Avancierter Feminismus – radikale Kritik heißt triggern

Die erste Dokumentation zur radikalsten Zeitschrift der westdeutschen Frauenbewegung „Die Schwarze Botin“

Als Karl Kraus 1899 zum Sprung in eine neue Zeit die erste Ausgabe seiner „Fackel“ erscheinen ließ, um im neuen Jahrhundert auszuleuchten, stellte er im Vorwort knapp und präzise sein Unterfangen vor: „Das politische Programm dieser Zeitung scheint somit dürftig; kein tönendes ‚Was wir bringen‘, aber ein ehrliches ‚Was wir umbringen‘ hat sie sich als Leitwort gewählt.“

Mit einem ähnlichen Paukenschlag und mit Verve taktet auch die 1976 gegründete feministische Zeitschrift „Die Schwarze Botin“ im Oktober des Jahres 76 auf, und zwar mit Proklamation, Polemik und Kampfeslust – abseits der bisher betretenen Pfade der noch jungen Frauenbewegungen, die sich aus den Protesten der sechziger Jahre herausbildeten:

„Die Frauen haben sich schlecht beraten lassen, als sie anfingen zu glauben, daß alles, was Frauen denken, sprechen, schreiben und arbeiten, unter dem Aspekt der Neuen Weiblichkeit für die Emanzipation brauchbar, wenn nicht gar gut sei. Nichts ist leichter, als die Dummheit zum goldenen Mittelmaß zu erheben.“

Dies schrieb Gabriele Goettle in ihrem Auftaktessay „Schleim oder Nichtschleim, das ist die Frage“. Und weiter heißt es da programmatisch:

„Wir erwarten nicht, daß unsere Botschaften Inhalt neuen Frauenfühlens werden, wir haben im Gegensatz die Absicht, von unserer Neigung zur Konsequenz den rücksichtslosesten Gebrauch zu machen. Dabei gehen wir von der Überzeugung aus, daß für die Existenz der schwarzen Botin, sie selbst unentbehrlicher ist als die, welche sie lesen. Die schwarze Botin wird vielleicht anfänglich schwer zu verstehen sein, aber noch schwerer mißzuverstehen.“

Diese Passage ist eine klare Kampfansage und auch eine Absage an gefühlige Leserinnenschaft, die sich gern in Texten empfindungsberauscht spiegelt, wie das in jenem Feminismus der Neuen Weiblichkeit der 1970er Jahre oft üblich war. Das Weib – es blieb auch da ein Mythos, den man gerne besang, nur eben mit anderen Vorzeichen als es der männliche Blick sich dachte. Nun war sie plötzlich Urgrund, Mutter, Nicht-Mutter oder Amazone. Die von Goettle (*1946) und ihrer Geliebten Brigitte Classen (1944-2006) gegründete Zeitschrift „Die Schwarze Botin“ sollte um ihrer selbst und um ihrer Texte willen bestehen und nicht durch rigide Programmatik. Inhaltliche Qualität also statt Publikumsgeschmack und Zielgruppenorientierung. Das ist im Zeitalter des Marktes etwas Besonderes. Die Zeitschrift wollte nicht einfach fürs Wohlbefinden der Leser da sein und gefällige Wahrheiten liefern – jenen Schleim von Empfindung und weiblicher Gefühlig- bzw. Begriffslosigkeit oder wie der ehemalige Chefredakteur des Magazins „Focus“ Helmut Markwort in einer Werbung es formulierte: „immer an die Leser denken!“ Solcher Tendenz des Marketings folgten die Herausgeberinnen nicht. Die „Schwarze Botin“ denkt, das macht das Auftakt-Vorwort von Goettle unmissverständlich deutlich, auf die Sache, die da unter anderem heißt Gesellschaft, und sie will nicht gefällig sein, um Orte des Wohlfühlens und Safer Spaces zu schaffen, wo man nicht getriggert wird. Im Gegenteil: Kritik heißt triggern.

Die Differenz markieren, den Unterschied setzen, gegen den „klebrige[n] Schleim weiblicher Zusammengehörigkeit“, das ist der Auftrag dieser Zeitschrift. „Eine Zeitschrift für die Wenigsten“, so konzipierte sich die „Schwarze Botin“. Solidarität kann manchmal auch heißen, um linken Sprache aufzugreifen, nicht solidarisch zu sein. Und mit solchem Programm radikaler Kritik ging es nicht darum, in den unterschiedlichen Richtungen des 70er-Jahre-Feminismus „irgendwelche Karrieren als Galionsfiguren anzustreben“. Es kam diesem Projekt nicht auf eine Masse an Lesern an, es wollte, wie auch die ästhetischen Avantgarden und ebenso die Kritische Theorie Adornos, Horkheimers und Benjamin, auf die sich einige der Autorinnen teils bezogen, randständig sein: teils Politik, teils Theorie, teils Literatur, teils Kunst: vor allem aber eine besondere und konfrontative Art des Feminismus, dem es nicht aufs Kuscheln und auf eine falsche Solidarität ankam. Insofern war das Programm der Zeitschrift immer auch ein ästhetisches: die Grenzen sprengen, und dies mit unterschiedlichen diskursiven wie nicht-diskursiven Mitteln: so zum Beispiel Zeichnungen und Collagen. Das trug der Zeitschrift den Vorwurf ein, elitär und arrogant zu sein. Die Herausgeberinnen konnten damit gut leben.

Dabei sammelten sie für ihr avanciertes Projekt eine Vielzahl von illustren Autorinnen um sich, die später teils als Publizistinnen, Philosophinnen und Schriftstellerinnen bekannt werden sollten oder es bereits schon waren: Silvia Bovenschen, Elfriede Jelinek, Elisabeth Lenk, Rita Bischof, Glinka Steinwachs, Ursula Krechel, Christa Reinig, Gisela von Wysocki, Gisela Elsner, die Malerin Sarah Schumann und viele andere.

Das, was dieser Zeitschrift von anderen Frauenzeitschriften aus der politbewegten Zeit der späten 1970er Jahre unterschied – wie der unweit später gegründeten „Emma“ und der zu selben Zeit erscheinenden „Courage“ –, konnte man bereits am Titelblatt festmachen: es handelt sich um eine schlecht kopierte Reproduktion eines Bildes aus der Frührenaissance, das aus einem Fresko von Piero della Francesca stammt. Der Zyklus trug den Titel „Die Legende vom Wahren Kreuz“. Mittels Kunst, Collage und Montage setzten die Herausgeberinnen nicht nur ästhetisch ein Zeichen. Dazu um das Schwarz-Weiß-Bild herum ein schwarzer Trauerrand. Und auch der Titel ist Programm: Nicht die frohe Botschaft wird da gebracht. Sondern teils Düsteres, teils harte Kritik: nicht was wir bringen, vielmehr geht das Motto ähnlich wie bei Kraus: Was wir umbringen. Das Titelbild der „Schwarzen Botin“ wurde niemals verändert, sondern diente vielmehr als Erkennungszeichen und Statement, anders als dies sonstige Zeitschriften betrieben, die ihre Titelbilder thematisch ausrichteten. Auch die Hefte der Botin waren nicht nach Themen und Rubriken ausgerichtet.

In diesem Sinne läuft die von dem Historiker Vojin Saša Vukadinović herausgegebene Anthologie von Schwarze-Botin-Texten aus der Zeit von 1976 bis 1980 quer zum Konzept der Zeitschrift. Die dokumentierten Texte sind nach Themen und nicht chronologisch geordnet. Diese thematische Ordnung hat dabei den Vorteil, daß sie die Linien der Zeitschrift sichtbar werden läßt: zentral für diese Jahre waren Themen Kulturbetrieb, „Texte zu Kunst, Literatur … und Trivialem“ und vor allem das Thema  „Sexualität und Weiblichkeit“, Aspekte also, wo Frauen sich selbstbestimmt in einer eigenen Optik und im Sinne eigener sexueller Bedürfnisse wahrnehmen, die nicht von den Wünschen des Mannes gesteuert sind und die zugleich kein selbstgefälliges Refugium und Rückzugsort lieferten. Für heute und für Jüngere, für die die Selbstbestimmung von Frauen selbstverständlich ist und in weiten Teilen der Gesellschaft durchgesetzt, selbstverständlich. Keine Selbstverständlichkeit Mitte der 1970er Jahre, als das reformierte Scheidungsrecht 1976 in Kraft trat und Vergewaltigung in der Ehe kein Thema war. In bezug auf Hausarbeit und Beruf hieß es im § 1356 BGB Absatz 1 bis zur Reform: „[1] Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. [2] Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“ Dinge, die heute kaum vorstellbar sind. In diesem Sinne sollten die in dieser Anthologie versammelten Texte auch vor dem Hintergrund jenes Zeitgeistes gelesen werden.

Ebenso findet sich in der Anthologie die für die Linke bedeutsamen Themenkomplexe wie „RAF“, „Nationalismus/Faschismus“, dazu gesellen sich Texte zum Kulturbetrieb, etwa ein Essay Jelineks zu den Liedtexten von Udo Jürgens, ebenso Lyrik und Prosa wie auch gesellschaftskritische Essays, aber auch ein Sammelbegriff wie „Tumult“ steht da, anspielend auf die Auseinandersetzung der „Schwarzen Botin“ mit der Neuen Frauenbewegung und deren Konzept von Authentizität, Innerlichkeit, Neuer Weiblichkeit und Identitätssucht. Das also, was Goettle eben mit jenem „Schleim“ meinte. Es gibt „Texte zum Feminismus“, worin sich die Autorinnen mit der Frage nach einem spezifischen weiblichen Schreiben befassen – eine Form des Schreibens, die nicht auf biologischen oder essentialistischen Unterschieden beruht und den Mythos der Erdverbundenheit und der Mutter zelebriert, so die Kritik Elfriede Jelineks. Ebenfalls findet sich darin eine Auseinandersetzung mit dem Weiblichkeitskonzept der französischen Philosophin Luce Irigaray. So wie überhaupt der sogenannte Poststrukturalismus für die Autorinnen der „Schwarzen Botin“ immer wieder Thema ist – z.B. in Eva Meyers Text „Theorie der Weiblichkeit“ aus dem Jahr 1978.

Hart insbesondere Goettles Kritik an der ein Jahr später gegründeten Emma bzw. an ihrer Gründerin Alice Schwarzer:

„Wir wollen Frau S. eine gewisse journalistische Fertigkeit und das echte Anliegen keinesfalls absprechen, allerdings hegt es klar vor Augen, daß marktfreundlicher Journalismus und die Interessen der Frauenbewegung nur derjenigen vereinbar scheinen können, die in großem Abstand zu letzteren und unmittelbarer Nähe zu ersterem sich ansiedelt“

Damit ist die Kampf- und die Trennlinie klar gezogen und der Gegner deutlich benannt. Kritik hat radikal zu sein und das kann, ähnlich wie auch Karl Kraus dies tat, bedeuten, einige unangenehme Wahrheiten zu formulieren. Der Artikel zur „Emma“ trägt die spöttische Überschrift „Im Januar sollen 200 000 Frauen penetriert werden“.

Für die meisten, die nicht in dieser Zeit lebten oder die zu jung waren, sind diese Debatten und Kämpfe lediglich Geschichte oder aber kaum noch bekannt. Die Zeitschrift ist inzwischen fast vergessen und nur noch denen ein Begriff, die diese Zeit aktiv miterlebten oder die sich aus historischen Gründen mit der Frauenbewegung jener Jahre befassten. All diese Texte und Perspektiven, vor allem ein solch ambitioniertes Projekt den Lesern zugänglich gemacht zu haben, ist das Verdienst vom Wallstein Verlag und dem Herausgeber Vojin Saša Vukadinović sowie den Autoren des Nachwortes Christiane Ketteler und Magnus Klaue.

Beim einführenden Vorwort von Vukadinović sowie dem kulturgeschichtlichen Nachwort von Ketteler und Klaue hätte man sich freilich in den Texten besser abstimmen können, um Redundanzen zu vermeiden, oder aber der Herausgeber hätte beide Texte nach unterschiedlichen Themen aufteilen sollen, etwa im Vorwort den kultur- und gesellschaftsgeschichtlichen Hintergrund, in dessen Horizont ein solches Projekt wie die Schwarze Botin entstehen konnte, und in einem Nachwort die Möglichkeiten ästhetischer Avantgarden und philosophischer und essayistischer Konzepte des Schreibens, sich als Frau offensiv sichtbar zu machen, ohne ins Schema der Neuen Weiblichkeit zu verfallen.

Einführend liefert Vukadinović im Vorwort eine Kurzvita von Goettle und Classen und erzählt die Geschichte der Zeitschrift von ihrer Gründung 1976 bis zu ihrem traurigen Ende 1980, als die Differenzen zwischen Goettle und Classen – auch auf der privaten Ebene und in Sachen Liebesverwicklungen – unüberbrückbar wurden. Goettle konzipierte 1980 mit einem harten final cut ein letztes Heft, indem sie ohne Abstimmung mit Classen den Titel in „Die Schwarze Idiotin“ abänderte. Eine Phase ging zu Ende und die Provokation war als Schlußstrich gedacht – doch Classen machte weiter. Es entstanden Rechtsstreitigkeiten um die Idee zur Zeitschrift und die Herausgeberschaft. Zwar erschienen bis 1987 noch weitere Hefte, doch der Geist dieses Projektes ging verloren, und so endete diese seltsame, harte, schräge, ambitionierte, politische, ästhetische und vor allem feministische Zeitschrift wie so viele (linke) Projekte endeten: in Zwist und Streit.

Was der Rezensent hinsichtlich des ansonsten instruktiven Vorwortes schade findet: Es fehlt ein Blick auf den Alltag jener ausgehenden sechziger und der neuen siebziger Jahre, das also, was man Sozialgeschichte der BRD nennen könnte, in die die unterschiedlichen Formen von Feminismus eingebettet waren und aus denen heraus überhaupt erst dieser Protest verständlich wird – insbesondere in bezug auf die gesellschaftliche Rolle der Frau, ihre gesellschaftliche Wirklichkeit und im Hinblick auf den allmählichen Wandel: der Kampf gegen den Abtreibungsparagraphen, das alte Scheidungsrecht, Frauen und Arbeit, Frauen und Sex. Diese Wirklichkeit bestand für meisten Frauen der BRD darin, daß sie in der Hausarbeit tätigen waren; das oben genannte „Erstes Gesetz zur Reform des Ehe- und Familienrechts“ unter der SPD/FDP-Koalition spielte für den Geist der Zeit eine entscheidende Rolle. „Emma“ und „Courage“ waren in diesem Sinne am unmittelbaren gesellschaftlichen Wandel erheblich dichter dran und beförderten ihn auf der pragmatischen Ebene.

In diesem Kontext ist vieles vom Feminismus der Schwarzen Botin eine Angelegenheit aus dem akademischen und für das akademische Milieu – was per se nicht schlimm ist, denn mittels jenes ästhetischen und kritischen Abstandes zum Zeitgeist lassen sich oft wesentlich besser grundsätzliche Strukturen erkennen, die auch durch Reformen nicht oder nur schwierig zu beseitigen sind: und um genau diese Kritik gesamtgesellschaftlicher Strukturen – auch am Emma-Feminismus – ging es den Herausgeberinnen. Dies tangiert ebenso die bereits von Adorno und Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“ angeschnittenen Fragen im Blick auf den Faschismus und totalitäre Gesellschaften wie auch auf einen jeden Bereich des Lebens durchdringenden Kapitalismus und einer patriarchalen Logik der Herrschaft, die Beziehungen von Menschen in Waren verwandelt. Dieser kühle, distanzierte Blick, bei gleichzeitigem teils spöttischem Faible zum gesellschaftlichen Detail und auch auf die eigene Bewegung, kann Erkenntnis stiften, und diese Denkbewegung vermittelt die Anthologie auf eine angenehme und angemessene Art, indem die Essays und Artikel in thematischer Vielfalt auswählt wurden.

Aber auch hier wieder zeigt sich im Rückblick der Jahre, daß das, was sich in den 1970er Jahren noch als Kampfplatz unterschiedlicher Formen von Feminismus sah, durchaus in Vermittlung steht und lediglich unterschiedliche Hinsichten beleuchtet. Insofern gehören „Die Schwarze Botin“, „Emma“ und „Courage“ zusammen. Gesellschaftlicher Wandel kommt am Ende auf Taubenfüßen und nicht mit dem revolutionären Tigersprung. Das ist nicht zu unterschätzen, und insofern zeigt sich auch hier wieder, daß man sich manche Kämpfe sparen kann, wenn man gelernt hat, Hinsichten zu unterscheiden und zu begreifen, daß das, was A. macht etwas anderes ist, als das, was B. macht und sich also nicht ausschließen muß. Aber logisches Denken ist auch in der angeblich so analysierenden Linken nicht immer deren schärftste Waffe gewesen.

