Zum neuen Jahr

„Als zum erstenmal das Wort ‚Friede‘ ausgesprochen wurde, entstand auf der Börse eine Panik. Sie schrien auf im Schmerz: Wir haben verdient! Lasst uns den Krieg! Wir haben den Krieg verdient!“ (Karl Kraus)

Den Leserinnen und Lesern dieses Blogs wünsche ich ein gutes neues Jahr, mit all den Wünschen, die zu einem neuen Jahr so dazugehören. Man wird wohl das beste daraus machen müssen.

Hier ist der Morgen des ersten Tages vom Neuen Jahr. Von Greifswald, der Stadt Caspar David Friedrichs, ging es zu Silvester herüber auf die Insel Rügen. Weit und fern der Schüsse und Raketentests im „Reichshauptstadtslum“, wo es eigentlich ganz und gar unmöglich bis widerwärtig ist, Silvester zu feiern. (Aber ich will hier keine Bernhardsche Beschimpfungskaskade machen, Berlin ist mit sich und einem Großteil seiner Blasenbewohner bereits genug gestraft.)


 
 

Also besser sich den Landschaften widmen. Und was Sie dann sehen, ist der hereinbrechende Abend des neuen Jahres samt Vollmond. Auf Rügen und mit wenig bis gar keinem Internet. So sollte es auch in Zukunft weitergehen. Zumindest, was die Zeitdiebe Facebook und Twitter betrifft. Über Hegel, über den Deutschen Idealismus oder über die wunderbare Malerei von Caspar David Friedrich läßt sich da nichts bis wenig lernen. Eine innere Uckermark finden und erfinden. Nicht im Netz partizipieren, sondern wieder die Texte produzieren. Es muß im Netzwerk nicht jeder ein Leser dort sein.

Und nach der alten Maßgabe weitermachen: Nicht jenen ahnungslosen Kleinemädchenjournalismus lesen, irgendwas zwischen Hannah Lühmann, Judith Engelmann und Margarete Kreischkowski, genau das, worauf ich seit Jahren keine Lust habe und was die kostbare Zeit raubt. Weniger ist mehr. Keinen Online-Journalismus. Oder kaum. Die durchs Dorf getriebenen Säue. „Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können – das macht den Journalisten.“ (Karl Kraus) Heute funktioniert viel zu oft nicht einmal mehr das Ausdrückenkönnen. Schreibimpotenz. Nicht einmal zu jener Beschreibungsimpotenz, die Handke 1967 in Princeton nannte, reicht es. Was ja immerhin noch ein Ton und ein Klang wäre: Nichts zu beschreiben, sondern Dinghaftes als Ding einfach zu zeigen. Ich will nach Wien in die Stadt von Karl Kraus. Auf diesen Spuren. Dieses Jahr. Die bösen und die guten Dinge tun.

Dieses Jahr – es steht Marx an, dessen Gedenkjahr 2018 zelebriert wird, mal angemessen, und sehr viel öfter vermutlich dumm-überflüssig , weil die Lektüre von Inkompetenz und Vorurteil getragen wird. Nicht was im Text steht, wird gelesen, sondern was sich im Köpfchen des Betrachters abspielt, ist das Maß der Lektüre und wird posaunt. Am Anfang steht nicht der Versuch und der Wille mehr oder weniger ausgebildet zu verstehen, sondern eine Hermeneutik des Verdachts. Lesenswert auf alle Fälle scheint mir die im September erschienene Biographie von Jürgen Neffe Marx. Der Unvollendete. Und dazu noch, allerdings älteren Datums, von Terry Eagleton Warum Marx recht hat. Man kann – so steht zu vermuten – allerdings schon dankbar sein, wenn die Diskussion dieses Jahr nicht auf dem Niveau „Aber Marx hat den Gulag möglich gemacht“ entlang glitscht. Mit solcher Unfug-Vermeidung wäre bereits einiges gewonnen. (Wenn auch wenig erreicht).

Auf geht es also zur Lektüre. Am besten die Originale selbst. Denn wie schon mein Professor Kleining in der Soziologie einst den Eleven sagte, die da im Proseminar saßen: Wer das Original nicht begreift, wird auch die Sekundärliteratur nicht verstehen.

Was Karl Marx und Karl Kraus übrigens eint: beide waren nicht nur kritische Analytiker und Beobachter ihrer Epoche, sondern ebenso glänzende Stilisten und Polemiker.

„daß meine Zeit nicht kommen wird …“ Nachklapp zum Büchnerpreis und zur Kritik an Jan Wagner

Auf der Skala schrill bis unangenehmer Töne kommt gleich nach dem Klagen vermeintlich zu kurz gekommener Pegidisten die Jeremiade von Dichtern, zu wenig zu verdienen und noch gleich darauf, das Jammern, weshalb um Himmels willen ausgerechnet der Dichter-Kollege X den Büchner-Preis bekam und nicht vielmehr der viel ruhmreichere Dichter Y oder die noch bessere Dichterin Z ihn erhielte. Wenn nicht gar der hochrelevante Dichter Omega. Ja, ja:

Hätte, könnte, sollte
wenn Witwe Bolte wollte.

Diese Klage wird meist im Namen anderer geführt. Gemeint ist aber in der Regel und indirekt man selbst, den es qua Preisgeld wieder einmal nicht an den Futtertrog verschlug. Welch Kleinmut und welche Verlogenheit noch dazu. Sich selber für den Preis ins Gespräch zu bringen: das wäre es! – Aber so weit ging nicht einmal Clemens J. Setz. Wenn deutsche Dichter wenigstens Mut hätten und jene gehörige Portion Größenwahn aufbrächten, zu sagen: „Ich selbst bin der wahre und richtige Kandidat für den Georg-Büchner-Preis. Einzig ich, niemand sonst!“ – eine Büchnerwürdige Szene im grauen Alltag des Literaturbetriebs gäbe dies. Um den Preis freilich, als Dichter nun völlig verbrannt für jeglichen Preis zu sein.

