„immer wieder die kleinen Häuschen und vereisten Fensterscheiben und Schnee und Menschenleere“ – Neuhaus am Rennweg (Thüringen)

Wenn ich am Morgen durch die Landschaften aus Schnee spaziere, wie an jenem Wochenende im Thüringer Schiefergebirge, wenn ich in einer freundlichen Höhe von 766 Meter über Normalnull tief durchatme, kommt mir Kafkas später Roman „Das Schloß“ in den Sinn. Auf einer zweiten eingezogenen Ebene handelt dieser Roman vom Schnee; er zieht sich als Motiv durch das Buch. Immer wieder eingestreut finden sich die Bilder von einer Kältelandschaft. Sie bestimmen die Szenerie, determinieren das Leben im Dorf. Eine Welt, von Schwere getragen. Ich denke dabei unwillkürlich an van Goghs Bild von den Bauernstiefeln  – auch wenn ich übers von Schnee bedeckte Feld blicke. Erdschwer, wie Heidegger diese Schuhe beschrieb. Dabei stammte das Schuhwerk von einem Pariser Trödelmarkt und es waren van Goghs eigenen Schuhe. Nicht der auf die Scholle geeichte Bauer, sondern der vagabundierende Künstler, der durch die moderne Großstadt stolpert, das Paris des XIX. Jahrhunderts, im postbaudelaireschen Zeitalter. Die Ware  – zur Höchstform entfaltet, in den Passagen und Schaufenstern ausgestellt und illuminiert.

„Es war spät abends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor.“

„Nun sah er oben das Schloß deutlich umrissen in der klaren Luft und noch verdeutlicht durch den alle Formen nachbildenden, in dünner Schicht überall liegenden Schnee. Übrigens schien oben auf dem Berg viel weniger Schnee zu sein als hier im Dorf, wo sich K. nicht weniger mühsam vorwärts brachte als gestern auf der Landstraße. Hier reichte der Schnee bis zu den Fenstern der Hütten und lastete gleich wieder auf dem niedrigen Dach, aber oben auf dem Berg ragte alles frei und leicht empor, wenigstens schien es so von hier aus.“

„‚Wie lange haben wir noch bis zum Frühjahr?‘ fragte K. ‚Bis zum Frühjahr?‘ wiederholte Pepi. ‚Der Winter ist bei uns lang, ein sehr langer Winter und einförmig. Darüber aber klagen wir unten nicht, gegen den Winter sind wir gesichert. Nun, einmal kommt auch das Frühjahr und der Sommer, und es hat wohl auch seine Zeit; aber in der Erinnerung, jetzt, scheint Frühjahr und Sommer so kurz, als wären es nicht viel mehr als zwei Tage, und selbst an diesen Tagen, auch durch den allerschönsten Tag, fällt dann noch manchmal Schnee.‘“

In bezug auf die Blog-Serie zur Gemeinschaft, deren zweiter Teil diese Woche folgt, fällt im Kontext zu Kafkas „Schloß“ auf, daß mit dem Begriff der Gemeinschaft zugleich der von Identität und von Heimat verbunden ist. An jenem Ort seßhaft sein, so strebt es K. an, zu den Bewohnern des Dorfes zu gehören. In diesem Sinne vermißt jener, der sich als Landvermesser des Dorfes ausgibt, zugleich eine innere Landschaft. Und genau dieses Bodenhafte dachte sich Heidegger, als er in seinem Kunstwerkaufsatz das Bild van Goghs deutete. Man kann das in einem dummen und nationalen Sinne nehmen, wie es die kulturalistische Linke gerne denunziert – heimlich die Zeitschrift „Landlust“ lesend –, genauso aber im Sinne einer Zugehörigkeit zu etwas: daß wir alle bestimmten Orten und Landschaften verbunden sind. Heimat und Identität mögen insofern zufällig sein, als sich niemand aussuchen kann, wohinein er geboren wird. Nicht zufällig ist jedoch der Bezug zur Ortschaft, zu bestimmten Regionen der Kindheit. Adorno zeigte dieses wie von Zauberhand gewirkte Verhältnis zur eigenen Geschichte auf wunderbare Weise in seinen „Meditationen zur Metaphysik“ und in seiner Philosophie-Miniatur „Amorbach“ – jene Ortschaften im Odenwald, die bereits beim Klang des Namens so etwas wie eine glückliche Kindheit wieder heraufbeschwören. Aber ebenso illuminiert der Reiz des Verbotenen jenen Ort, der im Blochschen Sinne eine Heimat ist. Ein Ort, an dem wir bisher noch gar nicht sind.

„Unbewußtes Wissen flüstert den Kindern zu, was da von der zivilisatorischen Erziehung verdrängt wird, darum ginge es: die armselige physische Existenz zündet ins oberste Interesse, das kaum weniger verdrängt wird, ins Was ist das und Wohin geht es. Wem gelänge, auf das sich zu besinnen, was ihn einmal aus den Worten Luderbach und Schweinstiege ansprang, wäre wohl näher am absoluten Wissen als das Hegelsche Kapitel, das es dem Leser verspricht, um es ihm überlegen zu versagen.“ (Th. W. Adorno, Negative Dialektik)

Interessant in diesem Zusammenhang scheint mir die Lektüre von Peter Trawnys bei Matthes & Seitz erschienenem Bändchen „Was ist deutsch? Adornos verratenes Vermächtnis“. (Übrigens keine deutschtümelnde Renationalisierung Adornos, wie mancher jetzt auf die schnelle mutmaßen mag.) Eine Rezension des Buches folgt hier demnächst.

Veröffentlicht unter Photographie, Reisen | 9 Kommentare

Eisfeld (Thüringen) oder in der Abstraktion

Gewaltige Stille. Alles brach, kein Laut dringt ans Ohr, wenn ich durch die Gassen dieses Ortes schreite. Fast wie eine Ewigkeit, une saison en enfer. Dichterorte, Spielwiese für Photographieflaneure, die das Leben, das für viele schon lange nicht mehr lebt, gerne pointieren. Und doch ist es eine besondere und in Teilen sogar schöne Welt. Eine der schönen Fernen, die schwierig macht. In der realen Ferne der Kleinstadt jedoch tönen nur die vorbeifahrenden Autos, die über die Landstraße 4 brausen.

Es gibt diese Orte, in denen nichts geschieht, keiner rührt sich, keine Bewegung, kein Hauch, nicht einmal eine Gardine bewegt sich, hinter der jemand hervorlugte oder hinter der ich wenigstens ein menschliches Gesicht vermuten könnte. Die Augen blickten verstohlen auf die Straße und betrachteten mit Argwohn, was ich dort treibe. Um gleich die Gardine zurückgleiten zu lassen, sobald der Beobachter bemerkt, daß er von dem Beobachteten mit dem Photoapparat, selber wiederum beobachtet wird. Vetterchens Eckfenster vielleicht. Aber Eisfeld ist nicht Berlin, nicht einmal Bamberg – Orte, an denen sich der Menschenbeobachter E.T.A. Hoffmann aufhielt.

Der vermeintliche Betrachter hinter der Gardine wird kein Luhmann-Leser sein. Beobachtungen höherstufiger Ordnung durchführend. Ein Menschenschauer hinter dem Glas. Ein Eisfeld-Philosoph und der Poet im stillen Ort in der Kammer. Eigentlich ist Eisfeld eine ideale Stadt für Berliner Möchtegern-Dichter oder solche Irgendwasmitmedien-Schreiber, die sich gerne Kulturjournalisten nennen, das Heer der Prekären: Um runterzukommen vom Erlebnisdrang oder einfach, weil es hier günstig ist. Immobilien kosten nicht viel, Mieten sind bezahlbar.  Hier lebt es sich gediegenen und fern jeglicher Aufregung. Nur an den Dialekt muß der Zugereiste sich gewöhnen. Weit ab vom Schuß, höchstens vielleicht der aus einer Gaspistole.

Eisfeld liegt am südlichen Rand des Thüringer Waldes. Es ist der fränkisch geprägte Süden Thüringens, und dies höre ich bereits am Dialekt der wenigen Menschen, die mir hier begegnen werden. Eisfeld sei die drittgrößte Stadt im Landkreis Hildburghausen berichtet mir Wikipedia, als ich im ungemütlichen Pensionszimmer nahe Siegmundsburg im Internet recherchiere. Kleines Kaff im Thüringer Schiefergebirge. Mare crisum.