Ebenso hätte ich mir in einem weiteren Begleittext einen Blick auf die heutigen Frauenbewegungen gewünscht, auch wie sich im Verhältnis zu Sprachpolitik und einer leerlaufenden Identitäts- und Symbolpolitik die Felder verschoben haben und die Kritik jener Autorinnen der „Schwarzen Botin“ an symbolischer Sprachpolitik. Das wäre eine schöne Konfrontation geworden. Ebenso der Bezug auch zum Islam insbesondere im Hinblick auf Alice Schwarzers klare Positionierung, was zeigt, wie sich die Konfliktlinien gewandelt haben. Mit dem Beitrag von Maria Antonietta Macciocchi über die brutale iranische Revolution 1979 und über den Aufstieg des Islam zu einer politischen Macht auf Kosten der Frauen findet sich ein deutliches Statement mit dem Titel „Allahs Rippe“. Ein Titel, der heute Morddrohungen auslösen würde. Hier wäre eine Art von imaginärem Gespräch zwischen beiden Lagern interessant gewesen, und solche Perspektivierungen zeigen zugleich, wie sich in den Jahrzehnten Fragestellungen verschoben haben.

Aber es ist freilich leicht zu kritisieren, was in einem Buch alles fehlt und es ist ebenso ein leichtes, die eigenen Wünsche zum Maßstab zu machen. Loben wir lieber das, was da ist und daß der Wallstein Verlag und Vojin Saša Vukadinović uns diese für die meisten längst vergessenen und inzwischen schwer zugänglichen Dokumente verfügbar machen: Artikel und Essays, die ein Licht auf jene bewegten, wilden, politischen und längst vergangenen linken Jahre werfen und auch, aus der Sicht von Frauen, auf die Kritik der theoretischen Debatten, die ihnen zugrunde lagen. „Vorwärts! Nieder! Hoch! Nie wieder!“ – wie die Zeitschrift „konkret“ ihre Anthologie zum 40. Jubiläum betitelte. Tempi passati. Für die Frauen von der „Schwarzen Botin“ wären dies zudem teils Männerphantasien. (Ein herrlicher Verriß von Theweleits „Männerphantasien“ von Christa Reinig findet sich ebenfalls in diesem Band.)

Auch jene Texte der „Schwarzen Botin“ spiegeln eine „deutsche linke Geschichte“ (konkret) wider. Sie wollten mit einer Fackel ausleuchten und oft auch mit der Feder umbringen. Von links her und einerseits in der Tradition Kritischer Theorie und doch darüber hinaus: der Einfluß französischer Theorie wirkte im Blick auf den marxschen Dogmatismus von großen Teilen der deutschen Linken befreiend und es kam Luft und Lust in die Marxschen Lesekreise. Insofern ist dieses Buch auch für eine feministisch inspirierte Kritische Theorie spannend. Es ist allen zu empfehlen, die spezifische Arten von weiblichem Schreiben und die Kritik des Feminismus aus feministischer Perspektive kennenlernen wollen: einen oftmals intelligenten, häufig ästhetisch inspirierten Feminismus mithin, wie er offensiv, teils auch aggressiv, klug, polemisch und witzig sich seit den 1970er Jahren entwickelte – ohne dogmatisch zu verharren und an identitätspolitischen Konzepten zu kleben.

Die Schwarze Botin. Ästhetik, Kritik, Polemik, Satire 1976-1980
Herausgegeben von Vojin Sasa Vukadinovic
Wallstein Verlag, Göttingen 2020
ISBN 9783835337855, 512 Seiten, 36,00 EUR

Drei Weihnachtsbuchtips für die stillen Tage: Ute Cohens „Poor Dogs“ (1)

Wer einen Blick in die Welt des modernen Shareholder Value-Kapitalismus der 1990er Jahre werfen will und wer dazu noch über die besinnlichen Tage sich etwas Aufregung gönnen über die Verwerfungen von Macht, Sex, Liebe und Einfluß, nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch erotischer Natur lesen will, der greife zu Ute Cohens zweitem Roman „Poor Dogs“. Der Roman taktet gleich zum Anfang mit Konkurrenz auf: zwei Weiber, ein Typ, André nämlich, Protagonist des Romans, und Eva, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, sowie die blonde Tschechin Dana. Man begegnet sich pikanterweise in einem Hotelzimmer, darin Eva nackt in einem Bett liegt und darin jene Dana hereinstürmt. Nun sind alle drei gleichermaßen pikiert und peinlich berührt, jeder auf seine Art.

Aber wie das so ist, wenn man rational die Dinge strukturiert oder sich zumindest den Schein des Rationalen inmitten der Verzweiflung geben will: Eva reagiert mit einer sogenannten paradoxen Intervention und ruft alle Beteiligten, wie das in der Wirtschaft üblich ist, zu einem gemeinsamen Meeting, um die Angelegenheit zu klären. Und genau in diesem Milieu solcher Unternehmenskultur, die alles Menschliche und auch das Nichtmenschliche der Warenwelt als eine Sache der Verhandlung und Verwertung sieht, spielt der Roman „Poor Dogs“. Es ist die Welt der Wirtschaft und der großen Unternehmensberatung, es ist der Finanzkapitalismus jener Jahre vor dem großen Crash 2008: gleichsam wie wir wurden, was wir sind. Oder wie es in dem Roman heißt: „Ficken oder gefickt werden, das ist hier die Frage!“ Und das ist durchaus im doppelten Sinne zu verstehen. Die „Poor Dogs“ sind dabei in der Sprache dieser Art von Wirtschaft die Verlierer. Und wer will in diesem Leben schon ein poor Dog sein? „Hammer oder Amboß?“ so pflegten früher die Revolutionäre zu sagen. Und das gilt erst recht für die andere Seite. Keine Schwäche zeigen.

Vor allem André will ganz und gar kein Verlierer sein, André ist rational – auf seine Weise, so wie es Narzißten sein können, die die Dinge zu ihrem persönlichen Vorteil abmessen und deren Lebensprojekt einem einzigen großen Plan folgt: dem großen Ich. Seine Rationalität ist instrumentell. André taxiert Menschen und Dinge nach ihrem Wert, dem Wert für ihn nämlich. Der Begriff der Wertschätzung erhält hier gleichsam eine weitere Wendung:

„Eva, Ariane und Swetlana fügten sich in ein Portfolio, das sich perfekt zur Gewinnmaximierung eignete. Evas Labilität verhinderte zwar, dass er sie längerfristig als stabilen Faktor einkalkulieren konnte. Zumindest aber gelang es ihr, sich vom Poor Dog zum Question Mark aufzuschwingen. Sie musst sich jedoch noch bewähren als Ehefrau und Mtter. Ariane wiederum war die Cash Cow par exellence.“

Menschen werden zunächst eingeteilt und dann erst geliebt. Wenn überhaupt. Und passen sie nicht mehr ins Portfolio, werden sie entsorgt, wie Dana. Oder benutzt wie Ariane und Eva. Frauen als Aktienpakete und Anlagemöglichkeit, um gegebenenfalls die eigenen Skills zu steigern. Ob Frau oder Unternehmen: es müssen die Zahlen stimmen. Verdinglichtes Denken par excellence.

André stammt aus gutem jüdischem Hause, der Vater ein glühender Mitterand-Sozialist und ein Laizist, und der Sohn wechselte ins andere Lager: das des Shareholder Value- Kapitalismus, der Unternehmensberatungen, der Rating-Agenturen und er versteckt seine jüdischen Herkunft nicht – anders als sein Vater, der von seinen Eltern den Namen Jean erhielt. „Der Name des Täufers, Jean, sollte hinwegtäuschen über den jüdischen Ursprung, Anpassung, die perfekte Assimilation vorspiegeln.“ Aber was die Eltern wollen, gelingt selten. Kein Laizismus, kein Mitterand-Sozialdemokratismus.

Die Figur des André: Pure Ökonomie, ökonomisches Denken als Kalkül von Zweck und Nutzen, von Einsatz und dem erzielten Profit. Und mit der Wertsteigerung soll auch die  Lustmaximierung einhergehen. Sex belebt das Leben, Sex ist für André wie das Geld ein Lebenselixier, und in dieser Art von Verdinglichung und Verquickung, die André vornimmt, denke ich beim Lesen auch an jene Houellebecq-Figuren, die ebenso die Frauen nach der Art eines Portfolios auswählen und bemesse: was gerade in der Anlagestrategie gut zu einem paßt und was an der Frau den Nutzen für den Mann optimiert. Nur daß dies bei Cohen alles viel weniger schrill und grell ausfällt, sondern in einer subtilen und darum um so gefährlicheren Tonlage daherkommt.

Diese Kombination freilich – Ökonomie, Lust, Judentum – ist, wenn man an die gegenwärtigen Falschwortschnüffler aus der Twitter-Literaturbubble denkt, nicht ganz ohne und kann schnell heikel geraten. (Im Augenblick sind die Flimsen aus der Blase aber am Wimmern und Betteln für ihren Buchblog, um Geld einzutreiben. Ich sage da nur: gebt solchen Leuten keinen einzigen Cent!) Zu häufig wird mittlerweile Literatur daran gemessen, ob sie Vorurteile produziert oder gar „rassistische“ Strukturen den Unterton bilden – dabei übersehend, daß es in der Literatur einen Modus des uneigentlichen Sprechens gibt und daß Figurenrede oder Figurendarstellung nicht eins sind mit der Meinung des Autors.Und nun ausgerechnet das: ein Jude, der das Geld liebt und auch noch Sex und der Frauen benutzt, und das gerne. Als hätte da eine Autorin einen jener ziemlich guten und eben gerade kritischen Witze der Lisa Eckhart über Vorurteilsstruktur und Charakter in ein literarisches und komplexes Bild umgesetzt und eine verdichtete Pointe zu einer Erzählung gedehnt und dann verarbeitet. Nur eben, daß Cohens Roman vor der Skandalisierung des Kabaretts von Eckhart durch die deutsche Gesinnungwacht am Rhein erschien. Aber dennoch eine interessante Gleichzeitigkeit, die den meisten entgangen zu sein scheint. Ein wenig wunderte es mich, daß da der Skandal oder zumindest das Thematisieren dieser Frage ausblieb. Daß André Jude ist, daraus macht Cohen keinen Hehl, und sie zeigt uns einen solchen von seiner hoch unangenehmen Seite und zugleich als einen ungeheuer einnehmenden, interessanten Menschen, der eben sein Ding macht, ohne daß diese Geschichte auch nur eine Quäntchen Antisemitismus enthält oder daß da Klischees reproduziert würden. Ambiguitätstoleranz. Und dieser Umstand macht die Geschichte spannend und auch gut lesbar. Cohen agiert als Autorin mit Witz und mittels Darstellung und nicht mit dem Zeigefinger. Es gibt keinen Schonraum. Ethnien und Herkunft gelten gleichermaßen als Spielmasse:

„Eine tschechische Herkunft hatte kein Renommee. Eine deutsche wäre definitiv besser. […] Es war mehr als ein Spiel. Er musste sie haben! Sie war perfekt für ihn. Und was gab es Prestigeträchtigeres als die französisch-deutsche Freundschaft samt jüdisch-christlicher Versöhnung? Eine Bayerin! War die bayerische Flagge nicht auch hellblau und weiß? Die Bayern ein semitischer Stamm! Er nahm den Montblanc-Füller, parfümierte das handgeschöpfte Papier mit ‚Land‘ von Lacoste und begann zu schreiben.“

Eine Deutsche zu heiraten, Karriere und Aufstieg im Unternehmen. Wir geraten in Cohens Roman in die Welt von Kapital, Intrige und eine bestimmte Form von Unternehmenskultur – sofern man in diesem Sinne von einer Kultur denn sprechen mag. Eine gelungene Parodie auch auf Erinnerungskitsch oder der Instrumentalisierung des Judentums. Das ist auf eine schöne Weise böse und dieses Maliziöse kommt ganz sanft daher, daß man es fast überliest. Was auch daran liegt, daß der Leser (die Leserin auch? Eva auf alle Fälle) von der Figur des André bei allem Abscheu doch auch in den Bann gezogen wird. Lauter gute und liebe Menschen, die einander nur gute und liebe Dinge tun: das ist für die Kunst in der Regel ein langweiliger Fall. Nicht umsonst zeigt etwa David Lynch in „Blue Velvet“ jene freundliche Vorstadtidylle, um sodann, nachdem der Rasen wässernde Vater einen Herzinfarkt erlitt, mit der Kamera ins Erdreich zu gleiten, wo das Gewimmel von Insekten herrscht. In Cohens Roman sind die Abgründe subtil.

Eva und André arbeiten in einer Unternehmensberatung namens McCrowly, was sicherlich nicht zufällig an den Okkultisten Aleister Crowley denken läßt, der sich ebenfalls mit Sexualmagie befaßte und zudem ein Buch mit dem Titel „The Book of Lies“ schrieb. Okkultismus sei die Metaphysik der dummen Kerls, so schrieb Adorno in den „Minima Moralia“, und das gilt in gewissem Sinne auch für den Begriff des freien Marktes als Mantra und Illusion, den all diese Gestalten aus dieser Agentur vor sich her tragen. Nur sind dies jene dummen Kerls und Kerlinnen, die sich schlau und smart vorkommen. Alles ist käuflich, alles handelbar. Und ein Narzißt wie André zieht aus alledem seine Bedeutung und bezieht alles das, was da ist, auf sich. Der Roman schildert und beschreibt. Er bewertet nichts, es werden all die Phrasen und Hohlsätze, die in dieser Welt ihre Anwendung finden, dem Leser präsentiert. Eine Art fröhlicher Positivismus. Teils düster, aber oft auch komisch. Von dieser Welt erzählt Ute Cohen in einer unangestrengten und ziemlich anschaulichen Weise. Menschen in Funktionen, noch im Privaten.

Sie denken, sie führen mit dem Aufzug gesellschaftlich nach oben, wenn sie im Team eines solchen Unternehmens wirken: Eva dünkt sich autonom, sie hat sich von unten nach oben hochgearbeitet, anders als André stammt sie nicht aus dem sogenannten guten Haus, doch sie glaubt an sich, und es lädt die Arbeit im Unternehmen zur Projektion ein: „McCrowly war nur ein Bühnenhintergrund, auf den sie die rauschhaften Bilder ihrer Zukunft projizierte.“ Man reist um die Welt, wird in fremde Länder versetzt, wie eben bei Eva, und denkt, der Glanz des Unternehmens färbe auch auf die eigene Person hab. Bedeutung wird aus dem Habitus gezogen: man liest, man ist gebildet, man kann parlieren. Lauter man. Aber all das hat zugleich seinen Preis, und wie die Protagonistin über sich selbst weiß: „Den diskreten Charme der Bourgeoisie hatte sie sich schließlich in geduldiger Nachahmung und natürlicher Mimesis erworben. Die Doppelbödigkeit einer Chabrol-Figur verkörperte sie mühelos, mit Vergnügen sogar …“ Am Ende ahnt Eva ziemlich genau, daß dieses Leben nicht stimmt und nicht lebt. Der Schluß des Romans, das Ende dieser Geschichte ist seltsam-mysteriös-offen. Da ist André, da ist Eva, beide sind bereit zu einem neuen Projekt in Transnistrien. Man verkauft dem Osten dummes Zeug. Geht die Reise in eine herrliche Utopie oder in eine Art Gemetzel und es wird die Rache Evas an ihrem Adam furchtbar sein? Die Protagonisten sind auf ihre Weise grausam. Jeder auf seine Art. Auch die am Schluß ums Leben kommende Eva-Konkurrenz Ariane. Sinnlos wäre es, von Eva bloß von einem Opfer zu sprechen. Sie macht mit und sie weiß das.

In diesem Sinne könnte dieser zweite Roman ebenfalls „Satans Spielfeld“ heißen, wie schon Cohens Debütroman über den sexuellen Mißbrauch eines Kindes in einem bayerischen Dorf. Ebenfalls agieren hier wie auch dort Menschen, die nur für eines einen Blick haben: das eigene Ich als Kraftfeld von Begehren und Aneignung.

Zwar fand ich „Satans Spielfeld“ vom Erzählen und von der Geschichte her eindringlicher und bewegender, was sicherlich auch am Thema lag. Aber auch mit „Poor Dogs“ liefert Cohen einen genauen Blick auf Menschen, die in einer Welt leben, in der ebenfalls ein großes Stück Besessenheit nötig ist. „Poor Dogs“ ist ein psychologischer Roman über einen Narzißten, der sein Ich gespiegelt sehen will, und es ist ebenso ein Roman über eine von diesem Narzißten in den Bann gezogene Frau. Und wenn diese Ichsucht als Selbsterfüllung und Selbstoptimierung zum Wohl eines Unternehmens geschieht, so nimmt diesen Effekt gerne auch das Unternehmen mit. Zwischen Manager und Verbrecher bestehen, so eine gängige These, zuweilen nur graduelle Unterschiede – zumindest gilt dies für jenen Shareholder- und Brutalo-Kapitalismus, dem es um die Dividende für seine Kunden geht. Von diesem, aber auch von Menschen, die kläglich scheitern, gerade weil sie gar nicht mehr bemerken, daß sie scheitern, erzählt dieser Roman. Er macht vergnügliche Festtage, denn er ist über weite Strecken auch komisch.

