Eine Reise im Orientexpress. Oder Orpheus in der Unterwelt

Und nachdem ich gleich am ersten Tag in Wien im Bräunerhof, naturgemäß, die erste Stärkung zu mir nahm und abends im Café Prückel unangenehm lange auf den Kellner wartete, bis er überhaupt dazu kam, eine Bestellung aufzuschreiben, war ich dann nach 20 Minuten wieder aufgebrochen, um meinen Tafelspitz woanders zu essen. Obwohl das Café Prückel eine unnachahmlich schöne Atmosphäre hat: Tiefe Reise in die 50er Jahre, schönes, altes Design, aber alles echt, keine aufgesetzten Dekorationen, zumindest wirkt es nicht so. Immer noch spielt dieselbe Pianistin, die ich auch beim letzten Besuch sah, ihre traurig-schönes Klavierspiel. Es ist, als glitte man in eine andre, in eine angenehmere Zeit: die der 50er oder 60er Jahre. Sich wieder auf Wesentliches zu fokussieren: Konzentriert zu arbeiten. Ich dachte an die hoch kultivierten Diskussionen zwischen Arnold Gehlen und Adorno, dachte an Adornos Iphigenie- und an seinen Hölderlin- Essay, an Heideggers „Gelassenheit“ und seine Vorlesungen zu Hölderlins Dichtung: Andenken und vom freien Gebrauch des Eigenen.

Aber nicht nur das, nicht nur dieses Geistige ist Wien, Wien als Dasein-, Wien als kultivierte Lebensform, sondern auch eine Stadt, die dicht am Balkan liegt und nach der immer wieder der osmanische Orient ausgriff. Nun ist dieser Orient angekommen. Aber – List der Geschichte – auf eine andere Art als erwartet. Nicht mit dem Schwert und mit dem Schießpulver der Janitscharen, sondern mittels der Ware Arbeitskraft: Da wo sich im Vielvölkerstaat immer schon die Böhmen, die Tschechen, die Rumänen verdingten, um das schöne Wien, seit Mitte des 19. Jahrhunderts, zur Großstadt zu demolieren, wie Karl Kraus schrieb, aufzubauen: die Ringstraße als Prachtmeile zu erreichten, und da in Wien arbeiten auch heute noch die Türken, die Jugoslawen, um Werte zu schaffen, für die sie manchmal mit einem Handgeld abgegolten werden. Wer also eine so ganz andere Gesellschaft von Wien entdecken möchte, der steigt in den Orientexpress. Insofern sollte man beim Wienbesuch nicht nur im 1. oder im 3. Bezirk oder in Grinzing spazieren, sondern hinaus in die Welt. Neubau, Mariahilf, Margareten, Favoriten. Namen wie Verheißungen und fremde Wörte, rätselhaft, katholisch.

Also ab in den Orientexpress für eine gute Tour. Nein, das ist in diesem speziellen wienerischen Falle nicht der Zug, der von Paris über Wien nach Konstantinopel mit Dampf schnauft und ruckelt oder später dann im Rausch der Geschwindigkeit sich durch den Balkan schwang, sondern ganz einfach besteige man die Straßenbahnlinie 6. Ich trete an der ersten Station Burggasse/Stadthalle in die Tram ein, setze mich, schaue und fahre bis zum Zentralfriedhof, zum Haupttor 2, da wo es auch einen Friedhofsplan gibt. Denn anders als auf den Pariser Friedhöfen sind die prominenten Toten nirgends auf einem Tafelplan am Eingang verzeichnet, sondern nur im Café bei der Information findet sich ein Lageplan. Allerdings auch nur mit Groborientierung und ohne exakte Angaben. Österreichisch eben.

Viel gibt es in der Tram zu sehen. So unterschiedliche Menschen und eine Fahrt mitten durch das normale Stadtleben, abseits von Hofburg, Graben und dem herrlichen Stephansdom. Langes Laufen ist seit zwei Tage nicht möglich, da mich ausgerechnet im Urlaub eine leicht fiebrige Erkältung erwischte. Nicht schön, doch nicht zu ändern. Überhaupt sollte man eine ganz neue Form des Reisens einführen und daraus ein Geschäftsmodell machen: die des leicht fiebernden und dadurch auch wieder hochempfindlich auf Außenreize reagierenden Feriengast. Er schlendert zwar ein wenig, doch langsam nur und keine langen Strecken. Voyage moribund, könnte die Agentur heißen, anders reisen, fiebernd reisen. Jetzt plaziert sich der Gast gemächlich auf einen der Sitzlätze der Tram, möglichst einen Einzelplatz belegend, um vom Sitznachbarn nicht weiter behelligt zu werden  oder sich gar noch schlimmer anzustecken mit seltsamem und exotischem Fieber. Ruhe und die nur leichten Reize der Außenwelt sind bekömmlich. Hier aber, in der Linie 6, reizt die Außenwelt pausenlos. Laut ist es, hektisch sind die Menschen, die zusteigen und nach ein paar Stationen wieder aussteigen, gut gefüllte Wagons auch am Vormittag. Ein Heer an Kopftüchern, Menschen vom Balkan, Menschen von der Levante, babylonisch das Gewirr der Sprachen, vielleicht aber sprechen alle auch dieselbe Sprache, ich kann es schließlich nicht beurteilen, weil ich ihre Sprechen nicht verstehe. Es ist seltsam, in der Fremde noch einmal in der Fremde zu sein.

