Karneval, Fasching, Fastnacht

Man kann diese tollen Tage – zumindest im Rheinland herrschen sie – auch als Vorschein eines Anderen sich betrachten. Alltagsaussetzung – das also, was sonst in der Literatur und in der Kunst seine Sphäre hat.

„Aber durch alle Arbeit erlangt man noch keinen Anspruch darauf, von allen mit Liebe behandelt zu werden, vielmehr ist man allen gänzlich fremd. Und solange Du ‚man‘ sagst an Stelle von ‚ich‘, ist es nichts und man kann diese Geschichte aufsagen, sobald Du aber Dir eingestehst daß Du selbst es bist, dann wirst Du förmlich durchbohrt und bist entsetzt.“
(Franz Kafka, Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande)

„Über die Arbeit klage ich nicht so, wie über die Faulheit der sumpfigen Zeit. Die Bureauzeit nämlich läßt sich nicht zerteilen, noch in der letzten halben Stunde spürt man den Druck der 8 Stunden wie in der ersten. Es ist oft wie bei einer Eisenbahnfahrt durch Nacht und Tag, wenn man schließlich, ganz furchtsam geworden, weder an die Arbeit der Maschine des Zugführers, noch an das hügelige oder flache Land mehr denkt, sondern alle Wirkung nur der Uhr zuschreibt, die man immer vor sich in der Handfläche hält.“
(Franz Kafka, Brief an Hedwig W., vermutlich vom November 1907)

(Sehr schade übrigens, daß es den Berliner Karnevals-Umzug nicht mehr gibt – andererseits wundert es mich bei diesem Berliner Senat nicht eine Sekunde. Die Photographien unten stammen aus Berlin, im Jahre 2013. Wer mehr sehen möchte, schaue auf meinem eingeschlafenen Photographie-Blog „Proteus Image“.)

 

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Peter Trawny „Heidegger-Fragmente. Eine philosophische Biographie“ – Heideggers Gift, Heideggers Gabe (2)

Als ich Peter Trawnys „Heidegger-Fragmente“ zu lesen begann, dachte ich, daß man knapp 300 Seiten in drei Tagen bewältigen könne. Dem war nicht so. Man muß diese wunderbare Heidegger-Hinführung langsam lesen. Man sollte manche Passage mehrfach lesen, zurückspringen und den Sätzen sowie der Sache nachdenken. Insofern ist dieses Buch eine adäquate Weise, sich Heidegger zu nähern, nämlich das, was Heidegger unter Denken versteht, nachzuvollziehen, Performanz mithin: nicht einfach einen Stoff abhaken, nicht bloß sich an einem Text der Philosophie pflichtschuldig abarbeiten, ihn sich aneignen wie Famulus Wagner und als Buch dann lehrhaft vermitteln, sondern den Text eines Philosophen zum Sprechen bringen. Im Fremden das Eigene finden, mit Heidegger-Hölderlin gesprochen, und vor allem neugierig auf jenen Denker zu machen – sofern man ihn noch nicht kennt. Dies ist Peter Trawny, der an der Bergischen Universität Wuppertal lehrt, gut gelungen.

Eine interessante Form des Symphilosophierens geschieht da bei Trawny. Und dieses Verfahren, über einen Philosophen nachzudenken, wirft zugleich einen neuen Blick auf die in der Philosophie etablierte Rubrik der Einführung und zeigt, wie man solch eine Einführung als Hinführung auch ganz anders und das heißt auf eine unkonventionelle Weise gestalten kann. Trawny begibt sich abseits der abgetretenen Pfade der philosophischen Einführungen in das Denken eines Philosophen. „Eine philosophische Biographie“ heißt hier eben, das Leben eines Denkers auch als Philosophie zu nehmen. Mit Heidegger, zuweilen auch gegen ihn und darüber hinaus zu denken. Das Buch wagt etwas, es weicht von den üblichen Schemata ab, indem es nicht einfach die Aspekte von Heideggers Philosophie nach Themen geordnet darlegt und dazu ein paar biographische Eckdaten abschreitet.

In diesem Sinne sind es, wie es der Titel sagt, Fragmente, die Trawny liefert, Bruchstücke, und dieses Auf- und Ausfalten nach Motiven und Szenen unterscheidet diese philosophische Biographie von einer herkömmlichen. Trawny erzählt nicht von Alpha bis Omega durch. Wir finden verschiedene Themen, die teils leitmotivisch angespielt werden und in variierter Anordnung auftauchen. Mit Adorno gesprochen ein kaleidoskopisches Verfahren, wo einzelne Muster wiederholt aufscheinen, aber kombiniert mit anderen Mustern doch wieder eine neue Gestalt bilden. Da es sich bei Leitmotiven zugleich um kompositorisch eingesetzte Mittel handelt, trifft hier der Begriff Assoziationen nur unzureichend. Die Abfolge der Aphorismen und Fragmente unterliegt einer Ordnung.

Welche Motive spielt Trawny an? Es sind die Landschaften als Regionen des Denkens, die Frage nach dem Verhältnis von Geschlecht und Wahrheit – wie es Nietzsche fragte, daß vielleicht „die Wahrheit ein Weib“ sei, „das Gründe hat, ihre Gründe nicht sehn zu lassen“ und wie dieses Motiv ebenso bei Heidegger auftaucht, was zugleich die Frage nach seinen Liebschaften einschließt und auch die nach der entfernten Widmung an Dory Vietta in den „Beiträgen zur Philosophie“. All das geschieht nicht als Blick durchs Schlüsselloch, sondern Trawny zeigt, wie bei Heidegger Leben und Denken in einer Korrespondenz stehen. Und daß – auch mit Derrida gedacht – solche vermeintlichen Nebensächlichkeiten wie eine entfernte Widmung in einem Hauptwerk, das vielleicht beim Schreiben durchaus auch von bestimmten Menschen und Umständen inspiriert ist, philosophisch genommen vielleicht doch keine Nebensache ist, sondern eine Scharnierfunktion besitzt. Sein west im Detail. Namensentzug ist Seinsentzug, würde ich fast überspitzt ergänzen wollen. (Für mich war dieser Umstand des entwendeten Namens einer der spannendste Teil des Buches und da hätte ich gerne mehr gelesen. Auch in Safranskis Heidegger-Biographie fand ich dazu nichts.)

Zu solchen Blickachsen gesellt sich ebenso Courbets „Der Ursprung der Welt“, die „Krise der Philosophie“ als Grenze des Denkens, Heideggers Kritik der Öffentlichkeit, Motive wie Ereignis, Sprache, Denken und Ding kreuzen und spiegeln sich. Die alten Antipoden des 20. Jahrhunderts, Heidegger und Adorno, treten unter der Rubrik „Gutedel und Äppelwoi“ auf. Jenes Rätsel über ein nie zustande gekommenes Gespräch und eine Auseinandersetzung, die sich viele bei einer Flasche Wein gewünscht hätten, die aber zu jener Zeit unmöglich war. Ebenso die Frage nach dem Proletariat, der Praxis und nach Marx.

Was Trawny in variierenden Anordnungen an Heidegger zeigt, weist auf einen zentralen Aspekt von Philosophie: daß diese nämlich mehr ist als bloßes Registrieren dessen, was der Fall ist. Erkennen selbst ist bereits eine abgeleitete Form:

„Das ‚Sein‘ entzieht sich dem Erkennen, kann von ihm nicht erfasst werden. Positive Wissenschaften und Philosophien, die sich als Wissenschaft verstehen, unterliegen einer déformation professionelle, die sie unfähig macht, das Unbekannte zu betrachten. Sie brauchen Resultate, d.h. Erkenntnisse. Heideggers Aussagen, dass die Wissenschaft nicht denke, bedeutet zugleich, dass das Denken nicht erkenne.“

Trawny spielt solche und andere Motive zwar an, reizt sie aber nicht derart zu Tode, daß dem Leser eine Philosophie mit Erklärungen und Fremdreferenz zugekleistert wird und es nur noch das zu entdecken gibt, was der Interpret vorstellt. Sondern vielmehr bleibt durch solches Fragment-Verfahren beim Lesen genügend Raum, über solche Motive und Aspekte der Heidegger-Philosophie selbständig ein Stück des Weges nachzudenken und an manchen Stellen auch Trawny zu widersprechen oder in einen (fiktiven) Dialog zu treten. Das Buch gar beiseite zu legen, jenes Nichtidentische und jenes Seyn in ein Spiel zu bringen oder zu fragen, was die Frage nach dem Wesen der Technik mit der technischen Entfaltung der Produktivkräfte zu schaffen hat. Abschweifendes Lesen.

Seine Leidenschaft für Heidegger verbirgt Trawny dabei nicht: es ist der Text von Heidegger „eine faszinierende, zunehmend schwierigere Lektüre.“ Und daraus resultierte ein ganz eigenes Buch zu Heidegger, wie Trawny im Vorwort schreibt. Wer es freilich im Gang der Hinführung zu einem Denker konventioneller wünscht, der nehme Trawnys 2016 im Klostermann Verlag erschienenen Heidegger-Einführung.

Nach der Lektüre dieser Heidegger-Fragmente schaue ich verwundert aus meinem Altbaufenster in meiner beschaulichen berliner Altbauwohnung heraus, im städtisch-bürgerlichen Altbauviertel, und bemerke, wie sehr in einer Großstadt doch die Weite und der Horizont und die Landschaft fehlen. Obwohl Trawny kaum nur die Heideggersche Lebenslandschaft, also den Schwarzwald, zeichnet und auch die legendäre Hütte in Todtnauberg nicht überstrapaziert wird, versetzt sich der Leser doch immer wieder in diese Heideggersche Denklandschaft des Schwarzwaldes hinein – so wie auch die Gedichte Hölderlins nicht ohne Griechenland, sprich den oberen Lauf der Donau und die Region zwischen Bodensee und Neckar zu lesen sind. Vielleicht hängt Philosophieren in der Tat auch an den Orten. Oder wie Walter Benjamin es für Kant und im Hinblick auf Baudelaire schrieb:

„Kants Umschreibung des Erhabenen durch ‚das moralische Gesetz in mir und den gestirnten Himmel über mir‘ hätte so von einem Großstädter nicht konzipiert werden können.“

Willem van Reijen formulierte diesen Gegensatz bezüglich Heidegger und Walter Benjamin in einem Buchtitel: „Der Schwarzwald und Paris“. Was als Titel auch für ein revolutionäres Denken stehen kann, jenseits von rechts und links und die alten Ort- und Ordnungsschemata überwindend. Diese Ortsgebundenheit von Denken, hier ganz wörtlich als „wohnen“ verstanden, ist eine Beobachtung, die Trawny auch bei Heidegger macht, und zwar nicht einfach nur für seine vielfach zitierte und oft auch belachte Schwarzwaldhütte in Todnauberg.

