Zum Tod von Eva-Maria Hagen

Eva-Maria Hagen ist tot. In Erinnerung ist sie mir hauptsächlich als Sängerin, weniger als Schauspielerin, wenngleich ich mich vor allem an „Die Legende von Paul und Paula“ noch gut erinnere und ich meine auch, sie in dem einen oder anderen „Polizeiruf 110“ aus den 1970er Jahren gesehen und dabei auch gerne gesehen zu haben – später in den Wiederholungen. Ich mochte die Art, wie sie Brecht und Weill sang, ich mochte ihre Chansons und wenn sie russische Lieder sang. So auf der Platte „‚Nicht Liebe ohne Liebe‘. Eva-Maria Hagen singt Russische Romanzen, Zigeunerlieder und Balladen – ins Deutsche gebracht von Wolf Biermann“, erschienen im Jahr 1979, darauf war manch schönes Lied, dunkle russische Seele, Melancholie auch. Nicht alles gefiel mir zwar, aber es waren auf der Platte bzw. der Kassette, die ich mir in der Bücherei damals auslieh, doch einige sehr schöne Lieder. Vor allem aber war es ihre Stimme, die man so schnell nicht vergaß.

Gut erinnere ich mich noch, wie Hagen irgendwann Anfang der 1990er Jahre im Philosophenturm bei einem philosophischen Seminar von Herbert Schnädelbach plötzlich aufschlug. Einer der Studenten damals, Siegfried Gerlich, ein ungeheuer kluger Kopf, überbordend in seinen Ideen und Assoziationen und auch in seinem Wissen, das oft zwar ein Halbwissen war, aber doch mit einer Emphase vorgetragen, daß es die Zuhörer mitriß, sollte in jenem Seminar ein Referat halten, es muß wohl zu Levinas oder Derrida gewesen sein, aber Gerlich sprach über Lacan; und er hatte da im Schlepptau eben Eva-Maria Hagen, mit der er Anfang der 1980er Jahre zusammen war. Hagen besang diese Laison zu einer Tangomelodie in einem ihrer Lieder, geschrieben von Biermann, gesungen später dann aber von Hagen:

Das müßt ihr mir schon nachsehen
Mein Liebster ist schon achtzehn
Und ich bin erst fünfzig Jahr.

Wir kommen so gut zurande
Wir sind eine irdische Schande
Und ein himmlisches Liebespaar.

Wobei ich hier sagen muß, daß mir dieses Lied von Biermann vorgetragen besser gefällt, weil da mehr noch ein Raues mitschwingt. Ich mag einiges von Hagen, aber eben leider nicht alles. Großartig ist sie da, wo sie Lieder von Brecht sind und in ihrer Art interpretiert. Hagen wurde 87 Jahre. Das immerhin kann man ein erfülltes Leben nennen. Bewegend und schön und immer wieder gerne zu hören ist jenes ihr von Biermann auf den Leib gedichtete Lied „Ich

Und dann die „Ballade vom Förster und der Gräfin“: Was für ein Lied und was für ein Vortrag.

Es war eine Lieb‘ zwischen Füchsin und Hahn:
Oh, Goldener, liebst du mich auch?
Und fein war der Abend,
doch dann kam die Früh, kam die Früh, kam die Früh:
all seine Federn, sie hängen im Strauch!

Harald Schmidt zum 65. Geburtstag

Die beste Würdigung Schmidts ist es vielleicht, ihn einfach selber sprechen zu lassen und eine seiner Shows zu zeigen. Diesmal über Gerhard Schröder: „Die Hausfinanzierung von Gerhard Schröder“. „Der Mann, der nicht einmal weiß, wie man Haarefärben schreibt.“

Jene Phrase „Er fehlt uns“ ist allerdings verkehrt. Denn er ist immer noch da: eben weil er nicht mehr derart präsent ist und wir angesichts dessen, was uns Kanäle wie Youtube oder das Fernsehen bieten, eine bittere Enttäuschung spüren. Und bei all dem Schwachfug und Minderleistern wie Jan Böhmermann oder der Dauergrinsegrindmaschine Aurel Mertz tritt die Disprepanz zwischen Größe und Bedeutungslosigkeit nur um so mehr zutage. Gerade durch Schmidts Abwesenheit wird also der Mangel und das Mindere spürbar. In diesem Sinne fehlt uns Harald Schmidt ganz und gar nicht, sondern er schärft mit seinem Witz immer wieder neu uns die Sinne und den Verstand.

