Zeiträume zeitraffen: Seiffen – Neuhaus, Nußknackermuseum

Ich bin arg, so arg in Zeitnot, so muß es statt der Texte Bilder geben. Aus dem Innenraum. Heimat und Provinz. Orte als Reisender zu sichten: My oh my: a song  to say good buy. Kaufen Sie Holzfiguren! ! Für unsere Kaltzonen, auch im Sommer. Anmut der Schieferzonen. Ich mag das.

Antisemiten, Islamisten und Israelhaß in Berlin – der jährliche Al Kuds-Marsch

Nun marschierten in Berlin wieder unzählige Menschen durch die City-West, vom Adenauer- zum Wittenberg-Platz. Es ist, zum Ende des Ramadan, heute wieder der unsägliche, vom Iran ins Leben gerufene Al Kuds-Tag, wo arabische, persische, rechtsextremistische und linksradikale Antisemiten in Berlin und in anderen Städten Europas den politischen Islam wie auch den Antisemitismus auf die Straßen tragen und eine Religion samt ihren Riten instrumentalisieren. Meist marschieren diese Leute im Verbund mit NPD-Funktionären, Mitgliedern des maoistischen Jugendwiderstands und der antisemitischen BDS-Bewegung, die zum Boykott jüdischer Produkte aufruft: Kauft nicht bei Juden, kauft nicht von Juden, kauft nichts aus Israel! Sie werden sicherlich auch keine französischen Weine vom Gut der Rothschilds trinken.

Ich bin im Augenblick leider zu beschäftigt, um auf dieser Ansammlung zu photographieren, insofern zeige ich einige Photographien von 2014, die ich schon einmal auf dem inzwischen entschlafenen Photo-Blog Proteus Image präsentierte. Schon damals reihten sich in diesen Zug auch deutsche Antisemiten ein, so die Rapperin Dee Ex und einige andere Rechtsradikale. Und da alles also beim alten ist, kann ich ebensogut auch  die alten Photographien zeigen.

Der Al Kuds Tag wurde im August 1979 von Ajatollah Khomeini ins Leben gerufen, um „den Usurpatoren und ihren Unterstützern die Hände abzuhacken“, um sozusagen mit den „muslimischen Palästinensern“ Solidarität zu zeigen. Interessant ist vor allem, wie seit 1979 über den Al Kuds-Mythos der (persische) Iran politisch und geostrategisch auf den jüdischen und arabischen Raum übergreift. Unter anderem auch mittels Finanzierung von Terrororganisationen wie Hisbollah und Hamas. Daß, nebenbei, für den politische Arm der Hisbollah in Europa kein Verbot existiert (die PKK hingegen ist verboten), scheint mir ein weiterer Skandal zu sein. Das ist in etwa so, als teilte man die italienische Mafia in einen kriminellen und einen kulinarischen Arm auf, dem man dann erlaubt, Essen zu servieren.

Und um es klarzustellen: Es ist sehr wohl möglich, die Politik Israels zu kritisieren, es gibt manches zu kritisieren, wenngleich Deutsche aus ihrer Geschichte heraus den Ball ein wenig flacher halten sollten. Solche Kritisieren geschieht in diesem einzigen demokratischen Staat im Nahen Osten, in dem es freie und geheime Wahlen gibt, auch durch viele Israelis: so wie man ebenso Trumps Politik in den USA oder Xi Jinpings Politik in  China und die von Putin in Rußland kritisieren kann oder eben die der Machthaber im Kongo oder in Syrien – seltsam freilich, daß es im Sprachgebrauch keine Saudi-Arabien-Kritik, keine Syrien-Kritik, keine Libanon- oder Jordanien-Kritik gibt, obwohl auch in diesen eher kleinen Ländern es einiges zu kritisieren gibt. (Aber das ist wieder ein anderes Thema.)

Was freilich nicht möglich ist und wo es antisemitisch wird, ist eine Kritik, die sich auf alle Juden, auf alle Israelis samt ihrem Staat kapriziert, die Israel als Grundübel der Welt ausmacht oder die den gesamten Staat Israel in seiner Existenz in Frage stellt, ihn mit Terror bedroht oder ihn von der Landkarte tilgen will. So wie eben an jenem vom Iran initiierte Al Kuds-Tag der Staat Israel als ganzer in Frage gestellt wird – auch auf den Demonstrationen. Offen formulieren es diese Leute dort nicht, aber insgeheim ist dies genau das Begehren. Ich habe mit einigen damals gesprochen – wenn man ein wenig auf deutschen Nazi macht, ist man bei ihnen wohlgelitten. Sie zeigen nach außen ein freundliches Gesicht, daß man bloß gegen den Zionismus und nicht gegen die Juden sei. Aber das eben sind Worte, die man zur Schau stellt, damit die ganze Chose nicht sofort verboten wird. Spricht man mit den Leuten direkt, kommt teils Erschreckendes zum Vorschein, nicht von allen zum Glück, aber leider von einer Vielzahl. Dennoch: Trotz all dieser widerlichen sich dort abspielenden Dinge. Das Demonstrationsrecht gilt auch für diese Leute. Ums so wichtiger ist der immer stärker werdende Gegenprotest. Parteiübergreifend.

Hier also noch einmal einige Photographien vom 25.7.2014.

(Sofern in diesem Beitrag unqualifiziert oder trollend kommentiert wird, schalte ich den Kommentar gar nicht erst frei bzw. lösche ihn ad hoc und ohne weitere Erklärungen. Ebensowenig bin ich bereit, generelle Israel-Anfeindungen hier zu diskutieren.)

Weltpinguin-Tag

Is auch wichtig und Zeit für den Zoo in Bildern, denke ich mir, heute am Weltpinguin-Tag. Und da die lustigen Pinguine (besonders die Brillenpinguine), zusammen mit den freundlichen Eseln, meine Lieblingstiere sind, muß das gewürdigt werden. Was mich daran erinnert, bald einmal wieder in den Berliner Zoo zu gehen – und auch in den Zoo meines geliebten Leipzigs. Derweil stelle ich hier ein paar ältere Photographien aus dem Jahr 2014 ein.

