Die Maßnahme

Gestern kommentierte ich auf dem Blog von Norbert W. Schlinkert, der eine in Teilen berechtigte Klage, vor allem aber eine Sorge Aléa Toriks hinsichtlich der materiellen Existenz von Schriftstellern/Schriftstellerinnen und meine polemischen Passagen auf Aisthesis freundlicherweise aufgriff und dazu Überlegungen von wertherschem Ausmaß anstellte. (Uns freilich, die wir einzig an einem unendlichen Text wirken und schreiben und niemals bereit sind zu lieben, uns Angestellten der Arbeiter- und Unfall-Versicherung ist dieses Verhalten schlicht fremd. Denn wir tragen die Krankheit zum Tode kalt jeden Tag mit Lust in uns aus. Ohne Assekuranz. „Das alte Recht sterben zu machen oder leben zu lassen“. Herrschaftsbereich des Souveräns: das Richtschwert und die sinnlose Augenbinde. Todesartenzyklus. Bei der Ankunft in New York, so sahen wir jenen steinernen Gast, das Weib, die Statue mit dem Schwert in der Hand, über den Wassern ragen. Aber das wieder ist ein ganz und gar anderer Film, den ich schiebe. „Im Kino gewesen. Geweint.“ Könnte mir nicht passieren.) Ich schrieb bei Schlinkert hinsichtlich des schriftstellerisch Prekären folgende Zeilen:

„Ich bin natürlich ein kreativer und ausgesprochen findiger Kopf, der dem Pessimismus der Intelligenz, die sich oft in Wut und Polemik entlädt, den Optimismus der Tat entgegenhält. Der guten Tat versteht sich. In einem früheren Jahrhundert, als solche Aktivität und Engagement sich noch in einer breiten Bewegung der Massen trugen und entluden, hätte ich es unter diesen Umständen gewiß zu größerem gebracht, hätte womöglich eine Karriere als Kultur-Kader einer kleineren Sozialistischen Volksrepublik gemacht. Bulgarien oder Albanien vielleicht. Aber von der Sprache her vermutlich doch eher Berlin, Hauptstadt der DDR. Nun aber gibt es für unsereins nichts mehr zu tun, als zu schreiben und zu nörgeln. Doch um die Frage zu klären „Was tun?“ (W.I. Lenin) und um Utopien oder schlichter und eine Nummer kleiner gefahren Vorschläge zur Verbesserung der allgemeinen Lage der schreibenden Klasse zu unterbreiten, möchte ich Sie, werter Herr Schlinkert, für morgen auf einen kleinen Artikel auf meinem Blog (Ost-Block sozusagen) aufmerksam machen, der die Aporien des Monetären aufzulösen sich anschickt und vorläufig oder aber endgültig und gewiß diesen Titel tragen wird: „Über eine Maßnahme wie dafürhin alles Leid und Klagen der Schriftstellerinnen und Autoren über das spärlich Materielle des Dichterlebens überflüssig gemacht werden könnte“. Es wird ein guter Text. Er wird zur Befriedigung aller ausfallen.“ (N.E. Bersarin)

Das Thema ist sicherlich zu ernst, um es in die Satire zu ziehen, und Schabernack liegt mir fern. Dennoch hielt ich jene Ausführungen für nicht uninteressant, die Walter Benjamin 1927 in der „Literarischen Welt“ lieferte, wie sich für Schriftsteller Abhilfe aus Geldnot schaffen ließe. (Sie kamen mir übrigens nicht im Zusammenhang mit Aléa Toriks Überlegungen in den Sinn, sondern als ich vor einigen Wochen in der „Dschungelwelt“ einmal wieder von den Klagen des ansonsten literarisch geschätzten Alban Nikolai Herbst las. Ich kann das alles nicht mehr hören, von Euch Schriftstellern, Eure scheiß Wehleidigkeit.) Ich greife dieses Capriccio Benjamins auf und gebe es zum besten. Insofern ist dies freilich nicht ganz mein Vorschlag, wie ich es vollmundig ankündigte. Ich habe diesen Aufsatz allerdings im Dickicht und Gestrüpp der Texte gefunden und herausgelesen:

„Wovon die Dichter eigentlich leben sollen, ist eine ebenso alte wie beschämende Frage, der man seit jeher nur mit Verlegenheiten hat antworten können. Ob man ihm selber oder ob man dem Staat die Sorge dafür anheimstellt: in beiden Fällen kommt es auf sein Verhungern hinaus.“

Das klingt hart und bitter, doch steht zu vermuten, daß Benjamin hier ganz richtig liegt. Ihm selber war dieses Problem dann in den Jahren des Exils, das ihm die deutschen Faschisten aufzwangen und das ihn am Ende in den schrecklichen, erzwungenen Freitod trieb, nicht unbekannt. Nun traf es sich für das folgende, daß in Spanien im Jahre 1927 die dortige (Lokal-)Regierung zu einer drastischen Maßnahme griff, um der Sittlichkeit wieder zu ihrem Recht zu verhelfen:

„Wahrscheinlich hat Spanien die schönsten Zeitungskioske der Erde. Wer die Straßen von Barcelona entlangschlendert, ist von diesen windigen, buntscheckigen Gerüsten flankiert, Tanzmasken, unter denen die junge Göttin der Information ihren provozierenden Bauchtanz ausführt. Aus dieser Maske hat vor einigen Wochen das Direktorium den strahlenden Stirnreif herausgebrochen. Es untersagte den Vertrieb der fünf oder sechs deutlichen Kollektionen, welche die Liebe ohne … – – –, die weitverbreitete Morseschrift, die in der schönen Literatur ihrer Darstellung dient, behandelt haben. Bekanntlich wird diese Emanzipation von der Morseschrift in der Übermittelung geschlechtlicher Vorgänge mit dem Namen ‚Pornographie‘ belegt.“

Die schönen Schleier, Hüllen und Einkleidungen. Manchmal aber geht direkt besser und führt ins Ziel. Diesen Wandel formulierte Benjamin pointiert in einem einzigen Satz: von der Sittlichkeit zur Kriminalität. Seinen Artikel beendet Benjamin mit folgenden Überlegungen:

„Daher verlangen wir: Staatsmonopol für alle Pornographie. Sozialisierung dieser beträchtlichen Stromkraft. Der Staat verwalte dieses Monopol nach Maßgabe der Bestimmung, die diese literarische Gattung zum ausschließlichen Reservat einer Elite bedeutender Dichter macht. Der Literat erwirbt statt einer Sinekure die Erlaubnis, einen so und so großen Prozentsatz des statistisch ermittelten Bedarfs an Pornographie den zuständigen Stellen zu liefern. Weder im Interesse des Publikums noch des Staates liegt es, den Preis dieser Ware allzu niedrig zu halten. Der Dichter produziert für einen fixierten, nachgewiesenen Bedarf gegen Barzahlung, die ihn vor den ganz unberechenbaren Konjunkturen, die sein wahres Schaffen betreffen, sichert. Sein Unternehmen wird weit sauberer sein als stünde er von nahe oder fern, bewußt oder unbewußt, einer Partei, einer Interessentengruppe zu Diensten. Er wird als Sachkenner dem Amateur überlegen sein und dem unleidlichen Dilettantismus entgegentreten, der auf diesem Gebiete herrscht. Auch wird er, je länger je weniger, seine Arbeit verachten. Er ist nicht Kanalräumer sondern Rohrleger in einem neuen komfortablen Babel.“ (Walter Benjamin, Staatsmonopol für Pornographe)

Dieses Babel wollen wir, und zwar prall und drall. Zu vermuten bleibt aber, daß wir bereits genug solcher für Staat und Markt produzierenden Schriftstellerinnen und Schriftsteller im Boot sitzen und rudern haben. Ebensoviele allerdings auch, die für einfachso dahin blutleer-anämisch assoziieren, disparat-dissoziieren (obwohl dies eigentlich positiv einzuordnen ist) und die in zehn oder zwei Jahren ins Nichts zerflossen sind. Orkus Orkus. Womit wir wieder am Anfang des Problems stehen. Welche Art von Text wir wollen (benötigen?); wie und in welcher Gesellschaft wir leben möchten. Diese Frage allerdings betrifft bei weitem nicht nur die Schriftsteller. Oder doch ein Bitterfelder Weg? Geschichten aus der Produktion. Geschichtsphilosophie ohne den Hohlpathos der Subjektphrasen und das ewige ich-ich-ich. Nur in Diktaturen gedeiht gute Literatur. Das Schwert der Zensoren muß scharf und schlagkräftig sein. Da wir diese Extreme nicht wollen, benötigen wir also eine Literaturkritik, die endlich wieder zuschlägt und all den Ranz zerhackselt.

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„Unruhestifter“ und innig Liebender. Zum Tod des Essayisten, des Schriftstellers und Literaturkritikers Fritz J. Raddatz

Im September 2014 verabschiedete sich Fritz J. Raddatz vom Feuilleton und vom Literaturbetrieb der BRD mit jenen eindringlichen und nachgerade bekenntnishaften Sätzen:

 „Ich habe mich überlebt. Was heißt das für einen Autor, einen Literaturkritiker zumal? Es bedeutet: Meine ästhetischen Kriterien sind veraltet, das Besteck des Diagnostikers rostet, meine Gierfreude am Schönen der Kunst ist zu Asche geworden, der gefiederte Pegasus, mit dem ich durch Bild und Text galoppierte, lahmt. Diese Welt – in der ich mich durchaus noch kundig machen möchte – weicht von mir, gibt mir keine Kunde mehr; ich bin aus der Welt gefallen. Ihre Zeichen werden mehr und mehr zu Rätseln – unlösbar oft, abstoßend nicht selten, sind meiner Lebensart, meinem Habitus, meinem – Pardon für das harte Wort – Geschmack ungemäß.“

„Diese ‚Welt von gestern‘ kommt nicht wieder“ trug Raddatz fünf Jahre zuvor, am 11. Februar 2011 in sein Tagebuch ein.

