Menschen in der Revolte: Burn, Warehouse burn!

Söhnlein, Ensslin, Baader, Proll: Subversion und Protest

„Das Warenhaus ist der letzte Strich des Flaneurs.“
(Walter Benjamin, Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts)

„Illusionär ist, Schreiben als etwas anderes anzusehen als den Versuch zur extremen Individualisierung. Das gilt unabhängig vom Thema, es gilt also auch für das politische Thema, an dem sich der Autor – scheinbar über sich hinausgehend – ‚engagiert‘.“
(Karl Heinz Bohrer, Die gefährdete Phantasie, oder Surrealismus und Terror)

Bohrer schrieb diesen Part im März 1968 unter dem Titel „Revolution als Metapher“. Was also von der Überschrift her ganz unmittelbar bereits auf einen Akt der Sprache wie auch der Kunst deutete und zugleich eine Provokation für die Engagierten bedeutete, denn die Revolutionäre verstanden ihre Aktionen keineswegs als Metaphern, sondern ganz real sollte der Kampf in die Metropolen des Westens getragen werden.

Allerdings kommen nicht nur in der Kunst Metaphern zum Einsatz, diese Gewißheit zumindest werden all jene in sich tragen, die ein wenig sich mit politischer Ikonographie befassen. Carl Schmitts Seeschäumer und Landtreter im Kampf um Räume sind da ein Beispiel. Metaphern können insofern genauso politisch sich gestalten, sogar bis in die Bildtheorie hinein. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. 1972 – das Mädchen aus dem vietnamesischen Dorf, das auf der Illustrierten-Seite nackt vor einem Napalm-Angriff floh, keiner wußte ihren Namen: Phan Thi Kim Phuc, alle aber kannten dieses eine Bild, das exemplarisch für den Krieg in Vietnam und seine Unbarmherzigkeit stand, mit der ihn die USA führte. Nackt, weinend, rennend, die Furcht ihr ins Gesicht geschrieben und mit nichts als ihrer Haut bedeckt, der Blick auf die Scheide des Kindes. Unschuldig, unbehaust, voller Angst. Trostloser kann eine Nation keinen Krieg verlieren. Die einstigen Befreier von Nazideutschland erwiesen sich als doch irgendwie auch problematisch. Ein Bild, pars pro toto.

Auch ein Warenhaus ist eine solche Metapher. Oder genauer gesagt ein Gebäude, eine Möglichkeit, ein Ort, der Dinge versammelt, die nicht einfach nur gemachte, schöne oder nützliche Dinge sind, sondern Dinge, die wir uns kaufen. Und damit auch ihre Nützlichkeit, ihre Schönheit, ihr Gemachtsein durch andere. Objekte, die sich durch Geld erwerben lassen. Ich will an dieser Stelle nicht Marxens Wert- und Warentheorie wiederholen. Es geht mir vielmehr um die Bilder und Ideen, die sich ans Warenhaus knüpfen – so wie schon Walter Benjamin die Vorläufer der Warenhäuser, die Pariser Passagen, ins Philosophieren versetzten.