„Die Philosophie ist für ihn eine endliche Denkform, die an einen Ort und an eine Zeit gebunden bleibt. Sollte ein Philosoph behaupten, die Bindung an Ort und Zeit überwinden zu können, wäre ebendiese Behauptung immer noch an Ort und Zeit gebunden. Für Heidegger spräche noch nicht einmal ein Gott für alle …“

„Philosophen leben an Orten, in Landschaften, in denen sie Anstöße für ihr Denken empfangen. Die Beschäftigung mit einem Denker ist immer auch eine mit einem Ort, seinem Am-Ort-Sein. Nietzsches Sils-Maria, Benjamins Berlin, Hannah Arendts New York, Sartres Paris, Adornos Amorbach und Frankfurt, Sloterdijks Karlsruhe – das Denken hat an diesen Orten stattgefunden.“

Landschaft, Ortschaft und Denken gehören zusammen, wir erinnern uns, und das liegt von Heidegger nicht allzuweit entfernt, an Celans Dankesrede anläßlich des Bremer Literaturpreises 1958, die er mit der Überlegung zum Denken und zum Danken eröffnet – Begriffe, die auch bei Heidegger 1952 in seiner Vorlesung „Was heißt Denken“ eine Rolle spielen – sowie dem damit korrespondierenden „Andenken“. Dort spricht Celan von jener Landschaft, aus der er stammt, der Bukowina: dort, wo „ein nicht unbeträchtlicher Teil jener chassidischen Geschichten zu Hause war, die Martin Bubner uns allen auf deutsch weitererzählt hat (…) es war eine Gegend, in der Menschen und Bücher zu Hause waren.“ Man achte auf die Reihenfolge und auf das Tempus des Verbes „sein“. Zu dem Zeitpunkt, als Celan jene Bremer Rede hielt, waren diese Menschen in dieser Landschaft nicht mehr zu Hause. Sie sind tot.

Wie also Heidegger lesen? Seine Verstrickungen ins NS-System verschweigen? All das macht Trawny nicht. Er beschönigt nicht, und er verteufelt nicht, um dadurch sogleich die gesamte Philosophie Heideggers bequem entsorgen zu können. Kein dualer Schematismus, aber auch kein Sowohl-als-auch, man kann es nicht austarieren. Trawny schreitet nicht durch diese Widersprüche und Brüche hindurch, sondern er nimmt sie beim Wort, nennt zugleich die düsteren Seiten Heideggers. Wie schon in „Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung“:

„Die Frage, ob die antisemitischen Passagen der ‚Schwarzen Hefte‘ einen Abschied von Heideggers Denken notwendig nahelegen, scheint keineswegs abwegig zu sein. Wer mit Heidegger philosophieren will, muss sich über die antisemitischen Implikationen bestimmter Gedankenzüge im Klaren sein.“

Es wird auch in den Heidegger-Fragmenten das Problematische nicht eskamotiert. Es ereignete sich eine „Verwundung des Denkens“ so Trawny in seinem Buch zu den „Schwarzen Heften“. Und dieses Motiv greift er auch in seinen „Heidegger-Fragmenten“ immer wieder in Anspielungen auf: Das beginnt bereits damit, daß die Fragmente mit der Überschrift „Apokalyptisch“ beginnen. Kriegsende 45, in Trümmertagen. Und das Motiv dieser Krise – biographisch wie politisch – wird variiert, etwa unter der Überschrift „Antisemitismus-Diskussion“, wo Trawny die Position Donatella di Cesares zum „metaphysischen Antisemitismus“ kritisiert und ebenso unter der zunächst zynisch anmutenden Überschrift „Auschwitz und Haribo“, wo es um Heideggers Bremer Vorträge von 1949 geht, darin wir einen zunächst zynischen und ungeheuerlichen Vergleich finden: Ackerbau sei die „jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, im Wesen das Selbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern […]“.

Auch solche Widersprüche, solche (vermeintlichen) Ungeheuerlichkeiten müssen mitgedacht werden. Trawny nimmt Heideggers Philosophie als das, was sie ist: Mehr als nur einen Text aus dem Philosophiekorpus, den man seziert oder als Lehrgebäude betritt. Auch Widersprüche können zum Denken reizen. Ebenso denkt Trawny also das Zusammenspiel von Denken, Arbeit und Leben bei Heidegger mit:

„Diese Einheit von Arbeit und Leben, diese Lebens-Arbeit als Arbeits-Leben, verwandelt Leben und Arbeit in etwas Drittes, durchaus Künstliches. Kunst vielmehr als Wissenschaft ist Heideggers Biotop. Der Denker erscheint als ein Mensch, der sich die Philosophie auf die Haut tätowiert. Er ist eigentlich kein Mensch mehr, weil er das Menschliche als Problem fasst. Das gilt für Heidegger wie sonst nichts. Er bewegt sich in der Welt wie fleischgewordenes Denken selbst. Wir haben seine Texte als Spur; der Abwesene gehört zu ihr.“

Insofern betreiben sowohl Heidegger wie auch Trawyn das, was man vielleicht – in Absetzung zum Begriff Wissenschaft – als Theorie bezeichnen kann: sich in ein Ungedecktes zu begeben, in Konstellationen zu erzählen, die in ihrer Abfolge eine bestimmte Perspektive auf eine Philosophie liefert. Oder schlicht mit Roland Barthes auf einen Begriff gebracht ist es bei Trawny die „Lust am Text“, die man aus seinen Auseinandersetzungen mit Heidegger herausliest. Dieses freie Moment macht die Fragmente so lesenswert. Daß die Texte eines Philosophen sinnlich besetzt und mit Leidenschaft gelesen werden können, ohne dabei ins Privatisimum zu gleiten. Dies zeigen Trawnys „Heidegger-Fragmente“. Das „Adyton“ Heideggers – so ein anderer Buchtitel von Trawny – kann zwar von uns betreten werden, aber es hat dieser Zutritt einen Preis. Und wer diese Hinführung zu Heidegger liest, weiß hinterher, daß es eben nicht darum gehen kann, einen Text handhabbar zu machen oder ihn in Bernstein zu konservieren und damit zu töten, wie „die Lordsiegebewahrer des Heideggerʼschen Denk-Werks, die die reine Lehre zu Tode konservieren.“

Was wir bei Trawny nicht finden, ist die Verklärung Heideggers. Philosophie ist kein Maßband, das die Größe eines Denkers quantifiziert, um dann eine Büste in der Asservatenkammer der großen Philosophen auszulagern, und ebensowenig erzählt Trawny bloß anekdotische Schnurren. Kein Glorienschein wird von ihm gezündet, sehr wohl aber springt etwas von diesem Faszinosumsfunken Heideggers auf den Leser über. Lesen ist ein erotischer Akt. Gerade weil man mit einem Anderen konfrontiert ist, der einen in die Frage stellt. Diesen unmittelbaren-biographischen, wie auch den philosophischen Bezug zu Heidegger macht Trawny deutlich, und es endet das Buch mit einem schönen, privaten Dank – bei Alkohol in einer Berliner Bar. Großstädtisch-unheideggerianisch, man denke nur an jenen Aufsatz „Schöpferische Landschaft: Warum bleiben wir in der Provinz?“ als Kontrastfolie. Darin sich auch ein Berlinbezug findet.

Es liegt nach dieser Lektüre am Leser, aus Heideggers Textgebirge eigene Funken und Analysen zu schlagen.

Peter Trawny: Heidegger-Fragmente. Eine philosophische Biografie, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018, ISBN 9783103972993, gebunden, 320 Seiten, 25,00 EUR

Heideggers Gift, Heideggers Gabe (1)

Es gibt, insbesondere in der Jugend, jene Texte von Philosophen, die hängen an der eigenen Vita. Es sind Intensitätstexte. Intensivphilosophen, die nicht bloß schreiben, sondern deren Arbeit und Denken zugleich am Leben dieses Lese-Menschen hängt. Man nimmt als junger Leser nicht einfach „Texte“ zur Kenntnis, die für die Geschichte der Philosophie oder für eine bestimmte Problemlage relevant sind, sondern diese Texte samt Vita dieses Philosophen haben oft und genauso etwas mit dem eigenen Leben zu tun: Mit der Art, wie man selbst denkt und worüber man denkt, sei es politisch, sei es als ästhetische oder erkenntniskritische Haltung, sei es in der Präferenz des ethischen Verhaltens. Schreiben, Lesen, Leben und Denken gehören zusammen, und dies nicht nur in den jungen, den wilden Jahren, als wir noch so unnachahmlich glühten und Texte zugleich Leidenschaften waren, die andere für uns und vor uns aufs Papier brachten.

Solche Philosophien, solche Philosophen stehen für etwas ein. Dazu gehören sicherlich die Texte von Sartre, ebenso Adorno, Foucault, Benjamin, Bloch – für manche sogar Wittgenstein –, auf alle Fälle Kierkegaard, womöglich auch Marx oder Plato.

Diese Liste sei subjektiv, wird mancher meinen. Ja, das stimmt, aber setzen Sie dort einmal Husserl ein, dann bemerken Sie, worauf ich hinaus will. Nur wenige, nur der ausgefuchste Profi wird mit 16 sagen: ich lese Husserl, weil sein Leben mit der Epoché korrespondiert. Sartre las man genau deshalb: weil einen – ganz phänomenologisch – eine Kastanienwurzel in einem Park ansprang und in ein Nichts schob. Und dieses Nichts zugleich so etwas wie eine Haltung als Handlung nach sich zog, daß nämlich die Essenzfragen etwas mit Existenz zu schaffen haben. Some of these days. Jugendtage, lange zurück. Wir lasen das, weil des Lesers Leben und damit die eigene politische Haltung mit einer Philosophie korrespondierte, die einen in die Entscheidung stellte, und sei es, diese Art von Entscheidung als philosophisches Kriterium in Frage zu stellen. Womit der junge Leser dann schnell bei Adorno wäre. Ich rede hier von mir.