Ähnliches passiert einem, wenn man über den Brunnenmarkt im 16, Bezirk in Ottakring streift. Für den Touristen, der irgendwann wieder abreisen wird, ist das eine reizvolle Atmosphäre. Dann auf dem Yppenmarkt allerdings sticht als kleiner Höhepunkt das Fachgeschäft von Staud’s mit seinen feinen Konfitüren und anderen Spezereien heraus. Für jeden Kranken ist Wien eine gute Stadt. Man setzt sich einfach in irgendeine Straßenbahn, von denen es in Wien zahlreiche gibt, und fährt endlos von der Anfangs- zur Endhaltestelle. Zum Beispiel mit der 38 nach Grinzig, mit der D, sozusagen der Tourismuslinie, von Hauptbahnhof Ost, ganz transsilvanisch-galizisch-osmanisch-k.u.k.-mäßig, über den Ring und die Touristenszenerien – Schloß Belvedere, Kärntner Ring/Oper, Parlament, Burgtheater, Rathaus, Schottentor, Börse – bis nach Nußdorf, oder mit der 5 vom Hauptbahnhof zum Praterstern. Besser und vor allem schneller als in einer solchen Tour kann man Wien kaum entdecken. Immer mal wieder vorbei am dunklen Gemeindebau, immer mal vorbei an herrlicher Pracht.

Aber weiter geht die Reise in der Linie 6. Rumpelnd auf den Gleisen, quietschend die Tram, gedrängt die Menschen. Trüb hängen noch die Wolken im Vormittags-Himmel. Die Stadt wirkt in diesen Vierteln weitab vom Ring grau, doch nicht unsympathisch und die Stimmung in der Bahn ist zwar immer irgendwie zwischen bewegt und hektisch, aber doch gelassen. Einige Stationen nach dem Reumannplatz, spätestens an der Geiselbergstraße aber ändert sich das Publikum, wird gediegener, wie’s alte Wien. Am Enkeplatz steigen die Touristen hinzu, die auf den Wiener Zentralfriedhof wollen – viele fahren aber lieber klassischen mit der 71er –, um die Gräber der vergangenen Großen und auch der normalen Leute, die dort liegen, zu schauen.

Das riesige Areal, die Toten. Und es ist dort noch immer viel ungenutzte Grabfläche, so daß wohl die ganze Bevölkerung Wiens auf diesem Friedhof ihren Platz und ihre letzte Ruhe fände. Und all die Gräber der Berühmten: Ich spaziere zunächst einmal zu Karl Kraus, dicht beim jüdischen Friedhof, aber doch nicht direkt bei den Juden begraben, denn schließlich ließ er sich taufen, ging zu den Katholischen. Nicht weit entfernt Adolf Loos, sein Taufpate und Freund, weiter dann quer über den Friedhof zu dem Arealen wo Falco und Udo Jürgens liegen. In dessen Umfeld entdecke ich zu meiner Freude eine Menge Prominenz: Franz West, der gerade eine große Werkschau im Centre Pompidou hatte, Gert Jonke, Ernst Jandl, Franz Werfel, gestorben zwar im Exil in Beverly Hills, doch begraben auf dem Zentralfriedhof zu Wien. Friedhöfe sind Traumorte. Wir phantasieren uns in die Zeit zurück.

Besonders mag ich die Gräber an der Mauer, denn ich denke mir immer wieder, daß von hier aus die Toten sehr viel leichter vom Friedhof wieder flüchten und sich wieder unter die Lebenden mischen könnten. Sie grüben sich unter der Mauer ihren Weg zur Außenwelt und verließen den Bannkreis.

