Günter Wallraff zum 80. Geburtstag

Heute wird Günter Wallraff 80 Jahre. Seine Industrie- und Betriebs-Reportagen, etwa zum Gerling-Konzern in Hamburg, seine Bundeswehr-Reportagen, seine Blicke ins Dunkeldeutschland und seine BILD-Bücher waren das erste, was ich las, als meine politische Sozialisation 1979, 1980 begann: die Bücher erschienen damals beim Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch: Ich halte solche Blicke – gleichsam in den Maschinenraum der Gesellschaft, in ihre Heizkeller und zu solchem Heiz- und Hetzmilieu gehörte auch BILD – nach wie vor für wichtig, und neben einer Theorie als Gesellschaftskritik stehen solche Berichte in der Tradition von Engels früher Studie zur Qualitativen Sozialforschung, nämlich „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“.

Bis heute ist Wallraff investigativ tätig und berät Rechercheteams. Wallraff arbeitete nie vom Schreibtischstuhl aus. Er war vor Ort, er war bei der BILD-„Zeitung“ Hannover der Mann, der Hans Esser war, er war mit „Ganz unten“ der Türke Ali. Man kann mit Fug und Recht sagen, daß dieses Buch Mitte der 1980er Jahre wohl zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik einer Vielzahl von Menschen, die nicht unbedingt politisch waren oder die sich kaum für solche gesellschaftlichen Zusammenhänge interessierten, die Lage der sogenannten Gastarbeiter anschaulich machte. Lange Zeit kamen jene Gastarbeiter allenfalls als Objekte von Türkenwitzen vor und nicht als Menschen, die hier lebten und vor allem jene Drecksarbeit taten, für die wir uns zu schade waren, ansonsten aber waren sie unsichtbar für uns. „Ganz unten“ leistet zu solcher Aufklärung einen erheblichen Beitrag. Aber Wallraff tat mehr noch. Er begab sich auch politisch in Gefahr. So schrieb „Tagesspiegel“ heute über Wallraff:

„In Solidarität mit griechischen Freunden, die vom Regime der Obristen verfolgt wurden, kettete sich Wallraff im Mai 1974 in Athen an einen Laternenpfahl und verteilte Flugblätter. Er wurde inhaftiert, gefoltert, verurteilt, und kam nach dem Sturz der Militärdiktatur im Juli darauf frei. Unbeirrt nahm er es im Jahr danach mit Portugals 1974 gestürztem Diktator Spinola auf, gab sich bei dessen Besuch in Deutschland als Unterhändler von Franz-Josef Strauß aus, mit Waffen im Angebot. Wallraff erfuhr von Spinolas Putschplänen und vereitelte sie, indem er sie öffentlich machte. 1983 schlüpfte Wallraff für zwei Jahre in die Rolle des türkischen „Gastarbeiters Ali“, unter anderem bei McDonald’s und im Thyssen-Konzern. Er erlebte mangelnden Arbeitsschutz, Rassismus, Schikanen – und schrieb darüber.

Sein Buch „Ganz unten“ kam ganz nach oben auf den Bestsellerlisten, übersetzt wurde es in 38 Sprachen, verehrt wurde der Autor in der Türkei. Doch der Erfolg weckte auch Neid und Ärger. Von ganz links warf man Wallraff vor, sich für Reformen zu stark auf das System, die Gewerkschaften einzulassen. Von rechts wurden die Undercover-Recherchen kriminalisiert – schon der Name „Wallraff“ versetzte Konzerne in Angst und Schrecken.

Besonders viele Anwälte mobilisierte der Springer-Verlag, nachdem Wallraff 1977 der Coup geglückt war, unter dem Namen Hans Esser in Hannover beim Boulevardblatt „Bild“ anzuheuern. „Esser wie Messer“, stellte er sich dort gern vor. In seinem Bestseller „Der Aufmacher“ schilderte Wallraff die an Skrupeln armen Methoden des Blattes. Springer heftete mit Wolf Schneider eigens einen Mann „zur besonderen Verwendung“ an seine Fersen, der ihm hinterherreiste, und im Publikum Gegenrede übte, wenn Wallraff das Buch vorstellte. Schneider wurde 1979 Leiter der neu gegründeten Henri-Nannen-Schule für Journalismus, was Wallraff entsetzte.“

Aber das Leben ist ambivalent: Schneider hat zugleich ein gutes Buch geschrieben, das alle Journalisten, besonders die Kindermenschenjournalisten, immer auf dem Nachtisch haben sollten: Nämlich „Deutsch für Profis“.

Inzwischen mögen die Bücher von Wallraff lange zurückliegen und jene Reportagen Vergangenheit sein. Doch lesenswert sind sie bis heute, denn sie liefern ein gutes Stück bundesrepublikanischer Sozialgeschichte.

