Buches und über die Maßstäbe der Literaturkritik, und es stand da plötzlich auch die Frage im Raum, weshalb ein solches Werk auf der Liste landet. All of old, nothing else ever.

Karen Köhlers Erzählungen „Wir haben Raketen geangelt“ aus dem Jahr 2014 fand ich belanglos bis schlimm: und so beendete ich meine Kritik mit dem Satz: „Wir haben uns durch die Prosa gehangelt.“ Den neuen Roman kenne ich nicht. Es geht mir in meinem Text hier mehr um die Mechanismen einer Literaturkritik, die allzu schnell mit Krisenszenarien bei der Hand ist und Grundsatzfragen aufmacht, die ihren Grund eigentlich gar nicht so sehr im Roman, sondern in völlig anderen Mechanismen haben. Solche Romane wie von Köhler sind da bloß eine Art Katalysator – so schlecht oder so gelungen sie auch sein mögen.

Unter der Überschrift „Neue Maßstäbe der Gegenwartsliteratur. Schönheit, Stil und Geschmack“ schreibt Moritz Baßler in der taz:

„Wenn das aber Literatur ist, und so sieht’s ja wohl aus, dann hat sich der Literaturbegriff in den letzten Jahren radikal gewandelt und wir brauchen neue Maßstäbe der Schönheit, des Stils und des Geschmacks. Sie müssten uns helfen zu klären, womit und in welcher Hinsicht ein Buch wie „Miroloi“ überhaupt zu vergleichen wäre und wie man dann entsprechend werten könnte.

Vielleicht sind diese Maßstäbe auch längst vorhanden oder werden zumindest ausgehandelt, aber eben in den Lese-Communities, in den Netzwerken der Leserinnen selbst und nicht bei den Expertinnen und Experten, die ihre Begriffe akademisch an dem geschult haben, was, wie Robert Musil einmal formulierte, „durch ungefähr hundertfünfzig Jahre als die Dichtung, als die Dichtung der großen und Urmaße gegolten hatte“.

Auf diese Kritik von Baßler reagierte im „Freitag“ Marlen Hobrack mit einem Artikel, der  „Kriterienkrise“ betitelt ist. Jedoch: Das ist alles kein neues Problem, der Befund scheint mir eher trivial. Alle ein, zwei oder drei Jahre schreibt einer eine Krise der Literaturkritik oder der Literatur herbei, die letzte große Debatte zu den Möglichkeiten und Grenzen der Literaturkritik war 2015, nachzulesen im „Perlentaucher“. Handke konstatierte in Princeton bei der Gruppe-47-Tagung 1966 Beschreibungsimpotenz, regelmäßig schimpft Biller über Schlappschwanzliteratur (den Ausdruck fürs weibliche Geschlecht und die Suche danach spare ich hier), auch ist die Causa Tarkis Würger etwa ein halbes Jahr alt, und wenn es keine Krise ist, dann wenigstens ein kleines Grummeln, womöglich ob eines Simon Strauß-Romans im Januar 2018, wo sich ein Taz-Redakteur als Anbräuner betätigte.

Die sogenannten Halbwertzeiten für Literaturkrisen sinken wie die Zinsen für Spareinlagen und scheinen sich auf einen Halbjahresrhythmus herabgebrochen zu haben. Ob ausgerechnet Köhlers Roman zu solchem Befund taugt, bezweifele ich – aber sei’s drum. Baßler hängt die Sache zu hoch. In diesem Aspekt hat Hobrack recht – in ihrer Verteidigung von Köhler weniger. Dem Hanser Verlag aber mag es gefallen, es ist wie bei Kreislers „Musikkritiker“: „Je schlechter, um so mehr freun sich die Leut.“

Ein Problem ist allerdings, wenn Literatur am Reißbrett geschrieben wird. Die Dialektik tagespolitischer Aktualität und des gesellschaftlichen Engagements: Autoren wollen ein aktuelles Thema aufgreifen, zugleich wissen manche, daß bei Verlagen und in Lektoraten gerne auch Bücher verkauft werden, daß es weniger gut gelitten ist, wenn sie als Remittenden zurückkehren und daß mit gefälligen Mitteln mehr Effekt erzielt wird als mit einer experimentellen und artifiziellen Literatur, die noch irgendwie versucht, die avancierten Standards und die Fragen ästhetischer Form mit zum Thema zu machen. Wie man jedoch auf eine Short- oder Longlist gelangt: Das läßt sich dann am Ende so einfach doch wieder nicht planen. Zu den Möglichkeiten solcher Bücher schrieb 2018 Jörg Magenau ein spannendes Sachbuch: „Bestseller. Bücher, die wir liebten – und was sie über uns verraten“.