Ute Cohen: Poor Dogs. Roman. Septime Verlag 2020, 240 Seiten. EUR 22,90, ISBN 978-3902711878

Und als Ergänzung ließe sich vielleicht noch bei Matthes & Seitz erschienen von Georg Bataille lesen „Der Fluch der Ökonomie“,ebenfalls dieses Jahr erschienen.

Zum Tod von Valéry Giscard d’Estaing

Guillaume Paoli schrieb dazu die passenden Worte bzw die Ergänzungen, die vermutlich in den wenigsten Nachrufen stehen:

„Zum verstorbenen Präsidenten Giscard d’Estaing seien den Nachrufen ein paar fehlenden Fakten hinzugefügt:- Der „Modernisierer Frankreichs“ hatte als Verteidigungsminister den Hauptverantwortlichen für systematische Folter im Algerienkrieg, General Bigeard ernannt, und als Haushaltsminister den (auf französischer Seite) Hauptverantwortlichen für die Deportation der Juden im 2. Weltkrieg, Maurice Papon.– Dreimal weigerte er sich, zu Tode Verurteilte zu begnadigen. So wurde der 22jährige Christian Ranucci guillotiniert, dessen Schuld im nachhinein sehr stark in Zweifel gezogen wurde.Eigentlich war Giscard der Prototyp des Macron (oder Macron sein Nachahmer): eine Verkörperung den autoritären Liberalismus.“

Beim Bart des Polit-Propheten

 

Ich gehöre zu den Männern, die es lieber mögen, wenn Frauen reizende Wäsche tragen statt nacktes Nichts. Weißen Stoff oder lila, grau, rot oder petrolfarben, auch schwarz ist ok, am liebsten aber weiß. Fetischcharakter nicht nur der Waren. Auch Religion sollte den Fetisch der schönen Wäsche und der Wunden bieten. Und ist das überhaupt Erdogan, da auf dem Bild? Ist das nicht der gealterte und verkommene Hitler im Orientpuff nach dem Endsieg, der sich gehen läßt? Wer weiß das schon? Ich erinnere mich an alte Titanic-Zeiten: Papst, Kohl und FJS – Gott hab ihn selig! – mußten in der Titanic damals mehr aushalten und härtere Kost ertragen als das da. Also schleicht euch!

Niemand muß das gut finden. Aber es gehört dies zur Satire. Auch wenn es provokant und manchmal auch schlicht und dumm ist. Die Provokation der Satire wird dazu führen, daß der orientalische Despot am Bosporus sich provoziert fühlt; und das wird wiederum dazu führen, daß die andere Seite reagiert. Aufschaukelnde Spiele, die morgen verraucht wieder sind, damit neue Spiele und neues Geplänkel folgt. Böse Zungen nennen das die Gesellschaft des Spektakels. Aber es ist dies eben die Gesellschaft, und Satire darf, auch wenn es nicht schön ist, unmöglich sein: unmöglich frech und unmöglich provokant. Und in dieser Frechheit doch wieder gut, weil derart zuspitzend, daß in diesem Bild all die Doppelmoral eines Politikers sichtbar wird.

Wie dem auch sei: die Zeichner bei Charlie Hebdo sind gut! Sie habe einen coolen Strich. Gut gefallen mir auch die drei Punkte auf dem Weiberarsch, die mit denen auf des  Polit-Propheten Körper korrespondieren  und doch ganz anders sind. Doch wer diese Magazin kennt – ich kenne es seit den 1980ern, noch als sie französische Atomtest verspotteten und böse bebilderten – weiß, das sie in alle Richtungen austeilen und keilen. Nicht anders als die Titanic damals, die sich das heute nicht mehr traut, sondern Geschichtchen und lauen Schabernack für die eigene Gemeinde produziert.

Damals aber: Papst-Titelbilder, über die Linke und auch mancher Liberale seinerzeit lachten. So z.B. das nebenstehende Titelblatt, als der Papst 1980 nach Deutschland reiste. (Und ich gehe davon aus, daß die alte Crew der Titanic aus den 1980ern heute keine Berührungsängste in bezug auf den Islam und auch den politischen Islam hätte, wie er von Erdogan instrumentalisiert wird, und scharf schösse wie Charlie Hebdo.) Mit Pech gab es lediglich auf die Fresse. Das ist heute anders. Heute ist die Sache ernster. Satire kostet wieder. Gegebenenfalls auch das Leben. Immerhin sind in der Titanic-Redaktion damals zu diesem Bild keine bewaffneten katholischen Killer erschienen.

Lisa Eckhart und der Hohe Spatz von St. Pauli: Oder vom weltanschaulichen Wachschutz

Was in der legendären HBO-Serie „Game of Thrones“ durch die Figur des Hohen Spatz gezeichnet ist, hat sein Vorbild in der Realität: Es stehen dafür Begriffe wie Cancel Culture und Political Correctness, die von den US-amerikanischen Universitäten aus nach Deutschland gelangten, um das Vorgehen einer repressiven bzw. identitätspolitischen Linken zu bezeichnen, die abweichende und nicht genehme Sichtweisen mundtot macht. Und wie so häufig der Fall, gehen sie aus einer Bewegung hervor, die einst etwas Gutes wollte, nämlich reale Diskriminierungen abzubauen und auch solchen Leuten eine Stimme zu geben, die sie bisher nicht hatten. Zwar ist die Situation an US-amerikanischen Universitäten zum Glück nicht mit der an deutschen Universitäten vergleichbar, und insofern sind die Diskriminierungsszenarien nicht übertragbar, aber dennoch zieht mehr und mehr ein unheilvolles Klima der Verdächtigungen auf. Manchmal reicht ein vermeintlich falscher Satz aus, um eine Person zu bezichtigen, gesellschaftlich unmöglich zu machen, ins Abseits zu  bugsieren oder ein Narrativ zu erzeugen, so daß mit dem Namen dieser Person nichts Gutes verbunden ist. Und dies ohne hinreichende Argumente in der Sache, sondern einfach auf Verdacht hin: sei es ein Gedicht an der Wand, wo bereits der Eindruck ausreicht, es könne irgendwie sexistisch sein, ein Kinderbuchautor, wo ein schwarzer Junge und ein Lokführer vorkommen, oder eine Kabarettistin, deren komplexes Programm man nicht recht zu erfassen vermag, und so nimmt man eine Rede eben eins-zu-eins und unmittelbar.

Inzwischen ist aus diesem einmal sinnvollen Ansatz, Diskriminierung zu bekämpfen, ein Hobby geworden, um unliebsame Ansichten loszuwerden: es nennt sich Denunziation oder wenn man es ein wenig akademischer einkleiden will: Hermeneutik des Verdachts. Ohne hinreichendes Argument, auf ein bloßes Insinuieren hin, wird nicht etwa eine andere Sicht kritisiert, sondern von vornherein ausgeschlossen. Immer schön mit dem Hinweis, daß Rassismus keine Meinung sei. Manche möchten Cancel Culture und Political Correctness als irreal abtun, ausgedacht und als Kampfbegriff einer Rechten eingesetzt – was schon aus dem Grunde falsch ist, weil nicht nur Neurechte, sondern ganz unterschiedliche Schichten der Gesellschaft diesen Begriff verwenden, um eine bestimmte intolerante Form des Denkens auf den Begriff zu bringen. Andere wiederum tun so, als wären da ein paar wenige Beispiele, auf denen sich diese Annahme von Cancel Culture gründete: aber auch das stimmt nicht. Die Beispiele im Feld von Kunst und Kultur, wo Auftritte abgesagt, Bücher am besten umgeschrieben oder vom Ladentisch sollen, Denkmäler zerstört, Straßennamen gestrichen, Lesungen unterbunden und Vorlesungen von Identitätslinken niedergeschrien werden, sind inzwischen Usus und könnten einen Blogartikel ausfüllen: all die Orte, wo in Museen Bilder blockiert, freies Reden und Denken behindert und wo selbst im kleinsten Bereich an Kunsthochschulen zu Abschlußausstellungen eine unliebsame Künstlerin angegangen und ihr Bild beschädigt wird, ohne daß die Rektorin dieser Hochschule in Berlin irgend etwas unternimmt, um das zu unterbinden. Am Ende ist es die Künstlerin, die keinen Lehrauftrag erhält, nicht aber werden jene Studentinnen und Studenten der Universität verwiesen, die solche Denunziationen inszenieren. Das Narrativ „Einzelfall“, das von einer bestimmten Literaturwissenschaftler-Bubble auf Twitter und auch sonst von den Identitätslinken im Internet bemüht wird, um solche Tendenz herunterzuspielen, ist schlicht eine Lüge oder aber es soll die Öffentlichkeit täuschen.

Solches Vorgehen des Bezichtigens gab es in Deutschland (und nicht nur dort) allerdings bereits lange schon: mit dem Beginn linker Bewegungen. Es nennt sich Ideologiekritik. Davon existieren zwei Varianten – Zwischentöne seien außen vor gelassen. Einmal eine kluge Form, die jene hinter den Dingen, den Diskursen und den sozialen Szenarien verborgenen Mechanismen zutage fördert, frei nach Marx, daß das, was uns in der Gesellschaft als eine Naturform erscheint, ein gesellschaftlich Gemachtes ist: Diskursanalyse sagen manche auch dazu oder eben Kritik – auch vom griechischen Wortstamm genommen: unterscheiden. Und wie es mit klugen Sachen ist, die in die Hände von Dummköpfen und Tölpeln fallen, wird aus dem guten Sinn schlechter Sinn. Und es entsteht jene vulgäre Dummvariante der Ideologiekritik, die hinter einer Aussage einen tieferen und verborgenen Sinn wittert, der auf Rassismus, Misogynie oder überhaupt einer reaktionären Gesinnung beruht, die man dem Sprecher dann unterjubelt. Und so kann man bequem mögliche Konkurrenten, anderen Gesinnungen, anderen Meinungen das Wort abwürgen und man kann das praktisch genommen bis zum kulturrevolutionären Furor treiben, indem man mit der bürgerlichen Gesellschaft mal grundsätzlich aufräumt. Man selbst ist schließlich im Begriff der Wahrheit, der andere ist es nicht, denn Rassismus  ist keine Meinung und Bourgeois eine klassenverderbliche Haltung.

Jene Linke wird ihre alten Onkel Stalin und Mao nicht los – zum Glück freilich geschieht all das in einer abgeminderten Form. Niemand muß ins Lager: es reicht der Verdacht, um sozial zu ächten, und treffen kann es jeden – auch das gehört zum Spiel dazu: „Auch du kannst der nächste sein. Paß also auf, was du sagst!“ Im Sinne der Psychoanalyse und der Lesart von Paul Ricoeur in seinem Buch zu Freud entsteht jene „Hermeneutik des Verdachts“: man sucht eine Sache so lange nach Symptomen ab, bis der Rechercheur einen entsprechenden Umstand findet. Der Verdacht bestätigt sich post festum. Der Ankläger hat immer recht. Foucault beschrieb in seinem Aufsatz „Nietzsche, Freud, Marx“ in den Dits et Ecrits I dieses Phänomen derart:

„dass die Sprache nicht genau das sagt, was sie sagt. Der erfasste, manifeste Sinn ist möglicherweise nur ein Sinn minderer Art, der einen anderen Sinn schützt, zurückhält und dennoch übermittelt, wobei dieser Sinn der stärkere und ‚darunter‘liegende Sinn ist.“

Und solche ursprünglich einmal sinnvolle Genealogie und Analyse (im Sinne einer Aufklärung und als Kritik, um Strukturen freizulegen, freilich immer unter der Maßgabe der Sache bzw. des Textes) wird dann in seiner pervertierten und herabgedämmerten Form dazu in den Dienst genommen, um nicht nur Irrlehren ausfindig zu machen, sondern zugleich auch bestimmte unliebsame Personen gesellschaftlich zu isolieren. Und wer gibt sich schon gerne mit Rassisten, Antisemiten, Misogynen ab? Politische Sauberkeitserziehung und ein neuer autoritärer Charakter identitätslinker Provenienz.

In „Game of Thrones“ sind die Spatzen eine religiöse Bewegung mit fanatischen Zügen. Teils aggressiv und teils mit Gewalt gehen ihre Jünger gegen Andersdenkende oder ganz einfach nur gegen politisch Unliebsame vor. Angeführt werden sie von Septon, der als Hoher Spatz bezeichnet wird. Sie predigen die Armut, sie sind Bilderstürmer, sie überwachen die reine Lehre. Heute heißen sie identitätspolitische oder aber auch neocalvinistische Linke. Und wie auch die Spatzen, die die Armut in Westeros bekämpfen wollten, die nach dem endlosen Krieg dort herrschte, gingen sie aus einem eigentlich guten Ansatz hervor. Aus Weltrettung oder Revolution aber wird Tugendterror, und eines dieser Erpressungswörter heute heißt Antifaschismus. Wir kennen diesen Tugendterror von Robbespieres Rede „Über die Prinzipien der politischen Moral“, gehalten am 5. Februar 1794 vor dem Konvent:

„Wenn die Triebkraft der Volksregierung in Friedenszeiten die Tugend ist, so ist die Triebkraft der Volksregierung in Zeiten der Revolution zugleich Tugend und Terror: die Tugend, ohne die der Terror unheilvoll ist, der Terror, ohne den die Tugend machtlos ist. Der Terror ist nichts anderes als die schlagfertige, unerbittliche, unbeugsame Gerechtigkeit, er ist somit eine Emanation der Tugend; er ist weniger ein besonderes Prinzip, als ein Postulat des allgemeinen Prinzips der Demokratie, das auf die dringlichsten Anliegen des Vaterlandes angewendet wird.“ (Maximilian Robespierre)

Für die vermeintlich gute Sache ist die böse Tat dann gerade recht und billig. Das Manko eben jeder Revolution, auch der vermeintlich gerechten. Philosophisch genommen impliziert das die Frage nach der Gewalt.

Aber so weit will ich im Rahmen der politischen Philosophie und in diesem Kontext der Cancel Culture nicht ausgreifen, und zum Glück haben die Gesinnungswächter der besseren Welt heute noch nicht hinreichend reale Macht, auch wenn sie gesellschaftlich in Medien wie Zeit-Online, taz oder teils in Deutschlandfunk Kultur bereits hinreichend vertreten sind und den sozialen Support von dort erhalten. Manche Journalisten wollen keine Journalisten mehr sein, sondern gute Allys. Oder wie der Leiter und Moderator des Monitor-Magazins Georg Restle es einmal schrieb: Ein Journalist müsse Haltung haben. Leider meinte er damit nicht die Haltung, eine Sache angemessen darzustellen, auch in ihrem Diffizilen, sondern eine politische Haltung: fürs sogenannte Gute einzutreten. Auch hier wieder instrumentalisiert man den Kampf gegen rechts als Antifaschismus und als Eintreten für die eigene politische Agenda.

In Hamburg nun sollte die Satirikerin und Kabarettistin Lisa Eckhart im Nochtspeicher auf St. Pauli lesen. Es ging um den mit 10.000 Euro dotierten Klaus-Michael Kühne-Preis, der für das beste deutschsprachige Romandebüt des Jahres vergeben wird. Eckhart macht nicht nur ein bitterböses Kabarett, das sich politisch in kein Schwarz/weiß-Schema des Volker-Pispers-Humors zwingen läßt, sondern sie ist mit ihrem Debüt Roman „Omama“ (am 17. August bei Zsolnay erscheinend) zugleich Autorin. Eine berechtigte Einladung also, unabhängig von ihrem Kabarett, und sie wurde immerhin für dieses Debüt von einer Jury ausgewählt, um zu lesen.

Zunächst lautete die Nachricht, Lisa Eckharts Auftritt wäre abgesagt worden, weil es Drohungen aus der Linksautonomen St. Pauli-Szene gebe, die Veranstaltung zu stören, dann hieß es, daß einige der Autoren nicht zusammen mit Lisa Eckhart lesen wollten. Auch eine Weise, sich eine lästigen Konkurrentin vom Hals zu schaffen. Es geht immerhin um 10.000 Euro Preisgeld, da fallen die Hemmungen. Um mal das Spiel dieser Leute ein wenig zurückzuspiegeln und mit der Hermeneutik des Verdachts und einer sozusagen monetären Psychoanalyse aufzuwarten. Wenigsten offen immerhin hetzt auf Twitter die Autorin Olga Grjasnowa gegen Lisa Eckhart.

In der Presserklärung des Nochtspeichers heißt es dann:

„Seit 2016 ist das „Deplatforming“ bekanntlich fortgeschritten und die Atmosphäre aggressiver geworden. Angesichts der Erfahrung mit der Martenstein-Lesung und nach besorgten Warnungen aus der Nachbarschaft (nicht, wie inzwischen kolportiert, „Drohungen“) waren wir uns sicher, daß die Lesung mit Lisa Eckhart gesprengt werden würde, und zwar möglicherweise unter Gefährdung der Beteiligten, Literaten wie Publikum.“

Das ganze macht die Sache freilich nur noch viel schlimmer, wie in vorauseilendem Gehorsam bereits auf den bloßen Verdacht hin gecancelt wird. Ganz unbegründet ist der Verdacht freilich nicht wenn man an die Martensteinlesung dort im Nochtspeicher denkt, wo es genau diesen Linkskrawall der Gesinnungswächter gab. Auch diese Gewaltdrohkulisse zeigt, wo die Probleme liegen: schon die Möglichkeit, daß Linksextremisten Rabatz machen, führt dazu, daß Lesungen nicht stattfinden. Berichte von Anwohnern sind nun schon der Maßstab, um eine Lesung abzusagen. Darin liegt der Skandal und eben in der Informationspolitik der Betreiber des Nochtspeichers – wobei man da freilich noch genauer die Hintergründe recherchieren und wissen muß, und es stellt sich mir zugleich die Frage, inwieweit vielleicht auch einige der nominierten Autoren Druck machten, um die Lesung mit Eckhart zu verhindern. Man ist gerne unter sich und Pluralität und „Gegen den Haß“ gilt lediglich für die eigene Sichtweise. Aus schönbunt wird dann freilich farblosgrau.

