Das Lesen, Karl Kraus, Jean Paul und dreißig Jahre Internet: vom Stahlgewitter zum Digitalgetwitter

„30 Jahre World Wide Web“ kündigt mir Google heute auf meiner Startseite an, und beim Nachlesen in der „Welt“ zeigt sich: der britische Physiker Sir Tim Berners-Lee habe den Grundstein fürs WWW gelegt. Jenes weltweite Netz, das uns als Technik, als Kulturtechnik inzwischen, umspannt und einspannt. Das Internet ist ein ungeheurer, monströser Verstärker für Texte, eine gigantische Kopiermaschine, eine Wunschmaschine, ein Oger, ein Geflecht und es produziert einen schier unendlichen Wust an Gedanken, Sätzen, Bildern, Tönen. Man fühlt sich an jenen riesigen Ozean  auf dem Planeten Solaris erinnert, den Andrej Tarkowski uns in dem gleichnamigen Film vorführt. Ein unendlicher Strom, ein Energie- und Kraftfeld und ein Bezirk von Illusionen, der uns Leben vorspielt. Es saugt Energien aus uns und gebiert Neues. Das Übermaß und die Maßlosigkeit einer Technik, die den Menschen kopiert. Aber nicht nur Ozean, sondern ebenso ein Sonnenfeuer. Einerseits eine eigenständige Entität, andererseits aber macht dieser digitale Feuersturm etwas mit unserem Denken und unserer Aufmerksamkeit. Saugt sie oftmals  aus. Was tun und wie? Man kann gegensteuern, man kann abschalten. Diese Haltung aber bedarf des Bewußtseins und einer hohen Selbstreflexivität. Auch ist das Suchtpotential, das dieses Wesen in uns auslöst, ebenfalls nicht gering zu setzen. Ein Wust, der zur Wüste werden kann. Trivial eigentlich, wir wissen es. Und dennoch fasziniert es, bereichert uns. (Und sei es nur der freie Zugang zu Pornos oder seltsamen Intimgeschichten. Für uns Voyeure ein gefundenes Fressen.)

Wenn man den Begriff des Monstrums im etymologischen Sinne nimmt, bringt es Wikipedia gut auf den Punkt:

„Der Begriff Monster leitet sich von lateinisch monstrum ‚Mahnzeichen‘ sowie monstrare ‚zeigen‘ und monere ‚mahnen‘, ‚warnen‘ ab. Im engeren Sinn bezeichnet er ein meist im Verhältnis zu einem eher idealtypisch gesehenen Menschen ungestaltes Wesen. Dessen Missgestalt findet seinen einzigen Zweck zunächst im Verweis auf das Maß – ein Ideal in körperlicher wie ideeller Hinsicht. Vor allem im Umkreis des theologischen Denkens der Kirchenväter und des Mittelalters ist das Monstrum ein Mahnzeichen, das die Gläubigen auf die Gefahren und Folgen eines Abweichens vom rechten Glauben hinweisen soll, das also bewusst von Gott gesetzt ist.“

Das Un- und das Übermaß also, eine Mißgestalt, weil über- oder andersdimensioniert. Es zeigt und mahnt und warnt. Alles zur selben Zeit, im selben Raum.

Und zugleich denke ich mir, einmal noch diese Faszination wiederzuerleben, als um 1995, 1996 herum das Internet für viele plötzlich bedeutsam wurde: Was war das für ein Reiz? Plötzlich mit Tel Aviv oder mit Tokio zu „sprechen“. In sekundenschnelle an Nachrichten und Informationen zu gelangen. Die ersten Literaturprojekte wie Hettches Null oder Alban Nikolai Herbsts Dschungel Anderswelt, dann in den 2000er Jahren.

Was kam da alles! Das Netz bot Wildes, Ödes, Aufgeregtes, Debatten, Wissen, herrlich Pornographisches – plötzlich für alle zugänglich, Politisches, Lyrisches, die „Prosa der Verhältnisse“, die „Poesie des Herzens“, Tagespolitisches inzwischen im Sekundentakt, das uns um die Ohren fliegt und das oft nicht einmal die – freilich leckere! – Blutwurst wert ist, die da mit viel Trara inszeniert wird: bei immer neuen Themen, die durch die Kanäle geblasen werden, eine Inflation von Text und Bedeutung inzwischen, und damit fällt dieses Internet ebenfalls in die Dialektik der Aufklärung. Viele können heute schreiben, sie geben Kluges oder Dummes von sich – das ist soweit gut. Und angesichts der Masse an Texten bleibt vieles ungelesen. Oft ist das gut so. Manchmal aber schade, ganz besonders bei den gelungenen Texten. Man muß sie entdecken. Man muß Trüffelschwein sein oder braucht eines, das einem solches Wissen liefert. Viele Texte, viel Literatur bleiben dabei freilich auf der Strecke. In der Zeit, wo ich twittere, kann ich nicht lesen.

Dieser Faszination jedoch der ersten, der frühen Jahre Mitte, Ende der 1990, dieser Spieltrieb: das alles ist inzwischen  hin. Es stellte sich eine öde Betriebsamkeit ein. Ähnliches gilt für die Anfangszeit der Blogs.

Analoges Lesen wird bei diesem Netzding für viele (nicht für alle zum Glück!) zu einer Nischensache, all die Zeit, die man im in den sozialen Medien verbringt oder besser geschrieben abhängt und wo man in teils absurden Debatten versinkt, fehlt einem am Ende beim Lesen der tatsächlich komplexen Texte, nennen wir sie ruhig: Bücher. Und ein komplexer Gedanke läßt sich nur entfalten, wenn man ihm Raum gibt – auf einer Fläche, wie ich finde, haptisch, über eine Distanz und nicht in einem sowieso von der Schrift her schwer lesbaren Facebook-Textstrang oder auf 280 Zeichen. Eine schier unübersichtliche scheinende Masse an Text gilt es zu sortieren. Blog- oder Zeitungsartikel etwa kann man sich ausdrucken. Als Fossil mache ich das manchmal, da ich längere Texte nicht am Bildschirm lesen mag.

Diese Vielfalt an Lektüren durch ein neues Kommunikationsmediums ist nicht per se gut oder per se schlecht. Kruder Kulturpessimismus führt nicht weiter. Es gibt gute Facebook-Accounts, es gibt geistreiche Twitterer. Manche meinen, der Kultur- und Sprachkritiker Karl Kraus würde heute Twitter wählen. Ich wäre mir da nicht sicher, ob  Kraus twitterte, bezweifle es, weil Kraus in der Regel mehr als nur Aphorismen schrieb. Seine Hiebe waren meist längere, komplexe Texte: etwa zur Kultur, zu Nestroy und Heinrich Heine, über eine korrupte und manipulative Presse mit schludriger Sprache, Kraus schrieb über die kleinen und großen Skandal-Fälle der Wiener Gesellschaft und über die k.u.k- und später dann die österreichische und die Welt-Politik, die er aufspießte: Sittlichkeit und Kriminalität. Wenngleich Kraus für die neuen Reproduktionsmedien wie etwa die Schallplatte durchaus Sinn besaß. Hingegen duldete er es nicht, wenn man ihn auf einer seiner legendären Lesungen photographierte. Man muß also im Hinblick aufs Medium differenzieren. Es gibt kluge Köpfe und es gibt manche Wissenschaftler, die twittern, daß man sich nicht nur für die Universität, sondern gleich mit für die ganze Innung schämt. Heilige Sauzucht.

Wie mit jeder Technik ist es die Frage, wie man sie nutzt, was man daraus macht und ob ein Leser, eine Leserin mit offenem und wachen Bewußtsein an die Sache herangeht. Die Frage also, wie eine Quantität in eine neue Qualität umschlagen kann. Und so wandelt sich mit dem Medium auch das Leseverhalten in der Literatur. Nicht immer zum guten: wer greift heute zu Jean Paul? Die langen, herrlich gewundenen Sätze, die wie die Girlanden den Buchraum schmücken. Im Zeitalter des schnellen Lesens halten solche wunderbar digressiven Sätze, die sich verströmen und verlieren, oft nur noch auf. Dabei gibt es von Jean Paul so viel zu lernen und mit Lust zu lesen. Jean Paul ist verspielt, er fächert sich auf, allein durch seine mannigfaltigen Vorreden zu den Romanen oder gar zu der Vorrede selbst, eine Vorrede zu der Vorrede, zum Autor, zum Personal, und auch noch innerhalb der Romane zu den einzelnen Kapiteln. Eine Multiplikation von Perspektiven und Personen: Doppelgänger begegnen einem: Leibgeber, Siebenkäs. Und nie ist man sicher: Wie ist es denn nun? Und bei Jean Paul wie auch beim Internet: Ein wuchernder, sich verzweigender und auf sich selbst verweisender Text. Bei Jean Paul aber verspürt der Leser dieses große Glück beim Versinken in Zeilen, weil diese Sprache dann doch auf einen Punkt konzentriert ist, anders als im Internet, nämlich auf die Geschichte und wie Phantasie ein Leben zu erzeugen vermag. Denn der Leseraum von Jean Paul ist abgegrenzt und umrissen. Und genau das meint auch ein Begriff wie Heimat. Leseheimat hier. Und das ist dann zugleich auch die Lebensheimat.

„Wenn ich nichts mehr zu leben habe, schreib‘ ich mein Leben.“ (Jean Paul, Ideen-Gewimmel)

Das schöne an der Literatur ist ja: Es geht einem der kluge Lesestoff niemals aus. Wer bisher nicht die Bekanntschaft von Jean Paul machte, sollte dies unbedingt tun. Freilich: Es gibt Texte, die einem erst spät zufallen. Jean Paul war einer dieser Autoren. Man bereut es dann bitter, ihn nicht schon mit 16 oder 18 kennengelernt zu haben. Aber da war die Bernhard-Zeit, die Handke-Zeit, Mitte der 80er Jahre, die Beckett-und-Kafka-Emphase. Thomas Mann, Brecht und Benn, Kleist und der Meister aus Weimar: nicht Wieland, sondern der andere. Alle zu ihrer Zeit, in ihrem Rahmen, und da ging Jean Paul leider an mir vorbei, wenngleich doch bereits Thomas Bernhard 1986 voll von Emphase in seiner „Auslöschung“  neben seiner eigenen Erzählung „Amras“ insbesondere Jean Pauls „Siebenkäs“ als eines der besten Stücke der Literatur von dieser Welt hervorhob – gegen Thomas Manns Leitzordnerliteratur. Eine herrliche Schimpf- und Lobestirade.

Solche Leseszenen auszufalten, die „Lust am Text“, die Lust an der Literatur zu schreiben, ohne dabei den eigenen Horizont als absolut zu setzen, zu schildern, was einen prägte, ist eine feine Sache. Dieses Erinnern ist nicht bloßer Selbstzweck, sondern man kann sich in der Rückschau vergewissern: Was da mal war, was da wirkte und faszinierte, wie ein bestimmtes Buch uns prägte und unserer Biographie eine Richtung gab. (Ähnlich wie in jenen wilden Jahren des Internets als alles begann, 1996, oder im ebenso wilden Jahr 2012, wo mir in Wittenberg am Brunnen auf dem Marktplatz jene Lebensfrau über den Weg lief, die ich, gäbe es das Netz nicht, nie kennengelernt hätte. Viel zu unterschiedlich sind unsere Lebenswege. Großes Glück des Lebens.)

Anyway: In der „Zeit“ letzten Jahres gab es von Stephan Wackwitz das Projekt „Drei Bücher„, unter der Überschrift: „Ein Lichtfunke, der in mich fiel. Über Lenin, Norbert Blüm und das Erbe des Kolonialismus – wie drei Bücher meinen Blick auf die verworfene Welt verändert haben“. Da es im Internet bereits eine Menge an Buchchallenges gab, in allen möglichen Varianten, meist unter der Rubrik „Die 10 wichtigsten Bücher. Kein Kommentar nur ein Bild“ möchte ich diesen Vorschlag von Wackwitz hier ebenfalls probieren: ich werde zu drei Büchern, die mich beeinflußten, prägten und bewegten, etwas schreiben. (Vielleicht werden es auch vier, ich schaue das noch.) Dieses Projekt starte ich vermutlich Ende März. Davor werden hier auf AISTHESIS nur kleinere Texte oder Bildserien stehen, da mich im Augenblick die Arbeit der Theorie stark in Anspruch nimmt und ich zudem kaum Zeit für ausufernde Diskussionen finde. Insofern muß ebenfalls die Houellebecq-Rezension warten. Weil: das sind so Texte, die oft manchen Kommentar nach sich ziehen. So ist das eben. Im Internet. Besuch kann man gegen halb drei hinauskomplimentieren und spätestens wenn die Weinvorräte leergesoffen sind, gehen die meisten von alleine. Im Internet ist das nicht so. Kann auch sein Gutes haben. Muß es nicht. Man muß wissen, wann man aufhört. Das wieder, das Prinzip des Maßes, ist nicht anders als beim Zuführen von Drogen.

Am Landwehrkanal, nahe Eden: Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht – im Hinblick auf ein Gedicht von Paul Celan

 „Niemand zeugt für den Zeugen“
(Paul Celan)

Viele der zunächst hermetisch wirkenden Gedichte Paul Celans – sie sind es nicht, wenn man sich auf sie einläßt, insofern ist dieser Slogan problematisch – handeln von der Schwierigkeit bzw. der Frage, wie Zeugnis zu geben sei. Zeugnis von dem was war, ohne im bloßen Beschreiben sich zu verlieren – was auch die Frage des Datums tangiert: wie eine Einmaligkeit in die Struktur der Wiederholung gebracht werden kann. Jacques Derrida stellt diese Frage der Datierbarkeit in seiner Celan-Lektüre „Schibboleth“ ausführlich dar.

Es gibt ein Gedicht von Paul Celan, das trägt den Titel „Eis, Eden“ (1963), es stammt aus dem Gedichtband „Die Niemandsrose“. Dieser Titel paßte ebensogut zu jener Lyrik, die mit dem Satz beginnt „Du liegst im großen Gelausche“ – Celan ließ in seiner späten Dichtung konsequent die Überschriften weg. Dieses Gedicht hat – man wird das vermutlich nur über Umwege und über die Kombination der Textelemente feststellen – die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg zum Thema. Das Gedicht ist undatiert, obwohl es in seinem Kern an ein konkretes Datum gebunden ist. Es wurde 1971 postum in dem Band „Schneepart“ publiziert, und es geht so:

DU LIEGST im großen Gelausche,
umbuscht, umflockt.

Geh zur Spree, geh zur Havel,
geh zu den Fleischerhaken,
zu den roten Äppelstaken
aus Schweden –

Es kommt der Tisch mit den Gaben,
er biegt um ein Eden –

Der Mann ward zum Sieb, die Frau
mußte schwimmen, die Sau,
für sich, für keinen, für jeden –

Der Landwehrkanal wird nicht rauschen.
Nichts
stockt.
(Paul Celan, im Gedichtband „Schneepart“)

Ein Rätsel ist nach Hölderlin Reinentsprungenes. Ein Text als erratisches Moment, das treibt und umschlägt, so will es das moderne und ästhetisch gelungene Gedicht, so realisiert sich die Lyrik Celans. Darin allerdings steckt der Zwang zur Form sowie der zur Poetik, die Motive werden aufeinander bezogen, aus dem Zufall von Eindrücken entstehe ein in sich konsistentes Gebilde. Poetisch, aber nicht im lenor-kuschelweichen Habitus der Sinnlichkeitsfanatiker und ihrer säuselnden Adepten, denen es nie lyrisch gestimmt genug zugehen kann [Rilke noch beim händischen Abwasch: denn da ist keine Stelle, die nicht abgeht], sondern als Wille zur Form und zum Ausdruck in einem. Die Welt als Wille zum Text? Nein, eine Szenerie, ein Datum, ein Anlaß, ein Ereignis. Karl und Rosa, wie man sie in linken Kreisen in jovialer Anbiederung der Duz-Genossen gerne nennt.

Der Fluß der Geschichte, die Geschichte, die vergeht und die bleibt, die Geschichten, die sich erzählen lassen, wenn zwei Menschen nebeneinander spazieren, in Berlin, am 22.12.1967, da gehen Peter Szondi und Paul Celan am Landwehrkanal. Beim ersten Lesen des Gedichts herrscht zunächst Unverständnis, ein Idiom, das sich erst einmal in keinen Kontext oder in keinen deutbaren Sinnzusammenhang überführen läßt, sofern man im Text als Text bleibt. „Verwisch die Spuren“, wie es Brecht 1928 in seinem Lesebuch den Bewohnern der Städte anriet. Ein Vorschlag nebenbei, der fünf Jahre später für die Juden Berlins und anderer Städte überlebenswichtig wurde und der im Lyrischen ebenso die Gedichte Celans bestimmt.

Peter Szondi schrieb einen kurzen Essay über jenes Gedicht „Du liegst“. Der Text heißt „Eden“ und befindet sich in den Schriften Band 2. Bemerkenswert bzw. hart im Faktum ist der Umstand, daß Szondi im Oktober 1971 in den Halensee stieg und sich ums Leben brachte. Eineinhalb Jahre, nachdem Paul Celan von der Pont Mirabeau in die Seine sprang und ertrank – am 20. April, Ironie der Geschichte. Beide waren sie als Juden späte Opfer der NS-Vernichtung. Wasserszenen also, aber kein Undinenzauber und es hat die Deutsche Romantik sich ausgeträumt. Die Wunde Eichendorff, um einen Aufsatz Adornos abzuwandeln.

Szondi schildert in diesem Text einen Besuch Celans bei ihm in Berlin, Celans Besuch in Plötzensee, Beobachtungen Celans, seine Lektüre einer Dokumentation zu Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg; ein Weihnachtsmarkt, wo Celan einen schwedischen Adventskranz erblickte, aus rotgestrichenem Holz mit Äpfeln und Kerzen bestückt, ein Spaziergang, den Szondi mit Celan unternahm. Wege, die sie gemeinsam abschritten, eine Fahrt vorbei am Hotel Eden, direkt am Europa-Center.

Das Erratische als Block, deutbar als Zeichen vielleicht, in der „Polyvalenz seiner Struktur“ (so Gadamer) jedoch in der Deutung mehrere Möglichkeiten bietend, aber im Gehalt nicht mehr ins unmittelbar lyrische Bild zu bringen, das, irgendwie heiter, stimmungsvoll aufsteigen mag. Trotzdem viele der zunächst rätselhaft erscheinenden Begriffe, die Celan in seinen Gedichten verwendet, einer bestimmten Sprache entnommen sind, die uns freilich nicht immer geläufig ist. Begriffe wie Hungerkerze oder Harnischstriemen, Faltenachsen, Durchstichpunkte und Kluftrose (aus dem Gedichtband „Atemwende“), die aus der Geologie stammen. Es wird in diesen Kontexten ein „semantisches Feld“ (Gadamer) erzeugt, das sich jedoch einerseits vom konkreten Gebrauch in der Fachsprache löst und einen ganz eigenen Horizont erzeugt, andererseits aber (bei Kenntnis der Sache) auf jenes Gestein, die Härte, die Färbung, das Bewahrende desselben zurückverweist.

Auch in „Du liegst“, das auf einen konkreten Anlaß bezogenen ist, findet sich noch die Polyvalenz. Begriffe, die zu mehrschichtigen Chiffren sich sedimentieren Das nährt das Schillernde und Rätselhafte, so daß die Poesie Celans – zunächst – schwierig deutbar sich liest – was aber bei genauer Lektüre nicht stimmt. Jenes „Eden“, das zunächst theologisch aufgeladen zu sein scheint, um dann in einer genaueren Lektüre gleichzeitig eine andere Bedeutung zu erfahren. Denn „Eden“ hieß das Hotel, wohin am 15. Januar 1919 Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht verschleppt wurden und die letzten Stunden vor ihrer Ermordung, unter der Folter der Freikorpssoldaten, verbrachten. Es war das Hauptquartier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, Ecke Budapester Straße/Kurfürstenstraße, nicht weit vom Kanal. Der Kommandeur der Division, Waldemar Pabst, rief beim späteren Reichswehr-Minister Gustav Noske (SPD) an und erhielt von selbigem Noske (SPD) in Absprache mit Friedrich Ebert (SPD) die Genehmigung zum Mord. (Jenes Deutschland samt Ideologie kann man in einer absurden Inszenierung auf YouTube in dieser Sentenz erleben.)

Ein Berlinbesuch und ein gemeinsamer Spaziergang des Literaturwissenschaftlers mit dem deutschen Dichter – dies sind die biographischen Umstände, unter denen dieses Gedicht entstand. Sicherlich konnte Peter Szondi als Zeuge mehr als jeder andere dazu beitragen, das Gedicht zu deuten. Aber was trägt dieses Wissen zur Interpretation eines Gedichtes bei?