Karl Kraus schrieb in seiner „Fackel“ über jenen Größenwahn:

„Die tiefste Bescheidenheit, die vor der Welt zurücktritt, ist in ihr als Größenwahn verrufen. Wer von sich selbst spricht, weil kein anderer von ihm spricht, ist lästig. Wer niemand mit seiner Sache zu belasten wagt und sie selbst führt, damit sie nur einmal geführt sei, ist anmaßend. Und dennoch weiß niemand besser als ich, daß mir alles Talent fehlt, mitzutun, daß mich auf jedem Schritt der absolute Mangel dessen hemmt, was unentbehrlich ist, um sich wenigstens im Gedächtnis der Mitlebenden zu erhalten, der Mangel an Konkurrenzfähigkeit. Aber ich weiß auch, daß der Größenwahn vor der Bescheidenheit den Vorzug der Ehrlichkeit hat und daß es eine untrügliche Probe auf seine Berechtigung gibt: seinen künstlerischen Ausdruck. Darüber zu entscheiden, sind freilich die wenigsten Leser sachverständig, und man ist auch hier wieder auf den Größenwahn angewiesen. Er sprach: Selbstbespiegelung ist erlaubt, wenn das Selbst schön ist; aber sie erwächst zur Pflicht, wenn der Spiegel gut ist. Und jedenfalls ist es sogar ehrlicher, zum dionysischen Praterausrufer seiner selbst zu werden, als sich von dem Urteil der zahlenden Kundschaft abhängig zu machen. Die Journalisten sind so bescheiden, die Keime geistiger Saat für alle Zeiten totzutreten. Ich bin größenwahnsinnig: ich weiß, daß meine Zeit nicht kommen wird.“ (Karl Kraus, Die Fackel, 13.10.1908)

Man mag von Jan Wagners Dichtung halten, was man will. Aber noch einmal: Literaturpreise sind keine Gefälligkeitspreise, sie sind keine Alimentierungen für Dichter, die keine Lust haben, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Allenfalls sekundär haben sie auch das Ziel, Dichter zu unterstützen, damit sie weiter und vielleicht ein Stück weit unbeschwert wirken könne. Und Preise sind keine Auszeichnung für eine politisch korrekte Gesinnung oder fürs Geschlecht oder die ethnische Herkunft. Und natürlich lassen sich immer Namen finden, die ebenfalls geeignet und manchmal sogar geeigneter wären. Allein – das Spiel ist langweilig, und wenn man es spielt, dann sollte der Spieler wenigstens gute Gründe nennen, weshalb der Dichter Y auf die Liste oder aufs Preispodest gehörte. Einfach einen Namen in den Raum zu raunen ist kläglich. Zeugt nicht einmal von Größenwahn, sondern vielmehr von Kleinmut und neidischer Haltung. Invidia – eine der sieben Todsünden übrigens.

Die Presse

Es ist, es war, es bleibt: leider aktuell. Wie immer und auf den Punkt bringt und singt es Karl Kraus, das Lied von der Presse. Ja, die Welt und wir haben es in der Tat weit, sehr weit gebracht: Zur Zeitung. Hätte Karl Kraus von Twitter und Facebook geahnt: Er nutzte das technisch Neue. Aber in seinem Sinne und in böser Anklage gegen die, die sich heute so unendlich leichfertig User nennen. Seine Aphorismen mögen zum 140-Zeichen-Satz taugen, denn sie pointieren und spießen auf. Seine komplexen Texte jedoch eignen sich nicht dazu, ihren Gehalt auf 140 Zeichen zu reduzieren, und es ist insoofern nachgerade absurd, Kraus bloß auf die flotte Sentenz herunterzubrechen. Was er zur Literatur schrieb, zu Heine und über seinem verehrten Nestroy, zu Sittlichkeit und Kriminalität, wenn es darum ging, daß vor Gericht nicht die Angeklagte, sondern vielmehr ihr sozialer Status verurteilt wurde – das paßt nicht in 140 Zeichen. Verdinglichung pur.

Andererseits heftete sich der Blick von Karl Kraus ans geringste Detail und entzündete sich daran. Er sezierte die Zeitung messerscharf anhand des vermeintlich Nebensächlichen.

„Ich pfeife auf den Text, ich bin imstande, das Antlitz der heutigen Welt mir aus dem hinteren Annoncenteil zusammenzustellen.“

 

 

Im Anfang war die Presse
und dann erschien die Welt.
Im eigenen Interesse
hat sie sich uns gesellt.
Nach unserer Vorbereitung
sieht Gott, daß es gelingt,
und so die Welt zur Zeitung
er bringt.

Die Welt war es zufrieden,
die auf die Presse kam,
weil schließlich doch hienieden
Notiz man von ihr nahm.
Auch was sich nicht ereignet,
zu unserer Kenntnis dringt;
wenns nur fürs Blatt geeignet –
man bringt.

Wenn auch das Blatt die Laus hat,
die Leser gehn nicht aus;
denn was man schwarz auf weiß hat,
trägt man getrost nachhaus.
Was wir der Welt auch rauben,
sie bringt uns unbedingt
dafür doch ihren Glauben;
sie bringt.

Sie lesen, was erschienen,
sie denken, was man meint.
Noch mehr läßt sich verdienen,
wenn etwas nicht erscheint.
Wir schweigen oder schreiben,
ob jener auch zerspringt –
wenn uns nur unser Treiben
was bringt.

Die Welt, soweit sie lebend,
singt unsere Melodie.
Wir bleiben tonangebend
von aller Gottesfrüh.
Nach unsern notigen Noten
die Menschheit tanzt und hinkt,
weil Dank sie für die Toten
uns bringt!

Die Zeit lernt von uns Mores,
der Geist ist uns zur Hand,
denn als Kulturfaktores
sind wir der Welt bekannt.
Kommt her, Gelehrte, Denker,
komm, was da sagt und singt,
daß hoch hinauf der Henker
euch bringt!

Wir bringen, dringen, schlingen
uns in das Leben ein.
Wo wir den Wert bezwingen,
erschaffen wir den Schein.
Schwarz ist’s wie in der Hölle,
die auch von Schwefel stinkt,
wohin an Teufels Stelle
man bringt!