Ob solches Reißbrettverfahren bei Köhlers Roman der Fall ist, weiß ich nicht und darum soll es hier auch nicht gehen. Sondern vielmehr um die Mechanismen, die hinter solchen Szenen stecken, wenn immer einmal wieder das Krisenszenario ausgerufen wird. Und da hilft es dann auch nicht, wie Hobrack vorschlägt, den Begriff der „Frauenliteratur“ zu „reclaimen“: Mißlungene Prosa bleibt mißlungene Prosa – egal unter welchem Label ich rubriziere und welches Etikett ich aufs Buch klebe. Ob ein Roman aber mißlungen ist, muß sich am Text selbst erweisen und da nützen keine Proklamationen pro oder contra Köhler, sondern man muß zeigen: Show, don’t tell. Der Schreibschulenrat für Autoren gilt ebenso für die Zunft der Kritik.

Wer zudem die Geschichte der Literaturkritik ein wenig kennt – was leider nicht mehr so selbstverständlich ist –, der wird sich noch an Debatten um die Pop-Literatur Ende der 1990er Jahre erinnern oder an Günter Grassens „Weites Feld“. Und vom Hörensagen vielleicht an Martin Walser oder Ingeborg Bachmanns „Malina“ oder an die Dispute um die literarische Qualität von Texten aus dem Resonanzraum der „neuen Subjektivität“ in den 1970ern. Man kann das immer wieder, von Jahr zu Jahr neu durchexerzieren. Der deutsche Kritiker, die deutsche Kritikerin ist soldatisch – sozusagen eine zeitungsmäßige Ein-Mann-oder-Frau-Kaserne.

Das Feld der Literatur ist ein weites und seine Grenzen haben sich seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts erheblich ausgedehnt. Ein irgendwie nur halbwegs verbindlicher Kanon an ästhetischen Kriterien jedoch existiert schon lange nicht mehr und hat in der Ästhetik für die Moderne eigentlich seit der „Querelle des Anciens et des Moderns“ nicht existiert, sondern vielmehr entzündeten sich an solchen Fragen nach der ästhetischen Norm die heftigsten Dispute, und Ende des 18. Jahrhunderts mündete dies, was die Literatur der Moderne betraf, in Schillers „Über naive und sentimentalische Dichtung“ und zeitgleich 1795 erschien Friedrich Schlegels „Über das Studium der griechischen Poesie“, das sich mit ganz ähnlichen Fragen befaßte: Was ist modern und wie stehen wir zur Tradition? Und jedes Mal meinen Kritiker, den Nordpol neu auszumachen. Dem ist aber nicht so, denn meist stoßen sie bloß auf eine uralte Frage. In der Literaturkritik geraten unterschiedliche Literatur-Konzepte, Stilempfindungen, vielfach auch bloß subjektive Präferenzen aneinander. Begründungen bleiben oft vage und sind ins nebulöse Orakel des Kritikers gehalten. Und leider macht auch Moritz Baßler seine Eindrücke, so gerne ich sie teilen würde, wenn ich an das schreckliche „Wir haben Raketen geangelt“ denke, nicht an Zitaten fest, sondern muß proklamieren: Das ist die eigentliche Schwachstelle seiner Kritik, Marlen Hobrack nennt sie leider nicht.

Freilich ist die Literaturkritik im Alltagsgeschäft der Zeitungen keine ästhetische Theorie, wo es ans Grundsätzliche geht und ästhetische Kategorien und Kriterien abwägend, reflexiv oder analytisch-ordnend geprüft werden. Und wenn der Raum dafür nicht gegeben ist, sollte sie auch nicht so tun, als sei es an ihr, die Grundsatzfragen zu stellen, ohne das im Detail einlösen zu können. In solcher grundsätzlicher Kritik nämlich geht es dann nicht mehr darum, ob Raymond Carvers Kurzsatzstil präzise-treffend, gefällig oder simpel ist oder ob ein aus der Kindersicht geschriebener Roman tatsächlich infantil sein muß. Marcel-Reich Ranicki merkte dazu einmal trefflich an, die hohe Kunst der Literatur bestehe eben darin, aus der Kinderperspektive heraus nicht kindlich zu schreiben. Und wenn die Kinderperspektive dann nur dazu dient, im Stil herabzudimmen, weil der Autor es in Sprache nicht besser kann, dann funktioniert ein Text nicht.

Literaturkritik sichtet, teils tagesaktuell, schaut, ob ein Plot klug erzählt ist, schaut auf Tricks, Ticks und Stil, belegt das Urteil, wenn es gut läuft, in der Rezension mit Zitaten, vergleicht mit anderen Texten. Auf dieser Ebene können Kritiker gar nicht einig sein, sofern sie es nur bei ihren Empfindungen belassen – und sie müssen es auch nicht, denn weshalb sollte Einigkeit per se ein Kriterium sein? In solcher Subjektivierung liegt das Problem, das eine von der Ästhetik her inspirierte Literaturkritik anzugehen und zu lösen versucht, indem sie zumindest die Stilkriterien in einen umfassenden Rahmen ordnet. „Wer, wie, was. Wieso weshalb warum?“ Die alte Sesamstraßenfrage, ästhetisch ins Grundsätzliche gewendet. Kluge Kritiker, wenn man ihnen den Raum an Zeichen gibt, und das geht meist nicht unter 12.000 oder besser noch 18.000 Zeichen, können eine solche Verortung vornehmen, die etwas mehr als nur ein subjektives Geschmacksurteil bedeutet. Dafür ist freilich heute in den Feuilletons kaum noch Raum. Man vergleich nur die „Zeit“-Literaturkritiken aus den 1980er und dann die aus den 2000er Jahren, was die Zeichenzahl betrifft. Und in diesem Sinne sind diese Fragen nach der Literaturkritik vielfach Scheindebatten oder laue Lüftchen in Blasen- oder Scheibenwelten.

