Die Tonspur zu Alexandras 80. Geburtstag

„Der Traum vom Fliegen“, zum Ende der 1960er Jahre und eines dieser Lieder, die einem seit der Kindheit und seit es zum ersten Male gehört ward nicht mehr aus dem Kopf gehen: sozusagen die Kurzfassung von Hans-Christian Andersens Märchen „Der Tannenbaum“. Es mag dieser Alexandra-Text zunächst kleinbürgerlich erscheinen: Der Wunsch, hinaus in die große Welt und wenn man dann, wie der Tannebaum oder wie das kleine schöne Blatt an jenem herrlichen Baum, in die weite Welt trudelt, weg und fort von seinem Platze, so entdecken wir, wie schön und wesentlich jene Augenblicke, jene Routinen, jene dem Anschein nach langweiligen Stunden waren, von denen wir uns wegsehnten. Ein wenig steckt darin auch jenes Blochsche „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“ Es geht die Reise hinaus und bei Bloch vom Ich zum Wir. Bei Alexandra und bei Andersens schönem Märchen bleibt aber eine Sehnsucht, und im Vergehen erst, im Ende bemerken wir unseren Anfang.

Selige Sehnsucht und Weltkörper. Zu Novalisʼ 250. Geburtstag

„Wenn man aber bisher noch nicht philosophirt hätte? sondern nur
zu philosophieren versucht hätte? – so wäre die bisherige Gesch[ichte] d[er]
Philosophie nichts weniger, als dies sondern nichts weiter, als eine Geschichte
der Entdeckungsversuche des Philosophirens.“
(Novalis, Hemsterhuis- und Kant-Studien)

„Nämlich zu Haus ist der Geist
Nicht im Anfang, nicht an der Quell. Ihn zehret die Heimat“
(Hölderlin, Brod und Wein)

Er ist einer der liebsten Denker mir: ein düsterer freilich, was die Aussichten anbelangt, und ein heiterer zugleich, ein intellektueller Erdinnengänger, wenn wir an seinen Bildungsroman „Heinrich von Ofterdingen“ denken, und ein luftreicher Überschäumer, wenn er in seinen Fragmenten die Philosophie denkt, sprudelnd im Geist: jener Gelehrte und Bergbau-Meister, Salinenassessor und Dichterdenker Georg Philipp Friedrich von Hardenberg. Und deshalb soll gerade in diesen Zeiten jenem Manne gedacht werden, der nicht nur Dichter, sondern zugleich Philosoph war. Symphilosophie, wie sie auch seine Freunde die Gebrüder Schlegel und Tieck andachten, damals 1797 in Jena, gemeinsames Denken, gemeinsames Leben, gemeinsames Wandern und eine unerhörte Philosophie, wie es sie bisher nicht gab:

„Ächtes Gesammtphilosophiren ist also ein gemeinschaftlicher Zug nach einer geliebten Welt – bey welchem man sich wechselseitig im vordersten Posten ablößt, auf dem die meiste Anstrengung gegen das antagonistische Element, worinn man fliegt, vonnöten ist. Man folgt der Sonne, und reißt sich von der Stelle los, die nach Gesetzen der Umschwingung unseres Weltkörpers auf eine Zeitlang in kalte Nacht und Nebel gehüllt wird. / Sterben ist ein ächtphilosphischer Act/ v[on] mir.“ (Novalis, Hemsterhuis- und Kant-Studien)

Dichten und Denken im Fragment, vielleicht auch, frei nach Heine, einer der ersten Posten im Freiheitskampf der Menschheit, und zugleich im Hinauswurf ins All und zu den Sternen, aber nicht immer zum Licht, fast ein wenig Major Tom und einsam in Gemeinschaft im kalten Weltenraum. Aufkommender Nihilismus, wofür Nietzsche rund 90 Jahre später jene Redewendung vom „unheimlichsten aller Gäste“ prägte. Ansatz und Abdrift und um diese kalte Nacht und den Nebel zu ertragen, braucht es einen Gemeinsinn: aber einen anderen sensus communis als Kant ihn sich andachte und weniger im Modell einer herkömmlichen Kommunikation, sondern als Gemeinschaft freier Geister. Darin liegt das Moderne von Novalis. Aber noch ist das All und sind die bestirnten Himmel freundlich gesonnen:

„Das Weltall zerfällt in unendliche, immer von größeren Welten wieder befaßten Welten. Alle Sinne sind am Ende Ein Sinn. Ein Sinn führt wie Eine Welt allmälich zu allen Welten.“ (Novalis, Heinrich von Ofterdingen)

Hen kai pan und all die Bilder für Naturphilosophie, die doch immer auch den Mensch meinen muß. Aus dem Zerfall dennoch das Gemeinsame zu denken, in Erdenstaub und Wanderschaft, in Träumen und Fabelwelten, wie in jenem Novalisschen Bildungsroman, der eine Antwort und zugleich eine Kritik des „Wilhelm Meister“ sein sollte – jenem Ereignis, wie Friedrich Schlegel es in seinen Athenäums-Fragmenten formulierte, das zusammen mit Fichtes Wissenschaftslehre von 1794/95 und der Französischen Revolution dafür stand, die größten Tendenzen des Zeitalters auszumachen.

Und es gab zugleich einen anderen Nexus, der unter der Oberfläche wirkte: Novalis und Hölderlin. Obwohl sie einander nie begegneten und einander nicht kannten oder gar Briefe wechselten, korrespondierte da ein Denken: Wie auch beim zwei Jahre zuvor geborenen Friedrich Hölderlin existiert in den Gewittern des ausgehenden 18. Jahrhunderts – jene Französische Revolution, der Spinoza-Streit und Goethes „Werther“ wie auch seiner „Lehrjahre“– ebenso bei Novalis eine Form des Denkens und Schreibens, wo sich nicht einfach mehr die strikte Scheidung zwischen Literatur hie und Philosophie da aufrechterhalten ließ. Wobei im Unterschied zu Hölderlin die Textproduktion zu den Fragen der Philosophie bei Novalis erheblich umfangreicher ausfällt: Logologische Fragmente, Fichte-Studien, Hemsterhuis- und Kant-Studien, das Allgemeine Brouillon und Blüthenstaub sowie „Dialogen und Monolog“, viele hundert Seiten und wie sich die Gedanken des Anfang 20-Jährigen in philosphischen Fragmenten, Sentenzen und Skizzen ausbreiten und sich ausprobieren, während bei Hölderlin noch viel stärker als bei Novalis sich jenes Durchdringen von Sprache, Sein, Denken und Welt in seiner Dichtung selbst findet. Etwas zu sagen, was sich mit den Mitteln normaler Sprache und mit den Mitteln diskursiver Philosophie und in ein System gebracht nicht in dieser Weise sagen läßt.

Für dieses neue Denken, diese andere Dichten, diese erweiterte Philosophie bürgerte sich, um solch Neues in einen Begriff zu fassen, die Rede von der Frühromantik ein: bei Schlegel hießt solcher Überschuß Universal- oder Transzendentalpoesie: „Die Poesie die Potenz der Philosophie, die Philosophie die Potenz der Poesie“ (Fr. Schlegel). Ähnlich hätte es auch Novalis schreiben können. Symphilosophieren. Hölderlin wird man im strengen Sinne nicht zu den Frühromantikern zählen können. Doch die Kritik des Systemdenkens einte beide Autoren. Anders als deren Zeitgenossen Hegel und Schelling (zumindest der von „System des transzendentalen Idealismus“) brachten weder Novalis noch Hölderlin Systeme des Denkens hervor, sondern sie unterminierten solches System mit Fragmenten und in einer beständigen Umschrift ihrer Dichtung. Beide Philosophen-Dichter gehören einer Alterskohorte an. Und beiden Dichterphilosophen kam das selbständige Leben um 1801 bzw. 1802 abhanden: dem einen durch Tod, dem anderen durch einen Wahnsinn. Beide zog es in jene Ferne, die wir heute die Südsee nennen:

Nein! Freunde kommt, laßt uns entfliehen
Den Fesseln, die Europa beut,
Zu Unverdorbnen nach Taiti ziehen
Zu ihrer Redlichkeit.