Karl Kraus – „ein ehrliches ‚Was wir umbringen‘ …“

„Der wahre Weltuntergang ist die Vernichtung des Geistes,
der andere hängt von dem gleichgiltigen Versuch ab,
ob nach Vernichtung des Geistes noch eine Welt bestehen kann.“
(Karl Kraus)

Mit der „Fackel“ machte Karl Kraus die Kritik der Zeitungsphrasen zu seiner Sache: Sprachkritik als Ideologiekritik. Er entlarvte einen Jargon, der dem Publikum einen Bären aufbindet und unterm Wortsalat eine bestimmte Sache schmackhaft servieren will. Das ist heute nicht viel anders als vor 100 Jahren, und es scheint dem Wesen der Presse als Kategorie der Öffentlichkeit inhärent. „Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Insbesondere im Wien des Fin de Siècle herrschte in der Wirtschaft Korruption. Statt daß Zeitungen jedoch darüber berichteten, schwiegen sie. Dagegen gingen verschiedene Seiten an – von den Konservativen bis zu den Sozialdemokraten. Zunächst versuchte auch Kraus, korrupte Absichten bei der liberalen Zeitung „Neue Freie Press“ offenzulegen. Schnell aber verlagerte er seine Strategie in eine andere Richtung. Nicht mehr auf die direkte Enthüllung kam es ihm an, sondern er zielte auf die Sprache dieser Zeitungen – „eine Trockenlegung des weiten Phrasensumpfes“. Damit literarisierte sich Karl Krausʼ Projekt. Diese Umpolung von Journalismus zeigte sich bereits im Vorwort für die erste Ausgabe der „Fackel“, so daß der Begriff „Journalist“ bei Kraus fortan eher ein Schimpfwort und wenig schmeichelhaft gemeint war. Auf die Idee, sich gar hochtrabend als Kulturjournalist zu bezeichnen, käme Kraus nicht:

„In einer Zeit, da Österreich noch vor der von radicaler Seite gewünschten Lösung an acuter Langeweile zugrunde zu gehen droht, in Tagen, die diesem Lande politische und sociale Wirrungen aller Art gebracht haben, einer Öffentlichkeit gegenüber, die zwischen Unentwegtheit und Apathie ihr phrasenreiches oder völlig gedankenloses Auskommen findet, unternimmt es der Herausgeber dieser Blätter, der glossierend bisher und an wenig sichtbarer Stelle abseits gestanden, einen Kampfruf auszustoßen. Der ihn wagt, ist zur Abwechslung einmal kein parteimäßig Verschnittener, vielmehr ein Publicist, der auch in Fragen der Politik die ‚Wilden‘ für die besseren Menschen hält und von seinem Beobachterposten sich durch keine der im Reichsrath vertretenen Meinungen locken ließ. Freudig trägt er das Odium der politischen ‚Gesinnungslosigkeit‘ auf der Stirne, die er, ‚unentwegt‘ wie nur irgendeiner von den ihren, den Clubfanatikern und Fractionsidealisten bietet.

Das politische Programm dieser Zeitung scheint somit dürftig; kein tönendes ‚Was wir bringen‘, aber ein ehrliches ‚Was wir umbringen‘ hat sie sich als Leitwort gewählt. Was hier geplant wird, ist nichts als eine Trockenlegung des weiten Phrasensumpfes, den andere immerzu national abgrenzen möchten. Mit Feuerzungen – und wäre es auch ein Dutzend verschiedensprachiger – predigen die Verhältnisse das Erkennen socialer Nothwendigkeiten, aber Regierende und Parteien wünschen vorerst – mit hinhaltender Berechnung die einen, in leidenschaftlicher Verblendung die anderen – die Kappenfrage der Prager Studenten erledigt zu wissen.

Diese Erscheinung schmerzlichsten Contrastes, die sich durch unser öffentliches Leben zieht, wird hier den Gesichtspunkt für die Beurtheilung aller politischen Ereignisse bestimmen, und es mag zuweilen glücken, dem dumpfen Ernst des Phrasenthums, wo immer er sein Zerstörungswerk verübe, durch die ihm so unbequeme Heiterkeit rechtzeitig den Credit zu schmälern.

Dem durch keine Parteibrille getrübten Blick muss doppelt deutlich sich das Mene Tekel zeigen, welches dräuend in unserer durch Altarkerzen verstärkten Finsternis zuweilen aufleuchtet. Aber die Sprachgelehrten wissen es nicht zu deuten, und vom alten Hader noch erschöpft, erheben sie sich zu neuem Zanke. Von dem unheimlichen Anblick geblendet, weisen die einen mit einem ängstlichen ‚Zde‘ nach der Erscheinung, dieweil die anderen, völkischen Verrath witternd, als die Verhandlungssprache des jüngsten Gerichtes nur die deutsche gelten lassen wollen…..

Vielleicht ist dem frevlen Treiben gegenüber, das den Wettkampf zwischen der auf ihre Reife nicht wenig stolzen und einer kräftig erst sich emporringenden Cultur auf den rüdesten Wirtshauszank reducieren möchte, ein offenes Wort noch willkommen. Vielleicht darf ich mich aber auch der Hoffnung hingeben, dass der Kampfruf, der Missvergnügte und Bedrängte aus allen Lagern sammeln will, nicht wirkungslos verhalle. Oppositionsgeister, die des trockenen Tons nun endlich satt sind, möge er befeuern, alle jene, die Talent und Lust zu einer beherzten Fronde gegen cliquenmäßige Verkommenheit auf allen Gebieten verspüren, ermuntern und in diesem unakustischen, national verbauten Reiche nicht bloß bei den für jede neue Erscheinung empfänglichen und grundsätzlich hellhörigen Staatsanwälten ein Echo finden.

Der umständliche Instanzenzug, den hier der sogenannte ‚Geist der Zeit‘ noch immer durchmachen muss, um nach oben zu gelangen, wird bei jeder sich darbietenden Gelegenheit in seinen vielverschlungenen Wegen zu verfolgen sein. Was an dem unbefangenen Beobachter ist, soll geschehen, um zwischen der Regierung und den Parteien Schuld in gerechter Weise zu vertheilen: Ministern, die nur ein einziges Gesetz nicht verletzen, nämlich das Gesetz der Trägheit, vermöge dessen sich dieser Staat noch aufrechterhält – Volksvertretern, die jede andere, nur nicht die ‚innere Amtssprache‘ des Gewissens beunruhigt und welche unentwegt über die Aufschrift auf ärarischen Spucknäpfen streiten, während das Volk seine ökonomischen Bedürfnisse als Beichtgeheimnis allzuverschwiegenen Priestern anvertraut….. So möge denn die Fackel einem Lande leuchten, in welchem – anders als in jenem Reiche Karls V. – die Sonne niemals aufgeht.“

„Die Fackel“ erschien von 1899 bis 1936, bis kurz vor Krausʼ Tod – freilich in unregelmäßigen Abständen, so daß man auch sein Schweigen zu bestimmten Anlässen als eine Art von Äußerung nehmen konnte.