„Indessen macht die Kenntnis der Realien, der realen Erfahrungen, die aus Celans Aufenthalt in Berlin um Weihnachten 1967 in das Gedicht Du liegst … eingegangen sind, noch keine Interpretation des Gedichts aus. Vielmehr eröffnet sich solcher Kenntnis die entstehungsgeschichtliche Dimension, in welcher zwar fast jede Stelle des Gedichts auf ein bezeugtes Erlebnis zurückverweist, nicht minder aber der Weg von den realen Erlebnissen zum Gedicht sichtbar wird, ihre Verwandlung. In dem Spannungsfeld zwischen dem halb vom Zufall gefügten Allerlei der Berliner Tage Celans und der kunstvollen Konstellation, welche das Gedicht ist, erscheint dieses dem Leser, der Celan in jenen Tagen begleiten durfte. Darum kann seine Absicht nicht sein, das Gedicht auf die Daten und Fakten zurückzuführen, aus denen die vierzehn Verse zusammenschossen, wohl aber zu versuchen, die Vorgang dieser Kristallisation nachzuvollziehen.“ (Peter Szondi, Eden)

Wer Gedichtete deutet, muß auf einer anderen Ebene lesen, auf anderes rekurrieren als aufs factum brutum. Eine Absage an jeglichen literaturwissenschaftlichen Positivismus. Szondi thematisiert – gleichsam als negative Größe, als Leerstelle – genau dieses Biographische, das Autobiographische jeglicher Dichtung im Grunde, das bis heute Thema der Lektüren und eine Art Fetisch ist und die Konstruktion, die Fiktion, das lyrische Ich überwuchert und in einen handhabbaren Kontext gelebten Lebens einzuhegen versucht. Deutbar durch Daten, das lyrische Ich nur eine krude Funktion des empirischen Ichs. Aber solche Sicht beraubt am Ende einen Text – egal ob Prosa oder Poesie – und bringt ihn ums beste. Gedichte sind keine Berichte. Insofern ist dieser knappe Essay von Szondi auch aus Gründen der Methode für die Textinterpretation bedeutsam. Szondis Methode ist eine dialektische. Denn er schaltet das Biographische nicht krude im Sinne einer immanenten Lektüre des Hermeneutikers aus und markiert es als irrelevante Größe, sondern er nimmt diese Bezüge als Zeugnisse ernst. Oder wie es bei Adorno in seiner „Ästhetischen Theorie“ heißt: ein Kunstwerk ist immer beides. Fait social und autonom.

„Inwiefern ist das Verständnis des Gedichts abhängig von der Kenntnis des biographisch-historischen Materials? Oder prinzipieller gefragt: Inwiefern ist das Gedicht durch ihm Äußerliches bedingt, und inwiefern wird solche Fremdbestimmung aufgehoben durch die eigenen Logik des Gedichts?“

Doch das Gedicht, so Szondi, läßt all diese (privaten) Beobachtungen Celans, die biographischen Prämissen und die Flanier-Szenen des Dichter-Beobachters hinter sich. Der Nachmittag eines Schriftstellers ist hier nicht das Thema des Gedichts, genausowenig das, was er an den Phänomenen beobachtet und ebensowenig das Betrachten selbst als kontemplativer Zustand des Dichtens, aus dem heraus wie durchs Wunder oder das Ingenium des genialen Künstlers das Gedicht sich ergießt. Das Gedicht erzeugt eine Wirklichkeit sui generis – wie überhaupt das gelungene Kunstwerk eine Welt eigener Art und Ordnung ins Werk setzt – eine „nicht auf subjektive Zufälligkeiten reduzierte Wirklichkeit“. (Der Bezug zu Hegels Ästhetik wie auch zu Heideggers Kunstwerk-Aufsatz, der darin von Hegel die Redewendung von der stiftenden Funktion des Kunstwerks borgte, liegen auf der Hand.) Es verknüpfen sich dabei in dem Gedicht die Motive: das Weihnachtsfest und der (politische) Mord, Fleischerhaken und rote Äppelstaken, der Tisch mit den Gaben und das Eden, und sie schließen sich zu einem gänzlich neuen Kontext zusammen. Doppeldeutig allemal. Einerseits das Hotel, andererseits ein Garten der Lüste und der Freude.

Was ist es, das in einem Text, in einem Gedicht seine Spuren als Chiffre hinterläßt, ein Zeichen als poetisches Wort, lesbar zwar, doch schwierig zu deuten, rätselhaft, schön und auch hart, als Ton? Schwer zu Entzifferndes. Ein im Gedicht ansprechbares Du – wie Celan dies in im „Meridian“ formuliert –, ein Imperativ in Poesie, als Satz, als Aufforderung und Anforderung zum Gehen, wie wir es bereits aus Celans „Engführung“ kennen. („Lies nicht mehr – schau!// Schau nicht mehr – geh!“) Hier in „Du liegst“ eine Winterszenerie. Und das Gelausche steht – auch reimmäßig – im Zusammenhang mit jenem Kanal, der nicht mehr rauschen wird, sondern dahinfließt, der die Leiche der Frau mit sich führt. Nichts stockt.

Das Gedicht ist eine Momentaufnahme, während die Leiche der Luxemburg treibt. Das Gedicht bringt eine Bewegung hervor („Geh“, die Namen der Flüsse Berlins und jenes Kanals) und zugleich friert es ein, um sich dabei im nächsten Zug als Bewegung wieder zu lösen („Nichts/stockt“). Das kann man zusammenlesen als „nichts stockt“, nichts fixiert sich – auch im Sinne der literarischen Romantik als die Auflösung aller Bilder – und nichts kann zur Festigkeit gerinnen – das mag man sowohl positiv wie auch negativ als Unbeständigkeit sichten. [Und niemand steigt zweimal in denselben Fluß. Das wußten am Ende auch wir, in Paris, unter dem Pont Mirabeau, wo die Seine so träge dahinfließt und wo wir uns im Wissen Apollinaires und unter Abendsonne innig küßten. Deine Zunge, Deine Haut und Spurung des blonden Haars. Unter uns ein Fluß und unweit davon trieb 1971 die Leiche Celans.] Aber im Enjambement deutet sich dieses „Nichts/stockt“ ebenso als Bruch, als Spaltung, als „Nichts“ und als „stockt“, die – jeweils – als Ausfluß von Negation, Nichtigkeit und Nichtung im Gedicht stehen, bleiben und harren. Abgetrennt. Als Schluß eines Gedichts und als Chiffre der Zeit.

Es bleibt, auch im Kontext der Zeitdimension des Gedichts – einmal als historische, dann als metaphyisch-lyrisch sich realisierende Zeit – in diesem Gedicht insbesondere das Paradies- und auch das Erlöser-Motiv (als Edenbezug, „für sich, für keinen, für jeden“) festzuhalten und zu zeigen, wie es bei Celan mit dem Tod kontaminiert wurde. Eine negative Geschichtsphilosophie, fern jeglicher Utopie. Was tun und was geschieht? Es zeigt sich im letzten Wort, in den letzten beiden Zeilen, im Bruch, der den Satz und damit einen dialektischen Fluß auftrennt, die Umkehrung des Heraklit zugeschriebenen Bildes vom panta rhei in der Verneinung und als Anspruch und Abbruch:

Nichts
Stockt.

Der Engel der Geschichte, den Benjamin schilderte und den Heiner Müller als glücklosen ins Bild setzte, erstarrt. Nein, nicht einmal das. Er dröselt sich auf, bricht ab. Im großen Gelausche zu liegen, umbuscht, umflockt – ein eigentlich romantisches Bild: die eingedeckte Tote im Fluß. Eine Art Ophelia. Eigentlich geht es nur noch ums Minimale, um den letzten Rest: Ums Überleben. Doch selbst dieses Weiterleben ist nicht selbstverständlich. Rosa Luxemburg, der „roten Sau“, war es nicht vergönnt.

Das Gedicht „Eis, Eden“ schließt mit diesen Zeilen:

Das Eis wird auferstehen,
eh sich die Stunde schließt.

In einem entfernten Sinne geben diese Zeilen sogar ein Stück weit Hoffnung. Die Erlösung noch des Unerlösbaren. Die Auferstehung des Eises. Was allerdings ebenso den Einbruch der Kälte bedeuten kann. Der Ausgang ist offen.

(Der Text ist eine Überarbeitung zweier bereits auf AISTHESIS erschienener Texte.)

Es war Goldstaub in uns – Blixa Bargeld zum 60. Geburtstag und vom Status der Philosophie als Theorie in jenen wunderbaren Jahren

Da stand sie – diese Schallfolie, die mit dem goldenen Cover, und auf der Rückseite eine Photographie in Schwarz-weiß-Ästhetik, auf der die Band posierte. Drei Mann, düster-schwarz, vor einer Art Wellblechschlagzeug, zwei Synthis, allerlei Schlagwerkzeug lagen da am Boden herum: Hammer, Meißel, Schlagbohrmaschine für Betonwände, Säge, Axt, Gitarre, Baß, Zangen und Undefinierbares – Anspielung auf jene Bombastrockbands, die auf dem Cover ihre Instrumente zur Schau stellen, mit denen sie im dicken Klangteppich ihre Hörer malträtieren. Die Tortur der Neubauten sollte eine ganz andere sein. Im Hintergrund das Berliner Olympia-Stadion und die hoch in der Luft schwebenden Olympia-Ringe.

Ich hatte für den Totalitarismus in Architektur immer schon etwas übrig, auch als Schüler: Strategen gegen Architekturen, Haus der Lüge. Bauten, fest, starr, aus Beton, etwas aus den Fugen zu bringen und zurück zum Beton, Ekel, Ekel, Natur, Natur. Gegen die Ästhetik einer Preußischen Säulenordnung anstampfend, obwohl ich auch diese schnell lieben lernte und eine Reise nach Rom zeigte, welche Kraft die Ästhetik der Ruinen entfalten konnte. In den antiken Ruinen Roms symbolisierte sich etwas von jenem Vanitasmotiv: daß Zeit, daß Geschichte vergänglich sind. Daß wir selbst es sind, die vergehen. Man spaziert einfach so über das Forum Romanum. Und war doch realiter zugleich in einer ganz anderen Gegenwart.

Politischer Protest der Jugend prägte diese Zeit der frühen 80er Jahre. Das war für uns nicht einfach nur die Verlängerung bereits bestehenden Protests, ein Post-68. Denn wir wollten auch unsere 68er-Lehrer aufregen. Wir wollten keine Hippies sein. Man mußte also auch mit Relikten sich umgeben, die beim pädagogischen Personal wenig Freude erzeugten. Aber auf Dauer war auch „Belsen was a gas“ zu dumm, um wahr zu sein. Velvet Underground kam uns da entgegen, ebenfalls Iggy and the Stooges. Bowies Spiel mit den Identitäten war seltsamerweise nie meine Sache. Zu glatt schien mir diese Musik, und zu sehr am Wohlklang und vermutlich auch am Bombast orientiert. (Wobei diesen Bombast eben auch die Neubauten besaßen. Nur war der Teppich aus Tönen industrieller Natur und damit für mich in diesem Sinne des Brutalen auch wahrer. Eine Pop-Musik der Dissonanz, des schrillen Einschnitts. Wie eine Wunde, passend vielleicht zu dem Motto von Beuys, den wir ebenfalls gerne sahen.)

Seltsame Zeit, ohne daß man groß den Apokalyptiker Johannes las, ich trug lieber schwarze Lederjacke: man ragte mit der Menschenexistenz in die endgültig-finale Krise, zumindest glaubten wir dies. Lauter negative Geschichtszeichen. Nein, nein, das war keine NO FUTURE-Punk damals, in dem ich mich ausbreitete, vom Schulfreund in diese Musik gezogen, trotz Le Waldsterben, Le Nachrüstung, Le Atomangst, später dann Le Volkszählung und trotz der sozialen Proteste dieser Zeit. Lalelu – wir tanzten den Protesten nicht, sondern diskutierten ihn und wir versahen ihn mit den passenden Soundtracks. Die (zum Glück) stabilen Verhältnisse der alten BRD brachte all das Aufbegehren nicht ins Wanken. Im Grunde war die Ära Kohl gemütlich beziehungsweise: es kommt auf die Perspektiven an. Und die von Schmidt war es trotz deutschem Herbst, trotz Natodoppelbeschluß sowieso: das Glück der Technokraten oder wie es FSK im Blue Yodel für Herbert Wehner sangen:

„Junge wer mit 20 kein Anarchist gewesen ist/ Aus dem wird nie ein guter Demokrat!/ Und wer sich über Altersheim und Autobahn empört/ Hat das Signal der Zeit wohl überhört!/ Yo-Deedle-Day!/ Yo-Deedle-Day!“

Besser Langeweile als Faschismus, wie Habermas es auf den Punkt brachte. Jene Politleute, die damals noch den faschistischen Staat am Werke sahen, konnte ich bereits in Jugendjahren nicht ernst nehmen, selbst dort, wo ich eine Situation als dramatisch sah, sehr viel dramatischer als es sich im Rückblick darstellte. Schon gar nicht funktionierte dieses vermeintliche Faschismus-Drama der Gegenwart auf der Ebene der Theorie. Ihren Adorno zumindest hatten sie nicht gelesen oder begriffen.

Mit den Achtundsechzigern, mit den Sechzigerjahren begann das, was Philipp Felsch den „Langen Sommer der Theorie“ nannte. Aber diskutierten wir als letzter Nachklapp einer Ära, einer langsam abklingenden Epoche, diesen Protest wirklich in seiner gebotenen Intensität? Um intellektuell die Gesellschaft mit der scharfen Waffe der Kritik zu durchdringen – was wir gerne glauben wollten? Erste Ableitung der Gesellschaft: die Arbeit, zweite Ableitung der Gesellschaft: das Kapital, dritte Ableitung: die Vermittlung beider und die Aufhebung des Widerspruchs. Simple Schematismen, passend zu den Rowohl-Büchlen: Marx für Anfänger, Theorie als Comic gezeichnet, Freuds als Comic, die seinerzeit im Schwange waren. Schrecklich schon damals.

Nein, wir destruierten den Protest, wir destruierten die Kritik, obgleich ich in diesem Alter noch nichts von der Dekonstruktion im engeren Sinne gehört hatte und auch Heidegger nur vom Hörensagen irgendwo im Philosophieunterricht seinen Ort hatte, eher schon waren wir von Walter Benjamins destruktivem Charakter fasziniert, von der Dialektik der Aufklärung, dem Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit und daß die Existenz der Essenz vorausginge. Leben in Parolen, und so begleitete ich die sozialen Proteste dieser Zeit mit Marx und Sartre im Herzen und mit Hegel und Adorno im Kopf, mit Liedgut der Liedermacher, dem geschätzten Walter Mossmann, aber ebenso mit jener seltsamen Erweckungsmusik im goldenen Cover, mit einer strichartig stilisierten Menschengestalt darauf, die wie ein chinesisches Schriftzeichen anmutete, jenem Logo der Neubauten, und dazu ein Sound, der sich um Tonalität und klassischen Rock nicht scherte.

Und es gab da jene (meist etwas älteren) Experten des Diskurs-Politischen, die diese Platten ins Musikdetail analysieren konnten. Doch mich interessierte diese Musik nicht in all ihren Ausfaltungen, wie das beim Narrensaum der Punk-Musik-Perfektionisten, der absoluten Experten geschah, jene Diedrich-Diederichsenisierung der Musik als Distinktion weckte bei mir nur am Rande Interesse: Die Geburt des Protestes als Geist der Distinktion aus dem Geist des Diskurs-Jugendzimmers. Nein, ich glaubte nicht an die Kraft der Musik im politischen oder diskursstiftenden Sinne – allenfalls für den Augenblick galt das, allenfalls an die welterschließende Kraft der Musik glaubte ich und dachte, diese ausmachen und ins Wort bringen zu müssen und genauer noch: der welterschließenden Kraft der Kunst, der Kunstmusik ihren Ort zu geben. Als bloßes Ästhetisieren.

Eigentlich war da das lʼart pour lʼart, die Kunst um der Kunst willen in ihrer Struktur und ihrem Sein zur Geltung zu bringen, bereits angelegt. Wenn wir auf der Demo gegen die Innenministerkonferenz in Hamburg aus dem Lautsprecherwagen Slime hörten oder Ton Steine Scherben „Die letzte Schlacht gewinnen wir“, so war da zwar ein vages Hoffen, daß es anders werden müßte, aber zugleich ahnte ich als junger Mann bereits, daß ich mit diesen Leuten dort die letzte Schlacht vielleicht gar nicht gewinnen wollte und daß ich da womöglich der Verlierer wäre. Ästhetiker müssen auf der Hut sein – das begriff ich schnell. Wer nicht hurtig in die Engagement-Parolen einfällt, ist flugs weg von der Strecke. Dennoch: Es begleitete diese Zeit ein besonderer Sound, ein Klangteppich. Brokdorf, Gorleben. Hafenstraße, Karoviertel. Alle glücklichen Öffentlichkeiten gleichen einander, jede unglückliche Öffentlichkeit ist auf ihre eigene Weise unglücklich:

„Jeder paßt zuerst und zunächst auf den Anderen auf, wie er sich verhalten, was er dazu sagen wird. Das Miteinandersein im Man ist ganz und gar nicht ein abgeschlossenes, gleich-gültiges Nebeneinander, sondern ein gespanntes, zweideutiges Aufeinander-aufpassen, ein heimliches Sich-gegenseitig-abhören. Unter der Maske des Füreinander spielt ein Gegeneinander.“ (Martin Heidegger, Sein und Zeit, S. 174 f.)

Da war diese Schallplatte. Ich weiß nicht mehr, ob es im Laden von Uli Durchschnitt war oder bei Michelle oder doch nur im Kaufhaus Brinkmann – freilich besaß Brinkmann Anfang der 80er Jahre eine gar nicht einmal so schlechte Musikabteilung. Vermutlich war es aber Michelle, am Gertrudenkirchhof, wo ich diese Platte erstand, ich erinnere mich noch, wie ich damals, früher als Kind mit meinem Vater spazierte und es gruben Tiefbauarbeiter in der Erde, sie gruben und die Schaufel brachte bei der Arbeit Knochen und einen Totenschädel hervor. Mir war, als starrte mich dieses Kopf an. Ich mochte sieben oder acht Jahre gewesen sein. Heute also stehe ich vor dem Plattenladen und es geht ein Wunsch in Erfüllung. Musik sich zu kaufen, das muß man dazu sagen, war damals etwas Besonderes, und Schallplatten waren nicht billig.

Zu Hause angekommen legte ich das kostbare Gut auf den mehr schlechten als brauchbaren Plattenspieler, daran eine Mono-Box angeschlossen war. Musikhören ist Zelebrieren, selbst mit einem Teil aus Schrott. Wie passend, dachte ich mir, während andere diese harte Neubauten Musik mit ihren kostbaren Stereo-Anlagen genossen, schrammelte es bei mir aus dem Lautsprecher heraus. Es dröhnte. Nuancenunterdrückungsmedium, dachte ich mir beim Hören. (Nein, das habe ich mir damals natürlich noch nicht gedacht, das ist Ausdenk-Social-Media, solche Witzwortungetüme kamen bei uns erst später in Mode, im Grunde also die Weiterführung jenes Marquard-Witzes: Inkompetenzkompensationskompetenz, was scharf oder auch mit Ironie die kritische Philosophie der Gesellschaft rügen sollte, und in seinem Witz zwar eine gewisse Wahrheit offenbarte, aber am Ende kritisches Philosophieren doch verfehlt. Schwarzes Denken – schwindelfrei. Womit ich wieder bei Ton und Klang bin, bei jener Kollaps-LP)

Die Musik bestimmte das Medium, das Medium die Musik. Schlagzeug: im wahren Sinne des Wortes. Hämmern auf dem Blech, prügeln mit Zangen, Zwingen und Sägen, ein Stakkato-Sound: Gier, Gier, Gier. Gier nach Gier. Tanz debil, ganz debil. Blixas Stimme, so schneidend. Eine Musik der Ekstase. Ich hätte aufschreiben müssen, was ich mir bei diesem ersten Hören dachte, vielleicht habe ich das auch, aber ich finde alte Aufzeichnungen grundsätzlich nicht wieder, da diese auf irgendeinem Papier, das lose herumlag, notiert wurden, oft ohne Datum, und in einer Schrift, die nicht einmal ich lesen kann, in irgendwelchen Kartons müssen die Zettel verstaut sein. Solcher Text hätte etwas von der ersten Affektion veranschaulicht, noch einmal, in der Wiederholung, wie es damals eingefangen wurde – oder wie es damals war.

