Die Tonspur für Wien

Demnächst wieder durch Favoriten, Mariahilfer Gürtel, Margareten Gürtel streifen – die Ringstraße des Proletariats, wie es hieß. Zwischen Lugner City, Hofburg, dem Café Griensteidl, Stadtpark, drittem Bezirk, hinüber zum Praterstern, Vororte und Zentrum – bis nach Transdanubien. Wir werden sehen, was die Kamera einfängt. Die Theaterkarten für die Burg sind besorgt. Glaube, Liebe, Hoffnung, von Michael Thalheimer inszeniert. Guter Platz im Parkett. Ob der Wienfluß inzwischen vertrocknet ist? „Gesellschaft für projektive Ästhetik“ lese ich auf dem Google-Plan, Photogalerie Ostlicht, Photogalerie Westlicht – das alles besuchen wir. Egon Schieles Innenblicke. Nichts Schöneres als diese Stadt. Farben im Ornament verwoben. Zur Großstadt demoliert. Ich suche, suche in allen Straßen: Neue Bilder. Wo alles schön, wo alles bös ist. Wo ich aus dem herrlichen Café Prückel abends trunken nach Hause schleife.

Die Festtage

Mutmaßungen: Sind für den Geist und für das Herz die Stunden, da sie nichts voneinander wußten, besser gewesen als die, wo im gemeinsamen Sein und Spazieren die gewußte Zeit zuallererst das Bewußtsein schaffte, Bewußtsein und den Übergang?

Nächstes Jahr: Ich möchte wieder nach Wien, und ich fahre nach Wien. Deshalb ein paar Photographien von dieser herrlichen Stadt, gleichsam um Gestimmtheit anklingen zu lassen, eine Art Freude. Die des Spaziergängers.

Den Leserinnen und Lesern dieses Blogs ein paar frohbesinnliche Tage, Weihnachtstage mit, ja: mit was Sie sich wünschen. Der Blog macht bis zum Neuen Jahr eine Pause, es sei denn, es ergäben sich gar zu dringliche Angelegenheiten oder es pressiert im Denken. Halten Sie es mit Jean Paul und Lichtenberg: Bleiben Sie heiter, witzig, satirisch. Alles andere lohnt sich angesichts des objektiven Wahnsinns nicht. Und vor allem: Bissig bleiben. (Aber natürlich nicht stutenbissig.)

 

Wien, Böhmen und Mähren

Mit dem Nationalismus kommen die Herrschenden, kommen Regierungen immer dann, wenn sie nichts weiter mehr anzubieten haben und der Arsch auf Grundeis geht. Trotzdem halte ich die postnationale Konstellation, wie sie etwas Habermas im Hinblick auf die EU vorschwebt, für problematisch. Der Kulturraum ist für ein solches Projekt zu groß angelegt, wenngleich diese Idee politisch nicht uninteressant ist, sofern es sich nicht bloß um eine wirtschaftsliberale Jean-Claude-Juncker-EU handelt. Ich selbst bin eher ein Freund der antiken Polis, aber in diesem Konzept von Gemeinschaft und Gesellschaft steht zugleich zu befürchten, daß dieser Verbund zu weit mehr Kriegen und Verheerungen führt als stabile (demokratische) Nationalstaaten. Auf absehbare Zeit wird der Nationalstaat mit intakten Grenzen weiterhin das Paradigma abgeben. Wer zu einem solchen Staat dazugehört und wer nicht, wird eine Frage der gesellschaftlichen Debatten bleiben und sich dort entscheiden. Ius soli oder ius sanguinis: Recht des Bodens oder Recht des Blutes, was die Einbürgerung betrifft. Frankreich ist nicht in allem ein gutes Vorbild, und wer das Ius soli favorisiert, sollte sich gut überlegen, wie solche Einbürgerungen bewerkstelligt werden,  daß ein gelungenes Gemeinwesen entsteht. Mit Ghettos und Banlieus als No-go-Areal ist nicht viel gewonnen. Anyway, das sind lange Prozesse, die in den öffentlichen Diskursen ausgetragen werden. Viel Für-und-Wider.

Im übrigen denke ich, daß Verfassungspatriotismus allein für einen solchen Staat nicht ausreicht. Denn der ist eine Sache eher für Intellektuelle und für die Freunde geistiger Konstrukte. Zur Frage des Nationalstaates interessant zu lesen auch Karl Heinz Bohrer in „Jetzt“ und natürlich sehr polemisch im Essayband „Provinzialismus“.

Soviel nur als kleines Anteasern. Da ich in den nächsten Tagen teils freudig-ausflüglerisch, teils freudig-akademisch beschäftigt bin, kann ich meine Rezension von „Mit Linken leben“ von Sommerfeld/Lichtmesz und „Mit Rechten reden“ von Leo/Steinbeis, Zorn erst ab dem 11.12. hier bringen. Da es zu diesen Texten vermutlich Kommentare geben wird und ich, da ich im Denken anderswo weile, nicht antworten kann, verschiebe ich lieber. Stattdessen Photographien von Wien.

Ja, die Zeit ist im Augenblick knapp und wenn man für einen Kolloquiums-Vortrag in Budweis über Hegels These vom Ende der Kunst mühsam alles ins Englische übersetzen muß, obwohl früher dort „mein geliebtes Deutsch“ (Faust) gesprochen wurde, dann wallen in mir nationale Wogen, und viel denke ich an Kafka und die Prager Juden, die in ihrer Heimat lieber Deutsch als Tschechisch sprachen. Vielleicht sollte ich das Vortragsthema ändern: „Hegel und die Wiedereroberung des Sudentenlandes unter Berücksichtigung von Böhmen und Mähren“. (Mal sehen, ob ich in meiner Englisch-Aussprache Slavoj Žižek übertreffe. Zumindest aber werde ich mich hüten, solche T-Shirts zu tragen.)

 

Wiener Blut – keine aktionistische Komödie, aber ein Mysterienspiel

Ich lungerte gestern nacht – ebenso wie Foucault seinerzeit – in jenen Darkrooms herum. Ich suchte und trieb meine Begrifflichkeiten durch Suchmaschinen. Ich habe dabei ein schönes Buch entdeckt und sofort erstanden, ein kleiner Zufallsfund beim Recherchieren zu Hegel: „Nervenkunst: Literatur und Psychoanalyse im Wien der Jahrhundertwende“, von Michael Worbs. Paßt, dachte ich mir, paßt wunderbar.

Städte. Denke ich an Wien und sehe die Bilder, will ich da immer wieder hin. Merkwürdig, wie manche Städte in Bann ziehen und andere am Arsch vorbeigehen. Ganz sicher liegt meine Liebe zu Wien darin, daß diese Stadt meiner Lebensform nahekommt. Gute Weine, herrliches Essen, vom Tafelspitz bis zum Gulasch, süße Mehlspeisen, Kaffeehäuser, in denen unaufgeregt gesessen und Kuchen gegessen wird. Oder wie es Alfred Polgar schrieb: „Im Kaffeehaus sitzen Leute, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen.“ Es ist ein morbider Charme in den Bezirken, selbst noch dort, wo es geleckt wirkt wie im 1. Bezirk innerhalb des Rings. Die unendliche Ruhe des 3. Bezirks, da wo Ingeborg Bachmann wohnte und Karl Kraus mit seiner Fackel leuchtete, und vom Kahlenberg einen Blick auf die Stadt zu werfen ist herrlich, um dann beim Gang hinab in eine der Heurigenwirtschaften in Grinzing einzukehren. Selbst das Touristische in Wien ist schön und bei der Rückfahrt, kurz bevor ich in die U-Bahn steige noch durch die Karl-Marx-Höfe zu spazieren. Die Stadt Freuds natürlich, was den Besucher einladen sollte, sich auch mit seinen eigenen Ticks zu befassen. Und natürlich ist es die Stadt für den Voyeur, der gerne betrachtet, aber nicht agiert, überall die Frauen: die Wienerinnen sind Schönheiten, sie besitzen einen herben Charme, und sie sind von den Frauen die erhabensten aller Hysterikerinnen. (Um einen kleinen Lacan-Zizek-Scherz zu wagen.)

