Böhmischer Prater – Wien

Wien, Ende September 2018, Blasmusik tönt, wie selbstverständlich laufen die Burschen in Lederhose und die Madeln tragen Dirndl. Sie strömen zum Prater, dem Vergnügungspark im 2. Wiener Bezirk. Auch dort feiern die Wiener „ihr“ Oktoberfest. Exportiertes Bajuwarentum. In heutigen Zeiten hingegen will feiern gut überlegt sein – ob Gangbang, Bungabunga, Kit-Kat, Diskofox oder des Onkels 50er Geburtstag: nur mit negativem Coronatest oder gar nicht. Irgendwann aber geht es wieder nach Wien und auch in den herrlichen Prater und eben jenen „anderen“ Prater.

Den Prater, auch Wurstelprater genannt, kennen die meisten Wienreisenden zumindest dem Namen nach, wenngleich der tatsächliche Prater sehr viel größer ist, nämlich eine gedehnte Parklandschaft mit Auenwald, zwischen Donaukanal und Donau, im Südosten Wiens, nahe des Zentrums. Eine herrliche Landschaft, um sich zu erholen: obwohl Wien für den Besucher Erholung genug ist. Wer bisher nicht im Prater war, erinnert sich aber an jene spektakuläre Szene aus dem Film Der Dritte Mann: das Riesenrad, hoch über dem düsteren Nachkriegs-Wien und jene Gondel, wo Harry Lime (Orson Welles) seinem alten Freund Holly Martins (Joseph Cotton) mit Zynismus die neue Zeit erklärt. Der Prater in Wien-Leopoldstadt ist bis heute ein Riesenrummel.

Wer jedoch eine ausgefallenere Art des Jahrmarktes mag, wer Dinge schätzt, die aus der Zeit gefallen scheinen und wer Sinn fürs Abseitige hegt, der reise aus der Stadt hinaus in Richtung des Naherholungsgebiets Laaer Berg, an der Stadtgrenze, im Süden Wiens, 10. Bezirk Favoriten. Das ist Arbeitergegend, immer schon. Früher lebten dort Tschechen, heute die Kroaten, die Türken, die Kosovaren, und ebenso die Ureinheimischen. Eine Vielvölkerstadt. Mit der U-Bahn-Linie 1 fahre ich bis zum Reumannplatz, eine unwirtliche Gegend, nichts Spektakuläres dort, außer dem üblichen Grau oder ein Schißgrün des Wiener Gemeindebaus. Hier ist man im tatsächlichen Wien, weit ab von Heurigengemütlichkeit, von Stephansdom und Straußscher Walzerseligkeit. Hier fragt keiner in Barockkostüm verkleidet, ob man Karten für das große Wienerwalzerkonzert erstehen möchte. Hier ist Kanacksprack. Ich eile weiter und suche den 68er Bus, der mich zumindest in die Nähe dieses anderen Praters bringt, des Böhmischen Praters. Von der Haltestelle Urselbrunnengasse aus laufe ich dann nochmal eine Viertelstunde, um an diesen sagenumwobenen Ort zu gelangen. Leicht zu erreichen ist dieser Vergnügungspark nicht. Zumindest nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln, und wer es mit dem Fahrrad versucht, sollte keine Herzbeschwerden haben.

Endlich angekommen und dann geht’s hinein in die Welt des Vergnügungsparks, genauer gesagt eines Rummels, den es eigentlich so gar nicht mehr geben dürfte, weil man denkt, daß seine Zeit lange schon abgelaufen ist. Gleich links beim Eingang fällt mein Blick auf ein altes Ringelspiel. Dies ist die Bezeichnung für ein Karussell, dessen Figuren sich artig im Kreis drehen. Das Ringelspiel hat eine lange Tradition, es stammt vom Training der Ritter, die mit einer Lanze die seitlich aufgehängten Ringe durchstachen. Im Barock diente dieser Wettkampf dann zur Belustigung und wurde als Ringelreiten zum Vergnügungsspiel auf ein „Carrousel“ montiert.

Der Böhmische Prater entstand 1882, als sich eine Reihe von Ausflugslokalen für die Arbeiter auf dem Laaer Berg ansiedelte. Jene waren nötig geworden, damit die Habsburger Herrlichkeit sich erweiterte und die Stadt Wien neue Dimensionen annehmen und sich industrialisieren konnte. Wien wird zur Großstadt demoliert, so spottete später Karl Kraus. Zu den Ausflugslokalen für die Arbeiter gesellten sich 1883 die ersten Fahrgastgeschäfte: Kettenkarussell und Russische Schaukel. Damals hieß er noch Favoriten-Prater doch schnell bürgerte sich wegen der vielen Tschechen der Name Böhmischer Prater ein. Im Illustrierten Wiener Extrablatt von 1884 heißt es: „An Sonntagen geht es im Prater am Laaerberg, von welchem man eine herrliche Aussicht auf die Residenz genießt, so lustig zu, wie in der Donauau in der Leopoldstadt, welche Kaiser Joseph den Wienern geöffnet hat.“ Der eine und der andere Prater eben.

Weniger schön beschreibt es 1886 die Vorstadt-Zeitung:

„Ekelerregende Schnapsverkäuferinnen, welche in czechischem Idiom ihre Waare anbieten; schmutzstarrende alte Weiber, die um Almosen stehen. Krüppel, welche ihre Gebrechen zur Schau stellen, verstimmte Leierkasten, die ihre ohrenbetäubenden Klänge zum besten geben, markieren die Wege zu dieser merkwürdigen Kolonie.“

Im 20. Jahrhundert mußte die Politik den Schaustellern oftmals unter die Arme greifen, weil die Eigentümer des Geländes andere Projekte im Sinn hatten: 1984 wollte eine Firma für Spielautomaten dort Hotels und Spielhallen erreichten: „Klein Las Vegas“ sollte hier erblühen. Dem machte jedoch der Bezirk einen Strich durch die Rechnung. Das Praterareal wurde durch die Stadt Wien gekauft und so war ab 1986 sichergestellt, daß die Schausteller weitermachen konnten.