Der Weg von der Warenwelt bis zu ihrem Inferno ist so vertrackt wie steinig. Der Weg von der Imago der Ware insbesondere im 20. Jahrhundert, ihrem Fetischcharakter, den Phantasmagorien der Warenwelt, die Walter Benjamin fürs 19. Jahrhundert nicht nur in seinem Fragment gebliebenen Passagenwerk illuminierte, den Revolutionstheorien, den Traumtänzen und den subversiven Aktionen, die mit dem Kaufhausbrand im April 1968 als eine Art gesteigerter Kunst begannen und im Terror mit unzähligen Toten und in der Nacht in Stammheim endeten: waren das mit Notwendigkeit zu gehende Wege, den die vier beschritten? Hatte es in dieser Geschichte genau so kommen müssen oder wären auch andere Möglichkeiten denkbar? Horst Söhnlein und Thorwald Proll gingen andere Wege, das Liebespaar Ensslin und Baader entschied sich für den Kampf. Aus Zwang heraus, weil nichts anderes blieb, oder aus freien Stücken. Schwer zu sagen. Der Möglichkeitssinn ist in solchen Fragen eher ein ästhetisches Spiel mit der Revolte sowie der Politik. Mich hat diese Haltung damals mit 16 beeindruckt. Daß dieser Staat niemals durch Wahlen verschwinden würde, war mir früh klar. Nicht ganz klar war dem jungen Mann, daß sich gesellschaftliche Veränderungen eher evolutionär ergaben, sofern keine revolutionäre Klasse oder kein Subjekt der Revolution zur Verfügung stand. Und selbst da wurde es problematisch, wenn man an Länder wie Kuba, Vietnam, Nicaragua dachte: Revolutionen fressen bekanntlich ihre Kinder.

Die am Ende bewaffnete deutsche proletarische Revolution aus dem Geist der Studentenbewegung begann mit einem Happening, einem bisher so nicht dagewesenen Zeichen, kein Geschichtszeichen zwar, aber doch ein deutliches Statement zur politischen Lage. Eine Aktion, eine Reaktion – konkret eben. In Vietnam brannten die Kinder, die Frauen, die Dörfer, die Männer, die Palmen, den Dschungel entlaubten sie mit Agent Orange, wir erinnern uns ans Massaker von My Lai am 16. März 1968, knapp drei Wochen vor dem Kaufhausbrand. Hier in Frankfurt brannten nur die Waren, keine Menschen. Doch Aufregung wie Überraschung waren groß. Die Studentenunruhen schienen zu eskalieren. Um wieviel erträglicher und entspannter nahmen die Bundesbürger vor ihren frisch erworbenen Fernsehgeräten die Opfer in Vietnam. Das ist heute nicht anders als damals. Aber all das, diese Stufen der Gewalt und ihre Eskalation rechtfertigen nichts. Sie zeigen aber, wie Geschichte läuft und das manche Begebenheit und manches Leben, wie schon Kleist 1801 in einem Brief an Brief an Karoline von Schlieben wußte, am Schrei eines Esels hängt. In der Bundesrepublik wurde das Farbfernsehen am 25. August 1967 um 10:57 Uhr auf der 25. Großen Deutschen Funk-Ausstellung in West-Berlin eingeführt – vom damaligen Vizekanzler und ehemaligem Bürgermeister von Berlin Willy Brandt. Man konnte also die Haut wie auch die Tarnfarben der Jeeps, Uniformen und Hubschrauber und genauso das Jacket von Peter Frankenfeld nun auch in Farbe sehen.

Ja, ja, nein, nein – bei jener Aktion von Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein ist einerseits nichts zu beschönigen. Profis jedoch waren sie ganz sicher nicht und geniale Dilettanten ebensowenig. Aber dennoch speiste sich – andererseits – diese revoltierende Tathandlung wesentlich auch aus jenem Kunstgeist von „Spur“ und „Subversiver Aktion“ in den frühen 60er Jahren in München; und ebenso im Sinne der Situationistischen Internationale. Überspitzt gesagt: Die Revolution begann als ein Kunsthappening, vielleicht ein wenig auch als Spiel aus Übermut und Wut: Etwas mußte nun geschehen. Nur das hier eine Grenze überschritten wurde, die keine Kunst bisher überschritt. Das Als-ob, der Illusions- und Spielcharakter der Kunst nämlich. Dennoch war auch diese Brandstiftung, zumindest für mich damals in den frühen 80er Jahren, als ich mich mit der RAF befaßte, ein Akt der Phantasie, ein Form der Kunst. Allein vom Dilettantismus, mit dem die Akteure das ausführten. Läppische Perücken und Verkleidungen, so daß die Täter einen Tag später schon festgenommen werden konnten. Nach einem anonymen Hinweis. Dieses Unbeholfene bei gleichzeitigem Aufruhr und Widerstand gegen dieses System hatte mich an diesem wilden und vollkommen unorganisierten, dilettantischen Anfang interessiert. Als sozusagen ästhetisches Projekt.