Schöne Wienphotographien gibt es heute auch: vom letzten Sommerferientag. Allerdings im Jahr 2014. Wien – eine Stadt, wo man nie weiß, ob das da an der Mauer Kunst ist oder nur eine Schliere des Alltags.

Urbane Szenen – Wien, 6. Bezirk. Eine lyrische Vernichtung

Ich will die Nacht. Diese eine Nacht, die am Abend mit ihren Szenen und Bildern beginnt, die sich fortwirkt und ins Dunkle treibt, ohne jegliches Ereignis. Ich will die Nacht, kein Kokain, sondern die Starrheit der Dinge: Häuserwände in einem Julisommer in Wien, die von der Hitze des Tages noch ächzen, nicht dampfen oder in Verheißung glühen, sondern die beschwerlich harren, stehen und stöhnen wie unter einer Last, keine Menschen dort, nur Steine und der Dreck des Tages. Ein hingeworfenes Präservativ, Zeitungsseiten, Verwehtes, von Raumbesatz und Rantzsaum. Spuren. Abseitston, citywärts, Stephansdom, „Flucht und Himmelfahrten sind unsre Koordinaten.“ Fort von hier: Wien – Westbahnhof; die Mariahilfer Straße. All das Prosageschwätz, das bilderbeschreibend oder dichtend auftritt, ist nur enervierend, das vom Nichts oder vom Etwas handelt, von Dingheit und Wesen und Prosa-Singsang oder Parodie der Prosa, die ebenso leicht zu fertigen ist wie der hohlhohe Pathoston und der Gesinnungskitsch des blödsinnigen Prosabaus, Prosa erinnert mich merkwürdigerweise immer an Prostata und malignes Melanom. Diesem Konnex wäre nachzugehen. Wenn Rachitische beifallheischend Bedeutungssalat sinnlos ins Poesiealbum pressen, wie Mädchen Löwenzahn zierlich zwischen Buchseiten spreizen oder Dahlien zwischen ihren Schenkel drapieren und Lehrerprosa sich nachts ins Schreibheft ergießt. Ergötzlich istʼs wenig. Hinter den Fenstern noch Leben. Das ist mit Fragezeichen gesprochen – kein Leben! D-Zug Wien–St. Pölten oder die tschechischen Bäder. Salzsole, Kaltwasser aus Quellen. Ich möchte versiegen, ich möchte in einer Stadt flanieren, in der es keinen Menschen mehr gibt. Außer mir – ich bleibe, der einzige und für mich. Ich betrachte mich selber in spiegelnden Schaufensterscheiben, und aus den Auslagen greife ich mir die Dinge und Objekte, die ich besitzen möchte, um sie dann fortzuwerfen, sobald sie mich langweilen, wie der Photograph Thomas in „Blow Up“ jenen von den „Yardbirds“ erbeuteten Gitarrenhals, nachdem der Sänger die Instrumente zerschlug und als er die Trümmer einer Gitarre rotzig wie Popmusik, die morgen schon ihren Schnitt machen muß und die Rebellion als monetäre Monstranz zelebriert, ins Publikum pfefferte, daran die gerissenen Saiten noch schwangen und bitter zitterten, da alle versuchten zu greifen; der Gitarrenhals, fliegend und dann fallend, fangend, den der Photograph gegen die Meute bitter verteidigte, mit dem gerissenen Hals, mit dem er aus dem Saal rannte, immerzu stoßend und laufend, bis ihm kein Mensch mehr nachstellte, um von diesem Objekt der Begierde den Fetischteil zu kassieren, der freilich, wie der Photograph gut wußte, ohne Publikum als wertlos sich erwies. Und als jener Photograph bemerkte, daß er allein und für sich war, sowohl in dieser Welt als auch in dieser Stadt, nächtens, wirft er den Hals in einen der dreckigen Hauseingänge. Interessante Parodie auf den Fetischismus. Die unwissenden Kleinbürger, die einiges später, im Filmschnitt jedoch sogleich, diesen zerlegten Gegenstand bemerkten, den sie zwar nicht direkt für Müll hielten, aber doch als ein eigentümliches Grenzobjekt zwischen den Gattungen wahrnahmen, das für sie schwierig im Blick einzuordnen war, hoben das Ding auf, betrachteten es kopfschüttelnd und warfen es fast mit Zorn im Gesicht zurück in die alte Lage. Solche Szenen sind Teil der benjaminschen Geschichtsphilosophie. Ein kleines Stück Zusammenballung. Kein Abendnebel, keine Wallung. 6. Bezirk. Im Stadthauch ist Leere. Die unrasierte Schielemuschi an der Wand der Galerie. So sieht es aus. All der Gedichtscheiß, Geschichtsscheiß, der Gesinnungsrotz, das verlogenen Pathos des hohen und des niedren Tones. Protest ist so sinnlos wie Mitgehen. „Liebe ist kälter als der Tod“. Ich will den Film Noir. Ich hoffe, die Lage spitzt sich zu.
 

 

 

Die fragile Ordnung der Dinge. Edmund de Waal „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ (Teil 2)

„Melancholie hatte ihren Platz: das Kaffeehaus.
Sie nachhause mitzubringen, das ging nicht.“
(Edmund de Waal)

 der_hase_mit_den_bernsteinaugen-9783423143653„Es wird mir klar, dass ich unbedingt wissen möchte, wie dieses hart-weiche, leicht zu verlierende Objekt überlebt hat. Ich muss einen Weg finden, seine Geschichte zu enträtseln. Dass ich diese Netsuke besitze, dass ich sie alle geerbt habe, bedeutet, man hat mir eine Verantwortung für sie und für die Menschen, die sie besaßen übertragen.“ De Waal verfolgt den Weg dieser Netsuke, er geht ihren Spuren nach, die sie hinterlassen, rekonstruiert, wie sie sich in das großbürgerliche Interieur einfügten und dort als ein Objekt unter vielen ihren Platz gewannen. Dazu recherchiert de Waal die Familiengeschichte, die sich über drei Generationen erstreckt, reist den Geschichten nach, liest in Archiven, findet Details und Bezüge des Familienlebens, erzählt vom Wien des frühen 20. Jahrhunderts, das einen Schmelztiegel unterschiedlichster Denkweisen darstellte, mit Männern, die in den Kaffeehäusern saßen, welches speziell und im besonderen zu beziehen war, erwies sich manchmal sogar als eine Frage der Weltsicht. Wien, das ist ein Konglomerat aus Namen und Begriffen, bei denen sich uns die Assoziationen einstellen: Karl Kraus, Peter Altenburg, Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, die Ringstraße, Architekten wie Loos oder Theophil Hansen, der um das Jahr 1870 herum das Palais Ephrussi sowie das heutige Parlamentsgebäude entwarf, das jüdische Leben in Wien, Mahler, Loos, Freud, Schnitzler. Finanzwelt, Geschäfte und Geistesleben in einem. Wien, das war eine „Versuchsstation für den Weltuntergang“, wie Karl Kraus es ausdrückte. Dieser stand Wien gleich zweimal bevor: 1918 und 1938.