Harald Schmidt zum 65. Geburtstag

Die beste Würdigung Schmidts ist es vielleicht, ihn einfach selber sprechen zu lassen und eine seiner Shows zu zeigen. Diesmal über Gerhard Schröder: „Die Hausfinanzierung von Gerhard Schröder“. „Der Mann, der nicht einmal weiß, wie man Haarefärben schreibt.“

Jene Phrase „Er fehlt uns“ ist allerdings verkehrt. Denn er ist immer noch da: eben weil er nicht mehr derart präsent ist und wir angesichts dessen, was uns Kanäle wie Youtube oder das Fernsehen bieten, eine bittere Enttäuschung spüren. Und bei all dem Schwachfug und Minderleistern wie Jan Böhmermann oder der Dauergrinsegrindmaschine Aurel Mertz tritt die Disprepanz zwischen Größe und Bedeutungslosigkeit nur um so mehr zutage. Gerade durch Schmidts Abwesenheit wird also der Mangel und das Mindere spürbar. In diesem Sinne fehlt uns Harald Schmidt ganz und gar nicht, sondern er schärft mit seinem Witz immer wieder neu uns die Sinne und den Verstand.

Die Tonspur zu Alexandras 80. Geburtstag

„Der Traum vom Fliegen“, zum Ende der 1960er Jahre und eines dieser Lieder, die einem seit der Kindheit und seit es zum ersten Male gehört ward nicht mehr aus dem Kopf gehen: sozusagen die Kurzfassung von Hans-Christian Andersens Märchen „Der Tannenbaum“. Es mag dieser Alexandra-Text zunächst kleinbürgerlich erscheinen: Der Wunsch, hinaus in die große Welt und wenn man dann, wie der Tannebaum oder wie das kleine schöne Blatt an jenem herrlichen Baum, in die weite Welt trudelt, weg und fort von seinem Platze, so entdecken wir, wie schön und wesentlich jene Augenblicke, jene Routinen, jene dem Anschein nach langweiligen Stunden waren, von denen wir uns wegsehnten. Ein wenig steckt darin auch jenes Blochsche „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“ Es geht die Reise hinaus und bei Bloch vom Ich zum Wir. Bei Alexandra und bei Andersens schönem Märchen bleibt aber eine Sehnsucht, und im Vergehen erst, im Ende bemerken wir unseren Anfang.

Selige Sehnsucht und Weltkörper. Zu Novalisʼ 250. Geburtstag

„Wenn man aber bisher noch nicht philosophirt hätte? sondern nur
zu philosophieren versucht hätte? – so wäre die bisherige Gesch[ichte] d[er]
Philosophie nichts weniger, als dies sondern nichts weiter, als eine Geschichte
der Entdeckungsversuche des Philosophirens.“
(Novalis, Hemsterhuis- und Kant-Studien)

„Nämlich zu Haus ist der Geist
Nicht im Anfang, nicht an der Quell. Ihn zehret die Heimat“
(Hölderlin, Brod und Wein)

Er ist einer der liebsten Denker mir: ein düsterer freilich, was die Aussichten anbelangt, und ein heiterer zugleich, ein intellektueller Erdinnengänger, wenn wir an seinen Bildungsroman „Heinrich von Ofterdingen“ denken, und ein luftreicher Überschäumer, wenn er in seinen Fragmenten die Philosophie denkt, sprudelnd im Geist: jener Gelehrte und Bergbau-Meister, Salinenassessor und Dichterdenker Georg Philipp Friedrich von Hardenberg. Und deshalb soll gerade in diesen Zeiten jenem Manne gedacht werden, der nicht nur Dichter, sondern zugleich Philosoph war. Symphilosophie, wie sie auch seine Freunde die Gebrüder Schlegel und Tieck andachten, damals 1797 in Jena, gemeinsames Denken, gemeinsames Leben, gemeinsames Wandern und eine unerhörte Philosophie, wie es sie bisher nicht gab:

„Ächtes Gesammtphilosophiren ist also ein gemeinschaftlicher Zug nach einer geliebten Welt – bey welchem man sich wechselseitig im vordersten Posten ablößt, auf dem die meiste Anstrengung gegen das antagonistische Element, worinn man fliegt, vonnöten ist. Man folgt der Sonne, und reißt sich von der Stelle los, die nach Gesetzen der Umschwingung unseres Weltkörpers auf eine Zeitlang in kalte Nacht und Nebel gehüllt wird. / Sterben ist ein ächtphilosphischer Act/ v[on] mir.“ (Novalis, Hemsterhuis- und Kant-Studien)

Dichten und Denken im Fragment, vielleicht auch, frei nach Heine, einer der ersten Posten im Freiheitskampf der Menschheit, und zugleich im Hinauswurf ins All und zu den Sternen, aber nicht immer zum Licht, fast ein wenig Major Tom und einsam in Gemeinschaft im kalten Weltenraum. Aufkommender Nihilismus, wofür Nietzsche rund 90 Jahre später jene Redewendung vom „unheimlichsten aller Gäste“ prägte. Ansatz und Abdrift und um diese kalte Nacht und den Nebel zu ertragen, braucht es einen Gemeinsinn: aber einen anderen sensus communis als Kant ihn sich andachte und weniger im Modell einer herkömmlichen Kommunikation, sondern als Gemeinschaft freier Geister. Darin liegt das Moderne von Novalis. Aber noch ist das All und sind die bestirnten Himmel freundlich gesonnen:

„Das Weltall zerfällt in unendliche, immer von größeren Welten wieder befaßten Welten. Alle Sinne sind am Ende Ein Sinn. Ein Sinn führt wie Eine Welt allmälich zu allen Welten.“ (Novalis, Heinrich von Ofterdingen)

Hen kai pan und all die Bilder für Naturphilosophie, die doch immer auch den Mensch meinen muß. Aus dem Zerfall dennoch das Gemeinsame zu denken, in Erdenstaub und Wanderschaft, in Träumen und Fabelwelten, wie in jenem Novalisschen Bildungsroman, der eine Antwort und zugleich eine Kritik des „Wilhelm Meister“ sein sollte – jenem Ereignis, wie Friedrich Schlegel es in seinen Athenäums-Fragmenten formulierte, das zusammen mit Fichtes Wissenschaftslehre von 1794/95 und der Französischen Revolution dafür stand, die größten Tendenzen des Zeitalters auszumachen.