Manche machten nun die Journalisten verantwortlich und taten all das als ein Problem der Darstellung ab, die sich vorauseilend ereifere, um einen Skandal zu erzeugen, dazu mit dem malizösen Hinweis, bzw. der Täter-Opfer-Umkehr, daß ja nun Lisa Eckhart genug Publicity hätte. Aber diese Journalistenschelte ist falsch. Denn Journalisten können nur das berichten, was sie wissen, und wenn dies das Statement ist, so muß es eine Zeitung auch so berichten, und bei der Relevanz solcher Nachrichten und der Mittelknappheit im Journalismus schickt man ob solcher Tickermeldung in der Regel kein Rechercheteam vor Ort. Diese Angelegenheit als Problem des Journalismus zu sehen, greift insofern zu kurz, weil hier Ursache und Wirkung vertauscht werden sollen. Der Skandal liegt immer noch in der Ausladung von Lisa Eckhart und das Goutieren desselben durch die, wie Götz Aly es heute in der „Berliner Zeitung“ zu Recht nennt „politisch korrekt beschränkte Schwarmdummheit“ des „weltanschaulichen Wachschutzes“.

Und damit sind auch jene Autoren im Spiel, die feige, anonym und aus der Deckung heraus ohne ihren Namen zu nennen, nicht mit Eckhart zusammen auftreten wollen. Was für harte antifaschistische Helden! Es geht nichts über eine Haltung und über Menschen, die für eine Sichtweise auch mit ihrem Namen einstehen können.

Nicht einmal dieses Minimum an Tugend ist da noch vorhanden. Erbärmliche Waschlappen! Vor allem hätten diese Autoren-Denunzianten Haltung zeigen und dann mit einer Protestnote namentlich absagen können. Aber das mögliche Preisgeld nimmt man gerne mit und Haltung ist genau dann gut, wenn sie nichts kostet, für lau, nicht einmal den Namen mehr. Wem aber bei einem Wettbewerb ein Teilnehmer oder ein Konkurrent nicht gefällt, der sagt ab und verzichtet auf den Preis und seine Teilnahme. so einfach ist das. Zwar ist dies ein wenig lächerlich, andere Sichtweisen nicht aushalten zu können, aber das muß jeder selbst wissen. Haltung erfordert eine gewisse Konsequenz und auch einen Arsch der Hose. Aber man man hat es gerne bequem. Statt dessen schwärzt und scheißt man Lisa Eckhart an. Haben sich eigentlich die anderen Autoren des Habour- Literaturfestivals mit Lisa Eckhart irgendwie solidarisiert, hat sich irgendeiner der Autoren – Christian Baron, Dominik Barta, Verena Keßler, Daniel Mellem, Benjamin Quaderer, Janna Steenfatt, Sebastian Stuertz – die ebenfalls für den Literaturpreis nominiert sind, solidarisiert? Ein einziger ist mir bisher bekannt, der seine Teilnahme bei diesem Harbour-Festival abgesagt hat, und der stammt nicht aus der Riege der Nominierten: Sascha Reh nämlich. Er schreibt auf Facebook einen offenen Brief:

Sehr geehrte/r Petra Bamberger, Nikolaus Hansen und Heinz Lehmann,
ich ziehe hiermit meine Zusage für meine Lesung beim diesjährigen Harbourfront-Festival zurück. Ich sehe mich außerstande, bei einer Veranstaltung zu lesen, die sich nicht unmissverständlich hinter das Recht auf Freiheit in Kunst und Rede stellt – auch dann, wenn mit Krawall zu rechnen ist.
Frau Eckhardt hat vor zwei Jahren ein Kabarettprogramm aufgeführt, über das man verschiedener Meinung sein kann, aber so ist das eben mit Kabarettprogrammen. Dass Ihre linke Nachbarschaft aus irrigen Gründen daran Anstoß nimmt, zeugt nur von ihrer angestrengten Suche nach Feindbildern und ihrer bisweilen arg verengten Weltsicht; so groß meine Sympathien für viele ihrer Anliegen ist, so sehr missfällt mir diese Kurzsichtigkeit in diesem Fall. Doppelt unrecht hat die Linke, weil es bei Eckhardts geplantem Auftritt nicht einmal um ihr in keiner Weise antisemitisches Programm von vor zwei Jahren, sondern um ihren Debütroman geht, den die betreffenden ProtestlerInnen ebensowenig kennen dürften wie ich. Die Ankündigung, die Veranstaltung zu sprengen, entbehrt also jeder Rechtfertigung.
Ebensowenig finde ich es nun gerechtfertigt, vor dieser Androhung einzuknicken und als Veranstalter damit zu signalisieren, irgendetwas an der Kritik der Linken sei legitim. Dies diskreditiert die Künstlerin, und man muss in diesen hypersensiblen Zeiten wohl auch sagen: die Kunst.
Da auch ich mit meinem neuen Text ebenfalls an der polical correctness kratze, fühle ich mich von Ihrer Hasenfüßigkeit mitbetroffen. Ich bedaure, mich für eine Absage entscheiden zu müssen, denn ich hatte mich sehr auf die Lesung bei Ihnen gefreut. Schade, dass Sie nicht mehr Mut gehabt haben.
Herzliche Grüße
Sascha Reh

Chapeau und Respekt! Solches ist heute selten. Man kann es auch derart wie der Politologe Claus Leggewie auf den Punkt bringen:

„Vieles was jetzt passiert, passiert auf der Basis blanker Gerüchte. Das ist die Entmündigung eines mitdenkenden und womöglich kritischen Publikums – und zwar im Schutz der Anonymität“.

Randalieren auf Verdacht nennt Leggewie dies, und diese Beschreibung trifft es ziemlich genau.

Gerne wird gegen Lisa Eckhart der Satz gebracht „Kabarett sollte nach oben treten, nicht nach unten, …“ Und genau das tut Lisa Eckhart. Sie greift jenen selbstgefälligen linken Mainstream an: jene Denkfaulen und Einsortierer, jenen Oliver Welke-Humor. Und sie weist auf eine Linke, deren Humor inzwischen auf dem Niveau von Leo Fischer liegt. Vor allem aber läßt ihr Kabarett auch die neue Rechte und ihre Denkmuster nicht ungeschoren. Daß Satire drastisch sein kann und daß sie nicht schont, zeigte damals die Crew der Titanic in den frühen 1980er Jahren bis hin zu den frühen 1990ern. Und auch Martin Sonneborn als Chefredakteur von Titanic machte genau das. Heute gibt es dafür einen Kreischalarm. Sonneborn in einem Interview der BLZ vom 8./9. August:

„Aber auch bei mir melden sich unbedarfte 17-Jährige, die sich über alte Aktionen beschweren. Vor zehn Jahren hatten wir ein Wahlplakat. Ich hatte mich schwarz angemalt und plakatiert: ‚Ich bin ein Obama‘. Das war kurz nach Obamas Besuch und der hysterischen Verehrung, die die Berliner diesem – zumindest nicht unproblematischen – Politiker entgegengebracht haben. Ich wollte das persiflieren. Ein US-Journalist hat mich danach nachts angerufen und gefragt, ob das nicht rassistisch sei. Ich sagte: „Das ist kein Rassismus, das ist Schuhcreme.
[…]
Wenn man jeder möglichen Kritik Rechnung trägt, dann dürfte man frei nach Robert Gernhardt nur noch Witze machen über Wüsten und unentdeckte Planeten. In jedem anderen Fall könnte man Betroffene kränken.“

Man kann gar nicht genug diese Arschkriecherlinke auslachen. Synonym für Wokeness? Arschkriecher. Eine Identitätslinke, die nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Zum Glück aber gibt es das Kabarett von Lisa Eckhart, um diese Saturiertheit – auch in die andere Richtung übrigens – zu destruieren. Und zusammenstehen sollten heute alle jene demokratischen Kräfte, die für eine liberale Gesellschaft einstehen, die die Freiheit des Wortes sichert.

Es gab einmal eine Zeit, da traten Linke für Freiheit der Kunst und die Freiheit der Meinungen ein, auch die Freiheit unliebsamer Meinungen. Heute hat ein Großteil der Linken das Niveau des Bayernkurier erreicht. Inzwischen hoffe ich, daß auf St. Pauli die Gentrifizierung diese Sache regelt.

 

Hiroshima und Nagasaki und die Photographien von Shōmei Tōmatsu

Orkane.
Orkane, von je,
Partikelgestöber, das andre,
du
weißts ja, wir
lasens im Buche, war
Meinung
(Paul Celan)

Vor 75 Jahren begann ein neues Zeitalter, eine neue Qualität des Anthropozän: in dem der Mensch mit einem Male befähigt war, sich nicht nur auf gekonnte Weise und technisch immer ein Stück perfektionierter, vom Schwert zur Kugel, die ins Allgemeine hinein tötet, in Vereinzelung umzubringen, mit Kanonen, Raketen, Bombern, Haubitzen, Panzern und Granaten auf fremde Heere zu schießen und auf begrenztem Raume in einem Krieg zu töten, sondern er ward befähigt, mit einem Schlag die gesamte Menschheit und die Erde auszulöschen. Strahlen und Partikel, die es vermögen, im Atomblitz einen Menschen als Schatten auf einen Gehsteig oder an eine Wand zu bannen. Eine Art von Pompeji, aber als atomater Scherenschnitt.

„Nach 45 Sekunden freiem Fall (nach anderen Angaben erst nach 46 oder sogar 53 Sekunden) zündete die 4,4 Tonnen schwere Konstruktion in genau der geplanten Höhe von 600 Metern leicht nordwestlich über dem Stadtzentrum von Hiroshima. „Als die Bombe explodierte“, beschreibt der Bericht die Detonation, „wurde zuerst ein intensiver Blitz beobachtet, als ob eine große Menge Magnesium entzündet worden wäre. Weißer Rauch hüllte alles ein. Zur gleichen Zeit war zuerst im Zentrum der Explosion und kurze Zeit später in anderen Gebieten ein gewaltiges Brüllen zu hören; danach kamen eine alles zermalmende Druckwelle und intensive Hitze.“ (Welt)

„Um 8.15 Uhr steht das Leben still. Vor 75 Jahren warf um diese Zeit ein amerikanischer Bomber die erste in einem Krieg eingesetzte Atombombe über Hiroshima ab. Drei Tage später ging auch die Stadt Nagasaki unter, über der die zweite Atombombe explodierte. Etwa hunderttausend Menschen wurden getötet, bis Ende 1945 starben weitere Zehntausende Menschen an den unmittelbaren Folgen. Japan kapitulierte wenige Tage nach den Angriffen am 2. September.“ (FAZ)

Bedeutsamer als solche Berichte können manchmal die Photographien sein: als Dokument von Destruktion, Gewalt und Atom ist insbesondere Shōmei Tōmatsus 1961 entstandene Photoserie zu Nagasaki mit dem Titel „11:02 Nagasaki“ zu nennen. Eine seiner bekanntesten Photographen zeigt jene Uhr, die genau zu dem Zeitpunkt ihre Zeiger nicht mehr bewegte, als die Atombombe auf Nagasaki abgeworfen wurde und die nun, 1961 in einem Museum ausgestellt, daliegt und jene Sekunde, das Ereignis, die Zeit selbst im Grunde auf ewig und immer festhält: museal konserviert und doch ein Gedächtnis, das mehr als bloßes Museum ist, wenn man Museum als Synonym für „abgelebt und aus der Zeit gefallen“ nimmt: Tomatsu hält diese Korrespondenz von Katastrophe und musealem Blick auf Geschichte als Ausstellung eines Grauens in einem Bild fest.

Die Photographie jener Uhr, die am 9. August 1945 exakt um elf Uhr zwei stehenblieb. Eine Photographie transformiert sich zum Bild von einer Philosophie des Zeitsinns und des Endes aller Zeiten, zumindest für jene, die in Nagasaki starben oder die daran in Zukunft sterben werden. Und ebenso in Hiroshima heute vor 75 Jahren. Das, was uns museal als Dokument präsentiert wird, ist real.

Die Kraft und die Wirkung der Photographien liegen hier in ihrem ästhetischen Aufbau und der Komposition. Nicht bloße Dokumente, sondern das Spiel mit Licht, die Härte des Kontrastes prägen diese Photographien. Oder aber ein milchig-kontrastarmes Licht, das für die Photographien von Tomatsu eher unüblich ist. Dieses Bild ist klassisch komponiert, still, ruhig, sanft, fast klinisch und doch zeigt sie uns den Tod. Eine Uhr, die aus ihrem Lebenskontext gerissen wurde, denn diese Uhr lag etwa 700 Meter vom Zentrum der Explosion entfernt in der Erde vergraben. Und nun auf einem hellen Hintergrund gebettet, in einem Museum ausgestellt und von Tōmatsu photographiert. Selbst wenn die Betrachter nicht wüßten, woher diese Uhr stammte, befremdet die Anordnung, die Platzierung dieser halb beschädigten, halb intakten Uhr. Das Objekt eröffnet gerade durch das Verfahren der Dekontextualisierung (oder auch: Verfremdung) eine ganz eigene Textur des Bildes, die dem Moment von Geschichte (denn Geschichte ist immer auch Zeit) samt ihrer Destruktion sehr viel näher kommt, als die Photographien, die das Grauen unmittelbar abbilden, wenngleich Tōmatsu auch dieses (dokumentarisch) ablichtete, indem er die deformierten Menschen zeigt, die Nagasaki überlebten.

Drastische Gegenwart einer Vergangenheit, und in der photographischen Geste des Es-ist bannt die Photographie das Faktum in eine Silberschicht. Im Grunde nichts als eine Uhr, die auf einem Hintergrund aus weichem, hellem Stoff drapiert wurde – das Motiv von Vanitas bringt sich in solchen Szenen zur Geltung: Eine Zeit, ohne jegliche Zeit und es harrt alles Leben in Tod und im Regungslosen. Selten daß eine Photographie die Zeit so sehr in ein Abbild zu transformieren vermochte. 21 Jahre danach und bis heute anhaltend.

Den Kontrast zu diesem Stillleben bildet jene Photographie der geschmolzenen Flasche aus Nagasaki, die wie ein Stück Fleisch, wie ein Kadaver wirkt, als deformierter Körper in einem Gemälde von Francis Bacon. Ist das eine Schweinehälfte im Schlachthaus, ein von der Decke hängender, von seinem Kopf abgetrennter Mensch? Was der Surrealismus noch mühsam konstruierte und zu verbinden suchte: die Zufälligkeit und das verzogene, in den Zustand der Auflösung gebrachte Objekt, in einen willkürlichen a- oder besser anders-logischen Zusammenhang versetzt, oder das Traumgebilde, welches entweder aus der Welt gefallen oder nicht von dieser Welt zu sein scheint, das verdichtet Shōmei Tōmatsu in dieser Photographie zu einer vertrackten Komposition. Abstraktion, Gegenständlichkeit, surreale Anordnung und Geschichtlichkeit konvergieren in einem „dialektischen Bild“: Was da derart deformiert daliegt, ist das geschmolzene Glas nach einer Katastrophe.

Auch hier sagt Kunst mehr als eine diskursive Erläuterung: Kunst zeigt, was ist und liefert uns in den Betrachtungen und den Interpretationen einen Spielraum, dies, was kaum irgendwie anschaulich zu machen ist, doch in einen Horizont zu holen. Nicht den der Sinngebung, außer vielleicht man betrachtet das vollständig Sinnlose irgendwie noch als Sinn. In solchen Photographien geschieht vielleicht nicht das, was Adorno die „Rettung des Sinnlosen“ nennt, sondern eher eine Visualisierung dieses Verhältnisses. Ob uns freilich solche Werke mahnen, wage ich zu bezweifeln. Allenfalls halten sie ein Bewußtsein wach.