De Waals Großmutter Elisabeth, eine hochgebildete Frau, die im Jahre 1919 mit dem Studium der Philosophie, Rechtswissenschaft und Wirtschaft begann, inmitten der Wirren der Nachkriegszeit, wo sich niemand mehr darum scherte, ob eine Frau studierte oder nicht,. Was noch vor Zehn Jahren unmöglich gewesen wäre. Jene Ephrussi-Tochter mit ihrem Hang zu unsentimentaler Lyrik – sie haßte das „ungenaue Gefühl“, „das Ungefähre, das Verwischen des Wirklichen im Rausch der Gefühle“: Aspekte, die sich auch heute noch manche ins Poesiealbum schreiben sollten, um an Stil, Form, Inhalt und Rhythmus zu feilen – pflegte einen Briefwechsel mit Rilke. Die zwanzigjährige Studentin aus Wien und der fünfzigjährige Dichter in der Schweiz. Sie erhielt ein Stipendium für die USA und ging aus Wien fort, heiratete später in Paris den holländischen Kaufmann Hendrik de Waal. Sie war mit Eric Voegelin befreundet, schrieb Essays, verfaßte einen Roman, der jedoch nie veröffentlicht wurde. Elisabeths Welt waren die Bücher, die Dinge des Geistes.

55_Book galleryAnders bei Elisabeths Bruder Ignaz, dem diese Welt der Bücher fremd blieb. Er hatte mit diesen Dingen wenig im Sinn. Wie es in solchen Familien vorgesehen ist, sollte Iggie, wie er im Buch genannt wird, in die Bank eintreten und die Familiengeschäfte fortführen. Er arbeitete bis 1933 in einer Frankfurter Bank. Doch als Iggie im Juli 1933 nach Wien zurück sollte, um ins Familiengeschäft der Bank einzutreten, riß er aus: erst verschlug es ihn nach Paris, wo er in einem Modehaus arbeitete und den Beruf des Schneiders lernte. Da war er 28 Jahre alt. Doch von Paris aus ging es weiter, hin zur Welt der Mode und der Welt der Männer: Iggie siedelt nach New York, denn Mode war sozusagen von Kind auf an aus seine Leidenschaft. De Waal schildert diese Szenen im Ankleidezimmer von Iggies Mutter fast als wären sie ein Stück der Literatur: Wie ein Mensch bereits als Kind in die Welt der Mode und der Stoffe sich verliert, Gefallen an der Schönheit ihrer Farben findet. Wie er mit seiner zwei Jahre älteren Schwester Gisela „Verkleiden“ spielt oder wenn Iggie versonnen in den Magazinen von „Wiener Mode“ blättert. Die Überfahrt nach New York, so sinniert Iggie später, als er nach dem Zweiten Weltkrieg als GI der US-Army nach Tokio übersiedelte, sei „eine Art Taufritus von einem Leben ins andere“ gewesen. Auf solchen Umwegen und Fluchten finden Menschen, auf unergründliche Weise manchmal, zu ihrer Bestimmung, machen sich zu dem, was sie immer schon werden wollten – bereits als Kind, ohne es freilich zu ahnen. In der Bank wäre Iggie bloß ein unglücklicher schwuler, jüdischer Banker und aufgrund zweier von den Nazis nicht sehr geschätzter Merkmale gewißlich nicht mehr am Leben, wenn er in Wien geblieben wäre.

In New York trat Iggie in ein anderes Leben, seine Leidenschaft entfaltete sich an einem dafür angemessenen Ort, und Mode wurde sein El Dorado: er entwarf von nun an stilvolle Kleider und Mäntel für die gehobene Amerikanerin, fand dort eine erste große Liebe: einen blonden, etwas jüngeren Antiquitätenhändler. De Waal betrachtet sich die beiden Männer auf einer Photographie, die in einer Wohnung in der Upper East Side aufgenommen wurde. Auch in diesem Zusammenhang scheint mir interessant, wie sehr Photographien einerseits ein Medium sind, um Familiengeschichte zu rekonstruieren und um überhaupt erst an Informationen zu gelangen, die einstmals visuell festgehalten wurden; gleichsam in dem Sinne objektiv, daß einstmals etwas da und vorhanden gewesen sein mußte: Menschen, Ereignisse, Situationen. Andererseits bleiben solche Bilder unendlich stumm, wenn wir zu ihren Kontexten keinen Zugang mehr finden.

61_Book galleryIm Jahre 1938 sind die Ephrussi-Kinder in alle Welt zerstreut, der Besitz der Familie Ephrussi, das Palais an der Ringstraße, alles Hab und Gut ist geraubt oder zerstört. Es blieb nicht die Zeit und die Möglichkeit, irgend etwas von den schönen und erlesenen Dingen mitzunehmen oder beiseite zu schaffen, weder die Netsuke noch andere Kostbarkeiten. Im Oktober bringt sich die Mutter Emmy in der Tschechoslowakei mit einem Mittel, das ihr Herz aussetzenläßt, um. De Waal entfaltet Tableaus gelebten Lebens, taucht in die Epochen hinein, er erzählt dies spannend, pragmatisch, manchmal auch mit einem Ton der Trauer versehen, jedoch ohne fette Schnörkel und in den Kitsch zu gleiten, der bei einem solchen Thema nicht weit ab vom Wege liegt. Vor allem aber bringt er immer wieder seine eigenen Überlegungen und Gedanken zu denen in diesen Fluß ein, die seine Familie sind. Manchmal mit einem melancholischen Ton, den ein Blick zurück in die eigene Biographie und Herkunft so häufig nach sich zieht. Die Vergangenheit ist nie vergangen und läßt niemanden los.

Eine der interessantesten Figuren in diesem Buch ist das Dienstmädchen Anna, die um die Jahrhundertwende als Zofe in den Dienst der Familie trat – bis zuletzt, bis die Familie 1938 aus dem Land getrieben wurde. Interessant ist jene Anna vor allem deshalb, weil sogut wie nichts über sie erzählt wird: nichts über ihre Herkunft, kein Detail aus ihrem Leben, nichts was sich recherchieren läßt oder wo die Archive etwas hergeben. Im Grunde eine Leerstelle. Aber eine solche, die das Buch strukturiert. Im Dezember 1945 beschließt Elisabeth von ihrem Exil in England nach Wien zu reisen und nachzuforschen, was noch von diesem Leben einstmals vorhanden ist und was übrig blieb. Nicht viel, nichts. Sie betritt ein geleertes Haus, darin inzwischen eine amerikanische Behörde ihren Sitz hat.

„Der Abstellraum ist leer. Die Kaminsimse sind leer. Die Silberkammer ist leer, ebenso der Safe. Kein Klavier steht da. Kein italienischer Kabinettschrank. Keine Tischchen mit Mosaikintarsien. In der Bibliothek gähnen leere Regale. Die Globen sind weg, die Uhren, die französischen Fauteuils. Das Ankleidezimmer ihrer Mutter ist staubig. Dort steht ein Aktenschrank. Kein Tisch oder Spiegel, aber eine schwarze Lackvitrine, auch sie leer.

Der freundliche Leutnant möchte behilflich sein und wird gesprächiger, als er erfährt, dass Elisabeth in New York studiert hat. Lassen Sie sich Zeit, meint er, sehen Sie sich um, finden sie, was möglich ist. Ich weiß nicht, was wir für Sie tun können. Es ist sehr kalt, er bietet ihr eine Zigarette an und erwähnt nebenbei, es gebe eine alte Dame, die noch hier wohne – er deutet mit der Hand –, die werde vielleicht mehr wissen. Ein Korporal wird um die Frau geschickt.

