Thomas Brasch zum 75. Geburtstag – Die Utopie des Augenblicks

„Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“
(Thomas Brasch)

An einem schönen 19. Februar 1945, kurz vor dem deutschen Endsieg, der dann nicht kam, auch nicht durch die Armee Wenck, so daß die deutschen Migranten in England hoffen durften, geboren vor 75 Jahren in Westow, einem Dorf in der englischen Grafschaft North Yorkshire, Sohn eines Juden, der zum Katholizismus konvertiert war, um dann Mitglied der KPD zu werden und nach dem Krieg ein besseres Deutschland aufzubauen, indem sowas niemals mehr möglich sein darf: Faschismus, Judenmord, Menschenverbrennen. Für uns eine andere Zeit und auch was Brasch erlebte, in der DDR und später im Westen dann: fürs Heute fremd. Was bleibt von Brasch, was bleibt von jenen alten Zeiten? Ich denke an eines seiner schönen und manchmal auch harten Gedichte, nämlich das vom schönen 27. September:

Ich habe keine Zeitung gelesen.
Ich habe keiner Frau nachgesehn.
Ich habe den Briefkasten nicht geöffnet.
Ich habe keinem einen guten Tag gewünscht.
Ich habe nicht in den Spiegel gesehn.
Ich habe mit keinem über alte Zeiten gesprochen und
mit keinem über neue Zeiten.
Ich habe nicht über mich nachgedacht.
Ich habe keine Zeile geschrieben.
Ich habe keinen Stein ins Rollen gebracht

Auch das ist eine Utopie des Augenblicks. Nichts zu tun, aus allen Bezügen sich herausnehmen, insbesondere in einer sozialistischen Gesellschaft, die dauernd zum Schaffen und zum Arbeiten anhält. Und noch viel  mehr in einer kapitalistischen Ordnung, die zum Schaffen und Arbeiten den Zwang zur Optimierung hinzusetzte, einen Zwang, den wir bereits vielfach internalisiert haben, so daß nicht einmal mehr die Mechanismen einer Kontrollgesellschaft mehr nötig sind oder wie es Gilles Deleuze im „Postscriptum zur Kontrollgesellschaft“ formuliert:

„In den Disziplinargesellschaften hörte man nie auf anzufangen (von der Schule in die Kaserne, von der Kaserne in die Fabrik), während man in den Kontrollgesellschaften nie mit irgend etwas fertig wird: Unternehmen, Weiterbildung Dienstleistung sind metastabile und koexistierende Zustände ein und derselben Modulation, die einem universellen Verzerrer gleicht.“

Was bleibt von Brasch? Manchmal lohnt es sich, in alte Bücher wieder hineinzulesen. Es müßte, für eine besondere Art des Rezensierens, auch im Feuilleton eine Rubrik namens „Wiedergelesen“ eingeführt werden. Doch Literaturkritik im Feuilleton ist in der Eile des Geschäfts aufs Aktuelle getrimmt, da bleibt kaum Platz für eine wiedergängerische Lektüre. Alte Bücher sind zwar keine abgelebten, aber sie sind unwiederbringlich vergangen und haben für die tagesaktuelle Literaturkritik ihre Zeit hinter sich. Das ist oftmals schade, denn manches alte und manchmal auch vergessene Buch verdient es, dem Leser ans Herz gelegt zu werden. Sie sind da, irgendwie abgelegt und kaum noch tagesaktuell, und ragen als gealterte Wegmarken in die Literaturlandschaft. Es lohnt sich, sie immer einmal wieder zu lesen. So auch Thomas Braschs Prosaband Vor den Vätern sterben die Söhne aus dem Jahr 1977. Der Titel dieses Romans wurde zum geflügelten Wort. Ein Stück Geschichte der DDR lesen wir hier, Skizzen aus dem Alltag des Arbeiter- und Bauernstaates. Da schreibt Brasch von jenem lebenswilden Robert, dem es in jenem Land hinter dem Stacheldrahtverhau mit Selbstschußanlage, NVA-Posten mit scharfer Waffe, Grenzhund und Landminen zu eng wurde.

Ja, tatsächlich – Brasch wagte den Bitterfelder Weg, er schrieb die Geschichten aus der Produktion, Geschichten von der Arbeit, Geschichten aus dem Betrieb und er erzählt vom Leben, vom Wunsch nach Leben. Aber nicht in der Weise, wie es sich die Oberen der DDR gedacht hatten und wie es genehm war: „Kumpel, greif zur Feder!“. Es ist die Geschichte einer Generation, die keinen anderen Staat als den sozialistischen gekannt hat, die Erfahrungen und die Kämpfe ihrer Väter unter Krieg und Faschismus sind ihnen fremd. Die Generation der in den 40er und 50er Jahren Geborenen. Sie kennen nur die Enge der DDR. Ja, in diesem Sinne ist diese Prosa – soll und kann man dieses Buch eigentlich einen Roman nennen? Das wäre eine interessante Frage im Sinne der Gattung – dem Geschichtszeichen 1968 verhaftet, dem Prager Frühling nämlich, es ist ein Buch vom Protest, und zugleich schwingt darin im Ton die neue Subjektivität der 70er Jahre mit. Ausbrechen.

Es berichten meist junge Menschen von ihren Erfahrungen: zu dritt an die Ostsee türmen, um für eine kurze Zeit auszubrechen, das Leben im Arbeitsbetrieb hinter sich lassen. Brasch schreibt Szenen aus dem Alltag, aber genauso fließen in diesen Erzählfluß eine Parabel und ein fingierter Mythos ein, nämlich der von Apollon und Marsyas – jener Satyr, der Apollon im Wettstreit der Künste herausfordert. Freie Kunst gegen Staatskunst. Eine Generation, die sich im Protest aufreibt. American Folk Blues Festival im Friedrichstadtpalast, Männer, die Mädchen kennenlernen und daran doch irgendwie scheitern. Vor den Vätern sterben die Söhne. Wir erleben die Filmvorführung Spur der Steine und wie im Kino einige Stasis organisiert den Film stören und dann vom Publikum verjagt werden. Es kommt zu tumultartigen Diskussionen. Und da lernt der Erzähler dieser Episode im Kino jenen rebellischen Robert kennen. Eine Jugend, die nicht am Gängelband gehalten werden will. Lost Generation in der Überbehütung der DDR, in der Überhitzung einer neuen Zeit, die da heranbricht und die jene alte Funktionärskaste,die das für die Menschen angeblich Bessere aufbauen wollte und doch nur einen Knast hinter Stacheldraht schufen. Und insofern ist in Bezug auf diese ostdeutsche Dissidenz das von Michael Rutschky geprägte Wort „Erfahrungshunger“ auch eine dieser gelungenen  Metaphern.

„Vielleicht hast du recht, sagte er, tatsächlich zerspringt mir der Kopf von all den Theorien, Systemen und historischen Gesetzmäßigkeiten, die ich gelernt habe. Sie wollen unseren Blick auf die angeblich großen Dinge lenken, damit wir unsere eigenen Erfahrungen nicht ernst nehmen. Wir dürfen auf die Barrikaden gehen, wenn es um Musik geht oder um Frisuren oder um Hosen. Das schadet keinem, und nach einer Weile werden wir die Tür einrennen, die sie angelehnt haben, und wir werden auf der Nase liegen. Dann werden wir von dieser leeren Gegend in unseren Herzen sprechen wollen, aber sie werden mit großer Geste auf das Leid in Indien weisen und uns Kleingeister nennen. Nichts trifft sie mehr, als wenn wir beginnen, über unsere Erfahrungen zu reden so laut, wie sie über ihre und die Leute in Indien über den Hunger. Ich hab es von dir gelernt. Du redest über nichts, was du nicht kennst.“

Im Gang der Lektüre jedoch schält sich keine zusammenhängende Story heraus. Die Erzählerstimme blendet auf verschiedene Episoden, die Erzählperspektive wechselt vom Ich-Erzähler zu erlebter Rede oder zur Erzählung in der dritten Person. Brasch erzählt in Bruchstücken eine Geschichte, die jedoch immer wieder abreißt, auf andere Fäden verweist, kurze Prosastücke, die zunächst kein Kontinuum zu bilden scheinen. Vom Zimmer des Vernehmungsoffiziers – „Bitte kommen sie mit zwecks Klärung eines Sachverhaltes“ –, in dem der Erzähler nun hockt und über Roberts Flucht befragt wird, geht es in die Welt der Produktion. Oder nachts eine trostlose Fahrt mit der S-Bahn, ein Mann und eine Frau. Zwei Körper. Das Private war auch (oder gerade) in der DDR politisch. Robert, dem diese DDR-Welt zu eng wurde. Robert, dem die Flucht aus diesem engen Land nicht gelang:

„Was ich will, schrie er, diese Nabelschnur durchreißen. Die drückt mir die Kehle ab. Alles anders machen. Ohne Fabriken, ohne Autos, ohne Zensuren, ohne Stechuhren. Ohne Angst. Ohne Polizei.“

Das, was Robert und all die anderen wünschen, wovon sie heimlich träumen – das gibt es nicht. Fraglos ist jener Robert, der das herausbrüllt, ein Alter Ego des Autors, wenn man denn biographisch lesen möchte. Erfahrungshunger. Eine jener rebellischen Figuren, jene, die eine andere DDR wollen, die aber im Grunde nicht fort und über die Mauer möchten. Wie Brasch. Der Staat DDR hatte viel mit Braschs Schreiben zu tun. Und der Titel dieses Buches zeigt sicherlich auch eine Familienkonstellation. Brasch verteilte Flugblätter gegen den Einmarsch der Sowjets in die ČSSR. Prager Frühling und der Wunsch nach einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Nun aber, nachdem der Aufstand mißlang, ist das Land wieder eng. Und grau, wie die Häuser, wie die Straßen und wie das später auch zum Klischeebild von Photographien und inneren Bildern aus der DDR sich verfestigte. Man sucht sich die Freiräume, wo es irgend geht.

„Wir waren eine Woche lang an der Küste von einem Ort zum anderen gefahren, um ein Zimmer zu bekommen. Ich hatte mich von einem Arzt krankschreiben lassen, und nachts lagen wir in den Strandkörben und sahen auf das Meer. Robert hatte mir erzählt, wie er exmatrikuliert worden war, und hatte zugehört, wenn ich von Grabow, Ramtur, Fastnacht, Kirsch, Rita und den anderen aus meiner Brigade gesprochen hatte.

Ich würds nicht aushalten, sagte er, jeden Tag um vier aufstehen, zwei Wochen Urlaub und vielleicht vier Wochen krank. Ich würde zum Hund werden.

Er legte sich zurück.

Das ist Leben, sagte er. So liegen, nachts, und das Meer vor dir. Die Gedanken durch den Schädel treiben lassen im Rhythmus des Bebop: sanft und kräftig. Das Klopfen in der Erde spüren und die Haut auf den Knochen. Lachst du.

Ich hör dir zu.“

Aber so ist das Leben nicht und diese Utopie des Augenblicks kann nicht halten. „Es legt sich ein Grauschleier über die Stadt, den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat“, dichtete 1980 die Band Fehlfarben. Diese Zeile paßt nicht nur für Westberlin, sondern spiegelt gut den Muff jener Sozialistenjahre wider. Jene Väter, die in guter Absicht ein besseres Deutschland schaffen wollten, gezeichnet vom Faschismus, und jene Söhne, die nichts anderes kannten als die Normenklatura und daran inzwischen erstickten. Allerdings geht diese Brasch-Prosa doch weit über die DDR hinaus. Was Brasch beschreibt, ist eine Leere, die es in dieser Form genauso im Westen gibt, oder wie es die Franzosen sagen: Métro, boulot, dodo. Pendeln, arbeiten, schlafen. Auch die Revolte gegen dieses Lebensmodell – daß das Leben nicht mehr lebt – kennzeichnete den Aufbruch von 68 und schlug sich in der Literatur jener Jahre nieder und was dann in den 70er Jahren  in Ost- wie Westdeutschland unter dem Titel Neue Subjektivität firmierte, nachdem die Träume von Revolution und Revolte ausgeträumt waren. Ob dies Bernward Vespers Monumentalmonolog Die Reise war oder eben in pointierter Prosa mit einer Reise im kleinen bei Braschs Vor den Vätern sterben die Söhne.

Bei solchem Titel kann es nicht schaden, Braschs Lebensumstände zu kennen, wenngleich es für die Struktur der Prosa nur bedingt etwas hinzutut. Thomas Brasch wurde als ältester Sohn des jüdischen Emigranten Horst Brasch geboren. Jener Horst Brasch, der später dann in der DDR zur Funktionärselite zählte, immerhin stellvertretender Ministers für Kultur der DDR. Als sein Sohn jene Flugblätter verteilte, zeigte ihn sein Vater bei der Obrigkeit an. Allein: Es nützte dies auch dem Vater nichts, der fortan, obwohl in tiefem Glauben an die DDR als besserem Staat, kaltgestellt wurde. Thomas Brasch hatte zwei Brüder, Klaus und Peter Brasch, der eine Schauspieler, der andere ebenso Schriftsteller, sowie die Schwester Marion. Von den vier Kindern lebt einzig Marion Brasch noch, der letzte Brasch-Sohn, Thomas, starb im November 2001, ein halbes Jahr vorher, im Juni 2001 starb sein jüngerer Bruder Peter, und 1980 sein Bruder Klaus. Zur Beerdigung damals sah Thomas auch seinen schon schwer kranken Vater wieder. Eine Verständigung, eine Aussprache über jene Ereignisse von 1968, jene Anzeige damals bei den Behörden, war nicht möglich.

Eine traurige, eine seltsame Familiengeschichte, aus alten Zeiten. Da gerinnen Nationalsozialismus, Flucht und Vertreibung aus Deutschland sowie das bessere Deutschland, das sich hinterm Drahtverhau verbergen mußte, zu einer dramatischen Familiengeschichte. DDR-Geschichte in nuce. Marion Brasch erzählt diese Familiengeschichte auf teils melancholische, teils amüsante und herrliche Weise in ihrer ganz und gar wunderbaren Familienchronik Ab jetzt ist Ruhe. Es sei das Buch jedem ans Herz gelegt, der etwas über das Leben in der DDR und über die Familie Brasch wissen mag. Die Allüren des großen, wie auch der anderen Brüder. Alkohol und Drogen waren ihre großen Feinde und Freunde im Schaffensdrang. Ein großes Buch, fein erzählt.

