Meine unheilbar wilde, unaufhebbar katholische Obsession – Warschau christlich

Ich kann die Obsession Luis Buñuels für das Katholische und insbesondere seinen Faible für die darin sedimentierte Form von Gewalt gut verstehen, denn Gewalt ist der Inbegriff sinnlicher Erfahrung. Buñuel transformiert diese Koppelung von Katholizismus und (teils lustvoller) Gewalt in das Medium des Filmes. Erst in der Gewalt erfahren wir uns ganz unmittelbar als sinnliche, körperhafte Wesen, und wenn wir dies auf das Sexuelle übertragen, so läßt sich vermuten, daß jenes Geschäft mit christlichen Devotionalien an der Plaza Mayor in Madrid, wo es Dornenkronen, Fesseln und Peitschen gibt, nicht nur von frommen Katholiken besucht wird; so ahnte ich schon 1989, als ich vor diesem Lädchen lungerte, mir interessiert, ach was: mit religiös-begierigem Blick die Auslage betrachtete und über die Formen der Buße nachdachte, die ich tun könnte. Allerdings hielt mich die in mir lauernde Acedia von weiterem Handeln ab. Praxis hat sich in die Theorie vertagt, wie es so schön in einem der Bücher heißt, die ich gerne lese.

Und in diesem Zusammenhang präsentiere ich dann auf Proteus Image einige Photographien aus dem katholischen bzw. christlichen Warschau.

Und wenn wir schon bei diesen langweiligen Sachen in bezug auf das Sexuelle sind, dann möchte ich ebenfalls einen Blick in die gütige und schöne Natur werfen: So steht in der Berliner Zeitung vom 28.8.2012:

„Der Gesang betrogener Singvogel-Männchen ist lauter als der ihrer Artgenossen in einer intakten Beziehung. Die erhöhte Lautstärke sei vermutlich eine Reaktion auf die Abwesenheit ihrer Partnerin, wie das Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen (Kreis Starnberg) mitteilte. (…)

Grundsätzlich sei der Gesang von Singvogel-Männchen vielfältig und diene dazu, Rivalen abzuschrecken sowie Weibchen anzulocken. Tempo, Tonhöhe und Lautstärke des Gesanges spiegelten den Fortpflanzungserfolg der Männchen.

Gerade erfolgreiche und ältere Männchen sangen lauter als junge. Allerdings würden gerade Ältere öfter von ihren Weibchen betrogen, schreiben die Forscher. Das würden sie durch vermehrtes eigenes Fremdgehen wettmachen und so ihren Fortpflanzungserfolg noch steigern. Insgesamt sei der Gesang betrogener Männchen – egal, ob jung oder alt – lauter. (dpa)“

Ja, was soll man sagen? Dazu fällt mir sofort der kleine Meisenmann von Helge Schneider ein.

Warschau, Plac Zamkowy – „All die schönen Pferde …“

Um nicht ganz aus dem Rhythmus mit den Bildern von Warschau zu kommen, zeige ich auf Proteus Image eine kleine Serie von Photographien. Sie sind rund um den Platz Zamkowy entstanden, der sich in  jener nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebauten und nach alten Stichen und Gemälden rekonstruierten Altstadt befindet. Warschau entfaltet insbesondere im nachhinein, beim melancholischen Sinnieren und Rückblicken, während ich die Photographien bearbeite und betrachte, einen eigenartigen Reiz – obwohl Warschau alles andere als perfekt, rund oder schön sich präsentiert. Es ist dies der Reiz des Unfertigen und des nicht ganz Perfekten, und zugleich will die Stadt sich aufhübschen, sie möchte Metropole sein. Nein, Warschau schaut nicht aus wie Paris, Rom, Wien oder Prag, es ist nicht kuschelig-gemütlich, renaissancig oder mit antikem Ambiente versehen. Warschau ist ein Fragment aus Architekturen. Und gerade in den abseitigen Vierteln, die ich gerne auch noch zeige, fühle ich mich wie zu Hause und aufgehoben. So wie hier:

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Es können wahrscheinlich die wenigsten nachvollziehen, verstehen, glauben, aber ich liebe solche Orte und hätte dort sogar gerne für eine Zeit gewohnt. An diesen Plätzen ist nichts Unverstelltes und nichts an Lüge und Tünche. Sie sind wie sie sind. Sie sind einfach nur da und keiner fragt groß nach ihnen. Es mag dort, an diesen ausgewählt öden Orten keiner so recht verweilen, was den Aufenthalt angenehm gestaltet. Ich hingegen schon – ich bleibe da gerne. Es ist dies die Welt der Stücke Becketts und Heiner Müllers. Aber es könnte ebenso ein herübergewehter Fetzen aus einem jener wunderbaren Gedichte des Augenblicks von R. D. Brinkmann sein.

Und wenn ich meine Photographien ein wenig häufiger zeigte, so könnten daran auch Betrachterinnen und Betrachter Anteil nehmen.

Fragen eines lesenden Arbeiters – die Tilgung des Namens, des Bildes und der Photographie

Heute gibt es das Bilderrätsel des Tages! Preisfrage an Leserin und Leser: ein Name wurde seinerzeit Ende der fünfziger Jahre in dieser Reihung an dieser Statue, die Bestandteil des Kultur- und Wissenschaftspalastes (Pałac Kultury i Nauki) ist, entfernt. Welcher Name war‘s?

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Einfach so wie früher ist es nicht mehr, wenn ich in einem urbanen Terrain, sprich: in einer Stadt als Photograph arbeiten möchte. Denn es geschehen, während ich photographiere, zuweilen unliebsame Dinge. Als ich das folgende Gebäude ablichtete,

trat unvermittelt ein Mann im militärischen Kampfanzug und mit einer umgehängten Maschinenpistole aus einem fast verborgenen Torbogen hervor und schaute mich mit strengem Musterungsblick an, sagte aber nichts weiter. Gut daß hartes Schweigen nicht unmittelbar töten kann, dachte ich bei mir. Anders als im Film.

Beim Abphotographieren dieses Gebäudes hingegen stürmte ein uniformierter Wachmann heraus, an dessen Gürtel eine Pistole in ihrem Holster hin und her wippte, rede aufgeregt in sein Funkgerät und sprach mich, als er meiner habhaft wurde, sehr erregt auf Polnisch an.

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Meine Antwort blieb naturgemäß etwas vage und für den Mann der Sicherheit auch unverständlich. Ältere und mittelalte Polen können meist kein Englisch. Da ich aber mit einem breiten amerikanischen Akzent Englisch spreche und da ich weiß, daß der Mann eine möglicherweise falsche Aussprache und eine nicht ganz korrekte Intonation in seinem ganzen langen polnischen Leben niemals wird verstehen und erfassen können, amerikanisierte ich weiter und fabulierte, denn die Polen mögen die Amerikaner, sie räumen ihnen auf ihrem Territorium sogar Landrechte für ihre Spezialflugzeuge mit besonderer Fracht ein. Ich machte also in breitem Englisch: „I only take pictures of this building.“ Sofort änderte sich das Verhalten des Mannes und es switchte der Ton des Wachmannes in eine Unverbindlichkeit über, denn auch von meiner Optik her gehe ich gut für einen Amerikaner durch: eine lässige weiße oder beigefarbene Hose von Levi’s, hellblaue oder schwarze Hemden. Manchmal auch kurzärmelig. Wenn es kälter ist als in Polen im Sommer, darf eine schwarze Lederjacke, die in Taillenhöhe abschließt und die ohne jede Verzierung oder Schnallen auskommt, nicht fehlen. Ich bin der Brad Pitt der Photographie. Dazu eine klassische Ray Ban-Sonnenbrille. Kurze Haare, aber nicht so rappelkurz, wie sie polnische Männer aus der Hooliganszene tragen, die ich übrigens einige Tage später auch traf und die mich von einer Brücke nahe des Fußballstadions schmeißen wollten. Hier rettete mich jedoch nicht mein Akzent, sondern nur das schnelle Laufen. Ich danke insofern meinen weißen Converse All Star Chucks herzlich. Zum Glück trug ich nicht meine schwarzen, vorne spitz zulaufenden Abends-Ausgehschuhe von Boss, die zwar schick ausschauen, aber sich als schwerschnelläufig erweisen. Es handelt sich bei diesen Schuhen nicht gerade um jene Pantoffeln des kleinen Mucks.