Das alte Ringelspiel von 1890 kreist also zum Glück noch immer. 1984 wurde das Karussell wegen seiner Einzigartigkeit unter Denkmalschutz gestellt. Mit seinen 12 Holzpferden ist es das älteste Ringelspiel Europas. Die Pferdchen heißen Peter, Susi, Otto, Gitti. Sie drehen sich und drehen sich an diesem Sonntagnachmittag im Kreis, zusammen mit der alten schönen Straßenbahn, dem BMW-Motorrad, der Dampflok und dem Oldtimer. Aber es sitzen nur wenige Kinder auf Pferd, Wagen, Motorrad. Karussellmusik ertönt aus der alten Orgel. Es ist wie in vergangenen Tagen und wenn man ein wenig phantasiert, reist man zurück in diese Zeit. Auch das macht den Reiz dieses Ortes aus. Aus der Zeit gefallen.

Aber der Böhmische Prater ist keineswegs nur Museumsdorf, sondern es gibt genauso moderneres Gerät. Der Karibik-Twister, die üblichen Automaten zum Armdrücken, Biergärten und der klassische Autoscooter, der hier schön alt Autodrom heißt.

Als Stadtspazierer ist es nicht meine Spezialität mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Aber gut ist es doch, auch mit Leuten zu sprechen, mit den Schaustellern, und sie zu befragen. So erfährt der Spaziergänger Dinge. Ich gucke ich mir jemanden aus, und am Riesenrad treffe ich Franz Reinhardt, Inhaber des alteingesessenen Schaustellerbetriebs gleichen Namens. Reinhardt ist zugleich Obmann im Verein der Schausteller im Böhmischen Prater. Ich frage ihn, wie lange er dieses Geschäft betreibe. Das, so Reinhardt, sei ein Lebenswerk, immer schon habe er das gemacht. Doch im Lauf der Zeiten hat sich vieles gewandelt. Das Geschäft ist härter geworden, die Konkurrenz durch andere Unterhaltung erheblich und die Leute kommen seltener. Zusammen mit dem Riesenrad betreibt er das Kaffeetassenkarussell und die alte Kartbahn für die Kleinen. Karussells mit Nostalgie, mit viel Charme und Schönheit.

Ich denke beim Anblick des Riesenrades und dessen Design an die 70er Jahre, obwohl es erst 1988 aufgebaut wurde. Aber genau so sahen auch damals die Gondeln aus. „Warten Sie mal!“, sagt Franz Reinhardt. Dann verschwindet er in seiner Schaustellerkabine und als er wiederkommt, hält er einen Katalog in der Hand: Favoriten und der Böhmische Prater. Laaerberg – Der andere Wiener Wald. „Darin finden Sie alles, was Sie wissen wollen“, sagt Reinhardt. Dann folgt eine Szene, die ich mir lieber nicht gewünscht hätte, und von diesem Punkt an hätte das Gespräch gerne beendet sein können. Aber das war es nicht. Es nahm eine unangenehme Wendung: „Und jetzt fahren wir Riesenrad!“, rief der Herr Reinhardt vergnügt. Die Sache hatte nur einen Haken: ich bin nicht schwindelfrei. Daran hat auch – als Konfrontationstherapie – das Fallschirmspringen nichts geändert, obgleich es doch seinen Reiz hat, mit einer alten Antonow in den Brandenburger Himmel aufzusteigen. Nicht einmal eine Leiter geht, geschweige ein Sessellift. Und schon gar nicht das Riesenrad. Ich lehne dankend ab, aber Herr Reinhardt hat eine Art zu überzeugen, der ich nicht wiederstehen konnte. Außerdem muß man für eine Reportage Opfer bringen, denke ich mir. Andere wühlen unendlich in Akten und recherchieren, ich hingegen fahre Riesenrad. Ich bin ein weißer alter privilegierter Mann, der seine Privilegien schwer genießt. Wir steigen ein. Herr Reinhardt gibt ein Zeichen und auf geht die Reise in der Gondel mit der schmalen Brüstung. Aber für Sicherheit ist gesorgt, er sei ja mit an Bord, so murmelt Herr Reinhardt.

Nein, das Riesenrad ist nicht riesig, es mißt gerade mal 21 Meter, das Wurstelprater-Riesenrand hat eine Höhe von knapp 65 Metern. Doch wenn man oben ist, schwebt man über Wien, sieht von der Höhe des Laaer Bergs auf die Stadt hinab. Donaucity und die alten Gasometer, in der Ferne der Stephansdom und noch weiter im Horizont ragt der herrliche Kahlenberg. Es ist ein wunderbarer Blick über das geliebte Wien. In der Höhe, auf der Spitze verharren wir ein wenig, ich schaue auf diese so schöne Stadt, die Augen fest auf den Horizont gerichtet, wie man es bei Schwindel macht. Froh bin ich jedoch, als es wieder zur Erde geht. „Sehen Sie, ist doch gar nicht schlimm!“. Nein, das war es nicht, ich bedanke mich artig und schlendere weiter. In Richtung des Ausgangs zum Laaer Waldes.

Doch vorher erwartet mich noch das alte Raupen-Karussell der Familie Geissler. Am Kassenhaus ist ein Schild angebracht: „Diese Raupe wurde im Jahre 1929 von meinem Onkel Rudolf Rusniak gebaut“. Neben der Raupe findet sich die uralte Karussellorgel. „Die Orgel entspricht einer Orchesterkapazität von ca. 25 Mann“ steht da in alter geschwungener Schrift. Ich stehe und staune angesichts dieser Pracht der liebevoll bemalten Figuren und der Orgelpfeifen. Ich werfe einige Euro-Münzen in die Büchse des Leierkastenmanns. Er ist aus Holz und hat einen buschigen Oberlippenbart.

Und dann geschieht das unvorstellbar Schöne: Plötzlich heben die Orgelpfeifen zu spielen an, Kirmes-Musik setzt ein. Langsam, schunkelnd, dann scheppert, hämmert, orgelt und tönt es, nicht zu laut, nicht zu leise, sondern so wie es auf einem Jahrmarkt sein muß. Und da erklingt sie plötzlich: die Wiener Walzerseligkeit, Straußens An der schönen blauen Donau. Aber nicht im Konzertsaal mit erlesenem Publikums und feinen Instrumenten gespielt, sondern fürs Volk, schief, krachend und wie in einem Stück Ödön von Horváths. Das ist melancholisch und zugleich anrührend schön.

Konservative wollen etwas bewahren, was eigentlich nur noch in unserer Erinnerung seinen Ort hat. Traurig und doch auf eine Art beglückt schlendere ich fort in Richtung der Wälder.