Und wie ein Rausch in Sprache, eine moderne Collage aus Prosa-Miniaturen ist auch jenes Buch von den Söhnen geschrieben,die vor ihren Vätern sterben. Daß Brasch Lyrik macht, merkt man diesen Texten an. Sie erzählen nicht nur, sondern verdichten Szenen in sprachmächtigen Bildern: mal brutal, mal schön, mal dramatisch mit den Mitteln des Theaters, beschreibend und lyrisch fokusiert. Ein grandioses Buch, unbedingt wiederzulesen, das mit Wucht in der Sprache auf den Leser eindringt, von jenem Hunger nach Erfahrung uns  erzählt, diese Sucht nach Mehr, die doch am Ende in der Aporieschleife sich verhängt. Noch heute insofern aktuell, wenn eine leerlaufende Subjektivität gegen Wände rennt: „Das Ende der Illusionen“, so heißt ein neues Buch des Soziologen Andreas Reckwitz und dieser Titel trifft ganz gut nicht nur die Gegenwart, sondern ein gesellschaftliches Szenario in Ost und West, das sich bis in die 1960er Jahre streckt.  Und Brasch zeigt in Prosa, wie sich ein Ich in die Welt imaginiert, die es nicht gibt, und doch immer nur bei sich selbst landet.

„Warum bist du nicht eine andere, das Licht hinter den Lidern. Das Fenster ist zu. Wenn ich mir den Schädel aufbrechen könnte. Ich will nichts hören. Das Brennen im Fleisch. Dieses endlose Selbstgespräch. Du und Ich. Das Trümmerfeld hinter der Stirn. Sei endlich ruhig, kein Wort mehr.“

Poesie und Prosa sind der Versuch, das Stirnwandgefängnis zu brechen. Das kann man im anderen Kontext auch außerhalb dieser Szenerie lesen,  und man kann genauso beim Blick in diese Szene dem gebrochenen Mann zusehen, der diese Sätze in seinen Gedanken ausspricht, während er nachts bei einer Frau hockt, die er in der S-Bahn halbbesoffen ansprach, ein Mann, der im Knast saß und das Leben mit einer Frau und in der Welt bereits verlernt hat. Prosa-Miniaturen, die in ihrer Anordnung die Prosa eben doch zu einem Roman machen.

Oder man kann das Zweifel- und Verzweiflungsprogramm als lyrische Verdichtung fassen, um qua Sprache eine Stimmung  zu intensivieren – ähnliche Sentenzen finden sich auch in der posthum herausgegebenen Gedichtsammlung „Die nennen das Schrei“ und auch in der seltsamen Prosa Mädchenmörder Brunke findet sich dieses Motiv des verkapselten Ichs, das nicht zum anderen zu gelangen vermag. Mauern auch im inneren. Ein Motiv, das sich zentral durch Braschs Werk zieht – Leit- und Leidmotiv in einem. Vor allem aber fällt einem an dieser Stelle ein anderer Autor ein, nämlich Georg Büchners Revolutionsdrama Dantons Tod. Wir erinnern uns an die Anfangsszene, an die Schwierigkeiten der Liebe im Zeitalter der Revolution. Das Private ist politisch und jedes Ich doch nur ein vereinzeltes Ich, in seinem Solipsismus befangen:

„Ja, was man so kennen heißt. Du hast dunkle Augen und lockiges Haar und einen feinen Teint und sagst immer zu mir: lieber Georg! Aber (er deutet ihr auf Stirn und Augen) da, da, was liegt hinter dem? Geh, wir haben grobe Sinne. Einander kennen? Wir müßten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren. –“

Diese Innenraumerkundungen, die doch zugleich die der Gesellschaft der DDR sind, unternimmt Braschs Prosa. In Berlin. Ein Lesebuch für Städtebewohner – und wie wir wissen, schätzte der Brasch den Brecht. Insofern verwundert die Allusion nicht:

„Spuren verwischen, dachte ich, mich ausradieren. Ich werde ihnen ein weißes Blatt vorlegen, wenn sie wiederkommen.

Ich steckte mir die Zigarette in den Mund und ging auf den S-Bahnhof zu. Er war leer wie meine Wut.“

So dachte jener Mann, nachdem er, noch in der Nacht, und im Danach, die Wohnung jener Frau verließ. Ohne daß es zu nennenswerten Höhepunkten gekommen wäre.

Thomas Brasch: Vor den Vätern sterben die Söhne, Rotbuch Verlag 2012, ISBN 9783867891813 144 Seiten, 12,00 €

Bildquelle: Wikipedia, UrheberIN: Marion Brasch (= user Freitach), Genehmigung (Weiternutzung dieser Datei) CC-by-sa-2.0-de

Dieser Text ist eine überarbeitete Fassung  eines Essays vom 11. September 2018.

Zum Tod Claire Bretéchers und jene seltsam-wunderbaren 1980er Jahre

Ich hatte Claire Bretécher Mitte der 1980er gelesen. Ich mochte ihre Comics. Eine frauenbewegte Freundin in lila Latzhosen, wie man es gerne damals in jenen Kreisen trug, schenkte mir, vermutlich auch aus Gründen, mich frauenbewegungsfreundlicher zu modeln, zum Geburtstag einen jener Claire Bretécher-Comics. Und siehe, niemand hätte es gedacht, auch ich nicht, denn ich nahm zunächst mit befremdlichem Blick das Geschenk entgegen: Comics von einer Frau gezeichnet, Lustigsein und Frausein, eine contradictio in adjecto, wie ich damals dachte: Aber ich fand diese Geschichten nicht nur gut, sondern sie entsprachen zudem meinem Humor. Auch wenn ich ansonsten nie wirklichen Zugang zu Comics als – wie es dann in den 1990ern hieß – graphischer Literatur besaß. Zumindest dann nicht, wenn sie dazu dienten, eine Literatur in Bilder umzusetzen. Solches Zeichnen wie Bretécher oder eben die Geschichten Gernhardts oder Ralf Königs und bedingt auch Seyfried, dessen unmittelbares Polit-Kreuzberg ich allerdings zugleich als eine Art Bewußtsseinsschärfung empfand, niemals in meinem Leben je in Kreuzberg wohnen zu wollen, gefiel mir insofern gut, als da eigene Geschichten erzählt wurden – mit graphischen Mitteln. Mir freilich Käferbilder anzusehen und das dann als Kafkas „Verwandlung“ zu lesen, mißfiel mir.

Aber ich bin in diesen Sachen einer Gattungsübertragung zunächst mal konservativ. Und ich schreibe bis heute in alter Rechtschreibung. (Und dann kann man sich gerne ausrechnen, ob ich wohl irgendwann mit einer heute geforderten gendergerechten Sprache anfangen werde.) Ebenso bin ich bei Literaturverfilmungen skeptisch: Es gelingt solches Übertragen von dem einem in ein anderes Medium wenigen Künstlern nur. Fassbinders „Effi Briest“ ist solch ein Fall, aber schon an Viscontis „Tod in Venedig“ streiten und scheiden sich die Geister der Cineasten. Ich halte solche Übertragungen für eine der großen ästhetischen Herausforderungen: die Struktur eines fremden Werkes in eine eigene Struktur zu übersetzen, dabei nicht zugleich alles von jenem fremden Werk über Bord zu werfen und doch genügend Eigenes beizuspielen und manches vom Anderen beizubehalten. Kreativitätssucht kann da vieles kaputtmachen. Es will also gut überlegt sein, was man macht und wie man Dichtung in Bilder bringt. Ich bin nicht prinzipiell dagegen, aber es hat diese Sache eine gewisse Fallhöhe und dicht ist man am scheitern.

Was ich an Claire Bretécher damals möchte? Vielleicht ihre französische Art im Zeichen und darum in den Bildern das Flair Frankreichs, jener kritische und doch witzige und gewitzte Blick auf eine Gesellschaft, aus der man ihren grotesken Züge mit Komik herauslas. Eine Gesellschaft, die es so und derart, in dieser Lebensform bei uns in der alten BRD nicht gab, jenen Kultur-Habitus, der in den Bildern durchschlug, wo ich mich als junger Mann nach Paris wünschte und den ganzen Zug der französischen Kultur, Literatur, Malerei, Film und Philosophie einsog.

Nicht eigentlich, weil ich es intellektuell mit 20 durchdrungen hätte, sondern eher weil in dieser Kultur solch ein Schein von einem anderen Denken durchschimmerte. Die deutsche Gegenwartsphilosophie der 1980er Jahre erschien mir uninspiriert und langweilig nachgerade. Mit Adorno und Heidegger hatte sie ihre letzten Heroen eingebüßt. Gadamer war gravitätisch, Habermas empfand ich nicht als die geeignete Lektüre für kreative Aufsteigerungen, allenfalls Sloterdijk brachte mit seiner „Kritik der zynischen Vernunft“ einen gewissen freien Witz, welcher ansonsten der Gegenwartstheorie marxscher Provenienz oder aber einer ökologischen Linken, deren Ästhetik ich bereits als verhängnisvoll empfand, vollständig abging, und die postmarxsche Debatten im Stil orthodoxer Linker betrachtete ich als völlig vergeblich. Hier in der gemütlichen Bonner Bundesrepublik wollte niemand mehr Klassenkampf.

Neues, anderes Denken mußte her. Alles, was Marx dem Arbeiter an unmittelbarem Wohlsein und materieller Sicherheit wünschte, war inzwischen gegeben, und alle wußten das eigentlich, man verschloß nur gerne die Augen, weil es in alten Mustern bequemer sich denkt und lebt. Vor allem aber: Deutscher Arbeiter! Mehr kannst Du hier nicht erreichen! Eigenheim statt Mietskaserne im Wedding. In den Hochhaussiedlungen der 1980er blieben das Lumpenproletariat und Türken aus dem Niedriglohnbereich übrig. In diesem Sinne war die politische Veranstaltung als Frage der Verteilungsgerechtigkeit mehr eine für die linke Sozialdemokratie.

Sofern man diese Frage nach gesellschaftlichem Wandel unter eine neue Optik stellt, die nicht mehr im Theorie-Kontext alter Klassenkampfbegriffe operierte, aber dennoch Marx nicht über Bord warf und auch Begriffe wie Arbeit und Kapital nicht vollständig preisgeben wollte, und sofern man diese Frage in einen sinnvollen Bezug zu den gegebenen Verhältnissen setzen wollte, mußte man philosophisch anders denken, mußte zunächst, wie auch Adorno dies im Anfang seiner „Negativen Dialektik“ als Theorie lancierte, Gesellschaft und ihrer Mechanismen überhaupt erstmal in ihrer Komplexität verstehen, um zu den Möglichkeiten einer sinnvollen eingreifenden, verändernden gesellschaftlichen Praxis unter Verhältnissen zu gelangen, die nur noch bedingt der Situation entsprachen, in der Marx schrieb. Ein klassisches Proletariat mit klassenkämpferischem Impetus gab es in den meisten westlichen Ländern nicht mehr. Italien mag da eine Ausnahme gewesen sein, Frankreich bedingt, aber selbst die großen Streiks von 1968 wurden nicht von der Masse der Franzosen getragen. Die an den Pariser Mai anschließenden Gegendemonstrationen der De Gaulle-Anhänger übertraf in der Anzahl bei weitem die Straßendemos jener Arbeiter. Post 68 und eine Postindustriegesellschaft dazu. In diesem Sinne hieß eine von Claire Bretéchers Comicserie dann auch „Die Frustrierten“ – der erste Band erschien 1975.

Ob also diese eingreifende Praxis dann noch die klassische Revolution nach sich zöge, stand dabei im Rahmen theoretischer Besinnung auf einem ganz anderen Blatt. Für Foucault etwa war solches Subjektdenken und sei es auch ein historisches Subjekt, ein Diskurs, der immer noch in den Termini des 19. Jahrhunderts dachte und insofern auf der Stelle trat. Es begannen sich also in dieser Zeit bereits Potentiale für neue soziale Bewegungen herauszubilden, die nicht mehr nur mit den klassischen Theoriekonzepten umgingen, sondern Denkfiguren mit aufnahmen, die bisher Anathema waren – was freilich, so kann man im Blick vom Heute her sagen, auch nicht nur zum guten gereichte, wenn da Poststrukturalistisches in naiver Weise als Parole deklamiert wurde und wenn man meinte, mit den komplexen Denkmodellen eines Foucault oder Derrida unmittelbar Minderheitenpolitik machen zu können: der Foucault-Biograph Didier Eribon schildert in seinem wunderbaren Buch „Rückkehr nach Reims“ treffend die Folgen solcher Identitätspolitik, die in Partikularisierung mündet. (Meine Rezension findet sich hier.)

Die Frage allerdings, wie vernetzt zu denken sei und wie man die Kämpfe in anderen Teilen der Welt mit den Fragen und der Kritik eines westlich-rheinischen Kapitalismus samt den darin sich abspielenden Lebensformen zusammenschließen könnte, waren freilich bis Ende der 1980er Jahre ohne Internet und Globalvernetzung noch in weiter Ferne. Das nichteuropäische Ausland kam in den Köpfen der meisten Menschen zu dieser Zeit entweder als Nachrichtenmeldung von Katastrophen vor, weil in Bhopal eine Giftfabrik explodierte, weil in Grenada die US-Army einfiel oder im Kongo oder im Libanon Bürgerkrieg tobt (die Band FSK brachte das gut in einen Song), oder aber es reizte allenfalls das Ausland als Exotik durch die noch seltenen Fernreisen, weil es in die Dom Rep ging.

Politisch waren diese Dinge in Deutschland damals für mich nicht wirklich anregend. Ein anderer Geist dagegen aus Frankreich: eine an Husserl, Heidegger und Nietzsche orientierte und teils ästhetisch ausgerichtete Philosophie, die das Subjekt und das Denken in einen anderen Bezug setzte. Zumindest aber eine Fremdheitserfahrung als anregendes Irritationspotenial. Vielleicht gehörte auch Claire Bretécher in diese Schiene: übers ästhetische Denken und durchs Affiziertsein samt der Reflexion darauf, warum diese Dinge so affizierten. Claire Bretécher stand für den Alltag in Frankreich, und in diesem Sinne waren ihre Comics Soziologie.

Heute kann ich mich kaum noch an ihre Comics erinnern. Ich weiß nicht einmal mehr, wo jener eine Band liegt, den ich einst von der schönen Frau geschenkt bekam, vermutlich auf dem elterlichen Dachboden in einer der Kisten, wo freundliche Stofftiere, Kinderbücher, Eisenbahn von Minitrix, Schienen und Plastikpanzer von Roco und mindestens eine Division Airfix-Soldaten lagern, um irgendwann hier die Macht zu übernehmen, ich sehe diese Dinge metapolitisch.

Nachtrag: Eine Kommentatorin wies hier noch auf die Comics von Jean Marc Reiser hin: Sie würden heute vermutlich unters Verdikt der politisch Korrekten fallen und die Wut bzw. das Wüten derer erregen, die nach Verdächtigem fahnden.