Solche Jugendzimmerzustände lassen sich vermutlich nur mit viel Phantasie rekonstruieren. Das erste Stück auf der Rückseite: Zischeln, sprühen, pfeifen, fast wie Jean-Michel Jarre, nur unebener im Zug des Klanges. Was da ertönte, überstieg meine Erwartungen. Ich war glücklich. Ein monotoner Gitarrenanschlag, Doomsday-Dröhnen. Kollaps. Die Hölle der Welt ist los, die Hölle der Gesellschaft, schwarzes Denken, ohne Boden, und ein Klang, der all dem plötzlich Ausdruck gab: Death, Destruction and Detroit Plötzlichkeit, Intensität war für mich damals noch kein rein ästhetischer Begriff, wie man das etwa aus Bohrers Schrift (1981) kannte, sondern sie koppelte sich ans Politische noch, zumindest residual. Contre Bohrer. Wenngleich diese Musik nichts von der Unmittelbarkeitsdarstellung eines Liedermachers hatte, der uns Mut sang oder einfach nur „Die Welt ist schlecht, wir machen sie morgen besser. Heraus, heraus, oh ihr Brüder!“ und auch nichts von der Slime-Peinlichkeit wilder Agitation: „Wir wolln keine, Bullenschweine“.

Peinlicher Politrock. Musik für Hippies, wie ein Punk-Freund sagte. Wenn also diese Musik auch nichts von jenem Engagiert-Politischen hatte, sondern die Destruktion besang, war diese Platte dennoch Ausdruck einer Haltung. Die bei mir zunehmen in eine rein ästhetische Form sich verwandelte. Blixa Bargelds Musik, seine Stimme begleitete mich in die bildende Kunst wie auch in die Texte der neuen Literatur: Peter Handke für die Intensität der Sprache, Thomas Bernhard für das Mäandernd-Schimpfende,  Samuel Beckett für all die Leerläufe und das Spiel mit der Utopie, eine Verhandlung der Möglichkeiten des Dramas unter dem „schwarzen Himmel von Anthropologie“, Werner Schwab für den pointierten Exzeß und das Gegenwartsabsurde: wie man als Klofrau eine Toilette auch ohne Gummihandschuhe reinigt: die Lust, ins Rohr zu fassen – es war gesellschaftlicher Aberwitz: todestrunken und sinnlose Leber; Rainald Goetz dann wiederum funktionierte für ein politisches Abseits in Form einer gesplitteten Subjektivität – wenngleich mir die Goetz-Jünger gehörig auf den Zeiger gingen, man wollte mit diesem Getue am Ende nicht viel am Hut haben. Aber Irre und Kontrolliert waren schon noch besondere Romane damals, etwas womit man, wie in der Musik, ebenso die Riege der altgedienten Literaturkritik zu schockieren vermochte, weil sich da plötzlich eine andere Sprache Bahn brach.

Um diesen Schock, den die Jugendkultur gerne als Rebellion verpackt ging es uns wesentlich. Um zugleich darin die Pose zu erkennen. Zum Glück kam die Adorno-Lektüre vor der von Foucault, und damit war ich einigermaßen gefeit vor einer Philosophie, die bloß als Gestus auftritt. So wie man damals den Foucault zelebrierte, weil man ihn von den Photographien her kannte, Merve-Kultur: Im Dschungel in Berlin, der Mann mit der Lederjacke, im weißen Rolli oder im Seitenprofil, das Kinn auf die Faust gestützt.

Philosophie war in diesen jungen Jahren nicht einfach nur die Arbeit am Text, die man in Merve- und Suhrkamp-Bänden freilich auch leistete, sondern ebenso eine Pose, eine Lebenshaltung, eine Attitüde – in der Habermas oder Apel denkbar ungelitten waren, schon gar nicht, wenn es um die Letztbegründungsansprüche der Vernunft ging. In diesem Sinne behandelte man die Philosophie nicht einfach mehr als Wissenschaft, sondern sie geriet zur Theorie. Und zur Theorie gehörte eben auch der Gestus des Denkens, daß mit den Namen Zuschreibungen verbunden sind – im Grunde also das Gegenteil von emphatischem Text-Philosophieren in hermeneutischer oder dekonstruktiver Absicht.

Philosophennamen handelten wir damals wie Autoquartett-Namen. Kierkegaard sticht Marx, Nietzsche sticht Schopenhauer. Hegel sticht sie alle. Diese erste Platte der Neubauten war für mich wesentlich. Blixa Bargeld führte mich in diese Welt der Destruktion. Andere Musik  führte mich da zum Glück auch wieder hinaus. Dennoch verdanke ich dieser Musik von Blixa Bargeld, ob Halber Mensch, ob Sehnsucht, Der Tod ist ein Dandy oder Armenia viel: nämlich den Sinn für den Stahl, den Sinn für all die Gewitter und die Kälte und ebenso, daß dies allein nicht alles ist, sondern nur als ästhetische Haltung funktioniert.

Auch Blixa Bargeld wurde mit den Jahren hedonistischer. Die Musik wurde tiefer, die Kompositionen ausgefeilter. Diese frühe Neubauten-Platte in Gold freilich war ebenso eine Tiefseefahrt, wenngleich ganz andere Art. Wie es beim süßen Vogel Jugend eben läuft: Tiefe aus Oberflächlichkeit heraus. Das also, was man im Sinne von Kleists Marionettentheater die unwillkürliche Anmut nennen kann. Jugendrebellen müssen zwar posen,  aber sie spielen diese Anmut nicht, sie sind es. Dialektik des Scheins. Man merkt dies bis heute, wenn man solchen schönen jungen Menschen zusieht. Es ist ein altes Vergnügen, doch bleibt es immer neu.

90 Jahre Micky Maus

„Auf Müdigkeit folgt Schlaf, und da ist es denn gar nichts Seltenes, daß der Traum für die Traurigkeit und Mutlosigkeit des Tages entschädigt und das ganz einfache aber ganz großartige Dasein, zu dem im Wachen die Kraft fehlt, verwirklicht zeigt. Das Dasein von Micky-Maus ist ein solcher Traum der heutigen Menschen. Dieses Dasein ist voller Wunder, die nicht nur die technischen überbieten, sondern sich über sie lustig machen. Denn das Merkwürdigste an ihnen ist ja, daß sie allesamt ohne Maschinerie, improvisiert, aus dem Körper der Micky-Maus, ihrer Partisanen und ihrer Verfolger, aus den alltäglichsten Möbeln genau so wie aus Baum, Wolken oder See hervorgehen. Natur und Technik, Primitivität und Komfort sind hier vollkommen eins geworden und vor den Augen der Leute, die an den endlosen Komplikationen des Alltags müde geworden sind und denen der Zweck des Lebens nur als fernster Fluchtpunkt in einer unendlichen Perspektive von Mitteln auftaucht, erscheint erlösend ein Dasein, das in jeder Wendung auf die einfachste und zugleich komfortabelste Art sich selbst genügt, in dem ein Auto nicht schwerer wiegt als ein Strohhut und die Frucht am Baum so schnell sich rundet wie die Gondel eines Luftballons. Und nun wollen wir einmal Abstand halten, zurücktreten.“
(Walter Benjamin, Erfahrung und Armut)

„Man kann ihnen auch wieder Märchen erzählen, in denen die Welt so neu und frisch ist wie nur Kinder. Am besten Filmmärchen. Wer hätte schon Erfahrungen bestätigen können, wie Micky Maus sie in ihren Filmen macht. Ein Micky Maus Film ist im [dem?] einzelnen heute vielleicht noch unverständlich, aber nicht einem publikum. Und ein Micky Maus Film kann ein ganzes Publikum rhythmisch regieren. Vor der Ilias oder der Göttlichen Komödie kann sich nur mancher Einzelne noch zurecht finden. In deren Bauten, Bildern und Geschichten bereitet die Menschheit sich darauf vor, die Kultur, wenn es sein muß, zu überleben. Und was die Hauptsache ist, sie tut es lachend. Dieses Lachen kann etwas unmenschlich klingen, aber vielleicht muß der Einzelne etwas Unmenschliches an sich haben, damit die Gesamtheit, die bisher sooft unmenschlich war, menschlich werde.“
(Walter Benjamin, Anmerkungen zu: Erfahrung und Armut)

„Und so sind jene Verfahrungsweisen der Kamera ebensoviele Prozeduren, dank deren sich die Kollektivwahrnehmung des Publikums die individuellen Wahrnehmungsweisen des Psychotikers oder des Träumenden zu eigen zu machen vermag. In die alte heraklitische Wahrheit – die Wachenden haben ihre Welt gemeinsam, die Schlafenden jeder eine für sich – hat der Film eine Bresche geschlagen. Und zwar viel weniger mit Darstellungen der Traumwelt als mit der Schöpfung von Figuren des Kollektivtraums wie der erdumkreisenden Micky-Maus.“
(Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit)

„Disney’s Mickey Mouse gas mask was designed to eliminate children’s fear of wearing the chemical warfare preventative device. The production of the Disney gas masks began in 1942.“ (Qua Twitter „History Lovers Club„)

Wenn Solidarität zur Sackgasse wird

„30 Jahre nach Mit Rechten reden“: So könnte ein Jubiläumstext im Jahre 2047 lauten. Und ich fürchte, vieles wäre in diesem neuen Jahrzehnt immer noch aktuell oder aber es wiederholt sich in Debatten in Dauerschleife das Vorurteil und es gäbe auch nach Jahrzehnten noch Unverbesserliche, die mit Verve und Brusttonüberzeugung meinen: „Man muß aber doch nicht mit Rechten reden!“ und was des anderen noch an Ressentiment in der Sphäre tönt. Nein, das muß man nicht und das behauptet das Buch auch nicht. Altes Ding, altes Lied, es werden die Texte nicht oder nur unzureichend gelesen. Es wird der eigene Horizont ins Buch gepresst und als Intention dann herausgelesen. Referenzrahmenbestätigung. Da kann dann aus dem Buch kein Apostel, sondern nur ein Affe blicken: kreuzverdammtes Ding, das mit den Spiegeln. Was man selbst in mancher Rezension auf Literaturblogs dann gut nachlesen kann. Heraus springt am Ende nur der alte Quarkus. Wenn der eigene Horizont verabsolutiert wird, folgt die Strafe auf den Fuß: Der Rezensent selbst verhängte sie auf jenem Blog gegen sich, indem er solchen Text schrieb, der für alle nun gut nachlesbar ist.

Ja, mit Rechten reden: Sehr schön ist vor allem die semantische Differenz: Während Leo/Steinbeis/Zorn mit Rechten reden, müssen Lichtmesz/Sommerfeld mit Linken leben. Ein Unterschied ums ganze und bereits an diesen beiden Titeln zeigt sich programmatisch, wie die Seiten verteilt sind. Eine Nicht-Rechte, die rationales Argumentieren für sinnvoll hält, gegen gäriges Gespür. Und hey, wie immer das alte Polit-Ding, schon aus den 1920er Jahren gekannt. Der böse Geist als Widersacher der guten Seele – eine schöne mag man sie in diesem Kontext freilich nicht nennen. Rationale Standards gegen lebensphilosophische Expression. Denn gegen Gefühle kann man nun mal nichts sagen – zumindest nicht mit Argumenten, so denken die alten wie die neuen Rechten. Aber nicht nur die: Diskurs gegen Wabern, das allerdings, dieses Wabern haben wir heute genauso in der Linken. Im Jahre 2018. Novemberimpressionen.

Ich lese auf dem Blog 54books einen Gasttext der Kulturwissenschaftlerin Asal Dardan. Er trägt den Titel „Solidarisiert euch!“. Da wird gleich zum Anfang auf die Pogrome und die entsetzliche Vernichtung der deutschen Juden Bezug genommen. So weit so schlecht, denn bereits im zweiten Absatz bemerke ich, wohin diese Reise geht, vorauf dieser Absatz den Leser emotional vorbereiten soll. Daß da die Shoah für einen ganz anderen Polit-Kontext an Anspruch genommen wird, um bereits im Vorfeld den moralischen Bonus einzufahren. Denn wer ist schon gerne für den Holocaust? „Darf man Juden umbringen oder soll man es besser lassen?“ Es gibt Grenzen des ansonsten in anderen Kontexten sinnvollen Pro-und-Contra-Formats. Menschenrechte und die Unversehrtheit des menschlichen Lebens, auch als ethische Fragestellungen entziehen sich zu recht eines solchen Formats.

Die Erfolglosigkeit der Juden, noch im Jahr 1934 mittels Aufklärung gegen den Antisemitismus vorzugehen, wird von Dardan im Fortgang des Textes (implizit) parallelisiert mit einer vorgeblichen Naivität der Autoren von „Mit Rechten reden“. Wenn solche Art von Vorwurf nicht einfach nur ermüdend wäre, könnte man darüber hinweggähnen. Aber solche Art von Unterstellung ist leider symptomatisch für viele Debatten, und wer „Mit Rechten reden“ je gelesen hat, wird nicht auf die Idee kommen, daß sich dieses Buch naiven Illusionen hingibt. Ärgerlich vor allem ist, daß Dardan Bezüge insinuiert, die in dieser Konstellation nicht vorhanden sind. Sie erzeugt unredliche Assonanzen. Sophistische Trickserei. Erstens ist die BRD nicht Weimar, zweitens nicht das Dritte Reich. Vor allem aber und das ist hier das schlimmste, wird der Holocaust für die eigene moralische Überlegenheit in Anspruch genommen. Dardans Text evoziert unlauter und vor allem rhetorisch durchschaubar Bezüge. Im Anschluß an die Judennummer heißt es:

„Vor diesem Hintergrund wirkt nicht nur der gegenwärtig unter Konservativen beliebte Begriff der „jüdisch-christlichen Leitkultur“ zynisch, sondern auch die Annahme, man müsste sich 2018 noch intensiv mit rechtem Gedankengut auseinandersetzen, um diesem angemessen zu begegnen. So fragte etwa die Autorin Svenja Flaßpöhler letzte Woche in einem Interview, das sie dem Standard gab: ‚Und wie kann man eigentlich ‚gegen rechts‘ sein, wenn man das rechte Denken überhaupt nicht kennt?‘ Anlass dieser überraschenden Frage, die suggeriert, es handelte sich bei rechtem Denken um ein in unserer Zeit noch nicht ausreichend erforschtes Mysterium, war Margarete Stokowskis Absage einer Lesung in der Münchner Buchhandlung Lehmkuhl.“

Davon einmal ab, daß bereits der Begriff der „jüdisch-christlichen Leitkultur“ Dardansche Konstruktion ist, denn in der Regel werden in dieser Komposition ganz unterschiedliche Wendungen gebraucht und dies auch, je nach Debatte in recht unterschiedlichen Absichten und Aspekten. Insofern scheint es mir geboten, auf die Kontexte und Bezüge einer solchen Koppelung zu achten. Zumal ebenso die Annahme zulässig ist, daß dieser bei Konservativen gebrauchte Begriff des Jüdisch-Christlichen ebenso Ausdruck der Verbundenheit und in gewissem Sinne gar als eine Art Abbitte gelesen werden kann. Es sind also viele Lesarten denkbar – sicherlich auch die instrumentalisierende, auf die Dardan hinauswill. Und genau aus diesem Grunde plädiere ich für kontextabhängige Lektüren und nicht für Pauschalisierungen, die zudem in diesem Zusammenhang einen rhetorischen Zweck erfüllen sollen und damit einen unangenehmen Beigeschmack habe. Bei mir führen solche durchschaubaren Manöver grundsätzlich dazu, die Straßenseite zu wechseln. Nein, damit möchte ich keineswegs solidarisieren.

Flaßpöhler freilich brachte es in dem Interview auf den Punkt: Kritisieren kann einer nur, was er kennt. Und ich frage mich allerdings, wie Margarete Stokowski oder Asal Dardan rechtem Denken sonst begegnen wollen als durch Textkenntnis. Durchs Handauflegen sicherlich nicht. Auch wenn Dardans Text im rhetorischen Bau gefühlig engagiert gegen rechts auftritt – das gut Gemeinte ist selten das gut Gemachte, wie man an diversen „Rock gegen rechts“-Veranstaltungen sehen kann –, wird Gefühl das Wissen doch nimmer erjagen. Eine unangenehme Sache ist nicht weg, wenn du die Augen schließt. Das ist Kinderglaube. Auch der Schlaf der Vernunft ist keine gute Taktik. Denn jene Rechten, denen man gegenübersitzt, kennen ihre Texte. Anders als viele auf der anderen Seite. Und diese Rechte kennt nicht nur Armin Mohlers „Die nominalistische Wende“ und Alain de Benoists Bücher, sondern ebenfalls ihren Gramsci, Adorno und Marx – ob sie diese freilich gut genug kennt, steht auf einem anderen Blatt, denn mit der Vernunft ist das eine Sache eigener Bewandnis.

Diese Frage nach dem Wissen wirft auch ein Licht, auf die jüngst stattgefundene Stokowski/Lehmkuhl-Debatte: Stokowskis Absage einer Lesung in einem linken Buchladen, weil dort unter anderem auch rechte Bücher ausliegen, und zwar explizit in einem Regal, das eine Debatte anregen soll. Das Statement von Lehmkuhl ist recht klar: Eine intellektuelle Auseinandersetzung mit Rechts, und zwar ohne die üblichen Ressentiments und ohne das übliche Gekreische von solchen wie Leo Fischer, die spaßbefreite Zone .

Von einer „Normalisierung des rechten Denkens“, wie Stokowski unterstellt kann in diesem Falle nicht die Rede sein. Denn dazu müßte sie nämlich im voraus wissen, welche Reaktionen Bücher hervorrufen. Ich vermute, dies ist ihr nicht möglich. Denn genauso nämlich ist es denkbar, daß durch die Lektüre von Kubitschek und Konsorten der Mythos der Rechten entlarvt wird. Wer zum Beispiel Lichtmesz/Sommerfeld „Mit Linken leben“ liest, könnte z.B. schnell die intellektuellen Grenzen dieses Buches bemerken und zudem die verquere Argumentation der beiden Autoren. Mit anderen Worten: Es ist also genauso der gegenteilige Effekt denkbar und es kann keine Rede von einer Normalisierung des rechten Denkens sein. Was also die Auswirkungen eines solchen „Statements“ auf Kunden, Käufer, Leser betrifft: das kann niemand voraussagen.

Und insofern ist auch des Buchhändler Lemlings Statement nicht von der Hand zu weisen, „dass seine Buchhandlung nicht in der Position sei, gesellschaftliche Gruppen auf- oder abzuwerten“. Zumal kaum in allen Buchhandlungen die gleichen Bücher ausliegen, zumal all diese Debatten längst in der Welt sind, zumal sich die Rechten kaum durch linksliberale Statements oder die geballte Emo-Wucht von „Kulturschaffenden“ beeindrucken lassen. Und damit wäre man an diesem Punkt dann durchaus auch bei einer inhaltlich berechtigten Kritik von Stokowskis Rowohlt-Statement.

Schaut man das im Netz kursierend Buchregal an, so findet man eine Auswahl verschiedener Bücher, und es ist das Statement, das Lehmkuhl mit seinem Warenangebot setzt, von der Titelauswahl eindeutig: eine kritische Auseinandersetzung mit Rechts.