„Tag der Freiheit!“? Eine Demo in Berlin samt einem Exkurs zu Verschwörungstheorien

Ich habe mir gestern den Spaß gemacht und das Internet abgegrast, um eine Demo zu dokumentieren – statt wie sonst direkt und mit der Kamera vor Ort zu sein. Das geht gut vom Schreibtisch aus, man bekommt keinen Sonnenbrand und man gerät nicht mit Leuten in Kontakt, mit denen man nichts zu tun haben will. Ich bin, obwohl ich solche Ereignisse photographierend in der Regel gerne begleite, zu der Demo der Coronaleugner am 1.8.2020 nicht hingegangen, weil mir das Risiko zu groß ist, von Menschen, die allesamt keine Masken tragen und die spuckend sprechen und rotzen, mich anstecken zu lassen. Wer sich einen Eindruck von der Qualität der Veranstaltung machen will und was ihn dort erwarten wird, der schaue sich dieses Ankündigungsvideo an:

Den Schlußpunkt einer Pandemie – mit bisher rund 680.000 Toten und vielen durch dieses Virus chronisch Kranken mit vermutlich irreparablen Folgeschäden  – kann man nicht per Ordre verkünden: „Das Ende der Pandemie – der Tag der Freiheit“ – und mit Pech wird in Deutschland eher das Gegenteil der Fall sein. On verra. Ob die Veranstalter wußten, daß das Motto der Demo der Titel eines Propagandafilms von Leni Riefenstahl ist: „Tag der Freiheit! – Unsere Wehrmacht“, sei dahingestellt. Würde man in jenen verschwörungstheoretischen Mustern denken, wie es ein großer Teil dieser Leute tut, müßte man dahinter wohl eine verborgene  Absicht vermuten. Geheime Codes des Deep-Nazi-State: ist nicht auch die 1 der erste Buchstabe des Alphabets: ein A, es steht für Adolf und die 8 ein H, es steht für Hitler? Da wurde doch sicherlich mit Bedacht dieses Datum gewählt. Der Führer allerdings in seiner Reichsflugscheibe tauchte an diesem Tag nicht auf, um Berlin zu befreien und zurückzuerobern. Keine Armee Wenck. Es verlief alles anders. Aber Scherz beiseite.

Nein, die Veranstalter und ihr Pressesprecher Stephan Bergmann werden Riefenstahl vermutlich nicht kennen – obwohl ich mir bei letzterem nicht sicher bin, wenn man auf seine Gesinnung schaut – dazu mehr weiter unten. Ansonsten freilich: Kulturelle oder gar wissenschaftliche Bildung unterstelle ich den Veranstaltern nicht, aber es gibt immerhin sowas wie Internet, wo der geneigte Veranstalter googlen kann, was es mit einem Slogan auf sich hat.

Nun schätze ich Leni Riefenstein zwar als Bildästhetin, Photographin und Filmemacherin, die wegweisend war, bis heute, und Stripped“ gehört bis heute zu meinen Lieblingsvideos von Rammstein. Weniger aber schätze ich sie als Nazi-Sau und -Akteurin. Und wer es 1935 noch nicht wußte oder meinte es nicht wissen zu wollen, der muß solches dennoch für die Vita sich zurechnen lassen. Einerseits möchten diese Leute als Erwachsene behandelt werden, und tut man es, reden sie sich andererseits auf faule Weise heraus, als ob man es mit einem unmündigen Kind zu tun hätte.

Und das gilt ähnlich auch für die heutige Demonstration. Wer bei sowas mitläuft, sollte sich dies gut überlegen, wenn er zwischen Reichskriegsflaggen und Südstaaten- und QAnon-Fahnen mitmarschiert, er mag auch solche Fahnen nicht billigen oder es ist ihm egal. Ein Veranstalter, der nicht dazu aufruft, solche Fahnen umgehend zu entfernen, weiß ebenfalls, mit wem er da marschiert oder er will es nicht anders und hält um der hohen Teilnehmerzahlen willen und um unterschiedliche und teils schlimme Kräfte zu bündeln, den Mund. Die Reihen fest geschlossen – passend insofern, als auch die NPD zur Teilnahme an dieser Veranstaltung aufrief. Und ebenfalls Leuten wie der Reichsbürger (und Ex-NPD-Mitglied) Rüdiger Hoffmann, der vor dem Reichstag eine Rede schwang. Nicht in Absprache mit den Organisatoren dieser „Tag der Freiheit“-Kundgebung, aber eben doch als Teil solcher Masse. Man kann den Leuten dies nicht eins-zu-eins zurechnen, aber selbst als ein Mensch, der Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Corona skeptisch gegenübersteht, sollte sich gut überlegen, mit wem er sich da auf den Weg macht.

Transparente wie „Wer in der Coronakrise schläft, wird in der Diktatur aufwachen“, dazu eine Friedenstaube, kann man vielleicht als Naivität oder als Alarmismus besorgter Menschen werten – beides gab es bereits in den 1980er Demos der Friedensbewegung: Le German Angst. Angst ist nicht rational und leider helfen gegen sie oftmals keine logischen Argumente. Und es sind sicherlich nicht alle Teilnehmer dieser Demonstration Reichsbürger und Rechtsradikale – auf den von mir im Internet gesichteten Videos sind unterschiedliche Menschen zu sehen, ein Teil Esoteriker, teils Rechte, teils Leute, die man kaum einschätzen kann, teils aggressive Leute, wie man sie von Pegida kennt. Einige erscheinen wie eine Mischung aus Wutbürger und normaler Bürger, die irgendwie ihren Dampf ablassen wollen. Transparente mit Slogans wie „STRAFVERFOLGUNG FÜR DIE GURUS DER GEMEINGEFÄHRLICHEN SEKTE DER ZEUGENCORONAS“ zeigen den Stand des Bewußtseins einiger dieser Teilnehmer.

Insofern sollten aufgrund solcher Teilnehmer gerade solche, die sich ernsthaft um die Freiheitsrechte sorgen und mitmarschieren, sich überlegen, mit wem sie da teils gemeinsame Sache machen und daß da eine unheilvolle Melange entsteht. Wer ein DIN-A4-Blatt „WER JEDES RISIKO AUSSCHLIESSEN WILL HAT DAS LEBEN NICHT BEGRIFFEN Liebe Freiheit Toleranz“ mag ein Anliegen haben und besorgt sein und solche Leute kann man womöglich in Debatten auch noch erreichen, weil sie vielleicht halbwegs noch bei Sinnen sind.

Bei vielen jedoch, die das Wort „Grundgesetz“ vollmundig heraustönen, vermute ich stark, daß sie dieses niemals komplett und nicht einmal in Auszügen gelesen haben. Denn sonst würden sie solchen Schmarren wie Diktatur und Zwangsmaßnahmen nicht derart unreflektiert herauskrähen – ich empfehle solchen Leuten gerne das Standardwerk von Manfred G. Schmidt „Das politische System der Bundesrepublik Deutschland“, um zumindest die basale politische und gesellschaftliche Organisation dieses Gemeinwesens intellektuell zu erfassen und um überhaupt mitreden zu können: Demokratie bedeutet nämlich keineswegs, daß ich mir wie in einer Cafeteria aussuchen kann, was mir persönlich gut gefällt. Das Grundgesetz ist keine Privatbespaßung, und es ist auch keine Proklamation für einen unbezüglichen Begriff von Freiheit, frei zu allem und zu jedem zu sein und daß jeder tun und lassen kann, was er will, weil sonst ja die eigenen Menschenrechte eingeschränkt würden.

Individualistische Ungebundenheit, tun zu können, was man zu wollen meint, ist keine Freiheit und bloßer Schein von Individualismus zudem. Tatsächliche Freiheit findet sich nicht im Ungebundenen, um mit Hegels Theorie der Freiheit zu sprechen, sondern in der Vermittlung durch Institutionen – eben einem Rechtsstaat, der unter anderem in der Gewaltenteilung besteht und dem Individuum durch das Recht erst seine Freiheit ermöglicht, Individuum zu sein, und vielfach hat die Judikative für die Durchsetzung von Freiheitsrechten selbst in Corona-Zeiten gesorgt – bspw. die Genehmigung der Demos in Stuttgart seinerzeit. Auch ein Aspekt, den viele der Teilnehmer gerne unter den Tisch fallen lassen: dass sie auf den Rechtsstaat spucken, von dem sie ansonsten jeden Tag profitieren. Jene vermeintliche Ungebundenheit, die fälschlicherweise als Recht auf Freiheit verkannt wird, führt zur Vereinzelung des Individuums oder bringt, wie man an den Parolenrufen der Demonstranten sieht, einen verhängnisvollen Kollektivismus zum Vorschein, der sich frei dünkt, in Wahrheit aber der Ausdruck des schlechten Allgemeinen ist, das zu bekämpfen vorgegeben wird.

Im übrigen rate ich jenen, die sich aufs Grundgesetz berufen und es ostentativ in die Höhe halten, einmal kurz einen Blick dort hineinzuwerfen sich den Artikel 11 einmal gut durchzulesen. Als Serviceleistung stelle ich ihn hier ein:

„(1) Alle Deutschen genießen Freizügigkeit im ganzen Bundesgebiet.

(2) Dieses Recht darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes und nur für die Fälle eingeschränkt werden, in denen eine ausreichende Lebensgrundlage nicht vorhanden ist und der Allgemeinheit daraus besondere Lasten entstehen würden oder in denen es zur Abwehr einer drohenden Gefahr für den Bestand oder die freiheitliche demokratische Grundordnung des Bundes oder eines Landes, zur Bekämpfung von Seuchengefahr, Naturkatastrophen oder besonders schweren Unglücksfällen, zum Schutze der Jugend vor Verwahrlosung oder um strafbaren Handlungen vorzubeugen, erforderlich ist.“

Aber weiter zu den Organisatoren dieser Kundgebung. Pressesprecher von „Querdenken 711“ ist Stephan Bergmann, der seine medizinische und wissenschaftliche Expertise mit Büchern wie „Steinwesen im Medizinrad: Das Kartenset zur Arbeit mit der Kraft der Steine“ unter Beweis stellte. Auf der Werbeseite für sein Buch findet sich zudem dieser Hinweis: „Stephan Bergmann, Erfinder der Motherdrum, Entdecker des Motherdrum-Healings und Schöpfer des Heal-The-Earth-Dances samt Motherdrum & FatherSky – Festivals. Vater von vier Kindern und der Motherdrum-Community.“ Das mögen Dinge sein, über die man vielleicht noch lachen kann, dennoch möchte ich von solchen Leuten eigentlich keine Referate zu Covid-19 hören, so wie ich mir etwas Medizinisches über eine Wurzelresektion auch nicht von jemandem erzählen lassen möchte, der mit Heilsteinen würfelt. Aber das kann man noch als Spaß verbuchen. Wer jedoch solche Aussagen teilt, der muß sie sich zurechnen lassen.

 

(Bild entnommen dem „Tagesspiegel“, in jenem Artikel finden sich weitere Hinweise zu Bergmann.)

Und wer solche Menschen als Pressesprecher beschäftigt – also jemand, der für die Außendarstellung und die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist -, muß sich dies ebenfalls zurechnen lassen.

Das Problem auf dieser Kundgebung sind aber nicht primär jene Nazis dort, Rechtsextremisten teils, die vielen Aluhüte und einige Reichsbürger, die den Reichstag stürmen wollen – ob sie nun wenige sind oder nicht und inwiefern solch esoterischem Gewäsch irgendwelcher Friedenstrommler ein autoritärer Charakter unterlegt ist, bleibt dafür gleichgültig. Das Problem ist die ungeheure politische Naivität dieser Leute und die Chuzpe mit der Dummköpfe simulieren, sie seien Wissende. Wenn man sich die Rede des GEZ-Verweigerers Heiko Schrang anhört und dazu jene, die Beifall klatschen, dann kann man ermessen, was ich damit meine:

„Wir sind nicht getrennt, ich bin oben, wir sind unten, wir sind alle eins, und ihr wißt es, ihr spürt es im tiefsten Inneren. Und der Mainstream hat eins gemacht, er hat jahrzehntelang uns geteilt, er hat dem Lebenssinn von uns verkehrt.“

Zwischen Selbstüberschätzung, billiger Rhetorik und einer pauschalen und leerlaufenden Medienkritik, ist in solchen Reden keine Substanz zu finden: Es geht darum, den Jubel der Gleichgesinnten zu organisieren – egal mit was für haarsträubenden Thesen – und das ist das eigentliche Problem dieser Leute, die solchem Blödsinn zujubeln. Auch das muß man sich zurechnen lassen. Und ebenso müßte man die übrigen Reden dieser Veranstaltung  einmal auf ihre Inhalte und ihre rhetorische Struktur hin untersuchen. Es kommt freilich solcher Blödsinn, das muß man dazu sagen, nicht nur auf jenen Demos der Aluhüte zum Tragen, sondern zieht sich durchs gesamte politische Spektrum. Solche Vögel wie Heiko Schrang  allerdings sind dann schon ein Spezifikum, das man vermehrt auf dieser Art von Demonstration antrifft – auch wenn man sich einige der Reden auf Pegida- und AfD-Kundgebungen anhört.

Das vermeintlich kritische Bewußtsein gleicht dem des Paranoikers. Und auf ähnliche Weise arbeiten auch die Verschwörungstheorien. Sie funktionieren als ein sich selbst stützendes Zirkelschlußsystem: Man setzt eine Annahme X per se als wahr (DER Islam, DIE Medien, DIE Juden, DAS System, die im Geheimen etwas Übles bewirken und konstruiert ein Kollektivsingular) – sei es, weil man diese Annahme einfach dogmatisch postuliert oder weil man einzelne Beispiele sich herausgreift und von „einige“ auf „alle“ schließt (mereologischer oder auch induktiver Fehlschluß). Das, was dann per ordre und im dogmatischen Gestus als wahr gesetzt wurde, bestimmt im weiteren Verlauf alle übrigen Interpretationen der sozialen Wirklichkeit und bestimmt auch die Ausführungen sowie die Fakten, die dann genau unter diesem dogmatisch gesetzten Aspekt gedeutet und zurechtgebogen werden. Jedes Zeichen, jede Aussage, jede Meldung kann dann bequem sortiert und eingeordnet werden: „Merkel-Diktatur, Medienhuren etc., Islam oder Judenverschwörung oder gleich wahlweise beides: Slogans wie Ostküste und Rothschild fungieren als Erkennungsmarke oder zeigen eben eine verborgene Absicht dunkler Geheimmacht an. Und so läßt sich auf diese Weise bequem eine in sich konsistente Wirklichkeit konstruieren, das auf der Basis von „Wir hier mit der Wahrheit“ und „Die da mit der Lüge“ arbeitet. Schlichte Dichotomisierungen zeichnet solches Denken aus. Daß die Welt komplexer ist als ein binäres Schema, gerät aus dem Blick oder wird im eigenen Überzeugungsfuror eben unterschlagen.

Verschwörungstheorie funktioniert zudem als Confirmation Bias oder wie in dem alten Witz: Fährt ein Mann auf der A2  und hört im Radio Verkehrsfunk: „Achtung! Auf der A2 kommt ihnen ein Geisterfahrer entgegen!“ „Einer“, kreischt der Mann, „Hunderte!“. Markiert und gesehen wird einzig das, was ins eigene Raster paßt.

Verschwörungsdenken braucht aber noch etwas, um geglaubt zu werden: Es muß einen Ansatz von Wahrscheinlichkeit geben, damit man Gehör findet: Wenn einer behauptet, der Regen fiele in Wahrheit von unten nach oben, aber die Bundesregierung verschleiere uns das durch Trugbilder, wird dieser Mensch kaum Glauben finden. Wenn man aber Hinterzimmermächte ins Spiel bringt, auf Realem basierend, sieht die Sache schon anders aus: Lobbyisten gibt es zuhauf und wer „CIA“ und „Geheimoperationen“ als Begriffe googelt oder Tonkin-Zwischenfall wird schnell fündig. Ebenso wird man fündig bei unsauberen Verquickungen von Journalisten mit den Regierenden oder wenn man ihre Beziehungen zu einer transatlantischen Freundschaftsorganisation herausgreift, die es realiter gibt, man schaue auf Joachim Bittner, Claus Kleber oder Josef Joffe. Und wenn man um diese Sachverhalte weiterhin eine große Erzählung spinnt und jegliches Ereignis diesem singulären Umstand unterordnet und darauf justiert, dann erhält man eine Großerzählung und ein Narrativ, das für viele stimmig wirkt: etwa solche wie: der Konflikt mit dem Iran diene nur dazu, uns von anderen wahren Problemen abzulenken. Es muß in der Verschwörungstheorie ein Körnchen Wahrheit stecken, und darauf kann dann die Simplifizierung und die gesamte Rhetorik einer solchen Großthese gebaut werden. Die weiteren komplexen Mechanismen von Entscheidungsfindungen, kritischer Gegenöffentlichkeit oder geopolitischen Überlegungen unterschlägt man. Ebenso den Aspekt, daß es möglicherweise auch andere Interpretationen und Sichtweisen der Weltpolitik gegeben könnte als die eigene.

Ganz falsch freilich ist also all das eben nicht. Haha zu machen: dem CIA käme doch nie in den Sinn, einen gewählten Staatspräsidenten umzubringen oder aus dem Amt zu jagen, ist durch die Geschichte bereits hinreichend widerlegt. Dennoch sollte man in der Analyse solcher Zusammenhänge immer die geschichtlichen und gesellschaftlichen Komplexionen im Blick behalten und solche Umstände nicht zugunsten vereinfachter Sichtweisen im dualen System aufzulösen und dann monothematisch zu besetzen. Solche manichäische Sicht ist auch bei Corona-Leugnern anzutreffen. Freilich ist auch die Gegenseite in ihrem Furor oftmals nicht besser und fährt dogmatisch.