„Johann, was machen die Diesel?“ Zum Tod von Wolfgang Petersen

Es gibt so Tendenzen, die nennen sich Ambivalenzen: Wolfgang Petersen ist tot und ich muß sagen, daß ich seinen Film DAS BOOT verachtet und zugleich gerne gesehen habe. Es war einerseits von der Dramatik her fesselnd, wie man einen Krieg unter Wasser und derart unter Druck aushält, und es waren diese Bilder andererseits ein übler Schmarrn. Klar, da war die Bedrängnis im engen Boot zu sehen, was man auch als Kritik am Krieg lesen kann, der Schrecken des Krieges verdichtete sich in die Tiefe. Und vielleicht ist es nicht einmal schlecht, den Krieg auch aus der Perspektive der deutschen Täter mitzuzeigen, vor allem dann, wenn der Zuschauer mit dem deutschen U-Boot fiebert, als es von den britischen Zerstörern angegriffen wurde und immer weiter in die Tiefe abtauchen mußte, bis es im Stahl knirschte und die Schrauben flogen. Tauchgang, um den Wasserbomben zu entkommen, eigentlich müßte man sich freuen, wenn das U-Boot draufginge, denn jene Männer kämpften für ein System von Verbrechern, und gerade in solchem Mitfiebern zeigen sich die Ambivalenzen, die auch in einem selbst stecken. Der Schrecken des Krieges immerhin zeigt sich am Schluß, als dann das U-Boot beim Einlaufen in den Hafen von La Rochelle angegriffen und zerbombt wird. Von der Mannschaft bleiben nur der Kaleun und Leutnant Werner übrig. Als Zuschauer war ich freilich doch auf der Seite der Bomberpiloten, die mit jedem Flug und mit jeder weiteren Bombe dem Terrorregime ein Ende bereiteten. Wer Wind sät, wird Sturm ernten.

Dennoch bleib, trotz aller Faszination an diesem Film, ein Stück weit jene Landserästhetik. Ich fand damals in der ZEIT das Urteil von Fritz J. Raddatz hart, aber es traf am Ende irgendwie doch die Sache, obgleich ich eben diese drei Teile gerne sah: Seemmann, der ins Becken kotzt, andern vor die Füße rotzt und auf dem Heimweg torkelt, so ganz Mann, so ganz Held. Und doch waren genau diese Leute es, die furchtbar mittaten und die die Mordmaschine am Leben hielten – vielleicht mancher auch ohne Wissen und aus Liebe zum Vaterland, das schon lange keines mehr war und was jeder mit etwas Blickigkeit hätte wissen und sehen können. In diesem Sinne hat Raddatz recht:

„Die Einschaltquotenfetischisten können sich die Hände reiben: 60 Prozent aller deutschen Haushalte sahen die drei Folgen der Fernsehfassung von Wolfgang Petersens Verfilmung des Romans Das Boot; das sind 24 Millionen Deutsche. Was haben sie gesehen? Nach meinem Urteil: eine Trivialschnulze, (…) deren Schauspielerleistung sich zu 50 Prozent in männlich-hartem Blick und eisernen Backenmuskeln erschöpfte, wenn nicht gerade durchs Fernglas gestarrt wurde; deren politische Qualität – sprich: Nicht-Qualität mich geradezu empört. Ein Kriegsfilm am Rande der Verherrlichung. (…) Es geht mir um die zugleich so simple wie komplizierte Frage nach der politischen Moral; die dieser Film nicht stellt: Wie war denn das so, im Stuka über Warschau? Im Panzer vor Leningrad? Im U-Boot eben unter dem Atlantik? Das war doch nicht nur heiß und eng und voller Gestank, Schweiß, Angst und Zote? Das war doch auch ein Verbrecher-Handwerk? Ich will gar nicht so weit gehen wie Kurt Tucholsky, der gesagt hat, „Soldaten sind Mörder“. (…) Ich will aber so weit gehen, zu sagen: Schiebt es nicht immer auf ein paar SS-Bestien und Leibstandarten-Henker – auch die deutsche Wehrmacht hat tausendfach Verbrechen begangen; hat gemordet, geplündert, gebrandschatzt, geraubt. Sie hat einem der schlimmsten Terroristen der Geschichte gedient. (…)

