Achtundsechziger Geschichtszeichen (1). Von den Chiffre-Rätseln und von brennender Ware

Ein Jubeljahr ist es nicht oder zumindest nur bedingt, denn mit dem Einschnitt 1968 lösten sich nicht bloß klammheimlich viele der Ideale auf, die die Protestler, die Liebenden, die Studenten, die Theoretiker und die Empathievollen in die Welt tragen wollten, sondern es begann zugleich eine Welle der Gewalt und es gab die ersten Toten. Kann man das so erzählen? Nein, eigentlich nicht. 68 ist eine komplexe Zahl, sie steht für mehr als nur sozialen Protest und eine Rebellion gegen das Establishment. Sie steht für etwas, das man geschichtliches Ereignis nennen kann, wenn man Geschichte auf Jahreszahlen verdichtet. Mit Heidegger, wie auch mit Marx und Slavoj Žižek bleibt zu fragen, was das Ereignis, was überhaupt ein Ereignis sei: Geschieht es, geschieht es jetzt? Selbst noch die französischen Poststrukturalisten, etwa in Gestalt von Lyotard oder von Derrida, wiederholen diese berechtigte Frage und verschaffen ihr zugleich einen völlig anderen Dreh. Aber das ist wieder eine andere Geschichte, die zwar mit 68 einiges zu schaffen hat, aber uns doch in eine andere Zeit führt.

Diese Zahl steht für diverse Biographien, noch bis in meine Generation hinein, denn jene, die damals Lehrer werden wollten, unterrichteten uns später und das prägte. Aber richtig erzählt und geschildert werden kann nur in einem Modus, der sich nicht bloß auf eine Zahl als Metapher oder als Chiffre kapriziert. In anderem Bezug wußte das schon Novalis: „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren …“ Diese Zahl, dieser Einschnitt, diese Chiffre verknüpft unterschiedlicher Aspekte und Geschichten und dieser Vielfalt an Bezügen wird man nur gerecht, indem man keine Abstraktionen darüber stülpt. Solches Erzählen fängt – notwendigerweise kontingent gesetzt bzw. willkürlich gewählt – bei der Kritischen Theorie Adornos an, die man gerne etwas voreilig den 68ern zuschlägt, und reicht bis hin zu Design, Pop und Lebensentwürfen. Doch so einfach ist das bei Adorno nicht, ihn umstandslos den 68er zuzuschlagen, wenn man sich mit Genauigkeit in seinen Texten bewegt und auch Adornos praktische Vorbehalte kennt. Adorno wollte seine Theorie nicht als Wandparole verstanden wissen und Theorie sowie denkerisches Durchdringen von Gesellschaft wollte er zu recht nicht mit unmittelbarer Praxis verwechselt wissen, darin ganz dem marxschen Reflexionsniveau folgend. Weshalb Adorno und Horkheimer auch die Wiederpublikation der Dialektik der Aufklärung im Jahr 1969 einige Bauchschmerzen machte.

Bis dahin kursierte das legendäre Buch nur als Raubdruck, oder man mußte es sich antiquarisch besorgen, in der alten Version von 1947 aus dem Amsterdamer Querido Verlag. In der Tat trieb dieses Buch wie eine Flaschenpost, aus einer anderen Zeit stammend, zu den Studenten der 60er Jahre herüber. Und es lieferte dieses Werk ihnen zugleich die Munition, diese Gesellschaft nicht nur mittels ökonomischer Begriffe zu kritisieren.

Aber Bücher haben zugleich einen Zeitkern, und sie sind nicht einfach Handlungsanweisung. Das wurde bei der Dialektik der Aufklärung oft übersehen. Geschrieben wurde sie in der Zeit äußerster Bedrohung: Faschismus auf der einen, Stalinismus auf der anderen Seite und dazu  ein liberaler Kapitalismus angloamerikanischer Prägung, der in den Augen der Kritischen Theorie nicht ganz unschuldig am aufkommenden Faschismus war.

Dazu kam die Aporie, in die sich das Werk argumentativ zu verstricken schien: Prominent geäußert von Jürgen Habermas. Doch trotz seines Vorwurfs des performativen Selbstwiderspruchs, in den sich die Vernunft verstrickt, wenn sie sich mit ihren eigenen Mitteln als totalitär und instrumentell avisierte, verkannte Habermas die selbstreflexiv-aufklärerische Kraft dieser destruktiven „Geste aus Begriffen“, wie Adorno in einem Brief an Horkheimer jenes Werk beschrieb. Die Stärke des Buches lag gerade in ihrer reflexiven Performanz, in ihrem rhetorischen Element, das Paradox der Gesellschaft, die objektiven Widersprüche in Sprache uns vorzuführen. Ein Katastrophenbericht aus einer Zwischenzone. Und dieser in Irrfahrt beschriebene Odysseus der Dialektik der Aufklärung war vielleicht zu einem kleinen Teil auch Adorno selbst, der, List der Vernunft, sich an den Mast fesselte oder mit Klugheit den Widrigkeiten des Exils begegnete. Die endgültige Heimkehr nach Frankfurt am Main geschah 1953. Es war das bessere Deutschland, das da sein, freilich bescheidenes Revier aufrichtete: Gegen den „Jargon der Eigentlichkeit“ und das Besinnen auf „echte Werte“ und gegen das Vokabular der Entschlossenheit. „Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik“, wie ein Sammelband zur Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule hieß, geschah zu einem guten Teil auch durch das Institut für Sozialforschung. Durch Horkheimer und Adorno. Nicht allein und ausschließlich, solche Monokausalitäten verkennen die komplexe Lage im Feld des Geistes. (Von der öffnenden Wirkung des Pop ganz zu schweigen und der damit korrespondierenden Öffnung der Lebenswelten.)

1968 als Chiffre steht für Möglichkeiten und für einen wesentlichen Einschnitt in der BRD, auch wenn das viele bezweifeln und in diesem Datum eher ein Verhängnis wittern, so wie mancher Konservative. Doch die Tücken der Zeit auf den Begriff zu bringen, ist nie ganz einfach: Das Gute im Schlechten, das Schlechte im Guten sichtbar zu machen. Und auch wenn manche dieser Freiheiten, die angeblich die 68er „erkämpften“, schon lange in der Luft lagen und also nicht alles, was dann in den 70er kam, als Resultat der Revoltierenden sich erwies. Daß Jungs und Mädchen miteinander ungehemmt fummeln wollten und es irgendwann auch konnten, ist kein Verdienst einzig dieser Generation, sondern das lag schon Ende der 50er Jahre in der Luft, gehörte zum Geist jener Zeit, auch wenn es den Kuppelei-Paragraphen gab und Wirtsleute nicht einfach so ein unverheiratetes Paar bei sich beherbergen durften. Vorehelicher Geschlechtsverkehr galt als nicht so gut, aber wer wollte schon Wälder und Wiesen kontrollieren? Der Kuppelei-Paragraph war noch bis 1973 wirksam und theoretisch machten sich auch Eltern schuldig. Aber wie es bei den Menschen ist: Was verboten ist, das macht uns gerade scharf, wie Wolf Biermann 1964, bei Wolfgang Neuss zu Gast in West-Berlin, sang. Der Mensch ist bekanntlich aus krummem Holze geschnitzt, was wiederum mancher 68er gerne vergaß.

Dieses eigentümliche halbe Jahrhundert, das uns Heutige von der Zeitchiffre 1968 trennt, ließ zahlreiche Interpretationen dieser intensiven Episode der BRD zu. Was war geschehen? Der summer of love verglühte, im Protest gab es die ersten Toten, der 2. Juni 1967 dürfte für die Studentenbewegung ein Fanal gewesen sein, spätestens nach dem Mord an Benno Ohnsorg während des Protests gegen den Schah von Persien, sahen viele: es würde kein Spaziergang; der Rechtsnachfolger des Dritten Reiches hatte nicht nur einen erheblichen Teil des alten Personals übernommen und bei den Auschwitzprozessen Anfang der Sechziger grüßte das Wachpersonal im Gerichtssaal das ehemalige Wachpersonal vom Vernichtungslager, das nun in kleiner Zahl vor besagtem Gericht stand, in militärischer Art und zwinkerte vergnüglich.

Der die Auschwitzprozesse einleitende Staatsanwalt Fritz Bauer wurde vom deutschen Nachrichtendienst bespitzelt. Nun – kein Wunder, die Fremden Heere Ost machten als Organisation Gehlen einfach weiter und irgendwann würden die lustigen Stiefel schon wieder über Polen und gen Moskau marschieren, so dachte sich der dürre Herr, während der feine Herr Karl Carstens von der Reiter-SA vermutlich immer noch von all den schönen Pferden träumte. Und die Protestler bemerkten: Auf uns wird geschossen, und zwar, ohne daß diese Tat für den Mörder irgendwelche Konsequenzen hätte. Nach dem Mord an Ohnsorg trafen sich viele der Demonstranten im Republikanischen Club in Berlin, auch Gudrun Ensslin befand sich unter den jungen Leuten. Die Reaktionen dort sollen heftig gewesen sein, erregte Debatten. Ob sich nach den Schüssen jene oft kolportierte Szene, die als Einschnitt und als Auslöser auch für die RAF gedeutet wurde, tatsächlich so zugetragen hatte, ist allerdings fraglich. Da rief eine junge schlanke Frau, erregt und hemmungslos weinend:

„Dieser faschistische Staat ist darauf aus, uns alle zu töten. Wir müssen Widerstand organisieren. Gewalt kann nur mit Gewalt beantwortet werden. Dies ist die Generation von Auschwitz – mit denen kann man nicht argumentieren.“

Stefan Aust mutmaßte über diese Szene, als wären die Sätze Fakten, und so verbreitete sich ein Gerücht. Auf die fehlenden Quellen und die unsichere Zeugenlage wies ganz zu recht Ingeborg Gleichauf in ihrer Anfang 2017 erschienenen Biographie Poesie der Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin hin.

Ein Jahr mit Geschichte: Der Prager Frühling und die sowjetischen Panzer, Dissidenten in der DDR, Thomas Brasch, Flori Havemann, Bettina Wegner, eine tschechische Fahne konnte Bautzen bedeuten, im Westen war es etwas milder, eine Fahne vom Vietkong war zwar ein deutliches Zeichen, aber doch auch wieder „nur“ eine Fahne von Vietnam, ohne daß sie, auf dem Balkon angebracht, gleich Knast bedeutete – allenfalls soziale Ächtung bei den Nachbarn. Dann im Februar 68 der internationale Vietnam-Kongreß in Berlin, im Mai 68 die drei Schüsse auf Rudi Dutschke, der Pariser Mai, Foucault und Sartre Arm in Arm, die Arbeiter und Studenten, die in Paris Commune machten, de Gaule zog sich zur Sicherheit oder aus Propaganda auf einen französischen Armeestützpunkt in der BRD nach Baden-Baden zurück, dann General de Gaules Rede in voller Uniform, worin der mit dem Ausnahmezustand drohte, ganz souverän, darauf folgte die Niederlage, der Protest versandete, es gab Gegendemos und ein Traum war einmal wieder ausgeträumt: der verpaßte Augenblick in der Geschichte. In Frankreich hätte es womöglich, anders als in der BRD, mit der Revolution etwas werden können, weil sich am sozialen Protest breite Schichten beteiligten, so heterogen sie ansonsten auch waren. In der BRD die Notstandsgesetze, die Kaufhausbrandstiftung am 2. April 1968 mit den Action-Akteuren Andreas Bader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein: Mehr Belmondo in Godards Außer Atem als politisch gezielte Propaganda der Tat, ohne Organisation, fast dilettantisch zu nennen. Der Staat reagierte heftig.

Der intuitive oder auch in langen Debattennächten ausgeschliffene Reflex dieses Action-Teams war, daß Politik nun praktisch werden müsse, den Kampf in die Städte tragen, Stadtguerilla, Markierungen setzen. Als eine Art Kunst-Zeichen. Wenn Marx vom Fetischcharakter der Ware, von Wert und Mehrwert schrieb und über das System Kapitalismus nachdachte, so reagierten Bader und Ensslin ganz unmittelbar auf jene Waren, nahmen sie beim Wort und setzten das Primat der Praxis. Das brennende Kaufhaus in Brüssel mochte Vorbild gewesen sein. Die Verbrannten von Vietnam auf alle Fälle der Anlaß und vor allem das geduldige Schweigen dazu, das aus der BRD kam. Daß freilich bei Marx vor der Praxis die Theorie kam, hatten die Genossen überlesen. Und sie verwechselten Politik mit Kunst. Denn eigentlich war diese ganze Aktion von ihrer unbeholfenen Ausführung her mehr ein Happening, ein Unternehmen aus dem Bauch, um überhaupt etwas zu tun und ein Zeichen zu setzen. Ästhetisch hätte man diesen Zorn bewältigen, ästhetisch hätte man ihn abmildern können. Kunst ist immer auch eine Variante des Zivilisierens – sei es des Einhegens von Trieben oder aber von Praxis. Nietzsches Geburt der Tragödie lehrte es uns, daß der dionysische Abgrund, die Weisheit des Silen durch apollinische Formung gemeistert würde. Bader und Ensslin wählten einen anderen Weg. „Zwischen uns und dem Feind einen klaren Trennungsstrich ziehen“, so Mao – zumindest wird ihm dieses Zitat zugeschrieben. Die Nähe zu Carl Schmitt ist evident.

All die Varianten des sozialen Protests. Die Bilder, die Legenden, die Toten, die Lebenden, die Überlebenden, die, die weitermachten, die in der einen Weise weitermachten oder auf die andere Weise, die wild-geniale Dichtung von Rolf Dieter Brinkmann, in ihr musikalischer Bau, wie E-Gitarrenmusik vielleicht, als Collage von Text und Bild, Brinkmann, der zum Prolog von Westwärts dieses Weitermachen dann Mitte der 70er in einen Tonlage brachte, sein „Politisches Gedicht“ als Simultanton verschiedener Stimmen, es klang wie Interferenzen beim Radiohören, Politik als Satzfetzen, Peter Handkes Auftritt im April 1966 in Princeton bei der Gruppe 47, und eine Musik, die um die ganze Welt ging, zwischen den Beatles, Bob Dylan, Joan Baez, den Stones, Jefferson Airplane oder Velvet Underground und eine Mode, die nicht nur die 70er Jahre bestimmte, sondern immer einmal wieder eruptiv nachwirkt – bis in die Gegenwart hinein. Politik als Pop. Politik, die demokratisch wurde, könnte man wohlwollend schreiben, oder eine Politik, die sich trivialisierte und Komplexes auf einfache Formeln von Liedermachern herunterrechnete. Insofern auch Adornos Verdikt gegen popular music. Solches Denken ging ganz und gar nicht mit dem „Anliegen“ der Studenten konform.

(Zum Teil 2 geht es hier)

 

186 Gedanken zu „Achtundsechziger Geschichtszeichen (1). Von den Chiffre-Rätseln und von brennender Ware

  1. „Zwischen uns und dem Feind einen klaren Trennungsstrich ziehen“ Dem kann nur entgegengehalten werden: Alles fließt.
    Oder wie du es einmal so schön ausgedrückt hast: „Unser Begehren trägt uns fort.“

  2. Das sind wieder Parolen, wie ich sie nicht so gerne in meinem Blog habe, weil sie nicht viel aussagen. Könntest Du das, was Du zum Ausdruck bringen willst, was immer es sei, bitte konkreter ausführen und mit Inhalten ausfüllen! Daß solche Kombinationen, wie Du das machst, nicht funktionieren, mag diese Zusammenschau zeigen:

    „Zwischen uns und dem Feind einen klaren Trennungsstrich ziehen“ Dem kann nur entgegengehalten werden: Tische haben vier Beine.

    Das sind Nonsens-Sätze. Und Sätze wie „Unser Begehren trägt uns fort.“ sollten schon in einem konkreten Kontext geäußert werden, wie ich es vermutlich auch tat, ansonsten bleibten das Wandparolen. Da mögen sie irgendeinen popkontextuellen Sinn haben. Als Abbreviatur eines Gedanks und dann als Slogan gebraucht, taugt sowas jedoch nicht. Also bitte: Beim nächsten Mal inhaltlich etwas zum Text schreiben oder das Kommentieren sparen. Ich schalte das dann nämlich nicht mehr frei.

  3. Und um es noch zu ergängzen, fabsefab: Es geht mir darum, daß Du in einem Kontext oder in einem doch erläuternden Satz darlegst, was Du mit Deinen Überlegungen meinst. In dieser Form bleibt das unklar. Weshalb kann dem Mao-Satz jenes andere Zitat vom panta rhei, irrtümlich in dieser Verkürzung Heraklit zugeschrieben, entgegengehalten werden? Durch ein abstraktes „Man“. Wer hält es entgegen und weshalb? Was soll damit also ausgesagt werden?

  4. „Die Stärke des Buches lag gerade in ihrer reflexiven Performanz, in ihrem rhetorischen Element, das Paradox der Gesellschaft, die objektiven Widersprüche in Sprache uns vorzuführen.“

    Adorno eigentlich ein Rhetoriker, also (?) kein (?) diskursiver Philosoph? Tja.

    Anderswo firmiert sowas freilich unter scharfes Verdikt.

  5. Dieter Kief, das eine schließt das andere nicht aus. Davon ab, daß jeder philosophische Text rhetorische Strategien enthält und sich eines bestimmten Stils bedient. Und wie Adorno bereits schrieb und wußte, ist dem philosophischen Essay seine Darstellung wesentlich. Man kann also einen philosophischen Text auf mehreren Ebenen lesen: Welche Thesen er vertritt, welche Argumente er benutzt, welche stilistischen Mittel er einsetzt, wie er technisch und auch rhetorisch aufgebaut ist.

  6. @ bersarin
    Sie rücken mit Ihrer Bemerkung die „Dialektik der Aufklärung“ in Richtung Essay. Ich meine freilich, das sei eher nicht im Sinne der Erfinder.

    Zumal solche Diagnosen wie die der DdA verwandte Horkheimers aus der „Kritik der instrumentellen Vernunft“, mit Hitler beute „Rationalität (…) jetzt die Natur aus, indem sie ihrem eigenen System die gegen Unterdrückung rebellierenden Potentialitäten der Natur einverleibt.“ – seien, meine ich, systematisch gemeint und gedacht.
    Für essayistisch hielte ich eher die „Noten“, oder einiges aus „Stichworte“.

  7. Das dir dieser Tropfen aus meiner Seele zur „Parole“ gefriert, ist ein faszinierendes, physikalisches Phänomen. Doch auch in der größten Kälte herrscht Bewegung, auch dort fließt es. Im Innersten brodelt unser Begehren und trägt uns auch über die schärfsten Trennungsstriche hinweg. Es treibt und tobt und jeder noch so wohlüberlegte, vernuftgeleitete Vorsatz wird hinfällig. Welche Messinstrumente sind nötig, um die Daten zu generieren, die auch dir diesen Umstand begreifbar machen? Und in welche Sprache müssen die Daten übersetzt werden? Hilft uns hier die Mathematik und die Logik? Die Antwort liegt, gemeinsam mit den Fragen, auf dem Grund deiner Seele im todesähnlichem Tiefschlaf. Und auch Mao, die RAF oder die 68er hätten sich diesen Fragen gegenüber öffnen müssen, anstatt sich in den endlosen, lustvoll-brutalen Weiten der wild-goose chase selbst zu verlieren.

    Es steht dir nun frei, mich Aufgrund dieser „phrasenhaften“, vor „Befindlichkeit“ triefenden Ergüsse zu blockieren. Wenn es dir unbehaglich wird und es dir nicht möglich ist meine Assoziationen wenigsten zu ignorieren, solltest du dir diese Freiheit wohl besser nehmen. Denn ich werde nicht zu dir hinabsteigen, um zu erfrieren.

  8. Fabsefab: Solche Parolen und Slogans, ohne Kontext, ohne Ausführung, ohne Ableitung einfach so in den Raum gepfeffert sind überflüssig wie ein Kropf. Weil sie nämlich nichtssagend sind. Was Du schreibst sind Mutmaßungen. Woher nimmst Du die Kriterien, was RAF oder Mao gedacht hätten? Vielleicht hätten sie Dich auch wegen solcher Parolen in ein Volksgefängnis gesteckt. Oder in ein Umerziehungslager zur klareren Darlegung von Befindlichkeiten. Solchen Assoziationen kannst gerne auf Deinem eigenen Blog freien Lauf lassen. Aber nicht hier. Hier möchte ich Kommentare, die eine argumentativen und inhaltlichen Bezug zum Text haben.

  9. Dieter Kief: Adorno/Horkheimer sprechen bei der Dialektik von einer Art Flaschenpost, sie machen auch im Vorwort den besonderen Textstatus deutlich. Es handelt sich hier also nicht um ein gewöhnliches wissenschaftliches Werk. Aber selbst wenn es das wäre: den Stil und die Rhetorik eines philosophischen Textes zu übersehen, heißt das Werk mißachten. Egal ob Descartes‘ Meditationen (man beachte allein den Anfang!), Spinozas Ethik, Kants Kritiken, Platons Dialoge oder Hegels Phänomenologie: Allüberall finden wir eine spezifische Textform, die auch etwas mit dem Inhalt des Textes, mit seinen Begriffen und dem spezifischen philosophischen Problem zu tun haben, das der Text angeht. Sicherlich hegen Adorno/Horkheimer auch systematische Gedanken, weil sie den Geist ihrer Epoche beschreiben und wie es dazu kam. Zudem üben sie mit den Mitteln der Vernunft (ich würde hier freilich lieber von logos sprechen), sie üben also mit den Mitteln des logos Kritik an der Vernunft und einer spezifischen rechnenden Form, die sich ausdifferenzierte und teils verabsolutierte. Dabei greifen beide sicherlich auch Elemente und Motive von Klages auf. ‚Irrational‘ wird diese Kritik aber deshalb nicht, weil hier kein dunkler, irgendwie unbekannte mystischer (Seelen)Grund angesetzt wird, sondern konkret ökonomische Mechanismen angesetzt werden. Insofern sollte man bei Adorno/Horkheimer immer auch den Marxbezug mitdenken, und die Phrase, beide Autoren hätten diesen gründlich aus ihrer Theorie getilgt ist schlicht falsch. Im Gegenteil setzen sie ihn explizit voraus, ohne ihn explizit aber zu nennen. Das macht ja gerade die Schwierigkeit aus, Adorno zu verstehen, insbesondere in der „Negativen Dialektik“: Da werden Positionen als bekannt vorausgesetzt und dann ins konstellative Denken eingebaut. Auch hier ist es also wieder geboten, auf den Stil und auf die Rhetorik des Texte zu schauen. Aber, Dieter Kief: Auf die Rhetorik eines Textes zu sehen, in de einen Hinsicht, heißt ja nicht, in der anderen Hinsicht, diesen Text ausschließlich rhetorisch zu lesen. Wenn man diese Differenzierung sieht, gibt es mit beiden Lesarten keine Probleme.

  10. Dieses Problem ist noch grundsätzlicher, ich würde die Dialektik der Aufklärung neben Laotses Tao Te King deshalb sogar als eines der schwerst zu lesenden Bücher bezeichnen: Die Lektüre der Odyssee, von De Sade, Kant, Nietzsche und Marx werden alle völlig selbstverständlich als gegeben vorausgesetzt.

  11. I got it, Bersarin …. der kalte Blick und so … ist mir nicht neu. Ob Deutungen „überflüssig“ und „nichtssagend“ sind oder gar zwingende Voraussetzung deines heiligen Logos, ließe sich zwar diskutieren, aber das lassen wir besser. Die technisch-empathiefreie Form der virtuellen Kommunikation ist für solche Art Diskussion auch einfach unangemessen und schlichtweg untauglich.

  12. fabsefab: Auch hier vermengst Du wieder die Bereiche und unterschiedliche Gebiete. Es geht an dieser Stelle ganz konkret um die oben von Dir geschriebenen Äußerungen, die nichtssagend sind.

  13. @ che: Wobei man hinzufügen muß, daß dieses Problem der vorausgesetzten Lektüre natürlich auch andere philosophische Texte haben. Kants KdrV setzt Hume, Leibniz, Wolff, die Kenntnis rationalistischer wie auch empiristischer Philosophie voraus. Und die von Aristotes sowieso.

  14. Letztlich setzt alle Philosophie seit der Renaissance den Universalienstreit voraus, ich bin mir allerdings nicht sicher ob der heutige Rezipient den kennen muss. Ich war in meinem Adorno-Studium gründlich genug gewesen mich damit auseinanderzusetzen.

  15. Na ja, das hängt von der Problem- und Fragestellung ab und wie tief man in eine Philosophie einsteigt. In der DA etwa findet sich eine Rationalitätstheorie und dazu kann es hilfreich sein bestimmte Positionen zu kennen. Ist halt immer die in welchen Registern man sich bewegt. Wer dabei eher auf die Gesellschaft blickt, ist dann gut mit Marx und Max Weber bedient. Aber natürlich kann man sich auch Platons oder Aristoteles‘ Theorie der Politik betrachten. Es ist halt immer eine Frage, in welcher Hinsicht ein Leser einen Text betrachtet.

  16. Her geht es aber genau um die Positionen in diesem Buch. Deshalb ist es zunächst einmal hilfreich zu schauen, in welchem Register und in welcher Hinsicht man sich in einem Thema bewegt. In diesem Falle und im Bezug auf die Studenten war es nicht Giovanni Pico della Mirandola und die Philosophie der Renaissance, sondern eben Adorno und Horkheimer. Daß die Lektüre auch die Kenntnis von Bacon, Hume, Kant, Herder, Hegel und manch anderer Philosophen und wie überhaupt die unterschiedlichen Konzepte von Aufklärung zur Voraussetzung hat, ist ganz unbenommen.

  17. Bei Laotses Tao Te King haben wir es ohne Zweifel mit einem schwer zugänglichen Text zu tun. Ich kenne allerdings das Tao Te King nur ausschnittsweise – im Zusammenhang mit Dschung Dsi, oder zitiert in buddhistischem Zusammenhang. Möglicherweise jedoch haben wir es mit einem Text zu tun, den wir fast voraussetzungslos lesen müssen, abgesehen von Entwicklungen soziologischer, politischer und spiritueller Natur, die sich (Achsenzeit) simultan in unterschiedlichen Weltgegenden ereigneten. Wie es scheint, lässt sich hier die DdA gewinnbringend lesen – um etwas über Jaspers hinauszugelangen (Ermächtigung über die Natur, den Mythos, mit dem Werkzeug der Sprache); und Parallelen des – undialektischen – Heraklits („panta rei“) etwa zu Siddhartha Gautama müssen etwas konstruiert scheinen.

    Nicht einfacher wird es beim Tao Te King, schauen wir uns die unterschiedlichen interpretatorischen Zugänge an, die vorgeschlagen wurden. Nicht nur träfen wir auf konzeptionelle Inkonsistenzen; so hätten wir es mit einer mythologischen Reflexion über den Kosmos, der Stellung des Menschen darin über den Mythos des „Chaos“ zu tun, das Dao als undifferenziertes Ganzes, dem Mythos von der Mutter Erde. Oder mit einem profunden Mystizismus, entweder indisch beeinflusst oder chinesisch sui generis. (Beide Aspekte können kombiniert werden.) Eine philosophische Arbeit, die metaphysisch eine Erklärung der Realität liefert, zusammen mit Einsichten in daoistische Selbstkultivierung und -Beherrschung. Praktische Aspekte stehen dann im Vordergrund; grundlegend geht es nicht um Mystik oder Kontemplation. Oder eine „Lebensphilosophie“; die Betonung auf Natürlichkeit wird übersetzt in einen Lebenswandel, der durch Einfachheit, Ruhe und Freiheit von der Tyrannei durch Begehren charakterisiert wird. Anders als eine mystische oder esoterische Lehre, die sich an eine begrenzte Zuhörerschaft richte, tendiert diese Auffassung dazu, Laotses Universalität und zeitgenössische Relevanz herauszustellen. Oder es ist eine ethisch-politische, an die herrschende Klasse gerichtete Arbeit, zuallererst damit befasst, Frieden und soziopolitische Ordnung zu verwirklichen. Diese – durch Polysemie gekenzeichnete? – Situation ist sicherlich hermeneutisch interessant, hierzu aber kein Kommentar von mir.

    Zugänge über die Ursprünge, Kompatibilätät mit bestimmten buddhistischen Motiven, die Folgen? –

    Bekanntlich ist bereits der „Proto-Daoismus“ als Gegenreaktion gegen den Konfuzianismus aufgefasst worden, der für eine hierarchische soziale Struktur stand, in der das Verhalten durch ein rigides, detailliertes, traditionelles Muster bestimmt ist. Alle sozialen Rollen, die jedem typischerweise zufallen (können), sind mit entsprechenden Pflichten verbunden. Ausweg bot lediglich die Ruhe in der Zurückgezogenheit (ein Motiv, das sich allerdings auch bei Konfuzius findet). Man wandte sich gegen die elitäre und moralistische Tendenz des Konfuzianismus. Tradition, Sitten und Moralität werden systematisch annulliert. Das ist natürlich nur holzschnittartig formuliert, und nur ein Schlaglicht, das vage jene vage Tendenz des anfänglichen Daoismus heraushebt. Jedenfalls resultierte hieraus ein gewisser Egalitarismus und Betonung von Unbefangenheit.

    Ein „Ethos“ der Zurückgezogenheit von der Gesellschaft, eine Antipathie gegen rituelle Rollen, jede soziale Struktur oder traditionelle Kultur als Antithese zum Konfuzanismus. Religiös drückt er sich in einem Interesse an Techniken der „Selbstkultivierung“ aus, die zu einem transzendenten Zugang zum Dao befähigen sollen, der für jene ohne jene „Kultivierung“ unzugänglich ist (eine esoterische Auffassung, die offenbar im Vorwort meiner Dschuang Dsi-Ausgabe von Richard Wilhelm vertreten wird; zum Verständnis sei eigentlich das der typischen tiefen Versenkung unerlässlich). (Umstrittene) Interpretationen im Sinnne eines Anarchismus (Egoismus) sehen soziale Konventionen und Strukturen als Bedrohung der natürlichen Spontaneitiät, sie wechselwirken effektiv (fatal) mir unseren natürlichen Kräften.

    Von „hinten“ – also von späteren Entwicklungen ausgehend – aufgezäumt, können wir den Ausgangspunkt beim (vermeintlich) bekannterem Zen versuchen. Genauer, beim chinesischem Zen („Chen“) mit seiner Emphase auf das vollständige Aufgehen in der Praxis hochkultivierter (Kunst-)Fertigkeiten, traditionell ein daoistisches Charakteristikum. Heraklits Fr. 49 unbekümmert um dessen wahre Stellung in der abendländischen Philosophie herausgegriffen

    „Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht.“

    bietet sich eine buddhistische Lesart an. Denn was soll das „Nirvana“ bedeuten, wenn das Ego eh eine Illusion ist? Anders gewendet: wenn „Nirvana“ das Erlöschen jeglichen Begehres ist, dann verunmöglicht ja bereits das Bestreben, es zu „erreichen“, genau dieses Ziel. Gebe ich dieses Ziel auf, bleibt nur die plötzliche Erleuchtung (in toto). Wegen dieses impliziten Egalitarismus konnte diese Strömung im Buddhismus in China Erfolg haben – jeder konnte ein Buddha sein, ebenso wie ein daoistischer oder konfuzianischer Weiser. Der daoistischen Simplizität widerstrebte die buddhistische Theorie. Die Frage nach der Natur des Niravana oder der Buddha-Natur wurde durch Nicht-Beantworten beantwortet.

    Interessant allerdings ist, dass Laotse ausdrücklich von künstlichen Bedürfnissen sprach, die durch angelernte Unterscheidungen (Grenzen?) kreiert würden. Das Erlernen sozialisierter Bedürfnisse (Verblendungszusammenhang), wie das von Namen (Nominalismus), würde uns hinsichtlich unserer Fähigkeit zur Wahrnehmung oder Wertschätzung und Reagieren auf „die Nautur“ verblöden. Wissenserwerb ist auf diese Weise Verlust der natürlichen Spontaneität u. wird zum Mittel sozialer Kontrolle. Wir müssten also zur Lektüreliste, bevor die DdA dran kommt, auch das Tao Te King hinzufügen. Und als Daoisten (oder Chen-Philosophen) müssten wir das „Unser Begehren trägt uns fort“, wenn wir nach dem ‚wovon fort‘ fragen, als sinnlos verwerfen. Wohin fort ergibt ebensowenig Sinn, denn es erzeugt möglw. nur wieder Grenzen, als Buddhisten sind wir überzeugt, dass dieses Streben immer nur wieder Blindheit für unser Begehren erzeugt, indem es solches immer neu erzeugt.

    Aber auch ohne dies umschweifige Vorige

    https://plato.stanford.edu/entries/laozi/
    https://plato.stanford.edu/entries/daoism/

    hättest du – bersarin – bemerken können, dass fabsefabs Abwehr gegen das Mao zugeschriebene „Zwischen uns und dem Feind einen klaren Trennungsstrich ziehen“ durch „Alles fließt“ sich eben gegen die Wandparolentauglichkeit jener Petitio richtet, die du jener wegen Tauglichkeit kritisierst. Denn auch in dem Kontext, den du – in aller Kürze – anbietest, zw. 68er-Happening und Carl Schmitt eingezwängt, besagt die RAF/Mao-Parole sogut wie gar nichts. Die Unterscheidung „zwischen“ (nämlich wir und der Feind) und die Forderung, einen „klaren Trennungsstrich“ zu ziehen, bedingen sich gegenseitig. fabsefab richtet sich ganz offensichtlich gegen dieses „Hauptsache Freund und Feind und Hauptsache Tennungslinien“. Ich möchte hinzufügen: Sofern Tische vier Beine haben, stelle ich die Forderung nach vierbeinigen Tischen auf – ich bin aber dagegen, es gibt auch dreibeinige Tische!

    Wir dürfen uns übrigens Nietzsche zufolge die Hellenen, als sie vor dionysischer Kraft strotzten, „gerade im Reichtum ihrer Jugend, den Willen zum Willen hatten“, als „brünstig“ nach „Logik und Logisierung der Welt“, also „heiterer“ und „wissenschaftlicher“ vorstellen.

    never-ending Universalienstreit:

    http://www.information-philosophie.de/?a=1&t=227&n=2&y=1&c=2#

  18. Wenn Du Deine Zeit statt ins Schreiben ellenlanger Texte ins Lesen investiertest, so hättest Du eigentlich gut verstehen können, was ich schrieb. Und wenn Du das Zitat, das von Mao stammt, mit dem von Schmitt aus „Der Begriff des Politischen“ konfrontiertest, dann wäre Dir vielleicht auch eine Problemstellung aufgegangen und wie sehr die Schmitt teils perhorreszierende Linke ihm doch nahe ist – was ich übrigens nicht als Minus konstatiere, was im Umkehrschluß aber genausowenig bedeutet, daß ich es gutheiße (man muß Selbstverständlichkeiten immer mit dazusagen). Im übrigen steht mein Mao-Text in einem konkreten Kontext. Und wenn Du die Dokumente der RAF zur Stadtguerilla gelesen hättest, dann wäre Dir auch dieser Bezug aufgegangen. Dieses Zitat ist nämlich dem ersten politischen Manifest der RAF im April 1971 vorangestellt.

    Inzwischen ärgert mich Dein dämliches Daherfaseln von Tag zu Tag mehr, ziggev. Und wenn jener fabsefasel irgendetwas ausdrücken wollte, dann soll er es bitte in verständlichen Sätzen und nicht in abgedroschenen Phrasen machen. Das gilt übrigens auch für Dich, ziggev!

  19. Ich habe eben den Eindruck, dass sich Adorno und Horkheimer nicht besonders intensiv mit der Philosophie der Aufklärung beschäftigt, haben, bevor sie ihr Buch schrieben. War ihnen wahrscheinlich zu langweilig und banal.

  20. Diese Aussage ist so scharf wie: „Ich habe eben den Eindruck, dass sich Einstein nicht besonders intensiv mit Physik beschäftigt hat bevor er die Relativitätstheorie veröffentlichte. War ihm wahrscheinlich zu langweilig und banal.“ oder: „Ich habe eben den Eindruck, dass sich Darwin nicht besonders intensiv mit der Evolution beschäftigt hat bevor er „Über die Entstehung der Arten“ schrieb. War ihm wahrscheinlich zu langweilig und banal.“

  21. So ist es, che. Und um es nochmal kundzutun. Ich erwarte, daß auf diesem Blog Belege erbracht werden. Das Nichtgelesenhaben eines Buches zumindest ist bisher kein Beleg.

  22. Ich umzitiere mal den Hochmeister der dialektischen Textkritik, also den Noergler: Die aufreizend blonde Assistentin von Dr. Mabuse entsorgte nach der erfolgten Hirnausschabung in einem Fingerhut die Hirnsubstanz des Probanden in die Biomülltonne, während sich über dem Kadaver die Resteminissenzen von Bewusstsein noch einmal erhoben und äußerten: „Ich habe eben den Eindruck, dass sich Adorno und Horkheimer nicht besonders intensiv mit der Philosophie der Aufklärung beschäftigt, haben, bevor sie ihr Buch schrieben. War ihnen wahrscheinlich zu langweilig und banal.“

    „Das sagen sie alle, wenn ich mit ihnen fertig bin“, erzählte unserer Zeitung Mabuse mit sardanipalischem Grinsen.

  23. Nimm mal das Kapitel über „Aufklärung und Moral“. Wer wird da als Vertreter der Aufklärung präsentiert? Zunächst mal Kant, dann der Marquis de Sade und schließlich Nietzsche. Alles keine Aufklärer, wenn auch Kant und de Sade zeitlich in die Spätphase der Aufklärung fallen.
    Das Aufklärung der „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ ist wie Kant behauptet, hätten die Aufklärer bestritten, denn für sie war es klar, dass die Unmündigkeit der meisten Menschen nicht selbstverschuldet, sondern ganz bewusst von Fürsten und Kirche herbeigeführt war.
    Kants Philosophie ist ja nun zur Zeit ihrer ersten Erscheinung heftig kritisiert worden (und zwar mit guten Argumenten), aber diese Kritiker sind bald in Vergessenheit geraten und ihre Schriften sind heute praktisch nicht mehr zugänglich. Man fragt sich warum?
    Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass Kants Philosophie politische Förderung genoss. „räsonniert, so viel ihr wollt, und worüber ihr wollt; aber gehorcht!“ oder „Ich mußte also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen“, solche Aussagen kamen den Herrschenden im Zeitalter der französischen Revolution durchaus entgegen.

