Imaginieren ist alles – Michael Angele „Frank Schirrmacher. Ein Portrait“

An den Ufern des Mains herrschte, um die Mitte der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts, ein Roßhändler, namens Frank Schirrmacher, Sohn eines Ministerialbeamten, einer der rechtschaffensten und zugleich entsetzlichsten Menschen seiner Zeit. – Dieser außerordentliche Mann würde, bis zu seinem Ende für das Muster eines guten Blattmachers haben gelten können. Sein Umgang mit Kollegen freilich ließ oft zu wünschen übrig, selbst als selbiges in seligen Zeitungszeiten noch geholfen hatte, und es waren diese Fehltritte oft zu bemängeln und zuweilen schäbig zu nennen. Zugleich aber trugen den Genius auf Adlers Schwingen oft Ideen, Launen und Einfälle mal kapriziös mal mit Furor empor in elysisches Gefilde. Keinen Gott und keine Obrigkeit fürchtete er. Eine zwieschlächtige Gestalt.

Nein, angenehm berührt bin ich nach der Lektüre von Michael Angeles Buch von diesem Typus Feuilletonist nicht, und ich kann mir nicht vorstellen, daß es in irgendeiner Form erquicklich sei, „unter Schirrmacher gedient zu haben“, wie es Don Alphonso schrieb. Aber jeder macht seine eigenen Erfahrungen. Das Bild über einen Menschen setzt sich am Ende aus den Facetten und Perspektiven zusammen, die der Chronist zusammenträgt. Ich bin zwar einerseits, nachdem ich die ersten 20 Seiten von Angeles Portrait las, ganz froh, kein Kulturjournalist zu sein, sondern als Kulturblogger arbeiten zu dürfen und gelegentlich für den Freitag zu schreiben, ansonsten aber nicht weiter involviert zu sein – ein Feuilletonchef, der vor der Tür eines mißliebigen Kollegen im Vorbeigehen immer wieder Kotzgeräusche macht, weckt kaum Sympathie. Aber die Neugier auf Klatsch und Tratsch überwog doch den moralisierenden Vorbehalt. Nicht nur Kulturblogger sind Voyeure, und süffisante Berichte aus dem Innenleben des Feuilleton-Betriebs zu erhaschen, macht Spaß, zumal wenn es wenig kostet, schon gar nicht die Nerven eines geopferten Lebens. Solange man eben auf dieser Wurstsuppe nicht mitschwimmen muß.

Imaginieren ist alles, denke ich mir, sich als Lauscher in der Feuilleton-Redaktion Frankfurt-Main mit dazugesellen – freilich ohne die Mühen der Ebene und ohne das arbeitsame Dabeisein, ohne den schirrmacherschen Anranzer. Da lausche und lese ich neugierig, wie schon bei Fritz J. Raddatzʼ brillant-witzigen Tagebüchern oder seiner Autobiographie, vielleicht nicht gar so garstig wie Truman Capote, was die böse Anekdote und den süffisanten Klatsch betrifft, aber doch ein brennender, inspirierender Geist. Raddatz reizt und hat diesen Esprit, den ich bei Schirrmacher vermisse. Raddatz besaß jenen Stil des Großbürgers – von der Kleidung und vom Habitus angefangen: die Art, wie er Zigaretten hielt –, den ich bei Schirrmacher nicht wahrnehme. Wollte man sich beide als Autohändler vorstellen, so verkaufte Schirrmacher Opel Rekord B und Raddatz die Sportwagen von Alfa Romeo. Beide spielten Rollen, waren Schauspieler von bestimmten Charakteren, aber Raddatz füllte sie bei weitem besser aus, während Schirrmacher ein Mann aus dem Volk blieb, wenn ich Michael Angeles Portrait folge. Will man Feuilletonchefs aus dem Volk? Nein. Auch ein Grund für die Krise des Feuilletons. Der Großbürger, der Dandy sind verschwunden, es bleibt das Mittelmaß.

Schirrmacher ist solches Mittelmaß, soviel steht für mich nach der Lektüre von Michael Angeles Portrait fest, und er ist dennoch eine faszinierende Person, überbordend, voll sprühender Intelligenz quecksilbrig, zwanghaft, ein Kontrollfreak, ein Hochstapler, ein Narziß mit Goldmund, ein Mann mit Phantasie, ein Rauschmensch, wie Angele schreibt. Vielleicht macht gerade diese Spannung zwischen dem Normalen, also dem, was wir als Mittelmäßiges wahrnehmen, und der überschäumenden ADHSler-Tatkraft den Reiz an diesem Menschen aus. Schirrmacher war kein outrierter Modedandy, seine Wirkung in der Erscheinung beruhte auf etwas anderem: Dem Wort, seiner Art, andere zu begeistern und für sich einzunehmen. Das breite Spektrum der Person Schirrmacher fängt Angeles Portrait gut ein, liefert viele Geschichten, Anekdoten, aus dem Nähkästchen geplaudert – was man halt gerne hört. Ja, Schirrmacher war ein umtriebiger Geist, er gestaltete das Feuilleton unterhaltsam, was nicht jeder gleichermaßen goutierte. Er bugsierte das Feuilleton in neue Gewässer: die der Gesellschaftskritik, des politischen Feuilletons, und er entdeckte vor allem das Internet als neues Kommunikationsmedium, holte Blogger wie Don Alphonso ins FAZ-Boot.

Wenn Angele in seinem Buch mit der Figur des Karlson vom Dach beginnt – ein Spitzname, auf den Schirrmacher von irgendwem, vermutlich von Dirk Kurbjuweit, so Angele, getauft wurde –, dann legt das freilich eine Blickrichtung nahe, auf die hin wir Schirrmacher lesen (sollen). Diese Pointe als Auftakt ist zwar einerseits trefflich gesetzt und läßt schmunzeln, lenkt aber auch in die falsche Richtung und schafft gleich für den Anfang eine bestimmte Farbe, in die die Figur Schirrmacher getaucht wird und unter der wir ihn lesen sollen. Das fixiert ein Bild und wird dem Schillernden der Figur Schirrmacher nur bedingt gerecht. Kindkaiser, Caligula, „das gebildetste Kind, das jemals ein Feuilleton leitete“. Alles das nicht wirklich schmeichelhaft. Aber vielleicht kann man diesen Karlson-Zug bei Schirrmacher einfach Eigensinn nennen: den des Egoisten, des Phantasievollen, des Mittelmäßigen, der es vermochte, sich biographisch diesem Maß zu entwinden. Dieser Zug gerade, dieses Changieren zwischen Kind und Erwachsenem macht die Figur Schirrmachers spannend, so meine Lesart von Angeles Portrait. Sein Charakter pendelte irgendwo zwischen „destruktivem Narzissmus und Kreativität“.  Schwierig festzumachen, was genau er war:

„Wer bei Schirrmacher nach einem Stilprinzip sucht, findet es ex negativo in der Furcht vor dem Unbedeutenden.“

Und dazu gehört bei Schirrmacher auch die Angst, selber wieder zu den Unbedeutenden zu gehören. Sozialer Aufstieg ist mühsam, Abstieg leicht. In diesem Sinne brannte Schirrmacher – eine Kerze, die man an beiden Enden anzündet, um noch einmal einen Vergleich mit Fritz J. Raddatz und seiner Selbstbeschreibung zu bemühen. Dazu gehörten Ideen:

„Am 27. Juni 2000 erschien die legendäre Ausgabe der FAZ zur Entschlüsselung des Genoms. Schirrmacher ließ ein Feuilleton drucken, das über sechs Seiten hinweg fast nur aus Sequenzen mit den Buchstaben A, T, G und C bestand. Es war Schirrmachers größter Coup als Blattmacher. Er, der sich für Kunst nicht sonderlich interessierte, hatte die ästhetische Kategorie des Erhabenen aufs Blattmachen angewandt.“

Schirrmacher war den Themen der Zeit auf der Spur: Internet, Überalterung der Gesellschaft. Ego-Kultur. Gewissermaßen zeigt sich hier die Genialität solchen Mittelmaßes: Alle wissen es bereits und haben das Thema vage im Kopf, kollektiver Unterstrom, ein Gefühl. Aber keiner sagt’s und wagt’s. Und wie es mit der Wahrheit so ist: es bedarf eines klugen Kopfes, der sie ausspricht. Das Trüffelschwein eben. Themen wollen nicht neu erfunden, sondern entdeckt werden. Der begabte Journalist zeichnet sich aus, weil er im Vorfeld merkt, was anliegt und das dann ins Feuilleton bringt.