Einzig auf dem Parkplatz des Orts-Edekas tummelt sich ein wenig Leben. Menschen gehen in dem Markt hinein oder mit vollen Taschen wieder heraus zu ihren Autos. Der Marktplatz mit dem Rathaus und der Apotheke ist menschenleer. Ein PKW mit einem  Riesenlettern-Aufkleber an der abgedunkelten Heckscheibe parkt am Platz: „Division Thüringen“ prangt dort in lässiger Frakturschrift. (Die die Nazis allerdings verobten hatten.)  Ein paar Schritte weiter finde ich das Schloß; darin ein Museum still schlummert und ein griechisches Restaurant. Die Runde durch den Ortskern, sofern diese Bezeichnung zulässig wäre, ist schnell gemacht. Vor dem Edeka eine Bratwurstbude, ein Mann wendet auf dem Rost die Thüringer, wärmt sich an der Elektroglut. Gegenüber dem Parkplatz liegt eine Bäckerei. Dort esse ich zwei Stücke ausgesprochen leckeren Kuchen. Der ist nämlich tatsächlich selber gebacken. Etwas, das ich in Berlin nur in ausgewählten Konditoreien bekomme. Die Kuchen von Havelbäcker oder wie diese Art von Fertigungsstätten für Instantkuchen auch heißen mögen, schmeckten nicht, und auch die der Konditorei Reichert sind nur halb so gut. Heimwärts dann und gestärkt geht es zurück ins Gebirg. Welt aus Schieferstein.

 

Veröffentlicht unter Photographie, Reisen | Verschlagwortet mit , | 5 Kommentare

Rückzug ins bildsamste Material oder Hegels Worte

Schöner und poetischer kann man in der philosophischen Ästhetik des noch jungen 19. Jahrhunderts das Wesen der Poesie nicht zum Ausdruck bringen, als dies Hegel in seiner Vorlesung über Ästhetik tat. Vor allem aber erkannte Hegel die besondere Rolle der Poesie im Kanon der Künste. Aufstrebend, der Philosophie nahe, wenn nicht verwandt. Schön geschrieben – ob nun von Hegel selbst oder doch eher von seinem Schüler Hotho in jener 1835 veröffentlichten „Vorlesung über Ästhetik“:

„Denn das Wort, dies bildsamste Material, das dem Geiste unmittelbar angehört und das allerfähigste ist, die Interessen und Bewegungen desselben in ihrer inneren Lebendigkeit zu fassen, muß, wie es in den übrigen Künsten mit Stein, Farbe, Ton geschieht, auch vorzüglich zu dem Ausdrucke angewendet werden, welchem es sich am meisten gemäß erweist. Nach dieser Seite wird es die Hauptaufgabe der Poesie, die Mächte des geistigen Lebens, und was überhaupt in der menschlichen Leidenschaft und Empfindung auf und nieder wogt oder vor der Betrachtung ruhig vorüberzieht, das alles umfassende Reich menschlicher Vorstellung, Taten, Handlungen, Schicksale, das Getriebe dieser Welt und die göttliche Weltregierung zum Bewußtsein zu bringen. So ist sie die allgemeinste und ausgebreiteteste Lehrerin des Menschengeschlechts gewesen und ist es noch. Denn Lehren und Lernen ist Wissen und Erfahren dessen, was ist. Sterne, Tiere, Pflanzen wissen und erfahren ihr Gesetz nicht; der Mensch aber existiert erst dem Gesetze seines Daseins gemäß, wenn er weiß, was er selbst und was um ihn her ist; er muß die Mächte kennen, die ihn treiben und lenken, und solch ein Wissen ist es, welches die Poesie in ihrer ersten substantiellen Form gibt.“

Die Kraft des Selbstbewußtseins, die in der Kunst wirkt und zugleich das Subjekt übersteigt, und zwar hin auf das Gattungswesen Mensch. Nichts Menschliches, was der Kunst fremd ist. Goethe dichtete es, und Hegel nahm diesen Aspekt mit Leidenschaft auf, formulierte Goethes Zeile aus „Die Geheimnisse“ als Philosophie der Kunst aus: „Humanus heißt der Heilige, der Weise, …“ Hegel war wohl einer der letzten, die diesen ekstatischen Bezug zu Subjekt und Menschheit so freimütig evozieren konnten. Und doch hat sich – selbst unter dem Akut des Negativen, unter dem Neigungswinkel falschen Lebens – die Arbeit und Aufgabe der Kunst um keinen Deut geändert. Kunst konstruiert eine Welt für sich, die zugleich eine Welt für uns ist, weil es unsere Welt ist, die in der Arbeit der Konstruktion oder wie Hegel es nennt, in der Phantasie des Dichters gebaut wird. Sei es auch eine Welt aus Asche. Und immer wieder komme ich auf dieses Zitat des Filmkritikers André Bazin zurück, der den Hegelianismus pur ins Bild bzw. in den Text-Vorspann des Films montierte:

Das Kino schafft für unseren Blick eine Welt, die auf unser Begehren zugeschnitten ist. ‚Die Verachtung‘ ist die Geschichte dieser Welt.“

Zugleich aber wird ein Anti-Hegelianismus daraus, wenn wir anders übersetzen und die Lesart des Satzes ändern. Denn dieses Spiegelstadium reiner Immanenz versucht Hegels Ästhetik gerade zu konterkarieren:

„Der Film unterschiebt unserer Vorstellung eine Welt, die mit unseren Wünschen übereinstimmt. ‚Die Verachtung‘ ist die Geschichte dieser Welt.“

Hegels Philosophie unterbricht den bloßen Selbstbezug. Er hatte jedoch etwas fürs Erzählen, Konstruieren und Ausschmücken über. Kunst entwirft eine Welt, die die unsere ist. Und nichts anderes macht in seiner Erzählweise auch der Film. Was sich in jenem oben genannten Zitat zeigt oder zumindest andeutet, wenn Hegel die Arbeit der Poesie beschreibt. Insofern wäre es interessant, was Hegel heute über den Film gedacht und geschrieben hätte. Anderes vermutlich als Adorno, der der Filmkunst skeptisch gegenüberstand. Hegel hätte seine Freude an dieser Kunst, weil sie eine Weise ist, uns Welt zu vergegenwärtigen und sie unserem Begehren gemäß zu gestalten und gleichzeitig die Immanenz zu brechen, indem uns das Kunstmedium Exemplarisches veranschaulicht. Eben der Aspekt, den Adorno vehement kritisierte. Vermutlich sogar zu recht.

Veröffentlicht unter Ästhetische Theorie, Hegel, Philosophie | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

All you need is love – Klaus Theweleit zum 75. Geburtstag

Alles Gute zum Geburtstag, ins schöne Freiburg gegrüßt, und es dankt der Philosoph in Berlin für all diese überbordenden Bücher, unendlich dick und nicht etwa nur ein Band, ein Teil geschrieben, sondern gleich in vielfacher Form geliefert, so daß der Text als unendlich wuchernder Zusammenhang auftritt. Für solchen Fall muß der Zuschauer keine Sorgen haben, daß Lesen je zu einem Ende findet: Die Schrift als Grundbaß, dazu eingesprengt Zeichnungen, Illustrationen, Comic-Szenen, Photographien, Zitate, Bildfetzen. Text ist Sex – das zumindest bewies Theweleit. Darkroom der Theorie; das, was unter den Schichten wuchert und lagert, freizulegen. Andocken an die Tradition und sie in diesem Akt des Hermeneutischen zugleich sprengen. Mit Marx, Lacan, Freud, und überhaupt der ganzen Philosophen-Gang, von Plato bis Hegel einen neuen Dreh (er)finden. Theweleit ordnete einerseits die Elemente, dekomponierte sie jedoch zugleich wieder, indem er sie in der Montage unterbrach. Nicht nur im Stil des Schreibens, sondern bereits beim Text-Material geschah das. Auch Bilder sind in dieser Variante eine Weise von Text. So kann man bei Theweleit qua Prinzip der Komposition wohl mit Recht von jener „Lust am Text“ sprechen.

klaus_theweleit_w74Heute erinnerte zudem Jens Balzer in der BLZ an jenen legendären Theweleit-Abend, im Oktober 2003 in der Volksbühne, wo Theweleit mit dem Dramaturgen Carl Hegemann diskutierte und beide sich von wildem Gedankenspiel über den Status der Realität treiben ließen; dann musizierte er mit seiner Band. Ein merkwürdiger Free Jazz-Sound mit dem ich nichts anzufangen wußte. Später traf Diedrich Diederichsen ein und weiter ging es mit dem Sprechen. Abfeuern von Gedankenblitzen und Assoziationen, so könnte man diesen Abend bezeichnen, der zu einer überbordenden, wuchtigen Nacht dann geriet. Mit einer Freundin lauschte ich in der Volksbühne, wir hörten, staunten, ließen uns treiben, überraschen und anregen. Hinterher betranken wir uns auf die übliche feine Art im alten „White Trash“ in der Torstraße. Schöne Wolfgangzeiten. Wenn ich denn da war, artete es immer wieder mal aus. Mit jenem grundsympathischen Barbetreiber. Genau in der Weise, wie philosophisch inspirierte Nächte sein müssen. Keine Kontrolle über das Resultat.