Sie heißt Anna.“

Jene Anna hat die Netsuke, Figur für Figur, vor acht Jahren einfach genommen und sie unter ihre Matratze gelegt und darauf geschlafen. Der dritte Ort der Sammlung also, an dem diese kleinen, harten Figuren Krieg und Mord überstanden.

Nach Wien kehrten nach Shoah und Krieg nur wenige Juden zurück. „Niemand wurde zur Verantwortung gezogen. Die nach dem Krieg errichtete neue demokratische Republik Österreich amnestierte 1948 neunzig Prozent der NSDAP-Mitglieder, 1957 auch Angehörige der SS und Gestapo.“

65_Book galleryDe Waals Hang zu den Dingen, zum Objekt, darin sich die Erinnerungen sedimentieren, zum Einfachen, Reduzierten und zur Konzentration in der Arbeit mag seiner Tätigkeit geschuldet sein: er ist Professor für Keramik an der University of Westminster, er fertigt Keramik- und Töpferprodukte an. 1991 reiste er im Rahmen eines Stipendiums nach Tokio, um die Grundbegriffe des Japanischen sich anzueignen. Was für die Kunst der Keramik sowie der handwerklichen-künstlerischen Töpferei und eine Weise der konzentrierten Reduktion sicherlich bedeutsam und wichtig ist. In Tokio kommt de Waal zum ersten Mal bei seinem Onkel Iggie mit jenen Netsuke in Berührung. Iggie wurde nach seiner Flucht amerikanischer Staatsbürger, er diente im Krieg in der US-Army und lebte dann in Tokio als österreichischer Amerikaner zusammen mit dem geretteten Netsuke-Schatz und seinem japanischen Lebensgefährten. So kamen diese Objekte wieder an den Ort, von dem her sie ihren Ausgang nahmen: nach Japan.

Wieweit sind Objekte, die wir uns liebend und betrachtend angeeignet haben und die Bestandteil eines Lebens wurden, an ihren Platz gebunden und wieweit kann ein solcher Ort fortdauern, oder eignet einem Objekt nicht vielmehr die Verschiebung zu, wie wir dies bei jenen Netsuke sahen? So daß die Dinge immer wieder neue belebt und mit der Aura eines Bezirks, mit den Menschen, die die Dinge betrachten und liebend bewahren, mit einer Landschaft, einer Stadt aufgeladen werden. Mit Firnis überzogen und im gleichen Zuge fermentiert. De Waal ist mit diesem Buch ein melancholischer und zugleich klar strukturierter Blick in diese Welt von Sehnsüchten gelungen. „Manche Dinge in der Welt sind dafür geschaffen, aus der Entfernung betrachtet zu werden, man sollte nicht an ihnen herumfummeln.“ Ein ganz und gar wunderbar und klug konzipiertes Buch. Im Grunde ein Gewinn, daß es kein Roman, also keine Fiktion ist, sondern eine Geschichte von dieser Welt. Wobei: auch die Romane sind in ihrer Weise allesamt die Geschichten unserer Welt, die wir uns erzählen.

Blogger sind bei solchen Büchern häufig leicht und geneigt, zum Erfüllungsgehilfen der Verkaufsabteilungen der Verlage sich zu machen. Sozusagen, der Ladenschwengel, der die Ausstattung laut loben und preisen darf, dabei ein wenig und in bestimmten Kontexten auch auf die Inhalte eingeht. Daß freilich Äußeres und Inneres eines Buches sich bedingen, ist eine Binsenweisheit. Die zahlreichen Photographien (unter anderem von den Netsuke), die Dokumente und die Abbildungen bereichern das Buch ungemein. Eine Familiengeschichte, die ein keinem Augenblick schwülstig erzählt wäre oder in den Gesinnungskitsch kippte – trotz des delikaten Themas.

69_Book galleryIn den Dingen speichert sich über die Jahre, zumindest in manchen dieser Objekte, eine unendliche und unaufhebbare Traurigkeit. „Alles verlor an Substanz; die Dinge waren ehedem so viel besser, so viel vollständiger gewesen. Vielleicht zeigten sich damals die ersten Anzeichen von Nostalgie. Allmählich denke ich, Dinge zu besitzen und dann zu verlieren sei kein exakter Gegensatz.“ De Waal beschreibt in einer solch eindringlichen Weise die Geschichte dieser Netsuke wie die der Familie, daß ich stellenweise vergesse, daß es sich um ein Dokument gelebten Lebens handelt – um es in einer Tautologie zu schreiben. Und auch um das Dokument einer Familie, die der restlosen Vernichtung durch deutsche Faschisten entkam. Zumindest Teile dieser Familie. Andere gingen zum Duschen und wurden ein Rauch.

„Ich weiß viel über die Spuren meiner privilegierten Familie, aber über Anna kann ich nichts mehr herausfinden.

Über sie ist nichts geschrieben worden, sie wurde nicht in Geschichten aufgesplittert. Emmy hat ihr ihn ihrem Testament kein Geld hinterlassen: es existiert kein Testament. Anna hat keine Spuren in den Auftragsbüchern der Händler und Schneider hinterlassen. […] Ich kenne nicht einmal Annas vollständigen Namen oder was mit ihr geschah. Ich habe nie daran gedacht, zu fragen, als ich hätte fragen können. Sie war einfach Anna.“

Eine Leerstelle, ein Mensch, der etwas bewahrte, eine Sammlung japanischer Figuren, die ansonsten in alle Welt verstreut wären. Ana, die hier in diesem Buch einen Platz und doch keinen Platz mehr gefunden hat. Es wäre eine Geschichte des Vergessens zu schreiben. Die Rettung des unrettbar Verlorenen zu betreiben, wie Walter Benjamin es in seinem Essay zu Goethes „Wahlverwandtschaften“ schrieb.

Edmund de Waal, Der Hase mit den Bernsteinaugen; dtv, 14,90 EUR
Die Photographien der Netsuke wurden der Homepage von Edmund de Waal entnommen.

Dritter Rat für Wien: Edmund de Waal „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ (Teil 1)

„Es ist als wäre ein Schalter umgelegt worden. Geräuschrinnsale laufen unten auf der Straße zusammen, die Schottengasse hallt von Stimmen. Sie schreien ‚Ein Volk, ein Reich, ein Führer!‘ und: „Heil Hitler! Sieg Heil!‘ Und brüllen: ‚Juda verrecke!‘“ (Edmund de Waal)

 
36_Book galleryNetsuke sind kleine, aus Wurzelholz oder Elfenbein geschnitzte, fein gearbeitete Figuren, die im ausgehenden 17. Jahrhundert bis ins 19. Jahrhundert hinein in Japan gefertigt wurden. Als der US-Admiral Matthew Calbraith Perry im Jahre 1853 im Auftrag seiner Regierung der Ortschaft Edo (dem heutigen Tokio) mit seinen schwarzen Kanonenbooten einen freundschaftlichen Besuch abstattete, um mit stählernen Argumenten die gewünschte Öffnung Japans für Handel und Wandel zu kommunizieren, gelangte langsam aber beständig die japanische Kultur über ihre Insellage hinaus. Ich will diese eigenwilligen Wechselwirkungen zwischen Okzident und allem, was dieser Kultur nicht gleicht, sowie den Einfluß Japans auf westliche Kulturen nicht im Detail ausbreiten. Nur soviel: Auch Künstler und das gehobene Bürgertum begannen sich insbesondere in Frankreich für die Kultur Japans zu begeistern.