Allein die Bilder von Baader und Ensslin nach ihrer Flucht aus Paris: Sahen die nicht eher aus, wie ein französischer Film mit Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg – nur daß die Seberg diesmal auf der Seite der Wilden stand? Das waren Gedanken, die ich Mitte der 80er Jahre hegte, lange bevor es modisch wurde, irgendwie einem Prada-Meinhof-Schick in Ausstellungen zu huldigen und diese Revolte der Wenigen als Photokunst zu sehen. Natürlich – Mythos RAF: er lebt von den Bildern und von den Geschichten. Das war mir schon damals Anfang der 80er klar, als die Lage in der BRD noch sehr viel ernster war. Mein Photographieren auf Demos war nicht nur ein politischer, sondern auch ein ästhetischer Akt.

Die vier Brandstifter bezogen sich auf ein konkretes Objekt, an dem sie ihre Theorie ausprobierten und praktisch werden ließen. Diesen Bezug zur Realität besaßen auch die Surrealisten. André Breton meinte es nicht bloß als Spaß, wenn er in Anlehnung an die russischen Anarcho-Nihilisten im zweiten Surrealistischen Manifest postulierte:

„Die einfachste surrealistische Handlung besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings soviel wie möglich in die Menge zu schießen. Wer nicht wenigstens einmal im Leben Lust gehabt hat, auf diese Weise mit dem derzeit bestehenden elenden Prinzip der Erniedrigung und Verdummung aufzuräumen, der gehört eindeutig selbst in diese Menge und hat den Wanst ständig in Schußhöhe.“

Die RAF ging nie so weit, blind in die Menge zu feuern. Sie wollte keinen Krieg gegen das Volk. Anders als die islamischen Attentäter, die wahrscheinlich niemals dieses zweite Surrealistische Manifest aus dem Jahr 1930 gelesen hatten, aber doch insgeheim und ohne jedes Bewußtsein in dessen Geist des Aufruhrs handelten. Nur daß diese Antibürgerlichkeit, der Haß auf diese okzidentale Gesellschaft die Kunst inzwischen restlos verlassen hatte und an die Peripherie des Westens gewandert war, wo sie dann mit den Migrantenströmen aus ehemaligen Kolonialgebieten wieder ins Herz des Westens stieß, bis nach Paris, Nizza oder Marseille.

Der Abgesang der RAF war freilich ein anderer, eine Art (revolutions)metaphysische Ewigkeitserklärung, durch und durch, fast im Geist hegelscher Wesenslogik konzipiert, einerseits, und von der Sprecherposition Fichtes Tathandlung andererseits, denn wie es in der letzten Erklärung der RAF vom März 1998 hieß:

„Die Revolution sagt:
ich war
ich bin
ich werde sein“

Ein sich perpetuierendes Prinzip. Das kann man als (benjaminschen) „Traumkitsch“ nehmen oder aber als Möglichkeitssinn. Das ist, trotz des Charakters eines politischen Flugblattes eine durchaus poetische Sprache, eine Form des ästhetischen Ausdrucks, die sich zum Teil auch in der Härte der Gefängniskassiber und der RAF-Erklärungen findet. Die sprachpoetischen Parallelen zu dem Manifest „Der kommende Aufstand“ wären interessant zu untersuchen. Mich interessieren diese RAF-Schriften aus dem Geist der Kunst, dem Geist des Surrealismus heraus, der im Unterschied zum Dadaismus sehr viel politischer in einem ganz unmittelbar genommenen Sinne revolutionär gesonnen war, um eine bestehende Gesellschaft zu kippen. Ob solcher Aufruhr real allerdings zum Gewünschten führt: auch daran zweifelte der Ästhetiker im Grandhotel Abgrund schon damals und wußte sich eher auf der Seite Adornos und Horkheimers.