Nein, solcher engagiert-involvierte Blick auf Philosophie in jungen Jahren ist nichts, das ich als letztlich erstrebenswert und als das einzige Mögliche sehe, Philosophie zu betreiben – ganz im Gegenteil. Und das ist zudem ein Anfang, den man zumindest kritisch reflektieren muß, um darin das Problematische zu sehen und ohne diesen Anfang zugleich im nachhinein als unsinnig zu denunzieren. Solches Verhältnis zu Texten und Denken, das von einer gewissen Unmittelbarkeit geprägt ist, gehört dazu, ist aber auch wieder zu hinterfragen. Die Wege zur Philosophie sind vielfältig. Ebenso die Aufstiege. Und sie sind schwierig. Zumal wir für diesen Weg manche Lese-Passagen nehmen müssen, die einem unmittelbar nicht in den Kram passen, Schwieriges, das nicht bloß wie Hegel-Lektüre schwierig ist, sondern sperrig und staub-trocken, das Schwarzbrot der Philosophie sozusagen: Aristoteles und Kant (insbesondere der der „Kritik der reinen Vernunft“), aber auch Husserl. Dennoch – es muß sein. Martin Heidegger schreibt in seinem lange Zeit geheimen Hauptwerk „Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis)“:

„Die großen Philosophien sind ragende Berge, unbestiegen und unbesteigbar. Aber sie gewähren dem Land sein Höchstes und weisen in sein Urgestein. Sie stehen als Richtpunkt und bilden je den Blickkreis; sie ertragen Sicht und Verhüllung.“ (Heidegger, Beiträge, S. 187)

Auch Heidegger ist ein solcher Denker, dessen Texte das Leben berühren können, nicht nur zu Lebzeiten für die Studentenschar bei seinen Auftritten in den Seminaren und Vorlesungen in Freiburg und Marburg, sondern auch nachträglich – in seinen Texten. Ich lernte sein Denken im Oberstufenkurs Philosophie kennen, ein kurzer Text zur Metaphysik- und Wissenschaftskritik, ich erinnere mich nicht einmal mehr genau, welcher es war. Mich faszinierte diese seltsame Sprache, in der die Welt in eine Darstellung kam, und später beim selbständigen Weiterlesen in „Sein und Zeit“ waren es Begriffe wie Dasein, Vorhandenheit, Zuhandenheit: daß da plötzlich nicht mehr vom (neuzeitlichen) Subjekt gesprochen und durch dessen Optik auf die Welt geschaut wird, die einem da als Ding gegenübersteht, sondern ein anderer Blick, einer aus exzentrischer Denkachse bot sich an. Und dennoch wurde in diesem Philosophieren eine Perspektive eingenommen, die exzeptionell mit dem Einzelnen zu schaffen hatte, man lese nur die Stellen zu Sorge und Angst und zum Tod oder zur Uneigentlichkeit. Auch das war in meinen Augen Gesellschaftskritik. Mit anderen Mitteln freilich, als es bei Marx und Adorno geschah und in meinen Augen unbedingt eine sinnvolle Ergänzung zur materialistischen und an Hegel orientierten Theorie. Also nicht Entweder/Oder-Denken, sondern mitten durch die vermeintlichen Gegensätze hindurch führt der Weg, so dachte ich mir.

Es fragte in „Sein und Zeit“ einer nach etwas, was uns immer schon umschließt, was aber nicht einfach im Sinne unseres herkömmlichen Vorstellens zu vergegenwärtigen ist. Eine Entzugsinstanz. Sein selbst. Seyn. Da wo die Phänomenologie nach Husserl unter anderem „Zu den Sachen selbst“ wollte, beschritt jemand einen anderen Weg, um dahin zu gelangen. Aber was um alles in der Welt ist dieses Sein? So steht der junge Mann da und blickt auf diese Welt. Mit einem Buch in der Hand. Und da war zugleich der Aspekt der Zeit, der Zeitlichkeit, was sich gut mit der Lektüre von Proust paaren ließ, den ich damals ebenfalls las. Und seltsam, so dachte ich mir: weshalb kommt Proust bei Heidegger nicht mit einem Wort vor?

Gleiches Fragen galt für Heideggers scharfe Kritik der Metaphysik. Sie wurde freilich nicht, wie bei den logischen Positivisten damals, einfach als unsinnig beiseite geschoben, was selbst wiederum von jenen Positivisten ein unsinniges Unterfangen war, das auf metaphysischen Prämissen beruhte, sondern Heidegger sah diese Metaphysik als unbedingt notwendig an. Die Metaphysiker sind die ragende Berge. Doch war diese Metaphysik im Gang des Denkens und der Philosophie ebenso zu verwinden, aber eben nicht abstrakt zu negieren. Der Begriff Destruktion – woraus später dann bei Derrida ein Verfahren (keine Methode!) der Dekonstruktion von vermeintlich natürlichen Gewißheiten und Begriffen erwuchs, eine andere Form also, um „zu den Sachen“ zu gelangen – meinte also nicht einfach ein simples Kaputtschlagen wie beim Positivismus oder ein nachmetaphysisches Denken, das die Metaphysik dank glücklichen Fortschreitens in der Philosophie für überwunden hält – gleichsam eine Aufhebung ohne Aufhebung. Dies wären allesamt Veranstaltungen einer subjektiven Tathandlung, im Grunde ein verlängerter Fichteianismus grob gesagt bzw. eine einfache Verkehrung der Vorzeichen: das also, was Heidegger (von mir zugespitzt-simplifiziert) Nietzsche in seiner Kritik vorwarf: nämlich ein umgekehrter Platonismus.

Nein, dieser Überstieg der Metaphysik verlief anders. Als Verwindung, indem Heidegger die Texte der großen Denker ernst nahm. Und, wie ich schnell bemerkte, bestand das Faszinierende an Heidegger gar nicht so sehr und nur aus „Sein und Zeit“ und den Texten aus den „Wegmarken“ sowie den „Holzwegen“, darin insbesondere der Kunstwerk- und der Hegel-Aufsatz – Bücher, die ich mir schnell käuflich zulegte. Sondern ebenso faszinierend waren Heideggers Vorlesungen zu Platon, zu Aristoteles, zu Hegel, zum Deutschen Idealismus, zu Schelling, zur Scholastik. Und vor allem die zu Hölderlin. Daß da ein Philosoph in der Dichtung selbst nicht bloß ein Moment der Philosophie ausmachte oder dort per ordre Philosophie hineinpreßte, sondern weil Philosophie und Dichtung in der Art ihres Sagens in einem Verhältnis und Verweis stehen. Ohne sogleich die Gattungsgrenzen einzuebnen und alles über einen Leisten zu schlagen. Daß aber sehr wohl in der Philosophie und in der Dichtung etwas zum Ausdruck kommt, das verwandt ist. Ein ähnlicher Gedanke, der sich auch bei Adorno findet – nebenbei.

Aber da war bei Heidegger noch etwas anderes. Diese dunkle Stelle, eine eher abgründige Seite, wenn man pars pro toto seine Freiburger Rektoratsrede von 1933 nimmt oder sein Gutachten zu Hönigswald. Ja, in der Tat: ebenfalls reizte mich bei Heidegger das Politische. So anders bei Heidegger vorzufinden, so anders als ich damals mit 18 Jahren und mit 26 Jahren dachte, und dennoch in „Sein und Zeit“ dieser dichte Ton, in den späteren Schriften dann dieser dichtende, verdichtende Philosophie, die mehr als nur das sein wollte. Es war der Stil und waren die Verstrickungen in der NS-Zeit, die mich reizten. Oft berühren uns die Abgründe im Denken und am Menschen und daß da trotz alledem ein derart wirkungsmächtiger Text steht und ins Zentrum rückt – zusammen mit Hegel, Adorno, Benjamin, Kafka, Proust, Benn, Jünger, Celan, Hölderlin und später vor allem Novalis. Der Durchgang durch die Metaphysik als deren Kritik und zugleich diese Metaphysik als notwendig zu setzen. Etwas zu denken, das so bisher niemals gedacht wurde. Wir leben aus den Widersprüchen und es faszinieren gerade solche Bruchstellen. Zumal sie bei den in Schemata denkenden Linken häufig auf Unverständnis stoßen. Texte aber sind keine Dogmenkammern, das ist eine schlicht antiphilosophische Haltung, sondern sie sind nach ihrem Inhalt und nach ihren Aussagen zu nehmen.

Philosophie freilich ist ebenso an Performanz gekoppelt – besonders in jenen jungen Jahren gilt das für viele. Es hat solche Lektüre etwas Versenkendes, Ich-Vergessenes, der Leser versteigt sich in das Denken des Anderen. Diese Faszination, die von den Heidegger-Texten ausgeht, ist schwierig zu beschreiben. Es war die Sprache vor allem und diese Art wie etwas gedacht und was da gedacht wurde. Seit über 30 Jahren bin ich an Heidegger dran und immer wieder ist da diese Bewegung von Repulsion (als Scheu, als Abstoßung gedacht) und Attraktion. Im Augenblick überwiegt die Attraktion wieder.

Heideggers „Beiträge“ (GA 65), „Das Ereignis“ (GA 71), die sogenannten „Schwarzen Hefte“ (GA 94-98), also die eher esoterischen, nicht lehrhaften, nicht akademischen Schriften Heideggers, lesen sich wie Meditationen. Es ist ein Gleiten, eine Sprache, die nicht mehr einfach philosophische Thesen aufstellt, sondern die im Vollzug, also performativ, ihren Gegenstand ausfaltet – das hat Heidegger nebenbei mit seinem „Rivalen“ Adorno gemeinsam. Nicht um Sachverhalte zu lernen, lese ich diese Heideggerschen Denkbücher, sondern um an der Erfahrung des Denkens teilzuhaben und dem zuzusehen, was da denkend geschieht: Was es ist, nicht nur dies-zu-sein, sondern was ist Seyn? Ist das, was Heidegger macht, noch Philosophie, so wie wir sie im herkömmlichen, im lehrbetriebhaften Sinne verstehen, der an den Universitäten betrieben wird? Dazu muß man sich, wie auch bei Dichtung – ohne freilich daß Heideggers Philosophie doch Dichtung ist, damit da keine Mechanismen der Entschärfung aufkommen, wie man es im akademischen Betrieb gerne pflegt – auf die Sprache Heideggers einlassen. Nicht den eigenen Horizont in den Text hineinprojizieren, sondern denken, was da steht. Verstehen. Dialektisch meinetwegen. Wozu sicherlich zunächst auch eine persönliche Voraussetzung gehört: sich nämlich von einem Text überwältigen lassen – was zugleich nicht heißt, alles das, was da steht, unkritisch zu übernehmen, gutzuheißen oder nachzubeten. Heidegger-Lesarten entwickeln.