Nach diesen Interview-Passagen in der „Welt“ und nach meiner Lektüre der „Tagebücher. Jahre 2002 – 2012“ wußte ich, daß Raddatz dieses Jahr 2015 nicht überleben und er sich zu gegebener Zeit das Leben nehmen würde. Glasklar die Andeutungen und Sätze. Den Tod umkreisend im Tagebuch-Schreiben, in immer neuen Wendungen, ein Tagebuch als Stundenbuch, todesreflektiert, in hora mortis, oder kurz davor, denn philosophieren und auch die Literatur betreiben heißt, sterben lernen; todessüchtig fast fielen diese privaten Eintragungen aus. Gelungene Projekte, aber ebensoviele gescheiterte. Im Rückblick. Diese Ambivalenz des Kulturbetriebs, der einen so schnell fallen läßt wie aufsteigen, bekannte Raddatz freimütig ein. Vom streitbaren Großkritiker zum Has-been verläuft die Linie schneller als gedacht und erwartet.

Die Freude am Glück und am Glanz des Lebens, den Raddatz so sehr schätzte, sogar die Lust an der Literatur ging ihm in den letzten Jahren verloren, wenn man diese Zeilen in seinem Tagebuch nicht für Koketterie nimmt. Die Lektüre einst geachteter Texte wie der Prousts oder Thomas Manns, gar Goethe selbst, geriet ihm, während er diese Schriftsteller wieder las oder vorgelesen hörte, schal. Die „Wahlverwandtschaften“ nannte er konstruiert, den „Felix Krull“ fand er „bei aller Vergnüglichkeit doch allzu Rokoko-verzuckert“. „Es spricht deutlich immer der sprachlich hochgezüchtete Autor, nicht seine Figur.“ Thomas Bernhard samt seinen Auslassungen, während er sich in seinem Mallorca-Interview spreizte, „böses Zeugs“ redend, bezeichnete Raddatz als einen „Nihilismuseitelkeitskasper“. Als haltbar erweisen sich von Thomas Mann „Der Zauberberg“ und die „Buddenbrooks“. Raddatz mokierte, klagte, wußte um das Ende. So hauchten Welt, Leben, Lust und Literatur dahin. Ungeheuer bewegend geschrieben, weil dies die Reflexionen eines Menschen sind, der sich dem Tod, seinem eigenen Tod stellt und ihm ins Angesicht blickt. Ohne Eitelkeiten und Kokettieren abgefaßt, die Raddatz ansonsten in anderen Tagebuch- und Biographietexten nicht fremd sind. Mochte man sein Tagebuch der Jahre 1982 bis 2001 wie auch seine wundervolle Autobiographie „Unruhestifter“ noch als den großen Gesellschaftsroman der untergehenden alten BRD lesen, prickelnd und angereichert um manche Anekdote aus dem, was Kulturbetrieb heißt, so waren seine 2014 veröffentlichten Tagebücher der Jahre 2002 – 2012 nicht mehr nur Abgesang, sondern bereits die Chronik eines angekündigten Todes.

Heute aber geht der Essayist, der Schriftsteller Fritz J. Raddatz endgültig. Einer jener großen Literaturkritiker der BRD, die den Betrieb wesentlich prägten, ist heute gestorben. Er nahm sich selbstbewußt und selbstbestimmt in Zürich das Leben, weil die BRD ein solches Sterben verbietet.

Raddatz war als Essayist und Kritiker teils verhaßt, oft angefeindet. Im Stil seines Schreibens hoch elegant, ätzend, sprudelnd wie Champagner, fein und schneidend zugleich, dort wo es ihm nötig schien. Treffend im Ton, hochfahrend mit der Freude am besonderen Wort, manchmal vielleicht zu fein ziseliert und gedrechselt die Formulierungen. Dennoch – eine Freude war es, seine Besprechungen und Essays zu lesen. Oft irrte er, war vorschnell im Urteil. Er platzte und plautzte heraus, wo es doch Zeit wäre, genauer zu arbeiten und zu recherchieren. Karl Kraus’ Satz „Mir fällt zu Hitler nichts ein“, mit dem dieser die „Dritte Walpurgisnacht“ begann, deutete Raddatz als Sprachlosigkeit und als Kapitulation vor Hitler. Nur war leider das Gegenteil der Fall. Weder kapitulierte Kraus in der Sprache, noch frönte er seiner ihm häufig zum unsinnigen Vorwurf gemachten Ich-Sucht, wie Raddatz insinuierte. Vielmehr entwickelte sich bei Kraus aus den Idiosynkrasien und dem Blick unter der Perspektive des Besonderen eine unverstellte, kalte, klare Analyse des Allgemeinen, die dieses Gesellschaftliche zuweilen in einem einzigen Satz pointiert verdichtete. Absurde Fehllektüre von Raddatz, wo doch ansonsten – auch im feuilletonistischen Essay – jenes dekonstruktive Misreading den einen oder den anderen Spalt eines Textes auftun konnte und eine Kritik produktiv wendete. Bei Kraus verrannte sich Raddatz. Und nicht nur da. Der satirische, der lyrische Ton Robert Gernhardts blieb ihm fremd. Spinnefeind einander. Aber vielleicht macht gerade der Irrtum und das immer wieder erneute Aufstehen und Gegenanschreiben die Größe dieses Kritikers aus. Aber wie leicht verrennt man sich und ästhetisches Urteilen gerät zum Ressentiment? Offenheit zu bewahren und aufgeschlossen zu bleiben, sollte die Aufgabe des Kritikers sein.

Man kann, muß und darf inhaltlich nicht alles teilen, was Raddatz schrieb. Seine Besprechungen waren streitbar, und wenn man gewillt war, konnte man sie zerlegen. Ich erinnere mich, als Raddatz 1993 in der „Zeit“ Rainald Goetzʼ 5-bändigen Textkonvolut „Festung“ geradezu vernichtend rezensierte, und das Scheitern insbesondere der drei Materialienbände „1989“ auf den Punkt brachte:

„… die drei (!) Bände „1989“, die nichts sind als ein mächtiger – elektronischer – Papierkorb; Pardon: Müllcontainer. Noch einmal wird das vergessen geglaubte Un-Wort von der „automatischen Textgestalt, die Stimme des reinen Materials“ aus der Fünfziger-Jahre-Kiste geholt, um uns Hunderte von Seiten mit Fernsehhäckseln zu quälen. Das Feine an der Organisation dieses Materials soll sein, daß es un-organisiert ist. Die Fernbedienung als Dramaturgie eines Textes – das ergibt natürlich nichts als Hirnflimmern.“

Damals teilte ich die Sicht von Raddatz nicht, widersprach dieser Kritik, rauchselig im Kreis der postmodernisierten postdramatischen Akademiker, die das Erlebnisdrama des Rausches vorzogen, lebhaft, ahnte aber zugleich, daß Raddatz am Ende recht behalten könnte, wenn ich den Kult der Goetz-Jünger im Sound der Textbeliebigkeit mir betrachtete, den diese um die von Goetzʼ zusammengeklaubten Texte der 90er Jahre veranstalteten als seiʼs Religion: Assoziieren als Methode – bereits hier. Ohne das Material in eine ästhetische Form zu versetzen. Diese Kulthandlungen hatte mehr etwas von Drogenerlebnissen als von Literatur. Raddatz sah diesen Aspekt des Beliebigen, der sich in der Literatur der 90er Jahre zunehmend zu etablieren begann, teils unter dem Titel Pop firmierend. Was bedeutet diese Moderne? In seinem letzten Interview im Samstags-Magazin der „Berliner Zeitung“ im Januar 2015 mit Arno Widmann, pointiere es Raddatz. Das mag nach alter Schule klingen, so schrecklich unmodern und antiquiert, aber am Ende wird es sich bewahrheiten; mal sehen, wann all die Seemannschwätzer und die Schrammfaselerinnen in Ton und Ideologie wie die Fahne im Wind umschwenken werden:

„Ich glaube nicht, dass die zwanghafte Kürze etwa beim Twittern eine neue Ästhetik hervorbringen wird. Das fördert nur Oberflächlichkeit, die vorgebliche Informationsfülle, der wir heute ausgesetzt sind – dabei wissen wir nicht einmal genau, was zum Beispiel in der Ukraine los ist, oder, um bei der Kultur zu bleiben, wer heute in den USA malt. Wer sind dort die jungen Autoren von heute? Wissen nur wir das nicht? Oder weiß man das nicht, weil sie untergehen in der Überfülle von angeblicher Information?“

Sein Stil, dieser Ton des Schreibens blieb unverwechselbar. Raddatz besaß den besonderen Blick für Literatur in den frühen und mittleren Jahren der BRD, in den Jahren des Aufruhrs, nachdem er 1958 die DDR verließ und nach einem Intermezzo beim Kindler Verlag; er entwickelte das untrügliche Gespür für die neue Literatur der BRD, der er 1960 als Cheflektor und stellvertretender Verlagsleiter des Rowohlt Verlags eine Plattform bot, und nicht nur für die Literatur der BRD und der DDR, sondern ganz international nach Frankreich und in die USA ausgreifend. Anders als sein großer Kritiker-Antipode Marcel Reich Ranicki ging es ihm um eine Literatur, die den abbildhaften Realismus zu übersteigen hatte, eine Literatur, die nicht bloß konservierend und konservativ erzählend verfuhr. Raddatz Blick auf Literatur war facettenreich, Unterschiedliches nahm er wahr, die Revolten, selbst im Konservativen wie bei Céline: genauso aber Jouhandeau, James Baldwin, Jean Genet, Elfriede Jelinek, Uwe Johnson, Hubert Fichte, der den meisten Literaturbloggern heute kaum noch bekannt sein dürfte, Faulkner und Gabriel García Márquez, bis hin zu Walter Kempowski, mit dem er befreundet war, wie auch mit Günther Grass, Siegfried Lenz, Peter Rühmkorf, Thomas Brasch, dem Graphiker und Zeichner Paul Wunderlich. Eine schwierige Freundschaft verband ihn mit Uwe Johnson, die im Bruch und mit dem Tod Johnsons endete. Zeugnis davon legt der eigenwillig-eigentümliche Briefwechsel „‚Liebes Fritzchen ‚Lieber Groß Uwe‘“ ab. Wer keine Literaturgeschichte der BRD und der DDR jener Jahre lesen mag, weil diese zu trocken verfaßt, wer gerne hautnah dabei sein will und aus erster Hand erfahren möchte, der nehme sich seine Autobiographe „Unruhestifter“ sowie jene Tagebücher „1982–2001“ samt dem Briefwechsel Johnson – Raddatz.