Diese Bewegung, die sich in den Gemälden der französischen Impressionisten wie Manet, Monet und Pissaro, aber auch im französischen Expressionismus, namentlich bei Gauguin und van Gogh, niederschlug, nannte sich Japonismus. (Dazu ist im letzten Jahr aus Anlaß einer Ausstellung im Essener Museum Folkwang im Steidl Verlag ein bemerkenswerter Katalog erschienen, der den Titel „Monet, Gauguin, van Gogh … Inspiration Japan“ trägt. Um Details und Wissen zu vertiefen, wie intensiv die Kultur Japans sich als Mode und zugleich als produktiver Einfluß in die Moderne des ausgehenden 19. Jahrhunderts senkte, scheint mir dieses Werk gut geeignet.) So begann eine Geschichte voll von schwärmerischen wie auch schöpferischen Mißverständnissen – wie es häufig passiert, wenn sich Europa mit andern Kulturen befaßte. Was für die Japaner in Traditionszusammenhängen und in Ritualen stand, wurde in Europa als ästhetizistischer Kitzel und Sinnesreiz umfunktioniert, transformierte sich in autonome Kunst oder es diente rein dekorativen oder andächtigen Zwecken. (Auratisierung und Fetischismus liegen in Kunstdingen wie auch in den Praktiken des Alltags, wenn wir uns mit schönen und kostbaren Objekten oder einem Kunstwerk umgeben, häufig nahe beieinander.)

38_Book galleryNetsuke verwahrt man, um sie gegen den Staub der Tage zu schützen, in Vitrinen. Sie können, freilich nur für eine kurze Zeit, momenthaft gleichsam, aus ihrer Behausung genommen und als Handschmeichler sanft berührt werden. Man möchte das Schöne des Materials und der Formen nicht mehr lassen. Aber es vergeht das Schöne samt der Aura eines Ortes. Bleiben ist im Dasein nicht vorgesehen, so behaupten Dichter wie Naturwissenschaftler gleichermaßen, wenngleich die Dichter denn doch ein gewissen Sehnen umtreibt, als wäre zumindest kontrafaktisch ein Bleiben und vielleicht sogar ein (Inne)Halten möglich: Sei es auch nur in der Poesie, im Text, der in Bildern fixiert, die Fixierungen wieder aufbricht, ins Offene entläßt und das Geliebte doch ganz und gar umschließt in immer neuen Konstellationen und Gesängen. Aber dies scheint mir ein anderes Thema zu sein.

Solche Netsuke spielen in Edmund de Waals „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ eine zentrale Rolle. Wer nach Wien reist, der lese als eine Einführung der besonderen Art unbedingt dieses Buch. Es ist die Familiengeschichte der Ephrussi, die ursprünglich aus den jüdischen Vierteln Berdytschiws in der heutigen Ukraine stammt, dann nach Odessa siedelte und sich dort im 19. Jahrhundert als Weizenhändler und dann im Bank- und Börsengeschäft nach Wien und Paris verzweigte. Edmund de Waal, der großmütterlicherseits ein Nachkomme jener Ephrussi ist, tastet sich an seinen Gegenstand heran: an das Dinghafte dieser wundervollen Netsuke, die wie magische Fetische mit Geschichten und Bedeutungen aufgeladen werden – je nachdem, an welchem Ort sie sich gerade befinden –, und ebenso an die Geschichte seiner Familie, die zum Großbürgertum aufstieg und unter dem deutschen Faschismus in alle Winde zertrieben wurde. (Im Falle derer, die zu Asche wurden, ist dies ganz und gar wörtlich und metaphernlos zu nehmen. Diaspora selbst noch im Tod.)

30_Book galleryFiguren aus Elfenbein und Wurzelholz strukturieren diese ausgreifende Biographie und das ist kompositorisch für das Buch ein Glücksfall, weil so nicht nur eine dramatische Familiengeschichte, sondern ebenfalls Kulturgeschichte erzählt werden kann. 264 solcher Netsuke gelangten in den 1870er Jahren als Sammlung in den Besitz der Familie Ephrussi. Charles Ephrussi, der Urgroßonkel aus Paris, erstand im Zuge des aufkommenden Japan-Stils mit geschmackssicherem Gespür diese feinen Figuren von einem Kunsthändler, der sich auf jene Gegenstände spezialisierte. Sie wurden Bestand seines üppigen, kunstsinnig austarierten Pariser Salons, in dem die Maler und Schriftsteller jener Epoche verkehrten – so auch Marcel Proust. Und Charles wurde im Gegenzug Bestand von Proust „Recherche“ – etwas von seinem Charakter findet sich in jenem wunderbaren Swann wieder. (Irgendwann muß ich hier im Blog mir noch meinen Proust-Essay erlauben. Mindestens 14 Folgen: Auf der Suche nach dem verlorenen Textende. Apokalypse now und über 55.000 Textzeichen.)

Charles Ephrussi verschenkte die Netsuke 1899 zur Hochzeit seines Cousins Victor nach Wien:

„Die Netsuke sind aus der Welt eines Gustave Moreau in Paris in die Welt der Dulac-Kinderbücher in Wien übersiedelt. Sie erzählen ihren eigenen Widerhall, sie gehören nun zum Geschichtenerzählen am Sonntagvormittag, sind Teil von Tausendundeiner Nacht, den Reisen Sindbads des Seefahrers und vom ‚Rubaíyát‘ des Omar Khayyám. Sie sind in ihre Vitrine gesperrt, hinter der Tür des Ankleidezimmers, am Gang, oben nach der hohen Treppe herauf vom Innenhof, hinter dem doppelflügeligen Eichentor, wo der Portier wartet, im Märchenschloss eines Palais an einer Straße aus Tausendundeiner Nacht.“

B1928113T12699489So wechselten die Figuren ihren Ort und gelangten in die Welt von de Waals Großmutter. Im Ankleidezimmer ihrer Mutter im Palais Ephrussi, von Zeit zu Zeit an den Sonntagen, durften die Kinder mit den Netsuke spielen. All diese Details und Geschichten, vom Bohème-Leben in Paris, das Charles inmitten der Künstler genoß, wie auch die eigenwillige Sicht auf Juden, die der eine oder andere Impressionist pflegte, erzählt uns de Waal in einem unprätentiösen Ton, als wäre es ein Stück der Literatur; und doch wissen wir in jeder Regung, daß es recherchiertes Leben ist: Dokumente einer verzweigten Familie, die de Waal ausgrub. Das Leben in Wien an einer der besten Adressen der Stadt in einem prunkvollen Bürgerpalast. Vom Antisemitismus als beständigem Begleiter des sozialen Aufstiegs: alles was ein Jude erreicht hatte, konnte ihm qua eines unvorhersehbaren Ereignisses, an dem sich das Ressentiment auflud, ebenso schnell wieder und ohne Rechtssicherheit genommen werden. Die Affäre Dreyfuss, aber auch der immer wieder aggressiv aufkeimende Antisemitismus in Wien zeigte solches Umkippen der Meinungen und Neigungen drastisch. Solches Feuer, das am Ende in die Ausrottung mündete, schürte der radikal antisemitische Dr. Karl Lueger, der von 1897 bis 1910 Bürgermeister Wiens war. In Österreich wird beim Namen immer brav der Titel genannt: man steigt nicht etwas am Karl-Renner-Ring, sondern am Dr.-Karl-Renner-Ring aus, wenn man mit der Tram kommt. „Küß die Hand, gnädige Frau!“ Das mache ich manchmal gerne, und nicht nur die Hand. Wien und seine Titel – eigenwilliger Charme. Diesen Charme der Stadt wie auch die sinnlose Kriegsbegeisterung im Juli 1914, den ans Idiotische grenzenden Patriotismus, gegen den Karl Kraus nicht müde wurde, in seiner „Fackel“ anzuschreiben, bringt das Buch gut ins Bild.