Und es gab zugleich einen anderen Nexus, der unter der Oberfläche wirkte: Novalis und Hölderlin. Obwohl sie einander nie begegneten und einander nicht kannten oder gar Briefe wechselten, korrespondierte da ein Denken: Wie auch beim zwei Jahre zuvor geborenen Friedrich Hölderlin existiert in den Gewittern des ausgehenden 18. Jahrhunderts – jene Französische Revolution, der Spinoza-Streit und Goethes „Werther“ wie auch seiner „Lehrjahre“– ebenso bei Novalis eine Form des Denkens und Schreibens, wo sich nicht einfach mehr die strikte Scheidung zwischen Literatur hie und Philosophie da aufrechterhalten ließ. Wobei im Unterschied zu Hölderlin die Textproduktion zu den Fragen der Philosophie bei Novalis erheblich umfangreicher ausfällt: Logologische Fragmente, Fichte-Studien, Hemsterhuis- und Kant-Studien, das Allgemeine Brouillon und Blüthenstaub sowie „Dialogen und Monolog“, viele hundert Seiten und wie sich die Gedanken des Anfang 20-Jährigen in philosphischen Fragmenten, Sentenzen und Skizzen ausbreiten und sich ausprobieren, während bei Hölderlin noch viel stärker als bei Novalis sich jenes Durchdringen von Sprache, Sein, Denken und Welt in seiner Dichtung selbst findet. Etwas zu sagen, was sich mit den Mitteln normaler Sprache und mit den Mitteln diskursiver Philosophie und in ein System gebracht nicht in dieser Weise sagen läßt.

Für dieses neue Denken, diese andere Dichten, diese erweiterte Philosophie bürgerte sich, um solch Neues in einen Begriff zu fassen, die Rede von der Frühromantik ein: bei Schlegel hießt solcher Überschuß Universal- oder Transzendentalpoesie: „Die Poesie die Potenz der Philosophie, die Philosophie die Potenz der Poesie“ (Fr. Schlegel). Ähnlich hätte es auch Novalis schreiben können. Symphilosophieren. Hölderlin wird man im strengen Sinne nicht zu den Frühromantikern zählen können. Doch die Kritik des Systemdenkens einte beide Autoren. Anders als deren Zeitgenossen Hegel und Schelling (zumindest der von „System des transzendentalen Idealismus“) brachten weder Novalis noch Hölderlin Systeme des Denkens hervor, sondern sie unterminierten solches System mit Fragmenten und in einer beständigen Umschrift ihrer Dichtung. Beide Philosophen-Dichter gehören einer Alterskohorte an. Und beiden Dichterphilosophen kam das selbständige Leben um 1801 bzw. 1802 abhanden: dem einen durch Tod, dem anderen durch einen Wahnsinn. Beide zog es in jene Ferne, die wir heute die Südsee nennen:

Nein! Freunde kommt, laßt uns entfliehen
Den Fesseln, die Europa beut,
Zu Unverdorbnen nach Taiti ziehen
Zu ihrer Redlichkeit.

Und laßt uns da das Volk belehren
Wie Orpheus einstens tat;
Das Saitenspiel soll ihrer Wildheit wehren
Errichten einen Staat,

Wo nur Natur den Szepter führet,
Durch weise Künste unterstützt,
Und jeder in dem Stand, der ihm gebühret,
Dem Vaterlande nützt.
(Novalis, An meine Freunde, Gedichte / Die Lehrlinge zu Sais)

Und Hölderlin in seinem berühmten Dezemberbrief von 1801, kurz vor seiner Reise nach Bordeaux als Hauslehrer, an seinen Freund, den Dichter Casimir Ulrich Boehlendorff:

„Ich habe lange nicht geweint. Aber es hat mich bittre Thränen gekostet, da ich mich entschloß, mein Vaterland noch jezt zu verlassen, vielleicht auf immer. Denn was hab‘ ich lieberes auf der Welt? Aber sie können mich nicht brauchen. Deutsch will und muß ich übrigens bleiben, und wenn mich die Herzens- und die Nahrungsnoth nach Otaheiti triebe.“