Vor 50 Jahren brannte als eine Art Fanal, als Zeichen, als Bild und Metapher ein Kaufhaus in Frankfurt. Eines von diesen inzwischen altmodischen Gebäuden, mit Rolltreppen und Aufzügen vermutlich, worin noch ein Fahrstuhlführer die Etagen und die Waren ansagte. Alles automatisch: Rollentreppen und Aufzüge die die Besucher, nein, Käufer anfangs staunend befuhren und irgendwann dann, nach dem verlorenen Krieg doch wieder wie selbstverständlich und als ob es nie anders gewesen wäre.

„Alle diese Produkte sind im Begriff, sich als Ware auf den Markt zu begeben. Aber sie zögern noch auf der Schwelle. Dieser Epoche entstammen die Passagen und Interieurs, die Ausstellungshallen und Panoramen. Sie sind Rückstände einer Traumwelt. Die Verwertung der Traumelemente beim Erwachen ist der Schulfall des dialektischen Denkens. Daher ist das dialektische Denken das Organ des geschichtlichen Aufwachens. Jede Epoche träumt ja nicht nur die nächste sondern träumend drängt sie auf das Erwachen hin. Sie trägt ihr Ende in sich und entfaltet es – wie schon Hegel erkannt hat – mit List. Mit der Erschütterung der Warenwirtschaft beginnen wir, die Monumente der Bourgeoisie als Ruinen zu erkennen noch ehe sie zerfallen sind.“ (Walter Benjamin: Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts, in: Passagen-Werk)

Warehouse – das kann man passend zum Krieg in Vietnam mit den verbrannten Menschen, mit Körpern, die im Napalm verglühten, eben auch als War-House, als das Schlachthaus lesen. Kurt Vonneguts Roman Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug kommt mir in den Kopf. Auch im Sinne des Fiktionsmodus einer surrealen Phantasie, die im Kontext RAF dann – also nicht der Dresden bombardierenden Royal Airforce diesmal, sondern der Roten Armee Fraktion – als Aufbruch und Ausbruch plötzlich losging. Das Verhängnis ging immer weiter, auch wenn die Ursachen und die Gründe ganz und gar unterschiedliche waren. US-Amerikaner oder Europäer, die so sehr auf die westlichen Wert pochen, wenn sie mit erhobenem Finger auf Diktatoren oder auf autoritäre Regierungen wie in China oder in Rußland zeigen, sollten sich ihrer eigenen Geschichte gut besinnen. [Und beim Tonkin-Zwischenfall denke ich auch ein wenig an Großbritannien und das britische oder russische oder das von sonstwo her stammende Gift. Aber das ist wieder ein anderes Thema.]

Das, was vor 50 Jahren in Frankfurt begann, endete zwar nicht in Stuttgart-Stammheim, aber dort hatten zwei der vier Protagonisten ihr Finale. Man fand sie am 18. Oktober tot in ihren Zellen. Man betrachte sich zu diesen Stammheim-Szenen im Knast – die RAF bezog übrigens ein wesentliches Potential und viele ihrer Mitstreiter aus dem Gefangenenmythos, aus Aktionen rund um die Gefangenen: von Hungerstreik bis Befreiung – man besehe sich also jene Stammheim-Bilder des Photographen Andreas Magdanz in dem Bildband Stuttgart Stammheim. Und sie weben am Mythos, allerdings mit dem Sezierbesteck des photographischen Blickes. Mit all den Spielen in Gedanken, die Bilder auslösen können, wenn ich die Kälte des Traktes mir anschaue, der genauso woanders sein könnte.