Der Wachmann winkte mich heran. Ein zweiter trat aus der Tür des Gebäudes heraus. Sie sprachen zu mir in Polnisch, ich hörte aufmerksam zu, und ich habe ein einnehmendes, freundliches Wesen, wenn ich nicht durch Menschendummheit gereizt werde. In diesem Falle schien mir jedoch die Phronesis angebracht – eine zuweilen angenehme Tugend, die nicht jedem gegeben ist.

Sollte „Narodowa“ auf Deutsch vielleicht Geheimgefängnis heißen und es handelte sich hier um die Bibliothek dieses Gefängnisses, damit islamistische Fundamentalisten im Geiste unseres Herrn Jesum Christum und im rechten Glauben, gleichsam bona fides, umerzogen (und vielleicht auch ein wenig ausgezogen) werden? Man weiß es nicht genau.

Das Elend des gebeutelten Photographen jedoch hat noch lange kein Ende. Als ich in jenem Stadtteil Praga Południe, der östlich der Weichsel gelegen ist, dieses Gebäude

ins photographische Bild setzte, um es für ewig zu bannen, mir nichts Böses denkend, hielt neben mir ein riesiger SUV mit verspiegelten Scheiben und es stieg ein junger Mann heraus, der Oberarme sein eigen nannte, die Oberschenkel hätten sein können. Ich will nicht in ethnische Stereotypen verfallen, aber dieser Mann besaß ausgesprochen russische oder ukrainische Züge, einen ausrasierten Schädel und einige Tätowierungen auf den Oberarmen, die ebenso Oberschenkel sein könnten. Ich war froh, daß aus dem Wagen nicht auch noch der entsprechende und zugehörige Hund heraussprang. Zum Glück sprach der Mann Englisch, so daß wir uns verständigen konnten. Er fragte, weshalb ich seine Bar photographiere. Als ich ihm in meinem amerikanisierten Englisch erzählte, wer ich sei, wirkte der Mann gleich viel freundlicher. Wir haben später einige gute Geschäfte abgeschlossen.

Ein Flaneur in Warschau

Die Japaner haben mir zum Hotel-Frühstück und vor meinen Augen den Joghurt weggefressen. Ich dachte immer, die hätten alle eine Lactose-Intoleranz. Scheint aber nicht so zu sein. Doch ganz egal – solches steht auf einem anderen Blatt. Vielmehr dies: Ich muß vorweg eine Triggerwarnung anbringen: Es kann geschehen, daß sich Frauen durch einige der folgenden Passagen dieser Assoziationen aus Warschau herabgewürdigt fühlen und in den von mir geschriebenen Zeilen eine Diskriminierung lesen. Weiterhin könnten einige der Bilder als anstößig empfunden werden. Diese Frauen bitte ich eindringlich, hier abzubrechen, nicht weiterzulesen und nicht hinzuschauen, da der Blogbetreiber für Schäden (an Leib und Psyche) im Sinne des Haftungsausschlusses nicht aufkommen kann. Andere Frauen wiederum werden diese Zeilen als Kompliment oder als was auch immer werten. Einige der Photographien sind sexistisch. Da gibt es nichts zu deuteln.

Im Jahre 1974 fand in der BRD die Fußballweltmeisterschaft statt. Bekanntlich wurde die BRD Weltmeister, und ich besaß, weil das alle Jungen hatten und ich nicht außen vorstehen wollte, ein Album, in das wir die Sammelbilder mit den Portraits der Fußballer aus den verschiedenen Nationalmannschaften einkleben konnten, nachdem wir ein Tütchen gekauft hatten, in das – von außen nicht sichtbar – ein oder zwei Bildchen gepackt waren. Obwohl ich mich für Fußball schon damals nicht die Bohne interessierte – um so mehr aber meine Schwester, die auch aktiv spielte – machte ich mit. Mein Album war am Ende gut gefüllt. Von Zeit zu Zeit blätterte ich damals darin und dabei erschrak ich zutiefst, als ich die Männer der polnischen Mannschaft sah. Kein Land besaß häßlichere Spieler als die Polen. Ja, polnische Männer sehen grauenvoll aus.