Wenn die Bezirksbürgermeisterin von Kreuzberg Monika Herrmann twittert „Wir haben es aber laufen lassen – was ich für einen großen Fehler halte.“, dann sollte sie dazu sagen, daß ebenso die Black Live Matters-Demo vom 6.6.2020 in Berlin ohne jegliche Abstandsregeln verlief und viele Menschen dort ebenfalls keine Masken trugen oder aber nur nachlässig. Doppelte Standards machen eine Kritik problematisch im Hinblick auf die eigene Glaubwürdigkeit.

Burks schrieb zur heutigen Demo auf Facebook:

„Wo sind die Sozialdemokraten Ebert, Noske und Zörgiebel, wenn man sie mal braucht?“

Mehr ist eigentlich zum heutigen Tag für Berlin nicht zu sagen, könnte man entgegen. Aber vielleicht will ein Freund des Rechtsstaates eben doch keinen Noske, denn anders als eine Vielzahl der Demonstranten es glauben, ist Deutschland eine Demokratie und eine Rechtsstaat: es schießen keine Soldaten in die Menge der Demonstranten wie in Peking, es knüppeln keine Omon-Truppen wie in Rußland ohne Grund plötzlich eine Demo nieder. Allerdings: das Behindern der Pressfreiheit bei der Rednertribüne der gestrigen Demo hätte zwingend einen Polizeieinsatz zur Folge haben müssen, sofern die Veranstalter der Demo nicht umgehend den Zugang der Presse zur Tribüne ermöglichten. Verdi twitterte:

#b0108 15:24 Die Pressefreiheit verkommt zur Farce. Vor Ort ist die Polizei nicht „in der Lage“ die Pressefreiheit für Pressebereich vor Bühne durchzusetzen. Sie verweist seit ca 1,5 Std. auf den Pressesprecher der vor Ort irgendwann kommt und das dann regeln soll.

Der Umgang der Demonstranten mit der Presse ist, wie auch das erste Video oben zeigt, nicht immer unentspannt gewesen. Ebenfalls ist in diesem Video vom rbb zu sehen, wie ein Mann im Wallewalle-Gewand und mit einer Trommel einen Kameramann des rbb anspuckt.

Das Demonstrationsrecht ist ein hohes Gut. Es gilt auch für Covidioten und solche, die aufs Tragen von Masken verzichten und es billigend und bewußt in Kauf nehmen andere Leute anzustecken und ggf schwere Krankheitsverläufe zu provozieren. Allerdings gibt es eben auch kein Grundrecht darauf, andere Menschen in Gefahr zu bringen. Und genauso gibt es auch das Recht auf Gegenprotest, um darauf aufmerksam zu machen. Zumal diese Leute brav ihre Masken trugen..

Stefan Liebich (Die Linke) twitterte heute:  „Ihr seid keine Querdenker. Ihr seid gefährliche Spinner!“

Zu einem großen Teil stimmt das leider, insbesondere was das ostentative Nichttragen von Masken betrifft. Nur hilft die Wut oder das Gepöbel der anderen, der sich besser dünkenden Seite, am Ende nicht wirklich, jene noch irgendwie erreichbaren Menschen, die da heute auf der Demo in Berlin mitliefen, zu erreichen. Ich fürchte aber, daß wir schon lange in einer Spirale der Wutkommunikation stecken, aus der es kaum noch einen Ausstieg gibt. Allerdings: Wer mit Reichsbürgern, Rechtsextremisten, der NPD, Compact zusammengeht, muß sich dies dann am Ende des Tages schon zurechnen lassen.

Vom Kaufhausbrand, vom RAF-Land, von Irrtum und von Wirrwarrsound – Kunst und Praxis

„Eure ‚Ordnung‘ ist auf Sand gebaut. Die Revolution wird sich morgen schon ‚rasselnd wieder in die Höh‘ richten‘ und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: ich war, ich bin, ich werde sein!“
(Rosa Luxemburg, letzter Artikel in Die Rote Fahne, Nr. 14.
Jahrgang 1919, 14. Januar 1919: „Die Ordnung herrscht in Berlin“)

„Die intellektuelle Verzweiflung mündet weder in Weichlichkeit noch in den Traum, sondern in die Gewalt. (…) Es geht lediglich darum, zu erkennen, wie man seine Wut in die Tat umsetzen kann: ob man sich wie Verrückte, um Gefängnisse bloß im Kreis drehen oder ob man sie niederreißen will.“
(George Bataille, Das finstere Spiel (1929))

„Die Revolution sagt:
ich war
ich bin
ich werde sein“
(RAF-Auflösungserklärung März 1998)

Himmelfahrt schien mir ein guter Tag zu sein, um einen weiteren Text über die RAF zu schreiben bzw. in diesem Fall über eine Art Vorlaufgeschehen. Der Blogger che2001 hatte an dieser Stelle eine kleine Geschichte und einen Abriß der sozialen Bewegung gegeben und auch etwas zur Theorie des Antiimperialismus geschrieben. Diese Fragen haben mich spätestens zum Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts wenig, um nicht zu sagen gar nicht interessiert. Ich kam aus einer anderen Ecke, zwar nicht unbedingt politisch völlig anders, aber ich sah mich und sehe mich bis heute nicht als Teil irgendeiner Bewegungslinken, des Genossentums oder als jemand, der sich in irgendeiner sozialen Bewegung engagiert oder dort mitmacht, und ich weiß nicht einmal, ob ich mich selbst als links bezeichnen würde. Nein, vermutlich nicht.

Ich kam Anfang der 1980er Jahre von der Kunst, der Literatur, von der Ästhetik sowie den Ausläufern von Punk und Krachmusik wie der der Einstürzenden Neubauten, und einer an Marx, Hegel, Adorno, Benjamin und Marcuse orientieren Gesellschaftsanalyse her – das, was man klassischerweise Kritische Theorie nennt, deren Rezeption wesentlich durch einen jugendlichen Blick und damit durch eine politische Brille geprägt war, die sich Texte eben auch passend bog. Wobei mir Adorno in seiner Zurückhaltung gegenüber dem blinden Aktionismus der wilden Bürgerkindchen noch der liebste war. Diese Mischung philosophischer Texte zur Gesellschaft paarte sich – freilich alles rudimentär und kaum in einem systematischen, gründlichen Studium – mit französischem Einschlag: Sartre und auch Foucault; und dazu eine Minimallektüre Martin Heidegger, der ja in einem gewissen Sinne ebenfalls zu den französischen Denkern zählt, war doch Freiburg eine gute Zeit lang nach dem zweiten Weltkrieg in französischer Verwaltung und wurde Heidegger nachdem zweiten Weltkrieg vor allem in Frankreich von so unterschiedlichen – linken – Denkern wie Sartre, Lacan, Lyotard, Foucault, Deleuze und auch Derrida in aufgeschlossener Weise rezipiert.

Das ewige Denken in Oppositionen verstellte in diesen Fragen der Philosophie wie auch denen hinsichtlich der Gesellschaft den Blick und noch viel mehr geschieht hierbei die Einengung des Blickes durch einen vorgeprägten Referenzrahmen. Philosophie geht es nicht in unidirektionalem Zugriff um die unmittelbare Frage, wie mittels Praxis und Aktion Gesellschaft sich wandelt, gar revolutioniert, sondern sie nimmt Bedingungen von Denken in den Blick, fragt nach den Möglichkeiten von Praxis, fragt nach den Möglichkeiten ihrer eigenen Möglichkeit, fragt, wenn man im Feld der politischen Philosophie unterwegs ist, auch danach was Gemeinschaft und Gesellschaft überhaupt sind, unter bestimmten Bedingungen, fragt nach den Formen unseres Denkens, um solche Bestimmungen von Praxis überhaupt erst zu leisten, und dazu gehört zugleich die Besinnung und Bestimmung der Theorie. Ihre Fragen sind die nach dem Guten, dem Gerechten, nach der Freiheit und mit all dem verbunden insbesondere nach der Schönheit auch.

Was mich damals – neben dem Politischen – an der RAF bzw. an deren Anfängen interessierte, war die Verbindung von Kritik, Theorie und Praxis in Fragen der Gesellschaft und aufs Feld des Ästhetischen gewendet die Kombination von Phantasie, Surrealismus und Gewalt, und zwar als ästhetische Praktik, wie sie im Surrealismus angelegt war – aber eben nicht nur ästhetisch und als Kontemplation am Ende, wie sich zeigen wird. Oder um es mit einem kleinen Band von Karl Heinz Bohrer aus dem Jahr 1970 zu sagen: „Die gefährdete Phantasie, oder Surrealismus und Terror“. Nicht als Glorifizierung solchen Gewaltprojekts, das mag in den Jahren der Jugend und in einer politischen Naivität damals eine gewisse Rolle gespielt haben: man könne der schlechten Gesellschaft, man könne einer parlamentarischen Demokratie (mit all ihren Tücken freilich) mit einem Aktionismus beikommen – eine Art Verklärungshaltung, weil all die Aufstände gegen das sogenannten „System“ von Erfolglosigkeit gekrönt schienen, statt einmal die Perspektive zu verändern und den Gedanken auch zu wagen, daß all diese Veränderungen in kleinen Schritten geschehen – zumal in einem doch demokratischen System, das viele Spielräume zuläßt und über Öffentlichkeit, soziale Bewegungen und Debattenkultur zumindest Möglichkeiten besitzt. Zudem sind Morde und die Verletzung von Menschen, wie das schon bei der Baader-Befreiung 1970 geschah, keine Kunstaktionen, sondern fallen in die juristische Kategorie. Wie jeder andere Terror in einem Rechtsstaat auch.

In diesem Sinne bezieht sich die Bezeichnung „Surrealismus und Terror“ auf eine frühere Phase des Studentenprotests, im Grunde also eine Form von Widerstand seit Mitte, Ende der 1960erJahre, als es noch keine RAF gab; nämlich wie das in den politischen Happenings und auch den „Subversiven Aktionen“ betrieben wurde. Zu solchem Konzept gehören dann später auch die Aktionen der Kommune I in Berlin, die sich ihre Aktionen und vor allem ihre Provokationen der bürgerlichen, der teils kleinbürgerlichen Gesellschaft sehr genau von der Kunst abgeschaut hatten. Denn diese Aktionen hatten bereits in der Kunst der späten 1950er Jahre ihre Vorläufer, vor allem in der politisch-praktisch-ästhetischen Situationistischen Internationale und in der BRD in der SPUR-Gruppe in München, wo Dieter Kunzelmann mit beteiligt war. (Kunzelmann lebte später auch in der KI und war 1969 mitverantwortlich für einen – zum Glück gescheiterten – Anschlagsversuch auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin.)

Aber ebenso bestanden die Vorläufer solcher ästhetischen Entgrenzung in der Kunstform des Happenings der späten 1950er Jahre sowie beim Fluxus im Rheinland, der Wiener Gruppe, was die Entgrenzung der Literatur betraf, und dem Wiener Aktionismus, wobei der Begriff als solcher erst Ende der 1960er ins Spiel kam, aber die grenzüberschreitenden Kunstaktionen von Herman Nitsch und Günter Brus fanden bereits in den Anfang der 60er statt. Out of the limit.

Was alle diese letztgenannten Bewegungen jedoch im Unterschied zu den Situationisten und der SPUR-Gruppe ausmachte, war der Umstand, daß nicht unmittelbarer Agitprop (oder zumindest Formen desselben) das Ziel war und es floß auch nicht unmittelbar das Soziale als direkte politische Aktion in die Kunst ein, sondern diese Verweise stellten sich – etwa bei Beuys – erst auf vermittelte Weise ein. Das sollte sich vorab schon mit den Situationisten ändern, die wiederum (unter anderem) auf Bretons Surrealismus-Manifeste rekurrierten. Und diese Linie politischer, in die Gesellschaft aktiv eingreifender und ebenso einer entgrenzenden Kunst, die die Trennung von Leben und Kunst aufzuheben gewillt war – das also, was man die Souveränität der Kunst nennen kann-, zog sich bis zu jenen Aktionen der Berliner Kommune I. Dazu sei zunächst jenes von der K1 verbreitete Flugblatt sowie das zum Verständnis des Kontextes wichtige Flugblatt 6 zitiert, darin es einerseits um konkrete Politik, aber auch um eine Art Happening geht:

Flugblatt Nr. 6

Neue Demonstrationsformen in Brüssel erstmals erprobt

In einem Großhappening stellten Vietnamdemonstranten für einen halben Tag kriegsähnliche Zustände in der Brüsseler Innenstadt her.

Diese seit Jahren größte Brandkatastrophe Belgiens hatte ein Vorspiel. Zur Zeit des Brandes fand in dem großen Kaufhaus A l’innovation (Zur Erneuerung) gerade eine Ausstellung amerikanischer Waren statt, die deren Absatz heben sollte. Dies nahmen eine Gruppe Antivietnamdemonstranten zum Anlass, ihren Protesten gegen die amerikanische Vietnampolitik Nachdruck zu verleihen.

[…]

Der Verlauf des Happenings spricht für eine sorgfältige Planung: Tags zuvor fanden kleinere Demonstrationen alten Musters vor dem Kaufhaus mit Plakaten und Sprechchören statt und in dem Kaufhaus wurden Knallkörper zwischen den Verkaufsständen gezündet. Das Personal wurde an derartige Geräusche und Zwischenfälle gewöhnt. Die Bedeutung dieser Vorbereitungen zeigte sich dann bei Ausbruch des Feuers, als das Personal zunächst weder auf die Explosionen noch auf Schreie und Alarmklingeln reagierte. Maurice L. zu dem Brand: ‚Sie werden verstehen, dass ich keine weiteren Angaben über die Auslösung des Brandes machen möchte, weil sie auf unsere Spur führen könnten.‘

Das Feuer griff sehr schnell auf die übrigen Stockwerke über und verbreitete sich dann noch in den anliegenden Kaufhäusern und Geschäften, da die umgebenden Straßen für die anrückende Feuerwehr zu eng waren. Der Effekt, den die Gruppe erreichen wollte, dürfte wohl ihren Erwartungen voll entsprochen haben. Es dürften im Ganzen etwa 4000 Käufer und Angestellte in die Katastrophe verwickelt sein. Das Kaufhaus glich einem Flammen- und Rauchmeer; unter den Menschen brach eine Panik aus, bei der viele zertrampelt wurden; einige fielen wie brennende Fackeln aus den Fenstern; andere sprangen kopflos auf die Straße und schlugen zerschmettert auf; Augenzeugen berichteten: ‚Es war ein Bild der Apokalypse‘; viele erstickend schreiend. Das Riesenaufgebot an Feuerwehr und Polizei war wegen der Neugierigen und der ungünstigen Raumverhältnisse außerordentlich behindert – ihre Fahrzeuge waren mehrmals in Gefahr, in Brand zu geraten.

Maurice L.: „In der vorigen Woche hatten wir eine anonyme Bombendrohung an das Kaufhaus durchgegeben, um festzustellen, welche Maßnahmen die Polizei und welche Sicherungsmaßnahmen das Kaufhaus ergreifen.“ – Da zu erwarten war, daß die Betroffenen die Ursachen des Brandes mißdeuten würden, hatte die Gruppe nach Maurice L. schon Tage zuvor und vor allem am Tag des Großhappenings Flugblätter verteilt, die auf die Zustände in Vietnam hinwiesen und empfahlen, die Ausstellung im Kaufhaus A l’innovation „hochgehen“ zu lassen. Nach sieben Stunden erst war das Großfeuer unter Kontrolle – der Schaden beträgt nach vorsichtigen Schätzungen ca. 180 Mill. DM.

Über die Ursachen des Brandes wurden von der Polizei bisher noch keine genauen Angaben gemacht. Obwohl alle Anzeichen für dieses Großhappening sprechen, wie es Maurice K. schilderte, wagen Polizei und Öffentlichkeit bisher nicht, die Antivietnamdemonstranten offen zu beschuldigen, da dies einem Eingeständnis einer erfolgten weitgehenden Radikalisierung der Vietnamgegner gleichkäme. Es könnte zudem bewirken, daß andere Gruppen in anderen Städten wegen der Durchschlagkraft dieses Großhappenings nicht nur in Belgien zu ähnlichen Aktionen ermuntert würden. Und selbst wenn sich durch eine Unvorsichtigkeit der Demonstranten die Urheberschaft dieser oben genannten Gruppe eindeutig herausstellen würde, dürfte dies nicht dazu führen, daß die Polizei das Ergebnis veröffentlicht, da der obige Effekt der Ermunterung anderer Gruppen eine solche Veröffentlichung inopportun erscheinen läßt.