Aber was eigentlich fasziniert uns an den Gräber der Literaten, der Maler, der Philosophen? Die Endlichkeit des menschlichen Denkens und Tuns, selbst der großen Geister, und die damit verbundene Unendlichkeit, die sich als Spur im Gang des Geistes ablagert, Schicht auf Schicht, die Konkretisierung des menschlichen Geistes, der sich in den Werken sedimentiert. Und dazu unser Blick aufs Vergängliche. Wir, die wir noch leben und all dies betrachten und bedenken können. Die, die Großes schufen und nun fort sind. Was wiederum an die eigene Endlichkeit gemahnt. Als das Kind noch ein Kind war, dachte es, daß es unsterblich sei – oder zumindest war der eigene Tod noch keine Option des Daseins. (Obwohl auch das nicht für jene Kinder stimmt, die früh schon mit dem Tod konfrontiert waren.) Von dem meisten Menschen bleibt nicht viel mehr als die Erinnerung, und auch die erstirbt, wenn der letzte Mensch nicht mehr ist, der sich an den Freund oder den Angehörigen zu erinnern vermag. Anders beim Künstler, beim Philosophen: Manches Kunstwerk, manche Philosophie gerät zwar im Lauf der Geschichte in die Vergessenheit und wird erst später wieder diesem Zeitschlund entrissen, anderes aber bleibt, zumindest für den einen oder den anderen, untilgbar, wie etwa die wunderbar-witzigen und manchmal auch melancholischen Gedichte von Jandl. Aber wer weiß schon, wie lange, wenn auch dieses Gedächtnis verlischt. Auch der Kanon von Kunst und von Philosophie unterliegt dem Wandel.

„Meine Wanderungen auf dem Friedhof zwischen den Gräbern von Menschen, mit deren erloschenen Leben mich nichts verband, konnten Hinterbliebenen wohl seltsam erscheinen, vielleicht sogar anstößig. Ich machte mich davon und hob mir die letzte Aufnahme des Films für eine andere Gelegenheit auf.“ (Esther Kinksy, Hain)

Und es fasziniert an Friedhöfen dieser letzte Rest von Leben und Existenz, den das Grab stiftet. In Gestalt einer Form, die da über dem Grab als Stein stumm (oder manchmal auch bunt und beredt) und als letztes Zeugnis in der Erde ragt, darauf zuweilen, besonders in südlichen Ländern Europas üblich, im Stein, eine Photographie eingearbeitet ist, wie auf jenen drei Photographien der Bildserie. Verblasst ist das Dasein, es verging die Erinnerung an jene zwei Menschen nebeneinander, die lange schon nicht mehr sind; es verging die Erinnerung, weil womöglich keiner mehr ist, der sich noch an diese beiden Menschen ohne Namen erinnert. Aber noch im Tod, im Bild sind sie als Paar fixiert. Trotzdem ist nicht einmal mehr die Spur des Namens geblieben. Die Inschrift auf dem Stein verlosch und ist nun fort. Der Stein mit dem Bild steht da still in der Erde. Ich betrachte ihn mir lange. Und kaum einer weiß mehr, wer diese zwei Menschen waren und welches Leben sie erfüllte. Friedhöfe sind Orte der Spekulation und des Absoluten. Losgelöstes.

Friedhöfe sind Orte, wo Hegelianer geboren werden.

Zur Buchmesse 2018

„Denn Bleiben ist nirgends (…) Aber weil Hiersein viel ist, und weil uns scheinbar alles das Hiesige braucht, dieses Schwindende, das seltsam uns angeht. Uns, die Schwindendsten.“

Aus der Rubrik: „Rilke zur Buchmemesse“ für Hierbleiber.

Eine sehr großartige Idee setzte die SZ um, und zwar unter dem Titel „Schweigeblockade“, ein Dramolett.

„Warum sind Sie nicht Autorin und Autor geworden? Ein denkbares Gespräch mit Irene Gerbeldinger und Hans-Joachim Parzmann über die Kunst des Nicht-Schreibens.

Alljährlich werden zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse Autorinnen und Autoren befragt, wie es sich so lebt als Schriftsteller: Schreibblockaden, Einsamkeit beim Schreiben?“

Dabei wurden jene beiden genannten Personen befrage, und zwar als ebenso passionierte wie auch völlig unbekannte Nichtschreiber. Eine saukomisch-gute Idee von der SZ – auch im Hinblick auf dauerjammernde Prekariatsschriftsteller_*Innen, die ihre Geldsorgen, ihren Mangel an „Verdienst“ nicht müde werden in der Öffentlichkeit ostentativ zur Schau zu stellen und Menschen mit Themen belästigen, die nur wenige interessieren: Zumindest die nicht, die an der Literatur interessiert sind und nicht an den Existenzproblemen ihnen ansonsten Unbekannter. Ja, das Leben ist hart. Nicht nur für Schriftsteller übrigens, die ihre Leidenschaft zum Beruf machen. Prekariatsschriftsteller und Journalisten der Berliner Blasenwelt: Nehmt Euch ein Beispiel an Frau Gerbeldinger und Herrn Parzmann, wenn’s beim Schreiben nicht zum Überleben reicht.

