Vom Rechtsstaat

Solche Arten von Demonstrationen wie die gegen den G20-Gipfel in Hamburg sind kein Freizeitspaziergang. Manchmal geht es – von beiden Seiten, von Polizei und Protestlern – rau zu. Allerdings würde mich interessieren, wie nach diesen Bildern und Szenen von prügelnden und mißhandelnden Polizisten (siehe unten der Videolink) Politiker und Polizei behaupten, Polizeigewalt habe es nicht gegeben. Selbst nach wohlwollender Sichtung dieses Materials, weil Polizei unter Streß steht und weil man immer den Kontext von Bildern mitbedenken muß, sind es fragwürdige Szenen, die Untersuchung und Anzeigen rechtfertigen.

Solche Bilder sind eines Rechtsstaates unwürdig. Kämen sie aus der Türkei oder aus Moskau, wäre der Aufschrei von Tagesschau und Springerjournalisten groß. Hier aber wird abstrakt über alles der Begriff „Rechtsstaat“ gestülpt. Nein, Polizeigewalt ist vom Rechtsstaat nicht gedeckt, und es handelt sich ebensowenig um Kollateralschäden, die sich durch einen dehnbaren Begriff von Recht relativieren lassen. Genausowenig übrigens wie die Gewalt von Links- oder Rechtsextremisten, die sinnlos Wohnviertel verwüsten, plündern und Autos anzünden – meist die, von solchen, für deren Befreiung sie vorgeben zu kämpfen. (Um auch in die andere Richtung hin zu sprechen.)

Es ist wichtig, solche Videomitschnitte zu verbreiten. So inakzeptabel wie linke Gewalt während der G20-Tage ist, so wenig ist Polizeigewalt akzeptabel, die im Namen des Rechtsstaates ausgeübt wird. Genau das würde uns übrigens von Moskau und Ankara unterscheiden, wenn solche Übergriffe und Knüppelorgien ein juristisches Nachspiel hätten. Auch bei Straßenprotest und Straßenbesetzungen ist die Verhältnismäßigkeit der Mittel zu bewahren. Bei der brennenden Schanze zu feige, um einzuschreiten und bei jugendlichen Spontis Knüppelorgien samt Pfefferspray? (Um es polemisch zuzuspitzen.) Das geht nicht ganz zusammen.

http://urbanshit.de/so-so-polizeigewalt-hat-es-auf-dem-g20-nicht-gegeben-ein-videozusammenschnitt/

 

Meine Handvoll Dollar für Hamburg

Wenn es so wäre, wie die MoPo in einer Orgie des Möglichkeitssinnes mutmaßte, daß da (auch) Nazis am Werk waren, dann hätte die militante Linke auf noch viel größerem Fuße versagt: Daß sie den eigenen Leuten nicht Einhalt gebot, ist schlimm, schlimmer aber noch: nicht einmal Nazis aufhalten zu können, die das Viertel verwüsteten.

Sofern die Bewohner der Roten Flora bzw. die Hamburger Autonomen einen Arsch in der Hose hätten, nähmen sie Besenstiele und Knüppel zur Hand und prügelten die Randalierer aus dem Viertel hinaus. Und ein antibürgerlicher Akt wäre das allemal, weil man dann zugleich jenen aus Pinneberg und Elmshorn angereisten Bürgersöhnchen, die ein wenig die „Gesellschaft des Spektakels“ inszenieren wollten, eine Abreibung verpaßt hätte. Zumal die Randalierer in der Sicht mancher ja sowieso keine Linken waren. Da hätte es mal die Richtigen getroffen: Nazis, Bürgersöhne, Krawalltouristen, V-Männer, Provokateur-Agenten. Fünf Fliegen mit einer Klappe.

Ansonsten denke ich, daß man die Debatten über Gewalt in den verschiedenen Clustern analysieren muß: Das eine sind die Gewaltexzesse des Mobs, das andere Repressionen gegen die Presse und teilweise völlig unverhältnismäßig agierende Polizisten. Andererseits sollte man eben auch die Einsatzsituation bedenken, die Anspannung unter der die meisten Polizisten seit 3 Tagen standen, kaum mehr als zwei oder drei Stunden Schlaf. Wer nach den Motiven der Gewalttäter unter dem Protestierenden forscht, muß eben auch nach den Motiven der Polizisten fragen. Übrigens, wie der Querdenker Pier Paolo Pasolini einmal halb süffisant, halb böse an die Adresse der 68er gerichtet formulierte, der tatsächlichen Arbeiterklasse in diesen Konflikten.