In der Philosophie (besonders in der akademischen) ist dieser Assoziationsraum, wie Theweleit ihn eröffnet und wie man ihn eben in solchen Nächten findet, leider zu oft versperrt, andererseits kommt bei solchen Assoziationen, die mit Plan auftreten oder gewollt-bemüht originell sich outrieren, meist nur der übliche Müll heraus. Gestelzte Originalität, mit einem Schuß Postmoderne, Lacan und Zeichenlesen angereichert. Das Ingenium aber fehlt, weil die Sache nun konstruiert wirkt und auf den Effekt schielt. Nicht so in diesem Fall. Einer jener wunderbaren Abende mit einer guten Freundin und hinterher in der Bar.

Das Verhältnis der Geschlechter in der Literatur, genauer, beim Akt des Schreibens selbst, ist auch das Thema Kittlers gewesen. Vor allem aber der Gebrauch von Medien. Mann und Frau – unter anderem –, medial verkoppelt. Aufschreibsysteme. Kafkas Schreibakt. Der Beatles-Song gerinnt zum titelgebenden Motto: All you need is love – aber gilt das für die „Objektwahl“ tatsächlich? Die Psychoanalyse ist ein feines Mittel, um verborgene Strukturen freizulegen. Das, was da „wirklich“ arbeitet? Frauen, so scheint es bei Theweleit, eignen sich insbesondere und viel besser noch als männliche Analytiker, um als Medium zu wirken. Von Kittlers „Grammophon Film Typewriter“ und „Aufschreibsysteme“ inspiriert heißt es im „Buch der Könige“:

Hören ist eine der Tätigkeiten, in denen Frauen, dem kulturellen Training nach, Männern überlegen sind. Wo Männer über Jahrhunderte gedrillt wurden, den öffentlichen Raum, den Raum des Handelns, der Gesetze und der Sinnverkündungen mit ihren Reden  und Schriften zu erfüllen, waren Frauen auf Beobachtungs-, Zuhör-, Wahrnehmungstätigkeiten verlegt. IN ihrer ungleich besser entwickelten Fähigkeit des Zuhörens und anteilnehmenden Erinnerns liegt einer der Gründe für ihre Überlegenheit als Analytikerinnen.

Und: gute Analytiker sind in erste Linie gute Aufzeichner; Aufzeichnungsgeräte dessen, was Patienten von sich geben. (Freud verglich nicht umsonst die gleichschwebende Aufmerksamkeit des analytischen Ohrs mit der des Telefonhörers.)

Auf diesen Punkt kommt es mir an: Daß schreibmaschineschreibende Frauen und Psychoanalytikerinnen (zwei Frauenarten, mit denen kunstproduzierenden Männer nach 1900 häufig Liebesbeziehungen unterhalten), eng mit den avanciertesten Aufschreibsystemen, Aufzeichnungstechniken verbunden sind.

(…)

Nietzsche, dreiviertelblind, geht voran: als erster europäischer Philosoph mechanisiert er sich und bestellt eine Schreibmaschine, eine dänische Malling Hansen. Auf der Suche nach einem Mann, der ihm die Maschine bedienen soll – sie ist immer kaputt, ‚dellikat wie ein junger Hund‘ – wird ihm eine Frau vorgestellt (eine Nietzsche-‚Schülerin‘), in die er sich (vergeblich) verliebt: Lou Andreas Salome; später eine der ersten Psychoanalytikerinnen.“ (Klaus Theweleit, Buch der Könige. Band 1 Orpheus und Eurydike)

Eine interessante Assoziation von Aspekten. Ob sie in dieser spekulativen Anordnung faktisch stimmen, scheint fast zweitrangig, denn der Gedanke als solcher ist originell. Er bietet denen, die lesen, Anlaß fürs Debattieren. Auch darauf kommt es beim Akt des Denkens und Aufschreibens an.

Photographie: cc-Lizenz, wikipedia. Klaus Theweleit bei einer Lesung und Vortrag über sein Buch Das Lachen der Täter: Breivik u.a. im Club W71 in Weikersheim.15. April 2016, 21:02:27
Urheber: Schorle
Veröffentlicht unter Geburtstage, Philosophie | Verschlagwortet mit | 1 Kommentar

Literatur ist eine Illusionsmaschine – Paul Auster zum 70. Geburtstag

Wie ist das neue Buch von Auster? „4321“, der Countdown läuft. Neugierig bin ich als Austerianer schon, der ich in grauer Vorzeit einmal war. Heute aber will ich etwas anderes erfahren: Nicht wissen will der geneigte Leser, wie der neue Roman aufgebaut und gewebt ist, wie der Auster erzählt. Was ich über den Roman hörte, klang spannend, aber knapp 1300 Seiten Prosa pur in drei Tagen zu bewältigen? Schwierig, schwierig, es sei denn, ich sähe von sonstigen Aktivitäten außer dem Lesen ab. Insofern wähle ich einen anderen Weg, möchte vielmehr auf das frühe Werk von Auster schauen. Da, wo alles anfing, zumindest in der damaligen BRD der 80er Jahre als 1987 „Stadt aus Glas“ erschien. Wie war das und wie lese ich das Buch heute?

978-3-499-25809-1Ein Buch zum zweiten Mal sich vorzunehmen, nach fast 30 Jahren, kann eine heikle Sache sein. Wie wenn nach der letzten zugeschlagenen Seite schwer die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben stünde, wo einst Begeisterung waltete? Trotzdem sind Rückschauen in der Lektüre spannend, selbst wenn sie am Ende ernüchternd ausfallen; zeigen sie doch, wie sich unser Blick auf ein einst für uns bedeutsames Buch wandelte, wie sich unsere Haltung in der Lektüre veränderte, wie die Zeit fortschritt. Bei Thomas Mann z.B. bin ich auch nach wiederholte Lektüre angetan. Das bleibt, das steht, ein Klassiker eben, im guten Sinne.

Paul Austers „Stadt aus Glas“. Was wir damals im Rausch einsogen, weil es im Gegensatz zur oft behäbigen Literatur der alten BRD so neu war. Ein kräftiger Sound wehte damals über den Ozean aus den USA zu uns herüber. Heute liest sich das anders und eine gehörige Portion Gewöhnung kam im Laufe der Zeit hinzu, abgeklärter ästhetischer Sinn, einst neue Tricks wirken alt oder einfach nur als eine Masche, die ich zur Genüge kenne. Jene Frage nach der intellektuellen Mode. Doch Mode ist bekanntlich nach Baudelaire jene Rüsche am Kleid der Ewigkeit.

Paul Auster gehört in seinen frühen Romanen zu den Autoren, die unterhaltsam schrieben – die Storys an den klassischen Detektivroman angelehnt. In „Stadt aus Glas“ ist es ein traurig-gescheiterter Schriftsteller in New York. Einst machte er Gedichte, schrieb kritische Essays, inzwischen hat er sich jedoch unter dem doppelsinnigen Pseudonym William Wilson aufs Schreiben von Krimis verlegte. Hard-boiled storys, die zur Unterhaltung des Publikums verfaßt werden, mit einen knochenharten detectiv. Private eye, was den Protagonisten des Romans, Daniel Quinn, dazu verleite, über den Mehrfachsinn des Wortes „private eye“ und seine Bedeutung fürs Schreiben von Literatur nachzudenken – Detektiv, Auge und Ich, das private Auge des Schriftstellers, der beobachtet, nicht anders als der Detektiv – und dann wird zudem charmant über den Namen William Wilson der US-Schriftsteller Edgar Alan Poe eingeführt. Poe erfand den Detektivroman und er buchstabierte das Motiv des Doppelgängers samt dem Wahnsinn aus. Lauter schöne Referenzen, die man kennen kann, aber nicht wissen muß, um Austers Geschichte zu folgen. Intertextualität ist das Zauberwort dieser Zeit und die sogenannte Postmoderne ist in vollen Zügen nun auch in der Literatur zu finden, kam sogar in den Literaturseminaren der alten BRD an. Schöne alte Zeit.