In schöner Ferne

Zum Beginn der Reise, in unerbittlicher Nacht, um halb vier, tritt der kalte Mann aus der Haustür seines Grandhotel Abgrund, pfeift, nein winkt ein Taxi sich heran, mit dem leicht erhobenen Finger, der schwingenden Hand, wie eine zaghafte Wortmeldung zum Morgen hin, während noch die Tropfen von Regen aus der Nacht heraus fallen und fallen. A hard rainʼs gonna fall. Doch nicht für mich, denn ich fahre in die schöne Ferne, die Fremde des Südens von Österreich, die in Wahrheit aber der Norden Italiens ist, sofern man neue Grenzen akzeptiert. Eine Taxe hält an. Der Taxifahrer spricht sogleich in aufgeregtem Atem und es schießt aus ihm heraus: er könne nicht wechseln, man habe ihm sein Portemonnaie geraubt, er sei Opfer eines Trickbetruges geworden. Ich steige in den Mercedes-Kombi und entgegne, daß wir die Sache des Bezahlens schon irgendwie hinbekämen, schließlich sind meine Taschen heute voller Gold. Aber man weiß nie: stimmt es oder ist es eine Ausrede, eine nette, gut erfundene Geschichte? Das Wissen, vielleicht selbst Opfer eines Trickbetrugs und damit verbunden Opfer der Mitleids-Masche geworden zu sein. Doch Glaube ist alles, dann Liebe, dann Hoffnung, dann nach der Nacht ein Morgen – mit Heidegger, Adorno und Hölderlin im Gepäck und den Gedanken an eine Fahrt in schöne Ferne. Feinere Gestade, Gebirgslandschaft. In seinem Gesicht steht Traurigkeit, er erzählt aufgeregt: daß Arme die Armen beklauen, sei eine Schande. Drei Fahrgäste waren es – der erste stieg aus und sagte, hinten im Reifen sei ein Nagel, der zweite Mann stieg ebenfalls aus und der dritte stahl im Trubel das Portemonnaie. Ich glaubte dem Mann. Selbst auf dem Weg zum Bahnhof waren seine Fahrkünste unsicher, so daß noch ich ihn am Ende dirigieren mußte und ihm sagen, wie man zum Südkreuz-Bahnhof gelange. Ich gebe viel Trinkgeld. Den Verlust der Nachtkasse muß der Mann aus eigener Tasche zahlen. Es waren 240 Euro. Geschichten aus der Arbeitswelt, kurz vor Morgen. Ich aber reise ins Philosophische: eine Woche Seminar über Adorno und Heidegger sowie deren Hölderlin-Deutungen. Dichten und Denken in dürftiger Zeit. Wir aber tun es in herrlichster Atmosphäre.

Der ICE ist pünktlich, das WLAN im Zug geht nicht, Vorspiel auf Kommendes und so wird diese Fahrt eine Reise in eine herrliche Zeit hinein, zu einer Abwesenheit von Internet. Denn auch auf dem Berghof hoch über dem Städtchen gibt es keinen Zugang zum Digitalen. Die Zugfahrt führt durchs ostdeutsche und dann das bayerische Regengebiet, es klatscht und prasselt gegen die Scheiben, ich bin froh, nicht mit dem Auto gereist zu sein, gen Süden, nach Bozen geht’s, ins schöne Südtirol, an die Etsch, nach Leifers. Geliebtes Österreich. Nein, es ist ja Italien. Mussolini siedelte in Südtirol, nach dessen Annexion 1919, Italiener an. Hinter München dann klart es auf, die Alpen liegen in guter Sicht. Vor dem Alpenblick zum Eingang ins Tal thront ein graues Gebäude. Ist es eine Burg oder doch nur ein Betonsilo, Industriebau als Kulisse? Im Gegenlicht und vorm Horizont der schimmernden Berge kaum auszumachen. Später dann gegen frühen Mittag ein schönes Panorama mit Sonnenlicht und hinein gondelt der Europa-City-Zug in die Pässe, durch die Täler, Schluchten, Wälder aus Fichten und manchmal sind Kiefern dabei. Innsbruck und Brenner. Die ragenden Gipfel, in der Höh und darüber, wo die Ruhe ist, wo kaum ein Mensch hingelangt. Die Zug-Abteile erinnern bereits an den Balkan: verschlissene Industrie-Moderne der 90er Jahre. So zumindest wirkt es. Die Gefilde werden südlicher. Bergtäler mit Fachwerk und vereinzelter Gewerbe, Ferienhäuser, Skihänge, meist aber ohne Schnee. Der liegt nur hoch oben bei den Gipfeln und an der kalten Brennerstation, wo Soldaten und Polizisten ihre Patrouille machen. Statt in Clemens Setz zu lesen, blicke ich aus dem Fenster und bewundere die Höhen, die Bergkämme, das karge Gestein. Moos und Gras.

Im Zug, kurz vor Bozen, ich hieve den Koffer von der Ablage, der Koffer gleitet aus der Hand, rutscht in die Schräge, schnellt herab und schlägt auf die ungünstigste Stelle, die es in einem Zug gibt, dort, wo kein Koffer am besten je aufschlägt: die Notbremse. Ein Ruck geht durch den Zug, langsamer die Fahrt, dann abruptes Halten. Es steht der Zug nun, es rappeln die Menschen, die Reisenden schauen irritiert und einer ist da: der weiß, wer es war: ich war es. Ich war das, und der Mißbrauch der Notbremse wird bestraft, so schieße es mir durch den Kopf. Ich zögere, ob ich den heiklen Vorfall melden soll. Ich tat es am Ende und die strenge Schaffnerin, die kein Wort von meinem geliebten Deutsch verstand oder aufgrund der Italienisierung der Region mit Absicht nicht verstehen wollte, wenngleich ich von ihrem Habitus zugleich vermutete, daß sie es tatsächlich nicht verstehen konnte, sprach mich italienisch an, mit Rüge und scharfem Ton, obwohl es in der autonomen Region Südtirol an ihr ist, deutsch zu sprechen und nicht an mir italienisch. Von ihrem schlechten Englisch, das noch ärmer als meines war, ganz zu schweigen. Am Ende akzeptierte sie in ihrem gebrochenen Katzelmacher-Englisch meine Entschuldigung, blickte dennoch böse und ich war kurz davor, mich bei der Bürgermeisterei oder sonstwo zu beschweren. In einer Region, in der deutsch gesprochen wird. Gleich zur Anreise erwachte bei mir so etwas wie Südtiroler Lokalpatriotismus: für diese schöne Sprache, diesen Dialekt, schwer zu verstehen zwar, wie ich dann im Laufe der Woche erfuhr, guttural, doch gemütlich. Ich denke an unseren Gärtner und Arbeitsmann, später, auf dem Berghof, der das Gepäck auf die große Höhe des Berghauses mit dem Pickup fuhr und bei der Rückreise dann wieder hinab brachte, während die Gruppe zum Wandern angehalten war: Erstes Erkenntnisziel für junge Studenten der Philosophie ist der Aufstieg. Dieser schwere und schöne Dialekt des Mannes, der wie der Bewohner einer feinen Zwergenwelt ausschaute: Freundlich, treu, bärtig, immer mit einem Lächeln und dazu eben jene seltsam-schönen Sprache. Ein Dialekt, der freilich noch viel ausgeprägter und noch viel fremder klang, wenn der Gärtner mit seinesgleichen sprach und nicht mit uns. Wir erlauschten dieses Reinsprechen des fremden feinen Bergvolkes einmal, als Otmar während der Arbeit mit einem seiner Kollegen auf dem Berghof babbelte. Es war eine Geheimsprache.

In Bozen fragte ich zwei ältere Frauen nach dem Weg, war auch unsicher: in welcher Sprache sie anreden? Am Ende in Deutsch und eine der Damen sagte: „Wir sprechen hier deutsch und wir haben uns diese Sprachautonomie hart erkämpft. Alles in Südtirol ist zweisprachig!“ Und: „Nein, wir sind keine Nazis, aber Deutsch ist in Südtirol unsere Heimatsprache!“ Ein Satz, der mich beeindruckte. Ein kluge, eine gute Antwort. Und zugleich sagte sie eben auch: Es sei natürlich trotzdem gut Italienisch zu lernen. Eine schöne Sprache. Stimmt, dachte ich mir. Und auch eine schöne Nationalhymne haben die Italiener. In nuce zeigen sich hier bis heute die Nachwirkungen eines grausamen Krieges und eine sinnlose Umsiedlungspolitik – was ebenso den Blick für manches Problem in Afrika schärfen könnte. Aber dies ist ein anderes Thema und weit weg von der schönen Bergwelt. Wenngleich auch in Bozen eine Vielzahl von Schwarzen zu sehen sind, die einem dies und auch das anbieten, wenn man dies oder das denn gerne möchte.