Rechten können wir nur begegnen, wenn wir sie lesen, aber nicht durch einen wabernden Nebel der Gefühligkeit, wo die rechtschaffene Gesinnung die diskursive Auseinandersetzung ersetzt. In diesem Befund hat Flaßpöhler in ihrem Interview im „Standard“ recht. Und in diesem Sinne hätte Asal Dardan gut daran, getan rechte Bücher vorzustellen, statt nur solche Werke aus der eigenen Welt sich zu greifen, davon mir allenfalls Victor Klemperer und Isolde Charim brauchbar scheinen. Max Czolleks „Desintegriert Euch!“ ist leider ein Pamphlet. Das, was einst als linkes Empowerment konzipiert war, verdampft zum eingeschränkten Horizont

Das Grundproblem solcher Texte ist wie dem von Dardan ist, daß bereits im Vorfeld festgelegt wird, was als demokratisch und was als nicht-demokratisch zu gelten hat:

„Differenz gehört also tatsächlich zum Pluralismus dazu, aber es ist kein Verbleiben in der Echokammer, wenn man daran erinnert, dass selbst in einer pluralistischen Demokratie Meinungen und Aussagen nicht tolerierbar sind, die die tatsächliche Differenz einer Gesellschaft zum Feind erklärt haben. Man kann niemandem seinen Dünkel und seine Vorurteile verbieten, aber man muss sie auch nicht zur validen Diskussionsgrundlage erklären. Es gibt einen Unterschied, ob man “Deutschland wird von einer Umvolkung bedroht” oder “Wie können wir mit dem Zuwachs migrantischer Mitbürger*innen angemessen umgehen” sagt und diskutiert. Das wissen wir, es ist bloß die Länge eines ungemordeten Menschenlebens her, dass dieses Land die Missachtung dieses Unterschieds in all seiner mörderischen Brutalität zu verantworten hatte.“

Verstünde man, daß es eine Differenz gibt, zwischen „Eine Behauptung aufstellen“ und „Eine Behauptung gilt“, so könnte man auch in einer Debatte, wo plötzlich die Entvolkungsthese auftaucht, Argumente bringen, die zeigen, daß dem nicht so ist. Ebenso hier:

„Man kann diese Bücher lesen oder verkaufen, aber das als besonders demokratischen oder aufgeklärten Akt hinzustellen, ist schon reichlich frech, insbesondere wenn man bedenkt, dass es Menschen gibt, die sich nicht aussuchen können, ob sie sich von derlei Gedankengut angegriffen fühlen oder nicht. Ihre Existenz wird relativiert, da gibt es nichts zu debattieren.“

Wer intellektuell Unterschiede realisiert, liest klüger: Solche Bücher innerhalb eines demokratisches Diskurses vorzustellen und zu diskutieren, heißt zum einen nicht, ihren Thesen zuzustimmen und zum anderen bedeutet es nicht, den Inhalt eines solchen Buches als demokratischen zu legitimieren: Ganz im Gegenteil. Man kann anhand solcher Prachtbücher wie „Mit Linken leben“ oder „Provokationen“ gut zeigen, wo es klemmt. Und das kann man für alle gut sichtbar tun. Solche von Asal Dardan produzierte unterstellenden Lektüren finden sich leider in ihrem Text zahlreiche, insbesondere gegen Per Leo und Ijoma Mangold gerichtet, die beide moderate und demokratische Positionen für einen offenen und freien Diskurs vertreten. (Übrigens ist es, nebenbei geschrieben, genauso denkbar,  sich in einer solchen Debatte solidarisierend gegenüber jenen zu verhalten, die in diesen Büchern ausgegrenzt werden. Auch hier fährt Dardan eine Entweder-Oder-Logik aus und setzt bereits ein Ergebnis voraus, das keineswegs von vornherein feststeht.)

In der Tat – auch ich denke, daß wir ein erhebliches Problem mit rechts haben – übrigens schon deutlich länger als Chemnitz und als 2015 oder seit der Wahl 2017. Die BRD begleitet dieses Problem in unterschiedlichen Konstellationen seit ihrer Gründung, teils massiv. Und nein: diese neuen Rechten sind nicht fort, wenn man lange genug wegguckt. Die AfD sitzt in sämtlichen 16 Landesparlamenten und im Bundestag. Es wird also Zeit zu reden und in konfrontative Debatte zu gehen. Nicht, weil man gemütlich plaudern will, sondern weil nur in solchen öffentlichen Diskursen die Bauernfängertricks entlarvt werden – für alle gut sichtbar. Und ein Mythos um Rechts kann sich nur dann bilden, wenn Argumente aussetzen und politische Gefühligkeit die Oberhand gewinnt. Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Debatte.

 

Tabus. Eine kleine ästhetische Phänomenologie eines vertrackten Phänomens

Fürs Betrachten von Photographien existiert in dieser Stadt ein schöner Ort namens c/o Berlin. Die Institution ist im ehemaligen Amerika-Haus am Bahnhof Zoo untergebracht. Dorthin spazierte ich Anfang des Jahres und traf mich mit einer Begleiterin. Von Joel Meyerowitz, einem US-Amerikanischen Künstler der Streetphotography, sahen wir uns die Retrospektive Why Color? an. Wir schlenderten durch die Räume, schauten, erzählten: ohne Frage beeindruckende Photos, teils mit viel Witz aufgenommen, ungewöhnliche Perspektiven, alles das also, was ich an Photographien schätze. In einem der letzten Räume dann waren Portraits zu sehen – darunter ein nacktes Mädchen. Das Bild stammte aus den 70er Jahren. Meine Begleitung stutze, hielt inne, runzelte die Stirn.

Das Photo portraitierte eine etwa 14-Jährige, ihre Scham noch nicht behaart, die Spalte deutlich sichtbar. Kann man solche Photographien in der heutigen Zeit öffentlich noch zeigen? Der Bekannten bereitete das Bild Unbehagen. Mir eigentlich nicht, und ich fand es richtig, auch solche Photographien auszustellen, zumal von einem Künstler. Heute könne man aber solche Bilder nicht mehr in dieser Art zur Schau stellen, gab die Bekannte zu bedenken. Ich war skeptisch und denke, daß Päderasten oder Menschen, die nicht geschlechtsreife Mädchen lieben, selten ins Museum gehen und daß, selbst wenn solche Bilder nicht im Museum zu sehen sind, die Kunden solcher Photos durchaus an ihre Ware zu gelangen wissen.

Schnell waren wir in unserem Gespräch bei den aktuellen Museumsdebatten. Was dürfen Museen zeigen, was nicht? Wir kamen auf Dana Schutzʼ Open Casket, einem Bild, dem man cultural approbiation vorwarf: Weiße malen das Leid von Schwarzen. Das Museum in Manchester mit Hylas und die Nymphen von John Williams Waterhouse, ein feinschwülstiges Badesujet, in dem – ausgerechnet – der Mann das Opfer weiblicher Beutesehnsucht wird und ins Wasser muß. Das Bild wurde probeweise abgehängt, um eine Debatte zu inszenieren. Und vor allem erinnerte ich mich auf dem Heimweg an die Gemälde des Balthasar Kłossowski de Rola, genannt Balthus: Unterhosenmädchen. Eigentlich erotisch, weil es die Grenze zwischen der Geschlechtsreife einer Frau und der Unschuld des Mädchens uns zeigt. Kindfrauen, die in versonnener Pose daliegen, ihre Beine gespreizt, die Schenkel geöffnet.

Das mag heute womöglich noch mehr den Skandal auslösen, als solche Spreizungen es damals schon tat. Aber all diese Skandalisierungen in Sachen Kunst verkennen ein entscheidendes Kriterium: Betrachten und ästhetisch darstellen ist etwas anderes als anfassen. Diese basale Differenz in Sachen Kunst leuchtet manchen Ikonoklasten inzwischen nicht mehr ein.

Noch Anfang der 90er Jahre wurden die Balthus-Gemälde in Hamburg beim Sommertheater auf Kampnagel von einer Ballett-Truppe nachgetanz und szenisch umgesetzt. Schöne Posen, schöne Körper, aber auch der Akt von Gewalt, der zur Erotik dazugehört – was unser windelweiches Zeitalter gerne ausklammert. Mir gefiel, was ich da sah, und ich glaube, ich ging nicht einfach nur zu diesem Tanzstück, weil ich Frauen in weißen Höschen mag. Zumindest gab es Anfang er 1990er Jahre keine Debatte, ob solche Motive dargestellt werden dürfen. Aber die Zeiten – sie sind ein Wechsel. Das wußte mit dem Tabubruchsystem Pop bereits Bob Dylan zu besingen. Als Dylan 1965 auf dem Newport Folk-Festival das erste Mal eine E-Gitarre anschlug, schallte es „Judas!“ aus dem Publikum. Es gab einen Tumult. Doch wurden die Zeiten härter, und wer Tabus übertreten wollte, hat es inzwischen nach den lockeren 90ern relativ leicht, den Biedersinn zu provozieren.

Was ist Tabu? Signifikant tauchte der Begriff in der deutschen Sprache um die Wende vom 19. zum 20 Jahrhundert auf, man kann sich die Kurve zur Häufigkeit schön beim Wortauskunftssystem der deutschen Sprache anzeigen lassen. Tabu stammt aus dem ethnologischen Kontext. Mit Freuds Buch Totem und Tabu gelangte der Begriff endgültig ins Vokabular der Geisteswissenschaften und ward daraus nicht mehr getilgt, wurde irgendwann um die nächste Jahrhundertwende, die eine Jahrtausendwende war, zur moralpolitischen Waffe eines Teils der Linken: was man sagen, was man malen, was man schreiben dürfe.

Wurde früher ein Tabu gebrochen, so verstieß der Waghalsige gegen die Konventionen der noch halbwegs intakten bürgerlichen Gesellschaft – wobei auch diese Gesellschaft im Unterfutter von Widersprüchen und Aporien getragen war, doch kamen die nicht explizit zum Bewußtsein, die Sphäre war noch halbwegs in der Ordnung, zumindest im Glauben an sich selbst, was ja bereits viel Wert ist. Solcher Bruch, als ein partiales und damit eben singuläres Ereignis, funktionierte auf verschiedenen Feldern recht gut: im bürgerlichen Eheleben des 19. Jahrhunderts, bei der Sexualität und der Partnerwahl bis weit ins 20. Jahrhunderts hinein, im Politischen und vor allem in der Kunst. Allerdings – es durfte punktuell nur die Regel verletzt werden. Wer permanent Regeln übertritt, erzeugt am Ende Gewohnheit und das Tabu wird zur Norm. Fatale Dialektik des Begriffs. Heute sind die Dinge komplexer, die Gesellschaft offener, die Tabus sind inzwischen andere.

Damals reichte schon Bretons Diktum vom Revolver und der Menge, um einen Skandal auszulösen. Oder die Aufführung eines Schönberg- oder Strawinsky-Stückes, wie in Wien und Paris, wo es zu erheblichen Tumulten kam.

Wo gibt es heute Tabus, und zwar in dem Sinne, daß man überschreiten kann, ohne die Grenze restlos zu zerstören? – Tabus, die nicht Rechtsbruch meinen. Kinder in obszöne Posen zu zwingen oder Frauen zu vergewaltigen, ist kein Tabubruch, sondern schlicht ein Rechtsbruch. Um solche basalen Aspekte geht es mir nicht, sondern vielmehr stehen beim Tabubruch gesellschaftliche Konventionen – Moralvorstellungen also und soziale Normen – im Vordergrund, die so oder aber auch anders ausfallen können. Etwa die politische Rede, der Umgang mit Nacktheit in der Gesellschaft, die Frage, ob es schicklich ist, ein Mädchen in der Weise auf einer Photographie zu präsentieren wie Meyerowitz. Wobei ich diese Photographie andererseits als harmlos betrachte, wenn ich an die Bilder von David Hamilton denke oder die eindeutig erotischen Mädchenphotos von Jock Sturges. Bei Meyerowitz bleibt es an der Grenze. Man kann solche Pose problematisch finden, aber sie sind von der Bildaussage und durch den Aufbau des Bildes eigentlich neutral. (Und solches Problematisieren führt zudem am ästhetischen Eigensinn des Kunstwerkes, an den Fragen der Form, der Gestaltung, der Erweiterung der Grenzen von Kunst regelmäßig vorbei.)

Es gibt Tabus, da kann es die sozialen Grenzen erweitern, wenn man sie verletzt, etwa die Ehe für Gleichgeschlechtliche, das Küssen in der Öffentlichkeit, Sex vor der Ehe und mit wechselnden Partnern. Ebenfalls lassen sich durch den Tabubruch soziale Normen testen. Diese Art von Bruch ist überhaupt erst philosophisch, soziologisch und in Debatten interessant. Ebenso existieren nicht nur bei Linken wie Rechten Tabus, die regressiv sind und freies Denken, Sprechen und die Freiheit der Kunst in eine Grenze pressen wollen. Wer meint politisch korrekt alles regeln zu können und verletzungsfreie Kommunikation zu installieren, errichtet lediglich ein Orwellsches Neusprech und verletzt damit genauso und schränkt ein: nämlich die Freiheit des Wortes. Was nicht bedeutet, alle sagen und jeden beleidigen zu dürfen. Näheres regeln die Strafgesetze eines Landes.

Einst traten die künstlerischen Avantgarden an, um Tabus der Kunst zu brechen, wenngleich in der Geschichte der Kunst schon immer Regeln transzendiert und die Grenzen künstlerischen Ausdrucks erweitert wurden: Was anderes als ein Tabubruch ist der Einzug der Zentralperspektive in die Malerei? Daß die unterschiedlichen Größen von abgebildeten Personen nicht mehr deren Wichtigkeit bedeuteten, sondern räumliche Nähe und Ferne zeigen. Rangunterschiedliche Menschen wurden nicht mehr über die Größe differenziert, sondern andere Merkmale taten ihren Zweck – etwa die Farben von Gewändern. Das kostbare Blau aus dem Lapislazuli-Stein und das Gold waren nur wenigen Personen vorbehalten: Maria, Jesus, Königen. Was wir wie und in welcher Art sehen wollen und können, der andere Blick und die Erweiterung der Gattung wie auch des Sehens stellt sich erst durch den Bruch von Konventionen ein: Künstlerische Tabus eben. Nichts Neues eigentlich – das reicht von El Greco bis zu Beuys und Castorfs Theater der 90er Jahre oder zum Einzug des Kitschs in die Kunst. Die Fortschrittspirale der Kunst dreht sich. (Ob sie sich freilich auch höher schraubt, steht inzwischen auf einem anderen Blatt.)

Heute scheint es allerdings vielfach umgekehrt: fast alle Tabus der Kunst sind ausgereizt, selbst wer seinen eigenen Körper malträtiert, wie der österreichische Aktionskünstler Flatz oder wer wie Marina Abramovic und Ulay in Rest Energy mit dem Tod spielt, indem etwa der Pfeil eines Bogens auf einen zielt und dessen Sehne allein durch die Kraft von Ulays Arm gehalten wird, bricht damit kein wirkliches Tabu mehr.

Heute ist es vielmehr umgekehrt: Die Grenzen der Kunst sind dicht, Tabubruch in der Kunst wirkt häufig kalkuliert. Und es scheint sich eine umgekehrte Tendenz zu etablieren: Nicht mehr verletzt der Künstler ein Tabu, sondern eine kulturalistischen Linke trägt immer neue Tabus ins Feld der Kunst hinein und schreibt vor, was geht und was nicht geht. Ein Gedichte an einer Wand einer Hochschule, wie just das von Eugen Gomringer in Berlin: angeblich ein männlicher sexualisierter Blick. Bücher werden auf Reizwörter abgeklopft, wie jüngst 2016 beim Bachmann-Lesen der Text aus Astrid Sozios Debütroman Das einzige Paradies. Es kam darin mehrmals das Wort „Neger“ vor. Ja, in der Tat, Rollenprosa, was man als literarisch gebildeter Zuhörer wissen sollte: die Differenz zwischen Autor und Romanfigur und daß es tatsächlich Menschen gibt, die so sprechen, weil nämlich solche wie Frieda Trost – die Protagonistin dieses klugen Romans – weder die perfekt gegenderte Sprache noch das politisch korrekte Sprechen gelernt hat. Daß eine wie Frieda PoC sagt, dürfte kaum vorstellbar sein und hätte unbedingt die Rüge des Lektors zur Folge haben müssen. Politische Hilflosigkeit einer identitären Linken: Auf zum letzten Rückzugsgefecht! Wo sie gesellschaftlich nur noch wenige Stiche sieht, kapriziert sie sich auf die Sprache und auf die Kunst – sozusagen eine hilflose symbolische Ersatzhandlung am symbolischen Objekt, das den Mangel an eigener Bedeutung kompensiert.

Nichts bleibt verschont: Solche Exzesse des Rechtschaffenen als Pose ohne Politik reichen bis zum Jugendbuch: Der Kinderfasching in Ottfried Preußlers Die kleine Hexe: er ist Cultural approbiation. Muß weg. Der Willkür, weshalb Kunstwerke verbannt werden, sind keine Grenzen gesetzt, denn schon lange nicht mehr zählen binnenästhetische Kriterien oder gar komplexe Denkgebäude ästhetischer Theorien, sondern bloßer Verdacht oder einfach nur ein Unbehagen reichen aus. Am besten noch, im Sinne auch des Hashtag-Denkens, verbunden mit einer provokanten These. So bleibt man politisch im Gespräch, und es lassen sich prinzipiell immer neue Vorwürfe erfinden: Gerauchte Zigaretten in Die Abenteuer des Huckleberry Finn – am besten rausstreichen, denn Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit und für Kinder ist Rauchen eh tabu.

Man könnte dann auch gleich den zauberhaft-harten Jugendfilm Nordsee ist Mordsee miterledigen. Nicht nur Rauchen, sondern auch Gewalt, Prügeleien und da wird dann ein Vietnamesen-Junge und auch seine Mutter „Schlitzaugen“ genannt. Und dann kann der Junge noch Kung Fu oder gibt es vor: Typische Klischeebilder und Zuschreibungen: Ja, man findet, wann man finden will. Was einmal als echter und tatsächlich notwendiger Schutz von Minderheiten antrat, ist zur identitätspolitischen Farce geworden.

Sexuelle Gewalt in Apollinaires Die elftausend Ruten: Verbieten am besten oder per Gesetz eine Triggerwarnung im Buch erzwingen. In den USA wird, so las ich, inzwischen bei literaturwissenschaftlichen Seminaren vor bestimmten Inhalten von Texten gewarnt.

Was nützt es aber, alles das, was Widerspruch erregt, aus der Öffentlichkeit zu verbannen oder mit Triggerwarnungen zu versehen? Zumal in Museen und Seminaren, die sowieso bereits geschützte Orte sind. Mündige Bürger entscheiden selbst, was sie sich zumuten. Diese Mündigkeit als Form der Aufklärung, auch im Kantischen und Hegelschen Sinne, wird den Menschen inzwischen von einer bestimmten identitären Linken nicht mehr zugetraut. Insbesondere an Universitäten immer häufiger zu beobachten. Allerdings: Studenten sollten einen Grad an Reife erreicht haben, daß sie auch unangenehmere Szenen aushalten können. Wer das nicht will, sollte keine Universität besuchen, sondern eine Therapie.

Andererseits hat,  das ist die Ironie der Sache, wer sich von Kunstwerken getriggert fühlt, alles richtig gemacht. Böse könnte man sagen, er ist dem Wesen der Kunst deutlich näher als der abgeklärte Ästhetiker oder der kluge Kunstkritiker, den kein Werk mehr aus der Bahn werfen kann. Nur eben: Man muß den Getriggerten zum Bewußtsein der Sache wieder zurückbringen, daß sich aus seiner Erregung nicht das Verbot folgern läßt, sondern daß Kunstwerke auch gesellschaftliche Widersprüche (explizit oder implizit) zum Thema machen können und qua Inhalt oder über die Form aufgreifen. Daß Kunstwerke in der Tat im Modus des Scheins auch Intensität erzeugen können, daß sie die Affekte bedienen. Die Aristotelische Poetik dürfte vielen heute nicht mehr gut bekannt sein.

Interessant an diesen von außen an die Kunst herangetragenen Konflikten ist allerdings, daß hier zwei Tabus kollidieren. Die moralisch einwandfreie, korrekte Kunst, in der niemand verletzt werden darf, Gewalt, Sex, Rassismus also als Tabuthemen, beißt sich mit der Forderung, daß Kunstwerke unversehrt bleiben müssen, mithin dem Tabu, die Autonomie der Kunst und die des Künstlers nicht anzutasten. Man kann darüber nachdenken, was dieser Konflikt bedeutet. Gerade dort, wo neue Tabus errichtet werden und wo die Kunst wieder in Grenzen gezwungen wird, zeigt sich nämlich, wie fragil die Autonomie der Kunst ist. Zumal es sich um eine Errungenschaft jüngeren Datums handelt. Ähnliches gilt für die liberale Gesellschaft. Insofern ist dieser Text als eine kleine ästhetische Phänomenologie eines vertrackten und nicht nur bloß ästhetischen Phänomens gedacht, das weit ins Politische hineinreicht. Wie schnell sich die Grenzen unserer Wahrnehmung verschieben können und wie plötzlich neue Tabus entstehen, zeigte der Bekannten und mir dieser Museumsbesuch in Berlin. Wir sprachen über eine Sache, die früher keiner Rede wert gewesen wäre, die aber inzwischen auch den ästhetischen Diskurs erreichten. Früher hätten wir über die Komposition der Photographien gesprochen, über das neue Sehen und die so andere Perspektive der Kamera, die unser Sehen und damit auch unser Wahrnehmen erweitert.

Der Bruch von Tabus ist insofern nötig, weil er Debatten anregt. Das gilt selbst für jene neue Tugendgarde. Sie erst zeigt uns, wie wichtig die Freiheit des Denkens und die Freiheit der Kunst ist und weshalb es unabdingbar ist, diese Freiheit zu verteidigen.