Notation mit Kiezgang

Kurz vor Beginn der Buchmesse. Mir graut vor der Fahrt im überfüllten IC, die Büchermenschengesichter, die Autoren, die Verleger, die Kritiker, die Lektoren, die Rollkoffer, wie jedes Jahr, ich hätte mit dem Auto fahren sollen, denke ich mir, dieses Mal hätte ich mit dem Auto fahren müssen. Immer die A 9 entlang, dann auf die A 14. Eine Symphonie von Bruckner im CD-Spieler. Aus Versehen verpasse ich die Abfahrt und reise einfach weiter in die Fränkische Schweiz zu Jean Paul und auf dem Rückweg halte ich in Schulpforta und Naumburg. Ich kaufe mir auf dem Weingut Kloster Pforta Kisten mit Riesling und Silvaner. Die Weine trinke ich behaglich auf meinem Essayistensofa, den Nietzsche in der einen, das Glas in der anderen Hand haltend. Nietzsche trank keinen Alkohol. Wie der Führer. Hat Carl Schmitt getrunken? Ich müßte in seinen Tagebüchern nachlesen. Darin berichtet er von seinen Einschlafstörungen und von onanistischer Tätigkeit.

Mir ist eigentlich eine Welt lieber, in der die Menschen still ihre Bücher lesen, sich darüber unterhalten, in Lesekreisen, in Salons, im geistreichen Gespräch unter Freunden debattieren und sich streiten. Eine Welt ohne Buchpreise und Messen. Als Auftakt für meine Besprechung von Heinz Strunks „Der goldene Handschuh“, die ich im Laufe der Woche bringe, zeige ich einige Photographien aus Hamburg-St.-Pauli bzw. von der Reeperbahn. Die Zeiten haben sich gewandelt. Die Kiez-Welt der 70er Jahre ist eine völlig andere, als sie es heute ist. Ich erinnere mich noch an die gemalten Kinoplakate im „Aladin“, wenn ich als Kind im Auto des Vaters über die Reeperbahn fuhr und auf dem Rücksitz erwartungsvoll und mit Glanz in den Augen schaute. Auf eine Welt, die nicht die unsere war. Leuchtreklame, Tristesse, Winterlicht, und da hing in Übergröße ein Westernheld – in der Hand einen Revolver, dessen Mündung er dem Betrachter entgegenhielt. In Farbe. Nicht wie in unserem Fernseher, die Männer mit den rauchenden Colts in schwarzweißer Manier. Der Kiez war Puff, trinken, ficken. Für einen Jungen im Alter von acht Jahren genau das richtige. Musicals gab es noch nicht, höchstens das Operettenhaus, wo im Winter manchmal die Weihnachtsmärchen gespielt wurden.

Auf dem Fischmarkt morgens um acht: Der wahre Wert ist der Warenwert

Es kommt mir diese Überschrift irgendwie bekannt vor. Als wär’s von mir bereits an einer Stelle in diesem Blog einmal gedichtet oder geschrieben worden. Preußisch klar, hanseatisch kühl. Ich, der Schreiber der Frankfurter Schule. Letztes Relikt, auf der ästhetischen Negativität beharrend. Theorie, die kritisch ausfällt, ist nicht gerne gesehen. Aber gerne haben sich alle gern. Im Sinne einer Tagebuch-Notiz von Thomas Mann geschrieben: Heute in Literaturblogs gelesen: entsetzliches Gewäsch, schwer erträglich. Weshalb gibt es in der Blogwelt kaum bis selten gute Literarturkritik, sondern bloß Schmalspurschreiber:innen? Ich möchte etwas lernen und lese den Ranz der Befindlichkeiten. Ich möchte nicht lesen, weshalb der Blogger X oder die Bloggerin Y etwas für subjektiv gut oder schlecht befindet, sondern ich möchte etwas über Bücher erfahren und was darin webt und wirkt. Weshalb kann kaum eine/r adäquat eine Analyse durchführen, weshalb ist kaum eine/r noch fähig, Literatur im Kontext zu lesen und ausgreifende Bezüge herzustellen, zu assoziieren und bspw. von Schalansky auf Musil zu kommen? Weil nicht mehr ausufernd gelesen wird, sondern Wonneverbreitung stattfindet. Das Verhältnis zum Buch ist rein warenförmig geworden, was sich insbesondere im Befindlichkeitskuscheln zeigt, wo Literatur dazu dient, den eigenen Referenzrahmen zu untermauern. Vielleicht sollte ich eine Blogroll der schlimmsten Blogs machen, die Umgang mit Büchern pflegen. Sozusagen als Triggerwarnung.