Wie aber über solches Lesen, wie über solches Denken schreiben? Wie diese (auch privaten) Denk- und Leseprozesse faßbar machen? Lehrbücher und Kommentare, zu „Sein und Zeit“ und ebenso zu jenen esoterischen Schriften, sind mannigfach verfaßt. Man kann da das 1001te Lehrbuch vorlegen, was ich nicht als Negativ-Kritik verstanden wissen will, denn wenn ein Kommentar neue und wichtige Aspekte eröffnet, so kann er gut und wichtig sein. Doch wenn ein Philosoph andere und originelle Formen findet, diesen Denker darzustellen, so ist dies um so besser. Was es mit einem solchen anderen Zugang auf sich hat, wie man einen solchen Weg zu Heidegger findet, dazu komme ich im zweiten Teil – nämlich in der Rezension zu Peter Trawnys „Heidegger-Fragmente“. Diese längere und umweghafte Hinführung freilich war notwendig, um anschaulich zu machen, was es mit diesem Faszinosum Heidegger auf sich hat. Wie ein Text Sog und Gewalt auf einen Leser auszuüben vermag. Was auch den Titel dieses ersten Essay-Teils motiviert.

Todtnauberg

Arnika, Augentrost, der
Trunk aus dem Brunnen mit dem
Sternwürfel drauf,

in der
Hütte,

die in das Buch
– wessen Namen nahms auf
vor dem meinen? –,
die in dies Buch
geschriebene Zeile von
einer Hoffnung, heute,
auf eines Denkenden
kommendes
Wort
im Herzen,

Waldwasen, uneingeebnet,
Orchis und Orchis, einzeln,

Krudes, später, im Fahren,
deutlich,

der uns fährt, der Mensch,
der’s mit anhört,

die halb-
beschrittenen Knüppel-
pfade im Hochmoor,

Feuchtes,
viel.

(Paul Celan)

(Bildquelle: https://www.flickr.com/photos/renaud-camus/13621399955)

Karl Lagerfeld

Exzentrisch zu sein, ist in der Moderne einer ausdifferenzierten und zugleich doch gefügten Gesellschaft vielleicht nur noch solchen wie Lagerfeld möglich. Das wirkt auf viele skurril, und dieses Gefühl fürs Seltsame der eigenen Daseinsweise brachtet Lagerfeld selbst im Grunde gelungen auf den Punkt, wenn er davon sprach, daß er eigentlich nur eine Karikatur seiner selbst sei. Es wirkt solches Dasein wie Hybris oder aber wie ein Ausbruch aus den normalbürgerlichen Konventionen einer Erwerbsarbeit, der immer auch der Schrecken eingeschrieben ist und die mit der Anstrengung erkauft ist. Und doch finden wir in diesem Ausbruch des Exzentrikers ein Dasein, was sich am Ende ihres mühevollen Tages von Arbeit zumindest manche doch irgendwie wünschen: es anders machen, das zu tun, was gefällt, eine Arbeit nach dem Prinzip von Lust. Hilfloses Surrogat oft: wenn sie bzw. wenn wir in unseren kleinen Fluchten meinen auszubrechen, zeigt sich etwas davon. Im Abschweifen in den Konsum, wenn wir im angenehmen Warenhaus kaufen, wenn sie bei Zalando Billiges oder Seltenes erstehen, im Kinobesuch, aus dem man nicht immer dümmer herauskommen muß, aber oft leider schon, im Tinder-Gefühl, im Stadttheater als Kulturbetrieb oder oder in ihrem Twitter-Politverband, wo sie ihre Privatsicht als moralisch-hehre Haltung verkaufen oder in einer sich längst totgelaufenen Kritik oder Affirmation als Reflex auf Kritik oder in SUVs auf Autobahnen als Fluchtfahrt, Todfahrt, Heimfahrt.

In der Seltsamkeit des Exzentrikers liegt die Utopie. Selbst da, wo er mitten im Betrieb steht und zum Erhalt beiträgt. Das Gespür für die Schönheit eines Augenblicks oder für den herrlichen, doch  kaum merklichen Fall einer Falte im Kleid der Schönsten auf dem Laufsteg verschafft manches Mal mehr als das lausige Reden, Machen, Tun und Schreiben und unser Einerlei.

„Doch Wahrheit ist nicht – wie der Marxismus es behauptet – nur eine zeitliche Funktion des Erkennens sondern an einen Zeitkern, welcher im Erkannten und Erkennenden zugleich steckt, gebunden. Das ist so wahr, daß das Ewige jedenfalls eher eine Rüsche am Kleid ist als eine Idee.“ (Walter Benjamin, Passagenwerk)

Damit mag der König in die Höhe fahren: christlich, idealiter, am Material orientiert oder am Ende wie wir alle bloß als Erde. Und es bleiben als Werke und Tage jene Rüschen unseres Lebens, an die sich andere erinnern. Oder nicht. Ob Lagerfeld sich freilich in die Theorie des Dandys  fügt, so wie Walter Benjamin ihn konzipierte, darf man eher bezweifeln. Die Zeiten sind andere und der Glanz der Warenwelt verschob sich. Die Passagen aus dem Paris des 19. Jahrhunderts strahlen in einem fremden Licht, die Zirkulationssphäre wandelte sich. In der Sphäre des Konsums und der allgemeinen Verfügbarkeit noch des Widerständigen bleibt kaum Zeit und Raum für jenen Dandy.

 

Zum Tod von Bruno Ganz

Ich selbst gehörte seinerzeit zu den begeisterten Hitlerimitatoren. Wir haben das schon in der Oberstufe gemacht, weil das Punk-Gestus war. Und womit sonst kann man linksliberale Lehrer noch irritieren? Lehrer, die mit einem Mitte der 1980er Jahre auf dieselben Anti-Atomraketen-Demos gehen. Hitler spielen also als neuen Schulsport. Bruno Ganz fügte dem eine neue Ausdrucksvariante hinzu, später dann, 2004, unnachahmlich im „Bonkär“. Schon wir damals im Geschichtsleistungskurs 84: „A propos ‚Wehrmacht‘: Wer macht heute abend die Weinflaschen auf?“ Wir aber waren im Bunker eher so die Wachmannschaften und Offiziere, die zunehmend beim Wein verluderten.

Doch das ist eigentlich unwesentlich, diese Anekdote ist auch nur wieder eine Form der Selbstinszenierung des Hausherrn im Grandhotel Abgrund und nichts gegen Ganz, denn selbst diese Rolle des FH, des Führer Hitler, spielte Bruno Ganz mit Bravour, und keineswegs ließ er sich auf eine solche Rolle in seiner Ausdrucksvielfalt reduzieren. Im Gegenteil war dies eigentlich ein ganz und gar gelungener Rollenwechsel des eigentlich ruhigen, melancholischen, intellektuellen Ganz: der mit dem Gesicht des Künstlers, des Denkers,des Sinnlichen. In seinem Gesicht, in seinem Gestus lagen eine Ruhe und eine Schönheit, wie sie nur wenige Schauspieler haben. Vielleicht der junge Helmut Berger und vor allem Oscar Werner.

Ich mochte Bruno Ganz (und Otto Sander) in „Der Himmel über Berlin“, obwohl ich den Film damals, 1987, mit Verachtung strafte. Vor allem wegen dieser artifiziellen Sprache, in der die Leute von der Straße eben nicht denken, so dachte ich damals, zu überzuckert war diese Sprache geraten, oder wie Adorno es in bezug auf eine bestimmte Dichtung und Vintage-Gebilde einmal schrieb: „Gebeizte Stimmungskunst“: wenn das Schockmoment, das einst mit den Film-Werken einherging zugunsten eines gefälligen Umgangs verblaste. Heute freilich sehe ich es anders, sehe den „Himmel über Berlin“ wohlwollender, eine schöne Geschichte, auch der Schmutz von Berlin und zugleich ein großer Glanz, eine Stille, die da in der damals noch zerrissenen Stadt herrschte. Denke beim Rückblick noch an das Nick Cave-Konzert. Feine alte Zeit, wo auch ich mich bei Nick Cave-Konzerten herumtrieb, und es ist ja immer noch sehr gute Musik, bis heute. Sie paßte ebenfalls damals zu diesem Lebensgefühl da in Berlin. Wenngleich ich damals nicht an der Schaubühne war und Bruno Ganz schaute. Dennoch waren wir schon früh Fans.

Ja, ich liebte Ganz als Schauspieler vor allem in der „Marquise von O“, Regie Éric Rohmer, dessen Filme wir insbesondere zur Punk-Zeit mit Vorliebe sahen, vielleicht als Erlösung von all der Unruhe der Zeit, der rauen Musik und politisch mit Le Waldsterben, Le Angst und Le Atomkrieg – diese ins Hysterische gehende Panik konnte ich, bei all der verständlichen Unruhe, nie nachvollziehen. Sinnlos. Ich wollte einen kritischen und hedonistischen Punk, eine kritische, eine brutale, eine gesellschaftliche, eine autonome Kunst. Ich wollte den Lobpreis des Scheins, der Gebilde des Trugs, des Spiels. So wie in der Marquise? Das Aussetzen der Wirklichkeit und zugleich die ungeheure Brutalität darin. Ich schätzte vor allem „Der amerikanische Freund“ – lange, lange ist all das her. Und ich möchte unbedingt erwähnen: die schöne TV-Serie „Tassilo – Ein Fall für sich“. Bruno Ganz verkörperte diesen wehmütigen Detektiv in großartiger Weise. Selten solch ein guter Ermittler.

Nun also ist einer der großen Schauspieler gegangen. Diese seltsamen Schweizer.