Auch zu Literaturpreisen, die der Aufmunterung dienen, schrieb Karl Kraus. Angesichts einer Flut an Literaten haben die Sätze bis heute nichts von ihrer Gültigkeit eingebüßt:

„Das Preisrichterkollegium hat sich vor der Fülle konkurrierender Genies nicht anders helfen können als für jedes Gebiet je drei Preise à 1000 Schilling festzusetzen. Sie sollten zwar ursprünglich jener »Aufmunterung« dienen, die auf sämtlichen Gebieten der Kunst schon so viel Unheil angerichtet hat, während Abschreckungspreise, geknüpft an die Bedingung, nichts dergleichen mehr zu tun, sondern einen nützlichen Beruf zu ergreifen, ein wahrer Segen wären.“

9783835314238lViele der Essays von Kraus sind heute lediglich für Literaturwissenschaftler verständlich und werden vom Publikum kaum mehr begriffen, weil mancher Bezug, manche Anspielung weit in der Ferne liegt und nicht mehr Gegenstand des Wissens ist – so etwa Kraus‘ Werfel- und Expressionismusparodie, die er 1921 in seinem Theaterstück „Literatur oder Man wird doch da sehen“ vortrug. Aber auch ein Text wie „Heine und die Folgen“ erklärt sich nicht jedem von selbst. So ist mehr als gut und löblich, daß der feine Wallstein Verlag es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Schriften von Karl Kraus in angenehmen Editionen feilzubieten. Seien es die Briefe Karl Krausʼ an seine große Liebe, die bemerkenswerte Baronin Sidonie Nádherný von Borutín, die eigentümliche Bewunderung des Dichters Detlev von Liliencron durch Karl Kraus. („Detlev von Liliencron entdeckt, gefeiert und gelesen von Karl Kraus“) oder aber jene Aufsätze zur Literatur, die mit dem Titel „Heine und die Folgen“ versehen sind, in welchem Aufsatz sich die schöne Einleitung findet von der „Wehrlosigkeit vor dem Stoff und der Wehrlosigkeit vor der Form“ als die zwei Richtungen der geistigen Unkultur.

„Das literarische Ornament wird nicht zerstampft, sondern in den Wiener Werkstätten des Geistes modernisiert. Feuilleton, Stimmungsbericht, Schmucknotiz – dem Pöbel bringt die Devise ‚Schmücke dein Heim‘ auch die poetischen Schnörkel ins Haus. Und nichts ist dem Journalismus wichtiger, als die Glasur der Korruption immer wieder auf den Glanz herzurichten.“ (Heine und die Folgen)

Schade ist es nebenbei, daß im Suhrkamp Verlag, wo einmal der Kraus in einer mehrteiligen Ausgabe erhältlich war, nur noch einzelne Bände zu bestellen sind. Die frühen Schriften, Sittlichkeit und Kriminalität, die Dritte Walpurgisnacht, die Gedichte, die Dramen – alles bloß antiquarisch erhältlich. Die vielbeschworene Suhrkamp-Kultur ist dahin – oder vielmehr: sie ist wie alle Verkaufskultur bloße Fetischbeschwörung. Fein wäre es, gäbe Suhrkamp eine gute kommentierte Ausgabe heraus. Glücklicherweise aber bemüht sich der Wallstein Verlag um die Prosa Krausʼ.

„Für mein Leben gern wüßtʼ ich: was fangen die vielen Leute nur mit dem erweiterten Horizont an.“

Zu empfehlen bleibt da nur: Karl Kraus lesen!

Karl Kraus: Heine und die Folgen. Schriften zur Literatur, hrsg. und kommentiert von Christian Wagenknecht und Eva Willms, € 32,00, ISBN: 978-3-8353-1423-8, Wallstein Verlag, 2014
Karl Krausʼ ‚Literatur oder Man wird doch da sehn‘. Genetische Ausgabe und Kommentar, hrsg. v. Martin Leubner, € 34,00, ISBN: 978-3-89244-089-5, Wallstein Verlag 1996

Selbst sein Schweigen war beredt – Karl Kraus zum 80. Todestag

„Unsere Kultur besteht aus drei Schubfächern, von denen zwei sich schließen, wenn eines offen ist:
aus Arbeit, Unterhaltung und Belehrung.“

Über Karl Kraus zu schreiben, kann nur bedeuten, Karl Kraus selbst sprechen zu lassen. Alles andere bleibt schales Nachholen und Nachbeten. Was können wir heute von Karl Kraus lernen? Die Waffe der Kritik schärfen und die Kritik der Waffen vorantreiben, um einen anderen bekannten Kritiker und Polemiker zu nennen. Kritik bedeutet: Negation, Negativität; hinterfragen, was Zeitungen und der common sense uns auftischen. Aber das allein reicht nicht aus, denn die Vernebelungen und das Seichte kommen in einem Medium daher: nämlich der Sprache. Insofern muß der Kritiker den Blick auf diese Sprache richten, die wir sprechen und die unser Denken formt. Wenn Leser oder TV-Zuschauer sich nicht mehr selber eine Meinung bilden, sondern ihnen im Nachrichtenteil die passende und die richtige Meinung von Medien qua Phrase vorgesetzt wird. Kritik – und das gilt ebenso für Satire, siehe den Fall Böhmermann – steht über ihrem Gegenstand und nicht darunter. Dies betrifft empfindlich auch das Medium selbst: Sprache. Karl Kraus beherrschte sie als Waffe meisterhaft.

