„Unsere zweideutige, zerstreute Erziehung“. Zu Goethes „Wilhelm Meister“ samt Exkurs zur literarischen Frühromantik

Statt in einem Seminar zur literarischen Frühromantik über Wilhelm Meisters Lehrjahre zu sprechen, wird dann halt, wegen Corona-Krise, aus dem Wilhelm Meister exzerpiert. Beispielsweise diese interessanten Überlegungen des Abbés von der geheimnisvollen Turmgesellschaft:

„Natalie versetzte: »Über ihn wäre vieles zu sagen; wovon ich am genauesten unterrichtet bin, ist der Einfluß, den er auf unsere Erziehung gehabt hat. Er war, wenigstens eine Zeitlang, überzeugt, daß die Erziehung sich nur an die Neigung anschließen müsse; wie er jetzt denkt, kann ich nicht sagen. Er behauptete: das Erste und Letzte am Menschen sei Tätigkeit, und man könne nichts tun, ohne die Anlage dazu zu haben, ohne den Instinkt, der uns dazu treibe ›Man gibt zu‹, pflegte er zu sagen, ›daß Poeten geboren werden, man gibt es bei allen Künsten zu, weil man muß, und weil jene Wirkungen der menschlichen Natur kaum scheinbar nachgeäfft werden können; aber wenn man es genau betrachtet, so wird jede, auch nur die geringste Fähigkeit uns angeboren, und es gibt keine unbestimmte Fähigkeit. Nur unsere zweideutige, zerstreute Erziehung macht die Menschen ungewiß; sie erregt Wünsche, statt Triebe zu beleben, und anstatt den wirklichen Anlagen aufzuhelfen, richtet sie das Streben nach Gegenständen, die so oft mit der Natur, die sich nach ihnen bemüht, nicht übereinstimmen. Ein Kind, ein junger Mensch, die auf ihrem eigenen Wege irregehen, sind mir lieber als manche, die auf fremdem Wege recht wandeln. Finden jene, entweder durch sich selbst oder durch Anleitung, den rechten Weg, das ist den, der ihrer Natur gemäß ist, so werden sie ihn nie verlassen, anstatt daß diese jeden Augenblick in Gefahr sind, ein fremdes Joch abzuschütteln und sich einer unbedingten Freiheit zu übergeben.‹«“

Ich lasse diese Passagen unkommentiert im Raume stehen, damit sie auf jeden ihre Wirkung entfalten können. Jene Frage nach der Bestimmung und der Natur des einzelnen Individuums samt seiner Ausbildung (im Sinne von Herausbilden des Inneren) – auch im Sinne der Tat als Handeln, man denke nur an Faustens Übersetzung des Anfangs vom Johannesevangelium: was war im Anfang? Die Kraft, die Tat, das Wort? – scheint mir allerdings eine interessante Frage und ein spannendes Konzept der Bildung. Daß wir nur handelnd uns verwirklichen.

Aber schon in Platons „Politeia“ finden wir diesen Gedanken:

„So darfst du also, mein Bester, die Knaben nicht zwangsweise in den Wissenschaften unterrichten, sondern spielend sollen sie lernen: so kannst du auch besser erkennen, wofür ein jeder von Natur bestimmt ist.“ (Platon, Politeia, 537a)

Während bei Platon im Sinne eines geordneten Staates in bestimmten Hinsichten ein gewisser Funktionalismus herrschte, finden wir bei Goethe und insbesondere dann bei Schiller Konzepte von Autonomie und Heautonomie gleichermaßen. Bildung eben ist nicht einfach als Berufsausbildung in diese oder in jene Hinsicht und nach der ökonomischen Kaufmannswirtschaft gedacht und Bildung ist auch nicht bloß Blockflöte und Hölderlin wie es Herbert Schnädelbach süffisant einmal formulierte. Sondern umfassend und sie hat mit Freiheit zu tun, was auch bedeutet, daß man sie nicht verordnen kann: hier eben standen Teile des Adels weit über dem Bürgertum; sie konnten einen Begriff von Freiheit in Anschlag bringen, der dem Bürger nicht immer möglich war – freilich auch deshalb, weil es sich jene Teile des Adels vor allem ökonomisch (oft) leisten konnten. Wenn man sich den armen Armen-Advokaten Siebenkäs von Jean Paul anschaut, der so gerne Dichter wäre, und doch nur sehen muß, wie er mit seinem Weib Lenetten  in dem Ort Kuhschnappel über die Runden kommt, dann zeigt sich, daß es in solchen Fällen eben doch am Golde hängt und aus Zwang der Existenz zum Golde drängt, um diese Art von ästhetischer Existenz, in der Inneres und Äußeres in ihrer Form zusammenfallen, führen zu können. Freiheit hat auch (aber eben nicht nur!) mit ökonomischen Aspekten zu tun.

Interessant ist es vor allem, ein Buch nach über 25 Jahren noch einmal wiederzulesen und wie die anfängliche Faszination für den Wilhelm Meister – für die ganze Epoche der literarischen Romantik war dieses Buch maßgeblich: man denke nur an Friedrich Schlegels Ausspruch im Athenäums-Fragment 216: „Die Französische Revolution, Fichtes Wissenschaftslehre, und Goethes Meister sind die größten Tendenzen des Zeitalters“ – wie also diese Faszination, die da in den frühen 1990er Jahren wirkte, um in jene Umbruchsphase um 1800 einzusteigen, weil da ein neues Zeitalter sich auftat, heute einer gewissen Altersmilde weicht. Arno Schmidt Diktum, daß Goethes Prosa eine Rumpelkiste sei (nicht seine lyrische und dramatische Dichtung wohlgemerkt!), sondern eben jene Prosa nur, teile ich nicht, aber wer wie ich viel Thomas Mann gelesen hat, entdeckt in diesen Mannschen Romanen doch noch eine andere Meisterschaften der formalen Gestaltung, bei Goethe rumpelt es zuweilen, das ist auch mein Eindruck (aber diese Nichtformvollendung hat ihren Reiz) – wobei man Kunstwerke andererseits auch wieder nicht gegeneinander auszuspielen hat. Und dumpfes Goethe- oder Klassikerbashing mir allemal zuwider ist, zumal von heutigen Literatchen des Pseudo-Pop und Twitterblasen-Literaturwissenschaftler_’*Innen der Gegenwart, deren banale Statements und deren Simpelgeschreibe nicht einmal an die einfachsten Gedanken Goethes heranreicht. Das einzige, was man von diesen Leuten lernen kann: was geschieht, wenn die mediokre Existenz sich aufspielt und die Schafsherde das Diskursfeld durchtrampelt.

Zumindest zeigt solcher Abstand in der Lektüre eines: diese Faszination des wilden Lesen in den Studentenjahren ist nicht mehr da. Die Euphorie, mit der Texte aufgesogen wurde und wie sehr sie zum Schweifen und Fabulieren Anlaß gaben, gerade auch beim Wilhelm Meister, wenn es um die Frage nach dem Theater ging: wie zu spielen, wie zu inszenieren sei. Wie eine Bühne erobern und bauen? Nationaltheater – heute darf man es kaum aussprechen: All das ist nach über 28 Jahren Leseabstand auf seine Weise aufgezehrt. Und in diesem Sinne freue ich mich dann wieder, wenn Studenten diese Texte mit ihrer ganz eigenen Emphase entdecken.

Diese beiden Zeitebenen von Vergangenheit und Gegenwart der Lektüre zu verbinden und zusammenzubringen, wäre auch ästhetisch die Aufgabe: was man damals vor solchen Büchern empfand, wieder zu eruieren und sich zum Bewußtsein zu bringen – auch das ein Aspekt von Bildung noch im Alter, nebenbei gesagt -, was man dachte und wie einem bestimmte Texte in jenen jungen und denkwilden Jahren Theorie oder Idee aufprägten und wie man diese Prosa und diese Philosophen-Texte teils einsog und zugleich intellektuell zu durchdringen trachtete – also eine Art  Anamnesis an jenes Lesen in Spätjugendtagen und an die intellektuellen Werdung durchzuführen -, und von der heutigen Lektüre-Warte aus geschieht eine eher abgeklärt-analytische Haltung: das Theoriegebäude steht ja meist und dennoch möchte ich mich überraschen lassen, neue Teile anbauen, neue Türen und Ausgänge, die wiederum Eingänge sind, finden und erfinden. Auch gilt es zu verstehen und zu durchdringen, was eigentlich an diesem Wilhelm Meister bis heute derart bedeutsam ist und wofür das Buch steht. Sei es in seiner eigenen Zeit, sei es im Bezug zu uns, auch wenn manche zunächst mal gar keinen Bezug zur Gegenwart sehen.