    Joanthan Israel schreibt dazu:

    „Even if diffused more slowly in Catholic Germany and Austria than in the Protestant north, Kantianism was greeted enthusiastically and, again, mainly because philosophy lecturers in South German universities soon judged it the most robust available defence against materialism, determinism, Spinozism, and atheism. The diffusion of Kantianism in the Catholic German-speaking world began just prior to the French Revolution, with the Benedictine Matern Reuss (1751–98), at Würzburg, in Franconia, among the first—already by 1788—to lecture on Kantianism to Catholic students.“

    (J. Israel, Democratic Enlightenment. Philosophy, Revolution, and Humanb Rights, 1750-1790, 2011, S. 721 ff.)

    Und später im gleichen Buch: „Kant’s ‘practical reason’ had the multiple disadvantage of being a tool easily appropriated by theology and by social forces opposed not just to Radical Enlightenment but to all Enlightenment. Kant was an Enlightenment thinker with a marked republican, if not democratic, tendency who conceived that the progress of reason working through history would drive the progress of legislation and constitutionality, via separation of powers and the cutting back of princely absolutism. The interests of the majority and the ideal of perpetual peace would eventually gain ground driven by the advance of ‘reason’. But if, at the same time, it is ‘our universal duty to elevate ourselves’ to an ‘ideal of moral perfection’ ultimately fixed and sanctioned by faith and religion then men must, finally, submit to the approval or disapproval of theologians in the sphere of moral action, as Kant’s many Catholic admirers quickly (and enthusiastically) grasped, as well as in strictly religious matters; and perhaps even in the sciences and scholarship.“

    Ist jetzt vielleicht etwas unfair gegenüber Adorno und Horkheimer, Bücher von 2011 ins Feld zu führen die sie nicht kennen konnten, aber bei besserer Kenntnis der Aufklärungsphilosophie hätte das vielleicht doch auffallen können. Kant ist eben in gewisser Weise der Totengräber der authentischen, radikalen Aufklärung, zumindest in Deutschland, und ihn zum Kronzeugen über „Aufklärung und Moral“ zu machen und die bedeutenden Moralphilosophen der Aufklärung wie David Hume, Adam Smith oder Jeremy Bentham (die ganz im Widerspruch zu Kant stehen) überhaupt nicht zu erwähnen, ist schon ziemlich daneben.

    Und auch der zweite Kronzeuge, de Sade, ist kein Aufklärer. Dazu später mehr.

  24. „Alles keine Aufklärer, wenn auch Kant und de Sade zeitlich in die Spätphase der Aufklärung fallen.“

    Mit welcher Begründung legst Du fest, wer zur Aufklärung gehört und wer nicht? Denkst Du, das steht tatsächlich in Deiner Option darüber zu entscheiden? Eher schon steht es in den gedanklichen Kontexten, was als Aufklärung erscheint und was eher nicht. Da können dann übrigens selbst Positionen hineingeraten, die auf den ersten Blick keine Aufklärung sind. Etwa manche Theologen oder einer wie Augustinus. Was de Sade betrifft, so hättest Du es schnell herausbekommen können, wenn Du den Text von Adorno tatsächlich gelesen hättest. Es geht hier nämlich, wie Adorno schreibt, um die dunklen Schriftsteller des Bürgertums. Also kein umstandloser Aufklärer, sondern genau jene Dialektik derselben.

    „Das Aufklärung der „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ ist wie Kant behauptet, hätten die Aufklärer bestritten, denn für sie war es klar, dass die Unmündigkeit der meisten Menschen nicht selbstverschuldet, sondern ganz bewusst von Fürsten und Kirche herbeigeführt war.“

    Bitte den Kant-Text richtig lesen und dabei dann Kants Konzept von Verstand und vor allem von Vernunft, um dessen Gebrauch es in diesem Text geht, mitdenken. Was bei Kant prolongiert wird, ist der freie Gebrauch der Vernunft. Es ist also nicht die Frage, was Du meinst, daß im Text steht, sondern was darin tatsächlich gesagt wird. Das wäre zunächst einmal in einer Darstellung herauszubekommen. Weiterhin: daß ein Text in einer Hinsicht X keine Aussagen macht (hier in bezug auf Fürsten), heißt nicht, daß der Text diese Hinsicht auch gutheißt. Weil ich in diesem Text nichts über Angela Merkel sage, heißt das nicht daß ich ihre Politik gutheiße. Was Kant in dem Text über Aufklärung allerdings trennt, sind Staatsgeschäfte und öffentliche Meinung. Diese Unterscheidung muß primär herausgestellt werden. Weiterhin handelt es sich bei Kants Text nicht um eine Kampfschrift wider die Fürsten, die wäre nämlich sofort der Zensur zum Opfer gefallen, sondern um einen Text, der breite Kreise der gebildeten Öffentlichkeit erreichen sollte.

    „Kants Philosophie ist ja nun zur Zeit ihrer ersten Erscheinung heftig kritisiert worden (und zwar mit guten Argumenten), aber diese Kritiker sind bald in Vergessenheit geraten und ihre Schriften sind heute praktisch nicht mehr zugänglich. Man fragt sich warum?“

    Vielleicht weil die Argumente nicht gut genug waren? Es sind auch die Kritiker der Naturwissenschaften verschwunden und auch die Kritiker verschwanden, die glauben, daß die Erde eine Scheibe sei. Ansonsten: Natürlich ist es so, daß Philosophen heftig kritisiert werden. Und das wird Kant bis heute. Und wenn man es gut macht, dann macht man das immanent.

    „Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass Kants Philosophie politische Förderung genoss.“

    Wo zeigt sich das und was meinst Du mit „Bei genauerem Hinsehen“? An dem von Dir zitierten Satz zumindest zeigt es sich nicht. Und ich habe genauer hingesehen, und siehe. Da zeigt sich zunächst einmal nichts. Und selbst wenn ein Denker finanzielle Förderung genösse, sagt daß zunächst gar nichts über ihr Denken aus. Weiterhin dürften die Schwierigkeiten als bekannt vorausgesetzt werden, die Kant mit dem Preußischen König hatte.

    „räsonniert, so viel ihr wollt, und worüber ihr wollt; aber gehorcht!“ oder „Ich mußte also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen“, solche Aussagen kamen den Herrschenden im Zeitalter der französischen Revolution durchaus entgegen.“

    Was das räsonieren und das gehorchen betrifft, so geht es hier einerseits um den freien Gebrauch der Vernunft in der Sphäre der Öffentlichkeit und andererseits um teils notwendige Freiheitseinschränkungen in der Sphäre vom Staatsdienst. Zitat Kant:

    „Ich antworte: der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft muß jederzeit frei sein, und der allein kann Aufklärung unter Menschen zu Stande bringen; der Privatgebrauch derselben aber darf öfters sehr enge eingeschränkt sein, ohne doch darum den Fortschritt der Aufklärung sonderlich zu hindern. Ich verstehe aber unter dem öffentlichen Gebrauche seiner eigenen Vernunft denjenigen, den jemand als Gelehrter von ihr vor dem ganzen Publikum der Leserwelt macht. Den Privatgebrauch nenne ich denjenigen, den er in einem gewissen ihm anvertrauten bürgerlichen Posten, oder Amte, von seiner Vernunft machen darf. Nun ist zu manchen Geschäften, die in das Interesse des gemeinen Wesens laufen, ein gewisser Mechanism notwendig, vermittelst dessen einige Glieder des gemeinen Wesens sich bloß passiv verhalten müssen, um durch eine künstliche Einhelligkeit von der Regierung zu öffentlichen Zwecken gerichtet, oder wenigstens von der Zerstörung dieser Zwecke abgehalten zu werden. Hier ist es nun freilich nicht erlaubt, zu räsonnieren; sondern man muß gehorchen.“

    Dies ist eine ziemlich moderne und aufklärerische Position, auch heute noch gültig übrigens, denn mitnichten ist es einem Lehrer im Staatsdienst erlaub, alles das zu sagen, was er denkt. Und das ist in vielen Fällen durchaus sinnvoll. In diesem Sinne ist es also ein ziemlicher Unsinn, Kant nicht der Aufklärung zuzuschlagen. Zumal das Konzept der Aufklärung als Epochenbezeichnung etwa zu Beginn der Sattelzeit, eine plurale Angelegenheit war. Es gibt nicht DIE Aufklärung als Singular.

    Was die Differenz von Glauben und Wissen betrifft, so ist das ein Topos aus der „Kritik der reinen Vernunft“. Das eminent Aufklärerische daran ist, daß Kant die Religion und den Glaube in seinem Recht belassen will, glauben zu dürfen. Aber daß sich dieser Glaube im Gebiet des Wissens nichts anmaßen dürfe, was nicht zu beweisen ist. Also eigentlich eine recht simpel zu verstehende Tatsache und damit knüpft Kant halt auch an den Aquinaten an, der bereits Glaubensgewissenheiten und solche des Wissens, auch der Naturwissenschaften vorsichtig schon trennte.

    Was jener J. Israel macht ist ein insgesamt eher fragwürdiges Unterfangen. Zumal in der Akademischen Welt zu jener Zeit plurale Konzepte im Umlauf waren, ist es schlicht falsch von einem Kantianismus zu sprechen. Es wurde im Ausgang von Kant von verschiedenster Seite auf ihn Bezug genommen, und zwar vielfach kritisch: Sei das bei Schiller, bei Schopenhauer, bei Fichte, bei Schelling oder am Ende bei Hegel. Und selbst der Neukantianismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts war eine Position von vielen in einer pluralen Philosophie

    „Kant’s ‘practical reason’ had the multiple disadvantage of being a tool easily appropriated by theology and by social forces opposed not just to Radical Enlightenment but to all Enlightenment.”

    Das ist kein Argument für oder gegen irgendetwas, sondern dieses Schicksal kann jede Theorie ereilen, daß sie mißbraucht oder in falsche Hände gelangen kann. Davon mal ab, daß Kants KdpV keine Handlungsanweisung für Pragmatiker ist, sondern ein philosophischer Text, der auf Fragen seiner Zeit reagiert, unter anderem auch auf die nach menschlicher Freiheit.

    „But if, at the same time, it is ‘our universal duty to elevate ourselves’ to an ‘ideal of moral perfection’ ultimately fixed and sanctioned by faith and religion then men must, …” usw.

    Genau das aber schließt Kant gerade aus. Es ist das Faktum der Vernunft, und dieses gilt unabhängig von jeder religiösen Prägung, DAS gerade ist die Crux und das aufklärerische der Kantischen Theorie. Noch heute. Ein Moslem, ein Jude, ein Christ, ein Hindu – sie können glauben, wie sie wollen – darin sind sie frei. Nur gegen eines können sie sich nicht stellen: Gegen dieses Prinzip der universellen Vernunft und das Prinzip der Freiheit. Und daran knüpften in der Tat zahlreiche Philosophien an: von Marx bis Rawls und Habermas. Und sogar Adorno. Wenn man sich mal mit seiner „Negativen Dialektik“ befaßt.

  25. Was mich jetzt konkret interessieren würde, El Mocho: Welche Texte genau hast Du von Kant gelesen und welche Passagen aus der „Dialektik der Aufklärung“? Dein Aussagen zu de Sade lassen es mir nämlich erscheinen, daß Du diese Passagen gar nicht gelesen hast. Sonst würdest Du nämlich nicht auf die Idee kommen, daß Adorno (hier wohl eher Horkheimer, der für das Kapitel verantwortlich war, meine ich mich zu erinnern) de Sade umstandlos zur Aufklärung rechnet. Vielmehr zählt er ihn zu den dunklen Schriftstellern des bürgerlichen Zeitalters, also zur entfesselten Ratio, die bei de Sade zum Ausdruck kommt.

    Und noch etwas zum Modus philosophischer Kritik, El Mocho. Diese ist keine Entweder-Oder-Veranstaltung, kein „Top oder Flop“, sondern sie bewegt sich zum einen konkret am Text und zum anderen ist ein Text nicht deshalb komplett wiederlegt, weil darin Passagen stehen, die problematisch sind. Das ist anders als in Naturwissenschaften. (Und selbst da bin ich mir bei der hochkomplexen theoretischen Physik nicht sicher, ob es darin nicht Intuitionen und Sätze gibt, die als wiederlegt gelten und sich hinterher doch irgendwie als brauchbar erwiesen, und sei es nur als heuristische Grundlage für neue Theorie. Insofern ist in philosophischen Fragen auch der Aspekt der Heuristik mitzudenken.) Philosophie funktioniert da anders. Ein Denker kann in vielem unrecht haben, ich würde bspw. Kants Dualismus kritisieren. Aber damit ist Kants Philosophie eben nicht „widerlegt“, sondern sie erscheint in einer neuen Perspektive. Das, was Philosophen in der Regel betreiben, wenn sie gut sind, ist solch eine Neuperspektivierung. DAS aber setzt voraus, sich zunächst mal sehr genau und intensiv im Text bewegt zu haben. Was ich den Schülern im Osten Berlins an der Alice Salomon Hochschule zurufe, möchte ich auch Dir sagen: Vor der Dekonstruktion kommt die Hermeneutik. Umgekehrt wird das nichts.

    Wenn Du also etwas kritisierst, El Moche, dann machst Du das am besten mit vielen Belegen und weniger mit Sätzen wie: „Das ist ja gar keine Aufklärung“ oder „Kant hat gesagt …“. Das müßte man nämlich tatsächlich nachprüfen, ob Kant das tatsächlich so gesagt hat, wie von Dir dargestellt. Beispiele hier: Die Passage zum Räsonieren und zum Wissen und Glauben. Grobes Herausstellen aus einem Kontext führt leider meist zu Verzerrungen.

  26. El Mocho/Willy, die Art und Weise wie Du die Aufklärung wahrnimmst ist ausschließlich die Interpretation der Aufklärung wie sie von US-amerikanischen Brights vorgenommen wird die wiederum eine Sekte ohne Anerkennung zumindest in der europäischen Philosophie sind. Und die Windmühlen gegen die die Brights kämpfen sind spezifisch amerikanisch und bei uns gar nicht vorstellbar: Kreationismus oder die Idee, Gott greife ins Weltgeschehen ein.

  27. Oh, che, das ist nicht ganz richtig: Gott greift ins Weltgeschehen ein. Er hat Dir auf Deinem Blog lacommune geschickt.

  28. @“Und selbst da bin ich mir bei der hochkomplexen theoretischen Physik nicht sicher, ob es darin nicht Intuitionen und Sätze gibt, die als wiederlegt gelten und sich hinterher doch irgendwie als brauchbar erwiesen, und sei es nur als heuristische Grundlage für neue Theorie. “ —– Isso. Licht ist gleichzeitig eine Welle und ein Teilchen, es gibt Nichtörtlichkeit und Teleportation, dennoch wird dadurch Newtons Mechanik und Helmholtzs und Maxwells Thermodynamik nicht ungültig, weil die Gesetze von Zeit und Raum für komplexe Materie und kleinste Teilchen bzw. masselose Energie durchaus verschiedene sind. Mit einer positivistischen Entweder-oder-Logik kommt man übrigens in der Physik und auch in der Genetik nirgendwohin.

  29. Ja, El-Mocho, man kann gegen Kant sein, weil der auch von religiöser Seite rezipiert wurde. Aber an sich ist das gar nicht Ihr Ernst, wie ich annehme.

    Dennoch zitieren Sie sowas von Jonathan Israel:
    „The diffusion of Kantianism in the Catholic German-speaking world began just prior to the French Revolution, with the Benedictine Matern Reuss (1751–98), at Würzburg, in Franconia, among the first—already by 1788—to lecture on Kantianism to Catholic students.“

    Die Idee, che2001, dass derlei in Europa nicht rezipiert und/ oder anerkannt werde, scheint mir unplausibel.

    PS
    Vorhin ist mir was drolliges passiert: Ichab einfach geschrieben, und fand dass das juut war, was mich so mild stimmte, dass ich glatt vergaß, es zu veröffentlichen…hehe. Christliche Milde in Demut. Wenigstens unbewusstes – – Meinungsfasten. Hehe.

  30. Und was die Fürsten und die Obrigkeit betrifft, so sind solche Passagen doch mehr als deutlich:

    „Daß der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.“

  31. @Dieter Kief
    Den Artikel habe ich gelesen. Die Zeichenfolgen „Antifa“, Kipping“ und „Nazi“ kommen darin nicht vor. Ich verstehe den Bezug nicht. Bitte klären Sie das doch auf.

  32. Na ja, der Artikel von Kaube ist schon sehr sehr gut und in diesem Sinne eine Form von Aufklärung! Jene Namen kommen darin zwar nicht direkt vor, aber sie sind implizit gemeint. So wie auch der Hartz-IV-SPD-Lauterbach. Tugenddarsteller ist eine sehr schöne Bezeichnung für diese Leute. Die größte Frechheit in dieser Sache ist immer noch Merkel. (Der damals Hartz IV noch nicht weit genug ging. Von dem Debakel der offenen Grenzen ganz zu schweigen.)

  33. Das sehe ich auch so, dass der Artikel ganz ausgezeichnet ist (solches liest man in der FAZ???). Mir fehlt als Außenstehender eben der „lokale“ Zusammenhang. Ich vermute nun also, dass die Essener Tafel irgendwo als „Nazi“-Verein verunglimpft wurde und sich auch Kipping herablassend geäußert hatte. Tugenddarsteller – fürwahr ein Schmankerl!

  34. Um das Aufklärungsbedürfnis bezüglich des „Tafelskandals“ mit ein wenig kritischer Theorie zu würzen, hier eine an Freud geschulte Position zu dem Ganzen:

    http://nichtidentisches.de/2018/02/tafelneid/

    Ich hatte den Artikel weiter oben schon einmal gepostet, aber da die Diskussion zufälligerweise erneut auf das Thema kam und möglicherweise ein paar neue Interessierte dabei sind, wollte ich sie diesen nicht vorenthalten.

  35. @ h. z. und Bersarin
    Lieferwägen (Spenden u. a. von Daimler-Benz) der Essener „Tafel“ wurden von der Antifa NRW mit dem o. a. Schriftzug versehen und es gibt auch ausdrückliche Angriffe von den o. a. Personen, die Tafel sei rassistisch usw. Nicht zu vergessen in deiser prominenten Reihe den altgedienten FR-Redakteur und „Perlentaucher“-Mitarbeiter Arno Widmann.

    Merkel war nicht so scharf in ihrer Kritik wie die o. a., aber dennoch voller Fehler. Da passiert leicht mal der eine Fehler zuviel.

    Die Stimmung auf der Baar vorgestern ließ übrigens nicht nur wenig Verständnis für die Linke bzw. die SPD, sondern auch wenig Verständnis für die CDU erkennen. Den Leuten past die ganze Richtung nicht.

    Vom Februar ist ein ausführliches phönix-Gespräch mit Lafontaine auf youtube, wo dieser ebenfalls sehr deutlich wird.

  36. Oh, ich hatte den Text zuvor nicht in dieser, sondern einer anderen Diskussion „abgeladen“. Mein Fehler. Was sind denn die Qualitätsstandards nach denen du einen Text beurteilst, Bersarin? Ausschließlich Form? Oder doch Inhalt? Oder eher so ausm Bauch heraus, wie es deinem Affekthaushalt grade zuträglich ist? Was disqualifiziert den Text von Felix Riedel als Beitrag zu dieser Debatte?

  37. Du hast recht, Fabsebab, ich habe es übersehen, es ist eine Satire und nicht ernst gemeint:

    „Die Zwangshandlung, die Kanzlerin Merkel auf die traditionelle Frauenrolle „Mutter“ zurückzuzwingen, ist misogyner Wunsch nach einer mafiösen Vaterfigur, der einer ambivalenten Mutter ein unambivalent drakonisches Gesetz entgegenstellt, das nur die Anderen bestraft und das Selbst belohnt. So ist es auch kein Zufall, dass ausgerechnet Konkurrenz um eine sogenannte Tafel diese stereotype regressive Reaktion eines älteren Geschwisters ausgelöst hat, das dem jüngeren die Mutterbrust neidet.“

    Insofern ist der Text als Witz ganz lustig und macht sich über linkes und psychoanalytisches Neusprech lustig.

  38. Ja. Fast so lustig, wie das absichtliche falsch schreiben meines Namens. Ich lach mich schlapp… Und danke auch für die vielsagende Antwort.

  39. @ Dieter Kief: Das Phoenix-Gespräch mit Lafontaine hatte ich hier schon verlinkt. Es ist sehr gut. Jene, die den Mann in die Nähe von Rechtsradikalen oder der AfD rücken, sollten sich gut fragen, wieweit da inzwischen im dogmatischen Exzeß sämtliche Koordinaten verrutscht sind. Davon ab, daß auch da wieder jene unsägliche linke Hermeutik des Verdachts waltet. Im Grunde ist solcher Gestus aber nur das Pendent zu denen, die vom grünlinksversifften Gutmenschen sprechen. Und in diesem Sinne spiegeln sich rechts und links in dieser Form, bei solchen Phrasen

  40. @ Bersarin

    Zu dem Lafontaine/Sarrazin Diskussionspunkt diese Fußnote:

    Gabor Steingart kritisiert genau wie die o. a. alten Sozialdemokraten die blinde Reformeritis im Namen des Internationalismus, wie auch Martin Schulz sie protoypisch verkörpert – und der Handelsblatt-Besitzer Dieter Holtzbrinck schmeißt Steingart (dem er zuvor sogar Anteile am Handelblatt übertragen hatte) noch in derselben Januar-Woche, in der Steingart seine Schluz-Kritik geschrieben hatte, ohne Vorwarnung haargenau wegen dieser Schulz-Kritik hinaus.

    (Ein echtes Rätsel – Lafontaines Lösung würde mich interessieren; die Sarrazins kann ich mir vorstellen).

  41. Sarrazins Lösung kann ich mir ebenfalls vorstellen. Ich halte sie allerdings für falsch, zumal sie die Probleme nicht umfassend anpackt. Bei Lafontaine wird es schwieriger, weil für dessen Politik gegenwärtig die Partei fehlt, die nötig ist, um solche grundsätzliche Reformen durchzuführen und vor allem, gegen die Wirtschaft und ihre knallharten Geldinteressen durchzusetzen. Die SPD ist nicht links genug und wird es, wenn dort nicht ein Putsch in der Partei geschieht, auch nicht sein. Kipping und Rixinger und Lederer und wie sie alle heißen, bedienen ihr eigenes Klientel, im Wetteifer mit den Grünen. Ehemalige Wähler springen ab. Allenfalls in Berlin könnten sich, wie die jüngsten Umfragen zeigen, Mehrheiten ergeben, weil hier ganz zentral und für viele Menschen die Frage nach bezahlbaren Mieten im Vordergrund steht.

  42. Dann mal zum Marquis de Sade, der ja angeblich nur die Konsequenzen aus der Aufklärung gezogen hat. Der war zweifellos Atheist wie die radikalen Aufklärer und lehnte wie diese das Christentum und seine Moral ab, aber an ihre Stelle wollte er etwas ganz anderes setzen als die Aufklärer. Deren moralische Vorstellungen waren utilitaristisch und zielten auf ein harmonisches Zusammenleben der Menschen in der Gesellschaft ohne Berufung auf religiöse Autoritäten und einen strafenden oder belohnenden Gott ab; man kann das bei Smith oder Holbach oder Bentham nachlesen.

    Winfried Schröder von der Uni Marburg hat eine interessante Analyse des Denkens von Sade (auch im Zusammenhang mit der DdA) geschrieben: Moralischer Nihilismus: Radikale Moralkritik von den Sophisten bis Nietzsche, s. hier: https://www.amazon.de/Moralischer-Nihilismus-Moralkritik-Sophisten-Universal-Bibliothek/dp/3150183820

    Darin wird dargelegt, dass Sade sehr wohl die Kritik der Aufklärer am Christentum teilt, aber eben nicht wie sie eine nichtreligiöse, nichtmetaphysische Moral an dessen Stelle setzt, sondern quasi ein Negativbild des Christentum: Eine Religion, die vorschreibt das Böse zu tun, nicht das Gute, die „Erhebung der Idee des Bösen zur Handlungsnorm … Sade lässt es nicht dabei, das Verbot der Verletzung anderer aufzuheben und eine unbeschränkte Handlungslizenz zu erteilen. Er erhebt Aggression und Grausamkeit vielmehr zu einer Norm, die befolgt werden soll.“ (Schröder, S. 146)

    Man zeige mir bitte einen Aufklärer, der ihm darin folgt. Im Gegenteil haben Smith oder Holbach (und schon Spinoza, von dem sie beeinflusst sind) eine Form einfache des Utilitarismus propagiert, die den Nutzen aller in den Mittelpunkt stellt, nicht das Ausleben der Triebe auf Kosten anderer und die Grausamkeit, wie Sade es tut. Ihn somit zum Aufklärer oder zumindest zu einem, der die Konsequenzen aus ihren Theorien zieht, zu erklären wie die DdA ist daher falsch. Adorno und Horkheimer übersehen völlig, dass die Aufklärer nicht nur mit der Vernunft argumentieren (wie später Kant), sondern auch einen Begriff der menschlichen Natur haben, der auf physischen Bedürfnissen beruht.

    „Die Kluft zwischen den ethischen Ansätzen der Radikalaufklärer und dem Sade’schen Amoralismus könnte tiefer kaum sein.“ (Schröder S. 155)

    Und auch das Fazit von Adorno, Sade hätte die „Die Unmöglichkeit, aus der Vernunft ein grundsätzliches Argument gegen den Mord vorzubringen, nicht vertuscht, sondern in alle Welt geschrieen“, vermag mich nicht zu überzeugen. Es ist schlicht eine Banalität, dass aus der Vernunft allein kein grundsätzliches Argument gegen den Mord abgeleitet werden kann, wie sollte es denn auch? Seit David Hume wissen wir das, und Vernunftargumente würden auch niemanden, der entschlossen ist, einen Mord zu begehen, davon abhalten, dazu braucht es ganz andere Mittel.

    Kurz, ich bin ratlos gegenüber der Dialektik der Aufklärung, zumindest verstehe ich die Welt nach der Lektüre nicht besser als vorher. Leszek Kolakowski hat völlig recht mit seinem Urteil:
    „Allgemein gesprochen, ist der Begriff der »Aufklärung« ein phantastisch zusammengeflickter, unhistorischer Bastard, der sich aus allem zusammensetzt, was die Autoren empört: Positivismus, Logik, deduktive Wissenschaften, empirische Wissenschaften, Kapitalismus, Herrschaft des Gelds, Massenkultur, Liberalismus und Faschismus.“

  43. „Mit welcher Begründung legst Du fest, wer zur Aufklärung gehört und wer nicht? Denkst Du, das steht tatsächlich in Deiner Option darüber zu entscheiden?“

    Es ging ja zunächst nur um meinen Eindruck, Adorno und Horkheimer hätten sich nicht sonderlich intensiv mit der Philosophie der Aufklärung beschäftigt, weil sie halt so viele Aussagen über sie machen, die meiner Kenntnis der Aufklärung völlig wiedersprechen. Und ich denke ich habe das auch einigermaßen belegt. Warum sollte ich auch nicht, Adorno und Horkheimer tun es doch auch und reden ständig von „Aufklärung“ (häufig sogar ohne Artikel, also noch allgemeiner gesprochen) und unterstellen ihr alles mögliche, ohne das an Texten zu belegen.

    „Vielleicht weil die Argumente nicht gut genug waren? Es sind auch die Kritiker der Naturwissenschaften verschwunden und auch die Kritiker verschwanden, die glauben, daß die Erde eine Scheibe sei.“

    Ich denke weil Kant sich bald als große, übermächtige Autorität in der Philosophie durchgesetzt hat und seine Kritiker kein Gehör mehr fanden bzw. nicht mehr gelesen wurden. Es ist ja heute noch so, dass kein Philosophiestudent an Kant vorbei kommt, obwohl seine Lehren im Wiederspruch zu aller Naturwissenschaft stehen. Hat sicher seinen Grund in Kants großer Bedeutung für die Philosophiegeschichte. Hingegen wir die Physik des Aristoteles kaum noch gelesen, weil sich seine Annahmen eben (seit Galiliei) als falsch herausgestellt haben. Schade eigentlich.

    Übrigens habe ich Philosophie studiert, vor langer Zeit, und ich habe es auch nur zu einem Lehramtsabschluss gebracht und arbeite heute in einem ganz anderen Bereich. Aber ich habe sowohl die wesentlichen Werke Kants als auch die DdA gelesen und teilweise auch an entsprechenden Seminaren teilgenommen. Ich hatte ja ursprünglich auch großen Respekt vor geistigen Autoritäten, habe den aber glücklicherweise überwinden können.

    @Che: Wer sind die Brights? Ich kenne sie nicht, und ich beziehe mich z.Z. auf einen englischen (Israel) und einen deutschen (Schröder). Es ist allerdings richtig, dass besonders die heutige deutsche Philosophie in einem biophoben Elfenbeinturm sitzt, der sich so in der angelsächsischen Philosophie nicht findet.

    @Dieter Kief: Hier noch was zur Kant-Rezeption katholischer Denker. Sehr interessant.

    http://www.information-philosophie.de/?a=1&t=360&n=2&y=4&c=55

  44. ad Kommentar 1, El Mocho: Bevor wir uns hier im Kreis drehen und unendlich herumreden: Was konkret hast Du in der „Dialektik der Aufklärung“ gelesen?

    Adornos Aufgreifen von de Sade ist übrigens genau jene Kritik an Kant, die erforderlich ist, nämlich die Kritik an einer bloß abstrakten Vernunft und ihrer Gesetze. Aber Adorno nimmt sie eben subtil vor und kommt nicht mit dem Holzhammer: Ohhh, Kant hat was Falsches gesagt, also ist alles an Kant Blödsinn. Noch einmal, El Mocho: so funktioniert Philosophie nicht.

    Und noch einmal: Adorno/Horkheimer sprechen im Kontext de Sade genau von jener Dialektik der Aufklärung. Sie behaupten auch nicht, daß de Sade ein Aufklärer wie Voltaire, Diderot oder Kant war, sondern daß sich in seinem Text – übrigens qua Literatur, also in einem Modus der Fiktion, der ein ganz anderer ist, als der der Philosophie– ex negativo eine Erkenntnis ausspricht:

    „Die dunklen Schriftsteller des Bürgertums haben nicht wie seine Apologeten die Konsequenzen der Aufklärung durch harmonistische Doktrinen abzubiegen getrachtet. Sie haben nicht vorgegeben, daß die formalistische Vernunft in einem engeren Zusammenhang mit der Moral als mit der Unmoral stünde. Während die hellen das unlösliche Bündnis von Vernunft und Untat, von bürgerlicher Gesellschaft und Herrschaft durch Leugnung schützten, sprachen jene rücksichtlos die schockierende Wahrheit aus.“

    Genau die Volte gegen den Kantianismus und auch gegen Wertethik. Ob Adorno damit freilich dem Kantischen Vernunftskonzept gerecht wird, ist eine andere Frage. Ich halte insofern seine Kritik als Korrektiv zwar für sinnvoll, in der Sache aber und vom Argument zielt sie an Kants Konzept der Vernunft vorbei. Aber auch bei dieser Kritik an Adorno muß man auf die Form von Adorno/Horkheimers Text sehen. Es ist die DA nicht einfach eine universitäre Abhandlung oder eine akademische Qualifizierungsarbeit, wie man sie Studenten abfordert, sondern eine eigenständige philosophische Textform: Adorno spricht von einer Flaschenpost, von „Gesten aus Begriffe“. (Und damit steht sie in der Tradition von Pascals Pensees, von Montaignes „Essais“.) Das heißt: es wird hier nicht im bloß argumentativen Modus etwas ausgesagt, sondern im Text liegt zugleich eine literarische oder neutraler rhetorische Ebene. Adorno schreibt ja auch nirgends Bacon ist falsch, Kant liegt falsch, sondern er weist auf Probleme von Theorie, und zwar aus einem bestimmten Zeitaspekt heraus, nämlich im Exil und in Jahren, als in Europa ein grausamer Vernichtungskrieg tobt.

    Ein ganz hilfreicher Zugang zu diesem zugegeben nicht ganz leichten Buch findet sich hier: Gunnar Hindrichs (Hg.): Max Horkeimer / Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, bei de Gruyter erschienen.

    https://www.degruyter.com/downloadpdf/books/9783110448764/9783110448764-toc/9783110448764-toc.pdf

    Leszek Kolakowski glänzt übrigens nicht gerade durch Analysestärke und er fällt auch nicht als Philosoph auf, zumal er sich nicht auf den Text von Adorno bezieht, sondern einen Pappkameraden aufbaut, indem er das, was er selbst für die Thesen Adornos hält, als Thesen Adornos ausgibt. Er führt also ein Gefecht mit einem Strohmann. Und da kommt dann genau solcher Unfug heraus, der einer logischen Analyse unwürdig ist. Dieses Prinzip kann natürlich nicht funktionieren, wenn man es dann mit dem Text selbst konfrontiert.

  45. Ad El Mocho, Kommentar 2:
    „Es ging ja zunächst nur um meinen Eindruck, Adorno und Horkheimer hätten sich nicht sonderlich intensiv mit der Philosophie der Aufklärung beschäftigt, weil sie halt so viele Aussagen über sie machen, die meiner Kenntnis der Aufklärung völlig wiedersprechen. Und ich denke ich habe das auch einigermaßen belegt.“

    Bereits im ersten Satz kullert es bunt durcheinander. Zunächst schreibst Du, daß es sich um einen subjektiven Eindruck handelt und dann führst Du diesen Eindruck als Beleg und damit als Beweis an. Da dreht sich leider etwas im Kreise und das kann als Begründung nicht funktionieren. Das alles mag DEIN Eindruck sein, aber der ist in der Sache kaum relevant. Und weil etwas Deiner Kenntnis widerspricht, sagt das zunächst noch gar nichts. Bzw. es könnte eben auch mit Deiner Kenntnis zusammenhängen. Die aber ist hier für die Beurteilung eines Buches überhaupt nicht der Maßstab und kann es auch gar nicht sein. Sondern es ist die Frage und der Maßstab, was Adorno/Horkheimer als Aufklärung ansetzen. Weil in einem Buch nicht der Begriff der Aufklärung hergeleitet wird, wie Du ihn Dir vorstellst, heißt dies noch lange nicht, daß der Begriff den Autoren nicht bekannt wäre. In der Regel ist es in der Philosophie so, daß Autoren Begriffe setzen und ihre Bedeutung als relativ bekannt voraussetzen, andes als in Seminararbeiten von Studenten, die müssen ihre Begriffe erkären und herleiten. Aber auch Adorno/Horkheimer machen dies. Allerdings nur implizit und das ist dann fürs Verständnis nicht immer ganz einfach. Hier in der DA meint Aufklärung zudem keinen Epochenbegriff, der in etwa in die von Koselleck so genannte Sattelzeit fällt, vielleicht noch etwas davor. Weiterhin: Adorno/Horkheimer haben keine Geschichte, sondern eine Kritik der Aufklärung geschrieben. Dabei haben sie den Begriff der Aufklärung geschichtlich sehr weit angesetzt. Nämlich im Sinne einer Rationalitätstheorie, daß menschliches Handeln im Umgang mit der Welt immer schon eine Komponente von Aufklärung enthält. Insofern ist auch der Mythos bereits Aufklärung. Man kann diese These bestreiten oder stark modifizieren, so wie Hans Blumenberg das mit seinem monumentalen Werk „Arbeit am Mythos“ getan hat. Das bedeutet freilich immer noch nicht, daß Adorno deshalb falsch lag, sondern hier handelt es sich um unterschiedliche Perspektivierungen eines Zusammenhangs, den Adorno wie Blumenberg von zwei unterschiedlichen Positionen ausmessen, so daß auch deren Horizonte unterschiedlich sind. Und das wäre dann mein nächster Tip für Dich, El Mocho: den Denkhorizont eines Autors, den Kontext mitzuberücksichtigen bei der Lektüre eines philosophischen Werkes.

    Und in diesem Sinne hast Du dann bisher auch nichts belegt, sondern Du hast lediglich Dein eigenes Verständnis dargelegt, von dem ich zeigte, weshalb es in wesentlichen Punkten problematisch ist.

    „Ich denke weil Kant sich bald als große, übermächtige Autorität in der Philosophie durchgesetzt hat und seine Kritiker kein Gehör mehr fanden bzw. nicht mehr gelesen wurden. Es ist ja heute noch so, dass kein Philosophiestudent an Kant vorbei kommt, obwohl seine Lehren im Wiederspruch zu aller Naturwissenschaft stehen.“

    Kant ist keine Autorität, schon gar keine übermächtige, hier verabsolutierst Du schon wieder Deine eigene Setzung und hältst sie dann für sachlich gegeben, sondern Kant ist im Kanon der Philosophie ein wichtiger Autor, wie viele andere Philosophen auch. Und er wird häufig zudem kritisch rezipiert. Und zwar oft in der Weise, wie ich oben philosophische Kritik Dir erläuterte. Wo Kants Lehren in allem Widerspruch zu den allen Naturwissenschaften stehen, wäre freilich schon interessant. Davon ab, daß Kant keine Naturwissenschaften betrieb – oder eben nur am Rande, siehe Laplace und die Himmelsbeobachtung –, sondern sich unter anderem mit Erkenntnistheorie und mit Rationalitätstheorie (wie man heute modern sagt) befaßte.

    „Ich hatte ja ursprünglich auch großen Respekt vor geistigen Autoritäten, habe den aber glücklicherweise überwinden können.“

    Niemand sagt, daß man einem Philosophen alles unbesehen glauben sollte: Das Geschäft der Philosophie ist Kritik: Aristoteles kritisierte Platon (aber er verwarf ihn eben nicht komplett und behauptete: nun ist der Mann wiederlegt), Kant kritisierte Rousseau und Hume und Leibniz und Wolffsche Schulmetaphysik gleichermaßen – aber eben immanent. Er zeigte, wo die Denker recht hatten und wo es Probleme gab. So geht in der Regel das Geschäft der Philosophie und selbiges kann man auch mit Kant machen. Was so unterschiedliche Denker wie Schopenhauer und Hegel auch getan haben. Aber wenn man das Geschäft der Kritik schon anfängt, dann muß man es halt richtig machen, vor allem als Anfänger oder wenn man eben, wie wir alle hier, kein originärer Philosoph ist: Nicht den eigenen Maßstab an den Text anlegen und diesen Maßstab dann verabsolutieren, zunächst mal den Text zu verstehen versuchen: In seiner Eigenart, seiner Sprache, den Begriffen und auch in seiner Rhetorik und Textform. Aufklärung heißt ja übrigens auch genau das, im Sinne Kants: Sich im öffentlichen Gebrauch der Vernunft keiner Autorität zu beugen. Und dann am besten sehr konkret am Text, am besten mit Zitaten veranschaulichen, was man genau kritisiert. Ansonsten funktioniert das Geschäft der Kritik nämlich nicht. Vorurteile zu reproduzieren ist nämlich genau das Gegenteil von Kritik wie auch von Aufklärung.