Und laßt uns da das Volk belehren
Wie Orpheus einstens tat;
Das Saitenspiel soll ihrer Wildheit wehren
Errichten einen Staat,

Wo nur Natur den Szepter führet,
Durch weise Künste unterstützt,
Und jeder in dem Stand, der ihm gebühret,
Dem Vaterlande nützt.
(Novalis, An meine Freunde, Gedichte / Die Lehrlinge zu Sais)

Und Hölderlin in seinem berühmten Dezemberbrief von 1801, kurz vor seiner Reise nach Bordeaux als Hauslehrer, an seinen Freund, den Dichter Casimir Ulrich Boehlendorff:

„Ich habe lange nicht geweint. Aber es hat mich bittre Thränen gekostet, da ich mich entschloß, mein Vaterland noch jezt zu verlassen, vielleicht auf immer. Denn was hab‘ ich lieberes auf der Welt? Aber sie können mich nicht brauchen. Deutsch will und muß ich übrigens bleiben, und wenn mich die Herzens- und die Nahrungsnoth nach Otaheiti triebe.“

Wir hören noch hier den Hyperion-Ton. Einer der letzten Briefe Hölderlins vor seiner Abreise. Der „freie Gebrauch des Eigenen“ (Hölderlin), der freie Gebrauch des Nationalen verband beide. Während Hölderlin in schwäbischer Landschaft jenen Atlas griechischer Orte fand und das Deutsche im antiken Griechenland, träumte Novalis einen ästhetischen Staat, in dem die Natur regiert, unterstützt durch die Kunst und damit in einer schönen Utopie vereint, wie er sie auch in „Glauben und Liebe oder Der König und die Königin“ in einer Eloge an das 1798 frisch gekrönte preußische Königspaar Friedrich Wilhelm III. und Luise von Mecklenburg-Strelitz niederschrieb. Gut aufgenommen wurde diese Schrift nicht: die Geburt der Politik aus dem ästhetischen Geist war des Preußens Sache nicht. Die schönen Künste sollten zieren, aber nicht regieren. Was Novalis entwarf und sich erschrieb, war ein Staat, der freilich anders als der Schillers nicht durch die Schönheit ins Reich der Freiheit gelangte, sondern mittel freier Natur, durch den Glauben und die Phantasie des Dichters geschaffen wurde; in gewissem Sinne auch ein Kolonie-Projekt wie in jenem Novalis-Gedicht geschildert, („Kolonie liebt, und tapfer Vergessen der Geist“, so Hölderlin in „Brod und Wein“); und im Gesang des Orpheus, mit neuen Anfangsbedingungen einer anderen Kolonie, versuchte jener Novalis, der Mühle und der Maschine zu entkommen:

„Im Glauben suchte man den Grund der allgemeinen Stockung, und durch das durchdringende Wissen hoffte man sie zu heben. Ueberall litt der heilige Sinn unter den mannichfachen Verfolgungen seiner bisherigen Art, seiner zeitigen Personalität. Das Resultat der modernen Denkungsart nannte man Philosophie und rechnete alles dazu was dem Alten entgegen war, vorzüglich also jeden Einfall gegen die Religion. Der anfängliche Personalhaß gegen den katholischen Glauben ging allmählig in Haß gegen die Bibel, gegen den christlichen Glauben und endlich gar gegen die Religion über. Noch mehr – der Religions-Haß, dehnte sich sehr natürlich und folgerecht auf alle Gegenstände des Enthusiasmus aus, verketzerte Fantasie und Gefühl, Sittlichkeit und Kunstliebe, Zukunft und Vorzeit, setzte den Menschen in der Reihe der Naturwesen mit Noth oben an, und machte die unendliche schöpferische Musik des Weltalls zum einförmigen Klappern einer ungeheuren Mühle, die vom Strom des Zufalls getrieben und auf ihm schwimmend, eine Mühle an sich, ohne Baumeister und Müller und eigentlich ein ächtes Perpetuum mobile, eine sich selbst mahlende Mühle sey. Ein Enthusiasmus ward großmüthig dem armen Menschengeschlechte übrig gelassen und als Prüfstein der höchsten Bildung jedem Actionair derselben unentbehrlich gemacht. – Der Enthusiasmus für diese herrliche, großartige Philosophie und insbesondere für ihre Priester und ihre Mystagogen. Frankreich war so glücklich der Schooß und der Sitz dieses neuen Glaubens zu werden, der aus lauter Wissen zusammen geklebt war.“ (Novalis, Die Christenheit oder Europa)

Was hier zunächst und aus heutigem Blick wie Katholizismus und Frömmelei sich ausnehmen mag und auch als eine (vermeintlich reaktionäre) Kritik der Französischen Revolution, dürfte die Kirchenoberen dennoch wenig erfreut haben, da sich dieser Glaube ans Wunderbare gerade nicht aus einem Papsttum speiste, sondern aus der Freiheit des Denkens und als Revolution gegen jegliches Maschinelle und damit gegen die verdinglichte Welt auch der offiziellen Kirche. Novalis war eben kein Konvertit, sondern Kritiker des Systems: Die schöpferische Vielfalt der Sphärenklänge („Die Sonne tönt nach alter Weise/ In Brudersphären Wettgesang,/ Und ihre vorgeschriebne Reise/ Vollendet sie mit Donnergang“, so dichtete Goethe zum Himmels-Prolog des „Faust“) regredierte in der aufkeimenden Moderne der Sattelzeit ins Klappern: Wenn nur noch Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller Kreaturen, dann verstumpft der Klang des Lebens.

Allein dieses Bild einer sich selbst mahlenden Mühle wiegt alles auf, was in diesem Text auch und zunächst bedenklich erscheinen mag. Novalis schreibt Verdinglichungskritik aus dem Geist der Dichtung und einer ahnenden Phantasie: nicht in der kalten Präzision eines Marx zwar, wie dieser es vierzig Jahre später in den Frühschriften faßte, aber doch in der Lebendigkeit von dessen Denken. Die Maschinenmetapher steht im Kontext der Aufklärungskritik, und zwar als Aufklärung über den Menschen und sein Verhältnis zur Natur. Dialektik der Aufklärung ante portas, Aufklärung über uns selbst gleichsam, aber zu jenen Zeiten der Jahrhundertwende noch als Überschwang und im Gang der Phantasie. Schönheit des Glaubens, um zum Reich der Freiheit zu gelangen.

Man mag diesen Aspekt der Religion bei Novalis verspotten, zumindest beim naiven Betrachter, aber wenn wir bedenken, daß auch in Hegels Diktion in den Religionen die Völker ihre höchsten und besten Weisen der Vorstellung niederlegten, so mag dieses Religiöse als Moment und Konstitutivum von Sittlichkeit, Gemeinschaft und Gesellschaft doch weniger lachhaft erscheinen als es uns heute ist. Uns fehlt diese religiöse Musikalität, die zugleich auch eine Sache der Kunst ist, ohne daß es in Kunstreligion driftet, sondern wo Kunst und Religion eine Angelegenheit nicht nur des objektiven und absoluten, sondern auch des subjektiven Geistes sind:

„Wenn mich nicht körperliche Unruhe verwirrt, welches doch nicht häufig geschieht, so ist mein Gemüth hell und still. Religion ist der große Orient in uns, der selten getrübt wird. Ohne sie wäre ich unglücklich. So vereinigt sich Alles in Einen großen, friedlichen Gedanken, in Einen stillen, ewigen Glauben.“ (Novalis, Brief an Kreisamtsmann Just, November 1800)

Hen kai pan, zumindest hier, im Gemüt, im Krisenfall des Grübelns und der körperlichen Versehrtheit. Und in der Dichtung allemal.

„Wo gehn wir denn hin? Immer nach Hause.“ (Novalis, Heinrich von Ofterdingen)

Das mag wohl sein, denn das Ende unseres Lebensweges ist die Erde, das Wasser, die Luft oder das Feuer: eines der Urstoffe und Elemente. Dieses Denken eines Wurzelhaften, einer Herkunft als Verflechtung ist dialektisch wie auch die Dichtung Hölderlins.

Die schönsten Verse der Menschen
– nun finden Sie schon einen Reim! –
sind die Hardenbergenschen.