Ganz anders hingegen die polnischen Frauen: Sie sind allesamt ausgesprochen hübsch, ich besäße damals schon gerne ein Sammelalbum der FrauenfußballfrauInnenschaft Polens, und die polnischen Frauen sehen nicht nur attraktiv, sexy und gut aus, wenn sie mit ihren engen Hosen, ihren ausgesprochen kurzen Jeansshorts, ihren schlanken Beinen oder in feinen und manchmal auch vulgären Kleidern (siehe dazu das Bild meines ersten Berichts aus Warschau) durch die Straßen schlendern, sondern auch in einer kaum ausgefallenen Kleidung. Selbst Ola Rosiak gehört für polnische Verhältnisse zum Mittelfeld. BHs der Körbchengröße A werden in Polen nicht verkauft. Und noch die häßlichste Polin ist hübscher als die schönste Deutsche. Einzig lovely LL aus der BRD macht da mit ihren 45 Jahren die strahlende Ausnahme und übertrifft jede Polin, wenn man denn schon so verdinglicht und mit dem Raubtierblick vergleicht. (Es gibt von Roland Topor, glaube ich, ein Buch, das heißt „Notizen eines alten Arschlochs“) Aber lovely LL besitzt eben einen slavischen Zweig in sich – was für ein Wunder also. Das erzeugt hier in Warschau bei mir eine gewisse Melancholie, die ich nachts in Bars mit Wodka herunterspüle. Viele dieser polnischen Frauen lächeln mir auf der Straße zu und sprechen mich auf polnisch an. Sie halten mich für einen polnischen Mann. Schade, daß ich nicht verstehe, was sie sagen.

Skeptischer und mit weniger erotisch aufgeladenem Blick als der Flaneur verfolgt das Treiben auf den Straßen der Stadt die Warschauer Polizei, die überall gegenwärtig ist. Sie kontrolliert die, welche aus der Reihe fallen. Um nicht zu sehr in den Blick von Kameras und Polizei zu geraten, gibt es in Warschau die Unauffälligen, die sich nicht hinsetzen und betteln, sondern die mit einer Plastiktasche beständig umherziehen. Meist sind es Männer. Sie schauen und wühlen in den Papierkörben nach den Flaschen oder anderen noch verwertbaren Dinge; dieses Sortieren und Analysieren geht sehr schnell, dann ziehen die Unauffälligen weiter. Sie gehen nicht gehetzt und nicht zu langsam. Sie sind zwar arm gekleidet, wirken aber nicht heruntergekommen. Meist sieht man es an ihren Schuhen, die abgelaufen sind. Sie streifen auf den Spuren unseres Wohlstandsmülls, den wir hinterlassen. Diese Reste und diese für uns unnützen Dinge graben sie aus und verwerten sie weiter. Die Armut ist in Warschau, wie in vielen westlichen Städten, wenn sie nicht durch Maßnahmen draußengehalten wird, deutlich sichtbar. Was die Wohnungen betrifft, so ist das Zentrum Warschaus zwischen dem Kulturpalast, der Nowy Swiat und dem Stare Miasto mit seiner unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg rekonstruierten Altstadt nur für Menschen bewohnbar, die Geld besitzen, bzw. es entstanden dort Hotels, Hostels und die üblichen Geschäfte sowie Ketten, wie man sie in ihren Abwandlungen von Tokyo bis London findet. Sobald ich mich jedoch in die Bezirke außerhalb der Innenstadt bewege, fällt die Armut sofort ins Auge. Andererseits muß man, wie im Stadteil Praga Północ, fast froh sein, wenn Häuser heruntergekommen aussehen, denn dann sind die Mieten noch zu bezahlen. Aber das ist in Berlin nicht anders als in Warschau. Sehen die Gebäude irgendwann pastellfarben aus, kommt schnell eine Filiale der Deutschen Bank oder von einem anderen Geldinstitut hinein. (Nein, ich habe mich nicht verschrieben oder fabuliere: mindestens dreimal sah ich in  Praga Północ die Deutsche Bank.)