Die guten Leute (…) waren privat vielleicht ehrbar, muntere Puffgänger, brave Familienväter und feste Trinker bei Rosita Serranos Schellack-Gekrächze. Doch was sie ausübten, war ein unehrbarer Beruf. Und sie wollten siegen; „Wir bauen für den Sieg“ stand an einen U-Boot-Bunker des Films gepinselt. Wohl wahr. Gott bewahre uns alle, sie hätten gesiegt. Keine dieser Fragen stellt der Film. Er zieht unser Mitleid in die falsche Richtung; weil ein Film ja optisch argumentiert, nicht verbal, zieht er den Betrachter auf die Seite der Männer in ihrer Bedrängnis und Not und macht prompt vergessen, daß ja sie es waren, die Tausende in Bedrängnis und Not brachten, Frauen und Kinder in den Tod bombten. (…) Bestimmte Dinge nicht sagen – auch das kann heißen: lügen. Insofern ist dies ein verlogener Film.“

Andererseits müssen wir Zuschauer, die nun einmal Deutsche sind, eben genau diesen Zwiespalt aushalten: mitfiebern bei einer Sache, wo es nichts zu fiebern gibt. Die Seemänner waren arme Säue und sie waren es zugleich nicht. Implizit zeigte der Film dies. Freilich hätte er es am Ende ästhetisch doch ein wenig expliziter machen können.

Und es hat „bumm“ gemacht (frei nach Klaus Lage) und was das mit Banaramas „Cruel Summer“ zu tun hat.

Und wieder gab es heute neue Explosionen auf der Krim in einem Munitionslager. Gut so. So schreibt die WELT:

„Auf einer russischen Militärbasis auf der Halbinsel Krim ist nach Angaben der Regierung in Moskau ein Brand ausgebrochen und danach Munition explodiert. Das Feuer sei gegen 05.15 Uhr (MESZ) in einem provisorischen Munitionslager des Stützpunkts im Bezirk Dschankoj im Norden der von Russland annektierten Halbinsel ausgebrochen, hieß es in einer von den russischen Nachrichtenagenturen veröffentlichten Erklärung des Verteidigungsministeriums in Moskau. „Infolge des Brands kam es zu einer Explosion der Munition“.

Der Krim-Verwaltungschef Sergej Aksjonow sagte vor Ort im Gebiet Dschankoje, es gebe zwei Verletzte. Zu den Gründen der Detonation müsse sich das russische Verteidigungsministerium äußern, sagte er.

Die Explosionen gingen weiter, erklärte Aksjonow in einer Videobotschaft in seinem Blog beim Nachrichtenkanal Telegram. „Es läuft eine Evakuierung, für die Sicherheit der Bewohner wird eine fünf Kilometer große Sicherheitszone gebildet“, sagte er. Kräfte des Verteidigungsministeriums, der Nationalgarde und des Zivilschutzes seien im Einsatz.“

Auch das Verteidigungsministerium der Ukraine beweist erheblichen Humor in ihrem Pop-Remix von Bananarama mit „Cruel Summer“:

Viel Spaß sei den Russen bei ihren Sommerferien auf der Krim gewünscht. Und wer meint, im Ausland Urlaub machen zu müssen, wer meint in besetzten Gebieten sich zu erholen, dem wird es Feuer und Schwefel vom Himmel regnen. Kann man wirklich so dumm sein und denken, daß eine solche Okkupation unendlich lange gut geht, um dort mitten im Krieg in die Sommerfrische zu fahren, als sei man bei den Tschechows zu Hause?

Und dieser Angriff auf die Krim hat, anders als manche das sehen, durchaus auch für die russische Besatzungsmacht dort Folgen. Nämlich für die Immobilien, sofern diese Angaben vom März 2022 stimmen:

„The blue dots are apartments and other residential property put on sale by their #Russian owners in the last couple of days in #Crimea Estate agents report that these properties are mainly owned by people employed in the #FSB They know we will come and take back what’s ours“

https://mobile.twitter.com/DmytroNatalukha/status/1501967048229937153?