Über seinen Sturz als Feuilletonchef der „Zeit“, 1985, als er über ein nicht ausgewiesenes Goethe-Zitat stolperte, das er ungeprüft aus der NZZ übernahm und was sich dann als eine Satire entpuppte – Goethes legendärer Bahnhof eben – schrieb er in seiner grandiosen Autobiographie „Unruhestifter“: Zwischen Hektik und der Frankfurter Buchmesse noch einen Artikel auf die Seite 1 der „Zeit“ eingestreut, hineingehauen, weil auf jener Seite der zweite Leitartikel ausgefallen war; kurz vor Sprung auf dem Weg zum Flughafen. „Fritz, nur Sie können helfen, Sie sind so schnell.“, zitierte Raddatz in seiner Biographie. Gegengelesen und geprüft haben diesen Text die Korrekturen der „Zeit“ anscheinend nicht. Raddatz brannte, so sagte es der Verleger Ledig-Rowohlt und so geht die Legende, wie eine Kerze von den zwei Enden her. Lebenswild, Literatur und Kunst als Leidenschaft und so wurde ein Leben zu Berufung und Beruf. Der Idealfall eigentlich.

Lebenstragödie und harte Szenen in seiner Kindheit und Jugend beschreibt Raddatz im „Unruhestifter“. Unbedingt lesenswert. Trotz all seiner Eitelkeiten und kapriziösen Züge. Zugleich ersteht darin eine Welt voll Glanz, Glamour und Intrigen. Literatur fast schon als Adelsball mit Henkel und allem, was in der BRD und der DDR Rang und Namen besaß. Enzensberger, Grass, Rühmkorf. Legendär Raddatz‘ Anekdote über Hans Mayers Egomanie: „Und nun erzählen Sie doch mal etwas über sich“, so Mayer zu Raddatz, „wie fanden Sie mein neues Buch?“ Dennoch verneigt sich Raddatz vor Mayers Leistung. Traurig das Verenden von Thomas Brasch in Alkohol und Drogen. Die Einsamkeiten inmitten des Betriebs und all die Verluste.

Das Private ist insofern politisch als es sich vom Gesellschaftlichen her konstituiert und nicht als Singularität abseits zu haben ist. Ansonsten und ohne diesen Zusatz gerät der Satz, das Private sei politisch zur Gesinnungsschnüffelei. Zwar schätze ich es nicht, in jenem Privaten von Schriftstellern herumzustochern, um irgend einen Rand des literarischen Textes, der sich bei genauer Betrachtung meist als schaler Ranz erweist, hervorzupopeln, weil ansonsten die Kraft der Lendenschwachen zur Lektüre nicht ausreicht. Im Falle von Raddatz muß man jedoch dieses Private nennen, das er selber niemals verschämt kaschierte: nämlich sollte seine Homosexualität bzw. seine Bisexualität nicht unerwähnt bleiben – in der BRD der 70er Jahre und noch hinein bis in die 80er nicht selbstverständlich. Über diese Präferenzen und Affären gab er, nicht nur in seinen Tagebüchern und in seiner Autobiographie, freimütig Auskunft. Vor allem aber lebte er diese Sexualität offensiv, was seinerzeit nicht selbstverständlich war. Das mag im vermeintlich toleranten Literaturbetrieb leichter vonstatten gehen als in anderen Gebieten des Lebens. Doch wie oft hinter Raddatz‘ Rücken ganz und gar unironisch getuschelt wurde „die Tucke!“ wäre sicherlich aufschlußreich. Und selbst die inszenierte Ironie solcher Anwürfe zeugt zuweilen durchaus auch in den sogenannten liberaleren Kreisen noch vom sich perpetuierenden Vorurteil und der Ranküne. Raddatz lebte auch in der Sexualität offensiv. Unerwähnt sollte dieser Umstand nicht bleiben, denn er ist durch und durch nicht nur Literatur, sondern auch politisch.

Für die meisten Menschen ist diese Art des Feuilletons, wie Raddatz es prägte, lebte und schrieb, nicht mehr zeitgemäß. Weder für heutige Leser:innen, noch für die Redakteure unserer Feuilletons, deren „Stil“ häufig grob und an der Literatur vorbeschreibt. Aus der Zeit gefallen. Mochte Raddatz manches Mal oberflächlich und vorschnell urteilen, weil er zu hitzig arbeitete, so blieben viele seiner Beobachtungen dennoch einem besonderen Blick fürs literarische Detail und einer speziellen Ästhetik verhaftet. Fritz J. Raddatz war ein Literaturkritiker, dem der Stil und die Ausdruckskraft der Sprache keine Nebensache waren. Französisch eher als Deutsch im Denken und in der Kraft des Ausdrucks. Dieses Französisches seiner Existenz hob Raddatz in seinen Tagebüchern und in seiner Autobiographie hervorhob: eher in Frankreich für seine belletristischen Werke geschätzt als in der BRD. Insbesondere verzieh man in dieser BRD einem Kritiker niemals, daß er sowohl Literaturkritiken wie auch Romane schreiben konnte. Für diese Art zu formulieren und einen bestimmten Ton in einer bestimmten Diktion zu treffen, liebte ich seine Texte, las ihn gerne, selbst dort, wo er übers Ziel hinausschoß. (Vielleicht sogar gerade wegen dieses Extrovertierten.) Der große Stil eines Homme de lettres. Das Zeit-Feuilleton der 80er Jahre unter seinen Händen war eine einzigartige Freude, wenn wir es lasen; großartige Redakteure wie der wunderbare und feine Theaterkritiker Benjamin Henrichs etwa liefen zur Hochform auf – vertrieben dann vom Grobklotz Siegrid Löffler.

Fritz J. Raddatz weckte in den frühen 80er Jahren unsere Lust auf Literatur. Mein einzig bester Freund Volli, seinerzeit, und ich lasen in jenen wunderbaren Jahren zu unserer Punkrockschulphase seine Kritiken in der „Zeit“ gerne und ausgiebig – er hörte und lebte die Musik, an die er mich heranführte, ich die halbgare vorlaute Theorie der Literatur mit arroganter und ironischer Geste. Wir lachten über das Geschniegelte und Eitle dieses Kritikers und waren doch tief beeindruckt und voll der Achtung von seinem Willen zum Stil und wie es ihn zur Literatur drängte und trieb. Wir veranstalteten aus Spaß einen völlig absurden Fritz J. Raddatz-Ähnlichkeitswettbewerb. Obwohl wir weder Bärte noch Anzüge trugen. Allenfalls mal Trachtenjacken oder ein zerschlissenes Jackett, an das ich mir einen Tampon heftete, den ich rot bemalten mußte, weil mir jenes Mädchen, das ich liebte, zu meinem Bedauern keinen ihrer benutzten Tampons abtrat. So lasen wir die Texte Raddatzʼ und all diese wunderbaren Literaturen, wenn junge Männer das Lesen entdecken, im wilden Modus, mit dem Gespür für den Bewohner einer Welt, der mehr als nur Bürger sein wollte, sogen seine Kritiken in uns auf, verschlangen „Eros und Tod. Literarische Portraits“, „Revolte und Melancholie. Essays zur Literaturtheorie“, kamen über Raddatz zu Johnson und Fichte, zu Benjamin und Lukács, zu Max Raphaels materialistischer Kunsttheorie, zu Jelinek, zu Genet, zu Faulkner, schätzen das Abwegige – auch auf unsere ganz eigene und besondere Weise. Das, was Raddatz sicherlich als Klamauk verworfen hätte: Boris Vian und Raymond Queneau, das Kino der Surrealisten, die Filme Alejandro Jodorowskys. Die Buchbesprechungen von Fritz J. Raddatz in der „Zeit“ und seine Bücher zu lesen, war für mich Gewinn und Genuß in einem. Es wird im Feuilleton nur wenige Kritiker geben, deren Wille zum Stil und zum pointierten geistreichen Satz derart ausgeprägt war, wie bei ihm.

Mögen an dem Ort, wo Sie, lieber Fritz J. Raddatz, nun weilen, die besten Bücher, schön gestaltet, vom Papier her handschmeichlerisch sich fügend, die erlesensten Weine und Champagner der Marke Bollinger, ein fein drapierter Tisch mit Damastdecken und Messerbänkchen sich befinden. Vielleicht endet an solchen Orten auch die Unruhe, wenngleich ich an dieses andere Reich nicht glauben mag. Endspiele sind Endspiele und nach dem Schlußpfiff ist Schluß. Alle Kostbarkeiten versinken. „Geben Sie Luxus! Auf das Notwendigste kann ich verzichten!“ entgegnete Oscar Wilde mit feinem Lächeln. Denn wer den Gebrauchswert niedriger als den Tauschwert schätzt, der möge in der Hölle verschmoren. Es mag kitschig klingen, aber ich verneige mich vor dem Lebenswerk, der Arbeit, dem Text mit all seinen Fehlern, auch dem Text dieses Lebens von Fritz J. Raddatz. Er würde sich, so steht zu vermuten, über viele der folgenden Nachrufe amüsieren oder echauffieren, so wie er es bereits in seinen letzten Tagebuchaufzeichnungen tat, wenn er darüber klagte, daß man ihm dereinst wunderbare Nachrufe schriebe und Epitaphe meißelte, aber zu Lebzeiten er wenig gegolten und die Anerkennung nur spärlich ausfiel. Das freilich stimmt nicht. Dennoch geht hier eine Epoche und eine Zeit unwiederbringlich ihrem Ende entgegen. Vorbei, verweht.

