Es war viel Weibsvolk anwesend – die AfD-Demo und ihre Gegenkundgebung

Ein Fahnenmeer vorm Hauptbahnhof und Hitzewellen in stickiger S-Bahn. Bereitschaftspolizei in Kampfmontur, darin es wie im Glutoffen sich anfühlen mußte. Sprechchöre dann draußen an den Absperrungen: „Ganz Berlin haßt die AfD!“. Wo anfangen? Ein heißer Tag in Berlin, an einem Sonntag im Mai. Ein Großkampftag für alle, eine Demo der AfD, eine Großdemo gegen die AfD, die vom Hauptbahnhof bis zum Platz des 18. März zog und sogar auf dem Spree-Rinnsal schipperten kleine Boote, Nußschalen und Kähne. Die Polizei konnte mit massiver Präsenz das Demonstrationsrecht durchsetzen, das genauso für die AfD gilt – auch wenn viele, die von Pluralität reden, es hier mit der Vielfalt nicht so genau nehmen und gerne die Demoroute der AfD blockiert hätten. Das Demonstrationsrecht gilt aber auch für die Feinde der Vielfalt, selbst für Islam-Nazis am 9. Juni zum Al Quds-Tag. Ebenso wie es Leuten freigestellt ist, in entsprechender Entfernung eine Gegenkundgebung abzuhalten. Mehrere davon gab es. Protestler säumten die Strecke auf der anderen Seite der Spree gegenüber dem AfD-Zug und auch vorm Hauptbahnhof standen die meist jungen Leute in der Hitze, riefen Sprüche und hielten ihre Transparente in luftige Höhe, so daß es die AfDler gegenüber sehen und vor allem hören konnten. Beim Paul-Löbe-Haus entdeckte ich Christian Ströbele am Stock und trotz Gebrechen war er dabei. Tanzen und raven auf der „AfD wegbassen“-Demo wird er wohl nicht mehr, dachte ich, aber unermüdlich ist dieser Mann.

Mindestens 10 Gegenkundgebungen, was organisatorisch ein Problem bedeutet. Für mich. Denn egal wie ich es bei solch einem Großevent anstelle: ich bekomme nicht alles in den Blick, zudem gesundheitlich angeschlagen, die Sonnenglut tut ein übriges. Rennen, ein mögliches sich retten, Schnappschuß-Jagd war nicht möglich. Eher ruhiges Flanieren, schauen, sichten. Der kranke Körper rebelliert. Flaue Photoausbeute am Ende. Das kommt, wenn der Photograph nicht gestimmt ist. Zur AfD hin war bereits alles abgesperrt und auch auf gutes Zureden ließ mich der Polizist nicht passieren. Schade, denn ich hätte gerne gesehen, was dort vor sich geht und hätte gerne Gauland gehört, den ich nicht uninteressant finde. Die Dummheiten der Linken kenne ich, nun wollte ich einmal auch die der Rechten in Erfahrung bringen, und es funktionierte nicht. Kein Durchkommen. Zu spät gekommen. „Wären Sie früher dagewesen, wäre es ok.“ Ich mag die Antworten von jungen Polizistinnen und wenn die charmant lächeln. Ich lächelte zurück und zog weiter.

So eilte ich zunächst zum Großen Stern, wo verschiedene Clubbetreiber eine Kundgebung starteten: AdD wegbassen. Eine Art Liebesparade gegen die AfD. Und so geschah es: wummernde Beats und Bässe. Partyvolk, das tanzte, verschwitze Körper, die im Takt der Musik schwangen oder freundlich schunkelten. Viele junge Menschen, junge Männer, junge Frauen, junge Nicht-Mann-nicht-Frau-Halbwesen, junge als Mann gelesene Frauen – oh, ich merke, ich wollte nicht spotten. Nette Menschen waren es. Viel trivial und trallala. Ich schaute mich um, schaute auf junge Pobacken, die aus Shorts hervortraten. Anblick und Wohlgefallen. Als dann der Sprecher auf dem Hauptwagen seine Demo-Durchsage damit beendete, daß hier gerade ein weißer cis-Mann gesprochen habe und also die herrschende Macht dieser Gesellschaft und von ab jetzt nur noch Frauen, andersfarbige, queer-, trans- und intersexuelle Menschen ans Mikro dürften, machte ich mich ob solchen Gesinnungsquatschs und Quotenpolitik vom Acker und versuchte an die Orte der Konfrontation zu gelangen. Vielleich werden sie irgendwann auch den Spielfiguren von Playmobil ein Rederecht erteilen. Ach, wenn wenigstens Alf gesprochen hätte – ich hätte lachen können. Das aber geschah nicht. Man kann heute nicht mehr links sein ohne gutes Gewissen.