Der Naschmarkt zu Wien, Donaukanal, Josefstadt und ein Handke-Nachschlag

Um nicht nur das Thema Handke und all die Denunziationen und die Nicht-Lektüren hier zum Thema zu machen, aber um doch irgendwie in Österreich zu bleiben, wenn auch nicht in Kärnten, sondern in Wien, spiele ich hier einige Photographien aus jener schönen und herrlichen Stadt ein.

Zu dem unseligen Artikel von Alida Bremer beim „Perlentaucher“ sei aber doch noch soviel geschrieben: Ihr Text ist voll von freien Assoziationen und Handke-Zitate werden bewußt dekontextualisiert. Bremer reißt aus dem Zusammenhang, um dann dasjenige an Deutung in ein vermeintlich inkriminierendes Zitat zu packen bzw. herauszukonstruieren, was ihr in den Kram paßt. Nach dieser Methode wäre auch Thomas Mann mit seinem Text „Bruder Hitler“ ein Nationalsozialist par exellence . Unter dem Nazi, unter dem Faschismus und Breivik macht es Bremer nicht. Suggestiv der gesamte Text und wenn man die Methode Bremer auf diese Frau einmal selbst anwendete, dann käme womöglich heraus, daß durch dieses Überdehnen des Nazi-Begriffes dieser entleert und damit zugleich verharmlost und relativiert wird, und wo der Nazi beliebig als Spielmarke eingesetzt wird, um andere zu diskreditieren, ist am Ende jeder oder eben niemand mehr ein Nazi bzw. ein Rechter. Den echten Nazis kommt das gut zupasse. Betreibt Bremer also das Geschäft der Nazis? Mit ihrer Methode zumindest entwertet Bremer den Begriff des Rechten und leert ihn aus.

Die Methode Bremers besteht, neben den üblichen und bei ihr inzwischen notorischen Denunziationen, in einer fehlerhaften Kontextualisierung von Zitaten, und darin liest Bremer dann genau den Sinn hinein, den sie bereits vorher hineinlegte. Hermeneutische Referenzrahmenbestätigung mithin. Daß sich all diese Passagen auch anders lesen lassen und auch so zu lesen sind, verschweigt diese Dame geflissentlich. Bereits im Auftakt ihres Textes zeigt sich die rhetorische Kläglichkeit ihres Unternehmens: daß dieser Text eben nichts als rhetorischer Klimbim ist. Im Heranzitieren einer Äußerung von MRR wird sogleich jegliche Kritik an einer (dazu noch unsachgemäßen) Handke-Kritik abgebügelt und gleichsam pathologisiert. Kritisiert man den Kritiker oder hier eben, die Kritikerin, so gehört man bereits zur Gemeinde.

Dabei gelingt es ihr im Sinne einfachster Recherche nicht einmal, Marcel Reich-Ranickis Literarisches Quartett korrekt zuzuordnen. Daß der Mann bereits 2013 tot war und also am 27. September 2014 (so in der Ursprungsfassung ihres Textes, bis heute morgen so online) kaum auf Sendung gehen konnte: geschenkt (inzwischen hat sie es korrigiert). Ebenso wie mit Zahlen geht sie mit den Zitaten um: ungenau und ausgedeutet nach ihrem persönlichen Gusto, so wie es in Bremers vorgefertigtes Schema paßt. Differenzierungen können da gar nicht erst auftauchen.

Kritik aber heißt unterscheiden und eine Sache zunächst einmal zu sichten. Das heißt nicht, Handke in jedem zuzustimmen. Das aber was Bremer macht, ist ein Tribunal. Ihr geht es um die Vernichtung eines Autors, indem etwa bewußt Zitate und Sätze Handkes aus dem Kontext gerissen werden und dazu dann ein rechtes Narrativ aufgefahren wird.

Die komplexe Geschichte des Jugoslawienkriegs, der in der Tat gut erforscht ist, löst sie in eine Richtung hin auf, nämlich die ihr in den persönlichen Abrechnungskram passende.

Lesen und Gelesenes begreifen/verstehen sind übrigens zweierlei. Vielleicht sollte dies irgendwer der Frau Bremer einmal stecken.

Und um es auf den Punkt zu bringen, und darin scheitert eben auch der Bremer-Text: Eine komplexe und überdeterminierte Angelegenheit wie die Prosa Handkes und auch dessen Essays bzw. Aufsätze  zu Jugoslawien werden reduziert auf einen einzigen Aspekt: Ein rechter Autor, ein rechter Denker. Jegliche Mehrdimensionalität wird in bewußter Entstellung exkulpiert. Solche Texte wie die von Bremer verhindert damit eine tatsächliche und sachliche Auseinandersetzung – das also, was sie vorgeblich anstrebt, wird vereitelt durch die Methode und die Thesen solcher Texte.

Im dreißigsten Jahr: Zum Tod von Thomas Bernhard (1)

„Das Wesentliche an einem Menschen komme erst dann, wenn wir ihn als für uns verloren anschauen müssen, in der Zeit, in welcher dieser Mensch nur noch von uns Abschied nimmt, zum Vorschein. Er könnte auf einmal in allem, was an ihm nur noch Vorbereitung auf seinen endgültigen Tod sei, auf seine Wahrheit hin identifiziert werden.“ (Thomas Bernhard, Verstörung)

Die Schrecksekunde, als ich es vor dreißig Jahren in der Zeitung las: Thomas Bernhard tot. Internet gab es damals nicht und keine „Zeit“, keine „FAZ“, die minutengenau zur Punktlandung Thema Tod aufsetzten. Also geschah es naturgemäß, wie der Lauf der Medienzeit – der alten, der guten – damals sich gerierte, in den Zeitungen einen Tag später: Nachrichten waren langsam. Zumindest vom Heute aus gesehen.