Ebenso schildert de Waal das soziale und abgezirkelte Leben eines gehobenen Bürgertums, das sich von Bediensteten einkleiden und bekochen ließ. Eine Welt, in der die Mühe der Arbeit nur am Rande vorkam. Das ist in Wien nicht anders als in Paris. („Wer baute das siebentorige Theben? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?“) Allgegenwärtig aber bleibt der Antisemitismus dieser Epoche. Egal ob in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg oder in jenen Jahren der Ersten Republik: „Wien mit seinen knapp 2 Millionen Einwohnern war aus der Metropole eines Reiches mit zweiundfünfzig Millionen zur Hauptstadt eines winzigen Landes mit sechs Millionen Menschen mutiert; es konnte den Umsturz einfach nicht verkraften.“ So brach die Wirtschaft zusammen. Georg Wilhelm Pabsts Stummfilm „Die freudlose Gasse“ illustriert die Zustände im Wien des Jahres 1921 drastisch. Bester Nährboden für den Antisemitismus, der in Wien die Oberhand gewann. Das ging bis zu der vom Deutsch-österreichischen Alpenverein ausgerufenen Losung: „Haltet die österreichischen Alpen judenrein!“ De Waal schreibt: „ Es war durchaus möglich, nicht über den Antisemitismus zu sprechen; nichts davon zu hören, das ging nicht.“ Die Ephrussis versuchten ihn weitgehend zu ignorieren – doch dies wurde mit den Jahren zunehmend schwieriger.

Bis hin zu jenem Jahr 1938, als die Welt ihren Umsturz erlebte. Beim Anschluß Österreichs an Deutschland steigerte der alltägliche, Jahrhunderte währende Antisemitismus sich zu einem eliminatorischen. Adolf Eichmann machte dem Führer ein besonderes Geschenk, indem er Wien so schnell es ging judenrein zu machen trachtete. Als erstes und als Demütigung mußten die Juden mit Zahnbürsten die Gassen Wiens säubern. Das Palais Ephrussi mit seiner prachtvollen Einrichtung wurde geplündert. Die Faschisten raubten sich das, was sie brauchten, von den Juden.

46_Book gallery(Ein zweiter Teil folgt, darin der geneigten Leserin zur Kenntnis gebracht wird, was es im weiteren Verlauf mit den Netsuke auf sich hat, wie de Waal Kenntnis von ihnen bekam und wieweit Dinge ein ganz besonderes Leben entwickeln, ja sogar ein Eigenleben führen können, das Grenzen übersteigt. Sozusagen erfahren wir hier, was die „Freiheit zum Objekt“ bedeutet. Zwangloser Zwang. Das wäre eine Weise des praktizierten Fetischismus im guten Sinne. Der Verfasser dieser Zeilen, der einen Hang zum Fetisch in seinen unterschiedlichen Ausprägungen und Materialisierungen hat, weiß in diesen vielschichtigen Bezügen, Stoffen und Schleiern, wovon er spricht. Da der Verfasser dieser Texte ebenfalls weiß, daß er einen Bildungsauftrag hat, verweist er auf vier Bücher zum Fetischismus: „In Gegenwart des Fetischs: Dingkonjunktur und Fetischbegriff in der Diskussion“ kürzlich erschienen bei Turia + Kant, etwas älter bereits Hartmut Böhme, „Fetischismus und Kultur“ bei Rowohlt sowie Karl-Heinz Kohl „Die Macht der Dinge. Geschichte und Theorie sakraler Objekte“, weiterhin das Seminar IV von Jacques Lacan: Die Objektbeziehung, ebenfalls bei Turia + Kant. Die Bücher befinden sich teils gelesen, teils noch nicht gelesen in der Bibliothek des Verfassers dieser Zeilen. Bis auf ausgewählte Gäste bitten wir von Hausbesuchen im Grandhotel Abgrund abzusehen.)

Edmund de Waal, Der Hase mit den Bernsteinaugen; empfehlenswert ist die bei dtv erschienene Sonderausgabe. Sie kostet 14,90 EUR und ist mit zahlreichen Abbildungen versehen.
 Copyrightvermerke der im Text verwendeten Bilder: Die Photographien der Netsuke wurden der Homepage von Edmund de Waal entnommen.
 Das Palais Ephrussi entstammt der Homepage der „Österreichischen Nationalbibliothek

Knappes Vorspiel auf ein lesenswertes Buch zu Wien, das dann aber doch nicht genannt, sondern auf Umwegen erst herbeiassoziiert wird, samt einem Satz Photographien der Stadt

„Noch kein Schriftsteller hat die Wirklichkeit
so beschrieben wie sie wirklich ist
das ist das Fürchterliche“
(Thomas Bernhard, Heldenplatz)

Wer mit einer leicht schrägen oder aber doch historisch agierenden Phantasie begabt ist, kann, wenn er im 21. Jahrhundert in Wien weilt, in den Straßen dieser Stadt immer noch jene Juden sehen, die mit Zahnbürsten und mit anderen Putzutensilien die Gassen und Plätze vom Schmutz zu reinigen hatten. Der Anschluß Österreichs ans Reich im März 1938 geschah im Fahnenmeer und unter Jubel der Österreicher, die sich nun wieder in ihrer Ostmark als vollwertige Deutsche fühlen durften. Die Mär vom unschuldigen Österreicher hält sich dennoch hartnäckig und bis heute. Thomas Bernhard hat in seiner ihm eigenen Drastik zum Österreichischen Nationalsozialismus und Faschismus eigentlich alles geschrieben, was zu schreiben ist. Zumindest das, was man auf den Punkt des äußersten Hasses und der aufs äußerste gesteigerten Wut zentrieren kann. (Literarisch gibt es aus Wien und von dieser Zeit – naturgemäß – sehr viel mehr zu berichten. Vom geniale Gerhard Roth einmal angefangen.) Nichts davon, was Bernhard schrieb, ist, wenn man es beim Wort nimmt, übertrieben, überzogen, übersteigert. Lesen Sie „Heldenplatz“. Gleich zum Auftakt heißt es in diesem Theaterstück:

„Kann schon sein daß Sie sich ein paarmal im Jahr
In dieser Stadt wohlfühlen
wenn Sie über den Kohlmarkt gehen
oder über den Graben
oder die Singerstraße hinunter in der Frühlingsluft“

Ja, Wien trügt Sinne und es umschmeichelt den Blick: beim Flanieren, beim Schauen, beim Shoppen, wenn ich durch die Stadt hetze um vom Radetzkyplatz zur Mariahilfer Straße zu gelangen, beim Photographieren: wie leicht fällt man da auf vielfache Weise herein, betätigt den Auslöser und hinterher, zu Hause wenn ich die Bilder auf die Festplatten überspiele, sichte, sortiere und lösche oder mit einer Bewertung markiere, dann erst bemerke ich, daß es nur eine belanglose Photographie ist, wie es sie tausendfach gibt, Geknipstes bloß: Als ich die Wiener Pestsäule ablichtete, sah ich etwas oder meinte in meiner Phantasie etwas zu sehen, das sich dann aber, als ich auslöste, im Ausdruck des Bildes, beim Komponieren und als ich den Bildausschnitt festlegte, objektiv nicht realisierte. Manche Bilder bleiben im Kopf und können sich nicht manifestieren. Latenztage wie diese. Dies sind die schlechten Tage eines Photographen. Meist machen die Menschen den Fehler, zu viel in eine Photographie packen zu wollen, und sie achten bei öffentlichen Plätzen oder Straßenszenen nicht darauf, wie und in welchem Verhältnis die Menschen angeordnet sind und sich gerade in diesem Moment positionieren und wie ihre symmetrische Konstellation und eine Art von imaginärer Linienführung genau in diesem Augenblick ausfällt: Funktioniert es oder läuft die Anordnung schief? Um auf Plätzen Menschen zu photographieren, muß ein Photograph viel Zeit mitbringen und von einer unauffälligen Stelle aus beobachten, schauen und sehen, bis es paßt. „Des Vetters Eckfenster“. Der Platz vor dem Stephansdom ist ein solcher Ort, wo ein Photograph sich gut herumdrücken und positionieren kann, der Graben in gewissem Sinne ebenfalls. Und natürlich der Heldenplatz, der Volksgarten. Wien besitzt viele solcher Ort und Plätze. Allein der Klang der Namen weckt den Wunsch, wieder in Wien zu sein und dorthin zu reisen: der Stadtpark, mein geliebter ruhiger III. Gemeindebezirk und etwas schlampert der Weg über den Donaukanal und dann hinunter zum Praterstern und in die Leopoldstadt.