 

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 Copyright: Julian Baumann SZ Magazin

http://www.julianbaumann.com/pages/sz_raddatz.html

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Wahre Sätze – Ware Wort (3)

„Vor jedem Kunstgenuß stehe die Warnung: Das Publikum wird ersucht, die ausgestellten Gegenstände nur anzusehen, nicht zu begreifen.“
(Karl Kraus)

 Eine Warnung, die man von den Zeiten Karl Krausʼ her im seligen Wien, als den Bürgern die Kunst bereits zu entgleiten drohte, indem sie mehr sich selber in der Kunst genossen als daß sie des Gehalts eines Werkes geschweige denn ihrer Disposition irgendwie noch gewahr wurden, bis ins Heutzutage hinein, wo Kunst als Accessoire der Distinktion dient, unter der Aureole einer neuen unseligen Fühligkeit – action without reflection –, gar nicht oft genug aussprechen kann. Fast möchte man sie einprügeln. Dennoch – die Warnung nützt nichts. Im Zeichen der popästhetischen Post-Moderne: Es bleibt beim Touch too much. Genuß, der weder zum Genuß noch zur Reflexion der Sache als fähig sich erweist. Der Arbeit des Begriffs wird unter allen erdenklichen Vorwänden sich entzogen, denn sie könnte womöglich die objektlose Innerlichkeit beschädigen. So aber bleibt die Kunst bis ans Ende heillos ramponiert. Ikonoklasmus müßte die Folge sein. Doch nicht oktroyiert aus einem Haß gegen die Kunst heraus, sondern vermittels seines Gegenparts. Bewußtsein von Nöten.

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Orpheus in der Unterwelt (2)

 
 
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Was wir nicht loswerden können: von der Pop-Musik

„Über Pop-Musik“ heißt ein 2014 von Diedrich Diederichsen veröffentlichtes Buch, das von jener Musik handelt, die seit mindestens 60 Jahren die Gesellschaft und insbesondere ihre Jugendkulturen sichtbar begleitet, durchdringt und prägt wie nur wenig andere Phänomene: ein Buch, klug geschrieben, ungeheuer theoriegesättigt, weit ausgreifend in die Sache selbst hinein, nicht bloß als Theorie eines Blickes, der von außen sich anwendet.

Thematisch postmodern passend zu Eduardo Halferons Roman „Der polnische Boxer“ entwickelte sich im Kommentarteil zu meiner Rezension ein interessantes Gespräch über die Ausprägungen des Pop, und zwar zwischen summacumlaude, ziggev, che und mir. Diese Ausführungen gehen womöglich etwas unter, weshalb ich hier gerne darauf hinweisen möchte. Nachzulesen im Kommentarstrang. Ein anregendes und gutes Gespräch, wie ich finde.

Das Phänomen der Pop-Musik bleibt insofern soziologisch wie auch musikalisch aus der Binnensicht heraus spannend, weil zum einen immer neue Richtungen der Musik sich einstellen, insbesondere durch das cross over und die Retro-Wellen, die alte Stile aufgreifen und diesen Stilen zugleich etwas Neues oder etwas anderes und ihm sogar Entgegengesetztes hinzufügen. Vor allem aber sind, heutzutage bis in hohe Alter hinein, die soziologischen, philosophischen, musiktheoretischen Beobachter dieses Feldes zugleich unabdingbar deren Teilnehmer. An Diedrich Diederichsen zeigt sich das insbesondere. Pop heißt, wie Diederichsen es schreibt, Platten im Jugendzimmer hören – alleine oder mit Freunden – sozusagen der Raum des Privaten, und es bedeutet zugleich, in Konzerte zu gehen, sich in seinem Umfeld auf diese oder eine andere Weises zu kleiden – der Raum des Öffentlichen. Vor allem aber heißt Pop: Mit Intensität Musik zu hören. Ohne eine umfangreiche, umfassende Plattensammlung (seinerzeit) ist ein solch stupendes Wissen, wie es Diederichsen ausbreitet nicht möglich. Und ohne einen gehörigen Vorrat an Wissen und Theorien ebensowenig. Diese Kombination der Elemente macht es derart spannend, Diederichsen zu lesen. Doch das alleine reicht nicht hin, denn Diederichsen versteht es zu formulieren. Harter, manchmal trockener und dennoch klug komponierter Theoriesound über und in und aus der Musik heraus. Diederichsen schrieb ein Standardwerk.

Beim Pop handelt es sich eben nicht bloß, semiotisch betrachtet, um ein Zeichensystem, oder es ginge darum, kulturelle Codes zu entziffern bzw. die sich über Kleidung, Stil, Habitus, Musikgeschmack herausbildenden Unterschiede nicht nur lesen, sondern auch anwenden zu können. „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, sangen 1995 die Band Tocotronic dialektisch klug und zugleich vertrackt, wissend, daß es nicht nur auf die Entscheidung des Willens ankommen kann, dazugehören zu wollen, denn es steht hier sehr viel mehr auf dem Spiel. Mit Pop-Musik verbinden sich Lebensentwürfe, Haltungen und Praktiken, bestimmte Stile und Richtungen der Musik erfordern zwar einen hohen Einsatz, erzeugen aber gleichzeitig den Distinktionsgewinn und erwirken einen tendenziell autonomen Subjektbereich. (Nicht anders als die Ruhe- und Rückzugszone des Jugendzimmers, in dem mit Freunden Musik gehört wird und das für die Eltern Tabu ist.)

Insofern gehört das Phänomen Pop zu dem Bereich, was Habermas Lebenswelt nennt, die der Systemwelt opponiert. Sei es auch nur als Geste. Meist läuft es auf eine Geste hinaus. Denn an die subversive Kraft von Pop glaube ich nur bedingt. Pop polt die eigenen Bezüge, wälzt manchmal ganze Lebensentwürfe um, in jenen wilden  jungen Jahren zumindest, wenn im Überschwang dieses eine gerade entdeckte, gehörte, wild aufgesogene Musikstück alles, was bisher war, in einem anderen Licht erscheinen läßt, als ich jenes bestimmte Musikstück hörte, alles ganz anders war. Bei mir handelte es sich um die „Lieder eines fahrenden Gesellen“ von Gustav Mahler. Aber das betraf im Grunde mehr eine ästhetische Existenz als die Welt der populären Moden. Beiden Rezeptions- und Seinsweisen ähnlich bleibt jedoch der Ereignischarakter dieses Momentes. Eine Weise der Überschreitung, die in keinem Diskurs und in keiner Begrifflichkeit restlos gehandhabt werden kann. (Ausgenommen vielleicht in der künstlerischen, literarischen oder auch musikalischen Form der Darstellung. Denn Pop-Musik bezieht sich nun einmal wesentlich auf Pop-Musik und seine Rezeptionsweisen. Selbstreferenzialität des Systems.) Exzeptioneller Augenblick und Kairos in einem. Hier mögen die Artikulationen der Pop-Musik und eine Ästhetik des Ereignisses als Blitzhaftes (und Konstituierendes in einem Zuge) in einer sicherlich noch genauer zu bestimmenden Weise konvergieren.

„Doch lässt sich der alte Streit, ob man Pop-Musik nur aus der Erlebensperspektive oder gerade nur aus einer gesellschaftskritisch distanzierten, funktionstheorietischen gerecht wird, nicht so leicht entscheiden. Da in der Pop-Musik Begeisterung als individuelle Wahrheit erscheint, was zugleich einen objektiven Schritt zur gesellschaftlichen Integration (oder Desintegration oder, sehr viel seltener, Integration in etwas gezielt Anderes, eine ‚andere Gesellschaft‘) darstellt, wird man ihr erst gerecht, wenn man ihren Transformationscharakter von beiden Seiten beleuchtet: die Bilder des subjektiven Dazugehörenwollens wie des Nichtmitmachenwollens und die Antworten von Markt, Staat und Institutionen, vor allem aber den öffentlich ausgestellten Weg zwischen diesen beiden Polen – wie wir noch sehen werden. Wäre Pop-Musik eine Kunst im klassisch-westlichen Sinne des Begriffs, müsste der Dialog zwischen soziologischer und ästhetischer Perspektive nicht eingeklagt werden; die Ästhetik eines kulturellen Formats wie das der Pop-Musik muss erst noch entwickelt werden – soziologische Versuche sind dagegen zahlreich.“ (Diedrich Diederichsen: Über Pop-Musik)

 In einem unscharfen und weiten Sinne gehören diese Bestimmungen ebenfalls in den Umkreis meiner Thematik von Kritik und dem Eigensinn der Kunst. Es stehen sich zunächst zwei Bereiche gegenüber: ein unmittelbares Tun der Kunst und eine vermeintlich unmittelbare Rezeption von Kunst hier im speziellen der Musik, sowie die Kritik, die reflektierende Sichtung eines Phänomens, die zwar einerseits dabei und mitten drin sich befindet, andererseits aber den Abstand benötigt, um den kritischen Blick überhaupt setzen zu können. Wir wissen ja um das Bild von er Eule der Minverva, die ihren Flug erst in der Dämmerung beginnt und daß erst im Grau in Grau, wenn eine Gestalt des Lebens alt geworden und damit als abgelebt sich erweist, das Erkennen einsetzen kann. In der Sache: sei das nun Phänomenologisch oder dialektisch gewichtet.

Man muß nicht alles argumentativ teilen, was Diederichsen in seinem Buch an Bestimmungen und Thesen entwickelt. Anregend freilich bleiben seine Überlegungen dennoch. Besser und klüger ist in der BRD nie über Pop-Musik geschrieben worden.

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Die Tonspur zum Sonntag – „Auseinandergehen ist schwer“

Nicht wahr?

Die_Frauenseele(Karl Kraus)

 
 

„Und wannʼst besoffen wirst
Redʼst immer nur von ihr“

Eine schöne Konzertversion gibt es zudem aus dem Süden der BRD zu schauen.

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Haarflaum in der Abfickzone. Oder: Über die Schwierigkeiten von Prosa und Lyrik

Dies ist ein Text, den ich als eine Art Blogantwort bzw. als Kommentar bei der von mir hoch geschätzten Schriftstellerin Aléa Torik schrieb. Auf die Frage, wie eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller von ihrem Schreiben leben können. Ich möchte diesen Text, da ich mir viel Mühe machte, auch hier veröffentlichen. (Quatsch, ich habe den Text in einem Zuge heruntergeschrieben. Und es hat mich keine Mühe gekostet, sondern nur ein wenig Zeit und eine Flasche Bier.)