Und wenn diese Meldung bei SpOn stimmt, dann ist es ebenfalls erfreulich und zeigt, daß es Wirkung hat, Russen direkt anzugreifen, und zwar überall wo sie sind:

„Britische Geheimdienste: Russische Flotte kann Schwarzes Meer offenbar nicht mehr kontrollieren
Die russischen Seestreitkräfte sind laut London nur noch eingeschränkt in der Lage, die Invasion der Ukraine zu unterstützen. Das liege auch am Verlust des Flaggschiffs »Moskwa«. Odessa drohe von See keine Gefahr mehr.“

Solche Effekte ergeben sich nicht durch Nichthandeln und durch Nicht-Waffen-Liefern, sondern ganz im Gegenteil, weil High-Tech-Ausrüstung vorhanden ist, die die Kriegsschiffe der Russen dezimiert. Und wie wichtig schwere Waffen und auch die HIMARS sind, zeigt diese Meldung der BBC vom Angriff auf Putins neofaschistische Söldnergruppe Wagner sowie die Zerstörung ihres Hauptquartiers:

„Ukrainian artillery has struck a headquarter of Russia’s shadowy Wagner paramilitary group of mercenaries in eastern Ukraine, reports say.
The extent of damage to the military base of the group – which has been linked to war crimes – is not clear.
Luhansk’s governor claims its secret location was revealed after a Russian journalist shared its address.
Last week, pro-Kremlin correspondent Sergei Sreda posted a photo on Telegram of the base with its apparent address.“
„The Wagner group was deployed to Crimea and Ukraine’s Donbas region in 2014, when Kremlin-backed forces ousted Ukrainian troops from areas they later declared to be part of Russia.
Wagner units have also been sent to Syria, Libya, Mali and the Central African Republic.
The Kremlin does not acknowledge Wagner’s existence, but Western intelligence links the group to Yevgeny Prigozhin – nicknamed „Putin’s chef“ because his catering business has long helped President Vladimir Putin and the armed forces.“
„Ukrainian MP Oleksiy Honcharenko wrote on Facebook: „There is no more Wagner HQ in Popasna. Thank you, Himars and the Armed Forces of Ukraine!“

All das geschieht nicht durchs Nichtstun oder durch Abwarten.

Im Reigen der Bilderproduktion. Marie Rotkopf und Marcus Steinweg in „Fetzen. Für eine Philosophie der Entschleierung“

„Some of these days“ heißt ein Song von Shelton Brooks, der in dem existenzialphilosophisch angewehten Sartre-Roman „Der Ekel“ im Blick auf die jeweilige Gestimmtheit eine erhebliche Rolle spielt, und man kann nach der Lektüre des neuen Buches von Marie Rotkopf und Markus Steinweg existential gestimmt ebenfalls seufzen „Some of these books“. Ich vermag nach dem Lesen dieser Essay-und Fragmentsammlung einer Autorin und eines Philosophen leider nicht zu sagen, ob das ein Kompliment ist oder keines. Und ich vermag leider für meine Rezension auch nicht zu sagen, was ich von dem Buch halten soll: Ist es verschroben? Ist es Un-Sinn oder verspielte Leichtigkeit der sich ins Unendliche schraubenden Assoziationen? Die Leidenschaft zumindest will mich nach der Lektüre nicht anwehen.

Ich will es mit einer Anekdote beginnen: Ich erinnere mich in Hamburg, Anfang der 1990er Jahre im Studium, an jenen Professor in Germanistik, der uns literaturtheoretisch wie auch philosophisch Adorno, Derrida, Heidegger und Lacan beibrachte, wohlwollend und mit der Freude am Text, keine Ranküne gegen den sogenannten Poststrukturalismus und auch nicht gegen Heidegger, weil Nazi und solchen Reduktionismus, um sich vor der gedanklichen Auseinandersetzung mit dieser Philosophie zu schützen. Egal wie: als der gute Mann nach einer Habilitationsanhörung mir erzählte, wie dieser Vortrag derartig lacanös und unverständlich war und jenseits nicht nur von Gut und Böse, sondern auch jenseits der herkömmlichen Anforderungen an einen wissenschaftlichen Vortrag und daß man eigentlich, um es mit ähnlicher Münze, gleichsam mit Falschgeld, zurückzugeben, dem Vortragenden in genau dem gleichen Sound des Unverständlichen hätte antworten müssen, so daß dem Kandidaten ganz und gar nicht klar wäre, ob er nun angenommen oder nicht vielmehr abgewiesen sei. Eine quasi in die Prosa Kafkas versetzte Situation, und mit der Referenz auf Kafka und Beckett liegt man bei dem an der Staatlichen Akademie für Bildende Kunst in Karlsruhe lehrenden Philosophen Marcus Steinweg nicht falsch.