Photographie: Claire Bretécher, 1973, cc-Lizenz, wikipedia entnommen.

„Die Ursache bin ich“ – Thomas Bernhard zum Geburtstag

Gestern hatten wir Thomas Bernhards 89. Geburtstag, und vor einem Jahr gab es dazu vom Deutschlandfunk eine lange Thomas-Bernhard-Nacht, die man freilich nun nur noch nachlesen kann.

Bernhard kam am 9. Februar 1931 in Heerlen (Holland) zur Welt. Von diesen frühen Jahre schreibt er in fünf, freilich schmalen Büchern. Fünf Romane, die zwischen 1975 und 1982 nicht bei Suhrkamp, sondern im Residenz Verlag erschienen, was Siegfried Unseld ärgerte: „Die Ursache. Eine Andeutung“, „Der Keller. Eine Entziehung“, „Der Atem. Eine Entscheidung“, „Die Kälte. Eine Isolation“ und „Ein Kind“. Der letzte Text dieser autobiographisch geprägten Romane beschriebt von der Chronologie her den Anfang dieses Lebens, nämlich die Jahre der frühen Kindheit bis zum Eintritt ins Salzburger Internat, der dann in „Die Ursache“ den Auftakt bildet. Eine Kreisbewegung vollzieht und vollendet sich.

„Mein Großvater griff sich an den Kopf und sagte: wie gut, daß es nicht Passau ist, daß ich Salzburg für Dich bestimmt habe.“

So der Schlußsatz von „Ein Kind“. Zum Ende des letzten, eigentlich harmonisch ausklingenden Teils wird der Leser jedoch wieder in die Verstörung geworfen, weil er nach der Lektüre des ersten Bandes „Die Ursache“ inzwischen weiß, was in Salzburg geschah. Und insofern ist diese vermeintliche Harmonie umso perfider, weil wir an diesem Punkt der ausgehenden Kindheit und wo es dann ins Internat geht, schon genau wissen, was dann passieren wird. Das Verstörende einer Existenz, die das Ende der Kindheit bedeutete, ist zum Beginn des Romans „Die Ursache“ an eine Stadt gekoppelt und wird eins mit ihr. Salzburg bildet den Auftakt des Textes. Das fängt mit einer Zeitungsmeldung über das Bundesland Salzburg vom 6. Mai 1975 an, die – ganz vom Allgemeinen, dem Gesellschaftlichen herkommend – als Zitat voranstellt ist. Darin heißt es, daß Salzburg gegenüber allen übrigen österreichischen Bundesländern die höchste Selbstmordrate aufweise. Man dachte, es wäre Kärnten, aber tatsächlich ist es Salzburg.

„Die Ursache“ beginnt sodann mit furiosem Einsatz. Es prescht die Prosa durch, von der Konstruktion her taumelnd und atemlos gebaut – beim bekanntermaßen schlechten Wetter Salzburgs anfangend –, eine Kaskade, eine Tirade des begründeten Hasses auf diese Stadt und seine Menschen, ein Sprachstrom der Verzweiflung und der Aufwallung, welcher auf die Umstände und vor allem auf diese, so Bernhard, durch und durch katholische und nationalsozialistische Menschenvernichtung, die mit Salzburg, der Mozartstadt, und mit den Erinnerungen des Protagonisten verkoppelt ist, reflektiert: Die nationalsozialistische Erziehungsanstalt, in welche der Protagonist wie aus dem Nichts und für ihn völlig unbegreiflich 1943 hineingeworfen wurde, die dann nach 1945 mühelos zum katholischen Internat sich wendete.

Sieben Sätze über zwei Seiten! Es entäußert sich in dieser Sprache vermittels des Stils eine Subjektivität als Furor, und das eben meint etymologisch genommen das Wort „extrem“, wenn nicht extremistisch gar: die Art nämlich, wie sich diese Sprache geriert, ist das Äußerste, und sie weist auf dieses. Aber sie bleibt darin nicht stehen und pocht nicht auf ihre Unmittelbarkeit in Wahrnehmungs- und Wut-Exzessen. In ihrem Extrem bringt die Sprache Bernhards es ebenso gesellschaftlich auf den Punkt, zeichnet das politische Milieu dieser Zeit. In der maßlosen Übertreibung liegt die Wahrheit, denn die Begebenheiten sind maßlos – die Wahrheit jenes durch und durch verlogenen, katholischen, nationalsozialistischen Österreich, das durch diesen in den Augen des Erzählers faschistischen Mechanismus eben die Menschen bricht. Der nahtlose Übergang vom Nationalsozialistischen zum Katholischen. Dieses Zerbrechen geht soweit, daß die, welche nicht mitkommen, sich in den Tod stürzen, auf die asphaltierte Müllner Hauptstraße, die vom Protagonisten Selbstmörderstraße genannt wird.

Bernhards Literatur ist über die Jahrzehnte hinweg immer auch eine politische Prosa gewesen, – nur eben in der Weise, daß sie dies nicht im Engagement, sondern in einer kalkulierten Wut der Österreichbeschimpfung herausstieß – die schwarzen, wie auch die roten Schweine, die Korruption, die Cliquenwirtschaft, der Klüngel. Eine Wut, die aufs Politische unter dem Neigungswinkel der eigenen Existenz und damit von einem subjektiven Standpunkt her blickte. Oder aber als Gesellschaftsminiatur in „Der Stimmenimmitator“, wo im Stile von Zeitungsmeldungen absurde, klägliche wie auch entsetzliche oder einfach nur traurige Schicksale erzählt werden.

Zum Anfang von „Die Ursache“ ist da ein „Er“, auf das der Erzähler blickt, das beschrieben wird inmitten dieser Welt der Verzweiflung, eine Kindsverzweiflung, in die Welt des Internats hineingeschleudert,  wo eine Geistes- und Gemütszersetzung des Kindes, das sich gerade in dieser Phase in seiner Reifezeit bewegt, stattfindet. Diese Stadt ist in allen ihren Aspekten und Ausprägungen ein Todesort, in den der Heranwachsende, der 13-Jährige mit einem Male und unvermittelt gestoßen wird. Und im Fluß der Sprache gerät dieses Er, das da rückblickend in der Außenperspektive der abgelebten und doch fortwirkenden Vergangenheit gesehen wird, zum Ich; es reflektiert in sich hinein und zieht das Geschehene im Akt des Erinnerns hervor. Es sind diese Sätze samt der anfänglichen Distanzierung, die nicht „Ich“ schreiben kann, zugleich eine furchtbare, aber notwendige Vergewisserung des Selbst, der eigenen Existenz, der Künstlerexistenz, welche am Ende und im Gang der Reflexionen und Spiegelungen die einzig mögliche ist. Annäherung durch Abspaltung der subjekteigenen Teile. Intuitiv ahnte der 13-Jährige dies bereits. Kunst ist Entfremdung, sich fremd werden, um sich näher zu kommen oder auch, um Schreckliches zu schauen. Kunst ist ein Integral. In diesem Sinne ist die Autobiographie ein für den Schriftsteller wesentliches Genre.

Schon dem Jugendlichen bot diese Kunst den einzigen Ort des Rückzugs. Exemplarisch wird dies an der widerwärtigen Schuhkammer des Internats vorgeführt, die der Zögling zum Geigespielen und -üben zugewiesen bekommt. Diese Kammer ist ein Selbstmord-Ort, ein Verzweiflungsort und zugleich das Gegenteil davon und eben auch eine Metapher, in ihr durchdringen sich reale Zustände und ins Übertragene gewendete Bilder. Diese Kammer ist der Ort, wo in der äußersten physischen Enge sich das Vergessen des Daseins in der Musik einstellt, dieses Schopenhauersche Motiv seiner Kunstmetaphysik: wenn das Subjekt (realiter in extremer Enge) aus sich heraustritt, sich aus der Welt der Vorstellungen entläßt – und es hat insofern seine Gründe, weshalb Schopenhauer, neben Novalis, einer der für Bernhard so bedeutsamen Philosophen ist. Kunst ist Entfremdung, Verfremdung und Rettungsort in einem. Im Erzählen distanzieren wir und werden frei. Aber Kunst ist nicht einfach nur solche Ich-Therapie, denn dann wäre jede Autobiographie auf ihre Weise irgendwie gleichgut. Das ist aber nicht der Fall.

„Die Schuhkammer ist mit hunderten von schweißausschwitzenden Zöglingsschuhen in morschen Holzregalen angefüllt und hat nur eine knapp unter der Decke durch die Mauer geschlagene Fensteröffnung, durch welche aber nur die schlechte Küchenluft hereinkommt. In der Schuhkammer ist er allein mit sich selbst und allein mit seinem Selbstmorddenken, das gleichzeitig mit dem Geigenüben einsetzt. So ist ihm der Eintritt in diese Schuhkammer, die zweifellos der fürchterlichste Raum im ganzen Internat ist, Zuflucht zu sich selbst, unter dem Vorwand, Geige zu üben, und er übt so laut Geige in der Schuhkammer, daß er selbst während des Geigenübens ununterbrochen fürchtete, die Schuhkammer müsse in jedem Augenblick explodieren, unter dem ihm leicht und auf das virtuoseste, wenn auch nicht exaktesten kommende Geigenspiel geht er gänzlich in seinem Selbstmorddenken auf, in welchem er schon vor dem Eintritt in das Internat geschult gewesen war, denn er war in dem Zusammenleben mit seinem Großvater die ganze Kindheit vorher durch die Schule der Spekulation mit dem Selbstmord gegangen.“ (Bernhard, Die Ursache)

Spekulatives Denken als Form der Phantasie gerät – fast antiidealistisch – zur Verzweiflungstat, weil die Augenblicke der Wirklichkeit entstellt und deformiert sind. Die Musik wird dem Zögling zum Mittel des Rückzugs, frühreifer ästhetischer Eskapismus, der noch nicht weiß, was er ist und wohin es ihn treibt. Durch die Musik gelingt es diesem Ich, sich abzusondern – von den Mitschülern, von der Welt. Diese Kammer dient ihm zur einzigen Fluchtmöglichkeit, wie es einige Zeilen später heißt. Diese Kammer transformiert sich zum Ort der Verdichtung, der Auflösung, des Seinsgewinns. Was im ausströmenden Klavierspielen des Hanno Buddenbrook an jener berühmten Stelle des Buches noch den Orgasmus evozierte, so daß sich Musik(-Spiel) und Sexualität verbanden, wird hier zum Spiel mit und zugleich gegen den Tod. Aber es heißt im Französischen die Umschreibung für den Orgasmus schließlich La petite mort, und das erotische Moment ist diesen musikalischen Todesmomenten der Entrücktheit nicht fern. Und das Todesmotiv wird dann qua einer schrecklichen Erkrankung bei Protagonisten auch im weiteren Lauf der Zeit eine wesentliche Rolle spielen. Doch zunächst ist diese Schuhkammer ein Raum der Engführung, einer Verklammerung von Selbstreflexion, Todesmotiv und Musik:

„Sein Eintritt in die Schuhkammer bedeutete gleichzeitiges Einsetzten seiner Selbstmordmeditation und das intensivere und immer noch intensivere Geigenspiel eine immer intensivere und immer noch intensivere Beschäftigung mit dem Selbstmord.“

Hier aber gerät die Kammer schließlich zur Rettung, weil sich eine Möglichkeit für den Zögling offenbarte, die stärker als jede Regung des beschädigten Lebens sich erweist: nämlich die Kunst. Diesen Weg zur Kunst und zum Subjekt, das seine Versehrtheit, die es erfuhr, jedoch niemals mehr verlieren kann, durchschreiten diese fünf Romane. Sie sind, um es ganz emphatisch zu schreiben, große Literatur und mehr als eine Autobiographie – die freilich, weil sie am Ende eben doch Literatur und als Literatur gewirkt ist, zugleich immer Fiktion bleiben muß. Und insofern gelten auch für solche Textformen der in den 1970er Jahren sich etablierenden Neuen Subjektivität, die einst antrat, um die gescheiterten Hoffnungen kämpferischer 68er ins Ich zu verlagern, die Kriterien für literarische Form und die Maßgaben für die ästhetisch gelungene Gestaltung des Inhalts. Die Autonomie der Kunst macht auch vorm Subjekt keinen Halt.

Der Literaturwissenschaftler Ralf Schnell schreibt in „Die Literatur der Bundesrepublik“:

„Salzburg bildet den Hintergrund dieses desaströsen Lebensberichtes aus der Feder, aus dem Denken, aus dem Empfinden eines Österreichers, der erst im letzten Band seiner Autobiographie Distanz zum eigenen Weg zu finden beginnt, einfacher, sachlicher, unprätentiöser schreibt, gleichsam im Grade einer versöhnlichen Besinnung auf die früheste Kindheit die späteren Obsessionen und Manierismen preisgebend. Denn dies ist zumal für die ersten drei Bände festzuhalten: Thomas Bernhards Besessenheit durch die einmal und grundlegend erfahrenen Erschütterungen reißt in seinem Werk wie ein Strudel das Treib- und Sperrgut österreichischer Ungleichzeitigkeit unablässig und in immer neuen Facetten in sich hinein, um es wieder herauszuschleudern und abzustoßen, um es abermals, verändert und verstört, aufzugreifen und umzuwälzen, ein Prozeß der gleichzeitigen Hervorbringung und Vernichtung von Erfahrung durch Sprache, ebenso obsessiv wie unabschließbar.“

Den ersten Satz kann ich so nicht teilen, sofern der Satz nicht nur deskriptiv, sondern als Wertung gedacht ist. Denn gerade in diesem Zorn, einer Thymos-Energie, deren Aufsteigerung als Haß Karl Heinz Bohrer kürzlich in einer Studie untersuchte (siehe meine Rezension hier), gerade in den Wucherungen und dem Wüten inmitten der Welt, in der Sprache sowie in der Gesellschaft liegt die Stärke insbesondere des ersten Bandes. Durch die hypotaktische Struktur der Bernhardschen Sätze mit diesen Kaskaden, den Aufsteigerungen und Wiederholungen, in denen Motive angespielt, abgebrochen, wieder neu durchgespielt werden, entsteht einerseits dieser Klang, jene Musikalität der Sprache, die dann in der späteren Prosa Bernhards sich erst zur Meisterschaft entfaltet (und leider eben auch einen oft imitierten Bernhard-Sound schuf, so daß sich die Prosa dann teils selbst persiflierte), und zugleich erzeugen diese Hypotaxen das Atemlose und Furiose. Es entsteht eine monologische und monadologische Struktur, ein innerer Monolog, wie ihn die ästhetische Moderne bisher nicht kannte, und zwar in bezug auf die Krankheit als konkretes Phänomen, das nicht bloß Thomas-Mannsche Metapher fürs Künstlertum bildet, sondern ganz real eine Krankheit als Lebensvernichtungsmöglichkeit zeigt. Todesform, Rausch, Musikalität, Emphase, Haß, Hinabziehen und Herausstoßen des Erfahrenen bilden eine Melange von ganz eigener Art und erzeugen so den typischen Stil Bernhards, nämlich eine reflektierte Wutprosa in Form eines Sich-frei-Schreibens im Thymos, die diesem ersten Band bereits zum Beginn seine Struktur gibt – eben das, was zuweilen jener grandiose Bernhard-Sound genannt wird.