„Seit mit dem Ende des freien Tausches die Waren ihre ökonomischen Qualitäten einbüßten bis auf den Fetischcharakter, breitet dieser wie eine Starre über das Leben der Gesellschaft in all seinen Aspekten sich aus. Durch die ungezählten Agenturen der Massenproduktion und ihrer Kultur werden die genormten Verhaltensweisen dem Einzelnen als die allein natürlichen, anständigen, vernünftigen aufgeprägt. Er bestimmt sich nur noch als Sache, als statistisches Element, als success or failure. Sein Maßstab ist die Selbsterhaltung, die gelungene oder mißlungene Angleichung an die Objektivität seiner Funktion und die Muster, die ihr gesetzt sind.“
(Th.W. Adorno/Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung)

Immer schön bei der Stange bleiben. Mit Zen und Zinnober oder mit Kunst und Kultur, mit Event und inszenierter happiness, mit kleinem Glück im stillen Winkel. Mit Gedicht oder Gesöff.

Wer auf den Hamburger Fischmarkt will, sollte früh aufstehen oder durchmachen, so lautet die Binsenweisheit. Dies gilt auch für den Photographen. Bilder von jenem jeden Sonntag stattfindenden Ereignis gibt es auf meinem Photographie-Blog „Proteus Image“ zu sehen. Hamburg im Nebel ist apart anzuschauen. Der Betreiber des Blogs wünscht beim Betrachten der Bilder viel Freude.

Photographien sind immer ein Stück weit auch Literatur. (Zumindest sind sie eine Weise des Textes.) Sie zeigen, sie erzählen. Am liebsten würde ich diese Struktur des Erzählens und Zeigens unterlaufen. Die Photographie inszeniert jenes „Es ist so gewesen“, sie setzt die Augenblicke in Szene, sie lügt und spricht wahr in einem Zuge. Das beste an einer Photographie ist es, wenn sie die Szene abbricht und aussetzen läßt.

Body Count

Es bewegen sich zur Dämmerung hin die verschwitzten Leiber mit erhöhter Geschwindigkeit rund um die Hamburger Außenalster. Es ist Samstagabend, es ist an ein friedliches Spazierengehen nicht zu denken, weil es im Zweisekundentakt an mir vorbeikeucht, röchelt, stöhnt und schwitzt. Humankapital stählt sich die Körper, fitnessisiert sich; die Selbstdisziplin, die Selbstkontrolle ist den Subjekten bzw. dem, was davon als kapitalisierter Körper im Hinblick auf die Arbeitswelt noch übrig blieb, so in Fleisch, Blut, Poren übergegangen, daß es keiner äußeren Disziplinarmacht mehr bedarf. Die Kontrollgesellschaften, so schreibt es Deleuze, lösten die Disziplinargesellschaften ab.

„In den Disziplinargesellschaften [über den Plural kann man streiten, ich halte ihn für unangemessen, Hinw. Bersarin] hört man nie auf anzufangen (von der Schule in die Kaserne, von der Kaserne in die Fabrik), während man in den Kontrollgesellschaften nie mit irgend etwas fertig wird: das Unternehmen, Weiterbildung, Dienstleistung sind metastabile und koexistierende Zustände ein und derselben Modulation, die einem universellen Verzehrer gleicht.

[…]

Viele junge Leute verlangen seltsamerweise, ‚motiviert‘ zu werden, sie verlangen nach neuen Ausbildungs-Workshops und nach permanenter Weiterbildung; an ihnen ist zu entdecken, wozu man sie einsetzt, wie ihre Vorgänger nicht ohne Mühe die Zweckbestimmungen der Disziplinierung entdeckt haben. Die Windungen einer Schlange sind noch viel komplizierter als die Gänge eines Maulwurfsbaus.“
(Gilles Deleuze, Postskriptum über die Kontrollgesellschaften)

Es wird gelaufen, der gute Körper ist kulturelles Kapital, er dient der Funktion. Funktion und Form des Körpers müssen, nicht anders als beim guten Design, einander bedingen. Priorität besitzt der gestählte, der trainierte Crossfitbootcamp-Körper, der jeder Anforderung gewachsen sich zeigt. Im gesunden Körper wohnte früher ein gesunder Geist. So sagte man. Für die heutige Zeit ziehe ich dies stark in Zweifel. Aber im Rahmen der puren Sinnlichkeit mag ich diesen Anblick durchaus: Die straffen, unter dem engen modischen Sportdress hervorwölbenden Brüste, den Hintern formschön, als joggten und trainierten sie ein Leben lang, die hauteng anliegende Jogginghose, schlanke Fesseln, trainierte Arme. Und es laufen fast nur blonde Frauen im Sekundentakt. Da vergesse ich sogar die Kritische Theorie Adornos und die Kritik von Deleuze. Auch Männer hecheln, aber auf die achte ich nicht. Sie fallen nicht in mein Beuteschema. Mein Altherrenblick auf die Ärsche und Brüste stimmt mich mit der Welt versöhnlich. Ich blicke auf die Körper, fixiere die sekundären Merkmale des Geschlechts, zähle ab, setzte Werte, stelle Hierarchien auf, vergleiche.