Da also am 12.2.1989, an einem Sonntag im düsteren Februar einer der heimlichen (und hier auch heimischen) Hausheiligen dieses Blogs Todestag hat, muß es eine Hommage an Thomas Bernhard geben. Und zwar als Spaziergang in luftige Höhen, mit Krankheitsschub. Versteht sich. (Wer exzessiveres Gehen mag, lese die Bernhard-Erzählung gleichen Titels: Ein Wortschub, wie ein rasender Spaziergang.) Es war letztes Jahr in Wien. Ich besuchte zum ersten Mal Bernhards Grab, das nicht, wie die meisten annehmen, auf dem Zentralfriedhof ist, wo bekanntlich alle Prominenten Österreichs begraben liegen, oder zumindest fast alle Prominenten, sondern vielmehr auf dem ebenso abseits gelegenen, aber deutlich unbekannteren Grinzinger Friedhof, wo Bernhard sich klammheimlich und in aller Stille neben seinem Lebensmenschen beerdigen ließ.

Raus ging es also von der Josefstadt zu Fuß durch die Alservorstadt und dann mit der Tramlinie 38 weiter hinauf. Herrlicher Herbstsonntag über Wien. Und als ich in jenem beschaulichen Bezirk ankam, da Bernhard begraben liegt und wo die Weinseligkeit hängt und es fein, nein böse, derbe, grantelig, melancholisch im guten alten Wienerlied beim Heurigen tönt und klingt – es „muß ein Stück vom Himmel sein“, das ist in Wien so –, schlenderte ich bergan. Bei ziemlicher Hitze, trotzdem es bereits der letzte Tag im September war, nämlich der 30. Leider nicht vom Wein trunken, sondern derangiert durch eine Erkältung. Keine süße Herbstmelancholie, im milchigen Nebellicht die Blätter glänzen, sondern eine gleißende Pan-Sonne sticht über dem halborientalen Wien.

Hoher Mittag. Und ich kämpfte mich den Hügel hinauf, an den sich der Friedhof schmiegte, ich betrat das Tor, in der Hoffnung, es auch wieder zu verlassen und nicht womöglich in ein ausgehobenes Grab zu stürzen und dort vor Schwäche oder an gebrochenem Erkältungsherz zu verenden. Es geschah dies zwar nicht, aber eine noch stärkere, sich zunehmend einstellende und erheblich sich steigernde Erschöpfung, die auch die Lungen in Mitleidenschaft zu ziehen schien, ließ mich schier verzweifeln, eine Erschöpfung nicht nur durch die Hitze und die mehr und mehr zum Kopfe gestiegene Erkältung, sondern auch eine Ermattung durch innere Unruhe, denn es geschah das, was ich nicht für möglich hielt: Ich fand das Grab nicht. Ich hatte mir aus dem Internet die Lage notiert, hatte mir die Gestalt des Grabmals eingeprägt, aber trotz Suche fand und fand ich das Grab an dieser markierten Stelle nicht. Nicht daß das Grab leer wäre, sondern es war gar nicht erst da. Nichts. Menschen, Tote zwar, aber kein Bernhard-Toter. Die wenigen Menschen, die da Sonntag-Mittag auf dem Friedhof spazierten, konnten mir ebensowenig helfen. Du mußt die Blickrichtung ändern, dachte ich mir. Irgendwas funktioniert beim Schauen nicht. Und in der Tat – ich hatte aus dem Internet eine Grabtafel mit mehreren Namen im Kopf, darunter eben auch der von Bernhard, darüber der von Hedwig Stavianicek, seines Lebensmenschen. Nur, daß es sich hierbei um eine aufklappbare Tafel aus Metall, Bronze oder was auch immer handelte. Und heute war sie eben zugeklappt. Nur der scharfe Such-Blick, nun auch auf die am Boden eingelassenen Grabsteine rettete mich. Da war er: der Geistesheroe, der Wortschmied, der Satzmacher, der Stimmenimitator, der Untergeher. Der Tod ist tückisch – in vielerlei Hinsicht, er narrt noch im Angesicht des Todes.

So schaute ich versonnen aufs Grab, freute mich, ganz und gar erschöpft, dachte mir meinen Teil, dachte an die herrlichen Bernhard-Zeiten der 80er Jahre in Hamburg, dachte ans Leute-Bezichtigen, als das Internet noch nicht da war, dachte an die Figuren-Reden in Wut und Verachtung auf das Polit-Gesindel – „die roten wie die schwarzen Schweine“, eigentlich nicht anders als damals, identitäre Gesinnung hüben wie drüben und die Banalität der Blöden. Dachte in die wundervolle „Beton“-Lesung mit Peter Fitz 1992 im Deutschen Schauspielhaus zu Hamburg: wie er mit dieser für Peter Fitz typischen Intensität diesen Bernhard-Text vortrug und ihm qua Intonation einen ganz eigenen Schwung mit auf dem Weg gab: das war ein Ereignis für sich, ein neuer Bernhard Minetti, dachte ich mir, nachdem ich in der Theaterkneipe mit einer Freundin Muscheln und Grünen Veltliner verzehrte, reichlich Veltliner, reichlich, bis über Mitternacht hinaus ging es, im dunklen herrlichen „Dorf“, es muß im Januar 1992 gewesen sein, so tranken wir, tranken viel, wie üblich, weiter gegen zwei Uhr, morgens ins „Erikas Eck“, trunken mit Mett-Brötchen, irgendwelche Studenten sangen provokant die DDR-Nationalhymne und die Metzger standen auf und schmissen die Jungspunde kurzerhand hinaus, soviel zur aktivistischen Propaganda der Tat des Arbeiters, ich lachte dazu. Inzwischen waren wir zum stärkenden Kaffee gewechselt, das unendliche Plaudern und Debattieren ging bis in den frühen Tag, neun Uhr, mit Kaffee, Brötchen und Reden, wenn der Morgen erwacht und dann gegen 10 Uhr mit dem Fahrrad zur Uni, ohne Schlaf, und die HiWi-Stelle, ich dachte überm Grabstein an die Inszenierung „Die Macht der Gewohnheit“, wo es Peter Fitz als Zirkusdirektor niemals gelang, mit seiner schwachmatischen Mannschaft das Forellen-Quintett aufzuführen, dachte an den lauten, markanten, großartigen Schauspieler Ulrich Wildgruber im „Theatermacher“, den ich gut zu imitieren wußte:  „Morgen Augsburg!“, „Utzbach das ist sicher eine reizender Ort hat sie auf der Fahrt hierher gesagt und wie sie Utzbach gesehen hat, ist sie in Ohnmacht gefallen. Eine Theatermacherin natürlich“, all das zitiert in dieser unnachahmlichen Wildgruber-Aussprache:

„Was hier
in dieser muffigen Atmosphäre
Als ob ich es geahnt hätte.“

So gingen die ersten Zeilen aus diesem meinem damaligen Lieblingsstück von Bernhard.