Wir hören noch hier den Hyperion-Ton. Einer der letzten Briefe Hölderlins vor seiner Abreise. Der „freie Gebrauch des Eigenen“ (Hölderlin), der freie Gebrauch des Nationalen verband beide. Während Hölderlin in schwäbischer Landschaft jenen Atlas griechischer Orte fand und das Deutsche im antiken Griechenland, träumte Novalis einen ästhetischen Staat, in dem die Natur regiert, unterstützt durch die Kunst und damit in einer schönen Utopie vereint, wie er sie auch in „Glauben und Liebe oder Der König und die Königin“ in einer Eloge an das 1798 frisch gekrönte preußische Königspaar Friedrich Wilhelm III. und Luise von Mecklenburg-Strelitz niederschrieb. Gut aufgenommen wurde diese Schrift nicht: die Geburt der Politik aus dem ästhetischen Geist war des Preußens Sache nicht. Die schönen Künste sollten zieren, aber nicht regieren. Was Novalis entwarf und sich erschrieb, war ein Staat, der freilich anders als der Schillers nicht durch die Schönheit ins Reich der Freiheit gelangte, sondern mittel freier Natur, durch den Glauben und die Phantasie des Dichters geschaffen wurde; in gewissem Sinne auch ein Kolonie-Projekt wie in jenem Novalis-Gedicht geschildert, („Kolonie liebt, und tapfer Vergessen der Geist“, so Hölderlin in „Brod und Wein“); und im Gesang des Orpheus, mit neuen Anfangsbedingungen einer anderen Kolonie, versuchte jener Novalis, der Mühle und der Maschine zu entkommen:

„Im Glauben suchte man den Grund der allgemeinen Stockung, und durch das durchdringende Wissen hoffte man sie zu heben. Ueberall litt der heilige Sinn unter den mannichfachen Verfolgungen seiner bisherigen Art, seiner zeitigen Personalität. Das Resultat der modernen Denkungsart nannte man Philosophie und rechnete alles dazu was dem Alten entgegen war, vorzüglich also jeden Einfall gegen die Religion. Der anfängliche Personalhaß gegen den katholischen Glauben ging allmählig in Haß gegen die Bibel, gegen den christlichen Glauben und endlich gar gegen die Religion über. Noch mehr – der Religions-Haß, dehnte sich sehr natürlich und folgerecht auf alle Gegenstände des Enthusiasmus aus, verketzerte Fantasie und Gefühl, Sittlichkeit und Kunstliebe, Zukunft und Vorzeit, setzte den Menschen in der Reihe der Naturwesen mit Noth oben an, und machte die unendliche schöpferische Musik des Weltalls zum einförmigen Klappern einer ungeheuren Mühle, die vom Strom des Zufalls getrieben und auf ihm schwimmend, eine Mühle an sich, ohne Baumeister und Müller und eigentlich ein ächtes Perpetuum mobile, eine sich selbst mahlende Mühle sey. Ein Enthusiasmus ward großmüthig dem armen Menschengeschlechte übrig gelassen und als Prüfstein der höchsten Bildung jedem Actionair derselben unentbehrlich gemacht. – Der Enthusiasmus für diese herrliche, großartige Philosophie und insbesondere für ihre Priester und ihre Mystagogen. Frankreich war so glücklich der Schooß und der Sitz dieses neuen Glaubens zu werden, der aus lauter Wissen zusammen geklebt war.“ (Novalis, Die Christenheit oder Europa)

Was hier zunächst und aus heutigem Blick wie Katholizismus und Frömmelei sich ausnehmen mag und auch als eine (vermeintlich reaktionäre) Kritik der Französischen Revolution, dürfte die Kirchenoberen dennoch wenig erfreut haben, da sich dieser Glaube ans Wunderbare gerade nicht aus einem Papsttum speiste, sondern aus der Freiheit des Denkens und als Revolution gegen jegliches Maschinelle und damit gegen die verdinglichte Welt auch der offiziellen Kirche. Novalis war eben kein Konvertit, sondern Kritiker des Systems: Die schöpferische Vielfalt der Sphärenklänge („Die Sonne tönt nach alter Weise/ In Brudersphären Wettgesang,/ Und ihre vorgeschriebne Reise/ Vollendet sie mit Donnergang“, so dichtete Goethe zum Himmels-Prolog des „Faust“) regredierte in der aufkeimenden Moderne der Sattelzeit ins Klappern: Wenn nur noch Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller Kreaturen, dann verstumpft der Klang des Lebens.

Allein dieses Bild einer sich selbst mahlenden Mühle wiegt alles auf, was in diesem Text auch und zunächst bedenklich erscheinen mag. Novalis schreibt Verdinglichungskritik aus dem Geist der Dichtung und einer ahnenden Phantasie: nicht in der kalten Präzision eines Marx zwar, wie dieser es vierzig Jahre später in den Frühschriften faßte, aber doch in der Lebendigkeit von dessen Denken. Die Maschinenmetapher steht im Kontext der Aufklärungskritik, und zwar als Aufklärung über den Menschen und sein Verhältnis zur Natur. Dialektik der Aufklärung ante portas, Aufklärung über uns selbst gleichsam, aber zu jenen Zeiten der Jahrhundertwende noch als Überschwang und im Gang der Phantasie. Schönheit des Glaubens, um zum Reich der Freiheit zu gelangen.