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Sport dient nur noch sekundär der Gesundheit sowie der Steigerung des Denkens, sondern er wird benutzt, um sich selbst in der Arbeitswelt doppelt zu optimieren: ähnlich wie asiatische Philosophie oder dergleichen Meditationstechniken. Es geht nicht mehr um die Sache oder darum, sich im Zen in etwas zu versenken, sondern um die Funktionsleistung. Sich zu versenken, bleibt allenfalls Nebeneffekt. Die Frage, wie in einer verdinglichten und zugerichteten Welt zu leben sei, ist kaum noch zu beantworten. Sich den Widersprüchen zu stellen und diese dann auch auszuhalten, vermag kaum einer. Insofern laufen die Menschen in Horden in geschmackvoller, enganliegender Sportkleidung um die Außenalster und verderben mir die Bildwelt. Es gibt auf „Proteus Image“ weitere Photographien von der Alster.

„GUI-GUI multiartists on superfire NR 4: Hinter der Tür“

Das Auratische ist nach Benjamin die einmalige Erscheinung einer Ferne so nahe sie auch sein mag. Kunst ist insbesondere dann (auch) gelungene Kunst, wenn sie sich entzieht, sich reduziert und an die Einmaligkeit eines Ortes, eines Momentes sich knüpft und ihrer Temporalität verhaftet bleibt. Damit verbunden ist die Kategorie des Situativen, wie man es insbesondere beim Theater ausmachen kann: Eine Inszenierung entsteht an einem bestimmten Theater, und wenn das Stück nicht mehr im Repertoire ist, so verschwindet es auf nimmerwiedersehen.

So auch die Ausstellungen der Künstlergruppe Gui-Gui in Hamburg, die vom 14.9. bis zum 16.9., diesmal in der Galerie im Hafentor, zu sehen ist. Zeichnungen präsentieren sich und verschwinden hernach, sind nicht mehr zu sehen, weil sie nicht in die öffentlichen Sammlungen gelangen, sondern bestenfalls verkauft werden.

Im Rahmen dieser Ausstellung weise ich insbesondere auf die Zeichnungen der Illustratorin Imke Staats hin, die das Motto der Ausstellung ganz wörtlich nimmt: Neben der Photographie einer Tür, wie zum Beispiel von einem japanischen Restaurant, der Bahnhofsmission, der Toilettentür eines Kiezlokals auf St. Pauli, der Heilsarmee, des Lokals „Die Ritze“, zeigt sie, was sich hinter diesen Türen sich verbirgt. Hingehen, ansehen. Es werden dort sehr gute Zeichnungen gezeigt, die Einblicke liefern, die man ansonsten nicht erhält.

Ich kann leider keine dezidierte Kritik zu dieser Ausstellung schreiben, weil ich gestern viel zu viel getrunken habe, so daß ich die meisten der Eindrücke wieder vergessen habe. Mit anderen Worten: ich war sturzbetrunken. Es ist eine der goldenen Regeln der Schreibzunft: too drunk to fuck, nee Quatsch: kein Alkohol bei der Arbeit. Denn ansonsten läßt hinterher schnell die Leistung nach. Das ist nicht nur beim Schreiben so! Aber hier galt es ja dem Spaß. Und wie immer und wie es in meinem Leben sehr häufig geschieht, habe ich eine sehr attraktive Frau auf dieser Ausstellung entdeckt, sie trug einen interessanten weißen Mantel, hatte wunderbare dunkle Haare, die sie sich am Samstag (leider?) zu einem Kurzhaarschhnitt umwandeln will. Aber ich vermute, auch der wird an dieser Frau umwerfend aussehen. So geht es immer. Die Flüchtigkeit der Welt – ein Blick und schon vorbei. Vom Wesen der Schönheit – eben wie in Baudelaires großartigem Gedicht „A une passante“. Aber wahrscheinlich ist diese Frau verheiratet und ich komme zu spät.

Ansonsten bliebt mir für die, welche sich in Hamburg aufhalten und Zeit haben, nur zu raten: Hingehen und anschauen. Ab Montag ist alles vorbei.