Flanieren also, mit der Kamera. Im wunderbaren Wien. Ich liebe es, wenn ich spaziere, beobachte, mich beim Schauen treiben lasse, ohne ein Ziel führt mich das Gehen an diesen oder an einen ganz anderen Ort. Die Bauwerke und die Menschen in ihrem Alltagesbetrieb mir anzuschauen. Da ist ein Ton, der klingt auch über dem Pflaster. Nicht zu sehr mit dem Blick in den Gebäuden oder den Menschen sich verlieren und dabei vor die Straßenbahn laufen. Den Ring demnächst vorsichtiger queren und nicht wie das Auge der Kamera blicken, was zu photographieren wäre! Ding unter Dingen. Reiner Apparat, der registriert. Ich gehe zu oft bei roter Ampel. Manchmal schlendere ich tief in der Nacht. Ich betrachte mir die erleuchteten Fenster. Aber darunter, unter diesem Pflaster, da liegt nicht nur und bloß der Strand, sondern es rumort vielmehr in der Erde. Teils blutige Geschichte. Das aber hören wenige Menschen. Die Ringstraße feiert 150jähriges Jubiläum. Hans Makarts eigentümlicher Malstil, der die Interieurs prägte. Ist das nicht doch zu üppig dekoriert und überladen? Ja. Ornament und Verbrechen. Doch es paßte zu jener Gründerzeit, als das Großbürgertum zu repräsentieren begann. Da stehen die prunkvollen Gebäude in ihrem klassizistischen oder verschnörkeltem Stil: Bankhäuser, die einstmals Wohnpaläste der Wohlhabenden waren – wie etwa das Palais Ephrussi am Schottentor, beim Universitätsring, Ecke Schottengasse, nicht weit entfernt von der Berggasse 19. Eine für mich magische Adresse, an die es mich immer wieder zieht. Jenes Haus in der Berggasse, im neunten Wiener Gemeindebezirk mit seinen Exponaten. Dem roten Sofa und Fetischobjekten aus einer anderen Welt und Zeit. Rückblicke können vielfältig ausfallen. Sie haben jedoch immer mit der Gegenwärtigkeit und also auch mit der Gegenwart, dem Hier und Jetzt und dem heute zu tun.

„Wer je einen schrecklich flehentlichen Brief geschrieben hat, um ihn dann doch zu zerreißen und zu verwerfen, weiß noch am ehesten, was hier unter ‚heute‘ gemeint ist. Und kennt nicht jeder diese beinahe unleserlichen Zettel: ‚Kommen Sie, wenn überhaupt, wenn Sie können, wollen, wenn ich Sie darum bitten darf! Um fünf Uhr im Café Landmann!‘ Oder diese Telegramme: ‚bitte ruf mich sofort an stop noch heute.‘ Oder: ‚heute nicht möglich.‘

Denn Heute ist ein Wort, das nur Selbstmörder verwenden dürften, für alle anderen hat es schlechterdings keinen Sinn, ‚heute‘ ist bloß die Bezeichnung eines beliebigen Tages für sie, eben für heute, ihnen ist klar, daß sie wieder nur acht Stunden zu arbeiten haben oder sich freinehmen, ein paar Wege machen werden, etwas einkaufen müssen, eine Morgen- und eine Abendzeitung lesen, einen Kaffee trinken, etwas vergessen haben, verabredet sind, jemanden anrufen müssen, ein Tag also, an dem etwas zu geschehen hat oder besser doch nicht zu viel geschieht.“
(Ingeborg Bachmann, Malina)

Haben Städte und Orte eine Aura? Ja, manche ganz gewiß; in Wien steckt etwas. Das spukt. Mein Hang zum Überbordenlassen der Phantasie. Zwischen Phantastischem und Phantasma. All diese Stadtbilder, die sich einbrennen und die in ihrer Weise danach begehren, in eine Ordnung des Texte, des Blickes, des Bildes versetzt zu werden. Mein Hang zum Fetisch. Und sei es bloß der Knauf einer Haustür oder ein Plakatfetzen an einer Häuserwand, der lose und müde herabhängt und manchmal im Wind sich bewegt. Oder ich betrachte mir ein offenes Fenster, hinter dem ein weißer Vorhang weht. Ich stelle mir vor, daß dort gerade ein Verbrechen geschieht. Oder ein Mann schläft hinter der Wand mit einer Frau, inmitten der Sommerhitze, und es kleben auf diese wundersame wilde Weise des Sommers diese beiden Körper aneinander, Hände, die über das erhitzte und schwitzige Fleisch gleiten. Wäschestücke, die fallen. Auch Fetischobjekte. Der Vorhang weht und gleitet hin und her und ein Stück weit schiebt sich der Stoff nach draußen. Aber es geschieht ansonsten nichts. Es zeigt sich an diesem Fenster kein Mensch. Dem Neurotiker mag es durch die Allmacht der Gedanken gegeben sein, Dinge zu bewegen. Zumindest in der Phantasie. Manchmal schaue ich mir diese Dinge an. Verharre in dem dunklen Aufgang eines Treppenhauses, betrachte das Holz der Stiegen.

In der Ungargasse, da wo Malina sowie Ivan idealiter und Ingeborg Bachmann realiter wohnten. Ich sehe dort die Gespenster. Ich lese in den Steinen, lese die Namen auf den Klingelschildern. Ich will geradezu erschrecken, dieses Schock heraufbeschwören durch Rituale und möchte auf einer der Messingtafeln oder unter dem Plastik lesen: „Malina“. In Frankfurt/Main ging es mir so, als ich 1990 mit einer Freundin den Kettenhofweg hinunterspazierte. Wir dachten uns als junge Adorno-Leser: Mal gucken wie der Meisterdenker gewohnt hat! Bei Nummer 123 verharrten wir, schauten, sahen auch auf das Klingelschild und da stand immer noch dieser Name: ADORNO. Wir waren zunächst wie vor den Kopf geschlagen. Aber natürlich, fiel es uns beiden dann ein, seine Frau Gretel Adorno lebte ja zu diesem Zeitpunkt noch! Fast zwanzig Jahre nach ihrem Selbstmordversuch. Im Rollstuhl harrend. So springen die Assoziationen. Die Ungargasse ist eigentlich eine völlig unbedeutende und zudem wenig belebte Straße, sie ist nicht besonders aufregend, nicht besonders schön, wenig interessante Lokalitäten, höchstens das Café Malipop. Die Straßenbahn der Linie O fährt von Zeit zu Zeit durch die Gasse und bringt die Menschen nach Wien-Mitte oder bis zum Praterstern oder aber in die andere Richtung nach dem Belvedere zum schönen Park. Dort, wo man vom Oberen Belvedere auf Wien und den Stephansdom blickt.