Man mag diesen Aspekt der Religion bei Novalis verspotten, zumindest beim naiven Betrachter, aber wenn wir bedenken, daß auch in Hegels Diktion in den Religionen die Völker ihre höchsten und besten Weisen der Vorstellung niederlegten, so mag dieses Religiöse als Moment und Konstitutivum von Sittlichkeit, Gemeinschaft und Gesellschaft doch weniger lachhaft erscheinen als es uns heute ist. Uns fehlt diese religiöse Musikalität, die zugleich auch eine Sache der Kunst ist, ohne daß es in Kunstreligion driftet, sondern wo Kunst und Religion eine Angelegenheit nicht nur des objektiven und absoluten, sondern auch des subjektiven Geistes sind:

„Wenn mich nicht körperliche Unruhe verwirrt, welches doch nicht häufig geschieht, so ist mein Gemüth hell und still. Religion ist der große Orient in uns, der selten getrübt wird. Ohne sie wäre ich unglücklich. So vereinigt sich Alles in Einen großen, friedlichen Gedanken, in Einen stillen, ewigen Glauben.“ (Novalis, Brief an Kreisamtsmann Just, November 1800)

Hen kai pan, zumindest hier, im Gemüt, im Krisenfall des Grübelns und der körperlichen Versehrtheit. Und in der Dichtung allemal.

„Wo gehn wir denn hin? Immer nach Hause.“ (Novalis, Heinrich von Ofterdingen)

Das mag wohl sein, denn das Ende unseres Lebensweges ist die Erde, das Wasser, die Luft oder das Feuer: eines der Urstoffe und Elemente. Dieses Denken eines Wurzelhaften, einer Herkunft als Verflechtung ist dialektisch wie auch die Dichtung Hölderlins.

Die schönsten Verse der Menschen
– nun finden Sie schon einen Reim! –
sind die Hardenbergenschen.

Und so möchte ich, frei nach Rühmkorfs „Lied“ mit einem der schönsten Zeilen der Lyrik des ausgehenden 18. Jahrhunderts enden, weil darin Liebe, Philosophie, Sinnlichkeit, Welt und ein Überborden des Denkens ihre Stätte haben:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit werden gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Aufhebung der Entfremdung im Akt des Dichtens, des Singens und des Liebens. Doch diese Möglichkeiten sind uns im 20. und im 21. Jahrhundert nur noch bedingt gegeben. Kunst kennt Grenzen. Novalis gemahnt an eine Welt, die verschüttet ist. Sein Ton mag nach Unmittelbarkeit klingen. Anders aber als Hermann Hesse und Konsorten Beatnick geschieht dieser Schwung nicht im Kitsch, sondern in einer Emphase, die für uns Heutige kaum noch verständlich und auch kaum noch durchführbar ist. Es sei denn, wir gingen anders.

(Novalis-Ausgabe aus dem Aufbau-Verlag, DDR-Zeit)

Pier Paolo Pasolini zum 100. Geburtstag

Bei all dem Schrecklichen, was den Menschen in der Ukraine widerfährt, will ich den 100. Geburtstag von Pier Paolo Pasolini nicht vergessen. Und vielleicht gerade deshalb, wegen dieser Kraft zum Widerstand gegen Unrecht und Diktatur und seinem Plädoyer für Freiheit ist an Pasolini zu erinnern. Ich habe seine Filme in den 1980er Jahren mit Lust und mit Begeisterung gesehen, den rätselhaften Film „Teorema – Geometrie der Liebe“ und auch seine Dramen aus der borgate: „Accattone “ und „Mamma Roma“ und ich habe mir auch sogleich damals die Romane gekauft – in dem hellkaffeesahnebraunen Einbänden, wie es zu dieser Zeit Mode war. Pasoline machte das, was jemand wie Adorno perhorreszierte: eine Mischung aus Dokumentation und Kunst. Aber er tat es so, daß es ob der Kraft der Bilder, der Darstellung und der Dialoge Adorno vielleicht doch ästhetisch gefallen hätte, so wie in „Gastmahl der Liebe“: jener Befragung der Menschen zu Liebe und Sex.

Wie der Tagesspiegel-Artikel richtig schrieb, schätzte ich Pasolini zunächst und primär als Künstler und dann erst als Intellektuellen. „Pasolini war in erster Linie Dichter und Erzähler, in zweiter Filmregisseur und in dritter Intellektueller und Publizist.“ Über die 1968er und an die Studenten gerichtet, schrieb er ganz richtig (sinngemäß und aus dem Kopf zitiert): „Was protestiert ihr für die Befreiung der Arbeiter? Die Arbeiter, die ihr befreien wollt, stehen euch gegenüber, wenn ihr auf die Polizisten Steine werft.“ Dieses Unkonventionelle schätze ich an Pasolini. Aber dennoch blieb er trotz unkonventionellem Denken, linker Politik treu, schrieb für den Klassenkampf und konnte doch keine Arbeiterklasse mehr finden. Die Vorstadtjugend in den borgate machte ein anderes Ding. Mit Marx gesprochen war dies eher das Lumpenproletatiat oder wie man heute sagt: Abgehängte. Klassenkampf ohne Klasse gleichsam.

Und wie zu jedem Osterfest muß man, so auch bald wieder, „Das 1. Evangelium – Matthäus“ sich anschauen. Wie da eine biblische Landschaft und Geschichte mitten nach Italien verlegt war und in was für gewaltigen, teils stillen Bildern in Schwarzweiß: eine reduzierte Ästhetik, die zugleich überwältigte – auch durch die Gesichter und die Züge der Schauspieler. Die Rollen – gespielt von Laien. Das ist wahrlich eine große Regiekunst.