Zorn und Verzweiflung des Protagonisten treiben sich in dieser Sprachaufwerfung ins Unermeßliche. Was einmal romantische Unendlichkeit war, wandelt sich zur unendlichen Wut am Immanenzzusammenhang. Ein Entrinnen gibt es nur in der künstlerischen Form, in der Formung und Durcharbeitung jener beschissenen Faktizität – indem es zur Schrift gerinnt, zur Literatur wird. Hier, im Schreiben findet sich der Rettungsort, die einzige Möglichkeit des Daseins, ja zuweilen erreicht der Protagonist dabei sogar eine Form von Ruhe, wenn man die späteren Bände dieser Autobiographie liest, darin ist Schnell rechtzugeben, um sie in späterer Prosa freilich in kunstvollere Bilder und Sätze der Unruhe zu treiben. Hyperbolische Texte: „Übertreibung“ heißt das rhetorische Stilmittel. Die „Auslöschung“, Bernhards letzter Roman, entfaltet das in seiner vollendeten Weise. Ein Höhe- und leider auch Endpunkt, denn drei Jahre später verstarb Bernhard. Künstlerische Urszene aber bleibt diese Schuhkammer mitsamt dem, was sich darin abspielte – als Ort von Erfahrung. Und so bildet sich eine Korrespondenz von Sprache, Musik, Todesbewußtsein und Kunst. Samt dem Denken, sein eigenes Ich wegzuwerfen: „Die Ursache bin ich.“ Tathandlung in jedem Falle.

Unbedingt muß man Bernhards fünf Romane zugleich als eine Reaktion auf die Literaturproduktion und die Tendenz dieser 70er Jahre lesen, welche für gewöhnlich unter dem Begriff der „Neuen Subjektivität“ eingeordnet wird; jene oben beschriebene Literatur der Innerlichkeit, des Inwendigen, teils auch der Fluchten ins Private, der Selbstvergewisserung. Das reichte von der Knast- über die Arbeiter- bis hin zur Frauenliteratur. Im schlechtesten Falle entstanden grausliche Befindlichkeitstexte, für die einzig das Wort Empfindungskitsch zutrifft. Kulminierend in „Der Tod des Märchenprinzen“. Im besten Falle gelangen genaue Beobachtungen der Innenwelt, die zugleich eine Außenwelt darstellen – wie im Falle Bernhards.

Charakteristisch für die Literatur dieser Jahre ist – grosso modo – das autobiographische Schreiben: sei dies, um die besten des Faches zu nennen, Max Frisch mit seinen Tagebüchern und der Novelle „Montauk“, Walter Kempowskis „Tadellöser & Wolff“ samt den daran anschließenden Romanen über die DDR und die Zeit im DDR-Knast, Günter Grass mit „Aus dem Tagebuch einer Schnecke“, vor allem aber Peter Handkes „Der kurze Brief zum langen Abschied“ und „Wunschloses Unglück“.

Doch Bernhards Autobiographie weisen übers Faktuale hinaus. Innerhalb seines Werkes nehmen diese Texte eine Zwischenstellung ein. Die bereits in seinen früheren Romanen wie „Frost“ und „Verstörung“  angespielten Motive wie das Spazierengehen, die grenzenlose Welt, die Kälte und die Daseinsverachtung, die (scheiternden, absurden) Geistesmenschen, die nie abschließbare, nie abgeschlossene Geistesarbeit, diese Menschen der Kunst und der Philosophie treten in der Autobiographie verdichtet und verändert wieder auf, und es stellt sich damit zugleich durch diese Neujustierung in der Autobiographie für die in den 80er folgenden späte Dichtung Bernhards ein Wandel in der Durchführung dieser Motive ein. Es wird heiterer, es wird entspannter. Eine Art Lust am Untergang. So wie Bernhard in seinen Mallorca-Interviews (zu sehen auf der Suhrkamp-DVD „Die Ursache bin ich“) mit einem Lächeln und dem Schalk im Auge Untergang, Unglück und Verzweiflung des Menschenlebens beschreibt.

Der Klang und der Rhythmus änderten sich in dieser späteren Prosa gegenüber dem Ton, der das Frühwerk durchzog, die Sprache fuhr eine neue Richtung. Die hypotaktische Struktur verband sich mit dem Iterativen und Ausufernden. Bernhards Prosa lebt von der spielerischen, durchgespielten Wiederholung, die als Inszenierung auftritt. Deshalb eben ist Bernhard zugleich ein großartiger Dialog- und Theaterschriftsteller. Zu mutmaßen freilich, es ginge in seinen Romanen und Theaterstücken nun heiterer zu als vormals, wäre sicherlich übertrieben, aber das ironischem witzige Moment, die Gebrochenheit auch der Tragik sowie eine Form von zynisch bis ironischer Gelassenheit gewinnt mehr Raum, seine Figuren sind tragische Komödianten bzw. komödiantische Tragiker. Ich schrieb es an anderer Stelle schon einmal: Auch für Bernhards Figuren, insbesondere die seiner Theaterstücke, trifft der Satz Becketts aus dem Endspiel zu, daß nichts komischer als das Unglück sei.

Die monadologisch-monologische Verfaßtheit des Subjekts tritt in diesem Spiel der Bernhardschen Protagonisten jedoch nicht zurück, sondern sie verstärkt sich, und zwar gerade durch das Moment der Komik. Herrschte im „Endspiel“ zwischen Ham und Clov bzw. Nell und Nagg noch das Moment von Kommunikation und – wenn auch nicht gelingender, aber doch versuchter – Intersubjektivität, so ist das bei Bernhard ausgeschaltet. Der Theatermacher betreibt sein ganz privates ureigenes Endspiel in jenem Gasthof in Utzbach mit dem Hitlerbild an der Wand, wo jenes Welttheaterstück – Theatrum mundi – aufgeführt werden soll: „Das Rad der Geschichte“, welches eine Menschheitskomödie ist und wohl nicht zufällig auch an das Rad des Ixion erinnert. Was bleibt, ist der Moment, wo auf der Bühne das Licht ausgeht, jegliches Licht, sogar das Notlicht im Theater, was seinerzeit einen kleinen Theaterskandal am Wiener Burgtheater auslöste, denn ein Notlicht muß im Theater nun einmal vorhanden sein und dem Zuschauer in der Katastrophe den Ausweg weisen. In den ach so geordnet-unordentlichen Verhältnissen muß es wenigstens das Notlicht noch geben.

Bernhard starb am 12. Februar 1989, drei Tage nach seinem 58. Geburtstag. Alt ist er also nicht geworden und er hatte in seinem Kampf gegen jene „Krankheit zum Tode“ mit den Mitteln der Kunst recht. Lebte Bernhard länger, man könnte sich kaum vorstellen, was noch an Theaterstücken, Erzählungen oder Romanen käme. Andererseits will ich sein Frühwerk nicht geringschätzen – „Frost“ und „Verstörung“ etwa. Eine Freundin und ich hatten vor mehr als 25 Jahren darin die Strukturen einer „Dialektik der Aufklärung“ ausgemacht.

Das zu rekonstruieren, bekomme ich leider nicht mehr hin. Und sowieso ist es nun an der Zeit den Text zu beenden. Es sind diese Gedanken bereits zu lange her und geschahen in einer Zeit, welche ich die wunderbaren Jahre nenne – eine Zeit, in der die Daseinsverfinsterung eigentlich ein Spiel war, während wir beim Rauchen unserer Zigaretten und beim Trinken des vielen Weines dachten, es wäre der große Ernst. Heute ist es anders herum.

 

[Dieser Text ist eine erweiterte und überarbeitete Fassung eines Blogbetrags vom 9.2.2011]

Von den Büchern, von Wespe und Orchidee – Gilles Deleuze

Es sind zwar diese Sätze von Deleuze und Guattari aus ihrem „Rhizom“ zum millionsten Male zitiert und durchdekliniert, in allen Arten und Popsoundtonlagen, als neue Lebenskunst, als Wortklang in Bars zum Weißwein, um 1993 die hübsche Susanne herumzukriegen, und die Adepten der Postmoderne in den 1990ern, die Deleuze als Mode trugen, weil sie gerade mal die Merve-Bändchen kannten, zitierten es ohne Unterlaß, ohne ansonsten zu bemerken, daß wir bei Deleuze ein strenges und sehr genaues Philosophieren finden und daß diese Sätze nun gerade keine Ausrede fürs wilde Fabulieren und Assoziieren in der Philosophie sind – doch wie dem auch sei, ich mag diesen Ton immer noch, und nach mehreren Stunden Lesearbeit hat es auch etwas Erfrischendes, und es ist immer noch eines der erfrischenden, befreienden Plädoyers für eine erotische, aber nicht freidrehende, für eine freie, aber nicht beliebige, für eine sinnliche, aber nicht vernunftslose Philosophie:

„Findet die Stellen in einem Buch, mit denen ihr etwas anfangen könnt. Wir lesen und schreiben nicht mehr in der herkömmlichen Weise. Es gibt keinen Tod des Buches, sondern eine neue Art des Lesens. In einem Buch gibt‘ s nichts zu verstehen, aber viel, dessen man sich bedienen kann. Ein Buch muß mit etwas anderem ‚Maschine machen‘, es muß ein kleines Werkzeug für ein Außen sein. Keine Repräsentation der Welt, auch keine Welt als Bedeutungsstruktur. Das Buch ist kein Wurzelbaum, sondern Teil eines Rhizoms, Plateau eines Rhizoms für den Leser, zu dem es paßt. Die Kombinationen, Permutationen und Gebrauchsweisen sind dem Buch nie inhärent, sondern hängen von seinen Verbindungen mit diesem oder jenem Außen ab. Ja, nehmt, was ihr wollt! Wir haben nicht vor, eine Schule zu grüpnden; auch Schulen, Sekten, Cliquen, Kirchen, Avantgarden und Arrièregarden sind Bäume, die in ihrer lächerlichen Erhabenheit und durch ihren lächerlichen Sturz alles zermatschen, was sich Wichtiges ereignet.

Zu n, n – 1 schreiben, Schlagworte schreiben: macht Rhizom nicht Wurzeln, pflanzt nichts an! Sät nicht, stecht. Seid nicht eins oder viele, seid Vielheiten! Macht nie Punkte, sondern Linien! Geschwindigkeit verwandelt den Punkt in eine Linie. Seid schnell, auch im Stillstand! Glückslinie, Hüftlinie, Fluchtlinie. Laßt keinen General in euch aufkommen! Macht Karten, keine Fotos oder Zeichnungen? Seid der rosarote Panther und liebt euch wie Wespe und die Orchidee, Katze und der Pavian!“

Philosophie hat – unter anderem – etwas mit Kreativität und Kombination zu tun. Sich eines Textes zu bedienen, bedeutet zudem nicht, ihn in Beliebige und schon gar nicht, ihn ins Prokrustesbett zu quetschen. Der freie Umgang mit dem Fremden ist das am zweitschwierigsten zu Erlernende.

Keine Photographien zu machen, wird mir allerdings schwerfallen, wobei ich nichts gegen Karte und Gebiet und eine Literatur als Landvermessung habe. Und auch das Verstehen von Texten würde ich nicht verabschieden, wenn jemand unter solchem Abschied versteht, daß man Texte nur noch für seine Privatassoziation verwendet, um seine oftmals armen Ideen mit fremden Namen zu augmentieren. Aber es sind ja auch Deleuzes Texte so angelegt, daß man sich nicht nur aus ihnen bedienen kann – wobei es ja vielleicht doch ein Bedienen ist, wenn man nach der Lektüre von Teilen aus seinem Spinoza-Buch einen anderen Blick auf Spinoza plötzlich wirft. Bestäubungsszenarien gleichsam.

Solche von Deleuze beschriebenen Szenarien schließen freilich zugleich das Paradox ein, dennoch auf eine bestimmte Weise zu pflanzen, zu säen und zu photographieren. Darin eben liegt zugleich die Freiheit. Zumindest dann, wenn man es klug macht und das Niveau der Theorie nicht unterläuft.

Und auch die von Deleuze beschriebene Verabschiedung jeglicher Ideologien, in die man Literatur zwängt, oder jene Kritik der Indienstnahme  ist heute wieder mehr als aktuell:

„Die Literatur ist eine Verkettung, sie hat nichts mit Ideologie zu tun, es gibt keine und es gab nie Ideologie.“

„Schreiben hat nichts mit Bedeuten zu tun, sondern mit Landvermessen und Kartographiern, auch des gelobten Landes.“

Es sind Erkundungsreisen. Manchmal ins Herz der Finsternis oder in Kriegsgebiete, so wie vor 100 Jahren Ernst Jünger, der „In Stahlgewittern“ reiste.

An 18. Januar hatte Deleuze 95. Geburtstag.

 

Deutsches Herz der Finsternis. Zur Befreiung von Auschwitz

„Der Faschismus war nichts als Menschenwerk, dies offenbar sich noch in der jeglicher Dämonie spottenden „Banalität des Bösen“. Er kann sich real auf keine höhere Gewalt berufen. Damit aber schlägt jede gesellschaftstheoretische Kritik des Faschismus, die […] ohne die Konstruktion einer höheren Gewalt nicht existieren kann, in Affirmation um, in reine Rechtfertigung dessen, was um keinen Preis zu rechtfertigen ist. Die Theorie sucht nach Gründen. Für die planmäßige Vernichtung von 6 Millionen Menschen, die noch nicht einmal zum Vorteil irgendeines anderen ausgebeutet, sondern einfach nur vernichtet werden, gibt es aber keine Gründe. Und jeder Versuch, sie dennoch zu konstruieren, muß zurückgewiesen werden.“ (Wolfgang Pohrt)

„Aus der Richtung Kattowitz sah man das Feuer von Auschwitz noch 20 km weit.“
(Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden)

Ein Höllenschlund und doch nur ein grobes Ahnen. Hilberg beschreibt in seinem Standardwerk „Die Vernichtung der Juden“ wie die Nazis alles taten, um ihr Morden zu verbergen, um diese Orte der Vernichtungslager, die zugleich Nicht-Orte waren, in einen Schleier zu legen: Sobibor, Auschwitz-Birkenau, Maydanek, Belzek, Treblinka, Kulmhof. Nicht einmal der Vorzeige-Nazi und des Führers Jurist Hans Frank, immerhin Generalgouverneur des von der Wehrmacht besetzten Polens, wurde in Auschwitz vorgelassen. Man wies ihn mit einer läppischen Erklärung ab, man schickte ihn und seine Entourage zurück: Seuchengefahr! Bis 1944 kamen rund 2,7 Millionen Menschen in diesen Lagern ums Leben. Sie wurden ermordet.

„Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes. Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht. – ‚Das jüdische Volk wird ausgerottet‘, sagt ein jeder Parteigenosse, ‚ganz klar, steht in unserem Programm, Ausschaltung der Juden, Ausrottung, machen wir.‘ Und dann kommen sie alle an, die braven 80 Millionen Deutschen, und jeder hat seinen anständigen Juden. Es ist ja klar, die anderen sind Schweine, aber dieser eine ist ein prima Jude. Von allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner hat es durchgestanden. Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei –abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zuschreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte, denn wir wissen, wie schwer wir uns täten, wenn wir heute noch in jeder Stadt – bei den Bombenangriffen, bei den Lasten und bei den Entbehrungen des Krieges – noch die Juden als Geheimsaboteure, Agitatoren und Hetzer hätten. Wir würden wahrscheinlich jetzt in das Stadium des Jahres 1916/17 gekommen sein, wenn die Juden noch im deutschen Volkskörper säßen.“ (Reichsführer SS Heinrich Himmler, Posener Rede, am 4. und 6. Oktober 1943 gehalten im Rathaus von Posen)

Diese Sätze stehen für sich, man muß sie sich auf der Zunge zergehen lassen und muß sie mit den Ohren lesen. Wie überhaupt diese Posener Rede insgesamt ein Dokument ist, das Einsicht nicht nur in die Denkmuster dieser Menschen gibt, sondern auch zeigt, was sie taten. Es ging nicht einfach um Vernichtung, sondern darum, eine Ideologie nicht nur zu leben, sondern auch aktiv zu praktizieren. Die Vernichtung der Juden. Gründlich und genau. Und doch eben eine Geheimrede, damit es nicht herauskommt, was anständig gebliebene Deutsche taten. Und nach dem Mai 1945, dem Tag der Befreiung, wie es dann ab 1985 immerhin offiziell hieß, mochten auch die übrigen, die vielleicht nicht mittaten oder auch nichts dagegen taten – wie auch, wer hätte heute den Mut, es ist immer leicht, mit eines anderen Arsch durchs Feuer zu reiten und Widerstand zu simulieren: oder wie es eine Jüdin in einem Interview sagte, als ihr Interviewpartner, ein junger Mensch, entgegnete: man hätte Widerstand leisten müssen: „Kindchen, du hättest genauso mitgetan, spiel nicht den Widerständler!“ –  mochten also auch die übrigen hinterher nicht groß daran erinnert werden.

„Die Ereignisse schienen in den Köpfen ein Versteck gefunden zu haben, keiner vermisst sie. Keiner will sie haben.“ (Gisela von Wysocki, Wiesengrund)

Der Gang durch Buchenwald von Weimar aus reicht. Doch nun kommt The Wirtschaftswunder:

„Einst waren wir mal frei
Nun sind wir besetzt
Das Land ist entzwei
Was machen wir jetzt?
Jetzt kommt das Wirtschaftswunder
Jetzt kommt das Wirtschaftswunder
Jetzt gibt’s im Laden Karbonaden schon und Räucherflunder
Jetzt kommt das Wirtschaftswunder
Jetzt kommt das Wirtschaftswunder
Der deutsche Bauch erholt sich auch und ist schon sehr viel runder
Jetzt schmeckt das Eisbein wieder in Aspik
Ist ja kein Wunder nach dem verlorenen Krieg

Und aus der Ferne leuchtet der Schein der Feuer, aber es sind nicht die Raffinerien von Auschwitz-Monowitz, sondern die Verbrennungsöfen die Brandgruben schimmern: heute, nach dem Film „Herr der Ringe“, würde man an das Land Mordor denken. Nur ist all das schlimmer. Es ist keine Fantasy. Aber sehr wohl  ist dieses Tun dort der menschlichen Phantasie und vor allem deutscher Gründlichkeit und Schaffenskraft entsprungen.

Wie nähert man sich diesem Ort? Eigentlich gar nicht. Theorie reicht an dieses Szenario nicht heran und müßte es doch zugleich, um nicht sprachlos zu blieben und damit da so etwas wie ein Denken, eine Denkbestimmung ist, die das, was da war, einholt.

Mit Hegel kann man nicht durch Auschwitz reiten, sagte einmal Anfang der 1990er ein Germanistikprofessor in Hamburg. Es war Klaus Briegleb. Er mag einerseits recht haben. Aber ich halte diese Sicht für falsch. Hegel befreit nicht von Auschwitz und holt alles irgendwie in die holistische Theorie ein, damit wir im Denken kompensieren. Aber man kann mit Hegel das, was sich in seiner Perversität und Widerlogik jeglichem Denken qua einer überbordenden Rationalität entzieht, zumindest versuchen in Begriffe zu fassen, und schon das Nennen einer Aporie oder einer Schwierigkeit ist ein erster Weg und Ansatz, sich anzunähern.

Was macht Auschwitz, was macht die Shoah derart spezifisch? Vielleicht das, was Hannah Arendt so treffend und in vier Worten bezeichnete: „Die Banalität des Bösen“. Daß da mit akribischer Logik Herren- und Paragraphenreiter, die Hunde, ihren Garten, ihre Katze und ihre Frau lieben, eine Tötungsmaschinerie in Gang setzten, und zwar bis in die Protokollierungen und die Fahrplan-Verzeichnisse hinein.

„Wir Deutsche, die wir als einzige auf der Welt eine anständige Einstellung zum Tier haben, werden ja auch zu diesen Menschentieren eine anständige Einstellung einnehmen, aber es ist ein Verbrechen gegen unser eigenes Blut, uns um sie Sorge zu machen und ihnen Ideale zu bringen, damit unsere Söhne und Enkel es noch schwerer haben mit ihnen.“ (Himmler, Posener Rede)

Menschen gelten als Dinge und jeder an seinem Platz nach Stufen geordnet und Menschen auf dem Rang von Tieren. Ohne jeden ökonomischen Sinn: Rassedenken, Antisemitismus und eine Klassifizierung von Menschen, die im Vergleich zum Kolonialregime der Engländer und Franzosen eine völlig andere Qualität entwickelte und damit einen qualitativen Sprung tat, hin zu einer neuen Form von Gewalt und dies eben macht die Singularität der Shoah aus.

Nicht mehr die Ökonomisierung von Menschen, sondern deren bedingungslose Auslöschung stand im Vordergrund. Nicht weil sie schlecht arbeiteten, sondern schlicht, weil sie nicht mehr als Menschen gesehen wurden und weil sie vor allem Juden waren. Als Volksschädlinge, als Auszurottendes. Auch Neger ließ man die Straße putzen und man schlug ihnen den Rücken blutig. Aber wenige Weiße nur kamen auf die Idee, sie auszurotten: im Gegenteil, es war bequemer, sie auf Plantagen oder in Fabriken zu halten und die drakonischen Strafen galten nicht ihrer Vernichtung, sondern der Disziplinierung der übrigen Sklaven. Sofern sie sich fügten und ihren Platz sahen. Darin liegt der Unterschied zwischen Sklaverei, Kolonialismus und dem Vernichtungs-Antisemitismus der 1940er Jahre. Der Jude wurde nicht als dienende „Rasse“ gehalten, sondern er war, dem Ungeziefer gleich, von dieser Welt zu vertilgen.

„Der Umstand, daß man die Vernunft in der Geschichte stets unterstellen muß, wenn man die unterstellte Vernunft mit der Realität verwechselt. So kommt es, daß ausgerechnet Vulgärmarxisten, welche die Unterscheidung von Begriff und Sache und also den Unterschied zwischen der wirklichen Idiotie der wirklichen Geschichte und der Vernunft, mit der Marx diese idiotische wirkliche Geschichte begreift, nicht gelernt haben – daß ausgerechnet Marxisten dem deutschen Faschismus die weltgeschichtliche Absolution erteilen, und zwar gerade dort, wo sie ihn als besonders ausgekochten, besonders teuflischen Trick des Kapitals verdammen.“ (Wolfgang Pohrt)

Was im Zeitalter der ersten Kolonialisierungen als minderwertige oder einfach zu erobernde oder aber christlich zu bekehrende niedere Kultur gesehen wurde, die zu dienen hatte oder was einfach ein ökonomischer Absatzmarkt für Waren war und was dann im 19. Jahrhundert als Rassediskurs biologistisch sich fortsetzte, gewann im deutschen Faschismus eine völlig andere Dimension. Ein qualitativer Sprung. „Der Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden“, so schrieb Adorno in den „Minimal Moralia“. Aber das ist nur die halbe Wahrheit und erklärt jenen Haß auf die Juden und diesen unbändigen Willen zur Vernichtung, diese Zwangsläufigkeit, bei der alle mittaten, nicht. Das Subjekt dieses Satzes läßt sich durch beliebige andere Zugehörigkeiten substituieren – ob Muslim, Christ oder Hindu. Die Logik des Vorurteils ist damit zwar bezeichnet, aber eben nicht die spezifische Differenz hin zur restlosen Vernichtung. Für den Juden reichte es nicht einmal, daß er dem Arier dient. Das eben, was eine Sklavengesellschaft oder Zwangsarbeit in Rüstungsbetrieben auszeichnet. Die wenigsten Juden waren dafür vorgesehen. Sondern er war zu vertilgen. Ihre Orte war Birkenau, Majdanek, Sobibor. Und dieses Vertilgen, dieses Morden der Juden, gerade weil sie Juden waren und aus keinem anderen Grund, machte Hitler bereits in „Mein Kampf“ unmißverständlich deutlich und er machte dies auch am 30.1.1939, zu seiner Rede zum Tag der Machtergreifung unmißverständlich deutlich:

„Und eines möchte ich an diesem vielleicht nicht nur für uns Deutsche denkwürdigen Tag nun aussprechen. Ich bin in meinem Leben sehr oft Prophet gewesen und wurde meistens ausgelacht […] Ich will heute wieder ein Prophet sein: Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.“

Heraus sprang nur eins: das Problem, wie man effizient hunderttausende von Menschen effizient verbrennt. Man denkt, das geht leicht: aber dem ist nicht so. Es bleiben im normalen Feuer die Knochenrückstände und aus den Hochöfen mußten die Sonderkommandos zuweilen an die 40 cm dicke Fettschichten herauskratzen. Wie darüber sprechen?

Einen zentralen Aufsatz zu diesen Fragen nach dem Begreifen und am Ende auch nach den Dimensionen von Sinn, unpolemisch, analytisch und begrifflich scharf und nicht in seinem zuweilen störenden Politfuchteln, schrieb Wolfgang Pohrt in dem lesenswerten Text „Nationalsozialismus und KZ-System“:

„Die Verdrängung selbst der Geschichte des deutschen Faschismus aus dem allgemeinen Bewußtsein behindert nachhaltig die Möglichkeit, einen Begriff davon zu erarbeiten. Denn jede Diskussion setzt voraus, daß die Beteiligten viel mehr über den Gegenstand wissen, als jeweils zur Sprache kommt. Die Diskussion verschiedener Faschismustheorien setzt z.B. immer die Kenntnis nicht nur dieser Theorien, sondern auch der von diesen Theorien noch einmal verschiedene Realität voraus. Nur im Verhältnis von Sache und Begriff läßt sich dessen Wahrheit vernünftig beurteilen.

Auch die Sache aber stellt sich für das Bewußtsein stets nur in Begriffen dar. Wo die Sache an sich selbst unbegreiflich ist, weil ihre eigene Struktur die Voraussetzung aller Erkenntnis; die „adaequatio rei et intellectus“, die Übereinstimmung von Gegenstand und Einsicht prinzipiell ausschließt, dort tendiert sie dahin, sich der Darstellung und dem Bewußtsein überhaupt zu entziehen. Das Unbegreifliche ist am deutschen Faschismus aber gerade das Wesentliche. Ihn zeichnet aus, daß er von keiner Theorie mehr wirklich erreicht werden kann.“

Dies scheint mir der zentrale Punkt, die Crux dieser Angelegenheit. Wir können die Shoah in alle möglichen Theorien einholen, als Historiker, als Soziologen, als Ökonomen, aber es bleibt immer ein unbegreiflicher Rest, woher diese unendliche Bosheit kommen mag

„Nicht einmal die Konstruktion eines strafenden Gottes – das erste Tasten wie der letzte Ausweg der Vernunft – vermag die planmäßige, fabrikmäßige Vernichtung von mindestens 6 Millionen Menschen in jenen sinnvollen Zusammenhang zu stellen, in dem der Gegenstand allein erkannt werden kann. Die Theorie setzt einerseits stets ein die Sache unter seinen eigenen, subjektiven Bestimmungen setzendes Subjekt voraus. Sie beginnt also erst jenseits der Konzentrationslager, in denen das Subjekt planmäßig vernichtet wird. Die Theorie setzt andererseits eine Sache voraus, die von den Denkbestimmungen eines auf sie reflektierenden menschlichen Subjekts nicht völlig verschieden ist: was real keiner menschlichen Logik gehorcht, kann auch kein Mensch begreifen. Vor einer Institution, in welcher die Unmenschlichkeit zum Prinzip erhoben ist, muß die Theorie daher kapitulieren.