Viel war nicht zu holen – photomäßig. Alles gut abgesichert. Müde Knochen in mir. Ins Gebüsch in den Tiergarten hinein, und dort standen die Menschen vor den Absperrungen hin zum Platz des 18. März, es riefen die Menschen ihre Parolen, hielten Plakate, brachten ihre Slogans. Manche mit Witz, andere mit dem Haß, den sie bei der AfD beklagten. Junge Männer in schwarzen North Face-Jacken, Kapuzen, Sonnenbrillen, Rücksäcke, aus denen plötzlich Feuerwerk geholt wurde, im Gebüsch des Tiergartens vorm abgesperrten Platz, und einer warf einen dieser Böller durch die Lücke zwischen den Sträuchern auf die Polizeiketten. Sinnfrei, ohne Grund, ohne daß irgendwer provoziert hätte. Allein aus Lust an der Gewalt und niemand aus der Gruppe derer, die vorgeblich gegen den Haß waren, protestierte oder hielt den jungen Mann zurück: „So nicht, mein Junge! Wir wollen keinen Haß schüren“. Im Gegenteil. Als ich mich ereiferte, wurde ich böse angeschaut. Ich konnte diese Szenen nicht im Bild festhalten, weil es zu schnell ging und ich nicht nahe genug dran war im Getümmel. Ich hätte sie gerne abgelichtet und war zum ersten Mal derart wütend, daß ich am liebsten diese nichtvorhanden Dokumente an die BFE geliefert hätte. Einzig eine mittelalte Frau protestierte vehement und lautstark, sie wurde aber sogleich angegangen, und eine junge Frau, die mit zu der Gruppe der Gewalttäter gehörte, wollte an ihr zerren. Aber da ging dann doch einer von den Begleitern dazwischen. Immerhin. Aber das Partyvolk hatte Spaß am Tanzen. Und auf den Straßen ging es beschwingt zu. Ein seltsamer politischer Protesttag.

Die Antifa im übrigen (oder ein Teil derselben)  tat im Vorfeld genau das, was die AfD von ihr erwartete:

„Vor AfD-Aufmarsch die „Bibliothek des Konservatismus“ eingefärbt“,

„AfDler im Wedding markiert. Letzte Nacht wurden im Berliner Stadtteil Wedding Wohnung und Arztpraxis zweier AfDler farblich markiert.“

„Glasbruch bei Wild“

„Friedrichshainer AfDler besucht“

So heißt es in dem linksextremistischen Portal Indymedia. Gut dokumentierte Straftaten sozusagen. Der Hinweis, Opfer linker Übergriffe zu sein funktioniert also. Und das rückt dann leider auch die Opfer rechter Übergriffe in den Schatten, weil hier das üblich-üble Spiel der Aufrechnungen einstetzt.  Rechts- und Linksextremisten berühren sich an den Rändern. Und „farbliche Markierungen“ bei Andersdenkenden erinnern mich nicht an Widerstand, sondern lediglich an ungute Zeiten. Umso erfreulicher aber, daß die Gegenkundgebungen ansonsten weitgehend friedlich verliefen.

Parteienlandschaft

Ich bin ja, was Journalistinnen betrifft, eher ein optischer Typ. Ich schaue gerne, erfreue mich an Schönheit, wenn die Autorin auf einem Bildchen zu sehen ist, und wenn sie mir von ihrem Aussehen samt der Schreibe gefällt, lese ich ihre Artikel wohlwollend und lieber als einen Text von männlichen Zeitgenossen – das kann man nun in die eine, wie in die andere Richtung hin diskriminierend lesen. Aber da, wie alle wissen, mir solche Vorwürfe gleichgültig sind, werde ich mich in dieser Richtung nicht ändern.

Egal wie: was diese Kombination von Schreibe und Schönheit betrifft, so ist das vor allem bei Sabine Rennefanz der Fall, sie schreibt für die Berliner Zeitung, und ich lese sie gerne, obwohl sie mir die letzten Monate bei der BLZ leider nur noch als Mutti-Autorin aufgefallen ist, was mir weniger behagte. Ich mag es nicht, wenn Frauen nur einem Themenbereich zugeordnet sind, trotz ihrer zwei Kinder und einer, wie es scheint – leider – glücklichen Ehe. Egal wie: heute also kam auf der Seite eins ein guter Artikel von Sabine Rennefanz in besagter Zeitung. Und zwar zur Parteienlandschaft, speziell in Berlin, und dieser Text war hinsichtlich der Situation endlich einmal unaufgeregt im Ton verfaßt und nicht die übliche Hysterie- und Kreischlage sowie der langweilige Alarmismus, wenn es um die AfD geht.