Ausgeprägt ist in Polen der Katholizismus. In vielen der Hinterhöfe, insbesondere in Praga, befinden sich Marienaltare oder Marienbilder, die geschmückt sind und an denen die Hausbewohner frische Blumen aufgestellt haben.

Ich müßte alle diese Aspekte mit Photographien dokumentieren. Aber es erfordert viel Zeit, ohne die entsprechenden Programme auf dem Rechner zu arbeiten. Bei 5000 Bildern, die ich hier bereits schoß, verliere ich ein wenig den Überblick, welches Photo sich wo und in welcher Kamera bzw. auf welcher SD- oder CF-Karte befindet, und ich verreise schließlich nicht für meinen Blog. Demnächst also, wenn ich wieder in Adobe Lightroom arbeiten kann, liefere ich Texte und Bilder, die zueinander passen. Sowieso will ich von der Stadt einige Photoserien zeigen, damit Leserin und Leser sich einen Eindruck verschaffen können, und so greife ich dieses Mal willkürlich einige Photographien heraus, die ich machte, weil ich in dieser komplizierten unliebsamen Weise der Recherche meines Bildmaterials und aufgrund der hohen Menge an Photographien den Spaß verloren habe.

Soviel für diesen Tag und zum Ende meiner Reise hin. Um jedoch für alle versöhnlich zu enden, so sei das letzte Bild dieser Serie ein harmonisches.

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Die andere Seite Warschaus

Ein Text aus Warschau ließe sich mit einem Gang durch die Kunst beginnen – etwa indem ich einige Gedanken über das Muzeum Narodowe (Nationalmuseum) verliere oder ein paar Zeilen über die Moderne Kunst Polens in der Nationalen Kunstgalerie Zachęta schreibe. Das ergäbe eine behagliche Reise zum Guten, Wahren und natürlich zum Schönen. Alles ist erleuchtet und ästhetisch illuminiert. Das käme dem Residenzler im Grandhotel Abgrund entgegen. Weit gefehlt. Ja, Kunst gibt es in Warschau reichlich, insbesondere im (teils noch) verfallenen Stadtteil Praga rechts von der Weichsel, der sein Image als kulturell aufstrebendes Viertel pflegt. Und auch die Deutschen als Kulturnation hinterließen in Warschau bleibenden Eindruck,weshalb die Altstadt gleich nach dem Zweiten Weltkrieg in mühevoller Arbeit und anhand alter Stiche und Gemälde rekonstruiert werden mußte. Und ebenso das Pawiak-Gefängnis zeugte von den kulturellen Leistungen der Deutschen. Heute kann man an der Stelle, wo sich dieses Gefängnis befand – es wurde von den Deutschen 1944 in feiger Voraussicht zerstört –, ein kleines Museum mit Exponaten und mit Hintergrundinformationen über das Morden von Gestapo und SD sowie über den polnischen Widerstand besichtigen.