Zeiten, Zeiten, wunderbare Zeiten und vergangen. Auch Thomas Bernhard verschwand von den deutschen Bühnen, andere Autoren traten auf den Plan. Vielleicht gut so, daß ein solch literarisches Gewicht sich wieder reduziert und weg von den Anbetungsaltären, es gab zu viele Proselyten. Es nervte irgendwann, ist nicht anders als mit den ebenso zu dieser Zeit grassierenden Goetz-Jüngern. Doch war es eine schöne Zeit. Nur daß eben alles das sterben und irgendwann auch wieder hinab muß, so dachte ich mir im frühen Herbst 2018 auf dem Grinzinger Friedhof mit dem herrlichen Blick über Bernhards geliebtes und gehaßtes Wien.

„Wer existiert
hat sich mit der Existenz abgefunden
wer lebt
hat sich mit dem Leben abgefunden
so lächerlich kann die Rolle gar nicht sein
die wir spielen
daß wir sie nicht spielen.
(Thomas Bernhard, Der Theatermacher)

Existenzexzeß, Theatrum mundi.

Doch leises Tönen da am Hang, die Grinzinger Erde wisperte: „Bring im Winter den Bernhard-Nachruf in zwei Teilen und nicht in einem Stück“, schallte es aus der Gruft überm sonnigen Herbstwien: „Deine Texte sind zu lang!“

[Ende des ersten Teils]

Die Tonspur zum Sonntag – der Naschmarkt zu Wien

Die Buchstaben [die da im Video gezeigt werden, verkleinert freilich aufs Millimetermaß] transplantierte ich unter die Fingernägel jener Frau. (Raten Sie jetzt: Welcher Film, welche Serie, welche Figur? Hülsen in Plastikplanen, ein Fluß, ein Sägewerk, die schönste Hoteliers-Tochter, die je im Fernsehen auftrat. Abstrakt denken lernt man durch abstraktes Denken. Schuß und Gegenschuß.)

Laufen, wandern, schlendern: schauen mit Nikon in Wien. Aufstand, Widerstand. Marktstand. Waren warten. Parallelbilder. Polis Habsburg. „Drogenreste aus Jugendtagen“.

Eine Reise im Orientexpress. Oder Orpheus in der Unterwelt

Und nachdem ich gleich am ersten Tag in Wien im Bräunerhof, naturgemäß, die erste Stärkung zu mir nahm und abends im Café Prückel unangenehm lange auf den Kellner wartete, bis er überhaupt dazu kam, eine Bestellung aufzuschreiben, war ich dann nach 20 Minuten wieder aufgebrochen, um meinen Tafelspitz woanders zu essen. Obwohl das Café Prückel eine unnachahmlich schöne Atmosphäre hat: Tiefe Reise in die 50er Jahre, schönes, altes Design, aber alles echt, keine aufgesetzten Dekorationen, zumindest wirkt es nicht so. Immer noch spielt dieselbe Pianistin, die ich auch beim letzten Besuch sah, ihre traurig-schönes Klavierspiel. Es ist, als glitte man in eine andre, in eine angenehmere Zeit: die der 50er oder 60er Jahre. Sich wieder auf Wesentliches zu fokussieren: Konzentriert zu arbeiten. Ich dachte an die hoch kultivierten Diskussionen zwischen Arnold Gehlen und Adorno, dachte an Adornos Iphigenie- und an seinen Hölderlin- Essay, an Heideggers „Gelassenheit“ und seine Vorlesungen zu Hölderlins Dichtung: Andenken und vom freien Gebrauch des Eigenen.

Aber nicht nur das, nicht nur dieses Geistige ist Wien, Wien als Dasein-, Wien als kultivierte Lebensform, sondern auch eine Stadt, die dicht am Balkan liegt und nach der immer wieder der osmanische Orient ausgriff. Nun ist dieser Orient angekommen. Aber – List der Geschichte – auf eine andere Art als erwartet. Nicht mit dem Schwert und mit dem Schießpulver der Janitscharen, sondern mittels der Ware Arbeitskraft: Da wo sich im Vielvölkerstaat immer schon die Böhmen, die Tschechen, die Rumänen verdingten, um das schöne Wien, seit Mitte des 19. Jahrhunderts, zur Großstadt zu demolieren, wie Karl Kraus schrieb, aufzubauen: die Ringstraße als Prachtmeile zu errichten, und da in Wien arbeiten auch heute noch die Türken, die Jugoslawen, um Werte zu schaffen, für die sie manchmal mit einem Handgeld abgegolten werden. Wer also eine so ganz andere Gesellschaft von Wien entdecken möchte, der steigt in den Orientexpress. Insofern sollte man beim Wienbesuch nicht nur im 1. oder im 3. Bezirk, dem Ungargassenland oder in Grinzing spazieren, sondern hinaus in die Welt. Neubau, Mariahilf, Margareten, Favoriten. Namen wie Verheißungen und fremde Wörter, rätselhaft, katholisch.

Also ab in den Orientexpress für eine gute Tour. Nein, das ist in diesem speziellen wienerischen Falle nicht der Zug, der von Paris über Wien nach Konstantinopel mit Dampf schnauft und ruckelt oder später dann im Rausch der Geschwindigkeit sich durch den Balkan schwang, sondern ganz einfach besteige man die Straßenbahnlinie 6. Ich trete an der ersten Station Burggasse/Stadthalle in die Tram ein, setze mich, schaue und fahre bis zum Zentralfriedhof, zum Haupttor 2, da wo es auch einen Friedhofsplan gibt. Denn anders als auf den Pariser Friedhöfen sind die prominenten Toten nirgends auf einem Tafelplan am Eingang verzeichnet, sondern nur im Café bei der Information findet sich ein Lageplan. Allerdings auch nur mit Groborientierung und ohne exakte Angaben. Österreichisch eben.