Letzte Ausfahrt Veddel

Ich baue mir als Heimstätte mein (Spuk-)Schloß in jener wunderbaren Schneelandschaft, wie sie Pieter Bruegel der Ältere malte, und schaffe mir den subjektiven Innenraum – jene objektlose Innerlichkeit, die Adorno in bezug auf Kierkegaard feststellte und die die Grundvoraussetzung für die Konstruktion des Ästhetischen im Zeichen bürgerlicher Warenwirtschaft bedeutet. Das Interieur als Phantasmagorie des Bürgers im 19. Jahrhundert. Diese „Logik des Zerfalls“ bei Kierkegaard als frei flottierende Subjektivität ist zutiefst geschichtlich motiviert. Das sollte nicht unterschlagen werden, wenn es um den Aspekt des Ästhetischen geht. Nicht daß mir hier jemand mit dem puren L‘art pour l‘art käme, in dem ich mich sonnte. Es geht in diesen Rahmungen der Brüchigkeit um die Spaltung von Subjekt und Objekt sowie um die Erfahrung von Entfremdung, insbesondere in einem geschichtsphilosophischem Sinne. Aber durch eine Sprache des Schweigens hindurch sagen sich mache Dinge zugleich besser. „Indem die Reflexion beständig über die Reflexion reflektiert, war das Denken auf einen Abweg gekommen und jeder Schritt, den es vorwärts tat, führte es natürlich weiter und weiter von allem Inhalte fort“ (S. Kierkegaard, Über den Begriff der Ironie) Ich schiebe die Dinge auf. Ich stelle sie in den Raum meiner Reflexion oder eher und wie andere das sehen: in den Bereich meiner Egozentrik. Ich gebe den anderen recht. Mehr als recht. Recht geben ist eine großzügige, souveräne Geste.

Ich habe gelesen, daß Cabernet Sauvignon ein ganz klein wenig nach Chanel Nº 5 duften solle, ich liebe dieses Parfum an bestimmten Frauen. Ich kannte einstmals eine Frau, die hat sich ihre Füße zwar nicht mit Chanel Nº 5, sondern mit Egoiste von Chanel (für Männer) parfumiert, weil es ihr unangenehm war, wenn ich (aber auch andere) nach einem Bartrinkundabsturzabend hinterher ihre schwarze Strumpfhose ausziehe und es nach Käsefüßen riecht. Also kaufte ich heute einen entsprechenden Rotwein jener Rebsorte und trinke ihn in memoriam an: eine schwarze Strumpfhose, an ihren Geruch, an dunkle Untenrumbehaarung, an wilde Bar-Nächte und Fahrradnachhausefahrnächte im Mai als die Dinge noch ohne Hemmungen waren, an eine Existenz im Fragment, an unendliches Sprechen als Diskurs und unsere Derrida/Adorno/Foucault-Debatten. Lese ich morgen, daß Muskateller nach Möse riecht, kaufte ich mir womöglich den Muskateller. Ich bin da nicht wählerisch. Ich meine auch, das ist eine gute Überleitung hin zu einem genialen Stadtteil in Hamburg: Veddel. Letztes Jahr verbrachte ich einen Tag auf der Veddel. Ich habe dem ziggev vom Blog „Wortanfall“ versprochen, Bilder dieses Bezirks in meinen Blog zu packen. Zwischenzeitlich vergaß ich es, wie ich leider viele meiner Versprechen und meiner Aussagen aus den Augen verliere. Ich mache dieses Bildereinstellen peu à peu. Hier die ersten Photographien. Demnächst werde ich auch in die Wohngebiete Veddels reisen, sollte es mich wieder nach Hamburg verschlagen. Von Phototourbegleitvorschlägen bitte ich abzusehen. Ich mache so etwas alleine.

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Alle Photographien: © Bersarin 2012

Hamburg, Hafengeburtstag (2)

Ich habe es ganz und gar vergessen, aber es gibt noch einen zweiten Teil der Bilderserie vom Hafengeburtstag. Diesen möchte ich Betrachterin und Betrachter nicht vorenthalten. Die Photographien finden sich, wie immer, auf Proteus Image.

Ich lese gerade in Hölderlins Hyperion, und da stach mir – natürlich: neben vielen anderen – diese Passage ins Auge:

„Wohl dem Manne, dem ein blühend Vaterland das Herz erfreut und stärkt! Mir ist, als würd ich in den Sumpf geworfen, als schlüge man den Sargdeckel über mir zu, wenn einer an das meinige mich mahnt, und wenn mich einer einen Griechen nennt, so wird mir immer, als schnürt‘ er mit dem Halsband eines Hundes mir die Kehle zu.

Und siehe, mein Bellarmin! wenn manchmal mir so ein Wort entfuhr, wohl auch im Zorne mir eine Träne ins Auge trat, so kamen dann die weisen Herren, die unter euch Deutschen so gerne spuken, die Elenden, denen ein leidend Gemüt so gerade recht ist, ihre Sprüche anzubringen, die taten dann sich gütlich, ließen sich beigehn, mir zu sagen: klage nicht, handle!