Alexander Kluge nachträglich zum 90. Geburtstag

Nein, ich habe im Augenblick keine rechte Zeit, einen schönen Essay über Alexander Kluge zu schreiben und um seine Arbeit angemessen zu würdigen. Paradigmatisch für sein Wirken dürften wohl Titel wie „Geschichte und Eigensinn“ und auch „Öffentlichkeit und Erfahrung“ stehen (beide Bücher zusammen mit Oskar Negt komponiert); sie geben bereits vom Titel her die Arbeitsweise Kluges gut wieder: die Objektivität bzw. das, was ist, und der Blick eines Einzelnen, der in jene Geschichte hineinkatapuliert wurde und jene Geschichte erst zu dem macht, was sie ist. Daß dieser Mann 90 geworden ist, scheint mir wundersam: er wirkt agil wie 50. Vor allem aber ist diese Art zu arbeiten, zu schreiben, zu filmen, zu montieren, zu denken, zu assoziieren und Dinge aus dem Gedächtnis zu kombinieren und in eine neue Anordnung zu bringen, phänomenal. Dialektische Theorie, Soziologie, Dichtung und Dokumentation bringen eine Sache in eine neue Anordung: Kritische Theorie als Ästhetik. Erzählen ist nicht nur Fiktion, aber es erschöpft sich ebensowenig im Dokumentieren. Wer eine Einführung in Kluges Poetik möchte, der schaue seine Frankfurter Poetik-Vorlesung „Theorie des Erzählens“, die es bei Suhrkamp auf DVD gibt.

Solche Korrespondenzen finden sich eben auch und insbesondere in den Arbeiten von Walter Benjamin und da ich beim Recherchieren in dessen Passagenwerk auf diese sogleich unten zitierte Stelle heute stieß und dann wiederum mich ans Vorgestern erinnnerte und daran, daß Alexander Kluge diesen runden Geburtstag hatte, dachte ich mir, diese feine Passage von Benjamin hier einzustellen. Gleichsam als Remiszenz an jene Traumwelten und an jene Übergänge und an die Stadt Paris, wo von den Oberwelten es in die Unterwelten ging, wo die Namen von Metrostationen Verheißungen sein können. Inspiriert ist diese Passage sicherlich von Louis Aragons „Paysan de Paris“ – ein Buch, von dem Benjamin sagte, daß er abends im Bett nicht mehr als zwei Seiten lesen könne:

„Wenn ich meinen gracianischen Wahlspruch ‚Suche in allen Dingen die Zeit auf Deine Seite zu bringen‘, je ins Werk gesetzt habe, so denke ich in der Weise, in der ich es mit dieser Arbeit [dem Passagenwerk] gehalten haben. Da steht an ihrem Beginn Aragon – der Paysan de Paris, von dem ich des abends im Bett nie mehr als zwei bis drei Seiten lesen konnte, weil mein Herzklopfen dann so stark wurde, daß ich das Buch aus der Hand legen mußte Welche Warnung! Welcher Hinweis auf die Jahre und Jahre, die zwischen mich und solche Lektüre gebracht werden mußten. Und doch stammen die ersten Aufzeichnungen zu den Passagen aus jener Zeit.“ (Walter Benjamin, Brief an Adorno vom 31. Mai 1935)

Solche Übergänge und solche Korrespondenzen zwischen gestern und heute legt auch Alexander Kluge frei, jene „Nachrichten aus der ideologischen Antike“, aber auch all diese Stellen und Szenen, an denen wir nichtsahnend vorübergehen. Unser Jahrhundert ausleuchten, indem wir das vergangene in seiner Zeit betrachten und auch dem Traumkitsch das seine geben, nachts beim Gang durch eine Stadt:

„Man zeigte im alten Griechenland Stellen, an denen es in die Unterwelt hinabging. Auch unser waches Dasein ist ein Land, in dem es an verborgenen Stellen in die Unterwelt hinabgeht, voll unscheinbarer Örter, wo die Träume münden. Alle Tage gehen wir nichtsahnend an ihnen vorüber, kaum aber kommt der Schlaf, so tasten wir mit geschwinden Griffen zu ihnen zurück und verlieren uns in den dunklen Gängen. Das Häuserlabyrinth der Städte gleicht am hellen Tage dem Bewußtsein; die Passagen (das sind die Galerien, die in ihr vergangenes Dasein führen) münden tagsüber unbemerkt in die Straßen. Nachts unter den dunklen Häusermassen aber tritt ihr kompakteres Dunkel erschreckend heraus und der späte Passant hastet an ihnen vorüber, es sei denn, daß wir ihn zur Reise durch die schmale Gasse ermuntert haben.
Aber ein anderes System von Galerien, die unterirdisch durch Paris sich hinziehen: die Métro, wo am Abend rot die Lichter aufglühen, die den Weg in den Hades der Namen zeigen. Combat – Elysée – Georges V – Etienne Marcel – Solférino – Invalides – Vaugirard haben die schmachvollen Ketten der rue, der place von sich abgeworfen, sind hier im blitzdurchzuckten, pfiffdurchgellten Dunkel zu ungestalten Kloakengöttern, Katakombenfeen geworden. Dies Labyrinth beherbergt in seinem Innern nicht einen sondern Dutzende blinder, rasender Stiere, in deren Rachen nicht jährlich eine thebanische Jungfrau, sondern allmorgentlich tausende bleichsüchtiger Midinetten, unausgeschlafener Kommis sich werfen müssen.“ (Walter Benjamin, Das Passagenwerk)