Kommune I (24.5.67)“

Und im Flugblatt 7 heißt es dann provokant-witzig und zugleich doch mit einem ernsten Hintergrund, wenn Tote mit zweierlei Maß gemessen werden:

„Mit einem neuen gag in der vielseitigen Geschichte amerikanischer Werbemethoden wurde jetzt in Brüssel eine amerikanische Woche eröffnet: ein ungewöhnliches Schauspiel bot sich am Montag den Einwohnern der belgischen Metropole:

Ein brennendes Kaufhaus mit brennenden Menschen vermittelte zum erstenmal in einer europäischen Grossstadt jenes knisternde Vietnamgefühl (dabeizusein und mitzubrennen), das wir in Berlin bislang noch missen müssen.“

Flugblatt 8 setzt fort und steigert:

„Wann brennen die Berliner Kaufhäuser?

Bisher krepierten die Amis in Vietnam für Berlin. Uns gefiel es nicht, dass diese armen Schweine ihr Cocacolablut im vietnamesischen Dschungel verspritzen mussten. Deshalb trottelten wir anfangs mit Schildern durch leere Straßen, warfen ab und zu Eier ans Amerikahaus und zuletzt hätten wir gern HHH in Pudding sterben sehen. Den Schah pissen wir vielleicht an, wenn wir das Hilton stürmen, erfährt er auch einmal, wie wohltuend eine Kastration ist, falls überhaupt noch was dranhängt…es gibt da so böse Gerüchte. Ob leere Fassaden beworfen, Repräsentanten lächerlich gemacht wurden – die Bevölkerung konnte immer nur Stellung nehmen durch die spannenden Presseberichte. Unsere belgischen Freunde haben es endlich den Dreh heraus, die Bevölkerung am lustigen Treiben in Vietnam wirklich zu beteiligen: sie zünden ein Kaufhaus an, dreihundert saturierte Bürger beenden ihr aufregendes Leben und Brüssel wird Hanoi. Keiner von uns braucht mehr Tränen über das arme vietnamesische Volk bei der Frühstückszeitung zu vergiessen. Ab heute geht sie in die Konfektionsabteilung von KaDeWe, Hertie, Woolworth, Bilka oder Neckermann und zündet sich diskret eine Zigarette in der Ankleidekabine an. Dabei ist nicht unbedingt erforderlich, dass das betreffende Kaufhaus eine Werbekampagne für amerikanische Produkte gestartet hat, denn wer glaubt noch an das `made in Germany´? Wenn es irgendwo brennt in der nächsten Zeit, wenn irgendwo eine Kaserne in die Luft geht, wenn irgendwo in einem Stadion die Tribüne einstürzt, seid bitte nicht überrascht. Genausowenig wie beim überschreiten der Demarkationslinie durch die Amis, der Bombardierung des Stadtzentrums von Hanoi, dem Einmarsch der Marines nach China. Brüssel hat uns die einzige Antwort darauf gegeben:
burn ware-house, burn!
Kommune I (24.5.67)“

Man muß freilich dazu sagen: das legendäre Kaufhaus „À l’innovation“ in Brüssel brannte am 22. Mai 1967 wegen eines technischen Defekts ab und nicht wegen eines Anschlages. Ironie der Geschichte: es fand darin zu dieser Zeit eine Sonderausstellung statt, die amerikanische Konsumgüter, Waren also, präsentierte. Auch ein Angriff auf den Fetischcharakter dieser seltsamen Objekte, so ließ es sich von den Studenten deuten. Das eben war die Crux und hier trug sich also, quasi durch eine List der Geschichte, das Feuer über Vietnam gleichsam symbolisch zurück in die Warentempel. Nur eben diesmal auch mit Toten. Es starben in Brüssel 251 Menschen. Keineswegs aber hatten die Studenten eine Brandstiftung als Form des Protests benutzt, um politisch Aufmerksamkeit zu erzielen, so wie sie es vorgaben. Sie spielten jedoch mit dem Reizwert durch scheinbare Inszenierung sowie dem darauf folgenden medialen Echo, das solche Flugblattaufrufe unmittelbar nach sich ziehen würde. Ästhetisch wie auch politisch besaßen diese Flugblätter der K1 einerseits etwas (gewollt) Provokatives, um gegen gesellschaftliche Konventionen und die sogenannten Regeln des Anstandes zu verstoßen, aber auch um auf eine Doppelmoral aufmerksam zu machen, wenn es um Tote ging. Sie borgten zwar von den Situationisten und der Münchener SPUR-Gruppe, aber sie waren eben auch ästhetisch-naiv einerseits und politisch doch zugleich herausfordernd und provokant. Aktionen, die vermutlich heute noch provozieren und verärgern würden. Um so heftiger müssen die Reaktionen damals gewesen sein, zumal von einer Springer-Presse, die hier kräftig anheizte und damit ebenso zur Eskalation beitrug.

Vor allem aber spielte die K1 mit der Grenze zwischen politischer Aktion und ästhetischer Fiktion. Nagelte man man sie gerichtlich, wie dies dann auch geschah, als Anstifter zum Attentat fest, so konnten sie sich damit entschuldigen, daß diese Dinge als eine Kunstform gedacht waren. Entschärfte man es dann als Kunst, wie dies in bestimmten Zirkeln eines linken Establishments inm Kulturbetrieb geschah, so ließ sich frech kontern, daß es hier aber doch mehr noch um Politik ginge. Dabei hatten die Mitglieder der K1 aber in bezug auf die Frage der Gewalt, die ja zunächst in den Augen der Studenten eine gesellschaftliche war, sehr wohl Motive des Surrealismus aufgenommen: man denke vor allem an André Bretons Satz aus dem Zweiten Manifest des Surrealismus von 1930:

„Die einfachste surrealistische Handlung besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings soviel wie möglich in die Menge zu schießen. Wer nicht wenigstens einmal im Leben Lust gehabt hat, auf diese Weise mit dem derzeit bestehenden elenden Prinzip der Erniedrigung und Verdummung aufzuräumen, der gehört eindeutig selbst in diese Menge und hat den Wanst ständig in Schußhöhe.“

Das ist zwar, wie auch das Bataille-Zitat im Eingang, einerseits als Aktionsprosa zu lesen, als Kunst, als brutale Phantasie im Sinne des Als-ob, denn getan hat es Breton am Ende eben doch nicht, aber es würde seine volle Wirkung nicht entfalten, stellte der Leser sich nicht vor, daß solcher Amok auch in der Wirklichkeit sich zutragen könnte und Breton realiter schösse. Nicht nur mit Worten. Was wäre, wenn Breton zum Revolver griffe und in die Menge schösse? Das ist dann nicht mehr bloß ein ästhetischer Akt. Gewalt zurück auf die Straße zu tragen, wenn auch teils nur symbolisch als eine besondre Form von Protest als/mit Kunst (aber eben nicht nur!), Protest etwa gegen den Krieg und die Toten in Vietnam, war auch das Ziel des Studentenprotest.

Jener Aspekte der Konsumkritik, wie sie die Kommune I im Sinne einer an Marx, Marcuse, Freud und Reich orientierten Gesellschaftskritik übt, findet sich allerdings bereits in einem Text der SPUR-Gruppe, nämlich 1962 in ihrem SPUR-BUCH, Heft 5. Er ist verbunden mit den Fragen künstlerischer Kreativität und einem kreativen Individuum überhaupt, teils auch in böser Ironie und Spott. Übertitelt ist das Kunst-und-Leben-Pamphlet mit der Zeile KANON DER REVOLUTION:

„Warum sind wir die einzigen Revolutionäre? Alle anderen werden durch Nicht-Kreativität von riesigen Kulturkaufhäusern gespeist; unsere Revolution fundamentiert nicht auf der Passivität aller – das Maul des Zivilisationsdrachens kotzt Meere von wohlverpackten Gütern auf die suggerierte Nachfrage der manipulierten Verbraucher.

Jeder muß kreativ werden:

Wer gerne mit Glaskugeln spielt, bekommt einen Park mit Glaskugeln. James Dean bekommt seinen Schamanenbaum, der aussieht wie die Raktenbasis von Cap Canaveral. Wer einen Mythos braucht, erhält spesenfrei und per Nachnahme seine Mutter Gottes ins Haus geliefert, damit er sich im göttlichen Beischlaf befriedige. Wer ‚Panem et Circenses‘ schreit, wird in Schlagsahne versinkend die Holi-Origen feiern, bis sein orgastischer Schrei röchelnd ins Leere fällt.“

Doch gerade die letzten Passagen klingen seltsam aktuell, obwohl sie inzwischen 58 Jahre alt sind – im Raum des Popkulturellen und im Angebot der Kulturindustrie, die noch die unterschiedlichsten Gruppen zu bespaßen sich anschickt, hat sich wenig verändert. Und auch hier wieder eine Kritik an Kultur als Ware. [Seit den 2000er Jahren gibt es in Berlin das Kulturkaufhaus Dussmann – und was das Paradoxe ist, wenn man diese Kritik nimmt: es ist in der Auswahl der Waren, also der Bücher, der CDs, der DVDs nicht einmal schlecht, sondern ganz und gar hervorragend. Man möchte es gar nicht missen. Es ist das, was damals für das Kind in Hamburg das herrliche „Spielzeug Rasch“ war: ein Paradies, eine Traumlandschaft. (Dazu müßte man nun Benjamins Passagenwerk gegenlesen und einige Zitate bringen, aber das führte den Text in eine andere Richtung.)]

„Alle diese Produkte sind im Begriff, sich als Ware auf den Markt zu begeben. Aber sie zögern noch auf der Schwelle. Dieser Epoche entstammen die Passagen und Interieurs, die Ausstellungshallen und Panoramen. Sie sind Rückstände einer Traumwelt. Die Verwertung der Traumelemente beim Erwachen ist der Schulfall des dialektischen Denkens. Daher ist das dialektische Denken das Organ des geschichtlichen Aufwachens. Jede Epoche träumt ja nicht nur die nächste sondern träumend drängt sie auf das Erwachen hin. Sie trägt ihr Ende in sich und entfaltet es – wie schon Hegel erkannt hat – mit List. Mit der Erschütterung der Warenwirtschaft beginnen wir, die Monumente der Bourgeoisie als Ruinen zu erkennen noch ehe sie zerfallen sind.“ (Benjamin,  Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts, in: Passagen-Werk)

All diese Szenen und Hintergründe sind Vorlaufaspekte, die für die (heterogene) „Studentenbewegung“, aber auch für den RAF-Diskurs zentral sind und die auf das Szenario weisen, wo aus einem politischen Happening und der Verquickung von Kunst und Praxis am 2. April 1968 eine dezidiert politische Aktion getätigt wurde, die nicht mehr unmittelbar im Zusammenhang mit Kunst und ästhetischen Entgrenzungstheorien stand, sondern bewußt eine politische Entscheidung bedeute: nämlich der durch Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein beim Kaufhausbrand in Frankfurt. Gewalt gegen Sachen zunächst, um dann in Gewalt gegen Menschen überzugehen. Wie dann am 9. November auch der Anschlagsversuch auf das Jüdische Gemeindehaus Berlin durch die linksterroristische Gruppe Tupamaros Westberlin, an deren Planung wesentlich Dieter Kunzelmann beteiligt war, aber ebenso ein V-Mann namens Peter Urbach, der den Sprengstoff lieferte.

Demnächst mehr.

[Die Photographien wurden 1982 von Bersarin in Hamburg bei einer Solidaritätsdemonstration für El Salvador aufgenommen.]

8. Mai 1945

Böse Zungen behaupten, daß die politisch eher linke Regierung des Landes Berlin ihr Volk noch einmal auf besondere Weise strafen wolle, weil der Berliner Senat diesen Tag zum Feiertag erklärte, an dem nicht gearbeitet, aber eben auch nicht geshoppt werden kann, und manche würden vermutlich lieber zu ihrer Arbeit gehen – sofern sie eine haben – als aufs Shoppen zu verzichten. Aber das sind Spekulationen, und immerhin verdanken wir auch diesen Anglizismus und die Shopping-Malls dem westlichen Alliierten USA. Alle anderen Bundesländer müssen arbeiten. Aber es war schließlich Berlin, wo am 8. Mai 1945 das Oberkommando der Wehrmacht am Arsch war und unter General Keitel in Berlin-Karlshorst die Kapitulationsurkunde unterzeichnen mußte. Der Führer hatte bereits am 30. April seinen letzten Arbeitstag. „Hitler kaputt, Berlin kaputt, wir nach Hause“, wie ein einfacher Rotarmist in einer Dokumentation es sagte, wenn man die Aussage des deutschen Zeitzeugen nimmt, der in Berlin als Jugendlicher für den Endsieg kämpfen mußte oder wollte.

Tag der Befreiung? Tag der Kapitulation? Tag der Niederlage? Eines zumindest hat sich in der Bundesrepublik inzwischen gewandelt: Die meisten Menschen empfinden diesen 8. Mai – zum Glück – nicht mehr als einen Tag der Niederlage. Auch wenn das Autoren wie Max Czollek gerne unterstellen und also sich über diese Redeweise „Tag der Befreiung“ belustigen, indem sie witzeln, daß die Deutschen dadurch nicht mehr auf der Seite der Täter stehen müßten und sich bequem den Siegern andienten – man denke nur an Czolleks Buch „Desintegriert euch!“, wo in simpel-trivialem Denken diese Art von Thesen entfaltet werden, oder auch seine Redeweise, daß der Nationalsozialismus kein Virus sei, der über die Deutschen kam, wie er dies jüngst in der Berliner Zeitung schrieb. Was inzwischen und in den Debatten der Gegenwart kaum noch einer behauptet. Die Diskussionen zu Weimar, teils in Alarmismus und Ahistorizität umschlagend, was die AfD betraf, wenn man sie mit der NSDAP verglich, scheint Czollek entgangen zu sein. Ebenso der Umstand, daß es eine differenzierte und vielstimmige Auseinandersetzung mit der NS-Zeit gab, in der die deutschen Verbrechen das Thema waren. (Meine Kritik des Buches mit dem Titel „Dichotomer Schematismus“ findet sich hier.)

All das, was Czollek formuliert, ist nicht nur sachlich falsch, sondern zugleich polemischer Blödsinn, weil ahistorische Zuspitzung und Vereinseitigung: Denn man kann sehr wohl – und viele tun das inzwischen auch – begreifen, daß Deutsche einmal die Täter waren und viele Deutsche zugleich eben auch Opfer waren (Opfer auch von Leuten, die sie teils mitgewählt und mitgetragen hatten), daß sie diejenigen waren, von denen in der Geschichte bisher einmalig-ungeheure Verbrechen ausging, oder um es im Aktiv zu formulieren: Daß einige Deutsche Juden ermordeten, daß sie Sinti und Roma umbrachten und anderer Menschen, deren Leben jene Deutschen für nicht lebenswert erachteten. Und daß viele Deutsche dabei zusahen. Allerdings sollte man sich beim vorauseilend antifaschistischen Blick und beim nachträglich gelebten Antifaschismus, der nichts kostet, davor hüten, den eigenen Blick und das Verhalten von heute aufs gestern zu projizieren.

Egal wie aber: Deutsche waren diejenigen, die zuerst das eigene Land und dann die Welt mit schrecklichen Verbrechen und einem Vernichtungskrieg überzogen – Vernichtungskrieg vor allem im Osten Europas: in Polen, der Ukraine und in Rußland ganz wesentlich. Deutsche Bloodlands: die Vernichtungslager errichteten jene Vorfahren, die Täter waren, weit ab vom eigenen Blick. Aber genauso ging das Morden in anderen Ländern, wenn es nötig war: Man denke ans Wüten der SS in Frankreich und in Griechenland.

Es scheint aber der Anstieg solcher Kritik, wie Czollek sie übt, zu korrelieren mit dem Grad der Aufarbeitung und der Stärke der Gedächtniskultur. Mit anderen Worten: je mehr Veranstaltungen es zur NS-Zeit gibt, je tiefer nicht nur in im eher abgeschotteten Bereich der Forschung geschürft, sondern in den öffentlichen Debatten auch diskutiert wird, desto mehr Kritik wird laut an solchen Veranstaltungen – von rechts übrigens wie auch von einer bestimmten identitären Linken, für die es gar nicht genug Nazis geben kann, weil man auf diese Weise eben auch an Fördergelder herankommt, um es polemisch zurückzuwenden. Daß man es damit den tatsächlichen Nazis, den Ewiggestrigen, den Höckes leicht macht, kann man dabei auch einmal mitdenken. Denn wo selbst Konservative schon Nazis sind, da befindet man sich doch in einer guten Gesellschaft, so werden die Höckes und die Kalbitz‘ entgegnen.

Der 8. Mai war in den 1950er Jahren ein Tag der Niederlage ein Tag des Besiegtseins oder allenfalls noch eine „Stunde Null“, als ob plötzlich alles aufhörte und nichts von dem, was vorher war, noch da sei und wirkte und also eine Art Transformer-Strahl über die Deutschen gekommen wäre – ganz im Gegenteil! Die Auseinandersetzungen fanden eher verborgen statt, in den Schulen der 1950er Jahre unterrichteten teils noch die verbitterten Lehrer, die aus dem Krieg heimgekehrt waren, der typische deutsche Arschpauker, teils mit Rohrstock noch, am deutschen Lehrerwesen soll auch der Schüler genesen, doch es änderte sich dieser Umgang Ende der 1950er Jahre und ab dem 1960er in der BRD wesentlich – wenngleich die Zeiten selbst doch noch erheblich konservativ blieben, aber die Jugend suchte sich ihre Nischen und fand sie. Schon in den 1950er Jahren.