Viel gibt es in der Tram zu sehen. So unterschiedliche Menschen und eine Fahrt mitten durch das normale Stadtleben, abseits von Hofburg, Graben und dem herrlichen Stephansdom. Langes Laufen ist seit zwei Tage nicht möglich, da mich ausgerechnet im Urlaub eine leicht fiebrige Erkältung erwischte. Nicht schön, doch nicht zu ändern. Überhaupt sollte man eine ganz neue Form der Reise einführen und daraus ein Geschäftsmodell machen: die des leicht fiebernden und dadurch auch wieder hochempfindlich auf Außenreize reagierenden Feriengastes. Er schlendert zwar ein wenig, doch langsam nur und keine langen Strecken. Voyage moribund, könnte die Agentur heißen: „Anders reisen, fiebernd reisen“.

Jetzt plaziert sich der Gast gemächlich auf einen der Sitzplätze der Tram, möglichst einen Einzelplatz belegend, um vom Sitznachbarn nicht weiter behelligt zu werden  oder sich gar noch schlimmer anzustecken mit seltsamem und exotischem Fieber. Ruhe und die nur leichten Reize der Außenwelt sind bekömmlich. Hier aber, in der Linie 6, reizt die Außenwelt pausenlos. Laut ist es, hektisch sind die Menschen, die zusteigen und nach ein paar Stationen wieder aussteigen, gut gefüllte Wagons auch am Vormittag. Ein Heer an Kopftüchern, Menschen vom Balkan, Menschen von der Levante, babylonisch das Gewirr der Sprachen, vielleicht aber sprechen alle auch dieselbe Sprache, ich kann es schließlich nicht beurteilen, weil ich ihre Sprechen nicht verstehe. Es ist seltsam, in der Fremde noch einmal in der Fremde zu sein.

Ähnliches passiert einem, wenn man über den Brunnenmarkt im 16, Bezirk in Ottakring streift. Für den Touristen, der irgendwann wieder abreisen wird, ist das eine reizvolle Atmosphäre. Dann auf dem Yppenmarkt allerdings sticht als kleiner Höhepunkt das Fachgeschäft von Staud’s mit seinen feinen Konfitüren und anderen Spezereien heraus. Für jeden Kranken ist Wien eine gute Stadt. Man setzt sich einfach in irgendeine Straßenbahn, von denen es in Wien zahlreiche gibt, und fährt endlos von der Anfangs- zur Endhaltestelle. Zum Beispiel mit der 38 nach Grinzig, mit der D, sozusagen der Tourismuslinie, von Hauptbahnhof Ost, ganz transsilvanisch-galizisch-osmanisch-k.u.k.-mäßig, über den Ring und die Touristenszenerien – Schloß Belvedere, Kärntner Ring/Oper, Parlament, Burgtheater, Rathaus, Schottentor, Börse – bis nach Nußdorf, oder mit der 5 vom Hauptbahnhof zum Praterstern und dort dann nimmt man auf einer Bank irgendwo Platz oder schlendert, sofern der Zustand es zuläßt, über den herrlichen Wurstel-Prater. Besser und vor allem schneller als in einer solchen Tour kann man Wien kaum entdecken. Immer mal wieder vorbei am dunklen Gemeindebau, immer mal vorbei an herrlicher Pracht.

Aber weiter geht die Reise in der Linie 6. Rumpelnd auf den Gleisen, quietschend die Tram, gedrängt die Menschen. Trüb hängen noch die Wolken im Vormittags-Himmel. Die Stadt wirkt in diesen Vierteln weitab vom Ring grau, doch nicht unsympathisch und die Stimmung in der Bahn ist zwar immer irgendwie zwischen bewegt und hektisch, aber doch gelassen. Einige Stationen nach dem Reumannplatz, spätestens an der Geiselbergstraße aber ändert sich das Publikum, wird gediegener, wie’s alte Wien. Am Enkeplatz steigen die Touristen hinzu, die auf den Wiener Zentralfriedhof wollen – viele fahren aber lieber klassischen mit der 71er –, um die Gräber der vergangenen Großen und auch der normalen Leute, die dort liegen, zu schauen.

Das riesige Areal, die Toten. Und es ist dort noch immer viel ungenutzte Grabfläche, so daß wohl die ganze Bevölkerung Wiens auf diesem Friedhof ihren Platz und ihre letzte Ruhe fände. Und all die Gräber der Berühmten: Ich spaziere zunächst einmal zu Karl Kraus, dicht beim jüdischen Friedhof, aber doch nicht direkt bei den Juden begraben, denn schließlich ließ er sich taufen, ging zu den Katholischen. Nicht weit entfernt Adolf Loos, sein Taufpate und Freund, weiter dann quer über den Friedhof zu dem Arealen wo Falco und Udo Jürgens liegen. In dessen Umfeld entdecke ich zu meiner Freude eine Menge Prominenz: Franz West, der gerade eine große Werkschau im Centre Pompidou hatte, Gert Jonke, Ernst Jandl, Franz Werfel, gestorben zwar im Exil in Beverly Hills, doch begraben auf dem Zentralfriedhof zu Wien. Friedhöfe sind Traumorte. Wir phantasieren uns in die Zeit zurück.

Besonders mag ich die Gräber an der Mauer, denn ich denke mir immer wieder, daß von hier aus die Toten sehr viel leichter vom Friedhof wieder flüchten und sich wieder unter die Lebenden mischen könnten. Sie grüben sich unter der Mauer ihren Weg zur Außenwelt und verließen den Bannkreis.

Aber was eigentlich fasziniert uns an den Gräber der Literaten, der Maler, der Philosophen? Die Endlichkeit des menschlichen Denkens und Tuns, selbst der großen Geister, und die damit verbundene Unendlichkeit, die sich als Spur im Gang des Geistes ablagert, Schicht auf Schicht, die Konkretisierung des menschlichen Geistes, der sich in den Werken sedimentiert. Und dazu unser Blick aufs Vergängliche. Wir, die wir noch leben und all dies betrachten und bedenken können. Die, die Großes schufen und nun fort sind. Was wiederum an die eigene Endlichkeit gemahnt. Als das Kind noch ein Kind war, dachte es, daß es unsterblich sei – oder zumindest war der eigene Tod noch keine Option des Daseins. (Obwohl auch das nicht für jene Kinder stimmt, die früh schon mit dem Tod konfrontiert waren.) Von dem meisten Menschen bleibt nicht viel mehr als die Erinnerung, und auch die erstirbt, wenn der letzte Mensch nicht mehr ist, der sich an den Freund oder den Angehörigen zu erinnern vermag. Anders beim Künstler, beim Philosophen: Manches Kunstwerk, manche Philosophie gerät zwar im Lauf der Geschichte in die Vergessenheit und wird erst später wieder diesem Zeitschlund entrissen, anderes aber bleibt, zumindest für den einen oder den anderen, untilgbar, wie etwa die wunderbar-witzigen und manchmal auch melancholischen Gedichte von Jandl. Aber wer weiß schon, wie lange, wenn auch dieses Gedächtnis verlischt. Auch der Kanon von Kunst und von Philosophie unterliegt dem Wandel.