„Das ist Feuilleton. Wo Langeweile eine Todsünde ist, wird die Neugierde zur Kardinaltugend – auch wenn sie von der Klatschsucht manchmal kaum zu unterscheiden ist,  aber wer möchte das ernsthaft beklagen?“

Nun also, nachdem er vier Jahre tot ist, schreibt Michael Angele, stellvertretender Chefredakteur beim Freitag, über Frank Schirrmacher. Keine Biographie, sondern, wie es im Untertitel heißt, ein Portrait, was bedeutet, daß ins Buch Subjektives einfließen kann, daß nicht jede Regung von der Geburt bis zum Abschied detailliert aufgeschlüsselt werden muß. Das Portrait ist ein Text für die Schnelle, kann eine Skizze sein, ohne sich in der Feinarbeit verlieren zu müssen – was kein Makel ist. Wir erfahren bei Angele in flinken Strichen und pointiert manches über Schirrmachers Umtriebe – Anekdoten spare ich mir, dazu sollte man das Buch lesen –, seine Ränkespiele, viel über den Zeitungsbetrieb, die Verfilzungen im Medienbetrieb. Ja, Journalisten sind ein eigenes Völkchen und leider sind viele Journalisten meilenweit von denen entfernt, für die sie schreiben. Wir lesen über Schirrmachers Umgang mit Menschen, seinen Instinkt, sein Gespür für Macht, wen man zur rechten Zeit umwirbt und ihn zur rechten Zeit wieder fallen läßt.

Aber weshalb sollten wir ein solches Portrait lesen, warum sollte sich ein Leser dieses Buch kaufen, wenn er nicht selbst aus dem Milieu der Kulturschreiber stammt? So fragte auch eine Freundin und winkte bloß ab, als ich mit weitschweifigen Erklärungen anhob. Ein Buch von Journalisten für Journalisten, mithin das Übliche des Betriebs, der sich selbst bedient, der um sich kreist und seine eigene Bedeutung selbstreferentiell kreiert, entgegnete sie lakonisch. Ein Verein, der über sich schreibt, sich selbst zum Thema macht. Womit jene Freundin recht hat. Luhmannsche Autopoiesis des Medienbetriebs und zudem viel Klatsch und Tratsch – in diesem Sinne weckt Angele den Voyeur. Und mancher Redakteur wird vermutlich wie bei den Raddatz-Tagebüchern schauen, ob er mit Namen im Register auftaucht. Und für Frauen sei es mit dazu gesagt: It’s a man’s world. Geschichtlich also schon mal interessant, wie dieser Feuilletonbetrieb lange Zeit tickte. Als Männerdomäne.

Das Buch ist nichts für die, die Zeitungen einfach nur lesen, aber nichts über die Interna wissen wollen. Neugierige jedoch und Zeitungsfreaks kommen auf ihre Kosten, Betriebsvoyeure ebenso. Schirrmacher-Fans jedoch werden enttäuscht sein, denn Angele schreibt keine Hagiographie – allerdings auch keine Vernichtung. Das Buch ist auf angenehme Weise ausgewogen. Angele kennt Schirrmacher kaum, ist ihm höchstens zweimal begegnet, gehört also nicht zum inneren Kreis junger Männerbünde, hat keine Rechnung offen, muß nichts zurückzahlen oder nachträglich loben. Das Buch ist flott geschrieben, wie es sich für Journalisten gehört, keine Schnörkel gesetzt, keine Umstandskleidprosa. Das ist zwar für sich noch kein Qualitätskriterium, aber für unbedarfte Leser nicht ganz unwichtig.

Denn immer noch treibt den Rezensenten hier die Frage um, weshalb man das Buch lesen sollte. Aber frei nach dem Billy Wilder-Satz „Du sollst nicht langweilen“ sind guter Stil und eine spannende Story über einen interessanten Mann wesentliche Aspekte, weshalb man zu diesem Buch greifen könnte. Es ist kurzweilig oder um es im Amazon-Sound zu schreiben: Leser die Felix Krull mochten, würden auch Angeles „Schirrmacher“ kaufen. Vor allem aber wegen solcher Passagen und Beobachtungen aus dem Medienbetrieb lohnt die Lektüre, etwa im Hinblick auf die sechs Seiten der Genom-Sequenz im FAZ-Feuilleton vom 27. Juni 2000:

„Den Versuch, das Undarstellbare sinnlich erfahrbar zu machen, das ist, was man die Ästhetik des Erhabenen nennt. Schirrmacher hat versucht, die Ästhetik des Erhabenen auf Zeitungsformat zu bringen. Er, der immer Grenzen sprengen wollte, hat das Feuilleton an seine Grenze gebracht. Es war ein letzter Höhepunkt, bevor es vom digitalen Wandel erfasst wurde.“

Dieser Wandel im Zeitungsmachen und die Krise des Journalismus durchs Digitale sind unterschwellig ebenfalls Buchthemen.

Daß es sich, wie Andrian Kreye in der SZ schrieb, um ein „durch und durch boshaftes Buch“ handele, ist schlichter Blödsinn. Angele schont nicht, das ist richtig, aber er bleibt dabei in sachlichem Fahrwasser. Und mal ehrlich: Ein wenig Voyeure sind wir alle und wollen keine kreuzbraven Geschichtchen für Pastorentöchter hören. Die Tagebücher von Raddatz lasen wir nicht, weil es darin sittsam zuging und Raddatz für alle Kollegen lobende Worte fand, sondern weil er schrill lästerte. Kreyes Vorwurf, daß Angele sich im letzten Kapitel in die Grauzone des Boulevardjournalismus begebe, weil er dort seinen Besuch bei Schirrmachers Mutter schilderte, ist lächerlich. Was sonst sollte ein Journalist, der ein Portrait schreibt, wohl machen als Freunde und Angehörige zu befragen? Kartensatz legen und Glaskugel sind für Journalisten nicht die geeigneten Verfahren, eher die detailierte Recherche. Dies sollte man auch bei der SZ wissen. Angele befragte zahlreiche Kollegen und Bekannte. Interessant freilich, daß viele der Befragten anonym bleiben wollten.

Warum also lesen? Um es in dieser Hinsicht kurz zu machen: Es ist ein Buch für alle, die sich für Medieninterna und für die Mechanismen von Macht interessieren, um dabei hinter die Kulissen lugen zu dürfen. Böse Zungen könnten behaupten, daß sich hinter Angeles Neutralität eine besonders subtile Form von Hintersinn verbirgt. Unter der Maske des Reporters, der vermeintlich ausgewogen Freunde, Gefährten und Rivalen befragt, schaufelt man häppchenweise die delikaten Dinge hervor. Daß Angele sozusagen ein im Gewand des Redlichen auftretender Capote ist. Egal wie: Er hat das gut getroffen und wie es bei einem Portrait so ist, werden unterschiedliche Menschen unterschiedliche Blickwinkel von einem Menschen liefern. Angele liefert einen feinen Reigen von Eindrücken.