Und so möchte ich, frei nach Rühmkorfs „Lied“ mit einem der schönsten Zeilen der Lyrik des ausgehenden 18. Jahrhunderts enden, weil darin Liebe, Philosophie, Sinnlichkeit, Welt und ein Überborden des Denkens ihre Stätte haben:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit werden gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Aufhebung der Entfremdung im Akt des Dichtens, des Singens und des Liebens. Doch diese Möglichkeiten sind uns im 20. und im 21. Jahrhundert nur noch bedingt gegeben. Kunst kennt Grenzen. Novalis gemahnt an eine Welt, die verschüttet ist. Sein Ton mag nach Unmittelbarkeit klingen. Anders aber als Hermann Hesse und Konsorten Beatnick geschieht dieser Schwung nicht im Kitsch, sondern in einer Emphase, die für uns Heutige kaum noch verständlich und auch kaum noch durchführbar ist. Es sei denn, wir gingen anders.

(Novalis-Ausgabe aus dem Aufbau-Verlag, DDR-Zeit)

Pier Paolo Pasolini zum 100. Geburtstag

Bei all dem Schrecklichen, was den Menschen in der Ukraine widerfährt, will ich den 100. Geburtstag von Pier Paolo Pasolini nicht vergessen. Und vielleicht gerade deshalb, wegen dieser Kraft zum Widerstand gegen Unrecht und Diktatur und seinem Plädoyer für Freiheit ist an Pasolini zu erinnern. Ich habe seine Filme in den 1980er Jahren mit Lust und mit Begeisterung gesehen, den rätselhaften Film „Teorema – Geometrie der Liebe“ und auch seine Dramen aus der borgate: „Accattone “ und „Mamma Roma“ und ich habe mir auch sogleich damals die Romane gekauft – in dem hellkaffeesahnebraunen Einbänden, wie es zu dieser Zeit Mode war. Pasoline machte das, was jemand wie Adorno perhorreszierte: eine Mischung aus Dokumentation und Kunst. Aber er tat es so, daß es ob der Kraft der Bilder, der Darstellung und der Dialoge Adorno vielleicht doch ästhetisch gefallen hätte, so wie in „Gastmahl der Liebe“: jener Befragung der Menschen zu Liebe und Sex.

Wie der Tagesspiegel-Artikel richtig schrieb, schätzte ich Pasolini zunächst und primär als Künstler und dann erst als Intellektuellen. „Pasolini war in erster Linie Dichter und Erzähler, in zweiter Filmregisseur und in dritter Intellektueller und Publizist.“ Über die 1968er und an die Studenten gerichtet, schrieb er ganz richtig (sinngemäß und aus dem Kopf zitiert): „Was protestiert ihr für die Befreiung der Arbeiter? Die Arbeiter, die ihr befreien wollt, stehen euch gegenüber, wenn ihr auf die Polizisten Steine werft.“ Dieses Unkonventionelle schätze ich an Pasolini. Aber dennoch blieb er trotz unkonventionellem Denken, linker Politik treu, schrieb für den Klassenkampf und konnte doch keine Arbeiterklasse mehr finden. Die Vorstadtjugend in den borgate machte ein anderes Ding. Mit Marx gesprochen war dies eher das Lumpenproletatiat oder wie man heute sagt: Abgehängte. Klassenkampf ohne Klasse gleichsam.

Und wie zu jedem Osterfest muß man, so auch bald wieder, „Das 1. Evangelium – Matthäus“ sich anschauen. Wie da eine biblische Landschaft und Geschichte mitten nach Italien verlegt war und in was für gewaltigen, teils stillen Bildern in Schwarzweiß: eine reduzierte Ästhetik, die zugleich überwältigte – auch durch die Gesichter und die Züge der Schauspieler. Die Rollen – gespielt von Laien. Das ist wahrlich eine große Regiekunst.

Alexander Kluge nachträglich zum 90. Geburtstag

Nein, ich habe im Augenblick keine rechte Zeit, einen schönen Essay über Alexander Kluge zu schreiben und um seine Arbeit angemessen zu würdigen. Paradigmatisch für sein Wirken dürften wohl Titel wie „Geschichte und Eigensinn“ und auch „Öffentlichkeit und Erfahrung“ stehen (beide Bücher zusammen mit Oskar Negt komponiert); sie geben bereits vom Titel her die Arbeitsweise Kluges gut wieder: die Objektivität bzw. das, was ist, und der Blick eines Einzelnen, der in jene Geschichte hineinkatapuliert wurde und jene Geschichte erst zu dem macht, was sie ist. Daß dieser Mann 90 geworden ist, scheint mir wundersam: er wirkt agil wie 50. Vor allem aber ist diese Art zu arbeiten, zu schreiben, zu filmen, zu montieren, zu denken, zu assoziieren und Dinge aus dem Gedächtnis zu kombinieren und in eine neue Anordnung zu bringen, phänomenal. Dialektische Theorie, Soziologie, Dichtung und Dokumentation bringen eine Sache in eine neue Anordung: Kritische Theorie als Ästhetik. Erzählen ist nicht nur Fiktion, aber es erschöpft sich ebensowenig im Dokumentieren. Wer eine Einführung in Kluges Poetik möchte, der schaue seine Frankfurter Poetik-Vorlesung „Theorie des Erzählens“, die es bei Suhrkamp auf DVD gibt.

Solche Korrespondenzen finden sich eben auch und insbesondere in den Arbeiten von Walter Benjamin und da ich beim Recherchieren in dessen Passagenwerk auf diese sogleich unten zitierte Stelle heute stieß und dann wiederum mich ans Vorgestern erinnnerte und daran, daß Alexander Kluge diesen runden Geburtstag hatte, dachte ich mir, diese feine Passage von Benjamin hier einzustellen. Gleichsam als Remiszenz an jene Traumwelten und an jene Übergänge und an die Stadt Paris, wo von den Oberwelten es in die Unterwelten ging, wo die Namen von Metrostationen Verheißungen sein können. Inspiriert ist diese Passage sicherlich von Louis Aragons „Paysan de Paris“ – ein Buch, von dem Benjamin sagte, daß er abends im Bett nicht mehr als zwei Seiten lesen könne:

„Wenn ich meinen gracianischen Wahlspruch ‚Suche in allen Dingen die Zeit auf Deine Seite zu bringen‘, je ins Werk gesetzt habe, so denke ich in der Weise, in der ich es mit dieser Arbeit [dem Passagenwerk] gehalten haben. Da steht an ihrem Beginn Aragon – der Paysan de Paris, von dem ich des abends im Bett nie mehr als zwei bis drei Seiten lesen konnte, weil mein Herzklopfen dann so stark wurde, daß ich das Buch aus der Hand legen mußte Welche Warnung! Welcher Hinweis auf die Jahre und Jahre, die zwischen mich und solche Lektüre gebracht werden mußten. Und doch stammen die ersten Aufzeichnungen zu den Passagen aus jener Zeit.“ (Walter Benjamin, Brief an Adorno vom 31. Mai 1935)

Solche Übergänge und solche Korrespondenzen zwischen gestern und heute legt auch Alexander Kluge frei, jene „Nachrichten aus der ideologischen Antike“, aber auch all diese Stellen und Szenen, an denen wir nichtsahnend vorübergehen. Unser Jahrhundert ausleuchten, indem wir das vergangene in seiner Zeit betrachten und auch dem Traumkitsch das seine geben, nachts beim Gang durch eine Stadt:

„Man zeigte im alten Griechenland Stellen, an denen es in die Unterwelt hinabging. Auch unser waches Dasein ist ein Land, in dem es an verborgenen Stellen in die Unterwelt hinabgeht, voll unscheinbarer Örter, wo die Träume münden. Alle Tage gehen wir nichtsahnend an ihnen vorüber, kaum aber kommt der Schlaf, so tasten wir mit geschwinden Griffen zu ihnen zurück und verlieren uns in den dunklen Gängen. Das Häuserlabyrinth der Städte gleicht am hellen Tage dem Bewußtsein; die Passagen (das sind die Galerien, die in ihr vergangenes Dasein führen) münden tagsüber unbemerkt in die Straßen. Nachts unter den dunklen Häusermassen aber tritt ihr kompakteres Dunkel erschreckend heraus und der späte Passant hastet an ihnen vorüber, es sei denn, daß wir ihn zur Reise durch die schmale Gasse ermuntert haben.
Aber ein anderes System von Galerien, die unterirdisch durch Paris sich hinziehen: die Métro, wo am Abend rot die Lichter aufglühen, die den Weg in den Hades der Namen zeigen. Combat – Elysée – Georges V – Etienne Marcel – Solférino – Invalides – Vaugirard haben die schmachvollen Ketten der rue, der place von sich abgeworfen, sind hier im blitzdurchzuckten, pfiffdurchgellten Dunkel zu ungestalten Kloakengöttern, Katakombenfeen geworden. Dies Labyrinth beherbergt in seinem Innern nicht einen sondern Dutzende blinder, rasender Stiere, in deren Rachen nicht jährlich eine thebanische Jungfrau, sondern allmorgentlich tausende bleichsüchtiger Midinetten, unausgeschlafener Kommis sich werfen müssen.“ (Walter Benjamin, Das Passagenwerk)