Wien – Heldenplatz, im Sonnenherbst

„Selfie-Schlampe“ zischte er scharf an ihrem Ohr vorbei, nachdem sie mit dem Telephon am Stock auf sich selbst die Linse richtete und keck posierte. Nur für sich, nur für den Instagram-Account oder einfach für ihren geliebten Freund, der woanders weilte. Das war vor der Wiener Hofburg, Heldenplatz, Platz der großen Verkündung. Sie schaute nicht zu ihm hin, sie verstand ihn womöglich, diesen böse Zischelnden nicht, lachte in ihr Telephon, griente, schob ihren schmalen Oberkörper nach vorne, während er nuschelnd an ihr vorbei stampfte. Auch im Zentrum der Stadt brechen sich die Bilder. Nun ist die Hofburg und die heutige Nationalbibliothek als Hintergrund durchaus eine imposante Kulisse für eine schöne Photographie mit sich selbst, mit einer schönen jungen Frau und dem habsburgischen alten Österreich als flamboyantem Hintergrund. Vor allem aber ist dieser Platz im frühen Herbst ein von Touristen begehrter Ort. Diese Weite, der Blick auf die Hofburg, und ferne das Rathaus und das Parlament, das sich im Umbau befindet – also nicht metaphorisch genommen, sondern real von den Werktätigen, den Bauarbeitern der Republik Österreich. Ganz Wien, so scheint es, ist an diesem sonnigen 27. September auf den Beinen. Doch Thomas Braschs Der schöne 27. September scheinen sie alle nicht gelesen zu haben, einfach bei sich zu bleiben:

Ich habe keine Zeitung gelesen.
Ich habe keiner Frau nachgesehn.
Ich habe den Briefkasten nicht geöffnet.
Ich habe keinem einen guten Tag gewünscht.
Ich habe nicht in den Spiegel gesehn.
Ich habe mit keinem über alte Zeiten gesprochen und
mit keinem über neue Zeiten.
Ich habe nicht über mich nachgedacht.
Ich habe keine Zeile geschrieben.
Ich habe keinen Stein ins Rollen gebracht.

Wunderbar aus dem Leben gefallen sind diese Zeilen, ist diese absolute, sich in sich versenkende Ruhe. Das reine Nichtstun, intentionsloses Dasein. (Vielleicht im Falle Braschs noch mit einer Flasche Schnaps.) Hier jedoch in der Weite Wiens tummelt und treibt das Volk und Menschen aus aller Herren Länder strömen in die österreichische Hauptstadt, um zu schauen, zu spazieren oder einem City-Guide, der ein buntes Stöckchen oder einen Schirm in die Höhe, über seinem Kopf schwingt, zu folgen. Touristen lauschen, was es zu sehen gibt. Voll, ja sogar überfüllt ist es hier wie auch anderswo in der Stadt – egal ob Graben, Kärntner Straße, Stephansdom. Sehr viel mehr Menschen als im Sommer treibt es im frühen Herbst nach Wien. Es ist also nichts mit dem melancholischen Wien im Herbst und im Volksgarten den Theseustempel anschauen.

Dann jedoch der erste Oktober, das war ein regnerischer Tag. Und sobald es nieselt, leeren sich die Straßen der Stadt. Noch in den späten Nachmittag, den frühen Abend hinein zogen die Wolken am Himmel, und immer der Wind dazu, der durch Wien weht. Wien ist von seiner Lage her eine Windstadt.

Volksgarten, 18 Uhr, kurz bevor es dämmert, im Park ist es leer. Da könnte man aus dieser Menschenleere ein Rilke-Gedicht zaubern. Lediglich ein Rabe mit trüber Schwinge trudelt vorbei, ganz in der Ferne nur kreisen Japaner. Versprengt, einzeln, unermüdlich. So in dieser Art eben.

Mit der melancholischen Alkoholisierung zum Abend muß ich bei einer Erkältungskrankeit vorsichtig sein, es spaziert sich, derart mittels einigen Gläsern Gemischtem Satz die Sinne aufgesteigert, bei Krankheit nur bedingt gut durch Wien. (Der scharfe Wind griff nach den Bronchien.) Ich etabliere also eine neue Art des Reisens: Malade Voyage – Agentur Molière-Reisen. Der fiebernde Ästhetizist, der sich von seinen Wahrnehmungen gerne überreizen läßt, in einem zwar nicht besorgniserregenden, aber doch in einem leidlich angeschlagenen Zustand, in dem es die Dinge und die Straßenszenen leicht entrückt wirken läßt, taumelt durch Wien; durch diese alte, die schöne, die häßliche Stadt mit ihren seltsamen Gemeindebau-Häusern in Gürtellage. Von der Gumpendorfer Straße zum Mariahilfer Gürtel, zum Neubaugürtel, zum Lerchenfelder Gürtel. Oder die andere Seite hin, zum Margaretengürtel: die Ringstraße des Proletariats, bis heute hin und auch wie damals ethnisch gemischt. Sowieso ist in Wien, wenn man nicht gerade in Grinzing oder im 1. Bezirk, Innere Stadt weilt, immer noch die ehemalige Hauptstadt des Vielvölkerstaates. Man kann das in Georg Kreislers wunderbarer Telefonbuchpolka nachhören – nur das da noch die türkischen Namen fehlen, aber angefüllt ist sie mit slawischen: -drak, -tschil, -witc.