Wenn ich darin freilich manche der Schilderungen über Journalisten lese, vom devoten Verhalten bis hin zu Untertanengeist, gegen den Diederich Heßling fast ein Revoluzzer war, graust es einem wiederum: wenn der Rotarsch-Pavian aufkreuzt, wird gekuscht. Handelt es sich hier um dieselben Journalisten, die ansonsten immer für eine moralisierende Belehrung gegenüber anderen gut sind? Auch auf solche Widersprüchlichkeiten des Betriebs weist Angeles Buch. Andererseits gab es ebenso eine Rebellion des Schirrmacher-Feuilleton-Teams wegen des verdorbenen Betriebsklimas, wo Mißtrauen und Furcht herrschten. Bedingungen, unter denen Kreativität, Ideen und Schreiben kaum wachsen und gedeihen.

Der Leser erhascht also einen Blick hintern den Vorhang – ins Arkanum FAZ-Feuilleton. Es ist aus einem durchaus subjektiven Blickwinkel geschrieben, auch wenn Angele viele Perspektiven und Stimmen zu Wort kommen läßt. Da es sich allerdings um eine Epoche handelt, die es in der heutigen Ära nicht mehr in dieser Form gibt, lesen wir zugleich ein schönes Stück (Zeitungs-)Geschichte über jene Zeit, als Männer noch Macht besaßen. Tempi passati, und das ist vielleicht auch ganz gut so.

Michael Angele: Schirrmacher. Ein Portrait. Aufbau Verlag 2018, 222 Seiten, EUR 20,00

 

Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ im TV

Heute Abend gibt es die Verfilmung von Michel Houellebecqs Unterwerfung. Dazu schrieb Necla Kelek einen kleinen Essay im „Perlentaucher, daraus ich insbesondere die letzten Sätze hervorheben möchte, weil sie einige Wahrheit haben. Besonders, was die Verkitschung durch Kunst betrifft.

„Houellebecq führt in seinem Roman in Frankreich spielerisch einen Islam ein, wie er in 55 islamischen Staaten Realität ist. Eine islamische Diktatur, in der Frauen genau diese Rolle spielen, wie sie im Roman dargestellt wird, und nicht die, die sich angeblich nur im Hirn eines verlorenen weißen Literaturprofessors abspielt. Die Frauen sind in vielen dieser Länder sogar rechtlich die Sklavin des Mannes. In fast allen dieser Länder werden Mädchen früh verheiratet und können nur verschleiert die Männerdomäne, uns bekannt als  Öffentlichkeit, betreten. Diese real-existierende Welt in der über eine Milliarde Menschen leben, viele bereits auch in Europa, auf eine Fantasie eines kaputten Mannes zu reduzieren, ist dekadent. Oder ist es bereits die Angst vor dem Islam? Die Macher haben sich entweder nicht getraut, das Buch so zu inszenieren, wie der Autor es gemeint hat, als erschreckende Vision. Oder es erschien ihnen wohl als zu gefährlich.“

(…)

Die Themen, die der Islam in unserer Gesellschaft aufwirft, finden eh kaum Zugang auf den Bühnen dieses Landes. 2006 wurde eine „Idomeneo“-Inszenierung vom Spielplan der Deutschen Oper Berlin abgesetzt, weil man befürchtete, dass die Szene in der Jesus, Buddha und Mohammed der Kopf abgeschlagen wird, muslimische Gewalttäter provozieren könnte. Lessings „Nathan der Weise“, als einziges klassisches Repertoire-Stück zum Thema Religion, wird meist als Toleranz-Kitsch und nicht als Auseinandersetzung mit der Glaubens-Orthodoxie inszeniert. Voltaires „Mahomet“ ist unaufführbar. Soweit, so einseitig.

Und wenn man sich im Theater mit Fragen wie Islam oder Integration auseinandersetzt, überlässt man das  – wie in der Politik die Integration den Migrantenverbänden und Moscheevereinen –  dem Migrantenstadel. Als solcher hat sich das mithilfe einer Raubtiernummer zum „Theater des Jahres“ hochgejazzte Gorki-Theater in Berlin-Mitte  etabliert. Im Ton moralischer Korrektheit und Hypermoralität – weit entfernt vom Theater als Ort der Reflexion – inszenieren sich dort seit ein paar Jahren Migrantendarsteller als Opfer der bösen Deutschen. Wenn sie wenigstens die orientalischen Traditionen des Geschichtenerzählens beherrschten, wäre man ja schon dankbar. Statt dessen inszenieren sie „Schenkelklopfen für Kumpelclubs“ (Berliner Zeitung). Die Bühne als Ort der Realitätsverweigerung oder wie bei Edgar Selge des Verrats durch Nicht-Identifikation mit dem Thema führt zur Entpolitisierung von Politik.

Das Theater als Spiegel – ein Ort der Unterwerfung.“

Der komplette Text ist auf der Online-Plattform „Perlentaucher“ nachzulesen. Vermutlich wird diese Verfilmung mit dem ansonsten als Schauspieler sehr geschätzten Edgar Selge kontrovers diskutiert werden. Kann man Literatur überhaupt adäquat verfilmen? Schwierig, denn Film und Fernsehen sind völlig andere Medien. Eine Übersetzung im Modus eins-zu-eins ist naturgemäß nicht möglich. Der Film arbeitet mit anderen ästhetischen Mitteln als die Literatur. Fernsehen insbesondere muß Konzessionen an den allgemeinen Geschmack machen. Obwohl das in dieser Form nicht stimmt, Fernsehen muß nicht, macht es aber. Genauso wäre eine TV-Version denkbar, die jene düstere Dystopie zeichnet, die auch Houellebecq vorschwebte, der mit seinem Roman das Ohr am Puls der Zeit hatte.

Ich vermute – zumindest nach diesem Artikel -, man hätte besser eine Übertragung des Theaterstücks aus dem „Deutschen Schauspielhaus“ zu Hamburg gezeigt, da dieses Stück, folge ich den Kritiken, die Problematik des Romans anschaulich machte und mit den Mitteln des Theaters zudem eine drastische Reduktion möglich ist  – in der Tendenz zumindest, wenn es nicht gerade das Gorki Theater ist. Man wird heute Abend sehen. Die FAZ zumindest lobte in ihrer Besprechung den Film als Spiel mit den Ebenen zwischen Fiktion und Wirklichkeit.

An dem Tag übrigens, als in Frankreich Houellebecqs Unterwerfung erschien, stürmten islamistische Terroristen die Redaktion von Charlie Hebdo und ermordeten zwölf Menschen.

 

 

Es war viel Weibsvolk anwesend – die AfD-Demo und ihre Gegenkundgebung

Ein Fahnenmeer vorm Hauptbahnhof und Hitzewellen in stickiger S-Bahn. Bereitschaftspolizei in Kampfmontur, darin es wie im Glutoffen sich anfühlen mußte. Sprechchöre dann draußen an den Absperrungen: „Ganz Berlin haßt die AfD!“. Wo anfangen? Ein heißer Tag in Berlin, an einem Sonntag im Mai. Ein Großkampftag für alle, eine Demo der AfD, eine Großdemo gegen die AfD, die vom Hauptbahnhof bis zum Platz des 18. März zog und sogar auf dem Spree-Rinnsal schipperten kleine Boote, Nußschalen und Kähne. Die Polizei konnte mit massiver Präsenz das Demonstrationsrecht durchsetzen, das genauso für die AfD gilt – auch wenn viele, die von Pluralität reden, es hier mit der Vielfalt nicht so genau nehmen und gerne die Demoroute der AfD blockiert hätten. Das Demonstrationsrecht gilt aber auch für die Feinde der Vielfalt, selbst für Islam-Nazis am 9. Juni zum Al Quds-Tag. Ebenso wie es Leuten freigestellt ist, in entsprechender Entfernung eine Gegenkundgebung abzuhalten. Mehrere davon gab es. Protestler säumten die Strecke auf der anderen Seite der Spree gegenüber dem AfD-Zug und auch vorm Hauptbahnhof standen die meist jungen Leute in der Hitze, riefen Sprüche und hielten ihre Transparente in luftige Höhe, so daß es die AfDler gegenüber sehen und vor allem hören konnten. Beim Paul-Löbe-Haus entdeckte ich Christian Ströbele am Stock und trotz Gebrechen war er dabei. Tanzen und raven auf der „AfD wegbassen“-Demo wird er wohl nicht mehr, dachte ich, aber unermüdlich ist dieser Mann.