@ Aléa Torik
Ich weiß, es ist nur ein Nebenaspekt Deines Textes, in einer Deiner Kommentarantworten stehend, wesentlich ging es Dir um konkrete Aspekte der Literatur: „Je weniger die Sprache ein Buch trägt, umso mehr Handlung braucht es“. Ich hätte besser auf diesen Titel und das, was inhaltlich darunter befaßt ist, eingehen müssen, nahm aber eine andere Stelle in einer Deiner Kommentarantworten zum Anlaß: Dort beklagtest Du die unsichere materielle Existenz der Schriftstellerin, des Schriftsteller. Was den monetären Aspekt betrifft, so sehe ich dies etwas anders, und ich möchte Dir widersprechen. Einmal abgesehen, daß mir das Klagen der Schriftsteller über ihre prekäre Daseinsweise ungemein auf die Nerven geht und mich (und vermutlich viele andere ebenso) nicht die Bohne interessiert, scheint mir diese Kritik an der Sache vorbeizugehen. Ich will das an einigen Aspekten verdeutlichen. (Eigentlich hatte ich vor, diesen Text unter dem Begriff Prekariatsszenerien zu betiteln. Aber dies schien mir denn doch zu drastisch. „Prekär“ allerdings in verschiedenen Konnotationen gemeint.)

Erstens: Mit diesem Punkt meine ich weniger Dich als jenes sich selber überschätzende Schreiberprekariat, das sich – meist in Berlin lebend – einbildet, Dichterin oder Dichter zu sein, weil irgendwie aus der der Lamäng, aus der Assoziation zwei oder drei Zeilen geschrieben wurden, irgendwann einmal die Stimmung besonders lyrisch oder prosaisch ausfiel und fürs Zwischendurch ein Text gefertigt wurde, der dann irgendwo in den Weiten des Digitalen sich verbreitete oder es sogar auf ein Blatt Papier schaffte. Karen-Köhlerisierung der Literatur. Die wir beide gleichermaßen beklagen. All die selbsternannten Dichterinnen und Dichter, die Schriftstellerinnen und Schriftsteller treiben sich in Berlin zuhauf herum. Aber ebenso anderswo. Selbstermächtigungsgesetz des Literatentums. Ich, der Dichter, ich, die Dichterin. Narziß und Echo begleiten neuerdings den Dichter als Geist-Gefährten. Apollon, Dionysos und der Zug der Mänaden haben ausgedient. Allenfalls als Literaturgroupies oder Salonleseboxenluder tauchen diese Mänaden auf. Die Bakchen des Kultursalons. Die Dichterlebensdichte in Kreuzberg, Friedrichshain, dem Prenzlauer Berg und neuerdings wohl auch Lichtenberg und Pankow ist ungemein hoch. Dagegen war Friedenau in den 60er Jahren dichterisch fast dünne besiedelt. (Herta Müller lebt dort heute noch.) Ich bekomme regelmäßig Wallungen der Aggression, wenn der Ranz des Beliebigen als Dichtung hochgepimpt wird. (In Blogs kann man das ja alles machen. Gut finde ich es dennoch nicht. Es hat etwas Schales, etwas Anmaßendes, etwas Abstoßendes. All dieses Schreiben. All diese Viel-zu-vielen.) Aus der Assoziation mache ich Euch allen solche 3-Sekunden-Texte im Zwei-Sekunden-Takt:

Nach der Nacht//Und aus der Muschi der Scheidenausfluß//im Beckensaum//Genäht, gewichtet, zu leicht befunden//Haarflaum in der Abfickzone//Sekrete Diskretion.

Ich meine, das ist doch wirklich ein geiler Titel für einen Gedichtband: „Haarflaum in der Abfickzone“. Ich, der Fan der Muschibehaarung. Wie geschrieben: ich kann hier den ganzen  Abend und den Morgen und den Nachmittag assoziieren und den Tag und darüber hinaus. Aber als Dichter würde ich es nicht wagen, mich selber zu bezeichnen oder von anderen mich benennen zu lassen. Was für eine Hybris! Und damit komme ich auf den Punkt: Es gibt zu viele von Euch Schriftstellern! Reduziert Euch! (Eine der schönen Ausnahmen war Dein Blog und es ist auch summacumlaudes Blog, stellenweise auch die Beobachtungen bei Kreuzbergsüdost, ebenso Katharsis. Feine Skizzen, aus denen mehr werden kann oder könnte. Natürlich, im großen Rahmen, ebenfalls viele der Texte von Alban Nikolai Herbst in seinem Blog, wenn nur das Jammern nicht wäre. Des Dichters liebstes Kind scheint die Klage zu sein. Ganz gleich, ob Marienbader oder Berliner Elegie. Andererseits, im guten Teil der Elegie geht das Klagen, Jammern und Zähneklappern durchaus, wenn das Material bearbeitet und nicht roh hinterlassen wurde, wenn dann der Bau trägt und die Kraft des Ausdrucks wirkt: „Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,//Gab mir ein Gott, zu sagen, wie ich leide.“ Goethe, Torquato Tasso)

Daß Dichtung einmal Ausdruck von Leiderfahrung war, objektives Leiden, Leid objektivierend in der Textweise des Subjekts: dieser Umstand scheint mittlerweile vergessen. Die Begleiter des Dichters sind Narziß und Echo.

Die Städte sind voll von Lyrik und Prosa. Gut. Und für die Performances beim Poetry Slams mag das funktionieren, wenn in gewitzter Form Sprache dargeboten wird. Ob das freilich der Dichtung insgesamt zugute kommt? Dieser Faktor der Multiplizierung, dieses Zu-Viel der schnellen Form: Das ist der Grund, weshalb ich Lyrik und Prosa-Gedicht (in vielen Fällen) für die heruntergewichsteste Form der Dichtung halte. Hausfrauengeschreibe fürs Zwischendurch. Keine Kraft und keinen Atem für die lange Form des Romans oder eben einen komplexen komponierten Gedichtband aufbringend, wie Daniela Danz das gekonnt mit Pontus tat. Es müßte ein Gesetz erlassen werden: Wer nie einen Roman schrieb, wird mit dem Verbot belegt, Lyrik zu produzieren. Vielleicht sollte man das auch für die Essays einführen. Wer nie sich einem Schreib-, Denk- und Theorieprojekt für mindestens 2 Jahre hingab, darf keine Texte verfertigen. In hora mortis – es mag der Griffel in der Sterbe-Hand verfaulen. Die Journalismusversuche samt den Buchschreibereien der Kreuzberger Medienbohème betrifft dies ebenso.

Nein, mich stört weniger das Schreiben selbst, als Akt, als Tätigkeit, als Wille zur Gestaltung, sondern vielmehr das Prätentiöse. Lyrik und Prosa geraten inflationär. Nun kann man sagen: schön, daß es so viel Dichtung gibt. Ja, schön auch, daß es so viel Beliebiges gibt, dem es an diesem Willen zur Form gebricht. Dieses Phänomen scheint auch in der Photographie existent zu sein, weshalb ich immer weniger Lust verspüre, meine Photographien überhaupt noch herzuzeigen.

Punkt 2.
Du schreibst:

„es mag sein, dass wir in dem Maße, wie wir erkennen, dass man vom Schreiben nicht leben kann, auch erkennen müssen, dass es eben kein Beruf, sondern ein Hobby ist. Ich kann mir als Beruf nichts Schöneres vorstellen, aber als Hobby interessiert mich das Schreiben nicht. Wenn man nicht fürs Schreiben lebt, dann kommen dabei in der Regel Hobbytexte heraus (bei den großen fiktionalen Formen; bei Bloggern und Journalisten gelten da andere Gesetze). Ich will Texte von Berufsschriftstellern lesen, die sich mit ihrer gesamten Existenz für den Text verbürgen. Und solche Texte will ich auch schreiben. Wenn das nicht geht, dann muss ich mich anderweitig orientieren.“

Wohl wahr und richtig: Schreiben (und überhaupt das Machen von Kunst) ist kein Hobby, es ist Leidenschaft, wildes irres Tun und Treiben, ein Delirieren, ein Zwang, ein Muß und hohe Kunst der Komposition. Insofern trifft der Begriff des Tonsetzers, als der jener Adrian Leverkühn im „Doktor Faustus“ bezeichnet wird, den Umstand dieser Arbeit der Kunst sehr genau. Es ist ein Setzen, vorsichtiger Satz, kühner Satz, vorpreschender Satz, und es klingt die Arbeit des Schriftsetzers darin an. Guter alter Bleisatz, Detailarbeit, wenn nach den  passenden Lettern gefischt wird. Aber, und hier kommt die große Einschränkung, es bietet die Kunst eben keine Gewähr dafür, daß es Geld gibt. Schön wäre eine Gesellschaft, in der jeder nach seinen Bedürfnissen tätig sein könnte. (Insofern stellt die Bezahlungsfrage für Schriftsteller:innen, jenseits allen Egoismus oder auch des rein Pragmatischen, von irgend etwas leben zu müssen, zugleich die Systemfrage. Ich schreibe das in einer Klammer, obgleich diese Klammer Zentrales berührt: Wie wir nämlich leben wollen.)

Auch ich mag keine Hobby-Texte lesen, schreiben braucht Zeit; in den Blogs, die Literatur machen, lesen wir immer wieder, wohin und zu welcher Art von Text das Hobbyschreiben führt, wenn im Ton der Empfindsamkeit getrötet oder geflötet wird.