Eigentlich ist dies ein ästhetisch, literarisch, philosophisch konzipierter Blog und die Tagespolitik streife ich nur gelegentlich und allenfalls im Rückblick, wie jetzt gerade meine Serie zu den 68ern, die ich dann am Donnerstag fortzusetzen gedenke. Aber diese Überlegungen von Rennefanz zur veränderten Parteienlandschaft halte ich für interessant, denn diese Veränderung wird auch das künftige politische Klima der BRD bestimmen und ist nicht nur für Berlin relevant. Erinnert sich noch jemand, als unter Eberhard Diepgen die CDU in Berlin 40 Prozent der Stimmen einfuhr? („Der blasse Ebi“ wurde er mit Spitznamen in Parteikreisen gekost, so Rennefanz.) Das war 1999.

Ist das nun unendlich lange her oder eine eigentlich doch kurze Spanne von Zeit? Wie man das auch deuten mag: Was war inzwischen geschehen – politisch und gesellschaftlich? Es setzte 1998 das Projekt rot/grün ein – böse Zungen behaupten, ein letztes Aufbäumen der 68er, die arriviert genug waren und den langen Marsch durch die Institutionen bewältigten. Es gab den Aufstand der Anständigen gegen Nazis und in diesem Schatten sowie dem (fadenscheinigen) Nein zum Irakkrieg konnte man die Agenda 2010 in voller Härte durchfahren, ohne mit viel Protest zu rechnen. CDU und FDP ging sie übrigens noch nicht weit genug, das muß man mit dazu sagen. (Aber ist Wolfgang Clement nicht eigentlich auch FDP gewesen? Es läßt sich da manche Verschwörungstheorie bilden.) Eine Regierung Kohl oder Schäuble zumindest hätte dieses Projekt Pauperismus in dieser Weise nicht durchziehen können. Die Gewerkschaften und Linke wären Sturm gelaufen. Aber so existierte immerhin noch die schöne Illusion: SPD und Grüne sind doch irgendwie noch Fleisch von unserem Fleisch und sozial ist, was Arbeit schafft. Man muß einen Slogan nur oft genug wiederholen, auch mithilfe des „Qualitätsjournalismus“, der ihn oft genug nachbetete, statt kritisch mal nachzuhaken, dann wird die Polit-Parole irgendwann von vielen geglaubt.

Politisch folgte für die SPD der Absturz – phasenweise allerdings. Dieser Abstieg, manche sagen, es sei ein Sturzflug, hält bis heute an. Allerdings gibt es dafür mehrere Ursachen und den freien Fall auf den sozialen Umbruch zu schieben und auf den Stilwechsel der SPD-Politik, von der unteren Mitte der Gesellschaft hin zu oberen Mitte, reicht zum Erklären nicht aus. Den Grünen haben die Hartz-Gesetze seltsamerweise nicht viel geschadet, dieses Projekt Pauperismus perlte an ihnen ab und man brachte sie damit nur am Rande in Verbindung. Was ein großer Fehler war. (Auch der Alibi-Linke bei den Grünen, Herr Ströbele, stimmte für diese Gesetze.) Es gründeten sich die Piraten, die inzwischen so gut wie von der Bildfläche verschwundenen sind, deren übelsten Gestalten nisteten sich in Berlin inzwischen bei Die Linke ein. Und es gibt nun die AfD, eine Partei, die von einer haltlosen Flüchtlingspolitik profitiert. Daß es in diesen Fragen auch anders geht und daß man links sein kann und trotzdem sich kritisch dazu äußert, zeigt ein hörenswertes Interview vom 23.2.2018 mit Oskar Lafontaine bei Phoenix.