„Chaque epoque rêve la suivante.“
(Michelet: Avenir! Avenir!, zit nach: Walter Benjamin, Passagenwerk)

Die erste und die dritte Photographie stammen aus dem Bild Stuttgart Stammheim von Andreas Magdanz, erschienen bei Hatje Cantz.

Achtundsechziger Geschichtszeichen (1). Von den Chiffre-Rätseln und von brennender Ware

Ein Jubeljahr ist es nicht oder zumindest nur bedingt, denn mit dem Einschnitt 1968 lösten sich nicht bloß klammheimlich viele der Ideale auf, die die Protestler, die Liebenden, die Studenten, die Theoretiker und die Empathievollen in die Welt tragen wollten, sondern es begann zugleich eine Welle der Gewalt und es gab die ersten Toten. Kann man das so erzählen? Nein, eigentlich nicht. 68 ist eine komplexe Zahl, sie steht für mehr als nur sozialen Protest und eine Rebellion gegen das Establishment. Sie steht für etwas, das man geschichtliches Ereignis nennen kann, wenn man Geschichte auf Jahreszahlen verdichtet. Mit Heidegger, wie auch mit Marx und Slavoj Žižek bleibt zu fragen, was das Ereignis, was überhaupt ein Ereignis sei: Geschieht es, geschieht es jetzt? Selbst noch die französischen Poststrukturalisten, etwa in Gestalt von Lyotard oder von Derrida, wiederholen diese berechtigte Frage und verschaffen ihr zugleich einen völlig anderen Dreh. Aber das ist wieder eine andere Geschichte, die zwar mit 68 einiges zu schaffen hat, aber uns doch in eine andere Zeit führt.

Diese Zahl steht für diverse Biographien, noch bis in meine Generation hinein, denn jene, die damals Lehrer werden wollten, unterrichteten uns später und das prägte. Aber richtig erzählt und geschildert werden kann nur in einem Modus, der sich nicht bloß auf eine Zahl als Metapher oder als Chiffre kapriziert. In anderem Bezug wußte das schon Novalis: „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren …“ Diese Zahl, dieser Einschnitt, diese Chiffre verknüpft unterschiedlicher Aspekte und Geschichten und dieser Vielfalt an Bezügen wird man nur gerecht, indem man keine Abstraktionen darüber stülpt. Solches Erzählen fängt – notwendigerweise kontingent gesetzt bzw. willkürlich gewählt – bei der Kritischen Theorie Adornos an, die man gerne etwas voreilig den 68ern zuschlägt, und reicht bis hin zu Design, Pop und Lebensentwürfen. Doch so einfach ist das bei Adorno nicht, ihn umstandslos den 68er zuzuschlagen, wenn man sich mit Genauigkeit in seinen Texten bewegt und auch Adornos praktische Vorbehalte kennt. Adorno wollte seine Theorie nicht als Wandparole verstanden wissen und Theorie sowie denkerisches Durchdringen von Gesellschaft wollte er zu recht nicht mit unmittelbarer Praxis verwechselt wissen, darin ganz dem marxschen Reflexionsniveau folgend. Weshalb Adorno und Horkheimer auch die Wiederpublikation der Dialektik der Aufklärung im Jahr 1969 einige Bauchschmerzen machte.

Bis dahin kursierte das legendäre Buch nur als Raubdruck, oder man mußte es sich antiquarisch besorgen, in der alten Version von 1947 aus dem Amsterdamer Querido Verlag. In der Tat trieb dieses Buch wie eine Flaschenpost, aus einer anderen Zeit stammend, zu den Studenten der 60er Jahre herüber. Und es lieferte dieses Werk ihnen zugleich die Munition, diese Gesellschaft nicht nur mittels ökonomischer Begriffe zu kritisieren.