„Meine Wanderungen auf dem Friedhof zwischen den Gräbern von Menschen, mit deren erloschenen Leben mich nichts verband, konnten Hinterbliebenen wohl seltsam erscheinen, vielleicht sogar anstößig. Ich machte mich davon und hob mir die letzte Aufnahme des Films für eine andere Gelegenheit auf.“ (Esther Kinksy, Hain)

Und es fasziniert an Friedhöfen dieser letzte Rest von Leben und Existenz, den das Grab stiftet. In Gestalt einer Form, die da über dem Grab als Stein stumm (oder manchmal auch bunt und beredt) und als letztes Zeugnis in der Erde ragt, darauf zuweilen, besonders in südlichen Ländern Europas üblich, im Stein, eine Photographie eingearbeitet ist, wie auf jenen drei Photographien der Bildserie. Verblasst ist das Dasein, es verging die Erinnerung an jene zwei Menschen nebeneinander, die lange schon nicht mehr sind; es verging die Erinnerung, weil womöglich keiner mehr ist, der sich noch an diese beiden Menschen ohne Namen erinnert. Aber noch im Tod, im Bild sind sie als Paar fixiert. Trotzdem ist nicht einmal mehr die Spur des Namens geblieben. Die Inschrift auf dem Stein verlosch und ist nun fort. Der Stein mit dem Bild steht da still in der Erde. Ich betrachte ihn mir lange. Und kaum einer weiß mehr, wer diese zwei Menschen waren und welches Leben sie erfüllte. Friedhöfe sind Orte der Spekulation und des Absoluten. Losgelöstes.

Friedhöfe sind Orte, wo Hegelianer geboren werden.

Wien – Heldenplatz, im Sonnenherbst

„Selfie-Schlampe“ zischte er scharf an ihrem Ohr vorbei, nachdem sie mit dem Telephon am Stock auf sich selbst die Linse richtete und keck posierte. Nur für sich, nur für den Instagram-Account oder einfach für ihren geliebten Freund, der woanders weilte. Das war vor der Wiener Hofburg, Heldenplatz, Platz der großen Verkündung. Sie schaute nicht zu ihm hin, sie verstand ihn womöglich, diesen böse Zischelnden nicht, lachte in ihr Telephon, griente, schob ihren schmalen Oberkörper nach vorne, während er nuschelnd an ihr vorbei stampfte. Auch im Zentrum der Stadt brechen sich die Bilder. Nun ist die Hofburg und die heutige Nationalbibliothek als Hintergrund durchaus eine imposante Kulisse für eine schöne Photographie mit sich selbst, mit einer schönen jungen Frau und dem habsburgischen alten Österreich als flamboyantem Hintergrund. Vor allem aber ist dieser Platz im frühen Herbst ein von Touristen begehrter Ort. Diese Weite, der Blick auf die Hofburg, und ferne das Rathaus und das Parlament, das sich im Umbau befindet – also nicht metaphorisch genommen, sondern real von den Werktätigen, den Bauarbeitern der Republik Österreich. Ganz Wien, so scheint es, ist an diesem sonnigen 27. September auf den Beinen. Doch Thomas Braschs Der schöne 27. September scheinen sie alle nicht gelesen zu haben, einfach bei sich zu bleiben:

Ich habe keine Zeitung gelesen.
Ich habe keiner Frau nachgesehn.
Ich habe den Briefkasten nicht geöffnet.
Ich habe keinem einen guten Tag gewünscht.
Ich habe nicht in den Spiegel gesehn.
Ich habe mit keinem über alte Zeiten gesprochen und
mit keinem über neue Zeiten.
Ich habe nicht über mich nachgedacht.
Ich habe keine Zeile geschrieben.
Ich habe keinen Stein ins Rollen gebracht.

Wunderbar aus dem Leben gefallen sind diese Zeilen, ist diese absolute, sich in sich versenkende Ruhe. Das reine Nichtstun, intentionsloses Dasein. (Vielleicht im Falle Braschs noch mit einer Flasche Schnaps.) Hier jedoch in der Weite Wiens tummelt und treibt das Volk und Menschen aus aller Herren Länder strömen in die österreichische Hauptstadt, um zu schauen, zu spazieren oder einem City-Guide, der ein buntes Stöckchen oder einen Schirm in die Höhe, über seinem Kopf schwingt, zu folgen. Touristen lauschen, was es zu sehen gibt. Voll, ja sogar überfüllt ist es hier wie auch anderswo in der Stadt – egal ob Graben, Kärntner Straße, Stephansdom. Sehr viel mehr Menschen als im Sommer treibt es im frühen Herbst nach Wien. Es ist also nichts mit dem melancholischen Wien im Herbst und im Volksgarten den Theseustempel anschauen.

Dann jedoch der erste Oktober, das war ein regnerischer Tag. Und sobald es nieselt, leeren sich die Straßen der Stadt. Noch in den späten Nachmittag, den frühen Abend hinein zogen die Wolken am Himmel, und immer der Wind dazu, der durch Wien weht. Wien ist von seiner Lage her eine Windstadt.

Volksgarten, 18 Uhr, kurz bevor es dämmert, im Park ist es leer. Da könnte man aus dieser Menschenleere ein Rilke-Gedicht zaubern. Lediglich ein Rabe mit trüber Schwinge trudelt vorbei, ganz in der Ferne nur kreisen Japaner. Versprengt, einzeln, unermüdlich. So in dieser Art eben.