(Dieser Text erschien ursprünglich im CulturMag, Spezialheft Tabu)

 

Die List der Kunst. Patrick Eiden-Offe: Die Poesie der Klasse

Daß hier im Grandhotel Abgrund immer einmal wieder Marx und damit naturgemäß verbunden die Kritische Theorie Thema ist, dürfte den Lesern, die hier länger schon im Salon gastieren, bekannt sein. Und da bietet sich quasi als Korrespondenz zum 200. Geburtstag von Marx dieses Jahr gut die Lektüre von Patrick Eiden-Offes Die Poesie der Klasse an. Eiden-Offe führt manche der bei Marx verhandelten Themenstränge fort und analysiert sie aus ihrer Zeit heraus: es geht um die Klassenlage und die Klassenfrage, nämlich das im 19. Jahrhundert sich herausbildende Proletariat und wie das davor aussah, als die Arbeiter noch nicht die dem Anschein nach homogene Arbeitermassen waren, sondern sich die industrielle Revolution in Deutschland langsam erst ausformte und ein ganz neues Sozialgefüge freisetzte – die Effekte also, die man der sogenannten Sattelzeit zurechnen kann. Und später dann das zentrale Moment, was sich in der Organisation des Politischen als Klassenkampf herauskristallisierte: einzige Möglichkeit, gegen die Kapialisten, gegen Besitzer von Fabriken vereint und nicht als Arbeiter vereinzelt zu kämpfen und sich aufzureiben. Eine Fabrik steht nur dann still, wenn alle mittun. Im Französischen La lutte des classes, was sehr viel erotisch-poetischer klang als Klassenkampf – für manche Linke gibt es gar eine Poesie der Gewalt, man denke an den Surrealismus und die SI – und damit begeistert die französische Wendung auch den ästhetischen Theoretiker, der die rein sinnlichen Effekte als Theorie in die Theorie oder den Essay bringt. Aber das ist wieder ein anderes Thema – wenngleich die Geschichte der Arbeiterbewegung auch als ein ästhetisches Projekt zu begreifen ist. Eiden-Offes Buch versucht da einige Schneisen zu schlagen.

Wer das Wort „Arbeiterklasse“ hört, denkt meist an ein homogenes Gebilde, das einer gewissen Statik unterliegt. Das ist aber, geschichtlich genommen und wenn man den Blick ins frühe und mittlere 19. Jahrhundert schweifen lässt, nicht ganz richtig, wie dieses Buch zeigt. Eiden-Offe, der am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin (ZfL) lehrt, unternimmt eine Lockerungsübung im Blick auf den Klassenbegriff. Die historische Studie, so Eiden-Offe, soll zeigen, „dass die Kategorie der Klasse immer schon und von Anfang an in sich widersprüchlich verfasst war.“ Klasse und Proletariat bezeichneten keine bruchlose Identität der Arbeiter.

Ein kultur- und literaturwissenschaftlicher Ansatz, gespickt mit Sozialgeschichte, soll dem Klassenbegriff zu einer Fülle verhelfen, die unter der Abstraktion verloren ging. Wobei man hierzu gegenüber Eiden-Offe anmerken muss, dass Marxʼ Konzept von Klasse im Kontext seiner Zeit und in der Verdichtung, wie er es zusammen mit Engels programmatisch im Manifest der kommunistischen Partei vollzog, durchaus sinnvoll war, um heterogene Kräfte für gemeinsame Aktionen zu bündeln. Unterschiedliche Interessen und Partikulares, also das, was man philosophisch-soziologisch als Vielheit beschreiben kann, lassen sich deutlich schwerer zum Klassenkampf organisieren als ein politisch einheitliches Gebilde. Dafür steht der Begriff des Proletariats, der bei Marx gerade nicht als undialektische, statische Einheit gedacht ist. Dennoch ist es gut, den Blick genauso auf die diversen Positionen zu richten – das also, was historisch jenem homogenen Gebilde der Klasse vorauslag. Dabei dienen Eiden-Offe als Folie seines Geschichtsgangs die sozialen Proteste des Vormärz, also der Zeit zwischen 1830 und 1848, als Referenz, um eine plural und vielfältig verfasste soziale Bewegung zu zeigen. Gerade dieser Vormärz war eine durch Krisen geschüttelte Zeit und eine Epoche der Umbrüche.

„Wenn heute wie im Vormärz Proletarisierung ohne klar definierte eindeutige und ‚sichtbare‘ Identität auskommt –ohne Arbeiterklassenidentität –, dann wird man rückblickend festhalten müssen, dass die Realität von Klassenverhältnissen keineswegs notwendig an solcherart definierte eindeutige Klassenidentität gebunden sein muss.“

Kritisch hinterfragt Eiden-Offe den Identitätsbegriff, wobei man ihm bereits an dieser Stelle entgegenhalten muß, daß die Ausbildung von Vielheit zugleich Identität voraussetzt – und sei es die sich in den verschiedenen Milieus konstituierenden Binnenidentitäten: der Bettler, all die Pauperisierten und Freigesetzen, der Handwerker und der frühe Fabrikarbeiter, der Wandergeselle und überhaupt die Gesellenbewegung mit ihren bis heute sich durchhaltenden Ritualen und Liedern zeigen solche Mechanismen: eine Identität auszubilden und sogar einen geschlossenen Kreis wie dem der Gesellen, zu dem nicht jeder Zutritt hat. Und damit sind wir mit diesem historischen Rückgriff zugleich bei sehr aktuellen politischen Ereignissen, die auch Eiden-Offe streift und die für ihn teils den unausgesprochene Hintergrund seine Studie darstellen: nämlich die Frage des politischen Protests von nicht mehr homogen agierenden Gruppen, für die also auch der Begriff der Klasse nur noch bedingt tauglich ist. (Dazu später mehr.) Entscheidend für Eiden-Offe ist, dass in dieser Zeit des Vormärz die Weichen für das gestellt werden, was wir heute die „Moderne“ nennen.

Weshalb dieser Rückgriff, weit vor die Phase, in der eine einheitlich strukturierte Klasse auftrat bzw. von der marxschen Theorie als Einheit konzipiert wurde und worum geht es Eiden-Offe in seiner Schrift nun? (Wobei man sich auch hier bereits streiten kann, ob das bei Marx wirklich derart konzipiert war und er nicht vielmehr in der Einheit genauso die Vielheit bereits sah. Dialektik stellt sich nicht still – schon gar nicht bei Marx.)

„Die Poesie der Klasse aus den Verschüttungen der Geschichte zu bergen und sie für die Gegenwart allererst wieder zur Debatte zu stellen, das ist das Ziel der folgenden Studie.“

Das klingt schön, sogar poetisch und man hofft auf eine sozialgeschichtliche Studie zur Vielfalt. Und da es im Untertitel heißt „Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats“, so hofft man gar auf einen Exkurs in die (literarische) Romantik – freilich gibt es den nur bedingt, etwa über die Prosa von Ludwick Tieck, ansonsten aber geht es denkbar unromtantisch zu: Kein Novalis, kein Schlegel, kein Fragment, und blaue Blumen finden sich im Elend der sozialen Lage nur selten. Wer sich jedoch für die Herausbildung von Diskursen interessiert und das noch in einer differenztheoretischen Weise, ist hier genau richtig, und die Begriffe Diskurs und Differenz weisen bereits darauf, daß Eiden-Offe nicht in der orthodoxen marxistischen Lesart verstockt, sondern das Feld auch im Blick auf French Theory öffnet. Deutlich zeigt sich dies in der Art, wie Eiden-Offe die Sache begriffsgeschichtlich anpackt – hier wiederum ganz an Reinhart Koselleck geschult. Diesen Theoriebackgrund muß man mitdenken, denn schließlich handelt es sich um eine Habilitationsschrift, genauso aber kann man das Buch als Laie lesen. Insofern sind Berührungsängste überflüssig.

Der „Poesie der Klasse“ steht semantisch die „Prosa der Verhältnisse“ entgegen – einer von Hegel geprägten Wendung in seinen Vorlesungen über Ästhetik, mit der Hegel die neue sozioökonomische Realität bezeichnete. Man kann es unter dem Stichwort Entfremdung und Entzweiung zusammenfassen, die für Hegel das Signum der sozialen wie auch der ästhetischen Moderne bilden. Ein Denken, das zunächst mit der Aufklärung seinen Ausdruck fand, die den Riß, der durch die Welt ging konstatierte, dann mit dem Sturm und Drang und der literarischen Romantik, die jene Wunde mit Gegenbildern und ästhetischer Vermittlung zu schließen trachteten. Insbesondere die Romantik suchte Strategien und Möglichkeiten, diese Brüche in eine Struktur wieder zu überführen bzw. diesen Bruch als Bruch literarisch sichtbar zu machen, ohne ihn allerdings zuzudecken. Nicht der Speer, der die Wunde schlug, sollte sie heilen, sondern ein Konzept von Poetik, Poetisieren und Reflexion, eine „qualitative Potenzierung“, wie Novalis dies in seinem bekannten Diktum zum Romantisieren beschreibt. Doch von all diesen philosophischen Bewegungen, sind wir weit entfernt. Mit Hegel stehen wir vielmehr in der „Prosa der Verhältnisse“. Woher stammt aber nun diese Trope von der Poesie der Klasse?

„Poesie der Klasse“ freilich ist von seinem Ursprung genommen ein zynischer Begriff. Eduard Gans, ein Jurist an der Berliner Universität und Freund Heinrich Heines, prägte ihn 1830 in seiner Auseinandersetzung mit den utopisch-sozialistischen Saint-Simonisten, die gegen die Konkurrenz der bürgerlichen Gesellschaft sowie deren freiem Spiel der Kräfte  jene „Ordnung und Hierarchie“ setzen. Gans erschien dieses Ordnen und Einhegen als schreckliche Utopie. Wer die Konkurrenz abschaffen will, erschaffe „eine andere Sklaverey der Aufsicht“, so zitiert Eiden-Offen den Juristen. Dem Menschen ihre Entscheidungen abzunehmen und den Erfolg oder Misserfolg der Entscheidung einer Person zu entziehen, hieße, „ihr heute die einzige Poesie entziehen, deren sie fähig ist“, so die zentrale Stelle bei Gans.

Das Elend der Zeit unter der Konkurrenzgesellschaft, die Gans als willkommene Pluralisierung, wenn nicht Demokratisierung begriff, verstärkte sich jedoch, weil unter den sozialen und wirtschaftlichen, mithin unter den industriellen Umbrüchen zum Beginn des 19. Jahrhunderts eine Vielzahl Menschen aus ihren klassischen Tätigkeiten freigesetzt wurde. (Die Analyse dieser Prozesse liefert Eiden-Offe am Rande, ob das in dieser Form ausreicht, werden Sozialgeschichtler besser beurteilen können als der Rezensent hier.) Preußen löste die alte Zunftordnung auf, führte mit den Stein-Hardenbergschen Reformen, die aus der Niederlage gegen Napoleon resultierten, die Gewerbefreiheit und das Recht auf freie Berufswahl ein. Das bedeutete für die Gesellschaft erhebliche Transformationen und eine hohe Freisetzung von Menschen, die sich zuvor in Tradition und Bindung befanden. Arbeiter mussten nun auf andere Art ihre Arbeitskraft verkaufen – nämlich auf dem „freien“ Markt. Die Industrialisierung und die Einführung von leistungsstarken Maschinen taten ein Übriges zur Freisetzung von Menschen. In England traten die Ludditen auf den Plan, sogenannte Maschinenstürmer. Romantisch und antikapitalistisch darin“ gestimmt“, daß sie eine alte Ordnung zurückwollten – und manchmal auch eine andere Ordnung erst zu erschaffen.

„‚La class de plus pauvre‘, die ärmste der Klassen, tritt im Vormärz vielfach in Form absoluter Verarmung in Erscheinung. Der Pauperismus wird die politisch-theoretische Vorstellungskraft bis in die 1850er Jahre hinein nicht mehr loslassen; Abhilfe schaffen gegen die Verelendung immer weiterer Kreise der Bevölkerung wird zum Bewährungsfeld jeder Sozialpolitik.“

Die Lage ist Klassenkampf, die Poesie des Lebens gründet sich im prekären Verhältnis der Freigesetzen. Es bildete sich dort, so Eiden-Offe, eine ganz eigene Sprache aus, jene „Poesie der Klasse“, die sich unter anderem in der Literatur niederschlug, aber genauso in den Ritualen und Liedern der organisierten Gesellen- und Arbeiterbewegung.

In diese Sphäre des Sozialen soll mit Eiden-Offes Buch geblickt und der Sprache dieser Klasse soll nachgespürt werden. Eiden-Offe greift den gesellschaftlichen Kontext dieser Jahre zwischen 1830 und 1848 auf und beleuchtet ihn sowohl unter sozialgeschichtlichem wie literaturwissenschaftlichem Aspekt. Methodisch bedeutet diese doppelte Perspektive zwischen Sozial-und Literaturwissenschaft für Eiden-Offe zugleich, dass er Theorie wie Literatur und Literatur als Theorie behandelt. Engels Brief-Beschreibungen der sozialen Lage in Wuppertal oder Marxʼ gegen Proudhon gerichtete Schrift Das Elende der Philosophie liest er als ein Stück Sozialliteratur, Ludwig Tiecks Roman Der junge Tischlermeister oder die Märchen-Novelle Die Vogelscheuche als eine Theorie, in der sich der Geist jener Zeit in poetischer Sprache verdichtet. Er nennt dies eine undisziplinierte Lesehaltung, die sich in diesem Sinne der komplexen unstrukturierten und heterogenen Klasse anschmiegen soll. Nun ja. (Ansonsten aber bleibt das Buch wohltuend nüchtern.) Wenn Eiden-Offe davon spricht, dass der Begriff der Klassenidentität zugleich imaginär und „das Proletariat als klassenbewusstes eine Erfindung ist“, zeigt sich der Einfluss französischer Texttheorie wie auch der Kulturwissenschaften. Eingelöst wird dies aber zugleich mit einem ganz materialem Moment, das den Grund der Arbeit liefert:

„Die proletarische Identität ist so prekär wie die Existenzweise, die sich in ihr zum Ausdruck bringt; so prekär wie ihre politisch-ökonomischen Voraussetzungen. Proletarische Klassenidentität besitzt von vornherein einen transitorischen Charakter: ihr eignet ein Zug zur Selbstaufhebung. Alle Entwürfe proletarischer Identität im Vormärz zielen in letzter Instanz darauf, diese Identität wieder verschwinden zu lassen: sei es ’socialpolitisch‘ durch eine Verbürgerlichung und ‚Einhausung‘ des Proletariats, sei es ‚communistisch‘ in der klassenlosen Gesellschaft.“

Damit es zu einer solchen revolutionären Selbstaufhebung kommt, muss aber Identität erst einmal aus dem Disparaten heraus erzeugt werden. Einer der zentralen Autoren  dieser Bewegungen und der Darstellung von sozialen Verschiebungen ist für Eiden-Offe  Ludwig Tieck. In dessen Literatur manifestieren sich die Prozesse der Zeit, ohne jedoch, dass Tieck sozial engagierte Literatur schrieb, wie etwa Georg Weerth:

„Tieck zeigt uns eine Gesellschaft, die nicht mehr aus integren Teilen besteht und die deshalb auch in ihrer Totalität keine Integrität, keine Ganzheit, mehr ausbilden kann; Tieck gibt uns den Aufriss einer zerfallenen Gesellschaft, einer Gesellschaft, die sich schon aus Zerfallsprodukten zusammensetzt. Jede Integritätsbehauptung, sei’s des Ganzen, sei’s der Teile, ist damit Ideologie geworden; ästhetisch: Kitsch.“

Eiden-Offes Studie bleibt aber nicht Selbstzweck des Germanisten, der in die Vergangenheit reist. Wenn er über die vielfältigen Erscheinungsweisen der Arbeiter zur Zeit des Vormärz schreibt und wie soziales Elend in der Literatur dieser Jahre zur Darstellung gelangt, dann zielt er damit ebenso auf die Gegenwart: Die Krisen des Kapitalismus seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts lösten die alten homogenen Strukturen auf. „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“. Jene alte Arbeiterklasse, die inzwischen politisch von sozialdemokratischen Modell der Partizipation eingehegt wurde, gleicht sich nach den Arbeitsmarktreformen wieder den pluralen Strukturen an. „Die stetige Erosion der ‚Normalarbeitsverhältnisse‘ treibt Klassenfigurationen hervor, die denen des Vormärz immer mehr ähneln.“ Akut ist dies auch hinsichtlich gegenwärtiger Identitätspolitik – man denke an Didier Eribons Rückkkehr nach Reims, wo die demolierte französische Arbeiterklasse gezeigt wird, die inzwischen vielfach den Front National wählt und dagegen eine kulturalistische Linke, die sich Vielfalt und Minderheitenrechte auf die Fahnen schreibt, jedoch mit den alten Recken der Arbeit nicht viel anzufangen weiß. Soziale Verschiebungen also auch hier. Und manchmal kann eine Art Zurücktreten hinter die eigene Zeit und der Blick in die Geschichte helfen, die Gegenwart womöglich besser zu verstehen. Diese – unausgesproche – Überlegung trägt auch die Studie von Eiden-Offe.

Vor allem aber lädt das Buch dazu ein, Marx wieder zu lesen. Nicht nur wegen der Klassenfrage, sondern auch, weil Eiden-Offe anhand der Argumente von Marx uns zeigt, daß vermeintlich natürliche Bedürfnisse und menschliche Natur, wie etwa das Essen und Trinken, Feiern und Leben oder überhaupt das soziale Zusammenleben, gesellschaftlich produziert werden. Was uns als gegenständlich und festgefügt erscheint, ist eine Sache, die sozial geformt wurde. Das vergessen wir häufig.

Dass sich die Diversität der Klassen auflöst, hängt jedoch weniger mit einem idealistischen Konstrukt zusammen oder ist die Erfindung von Marx zugunsten der Einheit von Theorie und Praxis, sondern diese Tendenz gründet sich in den ganz realen gesellschaftlichen Verhältnissen. Oder wie Marx es schreibt: die „aus der Auflösung des Mittelstandes hervorgehende Menschenmasse bildet das Proletariat.“

Wie aber dem Elend eine Form in der Darstellung geben? Für die Prosa des literarischen Realismus einerseits eine Antwort, die einfach zu liefern scheint, aber doch einige Implikationen und Restriktionen der ästhetischen Form nach sich zieht, wenn man Literatur moralisch auflädt. Daran laboriert die Kunst bis heute und kommt nicht recht voran – vielleicht auch, weil man Darstellungsform, Reflexionsmedium und Moralität vertauscht.  So ergeben sich ästhetische Aporien, in die man sich freilich selber hineinmanövrierte, wenn man es vom heutigen Standpunkt und im Sinne einer Autonomieästhetik betrachtet.

„Die poetische Frage, wie die soziale Misere dargestellt werden kann, ohne dass die Darstellung sich an der Misere weidet und die Elenden in der Darstellung selbst noch einmal erniedrigt, diese Frage wird schon im Vormärz breit diskutiert. Was bei diesen Debatten immer auch verhandelt wird, ist die Möglichkeit einer politisch-theoretischen Kritik der sozialen Misere. Die dem Miserabilismus – der bloßen Fortsetzung der Verelendung in deren poetischer oder theoretischer Darstellung – zu entgehen vermag.“

Warum aber brach trotz allem Elend, trotz der Misere die Rebellion der Verarmten nicht viel häufiger aus, warum nur oft nur eruptiv? Dies ist eine der interessanten Fragen, die Eiden-Offe stellt. Zwar gab es insbesondere in England zahlreiche lokale Rebellionen, die ganze Regionen in Aufruhr versetzten, doch reichte das nicht aus, um landesweit und gemeinschaftlich irgendeine nennenswerte Verbesserung herbeizuführen. Eiden-Offe macht dieses Problem an Tiecks Märchen-Novelle Die Vogelscheuche kenntlich: Eine Armutsszenerie in London, die Menschen sind vor Hunger fast so weit, dass sie einander um einen Bissen Brot abschlachten, aber die Schaufensterscheibe, die den ausgestellten Juwel vom Vorbeigehenden trennt, tasten sie nicht an. Eine Kleinigkeit, das Glas zu zertrümmern, so folgert der Erzähler in Tiecks Die Vogelscheuche: „Was ist denn die unsichtbare Geistermauer, welche diese Juwelen schützt?“ Etwas hemmt die Menschen, hält sie ab. Eiden-Offen interpretiert und liest Tiecks Literatur als Theorie:

„Im Szenario des Schaufensters macht Tieck deutlich, dass es die ‚Subordination‘ unter die vollends durchgesetzte Warenform als allgemeine Verkehrs- und als Denkform ist, die das ‚Wunder‘ bewirkt, dass Menschen lieber verhungern, als die ‚heiligen Gesetze des Eigentums‘ zu verletzen.“

Die Glasscheibe bleibt heil. Sie wird trotz Hungers nicht zerschlagen. Ob daran freilich nur die Warenform schuld ist, sei dahingestellt. Anders verhält es sich in Sachen Revolte mit dem Volk schon in den Foot Riots von 1811/1812 in Midlands und Nordengland. Nicht nur wurden die Maschinen gestürmt, sondern es wurde geplündert, so daß das Militär herangezogen werden mußte, um die immer wieder auflodernden Aufstände niederzuschlagen.