Die Schriftstellerin Ulla Hahn riet jungen Autorinnen und Autoren, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Ich halte das für einen guten Hinweis. Denn es ist doch so: Der Betrieb ist voll. Alle drängt es zu den Töpfen, zu den gut oder den weniger gut bezahlten Vorträgen, den Schreibstellen in den Feuilletonredaktion, denn vom Verkauf seiner Bücher kann (so vermute ich) kaum einer der Schriftsteller leben. Es bleibt also nur die eiserne Disziplin, um seine Leidenschaft, dieses ungeheure Begehren, neben der Erwerbarbeit zentral zu machen. Schreiben erledigt sich nicht nebenbei. Wer aber dieses ungeheure Wagnis eingeht, einen Roman zu komponieren, der benötigt eines der kostbarsten Dinge, die es auf dieser Welt gibt: Zeit. Das heißt vermutlich auch: ich muß mich von vielem, das ablenkt, freischaufeln. Freundinnen und Freunde reduzieren. Tätigkeiten einschränken. Eine Lösung für dieses Dilemma weiß ich nicht. Falsch wäre es auf alle Fälle, wenn eine der begabtesten Schriftstellerinnen ihr Schreiben aufgibt. Nebenwege gehen vielleicht? Wie machte es Franz Kafka, der zeitlebens seine Arbeit im verhaßten Büro verfluchte? Ihn rettete die Krankheit. Ihm schadeten die Frauen. Nein, nicht ganz. Sie waren der Anlaß zum Schreiben, der unendliche Fluchtreflex. Orpheus schlachtet Eurydike, und er beschreibt dieses leere hagere Gesicht, das er im September des Jahres 1912, bei Brod an einem Tisch sitzend, betrachtete, das Blasse, Magere. Er modelliert und skizziert aus diesem Gesicht heraus den größten Roman des 20. Jahrhunderts. (Aber auch dies ist nur eine Mutmaßung, kein Biographienpositivismus, sondern selber ein Stück dieses ungeheuren Textes Kafka, den der Blogbetreiber fortzuschreiben gewillt ist.) Durchstreichung eines Gesichtes, ein Text, der sich fragmentiert und selber auslöscht, denn das Wesen eines Textes ist es, wieder verschwinden und sich ins Nichts versetzen zu können. Die Illusion der textuellen Dauerpräsenz und Omnipotenz durchzustreichen. Ginge es nach Kafka, wäre sein Literaturnachlaß verbrannt worden. (Undenkbar, absolut undenkbar für einen heutigen Dichter.) Schreibglück fand Kafka erst kurz vor seinem Tode, zusammen mit Dora Diamant. Auch eine der vergessenen Frauen. Aufhören ist für die, die der Literatur etwas hinzugefügt haben, keine Option. Das sollten besser andere machen.

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Auf dem Marktplatz der Gemeinplätze

Wenn Du denkst, es geht nichts mehr, kommt immer noch was Blöderes her. Das gilt für Theorien und für die Praxis gleichermaßen. Nun ist Antje Schrupp im FAZ-Blog freundlicherweise angetreten, den Markt vor dem Kapitalismus zu retten.

Ich hielt diese Äußerungen zunächst für eine Satire. Oder ein Versuch vielleicht, um die Kritikfähigkeit des Publikums zu testen?, dachte ich mir. Nein, nein, das ist es mitnichten. Wer es mit eigenen Augen lesen möchte, der lese, sofern sich den Leserinnen und Lesern nicht Schleier von Lachtränen vor die Augen legen. Ich habe keine Ahnung, auf welchem Niveau man einen Schreibplatz im FAZ-Blog bekommt. Es muß sehr einfach sein, denke ich mir. Vielleicht ist es aber auch Strategie, um unter dem Namen Antje Schrupp kritische Theorie und politische Ökonomie sowie linkes Denken insgesamt der Lächerlichkeit preiszugeben und als prinzipiell naiv und versponnen zu markieren. Der Gegner ist schließlich mit allen Wassern gewaschen.

Schrupp schreibt:

„Schon lange frage ich mich, warum ich mit ‚linken Theorien‘ nie so richtig etwas anfangen konnte, besonders nicht mit denen von linken Männern. Ich habe mich durchaus bemüht, aber diese Texte verursachen mir Langeweile, auch wenn ich auf einer rationalen Ebene verstehe, dass sie wichtig sind. Damit bin ich nicht die Einzige. Der italienischen Philosophin und Feministin Annarosa Buttarelli zum Beispiel geht es genauso. Die Linken, so erklärt es sich Buttarelli, wollen mit dem Kapitalismus auch den Markt abschaffen. Aber uns Frauen gefallen Märkte. Eine Welt ohne Märkte wäre langweilig.“

Eine Welt ohne Märkte wäre also langweilig? Ja: Frauen shoppen, Männer schrauben. An Autos, an Computern, an Theorien gar. Es ist die Langeweile seit Baudelaire zwar Signum der Moderne, und es nötigt der Zustand der Welt die dichterische Betrachtung zu dieser ästhetizistischen Haltung. Daß aber die Langeweile zugleich maßgebliches und untrügliches Kriterium ist, um Text und Theorie analytisch sicher beurteilen und intellektuell durchdringen zu können, auf diese Idee muß frau erst einmal kommen. Es genügt nicht, keine Texte zu lesen, man muß auch unfähig sein, über sie schreiben zu können, wird sich Antje Schrupp gedacht haben. Insofern verwundert es uns wenig, wenn Schrupp nichts mit linken Theorien anzufangen weiß, und wir glauben‘s ihr gerne. Diesen Umstand teilt sie mit Olaf Scholz, Andrea Nahles, Guido Westerwelle, Angela Merkel, Katrin Göring-Eckardt, Renate Künast, Willy Brandt, Franz Josef Strauß oder Gertrud Höhler. Gute Gesellschaft also, in der sich Frau Schrupp befindet. Was wir ihr freilich nicht glauben: daß sie auf „einer rationalen Ebene“ versteht, weshalb diese Theorien wichtig sind. Ganz und gar nicht. Würde sie es nämlich begreifen, käme kaum ein solch rührseliger Erguß heraus. Wobei das Verb „glauben“ im Umkreis der evangelischen Akademie irgendwie lustig ist.

Wer allerdings Theorien, Kunst oder Literatur qualitativ danach gewichtet, ob sie von Frauen oder Männern gemacht wurden, sollte sich auf alle Fälle ein anderes Metier als Theorien, Kunst oder Literatur suchen. Vielleicht fällt ja ein Plätzchen im FAZ-Blog ab (Schirrmacher war schon ein gerissener Hund, bestimmte Leute bei der FAZ schreiben zu lassen) oder bei Georg Diez eine Schreiber:innen-Lehre: Praktikumsplatz Pathosgequatsche (laut Titanic). Übrigens: es gilt das von einem Mann entdeckte Fallgesetz auch für Frauen, spätestens dann, wenn ihnen ihre eigene Blogtextscheiße vor oder auf die Füße fällt, und 2 x 2 = 4 bleibt unabhängig davon gültig, ob eine Frau oder ein Mann das am Marktstand auf dem Marktplatz beim Auswählen oder Bezahlen der erlesenen, glücklichmachenden Waren ausrechnen.

Vor rund dreißig Jahren wäre ein solcher Aufsatz nicht einmal in einer Schüler-Zeitung abgedruckt worden. Heute schaffen es Texte dieser Art mühelos in einen FAZ-Blog. Dort heißt es im Schlußsatz:

„Klar, der Kapitalismus beutet die menschlichen Bedürfnisse nach diesem ‚Vielmehr‘ und nach dem Überschreiten der reinen Nützlichkeit aus, aber das tut er ja mit allen übrigen Bedürfnissen auch. Eine menschenfreundliche Wirtschaftspolitik zu machen, kann deshalb nicht bedeuten, den Markt abzuschaffen. Es muss vielmehr darum gehen, den Markt dem Kapitalismus zu entziehen.“

Auf die Idee, das eine könne womöglich mit dem anderen zusammenhängen, kommt Antje Schrupp nicht. Aber wie sollte sie auch? Dazu hätte man allerdings einen von diesen langweiligen Texten lesen müssen. Gegen solchen Unsinn ist Katrin Rönickes Ferien- und Freizeitkommunismus eines richtigen Lebens im falschen in ostdeutschen Landschaften mit ewigwährenden Partys und selbstgebasteltem Häusle seinerzeit im FAZ-Blog fast wieder erholsam erfrischend. Vielleicht ist – wie geschrieben – das alles aber bloß eine FAZ-Strategie. Denn Schirrmacher war ein kluger Kopf.

Julia Seeliger twitterte über Schrupps Besinnungsaufsatz, unnachahmlich und treffend:

Mit welch einer Chuzpe man uns die Positionen eines aufgeweichten, abgeleierten Kommunitarismus samt einem Hauch Habermasschem Lebensweltkonzepts als den letzten Schrei feministischer Philosophie aufdrücken will, ist traurig – angereichert dazu mit Versatzstücken von Jeremy Rifkin. Mit anderen Worten: ein marktliberales Wirtschaftsmodell, das diese Sharing-Ökonomie ist, wird in feministische Theorie umgemodelt. Namen und Referenzen werden dreist unter den Tisch gekehrt, und so macht Schrupp den feministischen Guttenberg. Beschämend und schlimm ist diese Art von Betrachtung vor allem für eine solche feministischer Philosophie, die mehr sein möchte als Affirmation des Bestehenden, indem ein paar Stellschräubchen verändert und ein unsäglich banaler Dualismus aufgezogen wird: Hier holde emotionale Weiblichkeit mit dem Sinn für das Qualitative, dort die männliche nüchtern-rationale quantifizierende kalte Analyse. Davon abgesehen, daß dieser Dualismus genau die patriarchale Struktur als Matrix dupliziert, die vorgeblich bekämpft werden soll, so daß es sich nachgerade aufdrängt: Da kann die Frau, statt sich in der kalten Welt der Arbeit zu mühen, mit ihren holden Händen, ihrem Sinn fürs Schöne genausogut im Haushalt bleiben, dort mit Umsicht wirken und qualitativ, achtsam, behutsam schonend sich um Abwasch, Tischdeko und Kinder kümmern, anschließend auf dem Markt einkaufen (alles Bio versteht sich), um dann das Abendbrot zu bereiten – lauter kostbare Güter, wichtige Tätigkeiten schließlich, die Bestandteil des guten Lebens sind. Mein Verdacht, daß es eine Querfront in der linken Theorie gibt, um eine marktliberale und zugleich konservative Encounter-Theorie zu installieren, drängt sich mir immer mehr auf.

Auf ihrem Blog „Aus Liebe zur Freiheit“ ergänzt Schrupp: „nämlich dass es auch eine feministische Strömung gibt, die den Markt ablehnt, und zwar im Umfeld der Gift-Economy.“ Was kommt nach dem „ABC des guten Lebens“? „Ökonomie als Geschenke-Herzkreis“, „Der gefühlte Gebrauchswert oder wie produzieren wir Gemeinplätze“? Ja, Gift-Economy – das ist es: „Mamatschi, schenke mir ein Pferdchen, ein Pferdchen wäre mein Paradies.“

Im Gesamt läßt es sich in diesem Satz zusammenfassen: Gesinnungskitsch der schlimmsten Art. Ganz gut mit Norbert Bolz‘ Konsumistischem Manifest zusammenzutun. Denn wer schwelgerisch auf dem Markt kauft und des Guten und Schönen ansichtig wird – das Wahre bleibt Schrupp wegen anhaltender Langeweile bei Theorie-Lektüre leider verborgen –, rebelliert bekanntlich nicht.