Diese beiden (Zeit)Phasen des Lesens immer wieder zusammenzubringen, mit ihnen zu spielen, diese Ephorie des ersten Mals und der Entdeckung von Inseln  auf dem weiten Ozean – Lesen war immer auch eine Abenteuer-Reise, das wissen Jungs nicht erst seit Karl May oder Robert Louis Stevenson „Schatzinsel“ – und andererseits in der Lektürewiederholung nach Jahrzehnten jener andere Blick, der bereits eine Menge an Theorie und Text aufgesogen hat und der mit dem Sezierbesteck liest: es gleicht dies eher der professionellen Ozeanfahrt des Steamliners auf dem Oberdeck im Ohrensessel, wenn es nach Übersee geht. Und zwar diese Arten des unterschiedlichen Lesen nicht nur zu sichten im Sinne einer irgendwie gearteten Ästhetik der Existenz, die sich an Empfindungs- und Intensitätszuständen berauscht, sondern eben – das gerade macht ja den Rausch aus! – intellektuell und denkend jene Epoche der literarischen Frühromantik zu durchdringen, die mit Goethes „Wilhelm Meister“ einsetzte. Als, wie Hegel, Hölderlin und Schelling es in ihrem Ältesten Systemprogramm des Deutschen Idealismus von 1797 schrieben (ein Fragment nebenbei, dessen Autorenschaft bis heute umstritten ist), die Ideen zuerst ästhetisch werden sollten, so dachten wir es in der Studentenjugend, um ihre Wirkung zu entfalten, denn:

„Ich bin nun überzeugt, daß der höchste Akt der Vernunft, der indem sie alle Ideen umfaßt, ein ästhetischer Akt ist, und daß Wahrheit und Güte und Schönheit verschwistern sind. Der Philosoph muß ebenso viel ästhetische Kraft besitzen, als der Dichter. Die Menschen ohne ästhetischen Sinn sind unsere BuchstabenPhilosophen.“

Auch hier, aus dieser „Neuen Mythologie“  ist jenes hen kai pan herauszuhören, das wir ebenfalls schon in Goethes Bildungsroman fanden (und bei Lessing und bei Spinoza) und welches gleichfalls das Denken der Jenaer Frühromantiker um den Kreis  von Tieck, Novalis, den Gebrüdern Schlegel samt ihren Frauen umtrieb. Das Schöne ist mit dem Guten und mit dem Wahren verbunden. Und diese Einsicht zu vermitteln und in eine Darstellung – auch im Sinne der Französischen Revolution, nicht nur für den Adel, sondern auch für den Bürger und fürs Volk gar – zu überführen, kann nur über die Versinnlichung der Ideen geschehen, wie es die Autoren des Systemprogramms schreiben.

Auch ein Bildungsprogramm also, im Anschluß vor allem an Schillers „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“ zu lesen. Eine Epoche von Aufklärung qua Kunst und von Umbruch. Zeit der Entzweiung, die zugleich mit den Mitteln der Kunst wieder geheilt werden sollte. Freilich schrieben jene drei ein Programm, das mehr Traktat und Proklamation ist als ein ausgefeiltes System des Denkens. Eher eine Flugschrift. Dieses „System“ kommt später, und dann erst werden Schelling, Hegel und Hölderlin dieses „System“ auf je unterschiedliche Weisen und stilistisch, literarisch, philosophiemethodisch sehr verschieden konzipieren und ausfalten. (Zu Hölderlin diesen Freitag, am 20.3. mehr.) Drei literarische, rhetorische und reflexive Formen und Weisen des einen Gedankens, in verschiedenen Formen der Darstellung ausgefaltet, so könnte man es zuspitzen.

Und hinzu kommen die Überlegungen Friedrich Schlegels und des früh verstorbenen Novalis (1801 in Weißenfels), der mit seinem „Heinrich von Ofterdingen“ eine Kritik des „Wilhelm Meister“ und zugleich auch eine Antwort darauf schrieb. Literaturkritik geschah auf einmal nicht mehr im Medium der klassischen beurteilenden Form, sondern als Literatur. Das eben war das große Programm von den Gebrüdern Schlegel wie auch von Novalis, das sie im Theorieansatz unter anderem in ihren Athenäums-Fragmenten entfalteten. Man lese für jenes Symphilosophieren und jene gesteigerte Form der Literaturkritik nur das legendäre und  bekannte Fragment 116. [Dezidiert aufgeschlüsselt hat nebenbei Walter Benjamin die Bedeutung der Frühromantiker für die Literatur- bzw. Kunstkritik in seiner Dissertation „Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik.]

In diesem Sinne ist es unterkomplex und leichtfertig bis unüberlegt, die literarische Frühromantik mit dem Irrationalismus in Verbindung zu bringen, wie das etwa prominent Georg Lukács im Ansatz tat. Vielmehr gilt: jene Frühromantik knüpft im besten Sinne an die Aufklärung an, indem sie deren unabgegoltenen Seiten und Potentiale – im Sinne einer Dialektik der Aufklärung und einer potentierten Reflexion – zur Entfaltung bringt, und zwar, was man gerade in Novalis‘ überbordenden Fragmenten und in seinen Reflexionen, die vielfach um Fichtes Wissenschaftslehre von 1794 kreisen, sehen kann, indem hier als Antisystem gleichsam Fragmente und Aspekte, Perspektivierungen und Hinsichten der einen Sache in einer Art konstellativem Denken literarisch-philosophisch ausgeführt werden. Nicht daß die Grenze aufgehoben wäre: Philosophie und Literatur sind bei Novalis strikt getrennt. Die Fichte-Studien sind keine Hymnen an die Nacht und wenn sie es doch sind, dann stilistisch und von der Schreibform her in einer anderen Weise der Darstellung.

Romantisches Denken bedeutet literaturgeschichtlich genommen auch: das Neue zu denken, in Absetzung von den antiken, klassischen Formen und einer Regelpoetik. Romantisches Denken bedeutet aber ebenfalls jene Ausfaltungen zwischen Philosophie und Literatur in den Leseblick zu nehmen, zwischen Kants theoretischer und praktischer Philosophie und dazu jene seltsame brückenhafte Nicht-Brücke zwischen beiden Bezirken, die er in seiner „Kritik der Urteilskraft“ ausführte, und es bedeutet neben Fichtes Wissenschaftslehre all die Literatur vom Wilhelm Meister, der kein klassisch-romantischer Roman ist, bis zum Heinrich von Ofterdingen, Schlegels wunderbar freigeistigem Dialogroman „Lucinde“ hin zu den düsteren „Nachtwachen“ des Bonaventura zu lesen.

Auch die Aufklärung über die dunklen Seiten gehört zur Aufklärung und ist ihr Bestand. Auch diese Zugehörigkeit zeigte die literarische Frühromantik. Noch hin bis zu E.T.A. Hoffmanns Spuk- Maschinen und Doppelgänger-Geschichten. Bei Goethe wendet es sich am Ende des Romans zum Guten, auch wenn es der Opfer bedarf, wie eben die traurig-schöne Mignon oder der verzweifelte Harfner. Interessant ist es zudem den „Wilhelm Meister“ im Kontrast einmal zu Kafkas „Der Verschollene“ zu lesen und insbesondere mit der Schlußszene darin, dem Naturtheater von Oklahama und jener Eisenbahnfahrt des Protagonisten Roßmann ins sich türmende Felsengebirge, immer schroffer, die Landschaft und wo man am Ende und beim abbrechenden Schluß, der hier eben auch literarisches Prinzip ist, nicht weiß, ob das eine Utopie ins Land der Freien (die USA spielt ja auch beim Wilhelm Meister ihre Rolle) oder am Ende ein Alptraum wird. Auch die Turmgesellschaft im „Wilhelm Meister“ wirkt zuweilen rätselhaft und es bleiben im Blick Wilhelms zumindest, Zweifel:

„Vielleicht hatte ihm der Gedanke, daß er in so vielen Umständen seines Lebens, in denen er frei und im Verborgenen zu handeln glaubte, beobachtet, ja sogar geleitet worden war, wie ihm aus der geschriebenen Rolle nicht undeutlich erschien, einer Art von unangenehmer Empfindung gegeben, …“

Was man freilich auch als literarisches Prinzip des auktorialen Beobachtens deuten kann, so daß mittels dieser Instanz ebenso eine literaturästhetische Selbstreflexivität angenommen werden kann. (Aber das sind Interpretationsfragen. Der weise auktoriale Erzähler würde hier einschieben: Davon ein andermal mehr.)

Man könnte diese anfangs herausgegriffenen Sätze Goethes im Hinblick auf die Ausbildung des Menschen zu einem autonomen Wesen bzw. die Figurenrede der schönen Amazone Natalie ziemlich gut mit einem Satz von Karl Kraus kontrastieren, der aufs Gegenteil einer frei entfalteten Persönlichkeit weist – jenen durch Autorität, Zwang und Angst zusammengehaltenen Charakter:

„Der Momo ist ein unentbehrlicher pädagogischer Behelf im Familienleben. Erwachsene schreckt man damit, daß man ihnen droht, der Psychiater werde sie holen.“ (Karl Kraus, Aphorismen)

Soviel aus den Zeitzonen der Gegenwart. Goethe, Novalis und Karl Kraus sind jeweils unterschiedliche und doch zueinander gut passende Lektüren für Zeitgenossen.