Aufschreibsysteme und Friendly Fire: Klaus Theweleit zum 80. Geburtstag

Ich habe damals die „Männerphantasien“ aufgeschlagen. Ich dachte, in dem Buch wären saftige Bildchen. Das war nicht der Fall. Also habe ich das Buch wieder zugeschlagen. Nein, kleiner Scherz. Aber warm wurde ich alter Verhaltenslehrer der Kälte leider mit diesem Theweleit-Buch nicht, und es gingen mir vor allem an der Universität damals im ausklingenden Jahrtausend die Theweleit-Jünger der 1980er, 1990er Jahre erheblich auf die Nerven und auch diese Form von Faschismuswitterei – im bösen Sinne könnte man, auch wenn das gegen Theweleit ungerecht ist, sagen, daß da jene Woko Haram bereits angelegt war: diese Hermeneutik des Verdachts, die Entropie einer einstmals sinnvollen Kritik, indem Begriffe als Spielmarken und Keulen eingesetzt werden, um Mißliebiges auszuschalten. Auch das „Buch der Könige. Orpheus und Eurydike“, das in Auszügen im Kafka-Seminar von Harro Segeberg gelesen wurde, hat mich nicht überzeugt, denn es griff im Blick auf Benn und Kafka in meinen Augen deutlich zu kurz. Interessante Gedanken zwar, diesen „anderen Prozeß“ von den Schreibszenen her und vom Verhältnis der Männer zu Frauen auszufalten und wie gleichsam Eurydike die Schreibkraft des Orpheus wurde, was auf alle Fälle einen spannenden Blickwechsel abgibt, aber eben auch nicht mehr. Und leider trug dieses Buch dazu bei, daß ich diese Form des Schreibvampirismus sogar anziehend fand. Der Brief als Verkehr mit Gespenstern wie Kafka es Ende März 1922 an die Journalistin Milena Jesenská in einem Brief – ausgerechnet! – schrieb. Als ob Kafka schon das Internet gekannt hätte:

„Die leichte Möglichkeit des Briefeschreibens muß (…) eine schreckliche Zerrüttung der Seelen in die Welt gebracht haben. Es ist ja ein Verkehr mit Gespenstern und zwar nicht nur mit dem Gespenst des Adressaten, sondern auch mit dem eigenen Gespenst, das sich einem unter der Hand in den Brief, den man schreibt, entwickelt oder gar in einer Folge von Briefen, wo ein Brief den anderen erhärtet und sich auf ihn als Zeugen berufen kann. Wie kam man nur auf den Gedanken, daß Menschen durch Briefe mit einander verkehren können! Man kann an einen fernen Menschen denken und man kann einen nahen Menschen fassen, alles andere geht über Menschenkraft. Briefe schreiben aber heißt, sich vor den Gespenstern entblößen, worauf sie gierig warten. Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken.“ (Franz Kafka, Briefe an Milena)

Witzig freilich und anregend war 2003 jener Vortrag bzw. einer Debatte mit Theweleit und dem Dramaturgen Carl Hegemann und später noch hinzukommend dem Musikkritiker Diedrich Diederichsen an der Berliner Volksbühne – ich berichtete in meinem Blogtext „All you need is love“ zu Theweleits 75. Geburtstag darüber. Freilich, wenn man es weniger wohlwollend betrachtet, auch hier wieder viel elaboriertes Gerede, was flott klang, aber wenn man es sich auf der Zunge zergehen ließ, dann doch eher feuilletonistisches Geplaudere war. Auf Dauer gestellt geht dieser flockig-postmoderne Ton – eben der schlecht verstandenen Postmoderne – irgendwann doch gehörig auf die Nerven und man sehnt sich nach den Arbeitern im Steinbruch des Herrn, die da mühsam und ohne rechte Pop-Performance die Texte beackern und Satz für Satz und genau und noch genauer lesen. Philosophie ist am Ende ein mühsames Geschäft und es reizt selten zum gefälligen Lachen und taugt auch kaum für die Bühnenshow. Immerhin aber war es in diesem Fall und mittels Poptheorie dennoch ein inspirierender Abend, wenn man solche Veranstaltungen auch unter einem ästhetischen Aspekt faßt, sozusagen das unendliche Geplaudere.

Zuweilen, bei den im Medien kursierenden Bildern und vom Äußerlichen her, muß ich bei Theweleit an jenen herrlichen Dude aus dem Film „The Big Lebowski“ denken. Meine These ist und bleibt, daß die Coen-Brüder sich Theweleit zum Vorbild nahmen oder aber umgekehrt, was sicherlich ob einer gewissen Leichtigkeit gut paßt. Aber das kann ich nicht beweisen. Dennoch mag ich Theweleits unbeschwerte Art, sich einem Thema derart und ausufernd zu nähern. Dieses wilde Assoziieren, dieses Hineinsteigen in die Archive, das Abdriften, um damit den Dokumenten einen anderen Schwung zu geben. Und ich als Leser muß freilich in diesen Ausführungen, Argumenten und Thesen inhaltlich auch gar nicht alles teilen: Der männliche Ichpanzer kann ja auch etwas ästhetisch Ansprechendes haben – zumal wir eben nicht mehr in „jenen zwanziger Jahre“ (Adorno) leben. Dennoch mag ein Satz Heiner Müllers wohl zutreffen, den er in seiner Autobiographie „Krieg ohne Schlacht“ im Blick auf Ernst Jünger schrieb:

„Jüngers Problem ist ein Jahrhundertproblem: Bevor Frauen für ihn eine Erfahrung sein konnten, war es der Krieg.“

Dennoch müssen wir uns Jünger vermutlich als einen glücklichen Menschen vorstellen: Im Reigen der Käfer, als Mann vom Mond und als Waldgänger: nicht der Flaneur in der Großstadt, sondern jene Holz- und Feld- und Geländewege. Beides, der Gang durch Wälder und Natur wie auch der durch die Stadtnatur – man nehme nur Aragons „Paysan de Paris“ – hat etwas für sich, weil man in beiden Modi des Spazierens und Wanderns je anders seine Aufmerksamkeit schult und walten lassen muß. Insbesondere im Blick auf die Mythologie. Auch Theweleit dürfen wir uns vermutlich als einen solch glücklichen Menschen vorstellen, doch freilich anders: mit Lust an der Lust und an mäandernden Texten. Und sein Werk hat nun eine Heimat im Verlag Matthes & Seitz gefunden – auch das ist gut so und das ist eine gute Heimat. Klaus Theweleit wurde am 7. Februar 1942 in Ebenrode, Ostpreußen, geboren. Eine verlorene Heimat, aber da, so sagen manche, Schleswig-Holstein manche Ähnlichkeit mit der verlorenen Heimat aufweist und sich ein Dreijähriger wenig erinnert, dann auch wieder eine neue Heimat.