Mindestens 10 Gegenkundgebungen, was organisatorisch ein Problem bedeutet. Für mich. Denn egal wie ich es bei solch einem Großevent anstelle: ich bekomme nicht alles in den Blick, zudem gesundheitlich angeschlagen, die Sonnenglut tut ein übriges. Rennen, ein mögliches sich retten, Schnappschuß-Jagd war nicht möglich. Eher ruhiges Flanieren, schauen, sichten. Der kranke Körper rebelliert. Flaue Photoausbeute am Ende. Das kommt, wenn der Photograph nicht gestimmt ist. Zur AfD hin war bereits alles abgesperrt und auch auf gutes Zureden ließ mich der Polizist nicht passieren. Schade, denn ich hätte gerne gesehen, was dort vor sich geht und hätte gerne Gauland gehört, den ich nicht uninteressant finde. Die Dummheiten der Linken kenne ich, nun wollte ich einmal auch die der Rechten in Erfahrung bringen, und es funktionierte nicht. Kein Durchkommen. Zu spät gekommen. „Wären Sie früher dagewesen, wäre es ok.“ Ich mag die Antworten von jungen Polizistinnen und wenn die charmant lächeln. Ich lächelte zurück und zog weiter.

So eilte ich zunächst zum Großen Stern, wo verschiedene Clubbetreiber eine Kundgebung starteten: AdD wegbassen. Eine Art Liebesparade gegen die AfD. Und so geschah es: wummernde Beats und Bässe. Partyvolk, das tanzte, verschwitze Körper, die im Takt der Musik schwangen oder freundlich schunkelten. Viele junge Menschen, junge Männer, junge Frauen, junge Nicht-Mann-nicht-Frau-Halbwesen, junge als Mann gelesene Frauen – oh, ich merke, ich wollte nicht spotten. Nette Menschen waren es. Viel trivial und trallala. Ich schaute mich um, schaute auf junge Pobacken, die aus Shorts hervortraten. Anblick und Wohlgefallen. Als dann der Sprecher auf dem Hauptwagen seine Demo-Durchsage damit beendete, daß hier gerade ein weißer cis-Mann gesprochen habe und also die herrschende Macht dieser Gesellschaft und von ab jetzt nur noch Frauen, andersfarbige, queer-, trans- und intersexuelle Menschen ans Mikro dürften, machte ich mich ob solchen Gesinnungsquatschs und Quotenpolitik vom Acker und versuchte an die Orte der Konfrontation zu gelangen. Vielleich werden sie irgendwann auch den Spielfiguren von Playmobil ein Rederecht erteilen. Ach, wenn wenigstens Alf gesprochen hätte – ich hätte lachen können. Das aber geschah nicht. Man kann heute nicht mehr links sein ohne gutes Gewissen.

Viel war nicht zu holen – photomäßig. Alles gut abgesichert. Müde Knochen in mir. Ins Gebüsch in den Tiergarten hinein, und dort standen die Menschen vor den Absperrungen hin zum Platz des 18. März, es riefen die Menschen ihre Parolen, hielten Plakate, brachten ihre Slogans. Manche mit Witz, andere mit dem Haß, den sie bei der AfD beklagten. Junge Männer in schwarzen North Face-Jacken, Kapuzen, Sonnenbrillen, Rücksäcke, aus denen plötzlich Feuerwerk geholt wurde, im Gebüsch des Tiergartens vorm abgesperrten Platz, und einer warf einen dieser Böller durch die Lücke zwischen den Sträuchern auf die Polizeiketten. Sinnfrei, ohne Grund, ohne daß irgendwer provoziert hätte. Allein aus Lust an der Gewalt und niemand aus der Gruppe derer, die vorgeblich gegen den Haß waren, protestierte oder hielt den jungen Mann zurück: „So nicht, mein Junge! Wir wollen keinen Haß schüren“. Im Gegenteil. Als ich mich ereiferte, wurde ich böse angeschaut. Ich konnte diese Szenen nicht im Bild festhalten, weil es zu schnell ging und ich nicht nahe genug dran war im Getümmel. Ich hätte sie gerne abgelichtet und war zum ersten Mal derart wütend, daß ich am liebsten diese nichtvorhanden Dokumente an die BFE geliefert hätte. Einzig eine mittelalte Frau protestierte vehement und lautstark, sie wurde aber sogleich angegangen, und eine junge Frau, die mit zu der Gruppe der Gewalttäter gehörte, wollte an ihr zerren. Aber da ging dann doch einer von den Begleitern dazwischen. Immerhin. Aber das Partyvolk hatte Spaß am Tanzen. Und auf den Straßen ging es beschwingt zu. Ein seltsamer politischer Protesttag.

Die Antifa im übrigen (oder ein Teil derselben)  tat im Vorfeld genau das, was die AfD von ihr erwartete:

„Vor AfD-Aufmarsch die „Bibliothek des Konservatismus“ eingefärbt“,

„AfDler im Wedding markiert. Letzte Nacht wurden im Berliner Stadtteil Wedding Wohnung und Arztpraxis zweier AfDler farblich markiert.“

„Glasbruch bei Wild“

„Friedrichshainer AfDler besucht“

So heißt es in dem linksextremistischen Portal Indymedia. Gut dokumentierte Straftaten sozusagen. Der Hinweis, Opfer linker Übergriffe zu sein funktioniert also. Und das rückt dann leider auch die Opfer rechter Übergriffe in den Schatten, weil hier das üblich-üble Spiel der Aufrechnungen einstetzt.  Rechts- und Linksextremisten berühren sich an den Rändern. Und „farbliche Markierungen“ bei Andersdenkenden erinnern mich nicht an Widerstand, sondern lediglich an ungute Zeiten. Umso erfreulicher aber, daß die Gegenkundgebungen ansonsten weitgehend friedlich verliefen.