 

 

Dem Hausidol des Grandhotel Abgrund zum Todestag: Karl Kraus

„Ein einzelner Mensch kann einer Zeit nicht helfen oder sie retten, er kann nur ausdrücken, daß sie untergeht.“ (Kierkegaard, Tagebuch 1849)

Dieser Satz diente Karl Kraus als Motto für sein Nachkriegsdrama „Die Unüberwindlichen“.

(Meine Würdigung  zu seinem 80. Todestag findet sich an dieser Stelle.)

 

Das Lesen, Karl Kraus, Jean Paul und dreißig Jahre Internet: vom Stahlgewitter zum Digitalgetwitter

„30 Jahre World Wide Web“ kündigt mir Google heute auf meiner Startseite an, und beim Nachlesen in der „Welt“ zeigt sich: der britische Physiker Sir Tim Berners-Lee habe den Grundstein fürs WWW gelegt. Jenes weltweite Netz, das uns als Technik, als Kulturtechnik inzwischen, umspannt und einspannt. Das Internet ist ein ungeheurer, monströser Verstärker für Texte, eine gigantische Kopiermaschine, eine Wunschmaschine, ein Oger, ein Geflecht und es produziert einen schier unendlichen Wust an Gedanken, Sätzen, Bildern, Tönen. Man fühlt sich an jenen riesigen Ozean  auf dem Planeten Solaris erinnert, den Andrej Tarkowski uns in dem gleichnamigen Film vorführt. Ein unendlicher Strom, ein Energie- und Kraftfeld und ein Bezirk von Illusionen, der uns Leben vorspielt. Es saugt Energien aus uns und gebiert Neues. Das Übermaß und die Maßlosigkeit einer Technik, die den Menschen kopiert. Aber nicht nur Ozean, sondern ebenso ein Sonnenfeuer. Einerseits eine eigenständige Entität, andererseits aber macht dieser digitale Feuersturm etwas mit unserem Denken und unserer Aufmerksamkeit. Saugt sie oftmals  aus. Was tun und wie? Man kann gegensteuern, man kann abschalten. Diese Haltung aber bedarf des Bewußtseins und einer hohen Selbstreflexivität. Auch ist das Suchtpotential, das dieses Wesen in uns auslöst, ebenfalls nicht gering zu setzen. Ein Wust, der zur Wüste werden kann. Trivial eigentlich, wir wissen es. Und dennoch fasziniert es, bereichert uns. (Und sei es nur der freie Zugang zu Pornos oder seltsamen Intimgeschichten. Für uns Voyeure ein gefundenes Fressen.)

Wenn man den Begriff des Monstrums im etymologischen Sinne nimmt, bringt es Wikipedia gut auf den Punkt:

„Der Begriff Monster leitet sich von lateinisch monstrum ‚Mahnzeichen‘ sowie monstrare ‚zeigen‘ und monere ‚mahnen‘, ‚warnen‘ ab. Im engeren Sinn bezeichnet er ein meist im Verhältnis zu einem eher idealtypisch gesehenen Menschen ungestaltes Wesen. Dessen Missgestalt findet seinen einzigen Zweck zunächst im Verweis auf das Maß – ein Ideal in körperlicher wie ideeller Hinsicht. Vor allem im Umkreis des theologischen Denkens der Kirchenväter und des Mittelalters ist das Monstrum ein Mahnzeichen, das die Gläubigen auf die Gefahren und Folgen eines Abweichens vom rechten Glauben hinweisen soll, das also bewusst von Gott gesetzt ist.“

Das Un- und das Übermaß also, eine Mißgestalt, weil über- oder andersdimensioniert. Es zeigt und mahnt und warnt. Alles zur selben Zeit, im selben Raum.

Und zugleich denke ich mir, einmal noch diese Faszination wiederzuerleben, als um 1995, 1996 herum das Internet für viele plötzlich bedeutsam wurde: Was war das für ein Reiz? Plötzlich mit Tel Aviv oder mit Tokio zu „sprechen“. In sekundenschnelle an Nachrichten und Informationen zu gelangen. Die ersten Literaturprojekte wie Hettches Null oder Alban Nikolai Herbsts Dschungel Anderswelt, dann in den 2000er Jahren.

Was kam da alles! Das Netz bot Wildes, Ödes, Aufgeregtes, Debatten, Wissen, herrlich Pornographisches – plötzlich für alle zugänglich, Politisches, Lyrisches, die „Prosa der Verhältnisse“, die „Poesie des Herzens“, Tagespolitisches inzwischen im Sekundentakt, das uns um die Ohren fliegt und das oft nicht einmal die – freilich leckere! – Blutwurst wert ist, die da mit viel Trara inszeniert wird: bei immer neuen Themen, die durch die Kanäle geblasen werden, eine Inflation von Text und Bedeutung inzwischen, und damit fällt dieses Internet ebenfalls in die Dialektik der Aufklärung. Viele können heute schreiben, sie geben Kluges oder Dummes von sich – das ist soweit gut. Und angesichts der Masse an Texten bleibt vieles ungelesen. Oft ist das gut so. Manchmal aber schade, ganz besonders bei den gelungenen Texten. Man muß sie entdecken. Man muß Trüffelschwein sein oder braucht eines, das einem solches Wissen liefert. Viele Texte, viel Literatur bleiben dabei freilich auf der Strecke. In der Zeit, wo ich twittere, kann ich nicht lesen.

Dieser Faszination jedoch der ersten, der frühen Jahre Mitte, Ende der 1990, dieser Spieltrieb: das alles ist inzwischen  hin. Es stellte sich eine öde Betriebsamkeit ein. Ähnliches gilt für die Anfangszeit der Blogs.

Analoges Lesen wird bei diesem Netzding für viele (nicht für alle zum Glück!) zu einer Nischensache, all die Zeit, die man im in den sozialen Medien verbringt oder besser geschrieben abhängt und wo man in teils absurden Debatten versinkt, fehlt einem am Ende beim Lesen der tatsächlich komplexen Texte, nennen wir sie ruhig: Bücher. Und ein komplexer Gedanke läßt sich nur entfalten, wenn man ihm Raum gibt – auf einer Fläche, wie ich finde, haptisch, über eine Distanz und nicht in einem sowieso von der Schrift her schwer lesbaren Facebook-Textstrang oder auf 280 Zeichen. Eine schier unübersichtliche scheinende Masse an Text gilt es zu sortieren. Blog- oder Zeitungsartikel etwa kann man sich ausdrucken. Als Fossil mache ich das manchmal, da ich längere Texte nicht am Bildschirm lesen mag.

Diese Vielfalt an Lektüren durch ein neues Kommunikationsmediums ist nicht per se gut oder per se schlecht. Kruder Kulturpessimismus führt nicht weiter. Es gibt gute Facebook-Accounts, es gibt geistreiche Twitterer. Manche meinen, der Kultur- und Sprachkritiker Karl Kraus würde heute Twitter wählen. Ich wäre mir da nicht sicher, ob  Kraus twitterte, bezweifle es, weil Kraus in der Regel mehr als nur Aphorismen schrieb. Seine Hiebe waren meist längere, komplexe Texte: etwa zur Kultur, zu Nestroy und Heinrich Heine, über eine korrupte und manipulative Presse mit schludriger Sprache, Kraus schrieb über die kleinen und großen Skandal-Fälle der Wiener Gesellschaft und über die k.u.k- und später dann die österreichische und die Welt-Politik, die er aufspießte: Sittlichkeit und Kriminalität. Wenngleich Kraus für die neuen Reproduktionsmedien wie etwa die Schallplatte durchaus Sinn besaß. Hingegen duldete er es nicht, wenn man ihn auf einer seiner legendären Lesungen photographierte. Man muß also im Hinblick aufs Medium differenzieren. Es gibt kluge Köpfe und es gibt manche Wissenschaftler, die twittern, daß man sich nicht nur für die Universität, sondern gleich mit für die ganze Innung schämt. Heilige Sauzucht.