Vor allem aber kann man, entgegen Czolleks verkürzenden und Gedächtniskultur auf ein simples Muster zurückstutzenden Annahmen, begreifen, daß es in der Geschichte bisher kaum ein Land gab, das sich derart intensiv mit seinen Verbrechen auseinandersetzte. Das muß einen deutschen Betrachter nicht mit Sühnestolz erfüllen, aber man sollte es auch nicht unter den Tisch fallen lassen. Wie man in China mit Mao und den Ländern der ehemaligen Sowejtunion mit Stalin umgeht, entzieht sich meiner Kenntnis, aber es wäre interessant zu wissen, wie dort der Geschichtsunterreicht in den Schulen und die Debattenkultur in Zeitungen, Radio und Fernsehsendern aussieht. Angeblich soll es sogar noch einige Regionen der ehemaligen Sowjetunion geben, wo immer noch Stalin-Büsten stehen und wo der Mann vergöttert wird.

„Tag der Befreiung“ ist zunächst einmal eine Wendung, die aus der Sprache der Sieger stammt. Deutsche und Alliierte feiern diesen Tag evidentermaßen und aus geschichtlichen Gründen heraus anders, und es wäre in meinen Augen falsch, sich dabei auf die Seite der Sieger zu stellen. Auch deshalb, weil die deutschen Opfer, die es nach dem Bombenkrieg, nach der Flucht und Vertreibung gab und auch nach der Aussonderung eines großen Teils der deutschen Bevölkerung und indem man sie in die Vernichtungslager verbrachte – ja, auch das sind deutsche Opfer und das wird leider beim Aufzählen oftmals unterschlagen – nicht einfach gleichzusetzen sind mit jenen, die Opfer des deutschen Überfalls auf andere Länder waren.

An all diese Überlegungen schließt sich zugleich die Frage nach der Politik und der Kultur des Gedenkens an: was Gedenken und Erinnern bedeuten und auch, wie man dafür angemessene Formen finden kann, in denen Menschen dieses Gedenken gemeinsam und auch in Debatten und manchmal auch Disput begehen können. Gedenken heißt zugleich, in einer symbolischen Struktur eine Einmaligkeit, einen bestimmten (zufälligen) Tag im Rhythmus der Jahre zu wiederholen. Und dieser eine Tag wiederum verweist auf einen ganzen Komplex von historischen Bezügen, die einmal die Wirklichkeit bestimmten und für viele Familien die Vernichtung ihres bisherigen Lebens bedeutet. Und das eben fing 1933 mit den jüdischen Opfern an und mit den Sozialisten, Kommunisten und Sozialdemokraten, die in Lager gesteckt wurden und ebenso jene widerständigen Christen, Konservative und andere, die öffentlich beim Volksein nicht mittun wollten – von all den Emigranten zu schweigen. Schon aus diesem Grunde sind Opfer nicht unterschiedslos, sondern sie stehen in bestimmten Bezügen.

Es ist jedoch gut, daß wir diese Wendung vom Tag der Befreiung spätestens mit der Weizäcker-Rede vom 8. Mai 1985 im deutschen Bundestag in Bonn übernommen haben, wenn auch mit viel Kritik und mit viel Grollen, selbst in den 1980er Jahren war es für einige nicht selbstverständlich. Wobei eben „Tag der Befreiung“ für die Alliierten nicht „Kriegsende“ bedeutete. Denn der Krieg im Pazifik gegen Japan ging mit unverminderter Härte weiter.

In jener Rede Richard von Weizäckers, die übrigens zugleich eine Reaktion auf Kohls Treffen mit Reagan am 5. Mai 1985 in Bittburg, auch an SS-Gräbern, war, heißt es:

„Der Blick ging zurück in einen dunklen Abgrund der Vergangenheit und nach vorn in eine ungewisse dunkle Zukunft.

Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte.

Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.

Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfesten zu beteiligen. Aber wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg.“

Und genau das bringt es auf den Punkt: Es ist für Deutsche ein nachdenklicher Tag und in diesem Sinne kein Feiertag, wie der der Geburt oder der Auferstehung des Herrn, das Jauchzen und Frohlocken ist verständlich und bleibt doch in anderer Hinsicht wieder problematisch.

Aber noch etwas zeigt sich an diesem Tag, und zwar im Hinblick auf die völlig gewandelte politische Weltlage seit den 1989er Jahren mit dem Fall der UDSSR, der deutschen Einheit, seit den Anschlägen von 9/11, die eben auch ein Anlaß waren, daß sich Perspektivierungen verschoben, und diese Veränderung im Bewußtsein zeigt sich insbesondere gegenwärtig, wenn man an das Corona-Virus denkt, der diesen Tag fast zu begraben droht – alle Veranstaltungen in Berlin und anderswo sind abgesagt: Jene Zeit ist inzwischen Geschichte. Es schmerzt zwar einerseits, daß die Befreiungsfeiern ausfallen, doch angesichts der gegenwärtigen Probleme ist dies ein eher gelinder Schmerz. Jene Zeit berührt die deutsche Gegenwart zwar immer noch, was auch die immer wieder sich einstellenden Debatten zeigen und auch der, freilich schiefe Rekurs auf 1933, wenn es um die AfD geht, aber all das geschieht nicht mehr in dieser Heftigkeit wie es von den 1950er Jahren bis tief in die 1980er Jahre der Fall war – man denke an die Debatten zu den Auschwitzprozessen, die Serie Holocaust 1979 und auch die legendäre Rede Richard von Weizäckers, darin zum ersten Mal auch Schwule als Opfer genannt wurden – bisher ein Tabu.

Wenn freilich ein politisches Ereignis für eine Guido-Knopp-Serie oder für den deutschen Fernsehfilm taugt, produziert von ZDF und Nico Hoffmann, dann ist sie Geschichte. Eine Gestalt des Lebens wurde alt– was freilich nicht zwangsläufig bedeuten muß, das nun die Eule der Minerva ihren Flug startete – zumal die Geschichtswissenschaften früh schon mit der Erforschung dieses Feldes begannen: wer sich einen guten Überblick über die Debatten und die Lage verschaffen will, der lese Ian Kershaws „Der NS-Staat“.

Weniger früh freilich geschah die Bestrafung der Täter und ebenso spät geschah die Aufarbeitung dieser „Ereignisse“ in den einzelnen deutschen Ministerien oder indem man den BND nach seiner Gründungsurkunde befragte. Andererseits: aus einem Volk von Mitläufern lassen sich eben nicht wie aus dem Hut Widerstandskämpfer zaubern. Auch das gehört zu dieser Geschichte dazu, und Politik ist oftmals der pragmatische Umgang mit solchen Dingen. Auch in der DDR übrigens, wo es nicht nur hehre Antifaschisten gab. Der beste neue Kommunist ist der ehemalige Faschist, den man, wenn man sein Wirken und sein altes Parteibuch aufdeckte, vermutlich stante pede weit in den Osten ins Paradies der Arbeiterklasse schicken würde – da wo es besonders kalt ist und sehr arbeitsam zugeht. Und zugleich zeigt uns die DDR, daß Antifaschismus auch ein Mittel zur Erpressung sein kann. Jene so unterschiedlichen Künstler wie Brecht und Döblin und manch andere, die ein besseres Deutschland aufbauen wollten, wurden am Ende um ihre Ideale betrogen.

Zum Tag der Befreiung, zum Tag der Niederlage, zu jenem anderen und neuen Deutschland gehört ebenso die Wirkgeschichte der Kritischen Theorie in Deutschland, besonders auch die Radiovorträge Adornos. „Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik“, wie ein Sammelband von Clemens Albrecht, Friedrich H. Tenbruck und anderen heißt.  „In den fünfziger und sechziger Jahren hörte man Adorno fast jede Woche: im Rundfunk!“, so schrieb die „Zeit“, und Adorno sprach anders als er schrieb: Es waren Texte für das Publikum. „‚Er redet leicht, schreibt schwer‘– Theodor W. Adorno am Mikrophon“ wie ein Beitrag von Michael Schwarz heißt. Auch das gehört zu jenem 8. Mai. Jene Stimmen also, die sich nicht mit einem Weiter-so begnügten oder das Grauen, Auschwitz, die bedingungslose Vernichtung nicht unter Wortkaskaden des Gestimmtseins oder einfach nur dem Dauerschweigen begraben wollten.

In Richard von Weizäckers Rede heißt es in bezug auf die Art und Weise des Gedächtnisses:

„Der 8. Mai ist ein Tag der Erinnerung. Erinnern heißt, eines Geschehens so ehrlich und rein zu gedenken, daß es zu einem Teil des eigenen Innern wird. Das stellt große Anforderungen an unsere Wahrhaftigkeit.

Wir gedenken heute in Trauer aller Toten des Krieges und der Gewaltherrschaft.

Wir gedenken insbesondere der sechs Millionen Juden, die in deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden.

Wir gedenken aller Völker, die im Krieg gelitten haben, vor allem der unsäglich vielen Bürger der Sowjetunion und der Polen, die ihr Leben verloren haben.

Als Deutsche gedenken wir in Trauer der eigenen Landsleute, die als Soldaten, bei den Fliegerangriffen in der Heimat, in Gefangenschaft und bei der Vertreibung ums Leben gekommen sind.

Wir gedenken der ermordeten Sinti und Roma, der getöteten Homosexuellen, der umgebrachten Geisteskranken, der Menschen, die um ihrer religiösen oder politischen Überzeugung willen sterben mußten.

Wir gedenken der erschossenen Geiseln.

Wir denken an die Opfer des Widerstandes in allen von uns besetzten Staaten.

Als Deutsche ehren wir das Andenken der Opfer des deutschen Widerstandes, des bürgerlichen, des militärischen und glaubensbegründeten, des Widerstandes in der Arbeiterschaft und bei Gewerkschaften, des Widerstandes der Kommunisten.

Wir gedenken derer, die nicht aktiv Widerstand leisteten, aber eher den Tod hinnahmen, als ihr Gewissen zu beugen.

[…]

Wir können des 8. Mai nicht gedenken, ohne uns bewußtzumachen, welche Überwindung die Bereitschaft zur Aussöhnung den ehemaligen Feinden abverlangte. Können wir uns wirklich in die Lage von Angehörigen der Opfer des Warschauer Ghettos oder des Massakers von Lidice versetzen?

Wie schwer mußte es aber auch einem Bürger in Rotterdam oder London fallen, den Wiederaufbau unseres Landes zu unterstützen, aus dem die Bomben stammten, die erst kurze Zeit zuvor auf seine Stadt gefallen waren! Dazu mußte allmählich eine Gewißheit wachsen, daß Deutsche nicht noch einmal versuchen würden, eine Niederlage mit Gewalt zu korrigieren.“

Eine große und eine der wichtigsten Reden in der Geschichte der Bundesrepublik und gerade die letzten beiden Absätze stellen eine entscheidende Frage, ob man und in welcher Weise wir überhaupt gemeinsam feiern und gedenken können. Erzwingen kann man es nicht. Und jedem Opfer, das nicht zusammen mit Tätern oder den Nachkommen der Täter je feiern will, kann man das kaum verdenken.

Was für Berlin lange schon fällig wäre: Ein Denkmal an einem zentralem Ort für den sowjetischen Stadtkommandanten Nikolai Erastowitsch Bersarin. Ihm hat Berlin viel, sehr viel zu verdanken. Unter anderem auch, daß die berechtigte Rache der sowjetischen Sieger nicht ins Gemetzel und in Anarchie ausartete. Denn was Deutsche von 1941 bis 1945 der sowjetischen Zivilbevölkerung und den Soldaten der Roten Armee angetan haben, ist und bleibt unbeschreiblich. Der 8. bzw. der 9. Mai ist für Deutschland ein Tag der Befreiung und es ist ein Tag des Besiegtseins in einem. Beide Aspekte gehören zusammen.

Bildquelle: Wikipedia, cc-Lizenz

 

In Torgau an der Elbe – 25. April 1945

Der 25. April 1945, der eigentlich, wenn man jenes legendäre Bild von der Elb-Begegnung vor 75 Jahren nimmt, ein 26. April war: kurz vorm Endgame im Bunker des Führers.

Jene legendäre Photographie von Russen und Amerikanern, die sich in Torgau treffen, ist nachgestellt. Die eigentliche und erste Begegnung fand in Strehla statt, das wenige Kilometer flußaufwärts und südlich von Torgau liegt. Doch festhalten mochte man dieses historische Treffen an diesem Ort der ersten Begegnung nicht, wo die Amis über die Elbe nach Strehla setzen, denn viel zu grauenvoll war die Umgebung: es lagen tote Frauen, tote Kinder, tote Greise getürmt. Es gibt zwar zahlreiche Photographien von der Begegnung der Russen und der Amerikaner, doch das eigentliche, das ikonische Photo schoß Allan Jackson einen Tag später, am 26. April 1945. Es war eine nachgestellte Szene. Wirkmächtig und symbolisch allemal, vor allem, weil kurz danach bereits der Kalte Krieg zwischen Ost und West begann. Vor allem aber, weil hier die westlichen Alliierten zum ersten Mal auf ihre sowjetischen Waffenbrüder trafen.

In diesem Sinne machen solche Photographien von ihrer Aufladung her nichts anderes als Gemälde: sie halten eine bestimmte historische Szenerie symbolisch und verdichtet für die Nachwelt und eben auch für die eigene Gegenwart fest – wie etwa in Diego Velázquez‘ Gemälde „Die Übergabe von Breda„. Auf den historischen  Augenblick auf den Moment hin eingefroren und damit auch als Jahrestag mit einer  Art Beglaubigung begehbar. Ähnlich wie wenige Wochen später die Eroberung  Berlins durch die Rote Armee und das Hissen der Fahne auf dem Reichstag zu einer solchen zentralen Photographie wurde. Nach einem langen, von Deutschland entfachten grausamen Krieg, mit Vernichtungsfeldzügen in Rußland, um nicht nur Juden, sondern auch Slawen und all die auszurotten, welche nicht ins Rassekonzept der deutschen Faschisten paßten.

Man könnte nun annehmen, daß solche nachgestellten Photographien etwas Problematisches an sich haben, weil Bilder – gerade auch historisch bedeutsame – die „Realität“ wiedergeben oder zumindest einen repräsentativen und wesentlichen Ausschnitt aus der Wirklichkeit zeigen sollen, um auf diese Weise ein bestimmtes Szenario anschaulich zu machen. (Daß Photographien dabei immer auch eine gewisse Dramatik und die Dramaturgie des Ereignisses erst mit erschaffen, ist ein zusätzlicher Aspekt, der bedacht werden sollte. Aber auch das entwertet nicht unbedingt den dokumentarischen Gehalt einer Photographie und macht ein Bild nicht unwahr, wenn man nämlich die jeweiligen Kontexte eines Photos mit hinzu erzählt und wenn man dabei mitbedenkt, daß eine Photographie immer ein Ausschnitt ist, der mit einer Gegenphotographie beantwortet werden kann.)

Und da es aber bei diesen symbolischen Bildern ebenso darauf ankommt, daß sie Ausdrucksmedium eines historischen Momentes sind, scheint mir hier der Aspekt der Nachinszenierung nicht unbedingt problematisch, solange die Betrachterinnen und Betrachter wissen, daß es eben eine Inszenierung war. (Anders übrigens als Joe Rosenthals ikonographische Photographie der Flagge von Iwo Jima. Ein Photo, das nicht gestellt war, sondern aus der Aktion heraus geschossen wurde. (Siehe dazu meinen Text „Raising the Flag on Iwo Jima. Die Bilder des Krieges„)

Allerdings ist Torgau nicht nur wegen jener Begegnung und ihrer Inszenierung in einer Photographie interessant, sondern Torgau war im 16. Jahrhundert auch Residenzstadt und eines der Zentren der lutherischen Reformation. „Wittenberg ist die Mutter, Torgau die Amme der Reformation“ so heißt es. Torgau ist zugleich die Sterbestadt der Katharina von Bora, also der Lutherin. Sie floh vor der Pest und bei einem Unfall mit der Kutsche brach sie sich das Becken und verstarb in Torgau. So war sie bei ihrem Mann nun im Paradies.

In Torgau findet sich ebenfalls einer der schrecklichen Jugendwerkhöfe. Auch das sollte nicht vergessen werden. Man kann diese Stätte heute als Museum besuchen. (Was ich nicht tat, da ich spazieren und umherstreifen wollte, aber dies werde ich sicherlich nachholen. Die Stadt ist schön, die Landschaft dort ist herrlich und wunderbar. Und zugleich erzeugen solche Korrespondenzen, wie auch in Weimar in noch viel drastischerer Weise, Unbehagen. Friedliche Orte sind nie ganz friedlich. (Das wußten auch die Meister des Horror-Genres oder auch Regisseure wie David Lynch, wenn man an Twin Peaks oder Blue Velvet denkt.)

Im Mai 2015 weilte ich für ein paar Stunden dort im schönen Torgau, um auf einer Reise ein wenig die Zeit zu überbrücken.