    Philosophie, El Mocho, bedeutet nicht, einen Text einfach nur auf wahr oder falsch abzuscannen (was ja auch meist nur ein Scannen wird, das die eigenen Referenzen zum Maßstab nimmt und wahr nicht einmal am Text selbst bemißt), sondern zunächst einmal, die Ideen dort heraus zu extrahieren und begrifflich zu fassen. Beim Philosophieren kommt es auf Denkwege an: Welche Probleme wollte Kant angehen, wie tat er das? Daß Kant noch heute eine wichtiger Denker ist, hat auch mit seinem umfassenden Werk zu tun, das nicht nur den Bereich der Erkenntnistheorie, sondern ebenfalls den der Ethik und der Ästhetik abdeckte.

    Und noch einmal, El Mocho: Pauschalurteile wie: Das ist doch alles quatsch, sagen mehr über den aus, der sie äußert als über den philosophischen Text.

  46. @ El_Mocho wg. katholischem Kant und Jonathan Israel und @ Bersarin wg. de Sade usw.

    Kants kategorischer Imperativ ist ja so ein Ding – strikt angewandt, ist er unpraktikabel.
    Aber er hat eine systematische Seite, und man würde sich selbst (=uns!) keinen Gefallen tun, wenn man die systematische Seite ausblendete.

    Man kann hier auch nochmal den Bogen zu Foucault und Horkheimer/ Adorno usw. schlagen (Derrida) – Sie haben mit Bersarin recht, wenn sie darauf hinweisen, dass der Mensch keine Maschine sei, und das soziale Leben keine Rechenaufgabe. Dass es also einen Fortschritt darstellt, wenn das Bürgertum Platz hatte für – sagen wir de Sade. Alles Klärchen.

    Aber dann gibts den systematischen Aspekt bei Kant: Kant ist überaus anschluß- und ausbaufähig, und er hat Andockstationen bereitgestellt für alle drei großen Felder, die uns heute beschäftigen: Messen/Technik die Wahrheit (=Faktizität!) (KdrV); Normen, Recht, das Richtige (KdpV), und ästhetiches Urteil(Freiheit/ Schillers Briefe…) (KdU).

    ‚abermas hat das alles komplett durchschaut, deswegen ist der die neue Leitschnur, wenn es darum geht, die drei o. a. zentralen Bereiche unserer Existenz (unsere Lebens) auszuleuchten. Und Habermas hat ausbuchstabiert, inwiefern Kants kategorischer Imperativ und die KdpV offen sind für systematisch gehaltvolle und ins Schwarze treffende Abahndlungen: Hier: Faktizität und Geltung als Rechtstheorie, die Kant vernünftig fortschrEIbt.

    ahh – warum erwähne ich das alles?

    Es gibt Neuigkeiten aus der Welt der Normen, Sitten und Gebräuche, die sich mit dem o. a. ziemlich bruchlos verMitteln lassen (wie es der Herr im Himmel gefügt hat, schreibt u. a. einer der Schwergewichte in der Disziplin der wissenschaftlichen Sarrazin-Verteidigung mit, nämlich Heiner Rindermann9:

    Rindermann, H. & Carl, N. (2018).

    Human rights: Why countries differ.

    Comparative Sociology, 17, 29-69.

    Abstract:
    Countries differ with respect to human rights. Using the cross-country CIRI data (Cingranelli & Richards), we tested two theories. The cognitive-moral enlightenment theory going back to Piaget and Socrates postulates that individuals and nations with higher levels of cognitive ability think and behave in a way more conducive to human rights. The culture-religion theory going back to Weber, Sombart and Voltaire postulates that different religious beliefs shape attitudes, and propel societies toward institutions that are more or less supportive of human rights. Cognitive ability had a positive impact on human rights but its effect varied depending on the country sample. More important was religion, both in cross-sectional and longitudinal models. Percentage of Christians had a positive impact (r = .62, total effect beta = .63), percentage of Muslims had a negative one (r = –.57, total effect beta = –.59). Political institutions are highly correlated with human rights, but religion is the decisive background factor.

    Das ist interessant, wie ich finde. Und für die anhänger der volkommennen Gleichartigkeit aller Kulturen auf der Welt mal wieder keine schöne Nachricht. Deshalb wird sie es auch aus der Welt der Blogs usw. vorerst nicht herausschaffen, wie ich befürchte. Was natürlich schade ist.

  47. @ El_Mocho: danke für diesen neuen Stil Deiner Beiträge, die sich jezt nicht nur auf Sticheleien, die ich nie verstand, belaufen. Stadessen Argumente …

    Also machen wir so weiter. Zunächst: 1.) „dass die Aufklärer nicht nur mit der Vernunft argumentieren (wie später Kant), sondern auch einen Begriff der menschlichen Natur haben, der auf physischen Bedürfnissen beruht.“

    Weiter: 2.) „Hingegen wir die Physik des Aristoteles kaum noch gelesen, weil sich seine Annahmen eben (seit Galiliei) als falsch herausgestellt haben. Schade eigentlich.“

    zu 2.) gleich noch etwas, aber zu 1.) wäre vielleicht noch Aristoteles hinzuzuziehen, wenn wir an Martha Nussbaum denken, die, sich auf Aristoteles beziehend, doch tatsächlich einen Katalog aufstellte für die Grundbedingungen menschlichen Glücks, als da wären ein Dach über dem Kopf, hinreichend wärmende Kleidung usw.

    Ich weiß nicht (zu 2.)), ob Aristoteles´ Physik nicht mehr gelesen wird (fände ich auch schade), heutzutage lernen wir als Erstsemester der Erkenntnistheorie jendenfalls, dass Kants „transzendentale Prinzipien nicht zwingend ‚deduziert'“ worden seien. Sie seien „durch die Entwicklung der modernen Physik überholt“.

    Hier ereilte Kant dasselbe Schicksal wie Galilei.

    https://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/fileadmin/Redaktion/Institute/Philosophie/Theoretische_Philosophie/Schurz/teaching_materials/VLErkthFolien.pdf

    Seite 33. Soweit Erkenntnistheorie für Erstsemester heutzutage. (16/17)

  48. 1: Überholen, ziggev, kann man auf der Autobahn. Jeder der ernsthaft und mit dem nötigen Verstand Philosophie betreibt, weiß, daß es dort ein wenig anders sich verhält. Da Du behauptest, Kant sei überholt, so hast Du dafür argumentativ Belege zu bringen. Eine Verlinkung ist kein Beleg, sondern lediglich ein argumentum ad verecundiam, was eine recht unphilosophische Sache ist. Soviel zur Philosophie für Anfänger, die als Tiger starten wollen und als Bettvorlage enden.

    2: Was die empirischen „Grundbedingungen menschlichen Glücks“ betrifft. Zunächst einmal stellst Du mit diesem Satz eine Behauptung auf, die Du beweisen müßtest. Nämlich die, daß der Mensch glücklich zu sein habe. Das aber ist nirgends als Gesetz und als Wesensentität verankert. Du gehst hier also von einer eigenen, selbstgesetzten Annahme aus, bei der man fragen kann: Weshalb muß der Mensch glücklich sein? Wieso ist das zwingend? Und ist das überhaupt notwendig, um die Existenz des Menschen zu sichern. Weiterhin sind empirische Grundbedingungen immer dem Zufall unterworfen. Kant aber, ging es, siehe sein Argument gegen Hume, darum, diesen Zufall gerade auszuschalten. Ich finde insofern an dieser Stelle keine hinreichende Problematisierung oder Infragestellung Kant. (Von Überholen oder Wiederlegung ganz zu schweigen. Jeder, der auf seriöse Weise und in in verantwortlicher Weise Philosophie betreiben möchte, wird wissen, daß ein Philosoph nicht einfach widerlegt und damit ad acta ist. Selbst eine nach heutigen Maßgaben nicht mehr auf der Höhe der Zeit argumentierende Philosophie, wie etwa die Schopenhauersche Willensmetaphysik, kann in Fragen der Ethik wie auch der Ästhetik immer noch wesentliche und weiterführende Einsichten für ein philosophisches Problem liefern. Insofern rate ich allen, die sich ein wenig mit Philosophie befassen wollen, sich vor Vokabeln wie „widerlegen“ oder „überholt“ im Sinne von veraltet zu hüten und solche Unfug zu meiden. Auch wenn einem das manche Position der analytischen Philosophie suggerieren – welche Hybris überhaupt, sich so zu nennen: als ob nicht alle Philosophie, die ihr Gebiet ernst nimmt, selbst die spekulativsten Positionen, nicht zugleich auch analytisch wären. Aber das ist im Gang der Argumente wieder ein anderes Feld.

  49. Ziggev, weil etwas weite Kreise zieht, heißt es nicht, daß es richtig ist. Der Faschismus und der Stalinismus haben übrigens auch weite Kreise gezogen. (Wobei ich damit auch nicht sagen will, daß es falsch ist. Ich habe in bezug auf Nussbaum bzw. Deine Darstellung von Nussbaum, um es genauer zu sagen, lediglich auf ein paar argumentative Tücken und Probleme hingewiesen und weshalb solcher von der Empirie ausgehender Ansatz sich in einige Schwierigkeiten manövriert. Obwohl ich ansonsten ein Freund der Aristotelischen Tugendethik und des Hegelschen Konzeptes von Sittlichkeit bin. Aber das ist eine andere Sache.)

  50. @ ziggev und Bersarin Wg. Martha Nussbaum, dem Erfolg und dem Glück

    Agnes Poirier hat ein interessantes Buch geschrieben, Paris Left Bank, darin geht es u. a. um den Verleger von Sartres „Etre et Néant“, der sich wundert über den enormen Erfolg des Buches in Nazi-besetzten Paris, und es stellt sich heraus: Das Buch wurde wirklich wie rasend gekauft: Weil es keine Waagen mehr gab, und alle Bleigewichte in Kugeln umgeschmolzen waren, und weil die Leute heraugefunden hatten, dass das Buch exakt ein Kilo wog – also als Maß herhalten konnte!

    – Offenbar in ganz lebendiges Buch, übrigens, das da oben, steht heute im arts and letters daily – nicht zuletzt auch über Ernst Jünger und den „hungarian women-beater“ Arthur Koestler – jener Koestler, nata bene, der Wolf Biermann den faulen kommunistischen Stumpen aus einem „vorlauten Maul“ (Biermann) zu entfernen half.

    Oh – wg. Martha Nussbaum – man kann, wie ich finde, sehr wohl über alles philosophieren. Auch über die Frage des Glücks. Aber:

    I would prefer rather not to – wie ich gestehe – mit meinem Lieblings-Kantianer Johann Benjamin Erhard, der einst riet: Der Philospoph „vertilge den stolzen Gedanken aus seiner Brust, die Menschen glücklich zu machen“!

    Vernunft und Argumente – das wars für Erhard in der Philosophie. Ich schließe mich ihm freudig an.

  51. Aber natürlich kann man über alles philosophieren. Wobei hier wiederum zu fragen ist: Was ist mit dem Verb „philosophieren“ gemeint. Im Sinne von Nachdenken, Vordenken, den Gedanken ihren Lauf lassen: sicherlich kann man das und die Frage nach dem Glück ist eine zentrale Frage der Philosophie. Aber ob man das Glück auch als Begründung gegen Kants Kategorischen Imperativ etwa einsetzen kann, das ist dann mehr als nur Nachdenken. Da muß man halt Gründe aufzeigen und da wird es meist schwierig, denn in der Regel steht ein Glück neben dem anderen. Was des einen Freud ist des anderen Schnitzler, quatsch, Leid heißt er. Oder es?

  52. @ Bersarin
    „Es“, „natürlich“ (die beiden stammen von Ihnen). Ich aber – : Ich schließe diesen Gedanken ab mit dem trefflichen Ausruf: „Klar Moppel!“ (der Kerzenhändler Matern in „Geht in Ordnung – Sowieso – – Genau – – -„) !

    Bissl ernster noch: Erhards o. a. Einwand gegen die Glücksphilsosophie ist – mir jedenfalls – durchaus lieb.

  53. Man kann es auch kürzer noch haben: In der verwalteten Welt und in einer Welt, wo Menschen verhungern, ist Glücksphilosophie schlicht einer Schimäre und objektiver Betrug Aber auch das freilich sind eher Slogans, spekulative Gedanken und loese Assoziationen, die aufs Bedenkliche lediglich deuten. (Was ja genau die Aufgabe der Philosophie ist, wenn sie es angemessen betreibt: und eben nicht, den Gedanken vom Glück nun widerlegt zu haben. Und wir wissen ja sowieso: „Herr Rossi sucht das Glück.“ Um den guten Henscheid zu ergänzen.)

  54. Don Alphonso, sagt Michael Klonovsky heute auf acta diurna, sei von der FAZ per tweet seiner beiden Blogs enthoben worden.

    Klonovsky vermutet aus intimer (und schmerzhafter) Kenntnis des deutschen Verlagswesens heraus, dass die „überzähligen Hochbegabten“ dahintersteckten, die sich in den Marketingabteilungen gegenseitig „Tortengrafiken und Flipcharts“ zeigten.

    Wenn das stimmt – aua!

    Dafür haben Sie eine Neue angeheuert bei der FAZ, die jetzt Joni Mitchells „Free Man in Paris“ als Wohlfühlquelle durchnimmt. Wenn auch fehlerhaft, und mit fast null Resonanz. Ihre süße Zahnlücke erinnert freilich an die von Don Alphonso – – – seufz, seufz.

  55. Habe es heute am frühen Nachmittag mitbekommen. Dachte erst: Ach und oh weh, sehe es aber inzwischen als eine Glücksfall, weil Veränderungen Not tun und, daß sich womögliche die NZZ neu aufstellt und für konservative, liberale und linke Kräfte aus dem nichtkulturalistischen Lager eine Möglichkeit bietet. Wenn ich so sehe, was inzwischen bei FAZ bloggt, ist das nicht gerade einladend. Aber genau diese Konstellation habe ich mir schon vor ein paar Monaten gedacht: eine Frage der Zeit.

    Sehr gerne hätte ich einen Blog von Hannah Bethke gehabt.

    Ein Blog bei der FAZ ist inzwischen keine Referenz, sondern eher ein Makel. Insofern ist diese Entscheidung eine gute Sache. Sollen sich doch faz-, taz-, zeit-online gegenseitig das Wasser abgraben. Ich hoffe sehr, die NZZ stellt sich neu auf.

    Und es gibt ja weiterhin AISTHESIS als Grandhotel Abgrund, als Refugium, als Qualitätsmedium, zwischen den Stühlen. Mal Ernst Jüngers Widergängertum, mal Heidegger, mal Gramsci. Mal Benjamin, mal Adorno. Wir sind viele.

  56. @ Bersarin

    Naja. Ich war heute Mittag im Sumpf und im Forst. Bald kommen die hunds Zecken wieder.

    Die Abokündigung muss ich mir noch überlegen. Die NZZ war z. B. in der letzten Januarwoche ersten Februarwoche ü b e r r a g e n d.
    Während die FAZ den Genderismus und die Geistfeindschaft nährte – ich sag keine Namen (einer heißt Harald Staun, eine Caroline Wiedemann – – puhhh beide undenkbar in der NZZ).

    Aber auch so Köpfe wie die Wissenschftsredakteure, die praktisch nichts mitkriegen, oder die schon wieder zum niederknien tranfunzelige England-Kulturkorrespondentin Gina Thomas, oder der manchmal aber sowas von vollverpeilte France-Kulturkorrespondent Jürg Altwegg (seine letzte Husarentat war, Chathérine Deneuve und Cathérine Millet vozuwerfen, sie rechtfertigten Vergewaltiger in ihrem Manifest – – – ).

    In der NZZ derweil: Douglas Murray, Mark Lilla, Peter Sloterdijk, aber auch ein ganz ein aufgeräumter alter Experte, der über Landwirtschaft schrieb – oder halt der überaus charmant verpeilte alte Enzensberger…Toby Vogel über den Islam in Europa…Daniel Gerny über die inhaltliche Weiterentwicklung des Schweizerischen Volksentscheids…(ichab nachgeguckt): Ganz einwandfreier Journalismus – oder der Besuch des Feuilletonchefs René Scheu beim glänzend aufgelegten Francis Fukuyama in Kalifornien vor ein paar Wochen – – – : Sehr ergiebig.

    Währenddessen auf der FAZ-Wissenschaftsseite – – gähnt einen die vollkommene Leere an. Philatelie (kein Witz) und die alten Fragen, wer denn nun tragischer sei, Ikarus oder Sisyphus usw…
    Vorne im Feuilleton dreht Dietmar Dath auf Marx‘ Glatze virtuelle Locken nach dem Motto: Minimaler Arbeitsaufwand bei maximaler revolutionärer (und genossenschaftlich in Freiburg verbrachter) Freizeit – bezahlt von der doofen FAZ.

    Regina Mönch, Manuela Wiegel, Heike Göbel (huch – lauter Frauen….) würden mir fehlen. Die Kunstkritikerin Rose-Marie Gropp, die meinte, Basquiat sei in der aktuellen Ausstellung in Frankfurt „wiederentdeckt“ worden – – – uf, uff: Sicher nicht.

    Ja, machen Sie mal schön weiter, Bersarin. Sie können sich nur selber rausschmeißen, das ist ein Vorteil, wie es aussieht.

  57. In der Tat, ein Vorteil, und ich mache so, wie ich mache. Aber selber sich ins Abseits schießen oder sich rausschmeißen geht – sofern Wind oder Zeitgeist sich drehen und dem Schiffer nicht hold, sogar sehr schnell kann das eigene Boot kenntern. Mir aber immer noch egal. (Habe heuer im Kontext Görli und Grenzkontrolle nach Tschechien das Wort „Negergral“ beim Telefonieren benutzt. Kam aber nicht so schlimm an. Alle wußten, worum es geht und daß das zugleich nicht gegen Schwarze geht, sondern einen anderen Drive zugleich mitmeint. Aber selbst wenn nicht: mir egal.)

    Was den Darth betrifft, stimmt’s. Es seien ihm die FAZ-Silberlinge gegönnt. Ich würde es genauso machen, wenn ich auf das Geld angewiesen wäre. (Keine Ahnung, was man mit Romanen verdient. Aber von Vorträgen und Artikelchen zu leben, ist mittlerweile nicht mehr ganz so einfach)

    Man wird Hoffnungen auf die NZZ setzen müssen.

  58. OK, wir kommen da nicht weiter und sollten es auch nicht ewig auswalzen. Jedenfalls sollte man die Möglichkeit, dass jemand einen philosophischen Text liest, versteht, und ihn trotzdem ablehnt, nicht ausschließen.

    Ich lese übrigens grade Pinkers neues Buch („Enlightenment now“) und bin nach den ersten Kapiteln recht angetan.

  59. Na ja, das ist keine Lösung, wenngleich es richtig ist, daß man gewisse Dinge nicht auswalzen muß. Weiter kommt man nur mit Argumenten. Und ich habe auch gar nichts dagegen, an Kant Kritik zu üben. Das ist ja nicht das Thema gewesen, sondern es ist die Frage, wie man Kant kritisiert, mit welche Argumenten. Aufklärung ist übrigens ein pluraler Begriff und keiner der Exklusion: da fallen Hume, Kant, Rousseau genauso mithinein wie Helvétius.

  60. Na, die erwähnten Autoren sind, von Enzensberger abgesehen, für mich eher ein Grund die NZZ nicht zu lesen.

  61. Mark Lilla hat zur MInderheitenpolitik und inwiefern sie dem „Neoliberalismus“ (als Schlagwort hier) Tür und Tor öffnet bzw. ihm nicht entgegenzusetzen hat, einiges Gutes geschrieben. Sollte die MInderheitenlinke mal überdenken, um nicht links eine immer größere Minderheit zu bilden, wählermäßig. Sloterdijk lese ich schon ganz gerne, aber gerne können in der NZZ auch andere Autoren zu Wort kommen. Ich halte es in diesen Fragen mit dem Pluralismus, Zizek schreibt dort ja auch.

  62. Gut, Zizek lohnt sich sehr. Den besagten Beitrag von Lilla habe ich bisher nur überflogen, qualifiziertes kann ich dazu nur sagen wenn ich den genau gelsen habe.

  63. @ che2001
    Sloterdijk ist unermüdlich, die Illusion zu zerstören, der Nationalstaat habe sich erledigt. Und das passt in der Schweiz ganz wunderbar. Lilla – cf. Bersarin. Douglas Murray „The Strange Death of Europe“ ist eines der besten Bücher des letzten Jahres – weltweit, soweit ich sah. Beide Murrays sind großartig, der junge Murray ist auch noch eloquent und charmant.
    Das Grespräch von Scheu mit Fukuyama ist an manchen Stellen eine sehr sehr bediente Kiste. Auch Fukuyama versteht, dass sich Gesellschaften nicht aus sich selber bauen (= dass sie voraussetzungsreich sind). – Der perfekte Gegenentwurf (ich bin jetzt ein bissl gemein – auch vom Niveau her (von der Reflexionstiefe)) ist Ulrike Guérot die gerade auf der Facebookseite der Deutschen Bank einen 45-Sekünder online hat, wo sie sagt, das Deutsche Nationalbewußtsein sei bruch- und verlustlos herzuleiten aus der bismarckschen Einführung der Sozialversicherung. Und deshalb müsse die EU jetzt ausgebaut werden über die Vergemeinschaftung der Versicherungssysteme und es müsse eine europäische Republik her (das irre ist nicht nur, was die da sagt, sondern dass derlei – ehe -Analysen das Hintergrundrauschen bilden für die derzeitige Flucht in die Internationlsierung und den mehr oder wniger unregulierten Zuzug.

    – Das sind die großen realpolitischen Pole – und die markiert intellektuell die NZZ derzeit quasi perfekt.- Von mir aus zusammen mit der Weltwoche und deren Chef-Deutschlandkorrespondent.

    Nachtrag von oben: Der gute Landwirtschaftsschreiber ist Ueli Niklaus – sein Kommentar in der NZZ vom 30. 1.: Natur Markt in der Landwirtschaft – 1a.

  64. Das Interview von Mark Lilla in der Zeit ist schon interessant. Man muß da gar nicht alles teilen und im Chor mitsingen. Dieses Entweder-Oder als Haltungsabforderung ist sowieso eine unphiloosphische Haltung: alles von Lilla schlecht, alles von Lilla gut. Anstatt mal konkret in einen Text hineinzugehen und ihn auf das, was er sagt zu befragen, statt ein zwei Thesen zuzuspitzen. Bei Lilla werden Probleme genannt, über die die Linke nachdenken sollte, wenn sie qua demokratischer Wahlen in die Regierung will. (Und eine andere Möglichkeit sehe ich im Westen nicht, um sich an einer Regierung zu beteiligen. Weder hier noch in den USA werden in absehbarer Zeit soziale Revolutionen ausbrechen. Und wenn das kommt, so befürchte ich, daß es nicht so abläuft, wie sich viele das wünschen. Aber das ist ein anderes Thema.) Der Lilla ist schon interessant.

    http://www.zeit.de/2018/03/mark-lilla-identitaetspolitik-interview

    Über das, was da in Schweden geschieht, muß man in der Tat nachdenken und schauen. Zunächst mal analysierend: Was ist da der Fall? Übertrieben, untertrieben? Also: Prüfen. Und wenn das tatsächlich so ist, sollten wir darüber nachdenkenn, wie Migration und Integration zu händeln sind.

  65. @ Bersarin
    Ich setzte noch ein bisschen früher an: Ich meine es sei a u c h – und ganz eindeutig, bereits, ein Problem der Wahrnehmung/Berichterstattung. Das ist doch irre, dass solche Berichte wie der o. a. aus der NZZ oder ein ähnlich gelagerter aus der Basler Zeitung von vor zwei Wochen hier (=in den deutschen Großmedien) keine Entsprechung haben.

    Wenn man keine unregulierten Zuzug will, muss man sich Gedanken über Grenzen machen. Wenn man sich demonstrativ keine Gedanken über Grenzen, sondern stattdessen Gedanken über die europäische Integration macht, wie der alte Habermas letzte woche in der „Zeit und die Ulrike Guérot auf facebook bei der Deutschen Bank, dann – schadet man diesem Land und dieser Gesellschaft durch Wolkenkuckucksheimereien – ohne wenn und aber (= o h n e Dialetik),- – in – – d i e s e m Fall (ich meine ja wirklich, Strauß‘ Dialektik-Abelhnung beruhe im Prinzip auf einer zu engeln lesart des Wortes Dialektik. – – Ich meine so: Man kann die Frankfurter Schule auch so kritisieren, wie Odo Marquart das z. B. getan hat, und braucht dann die Dialektik als solche gar nicht verabschieden. Strauß hat sich so entschieden. Das deute ich im Übrigen auch als ein (positives!) Demuts-Zeichen – nämlich sich verabschieden vom Groß-Durchblick der Globaldeutung (in dieser Lesart ist auch Luhmann ein anti-Dialektiker (falls ich noch immer verständlich sein sollte, eheh – hoffen tu ichs ja…).

  66. Luhmann ist insofern Dialektiker, weil er, wie Hegel schon, in Figuren der Vermittlung denkt, nur fehlt bei Luhmann der Gedanke des geschichtlichen Fortschritts. Was bei Hegel Revolution oder Fortschritt in der Geschichte ist, ist bei Luhmann Evolution der Systeme.

    Adorno Philosophie ist aus seiner Zeit heraus zu begreifen, was die „Dialektik der Aufklärung“ betrifft. Eine Reflexionsfigur wie das Nichtidentische jedoch ist bis heute von Bedeutung, weil darin eine plurale Vernunft aufscheint , die noch ihr anderes und das, was im Prozeß der Rationalität ausgeschieden wurde, in den Blick nimmt. (Daran laborierte und arbeitete ja, in der Sattelzeit, in der sich wesentliche Umbrüche ereigneten, sowohl einer wie Hölderlin als auch Novalis und die Schlegelschen frühen Romantiker und ebenso Schelling und Hegel um 1800 herum, im späteren sollte sich das ändern.) Wollte man mit Habermas hier systemstabilisierend sprechen, könnte man sagen, daß solches Nichtidentische die Reparaturleistungen für eine ins Einseitige verkürzte Rationalität übernimmt. Weiterhin muß man in diesem Kontext die Ebenen unterscheiden, ganz dialektisch. Das eine sind unmittelbare praktische Erwägungen, wie die Frage nach notwendigen Grenzen. (Die ich teile. Die Kontrollen einfach auszusetzen, war ein Fehler.) Das andere sind Standards der Reflexion, des Denkens und dessen Bestimmungen. (davon einmal ab, daß der Begriff der Dialektik, wie Holz in seiner Mammutstudie darlegte, weit aufgefächert ist.) Philosophie, und dazu gehören Heidegger sowohl wie Adorno, die sich auf diese Bestimmungen und Bedingungen des Denkens einläßt, will keine praktischen Resultate als Handlungsanweisung liefern. Diese Form der Philosophie ist keine Politik und keine Soziologie.

    Sich über Europa Gedanken zu machen, ist dennoch nicht verkehrt, in diesem Sinne wäre dann das neue Buch von Joschka Fischer interessant zu lesen. Ich denke auch, das eine schließt das andere nicht aus. Man kann europäische Strukturen ausbilden und trotzdem an Grenzen festhalten. (Davon ab, daß das eine das Asylrecht ist und das andere ein dringend nötiges Einwanderungsgesetz.) Jedes Land der Welt kann nur eine begrenzte Menge an Menschen aufnehmen. Und wenn es mehr sind als gedacht, so muß man den Leuten eine Erklärung oder Lösungen anbieten, die sie überzeugen, diese Dinge müssen in irgendeiner Form diskursiv vermittelt sein. Das, was hier und in Schweden anscheinend passiert, überzeugt viele nicht. Und darüber muß man halt irgendwie sprechen. Kritiker hier einfach als Nazis zu beschimpfen, ist wenig zielführend. Und ich vermute auch, daß das die Kritisierten eher nicht überzeugen wird. wer also zu solchen Begriffen greift, sollte sich dann hinterher nicht über Wahlergebnisse wundern, die nicht behagen.

  67. Sie reden ja ganz vernünftig, aber manchmal in einer merkwürdigen Form. Zu viele Leute – wo? Guérots und Fischers Antwort lautet: Dafür muss man nach Europa schauen. Verstehn Sie: Guérot und Fischer (und die schrumpfende Deutsche Bank- huh, das sind Koalitionen) machen Ernst mit der Idee, der Nationalstaat sei obsolet geworden.

    Sie aber brauchen ihn noch – zumindest im Falle Schwedens, offenbar.

    Wg. Dialektik usw.

    1) Das Identische und das Nichtidentische – dieses Begriffspaar ist Teil der von Habermas kritisierten insuffizeinten Adornoschen Erbmasse – : = „Aporien der Subjektphilosophie“.

    2) Es ist ein Kinderglaube, man könne den Kuchen der Vernunft essen, und könne die Suppe der Unvernunft einfach für die anderen („Das Andere der Vernunft“, hehe – die beiden Adorno-Nahahmerbrüder Böhme) feilbieten. Das resultiert in einem einzigen tatsächlich regelfreien, aber in der Konsequenz auch – leider: Bedeutungslosen (= wesentlich indiskriminativen) großen Argumente-Verschiebebahnhof (der wirklich manchmal verblüffend (=begeisternd) vive Habermas sah genau darin eine der wirklichen Verbindungslinien von Adorno zu der Dekonstruktion und allerlei Postismen – wenn man darauf wartet, dass das endliche einer nachvollzöge, weil es doch klipp und klar durchargumentiert vor unser aller Augen steht, in den einschlägigen Habermas’schen Abhandlungen – – macht man eine Entdeckung: Nämlich wie wenig Leute diese Dinge überhaupt lesen – geschweige denn wie noch viel weniger dann imstande sich, ne, erweisen, damit irgend argumentativ zu verfahren – – von 99 Leuten, die sich in diesem Bereich bewegen, noch kein zwei, soweit ich sah). Ok.

    3) Eigentlich ehrt es Adorno, dass er sich so offene Blößen gab. Ich glaube, die allermeisten davon waren als Blößen gar nicht nötig, das war einfach ein ins Grundsätzliche gewendeter Nonkonformismus Adornos (wie ganz ähnlich Kraus‘ in Sachen Sexualkritik des Bürgertums….) – ichab das schon mal gesagt mit Blick auf de Sade – derlei sieht heute aus Sicht der Ubiquitanz von tatsächlichen Sadomaso-Studios usw. ja ohnehin denkbar harmlos aus… Es ist im Grunde erledigt. Das genau macht es auch so hirnlos, immer weiter auf diesen Sex- und Genderthemen herumzureiten…

    3b) Lese gerade, dass die heutige „Zeit“ einen engländischen Sozialpychologen besingt, dem die unglaubliche Entdeckung gelungen sei, dass die Wahl der Studienfächer von Frauen einen umso größeren Bogen um die Mint-Fächer herum beschreibe, je egalitärer eine Gesellschaft sei.

    Man muss sehr (sehr!!) unausgeschlafen und gendertechnisch orientiert sein, um solch‘ eine noch dazu methodisch sehr simple, seufz seufz, Studie eines englischen Forschers als Neuigkeit zu verkaufen – derlei wissen die etwas informierteren Kreise (ja, da nehm‘ ich tatsächlcih hie und da Einblick, ne) – also dass derlei für diese etwas informierteren sozalpsychologischen Leute wissenschaftlches Kleingeld ist – seit Jahr‘ und Tag‘ – ist dem einen oder anderen nicht wirklich entgangen, aber halt der wissenschaftredaktion der „Zeit“.
    Auch noch ok.

    Jetzt aber kommt der irre Dreh: Sie suchen den Spitzenforscher ihrer Gnaden Gijsber Stoet in Leeds auf, und komplimentieren den in einen Diskurs hinein, wo herauskommt, dass diese Tendenz in China aber nicht so ausgeprägt sei, und ob man da nicht von China etwas lernen könne?!

    Der arme Tropf von Gijsbert Stoet aber begreift nicht, dass er jetzt ja dem Ergebnis seiner eigenen Studie zuwiderredet, und macht sich pflichtschuldig Gedanken, wie man diese Idee eben – fruchtbar machen könnte. Nur ist er jetzt nicht mehr auf der methodischen Ebene seiner – wie gesagt – höchsteigenen Studie, sondern im netten Gespräch mit der ZEIT, und sammelt Ansehenspunkte, weil er international wahrgenommen wird; also ist er, anstatt zu sagen, dass er das ja in seinem Papier geklärt hatte: Weniger entwickelte Gesellschaften haben eine weniger deutliche Kurve der Frauen um die Mint-Fächer herum als die entwickelteren – anstatt das knochentrocken zu kontern, macht der offenbar recht karrierefähige Mann nun den Schlenker mit und beginnt der Zeit zuliebe halt zu überlegen, wie man da von China lernen können…

    Oh ja – und wenn sie nicht sterben, werden sie sich weiter ihren strukturell (!) unendlichen Problemen zuwenden.

    Es ist im Zweifel immer schöner, für die „Zeit“ virtuell zu gendern, als in der Realität Probleme anzugehen. – Realität ist einfach nicht sexy… Seufz, seufz.

    Zurück ins Sado-Maso-Studio – oder zurück in die warme Stube von Mamas und Papas „Zeit“.

    PS
    Zurück, zurück, so schallt unüberhörbar der Ruf unserer Tage – und wenns mit jOCKL fISCHER ZURÜCK geht zum (damals schon illusionären) Internationalismus der schönen 68er Zeiten.

    (Noch schlimmer (!) als sozusagen schlichte Nostalgiker, sagt der streng populärkulturell gepolte Bob Christgau, seien Leute mit einem nostalgischen Blick auf vergangene Revolutionen… – ich wünschte, ich hätte jetzt ein schönes Adorno-Zitat bereit, um diese erneute dialektische Volte auch noch im Duett mit diesem Genie beenden zu können – allein: Mir fellt keins ein, gradjetzt: würde Ihnen eins einfallen wollen Bersarin, wenn diese leise Anfrage Sie hoffentlich, will ich sagen, nicht unnötig inkommodieren möchte, wie ich von ganzem Herzen hoffe, bzw. -: – hoffen zu wagen – – nicht anstehe, schlußendlich, so will mir immerhin scheinen (= so deucht mir nu‘).

  68. Subjektphilosophie ist auch so ein merkwürdiger Terminus: was ist denn Habermas? Ein Automat, ein Fahrstuhl, ein Objekt? Wohl nicht. Solche Festschreibebegriffe führen leider genau zu solchen Mißverständnissen, weshalb ich sie in der Philosophie eher meiden würde oder sie allenfalls als eine Art Richtungsmarke einsetzen würde. Etwa für Studenten. Aber nur, um diesen zu zeigen, daß es gilt, solche Einhegungen zu überwinden. Sie behindern und verhindern das Denken. Und sie verhindern es, den immanenten Gehalt eines Textes zu begreifen. Ein weiterer sinnloser Begriff ist der der Analytischen Philosophie. Als ob nicht das Gros der philosophischen Texte analytisch wäre.

    Das Nichtidentische ist nicht Ausdruck der Aporien der Subjektphilosophie, sondern Resultat der Philosophie, Zentrum und Peripherie der Philosophie, Resultat von Reflexion. Es ist, anders als die „Dialektik der Aufklärung“ gerade keine Aporie, und ich meine auch, daß Habermas solches nie behauptet hat. Zumindest wäre das dann widersinnig. Das Nichtidentische ist ein Grenzbegriff allerdings. Aber das ist etwas ganz anderes als eine Aporie. Der Witz bei Adorno ist ja gerade, daß das Andere der Vernunft einerseits diese Vernunft selbst ist (Schelling, Hegel Deutscher Idealismus, um hier ein paar Wegmarken und Abbreviaturen zu liefern) und es zugleich ein materiales Substrat gibt, das widerständig dagegen steht. Mithin keine Aporie, sondern die voll ausgetragene Dialektik von Subjekt und Objekt, und zwar im Modus der Sprache selbst, und d.h. im Logos, in der Vernunft. Womit diese Sache eben ins Denken fällt und dieses Andere also nicht das schlechthin Andere ist. Es ist die andere Perspektivierung der Sache mittels Begriff. Insofern ist hier der Terminus ‚Subjektphilosophie‘ ganz verfehlt. In diesem Sinne ist das Nichtidentische Selbstreflexivität und gleichzeitig ihr Überstieg, jenes Andere konstellativ darzustellen und es gleichzeitig in seiner Freiheit zu belassen. Etwas, das sich eben nicht, wie Habermas das gerne hätte, in den Akt verständigender Konsens-Kommunikation überführen läßt. Ebensowenig wie Heideggers Seyn. Deshalb auch die Notwendigkeit von Kunst. Und von Sprache. Ähnliches finden wir in der Dekonstruktion Derridas, allerdings eher von Husserl und Heidegger ausgehend, während wir bei Adorno deutlich mehr Hegelsche Motive ausmachen können. Die Komplexität dieses Denkens und daß hier, wie auch bei Adorno, nicht einfach ein Anderes der Vernunft abstrakt gesetzt wird, hat Habermas vermutlich erst spät entdeckt. In „Der philosophische Diskurs der Moderne“ zumindest war er davon noch weit entfernt.

    Was dieses Andere als Anderes einer Norm betrifft, bspw. in der Sexualität, so muß man das zunächst mal von der Instanz des Denkens als Denken trennen – also das, was seit Platon und Aristoteles (und eigentlich schon seit den Vorsokratikern) das Denken des Denkens genannt wird. Solche (kulturellen) Praktiken sind geschichtlich, Foucault zeigte das ganz gut. Aber im Grunde genauso Koselleck wie auch Luhmann – wir denken an „Liebe als Passion“. Und geschichtlich heißt eben: Wandelbar und keine ontologischen oder anthropologischen oder essentialistischen Konstanten und wir können in der Wissenschaft dann, wenn es gut läuft, zeigen, wie etwas geworden ist und wo es herkam und wie es sich wandelte. Der Pop tat ein übriges, daß man heute wie selbstverständlich zu wilden SM- Partys à la Les Fleurs du Mal oder zu Bohème Sauvage oder zu anderen liederlichen Partys geht.

    Das Andere bei Adorno ist grundsätzlicher konstituiert, weil es sich um eine Formbestimmung des Denkens handelt. (Das es als Praktik wieder zu lernen gilt. Darin ist er Heidegger verwandt.) Was diese konkreten Praktiken betrifft, so fällt das unter Kulturindustrie, Institutionalisierung und Habitus. Die Fähigkeit zur Erfahrung und diese darin zu schärfen, ist nach Adorno auch dort sicherlich möglich. Man denke nur an seine Passagen zur Empfindungsfähigkeit in den „Meditationen“. Und da setzt dann bei Adorno im Kontext des Nichtidentischen zugleich der phänomenologische und soziologische Blick ein.