Wir haben keine Krise der Literaturkritik, sondern eine der (ästhetischen) Begründungen, und weil das ein so grundsätzliches Problem ist, flammt es, selbst zu den nickeligsten Anlässen immer wieder einmal auf und tarnt sich als Krise – Adorno übrigens faßte das in seiner „Ästhetischen Theorie“ unter dem Terminus der nominalistischen Situation in der Kunst und versuchte doch, dieser Situation qua Reflexion irgendwie Herr zu werden.

Damit komme ich zu einem zweiten Aspekt. Denn solche Debatten, auch die manchmal hart geführten Dispute und solch unterschiedliches Einordnen und Werten von Büchern sind nämlich ein Teil des literarischen Diskurses und gehören damit zur literarischen Öffentlichkeit. Und in diesem Sinne lese ich solche immer einmal wieder aufflammenden Auseinandersetzungen nicht als Krise der Literaturkritik oder der Literatur und ihrer Kriterien – man erinnere sich auch noch ans Jahr 1987, als es um den Simmel-Roman „Doch mit den Clowns kamen die Tränen“ ging –, sondern als essentiellen Bestandteil des Mediums Literaturkritik – auch um immer wieder aufs neue  das Besteck zu schärfen, denn die Waffe der Kritik kann nicht die Kritik der Waffen ersetzen. Bei Simmel etwa stand klar die Frage nach E- und U-Literatur und auch die nach dem politischen Engagement von Literatur im Raum und wie man dieses Fragen des Politischen ästhetisch verpackt. Oder auch die Debatte zum Echolot von Kempowski: Ob das bloße Aufsammeln und Anordnen von geschichtlichem Material bereits Literatur sei.

Eine Krise der Kritik wie der Literatur hätten wir, wenn Literatur keinerlei Reaktion, keinen Disput mehr hervorbrächte, wenn wir Kritiker oder wir Leser die Bücher nähmen, läsen und wortlos beiseite packten.

Solches Hervorheben der Notwendigkeit des Streits ist übrigens kein Plädoyer für Relativismus oder eine herabgesunkene Form des De gustibus non est disputandum, sondern es geht einer guten Kritik ja gerade um das Ringen von Kriterien und teils auch um normative ästhetische Maßstäbe, die mal gut, mal weniger gut begründet sind und die im öffentlichen Raum immer wieder neu ausgehandelt werden. Sichtbar wird diese Frage nach einem normativen Rahmen in puncto Literatur an solchen Disputen wie dem Zürcher Literaturstreit zwischen Emil Staiger und Max Frisch oder die doch sehr unterschiedlichen Auffassungen über die Literatur der Avantgarde bei Adorno und Georg Lukács oder aber 2015 im Streit ums autobiographische Schreiben eines Knausgard. All das ist keine Krise der Kritik, sondern zeigt, daß diese Kritik höchst lebendig ist und daß die Möglichkeiten oder eben Unmöglichkeiten von Literatur immer wieder neu ausgehandelt werden.

Gelingendes Philosophieren – zum Wirken des Lehrers Werner Nitt am Hansa Kolleg und weit darüber hinaus

Es gibt Menschen, die prägen die Philosophie, und doch gehen sie mit ihrem Namen niemals in ihre Geschichte ein, stehen niemals in einem Lehrbuch oder in einer Philosophie-Darstellung. Wenn die letzten Zeugen, die sich erinnern, verstorben sind, so ist auch dieser besondere Philosoph verloschen. Ein gesteigerter, ein moderner Sokrates im wahrsten Sinne, einer der nicht schrieb, von dem nichts überliefert ist außer jenen Legenden oder Geschichten, wie ich sie hier aufschreibe. Einer dieser Philosophen, der nicht in den Kanon eingehen wird – „eingehen“ vielleicht auch im dialektischen Wortsinne genommen. Geist, der sich unmittelbar im Gespräch verströmte, der ins Denken anderer Menschen einwanderte und ihren Umgang mit Philosophie veränderte; Geist eines Menschen, der insofern bleibt, solange Schüler sind, die es weitertragen wollen. Und doch verstummt all das nach einer Generation oder wird allenfalls zu einer schönen Erzählung. Der Mythos vom Philosophenglück ohne Ende.