In Quinns Wohnung, die er mittlerweile allein und vereinsamt „bewohnt“ – seine Frau und sein Sohn sind vor einige Zeit gestorben – klingelt das Telefon. Quinn hebt den Hörer ab und mit diesem Zug beginnt die Geschichte. Der erste Satz des Romans weist auf eine Welt aus Fälschungen bzw. aufs Trügerische von Existenz, immer wiederkehrende Motive im Werk Austers:

„Mit einer falschen Nummer fing es an, mitten in der Nacht läutete das Telefon dreimal, und die Stimme am anderen Ende fragte nach jemandem, der er nicht war.“

Und es spielen ebenso die darauf folgenden Sätze auf zentrale Motive im späteren Werk von Paul Auster an:

„Viel später, als er in der Lage war, darüber nachzudenken, was mit ihm geschah, sollte er zu dem Schluß kommen, nichts ist wirklich außer dem Zufall. Aber das war viel später. Am Anfang waren einfach nur das Ereignis und seine Folgen. Ob es anders hätte ausgehen können oder ob mit dem ersten Wort aus dem Mund des Fremden alles vorausbestimmt war, ist nicht das Problem. Das Problem ist die Geschichte selbst, und ob sie etwas bedeutet oder nicht, muß die Geschichte nicht sagen.“

Das Spiel von Verhängnis und Zufall nimmt seinen Lauf. Besonders und perfid auf die Spitze getrieben zeigt sich der Zufall, der Ungeheures gebiert, in Austers Roman „Music by Chance“, den ich für eines seiner besten Bücher halte. Hier aber, für Quinn und sein weiteres Leben, geht es ums Ereignis, jener Augenblick in einer Geschichte, der alles weitere verändert, sozusagen auch eine Art Kafka-Referenz „Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt – es ist niemals gutzumachen“, mit diesem Satz endet Kafkas „Ein Landarzt“. Oder aber jener Punkt des Anfangs, der den Fortgang überhaupt erst konstituiert. Denn in diesem Kontext ist es gar nicht so sehr das Geschehen des Romans, die Handlung ist nicht das Problem, sondern die Geschichte selbst. Was geschieht? Textphilosophische Narreteien, aber sie funktionieren bei Auster, auch im Jahre 2017, weil sie in ihrem Spiel den Plot nicht überblenden. Das ist trickreich gewoben.

Die Stimme am anderen Ende der Leitung fragt, ob es sich bei Quinn um einen gewissen Paul Auster handele. „Paul Auster. Vom Detektivbüro Auster.“ Solche Selbstreferenz im Literarisieren erscheint, wenn man es heute wiederliest, zwar wenig originell. Das postmoderne Spiel mit der Autorenschaft, das Auster in diese Geschichte einwob, überzeugt im Nachklang nur mäßig; es besitzt allenfalls literaturwissenschaftliche Relevanz, schlug freilich damals in der BRD ein, weil solche Konstruktion im Text nicht üblich war in einer Literatur, die immer noch im Gestus eines unmittelbar Politischen stattfand, wofür als Stichwort das Engagement stand, oder es fabelte und spann die Innerlichkeit unter dem Zeichen der Neuen Subjektivität in seinen guten wie schlechten Varianten. Verharrte. Und wo erst langsam die postmodernen Enkel von Böll und Grass sich den strengen Banden entwanden. Das waren bereits die 90er Jahre.

Wenn ich mir die bei reclam erschienenen Jahresrückblicke „Deutsche Literatur“ zu den mittleren und späten 80er Jahren durchblättere, dann sticht manch Gediegenes ins Auge. Sauber gearbeitete Prosa, aber mit vielen Nachkriegswehen. Es ist ungerecht und schnöselig, im Rückblick zu schreiben, der Ton dieser Literatur wäre altbacken und behäbig, ob nun Peter Handke oder Jurek Becker. Die hinter den Ohren feuchtgrünen Zeitgeistbürschlein sind mir um einiges suspekter noch als der schlechteste Text von Günter Grass. Dennoch brachte die amerikanische Literatur – und das war nicht nur die aus den USA – der deutschen jenen nötigen Schub fürs zukünftige Schreiben. Doch leider – das erwies sich als der unschöne Nebeneffekt dieser postpopmodernen Tendenz – trieb das auch solche wie Stuckrad-Barre oder Alexa Henning von Lange aus dem Erdreich, die nun ans Tageslicht krochen.

Gewitzt, obwohl literarisch nicht ganz neu (Stichwort Flann O’Brian und Raymond Queneau) wirkte es seinerzeit, wenn in einem Roman der Protagonist auf eine Figur namens Paul Auster traf, der im Buch wohlfeil mit attraktiver Frau schreibend und in hinlänglichem Luxus dahinlebt, während der Protagonist Quinn dagegen einen schäbigen Eindruck erweckt, jener Paul Auster, der zugleich als Autor auf dem Buchdeckel firmierte, und wenn beide angeregt über Cervantes Don Quijote reden, über die Frage nach der Urheberschaft bzw. der Autorenschaft dieses Buches, dann gerät zwar der Kopf noch nicht schwummerig und treibt die Gedanken ins Verwirrspiel, aber für die ausklingenden 80er Jahre war diese Art des Erzählens, die bei Auster in Ton und Stil so leichtfüßig auftrat, doch besonders.

Wobei – eingekeilt ins Spiel der Verschiebungen – der Roman „Stadt aus Glas“ wiederum von einem dritten Mann aufgeschrieben wurde, der am Ende des Buches als Ich-Erzähler auftaucht und vorgibt, mit jenem Paul Auster befreundet gewesen zu sein. Der Roman beruht insofern auf Quinns Aufzeichnungen in einem roten Notizheft, in das er seine Detektiv-Beobachtungen eintrug und die dann von jenem Dritten zu einem konsistenten Text, zu einer Geschichte also, gefügt wurden. (Hoffen wir nur, daß am Ende des Spiels mit den Fakten, bei den Buchhonoraren nämlich, das Geld nicht fälschlicherweise auf das Konto jenes dritten Mannes, sondern auf das von Auster überwiesen wurde.) Es setzt an dieser Stelle des Romans ein Verweis auf ein Spiel an Verweisen ein, das ebenso wie im Roman selbst auch in jenem Don Quijote passiert, über den Daniel Quinn (Initialen D.Q.) und Auster plaudern, ein Spiel im Spiel. Daß Auster von bestimmten Themen nicht losgelassen wird, etwa dem des Zufalls und der fragilen und multiplen Identität innerhalb der Literatur zeigt sich bereits in dieser kleinen Passage zum Don Quijote, die man nun vor dem Hintergrund seines neuen Romans „4321“ lesen muß. Jener Roman-Auster sagt:

„‚Die Theorie, die ich in meinem Essay aufstelle, lautet, daß er in Wirklichkeit eine Kombination von vier verschiedenen Personen darstellt.’“

In „4321“ geht es ebenfalls um vier Identitäten, wenn ich den ersten Besprechungen folge. Es gibt in Austers Romanen insofern viel zu enträtseln und zahlreich sind die Verweise im literarischen Kosmos Austers – untereinander und auf die Welt der Literatur bezogen. Um all diese Bezüge zu entschlüsseln, bedarf es eines Paul Auster-Dechiffriersyndikats, wie wir es von Arno Schmidt her kennen. Andererseits sollte Literatur kein Selbstzweck für Literaturwissenschaftler sein, sondern sie will gelesen werden. Zu arg hineingepreßte Bedeutungen, die sich zudem mit Absichtslosigkeit tarnen, verstimmen am Ende mehr als daß sie hilfreich sind.

Die weitere Geschichte von Daniel Quinn ist schnell erzählt. Er bekommt von jenem ominösen Anrufer, bei dem nicht auszumachen ist, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, einen Auftrag. Den Vater des Mandanten zu beschatten, sobald der aus dem Gefängnis entlassen sei und in New York ankäme. Er habe vor, seinen Sohn umzubringen. Jener Stillman Senior, Philosoph und Theologe, veranstaltete mit seinem Sohn Peter ein brachiales Experiment. Er züchtete sich, um die wahre natürliche Sprache des Menschen zu entschlüsseln, nach der Geburt des Kindes eine Art Kaspar Hauser. In diese abstruse Geschichte einer ungeheuren Kindesmißhandlung schießen Mythologisches von der Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies, der Einheit einer Menschensprache, die Geschichte vom Turmbau zu Babel und der Sprachvielfalt ineinander. Und so geraten mit der Geburt des Sohnes das Fabulierende eines alten Mythos sowie die Ideensammlung des Professors mit der Realität in Konflikt. Amerika, das ist das neue Jerusalem.