Ich sitze gern im Wirtshaus
Am wirtshäuslichen Herd
Dort sitz ich wie bei mir z’Haus
Und werde nicht gestert
Der Wein wird schen älter
In meine Kehle fällter
Der Kalterer wird kälter
So wie es sich gehert
Ich les nicht in Journalen
Ich red mit kaner Frau –
Für die mißt ich noch zahlen
Dazu bin ich zu schlau
Wenn ich Inspiration such
Gesellschaftsliaison such
Les ich das Telefonbuch
Dort find ich das genau –
Alle meine Freind stehn drin
Und zwar auf Seite „Vau“:

Vondrak, Vortel, Viplaschil
Voytech, Vozzek, Vimladil
Viora, Vrabel, Vrtilek
Viglasch, Vrazzeck, Vichnalek
Vregga, Vrba, Vikodill
Vrablic, Vutzemm, Viskocil
Vochedecka, Vuggelic
Vrtatko, Vukasinowitc
Vorrak, Vondru, Vorlicek
Voralek, Vosmik, Vorlik, Vrba, Vrtl
Vodrupa, Vozenilek
Vrinis, Vostarek
Vrtala und Viplacil
Vrzala und Vistlacil
Vouk, Vudipka, Vicesal
Vrazdil, Vrana, Vimmedall
Vrbizki, Vrbezki, Vranek

Vom inneren zum äußeren Ring schlendert man zum Beispiel über die Mariahilfer Straße und all die Seitenstraßen, schön mäandernd, um dort in den Gassen all die kleinen Gewerbegeschäfte sich zu betrachten. Eine Fülle von Einzelhandel und Kleingewerbe gibt es da zwischen dem 6. Bezirk Mariahilf und dem 7. Gemeindebezirk Neubau – völlig anders als in Paris inzwischen oder auch in Berlin, wo hohe Gewerbemieten die kleinen Händler verdrängt haben. In Wien ist das anders. Auch der Gemeindebau ragt da mitten in der Stadt, die Gebäude meist grau, dunkelgrün, mit abweisendem erd- und ockerfarbener Verputz oft. Die habsburger Barockschönheit ist weit, weit weg, es sind keine Paläste, aber es ist Wohnraum. Man kann sich über dieses Konzept von Wohnen und von Lebensform streiten und doch es ist günstig, jeder hat die Möglichkeit nahe am Zentrum zu wohnen und für jeden erschwinglich, was eine interessante soziale Mischung erzeugt. Vor allem aber stimmt die Mischung aus Geschäften und Wohnen. Man sieht kaum  Ladenketten, keine schrecklichen Starbucks und – welche Ironie im Namen – Balzac Coffee Company. Honoré de Balzac hätte über solche Verdrehung des Sinns einen brutal-guten Roman geschrieben. Im Geiste der sozialen Beobachtung registrierte Balzac, was vor sich geht.

Aber den kranken Ästhetizisten interessiert die soziale Lage nicht. Er nimmt seine Nikon-Kamera und streift durch die Stadt. Mit taumelnden Schritten übers Wiener Pflaster. Aus dem kranken Nichts die Texte im Kopf und die Bilder generieren. Malade Voyage – Agentur Molière-Reisen. Buchen Sie jetzt!

 

Die Schwarzen Hefte von Wien

Im Gasthaus Wild am Radetzkyplaz speist und trinkt es sich, wenn ich in der Stadt bin, jedes Mal aufs neue angenehmen. Ich komme bei jedem Wienbesuch mindestens einmal in dieses feine Wirtshaus. Eigentlich sogar zweimal, nämlich zur Ankunft und zum Abschiedsessen. Vortrefflich lassen sich dort auch Notizen machen, zum Beispiel für meinen Text zur Monet-Ausstellung.

Allerdings: ich bin kein Reise-Essayist. Ich schreibe nicht gerne während des Reisens, sondern ich beobachte, sauge die Bilder ein, manchmal fallen mir kleine Geschichten dazu ein, die ich jedoch schnell wieder vergesse – ich bräuchte ein Diktiergerät – ich photographiere lieber, halte eine Stimmung oder eine Szene fest, baue an Photoserien. Und auch von Ausstellungen zu berichten, die bereits vorüber sind, ist ganz unsinnig, weil keiner sie mehr sehen kann. Dennoch werde ich von der Open Air-Photoausstellung in Baden schreiben – Thema Afrika, mit vielfältigen Perspektiven. Alles umsonst und draußen zu sehen, leider nur noch bis zum 28.9.Der Bericht folgt allerdings erst in Berlin, wie auch der zur Monet-Ausstellung – sofern mich nicht die Lust verläßt. Ansonsten werden hier in Wien die Notizen und Stichworte in besagtes schwarzes Heft eingetragen, um dann in der Heimat einen schönen Text übers Fremde zu machen.