Schreiben möchte ich von einem außergewöhnlichen Lehrer, der viele junge Menschen prägte und ihnen eine Welt eröffnete. Menschen, die aus der Arbeitswelt kamen, Menschen, die keinerlei kulturelles Kapital mitbrachten und die doch hinaus aus dem Joch und jene Mühle verlassen wollten. Adorno, Bloch und Novalis fast: einen Ausweg aus der verhängnisvollen Immanenz weisen. Wir sind, aber wir haben uns nicht – dieses so scheinbar simple Diktum machte Werner Nitt deutlich. Nitt zeigte in seiner Art, philosophische Texte zu lesen und zu kommentieren, eine Lebenswelt, die den meisten Menschen ohne diesen Mann vermutlich verschlossen geblieben oder sich zumindest auf eine andere Weise und nicht in dieser Emphase aufgetan hätte.Philosophie als Lust am Lesen und Lust aufs Denken, vor allem auch gegen das Bleierne, gegen steinerne Verhältnisse, gegen die Bleikammern.

Werner Nitt (27. Oktober 1931 – 3. Juli 2009) war Lehrer am Hansa Kolleg – einer Institution in Hamburg, wo Arbeiter und Angestellte auf dem zweiten Bildungsweg ihr Abitur und auch ihre Mittlere Reife machen konnten. Ich lernte Werner Nitt Mitte der 1990er Jahre kennen – in seiner Barmbeker Wohnung, vollgestellt mit Büchern und weil das nicht ausreichte, wurde für die Bücher, so ging die Legende, sogar noch eine zweite Wohnung gemietet. Ein Kommilitone lud mich ein, an einer seiner abendlichen Arbeitsgruppe teilzunehmen. Dort wurde akribisch Hegels „Enzyklopädie“ gelesen. Satz für Satz. Es durfte geraucht und vor allem durfte beim Lesen Hegels Bier getrunken werden. Das gefiel mir. Man mußte freilich aufpassen – zu viel Bier war schädlich und lenkte ab, aber das Trinken stellte Nitt in die Autonomie der Teilnehmer. Richtig nahe kam ich ihm allerdings nicht, auch weil der Weg nach Barmbek weit war und eine Rückfahrt nachts um viertel vor eins doch beschwerlich, wenn man dann erst um halb zwei zu Hause aufschlug und sich anschließend nachts vor lauter Hegel und Text-Bezügen der Kopf drehte: Ausflüge in die Geschichte der Philosophie, von Platon über Aristoteles zu Suarez und Spinoza – Fixpunkt sicherlich Hegel und ebenso Schelling.

Da eine Studienfreundin seinerzeit am Hansa Kolleg ihr Abitur machte, erfuhr ich über diesen faszinierenden Mann bereits Ende der 1980er Jahre im Einführungsseminar Germanistik, wo wir einander kennenlernten, vieles. Jene Freundin erzählte voll Emphase und Leidenschaft: von einem Denker, der an der Philosophie und nicht an Positionen interessiert war, folglich war ihm jeglicher Ismus fremd und es käme ihm kaum, wie manchem Professor an Hochschulen, in den Sinn zu behaupten „Ich als Kantianer“. So vermochte es Nitt Adorno mit Heidegger und Luhmann mit Adorno und Habermas zu lesen, um wiederum mit Hegel gegenzusteuern, was am Ende auf Aristoteles hinauslief, allerdings unter Berücksichtigung vom Heiligen Thomas und auch von Suarez, um über Spinoza und Jacobi zu Platon und von dort zum Cusaner und zu Plotin zu gelangen und das fundamentum inconcussum sowie die coincidentia oppositorum immer wieder in anderen Ausfaltungen in den Blick zu bekommen – bis einem ganz und gar schwindelig wurde und man begriff: Abstrakt lernt man denken nur durch abstraktes Denken. Was nach Namensprotzen klingt, wurde bei Nitt durch fundierte Textkenntnis eingelöst. Man wußte, daß man nichts wußte und war zugleich begierig, wissen zu wollen. Pädagogischer Eros schlechthin: Was für ein Wunder ereilte einen da?

Das Plausible, so Nitt, ist nicht plausibel, sondern oft höchst fragwürdig. Plausibel kommt vom lateinischen „plaudere“, so Nitt: Beifall klatschend. Philosophie bestimmt sich aber nicht qua Akklamation, sondern durch den Gang des Gedankens und durch Argumente – manchmal auch ästhetische. Solches In-Frage-stellen des anscheinend und zugleich scheinbar Selbstverständlichen formte.

In dieser Art, so dachten und wünschten wir, wollten wir ebenso philosophieren und lernen. Das Personal der Hamburger Universität am Philosophischen Seminar bot dazu freilich nur bedingt Anlaß – allenfalls solche Lehrer wie Bernhard Taureck öffneten einem Türen in andere Welten, Bartuschat immerhin war ein gründlicher Arbeiter im Weinberg des Herrn Spinoza. Künne dagegen betrieb doxographische Philosophieverengung und war somit zu vergessen. Schnädelbach ging 1991 nach Berlin, um mit den Ostprofessoren aufzuräumen, seine eigene Gefolgschaft unterzubringen und bekam schon in Hamburg, wenn er nur den Namen Hegel nannte, den hochroten Hähnchenkopf. Immerhin aber, das muß man ihm zugute halten, ließ er sich auf Hegel ein und hielt eine Vorlesung über ihn. Verstanden hatte er ihn freilich nur aus seinem eigenen Referenzrahmen mit Ressentiment. Und das ist am Ende zu wenig.