Das neue Paradies, das neue Jerusalem: es liegt in Amerika. Auster reißt in seinem ersten Buch bereits das Thema an, was ihn Zeit seines Schreibens in Atem halten wird: er zeichnet in all ihren Facetten jene Americana nach, die uns als Kultur bis in den letzten Winkel beherrscht, selbst in unseren Kopfkinomythen: die USA, das Land der Freien, das Land des Unbegrenzten, God‘s own Country. Doch vielfach schimmert bei Auster dieses Americana als kaputter Ort durch, bricht sich in apokalyptischen Szenen, in einem Spiel des Grauens, wie etwa in „Musik des Zufalls“, wo zwei Zwangscharaktere ihre zwei Besucher als Sklaven bei sich festhalten, dazu ein wenig On the Road-Romantik und harter Poker. Oder es spiegelt sich dieses Amerika als Trümmerfeld „Im Land der letzten Dinge“, und dieses Derangierte zieht sich bis in die Bewußtseinshöhlen der Sprache:

„So spricht denn jeder seine Privatsprache, und da die Gebiete, auf denen man einander noch versteht, beständig schrumpfen, wird er Gedankenaustausch mit anderen schwieriger.“

Und zum Beginn des Romans heißt es:

„Wer in der Stadt lebt lernt, nichts für selbstverständlich zu halten. Man schließt nur kurz die Augen, dreht sich um, um nach etwas anderem zu sehen, und was eben noch vor einem stand, ist plötzlich weg. Nichts bleibt, verstehst du, nicht einmal die eigenen Gedanken. Ihnen nachzuhängen wäre Zeitverschwendung. Ist etwas erst einmal weg, dann für immer.“

Diese Symptome des Auslöschens zeigen sich ebenso in „Stadt aus Glas“, sie steigern sich, bis Daniel Quinn auf eine rätselhafte Weise im Nirgendwo der Stadt verlöscht, sich ins Nichts auflöst. Unheimlich wie so oft bei Auster, wenn etwa ein Junge zu levitieren beginnt, wie in „Mr Vertigo“. Für einen Schwindel im besten Sinne ist Paul Auster immer zu haben. Abenteuer kann er mit Schwung erzählen. Bereits in den letzten Szenen, wo wir Quinn zusehen, ist er auf die Existenz eines Bettlers regrediert; er haust in einer Mülltonne, worin er sich vor dem Regen schützt, monatelang das Haus seines vermeintlichen Mandanten bewachend.

In „Stadt aus Glas“ pointiert sich der Mythos Amerika in New York – jener pulsierende Stadt. Ein Mann verschwindet darin. Was bleibt, ist seine triste Geschichte, was als Eindruck sich einsenkt, ist das Existentielle: wie mit einem Schlag und weil sich eine Sache im Leben um ein Winziges nur verschiebt, die gesamte Existenz wegbricht und wie ein Mensch, dessen Leben sinnlos und aus den Fugen zu sein scheint, mit der Stadt New York verschmilzt. Die Flanierszenen und die Beobachtungen der Stadt, die Quinn in sein rotes Notizbuch einträgt, gehören mit zu den stärksten Szenen des Buches. Bettler und Menschen in unendlicher Not, die Quinn als Detektiv auf seinen Streifzügen beobachtet. Männer mit zerschürfter Haut, verschlissen. Bis er selber auf genau diesen Stand des Gerade-noch-Menschseins hinabsinkt. Inventar dieser Stadt, aber eigentlich kein lebendiges Wesen mehr.

Die Stärke dieses Buches liegt in solchen Beschreibungen: die Weise, wie Auster den Moloch Großstadt ins Bild positioniert. Das postmoderne Spiel dagegen wirkt wie ein zwar feines und gekonntes, aber doch museal leicht angestaubtes Zierat, das wir vom Heute her mit einem Schmunzeln betrachten. Der Blick postmodern Übersättigter und derer, die inzwischen mit allen Wassern der Literaturtheorie und des Intertextuellen gewaschen sind. In diesem Sinne bin ich dann auch gespannt auf Paul Austers Opus Magnum, auf sein Alterswerk. Ob auch dort noch jenes Spiel von Verweisen vorherrscht oder ob es sich in einer Form komplexeren Erzählens regulierte.

Paul Auster: Stadt aus Glas, in: Die New-York-Trilogie (Stadt aus Glas / Schlagschatten / Hinter verschlossenen Türen), Rowohlt Verlag, EUR 9,99.

 

 

Veröffentlicht unter Bloggen, Geburtstage | Verschlagwortet mit | Kommentar hinterlassen

Digitale Raubkopien und Open Access

Ich schätze es nicht, wenn man geistiges Eigentum raubt: Autoren von Texten stecken Zeit und Kraft in ein Buch, Verlage ermöglichen es, daß Texte dauerhaft sich verbreiten. Ebensowenig aber kann ich es leiden, wenn sich ein Verlag am Verkauf von inzwischen vergriffenen Büchern gesundstößt. Wenn ich nämlich sehe, wie der Verlag Walter de Gruyter Buchpreise festlegt, kann ich gut verstehen, daß sich Menschen im Internet bedienen und digitale Raubkopien von Büchern ziehen.

Beispiel gefällig? Häufig begegnen mir beim Recherchieren von Wissenschaftsliteratur Werke, die inzwischen vergriffen sind. Etwa weil es den Verlag nicht mehr gibt. Der einzige Bezugsort, den ich finde, ist oft der Verlag de Gruyter und häufig offeriert er die Bücher zu einem Preis von 109,95 EUR. Etwa von Michael Theunissen: „Hegels Lehre vom absoluten Geist als theologisch-politischer Traktat“ oder kürzlich durch Zufall entdeckt, „Ästhetik im Widerstreit. Interventionen zum Werk von Jean-François Lyotard“. Ladenpreis: Satte 109,95 Euro. Das waren damals in den späten 80ern, vor Beginn des postfaktischen Zeitalters, als die Menschheit noch die Wahrheit sprach, 215 Deutsche Mark. Nie hätte ich als Student für solche Bücher das Geld gehabt. Allerdings war der damalige Verlagspreis deutlich niedriger. So konnte ich mir den Sammelband kaufen. Nun steht dieses Büchlein von 225 Seiten in meiner Bibliothek, insofern brauche ich es nicht mehr zu erwerben.

Ich kenne in etwa die Produktionspreise für Bücher: weiß was es kostet, ein solches vergriffenes Werk zu scannen (zu digitalisieren) und dann über Print on Demand zu drucken. Es ist nicht ganz billig. Aber so teuer, daß ein Verlag 109,95 Euro verlangt, Freunde des wissenschaftlichen Publizierens, ist es ebensowenig. Die Gründe, die einen solchen Preis rechtfertigen, würden mich interessieren. Es mag ein Zufall sein, daß diese Bücher weder über Amazon noch über Euro Books antiquarisch zu beziehen sind, wie das ansonsten bei vielen vergriffenen Büchern der Fall ist. Ich weiß es nicht; seltsam jedoch finde ich es schon. Und noch viel seltsamer scheint mir diese Art der Preisgestaltung, die geradezu zum digitalen Diebstahl herausfordert. Bücher müssen ihren Preis haben, insbesondere, wenn Vergriffenes nachgedruckt wird. Sofern jedoch ein Buch über Jahre vergriffen ist, muß es die Möglichkeit geben, an solche Werke in einem Open Access heranzukommen bzw. solche Bücher für einen kleinen Preis zu beziehen. Denn leider hat nicht jeder Verlag die Möglichkeit oder die Lust, eine umfangreiche Backlist vorrätig zu haben.

Ganz anders hingegen macht es der transcript Verlag: Das Buch „Ereignis. Eine fundamentale Kategorie der Zeiterfahrung. Anspruch und Aporien“ 2003 erschienen, herausgegeben von Nikolaus Müller-Schöll, ist inzwischen (leider!) vergriffen. Aber der Verlag stellt dieses Werk im Open Access zur Verfügung. Ich hätte es sogar gekauft und bis zu 50 oder 60 EUR für dieses interessante Buch bezahlt. Tolle Titel und Themen sind darin versammelt, wie ich überhaupt dem transcript Verlag für sein wissenschaftliches Programm ein Kompliment machen muß. Von Jean-Luc Nancy findet sich in dem Sammelband ein Aufsatz zum „Ereignis der Liebe“, von Hein Dieter Kittsteiner „Karl Marx in der Kehre Heideggers. Über das Fernbleiben des Ereignisses in der Kunst als Event“. Ohne zu wissen, worum es in den Texten geht, reizen bereits diese Titel zum Lesen. Zumal der Begriff des Ereignisses philosophisch, ästhetisch und auch politisch ein zentraler Begriff ist: Geschieht es? Und vor allem muß man, in der Logik von Beschreibung, Darstellung und Interpretation immer wieder fragen: Was geschieht?

Anderes Thema aber, anderes Feld. Auf was für feine Fundstücke wir jedoch manchmal beim Stöbern im Netz stoßen. Sozusagen vom Ereignis des Zufalls.