Aber Bücher haben zugleich einen Zeitkern, und sie sind nicht einfach Handlungsanweisung. Das wurde bei der Dialektik der Aufklärung oft übersehen. Geschrieben wurde sie in der Zeit äußerster Bedrohung: Faschismus auf der einen, Stalinismus auf der anderen Seite und dazu  ein liberaler Kapitalismus angloamerikanischer Prägung, der in den Augen der Kritischen Theorie nicht ganz unschuldig am aufkommenden Faschismus war.

Dazu kam die Aporie, in die sich das Werk argumentativ zu verstricken schien: Prominent geäußert von Jürgen Habermas. Doch trotz seines Vorwurfs des performativen Selbstwiderspruchs, in den sich die Vernunft verstrickt, wenn sie sich mit ihren eigenen Mitteln als totalitär und instrumentell avisierte, verkannte Habermas die selbstreflexiv-aufklärerische Kraft dieser destruktiven „Geste aus Begriffen“, wie Adorno in einem Brief an Horkheimer jenes Werk beschrieb. Die Stärke des Buches lag gerade in ihrer reflexiven Performanz, in ihrem rhetorischen Element, das Paradox der Gesellschaft, die objektiven Widersprüche in Sprache uns vorzuführen. Ein Katastrophenbericht aus einer Zwischenzone. Und dieser in Irrfahrt beschriebene Odysseus der Dialektik der Aufklärung war vielleicht zu einem kleinen Teil auch Adorno selbst, der, List der Vernunft, sich an den Mast fesselte oder mit Klugheit den Widrigkeiten des Exils begegnete. Die endgültige Heimkehr nach Frankfurt am Main geschah 1953. Es war das bessere Deutschland, das da sein, freilich bescheidenes Revier aufrichtete: Gegen den „Jargon der Eigentlichkeit“ und das Besinnen auf „echte Werte“ und gegen das Vokabular der Entschlossenheit. „Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik“, wie ein Sammelband zur Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule hieß, geschah zu einem guten Teil auch durch das Institut für Sozialforschung. Durch Horkheimer und Adorno. Nicht allein und ausschließlich, solche Monokausalitäten verkennen die komplexe Lage im Feld des Geistes. (Von der öffnenden Wirkung des Pop ganz zu schweigen und der damit korrespondierenden Öffnung der Lebenswelten.)

1968 als Chiffre steht für Möglichkeiten und für einen wesentlichen Einschnitt in der BRD, auch wenn das viele bezweifeln und in diesem Datum eher ein Verhängnis wittern, so wie mancher Konservative. Doch die Tücken der Zeit auf den Begriff zu bringen, ist nie ganz einfach: Das Gute im Schlechten, das Schlechte im Guten sichtbar zu machen. Und auch wenn manche dieser Freiheiten, die angeblich die 68er „erkämpften“, schon lange in der Luft lagen und also nicht alles, was dann in den 70er kam, als Resultat der Revoltierenden sich erwies. Daß Jungs und Mädchen miteinander ungehemmt fummeln wollten und es irgendwann auch konnten, ist kein Verdienst einzig dieser Generation, sondern das lag schon Ende der 50er Jahre in der Luft, gehörte zum Geist jener Zeit, auch wenn es den Kuppelei-Paragraphen gab und Wirtsleute nicht einfach so ein unverheiratetes Paar bei sich beherbergen durften. Vorehelicher Geschlechtsverkehr galt als nicht so gut, aber wer wollte schon Wälder und Wiesen kontrollieren? Der Kuppelei-Paragraph war noch bis 1973 wirksam und theoretisch machten sich auch Eltern schuldig. Aber wie es bei den Menschen ist: Was verboten ist, das macht uns gerade scharf, wie Wolf Biermann 1964, bei Wolfgang Neuss zu Gast in West-Berlin, sang. Der Mensch ist bekanntlich aus krummem Holze geschnitzt, was wiederum mancher 68er gerne vergaß.