Unabdingbar ist es ebenfalls, daß siebzig Jahre nach dem Warschauer Ghetto samt dem Jüdischen Widerstand gegen die Faschisten im April/Mai 1943 ein Museum im Bau ist, daß sich mit dem Jüdischen Leben in Polen befaßt. Das Museum der Geschichte der polnischen Juden wurde von den Finnischen Architekten Ilmari Lahdelma und Rainer Mahlamäki gestaltet, die sich gegen Daniel Libeskind durchsetzten. Es liegt gleich hinter dem Denkmal der Helden des Ghettos, also jenem Ort, an dem Willy Brandt das einzig richtige tat und was ihm die Altnazis in der CDU und auch ansonsten große Teile der Bevölkerung in der BRD samt der Springerpresse auf ewig übelnahm. Noch der widerliche Konrad Adenauer nannte Willy Brandt in denunziatorischer Absicht mit seinem ursprünglichen Namen Herbert Frahm. Als ob es sich Brandt ausgesucht hätte, einen anderen Namen annehmen zu müssen. Und es zeigte sich das wahre Gesicht des angeblich so israelfreundlichen Philosemiten Axel Springer in den Reaktionen seiner Zeitungen. Ach, diese Vergangenheit. Denn irgendwann muß doch mal Schluß sein mit der Vergangenheit und dem ewigen Darinherumbohren. Mag sein, mag nicht sein. Aber damit dieser Satz vom Schlußstrich überhaupt eine Sinn ergibt, hätte mit der Auseinandersetzung erst einmal begonnen werden müssen, und zwar nicht dreißig Jahre später – von der juristischen Seite einmal ganz zu schweigen. Daß ein Bundespräsident wie Roman Herzog den jüdischen Aufstand im Warschauer Ghetto und den Warschauer Aufstand nicht hat auseinanderhalten können, ist bezeichnend für die Prioritäten in der Deutschen Geschichte. Manchmal tut es bereits gut, wenn ein Ruck nur durch den Kopf geht, um die Hohlphrasenproduktion abzubremsen. Zudem: es sind noch genug Kasernen der Bundeswehr nach den Generälen der Wehrmacht benannt, die an den Massenmorden in Polen und auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR beteiligt war.

Man kann manches gegen die SPD der 60er, 70er Jahre und gegen Willy Brandt vorbringen, aber dieser Geste war eindringlich und die einzig richtige: „Unter der Last der jüngsten Geschichte tat ich, was Menschen tun, wenn die Worte versagen.“ Und der hatte es von seiner Biographie her am wenigsten nötig, an jenem Mahnmal niederzuknien.

Wieweit vermögen Eingedenken und historische Erinnerung stattfinden, wenn in einer Stadt wie Warschau kaum noch ein Stein auf dem anderen steht? Es ist das Dilemma: Warschau ist eine Stadt aus Blut – es gab an unzähligen Orten Stätten für Massenexekutionen, eine halbe Million Warschauer, darunter 350 000 Juden wurden ermordet. Doch nichts ist mehr sichtbar, was zugleich gut und richtig ist. Wieweit taugen Symbolisierungen und Denkmäler, wenn sich darin ein Verhalten zum Ritual ohne Reflexion verwandelt? Die Stadt ist durchzogen von Erinnerungslinien und Spuren, aber es sind keine mythologischen Traumpfade, sondern reale Geschichte geschah an den verschiedenen Orten dieser Stadt. Erinnerung ist ein komplizierter Vorgang, und es ist in diesem Prozeß eine Form von Architektur gefragt, die einerseits nichts verkitscht oder mit einem hohlen Pathos versieht, damit man sich eben nicht mehr erinnern muß, und die andererseits über das Moment des Ausdrucks Geschichte nicht gleichgültig werden läßt. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas von Peter Eisenman in Berlin oder das Jüdische Museum von Daniel Libeskind sind dafür gelungene Bespiele. Ebenso die Grenzsteine, welche an verschiedenen Positionen in Warschau, die Grenze des Ghettos markieren.

Nachtrag: Fast alle Vernichtungslager, in denen die Deutschen Roma und Sinti, Homosexuelle, Juden, politisch Mißliebige, Zeugen Jehovas ermordeten, befanden sich auf polnischem Gebiet: Belzec, Treblinka, Majdanek, Sobibor, Chelmno, Auschwitz-Birkenau.