Realitätsgewitter – Jeff Walls „Overpass“

Wir sehen Menschen auf einer Reise oder auf einer Flucht, auf alle Fälle mit einigem Gepäck und in Bewegung – von einem Ort zu einem anderen. Ihre Kleidung wirkt wenig elegant und wie Touristen sehen diese Menschen nicht aus, zumindest nicht in dieser Gegend. Die Gegend, in der sie sich bewegen, könnte in Marc Augés Buch Nicht-Orte vorkommen:

„So wie ein Ort durch Identität, Relation und Geschichte gekennzeichnet ist, so definiert ein Raum, der keine Identität besitzt und sich weder als relational noch als historisch bezeichnen lässt, einen Nicht-Ort.“ (Marc Augé, Nicht-Orte)

Eigentlich eine unspektakuläre Photographie, in der Komposition genau aufgeteilt: eine Diagonale durchzieht das Photo, sowohl von dem Schatten des Kabels wie auch von der Bewegung der anonymen Menschen, wir sehen nur, daß es eher dunkle Tpyen sind, ein spannungsreicher Lichteffekt bestimmt das Bild durchs kalte Blau, einfallendes Licht im Rücken der Kamera, ein dramatischer, aber nicht überdramatisierter Himmel. Blau, wolkig, kühl. Von der Ortschaft her schwierig zu lokalisieren, vermutlich in einem Gewerbegebiet, irgendwo in der Welt, lediglich Architekturspezialisten oder Menschen, die viel reisen, könnten die Gegend lokalisieren, ein Ort, wie es ihn überall auf der Welt gibt, langweilig, bedeutungslos, ohne Schönheit, Reize nur im Verborgenen, wer ausgewählt öde Orte schätzt oder die Spannung eines Nicht-Ortes, einer Anti-Landschaft mag, könnte sich wohlfühlen, einzig die Laternen geben Hinweise, und im Hintergrund parkt oder fährt ein LKW – die Fixierung des Bildes läßt keinen Rückschluß zu. Den Lastwagen kann man vom Typ her als amerikanischen Truck klassifizieren, so daß die Szene vermutlich in den USA oder in Kanada abgelichtet wurde. Jeff Wall zumindest ist Kanadier.

Und man muß für diese Photographie dazu wissen: Jeff Wall inszeniert seine Photographien in der Regel. Es sind keine Schnappschüsse, keine Streetphotographie im herkömmlichen Sinne, wo eine zufällige Szene just im richtigen Moment eingefangen und für die Ewigkeit gebannt wurde. Wie Robert Doisneaus Kuß vor dem Rathaus. Nur daß dieses Photo eben von zwei Schauspielschülern nachgestellt wurde, wie später herauskam, als jemand sich auf dem Bild wiederzuerkennen glaubte oder einfach mit der Ähnlichkeit Geld machen wollte und Rechte am Bild anmeldete. Da flog der Schwindel auf. Anders als Alfred Eisenstaedts Kuß auf dem Times Square, der mitten ins Leben hinein seine Kamera richtete und den Augenblick festhielt oder André Kertészʼ oder Brassaïs Kuß-Photos, in Budapest oder in den wilden Nächten von Paris in den 30ern. Wobei auch Brassaï seine Bilder teils inszenierte.

Insofern ist die Kunst des gestellten Schnappschusses ein relativ altes Verfahren und ein ästhetisch legitimes Mittel. Denn anders als die Malerei kann die Photographie nicht das abbilden, was sich in den Phantasien eines Photographen zuträgt. Der Photograph muß es nachstellen, inszenieren, bauen – wie auch immer er es anstellt. Eine unnatürliche Natürlichkeit also, vermittelte Unmittelbarkeit. Ein Prozeß zudem, der zur Reflexion auf die Modalitäten von Wahrnehmung wie von „Realität“ anregt. In diesem Sinne ist die Photographie ein erkenntniskritisches Medium. Anders als der Film, von dem wir in der Regel, qua Genre, wenn es ein Spielfilm ist, wissen, daß er Illusion liefert, selbst da, wo im Vorspann steht: Nach einer wahren Begebenheit. Das Erzählmodell funktioniert hier anders als beim Photo. (An dieser Stelle müßte  man mit dem Essay des  Cahiers du cinéma-Kritiker André Bazins Ontologie des photographischen Bildes aus dem Band Was ist Film gegenlesen):

„denn die Photographie erschafft nicht, wie die Kunst, Ewigkeit, sondern sie balsamiert die Zeit ein, entzieht sie bloß ihrem Verfall.“

„Die ästhetische Wirkungsmöglichkeit der Photographie liegt in der Enthüllung des Wirklichen. Der Reflex  auf dem nassen Troittoir, die Geste des Kindes – ich hätte sie im Gewebe der Welt um mich herum nicht zu entdecken vermocht; nur die Leidenschaftslosigkeit des Objektivs, das den Gegenstand von den Gewohnheiten, Vorurteilen, dem ganzen spirituellen Dunst befreit, in den ihn meine Wahrnehmung einhüllt, ließ ihn wieder jungfräulich werden, so daß ich ihm meine Aufmerksamkeit und Liebe schenke.“ (André Bazin, Ontologie des photographischen Bildes

Die Photographie macht sichtbar, zeigt die Welt unter dem kalten Blick des Apparates – was auch Adornos Vorbehalte gegen die Photographe als Kunstform bestimmt haben mag, wir denken dabei auch an das seltsame Selbstportrait Adornos vor dem Spiegel. Und die Natur ahmt auf der Photographie, dem „natürlichen Bild einer Welt“ den Künstler nach, so Bazin. Aber wie sieht es bei einer ganz anderen Sorte von Photographien aus?

Bei Jeff Walls Bild Overpass, (was man vom Titel schon mehrdeutig lesen kann, und es steckt als Assoziation auch das Wort Passport darin), wenn wir es uns unbedarft besehen, glauben wir zunächst an die Echtheit der Photographie. Weil Photos uns zeigen und indirekt eben auch sagen wollen: So ist es! Aber man lese, um sich von diesem Trug des Wahrhaftigen zu befreien, nur die Photo-Essay von Susan Sontag. (Ihr Buch Über Fotografie müßte eigentlich Gegen Fotografie heißen, derart vehement kritisiert sie dieses Medium.) Andererseits, sofern wir uns mit Jeff Walls Bildern länger beschäftigten, wissen wir es nicht mehr genau: Ist das echt? Was ist echt? Sind Photographien wirklich Dokumente oder nicht vielmehr auch Narrationsmedien, sofern in einem Bild so etwas wie eine Geschichte schimmert? (Selbst bei einem Stilleben oder einer statischen Szene kann das der Fall sein, man denke an Lee Miller, wie sie in Hitlers Badewanne in München posiert. An diese Szene kann man eine komplette Geschichte anbinden – allein die im Raum deponierten Objekte, die (Venus)Statue, das Hitlerportrait, das der selige Führer ganz sicher nicht selbst sich an seine Badewanne stellte, Millers Stiefel der US-Armee. Oder Robert Mapplethorpes Blumenbilder: Sie setzen vermutlich nicht nur florale Phantasien frei.)

Wir glauben etwas, nehmen an, daß es irgendwie real oder wirklich ist, was wir ins Bild hineinlesen. In der Regel halten wir die Szenen auf Photos für echt. Bei Jeff Wall aber wird es zunehmend rätselhaft, je länger wir ein Bild von ihm betrachten und je mehr seiner Photos wir uns hervorholen. Manche seiner Motive – etwa sein legendäres Bild Insomnia – deuten geradezu darauf, daß da etwas nicht stimmt: Spielt Jeff Wall nicht vielmehr mit solchen Szenen, indem er sie nachbaut? Oder dokumentiert er sie, indem er das zeigt, was ist, indem er das nachstellt, was gerade nicht ist? Oder zeigt er, was ist, indem er eine Dokumentation spielt, die zugleich beide Seiten des Photos in Darstellung bringt: den Spiel- wie auch den Dokumentcharakter? Wir erinnern und dabei an Jeff Walls Photographie von 1992 „Dead Troops Talk“, die eine Szene aus dem Afghanistankrieg der Sowjets nachstellt. Lustvoll freilich sind diese Phantasien nicht, anders als bei Mapplethorpe oder bei der ironisch-subtilen Lee Miller, wo man beim Badewannen-Bild aus dem Lachen gar nicht mehr herauskommt, trotzdem man genauso ihre schrecklichen Dachau-Bilder mit im Hinterkopf hat. Oder gerade deswegen. Auch so eine Frage nach der Bedeutung der Komik in der Kunst.) Eindringlicher kann man den Krieg nicht ins Bild bringen. Sowohl bei Miller, aber ebenso in der doku-fiktionalen  Versuchtsanordnung von Jeff Wall. Denn das da sind Tote, die auf uns warten und uns ansehen. Du bist wie wir. Nur daß hier in diesem Tal irgendwo in Afghanistan eben nichts echt ist. Und doch der Tod lauert. Auch im Photostudio.