Dieses eigentümliche halbe Jahrhundert, das uns Heutige von der Zeitchiffre 1968 trennt, ließ zahlreiche Interpretationen dieser intensiven Episode der BRD zu. Was war geschehen? Der summer of love verglühte, im Protest gab es die ersten Toten, der 2. Juni 1967 dürfte für die Studentenbewegung ein Fanal gewesen sein, spätestens nach dem Mord an Benno Ohnsorg während des Protests gegen den Schah von Persien, sahen viele: es würde kein Spaziergang; der Rechtsnachfolger des Dritten Reiches hatte nicht nur einen erheblichen Teil des alten Personals übernommen und bei den Auschwitzprozessen Anfang der Sechziger grüßte das Wachpersonal im Gerichtssaal das ehemalige Wachpersonal vom Vernichtungslager, das nun in kleiner Zahl vor besagtem Gericht stand, in militärischer Art und zwinkerte vergnüglich.

Der die Auschwitzprozesse einleitende Staatsanwalt Fritz Bauer wurde vom deutschen Nachrichtendienst bespitzelt. Nun – kein Wunder, die Fremden Heere Ost machten als Organisation Gehlen einfach weiter und irgendwann würden die lustigen Stiefel schon wieder über Polen und gen Moskau marschieren, so dachte sich der dürre Herr, während der feine Herr Karl Carstens von der Reiter-SA vermutlich immer noch von all den schönen Pferden träumte. Und die Protestler bemerkten: Auf uns wird geschossen, und zwar, ohne daß diese Tat für den Mörder irgendwelche Konsequenzen hätte. Nach dem Mord an Ohnsorg trafen sich viele der Demonstranten im Republikanischen Club in Berlin, auch Gudrun Ensslin befand sich unter den jungen Leuten. Die Reaktionen dort sollen heftig gewesen sein, erregte Debatten. Ob sich nach den Schüssen jene oft kolportierte Szene, die als Einschnitt und als Auslöser auch für die RAF gedeutet wurde, tatsächlich so zugetragen hatte, ist allerdings fraglich. Da rief eine junge schlanke Frau, erregt und hemmungslos weinend:

„Dieser faschistische Staat ist darauf aus, uns alle zu töten. Wir müssen Widerstand organisieren. Gewalt kann nur mit Gewalt beantwortet werden. Dies ist die Generation von Auschwitz – mit denen kann man nicht argumentieren.“

Stefan Aust mutmaßte über diese Szene, als wären die Sätze Fakten, und so verbreitete sich ein Gerücht. Auf die fehlenden Quellen und die unsichere Zeugenlage wies ganz zu recht Ingeborg Gleichauf in ihrer Anfang 2017 erschienenen Biographie Poesie der Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin hin.

Ein Jahr mit Geschichte: Der Prager Frühling und die sowjetischen Panzer, Dissidenten in der DDR, Thomas Brasch, Flori Havemann, Bettina Wegner, eine tschechische Fahne konnte Bautzen bedeuten, im Westen war es etwas milder, eine Fahne vom Vietkong war zwar ein deutliches Zeichen, aber doch auch wieder „nur“ eine Fahne von Vietnam, ohne daß sie, auf dem Balkon angebracht, gleich Knast bedeutete – allenfalls soziale Ächtung bei den Nachbarn. Dann im Februar 68 der internationale Vietnam-Kongreß in Berlin, im Mai 68 die drei Schüsse auf Rudi Dutschke, der Pariser Mai, Foucault und Sartre Arm in Arm, die Arbeiter und Studenten, die in Paris Commune machten, de Gaule zog sich zur Sicherheit oder aus Propaganda auf einen französischen Armeestützpunkt in der BRD nach Baden-Baden zurück, dann General de Gaules Rede in voller Uniform, worin der mit dem Ausnahmezustand drohte, ganz souverän, darauf folgte die Niederlage, der Protest versandete, es gab Gegendemos und ein Traum war einmal wieder ausgeträumt: der verpaßte Augenblick in der Geschichte. In Frankreich hätte es womöglich, anders als in der BRD, mit der Revolution etwas werden können, weil sich am sozialen Protest breite Schichten beteiligten, so heterogen sie ansonsten auch waren. In der BRD die Notstandsgesetze, die Kaufhausbrandstiftung am 2. April 1968 mit den Action-Akteuren Andreas Bader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein: Mehr Belmondo in Godards Außer Atem als politisch gezielte Propaganda der Tat, ohne Organisation, fast dilettantisch zu nennen. Der Staat reagierte heftig.