O hätt ich doch nie gehandelt! um wie manche Hoffnung wär ich reicher! –

Ja, vergiß nur, daß es Menschen gibt, darbendes, angefochtenes, tausendfach geärgertes Herz! und kehre wieder dahin, wo du ausgingst, in die Arme der Natur, der wandellosen, stillen und schönen.“

Klingt in einer bestimmten Weise sehr aktuell. Insbesondere, wenn man daran sich erinnert, daß die Regierung der BRD in Ländern wie Griechenland, Spanien, Portugal die Lage zum Anlaß nimmt, um ein knallhartes Wirtschaftsdiktat vorzunehmen, daß es erlaubt, die Löhne drastisch nach unten zu fahren und in großem Maße die Umverteilung von unten nach oben zu organisieren. Denn nur so geht’s wieder bergauf. Wenn es den Reichen gut geht, wird es automatisch auch den Armen besser gehen. Fragen Sie nur Dieter Hundt.

Den Begriff des Vaterlandes konnte man zu Hölderlins Zeit noch gebrauchen, ohne vor Schrecken zu erbleichen oder vor Zorn zu erröten. SO schreibt Adorno, in seiner brillanten Hölderlinanalyse:

„Das Wort Vaterland selbst jedoch hat in den hundertfünfzig Jahren seit der Niederschrift jener Gedichte zum Schlimmen sich verändert, die Unschuld verloren, die es noch in den Kellerschen Versen »Ich weiß in meinem Vaterland / Noch manchen Berg, o Liebe« mit sich führte. Liebe zum Nahen, Sehnsucht nach der Wärme der Kindheit hat zum Ausschließenden, zum Haß gegen das Andere sich entfaltet, und das ist an dem Wort nicht auszulöschen. Es durchtränkte sich mit einem Nationalismus, von dem bei Hölderlin jede Spur fehlt. Der Hölderlin-Kultus der deutschen Rechten hat entstellend den Hölderlinschen Begriff des Vaterländischen so verwandt, als ob er ihren Idolen gälte und nicht dem glücklichen Einstand von Totalem und Partikularem.“
(Th. W. Adorno, Parataxis, S. 458, in: Noten zur Literatur, GS 11)

Hamburger Hafengeburtstag oder Niklas Luhmanns „Liebe als Passion“ – „Belinda Project(s) – Datumsgrenzen“ (Präludium 1)

Es steht da oben ein ziemlich langer Titel diesmal. Aber es lassen sich hier um Blog nun einmal – typographisch fein abgesetzt – keine Untertitel bilden.

Hamburg kann für den Besuchenden eine „Schatzstadt“ sein – „Du altes Hamburg/unsere Schatzstadt/wo am Hafen/die Schiffe und die Fische schlafen“ (Lassie Singers). Sie vermag es jedoch auch, mich depressiv zu machen und die Verstimmungen zu erzeugen – je nachdem, was einer gerade mit einer Stadt verbindet und verknüpft und welchen Eindrücken man erliegt.

Hafengeburtstag und großer Rummel lief da in Hamburg ab, eine Stadt inszeniert sich als Mega-Event, Touristen strömen die Hafenpontons entlang, Menschen verfolgen gebannt das Feuerwerksschauspiel, und ein Schiff wird unter großer Anteilnahme getauft. Nachts dann lief die „Aidamar“ aus und schipperte auf ihre Jungfernfahrt. Die „Einschiffung nach Kythera“ fiel mir ein. Ob es wohl ebenfalls zu jener Liebesinsel ins Mittelmeer ging – die Kultstädte der Göttin Aphrodite? Heute hingegen heißt es „Liebe ist, wenn es Landliebe ist“. Ja, mit Danone kriegen wir sie alle, das kollektive Unterbewußte schaufelt die absurdesten Dinge frei. Wir müssen uns den modernen von Werbung, Kauf und E-Commerce zerfressenen Menschen als einen glücklichen vorstellen – schlendernd in den immergleichen Einkaufspassagen, und ringend um das Tüpfelchen einer eigenen unverwechselbaren Existenz, um wenigstens in der Inszenierung und dem Scheine nach diese Existenz  im radikalen Konsum und im Kaufrausch aufrechtzuerhalten, sie dort erst gar bestätigt zu wissen.

„Ladendiebstahl als Umkehrung des Werbegeschenks auf eigene Faust“, wie eine wie ich finde sehr gelungene Überschrift in Wolfgang Fritz Haugs Buch „Kritik der Warenästhetik“ heißt.

Ja, das Mittelmeer. Wie ging noch das Brechtgedicht über die Bäume?

(Quelle: Wikipedia. Watteau malte drei dieser Bilder. Dieses hängt in Berlin, die erste Variante in Frankfurt und die zweite im Louvre. Bei diesem Bild handelt es sich um die letzte Fassung.)