Wie mit jeder Technik ist es die Frage, wie man sie nutzt, was man daraus macht und ob ein Leser, eine Leserin mit offenem und wachen Bewußtsein an die Sache herangeht. Die Frage also, wie eine Quantität in eine neue Qualität umschlagen kann. Und so wandelt sich mit dem Medium auch das Leseverhalten in der Literatur. Nicht immer zum guten: wer greift heute zu Jean Paul? Die langen, herrlich gewundenen Sätze, die wie die Girlanden den Buchraum schmücken. Im Zeitalter des schnellen Lesens halten solche wunderbar digressiven Sätze, die sich verströmen und verlieren, oft nur noch auf. Dabei gibt es von Jean Paul so viel zu lernen und mit Lust zu lesen. Jean Paul ist verspielt, er fächert sich auf, allein durch seine mannigfaltigen Vorreden zu den Romanen oder gar zu der Vorrede selbst, eine Vorrede zu der Vorrede, zum Autor, zum Personal, und auch noch innerhalb der Romane zu den einzelnen Kapiteln. Eine Multiplikation von Perspektiven und Personen: Doppelgänger begegnen einem: Leibgeber, Siebenkäs. Und nie ist man sicher: Wie ist es denn nun? Und bei Jean Paul wie auch beim Internet: Ein wuchernder, sich verzweigender und auf sich selbst verweisender Text. Bei Jean Paul aber verspürt der Leser dieses große Glück beim Versinken in Zeilen, weil diese Sprache dann doch auf einen Punkt konzentriert ist, anders als im Internet, nämlich auf die Geschichte und wie Phantasie ein Leben zu erzeugen vermag. Denn der Leseraum von Jean Paul ist abgegrenzt und umrissen. Und genau das meint auch ein Begriff wie Heimat. Leseheimat hier. Und das ist dann zugleich auch die Lebensheimat.

„Wenn ich nichts mehr zu leben habe, schreib‘ ich mein Leben.“ (Jean Paul, Ideen-Gewimmel)

Das schöne an der Literatur ist ja: Es geht einem der kluge Lesestoff niemals aus. Wer bisher nicht die Bekanntschaft von Jean Paul machte, sollte dies unbedingt tun. Freilich: Es gibt Texte, die einem erst spät zufallen. Jean Paul war einer dieser Autoren. Man bereut es dann bitter, ihn nicht schon mit 16 oder 18 kennengelernt zu haben. Aber da war die Bernhard-Zeit, die Handke-Zeit, Mitte der 80er Jahre, die Beckett-und-Kafka-Emphase. Thomas Mann, Brecht und Benn, Kleist und der Meister aus Weimar: nicht Wieland, sondern der andere. Alle zu ihrer Zeit, in ihrem Rahmen, und da ging Jean Paul leider an mir vorbei, wenngleich doch bereits Thomas Bernhard 1986 voll von Emphase in seiner „Auslöschung“  neben seiner eigenen Erzählung „Amras“ insbesondere Jean Pauls „Siebenkäs“ als eines der besten Stücke der Literatur von dieser Welt hervorhob – gegen Thomas Manns Leitzordnerliteratur. Eine herrliche Schimpf- und Lobestirade.

Solche Leseszenen auszufalten, die „Lust am Text“, die Lust an der Literatur zu schreiben, ohne dabei den eigenen Horizont als absolut zu setzen, zu schildern, was einen prägte, ist eine feine Sache. Dieses Erinnern ist nicht bloßer Selbstzweck, sondern man kann sich in der Rückschau vergewissern: Was da mal war, was da wirkte und faszinierte, wie ein bestimmtes Buch uns prägte und unserer Biographie eine Richtung gab. (Ähnlich wie in jenen wilden Jahren des Internets als alles begann, 1996, oder im ebenso wilden Jahr 2012, wo mir in Wittenberg am Brunnen auf dem Marktplatz jene Lebensfrau über den Weg lief, die ich, gäbe es das Netz nicht, nie kennengelernt hätte. Viel zu unterschiedlich sind unsere Lebenswege. Großes Glück des Lebens.)

Anyway: In der „Zeit“ letzten Jahres gab es von Stephan Wackwitz das Projekt „Drei Bücher„, unter der Überschrift: „Ein Lichtfunke, der in mich fiel. Über Lenin, Norbert Blüm und das Erbe des Kolonialismus – wie drei Bücher meinen Blick auf die verworfene Welt verändert haben“. Da es im Internet bereits eine Menge an Buchchallenges gab, in allen möglichen Varianten, meist unter der Rubrik „Die 10 wichtigsten Bücher. Kein Kommentar nur ein Bild“ möchte ich diesen Vorschlag von Wackwitz hier ebenfalls probieren: ich werde zu drei Büchern, die mich beeinflußten, prägten und bewegten, etwas schreiben. (Vielleicht werden es auch vier, ich schaue das noch.) Dieses Projekt starte ich vermutlich Ende März. Davor werden hier auf AISTHESIS nur kleinere Texte oder Bildserien stehen, da mich im Augenblick die Arbeit der Theorie stark in Anspruch nimmt und ich zudem kaum Zeit für ausufernde Diskussionen finde. Insofern muß ebenfalls die Houellebecq-Rezension warten. Weil: das sind so Texte, die oft manchen Kommentar nach sich ziehen. So ist das eben. Im Internet. Besuch kann man gegen halb drei hinauskomplimentieren und spätestens wenn die Weinvorräte leergesoffen sind, gehen die meisten von alleine. Im Internet ist das nicht so. Kann auch sein Gutes haben. Muß es nicht. Man muß wissen, wann man aufhört. Das wieder, das Prinzip des Maßes, ist nicht anders als beim Zuführen von Drogen.

Zum neuen Jahr

„Als zum erstenmal das Wort ‚Friede‘ ausgesprochen wurde, entstand auf der Börse eine Panik. Sie schrien auf im Schmerz: Wir haben verdient! Lasst uns den Krieg! Wir haben den Krieg verdient!“ (Karl Kraus)

Den Leserinnen und Lesern dieses Blogs wünsche ich ein gutes neues Jahr, mit all den Wünschen, die zu einem neuen Jahr so dazugehören. Man wird wohl das beste daraus machen müssen.

Hier ist der Morgen des ersten Tages vom Neuen Jahr. Von Greifswald, der Stadt Caspar David Friedrichs, ging es zu Silvester herüber auf die Insel Rügen. Weit und fern der Schüsse und Raketentests im „Reichshauptstadtslum“, wo es eigentlich ganz und gar unmöglich bis widerwärtig ist, Silvester zu feiern. (Aber ich will hier keine Bernhardsche Beschimpfungskaskade machen, Berlin ist mit sich und einem Großteil seiner Blasenbewohner bereits genug gestraft.)


 
 

Also besser sich den Landschaften widmen. Und was Sie dann sehen, ist der hereinbrechende Abend des neuen Jahres samt Vollmond. Auf Rügen und mit wenig bis gar keinem Internet. So sollte es auch in Zukunft weitergehen. Zumindest, was die Zeitdiebe Facebook und Twitter betrifft. Über Hegel, über den Deutschen Idealismus oder über die wunderbare Malerei von Caspar David Friedrich läßt sich da nichts bis wenig lernen. Eine innere Uckermark finden und erfinden. Nicht im Netz partizipieren, sondern wieder die Texte produzieren. Es muß im Netzwerk nicht jeder ein Leser dort sein.

Und nach der alten Maßgabe weitermachen: Nicht jenen ahnungslosen Kleinemädchenjournalismus lesen, irgendwas zwischen Hannah Lühmann, Judith Engelmann und Margarete Kreischkowski, genau das, worauf ich seit Jahren keine Lust habe und was die kostbare Zeit raubt. Weniger ist mehr. Keinen Online-Journalismus. Oder kaum. Die durchs Dorf getriebenen Säue. „Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können – das macht den Journalisten.“ (Karl Kraus) Heute funktioniert viel zu oft nicht einmal mehr das Ausdrückenkönnen. Schreibimpotenz. Nicht einmal zu jener Beschreibungsimpotenz, die Handke 1967 in Princeton nannte, reicht es. Was ja immerhin noch ein Ton und ein Klang wäre: Nichts zu beschreiben, sondern Dinghaftes als Ding einfach zu zeigen. Ich will nach Wien in die Stadt von Karl Kraus. Auf diesen Spuren. Dieses Jahr. Die bösen und die guten Dinge tun.

Dieses Jahr – es steht Marx an, dessen Gedenkjahr 2018 zelebriert wird, mal angemessen, und sehr viel öfter vermutlich dumm-überflüssig , weil die Lektüre von Inkompetenz und Vorurteil getragen wird. Nicht was im Text steht, wird gelesen, sondern was sich im Köpfchen des Betrachters abspielt, ist das Maß der Lektüre und wird posaunt. Am Anfang steht nicht der Versuch und der Wille mehr oder weniger ausgebildet zu verstehen, sondern eine Hermeneutik des Verdachts. Lesenswert auf alle Fälle scheint mir die im September erschienene Biographie von Jürgen Neffe Marx. Der Unvollendete. Und dazu noch, allerdings älteren Datums, von Terry Eagleton Warum Marx recht hat. Man kann – so steht zu vermuten – allerdings schon dankbar sein, wenn die Diskussion dieses Jahr nicht auf dem Niveau „Aber Marx hat den Gulag möglich gemacht“ entlang glitscht. Mit solcher Unfug-Vermeidung wäre bereits einiges gewonnen. (Wenn auch wenig erreicht).