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Reise, Reise – Warszawa

Seit fünf Uhr fünfundvierzig werden die Koffer gepackt. Dann wuchte ich dieselben ins Auto, kontrolliere zum dritten Mal die Photoausrüstung, damit nichts fehlt. Vorher will auch die Tür vom Gefrierfach noch überprüft werden, da bei einer offenen Tür das über eine Woche tauend-schmelzende, sich bakteriell zersetzende Fleisch zur Geruchsbildung neigt. Ich assoziiere den Begriff des Fleisches theologisch und substanzmetaphysisch, was für meine Fahrt ins katholische Polen sicherlich nicht die falsche Weise des Denkens ist. Ich werde während meiner verschiedenen Stationen viel des welken Fleisches vom Sohn sehen. Als Bild festgefroren, als räumliches Objekt gebannt: das gemarterte Fleisch: Corpus est. Diese angstneurotische Kontrolle der Tür zum Gefrierfach gründet sich darin, daß es mir während jeder Reise, die ich mache, plötzlich im Flugzeug oder auf der Autobahn durch den Kopf schließt: „Du hast, als du die Wurst, den Käse, die Brötchen, die Pizza, die zerteilte Exfreundin oder was auch immer einen Tag vor der Abreise in die Truhe schobst, die Tür nicht fest genug verschlossen, so daß jene saugende, flutschende Gummidichtung nicht hinreichend haftete, sondern leicht nur anbappte und sich dann unmerklich, für den flüchtigen Betrachter kaum zu registrieren, wieder löste! Und nun steht die Tür leicht offen.“ Das sich zersetzende, faulende Fleisch durch den Nachbarn samt dem gerufenen und die Tür aufhebelnden Hausmeister zu entdecken, besäße freilich weniger ernsthafte Konsequenzen, als fänden selbige die säuberlich geteilte, zunächst gefrorene, dann aber doch aufgetaute Exfreundin. Aber diesmal war die Tür zur Gefriertruhe geschlossen. Ich drückte prüfend gegen. Was aber, wenn dieser Druck …? Nein, ich mag das Grübeln nicht zu weit treiben.

Ich starte den Motor. Die Reise beginnt exakt um sieben Uhr – es darf vom Plan nicht abgewichen werden. Das Gaspedal des Wägelchens wird durchgedrückt: Schon geht es auf den Berliner Ring, in Richtung Frankfurt/Oder.

Nach einer Stunde Fahrt passiere ich die Grenze zu Polen, den Schlagbaum hoch, „Personal Jesus“ von Johnny Cash dringt aus dem CD-Spieler – wie schön und passend für Polen. Ich schalte das CD-Gerät aus und switche auf Radio Maryja, damit ich national- und kirchenideologisch gefestigt und mit dem nötigen Antisemitismus ins Land der Vorfahren reise. Aber wir Deutschen bringen diesbezüglich gute Anlagen mit, die sich mit denen der Polen trefflich ergänzen. Im Gegensatz zur polnischen Schluderigkeit machten wir Deutschen jedoch in der Bilanz keine halben Sachen. Die Autobahn in Polen ist leer, die in der BRD war voll, was mich verwundert, denn wer fährt oder transportiert etwas nach Frankfurt/Oder beziehungsweise in die noch viel tiefere östliche Provinz? Die Ödnis und die Leere polnischer Autobahnen findet ihren Grund daran, daß Maut erhoben wird, was vernünftig ist und in der BRD ebenfalls getan werden sollte – hohe Preise mindern die Nachfrage. So fahre ich in den Osten, immer ein Stück weiter, bis nach fünf Stunden die Skyline von Warschau sich abzeichnet. Warschau liegt vor mir in der Sonne,Warschau ist eine Stadt der Hochhäuser und Bürotürme, Frankfurt am Main nicht unähnlich. Die Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn beträgt 140 km/h. Abdrosseln und jetzt nur noch fünfzehn Kilometer bis zum Ziel.