Aufschreibsysteme und Friendly Fire: Klaus Theweleit zum 80. Geburtstag

Ich habe damals die „Männerphantasien“ aufgeschlagen. Ich dachte, in dem Buch wären saftige Bildchen. Das war nicht der Fall. Also habe ich das Buch wieder zugeschlagen. Nein, kleiner Scherz. Aber warm wurde ich alter Verhaltenslehrer der Kälte leider mit diesem Theweleit-Buch nicht, und es gingen mir vor allem an der Universität damals im ausklingenden Jahrtausend die Theweleit-Jünger der 1980er, 1990er Jahre erheblich auf die Nerven und auch diese Form von Faschismuswitterei – im bösen Sinne könnte man, auch wenn das gegen Theweleit ungerecht ist, sagen, daß da jene Woko Haram bereits angelegt war: diese Hermeneutik des Verdachts, die Entropie einer einstmals sinnvollen Kritik, indem Begriffe als Spielmarken und Keulen eingesetzt werden, um Mißliebiges auszuschalten. Auch das „Buch der Könige. Orpheus und Eurydike“, das in Auszügen im Kafka-Seminar von Harro Segeberg gelesen wurde, hat mich nicht überzeugt, denn es griff im Blick auf Benn und Kafka in meinen Augen deutlich zu kurz. Interessante Gedanken zwar, diesen „anderen Prozeß“ von den Schreibszenen her und vom Verhältnis der Männer zu Frauen auszufalten und wie gleichsam Eurydike die Schreibkraft des Orpheus wurde, was auf alle Fälle einen spannenden Blickwechsel abgibt, aber eben auch nicht mehr. Und leider trug dieses Buch dazu bei, daß ich diese Form des Schreibvampirismus sogar anziehend fand. Der Brief als Verkehr mit Gespenstern wie Kafka es Ende März 1922 an die Journalistin Milena Jesenská in einem Brief – ausgerechnet! – schrieb. Als ob Kafka schon das Internet gekannt hätte:

„Die leichte Möglichkeit des Briefeschreibens muß (…) eine schreckliche Zerrüttung der Seelen in die Welt gebracht haben. Es ist ja ein Verkehr mit Gespenstern und zwar nicht nur mit dem Gespenst des Adressaten, sondern auch mit dem eigenen Gespenst, das sich einem unter der Hand in den Brief, den man schreibt, entwickelt oder gar in einer Folge von Briefen, wo ein Brief den anderen erhärtet und sich auf ihn als Zeugen berufen kann. Wie kam man nur auf den Gedanken, daß Menschen durch Briefe mit einander verkehren können! Man kann an einen fernen Menschen denken und man kann einen nahen Menschen fassen, alles andere geht über Menschenkraft. Briefe schreiben aber heißt, sich vor den Gespenstern entblößen, worauf sie gierig warten. Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken.“ (Franz Kafka, Briefe an Milena)

Witzig freilich und anregend war 2003 jener Vortrag bzw. einer Debatte mit Theweleit und dem Dramaturgen Carl Hegemann und später noch hinzukommend dem Musikkritiker Diedrich Diederichsen an der Berliner Volksbühne – ich berichtete in meinem Blogtext „All you need is love“ zu Theweleits 75. Geburtstag darüber. Freilich, wenn man es weniger wohlwollend betrachtet, auch hier wieder viel elaboriertes Gerede, was flott klang, aber wenn man es sich auf der Zunge zergehen ließ, dann doch eher feuilletonistisches Geplaudere war. Auf Dauer gestellt geht dieser flockig-postmoderne Ton – eben der schlecht verstandenen Postmoderne – irgendwann doch gehörig auf die Nerven und man sehnt sich nach den Arbeitern im Steinbruch des Herrn, die da mühsam und ohne rechte Pop-Performance die Texte beackern und Satz für Satz und genau und noch genauer lesen. Philosophie ist am Ende ein mühsames Geschäft und es reizt selten zum gefälligen Lachen und taugt auch kaum für die Bühnenshow. Immerhin aber war es in diesem Fall und mittels Poptheorie dennoch ein inspirierender Abend, wenn man solche Veranstaltungen auch unter einem ästhetischen Aspekt faßt, sozusagen das unendliche Geplaudere.

Zuweilen, bei den im Medien kursierenden Bildern und vom Äußerlichen her, muß ich bei Theweleit an jenen herrlichen Dude aus dem Film „The Big Lebowski“ denken. Meine These ist und bleibt, daß die Coen-Brüder sich Theweleit zum Vorbild nahmen oder aber umgekehrt, was sicherlich ob einer gewissen Leichtigkeit gut paßt. Aber das kann ich nicht beweisen. Dennoch mag ich Theweleits unbeschwerte Art, sich einem Thema derart und ausufernd zu nähern. Dieses wilde Assoziieren, dieses Hineinsteigen in die Archive, das Abdriften, um damit den Dokumenten einen anderen Schwung zu geben. Und ich als Leser muß freilich in diesen Ausführungen, Argumenten und Thesen inhaltlich auch gar nicht alles teilen: Der männliche Ichpanzer kann ja auch etwas ästhetisch Ansprechendes haben – zumal wir eben nicht mehr in „jenen zwanziger Jahre“ (Adorno) leben. Dennoch mag ein Satz Heiner Müllers wohl zutreffen, den er in seiner Autobiographie „Krieg ohne Schlacht“ im Blick auf Ernst Jünger schrieb:

„Jüngers Problem ist ein Jahrhundertproblem: Bevor Frauen für ihn eine Erfahrung sein konnten, war es der Krieg.“

Dennoch müssen wir uns Jünger vermutlich als einen glücklichen Menschen vorstellen: Im Reigen der Käfer, als Mann vom Mond und als Waldgänger: nicht der Flaneur in der Großstadt, sondern jene Holz- und Feld- und Geländewege. Beides, der Gang durch Wälder und Natur wie auch der durch die Stadtnatur – man nehme nur Aragons „Paysan de Paris“ – hat etwas für sich, weil man in beiden Modi des Spazierens und Wanderns je anders seine Aufmerksamkeit schult und walten lassen muß. Insbesondere im Blick auf die Mythologie. Auch Theweleit dürfen wir uns vermutlich als einen solch glücklichen Menschen vorstellen, doch freilich anders: mit Lust an der Lust und an mäandernden Texten. Und sein Werk hat nun eine Heimat im Verlag Matthes & Seitz gefunden – auch das ist gut so und das ist eine gute Heimat. Klaus Theweleit wurde am 7. Februar 1942 in Ebenrode, Ostpreußen, geboren. Eine verlorene Heimat, aber da, so sagen manche, Schleswig-Holstein manche Ähnlichkeit mit der verlorenen Heimat aufweist und sich ein Dreijähriger wenig erinnert, dann auch wieder eine neue Heimat.

Copyright: CC-Lizenz: Klaus Theweleit bei einer Lesung und Vortrag über sein Buch Dasachen der Täter: Breivik u.a. im Club W71 in Weikersheim.15 April 2016
Author Schorle

Hamed Abdel-Samad zum 50. Geburtstag

Auch von diesem Blog und von mir als Blogger meinen allerherzlichsten Glückwunsch zum runden Geburtstag! Hamed Abdel-Samad ist und bleibt eine so wichtige Stimme in Deutschland. Ich hoffe, er behält seinen großen arabischen-deutschen Mut. Trotz all der Anfeindungen und Bedrohungen. Es gibt wenige Menschen, die in bezug auf einen radikalen Islam in Deutschland und im Blick auf fehlende Integration von Muslimen weiterhin klare Kante sprechen, obwohl sie von Islamisten bedroht werden und obwohl viele Muslime dazu in Deutschland schweigen und obwohl die Woko Haram und all jene identitären Linken dazu schweigen und schweigen, denn man würde ja dem Falschen dienen, spräche man diese Gewalt an. Ob man jede These teilt, sei dahingestellt. Abdel-Samad liefert jedoch Stoff zum Nachdenken, weil er auf eine Wunde und auf ein Problem weist, über das wir sprechen müssen und weil wir als Gesellschaft dies nicht dem Beschwichtigungssound irgendwelcher „Datteltäter“ überlassen sollten.

Hamed Abdel-Samad war seinerzeit der geniale Gegenpart zum herrlichen Henryk M. Broder in der Serie „Entweder Broder“. Eigentlich lebte diese Reise durch Deutschland – von einem Besuch bei der NPD, wie auch in der großen Radikalinsiki-Moschee in Duisburg-Marxloh – erst richtig durch diese ruhige Art Abdel-Samads, durch seine Gelassenheit, seinen Schalk in den Augen: Gott wird es richten und er wird es doch nicht tun. Bis heute ist diese Deutschland-Safari zu empfehlen. Sie ist gut. Sie ist lustig und sie besteht vor allem durch das sanfte Temperament und den Witz dieses herrlichen Arabers. Zu hoffen bliebe, daß es irgendwann weitere Folgen dieser Serie geben wird: „Neues Deutschland Reise“. Nur geschieht das vermutlich nicht mehr im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Hart aber fair – 2018-04-09, entnommen: Wikipedia

France Gall zum 74. Geburtstag – Die Tonspur zum Sonntag

France Gall haben in den 1960er Jahren meine Eltern bereits auf den Partys gehört und auch ich höre das bis heute gerne, und wer die kürzlich verstorbene wunderbare Françoise Cactus kennt und ihre Art, diese Form von Chanson in deutsch wieder aufzugreifen, der dürfte spätestens ab diesem Punkt davon ausgehen können, daß solche Musik nicht einfach nur ein Kleinmädchengesang ist, sondern ganz im Gegenteil eine subitle Form von Spiel mit Rollen. Und auch vom Sound, von der Melodie her ist diese Musik ganz und gar wunderbar und sehr französisch, so daß ich am liebsten im geilen Peugot 404 Cabriolet abends durch die Stadt mit ihren Lichtern fahren möchte. (Mit Dank an Sara Rukaj, wo ich den Hinweis zu France Galls Geburtstag heute auf Facebook fand.)

Anbei unten im Link jenes schöne Video „Haifischbaby“ von 1967. Von France Gall.