Copyright: CC-Lizenz: Klaus Theweleit bei einer Lesung und Vortrag über sein Buch Dasachen der Täter: Breivik u.a. im Club W71 in Weikersheim.15 April 2016
Author Schorle

Hamed Abdel-Samad zum 50. Geburtstag

Auch von diesem Blog und von mir als Blogger meinen allerherzlichsten Glückwunsch zum runden Geburtstag! Hamed Abdel-Samad ist und bleibt eine so wichtige Stimme in Deutschland. Ich hoffe, er behält seinen großen arabischen-deutschen Mut. Trotz all der Anfeindungen und Bedrohungen. Es gibt wenige Menschen, die in bezug auf einen radikalen Islam in Deutschland und im Blick auf fehlende Integration von Muslimen weiterhin klare Kante sprechen, obwohl sie von Islamisten bedroht werden und obwohl viele Muslime dazu in Deutschland schweigen und obwohl die Woko Haram und all jene identitären Linken dazu schweigen und schweigen, denn man würde ja dem Falschen dienen, spräche man diese Gewalt an. Ob man jede These teilt, sei dahingestellt. Abdel-Samad liefert jedoch Stoff zum Nachdenken, weil er auf eine Wunde und auf ein Problem weist, über das wir sprechen müssen und weil wir als Gesellschaft dies nicht dem Beschwichtigungssound irgendwelcher „Datteltäter“ überlassen sollten.

Hamed Abdel-Samad war seinerzeit der geniale Gegenpart zum herrlichen Henryk M. Broder in der Serie „Entweder Broder“. Eigentlich lebte diese Reise durch Deutschland – von einem Besuch bei der NPD, wie auch in der großen Radikalinsiki-Moschee in Duisburg-Marxloh – erst richtig durch diese ruhige Art Abdel-Samads, durch seine Gelassenheit, seinen Schalk in den Augen: Gott wird es richten und er wird es doch nicht tun. Bis heute ist diese Deutschland-Safari zu empfehlen. Sie ist gut. Sie ist lustig und sie besteht vor allem durch das sanfte Temperament und den Witz dieses herrlichen Arabers. Zu hoffen bliebe, daß es irgendwann weitere Folgen dieser Serie geben wird: „Neues Deutschland Reise“. Nur geschieht das vermutlich nicht mehr im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Hart aber fair – 2018-04-09, entnommen: Wikipedia

France Gall zum 74. Geburtstag – Die Tonspur zum Sonntag

France Gall haben in den 1960er Jahren meine Eltern bereits auf den Partys gehört und auch ich höre das bis heute gerne, und wer die kürzlich verstorbene wunderbare Françoise Cactus kennt und ihre Art, diese Form von Chanson in deutsch wieder aufzugreifen, der dürfte spätestens ab diesem Punkt davon ausgehen können, daß solche Musik nicht einfach nur ein Kleinmädchengesang ist, sondern ganz im Gegenteil eine subitle Form von Spiel mit Rollen. Und auch vom Sound, von der Melodie her ist diese Musik ganz und gar wunderbar und sehr französisch, so daß ich am liebsten im geilen Peugot 404 Cabriolet abends durch die Stadt mit ihren Lichtern fahren möchte. (Mit Dank an Sara Rukaj, wo ich den Hinweis zu France Galls Geburtstag heute auf Facebook fand.)

Anbei unten im Link jenes schöne Video „Haifischbaby“ von 1967. Von France Gall.

Im Besonderen das Allgemeine. Eckhard Henscheid zum 80. Geburtstag

Heute hat einer der großen und ganz und gar großartigen Autoren der deutschen Literatur Geburtstag, nämlich Eckhard Henscheid. Bereits die Titel seiner Bücher waren, so fand ich es in den 1980er und 1990er Jahren, umwerfend komisch: „Beim Fressen beim Fernsehen fällt der Vater dem Kartoffel aus dem Maul“ war einer meiner liebsten Buchtitel. Aber auch „Verdi ist der Mozart Wagners – Eine Art Opernführer“ und jenes legendäre Anekdotenbuch „Wie Max Horkheimer einmal sogar Adorno hereinlegte. Anekdoten über Fußball, Kritische Theorie, Hegel und Schach“ bleiben Bücher, die nicht nur vom Titel her umvergessen sind. Doch ist dieses Anekdotenbuch zur Kritischen Theorie nicht etwa mit Spott, sondern vielmehr mit Witz geschrieben, denn da liebte und schätzte jemand den Gegenstand, über den er schrieb. Denn Witz ist bekanntlich das Ingenium des Geistes. Die Anekdote vom Postponieren des Reflexivum „sich“ dürfte den meisten bekannt sein. Und für die, die nicht, so sei es hier gegeben:

„Um die verzweifelte Stimmung, welche die „Frankfurter Schule“ um das Jahr 1933 herum befallen hatte, etwas aufzulockern, veranstaltete Max Horkheimer eines schönen Tages einen kleinen Wettstreit. Derjenige sollte Sieger und der beste Kritische Theoretiker sein, der das Reflexivum „sich“ am weitesten postponieren (nachstellen) konnte.

„Das hört sich gut an!“ rief Erich Fromm und schied sofort aus.
„Jetzt wird sich mal zeigen“, schrie begeistert Herbert Marcuse, „wer was drauf hat im Kopf!“ – und natürlich sah damit auch Marcuse kein Land.

Etwas geschickter stellte sich Walter („Benjamin“) Benjamin an, der mit einem „Der Marxismus muß mit dem Judentumn sich verbrüdern!“ zum Erfolg kommen hoffte.

Habermas hatte offensichtlich die Regel mißverstanden oder was, jedenfalls schien er mit seinem Beitrag „Sich denken, bringt wahre Selbstreflektion des Geistes“ aus, und auch Pollock brachte es mit einem ‚Gott ist an sich im Himmel‘ nicht weit, ja er wurde sogar mit Schulverweis bedroht (nachher wollte er es ironisch verstanden haben usw., was aber vor allem Marcuse bestritt, während Fromm irgendwie mit der ganzen Welt verkracht war und nur verbissen an seiner Rache bzw. einem Bleistift kaute) – jedenfalls legte nun lächelnd Max Horkheimer mit dem Satz „Die Judenfrage erweist in der Tat als Wendepunkt sich der Geschichte“ einen echten Hammer vor, indessen – nicht zu glauben, daß auch dies noch übertroffen werden konnte: Sieger wurde und sein Meisterstück nämlich machte Adorno mit dem geflügelten Satz: „Das unpersönliche Reflexivum erweist in der Tat noch zu Zeiten der Ohnmacht wie der Barberei als Kulmination und integrales Kriterium Kritischer Theorie sich.“

In solcher Erzählung zeigt sich, daß da jemand schreibt und denkt, der seinem Gegenstand nahe ist, der ihm vor allem aber gewachsen ist und ihn deshalb zugleich kritisch sehen kann. Das eben, was auch die Kritische Theorie ausmacht und aus diesem Grunde und wegen des Wirkungsortes Frankfurt am Main hieß jene Gruppe von Satirikern, die 1979 aus der Zeitschrift Pardon hervorging und die 1979 die Titanic gründete, Neue Frankfurter Schule. Deren Mottobild dürfte den meisten ebenfalls bekannt sein: „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“

Auch in solcher Sentenz samt der dazugehörigen Zeichnung verbinden sich Witz und Liebe zur Sache. Etwas, das auf Jean Paul und dessen Verfahren in der Literatur verweist: Digressiver Takt sozusagen, der als abschweifende Witz aber die Sache, über die er schreibt, nicht einfach nur verlacht, womit wir wiederum bei Laurence Sterne wären. Aus gutem Grunde verweist Magnus Klaue in seiner schönen Würdigung von Eckhard Henscheid im „Tagesspiegel“ auf jenen Autor, den man wohl nicht ganz der Romantik zurechnen kann und der doch von der Art des Schreibens her in deren Umkreis gehört: jenes herrlich ausschweifende Jean Paulsche Denken, das auch Henscheid beherrscht:

„Im Ernst, der auch Henscheids Klimbim und Kalauern innewohnt, im frühromantischen Impuls, Pointe und Ornament, Oberfläche und Tiefe kurzzuschließen, besteht seine Verwandtschaft mit Jean Paul.

Seine zwischen 1973 und 1978 erschienene Trilogie des laufenden Schwachsinns, bestehend aus den Romanen „Die Vollidioten“, „Geht in Ordnung – sowieso – genau –“ und „Die Mätresse des Bischofs“ ist nicht einfach eine großangelegte Satire auf das bundesrepublikanische Intellektuellenmilieu der Siebziger, obwohl sich dessen Protagonisten von Alice Schwarzer bis Max Horkheimer in Henscheids überbordendem Figurenpanorama begegnen. Zugleich war sie wirklich und ernsthaft so etwas wie die Wiederaufnahme von Jean Pauls im „Siebenkäs“ unternommenem Versuch eines nicht-linearen, dissoziativen Entwicklungsromans, dem barocken Gegenentwurf zum bürgerlichen Bildungsroman.