Auf geht es also zur Lektüre. Am besten die Originale selbst. Denn wie schon mein Professor Kleining in der Soziologie einst den Eleven sagte, die da im Proseminar saßen: Wer das Original nicht begreift, wird auch die Sekundärliteratur nicht verstehen.

Was Karl Marx und Karl Kraus übrigens eint: beide waren nicht nur kritische Analytiker und Beobachter ihrer Epoche, sondern ebenso glänzende Stilisten und Polemiker.

„daß meine Zeit nicht kommen wird …“ Nachklapp zum Büchnerpreis und zur Kritik an Jan Wagner

Auf der Skala schrill bis unangenehmer Töne kommt gleich nach dem Klagen vermeintlich zu kurz gekommener Pegidisten die Jeremiade von Dichtern, zu wenig zu verdienen und noch gleich darauf, das Jammern, weshalb um Himmels willen ausgerechnet der Dichter-Kollege X den Büchner-Preis bekam und nicht vielmehr der viel ruhmreichere Dichter Y oder die noch bessere Dichterin Z ihn erhielte. Wenn nicht gar der hochrelevante Dichter Omega. Ja, ja:

Hätte, könnte, sollte
wenn Witwe Bolte wollte.

Diese Klage wird meist im Namen anderer geführt. Gemeint ist aber in der Regel und indirekt man selbst, den es qua Preisgeld wieder einmal nicht an den Futtertrog verschlug. Welch Kleinmut und welche Verlogenheit noch dazu. Sich selber für den Preis ins Gespräch zu bringen: das wäre es! – Aber so weit ging nicht einmal Clemens J. Setz. Wenn deutsche Dichter wenigstens Mut hätten und jene gehörige Portion Größenwahn aufbrächten, zu sagen: „Ich selbst bin der wahre und richtige Kandidat für den Georg-Büchner-Preis. Einzig ich, niemand sonst!“ – eine Büchnerwürdige Szene im grauen Alltag des Literaturbetriebs gäbe dies. Um den Preis freilich, als Dichter nun völlig verbrannt für jeglichen Preis zu sein.

Karl Kraus schrieb in seiner „Fackel“ über jenen Größenwahn:

„Die tiefste Bescheidenheit, die vor der Welt zurücktritt, ist in ihr als Größenwahn verrufen. Wer von sich selbst spricht, weil kein anderer von ihm spricht, ist lästig. Wer niemand mit seiner Sache zu belasten wagt und sie selbst führt, damit sie nur einmal geführt sei, ist anmaßend. Und dennoch weiß niemand besser als ich, daß mir alles Talent fehlt, mitzutun, daß mich auf jedem Schritt der absolute Mangel dessen hemmt, was unentbehrlich ist, um sich wenigstens im Gedächtnis der Mitlebenden zu erhalten, der Mangel an Konkurrenzfähigkeit. Aber ich weiß auch, daß der Größenwahn vor der Bescheidenheit den Vorzug der Ehrlichkeit hat und daß es eine untrügliche Probe auf seine Berechtigung gibt: seinen künstlerischen Ausdruck. Darüber zu entscheiden, sind freilich die wenigsten Leser sachverständig, und man ist auch hier wieder auf den Größenwahn angewiesen. Er sprach: Selbstbespiegelung ist erlaubt, wenn das Selbst schön ist; aber sie erwächst zur Pflicht, wenn der Spiegel gut ist. Und jedenfalls ist es sogar ehrlicher, zum dionysischen Praterausrufer seiner selbst zu werden, als sich von dem Urteil der zahlenden Kundschaft abhängig zu machen. Die Journalisten sind so bescheiden, die Keime geistiger Saat für alle Zeiten totzutreten. Ich bin größenwahnsinnig: ich weiß, daß meine Zeit nicht kommen wird.“ (Karl Kraus, Die Fackel, 13.10.1908)

Man mag von Jan Wagners Dichtung halten, was man will. Aber noch einmal: Literaturpreise sind keine Gefälligkeitspreise, sie sind keine Alimentierungen für Dichter, die keine Lust haben, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Allenfalls sekundär haben sie auch das Ziel, Dichter zu unterstützen, damit sie weiter und vielleicht ein Stück weit unbeschwert wirken könne. Und Preise sind keine Auszeichnung für eine politisch korrekte Gesinnung oder fürs Geschlecht oder die ethnische Herkunft. Und natürlich lassen sich immer Namen finden, die ebenfalls geeignet und manchmal sogar geeigneter wären. Allein – das Spiel ist langweilig, und wenn man es spielt, dann sollte der Spieler wenigstens gute Gründe nennen, weshalb der Dichter Y auf die Liste oder aufs Preispodest gehörte. Einfach einen Namen in den Raum zu raunen ist kläglich. Zeugt nicht einmal von Größenwahn, sondern vielmehr von Kleinmut und neidischer Haltung. Invidia – eine der sieben Todsünden übrigens.

Die Presse

Es ist, es war, es bleibt: leider aktuell. Wie immer und auf den Punkt bringt und singt es Karl Kraus, das Lied von der Presse. Ja, die Welt und wir haben es in der Tat weit, sehr weit gebracht: Zur Zeitung. Hätte Karl Kraus von Twitter und Facebook geahnt: Er nutzte das technisch Neue. Aber in seinem Sinne und in böser Anklage gegen die, die sich heute so unendlich leichfertig User nennen. Seine Aphorismen mögen zum 140-Zeichen-Satz taugen, denn sie pointieren und spießen auf. Seine komplexen Texte jedoch eignen sich nicht dazu, ihren Gehalt auf 140 Zeichen zu reduzieren, und es ist insoofern nachgerade absurd, Kraus bloß auf die flotte Sentenz herunterzubrechen. Was er zur Literatur schrieb, zu Heine und über seinem verehrten Nestroy, zu Sittlichkeit und Kriminalität, wenn es darum ging, daß vor Gericht nicht die Angeklagte, sondern vielmehr ihr sozialer Status verurteilt wurde – das paßt nicht in 140 Zeichen. Verdinglichung pur.

Andererseits heftete sich der Blick von Karl Kraus ans geringste Detail und entzündete sich daran. Er sezierte die Zeitung messerscharf anhand des vermeintlich Nebensächlichen.

„Ich pfeife auf den Text, ich bin imstande, das Antlitz der heutigen Welt mir aus dem hinteren Annoncenteil zusammenzustellen.“

 

 

Im Anfang war die Presse
und dann erschien die Welt.
Im eigenen Interesse
hat sie sich uns gesellt.
Nach unserer Vorbereitung
sieht Gott, daß es gelingt,
und so die Welt zur Zeitung
er bringt.

Die Welt war es zufrieden,
die auf die Presse kam,
weil schließlich doch hienieden
Notiz man von ihr nahm.
Auch was sich nicht ereignet,
zu unserer Kenntnis dringt;
wenns nur fürs Blatt geeignet –
man bringt.

Wenn auch das Blatt die Laus hat,
die Leser gehn nicht aus;
denn was man schwarz auf weiß hat,
trägt man getrost nachhaus.
Was wir der Welt auch rauben,
sie bringt uns unbedingt
dafür doch ihren Glauben;
sie bringt.

Sie lesen, was erschienen,
sie denken, was man meint.
Noch mehr läßt sich verdienen,
wenn etwas nicht erscheint.
Wir schweigen oder schreiben,
ob jener auch zerspringt –
wenn uns nur unser Treiben
was bringt.

Die Welt, soweit sie lebend,
singt unsere Melodie.
Wir bleiben tonangebend
von aller Gottesfrüh.
Nach unsern notigen Noten
die Menschheit tanzt und hinkt,
weil Dank sie für die Toten
uns bringt!

Die Zeit lernt von uns Mores,
der Geist ist uns zur Hand,
denn als Kulturfaktores
sind wir der Welt bekannt.
Kommt her, Gelehrte, Denker,
komm, was da sagt und singt,
daß hoch hinauf der Henker
euch bringt!

Wir bringen, dringen, schlingen
uns in das Leben ein.
Wo wir den Wert bezwingen,
erschaffen wir den Schein.
Schwarz ist’s wie in der Hölle,
die auch von Schwefel stinkt,
wohin an Teufels Stelle
man bringt!