Ich schreibe auf Reisen nicht gerne, weil ich damit beschäftigt bin, all die Bilder im Kopf zu ordnen. Die Sprache tritt dann erst in der Ruhe des heimischen Schreibtisches hinzu. Auf Reisen ist in mir eine wunderbar zu nennende, fast zenbuddhistische Sprach-Leere.

Die Tonspur zu Wien

Seltsame Koinzidenz: in der Gasse hier in Wien, wo mein Hotel scheu sich versteckt, begegne ich einem Postboten, er hüpft wieselflink aus dem Lieferwagen – ’seinem‘ mag man kaum schreiben und es ist zu hoffen, daß es nicht der seine ist, sonst wäre der Mann nämlich selbständig beschäftigt, aber das ist ein anderes Thema – und was soll ich sagen: ich betrachte den Boten und er schaut genau so aus wie der Bote in Berlin, der mir meine Pakete bringt. Seltsam. Ich sollte nach Wien ziehen, ein Zeichen.

Wer am ersten Tag nach Wien kommt, der geht – naturgemäß – in den Bräunerhof und ißt dort ein Gulasch.

Nun bin ich also hier.

Kunstschönes Wien, im abgezirkelten Bereich

Herrlich ist es, den Tag über am Schreibtisch zu sitzen und zu studieren, über den Texten der deutschen Romantik, über Hegel zu brüten und überm Natur- und Kunstschönen sich die Zeit anzuregen. Weit ab eigentlich von aller Politik des Tagesgeschehens.

„… in meiner unüberwindlichen Abneigung dagegen, mich in irgend einer Form zu ›organisieren‹, und dem jugendlichen Entschluß, niemals einem Verein o.ä. beizutreten.“ (Hans Blumenberg an Hans-Georg Gadamer, 10. März 1960, DLA Marbach)

(Mit Dank an Joe Paul Kroll für dieses Fundstück bei Twitter https://twitter.com/JoePKroll/status/958658165268189184)

Sich verzetteln, sich am Schreibtisch oder im Erzählen auszubreiten: In den Nachtwachen des Bonaventura (tatsächlich geschrieben von August Klingemann) heißt es:

„Was gäbe ich doch darum, so recht zusammenhängend und schlechtweg erzählen zu können, wie andre ehrliche protestantische Dichter und Zeitschriftsteller die groß und herrlich dabei werden, und für ihre goldenen Ideen goldene Realitäten eintauschen. Mir ists nun einmal nicht gegeben, …“

Aber auch die Kritik des Zeitgeists finden wir in diesen herrlichen Nachtwachen – ein sowieso bezeichnender Titel, da die Nacht nicht nur die Metapher fürs Finstere und den Schlaf der Vernunft ist, sondern ein Wächter sich zugleich als Instanz des Hüters auftritt, in diesem Falle auch als Kritiker und das Denken kann besonders dann aktiv sein, wenn all die Stimmen des Alltags zur Ruhe gekommen sind. Das geschieht meist in der Nacht. Denken setzt exzentrische Positionen voraus, es heißt sich auszusetzen – auch der Philosoph Martin Heidegger wußte von dieser Ekstase oder genauer Exstase. In diesen Nachtwachen schreibt der Erzähler dieser lose aneinandergefügten Geschichten, sein Name ist Kreuzgang:

„Die Alten backten, wie jener Prometheus dort im Winkel, ihre Menschen zwar auch aus Thon, aber sie schufen den Sonnenfunken mit hinein; – wir spielen mit dem Feuer nicht gern, aus Furcht vor Gefahr, und lassen deshalb den Funken weg; – ja es giebt jetzt sogar eine allgemeine Feuerpolizei – eine Zensur und Rezensur – die schnell genug jedwede Flamme, die emporlodern will, erstickt. So kann denn der Sonnenfunken bei uns nicht aufkommen.“