Das alles sind fein zusammengetragene Fundstücke: der Fetisch Eigentum, die Auseinandersetzung Marxens mit seinen Gegnern aus dem eigenen Lager, Ausführungen zu Wilhelm Weitling oder ein kleiner Exkurs über Gesellenlieder und die Gesellenbewegung des frühen 19. Jahrhunderts: Vom Bund der Geächteten zum Bund der Gerechten unter dem Schneidergesellen und Sozialisten Weitling, später ein erbitterter Gegner von Marx, hin zum Bund der Kommunisten, 1847 unter der Wirkung von Marx und Engels derart umbenannt; die Möglichkeiten der Literatur, das Elend dazustellen am Beispiel von Engels Sozialreportage Die Lage der arbeitenden Klasse in England, dazu ein Blick auf Literatur, die heute nur noch Spezialisten bekannt sein dürfte, aus dem Kanon des Allgemeinwissens aber inzwischen verschwunden ist. Was aber konkret die Poesie der Klasse ausmachen soll, bleibt am Ende des Buches immer noch ein Rätsel und seltsam unbestimmt, und eine Formulierung wie diese zum Schluß des Buches bleibt leider hölzern:

„Die Poesie eines Gegenstands soll zwar individuell aus seiner Funktion heraus entwickelt werden, aber nicht mehr von individuellen Künstlern, sondern aus der arbeitsteiligen Kombination von Gestaltungsspezalist und ausführenden Arbeitern.“

In diesem Sinne hält der Titel nicht ganz, was er verspricht – zumindest ist es mir nicht deutlich geworden. Und zu guter Letzt geht es eben doch um die schöne Literatur, wo die Poesie angesiedelt ist, es geht um autonome Kunst, die selten im Kollektiv vorstellbar ist, schon gar nicht in der Prosa, und weniger um eine Poesie der Klasse oder gar des Klassenkampfes. Darin gründen sich bis heute die Aporien. Auch wenn Eiden-Offe immer wieder Theorie und Sozialgeschichte als Literatur nimmt und wiederum diese mit Engels-Beschreibungen zur Lage in Wuppertal und England unterfüttert und aus den Erzählungen Ludwig Tiecks so etwas wie eine Klassenpoesie herausdestillieren möchte. Das Soziale läßt sich nur bedingt als Literatur lesen. Das factum brutum bleibt unauflöslicher Rest. Am Ende tritt es als die kühle Prosa der Verhältnisse auf den Plan. List der Vernunft, List der Geschichte oder aber die List der Kunst.

Patrick Eiden-Offe: Die Poesie der Klasse. Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats, 460 Seiten, Matthes & Seitz 2017, ISBN: 978-3-95757-398-8, EUR 30,00 €

Dialektik der Abklärung – Hanno Rauterberg „Wie frei ist die Kunst“

Vor einem Gemälde im Museum steht ein massiger Mann. Er thront da wie ein Bodyguard, blockiert mit seinem Rücken die Sicht auf das Kunstwerk. Er protestiert gegen ein Bild. Bei dem Protestler handelt sich es um den schwarzer Künstler Parker Bright, und er trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Black Death Spectacle“. Sein Protest richtet sich gegen Dana Schutz‘ Gemälde Open Casket auf der Whitney Bienale 2017. Das Bild zeigt den Lynchmord an dem Schwarzen Emmett Till, zeigt den mißhandelten, schrecklich zerschlagenen Schädel des Jungen, wie er aufgebahrt im Sarg liegt. Weiße Gewalt gegen ein Kind, in Money (Mississippi). Dieser Protest gegen das Bild im besonderen und ganz allgemein gegen die Freiheit der Kunst, ein Sujet nach Belieben und nicht nach Hautfarbe darstellen zu dürfen, ging so weit, daß von einigen Aktivisten sogar gefordert wurde, das Kunstwerk zu zerstören.

Der Vorwurf, den man Dana Schutz machte: Sie eigne sich als Weiße das Leid Schwarzer an. Diese und andere Szenen laufen unter dem Stichpunkt Cultural Appropriation, also kulturelle Aneignung. Und sie sind symptomatisch für eine neue Politik des Identitären – diesmal von links und gegen die Freiheit der Kunst gerichtet. Eine einst ubiquitäre Kunst, der es aufgrund ihrer vielfältigen Formsprache freistand, Gewalt zum Thema und zum künstlerischen Sujet zu erheben – das reicht von Picassos Guernica, bis hin zu Francis Bacons Körperbildern oder Gerhard Richters subtilen Alltagsszenen –, wird aufgefordert, dies im Namen von Partikularinteressen sein zu lassen. Diese Restriktion in Sachen Kunstfreiheit geht soweit, daß sich Menschen teils in ihren Gefühlen verletzt glauben und diese Gefühle dann zum Zentrum einer „Argumentation“ aufbauen. Problematisch ist dabei weniger, daß man über solche Fragen der Darstellung und der Politisierung von Kunst spricht – man kann über alles diskutieren –, sondern daß per Orde Verbote angeordnet werden, ohne daß jene Kritiker Geltungsgründe liefern könnten, weshalb ein Kunstwerk nicht gezeigt werden dürfe.

Anderer Ort, ähnliche Szene: eine pädagogische Hochschule in Berlin, ein Gedicht, eine Häuserwand. Die Details sind bekannt. Ein „ungutes Bauchgefühl“ und der Wunsch, öffentlichen Raum zum privaten Wohnzimmer zu machen, reichen aus, um das Gedicht Avenidas von Eugen Gomringer zu entfernen. Die Uni-Mensa in Göttingen: Studenten fühlen sich durch vermeintlich sexistische Darstellungen auf Illustrationen der Göttinger Künstlerin Marion Vina belästigt. Diese Beispiele sind keine Einzelfälle, sie lassen sich beliebig ausdehnen

Und so ist angesichts einer neuen Dimension von Dissens, der überhitzte Debatten gebiert und wo Gemüter kochen, Hanno Rauterberg Essay Wie frei ist die Kunst? Der neue Kulturkampf und die Krise des Liberalismus das Buch zur Stunde. Klar geschrieben und kompakt. Es enthält zahlreiche solcher Beispiele aus den aktuellen Kulturkämpfen. Eine moraline Verbotslinke, die Werke aus Museen verbannen, bestimmte Begriffe aus literarischen Texten streichen, Redner am reden hindern will. Schauspieler, die sich, wie prominent Kevin Spacey, mutmaßlich sexueller Übergriffe schuldig machten und nun aus Filmen herausgeschnitten werden. In einer fast fetischhaften und magischen Denkweise können von manchen Rezipienten Rolle und Person nicht mehr adäquat unterschieden werden. Beurteilt wird von einer zunehmend aufgeheizten Öffentlichkeit nicht mehr die Kunst des Spiels, sondern das moralisch gebotene Verhalten. Eine neue Willfährigkeit breitet sich aus. Ein Klaus Kinsky hätte es heute mit seinen Eskapaden unendlich schwer und seine Auftritte wären vermutlich heute eine noch viel größere Provokation als sie es seinerzeit schon waren.

Von jenen freien 80er und 90er Jahren der BRD sind wir inzwischen weit entfernt. Um diesen Abstand der Zeit im Blick auf die moraline Wertung noch der kleinsten Regung zu ermessen, sehe man sich auf Youtube alte Folgen von Schmidteinander an: es finden sich dort derbe Witze, die heute Aufschrei und Empörung  hervorrufen würden. Was in den 80er Jahren in exklusiven, dogmatischen linken Zirkeln Thema war: vermeintlich diskriminierende Sprache, Cultural Appropriation, schwappt inzwischen auf breite Kreise der Gesellschaft über und führte zu einem aufgeheizten Klima der Restriktion und der Angst.

Rauterberg schildert all diese Fälle sachlich, ohne Polemik in die eine oder andere Richtung, so daß dieses Buch gut dazu dienen kann, sich ein Bild von der Lage zu machen. Rauterberg analysiert eine seltsame Gemengelage im Feld der Kunst. Die zum Anfang des 20. Jahrhunderts von den ästhetischen Avantgarden hart erkämpfte Freiräume der Kunst werden inzwischen zur Disposition gestellt, wenn nicht sogar aufgegeben. Rauterberg schreibt über die  Autonomie der Kunst, streift die Dialektik der Freiheit: Wie Kunstfreiheit als Autonomie, die sich im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts als Rebellion gegen starre Werte herausschälte, verlustig zu werden drohte, weil sich die Kunst in der westlichen Welt unter spätmodernen Bedingungen sämtliche Freiräume erkämpft hat und nun andere Register des Politischen bespielt werden. Vormalige Tabus scheinen aufgelöst, und so hat sich die Frage nach dem Wert der Kunstfreiheit inzwischen empfindlich verschoben. Was einst in den klassischen Avantgarden umkämpft war, ist heute selbstverständlich und kann zugleich als Wert infrage gestellt werden. Die einstmals gesicherte Freiheit der Kunst wird preisgegeben zugunsten von (vermeintlichen) Minderheitenrechten und Partialinteressen, so Rauterbergs Analyse.

„Der Kunstfreiheit wie der Freiheit des Gedankenaustauschs droht eine empfindliche Beschränkung, sobald Zeichen, Stile, persönliche Eigenheiten wie exklusive ideelle Besitztümer behandelt und beschützt werden sollen. Wer allerdings auf Unverfügbarkeit pocht und jede Art der kulturellen Aneignung als Übergriff deutet, wird von dieser Gefahr für die Freiheit schon deshalb nichts wissen wollen, weil er sich ohnehin als unfrei empfindet.“

Wo jedoch, so Rauterberg, die Freiheit der Kunst

„anderweitigen Ansprüchen untergeordnet wird, etwa den Vorbehalten ethnischer Minderheiten, erweis sie sich als überaus verletzlich“.

Denn prinzipiell kann nun jeder, der sich verletzt oder irgendwie diskriminiert fühlt, Einsprüche anmelden. Und das eben hieße: Kein Kunstwerk hätte am Ende Bestand, weil irgendein Beleidigter da ist, der Verbote geltend macht, und statt einer Debatte über gelungene Kunst streitet man über ihre vermeintlichen moralischen  Implikationen, nimmt Kunstwerke wie Äußerungen der normalen Alltagssprache oder wittert verborgene Absichten. An die Stelle der Kunstkritik tritt die Affektkultur und pusht sich zur regulativen Idee: man fühlt sich verletzt. Ort der Referenz und des Bezugs ist nicht mehr das Kunstwerk, sondern ein mehr oder weniger vages Gefühl, ein beliebiges Meinen, das man über das Werk hegt. Das reicht, um hier Rauterbach zu ergänzen, inzwischen weit in den Wissenschaftsbetrieb, wo Kunstwerke nach politisch genehmen oder nicht genehmen Inhalten in pseudowissenschaftlicher Terminologie abgeklopft werden. Diese Umtriebe jedoch bedrohen eine liberale Gesellschaft, die auf der Freiheit von Kunst und Wort aufgebaut ist.

Die Zeichen der Zeit haben sich gedreht. Einst waren es, oft im Verbund mit dem Staat, klerikale und konservative Kreise, die gegen die „Zumutungen der Kunst“ und gegen deren Provokationen vorgingen:

„Dieser Protest trat im Namen der Mehrheit auf, im Namen der Gesellschaft und damit waren die Fronten klar gezogen Nun aber sind nicht Staat und Obrigkeit, die der Kunst strenge Grenzen setzen wollen. Es sind Kräfte, die sich selbst oft als links und progressiv begreifen und über Jahrzehnte für die Liberalisierung der Künste eingetreten waren.“

Heute vertreten zahlreiche Konservative in bezug auf die Kunst einen Freiheitsbegriff, für den einst die Linke einstand. Während diese Linke und Teile der Avantgarde – man denke an den Surrealismus – in der Kunst einst zum Protest gegen die bestehende Ordnung aufrief, verteidigten Konservative sie. Zensur oder Beschränkung von Kunst wegen der Verletzung religiöser Gefühle waren einst die sicher gebuchte Domäne der Konservativen – man denke nur, so möchte ich Rauterbergs Beispiele ergänzen, an Martin Kippenbergers gekreuzigten Frosch oder an Herbert Achternbuschs Das Gespenst, wo die FSK die Altersfreigabe verweigerte und der damalige Innenminister Friedrich Zimmermann (CSU) die bereits zugesagte Filmförderung zu großen Teilen zurückzog.

In diesem Sinne macht Rauterberg eine geschichtliche Verschiebung aus, für die der Begriff der ästhetischen wie auch der sozialen Moderne steht. Rauterberg skizziert jene Kunst der klassischen Moderne und ihre Entgrenzungsfunktion, bis hin zu Souveränitätsansprüchen, daß Kunst das Leben änderte:

„Die Kunst war eine Gegenwelt, hier hatten verdrängte Ängste, Neurosen und Sehnsüchte ihren Ort. Und viele Kunstfreunde hofften, in der ästhetischen Erfahrung sich selbst und ihre Zeit anders zu begreifen. Die Künst sollte zurückwirken ins Leben, das war ein Kerngedanke der Moderne.“

Die klassische Moderne war eine Bewegung, die linear sich konzipierte und (weitgehend) an der Idee des Fortschritts orientiert war. Auch der Konservatismus bezog sich auf diesen Fortschritt – wenn auch ex negativo. Die Rolle von Sendern und Empfängern war klar verteilt. Da gab es die klassischen Medien wie Zeitungen, Rundfunk, Fernsehen. Da waren die innovativen Produzenten und hier die Leser. Kritik war den Leserbriefen vorbehalten. Buchkritiken fanden im Feuilleton statt, ebenfalls von Profis und Produzenten für Rezipienten gemacht. Auch dort herrschte eine klare Verteilung von Rollen, aktiv und passiv waren klar getrennt. Öffentliche Debatten über Bücher oder Politik fanden allenfalls in privaten Lesekreisen oder an Universitäten statt.

Anders heute. Rauterberg nennt dieses Phänomen die Digitalmoderne. Sie ist nicht mehr primär auf den Fortschritt ausgerichtet, sondern vermittelt unterschiedliche Zeitebenen, stellt Unverbundenes nebeneinander und macht es gleichzeitig – das also, was wir seit etwa den 80er Jahren grosso modo als Postmoderne bezeichnen. Zudem kann dank sozialer Medien nun jeder Sender und Empfänger gleichzeitig sein:

„Gerade das macht die befreiende Bewegung der #MeToo-Bewegung aus: dass sie als Selbstermächtigung aufzutreten vermag und nicht darauf warten muss, dass ihr Institutionen beispringen.“

Dabei ist diese Digitalmoderne zugleich von einer neuen Affektkultur gekennzeichnet, und insofern liest sich Rauterbergs Buch nicht nur als Analyse der Kunst sowie der gegenwärtigen Kulturkämpfe, sondern auch als eine soziologisch inspirierte Sicht auf Twitter und Facebook sowie die Effekte, genauer gesagt die Affeke, die diese Medien zeitigen:

„Im digitalen Raum finden die Einzelnen zu Affektgemeinschaften zusammen, die sie in ihrer Empfindlichkeit bestätigen. Ein Kunstwerk, das als bedrohlich wahrgenommen wird, kann solche Affektgemeinschaften in ihrem Zusammenhalt stärken und verschafft ihnen ein emotional attraktives Ziel, nämlich die Unterbindung, vielleicht gar die Zerstörung des Werkes. Ein Kampf um Anerkennung und Macht entbrennt, in dem es stets darum geht, die Wirksamkeit der Kunst einzuhegen: Sie soll Rücksicht nehmen auf Partikularinteressen, die sich in ihr oder in Abgrenzung zu ihr definieren.

Für die Kunst ist es eine höchst ungewöhnliche Konstellation. Bislang war sie selbst das Partikularinteresse, sie verlangte Rücksichtnahme und konnte sich dabei auf ihre Freiheit berufen. Sie nahm sich das Recht heraus, nicht nach gesellschaftlichen, sondern nach ihren eigenen Maßstäben beurteilt zu werden. Und erst dieser idealistische Autonomieanspruch machte sie glaubwürdig, stark und frei.“

Das nennt ein zentrales Anliegen dieser neuen identitären Bewegungen von links. Es geht um politische Hegemonie in den Diskursen. Die Sache selbst bleibt äußerlich. Am Kunstwerk, in hermeneutischer Detailarbeit herausgeschürft, können diese „Kritiker“ ihren Verdacht in der Regel nicht beweisen. Wie etwa an jener Kritik am Gomringer-Gedicht gut zu zeigen ist. Das Gedicht gibt nichts von dem her, was da von Studenten gefühlt wird.

Auf diese von Gramci stammende Wendung, die zunehmend auch Intellektuelle der extremen Rechten wie Götz Kubitschek und Caroline Sommerfeld für sich in Anspruch nehmen, um Debatten zu kappern, greifen inzwischen linke wie rechte Kräfte gleichermaßen zurück. Facebook und Twitter fungieren als Verstärker. Womit Rauterberg ebenfalls beim Thema des Liberalismus ist, der unter den Auspizien dieser Digitalmoderne zunehmend verlustig zu gehen droht. Während Linksidentitäre inzwischen sich darauf verpflichtet sehen, die konsensstiftende Funktion der Kunst herauszustellen: daß Kunst niemanden verletzen dürfe, daß Rechte von Minderheiten in der Kunst und selbst in der Produktion von Kunst zu gewährleiten sind, ggf. sogar noch vor der Freiheit der Kunst, kaprizieren sich identitäre Rechte oder illiberale Demokraten auf eine neue Kunst als politische Provokation.

Für jene identitäre Linke ist die Maßgabe der Kunst ist nicht mehr das Werk, sondern Gefühl und Affekt sowie die gute Gesinnung. Das Werk hat tugendhaft zu sein, niemand soll sich gestört fühlen. Kunst wird langweilig, Kunst wird gefällig, sie darf nicht wehtun, und so schafft sich die innovative, provokante Kunst am Ende selbst ab. Dialektik der Abklärung. Was von jenen Aktivisten als „Freiheit“ und diskriminierungsfreies Darstellen aufgefaßt wird, führt zum Gegenteil: einer bis ins Detail normierten Welt, deren Gegenteil die Kunst einmal sein wollte. Ihr Medium war der mal schöne, mal erhabene, mal grausame ästhetische Schein.

Die Affekt-Ressource, so Rauterberg, ist „deshalb begehrt, weil sie sich selbst vermehrt: Affekte erzeugen Affekte, falls man sie in der Öffentlichkeit richtig einzusetzen weiß, und sie bringen einem jene Aufmerksamkeit ein, von der man zugleich behaupten kann, sie werde einem vorenthalten.“ Affekte bieten ein Ordnungsmuster, mit dem sich eine komplexe Gegenwart ordnen läßt. In diesem Sinne beschreibt Rauterberg nicht nur das Dilemma der freien Kunst, sondern ebenfalls eine Politik, die von rechts wie links, zunehmend auf eine Gefühlskultur setzt:

„Vielmehr ist Angst zur Ressource geworden, und wer sich als Opfer zu erkennen gibt, zeigt einerseits Schwäche, andererseits aber seine Überlegenheit im Ringen um rechte Tugend. Zeig deine Wunde heißt eine Installation von Joseph Beuys aus dem Jahr 1976. Ohne dieses Wundenzeigen sind die neuen Kulturkämpfe um die freie Kunst nicht vorstellbar.“

Auch wenn Beuys und überhaupt jene Kunst der neuen Subjektivität und der Gefühlskultur, wie wir sie aus dem Neuen Schreiben der 70er Jahre kennen, für diese Affektpolitik nicht unmittelbar verantwortlich ist, so weist Rauterbergs Buch doch auf eine unheilvolle Tendenz, die dieser Kunst implizit innewohnt. Liberale Gesellschaften, die einstmals unter dem Zeichen von Öffnung und Toleranz antraten, bewegen sich ins Geschlossene, in partikulare Identitätspolitik, wo andere Ansprüche, andere Perspektiven, anderes Denken per se als Diskriminierung und als potentieller Angriff erfahren werden.

„Eine Kunst, die ihr Privileg der absoluten Unzuständigkeit aufgibt, gerät unversehens in die Gefahr, dass man sie als Kampfmittel sozialer und politischer Interessen missbraucht. Wenn sie ihren Anspruch auf Autonomie verrät, wird sie ihrerseits verraten: Aufgekündigt wird die alte Verabredung, sie sei frei und unantastbar und schulde niemandem Rechenschaft.“

Solches Aufkündigen ist ein Rückfall in die Vormoderne. Von den Gefahren, die in dieser neuen Politisierung von Kunst unter dem Deckmantel des Affekts lauern, berichtet das Buch. Insofern ist Rauterbergs Essay zugleich ein Beitrag, der Partei nimmt für eine liberale Öffentlichkeit im Zeichen der Kulturkämpfe zwischen einer identitären und einer rechten Linken. Für konservatives, liberales, wie auch freiheitlich-linkes Denken wird es zunehmend eng.