So schifften sich also die Menschen auf den Aida-Dampfern ins Kythera der Postmoderne ein – ihre Rollkoffer hinter sich herziehend, die Gangway passierend, hasteten sie bepackt an Bord. Aphrodite oder Venus? Ganz egal. Es existiert keine Zeit mehr für die galanten Feste. Aber Liebe stellt kein autonomes, für sich seiendes Gefühl dar, das es immer schon gegeben hat, sondern es ein historisch entfaltetes, sich ausdifferenzierendes Kommunikationsmedium – zumindest dann, wenn man nicht gleichsam im Geschehen sich blind verhakt, sondern auf die Formen schaut, in denen sich Liebe entäußert oder zeigt: das reicht von den unmittelbaren Praktiken bis hin zu den theoretischen und künstlerischen Werken, die die Diskurse der Liebe zum Inhalt haben. Betrachten wir also auch die Liebe als „symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium. Entsprechend wird Liebe hier nicht, oder nur abglanzweise, als Gefühl behandelt, sondern als symbolischer Code, der darüber informiert, wie man in Fällen, wo dies eher unwahrscheinlich ist, dennoch erfolgreich kommunizieren kann. Der Code ermutigt, entsprechende Gefühle zu bilden. Ohne ihn würden die meisten, meine La Rochefaucauld, gar nicht zu solchen Gefühlen finden.“ (N. Luhmann, Liebe als Passion, S. 9)

Was Luhmann nicht in den Blick bekommt: daß auch die Liebe selbst von den Formen der Warenwirtschaft, also durch die Ökonomie, überformt ist. Diese durchdringt noch den hintersten Winkel der Welt. Dieser blinde Fleck bei Luhmann entsteht, weil er die sich ausdifferenzierte Gesellschaft nicht als Totalität denken kann, in der ein Zusammenhang in den anderen wirkt. Geschuldet ist dies dem starren, von Talcott Parsons übernommenen Systemfunktionalismus: und so muß Luhmann zwangsläufig schreiben:

„Wer die Gesellschaft primär in ökonomischen Kategorien begreift, wer sie also von ihrem Wirtschaftssystem her auffaßt, kommt zwangsläufig zur Vorstellung einer Vorherrschaft unpersönlicher Beziehungen, denn für das Wirtschaftssystem gilt dies in der Tat. Aber die Wirtschaft ist nur ein Moment des gesellschaftlichen Lebens neben anderen.“ (S. 13)

Darin eben täuscht sich Luhmann empfindlich. Trotzdem bleibt Luhmanns Buch interessant und bedeutsam, wenn er zeigt, wie ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium entsteht, dem die Aufgabe zugewiesen wird, die kommunikative Behandlung einer bestimmten Form von Individualität zu ermöglichen. Der kalte Blick des Analytikers läßt nichts ungeschoren, er schneidet selbst in das vermeintlich Unmittelbarste und zeigt seine Vermittlung auf.

„In diesem Sinne ist das Medium Liebe selbst kein Gefühl, sondern ein Kommunikationscode, nach dessen Regeln man Gefühle ausdrücken, bilden, simulieren, anderen unterstellen, leugnen und sich mit all dem auf die Konsequenzen einstellen kann, die es hat, wenn entsprechende Kommunikation realisiert wird. Schon im 17. Jahrhundert ist (…) bei aller Betonung der Liebe als Passion völlig bewußt, daß es um ein Verhaltensmodell geht, das gespielt werden kann, das einem vor Augen steht, bevor man sich einschifft, um Liebe zu suchen; das also als Orientierung und als Wissen um die Tragweite verfügbar ist, bevor man den Partner findet, und das auch das Fehlen eines Partners spürbar macht, ja zum Schicksal werden läßt. Die Liebe mag dann zunächst gewissermaßen sich im Leergang bewegen und auf ein generalisiertes Suchmuster gerichtet werden, das die Selektion erleichtert, das einer gefühlsmäßig vertieften Erfüllung aber auch in die Quere kommen kann. Es ist die im Code verankerte Bedeutungssteigerung, die das Lernen des Liebens, die Interpretation der Anzeichen und die Mitteilung kleiner Zeichen für große Gefühle ermöglicht; und es ist der Code, der Differenz erfahrbar werden läßt und die Nichterfüllung mitexaltiert.“ (Luhmann, S. 23 f.)