So einen Lehrer wie Nitt wünschte ich mir an die Universität, so dachte ich, so diskutierten wir in unseren Arbeitsgruppen über die Mangellage in Hamburg: mit diesem Wissen und vor allem mit diesem pädagogischen Eros und zugleich dem Bewußtsein, daß Philosophie Arbeit ist. Ja, Arbeit, harte Arbeit sogar, bei der man im Denken an seine Grenzen stoßen kann, um zu verzweifeln. Aber es war dieses Lesen und Denken doch eine freie Arbeit: frei gewählt. Freiheit ist nicht einfach. An solchen Gabelungen, wo Denken sich zu verrennen droht, helfen Lehrer. Ein solcher war Werner Nitt.

Esther Clodius, eine Nitt-Schülerin, sagte in ihrer Totenrede auf der Trauerfeier am 17. Juli 2009 (entnommen ist die Rede dem Buch von Gerhard Jürs: „Wilhelm Flitner, ein Humanist in bewegten Zeiten“):

„Werner Nitt war ein Mensch, der uns eine Welt eröffnete, die vielen von uns verschlossen geblieben wäre, hätten wir ihn nicht gekannt. Ich spreche von der Welt des Geistes, in die er uns als Lehrer geführt hat, die er vor unseren Augen lebendig entfaltet hat. Seine Liebe galt dem Leben. Das Leben ist kein factum brutum, es ist Möglichkeit. Er entfaltete alles auf seine Möglichkeiten hin. Wir haben bei ihm nicht Philosophie gelernt, sondern das Leben geistig zu erfahren. Er hat uns das Denken gelehrt. In seiner Entfaltung eines philosophischen Werkes wurde der geistige Gehalt dieser Werke und seiner Schöpfer lebendig. Er hat uns nicht geschont, nie versucht das Schwierige leicht zu machen, uns in Strenge und Liebe geleitet. Verfestigtes Denken ist Mimesis ans Tote. So müssen Werke, die ohne Abschluss nicht sein können, immer wieder ins Leben gebracht werden. (…)“

Was für wunderbare und tiefe Worte, denen man kaum etwas hinzufügen kann. In der Sehnsucht nach solchen Menschen schwelgt das Denken.

Auf Facebook liefert Ulf Matthias Engberg eine schöne, gelungene und auch poetische Skizze zu Werner Nitt. Weil sie lesenswert ist und aus der Subjektivität des Blickes dennoch ein gutes Bild vermittelt, zitiere ich sie:

„Der Ansturm der Philosophen auf mein Bücherregal hatte mit meiner Aufnahme ans „Hansa-Kolleg“ begonnen, (…). Dort wurde neben dem obligatorischen Unterricht ein Philosophiekurs auf freiwilliger Basis angeboten, zu dem alle (damals siebzig) „Kollegiaten“ herzlich eingeladen waren. An meine ersten Sitzungen kann ich mich noch gut erinnern.

Zweimal die Woche fand sich ein knappes Dutzend Gleichgesinnter nach dem Abendessen im ansonsten ungenutzten Fernsehraum ein. Der Sessel unmittelbar vor der Glotze, mit der Lehne vor der dunklen Scheibe des Bildschirms war dem Dozenten vorbehalten. Eine unausgesprochene Übereinkunft im Auditorium sorgte dafür, daß dieser Platz reserviert blieb. Werner Nitt, so war der Name des Dozenten und Englischlehrers, las die ‚Phänomenologie des Geistes‘ von Hegel. Mit seiner tiefen, ein wenig verschnupft klingenden Stimme interpretierte er Satz für Satz, dabei in unregelmäßigem Abstand den Kopf zurückwerfend, um die verschwitzten, bis auf die Schultern hängenden Haare aus dem Gesicht zu entfernen. Werner Nitt hatte die Vierzig überschritten und huldigte neben der Philosophie dem Gott Lucull. Von mächtiger Statur und trägem Gemüt erinnerte die Tapsigkeit seines Ganges an einen Zirkusbären. Auf hängenden Schultern thronte ein fleischiges Gesicht, dessen Profil eine frappante Ähnlichkeit mit Oskar Wilde aufwies.