Karl Kraus – „ein ehrliches ‚Was wir umbringen‘ …“

„Der wahre Weltuntergang ist die Vernichtung des Geistes,
der andere hängt von dem gleichgiltigen Versuch ab,
ob nach Vernichtung des Geistes noch eine Welt bestehen kann.“
(Karl Kraus)

Mit der „Fackel“ machte Karl Kraus die Kritik der Zeitungsphrasen zu seiner Sache: Sprachkritik als Ideologiekritik. Er entlarvte einen Jargon, der dem Publikum einen Bären aufbindet und unterm Wortsalat eine bestimmte Sache schmackhaft servieren will. Das ist heute nicht viel anders als vor 100 Jahren, und es scheint dem Wesen der Presse als Kategorie der Öffentlichkeit inhärent. „Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Insbesondere im Wien des Fin de Siècle herrschte in der Wirtschaft Korruption. Statt daß Zeitungen jedoch darüber berichteten, schwiegen sie. Dagegen gingen verschiedene Seiten an – von den Konservativen bis zu den Sozialdemokraten. Zunächst versuchte auch Kraus, korrupte Absichten bei der liberalen Zeitung „Neue Freie Press“ offenzulegen. Schnell aber verlagerte er seine Strategie in eine andere Richtung. Nicht mehr auf die direkte Enthüllung kam es ihm an, sondern er zielte auf die Sprache dieser Zeitungen – „eine Trockenlegung des weiten Phrasensumpfes“. Damit literarisierte sich Karl Krausʼ Projekt. Diese Umpolung von Journalismus zeigte sich bereits im Vorwort für die erste Ausgabe der „Fackel“, so daß der Begriff „Journalist“ bei Kraus fortan eher ein Schimpfwort und wenig schmeichelhaft gemeint war. Auf die Idee, sich gar hochtrabend als Kulturjournalist zu bezeichnen, käme Kraus nicht:

„In einer Zeit, da Österreich noch vor der von radicaler Seite gewünschten Lösung an acuter Langeweile zugrunde zu gehen droht, in Tagen, die diesem Lande politische und sociale Wirrungen aller Art gebracht haben, einer Öffentlichkeit gegenüber, die zwischen Unentwegtheit und Apathie ihr phrasenreiches oder völlig gedankenloses Auskommen findet, unternimmt es der Herausgeber dieser Blätter, der glossierend bisher und an wenig sichtbarer Stelle abseits gestanden, einen Kampfruf auszustoßen. Der ihn wagt, ist zur Abwechslung einmal kein parteimäßig Verschnittener, vielmehr ein Publicist, der auch in Fragen der Politik die ‚Wilden‘ für die besseren Menschen hält und von seinem Beobachterposten sich durch keine der im Reichsrath vertretenen Meinungen locken ließ. Freudig trägt er das Odium der politischen ‚Gesinnungslosigkeit‘ auf der Stirne, die er, ‚unentwegt‘ wie nur irgendeiner von den ihren, den Clubfanatikern und Fractionsidealisten bietet.

Das politische Programm dieser Zeitung scheint somit dürftig; kein tönendes ‚Was wir bringen‘, aber ein ehrliches ‚Was wir umbringen‘ hat sie sich als Leitwort gewählt. Was hier geplant wird, ist nichts als eine Trockenlegung des weiten Phrasensumpfes, den andere immerzu national abgrenzen möchten. Mit Feuerzungen – und wäre es auch ein Dutzend verschiedensprachiger – predigen die Verhältnisse das Erkennen socialer Nothwendigkeiten, aber Regierende und Parteien wünschen vorerst – mit hinhaltender Berechnung die einen, in leidenschaftlicher Verblendung die anderen – die Kappenfrage der Prager Studenten erledigt zu wissen.

Diese Erscheinung schmerzlichsten Contrastes, die sich durch unser öffentliches Leben zieht, wird hier den Gesichtspunkt für die Beurtheilung aller politischen Ereignisse bestimmen, und es mag zuweilen glücken, dem dumpfen Ernst des Phrasenthums, wo immer er sein Zerstörungswerk verübe, durch die ihm so unbequeme Heiterkeit rechtzeitig den Credit zu schmälern.

Dem durch keine Parteibrille getrübten Blick muss doppelt deutlich sich das Mene Tekel zeigen, welches dräuend in unserer durch Altarkerzen verstärkten Finsternis zuweilen aufleuchtet. Aber die Sprachgelehrten wissen es nicht zu deuten, und vom alten Hader noch erschöpft, erheben sie sich zu neuem Zanke. Von dem unheimlichen Anblick geblendet, weisen die einen mit einem ängstlichen ‚Zde‘ nach der Erscheinung, dieweil die anderen, völkischen Verrath witternd, als die Verhandlungssprache des jüngsten Gerichtes nur die deutsche gelten lassen wollen…..

Vielleicht ist dem frevlen Treiben gegenüber, das den Wettkampf zwischen der auf ihre Reife nicht wenig stolzen und einer kräftig erst sich emporringenden Cultur auf den rüdesten Wirtshauszank reducieren möchte, ein offenes Wort noch willkommen. Vielleicht darf ich mich aber auch der Hoffnung hingeben, dass der Kampfruf, der Missvergnügte und Bedrängte aus allen Lagern sammeln will, nicht wirkungslos verhalle. Oppositionsgeister, die des trockenen Tons nun endlich satt sind, möge er befeuern, alle jene, die Talent und Lust zu einer beherzten Fronde gegen cliquenmäßige Verkommenheit auf allen Gebieten verspüren, ermuntern und in diesem unakustischen, national verbauten Reiche nicht bloß bei den für jede neue Erscheinung empfänglichen und grundsätzlich hellhörigen Staatsanwälten ein Echo finden.

Der umständliche Instanzenzug, den hier der sogenannte ‚Geist der Zeit‘ noch immer durchmachen muss, um nach oben zu gelangen, wird bei jeder sich darbietenden Gelegenheit in seinen vielverschlungenen Wegen zu verfolgen sein. Was an dem unbefangenen Beobachter ist, soll geschehen, um zwischen der Regierung und den Parteien Schuld in gerechter Weise zu vertheilen: Ministern, die nur ein einziges Gesetz nicht verletzen, nämlich das Gesetz der Trägheit, vermöge dessen sich dieser Staat noch aufrechterhält – Volksvertretern, die jede andere, nur nicht die ‚innere Amtssprache‘ des Gewissens beunruhigt und welche unentwegt über die Aufschrift auf ärarischen Spucknäpfen streiten, während das Volk seine ökonomischen Bedürfnisse als Beichtgeheimnis allzuverschwiegenen Priestern anvertraut….. So möge denn die Fackel einem Lande leuchten, in welchem – anders als in jenem Reiche Karls V. – die Sonne niemals aufgeht.“

„Die Fackel“ erschien von 1899 bis 1936, bis kurz vor Krausʼ Tod – freilich in unregelmäßigen Abständen, so daß man auch sein Schweigen zu bestimmten Anlässen als eine Art von Äußerung nehmen konnte.

Auch zu Literaturpreisen, die der Aufmunterung dienen, schrieb Karl Kraus. Angesichts einer Flut an Literaten haben die Sätze bis heute nichts von ihrer Gültigkeit eingebüßt:

„Das Preisrichterkollegium hat sich vor der Fülle konkurrierender Genies nicht anders helfen können als für jedes Gebiet je drei Preise à 1000 Schilling festzusetzen. Sie sollten zwar ursprünglich jener »Aufmunterung« dienen, die auf sämtlichen Gebieten der Kunst schon so viel Unheil angerichtet hat, während Abschreckungspreise, geknüpft an die Bedingung, nichts dergleichen mehr zu tun, sondern einen nützlichen Beruf zu ergreifen, ein wahrer Segen wären.“

9783835314238lViele der Essays von Kraus sind heute lediglich für Literaturwissenschaftler verständlich und werden vom Publikum kaum mehr begriffen, weil mancher Bezug, manche Anspielung weit in der Ferne liegt und nicht mehr Gegenstand des Wissens ist – so etwa Kraus‘ Werfel- und Expressionismusparodie, die er 1921 in seinem Theaterstück „Literatur oder Man wird doch da sehen“ vortrug. Aber auch ein Text wie „Heine und die Folgen“ erklärt sich nicht jedem von selbst. So ist mehr als gut und löblich, daß der feine Wallstein Verlag es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Schriften von Karl Kraus in angenehmen Editionen feilzubieten. Seien es die Briefe Karl Krausʼ an seine große Liebe, die bemerkenswerte Baronin Sidonie Nádherný von Borutín, die eigentümliche Bewunderung des Dichters Detlev von Liliencron durch Karl Kraus. („Detlev von Liliencron entdeckt, gefeiert und gelesen von Karl Kraus“) oder aber jene Aufsätze zur Literatur, die mit dem Titel „Heine und die Folgen“ versehen sind, in welchem Aufsatz sich die schöne Einleitung findet von der „Wehrlosigkeit vor dem Stoff und der Wehrlosigkeit vor der Form“ als die zwei Richtungen der geistigen Unkultur.