Was Kraus zum Journalismus schrieb, hören viele nicht gerne. Kein Wunder – häufig (aber nicht immer) sind es Journalisten, die die Kritik an ihrer Zunft abwiegeln. Gleiches gilt für das Phänomen, für das wir den Begriff „Kultur“ reserviert haben: Kraus kritisierte Kultur, ohne aber in akademischer Weise „Kulturkritik“ zu betreiben. Er nahm sich ihre Ausprägungen vor. Angefangen beim bürgerlichen Moralbegriff. Hoch stand für ihn das Gut der Privatsphäre, die jedem zustand. Auch einem Reaktionär. Auch vor der Justiz: der (vermeintlich schlechte) Lebenswandel eines Menschen – etwa wenn im fin de siècle eine Frau als Prostituierte wirkt – läßt nicht umstandslos auf die Schuld schließen. Dafür focht er. Etwa in „Sittlichkeit und Kriminalität“ oder in seinem Essay „Maximilian von Harden. Eine Erledigung“, wo es um die Affäre Eulenburg ging. Der Graf wurde von dem Publizisten Maximilian von Harden öffentlich der Homosexualität bezichtigt, mit dem Ziel, ihn aus dem Kabinett des Kaisers Wilhelm II zu entfernen. Kraus attackierte den einst bewunderten von Harden scharf: „Nicht Wanzen zu töten, aber den Glauben an die Nützlichkeit der Wanzen zu vertilgen ist meine Sache.“ „Die Hölle der Neuzeit ist mit Druckerschwärze gepicht.“ Und ganz folgerichtig heißt eine seiner Aufsatzsammlungen „Untergang der Welt durch schwarze Magie“.

Krausʼ Mittel war der Aphorismus. Der Aphorismus spitzt ein Übel zu, denn in der Übertreibung scheint Wahrheit grell auf, ohne daß ein Aphorismus im strengen Sinne wahr sein müßte. „Der Aphorismus deckt sich nie mit der Wahrheit; er ist entweder eine halbe Wahrheit oder anderthalb.“ Aber wir unterschätzt Kraus, wenn wir ihn lediglich auf dieses Medium der knappen, flapsigen, klugen Bemerkung reduzieren, die uns lachen läßt, weil böse Wahrheit ohne viel Langtext hervorblitzt. Genauso gibt es bei Kraus den Essay, der sich etwa der bürgerlichen Doppelmoral oder der Literatur widmete oder sein mächtiges und leider auf deutschen Bühnen nie gespieltes Drama „Die letzten Tage der Menschheit“. Eine moderne Montage, eine Anklage gegen Krieg, gegen die Kriegsrhetoriker aus Presse und Politik (die Literaten nicht zu vergessen), die widerlichen Kriegsgewinnler und jene, die am liebsten sofort losschießen würden – ohne freilich selber mit dabeisein zu müssen. Dies kennen wir auch heute: ob das der präsidial sich gerierende Gauck oder die Kriegstrompete von Jericho, Richard Herzinger von „Die Welt“, ist. Oder Thea Dorn, die das Lob des deutschen Soldaten schreibt. Derer Söhne bleiben immer brav zu Hause. Kraus Spott konnte ihnen sicher sein.

Dennoch war Kraus im strengen Sinne kein Linker. Er ließ sich keinem Lager zuordnen, er blieb Zeit seines Lebens Einzelgänger, nur sich, seinem Denken und der Sache verantwortlich. Sofern er Partei nahm, geschah es aus einer konkreten Situation und einem Anlaß heraus. Friedrich Rothe schreibt in seiner Kraus-Biographie: „Proteste und Resolutionen gegen behördliche Gängelung von Literatur und Kunst hatte er als Selbstreklame von Leuten verachtet, die fürchteten, übersehen zu werden.“ Das kommt mir heute im Zeichen von Netzfeminismus und Irgend-was-mit-Medien-links ganz ungemein bekannt vor. Und man möchte mit den Fanta4 gleich rufen: „Ist es die da?“ Oder der da? Na wir wissen. Solche wie die grauenhafte Kolumnistin Margarete Stokowski oder der nicht minder schreckliche Georg Diez. Sie beziehen ihre Schreibberechtigung aus der proklamierenden Politphrase. Die Banalität des Blöden.

Wer sich einen ersten Überblick zu Kraus verschaffen will, lese „Die chinesische Mauer“, den Band „Aphorismen“, beide bei Suhrkamp erschienen, oder aber im marix Verlag das Buch mit dem schönen Titel: „Ich bin der Vogel, den sein Nest beschmutzt: Aphorismen, Sprüche und Widersprüche“. Doch lassen wir nun Karl Kraus selber sprechen – in Auszügen, in Skizzen:

„Wenn man mich fragt, von wem ich glaube, daß er dem Geist näher steht: der Stiefelputzer eines böhmischen Grafen oder ein neuberliner Literat, so kann ich nur antworten, daß ich, ehe ich mir von einem neuberliner Literaten die Schuhe putzen ließe, ihm lieber mit dem Absatz ins Gesicht treten würde.“

„Der Journalismus dient nur scheinbar dem Tage. In Wahrheit zerstört er die geistige Empfänglichkeit der Nachwelt.“

„Vor jedem Kunstgenuß stehe die Warnung: Das Publikum wird ersucht, die ausgestellten Gegenstände nur anzusehen, nicht zu begreifen.“

„Es kommt nicht bloß auf das Äußere einer Frau an. Auch die Dessous sind wichtig.“

„Sie sagte, sie lebe so dahin. Dahin möchte ich sie begleiten.“

 „»Ein bis jetzt unbekanntes Trauerspiel von Shakespeare wurde jüngst im Inseratenteil einer in St. Gallen erscheinenden Zeitung angekündigt. Es hieß nämlich dort, dass im Stadttheater von St. Gallen zur Aufführung gelange: ›König Lehar‹, Trauerspiel in fünf Aufzügen von W. Shakespeare.«

Da gibts gar nichts zu lachen. Es ist grauenhaft. Der Setzer hat keinen Witz machen wollen. Das Wort, das er nicht zu setzen hat, die Assoziation, die ihm in die Arbeit gerät, ist der Maßstab der Zeit. An ihren Druckfehlern werdet ihr sie erkennen. Was hier zu lesen war, ist ein Shakespearesches Trauerspiel.“

„Es gibt nur eine Möglichkeit, sich vor der Maschine zu retten. Das ist, sie zu benützen. Nur mit dem Auto kommt man zu sich.“

„Demokratie teilt die Menschen in Arbeiter und Faulenzer. Für solche, die keine Zeit zur Arbeit haben, ist sie nicht eingerichtet.“