Während er die Seiten seiner gebundenen Felix-Meiner-Ausgabe mit dem linken Daumen auseinander hielt, qualmte in seiner Rechten eine Gitanes ohne Filter, die er genußvoll inhalierte, ihren Rauch an die Lungenflügel delegierte, um ihn nach scheinbar endlosem Verweilen an diesem unsichtbaren Ort durch den doppelten Schlot der Nase unübersehbar in den Fernsehraum zu entlassen. Je weiter die Zigarette abbrannte, desto stärker verschob sich die Aufmerksamkeit des Auditoriums von der ‚Phänomenologie des Geistes‘ auf das phänomenale Fingerspitzengefühl, mit dem Werner Nitt seinen geliebten Glimmstengel bis zur bitteren Neige auskostete. Die Grazie, mit der er – den Tabakstummel pinzettengleich zwischen die langen, braun gebeizten Nägel klemmend – einen tiefen Lungenzug tat, sich dabei weder Finger noch Mund verbrennend, das manierierte Abspreizen der unbeteiligten Extremitäten, das küßchenhafte Schürzen der Lippen und die allgemeine Spannung, die sich an der unausgesprochenen Frage aufbaute, ob dies sein definitiv letzter Zug an der winzigen Kippe wäre, all das wölbte sich wie ein Glocke über die Versammlung, ein Dunstglocke, welche die weitschweifigen Assoziationen über Hegels ‚Phänomenologie des Geistes‘ auf ein überschaubares Maß begrenzte und die mit jeder entzündeten cigarette manifester wurde.

Es bedurfte keiner drei Hegelabende, bis auch die Neuzugänge (mit Ausnahme von mir als überzeugtem Nichtraucher) Gitanes ohne Filter qualmten und sich Zeigefinger- und Daumennagel wachsen ließen, als spielten sie Zupfinstrumente. Im Text dagegen ging es nur langsam voran. Das Schlußkapitel vom „absoluten Wissen“, das wie eine Verheißung aus weiter Ferne lockte, ward in den dreieinhalb Jahren, die ich fürs Abitur brauchte, nicht annähernd erreicht.

In den ersten Sitzungen erschien mir der mit Fremdwörtern gespickte Vortrag deshalb nicht weniger nebulös als das verqualmte Fernsehzimmer. Erst ab dem Kapitel „Selbstbewußtsein“ glaubte ich zu wissen, wovon die Rede war. Der Dunst, der alle bisher gefallenen Begriffe verhüllt zu haben schien, begann sich zu lichten, und ließ Wörter wie alte Bekannte in vornehmer Gewandung daraus hervortreten, Wörter wie:

‚Selbständigkeit und Unselbständigkeit,

Herrschaft und Knechtschaft‘

Hegels romantische Vorstellung, daß die praktische Arbeit den Grundstein für das bildet, was er ‚wahres Selbstbewußtsein‘ nennt, deckte sich in befriedigender Weise mit meiner Erfahrung und wurde zu meinem Entzücken von Werner Nitt aufs Vornehmste bestätigt, und wenn ich ihm in meiner Unwissenheit eine Frage stellte, dann kleidete er sie zunächst in die Formulierung des Wissenden, um in seiner Sprache darauf zu antworten, so daß ich doppelt lernte und mein Interesse an Hegel nachhaltig geweckt wurde.

‚Geliebt wirst Du einzig dort,
wo schwach Du Dich zeigen kannst,
ohne Stärke zu provozieren.‘

An diesen Aphorismus von Adorno musste ich oft denken, wenn Werner Nitt auf die mehr oder weniger klugen Fragen seiner Schüler einging. Ungestraft konnten sie ihm ihre Unwissenheit offenbaren. Er verstand es, das Beste daraus zu machen.“

Schöner und liebenswerter kann man einen Lehrer nicht würdigen, und hier eben zeigt sich, daß gelingende Philosophie, gelingendes Philosophieren zugleich auch eine Lebenspraktik ist und damit gelingendes Leben. In diesem Sinne lebt, im Geist der Philosophie, das Wirken eines Werner Nitt fort – nicht in Unendlichkeit vielleicht, aber doch solange es Menschen gibt, die sich aufs Denken einlassen und sich nicht mit Phrasen oder Parolen abspeisen lassen wollen. Obwohl ich Nitt kaum kannte, begleitete mich seine Gestalt, seine Art mit Texten umzugehen bis heute. Die direkten Wirkungen auf mich, wenn ich diesem Mann öfters begegnet wäre, mag ich mir kaum ausmalen.

Wie unendlich traurig andererseits, daß solches Leben irgendwann in die Vergessenheit geht und daß nichts mehr bleibt. Nicht einmal die Erinnerungen. Viele Menschen haben diesem Werner Nitt unendlich viel zu verdanken. Auch ich – mittelbar.

 

#dichterdran. Masculin – Feminin oder: nicht mehr die Kinder von Marx, sondern von Coca-Cola

Bei den Literaturtwitterfrauen ist Hashtag-Alarm, da schreiben unter dem Slogan #dichterdran interessante Frauen aber leider auch teils skurrile Gestalten über die Abwertung von Frauen im Literaturbetrieb, in dem man Schriftstellerinnen aufs äußere reduziert. Sie schreiben Tweets über männliche Autoren in der Form wie Literaturkritiker über Autorinnen schreiben, wenn sie deren Reize betonen. Mich betrifft das alles nicht, denn ich lese fast nur Männer: Jean Paul, Herder, Wieland, Heinse, Tieck, Friedrich Schlegel, Melville, Dickens, Sterne, Goethe, Ingeborg Bachmann und George Eliot. Aber Scherz beiseite.