Daß eine bestimmte Linke Lafontaine in die Nähe von rechtsaußen rückt, zeigt ganz gut, wie weit in Teilen der Linken die Maßstäbe für Politik wie auch für Interpretation abhandengekommen sind – vom politischen Blick fürs Ganze einer Gesellschaft zu schweigen: Flüchtlinge sind keine Kuschelobjekte für berliner Wohlfühlmaterialismus und wenn man selber die Probleme nicht ausbaden muß, weil die Kinder wohlweißlich auf eine relativ migrantenfreie Schule gehen. Mit solchen Positionen mag man im Inner Circle von Berlin punkten, aber nicht auf Bundesebene. Wer Probleme deckelt und verschweigt –jüngst wieder bei der Essener Tafel –, löst diese Probleme nicht, sondern verschärft am Ende die Lage. Spätestens bei den nächsten Wahlen. Probleme zu benennen, heißt eben nicht, pauschal dem Islam oder den Migranten einen Vorwurf zu machen. Sehr wohl aber ist es geboten, über eine teils verfehlte Integrationspolitik zu sprechen. Vom hier zunehmend einziehenden Antisemitismus, nicht nur von rechts, sondern inzwischen vermehrt auch von muslimischer, arabischer, türkischer Seite mal ganz zu schweigen. Dazu lese man diese feine Interview mit Michael Wolffsohn in der NZZ: „Ich bin ein kosmopolitischer deutsch-jüdischer Patriot.“ Früher politisch eher ein Gegner, heute nicken wir teils zustimmend. Wie sich die Koordinaten verschoben, wie sich das Feld ändert. Prophezeite mir einer vor 20 oder 30 Jahren, ich würde Wolffsohn wohlwollend und mit Interesse zitieren: ich hätte gelacht und mürrisch mit meinem Kopf geschüttelt, daß nur so die Asche von der Zigarette stöbe und der Rotwein im vollen Glas schwappte. Heute ist es nur noch der Rotwein und meist auch eher Riesling.

Aber zurück zur Sache: Was schreibt Sabine Rennefanz in bezug auf Berlin?

„Die Linke profitiert von der Schwäche der SPD und gewann Stimmen von denen hinzu, denen die Grünen nicht sozial genug sind. Je stärker sich die Linke zur Großstadtpartei entwickelt, desto mehr verliert sie den Anschluss in den Großsiedlungen am Rande der Stadt. In Marzahn-Hellersdorf, der einstigen Linken-Hochburg, wurde die AfD stärkste Partei. Die AfD, das ist neben den Linken das andere erfolgreiche Joint-Venture aus Ost und West, bei dem die eine Seite die Strukturen und die Disziplin, die andere Seite das Wissen und die Kampagnenfähigkeit lieferten.

Wenn es künftig kaum noch Zweier-, sondern nur noch Dreierbündnisse gibt, wird das vor allem für die Berliner CDU ein Problem. Wie hält sie es mit der AfD? Das wird eine spannende Frage.“ (Der Artikel ist leider noch nicht online verfügbar.)

In der Tat, es wird sich die Parteienlandschaft ändern! Und so wie die Regierungsbeteiligung der Grünen diese einhegte und zähmte, so wird dies vermutlich auch bei der AfD geschehen. Böse könnte man sagen: Posten machen zahm. Oder eben: Wer mit dabei ist, wird pragmatischer und weniger radikal agieren als wenn er draußen vor der Tür steht. Diese konservativen Positionen, die früher von CDU/CSU abgedeckt wurden, aber auch konservative Linke, die sich in der SPD nicht mehr heimisch fühlen, haben inzwischen also eine neue Heimat gefunden und es tat sich ein neuer politischer Rahmen auf. Das sollte man mal ganz pragmatisch in dieser Weise anerkennen und da nützt kein Klagen und Zähneklappern. Die Leute werden deshalb nicht einen Deut weniger AfD wählen, und erst recht nicht, wenn man Wähler als Nazis beschimpft. Es gilt also, diese Kräfte einzubinden. Und auch dagegen helfen keine Nazi-Rufe – selbst wenn die AfD eine hochproblematische Partei mit teils absurden Positionen ist. Das aber, wie auch die vielfachen argumentativen Widersprüche der AfD, man höre sich nur die Debatte im Bundestag zu Deniz Yücel an, vor allem die kluge Rede von Kubicki, scheint viele ihrer Wähler bisher nicht zu stören und sie wird nicht wegen dieser Aspekte gewählt, sondern weil in der Programmatik und im Auftreten der AfD eine Position liegt, die bei anderen Parteien nicht zu finden ist: hinzu kommt die Protesthaltung des „Es-reicht-uns!“ Die Pluralität der Parteienlandschaft wird in den nächsten Jahren vermutlich nicht aufzubrechen sein.