    Der Genderkram in seinen verrückten Varianten – es gibt ja auch ernstzunehmende Forschungen – interessiert mich eigentlich nur als pathologische Form von verirrten Kindern. Mit Foucault hat das soviel zu tun wie ein Kinderklapprad mit einem italienischen Rennrad.

    Die Belegung der Studienfächer nach Männlein und Weiblein ist in der Tat ein interessantes Ding und eine Untersuchung wert.

    Tja, das Gendern: wie las ich es kürzlich irgendwo? Gerne nehmen wir eine gendergerechte Sprache und eine korrekt gegenderte Nationalhymne, wenn dafür der Frauenanteil in bestimmten Sparten wie Theaterintendanz, Management und Regie so bleibt, wie er ist und auch die unterschiedlichen Bezahlungen in vielen Sparten so bleiben. Es ist halt vieles Symbolpolitik und vor allem Mode, ohne daß es mal auf die Sache selbst und in die Tiefe ginge. Die Diskurse und Debatten erschöpfen sich im Abklatsch der Positionen und in Haltungskritik.

  69. @ Bersarin wg. Adorno und dem Genderismus usw (dem Islam, dem Nationalstaat, der Kriminalität, der Ökonomie).

    „Der Witz bei Adorno ist ja gerade, daß das Andere der Vernunft einerseits diese Vernunft selbst ist (Schelling, Hegel Deutscher Idealismus, um hier ein paar Wegmarken und Abbreviaturen zu liefern) und es zugleich ein materiales Substrat gibt, das widerständig dagegen steht.“

    Das triffts natürlich – aber das trifft damit auch den monologischen Kern – also die sozusagen strukturelle Unerlösbarkeit von dieser Art von kritischem Denken. Habermas hat das kritisiert, und eine Alternative formuliert, deren Hauptmerkmal bekanntlich auf den Namen Intersubjektivität hört.

    Habermas tat das, weil er will, dass sich die Philosophie anderen Diskursen öffnet und bereit ist, diese Öffnung zu verbinden mit der Anerkennung der je eigenen Logik des zu kritisierenden Bereiches (= es gibt eine gar nicht so geringe Schnittmenge zwischen Luhmann und Habermas: Nämlich in genau dem Punkt der Anerkenntnis d i v e r s e r Logiken diverser Bereiche (Systeme, Subsysteme in Luhmanns Terminologie).

    An dem Punkt, wo Luhmann in der Eigenlogik der diversen Systemlogiken die Subjektivität überhaupt verschwinden lässt, ist er das Spiegelbild des „nichtidentischen“*** Adornos in Habermas‘ Augen.

    Sie verfahren selbst hie und da wie von Habermas vorgeschlagen in Sachen Gendern. Sie tun das hin und wieder in Sachen Migration, Kriminalität und Islam. Enzensberger tut das z. B. in Sachen Ökonomie. (Es ist eine gleichsam paradoxe Schwäche, das bessere Argument anzuerkennen. Bzw. es ist eine paradoxe Stärke, das zu tun).

    ***
    Das Nichtidentische ist eine der Spielmarken (von mir aus auch: Chiffren…), mit deren Hilfe der Zauberer Adorno die Subjektivität auf sein quasi überweltliches Geheiß – hie auftauchen – – und da wieder verschwinden lässt. Einmal als Chimäre bürgerlicher Selbstgewissheit/ bürgerlichen Behagens usw. (=“der Himmel des Spießers“, wahlweise der Himmel des von der Unterhaltungsindustrie quasi versklavten Kleinbürgers) einmal als meist sogleich wieder eingeschränkte, aber doch so grade noch sichtbare wunderbare Resurrektion – wie im Falle von Schönbergs Ästhetik. Also meist bei Adorno als ästhetischer – nun ja Blochscher eigentlich, Vor- oder von mir aus auch: Nachschein des Eigentlichen (=des (irgendwie: doch) Schönen; des wie kryptisch auch immer (=doch!) Wahren (=eigentlich Unwahren usw.) und halt auch irschndwie doch auch Guten: Z. B. die Freundlichkeit eines Ladenmädchens in den USA.

  70. Nein, das monologische ist ja gerade durch die auswendige Natur des Nichtidentischen gebrochen. Es ist dies eben kein solipsistisches kreis

    „Aber die Dialektik Hegels war eine ohne Sprache, während der einfachste Wortsinn von Dialektik Sprache postuliert; soweit blieb Hegel Adept der gängigen Wissenschaft. Im emphatischen Sinn bedurfte er der Sprache nicht, weil bei ihm alles, auch das Sprachlose und Opake, Geist sein sollte und der Geist der Zusammenhang. Jene Supposition ist nicht zu retten. Wohl aber transzendiert das in keinen vorgedachten Zusammenhang Auflösliche als Nichtidentisches von sich aus seine Verschlossenheit. Es kommuniziert mit dem, wovon der Begriff es trennte. Opak ist es nur für den Totalitätsanspruch der Identität; seinem Druck widersteht es. Als solches jedoch sucht es nach dem Laut. Durch die Sprache löst es sich aus dem Bann seiner Selbstheit. Was am Nichtidentischen nicht in seinem Begriff sich definieren läßt, übersteigt sein Einzeldasein, in das es erst in der Polarität zum Begriff, auf diesen hinstarrend, sich zusammenzieht. Das Innere des Nichtidentischen ist sein Verhältnis zu dem, was es nicht selber ist und was seine veranstaltete, eingefrorene Identität mit sich ihm vorenthält.“
    Oder im Hölderlin-Essay, wo ja das Nichtidentische bereits sich konfiguriert:

    „Ohne Einheit wäre in der Sprache nichts als diffuse Natur; absolute Einheit war der Reflex darauf. Demgegenüber zeichnet bei Hölderlin sich ab, was erst Kultur wäre: empfangene Natur.“

    Und in ihrem letzten Absatz bringen Sie es mehr oder weniger auf den Punkt: ich würde das Nichtidentische in der Tat nicht Spielmarke, sondern Chiffre nennen. Changierend zwischen praktischer, theoretischer und ästhetischer Vernunft und damit auf dialektische Weise die Einheit dieser Vernunft als Logos doch wieder garantierend. (Man kann das dann so beschreiben, Adorno stünde damit in der Tradition des Deutschen Idealismus. Aber ich denke, solche Begriffsmarken verfehlen das Spezifische philosophischer Begrifflichkeiten.)

  71. Na gut: „Kultur = empfangene Natur“.

    Und dann?

    Dann geht das natürlich so weiter wie gehabt:

    „Wohl aber transzendiert das in keinen vorgedachten Zusammenhang Auflösliche als Nichtidentisches von sich aus seine Verschlossenheit. Es kommuniziert mit dem, wovon der Begriff es trennte. Opak ist es nur für den Totalitätsanspruch der Identität; seinem Druck widersteht es. (…) Das Innere des Nichtidentischen ist sein Verhältnis zu dem, was es nicht selber ist und was seine veranstaltete, eingefrorene Identität mit sich ihm vorenthält.“ – Nämlich seine „empfangende Natur“
    – welche Natur, als Opake, nach dem Wort sucht, das in Schönberg seine tiefste Entsprechung findet, indem seine Musik auf eine Weise zu uns spricht, die dem begrifflichen Denken und den Gewissheiten, die dieses suggeriert, im Schmerz sich entzieht, ohne den – – – –

    Und das kann ewig so weitergehen, gar kein Zweifel. Nur wäre das dann für mich nicht das Paradies (= der Himmel) der Reflexion, sondern, „gesteh‘ ichs nur recht freudig ein („Der Grüne Heinrich“ – wo nicht gleich „Die Leute von Seldwyla“ oder das „Schulmeisterein Wutz“) die Hölle.

    Aber ich will nicht so enden.

    Es ist so, sagt nämlich Habermas, dass Adorno vor der Preisgabe seiner extremen Vorbehalte gegen das „Identitätsdenken“ gar nicht hätte soviel Reserve haben müssen. Denn, sagt Habermas, dem Genie ist ein feiner Wink des Schicksals aus (nachvollziehbaren) Gründen verborgen geblieben, und der zeigt genau auf dieses Phänomen:
    Dass in der Moderne nach Adorno die Einheit der Vernunft nicht totalisierend ist (und zwar überhaupt nicht!).

    !

    Ganz im Gegenteil, ruft Habermas Adornos Geist an, denn ihm, Habermas ist das erst eingefallen, als das einzige Genie, dem er je begegnete, wenn auch ein wenig überraschend, so aber doch unwiderruflich, das Zeitliche bereits gesegnet hatte. Denn wenn man die Verfassungswirklichkeit, und wenn man die Diskurse der demokratisch gesonnenen aufgeklärten Öffentlichkeit ansieht und vorurteils- aber nich kenntnisfrei durchleuchtet, so wird man zu einem durchaus erfreulichen (und letzlich erfreulich nahe bei Adornos kühnsten dialektischen Träumen in Sachen Identisches / Nicht-identisches angesiedelten) Resultat gelangen und feststellen dürfen, dass die substantielle Einheit der Vernunft (und das, sagt Habermas, ist wirklich im Sinne Adornos, und es ist gut) – ein für allemal – – verpufft ist – futschikato die Chimäre – hat sich – – – – verflüchtigt in die Weiten des Alls…*** – – – und ist uns, endlich, historisch geworden.

    (Fotsetzung folgt!)

    ** wirklich, das sagt Habermas – vollkommen Ironiefrei. Das, sagt er, ist die Art und Weise, wie der Geist, sozusagen, heutzutage sich zeigt.*****

    ***** Ich gebe‘ wenigstens eine systematische Textstelle, aber deren jibbet beim fleißigen Habermas natürl’ch Dutzende: „Sicher können wir die Grenzen unserer epistemischen Kontexte von innen immer weiter hinausschieben; aber es gibt keinen Kontext aller Kontexte den wir überschauen könnten. Nichts berechtigt uns zu der Erwartung, das letzte Wort zu behalten.“ – Insofern bleibt die Identtität usw. notwendig flüssig (= das Identische notwendig nicht-identisch, ganz wie Adorno es immer gewollt hat). Aber nur insofern.

    Das Zitat ist in Wahrheit u Rechtfertigung auf S. 219

  72. Na ja, Dieter Kief, bei solchen Sätzen Adornos ist aber nicht entscheidend, wie Sie das empfinden – zumal es sich ja eher um Ihre eigenen Ausmalungen und Auspinselungen handelt und nicht um das, was Adorno konkret in diesen Kontexten schreibt.

    Für viele Menschen übrigens ist das, was hier ist, die Hölle. Und zwar ganz real in bezug auf die Lebensumstände. Da ist mir dann in bezug auf die Gegenwart Adornos menschenfreundliches Denken im Sinne der Menschenwürde doch um einiges lieber. Es steht in der Tradition Giovanni Pico della Mirandolas, in der von Spinoza und auch Kant. Vielleicht auch als Geist der Utopie, obwohl die ja bei Adorno schwarz verhüllt ist. Zumal ja gerade Philosophie nicht gehalten sein sollte, das was ist einfach kritiklos abzusegnen.

    Und zudem bitte unterscheiden, Dieter Kief: Formbestimmungen und Inhaltsbestimmungen. Adorno malt ja gerade nicht den Garten Eden aus und schreibt uns den Sonnestaat, sondern setze eine andere Möglichkeit des Umgangs mit Natur. Ein sehr grünes Projekt würde man heute sagen, und es hat wohl seinen Grund, weshalb Adorno – als erster in der Mitte des 20 Jhds. – das Naturschöne in der Kunst ins Spiel brachte, und zwar in einer durchaus kritischen, also dialektischen Weise. Die Natur wird eben nicht als besseres Anderes installiert. Und so auch in dem Zitat zu Hölderlin. Es hängt dieses ganze Spiel von Nähe und Ferne am Subjekt, ohne in dessen Vergottung zu münden, und es ist auch um eines emphatischen Subjekts willen genau so veranstaltet.

    Und genau das meint ja auch Adornos Kritik am Identitätsdenken, darin zumindest in Motiven Heidegger sehr nahe, wenngleich, was den Aspekt konkreter Geschichte betrifft, beide Welten trennen. Auch hier beschreibt Adorno in seiner Kritik eine formale Struktur des Denkens. (In etwas simplerer Weise und wie ich finde falsch hat dies Erich Fromm in die Kunst des Liebens gemacht, indem er die Aristotelische Logik dafür verantwortlich machte. Diese Simplifizierung hat Adorno gottlob immer gescheut und ist auf der Höhe der Reflexion geblieben.

    In diesem Zug des Denkens finden sich auch Parallelen zu Derrida und zugleich, was den Rekurs aufs Subjekt betrifft. Differenzen. Schade, daß Derrida zu früh starb und nicht mehr dazu kam, diesen Adorno-Bezug auszufalten. Adorno kam bei ihm ja eher wenig vor.

    Was Habermas macht, ist in vielem leider eine Philosophie des Konsenses. Die würde bei Adorno so und in dieser Form nicht auftauchen. Andererseits muß man Habermas eben zugute halten, daß er sich auf eine konkrete Situation bezieht, nämlich den europäischen (und US-Amerikanischen) Rechtsstaat. Gerade ab 92 mit „Faktizität und Geltung“ trat dieses Denken ja mehr und mehr in den Vordergrund, während bei der ThdkH ja noch eine implzite Kritik Adorno und eine kommunikationstheoretische Reformulierung des Projekts Kritischer Theorie mitzulesen war. Jenen, die aufs Ganze wollten, ging oder geht das natürlich nicht weit genug. Aber ich würde beide Projekte – so differenziert sie auch sein mögen, selbst dort, wo Habermas Nähe sieht – im Sinne einer perspektivischen Auffaltung als verschiedene Aspekte einer Sache sehen. Und solches Auffächern als immanente Kritik, ohne gleich alles pauschal zu verwerfen oder pauschal zu loben, halte ich für das wahrhafte philosophische Verhalten einer Sache gegenüber. Klar gliche die Reifizierung von Adornos Nichtidentischem wohl eher einem Alptraum als daß es die gute Sache wäre. Aber diese Form von Vergegenständlichung nahm Adorno mit seinem Begriff des Nichtidentischen ja gerade in die Kritik. Und Adorno kritisiert das identifizierende Denken ja gerade dialektisch. Es muß einerseits sein und wir können auf es nicht verzichten. Aber es ist nicht zu verabsolutieren. Wer in den Satz der Identität oder den vom Widerspruch oder vom ausgeschlossenen Dritten abstrakt negiert und diese Sätze für alles Übel der Welt verantwortlich macht, reagiert genauso identifizierend wie jene, die die Welt gleichnamig machen. Darin liegt ja der Witz von Adornos Denken.

  73. Hinzufügen muß man für Adorno eben noch: Er beschriebt ja nicht den Nirvana-Zustand im Sinne des sozialistischen Abbildrealismus, sozusagen als Terror der Erfüllung, sondern es sind erzählerische Entwürfe, Bilder einer anderen, einer möglichen Welt, wie sie auch in der Literatur immer wieder aufblitzen. Sei das in Goethes Märchen, in Novalis Ofterdingen, aber auch bei Jean Paul, etwa im Siebenkäs.

    Dazu vielleicht der schöne Aphorismus aus den „Minima Moralia“ Sur l’eau:

    -Auf die Frage nach dem Ziel der emanzipierten Gesellschaft erhält man Antworten wie die Erfüllung der menschlichen Möglichkeiten oder den Reichtum des Lebens. So illegitim die unvermeidliche Frage, so unvermeidlich das Abstoßende, Auftrumpfende der Antwort, welche die Erinnerung an das sozialdemokratische Persönlichkeitsideal vollbärtiger Naturalisten der neunziger Jahre aufruft, die sich ausleben wollten. Zart wäre einzig das Gröbste: daß keiner mehr hungern soll. Alles andere setzt für einen Zustand, der nach menschlichen Bedürfnissen zu bestimmen wäre, ein menschliches Verhalten an, das am Modell der Produktion als Selbstzweck gebildet ist. In das Wunschbild des ungehemmten, kraftstrotzenden, schöpferischen Menschen ist eben der Fetischismus der Ware eingesickert, der in der bürgerlichen Gesellschaft Hemmung, Ohnmacht, die Sterilität des Immergleichen mit sich führt. Der Begriff der Dynamik, der zu der bürgerlichen »Geschichtslosigkeit« komplementär gehört, wird zum Absoluten erhöht, während er doch, als anthropologischer Reflex der Produktionsgesetze, in der emanzipierten Gesellschaft selber dem Bedürfnis kritisch konfrontiert werden müßte. Die Vorstellung vom fessellosen Tun, dem unterbrochenen Zeugen, der pausbäckigen Unersättlichkeit, der Freiheit als Hochbetrieb zehrt von jenem bürgerlichen Naturbegriff, der von je einzig dazu getaugt hat, die gesellschaftliche Gewalt als unabänderliche, als ein Stück gesunder Ewigkeit zu proklamieren. Darin und nicht in der vorgeblichen Gleichmacherei verharrten die positiven Entwürfe des Sozialismus, gegen die Marx sich sträubte, in der Barbarei. Nicht das Erschlaffen der Menschheit im Wohlleben ist zu fürchten, sondern die wüste Erweiterung des in Allnatur vermummten Gesellschaftlichen, Kollektivität als blinde Wut des Machens. Die naiv unterstellte Eindeutigkeit der Entwicklungstendenz auf Steigerung der Produktion ist selber ein Stück jener Bürgerlichkeit, die Entwicklung nach einer Richtung nur zuläßt, weil sie, als Totalität zusammengeschlossen, von Quantifizierung beherrscht, der qualitativen Differenz feindlich ist. Denkt man die emanzipierte Gesellschaft als Emanzipation gerade von solcher Totalität, dann werden Fluchtlinien sichtbar, die mit der Steigerung der Produktion und ihren menschlichen Spiegelungen wenig gemein haben. Wenn hemmungslose Leute keineswegs die angenehmsten und nicht einmal die freiesten sind, so könnte wohl die Gesellschaft, deren Fessel gefallen ist, darauf sich besinnen, daß auch die Produktivkräfte nicht das letzte Substrat des Menschen, sondern dessen auf die Warenproduktion historisch zugeschnittene Gestalt abgeben. Vielleicht wird die wahre Gesellschaft der Entfaltung überdrüssig und läßt aus Freiheit Möglichkeiten ungenützt, anstatt unter irrem Zwang auf fremde Sterne einzustürmen. Einer Menschheit, welche Not nicht mehr kennt, dämmert gar etwas von dem Wahnhaften, Vergeblichen all der Veranstaltungen, welche bis dahin getroffen wurden, um der Not zu entgehen, und welche die Not mit dem Reichtum erweitert reproduzierten. Genuß selber würde davon berührt, so wie sein gegenwärtiges Schema von der Betriebsamkeit, dem Planen, seinen Willen Haben, Unterjochen nicht getrennt werden kann. Rien faire comme une bête, auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen, »sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung und Erfüllung« könnte an Stelle von Prozeß, Tun, Erfüllen treten und so wahrhaft das Versprechen der dialektischen Logik einlösen, in ihren Ursprung zu münden. Keiner unter den abstrakten Begriffen kommt der erfüllten Utopie näher als der vom ewigen Frieden. Zaungäste des Fortschritts wie Maupassant und Sternheim haben dieser Intention zum Ausdruck verholfen, so schüchtern, wie es deren Zerbrechlichkeit einzig verstattet ist.“

    Und in diesem Sinne kommen sich eigentlich auch Odo Marquard und Adorno nur bedingt ins Gehege. Der Pessimismus war ja auch Adorno sehr wohl gut vertraut. Umso stärker seine Kraft im Denken, hieraus kein Dogma zu schlagen und nicht den Schopenhauer zu geben. Na ja, Dialektik eben.

  74. @ Bersarin wg. Odo marquart, Habermas, Teddy Adorno, Schopenhauer Herbert Wehner

    Auch Schopenhauer und Adorno kommen sich ja nur dann absolut ins Gehege, wenn man übersieht wieviel Schopenhauer dem Buddhismus verdankt.

    „Was Habermas macht, ist in vielem leider eine Philosophie des Konsenses. Die würde bei Adorno so und in dieser Form nicht auftauchen.“

    Das ist nicht ganz zutreffend – der Konsens wäre in dem obigen Zitat aus dem nicht zufällig aus dem Stapel neben mir herausgegriffenen „Wahrheit und Rechtfertigung“, S. 219 der „Kontext aller (je verschiedenen, dk) Kontexte“ – und zudem sagt Habermas ausdrücklich: Das sei eine Chimäre der Älteren (eine, wie er an anderen Stellen sagt: für Kant und Hegel, um nur die zwei herauszugreifen: sicher funktionale Chimäre, aber halt doch: ein Trugbild, also etwas, das es – für uns aufgeklärte später Geborene und durch Habermas z. B., aber halt auch -(ok:Dialektik….) von Hegel und Kant bereits schlauer gemachte: NICHT GIBT).
    Habermas ist nicht der Ansicht, der Konsens sei das, was die Welt im innersten zusammenhält, Habermas ist in diesem Sinne kein Quietist. Er zeigt immer wieder darauf, inwiefern Konsens und Dissens: Geschwister! sind (=gleichurspünglich). Es wäre den Versuch wert, genau darin, in dieser Position Habermas‘ den starken Konnex mit der kritischen Theorie alten Herkommens zu suchen.

    Ihr „Minima Moralia“ Zitat ist schön, aber hie und da ein wenig einfältig – nur im Wasser liegen und „sein“ statt Produktivitätsfortschritten nachzujagen – das ist ja heutzutage bei jeder beliebigen RTL-Sausse und bei jedem ZDF-Mallorca-spezial: „Sommerträume“ usw. – – konsensfähig, ist es nicht?

    Ok – man könnte diesen Einwand auch positiv deuten, das ist mir klar.

    Nochmal zu Adono selber: Er kann es nicht lassen: Der kleine Dämon des „Narzissmus der kleinen Differenz“ (Freud) verführt ihn dazu, wie ich vermute, den Wandervogel und die sozialsitischen/sozialdemokratischen „Naturfreunde“ letztlich über den einen Kamm zu scheren: Nicht sensibel genug – Fortschrittshuber, Produktivitätssteigerungfetischisten, keine wirklichen Naturliebhaber. Das ist sozial- und ideengechichtlich n i c h t korrekt – und wird auch einem Sensibilissimus wie Hermann Hesse oder Rainer Maria Rilke nict gerecht und ignoriert auch Herbert Wehners Verehrung für Wiecherts „Das einfache Leben“ – eines seiner Lieblingsbücher.

    Ok – man könnte meinen letzten Einwand auch positiv deuten, das ist mir klar.

    Grad‘ letzte Woche habe ich wieder jemandem „Die Kunst des Liebens“ ausgeliehen. – Passt ja auch zum Frühling. Insgesamt eines der besten Bücher ever. – Kucken sie mal, ob sie ein Ausgabe zur Hand haben, wo vornedran das Paracelsus-Zitat über die Einheit der Natur in der Vielfalt ihrer Erscheinungen steht – („wer glaubt, dass alle Früchte zugleich reif wären, versteht nichts von den Erdbeeren…- wer aber nichts weiß, ist nichts wert…) – alors: Paracelsus est: Absolument – – – moderne!

    (Und Fromm hat das geblickt – das sind Leistungen, die mir imponieren. Dass Fromm in seinen Ableitungen hie und da ein wenig unpräzise ist, stimmt, tut aber seinem Buch keinen Abbruch, wie ich finde).

  75. Das Problematische bei Fromm ist seine Libidoherabsetzung. Fromm mit Reich, das wäre eine M ischung! Oder statt Freudomarxismus ein Reichobakunismus….

  76. @ che2001
    Das war auch Marcuses Einwand gegen Fromm. Es ist aber so wie Bloch sagt: Der Sexus ist zwar für die Fortpflanzung essentiell, aber ihm eignet keine existentielle Unsausweichlichkeit (=Wucht?! – Drive?!)). Ich weiß aus dem Stegreif gar nicht zu sagen wo Bloch das eigentlich hernahm, aber ich meine es sei diese Aussage vollkommen richtig.
    Im übrigen halte ich dafür, dass dieser Einwand Fromms Kunst des Liebens als Anleitung zur Lebenskunst gar nicht trifft, weil Fromm ja nicht die Bohne lustfeindlich war.

    Dann kommt noch Freuds dirty little secret zum Tragen, um das das Freud-orthodoxe Frankfurt (= Marcuse, Adorno) stets einen weiten Bogen gemacht hat. Ich meine die Tatsache, dass Freud natürlich darauf abzielte, das der Analysand/ die Analysandin lerne, sich anzupassen (man kann u. U. lange suchen, bis man einen findet, der dieses für Freud vollkommen klare factum brutum offen ausspricht. Es gibt einen Aufsatz des (mittlerweile: legendären…) Freiburger Analytikers Frederic Wyatt von ca. 82 – ich müsste kucken, wo das ziemlich klar zur Sprache kommt, so eine Art anayltischer Lebensbilanz Wyatts auf vielleicht zehn Seiten (!) – oh heroische Tage des Merkur, wo seid ihr hin, da derlei Hochkarätiges in diesem Heft stand. – Heute scheibt da der Mittelbau in seinem Streben nach Pokemon-Punkten (Steve Sailer) für eine künftige Festanstellung – weil halt nichts bleibt, weil nichts beibt, wie es war…
    Seufz!

  77. Schopenhauer und Adorno: das ist insbesondere für die Ästhetik eine interessante Sache. Wobei Adorno die emphatische Bedeutung des Kunstwerks und die in ihm aufgelagerte Energie eben nicht mehr explizit metaphysisch begründet. (Allenfalls einen Ton von Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes könnte man wähnen.)

    Natürlich ist, im Sinne dialektischer oder einfach auch schon sprachlicher Koppelung ist kein Konsens ohne Dissens denkbar. Nur muß das Ziel der Diskurse eben nicht IMMER der Konsens sein. Was anderes sind Diskurse, wo es um politische Entscheidungen geht. Da wird es darauf ankommen die Handlungsfähigkeit herzustellen, also eine Form von Konsens auszubilden. (Zumindest aus der Perspektive derer, die sich systemimmanent bewegen.) Aber auch das muß nicht auf Konsens hinauslaufen. Kritische Theorie Adornoscher Prägung oder auch im Sinne Marcuses ist da deutlich radikaler. Sie bewegt sich in diesem Sinne extern zu den Funktioniszusammenhängen und will sie nicht stabilisieren oder gar rechtfertigen. Wie dies bei Habermas durchaus der Fall ist. In diesem Sinne geht die Kritik Adornos und Marcuses aufs Ganze. Es wäre interessant gewesen, wie Adorno auf Habermas‘ Ausführungen der 70er und 80er Jahre, die er ja noch bis in die frühen 80er hätte kennenlernen können, reagiert hätte. Was jenen Soziologenstreit, jene Debatte Anfang der 70er betrifft: Auf Luhmann sicherlich heftiger als auf Habermas.

    Ei, freilich kann man heute einen Aphorismus wie Sur l’eau in dieser Form nicht mehr schreiben. Man kann ja auch nicht mehr wie Eichendorff oder Heine dichten. Aber sowieso ist Adornos Haltung eher die des klassischen Bürgertums, das uns eh immer mehr verloren geht. Wenngleich das rtl2-Publikum im Swimmingpool wohl eher die Karikatur dieses Zustandes wäre: action without reflection und eigentlich das Gegenteil von Erfüllung in Nichtstun, weil der Oberbegriff hier Konsum ist. Einen gebotenen „Mehrwert“, den natürlich der Arbeiter hier nur abstrakt genießt, zu realisieren. Herren, die keine Herren sind, aber im Genießen verenden. Hegel hätte seinen Spaß. Adorno auch, den man sich mit seinem Blick sozilogischen in die Gegenwart wünschte.

    Daß Adorno bestimmte Literaten ignoriert und nicht nennt, hat gute Grunde, nämlich ästhetisch fundiert, und es ist, würde ich ergänzen, auch gut, daß Adorno diese nicht nennt. Was bei Adorno fehlt, ist eine Analyse zu Jean Paul – das ist schade. Aber Adorno war nun einmal primär Musiktheoretiker, das darf man bei diesen Dingen auch nicht unterschlagen. Insofern kann es sich bei all diesen Aspekten und dem Hinweisen darauf, wo was fehlt, nur um subjektive Wünsche handeln. Die man Adorno nicht ankreiden kann. So wie es ja auch kein ernsthaftes Argument gegen Heidegger ist, er habe sich nie mit Musik beschäftigt. (Benjamin übrigens auch nicht.)

    Dem Buch von Fromm mag das im Gesamt keine Abbruch tun, wobei mich immer diese studentische Emphase seiner Leser abschreckte und wenn da aus Büchern Slogans geschlagen werden oder die Titel als Parole fungieren, damals, aber davon ist auch Adornos Werk nicht frei (was ihm sichtbar mißfiel). Aber Fromm hat eben, was die Philosophie betrifft, lange nicht das Analyseniveau von Adorno. Der Aristoteles-Bezug springt da einfach zu kurz und übersieht den Doppelcharakter der Logik.

    Fromm ist hier in der Bibliothek natürlich mit einigen Büchern zur Hand. Ich würde ihn auch gar nicht so sehr schlechtreden wollen. Er ist im Grunde ein guter Türöffner für Kritische Theorie, um von der Sozialpsychologie hier hereinzugelangen. (Aber was die analytische Schärfe betrifft am Ende eben doch eher die zweite Reihe, wie auch Kracauer.)

    Adornos Freudbezug: da liegt nicht gerade seine Stärke, weil Adorno in diesem Falle reduziert und quasi als Metaphern eher die gesellschaftskritischen und sozialpsychologischen Aspekte aus Freud Werk herausextrahiert. Adorno ist nun gerade kein Freud-Exeget, will es als originärer Philosoph aber auch gar nicht sein, sondern transformiert ein bestimmtes Denken, um daran die eigene Philosophie explizit zu machen. Das ist nicht anders als bei Adornos Kant- und Hegellektüre. Insofern sind da dann Fehllektüren, die sich aus der Sicht eines strengen Hermeneutikers ergeben, nachlässig zu behandeln, weil es Adorno ja gerade nicht um die 10001te Kant-Exegese geht. Und in diesem Sinne eben veraltet Philosophie auch nicht, weil sie in der philosophischen Lektüre immer wieder reaktualisiert werden kann, wenn ein Philosoph für bestimmte Fragen oder Problemfelder relevant erscheint.

  78. Ja. Ich stimme Ihnen zu – insbesondere was den Musikmenschen Adorno angeht (deshalb oben meine Adorno-Schönberg-Paraphrase – im Innersten hält einer wie Schönberg eben doch die Welt Adornos zusammen, und das hüftsteife und ein wenig gezierte Adornosche Lob Sternheims und Maupassants oben führt nicht in die Allerinnersten Adornoschen Bezirke.

    Da tönen die Neutöner – und sie tönen – wie gesagt, außer wenn ich fiebere (das ist kein Witz) ohne mich.
    Jean Paul aber lebt natürlich. Auch der freche Heine lebt. Und Goethe (mit seinen Adepten Nietzsche, Rilke, Andreas-Salomé, Freud und Fromm) thront.

    Aber: – –

    – – Habermas ist nicht partout auf den Konsens aus, sondern auf die Interdependenz von These und Gegenthese im Kontext kritischer (= mit Gründen argumentierendener) Auseinandersetzungen.

    Wie Sie richtig sagen, gibt es freilich Sphären der Lebenswelt, die sich nicht eignen für den immerwährenden Fluss der Gründe und Gegengründe, weil Leben (und Handeln) beschränkt (Habermas: Notwendig „provinziell“) sind – und das ist natürlich Heidegger – auf den sich Habermas trotz Adornos scharfen Einwänden – – häufig bezieht)).

    (Ich hab ja so eine kleine Liste der wichtigsten Dinge, da gehört die Regelung des Zuzugs dazu – es ist interessant, dass da Heidegger-Geister wie Sloterdijk und Safranski in dieser Sache zurechnungsfähige Positionen beziehen – vielleicht ist das auch kein Zufall. – – – Systematisch jedenfalls ist es k e i n e Notwendigkeit, wegen des o. a. Konnexes zwischen Habermas und Heidegger).

  79. Tja, die Frage nach dem Zuzug – in der Tat würde mich da interessieren, was Habermas schreibt. Die argumentierende Auseinandersetzung sehe ich bei Habermas ebenso und das schätze ich auch an seiner Philosophie. Gerade auch in „Faktizität und Geltung“. Ansonsten halte ich es beim Zuzug mit dem Grundrecht des Asyls und bin der Meinung, daß wir dringend ein gutes Einwanderungsrecht benötigen.

  80. Zuzug und Asyl sind zweierlei. Cf. Bernhard Schlink, Rainer Merkel, Wolfgang Streeck, Thilo Sarrazin, Rupert Scholz, Hans-Jürgen Papier, Udo di Fabio, Boris Palmer, Erhard Eppler, Richard Schröder, Uwe Tellkamp, Dalai Lama ……
    Habermas argumentiert so, als ob das problem, das sich aus dem ungergelten zuzug ergibt, vernachlässigbar wäre. deshal kannman mit dem Habermas von „Wahrheit und Rechtfertigung“ und auch „Faktizität und geltung“ gegen Habermas den poltischen Publizisten denken.
    Das ist übrigens vollkommen im Sinne Habermas‘.

  81. Ahh – aus der NYT von heute:
    Zwei Drittel aller schwarzen, weiblichen oder den Demokarten zuneigenden US-StudentInnen ist Inklusion wichtiger als freie Meinungsäusserung.

  82. @ che2001
    Oh – selber ein Urteil bilden eventuell über die Karten, die da gemischt werden in der liberalen Studentenschaft:

    Dann noch bedenken, dass die Studierenden der Literaturinstitute in Leipzig, Göttingen und Wien wollen, dass „Rechte Verlage“ von der Leipziger Buchmesse ausgeschlossen werden.

    In den USA haben dei gleichen jungen Leute jetzt durchgesetzt, dass eine Gorilla-Statue von einem Kinderspielplatz entfernt wird – sie sei „racially insensitive“.

    Grundtendenz: Gefühl schlägt Verstand.

    Enzensberger – vor zehn Jahren: Der Staat (und die demokratische Öffentlichkeit) sind keine therapeutischen Einrichtung.

    Tja – an sich nicht – aber langsam aber sicher „in echt“ (meine zuckersüsse Nichte Sophia, 5) immer mehr.

    Es ist diese Idee, die demokratische Öffentlichkeit in einen Therapieplatz zu verwandeln freilich nicht gut, sagt Enzensberger in dem überragenden Bändchen „Versuche über den Unfrieden“, sondern – – : – – dumm – – .

  83. „Es ist diese Idee, die demokratische Öffentlichkeit in einen Therapieplatz zu verwandeln freilich nicht gut, sagt Enzensberger in dem überragenden Bändchen „Versuche über den Unfrieden“, sondern – – : – – dumm – – .“

    Kann man gar nicht oft genug wiederholen! Das einstmals mehr oder weniger noch emanzipatorische Projekt einer Linken ist inzwischen, zumindest an vielen Universitäten, in eine Farce umgekippt. Das mag nicht überall gelten, aber es ist eine ungute Tendenz zu beobachten, die sich verstetigt.

  84. Und: Die Gorilla-Statue, das finde ich unschlagbar. Hätte sich das damals Henscheid ausgedacht, hätte es ihm der Lektor rausgestrichen: „Übertrieben, übertrieben, bester Mann!“ Aber wahrscheinlich werden die Verteidiger dieser Statuenentfernung nun raunen: Aber, aber, das Opfer hat immer recht. Seltsam ungemütlich wird es aber bei jenen Opferanwälten dann erst, wenn man die Sache umdreht und fragt: Gilt das auch für die armen Alten, die Omas und Opas der Essener Suppenküche, die sich bedrängt und bedroht fühlen?

  85. „Demokratische Öffentlichkeit“ kann es ebenso wenig geben wie z.B. „Gegenöffentlichkeit“. Es gibt genau eine Öffentlichkeit, auch wenn Enzensberger das unbegründet anders sieht. Alles andere sind mehr oder weniger abstruse mentale Vorstellungen, um deren gesellschaftliche Vorherrschaft freilich mit allerlei Mittel gekämpft wird – wie auch an Dieter Kiefs aktuellem Versuch schön nachzuvollziehen ist.

    Tatsächlich berichtet der NYT-Artikel über eine aktuelle Gallup-Studie: https://kf-site-production.s3.amazonaws.com/publications/pdfs/000/000/248/original/Knight_Foundation_Free_Expression_on_Campus_2017.pdf . Die sollte man tatsächlich gelesen haben, bevor man sich an die isolierte Interpretation einer einzelnen Grafik macht. In einem einzigen Satz zusammengefasst, untersucht die Studie die Auswirkungen des amerikanischen Wahlkampfs und die bisherige Amtszeit Trumps auf die Einstellungen der Studierenden hinsichtlich des ersten Verfassungszusatzes im Vergleich zu einer in 2016 erstellten Studie.

    In der aktuellen Gallup-Studie ist von der Entfernung einer Gorillastatue oder ähnlichem Aktionen selbstverständlich nicht im geringsten die Rede. Dies wurde von Dieter Kief lediglich überlagert, um sein eigenes mentales Abbild von Realität zu rechtfertigen und mit dem Bericht der NYT irrational zu verbinden. Möge jede/r für sich reflektieren, welche Auswirkungen Dieter Kiefs Versuch auf sie/ihn hatte. Wenn schon von der Entfernung von Statuen die Rede ist, dann sollte man tunlichst auch Charlottesville mitdenken (Robert L. Lee – „you will not replace us“ – eine Tote – „nice people, on both sides“). Damit nähert man sich eher an das Klima an, in welchem die Gallup-Studie erstellt wurde.

    Der Vorgang, den Dieter Kief uns demonstriert, nennt sich im Sinne von Rainer Mausfeld „Dekontextualisierung“, ein äußerst bewährtes neoliberales Kampfmittel. Wer das durchschaut und sich bewusst gemacht hat, nimmt wie ein Spürhund die Nase nicht mehr vom Boden der Fakten. Und wenn es zu stinken beginnt, spricht er das an.

    Nachdem er den von Studierenden geforderten Ausschluss „Rechter Verlage“ von der Leipziger Buchmesse erwähnt hatte, wundert ein wenig, dass sich Dieter Kief nicht über das verhängte Einreiseverbot und die Abschiebung Martin Sellners auslässt – geschehen zu London am 9. März 2018.

  86. Dass Martin Sellner der Führer der österreichischen Identitären ist muss dazu angemerkt werden, den kennt in Deutschland kein Mensch.