Veröffentlicht unter Geschichten aus der Produktion, Gesellschaft | Verschlagwortet mit , | 8 Kommentare

Der unheimlichste aller Gäste – Grenzen der Gemeinschaft (1)

16_11_12_lx_7_10647

„Der Nihilismus steht vor der Tür: woher kommt uns dieser unheimlichste aller Gäste? – Ausgangspunkt: es ist ein Irrtum, auf »soziale Notstände« oder »physiologische Entartungen« oder gar auf Korruption hinzuweisen als Ursache des Nihilismus. Es ist die honetteste, mitfühlendste Zeit. Not, seelische, leibliche, intellektuelle Not ist an sich durchaus nicht vermögend, Nihilismus (d. h. die radikale Ablehnung von Wert, Sinn, Wünschbarkeit) hervorzubringen. Diese Nöte erlauben immer noch ganz verschiedene Ausdeutungen. Sondern: in einer ganz bestimmten Ausdeutung, in der christlich-moralischen, steckt der Nihilismus.“ (Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente)

Solcher Nihilismus und  damit auch der unheimlichste aller Gäste freilich sind aktuell seit Jahrhunderten. Da brauchen wir uns wegen Trump keine Sorgen zu machen. Trump ist nicht der Anfang einer Bewegung, sondern lediglich eines der Resultate einer lange schon andauernden Tendenz. Das vergessen die, welche den Alarmismus predigen, allzuleicht. Das hat eine Vorgeschichte. Aber der Titel dieses Beitrags ist – zugegeben – reißerisch angelegt. Böses Clickbaiting, Freude der Nacht. Worum es mir jedoch in diesem Kontext geht, ist die seit der frühen Aufklärung (nein, im Grunde seit der sokratisch-platonischen Antike) währende „Entzauberung der Welt“, das Geschehen, was Georg Lukács in seiner Theorie des Romans die „transzendentale Obdachlosigkeit“ nannte. Die philosphische Größe Nietzsches liegt vor allem darin, diese „Dialektik der Aufklärung“ auf den Begriff bzw. in eine fragmentarische Anordnung gebracht zu haben. Daß uns die Entzauberung der Welt auch als menschliche Wesen entzaubert. Und so treibt das die Wünsche aus und gebiert neue:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit werden gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Dies dichtete Novalis im „Heinrich von Ofterdingen“ – jener literaturkritischen Antwort auf Goethes „Wilhelm Meister“. Die Rätselworte, die eine falsche Welt aufzulösen vermögen. Eine nette fette Fiktion der lyrisch gestimmten Einbildungskraft? Einer Kraft zumindest bedarf es, um Falsches fortzuschaffen. Auch die Französische Revolution übrigens, auf die sowohl Schiller wie die Frühromantiker mit Schrecken reagierten, war eine solche Kraft, die ein altes Europa fortfegte. In Nietzsches Diktion jedoch ist es eine Entzauberung, die tiefer reicht, und es gesellt sich der Welt ein Gast zu, der gekommen ist, um zu bleiben.

Eine Frage aber hängt im Raum: Wer wohl die anderen Gäste sein mögen – neben dem unheimlichsten. Darauf gibt Nietzsche – zunächst – keine Antwort. Viel des Unheimlichen ist.

Was die Interpretation von Nietzsche betrifft, insbesondere im Hinblick auf die bekannte, auch hier im Blog immer einmal wieder geführte Debatte zu Nietzsche und dem Faschismus, empfehle ich zur Lektüre im Online-Magazin tell einen Text von Hartmut Finkeldey aus der Rubrik „Vers für Vers 4: Von der Ästhetik zur Barbarei?“. Es ist eine Lektüre von Nietzsches Gedicht „Mitleid hin und  her“ („Vereinsamt“). Jenes bekannte Gedicht, von dem Rilke inmitten der metaphysischen Obdachlosigkeit borgte, als er dichtete „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr“. Bei Nietzsche hieß es am Ende „Weh dem, der keine Heimat hat!“ Eine Kältezone, die im deutschen Herbst ihren Anfang nimmt, Nietzsche taktet auf:

Die Krähen schreiʼn
und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
bald wird es schnei’n. –
wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

In dem Text von Hartmut Finkeldey insbesondere schön verwendet ist jenes Bild aus Nietzsches „Zarathustra“ von den drei Verwandlungen des Geistes: „wie der Geist zum Kamele wird, und zum Löwen das Kamel, und zum Kinde zuletzt der Löwe.“ Eine Transformation, die noch die Hegelsche Dialektik durchstreicht, so würde ich hinzufügen. Dieser Umstand eines Umschlages macht diese Entwicklung für mich besonders spannend,  wenngleich wir mit dem Antihegelianer Foucault und dem Dialektiker Derrida wissen, daß wir nie mehr hinter Hegel zurückfallen können, weil wir insbesondere dann dem Denken Hegels nicht nur erliegen, sondern unterliegen.

Ja, Nietzsches Transformationen, seine Veredelungszucht, auf die auch dieses Gedicht deutet. Nicht als Rasse, sondern als Kultur, wie Hartmut Finkeldey betont. Dieses Konzept übt bis heute einen Reiz auf bestimmte Formen von Gemeinschaft aus: ob es die intellektuellen Herrenreiter sind, eingeschneite, eingebildete Ästhetiker (eingebildet in der Doppelbedeutung genommen), Grandhotel Abgrundler oder die kompetenten Teilnehmer am Politischen, intellektuelle Kraft, Fähigkeit zur Analyse, Diskursgemeinschaft.

Als eine Einheit stiftende Form der Gesellschaft freilich sind solche von Nietzsche gedachten Gemeinschaften nicht mehr möglich – die griechische Polis ist adé, weil es so etwas wie die Agora nicht mehr gibt. Ein Ort, wo Freie miteinander debattieren und sich durch solche Prozesse ein Gemeinwesen stiftet. Das Medium hat sich in einer Form gewandelt, daß sich von der Quantität her eine neue Qualität ergibt. Mit Habermas gesprochen entwickelt sich daraus der „Strukturwandel der Öffentlichkeit“.

Nietzsche und Habermas jedoch dürften schwer zusammenzubringen sein. Denn Nietzsche will auf etwas ganz anderes hinaus. Es ist dies keine Gemeinschaft Gleichberechtigter –  gleichberechtigt zumindest in der ideologischen oder auch idealtypischen Konstruktion bürgerlichen Denkens genommen, gewissermaßen die Fiktion von Gleichheit –, wo Schwache und Starke vertreten sind: auf dem Markt nämlich, kann man böse hinzufügen. Auch Zarathustra übrigens begibt sich, wie wir wissen, von seinene Höhen, aus dem Gebirge herab auf den Markt, hört das Volk, sieht den Seiltänzer. Da wo der Mensch ein Seil ist, das sich über einen Abgrund spannt. Übergang und Untergang. Es folgt der Possenreißer. Nietzsche in der Menge. Wir begegnen beim Betrachten ebenso den „Fliegen des Marktes“, Sätze die von Heidegger stammen könnten, der sich in seiner Weise sicherlich auch als eine Art Zarathustra begriff:

„Wo die Einsamkeit aufhört, da beginnt der Markt; und wo der Markt beginnt, da beginnt auch der Lärm der großen Schauspieler und das Geschwirr der giftigen Fliegen.“

Nein, Nietzsche ist kein Demokrat. Gemeinschaften unterschiedlichster Art jedoch sind in der Moderne immer eingebunden in eine Gesellschaft und damit in die Dimension des Politischen.

Was aber ist jener Nihilismus, von dem Nietzsche spricht und der den Riß, die Lücke, die Kluft der Moderne hervorruft? „Gott ist tot“? Diese Erkenntnis, dieser Ausruf des „letzten Menschen“ (Nietzsche) allein reicht allerdings nicht, um zu klären, weshalb Sinn erodiert und weshalb wir von „Legitimitätsproblemen im Spätkapitalismus“ sprechen. Mich interessiert die Frage nach dieser Kluft, nach dem Riß. Es geht die These, die Deutsche Romantik wollte diese verlorene Einheit wiederherstellen. Das, was wir die Ausdifferenzierung der Moderne nennen und was im Grunde bereits bei Aristoteles angelegt ist, wenn er die Erkenntnistheorie von der Moraltheorie trennt, was sich bei Kant in den drei  Kritiken dann manifest zeigt und dann bei Habermas in einer ausdifferenzierten Vernunft sich fortsetzt. Für die Ästhetik genommen scheint so etwas wie Einheit eine (vormoderne) Fiktion, im Konzept von Martin Seel etwa : vorzuziehen in der pluren Moderne ist die „Kunst der Entzweiung“.

Vielleicht aber sollten wir – noch einmal – zu den Texten der Frühromantik (lesend) zurückkehren. Meine These geht vielmehr so, daß es dieser deutschen Romantik nicht auf die Einheit ankam – wofür auf den ersten Blick Begriffe wie Universalpoesie und Transzendentalpoesie zu zeugen scheinen –, sondern daß sich dort vielmehr ein Denken extremer Differenz ereignet, wie wir es rund 160 Jahre später bei erst wieder bei Adorno, Heidegger und Jacques Derrida wiederfinden. Um aber diesen Abschweif aufs Thema zu leiten: Es sind auch Gemeinschaften immer Differenzgebilde. Implizit und explizit stellen Gemeinschaften andauernd die Frage nach dem Unterschied, nach dem, was anders ist. Einschließungen funktionieren nur qua Ausschluß. Spannende Frage für eine Ethik der Differenz, für ein Denken der Vielheiten. Bei Nietzsche übrigens heißt das Perspektivismus.

Veröffentlicht unter Gewaltdiskurse, Nietzsche | Verschlagwortet mit | 52 Kommentare

Good Morning, America!