Wie Henscheid nicht einfach von oben herab die pappnasigen Protagonisten eines korrupten Kulturbetriebs karikiert, sondern sie in einer Vielzahl sprachlicher Nach- und Neuschöpfungen lebendig werden lässt, so hat er die Satire stets strenger genommen als diejenigen, die sie als überlegen-ironische Rechtfertigung der Wirklichkeit missbrauchen. „

„Einer von gestern“, so ist die Überschrift der Würdigung betitelt.

Henscheids Lebenswege kann man in seiner Autobiographie „Denkwürdigkeiten“ nachlesen. Und auch damit bewegt er sich, gleichsam als „Wahrheit und Dichtung“, zwischen Goethescher Zeit und jener Neuen Subjektivität der 1970er Jahre, als das Schreiben des Ich groß im kommen war. Doch über solchen Ton, vom „Tod des Märchenprinzen“ bis hin zu Karin Struck („besinnungsloses Geschmarre“), spottete Henscheid fies-virtuos. Denn anders als jene Innerlichkeitsblicker, die da nur die leere Substanz des Om-om aus der Bauchnabelschau hervorziehen, ließ Henscheid die Sprache los und zeigte, in welcher Weise man lebendig und mit Stil auf sein Leben blicken kann: nicht Befindlichkeitskram, dessen Privates niemanden interessiert, sondern bei Henscheid scheint im Besonderen ein Allgemeines heraus und diese Moment, diese Mischung aus Effekt und schön Erzähltem bildet das, was man in Friedrich Schlegels Diktion der modernen, romantischen Literatur das Interessante nennt. Und freilich ist dabei unter anderem auch die Welt der Literatur wichtig, aber eben nicht als bildungsbürgerliches Leseleben. Die „Genese des Geistes“, den „Big Bang durchs Bücherlesen“ beschreibt Henscheid in einer feinen Geschichte:

„1949, mit acht, war ich im Sommer erstmals Übernachtungsgast auf dem Dachsriegel (827 Meter) bei Furth im Wald, einquartiert nach Art der Zeit und Eisenbahnerkinder in eine sehr spartanische Logishütte. Ein halbes Jahr später sprang mir aus dem Lesebuch der 3. Klasse im Zuge einer Herbstgeschichte der Satz »… schied die Sonne hinterm Dachsriegel« entgegen.

Es war ein Urknall, ein Blitzeinschlag, ein Coup de coïncidence, ein Einschlag direttissima ins wie betäubte, wie überrumpelte Herz. Ein Blitz aus Überraschung, Welterahnung und auch Stolz. Stolz darauf, daß ich diesen Berg ja doch – »wirklich« kannte!

Erstmals wohl waren Primär- und Sekundärwirklichkeit, Erlebnis- und Druckwelt aufeinandergetroffen, hatten sich ineinander verschränkt. Dagegen, gegen diesen Choc d’amour, hatten viel später Goethe und Kafka keine Chance mehr. Nicht einmal ganz die drei jäh herzbrechenden Worte aus dem dritten »Winnetou«-Band: »Er war tot.«

Über sie weinte ich allerdings geschätzte vier Stunden lang. Und immer wieder auf. Aber ich las den Roman einfach viel zu spät, mit etwa 15. Da war die Ur-Druckbuchstaben-Empfindung schon nicht mehr lapidar genug. Der Schmerzerguß rührte da nicht mehr aus einem Wort (»Dachsriegel«), sondern aus dem Entgleiten, dem Vergehen, ja Verschwinden einer ganzen Welt.“

Das ist, mit einem Wort, große Dichtung mit Wahrheitseinschlag, wie Henscheid diese Stunde der Empfindung als Initial zur Literatur beschreibt. Vor allem aber ist es, aus solcher vergrößerten Kleinigkeit heraus, genau beobachtet und zeigt exemplarisch, was alle die, die bis heute viel und mit Lust lesen, von sich berichten können: Oft waren es ganz unscheinbare Erlebnisse und Szenen, die einem Kind mit einem Male den Blick aufgehen ließen und daß sich da im Leben wie im Buche gleichermaßen etwas tat, was dann das Kind ergründen und dessen Erlebnis es wiederholen wollte. Wohl auch darum, aus solcher Lust heraus, können Kinder eine Geschichte, die sie einmal lasen, wieder und immer wieder lesen. Vor allem jedoch zeigt sich in solchen Passagen, wie man auf gute Weise Pathos, Schönheit und gleichzeitig Witz bündeln kann, um daraus Literatur zu machen.

Dieses Werk, dieses Leben, diesen Autor gilt es zu würdigen. Vor allem aber: zu lesen. Auch wenn man sich an manchem bei ihm reiben kann, etwa Henscheids Einschätzung zu Arno Schmidt oder Beckett. Aber Große können groß irren.

Einen gelungenen Schluß für eine angemessene Würdigung liefert Magnus Klaue, wenn er über jenes Anekdotenbuch „Wie Max Horkheimer einmal sogar Adorno hereinlegte“ schreibt:

Anders als heutige Jungakademiker glauben, die diese Satiren als Verspottung eines gedrechselten Jargons goutieren, handelt es sich bei dieser Überzeichnung um eine Würdigung, um die Reverenz an Menschen, die von gestern und eben deshalb dem Heute überlegen sind. Als ein solcher sollte auch Eckhard Henscheid zu seinem Achtzigsten gepriesen werden.

Ich hätte es nicht besser schreiben können. Und jenes Gestern ist nicht besser, weil es „gestern“ ist, sondern weil es diesem Heute an Geist, Witz, Klugheit und Eloquenz allemal überlegen ist. Anders als all die bodentiefen Fenster und das Ich-und-meine-Hautfarbe-Geselche.

Photographie: CCC-Lizenz

Proust lesen

Der Literaturtheoretiker Paul de Man schrieb in seinem Aufsatz „Lesen (Proust)“, daß beim Lesen der „Recherche“ mehr auf das Nebeneinander zeitlicher Schichten in diesem Roman zu achten sei als auf jene unmittelbaren Erfahrungen einer durch einen Bewußtseinsakt gegebenen oder wiedererlangten Identität. Beide Ebenen durchziehen den großen Roman Prousts, und solche Brüche in der Zeit und solche Übergänge im Erzählen, gibt es in Prousts Text in der Tat häufig, und es ist ein spannendes Unterfangen, sie in diesem scheinbar kontinuierlichen Erzählfluß auszumachen: etwa wenn der Erzähler Marcel am Anfang der „Recherche“ von seiner Mutter jenen zweiten Gutenacht-Kuß ergattern will und der Mutter nachts auf der Treppe des Wohnhauses auflauert: Der strafende Blick der Mutter und die erstaunliche Nachlässigkeit des Vaters, der sonst solches Verhalten des kleinen Marcel als verzärtelt zu tadeln pflegte und zugleich der Versuch des Erzählers, das vor langer Zeit Geschehene in der Erinnerung zu fassen und erzählerisch in Präsenz zu bringen: das genaue Heraufbeschwören von dem, was einmal war und was nicht mehr ist, und zwar in der Art zu evozieren, daß es als gegenwärtig und gerade erlebt erscheint. Und da stehen mit einem Male mindesten zwei zeitliche Schichten nebeneinander: einmal die erzählte Gegenwart und dann die Gegenwart des Erzählers, der sich beim Prozeß solchen Evozierens von Erinnerung und wie sie aufgeschrieben wird, selbst beobachtet. Hinzu kommt die Gegenwart des Lesers, für den das erzählende Ich schreibt. Bereits an dieser frühen Stelle dieser Vergegenwärtigung finden wir jenes immer wieder von Proust angespielte Motiv, Vergangenheit in ästhetische Präsenz zu überführen, und zwar mittels solcher Brüche von Zeit. Mitten im Erzählen jener Begebenheit des zweiten Gutenacht-Kusses und ohne Wechsel im Absatz, befinden wir uns plötzlich in der Schreibwelt jenes Autors, der sich erinnert:

„Alles das liegt jetzt viele Jahre zurück. Die Wand des Treppenhauses, auf dem ich den Schein seiner Kerze immer näher rücken sah, existiert längst nicht mehr. Auch in mir sind viele Dinge zerstört, von denen ich geglaubt hatte, sie würden ewig währen, und andere sind entstanden, die neue Freuden und Leiden heraufbeschworen haben, von denen ich damals noch nichts wissen konnte, so wie mir heute die damaligen schwer zu begreifen sind.“

Wer sich auf eine philosophisch-literarische Weise an die Lektüre über Proust wagen will, ist mit de Mans Essay gut bedient (er findet sich in dem Suhrkamp-Band „Allegorien des Lesens“). Zudem kann man ebenfalls zu Samuel Becketts Proust-Essay greifen, geschrieben 1931 in London, mit gerade einmal 25 Jahren (erschienen in der Sammlung Luchterhand, nur noch antiquarisch erhältlich). Darin geht es um eine philosophisch inspirierte Sicht auf Erinnerung, Gewohnheit und Zeit. Wie auch Benjamin und Adorno erkannte Beckett die außerordentliche ästhetische Bedeutung Prousts für die Literatur. Und auch Beckett kommt auf die Perspektivität und die bildliche Vielfalt jener Albertine-Szene zu sprechen, die Proust im Blick auf die Geliebte Albertine schilderte:

„Kurz, ebenso wie in Balbec Albertine mir immer wieder anders erschienen war, so sah ich jetzt – als ob ich durch eine ans Wunderbare grenzende Beschleunigung den raschen Wechsel in Perspektive und Ton, den eine Person bei unseren verschiedenen Begegnungen mit ihr ohnehin für uns aufweist, in ein paar Sekunden hätte hineinpressen wollen, um experimentell von neuem das Phänomen zu erzeugen, durch das das Individuum vermannigfacht erscheint, und wie aus einem Etui die einen Möglichkeiten, die sie einschließt, aus den anderen hervorzuziehen – auf dem kurzen Weg, den meine Lippen bis zu ihrer Wange zurücklegten, zehn Albertinen vor mir; dieses eine junge Mädchen war wie eine Göttin mit mehreren Köpfen, und der eben noch erblickte Kopf machte, wenn ich versuchte, ihm näher zu kommen, einem anderen Platz.“

Solcher Wandel und solche Multiperspektivität wird – vom Standpunkt des Todes und einer Ästhetik der Verluste her betrachtet – später auch für Becketts eigene Produktion bedeutsam. Insofern ist Becketts Proust-Essay nicht nur eine schöne literaturästhetische Deutung Prousts, sondern gibt auch im Blick auf Becketts späteres Schreiben einige Auskunft.

Unsere Erinnerung hält, so formuliert es der Romanist Ernst Robert Curtius, „einen Teil des schon gelebten und längst entschwundenen Lebens“ fest. Diese Erfahrung macht so gut wie jeder Mensch, doch solches ästhetisch festzuhalten und mit dem Mitteln der Kunst zur Frage zu machen, gelingt keineswegs jedem. Solches Erinnern und es in Dichtung darzustellen, ist, so Curtius, „der Schlüssel der Proustʼschen Kunst“. Diese Form des Erinnerns in Literatur verfeinerte Proust zur höchsten Form. Curtius bewunderte das Werk Prousts und schrieb eine der frühesten Einführungen für den deutschen Sprachraum. Zudem korrespondierte er mit Proust. Sein Essay „Marcel Proust“ erscheint 1925, drei Jahre nach Prousts Tod und er ist noch heute lesenswert – lange Zeit war das Buch vergriffen, es wurde dieses Jahr beim Verlag Schöffling & Co neu aufgelegt, versehen mit zahlreichen Photographien, dazu ein Nachwort von Michael Kleeberg, und auch Teile der Briefe von Proust und an Proust sind dort in den Originalhandschriften zu sehen. Man wird heute den Begriff des ästhetischen Erlebens, den Curtius in Rekurs auf Goethe und  Dilthey ins Spiel bringt, anders gewichten und im aktuellen Diskurs der Ästhetik vermutlich von ästhetischer Erfahrung sprechen, auch wird man die Kunstmetaphysik, die teils an Schopenhauer erinnert, anders deuten. Dennoch bietet Curtius‘ Buch einen feinen Start, um alle, die bisher Proust nicht gelesen haben, mit dem Proust-Kosmos vertraut zu machen. Ich halte dieses Buch für eine der besten Einführungen – immer noch. So heißt es im Blick auf die Zeit:

„Die Proust’sche Zeit hat eine Elastizität und Relativität, an der alles äußerliche Messen scheitert. Es wird jedem Leser auffallen, dass in Prousts Romanen niemals Daten und präzise Zeitbestimmungen auftauchen. Wir rechnen in diesen Romanen nicht nach Monaten und Jahren, sondern nach dem Wechsel der seelischen Jahreszeiten. Sie erlauben keine chronologische Analyse. Die Zeit läuft an in einer Kurve von unberechenbarer Unregelmäßigkeit.“

Ebenso geht es um die Frage des Stils, und bereits Curtius verwies auf die Bedeutung der Optik:

„Prousts Stil ist ein Präzisionsinstrument der Erkenntnis. Proust hat neue Reaktionsverfahren entdeckt, die es ihm gestatten, Nuancen und Formvarianten des Seins zu entdecken, die wir übersehen hatten. Seine Schreibart erinnert an die Methoden zur Verstärkung schwachbelichteter Klischees oder zur Entzifferung von Palimpsesten oder zum Nachweis kleinster Dosen chemischer Elemente. Sie hat etwas von der Technik des Mikroskopierens und von der minutiösen Sorgfalt chinesischer Aquarellisten. Sie ist ein Triumpf der geistigen Energie über den Stoff des Erlebens. Mit einer bohrenden Intensität des Denkens, mit unermüdlicher Anstrengung geht Proust zu Werke, um die Wirklichkeit der äußeren wie der inneren Welt ihren ganzen Gehalt auszupressen.“

Motive wie das Erinnern und die Frage nach dem Bewußtsein werden angespielt, aber ebenso geht es um den Unterschied zwischen einer deutschen und einer französischen Literatur. Einteilungen in Nationalliteraturen haben, wenn man sie zu streng nimmt, etwas Korsetthaftes, aber sie können dennoch als heuristisches Mittel der Differenzierung eine gewisse Tendenz beschreiben, wenn man an Proust und Thomas Mann denkt:

„So bestätigt sich auch an Proust, dass der französische Roman seinem Wesen nach Gesellschaftsroman ist, wie der deutsche Roman Entwicklungsroman – dort Mechanik sozialer Formen, hier Dynamik individuellen Werdens.“

Die Parallelen und auch die Divergenzen zwischen Roman und Leben betrachtet Saul Friedländer in seinem Buch „Proust lesen“ (2020 bei Beck erschienen): Aspekte wie Judentum und Homosexualität im realen Leben Prousts und wie sie dann im Roman entfaltet werden, spielen für Friedländers Sicht auf Prousts Werk eine zentrale Rolle. Friedländer untersucht in einer, wie ich jedoch an vielen Stellen finde, unidirektionalen Weise die Bezüge zwischen Literatur und Leben. Auch was die Sexualität von Proust anbelangt:

„Um einen Orgasmus zu bekommen, mußte Proust sich von Zeit zu Zeit die grausame Szene zweier ausgehungerter Ratten ansehen, die sich in einem Käfig gegenseitig zerfleischten.“

Solche Details mögen interessant sein, wenn man das private Leben als Referenz nimmt. Für den Eigenwert von Literatur ist solches Biographiewissen jedoch entbehrlich, denn die „Recherche“ und die bei Proust ausgeführten Passagen zum Sadismus funktionieren auch ohne diese Kenntnis und sind bereits aus sich selbst heraus verständlich. Für ihre Interpretation und Deutung bestimmter Passagen der „Recherche“ im Blick auf Sadismus und Gewalt fügt solches Wissen nichts hinzu – so etwa, wenn im Hause des gerade verstorbenen Komponisten Vinteuil dessen (tieftraurige) Tochter sich mit ihrer Freundin erotisch vergnügt und jene Freundin die Photographie des Vaters, der vom Bild her diesem Liebesspiel zusieht, bespuckt und die Geliebte auffordert, es ihr gleichzutun. Eine mehr als symbolische Schändung eines Andenkens und ebenfalls eine Art, mit Erinnerungen umzugehen: dem Gedenkenn an einen Toten. Solche Stellen sind bereits aus sich heraus und im Kontext anderer Romanstellen bedeutsam. Interessanter freilich wird es, wenn Friedländer über das Verhältnis von Tod und Erzählen spricht und wie dieses Erzählen bei Proust, ähnlich der Scheherazade, den Tod bannen soll.