„Mir scheint alle Kunst nur Kunst für heute zu sein, wenn sie nicht Kunst gegen heute ist. Sie vertreibt die Zeit — sie vertreibt sie nicht! Der wahre Feind der Zeit ist die Sprache. Sie lebt in unmittelbarer Verständigung mit dem durch die Zeit empörten Geist. Hier kann jene Verschwörung zustandekommen, die Kunst ist. Die Gefälligkeit, die von der Sprache die Worte stiehlt, lebt in der Gnade der Zeit. Kunst kann nur von der Absage kommen. Nur vom Aufschrei, nicht von der Beruhigung. Die Kunst, zum Troste gerufen, verläßt mit einem Fluch das Sterbezimmer der Menschheit. Sie geht durch Hoffnungsloses zur Erfüllung.“

„Für die wahren Weiber kommt es in der Kunst wie in der Liebe auf das Stoffliche an.“

„Der Vorsatz des jungen Jean Paul war, ‚Bücher zu schreiben, um Bücher kaufen zu können‘. Der Vorsatz unserer jungen Schriftsteller ist Bücher geschenkt zu bekommen, um Bücher schreiben zu können.“

„Im Sagenkreis des Deutschtums wird dereinst ein großes Durcheinander entstehen zwischen Kyffhäuser und Kaufhäuser.“

„Feuilletonisten sind verhinderte Kurzwarenhändler. Die Eltern zwingen sie zu einem intelligenten Beruf, aber das ursprüngliche Talent bricht sich doch Bahn.“

„Was Berlin von Wien auf den ersten Blick unterscheidet, ist die Beobachtung, daß man dort eine täuschende Wirkung mit dem wertlosesten Material erzielt, während hier zum Kitsch nur echtes verwendet wird.“

„Gegen das Buch gegen Berlin: Ein Kulturmensch wird lieber in einer Stadt leben, in der keine Individualitäten sind, als in einer Stadt, in der jeder Trottel eine Individualität ist.“

„Den Weg zurück ins Kinderland möchte ich, nach reiflicher Überlegung, doch lieber mit Jean Paul als mit S. Freud machen.“

„Gute Ansichten sind wertlos. Es kommt darauf an, wer sie hat.“

„Perversität ist die haushälterische Fähigkeit, die Frauen auch in den Pausen genießbar zu finden, zu denen sie die männliche Norm verurteilt hat.“

„Ein perverser Kopf kann an der Frau gutmachen, was zehn gesunde Leiber an ihr nicht gesündigt haben.“

„Parlamentarismus ist die Kasernierung der politischen  Prostitution.“

Aber kann, darf, soll man das überhaupt: Kraus zitieren?

„Ich warne vor Nachdruck. Meine Sätze leben nur in der Luft meiner Sätze: so haben sie keinen Atem. Denn es kommt auf die Luft an, in der ein Wort atmet, und in schlechter krepiert selbst eines von Shakespeare.“

Kraus dachte mit den Ohren, nahm Texte akustisch war, und er mußte, wie Elias Canetti schrieb „diese Zeitungen so lesen, als ob er sie hörte. Die schwarzen, toten Worte waren für ihn laute Worte. Wenn er sie dann zitierte, war es, wie wenn er Stimmen sprechen ließe: akustische Zitate.“

Von Karl Kraus können wir uns abschauen, daß Sprachkritik zugleich Gesellschaftskritik ist. Darin kommt er mit Adorno und Benjamin überein.

Eine Reklame zur Besichtigung der Schlachtfelder von Verdun kommentierte Kraus wie folgt – Karl Kraus war ebenfalls eine großer Rezitator und Vorleser, der mit seinen Vorträgen Säle füllte:

Einen Nachruf auf Karl Kraus sprach Alfred Polgar:

Auf dem Twitter-Account des Literaturmagazins tell gibt es 24 Stunden lang Zitate von Karl Kraus zu lesen. Ich hoffe, all dies macht Lust auf mehr. Nicht nur bei Kraus die kurzen Happen zu kosten, sondern sich mit diesem Kosmos des Denkens genauer zu befassen. Was nur bedeuten kann, möglichst viel von ihm zu lesen – insbesondere aus seiner „Fackel“.

Aus dem Wörterbuch der textunsicheren Phrasen

Ich möchte nie und nirgends von jemandem, der sich Schriftsteller oder Autor nennt, lesen: „Ich weiß nicht, wo mich meine Texte hinführen.“ Würden wir einen Politiker wählen, der behauptet: „Ich weiß nicht, wohin mein Handeln, Tun und Trachten politisch führen wird.“? Wir hielten den Mann zu recht für einen politischen Amokläufer oder zumindest für einen Dilettanten. Würde ich solch einen Satz einem Taxifahrer durchgehen lassen, der die Geliebte wie auch mich nachts durch die Kühle und die Unwirtlichkeit Berlins nahe meiner warmen Stube bringt: „Ich weiß nicht, an welchen Ort Euch meine Fahrkünste heute tragen werden.“? Schnell stiegen wir aus und liefen lieber scheu und schamvoll Hand in Hand lange Wege durch die Nacht Berlins und zitterten aneinander. Würden wir einem Maurer unseren Hausbau anvertrauen, der ausruft: „Ich weiß nicht, zu welcher Steingestalt mich meine Arbeit hinführen wird.“? Ganz gewiß nicht. Wir wohnten lieber in einem Baumhaus oder in einem schwachsinnigen Auerhaus.

Mag sein, daß Schreiben, Texten, Taxifahren arbeitsmäßig nur insofern in einem Kontext stehen, als viele Schriftsteller ein schlechtes Auskommen haben und also Taxi fahren müssen, aber ansonsten gehören diese Tätigkeiten unterschiedlichen Kategoriebereichen an. Künstlertum ist ein wandelbarer Prozeß, ohne Zielvorgabe. Taxifahren und Maurern nicht. Aber wollen wir wirklich derart tief in solche Geheimnisse und in die schlimmen Abgründe des Schreibbetriebes blicken? Oder ist die Illusion nicht viel schöner, der Schriftsteller wie auch der Kritiker von Literatur wissen, was sie tun? All diese herrlichen, ästhetizistischen Féerien!

„Der Vorsatz des jungen Jean Paul war, ‚Bücher zu schreiben, um Bücher kaufen zu können‘. Der Vorsatz unserer jungen Schriftsteller ist, Bücher geschenkt zu bekommen, um Bücher schreiben zu können.“ (Karl Kraus) Und das ist dann mal keine Phrase, sondern bissige Dichtung und bittere Wahrheit.
 