„Wenn man die Welt vom III. Bezirk aus sieht, einen so beschränkten Blickwinkel hat, ist man natürlich geneigt, die Ungargasse herauszustreichen, über sie etwas herauszufinden, sie zu loben und ihr eine gewisse Bedeutung zu verleihen.“
(I. Bachmann, Malina)

 

 

Schreibtage wie diese, wenngleich keine Hundstage

OLYMPUS DIGITAL CAMERAGenau meine Temperatur, genau mein Klima. Heute am 28.7.2015 im schönen Berlin, Datumsgrenzen, weit im Westen der Stadt. So kann es bleiben: Ich, der Mann, der aus der Kälte kommt. Kälte ist mir eine Herzensangelegenheit. In der Hitze des Sommers mag ich nicht vor die Tür treten. Die ersten Tage des Julis mit seiner drückenden Hitze, als ich nach Wien reiste und mich tagelang nur in der klimatisierten Albertina und dem Kunsthistorischen Museum aufhielt, weil ich es woanders nicht ausgehalten hätte, waren mir ein Graus. Einzig hier, in meinem kühlen, geräumigen Altbau läßt es sich wohltemperiert verweilen – noch bei größerer Hitze. Nachts, wenn der Flaneur seine Streifzüge unternimmt, werden die Fenster geöffnet. Dann dringt die Kühle der Nacht, der Bäume und der nahen Wälder in die Wohnung. Zirkulation ist das Prinzip.

Eigentlich wollte ich mich heute an eine Rezension setzen. Entweder Goetzens „Johann Holtrup“ in der Luft zerreißen, denn so etwas Banales und simpel Gestricktes im Modus eins-zu-eins habe ich lange nicht gelesen – Kapitalismuserklärbärmodus für Kinder mit Wutanfall. Nach vier Seiten legte ich das Buch beiseite. Und ich befürchte, es wird im Gesamt und Lauf der Schtory nicht viel besser werden. Aber ich kann mich irren. Bei Lutz Seilers „Kruso“ fand ich es auf den ersten 20 Seiten bemüht, der Text kam nicht in Gang und klemmte, irgend etwas hakte und ging nicht auf. Aber dann, von Seite zu Seite nahm die Angelegenheit Fahrt auf, Sprache und Welt wurden poetisch. Das Gewebe des Textes stimmte. Ich reiste nach Hiddensee, dort, wo ich niemals in meinem Leben war und wo der Sanddorn so hoch steht.

Überhaupt wäre das eine gute neue Kolumne: „Mein Verriß nach vier Seiten“. Vielleicht lese ich vom „Johann Holtrup“ noch den Schluß. Das Problem, das sich für private Blogger ergibt, die nicht ihre Arbeitszeit, sondern ihre Lebenszeit dafür einsetzen – obgleich das bei mir in eins geht –, wenn sie ein Buch lesen und dann einen Text dazu schreiben, ist es, einen eigentlich grauslichen Roman oder einen blödsinnigen Gedichtband weiterlesen zu müssen, um darüber etwas zu berichten. Das kostet Zeit. Zeit, die für etwas aufgebracht werden muß, das schmerzt, ärgert und manchmal sogar wütend macht, weil man die Sache für von Grund auf mißlungen hält.

Nun ist es zwar so, daß Verrisse eigentlich die hohe Kunst der Literaturkritik bedeuten – nichts schöner, als in einer Bernhardschen oder Reich-Ranickischen Kanonade des Schimpfs niederzumähen. (Manchmal zumindest und solange das nicht auf Dauer gestellt wird und als Prinzip fungiert. Dann wird es durchschaubar wie Goetzmeckern. Wegen Meckerns vom Platz gestellt, könnte man dazu sagen. Nun hat er aber gerade ob dieses Tons einen Preis erhalten.  Nun gut.) Aber für die kurzen Wonnen der Lust 350 Seiten lesen? Und was mache ich, wenn ich den auf dem Stapel ungelesener Bücher liegenden Steffano DʼArrigo mit „Horcynus Orca“ für mißlungen halte? Na gut, das wird hoffentlich nicht passieren, ich habe in das Buch schon einmal hineingelinst und bin angetan. Aber dieses „angetan und zugeneigt“ kann eben nicht das Gerüst für eine gelungene Kritik bilden, die sich an der Sache, am Text, an seiner Sprache, an der Kunst, Welt und Wirklichkeiten zu poetisieren und Literatur neu zu erfinden, orientiert.

Worauf wollte ich eigentlich hinaus? Genau: auf eine Goetz-Rezension, die ich aber dann  doch aufschob zugunsten eines anderen, noch ausstehenden Textes, der mir wichtiger erscheint: Meinen „Dritten Ratschlag für Wien“, den ich heute oder morgen eigentlich auf „Aisthesis“ posten wollte. [Seien Sie gespannt, wie der Rat lauten wird.] Zudem muß ich das Design des Blogs ändern, denn WordPress hat ungefragt die Vorlage umgewurschtelt. Nun habe ich eine schwarze Titelschrift statt einer roten. Ich möchte jedoch ohne Einschränkung und Kompromiß eine rote Schrift auf einem weißen Grund. Keine schwarze. Denn dies hier ist kein Totenblog, sondern die Seite eines ungemein heiteren, Dekonstrukteurs, eines Nihilisten und Pessimisten. Wenn jemand mir sagt: „Du Pessimist!“ dann bin ich häufig sehr glücklich und zufrieden; ein freundliches, ja gütiges Lächeln umspielt meine Mundwinkel. (Zart und kaum wahrnehmbar freilich, wie das der „Mona Lisa“.)

Wie einem am Vormittag die Zeit durch die Finger rinnt! Und schon ist es eine Stunde später. Lebenszeit, die geht. Und während ich meine Privilegien checke, daß ich ein alter, weißer, heteronormativer, bleicher Mann bin, der tanzt (Tocotronic – hehe) und der in einer immer größer werdenden Bibliothek das Einsame genießt – ich denke gerade mit Genuß an meinen wunderbaren Freund, den Soziopathen Sherlock Holms, insbesondere wie ihn Benedict Cumberbach in jener legendären, ganz und gar großartigen und zu den Romanen kongenial umgesetzten BBC-Serie spielt, über die ich ebenfalls schreiben wollte – während ich also checke, bemerke ich zu meinen Entsetzen, daß ich dem Vorhaben, einen Vortrag, den ich in kleinem Rahmen im schönsten Monat des Jahres, nämlich dem November in Weimar hielt, in Schriftform zu bringen, damit er in der kleinen Zeitschrift „Kunst Spektakel Revolution“ abgedruckt werde, nicht ein Stück näher gekommen bin. Das stimmt mich traurig, während die Sonne östlich am Bibliotheksfenster minutenlang streift, um sich dann wieder zu entziehen und in den Bäumen schräg eine Berliner Krähe knurrt, rabt und lärmt. Abgabetermin soll – zum zweiten Mal herausgeschoben – nun endgültig der 31. Juli sein. Also muß ich den „Dritten Ratschlag für Wien“ zeitlich nach hinten lagern. Denn heute geht es ans Korrekturlesen jenes Textes mit dem Titel „Von der Grundfarbe Schwarz. Negative Ästhetik oder verhüllte Utopie in der Kunsttheorie Adornos“.

„Les jours sʼen vont je demeure“ dichtete Guillaume Apollinaire im Refrain und beschließt damit zugleich sein wunderbares Gedicht vom „Pont Mirabeau“. Die Tage vergehen. Ich bleibe. Das freilich ist ein Irrtum.
 
 
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