 

Die Merkel-Linke und was das mit der AfD zu tun hat – „Der gute Mensch von Sezuan“

In der „Zeit“ vom 31. März bringt der Dramaturg Bernd Stegemann die deutsche Flüchtlingspolitik mit Brechts Schauspiel „Der gute Mensch von Sezuan“ zusammen. Von der Kombination her spannend, denn es pointiert dieses Brecht-Stück den Dualismus des Gutseins. Die Aufspaltung in einen Teil, der Gutes tut. Doch weil die gute Tat über die Zeit hin zu viele anzieht, die den Segen genießen wollen, bedarf es eines bösen Teils, der abgespalten wird und die schenkende Tugend mit Härte reguliert. Mithin: es zieht sich unter einem schlechten Allgemeinen perennierend das schlechte Prinzip hin und hält sich durch. Stegemann pointiert die neoliberale Politik der CDU/SPD-Regierung, die von den meisten der Linken, die Merkel nun so euphorisch loben, konsequent ausgeblendet wird:

„Worin besteht nun der politische Schachzug, der es der Regierung Merkel bis jetzt erlaubt, all diese Folgen auszublenden und weiterhin als einzige humanitäre Instanz dazustehen? Die moralische Wertung ist mit der politischen Aufforderung so fest verklebt, dass jede Kritik an den Folgen der Willkommenskultur automatisch unmoralisch wirkt und damit dem rechten Lager zugeschlagen wird. Das rapide Erstarken der AfD, und das ist die ungewollte Dialektik daran, ist überwiegend daraus zu erklären. Wenn es nicht mehr möglich ist, eine andere Meinung als die Kanzlerin zu haben, ohne als rechtsradikal zu gelten, dann wird der eine oder andere eben rechtsradikal. Die Folgen der Alternativlosigkeit, die bisher nur bei den europäischen Nachbarn zu beobachten waren, sind nun auch bei uns angekommen. Das Erstarken radikaler Kräfte aufgrund der Merkelschen Austeritätspolitik schlägt auf Deutschland zurück.

Man kann nicht neoliberale Verflüssigung aller Regeln predigen, die massenhafte Prekarisierung in Kauf nehmen und dann diejenigen moralisch verdammen, die den Wettkampf, bei dem die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, nicht mehr mitmachen wollen. Der Trick der neoliberalen Politik besteht darin, den Begriff der Modernisierung unangreifbar positiv besetzt zu haben. Weltoffenheit, Multikulti und Globalisierung sind nicht nur Imperative der gehobenen Mittelschicht, sondern auch Kampfbegriffe gegen die Ängste der unteren Klasse, deren Jobs es nicht zulassen, heute in Berlin und morgen in Dubai arbeiten zu können.

In einem politischen System, in dem alle etablierten Parteien, mit Ausnahme der Linkspartei, auf derselben Basis von Ideologie argumentieren, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich eine Gegenkraft bildet, die den Konsens aufkündigt. Dass diese Radikalopposition sich in unserer Gegenwart aus den Quellen von Ressentiment und Populismus speist, zeigt, wie verkümmert das politische Denken und Argumentieren der linken Parteien heute ist. Sie vermochten es schon in der Weltfinanzkrise von 2008 nicht, Alternativen für die Wirtschaft zu formulieren, und sie vermögen es heute nicht, die neoliberale Ideologie der Merkelschen Politik von ihrem moralischen Schleier zu befreien. Und so bleibt zu befürchten, dass Slavoj Žižek recht behält, wenn er prognostiziert, dass jede rechte Revolte nur entsteht, weil die sozialistische Revolution ausgefallen ist.“

Dazu passend, nur auf lokaler Ebene angesiedelt, schriebt die „Berliner Zeitung“ vom 2./3.4. 16 über Gabriele Hiller von der Linken, die für den Bezirk Mahrzahn-Hellersdorf im Abgeordnetenhaus sitzt:

„Sie bekommt zu spüren, was den Kiez bewegt. Rosig ist das Bild nicht, das sie beim Spaziergang entlang der Hellersdorfer Promenade zeichnet ‚Die Leben der Menschen drifteten auseinander‘, sagt sie. Es gebe eine bürgerliche Klientel mit Arbeit und bescheidenem Wohlstand. Und es gebe Familien, in denen seit zwanzig Jahren niemand gearbeitet hat.