Was will und macht dieses Buch mit dem Titel „Fetzen. Für eine Philosophie der Entschleierung“? Von zwei Autoren verfaßt. Fetzen können das sein, was an Fleisch oder Stoff hängen bleibt, wenn etwas zerrissen wurde, ein Vorhang, ein Fetisch, Stoff oder Körper – das Dionysos-Motiv taucht leider meines Wissens in dieser Korrespondenz nicht auf, was schade ist, jener (wiedergeborene und wieder zerteilte) Dionysos-Zagreus und der von den Mänaden-Weibern zerfetzte Gott des Rausches: solch ein Spiel aus Fleisch, Begehren, Rausch und gegenseitigem Zerstören hätte ich mir zwischen beiden Autoren gewünscht. Jedoch: hemmungslos und den tatsächlichen Körper bedrohend und traktierend geht es in diesem Buch nur am Rande zu – wenn Rotkopf auf die Elftausend Ruten und die Heilige Ursula samt den 11.000 Jungfrauen kurz anspielt oder ein in Prosa phantasiertes Sexspiel (mit imaginierter Geschlechtswandlung) in einem Hotelzimmer, das eine Stunde zuvor noch von Didier Eribon und seinem Gefährten bewohnt war und wo die Erzählerin die Servicekraft bat, die Lacken nicht zu wechseln.

„Fetzen“, zumal in einem Dialog, kann freilich auch „Streiten“ bedeuten: Polemos, Widerstreit: Küsse und Bisse, das reimt sich, wie Kleist in der „Penthesilea“ zu dichten wußte und was für Achill nur bedingt gut ausging. Leider ist von einem Streit der Stimmen wenig zu vernehmen; allenfalls ein Entschleiern – freilich auf eine nicht allzu sinnliche Weise. Es ist ja auch Philosophie, kann man dem voyeuristischen Blick des Rezensenten entgegen, zumindest in dem, was Markus Steinweg macht. Womöglich bringt es, was die Lektüre des Buches betrifft, diese Textstelle auf den Punkt: „Vielleicht erschließt sich ein Buch erst durch das Wagnis, es nicht zu verstehen.“ Was als Nebensentenz im Reigen von Aphorismen im Blick auf Philosophie und Dichtung auftaucht, funktioniert hier möglicherweise ganz gut als Leseanleitung auch für „Fetzen“: „Vielleicht muss, wer zu lesen beginnt, den Mut zum Nichtverstehen aufbringen. Um das Risiko des Orientierungsverlusts auf sich zu nehmen.“ Es sind Sätze, die in diesem Reigen über vier Seiten mit einem „Vielleicht“ anfangen und eine Hilfe für die eigene Lektüre sein können: unsere alltäglichen Verstehensvollzüge aufzubrechen, gleichsam eine antihermeneutische Hermeneutik und Hermetik zugleich. Lektüre und Texte, die sich, wie es auch die Dichtung macht, ins Offene halten. Darin mag jene Philosophie (der Entschleierung) liegen. Tastend und vermutend. Text ist hier nicht unbedingt Sex, wenn der Leser ans Motiv der Enthüllung und des verdeckenden Fetischs aus Wäsche und Stoff denkt. Erschließen heißt zunächst einmal lesen und sich womöglich nicht als Hermeneutiker des Sinns zu vergewissern, um seiner habhaft zu werden, sondern sich dem, was im Buch steht, zu überlassen. Dies allerdings fiel mir bei meiner Lektüre, je länger ich im Buch las, zunehmend schwer.