Diese Form von Kulturkritik, als Hadern mir der Gegenwart, schon in Schillers Die Räuber als Ekel vor dem tintenklecksenden Säkulum gefaßt, ist also gar nicht so neu. Die „Nachtwachen“ sind nicht nur ein Glanzstück in Nihilismus – dieser unheimlichste aller Gäste, wie Nietzsche in seinen Fragmenten schrieb –, sondern sie explizieren in diesem Falle diesen Nihilismus zugleich als Verlust der Form des Erzählens, um diese Erfahrung von Verlust sodann im Erzählen selbst darzustellen, mithin also ein metapoetisches Verfahren und autoreflexiv. Im Falle des Klingemann, der es vorzog unter dem Pseudonym des Bonaventura zu schreiben, zudem noch als Spiel mit dem Namen. Erzählt wird in Fragmenten und es ist viel Unheimliches dabei. Ein lesenswerter Text aus dem Jahre 1805. Wien dagegen, zu jener Zeit, so sagt man, war eher die Stadt der Musik, des Klingens und Tönens, und weniger der Literatur – immerhin bezogen die Gebrüder Schlegel in Wien eine Zeit lang Quartier, insbesondere August Wilhelm Schlegels  Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur 1808 zogen Kreise, ebenso Friedrich Schlegels Vorlesungen von 1812 über die Geschichte der alten und neuen Literatur. Der dort anwesende Joseph von Eichendorff schrieb über dieses Ereignis:

„Die erste Vorlesung Schlegels (Geschichte der Literatur, 12 Gulden Einlösscheine das Billet) im Tanzsaale des römischen Kaisers. Schlegel, ganz schwarz in Schuhen auf einer Erhöhung hinter einem Tischchen lesend. Mit wohlriechendem Holz geheizt. Großes Publikum. Vorn Kreis von Damen, Fürstin Liechtenstein mit ihren Prinzessinnen, Lichnowsky, etc. 29 Fürsten. Unten großes Gedränge von Equipagen, wie auf einem Ball. Sehr brillant.“ (zit, nach Ernst Behler bzw. Wikipedia)

Demnächst also, bald könnte man sagen, geht es nach Wien. Und als Vorgeschmack sollen dem geneigten Publikum einige Photographien aus dem Jahre 2015 geliefert werden. (Ich hoffe, meine Photo-Buchhaltung bzw. die Markierung der Photographien als „gesendet“ ist nicht allzu arg durcheinander, so daß es keine Doppelungen gibt.)

 

Zur Lyrik Celans und zu einer Lesart des Kitschs

Paul Celans Gedichte gibt es nun bei Suhrkamp in einer neuen einbändigen und kommentierten Gesamtausgabe. Dietmar Dath nahm dies zum Anlaß für eine Sichtung und verweist bezüglich der Lyrik Celans auf den Begriff des Kitsches, der in der einen oder anderen Zeile seiner Texte mitschwingt – wobei man sich über diese Diagnose mit Fug und Recht streiten kann, denn genauso könnte man den seit einiger Zeit verlorengegangenen Begriff des Pathos hier einsetzen. Aber wenn man Derridas These genauer betrachtet, sie für sich nimmt und durchdenkt, scheint sie mir ästhetisch interessant. Dath schreibt in der FAZ:

„Celan hat nicht nur Kunst, sondern auch Kitsch geschrieben. Nicht immer, nicht oft, aber wohl unvermeidlicherweise: Kitsch war hier Kollateralschaden der Unmöglichkeit, den angestrebten hohen Ton zu treffen, der nötig ist, um das magische Denken der Vorzeit ins poetische Spiel der Neuzeit zu retten, wenn das denn in einer Sprache geschehen soll, die man zuerst aus ihrem Alltag lösen muss, weil in diesem das, was die Neuzeit von der Vorzeit unterscheiden soll, die Vernunft, geschändet wurde wie in keiner anderen: In dieser Sprache hat man Verbrechen gerechtfertigt, befohlen, koordiniert, die jeden Gedanken von Vernunftgeschichte, von Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit, der Wahrheitsfindung und Kunsterziehung in ihren blutigen Dreck treten.

Kitsch entsteht in den Künsten immer dann, wenn ein Kunstwerk ein grundsätzliches ästhetisches Problem hat, es aber nicht lösen kann oder will. Kitsch ist die Sahne, die Leute ins Essen schütten, die nicht kochen können, aber glauben, sie könnten den Geschmack mit Hilfe der Sahne darüber betrügen. Celans Kitsch geschieht ihm, wo er Angst hat, die Worte könnten ihm anbrennen, wo sie den größten vorstellbaren Horror sagen sollen. Damit ist Celans Kitsch ein neuer, kein traditioneller. Denn im traditionellen Kitsch wird Stimmung gemacht oder eine pathetische Rechtgläubigkeit beschworen, es gibt in diesem Bannkreis künstlerischer Dummheit sentimentalen, patriotischen, religiösen Kitsch und so fort. Sie alle rühren einen Affekt in die Kunst, der von einer Armut, einem ungelösten Verhältnis zwischen Stoff, Thema und Form ablenken soll. Bei Celan ist der Kitsch aber weder Stimmung noch Gesinnung, sondern eine Qual, die sich der Lyriker nicht ersparen kann, weil er zu klug ist, zu glauben, was der Modernismus vor Hitler geglaubt hatte: dass das Hermetische und Esoterische an sich eine unfehlbare Versicherung der Kunst gegen Kitsch sei.“