Simon Strauß faßt es in der FAZ schön zusammen:

„1996 wurde ihm der Iffland-Ring, die bedeutendste Auszeichnung für deutschsprachige Schauspieler der Gegenwart, verliehen. Seinen letzten Bühnenauftritt hatte er 2012 in Luc Bondys Pariser Inszenierung von „Homecoming“, seinen letzten Filmauftritt in Lars von Triers „The House That Jack Built“. Da spielte er den klugen Führer ins Totenreich. Seine Lesungen waren eindrucksvoll. Die letzte sollte bei den Salzburger Festspielen 2018 zusammen mit Edith Clever aus dem Briefwechsel Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze sein. Schweren Herzens musste er sie absagen. Nun ist er im Alter von 77 Jahren gestorben.“

 

 

 

Im Neigungswinkel der Existenz – Zum Tod von Thomas Bernhard (2)

„‚Ich würde mich nicht so leicht in alles fügen‘, sagte Siebenkäs, ‚wenn mir nicht doch ahnete, daß ich dir bald einmal wieder begegnen werde; ich bin nicht wie du; ich hoffe zwei Wiedersehen, eines unten, eines oben. Wollte Gott, ich brächte dich auch zu einem Sterben wie du mich, und wir hätten dann unser Wiedersehen auf einem Bindlocher Berge, blieben aber länger beisammen!‘
Wenn die Leser sich bei diesen Wünschen an den Schoppe im Titan erinnert finden: so werden sie betrachten, in welchem Sinne das Schicksal oft unsere Wünsche auslegt und erfüllt. Leibgeber antwortete bloß: ‚Man muß sich auch lieben, ohne sich zu sehen, und am Ende kann man ja bloß die Liebe lieben; und die können wir beide täglich in uns selber schauen.‘“
(Jean Paul, Siebenkäs)

Daß ich irgendwann wieder von meinem seligen Friedhofsort hinab mußte, war gewiß. Hatte ich doch für den Sonntag noch eine weitere Aufgabe, nämlich für eine deutsche linke Wochenzeitung eine Reportage über den Böhmischen Prater zu machen, den nicht ganz so bekannten, den anderen Prater von Wien, was also etwas Recherchearbeit nach sich zog. Aber das wieder ist eine neue Geschichte, die hier nicht erzählt werden kann. Auch nicht, daß ich aus lauter Autoren-Pflicht zum Abend noch kränker wurde und meine Parkett-Karte für ein Horváth-Stück im feinen Burgtheater verfallen lassen mußte. Fritz J. Raddatz hätte sich das auf sein Honorar draufgeschlagen. Ich aber bekomme Fixum und nach Zeilen bezahlt. Lebenspech. Theoretisieren wir also ein wenig weiter.

Wie wir von uns oder von anderen erzählen, ist die zentrale Frage der Literatur, es ist eine Frage der Form, in der sich der Inhalt sedimentiert – inzwischen im postmodernen Erzählen auch selbstreferenziernd. Wie wir eine Geschichte bauen, die gute Literatur ist. Zwar bleibt selbst angesichts all der gelungenen Literatur der Gedanke: Am kühlen Grab oder besser, darin, denn darüber war es ein warmes Grab in Septembersonne, ist es ganz gleich geartet – da dringt kein Ton mehr hinein. Und keiner heraus vor allem. So ist all unser Schreiben nur vergänglich. Wir haben da unten vom Ruhm nichts mehr.  Doch wo wir in Büchern wirken und schreiben, da ist etwas in die Welt gebracht und dauert – trotz der Beteuerung des Protagonisten Reger in „Alte Meister“, daß der einzig geliebte Mensch durch kein Kunstwerk zu ersetzen sei, so sinniert Reger vor jenem altern Tintoretto-Meisterbild im Kunsthistorischen Museum. Ein Vergleich aus der Verzweiflung geboren. Er stimmt. Und er stimmt nicht.

Dennoch bleib auch von solcher Kunst etwas: als Bild, als Schrift, als Literatur. Als Bezug zur Zeit und als eine Form des Andenkens. So wie von meinem datierbaren Bernhard-Besuch am 30.9.2018 in Wien-Grinzing mit Grabeszwiegespräch ein freundlicher Blogtext in dieser Welt überwintert. Und ich erinnerte mich da in Grinzing an die traurige Friedhofsszene in Jean Pauls „Siebenkäs“: An Siebenkäs‘ Pseudo-Beerdigung und wie ihm dieser Schein-Tod die Freiheit von seinem doch zugleich geliebten und zänkischen Weib Lenette bescherte. Und als er sich dann des einen Males in sein altes Dorf Kuhschnappel schlich, um zu schauen, was da ist, wo sein altes Leben einst war, auch über den Friedhof spazierend, und wie Siebenkäs da harrte und plötzlich vor seinem eigenen Grabe stand:

„Endlich kam er vor den Bettschirm der Grab-Sieste, vor seinen Leichenstein, dessen Inschrift er mit einem kalten Schauer herunterlas. »Wenn nun diese steinerne Falltüre auf deinem Angesichte läge und den ganzen Himmel verbauete?« sagt‘ er zu sich – und dachte daran, welches Gewölke und welche Kälte und Nacht um die beiden Pole des Lebens, so wie um die beiden Pole der Erde, herrsche, um den Anfang und um das Ende des Menschen – er hielt jetzt seine Nachäffung der letzten Stunde für sündlich – der Trauerfächer einer langen, finstern Wolke war vor dem Monde ausgebreitet – sein Herz war bang und weich, als plötzlich etwas Buntes, was nahe an seinem Grabe stand, ihn ergriff und seine ganze Seele umkehrte.

Es stand nämlich darneben ein neues, lockeres Grab in einer hölzernen, übermalten Einfassung, ähnlich einer Bettlade; auf diesen bunten Brettern las Firmian, solang‘ es sein überströmendes Auge lesen konnte: »Hier ruht in Gott Wendeline Lenette Stiefel, geborne Egelkraut aus Augsburg. Ihr erster Mann war der wohlsel. Armenadvokat St.F. Siebenkäs.“

Jean Paul ist ein Meister der Suspense, der unerwarteten Wendung, des feinen Witzes und tiefer Traurigkeit.

In Paul Celans Büchnerpreisrede „Der Meridian“ steht eine Passage, wo Celan davon spricht daß man als Dichter unter dem „besonderen Neigungswinkel der eigenen Existenz“ schreibe. Zwar verschwindet das private, das öffentliche Ich, das Lebens-Ich in jenem Text, den wir Literatur und Lyrik nennen – der Text, in dem ein jegliches zugleich fiktiv und real in einem aufscheint und darin sich wandelt –, doch geschieht dort, in dieser Transsubstantiation des Ichs als Dichtung, die „Sprache eines Eigenen“, so Celan. (Der Anklang an Hölderlin und an den freien Gebrauch des Eigenen ist nicht zu überhören.) Und dieses Eigene verwandelt wiederum.

Auch auf Thomas Bernhard trifft dieser „Neigungswinkel der eigenen Existenz“. Ein Winkel aber ist zugleich eine Veränderung der Richtung, ein Bruch in der Linie, und von diesem Bruch her schrieb Bernhard: nämlich vom Tod, von der Krankheit, von dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod, der (s)ein Leben begleitet. Bernhard war seit Kindheit an sterbenskrank. Todkrank. Man kann das in seiner biographischen Tetralogie nachlesen: „Die Ursache“ „Der Keller“, „Der Atem“, „Die Kälte“ bzw. seiner Pentalogie, wenn man „Ein Kind“ mit in diese Reihe nimmt. Siebziger Jahre, Ich-Texte. Der von Bernhard aber ist besonderer Art und nicht bloß die öde Bekenntnisprosa der Subjektlosen, die sich, weil sie keines haben, aufs Subjekt kaprizieren: Bei manchen sei es eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen. Nicht bei Bernhard.

Atemwegserkrankung. Auch dieses Atemlose in Bernhards Prosa wurde unter dem „besonderen Neigungswinkel der eigenen Existenz“ geschrieben. Dieser Thomas Bernhard-Sound, der als nicht endenwollendes Satzstakkato und als Musik gleichermaßen ins Ohr schießt und dort nicht mehr hinausgelangt. Wenn es schlecht und epigonal verläuft, verstopft er schließlich den Gehörgang. Nichts als ein unendlich sich wiederholender, kreisender Text.

Auch Heidegger, den Thomas Bernhard in seinem vorletzten, heiter-traurigen Roman „Alte Meister“ mit einer grandiosen Beschimpfung (in Figurenrede versteht sich!) versah, wußte davon: Im Sterben nicht, sondern im Tod erst konstituiert sich die Ganzheit des Daseins, so heißt es in „Sein und Zeit“. Doch dieses Wissen kann an diesem Schnitt-Punkt nicht mehr gewußt werden. Götterdämmerung, ohne Gott, Weltverfinsterung. Das Schwarz der Schwärze. Bernhard ist all dies bekannt und es wird von ihm mit einem halkyonischen Lachen ausgesprochen. Er schrieb Dichtung.

Er führte die Form des literarischen Textes in Umkreisung sowie in musikalischer Wiederholung, um im Schreiben einen Punkt anzusteuern, der niemals erreicht werden kann: So wie der Zirkusdirektor mit seinen Komparsen niemals das Forellenquintetts zustande bringt, der Protagonist in „Beton“ niemals die Geistesarbeit schlechthin, also jenen unendlich beziehungs- und denkreichen Text über Mendelssohn Bartholdy fertig scheiben wird und Brusconi niemals seine Weltmenschheitskomödie „Das Rad der Geschichte“ wird aufführen können: „Utzbach, ausgerechnet Utzbach“. Es kreist die Prosa um die leere Mitte, abwesendes Zentrum, nie zu bewältigende Aufgabe, aber so, als wäre dieses Zentrum präsent und im Denken wenigstens noch irgendwie zu vergegenwärtigen, zumindest als Mystik – aber Bernhard ist nur bedingt ein Mystiker, soviel sei verraten –, als wäre diese Geistes- und Schreibaufgabe in irgend einer Weise schreibend zu schaffen, obwohl im Schreiben dieses unendlichen und alles im Denken erfassenden Textes nicht einmal der erste Schritt getätigt wurde. Es haftet bei den Bernhardschen Geistesmenschen alles auf Anfang. Und in der Krankheit: Morbus Boeck. Schreiben: ein Akt der Auslöschung.