„Es gehört jedoch zu den Eigenarten der Digitalmoderne, dass sie für das Mäßigende und Geregelte nur wenig übrig hat. Eher verstärkt sie eine latente Gereiztheit und ihre Affektwellen bleiben unvorhersehbar. Mitunter kann die symbolische Tat eines Einzelnen einen globalen Konflikt auslösen, wo wie es dem Prediger Terry Jones gelang, als er 2010 ankündigte, in Florida mehrere Koranausgaben verbrennen zu wollen. Er musste kein Feuer entzünden, allein die medial verbreitete Idee reicht aus, um Menschen auf der ganzen Welt derart zu empören, dass am Ende bei Protesten in Afghanistan, Indien und Pakistan mehrere Demonstranten starben.“

In diesem Sinne weist Rauterbergs Buch zugleich aber weit über die kleinlichen Kulturkämpfe der identitären Linken hinaus. Gut komprimiert können wir in diesem knappen Essay die Zeichen der Zeit lesen. Überschaubar, ohne rhetorische Gereiztheit im Ton, die bei diesem Thema verständlich wäre, und als ein Plädoyer für die Freiheit der Kunst gegen jegliche Bevormundung im Namen politischer oder sonstiger partikularer Interessen.

Hanno Rauterberg: Wie frei ist die Kunst? – Der neue Kulturkampf und die Krise des Liberalismua, Suhrkamp 2018, 141 Seiten, 14,00 EUR

Schnüffeln am Wörthersee. Über eine bedenkliche Tendenz im Umgang mit Literatur

Um den ästhetischen Unwillen abklingen zu lassen, habe ich mich mit dem Schreiben einige Tage zurückgehalten – zumal ich die Woche über Besuch erwartete und insofern kaum Zeit bliebe, auf Blog-Kommentare zu reagieren. Nun also, etwas über eine Woche nach den Klagenfurter Lesetagen im Wettstreit um den Bachmannpreis, ein Text hier auf AISTHESIS zu einem Vorfall, der zugleich symptomatisch ist für den Ton in bestimmten Kunstdebatten und für den „Geist“ einer seltsamen Zeit, wenn man denn überhaupt in dieser Angelegenheit von Geist sprechen mag: Ästhetische Gebilde werden nicht mehr primär als Kunstwerke gesehen, sondern man mißt sie mit moralischen Kriterien. Nicht mehr die Maßgaben der Kunst sind zentrales Kriterium, sondern das Kunswerk muß politischen, moralischen oder gesellschaftlichen Geboten gehorchen. Was war passiert? In einem der Texte, die Anfang Juli in Klagenfurt gelesen wurden, benutzte ein Autor das Wort „Zigeuner“. Worauf es reflexmäßig-erwartbare Twitter-Empörung gab. In einem anderen Lese-Text kam der Name Lumumba und eine afrikanische Perspektive vor. Wie auf Knopfdruck standen Cultural Approbiation-Vorwürfe im Raum: Böser weißer Mann, der eine schwarze Perspektive einnimmt. Die übliche Twitter-Erregung einerseits, übliche Aufrege-Spielchen in einer Zeit, in der alle alles sagen und unmittelbar kundtun können – ohne jeglichen Reizschutz oder intellektuellen Abstand.

Man kann sowas als Petitesse abtun, aber doch zeigt sich in solchen Äußerungen eine problematische Tendenz: nämlich Kunst auf Reizwörter und auf moralische oder politische Verwerfungen hin abzuklopfen. Das Absurde an solchen Aktionen ist, daß beide Autoren sich vermutlich als links verstehen, und sie würden ihre Texte gerade als Kritik einer rassistischen Perspektive beschreiben.

Kriterium für diese Äußerungen des Mißfallens war dabei nicht etwa der Text selbst in seiner Struktur, geschweige, daß literaturkritische Gründe genannt werden konnten, weshalb die Konstruktion nicht funktioniert und ein Begriff wie „Zigeuner“ nicht verwendet werden dürfe, sondern wie bereits bei Eugen Gomringers Avenida-Gedicht wurde außerästhetisch nach einer Hermeneutik des Verdachts ein subjektives Gefühl dogmatisch als verbindliches Richtmaß genommen. Der erhobene Zeigefinger „Das darfst du nicht!“ oder „ein ungutes Bauchgefühl“ werden zum Maßstab für literarische Referenz, was geschrieben werden darf und was nicht.

Man könnte denken, solches Labeln von Prosa sei kunstkritisch nicht weiter relevant oder sei eine Satire auf den Betrieb, irgendwas zwischen den Romanen von Tom Wolfe, Martin Walser, Philip Roth oder Eckart Henscheid. Denn jeder wisse im Grunde um die Funktion autonomer Kunst und damit auch um den Unterschied zwischen realem Sprechen und Rollensprechen, zwischen fiktiven Texten und Sachtexten, wie etwa einem Zeitungsartikel. Darin wäre das Wort „Neger“, etwa in einer Zeitung, in der Tat unpassend und vermeidbar, sofern es sich nicht um ein Zitat handelt oder eine bestimmte Denkhaltung veranschaulicht werden soll – denn auch da ist der Gebrauch des Wortes geboten: Bildlichkeit macht anschaulich. Aber leider ist diese Haltung im Feld der Literatur bitterer Ernst – sogar von Leuten vorgebracht, die sich im Wissenschaftsbetrieb an Universitäten bewegen. Die Tabuisierung von Sprache. (Dazu auch das Culturmag, Ausgabe Juni 2018 zum Thema Tabu.) Wissenschaftler, die nach Wörtern fahnden, die ein literarischer Text nicht enthalten darf. Eine seltsame Methode der Literaturbetrachtung scheint sich zu etablieren. Der Unterschied zwischen eigentlichem und uneigentlichen Sprechen wird eingezogen. Prosa und Poesie werde unmittelbar genommen oder als Handlungsanweisung gelesen. Begriffe wie Ironie, literarische Brechung, Figurenrede sind nicht mehr auf dem Schirm oder werden zugunsten außerliterarischer Kriterien lax beseite geschoben. Die Buchstäblichkeit eines literarischen Textes bekommt einen fatalen neuen Sinn.

Auch 2016 schon in Klagenfurt zu beobachten – damals bei Astrid Sozios inzwischen als Roman erschienener Prosa Das einzige Paradies. Ein genauer und gelungener Text. Darin kommt mehrmals, wohl 20 Mal das Wort „Neger“ vor. Es ist Rollenprosa, die Protagonistin Frieda Troost, eine alte Frau, die sich in einem längst geschlossenen Hotel verbunkert hat, darin eine schwarze Frau „eindringt“ und Schutz sucht, muß genau so sprechen, wie sie spricht: sie sagt „Neger“, weil das ihre Sprache ist, weil das ihren Schrecken ausdrückt, weil das Wort „Neger“ ihr Befremden zeigt, weil das drastisch im Wort zeigt, wie Frieda Troost denkt und tickt und diese „Neger“-Iteration kann man zugleich als ein Stilmittel sehen. Eine sprachpolizeiliche Regelung nach einem willkürlichen Kanon von zu vermeidenden Reizwörtern oder moralin Ungenehmem hätte Sozios Text ästhetisch verdorben. Daß Kunst auch ein Schlag vor den Kopf sein kann: dieses Bewußtsein geht den meisten inzwischen verloren, wenngleich von vielen dieser seltsamen Leser ansonsten immer noch der Kafka-Satz von dem Buch, das eine Axt sein müsse für das gefrorene Meer in uns, beschworen wird. Was gab es nach Sozios Lesung für einen Twitterkleinsturm! Absurd waren diese Reaktionen vor allem deshalb, weil dieser Text genau die Fremdheitserfahrungen und das Aus-der-Welt-Gefallensein zweier ganz unterschiedlicher Personen beschreibt und weil diese Prosa explizit den impliziten Rassismus zum Thema machte.

Bei Rollenprosa geht das in dieser Art und nicht anders, weil solche wie Frieda Troost weder die perfekt gegenderte Sprache noch das politisch korrekte Sprechen gelernt haben. Motiviert sind solche Aussagen durch den literarischen Text, durch den Plot und die Figurenzeichnung. Daß diese simplen Voraussetzungen ästhetisch nicht mehr gewußt werden, auch bei Wissenschaftlern nicht, ist bedenklich. Daß eine alte Frau wie Frieda Troost von PoCs spricht, dürfte kaum vorstellbar sein und wäre wohl lächerlich. Ein guter Lektor striche ihr mit schwungvoller Hand und Rotstift diesen Ausdruck aus dem Text heraus – zumal Literatur nicht für das politisch korrekte Sprechen zuständig ist und auch nicht als moralische Erziehungsanstalt für Bürgersöhne und -töchter fungiert. Der Bitterfelder Weg als normatives Maß fürs Schreiben ging bereits in der DDR in die Hose. Gleiches gilt für die Vorgaben eines – angeblich – diskriminierungsfreien Schreibens. Literatur läßt sich nicht regeln, und selbst dort, wo ein Roman rassistische Stereotypen verbreitet, wie etwa Jean Raspails Das Heerlager der Heiligen ist ein Text immer noch mehr und übersteigt die Intention des Autors. Literarische Texte sind autonome Gebilde, sie ragen in ihren Tiefenschichten und in ihrer Bedeutung weit über den unmittelbar gemeinten Sinn hinaus.

Eine Kulturwissenschaftlerin schrieb in dieser Causa:

„Leute, die heute noch Essays darüber schreiben, weshalb man dieses oder jenes diskriminierende Wort (in der Literatur) verwenden darf, drücken damit aus, dass sie solche Themen und Fragen nur unter ihresgleichen besprechen möchten. Das bedeutet, dass Menschen, die durch diskriminierende Sprache ausgegrenzt und verletzt werden, Zaungäste in dieser Diskussion sind.“

Davon ab, daß sich mir die Logik einer solchen Aussage nicht erschließt, da es in öffentlichen Debatten jedem freisteht, sich zu diesem Thema äußern zu dürfen, ist es kaum ersichtlich, was solche Vorschrift sachlich motiviert. Was geschrieben werden darf und was nicht, bestimmt kaum eine einzelne Stimme oder ein moralines Kollektiv – zumal wenn es in Fragen der Ästhetik sich blind verhält. Es wird von jener Schreiberin ohne jede Begründung dogmatisch eine Hypothese in den Raum geworfen, es wird, so interpretiere ich solche Sätze, für die Gemeinde moralischer Druck aufgebaut. Mit solchem Verfahren hält eine gefährliche Tendenz Einzug, daß dogmatisch und ohne jegliches Begründen festgelegt wird, worüber debattiert werden darf und worüber nicht. Anstatt Gründe anzugeben, weshalb es problematisch ist, solche Fragen zur Diskussion zu stellen, wird per ordre du mufti vorab Sagbares und Unsagbares festgelegt. Gleiches gilt für Begriffe in literarischen Texten: Per ordre wird postuliert, was sein darf und was nicht.

All das sei Erregungsfeuerwerk und morgen wieder vergessen, so könnte man entschärfen. Aber leider haben solche „Meinungen“ im Betrieb durchaus normative Konsequenzen: Daß nämlich bestimmte Texte in Redaktionen oder Lektoraten nur noch bedingt akzeptiert werden. Tina Uebel wies in ihrem Zeit-Text „Der große Verlust. Wie die politische Korrektheit meine Arbeit als freie Schriftstellerin einschränkt“detailliert und mit Beispielen aus der Praxis auf diese Problematik hin. Uebel pointiert dieses Absurde:

„Ich hatte eine Romanidee, inspiriert von drei Menschen, die ich bewundere, einem Kameruner König mit hinreißender Chuzpe, einem äthiopischen König, den ich im dortigen Knast besuchte, und einem innigen Freund und atemberaubenden Künstler aus Kamerun. Mein Romanheld wäre schwarz gewesen, da lass ich mal besser die Finger von und schreibe stattdessen nunmehr Bücher, die von der Interaktion weißer neunundvierzigjähriger Schriftstellerinnen mit weißen neunundvierzigjährigen Schriftstellerinnen handeln. Sicher ist sicher. Die anderen Geschichten werden unerzählt bleiben.“

Uebel spitzt hier zwar zu, und ob es diesen Roman nicht dennoch geben könnte, bleibt an dieser Stelle offen. Denn soweit ist es im deutschen Verlagswesen zum Glück noch nicht, daß sich Verleger vorschreiben lassen, was sie veröffentlichen. Dennoch ist solche Sentenz bezeichnend: Denn vor allem ist mit solchen Forderungen an Literatur noch lange kein Ende in Sicht und prinzipiell sind solche Textsäuberungen einer moralischen Reinlichkeitserziehung unabschließbar. Es lassen sich immer neue Forderungen erheben, was ein Text enthalten darf und was nicht. Sind es heute Begriffe wie „Neger“ oder „Zigeuner“ oder schwarze Perspektiven, die von Weißen geschrieben werden, so läßt sich der Reigen des angeblich Unsagbaren, weil angeblich Diskriminierenden beliebig erweitert: Vom Zwerg bis zum Krüppel. Absurd wäre es, wenn nur noch Behinderte über Behinderungen schreiben dürften. Thomas Hettches wunderbarer Roman Pfaueninsel wäre kaum in dieser Art entstanden, wenn nur Kleinwüchsige über Kleinwüchsige schreiben dürften. Und irgendwann mag dann auch die Hausfrau, die intakte Familie mit Mann, Frau, Kind oder der Handwerker aus dem Roman vertrieben werden, weil sie die „heternormative maskuline Matrix“ spiegeln und gesellschaftlich Approbiertes festigen. Vielleicht darf man es aber auch schreiben, muß vorher freilich zur gesellschaftlichen Güte seine Privilegien checken. Man kann hier die absurdesten Beispiele wählen, wir lachen noch darüber, aber inzwischen hat sich eine Haltung breitgemacht, die solches Abklopfen von Texten gleichsam systematisiert. Solche „Textexegese“ nach verdächtigen Passagen ist prinzipiell unabschließbar.

Dies sind keine Petitessen und diese Dinge geschehen nicht einfach so. Inzwischen entsteht ein übles soziales Klima des vorauseilenden Verdachts. Sicher kann niemand mehr sein. Es wird bezichtig und auf absurde Weise im Text nach vermeintlich Verdächtigem gesucht – etwa bei jenem Autor in Klagenfurt, dem dann ein Facebook-Kommentator zudem Homophobie in den Text hineinlas. Dann wird das Gesuchte auf den Autor projiziert und wenn er nicht explizit rassistisch schreibt, so wird das Unterbewußte bemüht, indem, nicht anders als in der klassischen Ideologiekritik, der Entlarver vom Standpunkt des richtigen Bewußtseins aus das Gegenüber als fehlbar markiert. An Universitäten ist dieses Suchen nach rassistischen Stereotypen oder anderweitigen mißliebigen Äußerungen bereits angekommen. Ob das die Debatte um das Gomringer-Gedicht ist, einem Blog wie  Münkler-Watch, wo ein Hochschullehrer anonym überwacht wird, oder Diskussionen um Gemälde in Museen, wie Dana Schutz‘ Gemälde Open Casket, das denunziert und auf die Verbotsliste sollte.

Auch im klassischen Feuilleton finden wir diese Art von unseriösem Entstellen eines Textes schon länger: 1999 Thomas Assheuers unsachlicher Angriff auf Sloterdijk, oder 2012 Georg Diez‘ Denunziation von Christian Krachts Imperium als rassistisch: Kracht als Gatekeeper für das Völkische. Diese Art des außerliterarischen Wertens von Prosa hat inzwischen einige Methode. Diese Liste ließe sich beliebig verlängern: auch im Diskurs des Politischen, wenn wir an die Anfeindungen und an die unsachliche Kritik denken, denen die Autoren des Sachbuches Mit Rechten reden ausgesetzt waren.

Dabei geht es in diesen Fragen nicht darum, Literatur gegen Kritik zu immunisieren. Ethische Fragen sind von der Literatur nicht per se ausgeschlossen. Jemandem Leid und Ausgrenzung zu ersparen, ist auf der subjektiven Ebene ein löbliches Anliegen. Nur: Literatur ist etwas anderes als Alltagspraktik, und literarisches Sprechen unterscheidet sich vom normalen Sprechen in wesentlichen Aspekten. Wer die Verstörungen nicht versteht, die die Literatur erzeugt, verfällt in die (häufig kleinbürgerliche) Haltung jener, die den Text an seinen Skandalisierungen und an Normübertretungen messen statt an seiner Sprache, seinem Gemachtsein, dem Stil, der ästhetischen Form mithin. Eine Haltung, wie sie im 19. und 20. Jahrhunderts üblich war, Kunst zunächst moralisch zu werten und bei entsprechendem Verstoß gegen geltende Konventionen zu skandalisieren. Und so gelangten Baudelaires Gedichte und Flauberts Madame Bovary auf den Index, weil sich darin Verwerfliches befand.

Freilich ist die ästhetische Autonomie ist kein Selbstzweck. Theoretiker wie Adorno wußten gut, daß sich im Kunstwerk immer beide Momente verschränken: das Werk ist fait social und autonom in einem, wie Adorno es in seiner Ästhetischen Theorie zeigt. Gesellschaftlich ist es aber gerade dadurch, indem es sich des unmittelbaren Engagement und des politischen Eingriff enthält – dazu mehr in einem möglichen zweiten Teil dieses Essays. Einen literarischen, also fiktiven Text jedoch unter der Maßgabe richtigen Sprachgebrauchs abzuklopfen, zeugt nicht vom Bewußtsein für den spezifischen Sinn der Literatur, sondern vielmehr dafür, daß Ebenen durcheinander rutschen oder wie Adorno es in anderem Zusammenhang, nämlich dem des identifikatorischen Lesens, nannte: jener „Schulfall von Banausie“. Aus persönlichen Befindlichkeiten oder moralischen Erwägungen lassen sich kaum ästhetische Kriterien ableiten – schon gar keine allgemein-verbindlichen. Der Beischlaf mit Kindern ist nicht nur verwerflich, sondern auch strafbar. Schreiben darüber, selbst in der verherrlichten Form innerhalb der Literatur bleibt aber aus guten Gründen straffrei und ist zudem per Gesetz von der Kunstfreiheit gedeckt. Ob einem Leser ein Roman wie Lolita moralisch oder vom Plot her gefällt, ist eine Sache der Präferenz. Es sagt dieses subjektive Gefallen jedoch nichts über die Qualität eines literarischen, fiktiven Textes aus.

Daß solche ästhetischen Selbstverständlichkeiten inzwischen nicht mehr selbstverständlich sind, deutet auf ein grundsätzliches Problem in der öffentlichen Rezeption von Kunst. Zunächst könnte man in einer eher unmittelbaren Lesart annehmen: Wo eine kulturalistisch-identitäre Linke politisch keine Siege einfährt und sich zu einer Minderheit qualifiziert, werden stattdessen Erfolge auf der Ebene des Symbolischen gefeiert. Der arme Neger in Afrika interessiert nur noch, als daß er Spielball für die Sprachspiele identitärer Diskurse im universitären Milieu ist, anstatt daß man nach den EU-Subventionen für die EU-Landwirte nachfragt, die das Billiggetreide exportieren, und zum Protest anspornt. Man kapriziert sich auf die symbolische Ebene, um vom Realen nicht reden zu müssen. Aber diese Anwürfe greifen andererseits viel zu kurz. Davon ab, daß sie als Argument nicht funktionieren: Von einer Sache schweigen, heißt nicht, sie zu goutieren. Das Problem in diesen Kontexten ist vielmehr, wenn Leser eindimensional auf Prosa sich fokussieren und sie moralisierend nach Reizworten abklopfen. Im Grunde nicht anders als jene Tugendwächter, die in Der Tod von Venedig schwule Verderbnis, in Anaïs Nins Tagebüchern Sexdreck und im Professor Unrat unzüchtige Disziplinlosigkeit wittern.

Wer sich solchen Texten und Ausdrücken nicht gewachsen zeigt, für den bleibt immer noch die Möglichkeit, Literatur als Religion zu nehmen und das heißt als beliebiges Glaubensbekenntnis zu setzen, in einer Zeit, wo – frei nach Bourdieu – die entsprechende Literatur den entsprechenden Lebensstil repräsentiert, oder einfach nur solche Bücher sich zu wählen, die ein Herz erwärmen, Prosa, die einem das spiegeln, was gesellschaftlich genehm ist. Man bringt sich dann zwar um die moralisch fragwürdigen Texte von Goethe, Jean Paul, Kleist, Büchner, Joyce, Kafka, Döblin, Jahnn, Malaparte, Breton, Baudelaire, Céline, de Sade oder Apollinaire, aber es muß nicht jeder alles lesen und für wen Literatur Herzensergetzung ist und Selbstbespiegeln, der kann das machen. Nur läßt sich daraus ästhetisch verbindlich nichts Normatives ableiten – davon ab, daß wir in der Kunst seit 250 Jahren die Regelpoetik verabschiedet haben. Das gilt auch für Negerwörter.