Viele Sympathisanten der AfD stünden zwischen diesen Gruppen, glaubt Hiller. Sie haben Jobs, aber kaum genug Geld zum Leben (…) Es sind Menschen, zu denen die Linke den Kontakt verloren hat. Stattdessen gewann die sogenannte Bürgerinitiativ Mahrzahn-Hellersdorf Zulauf mit ihrem Protest gegen Flüchtlingsunterkünfte.“

„Es sind Menschen, zu denen die Linke den Kontakt verloren hat.“ In der Tat. Darin liegt das zentrale Problem. Und noch mehr als die Abgeordnete, die immerhin vor Ort lebt und die Probleme der Leute kennt, hat jene Medienbohème der gut verbandelten Netzwerkerlinken in hippen berliner Szenebezirken diesen Kontakt restlos verloren, dreht sich im Dauergequatsche oder in Empörungsrhetorik in ihrer Filterblase: „Alle Nazis. Außer wir.“ Um es mal zu vergröbern. Aber grober Glotz und grober Keil – wir wissen. Studentisches Milieu im Grunde. Nur daß die alle keine Studies mehr sind, sondern sich ihre Schreibplätze und die Ressource Aufmerksamkeit erkämpfen müssen. Es sind Inner-Circle-Debatten, die diese Kreise führen. Die Menschen, die dringend erreicht werden müßten, tangiert all das logischerweise nicht die Bohne. (Da verhält es sich ähnlich wie die Diskussionen der Netzfeministinnen aus Absurdistan oder das Geschreie einer Haterin wie Julia Schramm, die einst die Piraten zugrunde richtete und nun bei der Linkspartei ihr Unwesen treibt. Für die Sache richten solche mehr Schaden an, als daß sie irgendwie nutzen.) Seltsamerweise wird hinterher um so heftiger gegreint und auf jenen herumgehackt, die man vorher verprellte, wenn die Ergebnisse demokratischer Wahlen nicht ganz so ausfallen, wie es sich das Rotgrün-Milieu oder die Netzwerkerlinke gewünscht hätte.

Insofern scheint es mir sinnvoller, die AfD bei ihrem Wahlprogramm zu packen und sie inhaltlich zu nehmen, anstatt deren Wählern dumpfe Nazi-Rufe entgegenzuschleudern. Es ist dies nur die Kehrseite des brummdeutschen Stammtisches, nämlich im Dualismus zu denken. Hoffnungslos unterkomplex und auf dünnem Eis.  Es kommt sicherlich bei den AfD-Wählern gut an, wenn sie von der Besser-leben-in-Kreuzberg-und-Prenzlauer-Berg-Schicht aus den Irgendwasmitmedienbezirken als Nazis tituliert werden und wird ganz gewiß ihr Wahlverhalten massiv zum Besseren hin beeinflussen. Anhand des AfD-Wahlprogramms jedoch zu zeigen, was diese Partei tatsächlich will und wie haltlos deren Forderungen sind, wie sehr dieses Programm vor allem den Absichten ihrer Wähler zuwiderläuft, wäre die ordre du jour. Daß nämlich die AfD nicht die Kleine-Leute-Partei ist, als die sie sich gerne ausgibt, sondern daß da – wie immer – einige hoch zu Rosse reiten. Es hat gute Gründe, weshalb Hans-Olaf Henkel zu den Mitgründern und Spendern der Partei zählt.

Nein, jene, die „Refugees welcome“ rufen, sind in der Regel nicht die, welche am Ende mit den Geflüchteten um die raren Arbeitsplätze werden raufen müssen: Die wenigsten Flüchtlinge arbeiten als Lehrer, Ärzte, Journalisten oder im Medienbereich (nicht einmal als Kabelträger), sie werden nicht in Kreativberufen reüssieren und die wenigsten werden als Künstler wirken oder den sauer erstrampelten Kolumnenplatz von M. Stokowski übernehmen, sondern der Niedriglohnbereich, die Friseurin, die Aushilfe, der Zeitungsausträger, der Lagerarbeiter, sofern es den noch gibt, wird das Tätigkeitsfeld sein. Für die kapitalistische Gesellschaft steht die Konkurrenz als tragendes Prinzip. Aus dem Heer einer industriellen oder einfach nur zerlumpten Reservearmee sich den Hilfsarbeiter oder die Soldaten für kommende Kriege aussuchen zu können. Es ist die Gesellschaft selbst und wie sie eingerichtet ist, die exakt diese Widersprüche produziert und andauernd reproduziert. Solange es so bleibt, bleibt es, wie es ist. Wer vom Kapitalismus nicht reden mag, sollte von den Flüchtlingen schweigen.