  87. h. z.
    Die Galup-Studie zeigt, dass die Merhheit der liberalen Studentenschaft Gleichheit/Inklusion für wichtiger hält als Redefreiheit. Die „New York Times“ berichtet das korrekt. Und darauf beziehe ich mich und sage: Diese neue Wertehierarchie zeuge von einem therapeutischen Geist, und leider nicht von einem aufgeklärten und liberalen Geist und erlaube solche Irrungen wie die Gorilla-Entfernung zu erklären, denn diese sei ausdrücklich erfolgt aufgrund der „racial insensitivity“ des „fake (! dk) gorillas“.

    PS

    – diese „neoliberale Rekontextualisierungs“-Idee die Sie mir oben entgegenhalten – entstammt die nicht auch dem von mir ebenfalls oben kritisierten therapeutischen Kontext? – Doch, das tut sie – sagt der von Ihnen zitierte Psychologe Rainer Mausfeld im Gespräch mit keinem geringeren als Ken Jebsen, wie meine Web-Recherche zweifelsfrei ergab. Ich bin beeindruckt, wie schön sich alles fügt, wieder mal, wie, – um nun doch mit Eichendroff zu enden, und zwar mit einem Zitat, das Eckhard Henscheid, der oben nicht zufällig, wie ich glaube durch Bersrin Erwähnung fand, besonderer Erwähnung tat in seiner „Trilogie des Laufenden Schwachsinns“ – also der Freiherr von Eichendorf, der laut Enzensberger „nicht kokste“ spricht ehe: gleichsam dennoch… davon, wie „zaubrisch verwoben“ alle Dinge oft seien, bzw. uns anmuteten.

    Und das kann ich sehr gut nachempfinden – besonders wenn ich an die Warnreden des Schwagers von Eralp-Landsherr in diesem Romanwerk denke, der ja ganz erfüllt war von der kommunistischen Idee, dass der Kapitalismus weltweit Urstände schlimmster Art feiere – und der, auch darin nicht gar zu weit ab von jenem Schuß, der mir noch nachhallt aus der Richtung von Jebsen / Professor Mausfeld, ja auch nicht müde wurde, von den unser Erdenwirken bestimmenden Verschwörungen allerorten – – : – – zu warnen, der Alwin Streibl – eine großartige – ja, eine himmlische Figur, da bin ich, obwohl selber noch gar nícht ganz tot, und deshalb in Jenseitsdingen „noch“ (Bloch) auf mein „spekulatives Vermögen“ (Immanuel Kant) angewiesen, nichtsdestotrotz schon sehr sicher: Alwin Streibl mitsamt seiner Warnreden ist trans-luzent (jenseitsleuchtend – cf. Goethes „Negativstrahlungen“/Kants „Träume eines Geisterehers“) = unsterblich (dk).

  88. Na ja, daß Mausfeld bei Ken Jebsen aufgetreten ist, entwertet nun aber noch lange nicht die Studien von Mausfeld. Man könnte es ja auch umdrehen: Er tritt bei Ken Jebsen auf, weil er in anderen Medien, insbesondere den gebührenfinanzierten, keinen Raum bekommt. Die Relevanz von Themen wird ja auch dadurch erzeugt, indem man über bestimmte Sachen intensiv oder wenig berichtet. Was diese Ausschluß-Prozesse steuert, darüber kann man spekulieren. Aber man kann diese Art des Journalismus, glaube ich, ganz gut sehen an der Berichterstattung zu bestimmten Themen: Von Putin, Ukraine über Flüchtlingskrise. Mehr dazu auch bei Ulf Krüger „Mainstream“ oder bei Uli Gellermann zu seinem Tagesschau-Buch bei Papy Rosa (einem eher linken Verlag übrigens.)

    Na ja, die Gorilla-Statuen – das paßt in einen Trend der USA, wo Studenten an Universitäten (und teils auchDozenten und Professoren, aus Feigheit, vorauseilendem Gehorsam oder weiß Gott was) zu einem großen Teil nicht mehr an Wissen und Forschen interessierst sind, sondern daß sich niemand mehr gekränkt fühlen darf. Wer bei Seminaren Triggerwarnungen benötigt, ist an der Universität grundsätzlich falsch aufgehoben.

    Der Begriff der Öffentlichkeit ist eine Sache für sich, und insofern ist es eine Frage der Feldabgrenzung und vor allem der Semantik. Daß man in solchem Fall schon Differenzierungen verschiedener Öffentlichkeiten vornehmen kann, zeigen Studien wie die von Negt/Kluge: Öffentlichkeit und Erfahrung: Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit“. (Jüngst wieder bei Steidl aufgelegt im Rahmen der Werkausgabe zu Oskar Negts Schriften.) Und auch Studien wie „Geschichte und Eigensinn“ (Negt/Kluge) und auch Habermas‘ „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ zeigen die Flexibilität dieser Kategorie. Allerdings kann man wiederum festhalten, daß diese Partikularöffentlichkeiten bzw. diese Verschiebungen von dem, was öffentlich ist, sich innerhalb eines Gesamt-Begriffes von Öffentlichkeit strukturieren, der diese verschiedenen Aspekte unter sich befaßt. (Zur Öffentlichkeit kann man auch nochmal Kants Untercheidung von öffentlich und privat in seinem Text „Was ist Aufklärung“ heranziehen.)

    In diesem Sinne gibt es nur eine Öffentlichkeit und es gibt zugleich viele Untergruppierungen und verschiedene Aspekte und Hinsichten, die sich aus diesem Begriff der Öffentlichkeit differenzieren. Was Enzensberger betrifft, so muß man sich die komplette Textstelle ansehen, um zunächst zu schauen, was er konkret meint.

  89. Völlig richtig. Dieser PC-Betroffenheits-Wohlfühlwahn wird von mir ja auch seit Jahren beißend gegeißelt. Und dennoch, zu den Kontexten die Dieter Kief so gerne bedient ein Link der mir in der ursprünglichen Debatte zu dem Thema gefehlt hat:

    http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/intelligenzmessung-rueckkehr-der-rassenlehre-a-353677.html

    Zu ergänzen wäre allerdings dass Jensen nicht nur einfach Harvard-Professor ist sondern ein Hardcore-Rassist, zu dessen Freundeskreis Alain de Benoist und der Hamburger Neonazi-Multifunktionär Jürgen Rieger gehörten, in dessen Zeitschrift „Neue Anthropologie“, laut Selbstverständnis Nachfolgeorgan von „Volk und Rasse“ er den Referenzautor gab.

  90. @Dieter Kief
    In der Tat hat die NYT dieses eine Studiendetail korrekt berichtet:
    College students believe about equally in free expression and pluralism, with nearly 90 percent saying that free speech protections are very or extremely important to American democracy and more than 80 percent saying the same of promoting an inclusive and diverse society.
    Die Befragten betonen also in jener Fragestellung das Recht auf freie Meinungsäußerung etwas stärker.
    Gleich anschließend wird weiter berichtet:
    When forced to choose, a majority of students said that diversity and inclusivity were more important than free speech, though opinions differed widely by demographic.
    Sie haben also bewusst einen falschen Schluss konstruiert, indem Sie die textuelle Klammer sprengten. Das Unterschlagen von „When forced to choose“ decouvriert Ihr Bemühen als, Pardon, ungeschickten Manipulationsversuch. Da hilft auch der von Ihnen beschworene therapeutische Geist nicht weiter. Wenn Sie sich damit aber ernsthaft die „Gorilla-Entfernung“ erklärten, begäben Sie sich in den Bereich des magischen Denkens.

    Überdies muss Ihnen eine gewisse Schlampigkeit attestiert werden, Dieter Kief. Ich hatte auf die von Ihnen unternommene „DEkontextualisierung“ hingewiesen, eine „REkontextualisierung“ hatten Sie nicht einmal ansatzweise versucht. Möglicherweise sind Ihre gewagten Schlussfolgerungen aus der Gallup-Studie bzw. dem NYT-Artikel auch diesem Umstand geschuldet.

    Rainer Mausfeld übrigens publizierte, worüber er mit Jebsen sprach, im August 2015. „Warum schweigen die Lämmer? Demokratie, Psychologie und Techniken des Meinungs- und
    Empörungsmanagements“ (ich hoffe, der Link funktioniert)
    http://www.uni-kiel.de/psychologie/mausfeld/pubs/Mausfeld_Warum%20schweigen%20die%20Laemmer_Demokratie,%20Psychologie%20und%20Techniken%20des%20Meinungs-%20und%20Empoerungsmanagements.pdf
    Von einem therapeutischen Kontext ist darin nichts zu finden. Sie indes behaupten anderes. Weisen Sie nun die entsprechende Stelle unter Angabe von Stunde, Minute und Sekunde in jenem Video nach.

    @Bersarin
    Lassen Sie mich meine ursprüngliche Überlegung knapp skizzierend darlegen: Unter „Öffentlichkeit“ verstehe ich jenen [auch virtuellen] Raum, aus dem Kraft Gesetzes oder Verordnung niemand ausgeschlossen ist. Individuelle Willkür bzw. Gruppenwillkür (den Ausschluss betreffend) ist nicht geeignet, diesen Begriff von Öffentlichkeit allgemein verbindlich zu gestalten. Daher kann es nur eine einzige Öffentlichkeit geben.

    Öffentlichkeit wird nach meinem Begriffsverständnis strukturiert durch moralische und damit kulturabhängige Normen. Ein Opernballbesuch beispielsweise wird von Mitgliedern des gehobenen Bürgertums weit seltener als unangemessen empfunden, als von Angehörigen der Arbeiterklasse, obwohl sie sich’s locker leisten könnten. Oder: Dass sich Hartz4-Bezieher nicht massenhaft und täglich auf den Straßen bemerkbar machen, obwohl sie’s könnten, dürften und gar sollten, liegt vorrangig an deren Scham – ebenfalls eine moralisch-kulturelle Errungenschaft.

    Moralisch-kulturell bedingte Segmentierung der Öffentlichkeit ereignet sich auf der Empfindensebene. Die Empfindensebene wiederum unterliegt keinen unmittelbar wirksamen demokratischen Gestaltungsprinzipien. Zwar kann langfristig das Empfinden künftiger Generationen theoretisch qua demokratischer Übereinkunft im Jetzt zumindest geringfügig beeinflusst werden – durch Erziehung und Gestaltung des kulturellen Umfeldes der Kinder und Enkel nämlich. Die allgegenwärtige „Gehirnwäsche“ auf Politik- und Medienebene ist mE allerdings weit wirkmächtiger – gar kein demokratischer Prozess, das.

    Da nun Öffentlichkeit auf der Empfindensebene strukturiert wird und Empfinden keinen unmittelbaren demokratischen Prinzipien unterliegt, verbietet es sich meiner Auffassung nach, in welchem Kontext auch immer, eine „demokratische Öffentlichkeit“ zu definieren. Für mich sieht das aufgrund der dargelegten Überlegungen aus, wie blanker Unsinn. Es wäre deshalb höchst interessant, wenn Dieter Kief jene Textstelle bei Enzensberger aufklärend beisteuern könnte.

    „Wer bei Seminaren Triggerwarnungen benötigt, ist an der Universität grundsätzlich falsch aufgehoben.“ sagen Sie. Dem stimme ich vollkommen zu und würde etwas radikaler formulieren: Wer bei Seminaren Triggerwarnungen benötigt, hat die Hochschulreife nicht erlangt. Mit dem von Dieter Kief eingebrachten Hinweis auf die Gallup-Studie hat das aber, darin sind wir uns vermutlich einig, nichts zu tun. Den daran anknüpfenden Gedankengang will ich aber nur dann näher ausführen, wenn es hilfreich oder gar notwendig erscheint. Ein entsprechendes Zeichen werde ich aufmerksam wahrnehmen.

  91. @Che
    Uneingeschränkt Zustimmung hinsichtlich des PC-Betroffenheits-Wohlfühlwahn. Ich denke dabei im Hintergrund auch mit, dass zwischen Privatuniversitäten und dem staatlichen System differenziert werden sollte. Dahinter verbirgt sich möglicherweise wirtschaftliches Interesse. Private Einrichtungen treffen Schadensersatzklagen sich seelisch beeinträchtigt fühlender Jungs und Mädels weit schmerzhafter, als den Staat. Das führt dann schon mal zu entsprechenden Verhaltensadaptionen.

    Der verlinkte Spiegel-Artikel ist sensationell. Danke dafür.

  92. Haben Sie vielen Dank für Ihre Ausführungen, lieber h.z. Ich werde allerdings erst am Sonntag dazu kommen, zu antworten. Gerne können Sie natürlich auch noch etwas zu den Triggerwarnungen ergänzen.

  93. @ h. z.

    Ich darf doch auf das „Handbuch der Grundschulpädagogik“ verweisen, wo niet- und nagelfest verrammelt und festgeklopft und für die Ewigkeit von Diskursen in der Hölle vorgesorgt wurde, und da steht, was auch Judith Butler schon ewig lange sagt, dass es eine Rekontextualisierung erst nach stattgehabter Dekontextualisierung gibt, usw. – na- ich habe zwar gefehlt, aber im Sinne Judith Butlers und der führenden Grundschuldidaktik dennoch keine unverzeihliche Missetat begangen, was mich erleichtert, wie ich sagen will. Ich habe das alles natürlich haargenau überprüft – auch das mit Judith Butler, eine überaus eifrige Re- und Dekontextualisierungsvirtuosin offenbar, regelrecht, tageintagaus.
    Aber vielen Dank für den Hinweis!

    Was nun den Grundgedanken angeht, dass der liberalere Teil der US-Studentenschaft laut der o. zit. Studie Inklusivität (=race-sensibility) über Meinungsfreiheit stellt, so hat die Studie das zweifelsfrei ergeben, wie mir scheint.

    che2001
    Der Spiegel-Artikel von wann – von 2005 – ist einer unter hunderten (Kein Witz) ähnlicher journalistischer Beiträge. Und er irrt exemplarisch, indem er insinuiert, dass die IQ-Forschung nazistisch sei. Es gibt IQ-Forschung nun im dritten Jahrhundert, und die Nazis sind jünger. Die Gedankenfigur funktioniert also nicht einmal auf der – ja ohnehin falschen –
    – danach = deswegen Fehlschlussebene.

    Auch Nichtraucher und Vegetarier waren Nazis. Die Nazis waren sehr für Hexen und deren Rehabilitation – also was: Sind die Feministinnen, die sich für Hexen-Rehhabilitierung einsetzen, Nazis? -Sind sie nicht!

    Und die Einwände auf der Gould-Schiene, die der Artikel gegen Murray-Herrstein macht, sind obsolet. Tatsache ist, dass andauernd neue Forschungsergebnisse kommen, die den von Stöcker rundweg abgelehnten Zusammenhang IQ-Gene u n t e r m a u e r n . Alle Psychologen, die sagen, die IQ – Vererbung sei gleich oder größer als 50% sind dieser ansicht – und das sind sehr viele und sehr renommierte (cf. Martin Seligman*****, What You Can change And What you Cant – Penguin, New York 2007).

    Und ich verweise auf eine siebzigjährige Geschichte der affirmative Action z. B. in der US-Stadt Seattle mit dem Ergebnis: Die speziellen Förderprogramme konnten die IQ-Gap zwischen Schwarz und Weiß nicht einmal reduzieren, und leider überhaupt nicht zum Verschwinden bringen. Sie blieb gleich – über siebzig Jahre (!!) – trotz massiver schwarzer (und nur schwarzer!) Sonderförderung. – Das deutet darauf hin, dass es mit der Chancenungleichheit als alleiniger Ursache, wie Stöcker meint, nicht ganz weit her sein kann.

    Außerdem kommt in Seattle noch was zum Vorschein: Die getesteten Asiaten – – sind den getesteten Schwarzen ebenfalls deutlich (und oft deutlicher als die Weißen…) überlegen. – Auch wenn sie – wie die Schwarzen – aus sozial benachteiligten Familien mit geringem Bildungsgrad stammten.

    *****Da ein nicht unbeträchtlicher Teil der IQ-Forschung von Juden bestritten wird, sollte mit dem Pauschalvorwurf IQ-Forschung = Nazi schon aus Taktgefühl ein wenig zurückhaltend umgegangen werden, wie ich finde. Das Siganlhorn NAZI!! – NAZI!! ein wenig runterdimmen, eventuell.

  94. Na ja, die politische Verortung Jensens und sein enger Kontakt zu De Benoist und Rieger (und dessen Drähte zu FAP, ANS/NA, NPD und Ku Klux Klan) sind eindeutig und nicht zu negieren. Und es gibt genug Stimmen, die eine Verbindung zwischen Jensen, The Bell Curve und COINTELPRO herstellen.

  95. @ alle wg. 1) Trigger-Warnungen und Schneeflocken und Hypersensibilität (=“racially insensitve“ „fake“ (!!) Black (!!) Gorilla (!!) -Phänomen) u n d 2) freier Meinungsäusserung u n d Berufsfreiheit
    u n d Lehrfreiheit – – –

    1)

    Wer sich ernsthaft auf geistige Gesundheit testen will, lese diese Liste:

    “The Official University of California List of Racist “Microaggressions””

    https://academicaffairs.ucsc.edu/events/documents/Microaggressions_Examples_Arial_2014_11_12.pdf

    (Wie der Psychiater sagte über Basil Fawltry: “There’s enough material here for a whole conference!“)

    2)

    •Um zu verdeutlichen, dass das alles sehr ernsthafte und sehr illiberale Konsequenzen hat:

    Amy Wax in the crosshairs: https://www.washingtonpost.com/news/morning-mix/wp/2018/03/15/penn-law-professor-who-said-black-students-rarely-perform-well-loses-teaching-duties/

    @ che2001
    Ich weiß, es gibt diese Stimmen. Aber sie haben unrecht – außer in den Fällen, füge ich hinzu, wo man aus den unterschiedlichen genetischen Voraussetzungen auf sozusagen verschiedene Würden schließt: Auf diese Ideen kommen aber Murray herrnstein oder Steeven Pinker oder Heiner Rindermann wirklich nicht.

    (Wobei auch das eine weit und z. T. seit Jahrhunderten verbreitete, oft erstaunlich reibungslos funktionierende gesellschaftliche Praxis ist. Das bekannteste Beispiel sind die indischen Brahmin, die in der Tat deutlich über dem indischen Durchschnitts-IQ liegen (& yep: Die Brahmin liegen auch über dem deutschen Durchschnitts-IQ).

    PS
    Deshalb, Fremder, der Du hier eintrittst, bedenke wohl:
    – danach ist nicht deshalb – oder wie die Alten schon wussten: post hoc non est propter hoc.

  96. @Dieter Kief
    Jetzt haben Sie tatsächlich einen – wenngleich verunglückten – Rekontextualisierungsversuch unternommen betreffend den Begriff „Inklusivität“, den Sie nun unzulässig einschränkend mit „race-sensibility“ gleichsetzen. Die Gallup-Studie gibt das keineswegs her, im Gegenteil, der Begriff kommt darin nicht einmal vor. Und nein, auf das „Handbuch der Grundschulpädagogik“ dürfen Sie nicht verweisen, wenn ich Ihnen, abermals, Schlampigkeit attestiere: Ich hatte Ihnen mitnichten Rekontextualisierung entgegengehalten.

    Was Ihren Grundgedanken angeht, komme ich anhand der Zahlen in der Gallup-Studie zu einem anderen Ergebnis. Der „liberalere Teil“ (auch diese Darstellungskategorie wird in der Studie nicht verwendet – erneut eine unselige Vermengung von Realität und Phantasie; ich hingegen beziehe mich auf „Democrats“) der US-Studentenschaft hält freie Meinungsäußerung für gleich wichtig wie Inklusivität. Das ist zweifelsfrei.

    Um es ganz deutlich zu machen: Im Fokus steht nicht die Gallup-Studie an sich, sondern die Mechanik der Umdeutung, der Sie sich offenkundig so leidenschaftlich verschrieben haben, welche im Ergebnis zu irrationalen Schussfolgerungen kommt, ja sie geradezu sucht.

    So verbinden Sie gedanklich ein Detail aus einem notwendig unvollständigen Zeitungsartikel über eine Gallup-Studie zu amerikanischen Studierenden (A) mit Studierenden der Literaturinstitute in Leipzig, Göttingen und Wien (B), welche „Rechte Verlage“ von der Leipziger Buchmesse ausgeschlossen sehen wollen. A hat aber mit B rein gar nichts zu tun. Dann verbinden Sie zurück in die USA zu den „gleichen jungen Leuten“ (C), welche die Entfernung einer Gorilla-Statue erwirkt haben sollen. Wiederum: B hat mit C rein gar nichts zu tun und erst recht nicht A mit C.

    Nun bin ich aber auch der Gorillageschichte nachgegangen (gesamte erste Trefferseite der Suchmaschine – Suchworte „gorilla“ „statue“ „removal“ „corsicana“). Es stellt sich dabei heraus, dass in der Berichterstattung über das Ereignis
    – nirgends von „jungen Leuten“ die Rede war, die eine Entfernung der Statue betrieben hätten, sondern von „some residents“ oder „people“ oder „few citizens“ oder „some community members“ oder „about 45 complaints“
    – als „racially insensitive“ der die Statue umgebende Käfig empfunden wurde
    – die Entfernung der Statue durch die Gemeindeverwaltung einen Sturm der Entrüstung in der Bevölkerung auslöste, was dazu führte, dass
    – die Statue nun doch wieder aufgestellt wird.

    Bevor ich mein endgültiges Urteil über Ihr Vorgehen fälle, Dieter Kief, möchte ich Ihnen der Fairness halber Gelegenheit einräumen, einen Nachweis aus der allgemein zugänglichen Berichterstattung zu liefern, um damit Ihre Behauptung faktisch zu rechtfertigen. Falls Sie dies jedoch zu unterlassen gedenken, sind Sie der unmoralischen und geradezu heimtückischen Täuschung vertrauensvoller Leserinnen dieses Blogs überführt zum banalen Zwecke der Stimmungsmache. Solches Verhalten wäre – völlig unabhängig von einer politischen Einstellung – nach meinem Dafürhalten gesellschaftlich ächtungswürdig, sobald es aufgeflogen ist.

  97. Ach ja, Dieter Kief, ein Nachtrag: Sie sind den Nachweis des therapeutischen Kontextes betreffend Mausfeld schuldig geblieben.

  98. @ h. z.

    Sie werden wieder persönlich. Das sollte sich für jemanden, der sich hinter zwei Buchstaben verbirgt, verbieten. Das ist kein guter Stil.

    Ich gestehe Ihnen zu, dass mein erster Post missverständlich war. Doch dann zitierte ich einen Artikel der NYT, in dem dieser – wie ich finde unmissverständliche – Satz zu finden ist:

    „When forced to choose, a majority of students said that diversity and inclusivity were more important than free speech, though opinions differed widely by demographic“. (NYT)

    Die Zahlen habbich mir in der Gallup-Studie angesehen, bevor ich das hier brachte, wenn Sie das bitteschön anerkennen wollen, und die Zahlen stimmen mit der o. zitierten Zusammenfassung in der New York Times überein, die ich ja ebenfalls eingangs zitierte. Die zwei Drittel waren etwas freihändig – aber sicher nicht weit daneben. Also bitte, das ist ein Blog, das ist nicht das Finanzamt oder sower.

    Rekontextualisierung und Dekontextualisierung haben ihren wohlerwogenen Platz im pädagogischen und therapeutischen Diskurs. Dass der Herr Mausfeld Psychologe ist, passt da hin.

    Die Sache mit dem „fake gorilla“ (Formulierung CBS! Dallas…) war mir und einigen anderen, wie mir schien, ein Zeitgeist-Menekel – wie auch die weitverbreitete Illiberalität der akademischen Jugend heutzutage, die sehr häufig Gefühl vor rationalen Diskurs setzt, und die damit leider leider Maßstäbe setzt, die (z. T. unmissverständliche) Konsequenzen haben – für die anderen, nota bene. Ich habe die Äusserung über die Beteiligung der Jugend an der Gorilla-Entfernung übrigens getan, nachdem ich mir einen Filmbericht angeschaut hatte, in dem junge Leute sich zustimmend zu der Sache der Gorilla-Wegschaffung äußerten – ich habe nicht gesagt, der Gorilla sei a l l e i n wegen der Äußerungen der Jungen weggeschafft worden, ich schlug den Bogen zu den Jungen, weil mir das Gorilla-beispiel wieder eins zu sein scheint, wo Gefühl den Verstand zumindest aprtiell übertrifft – z. B. wenn pkötzlich von einem „fake“ Gorilla die Rede ist, bei CBS – das sind doch interessante Details! Finde jedenfalls ich.

    Naja, und die Konsequenzen der neuen Illiberalität für den Gelehrten Werner Patzelt, aber auch für den greisen Eugen Gomringer oder für den unbescholtenen Osteuropa-Experten Jörg Barberowski oder den Polizeigewerkschaftler Wendt in Frankfurt – – – sind alles andere als schön, wie ich finde. Und das ist natürlich die Hauptsache, und der Gorilla z. B. ist die Nebensache, das ist doch ganz klar, wie ich finde.

    (Mein Kommentar von 20:36 Uhr ist noch nicht freigeschaltet – das wird jetzt ein wenig unübersichtlich).

  99. @Dieter Kief
    Belehren Sie mich doch bitte nicht über guten Stil, ja? Nachdem Sie sich mir gegenüber bereits mehrfach als unwillg erwiesen haben, indem Sie sich über Grundregeln des geordneten Diskurses hinweg setzten (Stichworte: Merkel, IQ, Peterson, Pinker und einiges mehr). Dies hatte ich einmal schon als Anstandsverletzung explizit markiert. Dass wir hier nicht beim Finanzamt sind, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Sie haben im Diskurs ein Mindestmaß an Decorum zu wahren, ansonsten Sie robust konfrontiert werden.

    Zu Ihrer Information sei vorsorglich auch notiert, dass ich mich – lange bevor ich begann, mich mit Ihren Einlassungen kritisch auseinanderzusetzen – beim Blogbetreiber auf direktem Wege persönlich vorgestellt hatte. Das muss Ihnen reichen. Sollten Sie ehrrührige Äußerungen meinerseits identifizieren, ist meine ladungsfähige Adresse via Bersarin zu beziehen.

    So, und abschließend einmal noch zur Sache: Sie Ihrerseits wollen bitteschön anerkennen, dass ich Ihre Weglassung des einleitenden „When forced to choose“ in Ihrer Interpretation der Studienaussage ausdrücklich moniert hatte (15. März 2018 um 00:18) und Sie darauf nicht reagierten. Sie werden’s daher ertragen müssen, dass Sie argumentativ weiter bedrängt werden. Sie haben aber auch die Möglichkeit, sich erst gar nicht zu Angelegenheiten zu äußern, zu denen Sie sich keine standfeste Argumentation und deren wirksame Verteidigung zutrauen. So halte ich es jedenfalls. Schwurbeln und dann einknicken geht gar nicht.

    „[…]ich habe nicht gesagt, der Gorilla sei a l l e i n wegen der Äußerungen der Jungen weggeschafft worden“, meinen Sie. Das ist zutreffend. Sie haben gesagt: „In den USA haben dei gleichen jungen Leute jetzt durchgesetzt, dass eine Gorilla-Statue von einem Kinderspielplatz entfernt wird“ (13. März 2018 um 21:34) Die Möglichkeit weiterer entscheidender Beteiligter ist schon sprachlich in dieser Aussage nicht enthalten, wohl aber die Möglichkeit weiterer Aktionen der Bezeichneten.

    Die Gorilla-Entfernung fand der von mir nachgelesenen Berichterstattung zufolge für alle Bewohner überraschend statt. Folglich konnten die jungen Leute, die Sie im Filmbericht gesehen haben, bloß nachträglich die vollendete Tatsache besenfen. Daraus eine Beteiligung der Jugend an der Gorilla-Wegschaffung zu konstruieren, fällt in die Kategorie „irrational“. Da ist wohl [wieder einmal] die Phantasie mit Ihnen durchgegangen. Daher lautet mein endgültiges Urteil zu Ihrem Vorgehen, dass Ihren Einlassungen an Verlässlichkeit mangelt und Sie diesbezüglich mit einer doch recht erstaunlichen und mitunter an Überheblichkeit grenzenden Gleichgültigkeit unterwegs sind.

    Ähnliches gilt auch für Ihre mitgeteilte Wahrnehmung von Mausfeld. Rekontextualisierung und Dekontextualisierung haben ihren wohlerwogenen Platz im pädagogischen und therapeutischen Diskurs, sagen Sie. Sie taten Ihre Äußerung zu Mausfeld in Verbindung mit einem Zitat Enzensbergers: „Es ist diese Idee, die demokratische Öffentlichkeit in einen Therapieplatz zu verwandeln freilich nicht gut“ (13. März 2018 um 21:34). Dass Mausfeld Psychologe ist, passt indes überhaupt nicht dort hin. Mausfeld ist mit seinen Vorträgen und Publikationen im besten Sinne der Aufklärung – sapere aude! – unterwegs. Mit derselben Logik könnten Sie behaupten, Mausfeld sei der sexuellen Übergriffigkeit gegen Frauen verdächtig, weil er ein Mann ist. In Bezug auf Jebsens Gespräch mit Mausfeld bedienen Sie sich dieser Logik ganz konkret. Die Lächerlichkeit solcher Argumentationslinie muss nicht weiter erörtert werden. Ich wiederhole mein vorhin formuliertes Urteil zu Ihrem Vorgehen.

    Sie stehen bei mir nicht mehr im Verdacht, affektgeleitete Vorurteile zu hegen und diese mit einer stellenweise bemerkenswerten Niveaulosigkeit hinsichtlich der Qualität der Argumentation unter die Leute bringen zu wollen. Sie stehen mit Ihrer Empfindlichkeit in der Linie jener, die Sie kritisieren.

  100. @ h. z.

    Alles klar – Sie haben verstanden, wie ich die NYT-Äußerung über die Einstellung der Merhheit der US-Studentenschaft gemeint hatte und wie ich sie nach wie vor auffasse: Als Hinweis darauf, dass der therapeutische Gestus das rationale Argument hie und da aus dem Feld schlägt.

    Dass ich Mausfelds Ken-Jepsen-Auftritt ironisiert habe, war auch nicht so fein, das räume ich ein.

    Frage an Sie: Finden Sie es richtig, dass man der o. a. Juristin an der renommierten Washingtoner Kent State University, Amy Wax, ihre Lehrbefugnis entzogen hat, weil sie feststellte, dass schwarze Studenten eher durchschnittliche Leistungen in ihren Jura-Kursen vollbrachten?

    Zweite Frage: Finden Sie es richtig, dass man – wie die Absolventinnen der Literaturinstitute in Göttingen, Leipzig und Wien – fordert, rechte Verlage von der Leipziger Buchmesse auszuschließen?

    Würden sie mir zustimmen, dass die beiden Fälle etwas miteinander zu tun haben?

    Es freut mich zu hören, dass Sie sich Bersarin persönlich vorgestellt haben. Dennoch verstehen Sie vielleicht auch meinen Hinweis, dass es einen Unterschied macht, ob beide an einem Disput Beteiligten namentlich öffentlich bekannt sind oder eben nur einer. Und dass es ergiebiger sein kann, Sachverhalte zu diskutieren, als sich gegenseitig persönlich anzugreifen?

  101. Frage: Finden Sie es richtig, dass man der o. a. Juristin an der renommierten Washingtoner Kent State University, Amy Wax, ihre Lehrbefugnis entzogen hat, weil sie feststellte, dass schwarze Studenten eher durchschnittliche Leistungen in ihren Jura-Kursen vollbrachten?
    Antwort: Ja.
    Allerdings ist Wax meiner Informationslage nach Professorin an der Penn Law School. Dort wurde ihr die Lehrbefugnis keineswegs entzogen. Sie wurde vielmehr von den Pflichtlehrveranstaltungen im ersten Studienjahr entbunden. Alle übrigen Lehrveranstaltungen hält sie weiterhin. Grund dafür waren falsche und unbelegte öffentliche Behaptungen, die Sie in Ihrer Frage anführten.
    Über den Entzug der Lehrbefugnis an der Kent State University kann ich nichts sagen, da ich dazu keine Informationen ausfindig machen kann. Sie müssten also einen Beleg dafür nachreichen. Falls tatsächlich zutrifft, dass Wax eine Lehrbefugnis an der Kent State University entzogen wurde, fällt meine Antwort nicht anders aus.

    Frage:Finden Sie es richtig, dass man – wie die Absolventinnen der Literaturinstitute in Göttingen, Leipzig und Wien – fordert, rechte Verlage von der Leipziger Buchmesse auszuschließen?
    Antwort: Nein. Genauso wenig richtig fände ich die Forderung, goldene Kloschüsseln in Bahnhofstoiletten aufzustellen.

    Frage: Würden sie mir zustimmen, dass die beiden Fälle etwas miteinander zu tun haben?
    Antwort: Nein. Erläutern Sie die Verbindung, die Sie zu erkennen glauben.

    Lassen Sie mich klarstellen, dass Sie mich beeinträchtigen, indem Sie meine Zeit durch Ihr Vorgehen über Gebühr in Anspruch nehmen. Die Höflichkeit gebietet mir, Ihre direkt an mich gerichteten Fragen zu beantworten. Ich muss dazu aber einige Arbeit verrichten, um der Sache selbst gerecht zu werden und nicht bloß an Ihren Insinuationen hängen zu bleiben.

    Im Gegensatz zu den Pseudonymen, übrigens, die hier ohne Ihren Widerspruch Verwendung finden, sprechen Sie mich mit meinen realen Initialen an. Auch das sollen Sie wissen.

  102. @ h. z.
    Danke für Ihre Antworten! – Auch für den Hinweis auf Ihre Initialen.
    Die Klammer scheint mir die Tabuzone, die über bestimmten Themen errichtet wird – rechte Politik, LGBT, racial insensibility (cf. der Fall am Amy Wax). Ich finde, das sei nicht zu rechtfertigen. Auch Kritik an den Affirmative Action Programmen soll möglich sein.

    Das hier ist ein konkretes Beispiel, wie die Installation von Tabuzonen, wo die freie Rede nicht mehr gelten soll, in der Praxis aussieht (ich habe sie oben schon einmal verlinkt):

    “The Official University of California List of Racist “Microaggressions””

    https://academicaffairs.ucsc.edu/events/documents/Microaggressions_Examples_Arial_2014_11_12.pdf

  103. @Dieter Kief
    Ihren mittlerweile erschienen Kommentar (15. März 2018 um 20:39) habe ich gelesen.

    Wer mit der Liste der rassistischen Mikroaggressionen nichts anzufangen weiß, möge sich erst einmal z.B. mit dem für Laien verständlich entworfenen Vier-Seiten-Modell der Kommunikation vertraut machen: https://de.wikipedia.org/wiki/Vier-Seiten-Modell . Damit meine ich aber nicht, den Wikipedia-Artikel ein einziges mal zu überfliegen, sondern die Texte Schulz von Thuns konzentriert zu studieren. Die Schriften Watzlawicks sind in diesem Fall auch sehr hilfreich. Hernach wird es ein Ding der Unmöglichkeit sein, sich über die Liste, die doch eine konkrete und akurate Anwendung dieses Wissens darstellt, zu mokieren. Auf die Affermative Action Programme gehe ich aus Platzgründen nicht ein.

    Im verlinkten Washington Post-Artikel zu Amy Wax ist alles faktisch Wesentliche – auch der entscheidende Videoausschnitt, in dem sie zugesteht, keine „survey“ oder „systematic study“ zu ihren Behauptungen betrieben zu haben, sondern darauf zurückgegriffen zu haben „what she knows“ – vorhanden, das ihre Entfernung von den im ersten Studienjahr verpflichtenden Lehrveranstaltungen rechtfertigt. Diese Maßnahme sehe ich als äußerst gelindes Mittel, um die Auswirkungen der offenkundigen Voreingenommenheit der Dame auf die Studierenden zu begrenzen. Ich fürchte, Sie haben den Artikel nicht vollständig gelesen. Mich erinnert die Angelegenheit ganz entfernt an den Fall https://de.wikipedia.org/wiki/Taras_Borodajkewycz (der Artikel ist lesenswert, weil er zeigt, wie studentischer Widerstand einst funktioniert hat).

    Auch das mit der Tabuzone – ich verweise auf die Definition des Begriffs „Tabu“ – ist keineswegs so, wie Sie’s darstellen. Der Begriff „Berufsethos“ trennt die von Ihnen angeführten Beispiele ganz entschieden und sauber. Im Falle Amy Wax hätte sie, wollte sie ihre Ansichten weiterhin öffentlich vertreten, eigeninitiativ aus der Lehre auszuscheiden und beispielsweise in die Forschung zu gehen.
    Landläufig ist ein Begriffsverständnis von „Befangenheit“ verankert, deren Anschein ein striktes Berufsethos unter anderem vorbeugen will. Gerade im rechtlichen, aber eben auch im Bildungsbereich kommt der tadellosen Unbefangenheit höchste Bedeutung zu. Auch Ärzte z.B. sind gehalten, strenge ethische Richtlinien zu befolgen. Hierzulande verliert ein Arzt die Zulassung durch die Ärztekammer, sobald er in seiner Praxis als diskriminierend auffällig wird.
    Die Übertretung ethischer Grenzen ist also nicht mit einer Tabuverletzung gleichzusetzen. Lehrer wie Amy Wax, die sich – gleichgültig, ob zutreffend oder nicht – öffentlich über ihre Schüler äußern, setzen sich über eine solche ethische Grenze hinweg. Das ist, wegen des normativen Charakters der berufsethischen Leitlinien zurecht, zu ahnden.
    Wenn das als illiberal empfunden wird, wie es auch Amy Wax in ihrer Verteidigungsrede eine geschlagene Stunde lang anschuldigend beklagt, müssen wir uns als Gesellschaft über ethische Grundsätze ernsthaft unterhalten und wieder einen Konsens darüber ausfechten (das bedeutet in Wahrheit, die Überlebenden legen fest). Die gute Frau prangert das unakademische Vorgehen ihrer Kritiker, 33 unterzeichnete Kollegen ihrer Uni eines offenen Briefs, an, ohne auch nur ein einziges Wort zu ethische Prinzipien ihrer akademischen Berufsausübung zu verlieren. Ihre vollständige Entfernung aus dem Lehrbetrieb wäre zweifelsohne gerechtfertigt.