Daß Bernhards Text immer wieder Novalis nennt, dürfte kein Zufall sein. „Was soll Echo machen, die nur Stimme ist?“, so Novalis in den Fichte-Studien. Gegenstand und Gegensatz bestimmen sich in der Schrift. Bernhard machte die Novalissche Philosophie zur Selbstverschleifung einer Antiromantik: dem Gemeinen wird nicht mehr der höhere Sinn und dem Gewöhnlichen kein geheimnisvolles Ansehen gegeben, sondern Gemeines und Gewöhnliches erscheinen als das, was sie sind, und es wird der Weltekel im Kreiseln der Sätze mehr und mehr. Aber lachend, im Modus der Ironie, eines tobenden Witzes, eines Furors, zweifelnd und verzweifelnd im Taumeln als Existenz. Und das ist durchaus auch gesellschaftlich gegründet. „Wechselerhöhung und Erniedrigung“ schreibt Novalis in seinen Fragmentsammlungen.

Wer aber Bernhards Text als bloße Überdrußhandlung des Weltschmerzjünglings liest, dem die Welt in euphorischen Verzückungsspitzen zuwider ist, der liest an Bernhards Text vorbei und verkennt das System dieses Textes: Ästhetische Form als Ausdruck inhaltlich konzentrischer Kreise in kalter Analytik des sprachlichen Daseins. Denn zugleich existiert bei Bernhard jener Bezug zur sprachanalytischen Philosophie Wittgensteins. Und nomen est omen: „Ich gehe zu keinem Doktor Frege mehr!“ heißt es in „Ritter Dene Voß“. Zu der Frage, ob die Welt auch als Tautologie in der Wahrheit gerechtfertigt sei, bleibt die Antwort: Kreisend.

Thomas Bernhards Schreiben kam von der Musik her, diese Herkunft hört man seiner Prosa an. Es strömen die ausufernden Perioden, die einerseits das Ewig-Kreisende, andererseits das Suchende beteuern. Fast in einer onomatopoetischen Anmutung geschieht das in seiner Erzählung „Gehen“, die in genau diesem Klang selber ein Stück Gehen, gehetztes, ständig fortschreitendes Gehen ist. Und ganz ähnlich klingt dieses Überschlagen und in der Wiederholung Vorantreibende der Sprache in der Erzählung „Goethe schtirbt“, die zuerst in „Die Zeit“ von 1982 und dann 2010 in dem gleichnamigen Erzählungsband erschien. Es ist das monologisch-monadologische Sprechen einer Ich-Instanz, die sich ihrer selbst und ihrer Welt in eben jenem Sprechen vergewissern möchte und die dabei bemerken muß, daß all diese Versuche ganz und gar vergeblich sind. In hora mortis: das Aussetzen der Sprache ist der Tod der Prosa, der Tod dieses Subjekts. Das liest man ebenfalls aus Bernhards Gedichten heraus, die bisher seltsam unentdeckt geblieben sind.

Auf Schritt und Tritt begegnet uns dieser Tod – mal als Entzugs, als dieses letzte Mal, wo wir nach einem Abendmahl, einem Abschied oder einem Streit einen Menschen zum letzten Mal in unserem Leben sehen, jene, der wir hernach nie mehr wiederbegegnen werden. Oder als letztes Mal unsere selbst, als letzter Atemzug, ganz real, so daß nur noch jener kalte und versteinerte Körper mit dem eingefrorenen letzten Zug verbleibt. Der Tod, der Tod, der Tod und das Mädchen, der Tod und das Subjekt, der Tod und die Literatur, der Tod und die Liebe. Der Tod als Lebenshintergrund. Bei Bernhard war er in drastischer Weise präsent und schaute zu: wie man in seiner autobiographischen Tetralogie nachlesen kann.

Ja, Goethe stirbt: es ist der Tod, in dessen Angesicht am Ende alles lächerlich erscheint. Nichts bleibt. Und so ging es, wenn man Thomas Bernhards Prosa glauben darf, am Sterbebett des Geistesriesen-Mannes aus Weimar in einem Akt humanistischer Weltverfälschung zu:

„Und kurz darauf jene zwei Wörter, die seine berühmtesten sind: Mehr Licht! Aber tatsächlich hat Goethe als Letztes nicht Mehr Licht, sondern Mehr nicht! gesagt. Nur Riemer und ich – und Kräuter – waren dabei anwesend. Wir, Riemer, Kräuter und ich einigten uns darauf, der Welt mitzuteilen, Goethe habe Mehr Licht  gesagt als Letztes und nicht Mehr nicht!  An dieser Lüge als Verfälschung leide ich, nachdem Riemer und Kräuter längst daran gestorben sind, noch heute.“ (Thomas Bernhard, Goethe schtirbt)

Es braucht am Ende die Verfälschungen der Literatur. Mehr Licht statt Mehr nicht. Die wenigstens können letzteren Satz ertragen. Thomas Bernhards Prosa, seine Lyrik und der dramatische Text haben diesen Umstand begriffen. Und die Weisheit des Silen hat Bernhard niemals verschwiegen. Und gelacht.

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Die Werke Thomas Bernhards sind bei Suhrkamp als Gesamtausgabe erhältlich: „Neun Romane, fünf autobiographische Bücher, vier Bände Erzählungen, sechs Dramenbände, ein Gedichtband, zwei Bände mit Journalistik, alles von Thomas Bernhard jemals, in Buchform wie in Zeitungen und Zeitschriften, Veröffentlichte“

[Dieser Text ist die stark überarbeitete, erweiterte Fassung eines Blogbetrags aus dem Jahr 2014]

Im dreißigsten Jahr: Zum Tod von Thomas Bernhard (1)

„Das Wesentliche an einem Menschen komme erst dann, wenn wir ihn als für uns verloren anschauen müssen, in der Zeit, in welcher dieser Mensch nur noch von uns Abschied nimmt, zum Vorschein. Er könnte auf einmal in allem, was an ihm nur noch Vorbereitung auf seinen endgültigen Tod sei, auf seine Wahrheit hin identifiziert werden.“ (Thomas Bernhard, Verstörung)

Die Schrecksekunde, als ich es vor dreißig Jahren in der Zeitung las: Thomas Bernhard tot. Internet gab es damals nicht und keine „Zeit“, keine „FAZ“, die minutengenau zur Punktlandung Thema Tod aufsetzten. Also geschah es naturgemäß, wie der Lauf der Medienzeit – der alten, der guten – damals sich gerierte, in den Zeitungen einen Tag später: Nachrichten waren langsam. Zumindest vom Heute aus gesehen.

Da also am 12.2.1989, an einem Sonntag im düsteren Februar einer der heimlichen (und hier auch heimischen) Hausheiligen dieses Blogs Todestag hat, muß es eine Hommage an Thomas Bernhard geben. Und zwar als Spaziergang in luftige Höhen, mit Krankheitsschub. Versteht sich. (Wer exzessiveres Gehen mag, lese die Bernhard-Erzählung gleichen Titels: Ein Wortschub, wie ein rasender Spaziergang.) Es war letztes Jahr in Wien. Ich besuchte zum ersten Mal Bernhards Grab, das nicht, wie die meisten annehmen, auf dem Zentralfriedhof ist, wo bekanntlich alle Prominenten Österreichs begraben liegen, oder zumindest fast alle Prominenten, sondern vielmehr auf dem ebenso abseits gelegenen, aber deutlich unbekannteren Grinzinger Friedhof, wo Bernhard sich klammheimlich und in aller Stille neben seinem Lebensmenschen beerdigen ließ.

Raus ging es also von der Josefstadt zu Fuß durch die Alservorstadt und dann mit der Tramlinie 38 weiter hinauf. Herrlicher Herbstsonntag über Wien. Und als ich in jenem beschaulichen Bezirk ankam, da Bernhard begraben liegt und wo die Weinseligkeit hängt und es fein, nein böse, derbe, grantelig, melancholisch im guten alten Wienerlied beim Heurigen tönt und klingt – es „muß ein Stück vom Himmel sein“, das ist in Wien so –, schlenderte ich bergan. Bei ziemlicher Hitze, trotzdem es bereits der letzte Tag im September war, nämlich der 30. Leider nicht vom Wein trunken, sondern derangiert durch eine Erkältung. Keine süße Herbstmelancholie, im milchigen Nebellicht die Blätter glänzen, sondern eine gleißende Pan-Sonne sticht über dem halborientalen Wien.

Hoher Mittag. Und ich kämpfte mich den Hügel hinauf, an den sich der Friedhof schmiegte, ich betrat das Tor, in der Hoffnung, es auch wieder zu verlassen und nicht womöglich in ein ausgehobenes Grab zu stürzen und dort vor Schwäche oder an gebrochenem Erkältungsherz zu verenden. Es geschah dies zwar nicht, aber eine noch stärkere, sich zunehmend einstellende und erheblich sich steigernde Erschöpfung, die auch die Lungen in Mitleidenschaft zu ziehen schien, ließ mich schier verzweifeln, eine Erschöpfung nicht nur durch die Hitze und die mehr und mehr zum Kopfe gestiegene Erkältung, sondern auch eine Ermattung durch innere Unruhe, denn es geschah das, was ich nicht für möglich hielt: Ich fand das Grab nicht. Ich hatte mir aus dem Internet die Lage notiert, hatte mir die Gestalt des Grabmals eingeprägt, aber trotz Suche fand und fand ich das Grab an dieser markierten Stelle nicht. Nicht daß das Grab leer wäre, sondern es war gar nicht erst da. Nichts. Menschen, Tote zwar, aber kein Bernhard-Toter. Die wenigen Menschen, die da Sonntag-Mittag auf dem Friedhof spazierten, konnten mir ebensowenig helfen. Du mußt die Blickrichtung ändern, dachte ich mir. Irgendwas funktioniert beim Schauen nicht. Und in der Tat – ich hatte aus dem Internet eine Grabtafel mit mehreren Namen im Kopf, darunter eben auch der von Bernhard, darüber der von Hedwig Stavianicek, seines Lebensmenschen. Nur, daß es sich hierbei um eine aufklappbare Tafel aus Metall, Bronze oder was auch immer handelte. Und heute war sie eben zugeklappt. Nur der scharfe Such-Blick, nun auch auf die am Boden eingelassenen Grabsteine rettete mich. Da war er: der Geistesheroe, der Wortschmied, der Satzmacher, der Stimmenimitator, der Untergeher. Der Tod ist tückisch – in vielerlei Hinsicht, er narrt noch im Angesicht des Todes.