Was ist der Hintergrund? Der Kritiker Martin Ebel schrieb über die Autorin Sally Rooney sowie ihren neuen Roman und eben auch über das Bild  der Frau (zu sehen auf der Verlagshomepage von Luchterhand) belustigt, daß sie blicke „wie ein aufgeschrecktes Reh mit sinnlichen Lippen“. Böse vielleicht, muß nicht sein, trotzdem es ein seltsames Photo ist, und es ist das Aussehen in der Tat kein Kriterium für Kritik am Werk. Sehr wohl aber kann es dann zum Kriterium werden, wenn es um die Autoreninszenierungen geht – das eine ist die Literatur als solche, das andere die sozialen Mechanismen, unter denen sie verbreitet wird.

Man muß schauen, auf welchem Feld man sich bewegt. Und da kann man in der Manege des Betriebes Thomas Glavinic eben genauso kritisieren und sich betrachten wie Sibylle Berg, wenn Berg etwa in einem bestimmten Modus in einem Literaturhaus auftritt und die „Welt“ dann schreibt „Der gewalttätigste Lidstrich Deutschlands“. Solche Überschrift ist eine Ermessensfrage, ich halte sie nicht per se für schlimm und vor allem sollte man aufpassen, daß man berechtigte Kritik – was eben auch bedeutet: zu sichten und zu unterscheiden – nicht mit simplem Gejammer verwechselt. Man kann solchen Satz eben auch als Kompliment deuten. Je nachdem, wie sich eine Frau verortet. Allen recht wird man es niemals machen. Hier zumindest wurde das Kraftvolle an Berg betont.

Wenn wir über Menschen und deren Auftritte im öffentlichen Raum schreiben, kommen Äußerlichkeiten ins Spiel: Man google Thomas Glavinic, ein Autor, der wegen solcher Dinge ebenfalls hart angegangen wurde.

Es gibt eine richtige Tendenz bei solchen Hashtags, die Sexismus oder Abwertung von Frauen im Literaturbetrieb markieren wollen, sie weist auf ein Problem, und es gibt zugleich einen ungeheuren Popanz, der da gemacht wird, Kleinigkeiten werden aufgeblasen,  aus Petitessen wird mit Absicht ein Skandal versucht zu inszenieren. Aber gerade solche Autorenportraits sind vielschichtig: Einerseits den Mehrwert solcher sinnlichen Photographien in Verlagsvorschauen oder auf der Autorinnen-Homepage einfahren und aus Marketing-Gründen den Lolita-Blick posen, andererseits, wenn das jemand bemerkt und darauf sich in einer Weise wie der Kritiker Martin Ebel äußert, in den Meckermodus verfallen. Da entsteht zugleich so ein bißchen Double-Bind. Mit dem Weibchenschema spielen und dieses als geldwerten Vorteil in Anschlag bringen, und springt dann jemand darauf an, unschuldig oder pöbelnd: „Hups, ich doch nicht!“ machen. Gerne mobilisiert sich dann auch eine Followerschaft unter jenem Hashtag und eine Verlegerin entdeckt die Sache als gutes Geschäftsmodel: Sie macht einfach aus solchen Twitter-Texten ein Büchlein. Kommunikation im Kreiselmodus.

Durchaus existiert teils solch anmaßender Ton, der Frauen aufs Fleisch oder auf anderes äußerliche zurückbricht, wenngleich ich meine, daß es besser geworden ist und nicht jeder Satz, der in den einen Ohren schief klingt (siehe der Lidschatten) ist auch schief und kritikwürdig und sexistisch. Wenn ich in der „Zeit“ oder auch in der FAZ und der Berliner Zeitung Buchkritiken lesen, in denen Bücher von Frauen besprochen werden, sehe ich nicht, daß Frauen aufgrund ihrer Äußerlichkeiten beurteilt werden, sondern es geht in die Literatur hinein. Mich würden da schon Beispiele interessieren, wo solche Fälle im Feuilleton vorkommen. Ebel mag in diesem Falle extrem sein, aber er weist eben auch auf den Mechanismus solcher Inszenierungen hin. Und zugleich muß man eben auch sagen, daß es Sätze von Kritikern gibt, die sind dumm, die haben nichts mit dem Buch zu tun. Andererseits finde ich es in einem Interview nicht allzu verwerflich, eine Autorin zu fragen, was sie denn gerne koche. Nicht die Frage, sondern der Ton der Frage macht die Musik und die Art wie das Interview insgesamt geführt wird.

Und allerdings gibt es Bilder von Autoren und Autorinnen, da fragt man sich: Wer in Gottes Namen sucht solche Photographien aus, gibt es keine kompetente Bildredaktion? Muß eine Autorin wie eine Blödsinnige gucken, als wäre sie gerade einem Geist begegnet? Allerdings sind das auch wieder Äußerlichkeiten. Das Ding nennt sich Marketing.