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Wort und Welt

Solch ein Titel klingt zunächst wie ein Sprachbuch für die gymnasiale Oberstufe, wie ein Kitsch, denn die immergleichen Alliterationen nutzen sich ab, nerven, und es klingelt nur billig, wenn Sprache in Prosa schludert. Karl Kraus nimmt die Sprache beim Wort, packt die Schreiber der Journaille beim Begriff. Diese Weise der Kritik fehlt in heutigen Zeiten. Und wenn sie geschieht, geht die Einrede nicht über Wolf Schneider und Bastian Sick hinaus. In der Sprache zeigt sich das Wesen, nimmt die Wirklichkeit Gestalt an. Formvollendet und mit Stil wußte davon Karl Kraus zu schreiben. So heißt es über den Kritiker und Publizisten Maximilian Harden: „‚Daß einer ein Mörder ist, beweist nichts gegen seinen Stil‘: auf diesen Standpunkt einer absoluten Ästhetik darf sich ein Ethiker wie er nicht stellen. Ich gehe in der Schätzung stilistischer Vorzüge weiter und mache sie zum Maßstab moralischer Werte. Daß einer ein Mörder ist, muß nichts gegen seinen Stil beweisen. Aber der Stil kann beweisen, daß er ein Mörder ist.“ (Karl Kraus: Maximilian Harden. Eine Erledigung)

Heute vor 80 Jahren wurden die Nürnberger Gesetze erlassen, worauf der Blog „Kritik und Kunst“ hinweist – zu Recht ganz und gar ohne große Ausschmückung. Es gibt Fakten, die stehen für sich und sprechen für sich.

Ich bin ein Bewohner Wiens. Oder Wien mit und ohne Wiener als Ortschaft, samt einer Leser:innen:preisfrage

„Zwei Richtungen geistiger Unkultur: die Wehrlosigkeit vor dem Stoff und die Wehrlosigkeit vor der Form. Die eine erlebt in der Kunst nur das Stoffliche. Sie ist deutscher Herkunft. Die andere erlebt schon im Stofflichen das Künstlerische. Sie ist romanischer Herkunft. Der einen ist die Kunst ein Instrument; der anderen ist das Leben ein Ornament.“ (Karl Kraus, Heine und die Folgen)

Diese zwei grundsätzlichen Bestimmungen greifen noch heute. Wir könnten es sowohl in der Literatur wie auch in der Kritik derselben gut beobachten. Morgen reise ich für fünf Tage in jene Stadt, in der Karl Kraus scharfzüngig schrieb, wirkte und über die Dummheiten nicht nur spottete, sondern sie sezierte und vorführte. Ich werde auf dieses feine Zitat bei Gelegenheit demnächst zurückkommen.

Eine jede Stadt, in die wir reisen und in der wir vorher niemals waren, ist zunächst einmal ein für uns fiktiver und ein imaginierter Ort: Denn wir machen uns vorab, bevor wir überhaupt angekommen sind, bereits unsere Bilder von dieser Stadt – im Grunde ein Nicht-Ort, der seinen Ort einzig im Imaginären besitzt. Und nicht nur das, nicht nur die Eigenproduktion, die Phantasien oder Phantasmen, wenn wir an den Klang des Städtenamens oder an  den von bestimmten Straßen und Plätzen  unsere Verheißungen binden. Wir hören und hegen diese oder jene Meinung, übernehmen bestimmte Klischees und kulturelle Codes, wiederholen sie, pflegen, dekonstruieren oder widerlegen sie in unserem Denken. Alles ist und alles bleibt immer vorläufig. Aber selbst die ersten Sinneseindrücke – wenn wir eine uns zunächst fremde Stadt betreten, wenn wir den Bahnhof verlassen, wie damals in Roma Termini oder in Paris am Gare du Nord, wenn wir vom Flughafen mit der Taxe in die Stadt uns kutschieren lassen wie in Varna und Lissabon oder eben, wie in Wien mit der bequemen CAT-Bahn einreisen, die in Wien-Mitte hält – lassen sich revidieren oder werden in den Erinnerungen umgebogen zu anderem, sofern sie lange genug zurückliegen, polen sich anders als die ursprüngliche Wahrnehmung dieses ersten Mals. Auge und Geist divergieren, weichen voneinander ab.

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Ich werde, wie Thomas Bernhard, Peter Altenberg, Karl Kraus, Leo Perutz, Hugo von Hofmannsthal, Alfred Polgar oder Anton Kuh in einem dieser Cafés granteln und die mich umgebende Welt sowie das servierte Gebäck betrachten, die Kunst des Menschenbezichtigens verfeinern. Thomas Bernhard nannte in „Wittgensteins Neffe“ – oder war es doch „Der Untergeher“? – die in einem Café ideale Sitzposition, wo man zwar sehr gut betrachten, bewerten, beurteilen und bezichtigen kann, ohne aber selber weiter groß aufzufallen. (Dem Photographen ist dieser Standpunkt nicht ganz fremd, dem Voyeur ebensowenig – eine der interessantesten und vernachlässigten (literarischen) Figuren nebenbei, dem ein eigener Blogeintrag zu widmen wäre.) Andererseits ist dieses Kaffeehausliteraturgeschwärme ein Schmarrn, und wir wärmen die zum einhundertsten Mal gehörten dummen und mittlerweile langweiligen, abgestorbenen Klischees der Kaffeehausliteraten immer wieder auf.

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Das Wien des Fin de Siècle, die Hauptstadt eines ganz bestimmten Geisteslebens, eben das, was wir die Wiener Moderne nennen, ist abgestorben und längst Vergangenes. Wenn eine Gestalt des Lebens alt geworden, malt die Philosophie oder in diesem Falle der morbide Essayist sein Grau-in-Grau. Wer über das Zeitphänomen nachdenkt und sich in die Epoche imaginiert, sollte zudem die spezifische Konstellation mitbedenken, unter der einzig ein solches Leben wie seinerzeit in Wien sich entfalten konnte: das des großen Habsburgerreiches mit seinen Beziehungen  und Verbindungen  nach Spanien – man denke nur an das am Wiener Hof gepflegte, strenge spanische Hofzeremoniell  oder die herrliche Hofreitschule –, die k.u.k.-Monarchie eben mit all ihren Widersprüchen und ihrer irren, schlamperten Ordnung (kurz Kakanien, wie es in Musils „Mann ohne Eigenschaften“ hieß, am Abend vor dem Ersten Weltkrieg.)