Das Zurückweichen der Theorie vor dem deutschen Faschismus ist auch Darstellungen anzumerken, die nicht vorrangig theoretische Ambitionen haben. Z.B. Kogon, dessen Thema Beschreibung systematischer Menschenvernichtung ist, spricht eigentlich immer von etwas anderem: von der Organisation des Lagers, von der komplizierten Hierarchie unter den Henkern, von der ähnlich komplizierten Hierarchie unter den Opfern, von Kompetenzstreitigkeiten, Kommunikationsproblemen usw. Die Beschreibung erreicht gewissermaßen nicht den Gegenstand selbst, sondern sie hält bei der minutiösen Protokollierung der Organisation und Technik inne, die ihn hervorgebracht haben. […]  Am Ende weiß man über die KZ vor allem eins: wie man sie macht. Der deutsche Faschismus zwingt offenbar das Denken zur funktionalistischen Regression: statt zu fragen, was er ist und wie er zu beurteilen sei, fragt man, wie er funktioniert. Die Anpassung der Theorie an ihren unbegreiflichen Gegenstand und damit ihre Kapitulation ist vermittelt durch einen besonderen Mechanismus der Angstbewältigung: zum organisatorischen und technischen Problem neutralisiert und reduziert, verliert die planmäßige Menschenvernichtung ihre Schrecken. Das Unbegreifliche wird scheinbar nicht begreiflich, es wird sogar gewöhnlich, und das beruhigt.“

Es sind diese Passagen ganz unmittelbar von Adornos Diktum beeinflußt, daß nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben barbarisch sei und – nun kommt der zweite Teil des Satzes, der gerne übergangen wird: „das frißt auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben. Der absoluten Verdinglichung, die den Fortschritt des Geistes als eines ihrer Elemente voraussetzte und die ihn heute gänzlich aufzusaugen sich anschickt, ist der kritische Geist nicht gewachsen, solange er bei sich bleibt in selbstgenügsamer Kontemplation.“ (Adorno, Kulturkritik und Gesellschaft)

Man könnte dieser Passage, mit Hölderlin gesprochen, deutschen Gesang folgen lassen, oder wie Paul Celan es in dem Gedichtband „Atemwende“ von 1967 als Gedichttitel schrieb, den „Singbaren Rest“ folgen lassen oder jenen „Cello-Einsatz“, der einem oder einer zuweilen bei der Ankunft aufspielt. „Alles ist weniger, als// es ist,// alles ist mehr.“ Punctum. Kein Bild reicht da heran. Aber man kann es dichten, wie Celan es in seiner „Engführung“ tat. In einer zunächst hermetisch erscheinenden Sprache, die es aber gar nicht ist. Suggestiv zwar einerseits, im Sinne von eindringlich, aber dann im Bild doch wieder revozierend, bis hin zum Partikelgestöber und einem demokritschen Atomismus, in den sich ein Körper in der „Engführung“ – ein musikalischer Terminus übrigens – aufzulösen vermag:

„VERBRACHT ins
Gelände
mit der untrüglichen Spur:

Gras, auseinandergeschrieben. Die Steine, weiß,
mit den Schatten der Halme:
Lies nicht mehr – schau!
Schau nicht mehr – geh!

Geh, deine Stunde
hat keine Schwestern, du bist –
bist zuhause. Ein Rad, langsam,
rollt aus sich selber, die Speichen
klettern,
klettern auf schwärzlichem Feld, die Nacht
braucht keine Sterne, nirgends
fragt es nach dir.“

Gras, das man auseinander schreibt, kann Gas bedeuten, indem man das „r“ wegläßt, oder rückwärts gelesen Sarg. Solche Dichtung wie die von Celan sperrt sich gegen jegliche Eindeutigkeit und Vereinnahmung, sie macht sich spröde. Auch das gehört zu dem, mit Hölderlin vielleicht gesprochen, dem Andenken.

„Dann wurden die Opfer gezwungen, nackt mit erhobenen Händen durch den Schlauch zu gehen oder zu laufen. Im Winter 1942/43 konnte es aber auch vorkommen, daß die entkleideten Menschen stundenlang barfuß im Freien stehen mußten, bis sie an die Reihe kamen. Dort konnten sie dann die Schreie derer hören, die vor ihnen in die Gaskammern gegangen waren.“ (Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden)

Man kann mit Auschwitz nicht durch die Hölle reiten, und schon gar nicht kommt man mit Auschwitz in den Himmel der Theoriegerechten. Die Singularität von Auschwitz ist unhintergehbar. Aber sie ist zugleich keine Mystik und auch keine negative Theologie, aus der sich irgendwie doch ein positiver Gehalt pressen oder gewinnen ließe. Besser als alle Spekulation wäre es gewesen,  wenn man all die Täter dort in den Lagern juristisch und zeitig vor allem nach 1945 zur Rechenschaft gezogen hätte. Gegen solche Mystifizierung des Unaussprechlichen richtet sich auch  Giorgio Agambens Kritik in seinem Buch „Was von Auschwitz bleibt“.

Auschwitz ist kein Unaussprechliches, kein Adyton, keine negative Theologie:  Daß man, wie ein Leserbriefschreiber Agamben vorwarf, den unsagbaren und einzigartigen Charakter von Auschwitz durch dessen konkrete und faßbare Darstellung des Schreckens zerstörte, ist ein Trugschluß. „Doch warum unsagbar? Warum die Vernichtung mit dem Ansehen der Mystik schmücken? Im Jahre 386 unserer Zeitrechnung verfaßte Johannes Chrysostomos in Antiochien seine Abhandlung Über die Unbegreiflichkeit Gottes. Er setzte sich mit Gegner auseinander, die behaupteten, daß das Wesen Gottes begriffen werden könne, …“ Indem Johannes die Unbegreiflichkeit vertrat, daß Gott „unsagbar“, „unaussprechlich“, „unaufschreiblich“ sei, „weiß er genau, daß eben dies die beste Weise ist, ihn zu verherrlichen […] und anzubeten […].“

Ob Agamben den Johannes Chrysostomos richtig wiedergibt, vermag ich nicht zu sagen. Aber der von Agamben dargestellte Gedanke ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Und zugleich bleibt in all dem Feuer und der Asche ein Unbegreifliches. Etwas, das sich noch der Ökonomie der verstreuten Asche im Wind als Erinnerung oder als Dichtung entzieht. Kein Bild reicht heran.

***

„Auschwitz“ als Kollektivsingular bedeutet zunächst: Der organisierte Massenmord von Deutschen an Juden (und auch an Sinti und Roma), deren Gefangennahme in deutschen Städten, in griechischen, polnischen, dänischen, französischen Dörfern und Städten, der europaweite Abtransport dieser Menschen weit und tief in den Osten, hin zu den deutschen Vernichtungslagern in Polen und Weißrußland. Es bedeutete dies die Selektion, die industrielle und effiziente Tötung von Menschen, es bedeutete medizinische Experimente an Menschen und daß Menschen an den Rampen selektiert wurden. Zugleich bedeutete es aber auch, daß nichts, rein gar nichts davon nach außen dringen durfte.

Aber das ist es nicht alles. Es bedeutet auch, daß es eine hinreichende Zahl an Menschen gab, die dabei zusahen, als Menschen aus ihren Häusern geholt wurden, die dabei zusahen, als jüdische Geschäfte boykottiert wurden, die dabei zusahen als Synagogen brannten und Scheiben von jüdischen Geschäften zerschmissen wurden. All das. Und all das ist kein Fliegenschiß, wie Alexander Gauland dies insinuiert, und selbst wenn er diesen Satz hinterher relativierte, so ist solches Denken ganz und gar unangemessen in bezug auf die Sache.

Man kann Gedenken nicht verordnen und man kann es nicht erzwingen. Dennoch haben auch symbolische Tage eine Bedeutung und vor allem eine Aufgabe. Der 27. Januar hätte schon viel früher ein solcher Gedenktag sein müssen. Mit der Gründung der BRD.

Gedenken an Auschwitz bedeutet nicht nur Musealisierung, sondern ebenso einen Blick nach vorne, es bedeutet gelebtes Judentum und jüdische Gemeinden in Deutschland. Jedem, der in Berlin wohnt oder der dorthin reist, empfehle ich  einen Besuch im wunderbaren Jüdischem Museum in der Lindenstraße. Gedenken an Auschwitz heißt auch: Solidarität mit Israel! Keine unbedingte, unkritische. Aber wer diesem Staat sein Existenzrecht abspricht oder zum Boykott von Judenprodukten, genauer gesagt von Waren aus Israel auffordert, der muß es sich eben gefallen lassen, als Antisemit bezeichnet zu werden. Daß es rechts Antisemiten gibt, wissen wir. Daß sie ebenso links existieren, davor wird gerne das Auge verschlossen. Wer heute beschwört: „Nie wieder Faschismus!“, der sollte ebenso daran denken, aus welchen Gründen sich der Staat Israel gründete. Ansonsten läuft das linke „Nie wieder“ leer und gerinnt zur Parole.

Jonathan Meese zum 50. Geburtstag – samt einem Lob des Spiels und Scheins

Daß zum modernen Werk als Kunstwerk auch die Performanz und ein Habitus gehören können, zeigt uns Jonathan Meeses wunderbare Kunst. Kunst existiert nicht mehr nur in ihren Werken, sondern in umfassender Weise gerät auch das Leben in die Strudel der Kunst. Keine neue Erkenntnis im Zug der ästhetischen Moderne, aber bei Meese macht diesen Zug auf charmante und inspirierend-witzige Weise sichtbar. Eine Besessenheit, die noch das Besessene als Spiel nimmt. Vor allem aber schafft Meese es, die Dauerskandalisierung zu beruhigen, indem er darauf weist, daß ein Skandal die normalste Sache der Welt sein kann. Auch das gehört zur Performanz spätmoderner Kunst im Zeichen ihres »Spannungsverlustes« und eines ästhetischen Nominalismus, wie Adorno es nannte.

Meese schafft mit seiner Kunst – als Koppelung von Mensch und Objekt als Werk – Intensität, und es sind zugleich die Provokationen eines Kindes, das spielt und bei dessen provokantem Spiel wir doch nie sicher sind, ob es nicht einen Funken Ernst, einen Funken Spaß und auch ein zwinkerndes Auge mit enthält. Etwa wenn Kinder ironisch sind und eine Geschichte erzählen, die die Erwachsenen irgendwie ärgern soll. Szenerie nach dem Kindergarten, irgendwo in Hamburgs Osten, die 70er Jahre, das Kind geht vom Kindergarten allein nach Hause (heute unvorstellbar), es erzählt was heute so war. Kind: „Im Kindergarten haben sie dem Sven sein Pimmelchen mit der Schere abgeschnitten!“ Mutter: „Was erzählst du da? Was ist das für ein Unsinn? Woher hast du das?“ Mutters entsetztes oder doch irritiertes Gesicht ist vom Kind mit eingeplant und das Kind erfreut sich daran auch ein wenig. Kind: „Weiß nicht. Ist passiert.“ Mutter: „Sowas passiert nicht! Also: wer hat dir das erzählt?“ Irgendwie entstand diese Geschichte, weil irgendein anderes Kind irgendwas zu Hause aufgeschnappt hatte, was die Eltern in der Zeitung lasen und was sie sich dann erzählten. Kinder transformieren Kontexte. Und sie tun das lustvoll, oft auch mit grausamen Dingen. Wir inszenierten im Spielen die RAF nach und wir spielten die Panzerschlacht von Kursk und ließen Rommels Afrikacorps gegen Montgomerys 6. Armee in der ägyptischen Wüste siegen. Wir verhalfen Hitler zum Sieg über den Osten. Ohne zu wissen. Und doch wußten wir irgendwie, daß da mehr, sehr viel mehr war. Durch die Eltern und auch durch Bücher.

Kinder wissen, daß sie spielen, daß ihre Welten Kunstwelten sind, und zugleich leben sie in diesem herrlichen Kinderland, als ob da ein Reales wäre, wenn ein Militärjeep durch eine Sandkiste braust, fremde Soldaten plötzlich auf diesen Jeep schießen und von oben herab auch noch eine Messerschmitt Bf 109 rettend einschwebt: Fremde Heere Ost. Oder wenn die Puppen in der Puppenklinik brav auf den Puppendoktor warten, miteinander plaudern und der Arzt dann gravitätisch die Untersuchung beginnt – ich erinnere immer noch das Plastik-Arzt-Set meiner Schwester für die Kinderpuppenklinik, das Stethoskop und die Spritzen, die man wunderbar mit Wasser füllen konnte, um die Schwester zu ärgern. Jungsspiele, Mädchenspiele. In Spielen verlieren wir uns und vergessen die Zeit – Schiller, den Spieltheoretiker Huizinga und auch Adornos Reflexion auf die Bedeutung der Kindheit will ich hier gar nicht bemühen – wir sind im Spiel frei und fallen wunderbar aus der Welt, wir wissen, daß diese Welt, die wir da inszenieren und uns zusammenbasteln, kein Traum ist und doch auch nicht auf Dauer gestellt und auch nicht wirklich ist. Sie ist Schein und will es doch nicht sein. Und das ist sicherlich auch eine Analogie, die man auf Kunst übertragen kann, die die Phantasie und unser Vermögen zum Abschweifen bemüht.

Daß für dieses Spiel und diesen Ernst der Kunst auch Meeses Mutter immer präsent ist, dürfte nicht bloß ein organisatorischer Zufall sein, sondern dieses Prinzip des Weiblichen und auch der Mutterschaft (die eben von keinem Mann getätigt werden kann), gehört zu Meeses Kunst wesentlich dazu. Sie hat fast ein anrührendes, erlösendes Element. Und in diesem Sinne eines Gedankens an Erlösung durch die umfassende Kunst scheint es mir ebenso konsequent, daß Meese zu den Bayreuther Festspielen 2016 den Parsival hätte inszenieren sollen. Doch die Leitung sagte am Ende ab. Auch das vielleicht ein Sinnbild für die Kunst.

Künstler wie Meese machen das, was die meisten sich in der Welt nicht mehr trauen. Wenn wir zum Einkaufen gehen, spielen wir eben nicht Kaufmannsladen, sondern wir stehen im Discounter oder bei Edeka in der Schlange und ärgern uns über den Menschen hinter uns, dessen Einkaufswagen immer dichter an uns herandrängelt, weil der Hintermann im Sinne magischer Praktiken wohl glaubt, daß es dadurch schneller voranging, oder aber wir sind wütend über den einmal wieder viel zu langsamen Kassierer. Und während ich mir all diese Szenarien überlege oder eine längst vergangene Kinderwelt Revue passieren lasse, denke ich an die ungeheuer witzigen und überbordenden Bilder von Jonathan Meese. Diese Mischung aus Expressionismus, Penck-Figuren, Art brut, einem All-Over der Farben und rätselhaftem Wandgraffiti. Denke mir, daß da eine Kinderzeit und ein spielendes Kind wirkt. Etwas, das wir verlernt haben, dessen Schönheit ins Vergessen geriet.

„In der Diktatur der Kunst“ so heißt es laut einem Meese-Zitat auf Wikipedia, „regiert die Sache, wie Licht, Atmung, Gelee (Erz), Liebe oder totale Schönheit, wie z. B. Scarlett Johansson.“ Letzterem kann ich nur zustimmen. Schöner kann man Schönheit nicht fassen. Lost in translation. Und auch dies ist eben ein Spiel. Phantasie, die Gegenstände besetzt und eben auch vom Phantasma lebt.