Ladys and Gentlemen: The president of the United States!

Und jetzt mal nicht so antiamerikanisch, Freunde von SpOn und von anderen Medien, die ihr bei jedem Krieg, bei jedem Regime Change, bei jeder neoliberalistischen Regung und bei jedem TTIP jahrzehntelang im Arschloch von Bush und Obama gehockt habt und euch in der hohen Kunst des Schweigens übtet. Ich freue mich zwar nicht über Trumps Wahl, aber eines gewissen Witzes entbehrt diese Wahl und die gestrige Antrittsrede nicht. Allein deshalb, weil das versteinerte Gesicht des Transatlanikers Claus Kleber im heute journal Bände sprach.

Nun sind freilich Trump und seine Politik deshalb noch lange nicht gut, weil wir uns über die belämmerten Gesichter der Bidders und Klebers freuen. Auch in diesen Umkehrschluß sollte niemand verfallen. Die Kritik sowohl an Trump wie auch an einem Journalismus, der sich blind gegenüber bestimmten Phänomenen stellt, sollte das Ziel einer pluralen Berichterstattung sein. Zumindest in der Variante, die man in der Jurisprudenz „Die überwiegend herrschende Meinung“ nennt, war diese Pluralität bisher nicht so häufig anzutreffen. Ich denke an die Berichte zu Syrien und Aleppo, zum Yemen, zur Ukraine, zur Griechenlandkrise. Merkels und Kai Dieckmanns sowie Ulf Poschardts Mitleid mit den Griechen hielt sich arg in Grenzen.

Erstaunlich bleibt jedoch, wie kritisch Journalisten, die man vorher bei ihrer Kritik zum Jagen tragen mußte, mit einem Male berichten können, wenn sie denn wollen. Honi soit qui mal y pense! Insofern hat die Wahl Trumps zumindest ein gutes, und allein in diesem Sinne war gestern ein gelungener Tag, der uns zeigt: Es geht. Früher in den Zeiten des journalistischen PR-Sprechs wurden solche Berichte freilich in anderen Kontexten immer als Antiamerikanismus gelabelt. Aber jetzt rede ich schon wie so ein Journalist aus alten Zeiten.

Ja, es ist lustig, gestern und heute morgen bei SpOn (und auch in anderen Medien) zu lesen. Große Beruhiger, die sonst und in allen anderen Zusammenhängen in schöner Konstanz vor Hysterie warnten, hyperventilieren plötzlich. Große Schweiger bei der US-Politik verwandeln sich zu wagemutigen Kritikern und spreizen sich zu Meistern der Rhetorik. Was für wundersame Metamorphosen. Erinnert sich noch jemand an Herta Däubler-Gmelin und ihre Kritik an Bush und wie man mit Däuber-Gemlin umsprang, als sie in ein paar harmlosen Sätzen Bush kritisierte? Ja?

Bei SpOn-Journalisten muß ich immer an den Satz aus Schillers „Die Räuber“ denken: Kerls, die in Ohnmacht fallen, wenn sie einen Buben gemacht haben, kritteln über die Taktik Hannibals.

Im Trump-Kontext interessant sind zudem die Aussagen des philantrophischen Oligarchen George Soros in Davos. Die „Zeit“ titelte: „George Soros warnt vor ‚Hochstapler und Möchtegerndiktator‘ Trump“.  Einmal davon abgesehen,  daß Trump (bisher) ein demokratisch gewählter Präsident ist und es in den USA immer noch so etwas wie checks and balances gibt: Da geht wohl denen, die Obamas und Clintons Politik der Konfrontation und des Regime Change mit Hedge-Fonds und dubiosen Spekulationsgeschäften finanzierten, kräftig der Köttel in der Hose. Wie auch dem oben genannten Herrn Kleber. Andere Herren, anderer Einfluß. Es ist wie in Brechts Lied von der Moldau. Eine gewisse Schadenfreude angesichts von Soros‘ Verdienstausfalls kann ich nicht verhehlen. Ärgerlich allerdings, daß der Artikel zu erwähnen vergißt, inwiefern George Soros den blutigen Putsch in der Ukraine finanzierte und dort massiv eine Politik der Konfrontation schürte.

Ja, wir, die BRD, die Welt: wir werden mit Donald Trump und möglicherweise auch mit einer veränderten Weltordnung leben müssen. Für eine kluge Europapolitik bietet das eine Chance. Insbesondere, um eine andere Politik in den arabischen Großräumen und in bezug auf die Ukraine zu fahren. All diese Dinge sollten wir mit kühlem Blick betrachten und nicht in der Hysterie aufgescheuchter SpON-Journalisten. Benjamin Bidder wird sich eine neue Tafel suchen müssen, wo ein paar Happen für ihn abbröseln. Aber ich bin mir sicher, er wird, findig wie er ist, einen neuen und bequemen Platz ergattern. Die heute noch so aufgeregten Journalisten werden sich schnell arrangieren. Das Press-Wesen ist ein eigen Ding und solche Transformationen in Blitzeseile gehören zu seinem Metier:

„Der Journalismus ist ein Terminhandel, bei dem das Getreide auch in der Idee nicht vorhanden ist, aber effektives Stroh gedroschen wird.“ (Karl Kraus)

Veröffentlicht unter Gesellschaft | Verschlagwortet mit , | 102 Kommentare

Karl und Rosa, Eis und Eden

„Niemand zeugt für den Zeugen“ (Paul Celan)

Es gibt ein Gedicht von Paul Celan, das trägt den Titel „Eis, Eden“ (1963), es stammt aus dem Gedichtband „Die Niemandsrose“. Dieser Titel paßte ebensogut zu jener Lyrik, die mit dem Satz beginnt „Du liegst im großen Gelausche“ – Celan ließ in seiner späten Dichtung konsequent die Überschriften weg. Dieses Gedicht hat – man wird das vermutlich nur über Umwege und über die Kombination der Textelemente feststellen – die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg zum Thema. Das Gedicht ist undatiert, obwohl es in seinem Kern an ein Datum gebunden ist. Es wurde 1971 postum in dem Band „Schneepart“ publiziert, und es geht so:

DU LIEGST im großen Gelausche,
umbuscht, umflockt.

Geh zur Spree, geh zur Havel,
geh zu den Fleischerhaken,
zu den roten Äppelstaken
aus Schweden –

Es kommt der Tisch mit den Gaben,
er biegt um ein Eden –

Der Mann ward zum Sieb, die Frau
mußte schwimmen, die Sau,
für sich, für keinen, für jeden –

Der Landwehrkanal wird nicht rauschen.
Nichts
xx stockt.
(Paul Celan, im Gedichtband „Schneepart“)

Ich hatte bereits an dieser Stelle auf AISTHESIS über das Gedicht geschrieben. Ein paar Ergänzungen nur seien angemerkt, weil gestern der Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zum 98. Mal sich jährt. Peter Szondi schrieb einen kleinen Aufsatz über jenes Gedicht. Der Text heißt „Eden“ und befindet sich in den Schriften Band 2. Bemerkenswert bzw. hart im Faktum ist der Umstand, daß Szondi im Oktober 1971 in den Halensee stieg und sich ums Leben brachte – eineinhalb Jahre, nachdem Paul Celan von der Pont Mirabeau in die Seine sprang und ertrank. Am 20. April, Ironie der Geschichte. Beide waren sie als Juden späte Opfer der NS-Vernichtung. Wasserszenen also, aber kein Undinenzauber und es hat die Deutsche Romantik sich ausgeträumt. Die Wunde Eichendorff, um einen Aufsatz Adornos abzuwandeln.

Szondi schildert in diesem Text eine Tour durch Berlin, Celans Besuch in Plötzensee, Beobachtungen Celans, seine Lektüre einer Dokumentation zu Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg; ein Weihnachtsmarkt, wo Celan einen schwedischen Adventskranz erblickte, aus rotgestrichenem Holz mit Äpfeln und Kerzen bestückt, ein Spaziergang, den Szondi mit Celan unternahm. Wege, die sie gemeinsam abschritten, eine Fahrt vorbei am Hotel Eden, direkt am Europa-Center, wo Rosa Luxemburg zu Tode gefoltert und Karl Liebknecht durchlöchert wurde wie ein Sieb. Die biographischen Umstände also, unter denen dieses Gedicht entstand. Sicherlich konnte Peter Szondi als Zeuge mehr als jeder andere dazu beitragen, das Gedicht zu deuten. Aber was trägt dieses Wissen zur Interpretation eines Gedichtes bei?