So schaute ich versonnen aufs Grab, freute mich, ganz und gar erschöpft, dachte mir meinen Teil, dachte an die herrlichen Bernhard-Zeiten der 80er Jahre in Hamburg, dachte ans Leute-Bezichtigen, als das Internet noch nicht da war, dachte an die Figuren-Reden in Wut und Verachtung auf das Polit-Gesindel – „die roten wie die schwarzen Schweine“, eigentlich nicht anders als damals, identitäre Gesinnung hüben wie drüben und die Banalität der Blöden. Dachte in die wundervolle „Beton“-Lesung mit Peter Fitz 1992 im Deutschen Schauspielhaus zu Hamburg: wie er mit dieser für Peter Fitz typischen Intensität diesen Bernhard-Text vortrug und ihm qua Intonation einen ganz eigenen Schwung mit auf dem Weg gab: das war ein Ereignis für sich, ein neuer Bernhard Minetti, dachte ich mir, nachdem ich in der Theaterkneipe mit einer Freundin Muscheln und Grünen Veltliner verzehrte, reichlich Veltliner, reichlich, bis über Mitternacht hinaus ging es, im dunklen herrlichen „Dorf“, es muß im Januar 1992 gewesen sein, so tranken wir, tranken viel, wie üblich, weiter gegen zwei Uhr, morgens ins „Erikas Eck“, trunken mit Mett-Brötchen, irgendwelche Studenten sangen provokant die DDR-Nationalhymne und die Metzger standen auf und schmissen die Jungspunde kurzerhand hinaus, soviel zur aktivistischen Propaganda der Tat des Arbeiters, ich lachte dazu. Inzwischen waren wir zum stärkenden Kaffee gewechselt, das unendliche Plaudern und Debattieren ging bis in den frühen Tag, neun Uhr, mit Kaffee, Brötchen und Reden, wenn der Morgen erwacht und dann gegen 10 Uhr mit dem Fahrrad zur Uni, ohne Schlaf, und die HiWi-Stelle, ich dachte überm Grabstein an die Inszenierung „Die Macht der Gewohnheit“, wo es Peter Fitz als Zirkusdirektor niemals gelang, mit seiner schwachmatischen Mannschaft das Forellen-Quintett aufzuführen, dachte an den lauten, markanten, großartigen Schauspieler Ulrich Wildgruber im „Theatermacher“, den ich gut zu imitieren wußte:  „Morgen Augsburg!“, „Utzbach das ist sicher eine reizender Ort hat sie auf der Fahrt hierher gesagt und wie sie Utzbach gesehen hat, ist sie in Ohnmacht gefallen. Eine Theatermacherin natürlich“, all das zitiert in dieser unnachahmlichen Wildgruber-Aussprache:

„Was hier
in dieser muffigen Atmosphäre
Als ob ich es geahnt hätte.“

So gingen die ersten Zeilen aus diesem meinem damaligen Lieblingsstück von Bernhard.

Zeiten, Zeiten, wunderbare Zeiten und vergangen. Auch Thomas Bernhard verschwand von den deutschen Bühnen, andere Autoren traten auf den Plan. Vielleicht gut so, daß ein solch literarisches Gewicht sich wieder reduziert und weg von den Anbetungsaltären, es gab zu viele Proselyten. Es nervte irgendwann, ist nicht anders als mit den ebenso zu dieser Zeit grassierenden Goetz-Jüngern. Doch war es eine schöne Zeit. Nur daß eben alles das sterben und irgendwann auch wieder hinab muß, so dachte ich mir im frühen Herbst 2018 auf dem Grinzinger Friedhof mit dem herrlichen Blick über Bernhards geliebtes und gehaßtes Wien.

„Wer existiert
hat sich mit der Existenz abgefunden
wer lebt
hat sich mit dem Leben abgefunden
so lächerlich kann die Rolle gar nicht sein
die wir spielen
daß wir sie nicht spielen.
(Thomas Bernhard, Der Theatermacher)

Existenzexzeß, Theatrum mundi.

Doch leises Tönen da am Hang, die Grinzinger Erde wisperte: „Bring im Winter den Bernhard-Nachruf in zwei Teilen und nicht in einem Stück“, schallte es aus der Gruft überm sonnigen Herbstwien: „Deine Texte sind zu lang!“

[Ende des ersten Teils]

100 Jahre AISTHESIS – Coin Operated Boy

Hier zum Jubiläum die spannenden Geschichten, die sich aus dem Bloggen in einem Jahrhundert ergaben, oder die Debatten, Dispute aus den Jahren zu nennen, Exemplarisches herauszustellen und Interessantes in ein Tableau zu bringen: all dies sprengte den Rahmen eines Beitrags. Nicht zurück, vorwärts geht der Blick. Wenngleich ein Blog ja auch von dem lebt und sich dadurch konstituiert, was er war. Hundert Jahre Einsamkeit, hundert Jahre sind eine lange Zeit. Oder waren es doch bloß derer zehne? Zehn Jahre sind eine Zeit.

Der jüdische Künstler Boris Lurie, 1985: „Du glaubst, mein Freund, mein Menschenfresserfreund, das, was gewesen, ist nicht mehr? … Was ist geschehen und gewesen, das verschwindet nie.“

Es bleibt dabei, es geht nichts über böse, toxische, alte, weiße Männer, die Blogs betreiben. Wir loben sie und es ist gut. Und wenn ein Weib dies ebenfalls macht, so ist es ebenso gut und wohlgetan. Auf AISTHESIS wurden nie Privilegien gecheckt, sondern selbige genossen. „Geben sie Luxus, auf das Notwendigste kann ich verzichten!“ Gedankt werden muß freilich auch all denen, die hier mit Regelmäßigkeit oder manchmal nur sporadisch kommentieren. Denn genau das gehört zum Blog. Texte als Monologe sind ok, aber Debatten sind besser. Zumindest wenn sie gut geführt werden und wenn sie Erkenntnisse bringen.

Festzuhalten bleibt: Es hat sich in diesen zehn Jahren in der Blogosphäre einiges, nein fast alles verändert. Eine Vielzahl an Blogs kam hinzu, vor allem Literaturblogs. Sie kamen und viele gingen wieder. Bei einigen ist es schade, man ist melancholisch gestimmt. Anderen mag man keine Träne nachweinen. Aber wie es einer in seinem Blog macht, muß am Ende jeder für sich entscheiden. Ich fahre und fuhr meinen Stil. Das halte ich weiter so. Mancher neue Blog kam in meiner persönlichen Leseliste hinzu, vieles verschwand daraus auch wieder. Aus der alten Zeit vermisse ich Iris Nebels Blog, Alea Torik ebenso. Auch um „Aboutsomething“ und Brasch-Buch sowie „Lustauflesen“ von dem man nichts mehr hört, ist es schade. Alban Nikolai Herbst gibt es zum Glück weiter, ebenso Begleitschreiben – immer gerne gelesen.

Das schöne am Bloggen ist, daß man es, anders als im Feuilleton, im Bereich Kunst und Kritik nach seinem Gusto treiben kann. Ein Blog kann Hans Henny Jahnns „Fluß ohne Ufer“ oder Faulkners „Licht im August“ besprechen und dazu einen Essay bringen, der jegliches Feuilletonformat sprengt. Oder an Literatur erinnern, die vor Jahren eine Debatte auslöste, wie etwa Christa Wolff, Günter Grass oder Jonathan Littell. Des Feuilletons Buchkritiken müssen halt, und das ist auch gut so, aktuell sein, das Feuilleton kann nicht noch einmal eine Rezension zu „Unendlicher Spaß“ machen. Ein Blogger darf das. Insofern können sich Blog und Feuilleton ergänzen. Die Fragen des Entweder-Oder und auch andere immer einmal wieder inszenierte Scheindebatten sind längst passé, die – teils inszenierten – Kämpfe ausgefochten. Was sollʼs also? Was bleibt? Vorwärts immer! Weitermachen.

Frei nach Jean Paul machen wir hier weiter mit unseren Grönländischen Protokollen, den Zeichen aus der Kältezone, mit Literatur und mit Kritik und mit Kunst und Ästhetik. Eis, Thesis: die Synthese sind Texte, die offen sind. Essays als Form. Geschichte, Geschichten, ästhetische Theorie aus dem Grandhotel Abgrund, dessen Hausherr die „Verhaltenslehre der Kälte“ immer noch als geboten sieht. Sich mit keiner (politischen) Sache gemein machen. Ein Loblied aufs Artifizielle, aufs Kalte, Künstliche – mit Seitenschritten manchmal ins Gesellschaftliche. Bleiben Sie dem Blog gewogen oder auch nicht! Den treuen Leserinnen und Lesern aber sei auf alle Fälle gedankt!

Vierzig Jahre „Holocaust“

Die Überschrift klingt seltsam: als ob das Land da was zu feiern hätte oder als ob ein Ereignis erst vierzig Jahre her wäre. Auch sind die Anführungszeichen irritierend. Deuten sie auf einen Namen oder einen Titel, sollen sie einen Begriff relativieren? Nein, natürlich nicht. Viele Deutsche, auch solche, die Ende der 70er Jahre erwachsen wurden – und damit viele Jugendliche wie ich – schauten den Vierteiler damals im Fernsehen: „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“.

Solche Jubiläen sind eine heikle Sache. Kann man die Shoah in Bildern darstellen, gar in einer TV-Serie mit Suspense und mit Unterhaltungscharakter? Wie sich ein Bild machen? Jenseits von trockenen Fakten. Eine Zahl wie sechs Millionen bleibt abstrakt und daß davon in Auschwitz allein eine Million Juden ermordet wurden, ebenfalls. Wie immer geht es in diesen Fragen um die Versinnlichung, ums Anschaulich-Machen. Und das dies ein Aspekt ist, aber eben nicht der einzige, unter dem man die Shoah betrachten kann.

Es wurde diese Serie damals heiß debattiert. Die „Zeit“ beispielsweise kritisierte anfangs, vor der Ausstrahlung diesen laxen Umgang mit der deutschen Geschichte, schwenkte aber schnell um, als diese Serie durchaus das Bewußtsein der Menschen zu treffen schien. Daß viele schockiert waren, daß eigentlich zum ersten Mal breitenwirksam der Massenmord an Juden als Thema in die Öffentlichkeit kam, vergleichbar vielleicht nur mit den Auschwitz-Prozessen Anfang der 60er Jahre durch die unendlich wichtigen Ermittlungen des Generalstaatsanwalts Fritz Bauer. Verbreitet wurde dieser Schrecken durch ein Medium wie das Fernsehen.