„Das literarische Ornament wird nicht zerstampft, sondern in den Wiener Werkstätten des Geistes modernisiert. Feuilleton, Stimmungsbericht, Schmucknotiz – dem Pöbel bringt die Devise ‚Schmücke dein Heim‘ auch die poetischen Schnörkel ins Haus. Und nichts ist dem Journalismus wichtiger, als die Glasur der Korruption immer wieder auf den Glanz herzurichten.“ (Heine und die Folgen)

Schade ist es nebenbei, daß im Suhrkamp Verlag, wo einmal der Kraus in einer mehrteiligen Ausgabe erhältlich war, nur noch einzelne Bände zu bestellen sind. Die frühen Schriften, Sittlichkeit und Kriminalität, die Dritte Walpurgisnacht, die Gedichte, die Dramen – alles bloß antiquarisch erhältlich. Die vielbeschworene Suhrkamp-Kultur ist dahin – oder vielmehr: sie ist wie alle Verkaufskultur bloße Fetischbeschwörung. Fein wäre es, gäbe Suhrkamp eine gute kommentierte Ausgabe heraus. Glücklicherweise aber bemüht sich der Wallstein Verlag um die Prosa Krausʼ.

„Für mein Leben gern wüßtʼ ich: was fangen die vielen Leute nur mit dem erweiterten Horizont an.“

Zu empfehlen bleibt da nur: Karl Kraus lesen!

Karl Kraus: Heine und die Folgen. Schriften zur Literatur, hrsg. und kommentiert von Christian Wagenknecht und Eva Willms, € 32,00, ISBN: 978-3-8353-1423-8, Wallstein Verlag, 2014
Karl Krausʼ ‚Literatur oder Man wird doch da sehn‘. Genetische Ausgabe und Kommentar, hrsg. v. Martin Leubner, € 34,00, ISBN: 978-3-89244-089-5, Wallstein Verlag 1996

Selbst sein Schweigen war beredt – Karl Kraus zum 80. Todestag

„Unsere Kultur besteht aus drei Schubfächern, von denen zwei sich schließen, wenn eines offen ist:
aus Arbeit, Unterhaltung und Belehrung.“

Über Karl Kraus zu schreiben, kann nur bedeuten, Karl Kraus selbst sprechen zu lassen. Alles andere bleibt schales Nachholen und Nachbeten. Was können wir heute von Karl Kraus lernen? Die Waffe der Kritik schärfen und die Kritik der Waffen vorantreiben, um einen anderen bekannten Kritiker und Polemiker zu nennen. Kritik bedeutet: Negation, Negativität; hinterfragen, was Zeitungen und der common sense uns auftischen. Aber das allein reicht nicht aus, denn die Vernebelungen und das Seichte kommen in einem Medium daher: nämlich der Sprache. Insofern muß der Kritiker den Blick auf diese Sprache richten, die wir sprechen und die unser Denken formt. Wenn Leser oder TV-Zuschauer sich nicht mehr selber eine Meinung bilden, sondern ihnen im Nachrichtenteil die passende und die richtige Meinung von Medien qua Phrase vorgesetzt wird. Kritik – und das gilt ebenso für Satire, siehe den Fall Böhmermann – steht über ihrem Gegenstand und nicht darunter. Dies betrifft empfindlich auch das Medium selbst: Sprache. Karl Kraus beherrschte sie als Waffe meisterhaft.

Was Kraus zum Journalismus schrieb, hören viele nicht gerne. Kein Wunder – häufig (aber nicht immer) sind es Journalisten, die die Kritik an ihrer Zunft abwiegeln. Gleiches gilt für das Phänomen, für das wir den Begriff „Kultur“ reserviert haben: Kraus kritisierte Kultur, ohne aber in akademischer Weise „Kulturkritik“ zu betreiben. Er nahm sich ihre Ausprägungen vor. Angefangen beim bürgerlichen Moralbegriff. Hoch stand für ihn das Gut der Privatsphäre, die jedem zustand. Auch einem Reaktionär. Auch vor der Justiz: der (vermeintlich schlechte) Lebenswandel eines Menschen – etwa wenn im fin de siècle eine Frau als Prostituierte wirkt – läßt nicht umstandslos auf die Schuld schließen. Dafür focht er. Etwa in „Sittlichkeit und Kriminalität“ oder in seinem Essay „Maximilian von Harden. Eine Erledigung“, wo es um die Affäre Eulenburg ging. Der Graf wurde von dem Publizisten Maximilian von Harden öffentlich der Homosexualität bezichtigt, mit dem Ziel, ihn aus dem Kabinett des Kaisers Wilhelm II zu entfernen. Kraus attackierte den einst bewunderten von Harden scharf: „Nicht Wanzen zu töten, aber den Glauben an die Nützlichkeit der Wanzen zu vertilgen ist meine Sache.“ „Die Hölle der Neuzeit ist mit Druckerschwärze gepicht.“ Und ganz folgerichtig heißt eine seiner Aufsatzsammlungen „Untergang der Welt durch schwarze Magie“.

Krausʼ Mittel war der Aphorismus. Der Aphorismus spitzt ein Übel zu, denn in der Übertreibung scheint Wahrheit grell auf, ohne daß ein Aphorismus im strengen Sinne wahr sein müßte. „Der Aphorismus deckt sich nie mit der Wahrheit; er ist entweder eine halbe Wahrheit oder anderthalb.“ Aber wir unterschätzt Kraus, wenn wir ihn lediglich auf dieses Medium der knappen, flapsigen, klugen Bemerkung reduzieren, die uns lachen läßt, weil böse Wahrheit ohne viel Langtext hervorblitzt. Genauso gibt es bei Kraus den Essay, der sich etwa der bürgerlichen Doppelmoral oder der Literatur widmete oder sein mächtiges und leider auf deutschen Bühnen nie gespieltes Drama „Die letzten Tage der Menschheit“. Eine moderne Montage, eine Anklage gegen Krieg, gegen die Kriegsrhetoriker aus Presse und Politik (die Literaten nicht zu vergessen), die widerlichen Kriegsgewinnler und jene, die am liebsten sofort losschießen würden – ohne freilich selber mit dabeisein zu müssen. Dies kennen wir auch heute: ob das der präsidial sich gerierende Gauck oder die Kriegstrompete von Jericho, Richard Herzinger von „Die Welt“, ist. Oder Thea Dorn, die das Lob des deutschen Soldaten schreibt. Derer Söhne bleiben immer brav zu Hause. Kraus Spott konnte ihnen sicher sein.

Dennoch war Kraus im strengen Sinne kein Linker. Er ließ sich keinem Lager zuordnen, er blieb Zeit seines Lebens Einzelgänger, nur sich, seinem Denken und der Sache verantwortlich. Sofern er Partei nahm, geschah es aus einer konkreten Situation und einem Anlaß heraus. Friedrich Rothe schreibt in seiner Kraus-Biographie: „Proteste und Resolutionen gegen behördliche Gängelung von Literatur und Kunst hatte er als Selbstreklame von Leuten verachtet, die fürchteten, übersehen zu werden.“ Das kommt mir heute im Zeichen von Netzfeminismus und Irgend-was-mit-Medien-links ganz ungemein bekannt vor. Und man möchte mit den Fanta4 gleich rufen: „Ist es die da?“ Oder der da? Na wir wissen. Solche wie die grauenhafte Kolumnistin Margarete Stokowski oder der nicht minder schreckliche Georg Diez. Sie beziehen ihre Schreibberechtigung aus der proklamierenden Politphrase. Die Banalität des Blöden.

Wer sich einen ersten Überblick zu Kraus verschaffen will, lese „Die chinesische Mauer“, den Band „Aphorismen“, beide bei Suhrkamp erschienen, oder aber im marix Verlag das Buch mit dem schönen Titel: „Ich bin der Vogel, den sein Nest beschmutzt: Aphorismen, Sprüche und Widersprüche“. Doch lassen wir nun Karl Kraus selber sprechen – in Auszügen, in Skizzen:

„Wenn man mich fragt, von wem ich glaube, daß er dem Geist näher steht: der Stiefelputzer eines böhmischen Grafen oder ein neuberliner Literat, so kann ich nur antworten, daß ich, ehe ich mir von einem neuberliner Literaten die Schuhe putzen ließe, ihm lieber mit dem Absatz ins Gesicht treten würde.“

„Der Journalismus dient nur scheinbar dem Tage. In Wahrheit zerstört er die geistige Empfänglichkeit der Nachwelt.“

„Vor jedem Kunstgenuß stehe die Warnung: Das Publikum wird ersucht, die ausgestellten Gegenstände nur anzusehen, nicht zu begreifen.“

„Es kommt nicht bloß auf das Äußere einer Frau an. Auch die Dessous sind wichtig.“

„Sie sagte, sie lebe so dahin. Dahin möchte ich sie begleiten.“

 „»Ein bis jetzt unbekanntes Trauerspiel von Shakespeare wurde jüngst im Inseratenteil einer in St. Gallen erscheinenden Zeitung angekündigt. Es hieß nämlich dort, dass im Stadttheater von St. Gallen zur Aufführung gelange: ›König Lehar‹, Trauerspiel in fünf Aufzügen von W. Shakespeare.«