Daths Celan-Kritik im Hinblick auf den Kitsch ist interessant, denn er liefert hier eine erweiterte und ästhetisch durchaus relevante Bestimmung für einen Begriff, der in der Kunst der Spätmoderne, besonders seit den 1980er Jahren oft pejorativ oder aber affirmativ und mit ironischem Augenzwinkern gebraucht wird, was wiederum eine Entschärfung des Kitschs als provokante Macht bedeutet, sobald sich solche ‚Subversion‘ institutionalisiert. Denn die höheren Weihen, die im Akt der Affirmation oder der Ironisierung dem Kitsch (auch als Camp) verliehen werden, zeigen am Ende nur das Maß des Gewöhnlichen am Kitsch. Jegliche Innovation geht verloren, sobald es sich um ein eingespieltes System handelt. Eine für Adorno seltsam milde Bestimmung des Kitschs übrigens – dies nur am Rande – findet sich in den Minima Moralia:

„Am Ende ist die Empörung über den Kitsch die Wut darüber, daß er schamlos im Glück der Nachahmung schwelgt, die mittlerweile vom Tabu ereilt ward, während die Kraft der Kunstwerke geheim stets noch von Nachahmung gespeist wird.“

Anders hingegen die Erläuterung, die Darth im Hinblick auf Celan liefert. Mit dieser begrifflichen Problematisierung wird zugleich – und darin ist Daths Kritik dialektisch – ein grundsätzliches ästhetisches Problem avisiert, nämlich dasjenige, was unter der Rubrik „Schreiben nach Auschwitz“ terminiert – man denke hier auch an Adornos (dialektisches) Diktum über Dichtung nach Auschwitz, die unmöglich ward – die komplexen Überlegungen, die in diesem Satz stecken, will ich hier nicht thematisieren, sie ergäbeneinen ganz eigenen Text über die Frage der Leiderfahrung und deren Darstellung. Dath macht diese Frage nach der ästhetischen Form an dem stets heiklen Begriff des Kitsches fest. Das ist insofern interessant, weil hier der Begriff des Kitschs auf ein Krisenphänomen weist, das sich auch in der Kompositionshaltung des Künstlers, in seinem Ringen ums gelungene Wort sedimentiert.

Das eben berührt zugleich die zentrale Frage, wie Kunst vom Grauen und vom Schrecken handeln bzw. schreiben kann, ohne diese in der ästhetischen Form entweder zu entschärfen oder aber im Kitsch und im Kunstgewerblichen zu ästhetisieren oder schlicht zu banalisieren. Kitsch und Kunstgewerbe oft nahe beieinander, das zeigen in unterschiedlicher Ausprägung manche der Zeilen von Rilke, handwerklich schön gedrechselt, aber teils zu schön, um noch den düsteren Schlund, der der Moderne ebenfalls eignet, noch zu fassen, und manche der Werke von Jeff Koons. Für die Zeit nach dem Grauen von Auschwitz und Hiroshima lieferte Celan den teils hermetischen, teils offen zu lesenden Lyrik-Text.

Ein jeder Engel ist schrecklich – in den Duineser Elegien brachte Rilke diese Erfahrung zwischen Daseinsexzeß, lyrischer Meditation auf die Bedingungen solchen Menschseins, schwarzer Metaphysik, schwindelfrei, und dem stummen Dasein der Dinge wunderbar ins Gedicht. Pathos aber kein Kitsch. Sprechen, dichten, schreiben auf der Grenze zum Sagbaren – auf der freilich die Lyrik meist sich bewegt, um es in anderem Modus als dem bloß Diskursiven zu sagen und vor allem: zu singen. Celans Lyrik antwortet auf jene Elegie. Oft in doppelbödigen Bildern. Man denke an sein Gedicht Cello-Einsatz. Es kann dies als der sing- oder musizierbare Rest gelesen werden, wo keine Sprache mehr heranreicht, weil sich Ausdruck in reinen Klang verwandelt und die Lyrik wieder in die Lyra, in das Spiel der Töne übergeht – nicht unbedingt im Sinne des Schönen, des Fast-zu-schönen. Aber man kann diesen Celloeinsatz ebenso als die Begleitmusik nehmen, die aufspielt, wenn es dem Lagerkommandanten nach Gemüt und deutscher Tonart zumute ist.

In diesem dialektisch-dichterischen Sinne scheinen mir Daths Überlegungen zu Celan interessant und sie öffnen einen neue, eine andere Dimension im Blick auf Celans Werk und überhaupt auf die ästhetische Kategorie des Kitsches.

 

Bildquelle: Wikipedia, von: http://www.oliverwieters.de/artikel-73.html