Jeder nimmt die Shoah anders wahr – das ist eine Trivialität. Ins Bewußtsein vieler aber kommt sie weniger durch Gedichte von Celan oder Romane von Primo Levi, so wichtig diese auch für die intellektuelle Auseinandersetzung sind, sondern durch starke, eindringliche Bilder und durch erzählte Geschichten, die im Kopf haften bleiben und Anlaß zum Nachdenken geben. Anlaß auch, weil diese Bilder und Geschichten uns erschüttern und aufwühlen. Man kann dieses Bewußtsein kritisieren, man kann es der kulturindustriellen Standardisierung verdächtigen, wie auch immer: man sollte aus der Shoah jedoch keine negative Theologie machen. Sie ist nichts, das hinter einem Vorhang liegt. Es sind in Auschwitz und anderswo sehr konkret Juden, Sinti, Roma und viele andere Mißliebige ermordert worden. Mit Systematik traf es die größte Gruppe der Opfer: die Juden. Und um das zu verhindern sind manchmal einfachere Mittel vonnöten. Selbst „Schindlers Liste“ war in diesem Sinne, trotz manchem Kitsch, ein legitimes Mittel.

„Bilder – trotz allem“ wie ein Buch von Georges Didi-Huberman heißt, darin er die Notwendigkeit von Photographien zu diesem Grauen zeigt, damit auch Claude Lanzmann oponierend. Und es ist auch sinnlos, die bilder- und szenenreiche Serie „Holocaust“ und Lanzmanns bildarme und erzählreiche „Shoah“ gegeneinander auszuspielen. Beide Filme treffen unterschiedliche Hinsichten ein und desselben Ereignisses. Ebenso wie 1956 „Nacht und Nebel“ von Alain Resnais, der erste Film zur Shoah. Mit einem Blick auf Auschwitz. Das Gras, die Gleise. Wer in Stichworten etwas zur Geschichte dieses Dokumentarfilms erfahren will und wer lesen will, wie die damalige Bundesregierung diesen Film bei den Festspielen von Cannes zu verhindern suchte, informiere sich auf Wikipedia:

„Mehr als 10 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – mitten im Kalten Krieg – war der Film im Dezember 1955 fertiggestellt. Vertreter der deutschen Botschaft sahen ihn vorab bei einer Privataufführung in Paris. Der Produzent empfand ihre Reaktion auf den Film als „eisig“. Im Januar 1956 erhielt dieser den französischen Jean-Vigo-Preis und wurde im März einstimmig als französischer Beitrag für die Filmfestspiele von Cannes im April nominiert.

Daraufhin verlangte die Bundesregierung mit einem Brief des deutschen Botschafters von Maltzahn in Paris an den französischen Außenminister Christian Pineau die Absetzung der Kandidatur: Man habe im Prinzip nichts gegen die filmische Darstellung von NS-Verbrechen einzuwenden; aber nach den Bestimmungen der Festspiele sollten die Filme in Cannes zur Freundschaft zwischen den Völkern beitragen und nicht das Nationalgefühl eines Landes verletzen. Dieser Film werde die Atmosphäre zwischen Franzosen und Deutschen vergiften und dem Ansehen der Bundesrepublik schaden. Das Filmfestival von Cannes sei daher nicht das geeignete Forum für einen solchen Film. Denn gewöhnliche Zuschauer seien nicht fähig, zwischen den verbrecherischen Führern des NS-Regimes und dem heutigen Deutschland zu unterscheiden.

Daraufhin strich das französische Auswahlkomitee für die Filmfestspiele den Film am 7. April 1956 von seiner Vorschlagsliste. Dies löste anhaltende Proteste in Frankreich ebenso wie in der Bundesrepublik aus. (…) In der Bundesrepublik protestierten prominente Autoren gegen das Vorgehen der Bundesregierung, darunter Alfred Andersch, Heinrich Böll, Hans Georg Brenner, Walter Dirks, Wolfgang Hildesheimer, Eugen Kogon, Ernst Kreuder, Erich Kuby, Hans Werner Richter und Paul Schallück. Der NDR sendete ihre Stellungnahme während der Festspiele am 16. April.

Im Deutschen Bundestag verlangte die SPD eine aktuelle Fragestunde zu dem Vorgang. Befragt nach den Gründen der Intervention, antwortete Staatssekretär Hans Ritter von Lex am 18. April, Cannes sei nicht ‚der rechte Ort… um einen Film zu zeigen, der nur allzuleicht dazu beitragen kann, den durch die nationalsozialistischen Verbrechen erzeugten Hass gegen das deutsche Volk in seiner Gesamtheit wieder zu beleben.‘“

Festzuhalten bleibt: „Holocaust“ war für die BRD damals ein Einschnitt und hat diesen Schrecken zu Bewußtsein gebracht – vielleicht auch, weil inzwischen ein Abstand in der Zeit herrschte. Insofern gehört die Ausstrahlung vor 40 Jahren zu einer der Sternstunden der BRD und war eines der zentralen Ereignisse. Vor allem aber brachte diese Serie Gespräche und Debatten. Nur so und nicht durchs Schweigen kann man sich dem schwer Faßbaren nähern. Man wird dieses einerseits singuläre Ereignis nie rationalisieren können, was gut ist, aber es im Bewußtsein zu halten und es dahin überhaupt erst zu bringen, ist ein großer Schritt.

Mit böser Zunge könnte man freilich wiederum sagen, es erzeugte diese Serie eine Übersensibilsierung, so daß eine gute Sache teils wieder zum Falschen hin kippt. Man denke an Philipp Jenninger und das, was man aus seiner Rede herauslas, bis hin zu der völlig unsinnigen Rücktrittsforderung – schon damals waren mir insbesondere die Grünen in schlimmer Erinnerung. Schuld, die als Monstranz vor sich hergetragen wird, hat etwas Unangemessenes. (Ich sehe da auch den unmöglichen Heiko Maas in Yad Vashem vor jede nur im Sichtfeld sich befindende Kamera hüpfen, um sich als aufrechten Antifaschisten zu inszenieren. Den anwesenden Juden war dies unendlich peinlich.) Und es bleibt der Verdacht: Wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht. Mit ein wenig Spekulation könnte man sagen, daß Jenninger ohne diese Serie nicht zurücktreten hätte müssen. Aber das sind Spekulationen. Festzuhalten bleibt: das Nazi-Narrativ sollte nicht dazu benutzt werden, um unliebsame Meinungen zu labeln und sich selbst damit einen moralischen Distinktionsgewinn zu verschaffen. Leute wie Gauland mögen problematisch sein. Sie sind aber keine Nazis. Wer diesen Begriff ubiquitär ausstreut, leert ihn aus und hat am Ende kaum noch Begriffe für solche, die tatsächlich Nazis sind. Differenzierung in der Begriffswahl ist also auch in dieser Sache, und gerade um dessentwillen wichtig, was historisch geschah.

Dennoch denke ich, daß diese Serie für die BRD eine wichtige Zäsur im Umgang mit einem der schlimmsten Kapitel der Geschichte war. Abschließen möchte ich mit einer Überlegung von Woody Allen aus „Hanna und ihre Schwestern“: Ich wundere mich nicht, daß Auschwitz geschah, sondern eher darüber, weshalb es nicht viel öfter geschah. (Sinngemäß und aus dem Kopf zitiert.)

Wuppertal – Neviges

Weiter in meiner Serie zum Tatort Wuppertal, die zweite Sendung an Bildern. Jeder, der ins Bergische Land reist – warum auch immer, es gibt viele Gründe, Deutschland ist ein herrliches Reiseland und wie der Photoband „Kleinstadt“ von Ute und Werner Mahler uns zeigt: daß gerade dort, in der Provinz, scheinbar abseitig, ganz und gar wunderbare Motive anzutreffen sind. Unaufgeregt und ohne nach Effekten zu haschen, zeigt das Photographen-Ehepaar, was sie an diesen Orten sehen: ohne zu denunzieren, ohne anzuklagen, ohne über Menschen sich lustig zu machen, sondern das, was da ist, wird in seinem So-Sein zum Vorschein gebracht. Für solche photographischen Arbeiten braucht es Zeit und Ruhe, man muß sich treiben lassen. Mit Menschen sprechen, Vertrauen gewinnen. In einem abgeschlossenen Kosmos. Man muß genau sehen. Im Häßlichen die Schönheit zeigen, in der Schönheit das Verdorbene, das Trübe und zugleich auch eine Idylle Idylle sein lassen. Naturschönes, die Bedeutung der Landschaft für einen kleinen Ort und die Bedeutung des Ortes für die Landschaft. Vielleicht muß man sich beim Photographieren gar in einen anderen Zustand verzaubern. Wie am 26. April 1336 Francesco Petrarca den Mont Ventoux bestieg und mit solchem Blick, könnte man vielleicht einen Ort und seine landschaftliche Umgebung erkunden und statt in Sprache in Bilder setzen. Vielleicht käme in solchen wunderbar-seltsamen bergigen Landschaften aber auch die „Lehre der Sainte-Victoire“ heraus. (Alle Photographen müßten eigentlich Peter Handke lesen, um ihr Handwerk zu lernen!)

Wer also das Bergische Land bereist, sollte einmal sich dieses Gebäude anschauen: die Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens in Neviges. Große Herrlichkeit, Lust am Schauen. Im Dom selbst herrscht eine herrliche Finsternis und zugleich ist es licht. Meditativer Katholizismus in modernem Gewand. Zurück zum Beton. Draußen am Parkplatz ritten hoch erhoben zwei Polizistinnen auf ihren Polizeipferden. Ich habe sie zwar photographiert, aber mir gefiel die Bildanordnung nicht, dafür aber erfreuten mich um so mehr ihre engen beige-farbenen Reiterhosen, darin ihre wohlgeformten Schenkel und die Pobacken herrlich zur Geltung kamen. Rundungsaspekte. Die eine hellblond, mit apartem Zopf, die andere keck dunkelhaarig. So stellen sich manche die Erlösung vor. Sollten die Reiter der Apokalypse gar Weiber sein? So zumindest könnten sich Polizeiästhetiker oder Uniformfetischisten diese soteriologische Anordnung ausmalen.