Der intuitive oder auch in langen Debattennächten ausgeschliffene Reflex dieses Action-Teams war, daß Politik nun praktisch werden müsse, den Kampf in die Städte tragen, Stadtguerilla, Markierungen setzen. Als eine Art Kunst-Zeichen. Wenn Marx vom Fetischcharakter der Ware, von Wert und Mehrwert schrieb und über das System Kapitalismus nachdachte, so reagierten Bader und Ensslin ganz unmittelbar auf jene Waren, nahmen sie beim Wort und setzten das Primat der Praxis. Das brennende Kaufhaus in Brüssel mochte Vorbild gewesen sein. Die Verbrannten von Vietnam auf alle Fälle der Anlaß und vor allem das geduldige Schweigen dazu, das aus der BRD kam. Daß freilich bei Marx vor der Praxis die Theorie kam, hatten die Genossen überlesen. Und sie verwechselten Politik mit Kunst. Denn eigentlich war diese ganze Aktion von ihrer unbeholfenen Ausführung her mehr ein Happening, ein Unternehmen aus dem Bauch, um überhaupt etwas zu tun und ein Zeichen zu setzen. Ästhetisch hätte man diesen Zorn bewältigen, ästhetisch hätte man ihn abmildern können. Kunst ist immer auch eine Variante des Zivilisierens – sei es des Einhegens von Trieben oder aber von Praxis. Nietzsches Geburt der Tragödie lehrte es uns, daß der dionysische Abgrund, die Weisheit des Silen durch apollinische Formung gemeistert würde. Bader und Ensslin wählten einen anderen Weg. „Zwischen uns und dem Feind einen klaren Trennungsstrich ziehen“, so Mao – zumindest wird ihm dieses Zitat zugeschrieben. Die Nähe zu Carl Schmitt ist evident.

All die Varianten des sozialen Protests. Die Bilder, die Legenden, die Toten, die Lebenden, die Überlebenden, die, die weitermachten, die in der einen Weise weitermachten oder auf die andere Weise, die wild-geniale Dichtung von Rolf Dieter Brinkmann, in ihr musikalischer Bau, wie E-Gitarrenmusik vielleicht, als Collage von Text und Bild, Brinkmann, der zum Prolog von Westwärts dieses Weitermachen dann Mitte der 70er in einen Tonlage brachte, sein „Politisches Gedicht“ als Simultanton verschiedener Stimmen, es klang wie Interferenzen beim Radiohören, Politik als Satzfetzen, Peter Handkes Auftritt im April 1966 in Princeton bei der Gruppe 47, und eine Musik, die um die ganze Welt ging, zwischen den Beatles, Bob Dylan, Joan Baez, den Stones, Jefferson Airplane oder Velvet Underground und eine Mode, die nicht nur die 70er Jahre bestimmte, sondern immer einmal wieder eruptiv nachwirkt – bis in die Gegenwart hinein. Politik als Pop. Politik, die demokratisch wurde, könnte man wohlwollend schreiben, oder eine Politik, die sich trivialisierte und Komplexes auf einfache Formeln von Liedermachern herunterrechnete. Insofern auch Adornos Verdikt gegen popular music. Solches Denken ging ganz und gar nicht mit dem „Anliegen“ der Studenten konform.

(Zum Teil 2 geht es hier)