Machen wir es also anders. Was steht in dem Buch? Es gibt einen Briefwechsel zwischen den Autoren und eine Reihung von philosophischen Aphorismen, Gedankenspielen, Notizen, Fragmenten, Gedichten und Erzählungen. Es sind Gespräche, Zwiegespräche, Monologe: über das Begehren, über Literatur, über Lacans Spiegelstadium. Wir lesen Texte und Sentenzen über unsere Verstrickungen ins System, in die Gesellschaft des Spektakels, den Neoliberalismus und eine Gesellschaft, die uns frißt, auffrißt, was auch immer. Es sind Phantasien über Sex, wenn die im Kopf von Marie Rotkopf sprechende Protagonistin, mal Mann (in die Rolle Didier Eribons schlüpfend), mal Frau, masturbiert und sich weiblich-männliche Orgasmen phantasiert. Das ist lustig, da möchte man gerne zusehen statt lesen – aber gut: es ist eben ein Buch, da muß man dann doch lesen. Die Idee ist witzig, aber in der kompositorischen Durchführung innerhalb des Buches reicht es mir nicht. Man kann solche Passagen als Assoziation und Punctum des Augenblicks mit den Mitteln der Phantasie fassen, wenn man es wohlwollend liest. Manches von Rotkopf erinnert vom Furor hier an ihr „Antiromantisches Manifest“ von 2017. Doch der Wille zur steilen These wird zu oft ruiniert durch das Überschießende des Gedankens. Übertreibungen können eine Sache anschaulich machen. Sie können aber ab einem bestimmten Punkt auch nerven.

Rotkopf schreibt gegen die deutsche Hybris und die Geschichtsvergessenheit – wobei ich beim Lesen mir denke, daß in kaum einem anderen Land derart die eigenen Verbrechen thematisch wurden, so daß mancher in der Schule bereits gähnte. Zudem ist diese Hybris womöglich gar nicht so deutsch. Und auch solche Sätze, im Blick auf die Shoah, sind einer Vergröberung geschuldet: „Die Europäische Union verwischt die deutsche Geschichte nicht, im Gegenteil; sie erbaut die Germania Magna.“ Hinzu kommt, was Rotkopf in ihren manchmal poetischen, manchmal leider nur haarsträubenden Assoziationen übersieht, nämlich die Dialektik der Nationen: Sie sind nicht nötig, wenn man den neoliberalen Strom der Waren und der Arbeitskräfte will, aber ein Sozialstaat, ein Staat, der gegen Neoliberalismus und den Abbau der Sozialsystem installiert ist, ist bisher und nach gegenwärtigen Maßgaben nur als Nationalstaat denkbar. In diesem Sinne kann man Rotkopfs Wut als heilsames Korrektiv zwar nehmen, um mittels Thymos-Energien eine Utopie anzusinnen, aber man sollte sie in der Sache weiterdenken.

Augenfällig ist die Diskrepanz zwischen beiden Autoren: Rotkopfs Stärke ist das Erzählen, aber nicht die Philosophie oder die (wenigstens halbwegs) konsistente Gesellschaftskritik. Steinwegs Stärke ist das Assoziieren und das Spielen und Kombinieren mit Theorien, mit Philosophie und Literatur: Marguerite Duras ist eine seiner zentralen Referenzen, zumal wenn es um das Zusammenspiel von Fiktivem und Tatsächlichem und um den Reigen der Bilderproduktion geht. Seine Gedankensprünge, Aphorismen und Sentenzen sind manchmal inspirierend, aber leider häufig auch so, daß ich mich frage, worauf diese Sätze hinauswollen. Der Funke springt oftmals leider nicht über – anders als in anderen Büchern von Steinweg. Das Begehren, das immer wieder thematisch wird, ist zuweilen ein trockenes Ding: klar, Philosophie, da wird es nicht immer feucht, auch nicht in der Bilderproduktion, aber ich dachte dann doch an Kants Satz, daß Begriffe ohne Anschauungen blind seien. Interessant wird es bei Steinweg da, wo er Philosophie und Literatur in eine Konvergenz bringt, wo er spekuliert, so etwa, wenn er darüber nachdenkt, was Adorno mit Heiner Müller verbindet: nämlich Chaosbejahung: „Im Schatten Nietzsches soll das Chaos einen tanzenden Stern gebären. Es unterläuft die Ordnungen = die Lügensysteme, die man Ideologien nennt. Das ist seine aufklärerische Funktion.“ Das Begriffslose eben mit den Mitteln des Begriffs aufzutun. Das aber ist zugleich, so würde ich ergänzen, Chaosbannung. Man muß vielleicht die Passagen der Autoren dialogisch lesen und ihnen die Stimme des Widerspruchs hinzufügen.