    Studierende hingegen sind von solchen Einschränkungen nicht belastet. Sie haben die Freiheit, alles zu fordern und sie sollen die Freiheit dazu haben. Allerdings müssen auch sie sich dem Urteil des kritischen Beobachters stellen, nicht nur Professoren wie Amy Wax und sie müssen sich damit abfinden, dass sie nicht alles bekommen. Im konkreten Fall der Leipziger Buchmesse könnte man mit viel gutem Willen die Forderung nach Tabuisierung „rechter Verlage“ erkennen. Mit der Forderung allein ist das Tabu aber noch nicht etabliert. Daher verbietet sich, den Studierenden eine Tabuisierung anzulasten. Wird sie tatsächlich errichtet, sind für die Tabuzone jene verantwortlich, die über die dafür nötige Entscheidungsmacht verfügen. Das sind in der Regel keine ganz so jungen Leute – über diese Figuren muss man dann reden. Tabuisierung im aller weitesten Sinne, und damit leite ich zu meiner Ergänzung für

    @Bersarin
    über, findet statt mit den auf Universitäten geforderten „Triggerwarnungen“ (ich weise auf die bemerkenswerte Bedeutungsverschiebung des Begriffs hin). Davon ist nicht die Allgemeinheit betroffen, sondern einzig das Individuum, welches der Warnung folgend einer „Trigger“exposition ausweicht. Ich nenne den Vorgang sarkastisch „Selbsttabuisierung“. Wer das nötig hat, wird zu keinem reifen Erwachsenen-Ich finden können und hat daher die Hochschulreife nicht erlangt. Aber auch hier erkenne ich nicht die Studierenden, sondern die Hochschulverwaltung als das wahre Problem, welche sich der Forderung nach „Triggerwarnungen“ beugt. „Selbsttabuisierung“ ist im liberalen Sinne zwar möglich, aber keineswegs sinnvoll und schon gar nicht durch „Triggerwarnungen“ zu fördern. Eine gewisse Infantilisierung ist unter anderem die unhübsche Folge (siehe Avenidas).

    Im Gegensatz dazu steht jenes von Dieter Kief referenzierte Detail der Gallup-Studie. Wenn sie zur Wahl zwischen „inclusivity“ und „free speech“ gezwungen werden, geben „Women“, „Blacks“ und „Democrats“ der „inclusivity“ mehrheitlich den Vorzug. Aus diesem Faktum lässt sich natürlich nicht ableiten, dass die genannten Gruppen zu einer Einschränkung der Redefreiheit tendierten, wovon die Allgemeinheit betroffen wäre. Noch dazu, wo die Fragestellung (unter vielen anderen) lautete: „How important do you consider each of the following to be in our democracy? | protecting citizens‘ free speech rights | promoting an inclusive society that is welcoming of diverse groups |“

    Da es in meinem Land eng werden wird wegen Kurz, Kickl und Strache, habe auch ich mich bereits klar für „inclusivity“ entschieden. Die Geschichte (und in meinem Fall die bittere Erfahrung) sollte uns gelehrt haben, dass mit freier Rede wenig bis nichts zu bewirken ist, sondern nur mit Geschlossenheit. Die Triggerwarnungsbedürftigen haben nur sich selbst auf dem Schirm, mit denen ist kein Staat zu machen. Mit jenen, die sich für „inclusivity“ entscheiden, lässt sich nötigenfalls Widerstand auf der Straße organisieren (siehe aktuell Bratislava, Fico-Rücktritt).

    Ich bin schon wieder unangenehm lang geworden und erbitte Nachsicht.

  104. @ h.z.:
    „Aber auch hier erkenne ich nicht die Studierenden, sondern die Hochschulverwaltung als das wahre Problem, welche sich der Forderung nach „Triggerwarnungen“ beugt.“

    Ganz genau. Denn Hochschulen haben auch einen pädagogischen Auftrag, eine Verantwortung für ihre Zöglinge. (Mein Plädoyer geht inzwischen auch hin zu verbindlichen Aufnahmeprüfungen für Studenten.) Eine Grenze der Toleranz ist allerdings dort erreicht, und in diesem Falle plädiere ich für Härte und ggf. im Wiederholungsfalle für einen Hochschulverweis, wenn Studenten innerhalb von Seminaren und Vorlesungen diese stören und behindern. Und das gilt für Studenten aller Couleur und für jede politische Gruppierung. Man stelle sich vor, Identitäre fangen an, Veranstaltungen über Marx und Kritische Theorie zu stören. Und genauso wenig möchte ich, daß Veranstaltungen von Jörg Baberowski oder Peter Singer-Vorträge behindert werden. Intellektueller Widerspruch oder Protest mit Flugblättern ist das eine: Brüllchöre, die Leuten am Betreten von Vorlesungen verhindern ein anderes. Egal ob von rechtaußen oder von linksaußen. Meinungsfreiheit ist nicht verhandelbar. Von keiner Seite her.

    Was die sogenannte Diversity bei manchen Linken betrifft, so ist diese lustigerweise immer dann zuende, wenn konservative oder nicht-linke Positionen vertreten werden. Da ist dann gerne von alten, weißen, heteronormativen Cis-Männern die Rede. Manche neigen dazu alles, was diesseits von links ist, mit Nazis zu labeln. Und daß unter diesen Umständen konservative Positionen denkbar wenig Lust verspüren, sich am Kampf gegen rechts zu beteiligen, ist gut nachvollziehbar. (Und nebenbei gesagt, aber das gehört nur am Rande hierher: Wenn alle die, die man als Nazi oder als AfD labelt, irgendwann mal tatsächlich die AfD auch wählen, dann haben wir bald eine neue Volkspartei. Und insofern sollten sich manche der sogenannten, selbsternannten Linken überlegen, wie zielführend ihr Kampf gegen rechts eigentlich ist. Und es sollten sich jene Linken an die Ursachenforschung machen.

    Was die freie Rede betrifft, so ist diese ein hohes Gut. Und wer die freie Rede eines anderen einschränken will, muß sehr gute Gründe vorbringen können. Ich billige sie Christian Klar genauso zu wie Horst Mahler, um zwei Extreme zu nennen. Nur zu sagen: „Aber das ist ja rechts und demokratiegefährendend!“, reicht beileibe nicht aus. Und auf der Leipziger Buchmesse hat es die Antifa dann auch wieder gut vorgemacht, wie man kostenlos Werbung für Antaios und Compact liefert. Wie es ein Privatmann in seinen Privaträumen hält, ist Ansichtssache. Da kann jeder soviel „inclusivity“ betreiben, wie er mag. Für Universitäten und andere Institutionen, die Teil der Öffentlichkeit sind, gilt das nicht. Kritik von anderen Positionen kann nur im öffentlichen Raum und in sachlicher Entgegnung stattfinden. Wer meint, Sarrazin am Reden zu hindern, hat selbst das Recht auf Rede verwirkt. Und wer meint Sarrazin wiedersprechen zu müssen, der hat ja der Öffentlichkeit die Möglichkeit dazu. Nur so funktionieren Debatten.

    Was Kurz betrifft, verfolge ich das nur aus der Ferne. Mir ist er nicht unsympathisch, aber das ist ein Urteil aus der Ferne. Wir leben in heiklen und zugleich spannenden Zeiten. Dieser Herausforderung muß man sich stellen und das funktioniert nur über Debatten.

  105. Die Redefreiheit auch für Meinungen, die man für falsch hält, ist ja bekanntlich eine Errungenschaft der Aufklärung schon seit Spinoza. Ist es nicht konsequent, wenn Linke sie heut ablehnen, wo sie die Aufklärung praktisch auch ablehnen?

  106. Mit solchen Pauschalaussagen ist nichts gewonnnen, El Mocho, zumal es DIE Linken als Kollektivsingular nicht gibt und zumal nicht sämtliche Linken die Prinzipien der Aufklärung ablehnen. Übrigens bedeutet Kritik der Aufklärung ja auch eine Form von Aufklärung. In diesem Sinne ist die Jenaer Frühromantik Aufklärung at it’s best. Und ebenso Adorno und der frühe Habermas. Und ebenso Nietzsche. Aufklärung liegt immer da vor, wo das Denken sich selbst begreift, wo es reflexiv wird, wo es seine eigenen Bedingungen befragt.

  107. „Glanzlichter“ der österr. Bundesregierung, @Bersarin
    Kurz (BK) => Einführung hartz4-analoges Arbeitslosengeldregime (Regierungsbeschluss)
    Kickl (Innenminister) => forcierter Ausbau des Sicherheitsstaats (Gesetzeswerdung)
    Strache (VK) => „Kosovo ist zweifelsohne ein Bestandteil Serbiens“ (neue Senfsorte)

    Zur Einschränkung der freien Rede: In der Gallup-Studie wurde eine steigende Zustimmung hiefür erhoben und zwar in jenen Szenarien, die Sie exemplarisch rund um die Identitären genannt hatten und insbesondere „hate speech“ betreffend. Dazu eine aktuelle Entscheidung aus Baden bei Wien, wo 17 Identitäre wegen des Straftatbestandes der Störung einer Versammlung vor der Richterin standen. Sachverhalt: rd. 30 Aktivisten hatten 2016 das Audimax der Uni Wien, wo eine Aufführung des Stücks „Die Schutzbefohlenen“ (Jelinek) unter Beteiligung von Flüchtlingen stattfand, gestürmt, Parolen gebrüllt und Kunstblut verschüttet (Strache lobte den „friedlichen Aktionismus“). Ergebnis: Freispruch. Allerdings wurde von der Hochschülerschaft(!) zivilrechtlich erfolgreich wegen Besitzstörung geklagt. Die Univerwaltung Wien befindet sich auf Tauchstation. An der Uni Klagenfurt wenigstens ist bei einer ähnlichen identitären Aktion der Rektor persönlich als erste Ordnungsinstanz aufgetreten; aber auch er musste schließlich die Polizei zu Hilfe rufen.

    Ich bin mit Ihnen völlig einig darin, dass Dissens in Debatten auszutragen ist. Jemanden daran zu hindern, seinen Standpunkt vorzutragen (Sarrazin z.B.), erachte ich als einen geradezu barbarischen Akt, wie z.B. auch die Aktion der Antifa vor dem Antaios-Stand. Sinnvolle Debatten setzen allerdings ein gemeinsames Verständnis von Debattenkultur voraus. Dazu zählt unter anderem, dass erfolgreiche Widerlegungen akzeptiert werden. Wie aber soll man mit Leuten umgehen, die sich über diese grundlegende Regel lustig hinweg setzen?

    Zur Debattenkultur gehört unverzichtbar, dass die verhandelten Standpunkte ausgemistet werden von Phantastereien, frei erfundenen Prämissen und schlichten Unwahrheiten. Die meisten [versuchten] Debatten scheitern bereits in diesem Stadium und lösen sich auf in blanke Affektpflege (vgl. Gorilla-Statue). Von wohlgeformter Debattenkultur kann ich in unserem Sprachraum im allgemeinen nichts von Bedeutung erkennen, auf keiner Seite. (daher auch die spezielle Wohltat Ihres Blogs).

    Wie die Lage bei Ihnen betreffend die Öffentlichlkeit von Universitäten und ähnliche Institutionen ist, vermag ich nicht einzuschätzen. Hierzulande verhält es sich jedoch so, dass der Zutritt zu Vorlesungen nur im entsprechenden Studiengang immatrikulierten Hörern gestattet ist. In dem Zusammenhang kann ich für Dieter Kief noch eine Information betreffend Amy Wax‘ Verhalten nachreichen. Nach österr. Universitätsrecht unterläge sie der Amtsverschwiegenheit und würde sich mit dem gezeigten Auftreten strafbar gemacht machen. Ich mag mir nicht vorstellen, dass solches in D und CH anders gehandhabt wird.

  108. Dazu, daß sich inzwischen die Identitären der Methoden ästhetischer und politischer Intervention bedienen, wie sie seinerzeit von der politischen Linken in Kontext und Nachklang zu 68 praktiziert wurden, sei auf das unbedingt lesenswerte Buch des Soziologien Thomas Wagner verwiesen: „Die Angstmacher“. Darin zeigt er, wie Rechte zunehmend die politischen Praktiken der Linken kapern. Bisher allerdings eher in geringer Reichweite, zumindest was meine Beobachtungen in der BRD betrifft, in Österreich kann das durchaus anders sein.

    Richtig ist, daß es zur Debattenkultur gehört, die Positionen zu sichten und zu prüfen. Logische Standards und Argumentation gehören in der Tat mit dazu. Aber dort, wo es um spezifische Einstellungen und auch um Emotionen geht – sei das von rechts oder von links – ist diese Scheidung und die Analyse nicht immer einfach. Man muß da schon sehr ins Detail gehen. In bezug auf die frei erfundenen Prämissen: Interessant ist hier insbesondere die Causa Alice-Salomon-Hochschule, wo im nachhinein ein Narrativ installiert werden sollte, es ginge hier schlicht um einen Verwaltungsakt und ein wenig Abwechslung auf der Häuserwand. Aber es lassen sich auch andere Beispiele heranziehen. Sarrazin gehört sicherlich mit dazu. Er war in Berlin lange Finanzsenator und damit mitverantwortlich fürs Sparen im Sozialen bis es quietscht.

    Was die Universitäten betrifft, so ist in der Tat auch hier die Immatrikulation Voraussetzung. In der Regel reicht als Zugang zur Hochschule das Abitur aus. Kunsthochschulen und die Mediziner erheben jedoch Tests bzw. sie wollen Arbeits-Mappen sehen. Ähnlich sollte das auch bei anderen Fächern gehandhabt werden. Befindlichkeiten und Seltsamkeiten freilich hat es zu jeder Generation gegben und vermutlich gehört dieser Überschwang auch mit dazu. Wichtig ist nur, daß es nicht ausartet und daß die Redefreiheit an solchen Orten gewährleistet bleibt. Auch konträre Positionen von links haben ja heute eine gute Chance, ihre Ansicht zu vertreten, etwa durch die autonomen Seminare.

  109. @ El_Mocho, h. z. u Bersarin

    1) Wir haben ein gemeinsames Feld: Argumente sollen frei vorgetragen werden. Es soll nicht genügen, dass jemand behauptet, jemand anderes sei – – indiskutabel (=rassistisch, sexistisch, usw. – rechts!! ).

    Die Idee z. B., wie das in Kanada geschehen ist, „gendergerechte“ Pronomen (das sollen mittlerweile über dreissig sein…) als verbindliche Norm zu setzen und sie im Falle der Nichtachtung mit Strafen durchzusetzen, halte ich für eine Idee, die dem unter 1) genannten Grundsatz widerspricht.

    Dass der Anwalt, den die Uni Toronto in dieser Sache beauftragt hat gegen Jordan B. Peterson vorzugehen, der sich bis heute weigert, diese gesetzliche Regelung anzuerkennen, diesem anruft und ihm, für den Fall, dass er sich weiterhin weigere, diese Sprachregeln anzuerkennen, zu zu drohen, er werde (nicht zuletzt ökonomisch=riesige Prozessskosten!) „vernichtet“ (wörtlich so), halte ich für eine Handlung, die den unter 1) genannten Ideen widerspricht.

    Soweit ich sehe, sind bis hierher hier auf dem Blog in diesen Dingen alle einig. – Oder täusche ich mich?

    Ich kenne einiges von Schulz von Thun und habe auch ein paar hundert Seiten Watzlawick gelesen. Ich meine, was ich bisher gesagt hätte, vertrüge sich cum grano salis mit den Positionen der beiden?

    Man soll der Jugend das Vorrecht des Überschwangs lassen, links wie rechts. Aber man soll auf die Länge unbedingt darauf hinwirken, dass sie lernt, zu argumentieren, und dass sie mit der Zeit versteht, dass (fast) nichts (= ganz wenig) darüber geht.

    Finis operis

    Das bessere Argument setzt sich durch aufgrund des zwanglosen Zwangs, der darin begründet liegt, dass es das bessere Argument ist. Insofern bin ich sozusagen unverbesserlicher (von mir aus: Jenaer…) Romantiker (= Ghandianer= Hesse-Leser=Max Weber- u. Habermasianer… (= Idealist=anti-Marxist….)).

  110. Was die Sache in Kanada betrifft, dazu kann ich nichts sagen. Wenn es sich so verhält, so ist das allerdings alarmierend.

    Hier an der TU Berlin hat es einen Fall gegeben, wo ein Student sich weigerte gendergerecht zu schreiben, worauf ihm in der Hausarbeit ein Punktabzug angedroht wurde.

    Berliner Morgenpost vom 16.03.2016:

    „Berliner wehrt sich erfolgreich gegen „Student*innen“
    Sebastian Zidek ist „Sprachwahrer des Jahres“. Er weigert sich, große Is und Sterne zur Gleichstellung der Geschlechter zu verwenden.“

    https://www.morgenpost.de/berlin/article207209631/Berliner-wehrt-sich-erfolgreich-gegen-Student-innen.html

    Man muß mit Vergleichen der schiefene Ebene vorsichtig sein. Zumindest aber zeigt sich in solchen Fällen eine unheilvolle Tendenz. Diese Beobachtung höre ich von einigen jungen Leuten an Unis. In der Regel wird das nicht groß zum Thema gemacht, wenn eine Minderheit ihre Regeln durchdrücken will, zumal niemand anecken möchte. Ich halte dieses Schweigen aber für den falschen Weg. Für Schreiben verbindlich sind immer noch die Regeln der Grammatik und nicht Befindlichkeiten.

  111. @Bersarin
    „Aber dort, wo es um spezifische Einstellungen und auch um Emotionen geht – sei das von rechts oder von links – ist diese Scheidung und die Analyse nicht immer einfach. Man muß da schon sehr ins Detail gehen.“ — Sie berühren damit meiner Auffassung nach den Problemkern und haben vollkommen recht damit. Meist mit sehr viel Aufwand verbunden, ist es umso frustrierender, wenn sich Debattengegner über eine aufwändig erarbeitete Widerlegung nonchalant hinwegsetzen. Einstellungen und Emotionen können mitunter Wahrnehmungsverzerrungen und Denkfehlern entspringen. Darauf soll, nein, m u s s im Geiste der Aufklärung Bedacht genommen werden.

    Zu Ihrem Hinweis auf die Causa Alice-Salomon-Hochschule sehen Sie mich zustimmend heftig nicken. Meiner Einschätzung nach handelt es sich dabei um den [vergeblichen] Versuch der Hochschulverwaltung, nachträglich das Heft wieder in die Hand zu bekommen. Man hätte das einfacher haben können. Bei meinen Recherchen wurde ich hinsichtlich des Denk- und Empfindungsfehlers fündig in der nachträglich rechtfertigenden Stellungnahme des AStA. http://www.asta.asfh-berlin.de/de/News/stellungnahme-des-asta-zur-aktuellen-debatte-um-die-neugestaltung-der-suedfassade-der-alice-salomon-hochschule.html
    Lassen Sie mich daraus vorführen (2.Absatz):
    „Angenommen, ihr alle wohnt in einem Mietshaus. Es gehört euch nicht, aber irgendwie seid ihr doch ständig da und eigentlich ist es vor allem dafür da, dass Leute wie ihr darin wohnen könnt.“ […] Ihr wisst nicht genau, wie der Dichter es gemeint hat, aber irgendwie gibt es euch ein komisches Bauchgefühl. Und ein komisches Bauchgefühl im eigenen Haus – das ist doch nicht schön.“
    Man beachte den in einem einzigen kurzen Absatz etablierten Widerspruch, sowie das Wörtchen „irgendwie“. Solche Irrungen gilt es in Debatten aufzudecken, was von vornherein Aufgabe der Hochschulverwaltung gewesen wäre. Wenn das nicht geschieht, setzt Irrationalität sich durch. Wir fordern aus einem „irgendwie komischen“ Bauchgefühl, wir lehnen ab aus einem „irgendwie komischen“ Bauchgefühl.
    Wenn man sich aber ein Verständnis der kindlichen Proto-Moral erarbeitet, erkennt man, weshalb das Prinzip der Aufklärung niemals vollständig sich durchsetzen kann, wegen der dem Menschen gegebenen Doppelmoral nämlich. Deren Unterdrückung kann als Leistung des reifen Erwachsenen-Ichs aufgefasst werden.

    (zur Info angemerkt: Hiesige Universitäten haben die ausgiebig genutzte Möglichkeit, zu bestimmten Studiengängen Aufnahmeprüfungen abzuhalten (Platzangebot). Das sind keine Alibi-Prüfungen, wie ich aus ernüchterten Betroffenenberichten weiß.)

    @Dieter Kief
    Sie täuschen sich.

    Die „Idee“ wurde einer geordneten Debatte unterzogen https://openparliament.ca/bills/42-1/C-16/ und die Mehrheit hat als allgemein verbindlich beschlossen http://www.parl.ca/DocumentViewer/en/42-1/bill/C-16/royal-assent .
    Daher existiert der von Ihnen behauptete Widerspruch nicht. Lesen Sie das Debattenprotokoll und erkennen Sie darin die stichhaltigen Argumente. Peterson betreffend müssten Sie schon argumentieren, weshalb er sich in der Folge dem Rechtsstaat entziehen können soll. Das wird Ihnen allerdings nicht gelingen. Ihre Einlassung hat also keine Räder zum fahren.

    Was Schulz von Thun und Watzlawick anbetrifft, gibt es auch „cum grano salis“ nichts zu vertragen. Denn beide formulieren im gegebenen Zusammenhang keine Positionen, sondern Erklärungsmodelle dafür, weshalb Sie sich in gerade der gewählten Form äußern und weshalb die Äußerungen bei den Empfängern in einer individuell unterschiedlichen Form wirken.

    Ich stimme Ihnen zu, dass das bessere Argument sich durchsetzen solle. Voraussetzung dafür ist allerdings die Schlüssigkeit der Argumentation. Das heißt, die Prämissen müssen wahr sein und die Schlussfolgerung korrekt. Ihre Einlassungen scheitern regelmäßig an diesen Prüfsteinen.

    Dass Sie empfinden, wie Sie’s tun, bleibt Ihnen unbenommen – ich respektiere das selbstverständlich. Wenn Sie aber erkennen müssen, dass Sie Ihr Empfinden nicht standfest begründen können, sind Sie auf sich selbst verwiesen. Eher früher als später sollte dann ein Nachdenken über die eigenen inneren Zusammenhänge einsetzen.

  112. Soeben nehme ich wahr, dass die Unterstreichungs-Tags (AStA-Zitat) nicht interpretiert wurden. Daher stelle ich den Widerspruch textlich gegenüber:
    „Es gehört euch nicht“ vs. „im eigenen Haus“

  113. @ h.z: Insbesondere sehe ich das Problem, daß der ASta die Universität als eine Art privates Wohnzimmer sieht, wo es behaglich zugehen muß. Das ist ersichtlich eine falsche Voraussetzung, zumal schon deshalb, weil an einem Ort, an dem ganz unterschiedliche Menschen und Meinungen zusammenkommen, sich niemals irgendwie ein common sense einstellen wird, was nun behaglich ist und was nicht. Wo der eine bei einem Gedicht ein „komisches Bauchgefühl“ bekommt, hat es ein anderer bei mit Parolen beschmierten, dreckigen Wänden. Weiterhin kann solches Behagen auch gar nicht das Ziel einer Universität sein, sondern es geht dort darum, Denken zu lernen und das heißt eben auch: Widersprüche aufzuspüren und auch aushalten zu können, sich mit anderem Denken auseinandersetzen zu können.

  114. Lieber Bersarin, ich unterschreibe das mit Schwung.
    Gleichzeitig haben Sie damit die Argumentation dafür vollendet, nach welchen Empfindungskategorien heute bevorzugt Öffentlichkeit strukturiert wird: Privatheit. Keine Rede mehr von ästhetischen, moralischen oder intellektuellen Gesichtspunkten.

  115. @ h. z.

    Sie sagen, es sei nunmehr kanadische Pflicht, sich der geforderten Gender-Sprechweise zu bedienen, andernfalls werde man, wie Peterson, zu recht mit strafrechtlichen Konsequenzen bedroht.

    Das illiberale und unsinnige kanadische Gender-Sprechweisen-Gesetz findet demnach Ihre Billigung, da es in einem ordentlichen Verfahren mehrheitlich beschlossen wurde. Ihr Rechts-Positivismus im Namen der Gender-Sprachregelungen mit über dreißig anerkannten Pronomina, denen nun allen staatlich sanktionierte normative Kraft zukommen soll, scheint mir falsch.
    Fazit, h. z. , Sie akzeptieren, dass die Redefreiheit im Falle der Gender-Sprachregelungen empfindlich eingeschränkt wird.
    Nun, ich finde das sei unvernünftig, und ich finde weiter, es sei dies kein aufgeklärter Umgang mit Sprache.

    Ah, noch zu Amy Wax‘ Washingtoner Argumentation: Sie erzählt von ihren Erfahrungen mit Studentinnen aller möglichen Rassen. Und sie sagt, die schwarzen Studenten wären selten in der oberen Hälfte der Examinierten Juristen zu finden gewesen.
    Der Dean ihrer Uni weist das zurück mit dem Hinweis, es habe durchaus schwarze Studentinnen gegeben, die in der oberen Hälfte der Examinierten zu finden gewesen seien – und deshalb sei die Aussage der Frau Wax falsch.
    Das ist aber keineswegs richtig, was der Dean da sagte. Denn seine Feststellung widerspricht der Aussage von Frau Wax überhaupt nicht. Sowohl die (nicht bezifferte) Aussage des Deans als auch Frau Wax Aussage erlauben den Schluß, dass Frau Wax‘ Beobachtung richtig ist. – Sie stimmt im übrigen auch mit weiteren statistischen Erhebungen, die man über die Abschlüsse von schwarzen Jura-Studentinnen in den USA gemacht hat, durchaus überein.
    Mein Fazit. Es handelt sich auch im Falle der Saktionierung von Frau Wax um einen ungerechtfertigten Fall der Einschränkung der Redefreiheit.

    In Schen Alice-Salomon-Hochschule herrscht dagegen erfreuliche Einmütigkeit.

  116. Wenn das, was in Kanada passierte, so und derart Realität wurde, dann sind allerdings die Warnungen und Mahnungen, daß wir aufpassen müssen, nicht ganz unsinnig. Allerdings würde ich mich in diesem Falle nicht an solche Gesetze halten. Zumal es sich hier um die Einschränkung der Freiheit des Wortes und der Wissenschaften handelt. Insofern können wir vielleicht hoffen, daß es hier in der BRD aufgrund des Grundgesetzes niemals zu solchen abstrusen Entscheidungen kommen wird. Und es zeigt sich für mich auch, wie wichtig es ist, Mehrheiten zu finden und bereits im Keime Widerstand zu organisieren, und zwar über politische Grenzen hinweg.

  117. Dieter Kief, ich hatte sowohl das Protokoll der parlamentarischen Debatte zu Ihrer Information verlinkt, wie auch den Gesetzestext selbst. Da es offensichtlich fruchtlos bleibt, unterlasse ich die Verlinkung von Quellen in Hinkunft, zumal dies in der Regel eine Moderation des Beitrags erforderlich macht.

    „Ihr Rechts-Positivismus im Namen der Gender-Sprachregelungen mit über dreißig anerkannten Pronomina, denen nun allen staatlich sanktionierte normative Kraft zukommen soll, scheint mir falsch.“ — Sie reden, Verzeihung, blanken Unsinn. Von 30 Pronomina ist im Gesetz (und auch bei mir) nicht im geringsten die Rede, sondern von einer Erweiterung des Diskriminierungsverbots. Dem ist mit einem einzigen geschlechtsneutralen Pronomen Rechnung getragen (siehe beispielsweise Schweden). Das ist zumutbar und auch für die Gegner des Diskriminierungsverbots verkraftbar. Sie sind darin frei, bei Unklarheiten konkret nachzufragen, aber unterlassen Sie es gefälligst, mich in solch hanebüchener Weise zu interpretieren.

    Wussten Sie, dass Transgendermenschen laufend sich das Leben nehmen? Ist im verlinkten Protokoll nachzulesen. Ich nehme zur Kenntnis, dass Sie dieses Faktum nicht interessiert. Deren Pech, oder wie?

    Was die Durchsetzung der Erweiterungen des Diskriminierungsverbots angeht, wird sich über die Zeit eine klärende Rechtsprechung etablieren – ein geordneter juristischer Prozess, in dem wiederum Argument gegen Argument abgewogen wird. Insofern ist zu hoffen, dass sich Leute wie Peterson daran machen, ihren Standpunkt vor Gericht zu vertreten und sich nicht als letztlich rückgratlose Maulhelden entpuppen.

    Die Gesetzesänderung („gender identity“ und „gender expression“) hat eine Zustimmung von 84% der kanadischen Bevölkerung. Da wollen Sie sich gesunden Geistes dagegen stellen? Wie halten Sie’s denn mit demokratischen Entscheidungen? Wollen Sie wirklich den von Ihnen bereits zitierten Enzensberger ins Treffen führen mit seinem Urteil, dass „demokratische Öffentlichkeit“ kein Therapieplatz sei? Für Wen? Für Transgendermenschen, die reihenweise Suizid begehen?

    Die Erweiterung des Sprachumfangs um ein genderneutrales Pronomen kann deshalb nicht als unvernünftige Einschränkung der Redefreiheit abgelehnt werden, weil sich niemand findet, der für die Abschaffung des gesetzlichen Schutzes vor Beleidigungen in der öffentlichen Rede eintritt. Das eine ablehnen, doch das andere der selben Qualität haben wollen, geht eben nicht. Und Sie, Dieter Kief, sind als jemand in Erscheinung getreten, der Beleidigungen tendenziell ablehnend gegenübersteht.

    Ich fasse zusammen: Die Kanadier haben sich mit qualifizierter Mehrheit (84%) dafür ausgesprochen, Transgendermenschen nicht länger zu diskriminieren, dem mit einem einzigen genderneutralen Pronomen Genüge zu tun ist. Über die Zumutbarkeit für die Gegner dieser Regelung ist daher nicht mehr zu diskutieren.

    Das Thema Amy Wax ist von mir erschöpfend behandelt. Dennoch erzählen Sie, wiederum, faktisch Unrichtiges, indem Sie dem Dean Falsches unterschieben. Er betonte, dass „black students“ im „top quarter“ präsent sind, was Amy Wax im Interview ausdrücklich verneint hatte.

    Dieter Kief, stellen Sie sich darauf ein, dass ich Ihnen ab sofort mit heftiger Polemik entgegentrete, wenn ich Sie beim Fabulieren erwische. Sie haben das Recht auf Meinungsfreiheit, aber kein wie immer geartetes Recht auf Ihre eigenen Faktenerfindungen.

    @Bersarin
    Es verhält sich eben nicht so, wie Dieter Kief es darstellt.

  118. (Mit Max Weber – ohne Zorn und Eifer)

    @ h. z. und Bersarin wg. Einschränkung der Redefreiheit in Kanada via Bill C-16 / Gender-Sprachregelung

    Die Sache hat eine rechtssystematische Seite, die darin liegt, dass Menschenrechte bisher negative Rechte (=Abwehrrechte) waren und nun wird das ins Positive Recht gedreht: Jemand muss so und so sagen, weil es im Gesetz steht, wenn nicht, kann man ihm vorwerfen, das Gesetz zu brechen. Und das hat Konsequenzen – für die einen mehr, für die anderen weniger. Für Hochschullehrer ist das sehr relevant, für Baggerfahrer wohl nicht.

    Der Kanadische Jurist Bruce Pardy, kein Rechtsaussen, ein Liberaler, sieht deshalb in dem Gesetz C-16, über das wir hier disputieren wg. Gender-Sprachregelung, folgende Gefahr:

    Bill C-16, like provincial human rights codes, does not make specific reference to speech. In the Senate, supporters of C-16 fell over each

    other denying that the legislation would compel language. When Justice Minister Jody Wilson-Raybould testified before the Senate’s Legal and Constitutional Affairs Committee, she specifically denied that the bill would force the use of gender-neutral pronouns. There are reasons to doubt her sincerity. First, human rights commissions say otherwise. Along with human rights tribunals, they have primary control over the meaning and application of code provisions, something the justice minister must know. Human rights commissions are not neutral investigative bodies but advocacy agencies with expansive agendas. In comparison, courts and governments play only a minor role in interpreting these statutes.

    (meine Hervorhebungen, dk)

    Seinen ganzen Text kann man hier nachlesen:

    http://nationalpost.com/opinion/bruce-pardy-meet-the-new-human-rights-where-you-are-forced-by-law-to-use-reasonable-pronouns-like-ze-and-zer

    Sein springender Punkt liegt in der Tat in der Anwendung des Gesetzes, deren Bedeutung Sie, h. z., ja zu recht hervorheben. Denn er sieht kommen, dass Human Rights Comissions die treibenden und massgeblichen Akteure sein werden.

    Die Human Rights Comissions aber haben sich in der Tat auf solche Tabellen wie die unten aufgeführte geeinigt. Was in denen festgeschrieben wird, hat als verbindlich in Sachen gender-Pronouns zu gelten – ich bringe ein Beispiel aus den USA, aber die kanadischen Tabellen sehen cum grano salis haargenau so aus, ich hab nur keine kopierbare zur Hand, daher diese US-Amerikanische:

    The Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender Resource Center at the University of Wisconsin-Milwaukee has an excellent document that gives some understanding to the importance of correct pronoun use.

    The centre says that gender-neutral and gender-inclusive pronouns are the result of languages, like English, not having a gender-neutral or third-gender pronoun.

    People who are limited by languages that don’t include gender neutral pronouns have attempted to create them, in the interest of greater equality.

    Image courtesy of the Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender Resource Center.
    Image courtesy of the Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender Resource Center.
    Und was sie geschaffen habe, kann man hier ansehen – in meine augen ein Dokumentet der geistigen Irrungen und Wirrungen:

    https://uwm.edu/lgbtrc/support/gender-pronouns/

    Das muss man sich in Ruhe mal durchlesen und sich dann vorstellen, derlei erlangt Rechtsverbindlichkeit, wie Bruce Pardy das im oben zitierten Beitrag kommen sieht – und was übrigens auch Peterson kommen sieht, und weshalb sie so beunruhigt sind.

    Peterson macht in dieser Situation zwei interessante Bemerkungen: Er habe praktisch ausschließlich zustimmende Briefe zu seiner Kritik des neuen Sprachzwanges bekommen – insbesondere von Transgender-Persons!

    Ich glaube er sprach von vierzig solcher zustimmender Schreiben (!) zu seinem Kampf g e g e n die rechtsverbindliche Einführung der Gender-Pronouns von „transgender-poeple“ – :
    Yep: 6.01.2018 – Although clipped from a YouTube comment, this captures the gist of more than 40 letters I have received from transgender people in the last year (and only one (!) opposing what I have been saying). Activists simply do not validly represent the groups they claim to represent.pic.twitter.com/vfEVbOfxXG.

    Außerdem sagt er, die Idee, hate-speech zu kriminalisieren, sei abstrus, weil es absolut legal sei, jemanden zu hassen. Aus gutem Grund sei es bisher keinem Gesetzgeber in der liberalen Welt eingefallen, den Hass per se zu einem Vergehen zu stempeln.

    Mir leuchtet das ein: Das ist eine der Trennlinien, wo das neue Recht in Richtung einer Gesinnungsdiktatur weist. Die Idee, den Hass aus der Welt zu schaffen via Sprachregelungen, ist nicht human, sondern, illiberal und damit in der Konsequenz totalitär.

    Der wichtigste Grund für diese starke These: Hass sei eine subjektive Sache, und nicht per se illegal, sieht Peterson darin verankert, dass es im Streifall wichtig sein wird, w e n man darüber entscheiden lässt, was denn nun eine Hassrede wirklich sei.

    Das aber kann keiner von einer neutralen Warte aus beurteilen. Kriterien anzuerkennen wie das, man dürfe Marginalisierte nicht kritisieren, weil sie sozusagen schon vom Leben selbst gestraft seien, und weil jede Kritik an ihnen diese schlimme Tatsache nur verschlimmere, heißt, ganze gesellschaftliche Bereiche vom kritischen, aufklärerischen Diskurs auszunehmen.

    Das aber ist ein Weg in die Irre, so meine feste Überzeugung (nicht: Mein Wissen – weil ich hier über etwas spreche, das gar keiner wissen kann, weil es in der Zukunft liegt: Aber Überzeugungen sind natürlich wichtig – gerade in solchen Lagen sind sie sogar unersetzlich. – Auch Sie, h. z, sprechen, wenn Sie übe die künftige Rechtspraxis in Kanada sprechen, über die Zukunft, und es geht Ihnen genau wie mir: Auch sie können nur Vermutungen darüber anstellen, wie diese Praxis aussehen wird. Hier bewegen wir uns, das konzediere ich gerne, in einem sozusagen vorläufigen Bereich.

    Allerdings hat die Geschichte schon ganz handfeste Folgen gehabt. Dazu zählt nicht nur, dass eine Assistentin vorübergehend ihren Lehrauftrag verloren hat, weil sie Petersons Ansichten – nicht etwa befürwortete, sondern es genügte bereits, dass sie sie zur Diskussion stellte!

    Außerdem h. z. – die Drohung vom Anwalt der Torontoer Universität, Peterson zu vernichten, wenn er nicht einlenke, hat es wirklich gegeben. Er hat die Schadenssumme, auf die Peterson sich würde einrichten müssen, fürs erste auf eine runde viertel Million Dollar beziffert.

    Ich finde derlei nicht schön – wieviele Leute wehren sich wohl unter solchen Bedingungen?

    Schau‘ n mer mal.

  119. Eine Gendertheorie, die Menschen ihre Sprache PER VORSCHRIFT oktroyieren möchte, hat per se schon verloren. In der freien Wissenschaft haben solche Regeln nichts verloren. Wer in dieser Art schreiben möchte, kann das ja auf der Basis von Freiwilligkeit gerne tun, wer mit Genderstern schreiben will, soll das machen. Ich schreibe so nicht, und zwar aus sprachästhetischen Gründen primär. Solches Schreiben aber zur Verpflichtung zu machen, setzt eine unheilvolle Tendenz frei und trägt dazu bei, eine liberale Gesellschaft, in der die Freiheit der Wissenschaften einen hohen Wert hat, zu demolieren. Insofern noch einmal meine Frage: Wird wer gezwungen, in einer bestimmten Weise zu schreiben oder beruht die Sache auf Freiwilligkeit?

    Traditionen können sich durch veränderten Gebrauch ändern – zum Guten, wie zum Schlechten: solche Umpolungen des Lebens wurden in der frühen Sowjetunion, aber genauso unter den deutschen Nazis bereits versucht. Aber man kann veränderte Traditionen nicht per Gesetz verordnen. Man kann zwar ganz leger sagen, wir seien noch weit davon entfernt. Aber auch an deutschen Universitäten macht sich inzwischen – zumindest in meinen Beobachtungen – eine Minderheit daran, hier mit diktatorischem Zwang zu verfahren und das dann als Demokratie zu verkaufen. Man kann der schweigenden Mehrheit der Studenten nur raten, sich zur Wehr zu setzen.