Ich erinnere mich Ende der 1990er noch gut an das „deutsche Fräuleinwunder“ in der Literatur. Da wurde gerne mitgespielt und der Werbevorteil eingefahren. Frauen posierten da in einem Spiegel-Artikel, wenn ich mich recht erinnere. Kann man alles machen und die Sache geriet irgendwann in den 2000ern dann auch wieder zu recht in Vergessenheit. Die Autorinnen überzeugten oder eben überzeugten nicht durch ihre Prosa.

Literatur ist eben nie nur die schöne Literatur, sondern Bücher bewegen sich auf einem Markt und da ziehen die Mechanismen des Marketing, die auch im Fall von Rooney (und ebenso bei Glavinic oder Berg) eine Rolle spielen. Wenn man sich in einer bestimmten Pose präsentiert, dann will man das als Autorin (oder Autor) auch irgendwie so, sei es, weil man ein Klischee bedient und sich auf diesem Ticket gut das Buch verkauft, sei es, weil es einem egal ist – es gibt da viele Möglichkeiten und Zwischentöne. Die Autorin Ronja von Rönne präsentiert sich sinnlich uns sexy, sie will das so und ich mag diese Bilder, man kann das genießen, aber es gibt einem das kein Anrecht auf sexistische Bemerkungen. Allenfalls kann man die Mechanismen kritisieren, die hinter solchen Inszenierungen stecken. Aber die betreffen eben genauso Stefanie Sargnargel oder Helene Hegemann.

Und ich kann das in einem gewissen Umfang nachvollziehen, es kommt eben auch aufs Äußere an, nicht nur bei Frauen übrigens, keiner will verhungern, jeder Autor braucht eine gewisse Aufmerksamkeit, denn er lebt von seinen Büchern undsoweiterundsofort. Und ohne jenen attraktiven Frauen, die ihr Aussehen nutzen, zu nahe treten zu wollen: Aber denken sie alle einmal und fragen sich, ob jene Frauen bei selber Qualifikation diese Medienpräsenz hätten, die sie haben und die diese Frauen auch weidlich nutzen, wenn diese attraktiven Frauen aussähen wie, nun ja, sagen wir Helga Feddersen – eine tolle Schauspielerin übrigens, man sehe nur ihre Rollen in ernsten Filmen und es ist ein Irrsinn, daß diese Frau als Ulknudel vermarktet wurde und sich so auch vermarkten ließ. (Aber wir alle haben vermutlich Hunger und verdurstet auf der Bühne mit großen Worten sterben ist nicht jedermanns Ding.)

Man sollte freilich diese Dinge nicht einfach individualisieren, denn hinter dieser Auswahl stecken grundsätzliche Mechanismen. Und die haben wesentlich etwas mit der Waren- und Verwertungslogik zu tun und mit einem System, das genau diese Logik andauernd forciert. Es muß verkauft werden und diese Akkumulation von Kapital samt Reinvestition und Wertzuwachs zwingt alle Beteiligten auf ein Rad und in ein System, in dem sie allesamt mitspielen. Man dünkt sich frei und ist es ganz und gar nicht. All das wird sich nicht durch immer neue Vorschriften und Regeln lösen lassen, und in diesem Sinne sind diese Konflikte dann von beiden Seiten auch wieder äußerlich. Denn wo heute das eine geregelt wird, kommt morgen das nächste Problem. Es ist dies nur eine Frage der Zeit, und all die Hashtag-Feminismen sind am Ende zugleich eine bequeme Form. Manchmal witzig, oft aber leider strunzendumm und ärgerlich, wenn sich daran Leute beteiligen, die sich selbst für Akademikerinnen oder Akademiker halten. Aber auch so kommt man eben in die Aufmerksamkeitsökonomie. Es gibt

Besser wäre es in der Tat, wenn Literaturkritik sich zum Werk äußert und nicht zu Äußerlichkeiten. Mich interessieren weder Peter Handkes Oberkörper noch Monika Rincks Unterwäsche, sondern deren Texte. Ansonsten aber bleiben wir doch lieber bei Eichendorff, dem „Marmorbild“ und seinem schönen Gedicht „Zwielicht“, das auch Adorno in seinem Eichendorff-Essay ansprach:

Dämmrung will die Flügel spreiten,
Schaurig rühren sich die Bäume,
Wolken zieh’n wie schwere Träume –
Was will dieses Grau´n bedeuten?

Hast ein Reh du lieb vor andern,
Laß es nicht alleine grasen,
Jäger zieh’n im Wald’ und blasen,
Stimmen hin und wider wandern.

Hast du einen Freund hienieden,
Trau ihm nicht zu dieser Stunde,
Freundlich wohl mit Aug’ und Munde,
Sinnt er Krieg im tück’schen Frieden.

Was heut müde gehet unter,
Hebt sich morgen neu geboren.
Manches bleibt in Nacht verloren –
Hüte dich, bleib’ wach und munter!

[Und damit wir uns nicht mißverstehen: das ist kein antifemistisches Manifest, sondern eine dialektische Kritik unter Einbeziehung der Marktverhältnisse.]