Da gibts gar nichts zu lachen. Es ist grauenhaft. Der Setzer hat keinen Witz machen wollen. Das Wort, das er nicht zu setzen hat, die Assoziation, die ihm in die Arbeit gerät, ist der Maßstab der Zeit. An ihren Druckfehlern werdet ihr sie erkennen. Was hier zu lesen war, ist ein Shakespearesches Trauerspiel.“

„Es gibt nur eine Möglichkeit, sich vor der Maschine zu retten. Das ist, sie zu benützen. Nur mit dem Auto kommt man zu sich.“

„Demokratie teilt die Menschen in Arbeiter und Faulenzer. Für solche, die keine Zeit zur Arbeit haben, ist sie nicht eingerichtet.“

„Mir scheint alle Kunst nur Kunst für heute zu sein, wenn sie nicht Kunst gegen heute ist. Sie vertreibt die Zeit — sie vertreibt sie nicht! Der wahre Feind der Zeit ist die Sprache. Sie lebt in unmittelbarer Verständigung mit dem durch die Zeit empörten Geist. Hier kann jene Verschwörung zustandekommen, die Kunst ist. Die Gefälligkeit, die von der Sprache die Worte stiehlt, lebt in der Gnade der Zeit. Kunst kann nur von der Absage kommen. Nur vom Aufschrei, nicht von der Beruhigung. Die Kunst, zum Troste gerufen, verläßt mit einem Fluch das Sterbezimmer der Menschheit. Sie geht durch Hoffnungsloses zur Erfüllung.“

„Für die wahren Weiber kommt es in der Kunst wie in der Liebe auf das Stoffliche an.“

„Der Vorsatz des jungen Jean Paul war, ‚Bücher zu schreiben, um Bücher kaufen zu können‘. Der Vorsatz unserer jungen Schriftsteller ist Bücher geschenkt zu bekommen, um Bücher schreiben zu können.“

„Im Sagenkreis des Deutschtums wird dereinst ein großes Durcheinander entstehen zwischen Kyffhäuser und Kaufhäuser.“

„Feuilletonisten sind verhinderte Kurzwarenhändler. Die Eltern zwingen sie zu einem intelligenten Beruf, aber das ursprüngliche Talent bricht sich doch Bahn.“

„Was Berlin von Wien auf den ersten Blick unterscheidet, ist die Beobachtung, daß man dort eine täuschende Wirkung mit dem wertlosesten Material erzielt, während hier zum Kitsch nur echtes verwendet wird.“

„Gegen das Buch gegen Berlin: Ein Kulturmensch wird lieber in einer Stadt leben, in der keine Individualitäten sind, als in einer Stadt, in der jeder Trottel eine Individualität ist.“

„Den Weg zurück ins Kinderland möchte ich, nach reiflicher Überlegung, doch lieber mit Jean Paul als mit S. Freud machen.“

„Gute Ansichten sind wertlos. Es kommt darauf an, wer sie hat.“

„Perversität ist die haushälterische Fähigkeit, die Frauen auch in den Pausen genießbar zu finden, zu denen sie die männliche Norm verurteilt hat.“

„Ein perverser Kopf kann an der Frau gutmachen, was zehn gesunde Leiber an ihr nicht gesündigt haben.“

„Parlamentarismus ist die Kasernierung der politischen  Prostitution.“

Aber kann, darf, soll man das überhaupt: Kraus zitieren?

„Ich warne vor Nachdruck. Meine Sätze leben nur in der Luft meiner Sätze: so haben sie keinen Atem. Denn es kommt auf die Luft an, in der ein Wort atmet, und in schlechter krepiert selbst eines von Shakespeare.“

Kraus dachte mit den Ohren, nahm Texte akustisch war, und er mußte, wie Elias Canetti schrieb „diese Zeitungen so lesen, als ob er sie hörte. Die schwarzen, toten Worte waren für ihn laute Worte. Wenn er sie dann zitierte, war es, wie wenn er Stimmen sprechen ließe: akustische Zitate.“

Von Karl Kraus können wir uns abschauen, daß Sprachkritik zugleich Gesellschaftskritik ist. Darin kommt er mit Adorno und Benjamin überein.

Eine Reklame zur Besichtigung der Schlachtfelder von Verdun kommentierte Kraus wie folgt – Karl Kraus war ebenfalls eine großer Rezitator und Vorleser, der mit seinen Vorträgen Säle füllte:

Einen Nachruf auf Karl Kraus sprach Alfred Polgar:

Auf dem Twitter-Account des Literaturmagazins tell gibt es 24 Stunden lang Zitate von Karl Kraus zu lesen. Ich hoffe, all dies macht Lust auf mehr. Nicht nur bei Kraus die kurzen Happen zu kosten, sondern sich mit diesem Kosmos des Denkens genauer zu befassen. Was nur bedeuten kann, möglichst viel von ihm zu lesen – insbesondere aus seiner „Fackel“.

Aus dem Wörterbuch der textunsicheren Phrasen

Ich möchte nie und nirgends von jemandem, der sich Schriftsteller oder Autor nennt, lesen: „Ich weiß nicht, wo mich meine Texte hinführen.“ Würden wir einen Politiker wählen, der behauptet: „Ich weiß nicht, wohin mein Handeln, Tun und Trachten politisch führen wird.“? Wir hielten den Mann zu recht für einen politischen Amokläufer oder zumindest für einen Dilettanten. Würde ich solch einen Satz einem Taxifahrer durchgehen lassen, der die Geliebte wie auch mich nachts durch die Kühle und die Unwirtlichkeit Berlins nahe meiner warmen Stube bringt: „Ich weiß nicht, an welchen Ort Euch meine Fahrkünste heute tragen werden.“? Schnell stiegen wir aus und liefen lieber scheu und schamvoll Hand in Hand lange Wege durch die Nacht Berlins und zitterten aneinander. Würden wir einem Maurer unseren Hausbau anvertrauen, der ausruft: „Ich weiß nicht, zu welcher Steingestalt mich meine Arbeit hinführen wird.“? Ganz gewiß nicht. Wir wohnten lieber in einem Baumhaus oder in einem schwachsinnigen Auerhaus.

Mag sein, daß Schreiben, Texten, Taxifahren arbeitsmäßig nur insofern in einem Kontext stehen, als viele Schriftsteller ein schlechtes Auskommen haben und also Taxi fahren müssen, aber ansonsten gehören diese Tätigkeiten unterschiedlichen Kategoriebereichen an. Künstlertum ist ein wandelbarer Prozeß, ohne Zielvorgabe. Taxifahren und Maurern nicht. Aber wollen wir wirklich derart tief in solche Geheimnisse und in die schlimmen Abgründe des Schreibbetriebes blicken? Oder ist die Illusion nicht viel schöner, der Schriftsteller wie auch der Kritiker von Literatur wissen, was sie tun? All diese herrlichen, ästhetizistischen Féerien!

„Der Vorsatz des jungen Jean Paul war, ‚Bücher zu schreiben, um Bücher kaufen zu können‘. Der Vorsatz unserer jungen Schriftsteller ist, Bücher geschenkt zu bekommen, um Bücher schreiben zu können.“ (Karl Kraus) Und das ist dann mal keine Phrase, sondern bissige Dichtung und bittere Wahrheit.
 
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Wort und Welt

Solch ein Titel klingt zunächst wie ein Sprachbuch für die gymnasiale Oberstufe, wie ein Kitsch, denn die immergleichen Alliterationen nutzen sich ab, nerven, und es klingelt nur billig, wenn Sprache in Prosa schludert. Karl Kraus nimmt die Sprache beim Wort, packt die Schreiber der Journaille beim Begriff. Diese Weise der Kritik fehlt in heutigen Zeiten. Und wenn sie geschieht, geht die Einrede nicht über Wolf Schneider und Bastian Sick hinaus. In der Sprache zeigt sich das Wesen, nimmt die Wirklichkeit Gestalt an. Formvollendet und mit Stil wußte davon Karl Kraus zu schreiben. So heißt es über den Kritiker und Publizisten Maximilian Harden: „‚Daß einer ein Mörder ist, beweist nichts gegen seinen Stil‘: auf diesen Standpunkt einer absoluten Ästhetik darf sich ein Ethiker wie er nicht stellen. Ich gehe in der Schätzung stilistischer Vorzüge weiter und mache sie zum Maßstab moralischer Werte. Daß einer ein Mörder ist, muß nichts gegen seinen Stil beweisen. Aber der Stil kann beweisen, daß er ein Mörder ist.“ (Karl Kraus: Maximilian Harden. Eine Erledigung)

Heute vor 80 Jahren wurden die Nürnberger Gesetze erlassen, worauf der Blog „Kritik und Kunst“ hinweist – zu Recht ganz und gar ohne große Ausschmückung. Es gibt Fakten, die stehen für sich und sprechen für sich.