  120. @Bersarin
    Frage: „Wird wer gezwungen, in einer bestimmten Weise zu schreiben oder beruht die Sache auf Freiwilligkeit?“

    Antwort: Es ist in der Weise zu schreiben, die der Adressat wünscht (z.B. in Behördenschreiben, aber auch in der unmittelbaren Kommunikation zu verwenden z.B. während Amtshandlungen der Polizei, Gerichtsverhandlungen oder mündlichen Prüfungen an der Uni). Das selbstgewählte Pronomen wird vom Adressaten bekannt gegeben. Die Weigerung(!), diesem Wunsch nachzukommen, verstößt gegen das Diskriminierungsverbot. Zitat Ontario Human Rights Commision: „Refusing to refer to a trans person by their chosen name and a personal pronoun that matches their gender identity, or purposely misgendering, will likely be discrimination when it takes place in a social area covered by the Code, including employment, housing and services like education. The law is otherwise unsettled as to whether someone can insist on any one gender-neutral pronoun in particular.“ Daraus ergibt sich, dass literarische Texte beispielsweise davon nicht berührt sein können.

  121. @Dieter Kief.
    „Die Sache hat eine rechtssystematische Seite, die darin liegt, dass Menschenrechte bisher negative Rechte (=Abwehrrechte) waren und nun wird das ins Positive Recht gedreht: Jemand muss so und so sagen, weil es im Gesetz steht, wenn nicht, kann man ihm vorwerfen, das Gesetz zu brechen. Und das hat Konsequenzen – für die einen mehr, für die anderen weniger. Für Hochschullehrer ist das sehr relevant, für Baggerfahrer wohl nicht.“

    Sie irren schon wieder. Die Menschenrechte sind positives (= gesatztes) Recht. Das Antonym zu „positivem Recht“ ist „überpositives Recht“ (= Naturrecht). Außerdem: Jemand muss so und so sagen, weil es die angesprochene Person so wünscht, und nicht deshalb, weil es im Gesetz steht. Vorzuwerfen ist ihm gegebenenfalls, sich über den Wunsch der angesprochenen Person hinwegzusetzen, was die Diskriminierung etabliert. Allein die Diskriminierung ist mit Strafe bedroht.

  122. Tja, dieser Peterson ist schon ein goldiges Herzchen mit seiner These vom nicht zu verbietenden Hass (wenn’s denn überhaupt stimmt).

    Im DACH-Raum beispielsweise haben die Gesetzgeber Normen definiert, die auf das Schüren von Hass abstellen. Die Normen hören je nach Land auf unterschiedliche Rufnamen: Verhetzung, Volksverhetzung und Rassismusartikel, allesamt Strafnormen.

    Vor Gericht derart zu argumentieren, würde ihm ein Anwalt hoffentlich ausreden können, da ihn das Dazulernen sehr teuer zu stehen käme. Geschwafel vom nicht zu verbietenden Hass würde dort sang- und klanglos untergehen wie ein Stein im Fischteich.

  123. Auffällig finde ich an dem zitierten Paragraphen, dass er diejenigen Handlungen sanktioniert, die „zum Hass aufstacheln“ und die damit „geeignet sind, den öffentlichen Frieden zu stören“. Das finde ich aber vor allem sprachlich interessant, da mir beide Begriffe auf den ersten Blick sehr schwammig erscheinen und es womöglich im Einzelfall nicht ganz leicht sein dürfte, zu entsprechenden Verurteilungen zu gelangen. Wie oft mögen wohl Urteile in diesem Bereich vorkommen? Dennoch neige ich dazu, Dieter Kief bzw. Peterson zuzustimmen, denn der Hass an sich ist ja nicht verboten (wie ginge das auch, man kann den Menschen nicht in den Kopf gucken), sondern „nur“ das öffentliche Äußern bzw. Verbreiten desselben in Schriften. Andererseits stimmt aber auch, was h.z. sagt, dass eine Gesellschaft extreme Beleidigungen im öffentlichen Raum durchaus ächten können sollte.

  124. @ chairborne, h. z. und Bersarin

    Ja, chairborne, das wird bisher so gemacht: Hass an sich ist nicht verboten, in bestimmten öffentlichen Formen („Volksverhetzung“) aber schon. Alles ok.

    Aber dann beginnt etwas Neues, nämlich zu sagen, wer sich bestimmter Ausdrucksweisen n i c h t befleißige (use of gendered pronouns), mache sich bereits eines „Hate-crimes“ schuldig, – und das lehne ich, wie Peterson, Purdy und Lindsay Shepherd ab wg. gegenaufklärerischer Illiberalität.

    Der Fall von Lindsay Shepherd ist instruktiv, und hier hört man, wie sie (und der ziemlich vive Moderator Crowder und – Jordan B. Peterson) über die Sache denken – am Anfang kommt ca. zwei Minuten lang ein unbebilderter Ton-Mitschnitt einer Uni-Sitzung, in der Lindsay Shepherd vorgeworfen wird, gegen die Bill C-16 usw. verstoßen zu haben, dann beginnt das o. a. sehr lebendige Gespräch der drei:

    PS
    Lindsay Shepherd sagt im Gespräch, sie sei nach ihrer peinlichen Befragung weniger links als zuvor – was mir ganz plausibel erscheint.

  125. @chairborne
    Hass an sich ist nicht verboten und auch nicht zu verbieten, richtig. Doch knapp daneben ist eben auch vorbei. Bei der Strafzumessung ist Hass als Handlungsmotiv (subjektiver Tatbestand) ganz allgemein ein ausdrücklicher Erschwerungsgrund. Diese Regelung bestand bereits lange vor der diskutierten Gesetzesänderung. Die entsprechende Passage im kanadischen Strafrecht liest sich, auf den in Rede stehenden Sachverhalt beschränkt, so:

    718.2 A court that imposes a sentence shall also take into consideration the following principles:
    (a) a sentence should be increased or reduced to account for any relevant aggravating or mitigating circumstances relating to the offence or the offender, and, without limiting the generality of the foregoing,
    (i) evidence that the offence was motivated by bias, prejudice or hate based on race, national or ethnic origin, language, colour, religion, sex, age, mental or physical disability, sexual orientation, or gender identity or expression, or on any other similar factor
    […]
    shall be deemed to be aggravating circumstances;“

    Petersons Bedenken hinsichtlich „hate speech“ gehen also an der Sache vollständig vorbei.

    Wie ich schon dargelegt habe, ist der Tatbestand der Diskriminierung (objektiver Tatbestand) dann erst relevant, wenn einem geäußerten Wunsch nach gendergerechter Anrede nicht entsprochen wird. Diese(!) Weigerung(!) hat dann eine subjektive Seite (Voreingenommenheit, Vorurteil, Hass, etc.) und kann bestraft werden.

    @Dieter Kief
    Ich hatte in meiner Antwort an Bersarin (20. März 2018 um 10:43) bereits erläuternd klargestellt, dass nur die Weigerung des wunschgemäßen Gebrauchs der Pronomina einen Beanstandungsgrund bildet. Man kann sich gerne dazu einlassen und begründen, weshalb meine Antwort nicht zutreffend sein soll. Sie dagegen übergehen einfach, was ich klargestellt hatte. Ich nenne das überheblich. „Aber dann beginnt etwas Neues, nämlich zu sagen, wer sich bestimmter Ausdrucksweisen n i c h t befleißige (use of gendered pronouns), mache sich bereits eines „Hate-crimes“ schuldig“ — das ist natürlich wiederholter Unsinn, weil frei phantasiert und bereits entkräftet.

    Für kritische Geister seien vereinfachende Fragen gestellt, um die es im Kern tatsächlich geht: Will ich den Willen der Personen achten, mit denen ich direkten Umgang pflege? Ist der Wille des anderen illiberal oder dessen Durchsetzbarkeit? Falls ich nur die Durchsetzbarkeit als illiberal empfinde, gestehe ich mir damit ein, dass ich auf den Willen des anderen jederzeit husten können will?

  126. h.z., gelten Ihre Ausführungen bezüglich der Strafzumessung denn auch für Deutschland, bezogen auf den §130 StGB beispielsweise, oder ist das speziell kanadisches Recht?

  127. Dieter Kief, mir kommt dieser Fall eigentlich nicht so instruktiv vor, da die Universitätsoffiziellen eingeräumt haben, dass auf Universitätsseite grobe Fehler passiert sind, sie haben sich sogar ganz offiziell bei ihr entschuldigt, zumal es auch gar keine informelle Beschwerde gegen sie gegeben hat. Nicht uninteressant (aber spekulativ) die Frage, wie es gelaufen wäre, wenn sie keine heimliche Aufnahme angefertigt hätte.

  128. @chairborne, Das Grundprinzip findet auch in Deutschland Anwendung:

    StGB, §46 Abs.2: „Bei der Zumessung wägt das Gericht die Umstände, die für und gegen den Täter sprechen, gegeneinander ab. Dabei kommen namentlich in Betracht:
    die Beweggründe und die Ziele des Täters, besonders auch rassistische, fremdenfeindliche oder sonstige menschenverachtende,
    die Gesinnung, die aus der Tat spricht, und der bei der Tat aufgewendete Wille,
    das Maß der Pflichtwidrigkeit,
    die Art der Ausführung und die verschuldeten Auswirkungen der Tat,
    das Vorleben des Täters, seine persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse sowie
    sein Verhalten nach der Tat, besonders sein Bemühen, den Schaden wiedergutzumachen, sowie das Bemühen des Täters, einen Ausgleich mit dem Verletzten zu erreichen.“

    Darüber hinaus kennt die deutsche Rechtsprechung (BGH) die „niederen Beweggründe“, unter die auch Hass fällt.

  129. @ chairborne und h. z.

    Peterson hat recht, Hass an sich ist nicht strafbar (= „it is perfectly legal to hate somebody“) – alles andere ginge in Richtung Gedankenpolizei. Je nach zu beurteilender Straftat kann Hass als strafverschärfend, aber auch als strafmindernd bewertet werden. Aber Straftaten haben mit Hass nur mittelbar zu, und deshalb ist bisher Hass an sich n i c h t strafbar – und schon gar nicht illegal; Hass ist, solange keine Straftat vorliegt, eine Privatsache (geht den Staat nichts an), und das ist auch absolut richtig so und soll auch bitte so bleiben: – Das ist der systematisch wichtigste Punkt in Petersons Argumentation.

    @ chairborne
    Was Lindsay Shepherd passiert ist, ist sehr unschön, wie ich finde. Sie hat ein im kanadischen ÖR gesendetes Video über eine öffentliche Diskussion mit Peterson im Seminar zur Diskussion gestellt – und wurde daraufhin vom Gender- und Diversitybeauftragten der Uni erheblichen Beschuldigungen ausgesetzt: Was der da in Shepherds Tonaufzeichnung sagt, ist sehr finster, wie ich finde.

    Kontrafaktische Überlegung: Mal angenommen, der Diversity-Beauftragte wäre strategisch in wenig besser aufgestellt gewesen, und hätte ein zwei MitstreiterInnen gehabt, und die hätten bezeugt, dass sie durch Shepherds Unterricht – nun: Getriggert worden wären – was passiert dann?

    Shepherd muss dann nach Gesetzeslage möglicherweise zu Kreuze kriechen, sie bekommt einen Eintrag in die Personalakte und ist gebrandmarkt.

    Hier wird die Redefreiheit und die Lehrfreiheit erheblich eingeschränkt.
    Außerdem – was, wenn Shepherd Ihre Tonaufnahme nicht gehabt hätte über die peinliche Befragung? – Ich denke, ihr Fall ging auch deswegen gut aus, weil sie so geistesgegenwärtig war, diese Aufnahme zu machen, was es ihr erlaubte, öffentlichen Druck aufzubauen, worüber ich ehrlich sehr froh bin.

    Weshalb glauben Sie, chairborne, hat Shepherd aus ihrer Geschichte das Fazit gezogen, sie sei jetzt weniger links, weniger pro Diversity als zuvor, wenn nicht wegen der illiberalen Folgen, die der Kampf für mehr Gender-Gerechtigkeit bereits zeitigt? Mir scheint dieses Fazit eindeutig zu sein.

    Wg. der per Gesetzskraft (Bill C-16) vorgeschriebenen Anrede, h. z., halte ich es mit den vierzig Transgender peoples, die Peterson geschrieben haben, sie wollen das nicht, und nicht mit der einen Transgender-Person, die ihm geschrieben hat, sie sei dafür.

    Mir scheint eine spezifische sprachliche Form der Anrede per Gesetz zu erzwingen in diesem Fall nicht richtig zu sein. Hier unterscheiden sich offenbar unsere Ansichten.

  130. @Dieter Kief,
    rechtfertigen Sie schlüssig Ihre konsequente Verleugnung meiner eingebrachten faktischen Korrekturen (eine erneute Wiederholung meines Vorbringens findet nicht statt), ansonsten ziehen Sie sich aus der Debatte bitte zurück.

  131. >Es ist in der Weise zu schreiben, die der Adressat wünscht

    Keine Adressaten, keine Sprachregelung.

  132. Jeder hat natürlich das Recht, so angeredet zu werden, wie er will. Ob es sinnvoll ist, solche Anliegen in Gesetze zu gießen, darüber kann man streiten. Ich fürchte allerdings, es wird ein Pyrrhussieg, der am Ende den Siegern gesamtgesellschaftlich arg auf die Füße fällt.

    Interessant wäre es natürlich noch zu wissen, wieviel Prozent der Gesellschaft eigentlich in diese Rubrik „Weder-Mann-noch-Frau“ hineinfallen und mit wievielen Geschlechtern wir zu rechnen haben oder ob sich diese Frage lediglich auf eine dritte Kategorie und Anrede bezieht, was man ja machen kann, wenn sich ein sinnvoller und irgendwie auch ansprechender Begriff findet. Profx wie Lann Hornscheid fordert, ist eine denkbar schlechte Form. Ob sich hier ein neuer Begriff, der zu finden wäre, freilich durchsetzt, muß man sehen. Und Sprache läßt sich, weil sie eine Sache des Gebrauchs und damit auch soziale Praktik ist, nicht erzwingen.

    Ich habe inzwischen jedoch immer mehr die Befürchtung, daß die gesellschaftlichen und politischen Debatten um Special-Interest-Themen kreisen. Daß wir am Rande von gefährlichen, weltweiten Kriegen stehen und unheilvolle wirtschaftliche und politische Verwerfungen drohen, scheint immer mehr aus dem Bewußtsein zu rücken. In diesem Sinne möchte ich dann auch auf die klugen Analysen von Mark Lilla verweisen. Nicht daß das Thema nicht relevant wäre, wie ja auch Gendertoiletten. Aber wenn ich mir die Probleme von Berlin ansehe, dann frage ich mich, doch im Sinne von Geldmitteln und vorhandener behördlicher Energie, ob die Themenwahl richtig gesetzt ist. In Berlin gibt es massive Probleme: Vom Sparzwang bei Justiz und Polizei und auch anderer Behörden angefangen, daß Bürger erst nach über einem Monat einen Termin in ihrem Bezirksamt bekommen, von der Kriminalität am Alex durch jugendliche Migranten, über das Drogendealen im Görlitzer Park durch Schwarze bis hin zu den Mietenproblemen und der sogenanntem Gentrifizierung – sie wurde übrigens von meinem damaligen Soziologieprofessor Jürgen Friedrichs schon Ende der 80er als Thema genannt, als hier noch keiner davon sprach, nämlich die Verdrängungen in US-Wohnvierteln. Friedrichs forschte in der Stadtsoziologie und seine Prognosen haben sich bewahrheitet. Auch dieser Trend schwappte herüber.

  133. Wie gesagt: Man darf das eine nicht gegen das andere ausspielen, aber es gibt andererseits auch Relevanzkriterien. Wenn das Haus brennt und darin sich Leute befinden, werde ich ganz sicher nicht meine Briefmarkensammlung retten.

  134. @Bersarin,
    dass im Brandfall nicht an die Rettung der eigenen Briefmarkensammlung gedacht wird, entspricht natürlich der menschlichen Natur. Dennoch gibt es die Zeitgenossen, die es tun. Der hier oft als Referenz bemühte Peterson ist einer von ihnen. Seine metaphorische Briefmarkensammlung sind dessen leidenschaftlich vertretenen Thesen. Eine davon ist mit einfachsten Mitteln von mir an anderer Stelle in diesem Blog bereits widerlegt worden; dieser schwarze Schwan paddelt seither unbehelligt im Teich herum.

    Die Metapher vom brennenden Haus hat einen kleinen, aber nicht näher zu erörternden Schönheitsfehler: Im Keller wohnen rd 0,3 bis 0,5% der Hausbewohner (Transgendermenschen). Da nicht runter zu gehen, ist utilitaristisch vertretbar, falls durch die Ressourcenbindung in den Geschossen darüber mehrere, vielleicht sogar -zig Prozent der Bewohner zugrunde gehen würden – allerdings dann und nur dann (nochmal: zugrunde gehen! nicht bloß im Wohlbefinden beeinträchtigt). Wenn man denn in die Erörterung einsteigen wollte, hätte Thema zu sein die abstrakte Legitimität des Utilitarismus an sich, und nicht das konkrete zahlenmäßige Verhältnis von Kellerbewohnern zu allen übrigen Hausbewohnern.

    Insofern teile ich Ihre Ansicht, dass die Themenwahl gerade heutzutage eine heikle Angelegenheit ist. Ich vertrete zudem den Standpunkt, dass eine kritische Untersuchung und Aufdeckung fundamentaler Denkfehler und Mängel der Argumentationsführung systematisch Not tut. Denn: Ohne funktionierendes Rüstzeug des Denkens kann, einerlei zu welchem Thema, zu keinen brauchbaren vernünftigen Ergebnissen gekommen werden (und wenn doch, dann aus purem Zufall). Am Beispiel der angeführten Beschwernisse in Berlin zeigt sich doch, dass allein „Kreuzchen machen“ alle paar Jahre zur Gestaltung der gesellschaftlichen Lebensbedingungen nicht hinreicht.

    Die gängige konkrete Debattenkultur ist meiner Auffassung nach Ergebnis einer sogar im Bildungsbürgertum erschreckenderweise weit verbreiteten Leitkultur des Denkens, darin schlicht delegiert wird an einige Wenige. Man begnügt sich zunehmend mit Verweisen auf jene. Zu wissen, wer auf welcher Seite was geschrieben hat, ist beileibe nicht genug. Das Denken dieser Wenigen muss nachvollzogen und verstanden werden, um sich deren Ergebnisse gültig zueigen machen zu können. Wo das nicht geschieht, muss in Anwendung derer Sätze letztlich die eigene Befindlichkeit die Oberhand gewinnen. Keine gute Basis für redliche Auseinandersetzungen. Die emotionalen Aufschäumungen zu jedem beliebigen Thema (Essener Tafel, Avenidas, Flüchtlingspolitik, Islam, you name it) sind aus diesem Blickwinkel betrachtet erklärbar, nichtsdestotrotz im Ergebnis wertlos, wenn nicht gar schädlich. Das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung wird dadurch meines Erachtens der Tendenz nach entwertet.

    Wenn angenommen werden darf, dass gesellschaftliche Problemlagen aus unreflektierten Entscheidungen bzw. Glaubenshaltungen resultieren, ist es zunächst eine Frage der – man sehe mir die martialische Ausdrucksweise nach – geistigen Bewaffnung, wie erfolgreich man dagegen ankommt. Pfeilgerade, mit scharfer Klinge versehene Gedanken sind zu konstruieren, die mit der Wucht eines armdicken Argumentationsbogens abgegeben die Irrationalität durchschlagen. Pfeilgerade Gedanken, die nicht schon beim bloßen Hinsehen zerbrechen. Wenn aber zu vermuten ist, dass die Problemlagen bewusst geschaffen werden, wird geistige Aufrüstung zur allgemeinen moralischen Pflicht.

    Die eine Frage aber ist zu stellen, was geschehen soll, wenn sich die Mehrheit vom durchschlagenden Gegenargument – und das ist mein aktueller Befund – nicht beeindrucken lässt? Die normative Kraft des Faktischen wirkt auch in diesem Bereich. Daran knüpft bündig die nächste Frage an nach dem Sinn dessen, sich den Kopf über etwas zu zerbrechen, das gar nicht stattfindet (hier: per Gesetz verordneter Sprachgebrauch). Ich nehme die von mir angesprochenen Merkmale des Denkens gesellschaftlich als bestenfalls nur noch mit höchstem Aufwand korrigierbar wahr. Ein weiterer Grund, weshalb ich Sie, Bersarin, als scharfen Denker sehr schätze.

  135. Worum es in der Tat nicht gehen sollte, ist ein Entweder-Oder. Relevant sind viele Themen, auch die Frage nach dem Geschlecht und die der Minderheiten. Eine Demokratie ist immer nur so gut wie sie es vermag Minderheiten zu schützen und in bestimmter Weise auch partizipieren zu lassen. Das sind Dinge, die ja insbesondere bei Habermas gut ausgehandelt und beschrieben werden – wobei ich bei ihm die Idee des Konsenses und der idealtypischen Sprechersituation eines herrschaftsfreien Diskurses nicht teile. Ich halte das für problematische Voraussetzungen – problematisch schon deshalb, weil hier per se ein Normvorgabe gemacht wird. Denn warum müssen Gespräche auf Konsens hinauslaufen? Und was bedeutet in solchen Kontexten Herrschaft? Argumentionslogisch reicht es aus, daß in einem Gespräch jeder Sprecher die gleichen Rechte hat und wer anderen das Wort verbietet, gerät selber in einen performativen Widerspruch, denn er nimmt eine Rede in Anspruch und will sie anderen zugleich nicht gewähren.

    „Das Denken dieser Wenigen muss nachvollzogen und verstanden werden, um sich deren Ergebnisse gültig zueigen machen zu können.“ Das kann man so machen, dennoch bin ich da skeptisch, wenn man es gleichsam als einen (ethischen) Imperativ formuliert. Mich interessiert ehrlich gesprochen dieses Thema recht wenig: zum einen, weil es mich nicht persönlich beschäftigt, zum anderen, weil es in meinem Theoriehorizont bzw. in meinem Arbeitsfeld nicht vorkommt. Dies freilich heißt nicht, daß das Thema ohne Relevanz ist. Was mir jedoch und was allen in diesem Feld und bei diesem Thema wichtig sein sollte, ist die formale Rechtsgleichheit aller Subjekte der Gesellschaft: daß niemand wegen seines Geschlechts, seiner Religion oder wegen sexueller und politischer Präferenzen (das gilt übrigens FÜR ALLE Seite und sofern sich die politische Präferenz im Rahmen des Rechts befindet) ausgeschlossen oder benachteiligt wird.

    Richtig ist, daß wir alle wieder lernen sollten zu argumentieren und nicht Befindlichkeiten oder bloße Meinungen zum Gegenstand unseres Wollens und Trachtens zu machen. Auch das gilt für beide, nein, für alle Seiten im politischen Spektrum. Leider ist die Debattenkultur vielfach auf den Hund gekommen: entweder werden Ansichten sofort moralisiert und in eine Ecke gelabelt oder es werden Themen derart umgepolt, daß mit ihnen Aufruhr geschürt werden soll und Meinungsmache. Leider ist das allerdings eine Tendenz, die uns die Talkshowkultur mindestens seit Sabine Christiansen vorexerziert hat. Und insofern ist es da nicht so verwunderlich, daß diese unsägliche Tendenz peu à peu auch in die politischen Debatten und Diskurse einsickert. (Und auch die Medien haben da massiv versagt: ich erinnere nur daran, wie uns die Hartz-Gesetze nicht nur von den meisten Politikern, sondern auch von vielen Medien als alternativlos verkauft wurden.)

    Es geht zudem in vielen Diskussionen nicht mehr darum, Meinungen mit Argumenten auszutauschen, sondern dem anderen entweder Ansichten aufzuzwingen oder aber Claqueure und diffuse Mehrheiten um sich herum zu scharen. Insofern stimme ich Ihnen zu, daß dieses emotionale Aufschäumem bei fast jedem Thema von Übel ist. Die spezifischen Differenzen werden unterschlagen. Entweder sind Medien per se Lügen- oder Lückenpresse oder man glaubt der Tagesschau (oder anderen Medien) per se unbesehen alles. Daß die Wahrheit zum einen komplizierter ist und zudem dazwischen liegt, wird bei solchen Aufsteigerungen und Polarisierungen leider unterschlagen. Redliche Auseinandersetzung bleibt dabei oft auf der Strecke. Insbesondere dann, wenn Themen per se und von Anbeginn an mit Ideologie aufgeladen werden. Das gilt bei der Genderdebatte für beide Seiten. Sowohl bei extremen Butleristen/Kulturalisten, die alles als eine Art Konstrukt begreifen, wie bei extremen Naturalisten und Biologisten. So rutscht Denken in die Ideologie.

  136. @ Bersarin

    Die Rede- und Lehrfreiheit ist jeweilen ein hohes Gut.

    Wg. Habermas

    Dass Habermas den Konsens fordere, ist mir noch nicht untergekommen.

    Und seine Idee, die Herrschaftsfreiheit eines idealen Diskurses als k o n t r a f a k i s c h e Idee in seine „Theorie des kommunikativen Handelns“ einzubauen hat eine gewisse Plausibilität auf einer allerdings ziemlich weit vom alltäglichen Sprachhandeln entfernt liegenden Abstraktionsebene.

  137. @“Ich habe inzwischen jedoch immer mehr die Befürchtung, daß die gesellschaftlichen und politischen Debatten um Special-Interest-Themen kreisen. Daß wir am Rande von gefährlichen, weltweiten Kriegen stehen und unheilvolle wirtschaftliche und politische Verwerfungen drohen, scheint immer mehr aus dem Bewußtsein zu rücken. In diesem Sinne möchte ich dann auch auf die klugen Analysen von Mark Lilla verweisen. Nicht daß das Thema nicht relevant wäre, wie ja auch Gendertoiletten. “ ——– Die Onlinedebatten wie die im Fäuleton der Zeitungen drehen sich mehr oder weniger um Orchideenthemen bzw. special interest, und das seit Jahrzehnten. Das war nur ein einziges Mal für einige Wochen unterbrochen: Als Osama Bin Laden Manhattan in Schutt und Asche legte.

  138. Na ja, in der Diskursethik steht schon so etwas wie eine Einigung, und in bezug auf den Geltungsanspruch heißt es „dass er diskursiv eingelöst, also in einem argumentativ erzielten Konsens der Beteiligten begründet werden könnte.“ (Habermas, Legitimationsprobleme …) Und in „Vorbereitende Bemerkungen …“ (im Habermas-Luhmann-Band): „…, daß wir in jedem Diskurs wechselseitig eine ideale Sprechsituation unterstellen. Die ideale Sprechsituaiton ist dadurch charakterisiert, daß jeder Konsensus, der unter anderen Bedingungen erzielt werden kann, per se als wahrer Konsensus gelten darf. Der Vorgriff auf die ideale Sprechersituation ist Gewähr dafür, daß wir mit einem faktisch erzielten Konsensus den Anspruch des wahren Konsensus verbinden dürfen; zugleich ist dieser Vorgriff ein kritischer Maßstab, an dem jeder faktisch erzielte Konsens auch in Frage gestellt werden und daraufhin geprüft werden kann, ob er ein zureichender Indikator für wirkliche Verständigung ist.“ (Habermas, Vorbereitende Bemerkungen zu einer Theorie der kommunikativen Kompetenz)

    Die Übereinkunft der Mitglieder wird zwar immer wieder neu ausgehandelt, aber wie der letzte Satz zeigt, ist das Ideal eben doch eine „wirkliche Verständigung“. Nun muß man hier Habermas allerdings fragen, was er zum einen darunter und was er unter dieser idealen Sprechersituation eigentlich versteht und wie er diese Normsetzung begründungstechnisch einholt. Ich halte all diese eher für einen überflüssigen Ballast, der für eine Debatte bereits viel zu viele Voraussetzungen ins Spiel bringt. Die einzigen „Normen“ in einem Gespräch sind logische. Ob dabei am Ende, wenn es um Glauben und Überzeugungen geht, immer ein Konsens herauskommt, steht auf einem ganz anderen Blatt und dieser ist im Rahmen von Theorie auch gar nicht immer gewünscht oder gewollt und manchmal schlicht nicht möglich, wenn es um persönliche Überzeugungen geht. Etwas anderes ist es in handlungspraktischer oder politischer Absicht in einem Gemeinwesen, wenn etwas entschieden werden muß. Und zwar egal, ob wir in einer Rätedemokratie oder in einer parlamentarischen Demokratie uns befinden. Man kann natürlich, wie Platon es unternimmt, nach dem Guten und dem Gerechten in einem Staat forschen und solche diskursiven Veranstaltungen als Projekt der Öffentlichkeit sind für die Entscheidungsfindung auch sinnvoll. Oft aber bleibt das Ergebnis offen. Auch zwischen den Beteiligten

  139. @ che: Das ist etwas zu pauschal. Die Vielfalt der Themen ist durchaus gegeben. Und ein Thema wie die Frage, welchen Islam wir in Europa wollen und was eigentlich konservativ heute heißt, sind Debaten, die ziemlich viel mit dem Politischen aktuell zu tun haben. Zumal in unserer Gegenwart, wo sich doch einige Koordinaten verschoben haben.

    Richtig ist allerdings, daß man manche Frage von sehr viel mehr Perspektiven angehen sollte und daß es keine Meinungskorridore geben sollte, etwa was die Außenpolitik der USA in den arabischen Großräumen und in Afrika betrifft. So kann man etwa sehr viel gezielter nach den Ursachen fürs Elend in der Dritten Welt fragen. Und bitte am besten ohne die üblichen Dichotomisierungen: Die Afrikaner sind selbst an allem schuld vs Der Imperialimsus ist der Grund allen Übels. Beides sind Phrasen und sie helfen nicht wirklich, an die komplexen Ursachen zu gehen.

  140. @ Bersarin und che

    I Habermas

    Ich machte meinen Einwand weiter oben, weil ich meine, es sei sinnvoll, die folgenden Unterscheidungen zu machen:

    Es ist etwas anderes, 1) über Bedingungen, einen Konsens herzustellen zu sprechen und 2) einen Konsens zu fordern.

    Habermas wiederholt das unermüdlich – in Debatten, Interviews, Festschriften und Vorworten und und und: Das Kennzeichen der Moderne ist ihre inhaltliche Vielfalt und Differenz – ihr Stimmengewirr – ihr Gewimmel des „freien“ Volks, wenn ich mit- ehe – Goethen (=Faust II, Schlußszene, die sechzigste) diesen Abschnitt ausklingen lasse. (Ist bald Ostern!).

    Das aber, Bersarin, schließt nicht aus, dass, in Handlungszusammenhängen, Entscheidungen getroffen werden m ü s s e n , manchmal sogar unter der Prämisse: No matter what…Da ist korrekt. – allein, – – auch diese Tatsache kennt und diskutiert Habermas und fügt sie ziemlich perfekt in seinen oben angedeuteten Theorierahmen ein.

    Freilich braucht er für das alles ca. tausend Seiten = TKH.

    (Etwas kürzer macht er das in den Aufsätzen, speziell in „Wahrheit und Rechtfertigung“ und in „Nachmetaphysisches Denken II“ – wer sich für dieses Problemfeld interessiert, kann da kucken: Es geht da oft sehr viel schneller und hemdsärmeliger zu (es ist, als habe er sich da frei geschrieben, und wäre nicht mehr so supergenau wie in der „Theorie dkH“ an manchen Stellen, und dafür viel deutlichlicher (viel!).

    II Zeitdiagnostik und der Dissens

    Hier ist noch ein interessanter soziawissenschaftlicher Hinweis über eine weitverbreitete praktische Konsequenz der Idee, es müsse der Konsens im Vordergrund stehen bei öffentlichen Auseinadersetzungen (eine der zeitgenössischen Irrlehren, wie ich fürchte) :

    Das da ist der Kern der Blase – che, das schließt direkt an an unsere Debatte von vor zwei drei Monaten an wg. Eierköpfen und Handwerkern, und ist eine ziemliche Menge Wassers auf Deine, aber kurioserweise auch – – auf meine damalige Mühle (kommt alles im Video):

    David Perkins, Havard: – If people go up in IQ, they’re getting better in finding reasons – but only for their own side.

    Die Auflösung funktioniert nach Wittgenstein, Fromm und Borst so: Man braucht funktionierende Lebensformen, – sonst läuft die Argumentation von vorneherein Gefahr, „tribal“ (=einseitig, unproduktiv) (J. Haidt) zu werden.

    Und der Witz produktiver Lebensformen liegt darin, dass sie sozusagen den Dissens (Bersarin!) als wichtigsten zu schützenden praktischen Wert anerkennen und deshalb z. B. ihre höheren Bildungsanstalten darauf polen, dass pro und contra zivilisiert, aber ansonsten ungehindert zum Zuge kommen können.

    (Um einem naheliegenden Missverständnis vorzubeugen: Mit produktiv ist hier nicht einfach materielle Produktion gemeint).

  141. @Bersarin: Ich bezog meinen Kommentar auf solche Onlinedebatten wie sie in der linken und feministischen Bloggosphäre zahlenmäßig dominieren und auf das was so in sozialen Medien wie Xing in Foren diskutiert wird plus solch unsägliche Debatten um Themen wie Aktualität esoterischer Lehren, politisch korrektes Umschreiben von Kinderbüchern etc.

  142. @ Dieter Kief: Es ist richtig, daß Habermas die Pluralität der Moderne betont und auch, da ist er ganz Kantianer und nicht sehr bei Hegel, die Ausdifferenzierung der Vernunft bzw. ihre Geltungssphären in Sachen Begründung als Signum der Moderne sieht. Jedoch führt auch er wiederum auf einen Einheitsgrund der Vernunft zurück, das ist ja die Crux auch in „Der philosophische Diskurs der Moderne“ und eben seine Kritik an den „Postmodernen“ (mal so als Oberbegriff, ich mag diesen Begriff eigentlich nicht) und der „Poststrukturalisten, insbesondere gegen Lytotards Konzept des Widerstreits angehend.

    Die Idee des Konsenses ist zwar einerseits richtig, wenn es um Argumente geht und um die Zustimmung, sofern eine These mit Argumenten gut begründet ist. Aber auch hier werden meines Erachtens die eher intuitiven oder meinungsmäßigen Komponenten gering angesetzt. Aber das ist wieder ein anderes Problem. Worum es mir bei Habermas geht, mal abgesehen davon, ob das noch Kritische Theorie der Gesellschaft ist oder bereits Affirmation des Bestehenden als Rechtsstaat, die ja auch ich, teils zumindest, betreibe, denn es gibt im Augenblick nüscht Besseres: sind die Begründungsannahmen einer derart hoch angesetzen Vernunft mit moralischen Implikationen zudem, wie der des herrschaftsfreien Diskurses wirklich erforderlich oder reicht nicht vielmehr hier das Konzept eines Logos aus, das qua des Prinzips des Dialogs und der Unterredung, wie immer die auch ausgehen mag, unsere Reden strukturiert. Weshalb insofern eher logische Aspekte bestimmend sind: sich nicht selbst zu widersprechen, etwa indem man eine Rede in Anspruch nimmt, die man aber dem anderen versagt. Oder den anderen bereits im voraus zu labeln: Du bist rechts, du bist Stalinist, Du bist X oder Y. Zur Kritik an Habermas Diskursethik halte ich immer noch Ernst Tugendhat interessant, in seinen „Vorlesungen über Ethik“.

  143. @ che: Du schriebst auch vom „Fäuleton der Zeitungen“. Da mußte ich zwar einerseits lachen, weil das zu einem kleinen Teil stimmt und da werden auf des Kaisers Glatze oft auch Locken gedreht. (Karl Kraus: „Ein Feuilleton schreiben heißt auf einer Glatze Locken drehen.“) Aber eben nicht nur. Viele dieser Debatten sind durchaus anregend.

    Aber natürlich gibt es im Debattensumpf des Internet viel, sehr viel Müll und Abstruses. Aber wann ist eine Debatte relevant? Am Ende kann man das immer nur an inhaltlichen Kriterien und an der Debatte selbst festmachen. Debatten wie Adorno kann nicht schreiben, Heidegger war ein Nazi, Marx hat den Stalinismus möglich gemacht, laufen in der Regel ins Leere, weil der Thesenaufsteller sich gar nicht überzeugen lassen will, sondern lediglich seine Meinung in die Welt blasen will.

  144. @ Bersarin
    Habermas ist wie der Igel – im Frühling! – quasi immer schon da. Auch über die Logik als Voraussetzung und Grundlegung der Argumentation hat er tatsächlich das eine oder andere hundert Seiten verfasst.
    Was Ihnen aus einem möglicherweise kuriosen Grund nicht einleuchten will, ist, dass er hie und da sehr differenziert ist (=extrem differenziert), aber da und dort auch ziemlich hemdsärmlig, manchmal sogar ein wenig wurschtig vor sich hinargumentiert und die kontrafaktischen (!!) Präsuppositionen wie die vom herrschaftsfreien Diskurs vollkommen vergessen lässt (S. 7 – S. 54 in „Nachmetaphysisches Denken II“).

    Man könnte das mal so machen, als ob man sich in einem Kreis, umstanden von lieben Freunden oder vertrauenswürdigen Fremden, mit geschlossenen Augen auf Zuruf fallen lässt – es tut nicht weh, es ist ein wenig kribbelig und auch ein wenig unvernünftig und kindlich, aber es geht – und so durchaus auch bei Habermas, was die Architektur seiner Diskurstheorie angeht. Man braucht, da stimme ich Ihnen absolut zu, nicht dauernd das ganze theoretische Geschirr in Anspruch nehmen, und das geht auch gar nicht.

    Im Grund funktioniert die TKH vor allem als Hintergrundannahme, um freilich mit zum Teil unfassbarer Präzision – quasi auch: Auf Zuruf!, in fast allen relevanten Fällen wie durch ein Wunder zu funktionieren, wo jemand die Grundannahmen der TKH in Zweifel zieht.

    Das geschieht natürlich häufig – aber geschätzte neunundneunzig Prozent der Einwände sind wirklich von dem Typ: Ha, der Habermas denkt, es gibt keine wirklichen Konflikte mehr, und man kann alles ausdiskutieren. Oder vom Typ: Ohh, er glaubt, man brauche keine Asueinandersetzungen mehr wegen der Zukunft – es regle sich alles sozusagen geräuschfrei auf höheren theoretischen Wink via zauberhafter Kommunikationstechniken.

    Das aber – Sie haben es bestimmt schon geahnt, wo ich hinauswill – ist alles falsch! Durch und durch falsch. Und auch kenntnisfrei.

    Ansonsten ist es klar weiterhin wichtig, dass man die alten liberalen Grundsätze anwendet, die auch Habermas hie und da explzit macht, und die sich z. B. – ich meine sogar lückenlos – rekonstruieren ließen, wenn man breits Goehtes „Maximen und Reflexionen“ daraufhin durchmusterte.