Mit der melancholischen Alkoholisierung zum Abend muß ich bei einer Erkältungskrankeit vorsichtig sein, es spaziert sich, derart mittels einigen Gläsern Gemischtem Satz die Sinne aufgesteigert, bei Krankheit nur bedingt gut durch Wien. (Der scharfe Wind griff nach den Bronchien.) Ich etabliere also eine neue Art des Reisens: Malade Voyage – Agentur Molière-Reisen. Der fiebernde Ästhetizist, der sich von seinen Wahrnehmungen gerne überreizen läßt, in einem zwar nicht besorgniserregenden, aber doch in einem leidlich angeschlagenen Zustand, in dem es die Dinge und die Straßenszenen leicht entrückt wirken läßt, taumelt durch Wien; durch diese alte, die schöne, die häßliche Stadt mit ihren seltsamen Gemeindebau-Häusern in Gürtellage. Von der Gumpendorfer Straße zum Mariahilfer Gürtel, zum Neubaugürtel, zum Lerchenfelder Gürtel. Oder die andere Seite hin, zum Margaretengürtel: die Ringstraße des Proletariats, bis heute hin und auch wie damals ethnisch gemischt. Sowieso ist in Wien, wenn man nicht gerade in Grinzing oder im 1. Bezirk, Innere Stadt weilt, immer noch die ehemalige Hauptstadt des Vielvölkerstaates. Man kann das in Georg Kreislers wunderbarer Telefonbuchpolka nachhören – nur das da noch die türkischen Namen fehlen, aber angefüllt ist sie mit slawischen: -drak, -tschil, -witc.

Ich sitze gern im Wirtshaus
Am wirtshäuslichen Herd
Dort sitz ich wie bei mir z’Haus
Und werde nicht gestert
Der Wein wird schen älter
In meine Kehle fällter
Der Kalterer wird kälter
So wie es sich gehert
Ich les nicht in Journalen
Ich red mit kaner Frau –
Für die mißt ich noch zahlen
Dazu bin ich zu schlau
Wenn ich Inspiration such
Gesellschaftsliaison such
Les ich das Telefonbuch
Dort find ich das genau –
Alle meine Freind stehn drin
Und zwar auf Seite „Vau“:

Vondrak, Vortel, Viplaschil
Voytech, Vozzek, Vimladil
Viora, Vrabel, Vrtilek
Viglasch, Vrazzeck, Vichnalek
Vregga, Vrba, Vikodill
Vrablic, Vutzemm, Viskocil
Vochedecka, Vuggelic
Vrtatko, Vukasinowitc
Vorrak, Vondru, Vorlicek
Voralek, Vosmik, Vorlik, Vrba, Vrtl
Vodrupa, Vozenilek
Vrinis, Vostarek
Vrtala und Viplacil
Vrzala und Vistlacil
Vouk, Vudipka, Vicesal
Vrazdil, Vrana, Vimmedall
Vrbizki, Vrbezki, Vranek

Vom inneren zum äußeren Ring schlendert man zum Beispiel über die Mariahilfer Straße und all die Seitenstraßen, schön mäandernd, um dort in den Gassen all die kleinen Gewerbegeschäfte sich zu betrachten. Eine Fülle von Einzelhandel und Kleingewerbe gibt es da zwischen dem 6. Bezirk Mariahilf und dem 7. Gemeindebezirk Neubau – völlig anders als in Paris inzwischen oder auch in Berlin, wo hohe Gewerbemieten die kleinen Händler verdrängt haben. In Wien ist das anders. Auch der Gemeindebau ragt da mitten in der Stadt, die Gebäude meist grau, dunkelgrün, mit abweisendem erd- und ockerfarbener Verputz oft. Die habsburger Barockschönheit ist weit, weit weg, es sind keine Paläste, aber es ist Wohnraum. Man kann sich über dieses Konzept von Wohnen und von Lebensform streiten und doch es ist günstig, jeder hat die Möglichkeit nahe am Zentrum zu wohnen und für jeden erschwinglich, was eine interessante soziale Mischung erzeugt. Vor allem aber stimmt die Mischung aus Geschäften und Wohnen. Man sieht kaum  Ladenketten, keine schrecklichen Starbucks und – welche Ironie im Namen – Balzac Coffee Company. Honoré de Balzac hätte über solche Verdrehung des Sinns einen brutal-guten Roman geschrieben. Im Geiste der sozialen Beobachtung registrierte Balzac, was vor sich geht.

Aber den kranken Ästhetizisten interessiert die soziale Lage nicht. Er nimmt seine Nikon-Kamera und streift durch die Stadt. Mit taumelnden Schritten übers Wiener Pflaster. Aus dem kranken Nichts die Texte im Kopf und die Bilder generieren. Malade Voyage – Agentur Molière-Reisen. Buchen Sie jetzt!

 

Die Schwarzen Hefte von Wien

Im Gasthaus Wild am Radetzkyplaz speist und trinkt es sich, wenn ich in der Stadt bin, jedes Mal aufs neue angenehmen. Ich komme bei jedem Wienbesuch mindestens einmal in dieses feine Wirtshaus. Eigentlich sogar zweimal, nämlich zur Ankunft und zum Abschiedsessen. Vortrefflich lassen sich dort auch Notizen machen, zum Beispiel für meinen Text zur Monet-Ausstellung.

Allerdings: ich bin kein Reise-Essayist. Ich schreibe nicht gerne während des Reisens, sondern ich beobachte, sauge die Bilder ein, manchmal fallen mir kleine Geschichten dazu ein, die ich jedoch schnell wieder vergesse – ich bräuchte ein Diktiergerät – ich photographiere lieber, halte eine Stimmung oder eine Szene fest, baue an Photoserien. Und auch von Ausstellungen zu berichten, die bereits vorüber sind, ist ganz unsinnig, weil keiner sie mehr sehen kann. Dennoch werde ich von der Open Air-Photoausstellung in Baden schreiben – Thema Afrika, mit vielfältigen Perspektiven. Alles umsonst und draußen zu sehen, leider nur noch bis zum 28.9.Der Bericht folgt allerdings erst in Berlin, wie auch der zur Monet-Ausstellung – sofern mich nicht die Lust verläßt. Ansonsten werden hier in Wien die Notizen und Stichworte in besagtes schwarzes Heft eingetragen, um dann in der Heimat einen schönen Text übers Fremde zu machen.

Ich schreibe auf Reisen nicht gerne, weil ich damit beschäftigt bin, all die Bilder im Kopf zu ordnen. Die Sprache tritt dann erst in der Ruhe des heimischen Schreibtisches hinzu. Auf Reisen ist in mir eine wunderbar zu nennende, fast zenbuddhistische Sprach-Leere.