Nicht anders als das Theater ist die Diktatur der Kunst eine viel zu ernste Sache, um sie nur im Spiel aufzulösen. Und so ernst nun wieder auch nicht. Die Spannung inmitten des Spannungsverlust im Spiel führt wiederum zum Spannungsverlust im Subjekt. Und regt zugleich an. Kunst zeigt das nicht nur, sondern tut es. Das macht ihre Schönheit aus – jenes Spiel zwischen Reflexion und Phantasie. Und das macht den Reiz und auch die Bedeutung von Meeses Kunst für die Gegenwartsmoderne aus. In diesem Spiel und Verkoppeln der Elemente liegt vor allem: Schönheit, und zwar nicht nur im klassischen Sinne des Werkes.

„Die Tragödie ist schön, insofern der Trieb, der das Schreckliche im Leben schafft, hier als Kunsttrieb, mit seinem Lächeln, als spielendes Kind erscheint. Darin liegt das Rührende und Ergreifende der Tragödie an sich, daß wir den entsetzlichen Trieb zum Kunst- und Spieltrieb vor uns sehn. Dasselbe gilt von der Musik: sie ist ein Bild des Willens in noch universellerem Sinne als die Tragödie.“ (Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente)

Bild: Finnish National Gallery / Pirje Mykkänen, qua Wikipedia, cc-Lizenz

Davos heute! Mein kritischer Beitrag

„Die Air Force One landet in Kloten“ (NZZ-Newsletter)

„Man frag sich oft in Cham,
wo wird es noch getan?
Wo macht man es denn heute?,
So fragt man sich in Reute

In Frauenfeld und Kloten
hält man es für verboten
Man fürchtet sich in Planken
sogar vor den Gedanken.

Aber man tut’s
In Vaduz!“

Aus der Rubrik: Songs fürs Auto, für die Landstraße in Brandenburg, vom sehr guten „Ersten Wiener Heimorgelorchester“, dessen Mitglied Daniel Wisser auch Romane schreibt

Poesie des Hasses – Karl Heinz Bohrer „Mit Dolchen sprechen“

Es ist, so könnte man meinen, Karl Heinz Bohrers Buch zum Hass das Werk der Stunde. Aggression von allen Seiten, sei es im Polit-Diskurs, aber auch in ästhetischen Fragen – man denke nur an den Nobelpreis für Peter Handke und die teils hasserfüllten Reaktion der Handke-Hater. Hassrede allerorten. Und moraline Bekenntnisse wie „Gegen den Hass“ und was der Parolen mehr, mehr oder weniger wohlfeil, dargeboten wird, wabern durchs Internet oder über den Buchmarkt. Protest gegen den Hass wird zuweilen in derart aggressiver Weise und mit Hass vorgebracht, dass sich an der lauteren Absicht jener „Gegen den Hass“-Akteure zweifeln lässt.

Aber diese tagesaktuellen Fragen interessieren Bohrer nicht. Das Buch ist kein politischer Essay und auch keine polit-ästhetische Abhandlung – allenfalls in der Ablehnung des Politischen in der Literatur ist er es. Ihm geht es, wie der Untertitel „Der literarische Hass-Effekt“ zeigt, um den Hass als literarisches Phänomen. In welchen Formen der Rede manifestiert sich Hass in der Literatur als Ausdruck? Es geht nicht um Hass in Dichtung als „politisch-weltanschauliches Gebräu“, sondern um „seinen literarischen Ausdruck als Mittel intensiver Poesie.“ Damit korrespondiert auch diese literaturtheoretische Untersuchung Bohrers mit dem Hauptmotive seines ästhetischen Denkens, nämlich der ästhetischen Intensität als Plötzlichkeit, die sich sowohl in der Dichtung selbst zeigt, mit binnenästhetischen Mitteln entfaltet, und die sich ebenso beim Leser einstellt – gleichsam als Schock- und Überraschungsmoment innerhalb der Lektüre. Denn wir lesen Literatur unter anderem auch deshalb, weil wir überrascht werden wollen; wir lesen Bücher – auch – aus einem ästhetischen Anliegen heraus, weil sie, wie Friedrich Schlegel es in seinem „Studium der griechischen Poesie“ im Hinblick auf die Moderne formulierte, interessant sind. Bohrer verbindet in diesem Sinne Werk- und Rezeptionsästhetik.

Innerhalb solcher Verschränkung zwischen Werk und Rezeption trägt sich das zu, was man Ausdruck und Intensität nennen kann. Kurz gesagt: Kunst ist, gegen Adornos Ästhetik, weder auf geschichtsphilosophische Wahrheit zu fixieren, die sich im Werk manifestiert, noch sollte die Kunst – schließlich ist sie autonom – im Dienst irgendeiner Sache stehen, und deshalb ist für Bohrer auch der politisch instrumentalisierte Hass uninteressant, weil durchschaubar, sondern in der Kunst geschieht, dies wiederum mit Adorno gedacht,ein Aufblitzen im Augenblick als Ereignis. Konstitutiv ist ihr Scheincharakter, etwas Überwältigendes, Schockhaftes darin und so nimmt es auch nicht Wunder, dass sich Bohrers frühe Schriften Anfang der 1970er Jahre mit dem Surrealismus befassen. Jener Buchtitel aus dem Jahr 1981 illustriert gut Bohrers Programm: „Plötzlichkeit. Zum Augenblick des ästhetischen Scheins“ und noch seine 2017 erschienene Autobiographie trägt im Titel jenes den Augenblick und das Ereignis evozierende „Jetzt“.

Von ähnlich eruptiver Gewalt ist auch das Motiv des Hasses, und insofern ist es von Bohrers Theoriekonzept her fast schon erstaunlich zu nennen, dass er nicht bereits früher dieses literarische Motiv für sich entdeckte. Wobei in Bohrers umfangreicher Habilitationsschrift „Die Ästhetik des Schreckens“ solche Eruptionen durchaus angelegt sind: Krieg, Schmerz, Terror, Grauen.

In seinem neuen Buch zeigt Bohrer solche Hass-Reden exemplarisch an so unterschiedlichen Autoren wie Marlowe, Shakespeare, Milton, Swift, Kleist, Baudelaire, Wagner, Strindberg, Céline, Sartre, Handke, R.D. Brinkmann, Rainald Goetz, Jelinek und Houellebecq. Bei Marlowe ist es die „Inszenierung böser Gewalt und exorbitanter Machtfülle“ als theatralische Inszenierung. Und während in Shakespeares Drama „Richard III.“ noch unmittelbar einleuchtet, weshalb von Hass die Rede ist, scheint dies bei „Hamlet“ und „Romeo und Julia“ schon schwerer einsehbar:

„Die Tragödie Hamlet ist wie Romeo und Julia das Drama, in dem man Hass-Reden eigentlich gar nicht vermutet. Einmal ist es die ‚Liebe‘, dann wiederum die ‚Reflexion‘, die daran hindern könnte. Ins kulturelle Gedächtnis sind ‚Romeo‘ und ‚Julia‘ als Repräsentanten der ewigen Liebe, ‚Hamlet‘ als Repräsentant der reflexiven Melancholie eingegangen. Das war die lange anhaltende romantische Wahrnehmung.“

Bohrer liest diese Dramen gegen den Strich und in einem anderen Raster, er forciert jenes Hass-Motiv und das macht er mit guten Gründen plausibel, sofern er hier auf jenen Intensitätseffekt abzielt. Man kann sicherlich in solcher Dichtung eine Vielzahl weiterer Motive ausmachen und auch in einer Art dekonstruktiven Lektüre noch tiefer verborgene Bezüge freilegen, die Ursache solchen Hasses sein können. Doch solches Ergründen des vermeintlich verborgenen Sinnes ist Bohrers Sache nicht. Jedoch geht es ihm durchaus darum, überkommene und etablierte Deutungen zu hinterfragen.

Noch der Schauspieler und Regisseur Laurence Oliver, der 1948 das Hamlet-Drama als Film inszenierte und dabei zugleich die Titelrolle spielte, verkannte, so Bohrer, Hamlets Gewalttätigkeit, indem er vermeinte, dass jene Rolle für ihn eigentlich zu lyrisch sei. Gerne sah man in Hamlet den schweigsamen, sich hinter der Maske des Wahnsinns verbergenden Grübler, den Melancholiker. Bei Bohrer verschiebt sich diese Perspektive und es wird nicht mehr gefragt, wer Hamlet ist, so Bohrer, sondern wie er redet und inwiefern der Wahrheitssucher Hamlet zugleich der Autor von Hass-Rede ist. Und je länger Hamlet seine Tat aufschiebt, den Mörder seines Vaters zur Rechenschaft zu ziehen und sich zu rächen, desto stärker tritt „das Hass-Element als Treibstoff der Handlung“ hervor. Hamlets komplexe Hass-Rede zwischen Reflexion auf die Lage und dem Impuls zum Angriff auf seine Gegner realisiert sich dabei aus Bohrers Sicht „in zwei voneinander divergierenden Ausdrucksformen“, nämlich zum einen in metaphorisch ausdrucksvoller Aggressivität und in der Anklage gegen die Mutter. Dabei verwirft Bohrer nicht nur die romantisch inspirierte Deutung, Hamlet sei Melancholiker, sondern insbesondere Freuds psychoanalytische Forschung nach verborgenen Motiven gerät in die Kritik:

„Freuds Erklärung dieses Exzesses obszöner Bilder als ödipale Reaktion blendet die subtile Kraft der autonomen Potenz des Hasses aus. Indem eine analytische Erklärung gegeben wird, fällt die Ausdrucksintensität zurück in einen psychologischen Kontext.“

Auch hier wieder, indem Bohrer Motive verwirft, die angeblich im Hintergrund wirken, zeigt sich sein Faible für die autonome und für sich stehende Intensität als Affekt eines Ichs. „Nur reden will ich Dolche, keine brauchen“, wie es im Monolog Hamlets heißt, kurz bevor er zu seiner Mutter geht. Wobei in Bezug zu Bohrers „Hamlet“-Deutung die Frage offenbleibt, was in der Analyse nun diesen Hass Hamlets gründet und worin die sozialen und auch individuellen Ursachen dieses Hasses liegen. Intensität und Ausbruch mögen als Affekt ästhetisch spannend sein, reichen aber als für sich bestehende Qualitäten nicht hin. Hass kommt nicht aus dem Nichts. Genau dieses Rätsel des Hasses ist ja nicht nur Motor von Deutungen, sondern Frage, Rätsel und jene Antwort wollen in der Lektüre in eine Deutung gebracht werden.

Das bloße Konstatieren und das Abklopfen, ob es sich beim Hass um eine Intensität des Ichs oder aber eine politische oder gesellschaftskritische Funktion in der Literatur handelt, weshalb es dann in diesem Sinne für Bohrer eine eher uninteressante Hassrede ist, reicht für eine Lektüre nicht aus. Man muss diese Frage nach dem Hass nicht abschließend beantworten, und Einschlüsse des Textes in allzu einfache Erklärungsmodelle, wie sie etwa die Psychoanalyse anbietet, sind zu vermeiden, weil solche Festschreibungen andere, eben auch ästhetisch inspirierte Lesarten ausschließen.

Bohrer geht es um Reiz und Wirkung solchen Ausdrucks und damit ums Ästhetische selbst. Sein Buch handelt in poetologischer Absicht von den ausbruchshaften Intensitäten oder wie er es in bezug auf Miltons Satan schreibt: „Zur Tragödie wurde dem Engel Luzifer sein Hass, der uns, solange er währt, literarisch fesselt.“ Dieses Fesselnde qua Ausdrucksqualität interessiert Bohrer und es interessiert ihn, warum uns die Haßreden Shakespeares, Kleists und Célines auch heute noch literarisch fesseln.

In diesem Sinne ist Bohrers Bezug zu den politischen und literarischen Satiren von Jonathan Swift interessant. Denn solche Satiren kommen nur bedingt dem Intensitätseffekt und der Kraft des Imaginativen entgegen. „Gullivers Reisen“ sind wesentlich politische Satiren. Aber Satire und Hass-Rede sind, so Bohrer, unterschiedliche Ausdrucksformen. Sozialpolitische Absichten einer Dichtung nehmen dem Hass-Diskurs die literarische Intensität und das Unheimliche. Die Satire entstammt dem politischen und sozialen Bewusstsein einer besseren und anderen Gesellschaft, sie kommt aus einem Bewusstsein für das Schlechte und prägte so den „aufklärerisch-optimistischen Geist der Swiftschen Epoche“. Satire und Hass stehen dabei in einem komplizierten Verhältnis, sie schließen sich nach Bohrer eigentlich aus, wenn Hass eben jener Intensitätseffekt sein soll. Swift jedoch teilt diesen Geschichtsoptimismus nur bedingt, und in diesem Sinne stand also der literarischen Hass-Rede bei Swift nichts im Wege. Allerdings: sie manifestierte sich nur an wenigen Stellen, nämlich zum Ende von „Gullivers Reisen“ und droht auch dort wieder, in die politische Kritik zu kippen.

Was vor allem den grenzenlosen Ausbruch von Hass und Gewalt betrifft, so darf deren Darstellung bei Heinrich von Kleist nicht fehlen. Insbesondere der „Michael Kohlhaas“ und das „Erdbeben in Chili“ samt dem sinnlos-grausamen Schluss mit einer der, wie Bohrer schreibt, wohl hemmungslosesten Passagen von Gewaltexzess in der Literatur. In diesem Ausbruch liegt nicht nur ein Affront gegen den ästhetischen Geschmack des Publikums, sondern es findet sich darin als literarisches Prinzip zugleich eine Form von ästhetischer Steigerung involviert, für die wiederum der Begriff der Intensität stehen kann. Eruptiv bricht der Hass, genauer geschrieben die Gewalt plötzlich hervor.

„Die vorangegangene Darstellung des idyllischen Glücks in paradiesischer Landschaft und ihr Zusammentreffen mit einem anderen, ihnen in herzlicher Freundschaft begegnenden Paar und dem Kind lassen das Kommende nicht ahnen. Die Idylle macht den Einbruch der Katastrophe umso grauenhaftet, als er unbegreiflich wirkt.“

Worauf, so fragt sich Bohrer, wollte Kleist mit solcher Forcierung hinaus, wenn mitten aus einer katholischen Messe heraus ein schreckliches Gemetzel losbricht?