Das gute Leben kommt immer an.
Frisch verpackt von:
Neckermann.

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Literaturkritik oder der Eigensinn von Kunst (1)

„Ein starker Kunstbegriff ist heute aus verschiedenen Gründen kaum noch in Gebrauch. Das hat nicht unbedingt mit einem Niedergang zu tun.“
(Diedrich Diederichsen, Eigenblutdoping)

 „Ich glaube, dass es nicht mehr besonders en vogue ist, intellektuell zu sein, nicht nur die Hooligans von der Pegida halten das Wort Intellektueller für ein Schimpfwort. Für viele mit guter Schulausbildung hat Intellektualität den Beiklang von Engagement, oder sagen wir einfacher: Haltung. Und Haltung ist kaum noch gefragt heute, …

Alle meinen den ganzen Tag irgendwas, Meinungen sind ja gerade hoch im Kurs, in den Redaktionen ist immer wieder von der Meinungsstärke von Texten die Rede. Aber Haltung zeigen wenige, denn das hieße ja die Ansichten von gestern auch jetzt noch zu vertreten. Oder aber sich selbst zu kritisieren, also sich infrage zu stellen, sich angreifbar zu machen. Und, ehrlich gesagt, manche festangestellten Literaturkritiker können viel viel mehr über edle Schuhe oder gutes Essen sagen als über die Qualität literarischer Texte.“ (Jörg Sundermeier, in: BuchMarkt)

Viel sprach man seit den letzten Wochen, ausgelöst durch Sundermeiers Interview, in den Zeitungen und in den Welten der Digitalgewitter über die Literaturkritik: von ihrem Scheitern, von ihren Möglichkeiten, die sie freilich mangelhaft nur wahrnimmt, ihrem Versagen und wie sehr sie sich ins Kleinteilige flüchtete oder aber wie sie sich in einem Betrieb, wo jeder jeden kennt, in die Abhängigkeiten manövrierte. Viel Anregendes, aber ebenso häufig Banales war in den Welten der Blogs dabei, manchmal dem Versagen der Urteilskraft und dem Mangel an ästhetischem Geschick (oder auch intellektueller Geschicklichkeit) geschuldet. Man sollte als Blogger:in der Welt nicht alles als Literatur oder deren Kritik unterjubeln. Was mich in meinem seit Jahren gehegten Urteil bestärkt, daß die besseren Formen von Literatur samt Kritik immer noch in den Printmedien wie Büchern und Zeitungen und nicht in den Blogs ihren Platz finden. Selbst dort, wo die Literaturkritik mißlungen oder für den Markt geschrieben scheint, damit sich eine bestimmte Literatur stromlinienförmig verkauft, lesen sich die meisten dieser Buchbesprechungen in Zeitungen besser als solche Blogtexte, die über das Emotionalisieren oder private Leseeindrücke nicht hinausgelangen. Das gilt sogar für die ansonsten von mir wenig geschätzte Iris Radisch. (Nicht jedoch für Georg Diez.)

Natürlich, es gibt in der Blogwelt Ausnahmen. Ich nenne jedoch keine Blognamen, weder im guten noch im schlechten: die, die gemeint sind, wissen, daß sie gemeint sind. Die schlechten bleiben im Kröpfchen, und wir wollen sie durchs Nennen nicht aufwerten und die guten sind eh gut genug – egal ob von engagierten jungen Frauen oder von mittelalten bis alten Männern betrieben. Ganz wenigen freilich gelingt es, in den Sphären des Digitalen diese Komponente von radikal subjektivem Blick, Emotion und Ton so auszufahren und in eine gekonnte, gewagte und gewaltige Sprache zu bringen, daß es eine Freude ist, diese Texte zu lesen. Wenn dann im Gesamt des Textes, in seinem Bau, seinen Konstellationen und Stilmitteln ein ästhetisches Urteil sich zeigt, welches mehr als nur Meinung und Befinden hervorbringt, dann will es mir scheinen, daß der „Essay als Form“ die tiefreichende Variante ist, um Literatur zu betrachten, sich ihr anzuschmiegen, sie lesen zu lernen. Denn dieses Lesen-Lernen ist eine der höchsten Künste. Es erfordert vor allem, vom Ich und von der unvermittelt scheinenden Subjektivität, die so sehr aufs Authentische pocht, endlich einmal absehen zu dürfen und auch: Absehen zu können. (Von der Subjektivität gleichsam abzusehen, um Subjektivität überhaupt erst zu gewinnen.) Sich einem Text hinzugeben, seinen Innenraum in Gestalt zu bringen. Dem literarischen Werk etwas hinzuzufügen. Es nicht zu ersticken oder wegzuinterpretieren, um es handhabbar zu bekommen, sondern in einer Art Gleitbewegung zugleich darin und darüber hinaus zu sein.

Machen wir uns aber nichts vor: Alles Klagen, Wünschen, Lamentieren, Hoffen, Bitten und Betteln nützt nichts. Denn Literaturkritik erfüllt zunächst einmal eine ganz basale Funktion: sie liefert Leserinnen und Lesern Orientierung. Literaturkritik bietet Überblick und zeigt – freilich ausgesprochen selektiv – auf, was es auf dem Markt an Büchern gibt. Das klingt trivial, und das ist es auch. Leider wurde diese Evidenz in der Debatte übersehen. Literaturkritik ist kein Literaturessay, denn ein Buch zu analysieren oder in einem Kunstgriff in seiner Vielschichtigkeit zu sichten – Kunstkritik kann ebenso eine Weise der Kunst sein, sofern sie gut gemacht wurde –, läuft in einem ganz anderen Modus als eine Buchbesprechung auf vielleicht einer Zeitungsseite. Der Literaturessay greift aus, bringt seinen Gegenstand zum Leuchten, vielleicht sogar dadurch, daß ein gelungener Essay über sein Ziel weit hinausschießt. Becketts Reaktion auf Adornos Essay zum „Endspiel“ etwa fiel ablehnend aus; mit der Intention des Autors also hatte Adorno – zum Glück – nicht viel im Sinn. Wozu auch? Wenn uns der Autor eine Botschaft hinterlassen wollte, hätte er keine Literatur geschrieben.

Solche Lektüre von Literatur, die im Essay oder in einer komplexeren Kritik sich ausdrückt, setzt (meist) voraus, daß ein Buch bereits gelesen wurde. Literaturkritik in den Zeitungen und auch in Blogs richtet sich jedoch an ein Publikum, das dieses Buch eben nicht kennt. Insofern sind in einer solchen Kritik naturgemäß Inhaltsangaben erforderlich. Die freilich über einen bloßen Klappen- oder Werbetext hinausragen sollten. Denn wie sonst sollte ein ansonsten Leser erfahren, worum es in diesem Buch geht und wovon es handelt. Wie und auf welche Weise ein Rezensent sein Metier freilich gelungen oder völlig neben der Spur betreibt, bleibt eine Kunst für sich. Insofern schreiben sich auch die knappen Buchbesprechungen nicht nebenher, wenn sie mit einer gewissen Umsicht und mit Genauigkeit gearbeitet wurden.

Wer freilich mehr will, als eine bloße Besprechung zu lesen oder zu schreiben, muß tiefer einsteigen. Der Unwille an der Literaturkritik, den ich in manchem Punkt teile, etwa was das Verschweigen bestimmter Autorinnen und Autoren anbelangt ebenso wie die Unfähigkeit, das Werk selber sprechen zu lassen, jenseits der Inhaltsangabe, ruht womöglich aber auf einem ganz anderen Umstand und meint nur mittelbar diese Form der Literaturkritik. Es geht im Grunde um die Kunst selbst, um einen Zug an ihr, der uns verstört und den diese Art der Kritik nicht zum Ausdruck hin und als Gestalt der Kunst zu vermitteln vermag: jenes Moment des Entzugs im Kunstwerk, das Sprache übersteigt. Friedrich Schlegel fand dafür jenen Satz: „Wo die Philosophie aufhört, muß die Poesie anfangen.“ Das, was wir mit dem Eigensinn der Kunst bezeichnen und was die Literaturkritik der meisten Zeitungen unter den Tisch fallen läßt. Diese spezifische Weise eines literarischen Textes, etwas so und nicht anders auszudrücken, kann Literaturkritik nur in den Ausnahmefällen zur Sprache bringen, und diesen besonderen Ton eines literarischen Textes zu evozieren, mißlingt meist, sofern sich die Kritik nicht in der reinen Paraphrase erschöpft oder aber wenn sie zumindest Raum erhält, um ausgreifend in die Bezüge einsteigen zu können, um sich dem Werk anzuschmiegen, es nachzuzeichnen, es in eine erweiterte Form zu bringen. Textueller Hyperbolismus einer Lektüre. Zwischen Kritik und Werk tut sich jedoch eine Lücke auf. Während die Romantik um Schlegel noch Kritik und Poesie in einer Texteinheit zusammenzuführen gedachte, bringt die mit dieser Zeit einsetzende Moderne eine unaufhebbare Spaltung zwischen Kritik und Werk hervor. Ausdifferenzierung von Geltungssphären, wie es später heißen wird. Um dieses Verhältnis von Philosophie und Kunst, von Deutung und Werk wird sich die gesamte Ästhetik Adornos ranken. (Dazu in einem anderen Teil der Serie mehr.)

Diese Spaltung wie auch die Aneignungsprozesse führten auf Seiten der Kunst und der Theorie zur Kritik an den überkommenen Literatur- und Textwissenschaften – insbesondere an den hermeneutischen sinnverstehenden oder sinngenerierenden Interpretationsansätzen. In den 50er Jahren bereits reflektierte darauf Adornos „Der Essay als Form“, und prominent geschah dies in Susan Sontags knappem und paradigmatischem Text „Against Interpretation“ aus dem Jahr 1964, der freilich in eine ganz andere Richtung stößt als Adorno dialektische Kritik. Im Grunde in dem Zeitrahmen geschrieben, als die dritte Moderne der Kunst des 20. Jhds in ihren Zenit trat. Dem Kunstwerk werde, so Sontag, in den Akten der Interpretation gewaltsam eine Deutung übergestülpt, es werden Subtexte gelesen und freigelegt, die sich als der eigentliche Text ausgeben. In einer leider reduktionistischen bzw. in provokanter Lesart macht Sontag das an Marx und Freud deutlich und bezeichnete deren Texte als „ein wohldurchdachtes hermeneutisches System“, das auf „aggressive und pietätlose Interpretationstheorien“ hinauslaufe.