„Indessen macht die Kenntnis der Realien, der realen Erfahrungen, die aus Celans Aufenthalt in Berlin um Weihnachten 1967 in das Gedicht Du liegst … eingegangen sind, noch keine Interpretation des Gedichts aus. Vielmehr eröffnet sich solcher Kenntnis die entstehungsgeschichtliche Dimension, in welcher zwar fast jede Stelle des Gedichts auf ein bezeugtes Erlebnis zurückverweist, nicht minder aber der Weg von den realen Erlebnissen zum Gedicht sichtbar wird, ihre Verwandlung. In dem Spannungsfeld zwischen dem halb vom Zufall gefügten Allerlei der Berliner Tage Celans und der kunstvollen Konstellation, welche das Gedicht ist, erscheint dieses dem Leser, der Celan in jenen Tagen begleiten durfte. Darum kann seine Absicht nicht sein, das Gedicht auf die Daten und Fakten zurückzuführen, aus denen die vierzehn Verse zusammenschossen, wohl aber zu versuchen, die Vorgang dieser Kristallisation nachzuvollziehen.“ (Peter Szondi, Eden)

Wer Gedichtete deutet, muß auf einer anderen Ebene lesen, auf anderes rekurrieren als aufs factum brutum. Eine Absage an jeglichen literaturwissenschaftlichen Positivismus. Szondi thematisiert – gleichsam als negative Größe, als Leerstelle – genau dieses Biographische, das Autobiographische jeglicher Dichtung im Grunde, das bis heute Thema der Lektüren, eine Art Fetisch ist und die Konstruktion, die Fiktion, das lyrische Ich überwuchert und in einen handhabbaren Kontext gelebten Lebens einzuhegen versucht. Deutbar durch Daten, das lyrische Ich nur eine krude Funktion des empirischen Ichs. Aber solche Sicht beraubt am Ende einen Text – egal ob Prosa oder Poesie – ums beste. Gedichte sind keine Berichte. Insofern ist dieser knappe Essay von Szondi auch aus Gründen der Methode in den Literaturdeutung so ungeheuer bedeutsam. Szondis Methode ist eine dialektische. Denn er schaltet das Biographische eben nicht krude im Sinne einer immanenten Lektüre des Hermeneutikers aus und markiert es als irrelevante Größe, sondern er nimmt diese Bezüge als Zeugnisse ernst. Oder wie es bei Adorno in seiner „Ästhetischen Theorie“ heißt: ein Kunstwerk ist immer beides. Fait social und autonom.

„Inwiefern ist das Verständnis des Gedichts abhängig von der Kenntnis des biographisch-historischen Materials? Oder prinzipieller gefragt: Inwiefern ist das Gedicht durch ihm Äußerliches bedingt, und inwiefern wird solche Fremdbestimmung aufgehoben durch die eigenen Logik des Gedichts?“

Doch das Gedicht, so Szondi, läßt all diese (privaten) Beobachtungen Celans, die biographischen Prämissen und die Flanier-Szenen des Dichter-Beobachters hinter sich. Der Nachmittag eines Schriftstellers ist hier nicht das Thema des Gedichts, genausowenig das, was er an den Phänomenen beobachtet und ebensowenig das Betrachten selbst als kontemplativer Zustand des Dichtens, aus dem heraus wie durchs Wunder oder das Ingenium des genialen Künstlers das Gedicht sich ergießt. Das Gedicht erzeugt eine Wirklichkeit sui generis – wie überhaupt das gelungene Kunstwerk eine Welt eigener Art und Ordnung ins Werk setzt – eine „nicht auf subjektive Zufälligkeiten reduzierte Wirklichkeit“. (Der Bezug zu Hegels Ästhetik wie auch zu Heideggers Kunstwerk-Aufsatz, der darin von Hegel die Redewendung von der stiftenden Funktion des Kunstwerks borgte, liegen auf der Hand.) Es verknüpfen sich dabei in dem Gedicht die Motive: das Weihnachtsfest und der (politische) Mord, Fleischerhaken und rote Äppelstaken, der Tisch mit den Gaben und das Eden, und sie schließen sich zu einem gänzlich neuen Kontext zusammen. Doppeldeutig allemal. Einerseits das Hotel, andererseits ein Garten der Lüste und der Freude.

Es bleibt in diesem Gedicht insbesondere das Paradies- und auch das Erlöser-Motiv („für sich, für keinen für jeden“) festzuhalten und zu konstatieren, wie es bei Celan mit dem Tod kontaminiert wurde. Eine negative Geschichtsphilosophie, fern jeglicher Utopie. Was tun und was geschieht? Es zeigt sich im letzten Wort, in den letzten beiden Zeilen, im Enjambement, das den Satz und damit einen dialektischen Fluß auftrennt, die Umkehrung des Heraklit zugeschriebenen Bildes vom panta rhei in der Verneinung und als Anspruch und Abbruch:
Nichts
Stockt.
Der Engel der Geschichte, den Benjamin schilderte und den Heiner Müller als glücklosen ins Bild setzte, erstarrt. Nein, nicht einmal das. Er dröselt sich auf, bricht ab. Im großen Gelausche zu liegen, umbuscht, umflockt – ein eigentlich romantisches Bild: die eingedeckte Tote im Fluß. Eine Art Ophelia. Eigentlich geht es nur noch ums Minimale, um den letzten Rest: Ums Überleben. Doch selbst dieses Weiterleben ist nicht selbstverständlich.

Das Gedicht „Eis, Eden“ schließt mit diesen Zeilen:

Das Eis wird auferstehen,
eh sich die Stunde schließt.

In einem entfernten Sinne geben diese Zeilen sogar ein Stück weit Hoffnung. Die Erlösung noch des Unerlösbaren. Die Auferstehung des Eises.

Veröffentlicht unter Ästhetische Theorie, Gedichte | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Die Presse

Es ist, es war, es bleibt: leider aktuell. Wie immer und auf den Punkt bringt und singt es Karl Kraus, das Lied von der Presse. Ja, die Welt und wir haben es in der Tat weit, sehr weit gebracht: Zur Zeitung. Hätte Karl Kraus von Twitter und Facebook geahnt: Er nutzte das technisch Neue. Aber in seinem Sinne und in böser Anklage gegen die, die sich heute so unendlich leichfertig User nennen. Seine Aphorismen mögen zum 140-Zeichen-Satz taugen, denn sie pointieren und spießen auf. Seine komplexen Texte jedoch eignen sich nicht dazu, ihren Gehalt auf 140 Zeichen zu reduzieren, und es ist insoofern nachgerade absurd, Kraus bloß auf die flotte Sentenz herunterzubrechen. Was er zur Literatur schrieb, zu Heine und über seinem verehrten Nestroy, zu Sittlichkeit und Kriminalität, wenn es darum ging, daß vor Gericht nicht die Angeklagte, sondern vielmehr ihr sozialer Status verurteilt wurde – das paßt nicht in 140 Zeichen. Verdinglichung pur.

Andererseits heftete sich der Blick von Karl Kraus ans geringste Detail und entzündete sich daran. Er sezierte die Zeitung messerscharf anhand des vermeintlich Nebensächlichen.

„Ich pfeife auf den Text, ich bin imstande, das Antlitz der heutigen Welt mir aus dem hinteren Annoncenteil zusammenzustellen.“

 

 

Im Anfang war die Presse
und dann erschien die Welt.
Im eigenen Interesse
hat sie sich uns gesellt.
Nach unserer Vorbereitung
sieht Gott, daß es gelingt,
und so die Welt zur Zeitung
er bringt.

Die Welt war es zufrieden,
die auf die Presse kam,
weil schließlich doch hienieden
Notiz man von ihr nahm.
Auch was sich nicht ereignet,
zu unserer Kenntnis dringt;
wenns nur fürs Blatt geeignet –
man bringt.

Wenn auch das Blatt die Laus hat,
die Leser gehn nicht aus;
denn was man schwarz auf weiß hat,
trägt man getrost nachhaus.
Was wir der Welt auch rauben,
sie bringt uns unbedingt
dafür doch ihren Glauben;
sie bringt.

Sie lesen, was erschienen,
sie denken, was man meint.
Noch mehr läßt sich verdienen,
wenn etwas nicht erscheint.
Wir schweigen oder schreiben,
ob jener auch zerspringt –
wenn uns nur unser Treiben
was bringt.

Die Welt, soweit sie lebend,
singt unsere Melodie.
Wir bleiben tonangebend
von aller Gottesfrüh.
Nach unsern notigen Noten
die Menschheit tanzt und hinkt,
weil Dank sie für die Toten
uns bringt!

Die Zeit lernt von uns Mores,
der Geist ist uns zur Hand,
denn als Kulturfaktores
sind wir der Welt bekannt.
Kommt her, Gelehrte, Denker,
komm, was da sagt und singt,
daß hoch hinauf der Henker
euch bringt!

Wir bringen, dringen, schlingen
uns in das Leben ein.
Wo wir den Wert bezwingen,
erschaffen wir den Schein.
Schwarz ist’s wie in der Hölle,
die auch von Schwefel stinkt,
wohin an Teufels Stelle
man bringt!

Veröffentlicht unter Gesellschaft | Verschlagwortet mit | 5 Kommentare