Die Tonspur zum Sonntag – 2000 Jahre Karl Marx und darüber hinaus

Zum Abtakt des 200. Marx-Geburtstags im Mai, den dieser Blog von seiner Herkunft her naturgemäß beging: Der Mann mit dem Koks ist da! Essen und Villa Hügel. Schnee und Schwarz. Unser Fetisch ist die übliche Verkehrung und der Verkehr beim Betrachten. Mit Falco und einem Video, das den Verkehr mit Fetisch pointiert.

 

Tom Wolfe und die Merry Pranksters

The Electric Kool-Aid Acid Test war ein ziemlich cooles Buch. Es war gut, es lockte in den Strom der Zeit, es elektrisierte in der Art zu erzählen, obwohl ich für solche Gruppen-Hippies eher Verachtung hegte. Ich las Tom Wolfes Buch Mitte der 80er, kann mich aber wegen der Drogen nicht mehr daran erinnern. Nein, kleiner Scherz: Packend und nahe dran an den Menschen und an den Ereignissen schrieb Tom Wolfe von einer merkwürdigen Gruppe, die sich die fröhlichen Narren nannten, angeführt von dem Schriftsteller Ken Kesey. Irgendwie auch Till-Eulenspiegel-Figuren, dachte ich mir. Und da  ich mich damals mit Jugendkultur, mit Punk, Dada und vor allem mit dem Surrealismus befaßte und die Vorläufer von Woodstock und dem amerikanischen Sommer der Liebe gerne kennenlernen wollte – Hippies kommt eben von: Hip, Hipster –, lag es nahe, Tom Wolfes Buch, das damals im Deutschen mit Unter Strom übersetzt wurde, zu lesen. Tom Wolfe stieg also in die Aussteigerszene ein. Mir gefiel’s, ich griff zum Buch.

Tom Wolfe, New York City, November 2011

Die Mischung aus Reportage und Soziologie traf einen Ton, schob den Leser unmittelbar in die Szenen und ins Leben der Pranksters hinein – auch wenn Wolf über höchst seltsame Leute schrieb, deren Habitus ich absurd bis lächerlich fand und deren Lebensweise mir fremd war, las ich neugierig weiter. Schräge Vögel, dachte sich der angehende Junghegeladornit. Das Buch begann wie ein Roman, und eigentlich hätte es auch ein Roman sein können, wenn es unterm Titel als Gattungszeichen stünde. Doch war das Buch vielmehr ein Reisebericht über eine Gruppe seltsamer Hippies, die Anfang der 60er Jahre in einem bunt bemalten Greyhound-Bus quer durch die USA tourten und fürs Volk LSD-Trips  anboten. Ebenso natürlich für sich selbst – LSD war damals nicht verboten, und so fuhren die Pranksters mit einem Kanister LSD durch die USA: On the road eben. Kesey, Autor unter anderem des Romans Einer flog übers Kuckucksnest, war gleichsam ihr Anführer. Wir erleben den Ausstieg, eine kollektive Reise, tristes Esoterikgerede über die Bedeutung und Wirkung von Sternzeichen. Meditative Erfahrungen werden gemacht, aus denen künstlerische Impulse entspringen sollen. Die Morgenlandfahrer aus dem Abendland. Aussteiger, Dropouts, eine ganz neue Mode – heute würden identitäre „Linke“ sagen: Cultural Approbiation würden die betreiben, arg, arg: „Oh, er hat Indianer gesagt!“ Damals sahen es die jungen Leute deutlich tiefenentspannter und ohne schrilles Kreischkowski-Gehabe. Die postindustrielle Gesellschaft der USA setzte jene frei, die Zeit und Muße haben, ein anderes Leben zu führen und die sich bewußt darauf einlassen wollten:

„Die Bullen kennen die Szene mittlerweile in- und auswendig, wissen Bescheid über die Kostüme, das dope-strähnige Jesus-Christus-Haar, die Indianerperlen, die indianischen Stirnbänder, die plumpen, bunten Eselsperlen, Tempelglöckchen, Amulette, Mandalas, Gottesaugen, die flureiszierenden Westen, Einhörner und die Duellhemden à la Errol Flynn; nur was die Schuhe anlangt, sind sie noch immer nicht auf den Trichter gekommen. In Sachen Schuhe kennen die Heads keine Gnade. Das Schlimmste, was man in ihren Augen anhaben kann, sind schwarzglänzende Schuhe mit Schnürsenkeln. Darüber erhebt sich eine ganze Hierarchie obwohl praktisch jede Art von Halbschuh als unhip gilt bis hinauf zu den Stiefeln, auf die alle Heads stehen: leichte, ausgefallene Stiefel, so bizarr wie nur möglich, oder wenn sie nichts Besseres kriegen können, englische Stiefel, wie sie die Mods tragen, aber caliente sind natürlich handgearbeitete mexikanische Dandystiefel mit waffenscheinpflichtigen Spitzen und extra schmal. Und jetzt stellt euch mal die Szene vor, als es dem FBI endlich gelang, Kesey hoppzunehmen: schwarze! glänzende! FBI-Schuhe mit Schnürsenkeln!“

Eine schöne Aufzählung – allein um des Wortes „dope-strähniges Jesus-Christus-Haar“ willen – und mittels dieser Schilderung von Kleidungsattributen bekommen wir von Wolfe sofort ein plastisches Bild dieser Gruppe, ahnen, wie die ticken. Und auch Einhörner gab es bereits. Alles kehrt in seiner infantilen Form wieder. Trotz des lockeren Tones bei Wolfe kommt es ihm auf Genauigkeit im Stil an. Wolfe bringt uns mittels solcher Zooms als Reporter mitten hinein in diese Welt der Pranksters – Stilmittel der Reportage, das bis heute hin vorbildlich ist und ebenso auf die Literatur zurückwirkte. Ja, und für den Dandy sind Schuhe wichtig, es hängt immer an den Details. Man merke sich. Man denkt an die Pop-Literatur Mitte der 90er Jahre, an Christian Krachts großartigen Roman Faserland – auch so eine Art Hippiereise eines Aussteigers durchs Vaterland, nur diesmal unter anderen Vorzeichen und auf deutsch, in die individualistisch-solipsistische Epoche der Gegenwart der 90er Jahre gelegt. Man müßte beide Bücher parallel lesen. (Gegenwärtig hält Kracht in Frankfurt seine Poetik-Vorlesung, da wäre ich gerne gewesen.) Daß Hunter S. Thompson und Tom Wolfe auch Vorbilder für jenen manchmal etwas bemüht wirkenden Tempo- und Zeitgeist-Journalismus waren, dürfte augenscheinlich sein.