„Darauf, den Religionseifer, die dem theologischen Wahn eigene Inhumanität auszustellen, wie man vermutet hat, also darauf, die Orthodoxie der katholischen Kirche anzuprangern? Offensichtlich nicht, zumal Kleist von der Festlichkeit des katholischen Ritus als Protestant emotional angezogen wurde, wie seine Reisebriefe bezeugen. Im Falle dieser Erzählung zielte sein Interesse darauf, mit seiner auf Intensität erpichten Sprache etwas eminent Eindrückliches zu schaffen.“

Und solch Eindrückliches fasziniert beim Lesen noch heute. Auch hier wieder ein Affekt, der mittels eines ästhetischen Effekts ebenfalls beim Leser hervorgerufen werden soll. Ebenso haben die Figur des Michael Kohlhaas und jener Graf Mirabeau, den Kleist in seinem Aufsatz „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ beim Ausbruch der Französischen Revolution und beim Sturz der alten Ordnung anführt, als wesentliches Moment das Entzündetsein der ‚Seele‘ gemeinsam. „Aber das ist bei Kleist alles! Schon auf die Frage hin, was die Revolution verursacht habe, hat er plötzliche körperliche Bewegungen, keineswegs Ideen als Gründe genannt. Damit wird kein evokativer Akt der Seele aufgerufen, aber ein analoger Modus in bezug auf eine nicht vorhersehbare Ursache: ein ‚Ereignis‘. Die Empfindung, die immer wieder von Kleist genannt wird, bekommt ihre Dignität vom Gestus: Jetzt geschieht es.“

Bohrer geht es nicht bloß um das Moment des Zufälligen, sondern um ein unwillkürlich Eruptives, so dass ein Gestus im starken Sinne performativ werden kann. Und es steht das Eruptive im Dienste jener ästhetischen Plötzlichkeit, dem also, was sich, auch als ästhetische Kategorie, Ereignis nennt. Hinter solchen unwillkürlichen, kaum planbaren Regungen, Effekte des Plötzlichen, treten bei Bohrer – als ästhetische Intensität gefasst – allerdings auch die politischen Kategorien und die politischen Ideen zurück, die doch wohl ebenfalls wenn nicht zentral für ein Ereignis wie die Französische Revolution verantwortlich sind. Dieses Ausblenden des Gesellschaftlichen und Politischen freilich gerät bei Bohrer eindimensional, wenn es allzu ostentativ und betont in den Vordergrund tritt. Der Ästhetizismus und die, teils durch Abgrundstrukturen, teils durch Verzückungsspitzen, motivierte Plötzlichkeit des „Es geschieht!“ läuft ästhetizistisch leer, wenn sie sich nicht zugleich auch wieder mit dem Gesellschaftlichen – und sei es auch nur ex negativo – auflädt.

Ähnliches bei Baudelaire. Hier stehen die Hass-Gesten der „Fleurs du Mal“-Gedichte und in den „Spleen de Paris“ im Modus der Subjektivität. Bedeutsam deshalb, weil Subjektivität ein typisch modernes Darstellungsprinzip ist und somit über Baudelaire Verbindungslinien in die Moderne der Gegenwart geschlagen werden können. Diese zieht Bohrer über Strindberg und Richard Wagners „Ring“ als „Metaphysik von Hass und Liebe“. Aber auch der ansonsten politische Sartre, bei dem man vordergründig solche Hass-Motive nicht vermutet, steht Pate für solches Ich-Bewusstsein qua Hass und Idiosynkrasie. Beispielhaft dafür sein Roman „Der Ekel“.

Erstaunen mag Bohrers Einschätzung von Rolf Dieter Brinkmanns „Rom, Blicke“ – in der deutschsprachigen Literatur eines der Schimpf- und Wutbücher par excellence. Kaum ein deutscher Gegenwartsschriftsteller der 1970er Jahre kommt in „Rom, Blicke“ gut weg, mit Ausnahme Arno Schmidts. In Brinkmanns Prosa jedoch– anders als bei Célines Hass-Affekten – ringt kein existentieller Hass nach Worten, die etwas entdecken und suchen, so Bohrer.

„Die Polemik gründet sich in Rom, Blicke durchweg auf feste Überzeugungen, einem sicheren Zu-sich-selbst Sein. Das aber produziert in der literarischen Rede keinen Hass, sondern allenfalls verächtliche Charakterisierungen. Wer durch eine moderne Vorhölle zu gehen glaubt und eine zweite Beatrice im Herzen hat, der erfindet keine Hass-Rede, sondern benennt das Hässliche, das Abstoßende nur. Das hat Brinkmann mit Bravour und Panache getan, ohne es, wie Bernhard, strategisch zu ‚übertreiben‘ oder, wie Handke, subjektivistisch zu verinnerlichen, und dies natürlich ohne Célines selbstdenunzierenden Nihilismus. Brinkmanns Urteile, objektiviert als zeitgenössische Urteile, trafen oft ins Ziel. Das eben schließt den imaginären Hass-Diskurs aus.“

Diese Art von literarischem und wie Bohrer es nennt imaginativen und imaginären Hass ist in Bohrers Sicht grundlos. Sobald sich in einer Haßrede Motive einstellen, wie dies teils dann auch bei Houellebecq der Fall ist, zerrinnt die ästhetisch inspirierte Hassrede und siedelt im Reich der Intentionen. Brinkmanns Ausfälle – und diese Wendung bei Bohrer überrascht doch – „sind weniger von Hass als von Melancholie geprägt“. Zentral für Bohrers Bestimmungen eines „poetisch-literarischen Hass-Effekts“ ist die Abwesenheit von Motiven: so stellt sich selbst in Goetzʼ Hass-Text „Subito“, in dem schrecklichste Verwünschungen und Körper-Exzesse zu lesen sind, am Ende doch wieder so etwas wie Kulturkritik ein, die den literarisch-imaginativen Hass-Effekt qua Politik ästhetisch schmälert. Solche poetisch relavante ästhetische Subjektivität, die sich im Hass konstituiert, beruht nach Bohrer auf einem Grundlosen.

Bohrers Literaturanalyse freilich ist nicht nur im Hinblick auf das Motiv des Hasses in der Literatur vom 16. bis zum 20. Jahrhundert interessant, sondern auch in den Detailanalysen der einzelnen Werke, etwa wenn er im Hinblick auf Thomas Bernhards Theaterstück „Heldenplatz“ von der Wirkung dieses Stückes her schreibt, dass es nicht einfach nur in der Gewalt eines düsteren Szenarios und des österreichischen Mitläufertums in der Sache Hitler gründet, sondern ebenso in den durchkalkulierten Erscheinungsformen seiner Charaktere besteht: „Einem Teil der Öffentlichkeit ist diese Subtilität der Darstellung entgangen. In seiner Begriffsstutzigkeit liefert das Publikum vielmehr zusätzliche Belege für Bernhards erschreckendes, beleidigendes Österreich-Portrait.“ Es geschieht hier im Text gleichsam eine Selbstreferenzialität, die noch die eigene Provokation des Textes und die mögliche Reaktion des Publikums in die Wirkung einkalkuliert und mit einbaut.

Wegen solcher und vieler anderer Detailanalysen, wie z.B. dem Hinweis darauf, dass sich bei Houellebecq, dem großen Pessimisten und Kritiker der Moderne, in der literarischen Darstellung ebenso Elemente des Literarisch-Phantastischen finden, die ins Alltägliche integriert werden, ist Bohrers Buch lesenswert. Die Krönung des modernen Hass-Diskurses ist die Prosa Houellebecqs jedoch deshalb nicht, weil in diesem Hass der poetische Funke erstorben ist, den wir noch beim Hamlet und bei Kleist finden.

Man kann die Abhandlungen zu den jeweiligen Autoren zwar einzeln und für sich lesen, weil sie weitgehend in sich geschlossen sind, aber ich würde am Ende raten, das Buch nicht als Sammlung von Essays zu begreifen, sondern im Ganzen zu lesen, weil sich nur auf diesem literaturgeschichtlichen Zeitstrahl das Hass-Motiv in seiner vollen Spannbreite, von Marlowe über Shakespeare und Kleist bis zu Houellebecq, entfaltet und weil nur so verständlich wird, was im Begriff des Hasses die Jahrhunderte und die verschiedenen Literaturen voneinander trennt und was sie miteinander verbinden – nämlich die Intensität eines Affekts, der sich literarisch, mithin ästhetisch in der Dichtung als Effekt darbietet. In diesem literaturästhetischen Sinne eines Effekts, der immer auch als Figurenrede ein ästhetischer Affekt ist, scheint mir Bohrers Buch spannend. Vor allem aber deshalb, um uns Leserinnen und Leser immer wieder darauf zu stoßen, warum selbst Dichtung, die über 400 Jahre alt ist, uns nicht nur vom Plot her, sondern vor allem durch ihren Stil fasziniert – exemplarisch gezeigt an der Hass-Rede: „Nur reden will ich Dolche, keine brauchen“. Das Woher der Gewalt und des Hasses freilich lässt Bohrer als Rätsel und Geheimnis offen. Hass ist ein Affekt und gestaltet sich in der Literatur als ästhetischer Intensitätseffekt.

Aber reicht das für ein ganzes Buch, um das Theorem autonomer, poetischer Intensität an unterschiedlichen Autoren durchzuspielen? Und was sind in den literarischen Figurationen selbst die Motive für solchen Hass? Und damit verbunden ist ebenso die Frage nach unserem literarischen Interesse am Hass. Ein bloßes „Gefühl der Lust und Unlust“ am Effekt, das sich für den Leser qua Dichtung ergibt, im bloß subjektiven Sinne, kann es nicht sein und das reicht auch nicht aus, weil solche Präferenzen fürs Ereignis dem Zufall geschuldet sind. Vielfach hat man bei Bohrers Buch den Eindruck, dass es um Privatvorlieben geht. Das schmälert nicht unbedingt die Qualität des Buches, zeigt aber doch dessen Grenzen in der Analyse von Dichtung auf.

Karl Heinz Bohrer: Mit Dolchen sprechen. Der literarische Hass-Effekt
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, gebunden, 493 Seiten, 28,00 EUR

„Auf St. Pauli brennt noch Licht!“ Mach’s gut, lieber Jan Fedder!

Deine letzte Tour heute im Großstadtrevier, Jan, im geliebten Hamburg, in St. Pauli, im Hamburger Michel und dann über den Kiez. Im Leichenwagen. Nach Ohlsdorf und dann unter die Erde.

Im Pott und allüberall, wo es Bergbau gibt, geht die Rede: „Ich bin Bergmann! Wer ist mehr?“ In Hamburg reicht es nicht, bloß Hamburger zu sein, sondern man muß im Grunde in St. Pauli geboren sein, so sagen es die echten St. Paulianer wie Jan Fedder, obwohl es in der Hamburger Hymne vom „Jung mit dem Tüddelband“ beim Entwenden von Äpfeln immerhin heißt: „Ein jeder aber kann das nicht, denn er muß aus Hamburg sein.“

Das Jahr 2019 endet mit einer traurigen Nachricht: daß nämlich der großartige Schauspieler Jan Fedder gestorben ist. Ich erfuhr es in der Nacht vom 30.12. auf Silvester, als ich – ausgerechnet – von St. Pauli zurückkehrte, vom Chinesen Man Wah, wo ich einen schönen Abend verbrachte. Hätte ich es bereits beim Aufbruch gewußt, gäbe es vor seiner Wohnung auch von mir eine Kerze, eine Rose. Ein irgendie naßkalter, trüber Abend.

Ich mochte Jan Fedder in „Neues aus Büttenwarder“, im herrlichen „Großstadtrevier“, in „Der Mann im Strom“, in „Das Feuerschiff“ und im „Boot“ sowieso – ein Film, den man einerseits mit guten Gründen kritisieren kann, und der doch zugleich den Schrecken des Kriegs ebenso zeigt: schreckliche Enge unter Deck und ein Leben im Krieg. Schnöselig-unvergessen jene Szene mit dem Haaren im Arsch und denen in der Nase. Im nachhinein sagte Fedder, daß er damals noch nicht seine von Rauchen und Alkohol geprägte Stimme hatte und also diese Sätze doch ein wenig lau noch aus seinem Munde kämen. Während er sie heute mit den nötigen rauen Timbre sagen könne. In der Tat! Die schnöselige und zugleich von nordischer Contenance geprägte Stimme ist unverwechselbar und gab den Rollen eine besondere Lage. Volksschauspieler in dem Sinne, daß er diesen Norden in seinen Figuren verkörperte. Es gibt nur noch wenige. Heidi Kabel war eine solche und viele von der Truppe des Ohnsorg-Theaters, damals. Peter Heinrich Brix ist ebenso ein solcher Schauspieler.

Gut spielte Fedder in der Verfilmung der Lenz-Erzählung „Das Feuerschiff“ diesen Zweifel, die Vorsicht und die Besonnenheit des Kapitäns, um mittels Klugheit eine heikle Sache über die Bühne zu bringen. Der Hof und die Landschaft in „Neues aus Büttenwarder“ war das geliebte Norddeutschland und damit Heimat eben. Ja, so waren die Leute im Dorf, so sind sie es manchmal auch heute noch. Unterhaltungsfilm ist einerseits Abziehbild, Klischee und doch auch Idealtypus und zugleich in diesem Idealtypus auch ein Spiegel dessen was ist. Im guten wie im schlechten.

Es geht da, in dieser windelweich gewaschenen Welt, ein Typ von Mann von Bord, der heute nur noch selten ist: klar, direkt, schnodderig, ein Macho mit Charme. Und vor allem ein Schauspieler, der seine Rollen intensiv spielte und erfaßte. Eine traurige Meldung am 30.12. Ein Volksschauspieler starb. Ein Stück Hamburg, Lokalkolorit und vor allem ein Mensch ging verloren.

Halb Hamburg steht heute zum Abschied hoffentlich am Michel und am Kiez. Mach’s gut, Jan!

 

 

USA – Iran, mal jenseits vom Völkerrecht

Zu meiner Zeit in den 1980er und 1990ern wären heute, genau heute um 18 Uhr einige zehntausend Menschen vor der US-Botschaft in Berlin und vor dem Konsulat in Hamburg und demonstrierten und in Frankfurt und in München und Hannover ebenso. Nur so als Randbemerkung. Aber die Sabbellinke der Multimedia-Lemuren inszeniert wahrscheinlich lieber einen Shit-Storm, weil irgendwer twittert, daß er oder sie es nicht mag, wenn sich Männer schminken. Dreh dich nicht um der Plumpssack geht rum? Nein: es ist nur der Hohe Spatz und die Sekte der Linksviktorianer unterwegs. Übrigens: nach einem Atomkrieg im Nahen und Mittleren Osten sind Schminkfragen und anderes nur noch marginal.

Wahrscheinlich muß vorm Aufstieg der 82. Luftlandedivision und ihrem Einsatz über iranischem Gebiet erst ein US-Truppenkommandant einer Soldatin ins Militär-Höschen fassen, dann könnte es gelingen, daß im Internet zumindest ein Shitstorm entsteht.