Nicht empfehlen kann ich das Buch all jenen, die klare Texte oder etwas „Wesentliches“ schwarz auf weiß gerne nach Hause tragen. Zu empfehlen ist das Buch allen, die gerne poetisch-ästhetisch und auf Ab- und Aberwegen der krummen Art denken. Dialektik ohne Dialektik, so kann man dieses poetische Verfahren von Steinweg vielleicht bezeichnen. Spannend ist, daß hier zwei unterschiedliche Stimmen, deren Tonart man bereits am Stil des Schreibens meist erkennt, ihre Bekenntnisse ablegen und sich entschleiern. Das mag auch eine erotische Komponente haben, wenngleich es im Diskurs des Begehrens zwischen den beiden Stimmen eher zu fremdeln scheint und die meisten Texte eher neben- und nicht miteinander laufen. Und ich würde zudem sagen: um mit dem Ton dieses Buches sowie dem Stil ihres Denkens bekannt zu werden, ist ratsam, ein paar andere Bücher von beiden vorher zu lesen. Von Rotkopf das „Antiromantisches Manifest: Eine poetische Lösung“ aus den Nautilus Flugschriften. Es ist dieses Buch eine Erregungssteigerung mit Beobachtungen, Fiktionen, Frechheiten. Man muß darin nicht alles teilen, aber der Verve und die Vehemenz amüsieren stellenweise – nicht Houellebecq, aber immerhin in Deutschland eine schimpfende Frau.

Von Steinweg zu empfehlen ist die „Philosophie der Überstürzung“ (bei Merve) und um in seine auch in den „Fetzen“ angespielte Quantenphilosophie hineinzugelangen das gleichnamige Buch bei Matthes & Seitz, 2021 erschienen.

Am Ende, so mein Eindruck, gibt das Buch zu verstehen, daß es nichts zu verstehen gibt. Es hätte auch „Enthauptung“ oder „Freispiel“ heißen können. Warm geworden bin ich beim Lesen nicht. Aber vielleicht funktioniert das Buch wie jene Kastanienwurzel, die Sartres antiheldischer Held Roquentin da im Park auf der Bank betrachtet: Bewußtsein von Sinnlosigkeit, der wir doch immer wieder einen Sinn geben wollen: sei es in der bildenden Kunst, mittels Dichtung oder Philosophie. Und manchmal eben erreicht uns etwas nicht.

Marie Rotkopf, Marcus Steinweg: Fetzen. Für eine Philosophie der Entschleierung
Matthes&Seitz, Berlin 2021, 205 Seiten, 15,00 €

Explosion auf der Krim II: schöner Reisen

Und Carlo Masala schreibt weiter:

„Und mal so. Wer während eines Angriffskrieges Urlaub auf der Krim macht, da hält sich mein Mitgefühl über deren Ängsten in extrem engen Grenzen. Und aller Wahrscheinlichkeit nach. Wären diese Menschen flüchtende Ukrainerinnen, hätten die Russen diesen Konvoi wohl noch angegriffen“

Putins Tote: Explosionen auf der Krim

Sehr gut: Russen in okkupierten Gebieten sollten sich auch in ihrem Urlaub am Krimstrand nicht allzu sicher fühlen. Wenn Russen meinen, in der Ukraine als Kriegsgewinnler Urlaub zu machen, so müssen sie mit Repressionen rechnen.

So schreibt der Tagesspiegel:

„Auf einem russischen Militärflugplatz auf der annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim hat es heftige Explosionen gegeben. In sozialen Netzwerken kursierten Videos von Detonationen und Rauchwolken. Ein Mensch sei getötet worden, teilte Krim-Chef Sergej Aksjonow nach Angaben russischer Agenturen mit. Sieben weitere Menschen, darunter zwei Kinder, wurden nach örtlichen Angaben verletzt. Erst hatte es geheißen, dass es keine Opfer gebe.
[…]
Touristen verließen das Gebiet nahe des Badeortes Jewpatorija fluchtartig. Aksjonow sagte, dass ein Bereich im Radius von fünf Kilometern rund um den Stützpunkt abgesperrt worden sei. Der Brand sei gegen Abend unter Kontrolle gebracht worden. Zur Ursache der Explosion äußerte er sich nicht.“