Dicht dran sein: Auf diese Weise funktioniert Reportage. Wolfe beschrieb dieses Innenleben der Narren-Gemeinde, rückte heran, reiste mit, fing O-Töne ein. Und doch wahrte er bei aller Subjektivität und bei manch leidenschaftlichem Plädoyer die nötige Distanz – allein durch seinen Stil, sich zu kleiden, fiel er in dieser Gruppe auf. Gerade weil er aufs Subjektive zuspitze, gelang in dieser Reportage ein dichter Bericht über die Atmosphäre in dieser Gruppe und kann also auch als eine Art Zeitstudie und Sozialreportage gelesen werden, ins Soziologische gesprochen: teilnehmende Beobachtung. Wolfe schrieb im Nachwort:

„Ich habe nicht nur den Versuch unternommen, zu erzählen, was die Pranksters gemacht haben, sondern auch die geistige Atmosphäre bzw. die subjektive Realität des Ganzen widererstehen zu lassen. Ich glaube nicht, daß ihr Abenteuer sonst zu verstehen gewesen wäre.“

Den Geist der Zeit in eine Sprache zu bringen: Dies gelang Tom Wolfe mit diesem Buch auf eine hervorragende Weise. Mit dem Geist der Zeit als immer wiederkehrender Dauerzeit hängt auch das Spiel von Entstehen und Verfall zusammen. Denn im Grund trägt auch diese Gruppe den Keim ihres Untergangs schon in sich, es ist ein Spiel auf Zeit, wie alles in der Welt, das sich als Gegenkultur etabliert: Angekommen in der Kulturindustrie. Sehr schön und prognostisch geradezu auf eine neue Zeit hin auch diese Beobachtung:

„Palo Alto, Kalifornien, 21. Juli 1963 – und dann eines Tages das Ende einer Ära, wie die Zeitungen so etwas gerne nennen. Ein Bauunternehmer kauft den größten Teil von Perry Lane, mit der Absicht, die Holzhäuser abreißen zu lassen und moderne Häuser hinzustellne, und die Bulldozer waren schon auf dem Weg.“

Was heute in Palo Alto ist, wissen wir. Aus Garagen werden Unternehmen. Aufs Versandhaus läuft‘s hinaus. Versandung also. Der Treibsand im Betriebssystem wird zum Schmieröl und ist als Ware zu erstehen. „Mit Danone kriegen wir euch alle“, wie ein Werbeslogan der 80er Jahre lautete und er zeigt trefflich die Mechanismen. Auch Wolfe blickt darauf und erkennt schon Mitte der 60er die Verschleifung vor Ort, wenn er auf San Francisco blickt, beschreibt die Vermarktung einer Subkultur:

„Im berühmten Hauptquartier der Beat Generation, dem City Lights Bookstore, hockte Shig Murao, der japanische Wichtigtuer vor Ort, mit finsterer Miene herum, und der Bart, der ihm aus dem Gesicht stand, sah aus wie Stechginster und Farn auf der Planzeichnung eines Architekten. Mit gebeugten Schultern hing er neben der Ladenkasse über einer Gesamtausgabe von Kahlil Gibran, während eine zu einem Kongress in die Stadt gekommene Ladung spesenritternder Kassenzahnärzte zwischen zwei Stripeinlagen auf der Suche nach den legendären Beatniks in seinem Laden die Schmöker befingerten. Das Topless war jetzt die Attraktion: Oben-ohne am North Beach mit Stripperinnen, die sich ihre Brüste mit Silikoninjektionen aufpumpten.

Die Action, das heißt die hippen Cliquen, die hier ursprünglich den Ton angegeben hatten, diese Action war jetzt samt und sonders nach Haight-Ashbury umgesiedelt. In kürzester Zeit würden sich auch dort die Leithammel etablieren, die zu jeder erfolgreichen Boheme gehören, und kolonnenweise würden Autos voll gaffender Touristen Stoßstange an Stoßstange das Viertel durchkreuzen, und natürlich würden die Busse von der Stadtrundfahrt nicht fehlen: ‚und hier befinden wir uns dem Zuhause der Hippies dort drüben sehen Sie übrigens gerade einen‘, und dann würden auch die Schwulen und die schwarzen Nutten, die Buchhandlungen und Boutiquen hier ihren Einzug halten. Haight-Ashbury und die LSD-Schlucker, die Acid Heads, waren der letzte Schrei. Aber nicht nur der North Beach lag im Sterben. Das ganze hippe Leben alten Stils Jazz, Kaffeehäuser, Bürgerrechte ( Lad-ein-Brikett-zum-Dinner-ein ), Vietnam, das alles war mit einem Mal moribund, wie ich feststellen musste; sogar bei den Studenten von der Universität in Berkeley, die auf der anderen Seite der Bucht San Francisco gegenüberliegt, und die das Herz der ‚studentenrebellion‘ gewesen war, und so weiter. Es war schon so weit gekommen, dass es in der hippen Szene noch nicht einmal mehr Schwarze gab; nicht einmal mehr als Galionsfiguren oder Alibis.“

Daß all das, was die Merry Pranksters machten, auch eine Maskerade war, wenn auch in guter Absicht, um neues und anderes Leben zu proben und in ein Spiel zu treten, das das Grau des Alltags transzendiert, ohne es aufheben zu können, war mir schon damals beim Lesen recht klar. Hegel wirkt, Hegel rules! Allenfalls als Lobfeier des Augenblicks interessant, aber ob sich andererseits in (Groß)Gruppen der Augenblick preisen ließe, erschien mir doch zweifelhaft und mehr als fraglich. Auch Nietzsche wirkt. Aber ansonsten, dachte ich mir beim Lesen, ist das Ganze eine bürgerliche Bewegung, Resultat ihrer sozialen Gegebenheit, und meist wandelte sich, wie etwa bei Jack Kerouac, die vermeintliche Rebellion im Laufe der Zeit sowieso in die Anpassung. Jack Kerouac wurde zum erzreaktionären Charakter. Was dort zählte, war weniger das Politische, sondern eine Haltung. Der destruktiv-kritische Charakter in mir verachtete diese schmutzige Drogenbande im Kollektivexzeß jedoch, fand aber Tom Wolfes Art zu schreiben, ziemlich cool. Und weil das so gut war, wußte ich: Nie Journalist werden! Dort kannst du nämlich dieses Talent zum exakt-schweifenden Schreiben nur selten ausleben. Mach’s gut Tom Wolfe, und immer einen schönen weißen Anzug mit an Bord!

Die Photographie wurde der Seite Paris Review entnommen. Dort findet sich auch ein Interview mit Tom Wolfe. Mode war seine Sache. Weiße Anzüge – welcher Mann kann die schon derart stilvoll tragen? https://www.theparisreview.org/interviews/2226/tom-wolfe-the-art-of-fiction-no-123-tom-wolfe
Beim Taschen Verlag gibt es eine exklusive mit vielen Photographien versehene Ausgabe von The Electric Kool-Aid Acid Test 

70 Jahre Israel

Sie haben Steine, Brandsätze, Bomben, brennende Autoreifen, Attentäter, Antisemitismus. Israel hat die Zahal! Und das ist gut. Wer Grenzanlagen stürmt, wer Grenzen verletzt, muß mit den Konsequenzen leben. Aber der Hamas freilich geht es genau darum, solche Bilder zu produzieren. Eine Märtyrerindustrie, und im Krieg der Bilder vor allem: Kinder als menschliche Schutzschilde wenn nicht als Leichen zu gebrauchen und vor Bomben zu zwingen.

Besonders schlimm heute auf 3sat Kulturzeit eine Sendung zur Staatsgründung: Das Wort „israelfeindlich“ ist noch eine harmlose und freundliche Umschreibung, um nicht ein noch härteres Wort zu gebrauchen. Als ob da ein paar Redakteure ihre heimliche oder auch offene Freude gehabt hätten, zum Geburtstag, zur Staatsgründung kräftig in die Suppe zu spucken. Zum Jubiläum eines doch sehr besonderen Staates, der einiges auch mit der deutschen Geschichte zu tun hat, ist diese Sendung eine Peinlichkeit ersten Ranges und vor allem einseitig in der Berichterstattung. Palästinensische Terroristen und Gewalttäter an Grenzzäunen: Kein Thema. Brennende Autoreifen, brennende Lenkdrachen auf israelische Felder: kein Thema. Jahrelanger Terror der Hamas gegen Israel: Kein Thema. Daß bewußt von der Hamas Gewaltbilder produziert und instrumentalisiert werden: Kein Thema. Daß von der Hamas Gelder für Gaza zur Förderung von Infrastruktur und Wirtschaft stattdessen zur Aufrüstung und für Terror gegen Israel verwendet werden: Kein Thema. Daß Israel die einzige Demokratie in dieser Region ist: Kein Thema.