Unten in Leifers angekommen, trotz Notbremse, vom Berghaus gesehen tief unten der Ort, wenngleich Leifers eben doch 250 Meter über Null liegt. Eine Bar, eine Hauptstraße und davon abzweigend eine weitere, die in Richtung meines Ziels führt. Zwei Stunden vor dem großen Aufstieg zum Berghof. Das Städtchen im Tal ruht in der Wärme. Von nordischer Kälte, dem Regen über der brandenburgischen, sachsen-anhaltinischen, der thüringischen, der fränkischen, der bayerischen Landschaft ist hier nichts mehr zu spüren. Weit, weit weg und eine Welt des Südens tut sich auf, in Bergketten gerahmt: die Dolomiten. Hier ist alles ins milde Licht des Nachmittags getaucht. Die Gipfel der Berge ragen ins Blau des Himmels. Für den gelehrten Stubenhocker eine so ganz andere Blick-Welt. Ich stehe in Leifers mit meinem Koffer. Allein. Bewege mich an der Hauptstraße entlang auf mein Ziel zu, dort wo der Gärtner Otmar unsere Gruppe abholen wird. Bin aber deutlich zu früh. Zwei Stunden vor der Zeit liegt des Nordlichts Pünktlichkeit.

Aus der Kirche dringt eine Musik, ein Gesang ist es. Erhebend, sinnlich-aufreizend zu anderen Höhen strebt der Ton. Die Musik gefällt mir. Eine Chorprobe vielleicht. Ich bin neugierig und blicke in den Innenraum, ich betrete die Kirche. Ein Sarg steht vor dem Altar. Ja, es ist Beerdigung, die dritte und die letzte Hochzeit, zu der wir eine Kirche betreten. In jener letzten nicht mehr das Subjekt, sondern ein Ding, ein Objekt, aus dem aller Geist wich. Leblose Hülle. Substanz ohne Substanz. Und alles gelebte oder ungelebte Leben erlosch. Nicht zu korrigieren. Wir sind dieses uns vorauswerfende Dasein und wir sind es, die das irgendwann einmal nicht mehr sind. Ein Apeiron. Hypokeimenon. Manchmal braucht es keine Kastanienwurzel und eine Bank im Park. Es reicht die Bank vor der Kirche und ein Zufall, zu jener Zeit an jenem Ort zu sein.

Ich bewege mich wieder hinaus, setze mich draußen auf eine dieser Bänke bei der Kirche, in warmer Sonne und Milde des Südens, im Licht des Südens, um die traurige Zeremonie nicht zu stören. Ich denke an die Trauer auf einem Wäschedraht, irgendwann im Januar, diesen Zen-Moment in der Kälte Kölns und an einen anderen Moment, als sie dieses Gedicht vorlas – im Januar. Irgendwann. Irgendwann kamen Carabinieri und sperrten die Straße. Glocken schlugen und es verließ der Zug mit dem Sarg die Kirche, durchs Hauptportal, zog über die Straße und – ich ahnte es bereits, denn ich saß neben dem Friedhofstor – stieß direkt auf mich zu, als sei ich, ausgerechnet ich das Ziel dieses Zuges und Endpunkt dieser letzten Reise. Traurige Gesichter, würdevoll schreitend, vorne weg der Leichenwagen, dahinter in Trauer eingehakt die Angehörigen. Da saß nun ein bleicher fremder Gast mit einem großen Koffer, einer schwarzen Lederjacke und hellblauer Jeans, blaß wie die Nordmänner aus der tiefen Ebene halt blaß sind. Besser sich wenigsten zu erheben, dachte ich mir. Der Aufstieg in die luftige Höhe der Philosophie beginnt mit einem Begräbnis und mit dem Geläut der Glocken von Leifers.

Die Tonspur zum Sonntag – der Naschmarkt zu Wien

Die Buchstaben [die da im Video gezeigt werden, verkleinert freilich aufs Millimetermaß] transplantierte ich unter die Fingernägel jener Frau. (Raten Sie jetzt: Welcher Film, welche Serie, welche Figur? Hülsen in Plastikplanen, ein Fluß, ein Sägewerk, die schönste Hoteliers-Tochter, die je im Fernsehen auftrat. Abstrakt denken lernt man durch abstraktes Denken. Schuß und Gegenschuß.)

Laufen, wandern, schlendern: schauen mit Nikon in Wien. Aufstand, Widerstand. Marktstand. Waren warten. Parallelbilder. Polis Habsburg. „Drogenreste aus Jugendtagen“.

Eine Reise im Orientexpress. Oder Orpheus in der Unterwelt

Und nachdem ich gleich am ersten Tag in Wien im Bräunerhof, naturgemäß, die erste Stärkung zu mir nahm und abends im Café Prückel unangenehm lange auf den Kellner wartete, bis er überhaupt dazu kam, eine Bestellung aufzuschreiben, war ich dann nach 20 Minuten wieder aufgebrochen, um meinen Tafelspitz woanders zu essen. Obwohl das Café Prückel eine unnachahmlich schöne Atmosphäre hat: Tiefe Reise in die 50er Jahre, schönes, altes Design, aber alles echt, keine aufgesetzten Dekorationen, zumindest wirkt es nicht so. Immer noch spielt dieselbe Pianistin, die ich auch beim letzten Besuch sah, ihre traurig-schönes Klavierspiel. Es ist, als glitte man in eine andre, in eine angenehmere Zeit: die der 50er oder 60er Jahre. Sich wieder auf Wesentliches zu fokussieren: Konzentriert zu arbeiten. Ich dachte an die hoch kultivierten Diskussionen zwischen Arnold Gehlen und Adorno, dachte an Adornos Iphigenie- und an seinen Hölderlin- Essay, an Heideggers „Gelassenheit“ und seine Vorlesungen zu Hölderlins Dichtung: Andenken und vom freien Gebrauch des Eigenen.

Aber nicht nur das, nicht nur dieses Geistige ist Wien, Wien als Dasein-, Wien als kultivierte Lebensform, sondern auch eine Stadt, die dicht am Balkan liegt und nach der immer wieder der osmanische Orient ausgriff. Nun ist dieser Orient angekommen. Aber – List der Geschichte – auf eine andere Art als erwartet. Nicht mit dem Schwert und mit dem Schießpulver der Janitscharen, sondern mittels der Ware Arbeitskraft: Da wo sich im Vielvölkerstaat immer schon die Böhmen, die Tschechen, die Rumänen verdingten, um das schöne Wien, seit Mitte des 19. Jahrhunderts, zur Großstadt zu demolieren, wie Karl Kraus schrieb, aufzubauen: die Ringstraße als Prachtmeile zu errichten, und da in Wien arbeiten auch heute noch die Türken, die Jugoslawen, um Werte zu schaffen, für die sie manchmal mit einem Handgeld abgegolten werden. Wer also eine so ganz andere Gesellschaft von Wien entdecken möchte, der steigt in den Orientexpress. Insofern sollte man beim Wienbesuch nicht nur im 1. oder im 3. Bezirk, dem Ungargassenland oder in Grinzing spazieren, sondern hinaus in die Welt. Neubau, Mariahilf, Margareten, Favoriten. Namen wie Verheißungen und fremde Wörter, rätselhaft, katholisch.