„James Joyce sagte einmal im Scherz über seinen ‚Ulysses‘: ‚Ich habe so viele Rätsel und Geheimnisse hineingesteckt, dass es die Professoren jahrhundertelang in Streit darüber halten wird, was ich wohl gemeint habe.‘ Wenn es einen Autor gibt, der in dieser Hinsicht mit dem hintersinnigen Iren mithalten kann, dann ist es Proust in der ‚Recherche‘; der häufige Verweis auf ‚Tausendundeine Nacht‘ ist wohl dennoch eines der leichter zu lösenden Rätsel.“

61Xa58IBGxL._SX337_BO1,204,203,200_Zum Schluß sei noch auf eine besondere Lektüre hingewiesen, nämlich von Jóseph Czapski „Proust. Vorträge im Lager Grjasowez“ (2006 in einer gestalterisch schönen Ausgabe der Friedenauer Presse erschienen). Der polnische Schriftsteller und Maler Czapski hielt diese Proustlesungen in einem der Konzentrationslager Stalins, nachdem er als Soldat der polnischen Armee, nach dem Überfall der Deutschen und im Anschluß daran der Sowjetunion auf Polen, von den Sowjets gefangengenommen wurde und dem Tode nur mit Glück entrann, da Stalin und seine Schergen nach den Massaker von Katyn es sich zum Ziel gesetzt hatten, polnische Politiker, Dichter und Intellektuelle zu ermorden. Es findet sich in diesem Buch auf wunderbare Weise die Welt Prousts aufgespannt, und zugleich kommen wir mit Czapskis Leseerfahrungen in Berührung: was es bedeutet, zum ersten Mal im Leben in eine solche Welt der Literatur eingetaucht zu sein.

„Ich war Bücher gewohnt, in denen etwas passiert, in denen sich die Handlung schneller entwickelt, die in einem geläufigeren Französisch erzählt sind, und ich besaß nicht genug literarische Bildung, um Zugang zu diesen besonderen von Kostbarkeiten überquellenden Bänden zu finden, die so sehr im Widerspruch zu alledem standen, was uns damals als Geist der Zeit erschien – dieser flüchtige Zeitgeist, der uns in der Naivität unserer Jugend als neues, bis an Ende der Zeiten gültiges Gesetz erschien. Zu Prousts endlosen Sätzen mit unzähligen ‚Nebenbeis‘, den verschiedensten, entlegensten und unerwartetsden Assoziationen, zu der seltsamen Art, die Themen anscheinend ungeordnet zu verflechten. Ich war kaum imstande, den Wert dieses Stils, seine äußertes Präzision und seinen Reichtum auch nur zu erahnen.“

Prousts Werk diente aber zugleich dem Überleben – und es zeigt, wie wichtig ein gutes Gedächtnis und ein gutes Erinnerungsvermögen sind. Denn Czapski hatte für seine Lagervorlesungen den Proust nicht zur Hand. Das aus dem Gedächtnis Vorgetragene dient auch dazu, das eigene Leben zu retten und jene leere Zeit des Lagers zu gestalten. Diese Verkettung verschiedener geschichtlicher Ebenen, der Gegenwart Czapskis und der Prousts, macht dieses Buch so besonders. Nicht so sehr ist dieses Buch Leuten zu empfehlen, die Proust noch niemals gelesen haben – da kann es nur eine einzige Empfehlung geben, nämlich Proust selbst zu lesen, so wie man die Freude am Riesling schließlich nicht dadurch erfährt, indem man Bücher über Rieslingwein liest, sondern wir wollen kosten und trinken. Sondern vielmehr macht Czapskis Buch all jenen Lust, wieder zum Proust zu greifen, die ihn vor Jahren schon einmal gelesen haben und in Tagen und Wochen des Lesens durch jene Zeit geglitten sind und sich haben treiben lassen, und weil das so lange her ist, wollen sie einen neuen Einstieg finden. Den hat man mit Czapski, und implizit schwing bei dieser Lektüre auch das Politische mit. Józef Czapski lebte seit 1945, also mit der stalinistisch-kommunistischen Besetzung Polens in Paris. Dort war er unter anderem mit Manès Sperber und André Malraux befreundet und wußte früh schon, anders als Sartre und viele westliche Intellektuelle, um die Barbarei dieser Art von Sozialismus.

Solche Kombination von Erfahrung, Leben und Literatur bzw. Kunst ist auch für Adornos Philosophie und Ästhetik zentral, und es hat gute Gründe, weshalb Adorno früh schon mit Proust zu tun hatte und dessen Literatur schätzte. Der erste Aphorismus seiner „Minima Moralia“ ist Proust gewidmet. Wohl eine der treffendsten Beschreibungen für Proust fand Adorno 1966 in seinen „Meditationen zur Metaphysik“, die den letzten Teil der „Negativen Dialektik“ bilden:

„Was metaphysische Erfahrung sei, wird, wer es verschmäht, diese auf angebliche religiöse Urerlebnisse abzuziehen, am ehesten wie Proust sich vergegenwärtigen, an dem Glück etwa, das Namen von Dörfern verheißen wie Otterbach, Watterbach, Reuenthal, Monbrunn. Man glaubt, wenn man hingeht, so wäre man in dem Erfüllten, als ob es wäre. Ist man wirklich dort, so weicht das Versprochene zurück wie der Regenbogen. Dennoch ist man nicht enttäuscht; eher fühlt man, nun wäre man zu nah, und darum sähe man es nicht. Dabei ist der Unterschied zwischen Landschaften und Gegenden, welche über die Bilderwelt einer Kindheit entscheiden, vermutlich gar nicht so groß. Was Proust an Illiers aufging, ward ähnlich vielen Kindern der gleichen gesellschaftlichen Schicht an anderen Orten zuteil. Aber damit dies Allgemeine, das Authentische an Prousts Darstellung, sich bildet, muß man hingerissen sein an dem einen Ort, ohne aufs Allgemeine zu schielen. Dem Kind ist selbstverständlich, daß, was es an seinem Lieblingsstädtchen entzückt, nur dort, ganz allein und nirgends sonst zu finden sei; es irrt, aber sein Irrtum stiftet das Modell der Erfahrung, eines Begriffs, welcher endlich der der Sache selbst wäre, nicht das Armselige von den Sachen Abgezogene.

[…]

Unvergleichliche Gewalt geht vom Metaphysiker Proust aus, weil er dieser Verführung mit unbändigem Glücksverlangen wie kein zweiter, ohne sein Ich zurückbehalten zu wollen, sich anvertraute. Aber der Unbestechliche hat durch den Fortgang des Romans bekräftigt, daß auch jene Fülle, der durchs Eingedenken gerettete Augenblick es nicht sei.“

Jener Blick fürs Detail und wie sich Assoziationen am kleinsten Ding entzünden können und aus einer scheinbar unscheinbaren Begebenheit wie dem Auffwachen oder einem Spaziergang durch einen Park und dem Blick auf eine Kirche sich eine ganze Welt entzündet. Phänomenologie und Modell von Erkenntnis mit ästhetischen Mitteln. Und aus diesem Grunde, weil beim Lesen solcher Literatur nicht nur die Fähigkeit geschult wird, Bezüge in einem komplexen Text wahrzunehmen und in eine Korrespondenz zu setzen, sondern vor allem auch, weil Wahrnehmung intensiviert wird und Proust als Dichter uns Lesern vorführt, wie ein Autor solches Wahrnehmen und das Erzählen darüber formal meistert und wie wir an solchem Verfahren unseren Blick schulen können, Dinge und Menschen neu und anders zu sehen und bis in die feinsten Verästelungen einer Bewegung oder einem Gedanken oder der Beschreibung eines Momentes zu folgen: Deshalb ist Proust bis heute hin aktuell und muß gelesen werden. Und in diesem Sinne ist die Dichtung Prousts, trotz seines Spiels mit der Zeit, zeitlos.