Wenn Kinder im Krieg sterben, so ist es grausam. Aber es hat die Russen ebensowenig geschert und gekümmert, ob in der Ukraine die Kinder, die Alten, die Kranken, die Schwangeren durch Raketen und Artillerie verrecken. Sowas kommt von sowas. Und ich hoffe, daß es noch mehr „Sowas“ gegen Russen gibt. Daß die Russen ihre eigene Führung stürzen, ist so unwahrscheinlich wie der Sturz Hitlers durchs deutsche Volk. Beide Despoten sitzen nicht trotz, sondern wegen ihres Volkes fest im Sattel. Beide Despoten führen blutige Angriffskriege, die über Europa das Verhängnis brachten. Auch der russische Despot muß weg, um in Europa eine neue Ordnung zu schaffen, und zwar diesmal eine bessere als den eisernen Vorhang, der eben nicht die Befreiung vom Faschismus, sondern das Installieren einer neuen Diktatur bedeutete – zumindest für die Völker in Mittel- und Osteuropa.

Putins Tote, Putins Opfer: Yevhen Olefirenko, Brittney Griner

„The girl named Dzvinka bids farewell to her father, Yevhen Olefirenko. Next to her is Oksana, the mother of the fallen defender.
Yevhen was killed in the battle with the invaders near Bakhmut on July 7.
Photo: Roman Pilipei
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Währenddessen verbreiten in Deutschland Verschwörungspropagandist wie Dirk Pohlmann ihre Dummheiten. Der Tagesspiegel schreibt über das Festival „Pax Terra Musica“ in Brandenburg:

„Den russischen Einmarsch in die Ukraine hält Pohlmann für „eine begrenzte Militäroperation“, schließlich habe Wladimir Putin lediglich 200 000 Soldaten in das Nachbarland geschickt. Russland habe also „sehr zurückhaltend reagiert“.
Dirk Pohlmann stellt auch infrage, ob es die Gräueltaten, die russische Soldaten an Zivilisten in Butscha verübt haben, tatsächlich gegeben hat. Er sagt: „Wenn aus emotionalen Ereignissen mit Sachen wie Massaker strategische Entscheidungen abgeleiten werden, die weitreichende Folgen haben, hat man es mit einer 95-prozentigen Wahrscheinlichkeit mit inszenierten Fake-Ereignissen zu tun, die extra zu diesem Zweck hergestellt werden.““

Auf diesem „Festival“ traten Ende Juli Putin-Anhänger zusammen mit Querdenkern und Teilen der Rußlandfreunde aka Friedensbewegung auf. Die ganze Reportage gibt es hier zu lesen. Daß Putins Rußland seit Jahren eine Gefahr für seine Nachbern darstellt, war dort nicht das Thema.

Daß die US-Baskettballerin Brittney Griner wegen eines Fläschchens Cannabis-Öl für neun Jahre in Haft geht: auch darüber schweigen sich Leute wie Pohlmann und Konsorten aus. Wer bei Assange die Hände hebt und zu recht laut protestiert und bei Nawalny und Griner schweigt, ist als Kritiker nicht ernstzunehmen. Und das gilt auch für die Zarenknechte und ihr Gefolge in der Linkspartei.

Putins Tote: Die Opfer aus dem Einkaufszentrum von Kremenchuk

Krankenhäuser, Wohnhäuser, Getreidefelder im Bomben- und Raketenhagel. Vor allem aber Menschen sind es, die sterben. Putin führt in der Ukraine einen gnadenlosen Krieg gegen Zivilisten. Und das geht so jeden Tag. Insofern: wenn Putin den Krieg beendet ist, Frieden. Wenn die Ukraine ihre Verteidigung aufgibt, existiert keine souveräne Ukraine mehr. Putins Soldateska tötet und mordet Zivilisten, währenddessen faselt Sahra Zarenknecht vom „wahnsinnigen Krieg gegen Rußland“. Wer angesichts dessen, was objektiv ist, derartig die Fakten leugnet, da kann man in etwa erahnen, welches Regime einen erwartet, wenn solche Leute je zu politischer Macht kommen. Zumal: Wagenknecht weiß, was sie sagt und sie sagt es bewußt.

„Die Ukraine wird mit Blut übergossen, ukrainische Städte werden vernichtet. Da ein Pazifist zu sein, ist verantwortungslos.“ (Swetlana Alexijewitsch)

Und um noch vieles verantwortungsloser ist es, wie Sahra Zarenknecht jene Täter-Opfer-Umkehr zu betreiben. Widerliches Weib.