Ein Navigationsgerät leistet in einer Stadt meist gute Dienste. Wenn aber die gesamte Warschauer Innenstadt rund um den Kulturpalast eine einzige Baustelle ist und aus zahlreichen Straßensperrungen besteht, hilft ein solches Gerät wenig. Die Stimme lotst mich in Straßen, welche es nicht mehr gibt oder die gesperrt sind, zudem besitzt das Zentrum von Warschau einen Schwung voll Einbahnstraßen. Daß ich am Ende trotzdem mein Hotel fand, schuldet sich meiner Kunst des Kartenlesens bzw. es grenzt an ein Wunder, denn polnische Autofahrer – die weibliche Endung benötige ich in diesem Falle nicht, weil es sich lediglich um Männer handelt – pflegen einen ausgesprochen robusten und rasanten Fahrstil. Wer eine kleine Lücke auf der linken Fahrspur nutzen will, um aufgrund eines in nächster Zeit stattfindenden Abbiegungsvorganges, die Spur wechseln möchte, der hat die Rechnung ohne den polnischen Wirt oder in diesem Falle: ohne den Autofahrers gemacht. Denn sobald der Fahrtrichtungsänderungsanzeiger aufblinkt oder nur den zaghaften Ansatz von Blinkung macht, setzt beim Polen jener erstaunliche Jagdinstinkt ein und er wittert Vorsprung. Denn genau in dem Moment, als ich ordnungsgemäß den Blinker setze, um den Wechsel anzuzeigen und während das Auto bereits sachte nach links schwenkt, beschleunigt der polnische Autofahrer mit einer solche Leidenschaft und Wucht, die an anderer Stelle womöglich fehlt. (Dazu nächstens mehr.) Steuerten die polnischen Männer zum Beginn des 2. Weltkrieges in dieser Weise ihre Panzer, flögen sie so ihre Abfangjäger, dann gelangte die Wehrmacht nicht bis Poznań, und Warschau hätte heute noch eine intakte und keine nachträglich rekonstruierte Altstadt. Was Hitler mit Polen gemacht hat, das tut der polnische Autofahrer mit den Verkehrsregeln.

Sie werden es gemerkt, gar intuitiv gewittert haben, werte Leserin und lieber Leser, daß hier im Text ein Polenbashing einsetzt: Ja es stimmt: ich bashe, Du basht, er/sie/es basht, wir bashen. Freilich existieren zahlreiche gute Gründe zum Bashen – zumindest nach dem zweiten Tag in Warschau. So haben es sich Warschauerin und Warschauer zur Aufgabe gemacht, bei einer Anrede auf Englisch in keinem Falle irgend eine Miene zum Lächeln oder auch nur zu einer Andeutung eines solche zu verziehen. Einzig die Warschauerinnen und Warschauer, welche kein Wort Englisch sprechen, lächeln höflich und herzlich, was mir freilich wenig nützt, weil ich kein Polnisch kann. Und auch die jungen Frauen bis Mitte vierzig verhalten sich ausgesprochen freundlich, lächeln ihr Literatinnen- oder Astrophysikerinnenlächeln.

Jedoch: Frauen zwischen fünfzig und sechzig Jahren stechen in Warschau durch eine ausgeprägte Unfreundlichkeit heraus. Sie zeigen keine Regung und kennen kein Erbarmen. Als ich in einer Bank nach den Modalitäten fragte, wie Euro in Zloty zu tauschen seien, erhielt ich als Antwort: „Ich habe keine Zeit, ich muß arbeiten!“ Vielleicht erhalte ich jedoch auf meine Frage, ob wir einen Kaffee trinken wollen, zur Antwort: „Am dritten Bankschalter links!“ Ich bin ziemlich der Schwiegermuttertyp und kann sehr gewinnbringend lächeln, aber in Warschau nützte es mir bei den Frauen jener Alterskohorte bisher wenig. Ob das nun an der Supermarktkasse oder in einer polnischen Garküche war, wo die Frauen mit ihren Kittelschürzen in der Küche die Wurzeln und die Kartoffeln schälten, das rustikale Essen zubereiteten und auf den Teller klatschten. Mit ihren Töchtern käme ich gut aus, mit den Müttern eher wenig. Die Kombination aus Eis und Katholizismus ist verhängnisvoll. Doch demnächst mehr. Insbesondere zu den Warschauer Frauen.

Nachtrag: Ich zeige in Photographien eigentlich keine Menschen, die um Geld betteln oder die am Rande und jenseits der Existenz stehen, weil durch eine solche Darstellung ein Bild erzeugt wird, das einen Menschen in eine Konstellation bringt, die würdelos ist. Allerdings: es ist nicht die Photographie entwürdigend, die das abbildet, sondern vielmehr eine Gesellschaft, die Bettlerinnen und Bettler zuläßt. (Zur massiven Polizeipräsenz in Warschau demnächst mehr.)

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