Allein die in den Medien immer wieder mal vorgetragene Rede vom sogenannten „palästinensischen Volk“ ist übrigens eine unheilvolle Ideologie, die klar Partei ergreift. Es gibt nämlich kein palästinensisches Volk, sondern dort lebende Araber, die teils zur Gründung Israels vertrieben wurden, teils von selbst gingen. Sofort nach der Gründung Israels überfielen die arabischen Nachbarn den neuen Staat. Insofern kann mich sich vielleicht – auch nach dem, was viele Juden in Europa erlebten – vorstellen, weshalb Israel gut gerüstet und auch unerbittlich sein muß. Übrigens: Was wäre eigentlich, wenn wir 73 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges immer noch Flüchtlingslager mit Menschen aus Ostpreußen hier hätten? Und wenn Nachkommen der zweiten und dritten Generation immer noch einen Flüchtlingsstatus besäßen? Man kann diese Situationen nicht unbedingt eins zu eins vergleichen und übertragen, aber es zeigt dieses Bild zumindest die Absurdität und wie für manche arabische Staaten und insbesondere den (persischen!) Iran, diese Araber nichts als eine politische Masse sind.

In der ZEIT vom 12.4.2018 gibt es unter dem Titel „Israel: Wie Herr Ruppin ein Land erbaute“ übrigens eine schöne Geschichte aus der Zeit vor der Staatsgründung:

„In Dutzenden neuen Kibbuzen nach dem Vorbild Deganias bringen Bauern die Saat aus. Bei Hulda ist der Wald mittlerweile so stattlich gewachsen, dass die arabischen Nachbarn Anstoß daran nehmen. Als Ruppin hinfährt, erzählen ihm die Juden eine Geschichte, die er sofort in sein Tagebuch schreibt: Neulich sei der britische Gouverneur in Hulda gewesen, und die Araber hätten sich über ihre jüdischen Nachbarn beschwert. Der Gouverneur fragte: ‚Wie lange seid ihr hier auf dem Boden?‘ – ‚Seit undenklichen Zeiten, wahrscheinlich seit tausend Jahren‘, antworteten die Araber- -‚Und wie lange sind die Juden hier?‘ – ‚Höchstens zehn Jahre.‘ – ‚Und warum habt ihr in tausend Jahren keinen einzigen Baum angepflanzt, die Juden aber in zehn Jahren einen ganzen Wald?'“

Die Solidaritätsadresse Bersarins und von Aisthesis an Israel kann Israel zwar egal sein und das Land wird sie nicht brauchen. Andererseits, um es im schönsten Jiddisch zu sagen: Man kann nie wissen nicht.

 

Und sie heißt doch Karl-Marx-Stadt

Chemnitz – das ist eine seltsame Stadt. Hoch aufragend der Schornstein, er ist Blickmarke und Blickfang, den man von fast jedem Punkt aus sieht. Er begrüßt den, der mit dem Auto einreist genauso wie einen Bahnfahrer. Wer durch die Stadt spaziert, kann sich, sofern er sich als städtischer Wanderer verrennt, gut an diesem Haltepunkt orientieren. Selbst nachts noch strahlt der Industrieschornstein in bunten Farben. Eine feine Idee, ihn mit Licht zu verzieren, ein dezentes (Marken)Zeichen.

Chemnitz ist eine seltsame Stadt und sie ist eine auf den ersten Blick unvertraute Stadt. Heimisch, willkommen oder behaglich fühle ich mich darin nicht. Was zunächst einmal nicht wertend gemeint ist.  Mit ihr, vormals Karl-Marx-Stadt, werde ich nicht einmal auf den zweiten Blick warm. Wir bleiben einander unvertraut. Breite unwirtliche Ausfallstraßen, die kaum zum Spazieren einladen. Der Autolärm stört – und dies schreibe ich sogar und bekenne es als Freund des Autos. Im Zentrum zerstört und mit Funktionsbauten versehen, teils wunderbare DDR-Architektur allerdings, die das Herz jedes Architekturfreundes höher und höher schlagen läßt, teils schreckliche Nachwende-Investorpassagen der Billigvariante, um darin seinen Einkauf zu tätigen. Aber an den Rändern finden sich wunderbare Gründerzeitbauten, auch Jugendstil ist zu sehen. Viel Kunst gibt es, die Kunstsammlungen Chemnitz, die Ingrid Mössinger zum veritablen Hotspot auftat, insbesondere auch für die große Kunst der DDR, aber ohne großes Brimborium und keine Eventbude. Auch die Gunzenhausener Sammlung (Museum Gunzenhausen) ist unbedingt zu besuchen. Ganz unbekannte Werke von Otto Dix aus der inneren Immigration gibt es da zu betrachten, still-unheimliche Landschafte, kalt und menschenleer, und eine Vielzahl Alexej-Jawlensky-Bilder. Einen Jawlensky,  wie ich ihn bisher nicht kannte.

Viele Museen also, und entspannte Menschen bewohnen diese Stadt. Seltsam unaufgeregt sind sie, ein feiner freundlicher sächsischer Dialekt. Weich klingt er, ich mag das. Diese Entspanntheit findet man zwar auch in Dresden, aber anders, und es blitzt immer mal wieder der Bürgerstolz durch: Kunstsinnig, Regierungshauptstadt, da in Dresden, wo man abgekapselt in der Neustadt sich entweder ein linkes Refugium baute oder sich auf der anderen Seite der Elbe was aufs Elbflorenz einbildet oder im feinen Weißen Hirsch oder in Loschwitz als Bürger besorgt oder aus anderen Stadtteilen heraus sogar zornig ist – man weiß nicht weshalb. Dresden ist trotz aller Zerstörung immer noch prächtig. Daß die Stadt an einem breiten Fluß liegt, macht ihren Charakter aus. Anders auch als das unbeschwerte und künstlerische Leipzig, mit seinem verfallenen Charme und dem Kaufmannsgeist im Zentrum der Stadt mit den Höfen am Brühl oder dem weiten Marktplatz, gleich daneben das herrliche Steigenberger Hotel mit einer der besten Cocktailbars der Stadt.

Eine Anatomie dieser drei  Städte wäre zu schreiben. Obwohl sie nahe beieinander liegen, sind sie ganz unterschiedlich geprägt. Auf ihre Weise mag ich sie alle drei, wobei ich mit Chemnitz mich schwertat. Sie braucht Zeit. Aber vermutlich ist diese Differenz sowieso oft bei Städten der Fall, die nahe beieinander liegen und ähnlich von der Region her und dann doch wieder ganz und gar anders sind. Hamburg und Bremen, Leipzig und Halle. Wie es im Ruhrpott mit den Differenzen funktioniert, weiß ich nicht. Bochum und Essen, Gelsenkirchen und Duisburg erschienen mir einerseits ähnlich – auch von der Mentalität der Menschen her. Es prägte die Arbeit diese Region, Ausnahmen bilden allerdings dann Orte wie Kettwig, Hattingen, der Baldeneysee oder die Villa Hügel. Diese Ähnlichkeit konnte ich für die Sachsenregion so nicht feststellen. Die Differenzen zwischen Chemnitz, Leipzig, Dresden sind immens. Egal wie: zum Photographieren und Dokumentieren eignet sich im Grunde jede Stadt der Welt, selbst das bedrohlich-häßliche Charleroi in Belgien.