Davon abgesehen, daß dies Unsinn ist, weil es sich hier um eine weichgespülte Lesart von Marx und Freud handelt, verkennt Sontag den Umstand, daß sich gesellschaftliche und psychische Phänomene eben nicht an sich selber zeigen, wenn man nur lange sowie intensiv genug schaut, und daß in diesen Feldern nichts ist, wie es zunächst uns erscheinen mag. Wer einzig den Markt und die Waren betrachtet, wird kaum zu einer Theorie des Wertes gelangen, noch den Gesellschaft formenden und zugleich von Gesellschaft geformten Charakter der Waren begreifen können, die uns im Schein des An-Sich als vermeintlich Naturgegeben gegenüberstehen und doch durch und durch gesellschaftlich Gemachtes, sondern er wird den Markt als unendliche Ansammlung von Tauschprozessen wahrnehmen, darin die Ware ein Fetisch. (Daher kommen dann auch derart dämliche Ausführungen über Markt und Kapitalismus zustande, wie Antje Schrupp sie kürzlich im FAZ-Blog formulierte. Die Erledigung dieses Falles folgt ein andermal hier im Blog.) Ähnliches gilt im Grunde auch für die von Sontag kritisierte Kunstkritik. Dialektische Kritik jedoch, so sei hinzugefügt, die das Kunstwerk als Kunstwerk in seinem ästhetischen Eigensinn beläßt, überschreitet das Unmittelbare und bloß Evidente. (Womit wir wieder einmal bei der Kritik der sinnlichen Gewißheit sind, was sich durchaus mit Sontags Kritik an einer Interpretationslektüre deckt, die bloß auf den Inhalt eines Werkes sich kapriziert.)

Der Strom der Kunstinterpretationen, so Sontag, vergifte unser Empfindungsvermögen, so Sontag, und indem in der Interpretation Kunst auf ihren Inhalt reduziert wird, zähmt man die Kunst. Ihre Überlegungen mögen teils reflexhaft und unidirektional sein, doch reagieren sie auf eine bestimmte Form von Literaturwissenschaft, die den Text bloß noch als akademischen Anlaß nimmt. Darin liegt Sontags Polemik richtig, wenngleich sie die Komplexität und das Subtile des Verhältnisses verfehlt, in dem Kunst und Kritik zueinander stehen. Wobei Sontag freilich Interpretation nicht generell über Bord wirft, sondern lediglich eine bestimmte Form von interpretierendem, seminarhaften Akademismus. Und so schließt Sontag ihren Text mit jenem Diktum: „Statt einer Hermeneutik brauchen wir eine Erotik der Kunst“. Dieser Satz wird in den postmodernen Zeiten des gefühlten Textes sicherlich manchen Anklang finden.

In anderer Weise variiert Roland Barthes dieses Moment der Emphase an Kunst sowie einer ästhetischen Intensität des Textes in seinem Essay „Der Tode des Autors“ (1968): nicht mehr die hermeneutischen Kohärenzbildungen oder indem die Interpretation einen Sinn des Textes freilegt, sollen das Maß der Lektüre abgeben, sondern eine Vielfalt an Bezügen, die den Text immanent strukturieren:

„Wir wissen nun, daß ein Text nicht aus einer Wortzeile besteht, die einen einzigen gewissermaßen theologischen Sinn (das wäre die ‚Botschaft‘ des ‚Autor-Gottes‘) freisetzt, sondern aus einem mehrdimensionalen Raum, in dem vielfältige Schreibweisen von denen keine ursprünglich ist, miteinander harmonisieren oder ringen: Der Text ist ein Geflecht von Zitaten, die aus den tausend Brennpunkten der Kultur stammen. Bouvard und Pécuchet gleich, …“

Stop making sense, so lautet der von der Postmoderne begierig aufgegriffene Slogan, mit dem man Barthes Text charakterisieren könnte: „… Schreiben setzt fortwährend Sinn, aber immer nur, um ihn zu verflüchtigen.“ Literatur setzt in ihrer textuellen Prozeßhaftigkeit die Sinnproduktion aus. Die Literatur, oder wie Barthes es ausdrückt, das Schreiben, weigert sich, „dem Text (und der Welt als Text) ein ‚Geheimnis‘, das heißt einen letzten Sinn zuzuweisen.“ Barthes darin implizierte Kritik einer literarischen Hermeneutik wie auch einer epiphanisch gedachten Kunst, gleichsam als negative Theologie, das Auratische der Kunst, der in ihr siedelnde Deus absconditus, greift hier jedoch zu kurz und zeichnet ein Zerrbild derselben. Selbst Gadamer geht es nicht um einen letzten Sinn, denn es irgendwie als theologisches Residuum des Textes zu bewahren und in der hermeneutischen Interpretation zu bergen gälte.

Allerdings, es läuft diese Transformation von Sinnprozessen bei Barthes darauf hinaus, daß die Verhältnisse umgekehrt werden: nicht mehr der Autor rückt in den Fokus, sondern es installiert sich der Leser als neue Instanz. „Die Geburt des Lesers muß mit dem Tod des ‚Autors‘ bezahlt werden.“ So endet der Text. In seinem Essay „Die Lust am Text“ führt Barthes dieses Moment der Lektüre fort, aufgeladen um einen fast schon erotischen Aspekt, wie ihn auch Sontag propagiert. (Im Zusammenhang mit Adornos Begriff vom Rätselcharakter der Kunst werde ich auf diese Verwandtschaft von Kunst, Lektüre und Eros zurückkommen.) „Der Lust am Text“, schreibt Barthes, „gleicht jenem flüchtigen, unmöglichen, rein romanhaften Augenblick, den der Libertin am Höhepunkt eines gewagten Arrangements genießt, wenn er den Strick, an dem er hängt, im Moment höchster Wollust durchschneiden läßt.“ Der Kunst wohnt insofern nicht nur Erotik und Eros inne, sondern sie zeichnet sich gleichfalls als Thanatos-Erfahrung. „Werden im Vergehen“, kann man es mit Hölderlin umschreiben. Aber da sind wir dann wieder bei der Theologie. Freilich unter griechischem Himmel.

Dieser Topos einer Kritik der Kunstkritik wiederholt sich innerhalb der philosophischen Ästhetik verschiedentlich und in unterschiedlichen Varianten, als Kritik der Kritik durchgespielt, wenn die Kunstkritik als parasitärer oder sekundärer Diskurs markiert wird, der das Kunstwerk überdeckt. In den 70er Jahren lieferte Rüdiger Bubner in seinem Aufsatz „Über einige Bedingungen der gegenwärtigen Ästhetik“ (Neue Hefte für Philosophie 5/1973) eine Kritik der Adornoschen Wahrheitsästhetik zugunsten ästhetischer Erfahrung als Ort der Kunst. Im angelsächsischen Raum kritisierte Arthur C. Danto eine bestimmte Weise von Kunstinterpretation (insbesondere die Dekonstruktion Paul de Mans) in seinem lesenswerten Buch „Die philosophische Entmündigung der Kunst“, wenn er davon spricht, daß die Kunst in den Kommentaren erstickt wird. Danto stellt fest: „Die verblüffende Wahrheit liegt jedoch darin, daß die Philosophie mit ihrer Definition der Kunst zugleich sich selber Gestalt gibt und daß sie sich im Zuge der Entmündigung der Kunst erst selbst in ihre Rechte eingesetzt hat.“ Diesen Vorwurf würde Danto vermutlich auch einer bestimmten Art der Literaturkritik machen. Ebenso kritisiert Georg Steiner die Philosophie der Kunst und verteufelt die sekundären Diskurse, die sich um die Kunst ranken. So in Steiners 1990 erschienenem Essay-Band „Von realer Gegenwart“, der sich insbesondere gegen die zu dieser Zeit im Schwange befindliche Dekonstruktion richtete. Dabei zeichnet Steiner freilich ein Bild von Selbstgegenwart der Kunst, das diese zuweilen doch idealistisch überhöht. Kunst bedeutet ein Setzen auf Transzendenz. In gewissem Sinne kann man hier von einem umgedrehten Platonismus sprechen. Während Platon in der „Politeia“ die Künstler verbannen wollte, weil sie in seinem Konzept von Mimesis lediglich Abbilder des Abbildes lieferten, schickt Steiner die unendlichen Interpreten der Texte nach Hause.

Das Tückische freilich an jener Klage über die sekundären und parasitären Diskurse der Interpretation ist, daß jene Kritik der Kunstkritik selber in jenen Modus des Sekundären fallen und dem Kunstwerk weder etwas Eigenes noch ein Anderes hinzufügen, was das Werk entgrenzt. Insofern bleibt sie unbezügliche Negation, sind allenfalls, wie der Text Sontags als anregende Polemik zu lesen. Dantos Texte etwa verharren innerhalb der Philosophie. Sie sind – anders etwa als ein Essay – keine Kunst (wollen es freilich auch nicht sein), sie schreiben sich diesseits der Grenze, auf einer Seite des Zaunes, entlang. Als Reflex gegen eine bestimmte Weise der Kunsterstickung mag es hilfreich sein. Aber wenn meinen und treffen diese Kritiken?

Mehr zu dieser Kritik der Kunstkritik in einem nächsten Teil. Ich werde im Lauf dieser Serie auf die hier genannten Texte in unterschiedlichen Wendungen immer einmal wieder eingehen.

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Orpheus in der Unterwelt (1)

Gut, das klingt jetzt so pathetisch, als Überschrift gebastelt, aber im postdramatischen Zeitalter der Schwadroneure nicht unangebracht. Was mich daran erinnert, auf das interessante Buch von Karl Heinz Bohrer zu verweisen: „Das Tragische. Erscheinung, Pathos, Klage“. Urworte, orphisch, „Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch“ „Meint ihr, die Sterne samten ab vor Glück …?“ Der Weg geht hinab, hinab zieht’s den Blick und den Mann mit der Kamera. „Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt//Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.“

 

 

 

 

 

 

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