Nur in einem solchen Vielvölkerstaat mit den unterschiedlichsten Einflüssen und Prägungen konnte eine solche Moderne sich entfalten. Das Rumpfösterreich nach 1918 war dann bloß noch der Schatten seiner selbst. Der sowieso in Wien grassierende mehr oder minder latente, manchmal jedoch ebenso handgreiflich zutage tretende Antisemitismus wurde nun zu einem wüsten und manifesten Antisemitismus, und der Austrofaschismus war in diesem Staat bereits angelegt. Thomas Bernhards Schimpfen auf ein durch und durch und immer wieder und aufs heftigste faschistisches Österreich beruht auf einer Grundlage. Hellsichtig wie keiner und mit böser Zunge warnte und schrieb Karl Kraus seinerzeit gegen diese Verhältnisse an: gegen schwachbrüstige Journalisten, gegen das schablonenhafte Denken und den Sprachschluder, gegen all die Unterkomplexitäten und gegen das Verhängnis. Doch ohne Aussicht auf den Erfolg oder auf die Besserung.

„Der wahre Weltuntergang ist die Vernichtung des Geistes, der andere hängt von dem gleichgiltigen Versuch ab, ob nach Vernichtung des Geistes noch eine Welt bestehen kann.“ (Karl Kraus)

Da hier im Blog, wie ich der Länderstatistik entnehmen darf, einige Menschen aus der Ostmark, nein, das ist politisch falsch formuliert: aus Österreich mitlesen, so freute ich mich über einige schöne oder auch schreckliche Wien-Tips abseits der Reiseführer und über Hinweise, wo es lohnt, sich hinzubegeben oder gar gepflegt abzustürzen: entlegene oder ausgewählt öde Orte. Wer was weiß, möge es in den Kommentarteil eintragen und wenn er oder sie es still mir mitteilen möchten, gerne auch mit einer E-Mail. Die Adresse findet sich oben in der Rubrik Über mich selbst/Ich ist ein anderer.

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Als Valie, die Naschhafte, aber zugleich Beißwütige, im Dunkel des Pensionszimmers das Harte, Pulsierende, Fleischliche, salzig bis faulig Schmeckende erst zart über ihre Lippen streichend und dann tiefer in ihrem Mund spürte und als ihre Zähne fest und fester und dann bitter zuschlugen und sie beim Nachdem ein Stück von Haut, Fleisch und Faser unter ihrer Zunge speichelte, da wußte sie in ihrer Unschuld: „Das muß ein Stück vom Pimmel sein.“ [Das dachte sich ebenfalls jener Man eater aus Rothenburg, der den Körper seines inzwischen geschlachteten und dann herzhaft zubereiteten Liebespartners genüßlich verspeiste. Blut ist ein besonderer Saft. Blut ist ein langgedehnter Vokal und ein Four-letter-word.) Während durch das Fenster der Pension von ferne und nachtwärts verweht von Grinzing herüber der Chor der Verliebten jene Filmschmonze vom Stück des Himmels sang: Wien und der Wein, Wien und der Wein. Das alles, die Musik, der Geruch dieser Frau, ihr schales Geschlecht, die schwitzige Haut, das überhitzte Zimmer, die Töne und Stimmen, das drehte sich in seinem Kopf, Einfluß des Alkohols und der Tablette oder die Macht von Liebe. Selbigem Wienerischen Wein oder dem von der Wachau werde auch ich zusprechen. Grünen Veltliner trinkend, in der Nähe meiner Unterkunft, nicht weit vom geträumten Ungargassenland entfernt, im Dritten Bezirk liegt das Restaurant „Wild“ mit herrlichen, köstlich zubereiteten Speisen. Als er jedoch morgens in seinem Bett aus tiefem Rausch und erschöpft erwachte, lag er in einer blutigen Lache und die Laken und die Decke so rot, während er an seinem Gemächt nichts mehr spürte, nichts als diese klaffende Wunde, eine Spalte fast, oder aber weniger als dies, doch es fehlt etwas. [Weshalb lieben die jüdischen Frauen beschnittene Männer? Weil sie nichts anfassen, was nicht um mindestens 20 Prozent reduziert ist.] Die Kastrationsangst des Mannes steigerte sich seit dem Wien des ausklingenden 19. Jahrhundert ins Unermeßliche und von der Philosophie im Boudoire bis zur Berggasse 19 sind es nur wenige Schritte. [Wer in Wien weilte oder wohnt, weiß, daß dies bereits auf der Ebene eines ganz unmittelbar Faktischen stimmt. Ohne Freudianer oder Freund von Lacan sein zu müssen. Ursprung der Welt. Ein Text.]

Wahre Sätze – Ware Wort (3)

„Vor jedem Kunstgenuß stehe die Warnung: Das Publikum wird ersucht, die ausgestellten Gegenstände nur anzusehen, nicht zu begreifen.“
(Karl Kraus)

 Eine Warnung, die man von den Zeiten Karl Krausʼ her im seligen Wien, als den Bürgern die Kunst bereits zu entgleiten drohte, indem sie mehr sich selber in der Kunst genossen als daß sie des Gehalts eines Werkes geschweige denn ihrer Disposition irgendwie noch gewahr wurden, bis ins Heutzutage hinein, wo Kunst als Accessoire der Distinktion dient, unter der Aureole einer neuen unseligen Fühligkeit – action without reflection –, gar nicht oft genug aussprechen kann. Fast möchte man sie einprügeln. Dennoch – die Warnung nützt nichts. Im Zeichen der popästhetischen Post-Moderne: Es bleibt beim Touch too much. Genuß, der weder zum Genuß noch zur Reflexion der Sache als fähig sich erweist. Der Arbeit des Begriffs wird unter allen erdenklichen Vorwänden sich entzogen, denn sie könnte womöglich die objektlose Innerlichkeit beschädigen. So aber bleibt die Kunst bis ans Ende heillos ramponiert. Ikonoklasmus müßte die Folge sein. Doch nicht oktroyiert aus einem Haß gegen die Kunst heraus, sondern vermittels seines Gegenparts. Bewußtsein von Nöten.