Also ab in den Orientexpress für eine gute Tour. Nein, das ist in diesem speziellen wienerischen Falle nicht der Zug, der von Paris über Wien nach Konstantinopel mit Dampf schnauft und ruckelt oder später dann im Rausch der Geschwindigkeit sich durch den Balkan schwang, sondern ganz einfach besteige man die Straßenbahnlinie 6. Ich trete an der ersten Station Burggasse/Stadthalle in die Tram ein, setze mich, schaue und fahre bis zum Zentralfriedhof, zum Haupttor 2, da wo es auch einen Friedhofsplan gibt. Denn anders als auf den Pariser Friedhöfen sind die prominenten Toten nirgends auf einem Tafelplan am Eingang verzeichnet, sondern nur im Café bei der Information findet sich ein Lageplan. Allerdings auch nur mit Groborientierung und ohne exakte Angaben. Österreichisch eben.

Viel gibt es in der Tram zu sehen. So unterschiedliche Menschen und eine Fahrt mitten durch das normale Stadtleben, abseits von Hofburg, Graben und dem herrlichen Stephansdom. Langes Laufen ist seit zwei Tage nicht möglich, da mich ausgerechnet im Urlaub eine leicht fiebrige Erkältung erwischte. Nicht schön, doch nicht zu ändern. Überhaupt sollte man eine ganz neue Form der Reise einführen und daraus ein Geschäftsmodell machen: die des leicht fiebernden und dadurch auch wieder hochempfindlich auf Außenreize reagierenden Feriengastes. Er schlendert zwar ein wenig, doch langsam nur und keine langen Strecken. Voyage moribund, könnte die Agentur heißen: „Anders reisen, fiebernd reisen“.

Jetzt plaziert sich der Gast gemächlich auf einen der Sitzplätze der Tram, möglichst einen Einzelplatz belegend, um vom Sitznachbarn nicht weiter behelligt zu werden  oder sich gar noch schlimmer anzustecken mit seltsamem und exotischem Fieber. Ruhe und die nur leichten Reize der Außenwelt sind bekömmlich. Hier aber, in der Linie 6, reizt die Außenwelt pausenlos. Laut ist es, hektisch sind die Menschen, die zusteigen und nach ein paar Stationen wieder aussteigen, gut gefüllte Wagons auch am Vormittag. Ein Heer an Kopftüchern, Menschen vom Balkan, Menschen von der Levante, babylonisch das Gewirr der Sprachen, vielleicht aber sprechen alle auch dieselbe Sprache, ich kann es schließlich nicht beurteilen, weil ich ihre Sprechen nicht verstehe. Es ist seltsam, in der Fremde noch einmal in der Fremde zu sein.

Ähnliches passiert einem, wenn man über den Brunnenmarkt im 16, Bezirk in Ottakring streift. Für den Touristen, der irgendwann wieder abreisen wird, ist das eine reizvolle Atmosphäre. Dann auf dem Yppenmarkt allerdings sticht als kleiner Höhepunkt das Fachgeschäft von Staud’s mit seinen feinen Konfitüren und anderen Spezereien heraus. Für jeden Kranken ist Wien eine gute Stadt. Man setzt sich einfach in irgendeine Straßenbahn, von denen es in Wien zahlreiche gibt, und fährt endlos von der Anfangs- zur Endhaltestelle. Zum Beispiel mit der 38 nach Grinzig, mit der D, sozusagen der Tourismuslinie, von Hauptbahnhof Ost, ganz transsilvanisch-galizisch-osmanisch-k.u.k.-mäßig, über den Ring und die Touristenszenerien – Schloß Belvedere, Kärntner Ring/Oper, Parlament, Burgtheater, Rathaus, Schottentor, Börse – bis nach Nußdorf, oder mit der 5 vom Hauptbahnhof zum Praterstern und dort dann nimmt man auf einer Bank irgendwo Platz oder schlendert, sofern der Zustand es zuläßt, über den herrlichen Wurstel-Prater. Besser und vor allem schneller als in einer solchen Tour kann man Wien kaum entdecken. Immer mal wieder vorbei am dunklen Gemeindebau, immer mal vorbei an herrlicher Pracht.

Aber weiter geht die Reise in der Linie 6. Rumpelnd auf den Gleisen, quietschend die Tram, gedrängt die Menschen. Trüb hängen noch die Wolken im Vormittags-Himmel. Die Stadt wirkt in diesen Vierteln weitab vom Ring grau, doch nicht unsympathisch und die Stimmung in der Bahn ist zwar immer irgendwie zwischen bewegt und hektisch, aber doch gelassen. Einige Stationen nach dem Reumannplatz, spätestens an der Geiselbergstraße aber ändert sich das Publikum, wird gediegener, wie’s alte Wien. Am Enkeplatz steigen die Touristen hinzu, die auf den Wiener Zentralfriedhof wollen – viele fahren aber lieber klassischen mit der 71er –, um die Gräber der vergangenen Großen und auch der normalen Leute, die dort liegen, zu schauen.

Das riesige Areal, die Toten. Und es ist dort noch immer viel ungenutzte Grabfläche, so daß wohl die ganze Bevölkerung Wiens auf diesem Friedhof ihren Platz und ihre letzte Ruhe fände. Und all die Gräber der Berühmten: Ich spaziere zunächst einmal zu Karl Kraus, dicht beim jüdischen Friedhof, aber doch nicht direkt bei den Juden begraben, denn schließlich ließ er sich taufen, ging zu den Katholischen. Nicht weit entfernt Adolf Loos, sein Taufpate und Freund, weiter dann quer über den Friedhof zu dem Arealen wo Falco und Udo Jürgens liegen. In dessen Umfeld entdecke ich zu meiner Freude eine Menge Prominenz: Franz West, der gerade eine große Werkschau im Centre Pompidou hatte, Gert Jonke, Ernst Jandl, Franz Werfel, gestorben zwar im Exil in Beverly Hills, doch begraben auf dem Zentralfriedhof zu Wien. Friedhöfe sind Traumorte. Wir phantasieren uns in die Zeit zurück.

Besonders mag ich die Gräber an der Mauer, denn ich denke mir immer wieder, daß von hier aus die Toten sehr viel leichter vom Friedhof wieder flüchten und sich wieder unter die Lebenden mischen könnten. Sie grüben sich unter der Mauer ihren Weg zur Außenwelt und verließen den Bannkreis.