Wie man das auf der Ebene des subjektiven Befindens beurteilt, bleibt jedem selbst überlassen. Wer aber einen Autor öffentlich rügt, der sollte Gründe bringen. Ansonsten gerät dieses Unternehmen in heikles Fahrwasser und es grenzt solche Hermeneutik des Verdachts an Denunziation. Daß in einem Text ein rassistisch konnotierter Begriff vorkommt, spricht weder gegen den Text noch gegen den Autor, sondern sagt zunächst einmal etwas über die Befindlichkeiten des Lesers aus. Und damit sind wir mitten in der Rezeption und bei der Literatursoziologie, die sich über ein neues Klima verständigt und die zeigen kann, was im Verhältnis von Gesellschaft und Literatur sich verschoben hat. Die Freiheit der Kunst aber ist in einer demokratischen und liberalen Gesellschaft nicht verhandelbar. Weder von rechter noch von linker Seite.

Vom Ereignis mit viel Raum für Marx oder: Hegelwoche in Bamberg

Reist man ins schön-wunderschöne Bamberg, ins wellige, ins hügelig-liebliche Oberfranken, dann passiert der Fußgänger, wenn er am Bahnhof eintrifft, aus dem Zug aussteigt und ebenerdig zu Fuß zum Kloster-Hotel auf den Kaulberg spaziert, zunächst die Luitpoldstraße und schreitet schnellen Schrittes auf ihr voran. Da kommt er, fast vor der Brücke über den Main-Donau-Kanal beim Orion Erotik und Sexshop vorbei und schaut in die Auslagen. Es lassen sich dort Erotikwäsche und Dessous erstehen und manch anderes Accessoire. Doch für dieses Spiel der Imago geschweige zum Betreten der Verkaufsräume bleibt dem Fußgänger keine Zeit, denn es ist die 29. Bamberger Hegelwoche mit dem Thema: Untergänge. Warum Reiche vergehen.

Die Hegelwochen sind für ein allgemein interessiertes Publikum bestimmt, also nicht nur für Akademikder interessant. Zu hören waren die Alt-Historiker Alexander Demandt und David Engels, einem breiteren Publikum relativ bekannt durch sein Buch Auf dem Weg ins Imperium, sowie Barbara Zehnpfennig, Professorin für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Passau. Demandts Vortrag Musste Rom untergehen? befaßte sich mit der Völkerwanderung, die zum Zusammenbruch des Imperiums führte, den internen Schwächen Roms sowie dazu einige Einsprengsel von Hegels Lehre von den vier Weltreichen aus seinen Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. Der Vortrag war profund und anregend, so empfand ich es laienhaft, als Nicht-Historiker, Demandt wartete mit viel historischem Wissen auf, wenngleich mir Hegels Teleologie-Begriff in bezug auf die Geschichte doch einer verkürzten Interpretation geschuldet scheint. Daß die Geschichte in der Moderne an ein Ende käme, ist keine genuin Hegelsche These, sondern vielmehr beschrieb Hegel in der Geschichte wie auch in der Kunst die Komplexität einer Moderne, in der sich nicht mehr in der gewohnten Weise von einer Heilsgeschichte oder von einer harmonischen Konstellation sprechen läßt wie in der römisch-christlichen oder der hellenischen Antike. Die „Kunst der Entzweiung“ gelangte zur Hochform, doch die Synthese ist bei Hegel keineswegs einfach gesichert – schon gar nicht im preußischen Staat. Aber das sind Detailfragen, die in einem Vortrag kaum zu lösen sind, sondern nur mit Hegels Rechtsphilosophie im Blick debattiert und betrachtet werden können. Ebenso die zu Telos und Vernunft in der Geschichte, wobei man hier in der Analyse guttäte, Deskriptives von Normativem zu trennen und ebenso Hegels Begriff von Vernunft und nicht den eigenen in Anschlag zu bringen.

Demandt setzte in bezug auf die Krise der Gegenwart, insbesondere der EU und mögliche Untergangsparallelen seine Hoffnungen in die Kraft des Politischen, in die Möglichkeiten des Verhandelns und der klugen Politik. Auch, so scheint es Demandts Hoffnung, brauchen Erosionen Zeit, sie dauern und sind insofern aufhaltbar. In diesem (guten) Sinne ist Demandt ein aufrechter Konservativer. Und er übte berechtigte Kritik an einer einseitigen Politik der offenen Grenze. In den Ausführungen zur römischen Geschichte schien die Sache profund, was jedoch die tagesaktuelle Politik betraf, blieb es im vagen. In der FAZ schrieb er im Januar 2016:

„Es ist eine alte Frage, weshalb die reiche, hochentwickelte römische Zivilisation dem Druck armer, barbarischer Nachbarn nicht standgehalten hat. Man liest von Dekadenz, von einer im Wohlstand bequem gewordenen Gesellschaft, die das süße Leben des Einzelnen erstrebte, aber den vitalen und aktiven Germanenhorden nichts entgegenzusetzen hatte, als diese, von der Not getrieben, über die Grenze strömten. Überschaubare Zahlen von Zuwanderern ließen sich integrieren. Sobald diese eine kritische Menge überschritten und als eigenständige handlungsfähige Gruppen organisiert waren, verschob sich das Machtgefüge, die alte Ordnung löste sich auf.“

Wieweit eine Gesellschaft solche massiven Probleme, die ihren Bestand bedrohen können, zu bewältigen vermag, hängt von ihren Funktionsmechanismen ab: inwiefern sie fähig ist, solche Komplexität zu reduzieren und in einen rationalen Diskurs zu integrieren, vor allem aber beim Wähler glaubhaft und überzeugend darzustellen. Aber bei solchen Fragen der Zeit und insbesondere bei historischen Analogien läßt sich viel spekulieren, nicht jedoch wahrsagen. In der Geschichte kann ein kleiner Flügelschlag, kann ein an sich zunächst unbedeutend erscheinendes Ereignis, das aus einer Laune des Zufalls heraus geschieht, einen Schub an Veränderungen, wenn nicht einen Epochenwechsel nach sich ziehen. Wobei für solch epochalen Wandel die Bedingungen bereits vorbereitet sein müssen. Ein Sturm auf die Bastille macht keine Revolution, sondern höchstens eine Revolte. Eine Zeit muß reif sein, damit daraus ein Ereignis erwächst.

Barbara Zehnpfennig mit ihrem Vortrag Warum zerfiel der Ostblock? hielt sich bis zum ersten Drittel weitgehend an die Fakten. Das Sowjetreich ließ sich kaum affirmieren und loben, nicht einmal für wenige Dinge, allenfalls mochte seine Funktion darin bestehen, ein kapitalistisches System einzuhegen und – List der Geschichte – als Korrektiv zu fungieren, so daß der Kapitalismus im reichen Westen seine häßlichen Züge nicht zeigen durfte. Aber diese fatale Dialektik und Kritik am System war keineswegs Zehnpfennigs Absicht. Doch die historischen Bedingungen, weshalb es zu einer solchen Revolution kam, hätten mindestens genannt werden müssen. Sie erwähnte Zehnpfennig mit nicht einem einzigen Wort, was für eine Politologin, die sich mit Ideengeschichte befaßt, kein Glanzstück ist. Der Bezug zu Hegel freilich blieb bei diesem Vortrag zwar eher im vagen und genauso hätte dieser Vortrag bei einer Kant-Woche oder bei einem Schmitt-Kongreß gehalten werden können, wo er womöglich sogar besser aufgehoben wäre.

Immerhin aber diente der arme Hegel unvermeidlich dazu, auf den bösen Marx überzuleiten. Und da hakte der Vortrag aus und geriet nicht nur auf die schiefe Bahn, sondern in Vorurteile, wie man sie einem Erstsemestler im Proseminar in einem mißglückten Referat nicht hätte durchgehen lassen. Sowas darf einer erfahrenen Lehrkraft nicht passieren, selbst dann, wenn Idiosynkrasien im Spiel sind und man nicht zu den Marxologen dieser Welt sich zählt, hat man als Wissenschaftler an die Texte sich zu halten und nicht die eigenen ideologischen Vorurteile fürs Publikum zu reproduzieren und zum Maßstab der Darstellung zu machen. Man kann durchaus Marx kritisieren, aber wenn man das tut, muß das im Modus der reflektierten und immanenten Lektüre geschehen und nicht in der Weise wie Gerhard Löwenthal oder Ludwig von Mises, die Marx nicht verstehen, sondern mit ihrer Kritik ihren eigenen ideologischen Standpunkt kaschieren und damit – lustige Dialektik – zugleich zementieren. Auch auf einem Vortrag für die Allgemeinheit, vielleicht sogar gerade dort, weil da ein Publikum sitzt, dem die Marx-Texte nicht selbstverständlich sind.

Das Desaster des Vortrags begann mit falschen ideengeschichtlichen Zuordnungen und damit, daß orthodoxer Sowjetmarxismus in kruder Unmittelbarkeit mit dem Text von Marx parallelisiert wurde. Zwar sah Zehnpfennig immerhin, daß Marx die Bedingungen für eine mögliche proletarische Revolution in einem Agrarland wie Rußland für schwer möglich hielt und sie bemerkte immerhin, daß man den Leninismus hier mitlesen müsse, um aber sogleich auf Theoreme bei Marx zu sprechen zu kommen, wo man durchaus diesen Aspekt der Diktatur herauslesen konnte, wenn etwa in einer Gesellschaft Freiheitsrechte abgeschnitten wurden. Angefangen bei Marxens Kritik am Privateigentum, als ob Marx der Oma ihr klein Häuschen enteignen würde – dabei den Analyse- und Kritikcharakter des „Kapitals“ konsequent übersehend –, bis hin zur Fehllektüre beim Klassenbegriff und der Diktatur des Proletariats, dabei überlesend daß dort im „Kapital“ 3. Buch, 2. Teil, 7. Abschnitt, 52. Kapitel von der klassenlosen Gesellschaft auf nicht einmal zwei Seiten die Rede ist: Danach bricht das Manuskript ab. Das Kapital ist nun gerade kein Buch, daß sozialistische Utopien auspinselt, sondern eine Analyse der kapitalistischen Produktionsweise und in gleichem Zuge liefert es eine Kritik derselben. Und daß die klassenlose Gesellschaft bei Marx weit komplexer sich gestaltet als ein sowjetisches Terror-Regime, zeigen nicht nur die Frühschriften von Marx.

Beim Begriff der „Diktatur des Proletariats“ hätte bereits ein einfacher Blick in Wikipedia gereicht, um hier über die Facetten dieses Begriffs aufzuklären: daß dieser Begriff im historischen Kontext dieser Zeit eine bestimmte Form von Herrschaft bedeutete, wie es im 19. Jahrhundert durchaus Sprachgebrauch war, wenn man von Diktatur schrieb und daß damit eben nicht Hitler, Lenin oder ein Stalin gemeint sind. Dies sind ex post facto-Deutungen des Diktaturbegriffes, hier wird semantisch und von seinem Bedeutungsgehalt ein Begriff ideologisch unzulässig aufgeladen, was sowohl philosophisch wie von der Begriffsgeschichte her verhängnisvoll ist, weil bewußt ein falsches Bild in Szene gesetzt wird. Mit Unwissenheit läßt sich das kaum entschuldigen. Und schwer vorstellbar, daß eine erfahrene Politologin um diese Fakten nichts weiß, zumal sie eigentlich dafür vorgesehen war, Marxens „Kapital“ im Meiner Verlag in einer kritischen Studienausgabe darzustellen. (Zum Glück übernahm diese Aufgabe dann Michael Quante.)

Und wer es detaillierter möchte und Marxens Ausführungen zur proletarischen Diktatur lesen will, die eben doch etwas ganz anderes meinen als einen simplifizierten Begriff, der greife zum Lexikon „Geschichtliche Grundbegriffe“ – unter anderem von Koselleck herausgegeben:

„denn die sogenannte bürgerliche Demokratie ist für Marx nichts anderes als die Diktatur des Bürgertums, und die proletarische Diktatur ist nicht etwa erst nach ihrem Ende, sondern schon während ihres Verlaufs auf viel genuinere Weise eine Demokratie, als es die bürgerliche Demokratie je war. Marx erläuterte diese Konzeption 1871 am Beispiel der Pariser Kommune, die das allgemeine Stimmrecht erstmals zu einer Wahrheit und zum Diener des Volkes gemacht hatte.“

Gleiches Wahlrecht für alle nämlich war in den halb bürgerlichen, halb monarchistischen Ländern Europas keineswegs eine unverbrüchliche Sache. Insofern sollte man Marx‘ Texte im Sinne eines Principle of charity aus seiner Zeit heraus lesen und Texte nicht mit der eigenen Ideologie überformen. Marx‘ Begriff der Diktatur ist aus den Kämpfen der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts zu verstehen:

„In Wirklichkeit aber ist der Staat nichts als eine Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine andre, und zwar in der demokratischen Republik nicht minder als in der Monarchie; und im besten Fall ein Übel, das dem im Kampf um die Klassenherrschaft siegreichen Proletariat vererbt wird und dessen schlimmste Seiten es ebensowenig wie die Kommune umhin können wird, sofort möglichst zu beschneiden, bis ein in neuen, freien Gesellschaftszuständen herangewachsenes Geschlecht imstande sein wird, den ganzen Staatsplunder von sich abzutun.

Der deutsche Philister ist neuerdings wieder in heilsamen Schrecken geraten bei dem Wort: Diktatur des Proletariats. Nun gut, ihr Herren, wollt ihr wissen, wie diese Diktatur aussieht? Seht euch die Pariser Kommune an. Das war die Diktatur des Proletariats.“ (K. Marx: Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: MEW Bd. 17)

„Andrerseits aber forderte es eine revolutionäre Umgestaltung Deutschlands, die nur durch die Gewalt, also nur durch eine tatsächliche Diktatur, durchführbar war. Und dabei hatte das Bürgertum von 1848 an Schlag auf Schlag, in jedem entscheidenden Moment, den Beweis geliefert, daß es auch nicht die Spur der nötigen Energie besaß, um, sei es das eine, sei es das andre, durchzusetzen – geschweige beides. Es gibt in der Politik nur zwei entscheidende Mächte: die organisierte Staatsgewalt, die Armee, und die unorganisierte, elementare Gewalt der Volksmassen. An die Massen zu appellieren, hatte das Bürgertum 1848 verlernt; es fürchtete sie noch mehr als den Absolutismus. Die Armee aber stand keineswegs zu seiner Verfügung. Wohl aber zur Verfügung Bismarcks.“ (Fr. Engels: Die Rolle der Gewalt in der Geschichte, in: MEW Bd. 21)

Eine insgesamt leider ärgerliche Marx-Auslassung von Zehnpfennig. Umso unerfreulicher auch, weil sie es hätte besser wissen müssen. Gleiches gilt für ihre Kritik an Marxens Arbeitswertlehre. Sie läßt sich nicht damit kritisieren, indem man dem Wert eines Diamanten kommt, der nicht durch Arbeit entsteht, um damit den Falschheit des Marxschen Wertbegriffs herauszustreichen – zumal wenn man dabei die basale Differenz von Gebrauchs- und Tauschwert unterschlägt. Als es noch, in den seligen Zeiten, als das Wünschen zwar auch nichts half, aber manchmal kluge Zwischenfragen im Plenum kamen, die Marxistische Gruppe an den Universitäten gab – eine zwar unangenehme und dogmatische, aber theoretisch doch hochfundierte Organisation –, hätte deren Frager aus der Referentin Kleinholz gemacht. Immerhin gab bei den Publikumsfragen einer der Frager zu bedenken, daß von Zehnpfennigs Ausführungen zu Marx etwa 80 Prozent falsch sei und führte dies in einigen Punkten auch aus. Man hätte gut und gerne auf 90 erhöhen können.

Etwas besser ging es dann am dritten Tag zu. Nicht nur, daß der Vortrag von Engels anregend war, weil darin Verfallstendenzen des römischen Imperiums mit denen der EU in eine spannend-destruktive Analogie gesetzt wurden: bei manchem Cicero- oder Polybios-Zitat oder beim Hinweis auf Sallusts Die Verschwörung des Catilina  dachte man, wie vom Vortragenden beabsichtigt, doch unwillkürlich an die Gegenwart, etwa wenn von Grenzüberdehnungen die Rede ist oder von der Vermittlung unterschiedlicher Kulturen ebenso wie bei der Frage der Machtanhäufung oder dem Programm von Brot und Spielen, mit dem die Bevölkerung ruhig gestellt werden sollte. Wenn es einmal ganz schlimm käme, so müssen wir eben die Menschen belügen, so zitierte Engels Jean Claude Juncker. Vertrauen in Demokratie schafft so etwas nicht.

Das Problem bei Analogien ist freilich, daß sie Analogien bleiben. Nicht mehr, nicht weniger. Der „Zauberstab der Analogien“, den Novalis in seinem Essay Die Christenheit oder Europa favorisierte, um mit ihm die Geschichte zum Klingen zu bringen, ist primär ein ästhetisches Phänomen, und sowieso ist dieser Novalis-Text nicht einfach als politisches Pamphlet zu lesen ist: „An die Geschichte verweise ich euch, forscht in ihrem belehrenden Zusammenhang, nach ähnlichen Zeitpunkten, und lernt den Zauberstab der Analogie gebrauchen.“

Aus solchen Geschichts-Analogien lassen sich interpretierend durchaus unterschiedliche Lesarten ableiten. Sie geben einen heuristischen Rahmen zum Betrachten und Analysieren – mehr nicht. Sie sind kein Orakel. Geschichte mag sich in Strukturen ähneln, doch sie wiederholt sich nicht und es läßt sich aus den Gegenwartszeichen nicht wie die römischen Auguren aus den Innereien der Tiere lesen, indem man rückbezüglich Parallelen sucht und dann drauflos interpretiert oder alarmisiert. Unterhaltsam und auf alle Fälle anregend, aber nur für die ästhetische Phantasie, die sich ihre Untergänge gerne als Ereignis der Kunst ausmalt. Thema für einen Roman, der die Geschichtszeichen in einer Geschichte ordnet – irgendwas zwischen Don DeLilo und Roberto Bolaño.

In solcher Analogiebildung lag dann auch die entscheidende Schwäche von Engels Vortrag. Realiter zudem von einer Spenglerschen Untergangsvision gespeist, die ich für geschichtsphilosophisch problematisch bis fragwürdig halte. Sie ist dialektisch unausgegoren. Ein Hegel zum herabgesetzten Preis. Und so zeigt sich wieder einmal, daß ideologische Voreinstellungen und Referenzrahmen, die ja durchaus – ähnlich der Analogie – ein Feld heuristisch und produktiv strukturieren können, in die Hose gehen, wenn sie dogmatisch als Strukturgerüst und damit als ideologisches Fundament gebraucht werden. Darin lag leider der Fehler von Engelsʼ Vortrag.

Ebenfalls schade, daß alle drei geladenen Gäste eher dem konservativen oder bürgerlich-liberalen Lager zuzuschlagen waren. Das brachte ein etwas zu einhelliges und damit leider auch eintöniges Gespräch bei der abschließenden Podiumsdiskussion. Es fehlte der linke Gegenpart – auch bei den drei Vortragenden. Abweichungen allenfalls in den Details, ob man die Entwicklungen und Probleme Europas eher pessimistisch sah, wie Engels, oder in der Gefahr eben doch auch ein Rettendes erwachsen kann, wie das teils zumindest Demandt und massiv Zehnpfennig vertrat. Immerhin wirkte Zehnpfennig hier nicht mehr, als hielte sie einen Vortrag für die Hayek-Stiftung. Als es auf die Begriffe von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit kam und die Unwucht zugunsten von Gleichheit moniert wurde, die unter Absehung vom Freiheitsbegriff immer mehr zur Forderung erhoben würde – man fragt sich als Zuhörer allerdings von wem eigentlich in der Politik und wo in relevanter Weise – gab Zehnpfennig zu bedenken, daß eine Freiheit, wo die Gerechtigkeit fehle, keine Freiheit sei. Da hatte sie an diesem Abend durchaus recht. Auch wenn sie das politische Dilemma der Zeit, daß es Freiheit nur in einer gerechten Gesellschaft geben kann, in der gleiche Chancen für alle herrschen, kaum zum Thema machte. Freiheit ist von der Kritik der politischen Ökonomie nicht zu trennen.