„Das eben, Lieber! ist das Traurige, daß unser Geist so gerne die Gestalt des irren Herzens annimmt, so gerne die vorüberfliehende Trauer festhält, daß der Gedanke, der die Schmerzen heilen sollte, selber krank wird, daß der Gärtner an den Rosensträuchen, die er pflanzen sollte, sich die Hand so oft zerreißt, o! das hat manchen zum Thoren gemacht vor andern, die er sonst, wie ein Orpheus, hätte beherrscht, das hat so oft die edelste Natur zum Spott gemacht vor Menschen, wie man sie auf jeder Straße findet, das ist die Klippe für die Lieblinge des Himmels, daß ihre Liebe mächtig ist und zart, wie ihr Geist, daß ihres Herzens Woogen stärker oft und schneller sich regen, wie der Trident, womit der Meergott sie beherrscht, und darum, Lieber! überhebe ja sich keiner.“ (Friedrich Hölderlin, Hyperion, S. 644, in: Sämtliche Werke, Bd. 1, München 1992)

Im Rahmen Hölderlins gelingt die zweite Reflexion nur noch bedingt, und die Wunde, die der Speer schlug, konnte durch diesen nicht geheilt werden. Am Ende bleibt nur das, was der Dichter stiftete. Es gibt die Überlegung, hier im Blog eine Reihe über die Diskurse der Liebe zu eröffnen – vielleicht auch als Literaturprojekt, inspiriert durch Melusine Barbys Blog „Gleisbauarbeiten“. Es wird heißen „Belinda Project(s) – Datumsgrenzen“

(Wir verlinken uns hier in einer Tour gegenseitig, daß es schon verdächtig ist. Hoffen wir, daß ihr Mastermind keinen Verdacht schöpft.)

Einige Photographien aus Hamburg vom Hafengeburtstag zeige ich auf meinem Blog „Proteus Image“.
Wie immer: viel Vergnügen beim Betrachten. Die Diashow startet, ebenfalls wie immer, indem Betrachterin/Betrachter mit dem Cursor auf das erste Bild tippt und den Klick tätigt.

Die Rubrik „Der Blogtrinker“ muß wegen Krankheit wieder einmal verschoben werden, und wieder einmal darf ich den freundlichen Riesling mir nicht zuführen. Und dabei wollte ich, im Überschwange, noch einmal vorm Vergängnis glühn.

„Zersprengtes Ich – o aufgetrunkene Schwäre –
Verwehte Fieber – süß zerborstene Wehr –:
Verströme, o verströme Du – gebäre
Blutbäuchig das Entformte her.“
(G. Benn)

Hamburg – Kapitalistischer Realismus (Part 1)

Das letzte Wochenende verbrachte ich in Hamburg, und es werden auf „Proteus Image“ einige Impressionen dieser Stadt rund um das Schanzenviertel und St. Pauli geboten, die ich am 4.2.2012 fertigte. Das mache ich in zwei Teilen, weil es sehr viele Photographien sind. Ich ordne diese Photos nicht an, sondern zeige sie in der Reihenfolge, wie die Bilder entstanden. Ich ändere ebenfalls nicht die Zählung der Bilder, so daß sich die Lücken, die Leerstellen, die fehlenden Räume und die Orte im Intervall der Zahlen zwar nicht visuell ausmachen, aber doch evozieren lassen. Irgend etwas fehlt immer in jenem Dazwischen, in dem Dinge und Menschen zu versinken vermögen. Zuweilen tauchen sie daraus niemals mehr auf. „Lost in Translation“ – es ist dies einer der intelligentesten Filmtitel. In solchen Photographien müßte im Grunde die Zeit ihrer Aufnahme, ihrer Entstehung mit eingeschrieben werden. Das exakte Datum, auf die Sekunde gerechnet. Diese Datierung, gepaart mit der konzeptionellen Abstraktion eines On Kawara, wie er sie in den Date Paintings seiner Today-Serie fertigte, gäbe ein interessantes Projekt ab, um jene Augenblicke und das Datum, jenen einen Moment, jenen versäumten oder entschwundenen Moment zu bannen. Auch ein Immaterielles wie die Zeit vermag zum Fetisch sich zu transformieren, an dem ein Photograph sich festbeißt. Und jene versäumte eine Sekunde, die kein Bild und keine Sprache festzuhalten vermag.

Ich wollte eigentlich auf der Veddel Bilder machen, aber da ich Freitagabend während einer Party so schlimm dem Alkohol verfiel, daß die Rekonvaleszenz nur einen Ausflug ins Naherholungsgebiet zuließ, blieb mir nichts weiter übrig, als in solch einem Nahgebiet Photos zu schießen. Und daß ich am Samstagabend in einer Bar zwei alkoholfreie Biere trank und das Glas Rotwein bei einer Freundin nur halb leerte: ja, das zeigt, wie schlimm es um mich bestellt war.

Ich hätte heute ebenfalls etwas zu Charles Dickens 200. Geburtstag schreiben müssen und gestern einen Text zur Würdigung des großartigen François Truffaut, der 80 Jahre geworden wäre und viel zu früh verstarb. Allein, es fehlt die Zeit. Aber die Filme Truffauts laufen nicht weg. Ja, das Bloggen bildet eine zeitintensive Tätigkeit. Bereits die Filme über Antoine Doinel sind einen eigenen Beitrag wert. Filmisch, von der Bildästhetik und der Art der Narration. „Baisers volés“: was für ein Filmtitel.