Aber was eigentlich fasziniert uns an den Gräber der Literaten, der Maler, der Philosophen? Die Endlichkeit des menschlichen Denkens und Tuns, selbst der großen Geister, und die damit verbundene Unendlichkeit, die sich als Spur im Gang des Geistes ablagert, Schicht auf Schicht, die Konkretisierung des menschlichen Geistes, der sich in den Werken sedimentiert. Und dazu unser Blick aufs Vergängliche. Wir, die wir noch leben und all dies betrachten und bedenken können. Die, die Großes schufen und nun fort sind. Was wiederum an die eigene Endlichkeit gemahnt. Als das Kind noch ein Kind war, dachte es, daß es unsterblich sei – oder zumindest war der eigene Tod noch keine Option des Daseins. (Obwohl auch das nicht für jene Kinder stimmt, die früh schon mit dem Tod konfrontiert waren.) Von dem meisten Menschen bleibt nicht viel mehr als die Erinnerung, und auch die erstirbt, wenn der letzte Mensch nicht mehr ist, der sich an den Freund oder den Angehörigen zu erinnern vermag. Anders beim Künstler, beim Philosophen: Manches Kunstwerk, manche Philosophie gerät zwar im Lauf der Geschichte in die Vergessenheit und wird erst später wieder diesem Zeitschlund entrissen, anderes aber bleibt, zumindest für den einen oder den anderen, untilgbar, wie etwa die wunderbar-witzigen und manchmal auch melancholischen Gedichte von Jandl. Aber wer weiß schon, wie lange, wenn auch dieses Gedächtnis verlischt. Auch der Kanon von Kunst und von Philosophie unterliegt dem Wandel.

„Meine Wanderungen auf dem Friedhof zwischen den Gräbern von Menschen, mit deren erloschenen Leben mich nichts verband, konnten Hinterbliebenen wohl seltsam erscheinen, vielleicht sogar anstößig. Ich machte mich davon und hob mir die letzte Aufnahme des Films für eine andere Gelegenheit auf.“ (Esther Kinksy, Hain)

Und es fasziniert an Friedhöfen dieser letzte Rest von Leben und Existenz, den das Grab stiftet. In Gestalt einer Form, die da über dem Grab als Stein stumm (oder manchmal auch bunt und beredt) und als letztes Zeugnis in der Erde ragt, darauf zuweilen, besonders in südlichen Ländern Europas üblich, im Stein, eine Photographie eingearbeitet ist, wie auf jenen drei Photographien der Bildserie. Verblasst ist das Dasein, es verging die Erinnerung an jene zwei Menschen nebeneinander, die lange schon nicht mehr sind; es verging die Erinnerung, weil womöglich keiner mehr ist, der sich noch an diese beiden Menschen ohne Namen erinnert. Aber noch im Tod, im Bild sind sie als Paar fixiert. Trotzdem ist nicht einmal mehr die Spur des Namens geblieben. Die Inschrift auf dem Stein verlosch und ist nun fort. Der Stein mit dem Bild steht da still in der Erde. Ich betrachte ihn mir lange. Und kaum einer weiß mehr, wer diese zwei Menschen waren und welches Leben sie erfüllte. Friedhöfe sind Orte der Spekulation und des Absoluten. Losgelöstes.

Friedhöfe sind Orte, wo Hegelianer geboren werden.

Wien – Heldenplatz, im Sonnenherbst

„Selfie-Schlampe“ zischte er scharf an ihrem Ohr vorbei, nachdem sie mit dem Telephon am Stock auf sich selbst die Linse richtete und keck posierte. Nur für sich, nur für den Instagram-Account oder einfach für ihren geliebten Freund, der woanders weilte. Das war vor der Wiener Hofburg, Heldenplatz, Platz der großen Verkündung. Sie schaute nicht zu ihm hin, sie verstand ihn womöglich, diesen böse Zischelnden nicht, lachte in ihr Telephon, griente, schob ihren schmalen Oberkörper nach vorne, während er nuschelnd an ihr vorbei stampfte. Auch im Zentrum der Stadt brechen sich die Bilder. Nun ist die Hofburg und die heutige Nationalbibliothek als Hintergrund durchaus eine imposante Kulisse für eine schöne Photographie mit sich selbst, mit einer schönen jungen Frau und dem habsburgischen alten Österreich als flamboyantem Hintergrund. Vor allem aber ist dieser Platz im frühen Herbst ein von Touristen begehrter Ort. Diese Weite, der Blick auf die Hofburg, und ferne das Rathaus und das Parlament, das sich im Umbau befindet – also nicht metaphorisch genommen, sondern real von den Werktätigen, den Bauarbeitern der Republik Österreich. Ganz Wien, so scheint es, ist an diesem sonnigen 27. September auf den Beinen. Doch Thomas Braschs Der schöne 27. September scheinen sie alle nicht gelesen zu haben, einfach bei sich zu bleiben:

Ich habe keine Zeitung gelesen.
Ich habe keiner Frau nachgesehn.
Ich habe den Briefkasten nicht geöffnet.
Ich habe keinem einen guten Tag gewünscht.
Ich habe nicht in den Spiegel gesehn.
Ich habe mit keinem über alte Zeiten gesprochen und
mit keinem über neue Zeiten.
Ich habe nicht über mich nachgedacht.
Ich habe keine Zeile geschrieben.
Ich habe keinen Stein ins Rollen gebracht.

Wunderbar aus dem Leben gefallen sind diese Zeilen, ist diese absolute, sich in sich versenkende Ruhe. Das reine Nichtstun, intentionsloses Dasein. (Vielleicht im Falle Braschs noch mit einer Flasche Schnaps.) Hier jedoch in der Weite Wiens tummelt und treibt das Volk und Menschen aus aller Herren Länder strömen in die österreichische Hauptstadt, um zu schauen, zu spazieren oder einem City-Guide, der ein buntes Stöckchen oder einen Schirm in die Höhe, über seinem Kopf schwingt, zu folgen. Touristen lauschen, was es zu sehen gibt. Voll, ja sogar überfüllt ist es hier wie auch anderswo in der Stadt – egal ob Graben, Kärntner Straße, Stephansdom. Sehr viel mehr Menschen als im Sommer treibt es im frühen Herbst nach Wien. Es ist also nichts mit dem melancholischen Wien im Herbst und im Volksgarten den Theseustempel anschauen.

Dann jedoch der erste Oktober, das war ein regnerischer Tag. Und sobald es nieselt, leeren sich die Straßen der Stadt. Noch in den späten Nachmittag, den frühen Abend hinein zogen die Wolken am Himmel, und immer der Wind dazu, der durch Wien weht. Wien ist von seiner Lage her eine Windstadt.

Volksgarten, 18 Uhr, kurz bevor es dämmert, im Park ist es leer. Da könnte man aus dieser Menschenleere ein Rilke-Gedicht zaubern. Lediglich ein Rabe mit trüber Schwinge trudelt vorbei, ganz in der Ferne nur kreisen Japaner. Versprengt, einzeln, unermüdlich. So in dieser Art eben.

Mit der melancholischen Alkoholisierung zum Abend muß ich bei einer Erkältungskrankeit vorsichtig sein, es spaziert sich, derart mittels einigen Gläsern Gemischtem Satz die Sinne aufgesteigert, bei Krankheit nur bedingt gut durch Wien. (Der scharfe Wind griff nach den Bronchien.) Ich etabliere also eine neue Art des Reisens: Malade Voyage – Agentur Molière-Reisen. Der fiebernde Ästhetizist, der sich von seinen Wahrnehmungen gerne überreizen läßt, in einem zwar nicht besorgniserregenden, aber doch in einem leidlich angeschlagenen Zustand, in dem es die Dinge und die Straßenszenen leicht entrückt wirken läßt, taumelt durch Wien; durch diese alte, die schöne, die häßliche Stadt mit ihren seltsamen Gemeindebau-Häusern in Gürtellage. Von der Gumpendorfer Straße zum Mariahilfer Gürtel, zum Neubaugürtel, zum Lerchenfelder Gürtel. Oder die andere Seite hin, zum Margaretengürtel: die Ringstraße des Proletariats, bis heute hin und auch wie damals ethnisch gemischt. Sowieso ist in Wien, wenn man nicht gerade in Grinzing oder im 1. Bezirk, Innere Stadt weilt, immer noch die ehemalige Hauptstadt des Vielvölkerstaates. Man kann das in Georg Kreislers wunderbarer Telefonbuchpolka nachhören – nur das da noch die türkischen Namen fehlen, aber angefüllt ist sie mit slawischen: -drak, -tschil, -witc.

Ich sitze gern im Wirtshaus
Am wirtshäuslichen Herd
Dort sitz ich wie bei mir z’Haus
Und werde nicht gestert
Der Wein wird schen älter
In meine Kehle fällter
Der Kalterer wird kälter
So wie es sich gehert
Ich les nicht in Journalen
Ich red mit kaner Frau –
Für die mißt ich noch zahlen
Dazu bin ich zu schlau
Wenn ich Inspiration such
Gesellschaftsliaison such
Les ich das Telefonbuch
Dort find ich das genau –
Alle meine Freind stehn drin
Und zwar auf Seite „Vau“:

Vondrak, Vortel, Viplaschil
Voytech, Vozzek, Vimladil
Viora, Vrabel, Vrtilek
Viglasch, Vrazzeck, Vichnalek
Vregga, Vrba, Vikodill
Vrablic, Vutzemm, Viskocil
Vochedecka, Vuggelic
Vrtatko, Vukasinowitc
Vorrak, Vondru, Vorlicek
Voralek, Vosmik, Vorlik, Vrba, Vrtl
Vodrupa, Vozenilek
Vrinis, Vostarek
Vrtala und Viplacil
Vrzala und Vistlacil
Vouk, Vudipka, Vicesal
Vrazdil, Vrana, Vimmedall
Vrbizki, Vrbezki, Vranek

Vom inneren zum äußeren Ring schlendert man zum Beispiel über die Mariahilfer Straße und all die Seitenstraßen, schön mäandernd, um dort in den Gassen all die kleinen Gewerbegeschäfte sich zu betrachten. Eine Fülle von Einzelhandel und Kleingewerbe gibt es da zwischen dem 6. Bezirk Mariahilf und dem 7. Gemeindebezirk Neubau – völlig anders als in Paris inzwischen oder auch in Berlin, wo hohe Gewerbemieten die kleinen Händler verdrängt haben. In Wien ist das anders. Auch der Gemeindebau ragt da mitten in der Stadt, die Gebäude meist grau, dunkelgrün, mit abweisendem erd- und ockerfarbener Verputz oft. Die habsburger Barockschönheit ist weit, weit weg, es sind keine Paläste, aber es ist Wohnraum. Man kann sich über dieses Konzept von Wohnen und von Lebensform streiten und doch es ist günstig, jeder hat die Möglichkeit nahe am Zentrum zu wohnen und für jeden erschwinglich, was eine interessante soziale Mischung erzeugt. Vor allem aber stimmt die Mischung aus Geschäften und Wohnen. Man sieht kaum  Ladenketten, keine schrecklichen Starbucks und – welche Ironie im Namen – Balzac Coffee Company. Honoré de Balzac hätte über solche Verdrehung des Sinns einen brutal-guten Roman geschrieben. Im Geiste der sozialen Beobachtung registrierte Balzac, was vor sich geht.

Aber den kranken Ästhetizisten interessiert die soziale Lage nicht. Er nimmt seine Nikon-Kamera und streift durch die Stadt. Mit taumelnden Schritten übers Wiener Pflaster. Aus dem kranken Nichts die Texte im Kopf und die Bilder generieren. Malade Voyage – Agentur Molière-Reisen. Buchen Sie jetzt!

 

Kunstschönes Wien, im abgezirkelten Bereich

Herrlich ist es, den Tag über am Schreibtisch zu sitzen und zu studieren, über den Texten der deutschen Romantik, über Hegel zu brüten und überm Natur- und Kunstschönen sich die Zeit anzuregen. Weit ab eigentlich von aller Politik des Tagesgeschehens.

„… in meiner unüberwindlichen Abneigung dagegen, mich in irgend einer Form zu ›organisieren‹, und dem jugendlichen Entschluß, niemals einem Verein o.ä. beizutreten.“ (Hans Blumenberg an Hans-Georg Gadamer, 10. März 1960, DLA Marbach)

(Mit Dank an Joe Paul Kroll für dieses Fundstück bei Twitter https://twitter.com/JoePKroll/status/958658165268189184)

Sich verzetteln, sich am Schreibtisch oder im Erzählen auszubreiten: In den Nachtwachen des Bonaventura (tatsächlich geschrieben von August Klingemann) heißt es:

„Was gäbe ich doch darum, so recht zusammenhängend und schlechtweg erzählen zu können, wie andre ehrliche protestantische Dichter und Zeitschriftsteller die groß und herrlich dabei werden, und für ihre goldenen Ideen goldene Realitäten eintauschen. Mir ists nun einmal nicht gegeben, …“

Aber auch die Kritik des Zeitgeists finden wir in diesen herrlichen Nachtwachen – ein sowieso bezeichnender Titel, da die Nacht nicht nur die Metapher fürs Finstere und den Schlaf der Vernunft ist, sondern ein Wächter sich zugleich als Instanz des Hüters auftritt, in diesem Falle auch als Kritiker und das Denken kann besonders dann aktiv sein, wenn all die Stimmen des Alltags zur Ruhe gekommen sind. Das geschieht meist in der Nacht. Denken setzt exzentrische Positionen voraus, es heißt sich auszusetzen – auch der Philosoph Martin Heidegger wußte von dieser Ekstase oder genauer Exstase. In diesen Nachtwachen schreibt der Erzähler dieser lose aneinandergefügten Geschichten, sein Name ist Kreuzgang:

„Die Alten backten, wie jener Prometheus dort im Winkel, ihre Menschen zwar auch aus Thon, aber sie schufen den Sonnenfunken mit hinein; – wir spielen mit dem Feuer nicht gern, aus Furcht vor Gefahr, und lassen deshalb den Funken weg; – ja es giebt jetzt sogar eine allgemeine Feuerpolizei – eine Zensur und Rezensur – die schnell genug jedwede Flamme, die emporlodern will, erstickt. So kann denn der Sonnenfunken bei uns nicht aufkommen.“

Diese Form von Kulturkritik, als Hadern mir der Gegenwart, schon in Schillers Die Räuber als Ekel vor dem tintenklecksenden Säkulum gefaßt, ist also gar nicht so neu. Die „Nachtwachen“ sind nicht nur ein Glanzstück in Nihilismus – dieser unheimlichste aller Gäste, wie Nietzsche in seinen Fragmenten schrieb –, sondern sie explizieren in diesem Falle diesen Nihilismus zugleich als Verlust der Form des Erzählens, um diese Erfahrung von Verlust sodann im Erzählen selbst darzustellen, mithin also ein metapoetisches Verfahren und autoreflexiv. Im Falle des Klingemann, der es vorzog unter dem Pseudonym des Bonaventura zu schreiben, zudem noch als Spiel mit dem Namen. Erzählt wird in Fragmenten und es ist viel Unheimliches dabei. Ein lesenswerter Text aus dem Jahre 1805. Wien dagegen, zu jener Zeit, so sagt man, war eher die Stadt der Musik, des Klingens und Tönens, und weniger der Literatur – immerhin bezogen die Gebrüder Schlegel in Wien eine Zeit lang Quartier, insbesondere August Wilhelm Schlegels  Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur 1808 zogen Kreise, ebenso Friedrich Schlegels Vorlesungen von 1812 über die Geschichte der alten und neuen Literatur. Der dort anwesende Joseph von Eichendorff schrieb über dieses Ereignis:

„Die erste Vorlesung Schlegels (Geschichte der Literatur, 12 Gulden Einlösscheine das Billet) im Tanzsaale des römischen Kaisers. Schlegel, ganz schwarz in Schuhen auf einer Erhöhung hinter einem Tischchen lesend. Mit wohlriechendem Holz geheizt. Großes Publikum. Vorn Kreis von Damen, Fürstin Liechtenstein mit ihren Prinzessinnen, Lichnowsky, etc. 29 Fürsten. Unten großes Gedränge von Equipagen, wie auf einem Ball. Sehr brillant.“ (zit, nach Ernst Behler bzw. Wikipedia)

Demnächst also, bald könnte man sagen, geht es nach Wien. Und als Vorgeschmack sollen dem geneigten Publikum einige Photographien aus dem Jahre 2015 geliefert werden. (Ich hoffe, meine Photo-Buchhaltung bzw. die Markierung der Photographien als „gesendet“ ist nicht allzu arg durcheinander, so daß es keine Doppelungen gibt.)

 

Berliner Sumpf im Märkischen Sand (2)

Man könnte meinen, AISTHESIS setzte die Trends und Themen, wenn ich an meinen Bericht vor einer Woche denke: „Berlin, Berlin …“. Die SpON-Kolumne vom inzwischen immer mehr geschätzten Jan Fleischhauer vom 16.8.18 geht so:

„Leben in Berlin Das Venezuela Deutschlands

Tote kommen nicht unter die Erde, Geburtsurkunden dauern Monate, jeder Behördengang ist eine Qual: Wer Sehnsucht nach einer linken Sammlungsbewegung hat, sollte sich den Alltag im rot-rot-grün regierten Berlin anschauen.“

„Der Kolumnist Harald Martenstein füllt seine Kolumne im „Tagesspiegel“ mittlerweile mühelos mit Begebenheiten aus dem Verwaltungsalltag. Manches ist so kurios, dass man es nur glaubt, weil es in der Zeitung steht. Um die chronischen Verspätungen bei der S-Bahn zu beheben, kamen die Verkehrsbetriebe auf die Idee, nicht mehr an jeder Haltestelle zu stoppen. Der Plan wurde erst nach Protesten aufgegeben. Die Bezirksämter schaffen es nicht, Geburtsurkunden zeitnah auszustellen, berichtet der Chronist, Tote dürfen nicht unter die Erde, weil Ämter überlastet sind. Heiratswillige sollten ihr Vorhaben weit in die Zukunft legen.“

Aber leider ist vieles davon nicht neu, seit Jahrzehnten bekannt auch der Berliner Sumpf im Märkischen Sand. Macht aber nichts, denken viele, und solange man nichts vom Amt will, ist es ok, meinen manche.

Zum Photographieren bietet diese Stadt allerdings anregendes Ambiente. Alles was zählt – zumindest für den leicht anreizbaren Ästhetiker. Andererseits ist das bei jeder Stadt irgendwie der Fall, noch der langweiligste oder der sauberste Ort bietet Motive: ein guter Photograph findet genau die Plätze und Szenen, die er haben will und bringt sie ins Bild.

Fleischhauers ansonsten treffender Artikel wird allerdings ein wenig getrübt durch seine Kritik an der linken Sammelbewegung. „Aufstehen“ ist nun gerade keine Partei, und es ist diese Bewegung schon gar nicht r2g, sondern eigentlich das, was die gute alte PDS und die SPD mal waren. Diesen Parteien ist ihr alter Wählerstamm teils abhanden gekommen. Dieses Potential muß wieder gesammelt werden. Keine Partei ist derzeit dazu in der Lage oder willens. In der Linken toben Grabenkämpfe um No-border-no-nation-Parolen, die realiter kaum eine Chance auf Erfüllung haben, was auch gut so ist. Freilich: ob der Protest durch „Aufstehen“ gelingt, muß man abwarten. Man kann halt was tun oder man schaut einem System beim Krachen zu. Vielleicht wird es doch nicht so schlimm, vielleicht auch schlimmer. Keiner weiß. Man kann freilich all dies nur abwarten und schauen, niemand besitzt eine Glaskugel und kann hellsehen.

Beim Hartz IV-Dransal bis hin zu den Schrank- und Wohnungskontrolleuren und den Schröder-Gesetzen zur Freisetzung des Arbeitsmarktes bzw. genauer geschrieben zur Pauperisierung breiter Schichten im Niedriglohnbereich oder dem Abdrängen von Menschen in Ich-AGs regte sich kein nennenswerter Straßenprotest. Böse könnte man nun sagen, die Leute bekommen, was sie verdienen. Und auch bei den nächsten Wahlen. Da wird man dann, wenn manche an „Aufstehen“ schon im Vorfeld herumkritteln, eben mit 15 oder 20 oder 25 % AfD leben müssen.

Eigentlich sollte es die Aufgabe von Politik sein, Wähler, die einst die SPD oder die Linke wählten, von dort wieder abzuholen. Klug wäre es von den etablierten Parteien und auch von der identitären Zeitungs- und irgendwas-mit-Medien-Linken allerdings, sich ein paar Gedanken zu machen. Sofern man nicht kampflos 15 % AfD hinnehmen möchte, muß man deren Wähler erreichen. Das tut man nicht, indem man sie als Nazis und Dummköppe tituliert oder indem etwa der politisch dumpfe Leo Fischer „liegenbleiben“ hashtagwitzelt. Eindimensionale Menschen. Inzwischen gönne ich manchen dieser pseudoprogressiven Linken, manchen dieser Sessellinken, die hier bequem in ihrem Berliner Biotop hocken, ihre mindestens 30 % AfD. Denn wie es so ist: erst echter Widerstand von rechtsaußen macht wohlstandsverwahrloste Identitätslinke vielleicht doch einmal kreativ und treibt zum Nachdenken, wie man weitere Kreise als den eigenen Sperr- und Kleindenkbezirk erreicht. No-border-no-nation könnte da unvorhergesehen schnell sehr eng werden. Ein arg begrenzter Ort.

Egal wie, das alles wollte ich gar nicht schreiben, sondern eigentlich nur auf einen Artikel verweisen, um meine Photographien vom Anfang des Jahres bei einem Spaziergang in Kreuzberg sowie Friedrichshain und an der Spree zu zeigen. (Teil 1 der Serie gibt es an dieser Stelle, und Anfang der Woche kommt dann einmal wieder eine Buchkritik, und zwar, passend zum Thema womöglich, zu Patrick Eiden-Offe: Die Poesie der Klasse)

 

Es war viel Weibsvolk anwesend – die AfD-Demo und ihre Gegenkundgebung

Ein Fahnenmeer vorm Hauptbahnhof und Hitzewellen in stickiger S-Bahn. Bereitschaftspolizei in Kampfmontur, darin es wie im Glutoffen sich anfühlen mußte. Sprechchöre dann draußen an den Absperrungen: „Ganz Berlin haßt die AfD!“. Wo anfangen? Ein heißer Tag in Berlin, an einem Sonntag im Mai. Ein Großkampftag für alle, eine Demo der AfD, eine Großdemo gegen die AfD, die vom Hauptbahnhof bis zum Platz des 18. März zog und sogar auf dem Spree-Rinnsal schipperten kleine Boote, Nußschalen und Kähne. Die Polizei konnte mit massiver Präsenz das Demonstrationsrecht durchsetzen, das genauso für die AfD gilt – auch wenn viele, die von Pluralität reden, es hier mit der Vielfalt nicht so genau nehmen und gerne die Demoroute der AfD blockiert hätten. Das Demonstrationsrecht gilt aber auch für die Feinde der Vielfalt, selbst für Islam-Nazis am 9. Juni zum Al Quds-Tag. Ebenso wie es Leuten freigestellt ist, in entsprechender Entfernung eine Gegenkundgebung abzuhalten. Mehrere davon gab es. Protestler säumten die Strecke auf der anderen Seite der Spree gegenüber dem AfD-Zug und auch vorm Hauptbahnhof standen die meist jungen Leute in der Hitze, riefen Sprüche und hielten ihre Transparente in luftige Höhe, so daß es die AfDler gegenüber sehen und vor allem hören konnten. Beim Paul-Löbe-Haus entdeckte ich Christian Ströbele am Stock und trotz Gebrechen war er dabei. Tanzen und raven auf der „AfD wegbassen“-Demo wird er wohl nicht mehr, dachte ich, aber unermüdlich ist dieser Mann.

Mindestens 10 Gegenkundgebungen, was organisatorisch ein Problem bedeutet. Für mich. Denn egal wie ich es bei solch einem Großevent anstelle: ich bekomme nicht alles in den Blick, zudem gesundheitlich angeschlagen, die Sonnenglut tut ein übriges. Rennen, ein mögliches sich retten, Schnappschuß-Jagd war nicht möglich. Eher ruhiges Flanieren, schauen, sichten. Der kranke Körper rebelliert. Flaue Photoausbeute am Ende. Das kommt, wenn der Photograph nicht gestimmt ist. Zur AfD hin war bereits alles abgesperrt und auch auf gutes Zureden ließ mich der Polizist nicht passieren. Schade, denn ich hätte gerne gesehen, was dort vor sich geht und hätte gerne Gauland gehört, den ich nicht uninteressant finde. Die Dummheiten der Linken kenne ich, nun wollte ich einmal auch die der Rechten in Erfahrung bringen, und es funktionierte nicht. Kein Durchkommen. Zu spät gekommen. „Wären Sie früher dagewesen, wäre es ok.“ Ich mag die Antworten von jungen Polizistinnen und wenn die charmant lächeln. Ich lächelte zurück und zog weiter.

So eilte ich zunächst zum Großen Stern, wo verschiedene Clubbetreiber eine Kundgebung starteten: AdD wegbassen. Eine Art Liebesparade gegen die AfD. Und so geschah es: wummernde Beats und Bässe. Partyvolk, das tanzte, verschwitze Körper, die im Takt der Musik schwangen oder freundlich schunkelten. Viele junge Menschen, junge Männer, junge Frauen, junge Nicht-Mann-nicht-Frau-Halbwesen, junge als Mann gelesene Frauen – oh, ich merke, ich wollte nicht spotten. Nette Menschen waren es. Viel trivial und trallala. Ich schaute mich um, schaute auf junge Pobacken, die aus Shorts hervortraten. Anblick und Wohlgefallen. Als dann der Sprecher auf dem Hauptwagen seine Demo-Durchsage damit beendete, daß hier gerade ein weißer cis-Mann gesprochen habe und also die herrschende Macht dieser Gesellschaft und von ab jetzt nur noch Frauen, andersfarbige, queer-, trans- und intersexuelle Menschen ans Mikro dürften, machte ich mich ob solchen Gesinnungsquatschs und Quotenpolitik vom Acker und versuchte an die Orte der Konfrontation zu gelangen. Vielleich werden sie irgendwann auch den Spielfiguren von Playmobil ein Rederecht erteilen. Ach, wenn wenigstens Alf gesprochen hätte – ich hätte lachen können. Das aber geschah nicht. Man kann heute nicht mehr links sein ohne gutes Gewissen.

Viel war nicht zu holen – photomäßig. Alles gut abgesichert. Müde Knochen in mir. Ins Gebüsch in den Tiergarten hinein, und dort standen die Menschen vor den Absperrungen hin zum Platz des 18. März, es riefen die Menschen ihre Parolen, hielten Plakate, brachten ihre Slogans. Manche mit Witz, andere mit dem Haß, den sie bei der AfD beklagten. Junge Männer in schwarzen North Face-Jacken, Kapuzen, Sonnenbrillen, Rücksäcke, aus denen plötzlich Feuerwerk geholt wurde, im Gebüsch des Tiergartens vorm abgesperrten Platz, und einer warf einen dieser Böller durch die Lücke zwischen den Sträuchern auf die Polizeiketten. Sinnfrei, ohne Grund, ohne daß irgendwer provoziert hätte. Allein aus Lust an der Gewalt und niemand aus der Gruppe derer, die vorgeblich gegen den Haß waren, protestierte oder hielt den jungen Mann zurück: „So nicht, mein Junge! Wir wollen keinen Haß schüren“. Im Gegenteil. Als ich mich ereiferte, wurde ich böse angeschaut. Ich konnte diese Szenen nicht im Bild festhalten, weil es zu schnell ging und ich nicht nahe genug dran war im Getümmel. Ich hätte sie gerne abgelichtet und war zum ersten Mal derart wütend, daß ich am liebsten diese nichtvorhanden Dokumente an die BFE geliefert hätte. Einzig eine mittelalte Frau protestierte vehement und lautstark, sie wurde aber sogleich angegangen, und eine junge Frau, die mit zu der Gruppe der Gewalttäter gehörte, wollte an ihr zerren. Aber da ging dann doch einer von den Begleitern dazwischen. Immerhin. Aber das Partyvolk hatte Spaß am Tanzen. Und auf den Straßen ging es beschwingt zu. Ein seltsamer politischer Protesttag.

Die Antifa im übrigen (oder ein Teil derselben)  tat im Vorfeld genau das, was die AfD von ihr erwartete:

„Vor AfD-Aufmarsch die „Bibliothek des Konservatismus“ eingefärbt“,

„AfDler im Wedding markiert. Letzte Nacht wurden im Berliner Stadtteil Wedding Wohnung und Arztpraxis zweier AfDler farblich markiert.“

„Glasbruch bei Wild“

„Friedrichshainer AfDler besucht“

So heißt es in dem linksextremistischen Portal Indymedia. Gut dokumentierte Straftaten sozusagen. Der Hinweis, Opfer linker Übergriffe zu sein funktioniert also. Und das rückt dann leider auch die Opfer rechter Übergriffe in den Schatten, weil hier das üblich-üble Spiel der Aufrechnungen einstetzt.  Rechts- und Linksextremisten berühren sich an den Rändern. Und „farbliche Markierungen“ bei Andersdenkenden erinnern mich nicht an Widerstand, sondern lediglich an ungute Zeiten. Umso erfreulicher aber, daß die Gegenkundgebungen ansonsten weitgehend friedlich verliefen.