    Naja – und jetzt kommt einer meinr Lieblingsgedankenschritte: Von Kant über Goethe und dann über Freud in die Gegenwart.

    Dann bleibt: Die Wahrheit ist ein scheues Wild, und derjenige wird ihrer eher inne, der bereit ist, sie in gut liberaler Tradition dem Widerspruch auszsusetzen. Er wird gut daran tun, persönliche Ebene und Sachebene zu trennen. Er wird verstehen, dass die Menschen – jetzt kommt halt auch noch der Goetheaner und hegelische Heideggerianer Gadamer, immer aus ihrer Perspektive reden und argumentieren. Er wird verstehen, das ist Kleist, dass auch das beste Argument jemanden verletzen kann, eben aufgrund unserer individuellen (und unausweichlichen = eingeborenen und eingefleischten (Piwitt)) Lebensgeschichten (Schopenhauer war das auch sehr klar – wie auch den Moralisten (Vauvenargues, Montesquieu, Chamfort, La Rochefoucault)).

    Insofern würde ich Ihnen entgegenkommen wollen: Es ist nicht so, dass man in Sachen Kommunikation Habermas und nur Habermas berücksichtigen soll.

    Vieles ist sehr praktisch an dieser Sache, und deshalb ist der scharfe Witz der (Pariser) Großstadtmenschen (= im Umgang mit allerlei Mitmenschen erfahrungsgesättigten) französischen Moralisten in manchen Fällen der kürzeste Weg zum Ziel, da bin ich absolut sicher.
    Vauvenargues – einfach mal nebenher aufgeschlagen: „Es gibt keinen Widerspruch in der Natur.“

    Das ist natürlich bezaubernd und sehr konzis.

    Ah noch bei den praktischen Aspekten, quasi: Die Stimme der Vernunft spricht leise; auch das ist perfekt und für die Ewigkeit.

    Audiatur et altera pars.

    Und halt das, was Haidt da von Mill ableitet, was aber auch in der TKH steckt: Das entscheidende Medium – besser: Der wirkliche Prüfstein der Redefreiheit ist der institutionalisierte Schutz für die abweichende Meinung und/oder für das n i c h t passende Argument.

    Intellektuelle nerven. Sie tun etwas sehr Unnatürliches und auf den ersten Blick zumindest sehr Kontraintuitives: Sie widersprechen, und sie konstruieren auch mal ins Blaue. Und sie sollen, nochmal Habermas, unabhängig & sachverständig sein. Sie sollen: Unabhängig u n d sachverständig sein. Für die Gesellschaft der Normalos sind solche Gestalten mit einer Art Angstlust verknüpft, und im guten Fall hält man sich die so, wie man sich andere Exzentriker hält: Bierdeckelsammler, Heilige, Nonnen und Mönche, Extrembergsteiger, professionelle Künstler aller Art usw. Dann ist alles gut.

    Nun, um noch mal auf die praktische Seite der Kommunikation zurückzukommen, ich meine wirklich, dazu brauche man Habermas nicht weniger als Marie von Ebner-Eschenbach, Schopenhauer, Chamfort, Stanislaw Jerzy Lec und noch ein paar von denen, die ich oben genannt habe. Lau Dse vielleicht noch. Und man braucht Habermas auch nicht wirklich mehr als diese Leute, Haidt noch und Penkins aus gegebenem Anlass, Mill, den milden und umsichtigen und humorvollen Jean Paul, Wilhelm Raabe, Gracian.

    Slea – Psalmende – Emil Kiess wartet!

  145. Genau das ist ja der Punkt, und da sind wir dann meinetwegen auch bei Wittgensteins Sprachphilosophie, aber indirekt auch bei Adornos Theorie der Sprache: wir nehmen beim Sprechen, wenn wir miteinander diskutieren, nicht beständig das gesamte oder das halbe theoretische Rüstzeug in Anspruch, wenngleich sie implizit sicherlich an manchen Stellen mitschwingen. Aber welche Annahmen sind nun basal? Was wir ansetzen müssen, sind elementare Regeln der Logik: Performativer Selbstwiderspruch: mithin Redefreiheit selber einfordern und sie zugleich anderen verbieten, weil Nazi, Islamist, Stalinist (Entsprechendes bitte ins freie Feld einsetzen) – das funktioniert nicht. Und genauso gilt der Satz vom Widerspruch, der Satz der Identität, die Schlußregeln. Dennoch gibt es etwas in den Debatten, was von diesen Argumenten nicht eingeholt werden kann: Das sind die – sozusagen – lebensweltlichen Idiosynkrasien, die sich nicht mit reinen Argumenten beseitigen lassen, sondern auf singulären Lebenserfahrungen beruhen, die oft – und darin liegt dann der Denkfehler – zum allgemeinen Maßstab ausgelegt werden. Wer da ran will, braucht nicht mit Ideologiekritik oder mit Dekonstruktion zu kommen, sondern eher mit Dialektik und Hermeneutik, und in diesem Sinne scheint mir hier eine Art Platonisches oder Gadamersches Philosophieren vielversprechender. Mix der Methoden. Und Selbsteinsichten sind allemal besser, als wenn man dem anderen eine Sicht aufzwingt. Das funktioniert in der Regel nicht.

    Was nun den herrschaftsfreien Diskurs betrifft, so ist das eben auch eine Verschleierungsfigur. Klar: Habermas setzt ihn als idealtypische, kontrafaktische Annahme und er weiß sicherlich selber, daß er in realen Sprechersituationen – etwa am Arbeitsplatz oder in Universitätshierarchien – keineswegs gegeben ist. Und da setzt eben die Kritik ein: Die realen Herrschaftsverhältnisse lassen sich nicht einfach ausblenden und müssen manchmal auf Teil der Diskussion sein. Ist halt dann die Frage, wie man das inhaltlich leistet, ohne in die üblichen Kritikschablonen zu fallen, wie sie Rechtsaußen und kulturalistische Linke gerne betreiben

    Die von Habermas angesetzten Konflikte sind solche innerhalb des Rechtsstaates, den es in seinem Bestand zu sichern gilt. Das ist soweit auch ok und – einerseits – richtig. Andererseits brauchen wir eine Perspektive, die das transzendiert und die grundsätzlichen Strukturen des Denkens in die Kritik nimmt. Da bieten sich dann Adornos Kritische Theorie, Marx Analysen der Politischen Ökonomie natürlich und ebenso Heidegger an. Auch Adorno wußte, daß es nichts Besseres als einen demokratischen Rechtsstaat gibt. Trotzdem ließ er sich in diesen Dingen nicht in die Entweder-Oder-Logik zwingen: Entweder bist du 100 % für den Rechtsstaat oder du bist es gar nicht. Für eine unmittelbare pragmatische Politik sind die Theorien Adornos und Heideggers (und auch die Nietzsches) sicherlich wenig geeignet, aber es hieße auch, die Gegenstandsbereiche vermengen und Unterschiedliches gleichsetzen, wenn man diese Theorien dahin zwingen wollte.

    Es geht bei Habermas auch gar nicht darum, seine Theorie insgesamt in die Tonne zu treten – was ja sowieso bei jedem Philosophen ein völliger Unsinn und nachgerade antiphilosophisch ist –, sondern die Texte zu sichten. Im „Philosophischen Diskurs der Moderne“ liegt er im Urteil über Adorno, Nietzsche, Heidegger und inbesondere bei den französischen Poststrukturalisten, die er als Irrationalisten und Neokonservative bezeichnet, ziemlich daneben. Gleiches bei dem Einwand Derrida würde die Gattungsunterschiede zwischen Literatur und Philosophie abstrakt einebnen und Philosophie als Literatur behandeln. Solches Öffnen der Grenze findet sich bei Derrida nirgends und in dem Interview in dem Band „Positionen“ weist er diesen Vorwurf, wenn ich mich recht erinnere, auch deutlich zurück. Dieses Fehlurteil hat Habermas vermutlich einiges an Reputation gekostet auf Seiten einer Merve-Diskurs-Linken. Aber es gab ja am Ende doch eine Annäherung zwischen Derrida und Habermas, zumindest in bezug auf Europa. Auch Philosophen sind nicht vor philosophischen Fehllektüren gefeit, wie diese Episode zeigt und was insofern Derridas Dekonstruktion des Sinnbegriffes einiges Recht gibt. (Dekonstruktion heißt ja eben nicht Zerstörung)

    Was nun die Vernunft betrifft, so führen viele Wege nach Rom. Zwischen Kant, Hegel, Nietzsche, Karl Kraus, (und meinetwegen auch Jean Paul und Kleist), Adorno, Benjamin, Heidegger, Luhmann und eben auch Habermas. (Wobei ich da in jenem Sammelband mit der legendären Debatte, die Teil meiner schriftlichen Soziologiemagisterprüfung war, deutlich auf der Seite Luhmanns stand. Ich war wohl damals schon konservativ. Oder wie es mir ein Bekannter vor 25 Jahren mal böse zuraunte: Du bist der einzige, der Adorno derart konservativ und rechtsaußen liest. Mir war das ein Kompliment.)

    Aber gut – eine umfassende Habermaskritik (Kritik im etymologischen Sinne verstanden und als Sichtung der Sache, nicht als Vernichtung) kann sowieso nur konkret am Text und an den einzelnen Passagen erfolgen. Generalisierungen sind meist wenig hilfreich, worin wir uns, denke ich, eh philosophisch einig sind und wo also ein Konsens besteht. Ohne Frage ist die ThdkH ein spannendes Buch und ein großer Wurf. Gleichzeitig sollte man sich bei der Habermaslektüre auch den von Gerhard Bolte beim tollen zu Klampen Verlag herausgegeben Sammelband „Unkritische Theorie. Gegen Habermas“ mitlesen. Nicht als Bibel, aber als korrektiv. Und da fächert sich dann eine Sache schön perspektivisch auf und kann von verschiedenen Seiten gesehen werden.

  146. Es gibt viel Gemeinsames in unseren beiden Bemerkungen.

    Das da nehm‘ ich mal aus:

    „da setzt eben die Kritik ein: Die realen Herrschaftsverhältnisse lassen sich nicht einfach ausblenden und müssen manchmal auch Teil der Diskussion sein.“

    Wenn Sie meinen, das sei nicht Habermas-kompatibel, liegen Sie nicht richtig. wie ich obern schon schrieb: Manchmal denk‘ ich an sowas wie eine irgendsoeine Unverträglichkeit bei Ihnen. Es ist ein wenig kurios, wenn Sie gestatten.

    Derrida schenke ich Ihnen – die große Leistung der französischen Derrida- und Foucault-Anarchie war es, Marchais und Genossen zum Verschwinden zu bringen und den unglaublich dumpfen Mélenchon klein zu halten, was bis heute funktioniert (außer bei einem Tropf wie Eribon)).

    Mit Luhmann verhält es sich ähnlich wie mit Derrida, nur spiegelverkehrt.

    Und klar lässt Habermas sowohl Luhmann als auch Derrida et. al. gelten. Es sagt halt, wo sie ihren selbstgesetzten (!) Rahmen überstrapazieren. Das aber trug erheblich zur Deutlichkeit bei. Es ist – letzte Bemerkung in diesem Zusammenhang – natürlich wichtig zu sehen, dass Habermas weder die Poststrukturalisten noch die Dekonstruktivisten noch die Marxisten in Bausch und Bogen ablehnt.

    Und es versteht sich (deshalb), dass Habermas nicht die Bohne ein Problem hat mit einem Text wie Adornos Essay-Text z. B. – also mit der Tatsache, das dei Philosophie und der Essayismus und die philosophische Schriftstellerei erhebliche gemeinsame Pfründe haben.

    Wer das bestreiten wollte – also bestreiten wollte, dass Habermas diese gemeinsamen Pfründe nicht nur anerkennt, sondern als eine überaus produktive Allmende ansieht: Der würde mit Macht offene Türen einrennen. Und nun, um der Sache noch ein Winziges an zusätzlichem Nachdruck zu verleihen, aber nicht nur bei Habermas – sondern gleich auch noch bei mir, hehe!

    Ceterum censeo:

    In Alltagskontexten kann man Habermas mit Habermas auf den Satz zurückschneiden: „Das Gelingen der Kommunikation bemisst sich daran, ob der Angesprochene den für das Gesagte erhobenen Wahrheits- oder Wahrhaftigkeits- oder Richtigkeitsanspruch als gültig akzeptiert.“ (Nachmetaphysisches Denken II, S. 12)

    Der Satz verlangt, dass man versteht, dass die 3 Gültigkeitsbereiche reinlich voneinander geschieden sind und jeweilen a n d e r e Arten von Argumenten erfordern.

    Nämlich – cum grano salis – quantitative Argumente für 1) Wahrheit***** und 2) sujektive (z. B. Geschmacks-) -Kritierien im Falle der Wahrhaftigkeit, und 3) an normativen (z. B. gesetzgeberischen=rechtlichen) Praktiken orientierte Kriterien in Fällen, die diese Sphäre betreffen.

    Das ist die große Entdeckung (= Klarstellung) Habermas‘, soweit ich sehe. Und deswegen sage ich auch immer, er sei ein Kantianer, klar, weil das haargenau die drei von den Neukantianern (erst!, – erst die haben das so klar zu sagen vermocht, komisch eigentlich) – also: Das waren, sage ich, haargenau die von den Neukantianern ins Zentrum gerückten drei Wertsphären, die Habermas aufgegriffen und systematisch flottgemacht hat.

    Nochmal: Ich meine, das sei die entscheidende philosophische Weichenstellung, die Habermas der Welt aufs Auge drückt. (Und das funktioniert. Ich habe das mal erlebt: Wie Leute aus aller Welt, wirklich (=buchstäblich) tagelang in einem Konferenzzimmer in einer Frankfurter Gründerzeitvilla sitzen, und in der Mitte sitzt Habermas, und egal ob das nun wilde linksrevolutionäre Lateinamerikaner oder liberale Köpfe aus einem US-College aus dem Bible-Belt oder halt der Inder oder der Chines‘ unklarer Provenienz waren: Ich sags mal so: Nach den drei Tagen hab‘ ich erwachsene Männer gesehen, die sich ein Autogramm geben ließen. Und dann noch eins und noch eins…

    Und ich sag noch was: Wenn gar zu einfältige Köpfe das Wort ergriffen, ergriff ich manchmal die Flucht und erging mich in der Miquel-Allee oder im Bahnhofsviertel. Aber der Dr. Habermas blieb – solange die Tagungsteilnehmerinnen aus aller Welt wenigstens den Anschein erweckten, sie würden sich an die o. a. Regeln halten (und das taten wirklich alle, einfältig wie die Häschen…) – blieb der Mann sitzen, hörte sich die Einwände an (zum wievielten Mal – zum tausendsten Mal?) – Einwände, die oft vorgebracht wurden in rudimentärem Englisch, aber der Diskursdoktor hörte sich alles egalweg freundlich, zugewandt und aufmerksam an und replizierte höflich, umfassend, immer druckreif und – soweit ich mich erinnere – auch im Aufbau ziemlich perfekt, von Tag eins an, bis zum späteren Ende.)

    ***** Den Punkt versteht, bzw. berücksichtigt (oder: würdigt) so gut wie gar keiner. Komisch.

    PS
    Jean Paul ist für mich unverzichtbar. Goethe, Freud und Fromm auch.

  147. Es ist, Dieter Kief, bei der Philosophie (oder im Falle Habermas‘ teils auch bei der Soziologie) eine Frage der Perspektivierung. Von welchem Punkt aus blicke ich auf die Gesellschaft? Immanent in ihr oder in ihr zwar, denn wir können ja nicht ins Außerhalb, aber doch über sie hinaus, indem basale Strukturen in den Blick genommen werden, die auch diesen immanenten Blick steuern? Und damit sind wir einerseits bei Marx und andererseits, was die Reflexionslogik und die Frage nach der Genese und Struktur von Gesellschaft betrifft, bei dem Phänomenologen und Dekonstrukteur Derrida. (Wobei man ganz dialektisch sagen muß, daß das Dekonstruieren immer auch ein Rekonstruieren ist.)

    Na ja und insofern sind Derrida (und auch Foucault) denn doch im Raum der Theorie und der Philosophie etwas mehr als die Vertreiber von orthodoxen Sowjetkommunisten. Foucault eher materialiter als Historiker und Empiriker – aber eben nicht nur – Derrida in seiner Vernunftkritik, die einer Vielheit (der Stimmen und des Sprechens) gerecht wird. Auch Derrida und Foucault gehören – bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Positionen – zur Philosophie der Aufklärung und kritisieren die Vernunft mit ihren eigenen Mitteln, stehen für eine plurale und erweiterte Vernunft. Habermas‘ Irrationalismusvorwurf damals zielte also an der Sache vorbei, aber er hat ihn, denke ich, am Ende auch wieder revidiert und konnte aus den Grabenkämpfen des Deutsch-Französischen Krieges heraus, eine konstruktivere Sicht einnehmen.

    Allerdings reicht Derridas (und auch Foucaults) Blick in einer bestimmten Hinsicht, nämlich auf der Ebene basaler, genereller Struktur, sehr viel tiefer als Habermas diskursinterne Rationalisierungen und seine Operationalisierungen von Diskursen. Was wo und wann seinen philosophischen Sinn und seine Richtigkeit hat, ist in solchen Betrachtungen des Sozialen dann eine der Perspektive und der Fragestellung. Wer die Gesellschaft und damit zusammenhängend ihr Denken im ganzen kritisiert (im Sinne von krínein), wird bei Derrida, Foucault, Heidegger und Adorno (und natürlich Luhmann) eher fündig als bei Habermas. Wer sich für die speziellen Mechanismen und die immanente Struktur von Diskursen und von Operationalierungen der Ratio und ihre produktive Ausformungen interessiert, damit ein System am Laufen gehalten wird, wird eher mit Habermas an die Sache herangehen. In diesem Sinne ist Habermas das Abbruch des Projekts der Kritischen Theorie (bei aller Offenheit seines Blickes, wie Sie es beschrieben) und Derrida setzt das Projekt der Kritischen Theorie fort – freilich in einer anderen Weise. Beide Perspektiven sind unterschiedliche Aspekte der philosophischen Vernunft bzw. des Logos. Wobei eben Derrida den Begriff des Logos selbst noch einmal befragt.

    Auch hier zeigt sich wieder, daß eine simples Entweder-Oder in der Sache der Philosophie schlicht zu kurz greift, und dem Gegenstand nicht gerecht wird.

    Der größte Unterschied zwischen Habermas und dem frühen und mittleren Derrida besteht darin, daß es sich bei Habermas um ein soziologisch-rechtsphilosphisches Projekt handelt, während bei Derrida Praktiken des Lesens und damit des Textes im Vordergrund stehen. Derrida ist also in diesem umfassenden Sinne der Dekonstruktion als einer Form von Lektüre ebenso Hermeneutiker, nur anders als das Gadamersche Projekt und daß er dem Begriff des Sinns, auch in seinen sozialen Ausprägungen, eine andere Richtung verleiht. Ein schöner Einstieg in Derrida und um zu sehen, wie bei ihm die Lektüre funktioniert, ist einerseits seine Celan-Lektüre in „Schibboleth“ und andererseits die „Grammatologie“, wo dann auch das Theorie-Projekt Derridas ersichtlich wird, das in der Tat ein anderes ist als da von Habermas. Den Logos als umfassende Vernunft nehmen dabei beide in Anspruch. Während hingegen Habermas bestimmte Begriffe ungefragt voraussetzt und in Anspruch nimmt, werden diese von Derrida teils phänomenologisch, teils dekonstruktiv, teils in einer an Heidegger geschulten Fundamentallektüre kritisch hinterfragt. Daß sich aus solchen unterschiedlichen Verfahren auch unterschiedliche operationale Ansätze ergeben, sollte klar sein.

  148. Bersarin – auch ich habe ach, die „Grammatologie“ z. B. studiert mit heissem Bemühn‘ – – und sie zuzeiten gar gelehrt herrje.

    Sie sagen, Habermas habe seine grundsätzliche Kritik an der fundamentalen Vernunftkritik Derridas zurückgenommen, allein Sie sagen nicht wo, und ich meine, das habe seine Richtigkeit. Denn bei diesem „wo“, so fühle ich mich aufgrund gewisser Kenntnisse veranlasst zu sagen, handle es sich um keinen mir bekannten realen Ort.

    Wenn man Habermas‘ Heidegger-, Derrida- und Foucault-Kritik, wo sie tief sein will und in der Nachfolge Nietzsches der Vernunft selber an den Kragen geht, kurz fassen möchte, so würde man sagen, dass die sich nur als per se ausservernünftig darstellen lasse. – Diese Kritik entzieht sich damit – dem vernünftigen pro und contra des Gebens und Nehmens von Gründen und dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments.

    Das, sagt Habermas, ist der Preis, den man zahlt. Das ist sozusagen der Vor- und zugleich der Nachteil dieser Art von fundamentaler Vernunftkritik.

    Pars pro toto über Philosophen (und Soziologen usw.): „Weise und Seher, die – wie noch Heidegger – einen privilegierten Zugang zur Wahrheit reklamieren, können sie nicht mehr sein.“ (Nachmetaphsisches Denken, S. 7).

    Argumente sind Argumente, sind Argumente. Und Visionen, Wutausbrüche, der surrealsitische Akt usw. „Träume nach vorn“, die sexuelle Rebellion (=Ausschweifung usw., die Vagina-i-sierung der Welt zur endgültigen Zerstörung des Patriarchats…oder sexuelle Rebellion zur Klärung der trüben patriarchalischen Triebenergien im orgiastischen Medium des Orgons…), die reine Insurrektion am Ende, – – – diese Dinge sind alle real.

    Kein Zweifel.

    Aber derlei wird für den Diskurs nur relevant als transformierter Stoff = als Argument.

  149. Wie man in der Derrida-Lektüre ersehen kann, gibt es beim späten Derrida eine Wende zu Politik, was wiederum bei Habermas eine Wende zu Derrida nach sich zog: Und da ist zum einen sein Europa-Text zu nennen, den er zusammen mit Habermas publizierte „Unsere Erneuerung. Nach dem Krieg: Die Wiedergeburt Europas“. Und da ist Habermas Text „Der gespaltene Westen“ darin er Derrida würdigt und wenn wir den Biographien von Müller-Doohm (zu Habermas) und von Benoit Peeters (zu Derrida) folgen, dann finden sich dort Passagen, die auch auf der privaten, philosophschen Ebene eine Annäherung beschreiben. (Die Biographie von Benoit Peeters ist übrigens ganz vorzüglich. Die von Müller-Doohm natürlich auch. Schon die zu Adorno war sehr gut und ausgewogen.)

    Nein, es ist diese fundamentale Vernunftkritik kein Nachteil der Vernunft, sondern es ist ihr Konzept und sie läßt sich dann begründen, wenn man die Vernunft als Logos dialogisch und plural konzipiert und wenn man, wie im Falle Nietzsches, auch ästhetische Sprechweisen sieht.

    Aber wie gesagt: wir sind uns vermutlich auch darin einig, daß Philosophie sich nicht in dem Gestus Habermas ODER Derrida bzw. Habermas ODER Adorno erschöpft.

  150. @ Bersarin

    Das klingt jetzt ein bisschen anders als oben; wir wussten ja selbst vorgestern schon beide von den gemeinsamen Aktionen Habermas‘ und Derridas. Was unbekannt bleibt, vorerst (ich meine ja: Für immer) ist die oben benannte Rücknahme der Kritik Habermas‘ and Derridas sozusagen grundsätzlicher Unvernunft. Bitte: Sozusagen! – Ich könnte auch sagen: Theoretischer. Also: Theoretischer Unvernunft. – Und das impliziert ja keineswegs – praktische Unvernunft.

    Und das gilt selbstverständlich (bzw. – leider – – ) auch umgekehrt.

    Sobald es praktisch wird, zählt sowieso nur die Praxis, wie das englische Pudding-Theorem so charmant zeigt.

  151. Ja und es ist ein Unterschied, ob man über eine Praxis und die Bedingungen, die diese Praxis überhaupt erst möglich machen, nachdenkt oder ob man einfach praktisch handelt und weiterhin noch, wenn man nach der Sinnhaftigkeit der Praxis fragt. Diese Differenz werden auch Sie sicherlich ziehen.

    „Sobald es praktisch wird, zählt sowieso nur die Praxis, wie das englische Pudding-Theorem so charmant zeigt.“

    Das ist dann auch wieder solch ein ideologisch aufgeladener Satz in der Entweder-Oder-Logik. Würde man ihn so unmittelbar anwenden, müßte man Merkels Grenzöffnung übrigens lauthals bejubeln. Denn es zählt ja ausschließlich die Praxis. Praxis aber, das zeigt sich immer wieder, ist nicht gegen die Zwecke neutral und Praxis ist auch kein Selbstzweck, einfach weil sie Praxis ist. Das kann man – in unterschiedliche Weise – sowohl bei Adorno, wie auch bei Derrida lernen und ich denke, daß auch Habermas das ähnlich sieht.

    Das Philosophieren von Habermas und Derrida ist ansonsten von der Methode und von den Inhalten her derart unterschiedlich, daß da kaum Platz bleibt, das Denken des anderen in den Blick zu nehmen. Was Europa betrifft, so wird ähnliches gewollt, allerdings mit unterschiedlichen Mitteln. Wie ich es oben kurz anriß, liegen bei Derrida ganz andere Operationalisierungen vor als bei Habermas. Und die philosophische Annäherung zeigte sich, wie ich oben bereits schrieb, in dem Aufsatz „Der gespaltende Westen“, worin Habermas den gemeinsamen Rekurs auf Kant hervorhob, also eine Vernunftkritik im umfassenden Sinne und nicht Unvernunft und wo er zugleich das Trennende nannte, nämlich den Heideggerbezug.

  152. Und intellektuelle Annäherung heißt ja eben nicht: Übernahme der Ansichten und des philosophischen Vorgehens. Worum es primär ging: daß Habermas‘ Vorwürfe aus „Der philosophische Diskurs der Moderne“ an der Sache vorbeizielen, zumal sie inhaltliche Kritik mit politischer Bewertung (Junkkonservatismus) vermischen. Da war bei Habermas erheblich der Blick verstellt und es wurde unter der eignen (deutschen) Optik auf ein ganz anderes Denksystem geblickt, nämlich französischer Strukturalismus, deutsche Phänomenologie, was bei Derrida ja immer unterschlagen wird: er war ein hervorragender Kenner von Husserl. . Daß man unter dieser Perspektive dann auch nur das sieht, was man in den anderen hineipreßt, bzw. hineinprojiziert, verwundert natürlich nicht. Insofern zeigt auch diese Habermas-Kontroverse in bezug auf die neuere poststrukturalistische Philosophie aus Frankreich, daß es nie gut ist, den eigenen Blick als Maßstab zu nehmen und damit den Text des anderen zu unterlaufen. Und ich denke, daß sich Habermas mit diesen Thesen keinen wirklichen Gefallen tat. Die Stärke von „Der philosophische Diskurs der Moderne“ liegt nicht in der Kritik der französischen Philosophie samt Heidegger, Nietzsche, Adorno, Luhmann, um so ideologisch Gegnerschaft aufzubauen (bis auf Adorno vielleicht), sondern die Stärke liegt in der Bestimmung der Moderne als pluraler Angelegenheit.

    Und sie liegt darin, das Problem und die Enzweiungserfahrung der Moderne seit der Sattelzeit zu benennen.

  153. @ Bersarin

    Wenn man die Unterschiede wegnimmt, tritt das Gemeinsame hervor – so wie da bei Ihnen 10:57 oben:

    „(…) sowohl bei Adorno, wie auch bei Derrida lernen und ich denke, daß auch Habermas das ähnlich sieht (…)“

    – Das ist – halten zu Gnaden – eine strukturelle Wahrheit. Der wird kein zurechnungsfähiger Kopf widersprechen.

    Der Knackpunkt, den Habermas mit Bezug auf Derrida und Foucault (!) unbeirrbar benennt, ist Kant, auch da stimme ich Ihnen – ok: listigerweise… – zu. – Und jetzt schauen Sie mal, was Derrida und Foucault so alles Negative über die Vernunft selber und deren Verfechter wie Kant geschrieben haben…

    Es „glangt“ (Gerhard Polt) eigentlich wenn man sieht, dass, sobald man die Vernunft verabschiedet (nicht: kritisiert – kritiseren ist ok!!) – also: Sobald man die Vernunft verabschiedet, hat man einfach keinen Ort mehr für diese von Ihnen ja tatsächlich und zutreffenderweise bei Derrida gesehenen Dinge: „(…) Derrida ganz andere Operationalisierungen vor als bei Habermas“ – also diese „anderen Operationalisierungen“.

    Sie werden mir bitte nicht trockenen Auges ankreiden wollen, dass ich, weil ich auf den Unterschied von Theorie und Praxis verweise, haftbar zu machen sei für die Feier – oder auch nur die kritiklose Hinnahme – – des Bestehenden – in welcher Form / Konkretisierung auch immer?!
    Danke!

    Die Entzweiungserfahrung der Moderne ist eine der zentralen Einsichten derselben… das macht sie (u. a.) so wertvoll.
    Und ja, richtig: Die Moderne ist u. a deswegen so wertvoll, weil sie (strukturell!) eine plurale Angelegenheit ist: Das ist der vorgestern oder wann von mir bereits benannte gemeinsame Grund, auf dem all‘ unser Hoffen steht (Ist das Hölderlin? – Ahh – Gryphius – direkt vor meinem Büro-Fenster dröhnt mir grade ein Bagger in die Erinnerung – jetzt kommt auch ein Rüttler dazu – – ich kapituliere…!!!!!!!!

  154. Nun müßten Sie allerdings nur noch anhand von Textbelegen zeigen, wo Derrida und Foucault die Vernunft verabschieden. Weiterhin ist es nicht nur semantisch, sondern auch in der Sache doch wohl ein Unterschied, ob ich Kant kritisiere (und zugleich aufgreife, wie Derrida und Foucault das tun – etwa ganz prominent in Foucaults Kant-Aufsatz zur Aufklärung) oder ob ich Negatives über Kant schreibe. Etwas zu kritisieren, heißt nicht es im Gesamt zu negieren, sondern Kritik eines Denkens bedeutet, es in bestimmter Hinsicht zu kritisieren, aber nicht, es abstrakt zu negieren. zudem bedeutet Philosophie nicht, die Tradition bedingungslos zu affirmieren.

    Derrida und auch Foucault befragen mit den Mitteln der Vernunft (nämlich als philosophischer Logos, wie wir es seit den Vorsokratikern finden) diese Vernunft auf ihre Ausschlüsse und ihre Oppositionsbildungen hin. Auch dies ist ein Projekt der Aufklärung. Und ich denke, Habermas hat diese empirische, historisch-forschende Arbeit bei Foucault später auch anerkannt. Haberrmas‘ Lektüre der 80er Jahre war doch noch sehr von ideologischen Vorbehalten geprägt – was bei ihm womöglich auch an einem Mangel des Sinns fürs Ästhetische handelt. Zu allem Möglichen schrieb Habermas – nur zu Kunst stehen wesentliche Schriften aus. (Sieht man einmal von ein paar Grobeinteilungen ab, wie in seinem Aufsatz zur Moderne als unvollendetem Projekt.)

    Zur Entzweiung der Moderne gehören eben auch die Versuche, diesen Riß zu heilen oder zumindest irgendwie zu lindern – in diesem Sinne ist dann auch die Jenaer Frühromantik modern -, oder – wie Hegel und auch Marx – diesen Bruch zumindest ins Bewußtsein zu bringen – was dann ebenso eine Linderung bedeutet.

  155. Jena ist unstritig.
    Foucault hat eine späte Wende gemacht, in Sachen Kant, und das Habermas gegenüber (sehr sportlich) auch eingeräumt. Habermas war entzückt – ich schon auch.

    Derrida hat diese Foucaultsche Kant-Wende nicht mehr explizit gemacht (man kann, wie Sie das oben tun, den gemeinsamen Protest – also dass Derrida sich Habermas‘ Eu-Protest anschloss (denn so wars ja…) als impliziten Kant-Gestus deuten – aber das bleibt auf der Handlungsebene).
    Habermas‘ grundsätzliche Kritik, dass man in Sachen Vernunftkritik besser den Ball flach halten solle und verstehn solle, dass man sonst in Selbstwidersprüche oder in sozusagen vormoderne Selbsanbetung à la Heidegger sich begibt – is‘ gorregg, Mann! – Der Belege sind unzähliche.

    Ich hab‘ nochmal ein Echo gehabt gestern auffm Rad – wegen Ihres Bezugs auf Habermas‘ Jungkonsevativen-Einteilung. Und kam zu einem – nun ja, hehe – zu folgendem Gedanken: Man könnte jetzt eine neue Einteilung machen in Links-Habermasianer, Rechts-Habermasianer und – – Marisaner (D. Dath, …).

    Ambulanter Vorschlag: Rechtshabermasianer sind die, die an einem Globalisierungsideal festhalten, und no matter what die Immigration befürworten – also im Epplerschen Sinne linke Strukturkonservative.

    Im Epplerschen Sinne wertkonservative (und in diesem Sinne kritische, auch materialistische (Heimat und Herkunft als Basis der Zukunft impliziert eine Menge faktischer (=tatsächlicher = materieller, ne – – Bezüge (=Referenzen)) : also im Eppleschern Sinne wertkonservative aufklärerische Kräfte würden dann als LinksHamerasianer firmieren, und finden, dass man den Zuzug regulieren soll nach Maßgabe der Bedürfnisse der aufnehmenden Gesellschaft, dass man Paul Colliers entwicklungsökonomische Einwände ernst nehmen solle, dass man Ruud Koopmans und Doglas Murrays Hinweise auf den korrodierenden Effekt ungeregelten Zuzugs (Rotherham, Telford etc. ….) nicht im Namen einer abstrakten (=grundsätzlichen) Höherwertigkeit fremder Kulturen verdrängen solle. Habermas wäre also neuerdings slber zweifelsohne den Rechtshabermasianern zuzuschlagen, ne.
    (Habermas und Ästhetik ist ein Feld, das merkwürdischerweise ziemlich unbeackert ist, stimmt. In seinem späten Merkur-Gespräch kommt Michael Rutschky ganz zustimmend auf Seel zu sprechen. Und Seel ist ja schon auch in diesem Feld tätig. Rutschky eigentlich auch. Er meinte, einen sozusagen bedeutenden ästhetischen Fortschritt hie und da markiert zu haben – z. B. mit seiner Alltags-Soziologie des Romans, wo er die Lebenserzählung – im Anschluss an Freud – die die vereinzelten modernen Menschen sozusagen virulent halten, auf eine Roman-Typologie gebracht hat.

    Ichab das Buch gelesen, ich denke auch hin und wieder daran. Kann sein, es ist anschlußfähig – oder sozusagen von seiner intellektuellen Substanz her lebensfähig. In seiner letzten mail an mich vor gar nicht langer Zeit hat Rutschky ein wenig verschnupft wg. einer dieses Buch betreffenden Ungenauigkeit meinerseits, gerade auf dieses Buch – Lebensromane – noch einmal ausdrücklich hingewiesen. Er hing sehr daran. Er glaubte wohl auch an dessen – welterschließende Kraft (Habermas).

  156. Nein, selbst die Heidegger-Kritik von Habermas zielt an der Sache vorbei. Es mag bei Heidegger eine vormoderne Tendenz geben, vom Politischen ganz zu schweigen. (Dennoch habe ich einen Faible für politisch widersprüchliche Figuren. Gilt ja auch für Lukács und Peter Hacks.) Aber diese mutmaßlich „vormoderne“ Tendenz ist denkerisch in der Sache gegründet. Eine andere Frage ist, inwiefern man darauf eine politische Philosophie und eine Gesellschaftstheorie aufbauen kann. Aber da das nicht gleichzeitig auch Heideggers Frage ist, kann man diesen Bezug dann nicht dem Text Heideggers vorwerfen. Und die Begründungsfigur bei Heidegger ist ja auch klar: es ist ein Suchen. Denken und Dichten, um den verborgenen Logos in eine Lichtung zu bringen – Heidegger selbst würde sicherlich nicht vom Logos sprechen, sondern einen Terminus „Seyn“ umkreisen und durchstreichen und neu wieder erschreiben. Aber dieses Lichten hängt eben genau am Verbergen. Und einfach so zu tun als könnten wir wie die alten Griechen denken, funktioniert nicht – das wußte auch Heidegger. Fürs Konkret und für die Bautätigkeit an der Gesellschaft mag das alles nicht viel taugen und da ist Habermas‘ Vernunft halt pragmatischer. Aber ich würde eben diese zwei Bereiche auch gar nicht aneinander messen wollen, sondern sie als unterschiedliche Aspekte einer ähnlichen (oder selben?) Sache sehen. (Aber ich werde wohl bald mal irgend etwas zu Heidegger hier im Blog machen müssen.)

    Natürlich kann man Habermas in jenes Schema rechts/links einteilen. Funktioniert ja auch mit Heidegger: Es gibt einige Linksheideggerianer. Selbst auf der extremen Linken, wie man etwa an Thomas Seiberts sehr lesenswerten Buch „Zur Ökologie der Existenz“ nachlesen kann.

    Aber diese Einteilung, insbesondere bei der politischen Pragmatik und in der Frage, welche Gesellschaft wir uns wünschen, sind sehr konkrete Fragen, die an vielen Faktoren hängen. Und je nach Perspektive kommt da etwas sehr Unterschiedliches heraus. Berliner Eltern etwa wünschen sich, daß sie ihre Kinder in bestimmten Stadtteilen, auf eine Schule schicken können, ohne daß das Kind bedroht wird. Und in solchen Fällen sind in der Tat Autoren wie Ruud Koopmans‘ „Assimilation oder Multikulturalismus“ heranzuziehen. Einerseits um zu ergründen, was schief lief, andererseits, um zu sehen, wie man es ändern kann. Aber zurück zu Habermas, denn dies ist ein anderes Thema, was am Rande etwas mit der Habermasschen Gesellschaftstheorie zu tun hat. Denn hier geht es um konkrete Fragen (und Lösungen), wie wir mit bestimmten Problemen umgehen wollen.

    Ja, in der Tradition des Habermasschen Denkens haben sich in der Tat einige Ästhetiker ausgebildet, wobei Seel meines Wissens kein Habermasschüler ist und sich vermutlich auch nicht zur Kritischen Theorie zählen würde. (Aber da müßte man ihn selbst fragen.) Das liegt sicherlich auch daran, daß Habermas da eine Lücke hinterließ. Und in einige Interviews bzw. Texten äußerte er sich auch dazu, daß diese Ader bei ihm in der Theorie wenig ausgeprägt ist.

    Zu Rutschky: „Er meinte, einen sozusagen bedeutenden ästhetischen Fortschritt hie und da markiert zu haben – z. B. mit seiner Alltags-Soziologie des Romans, wo er die Lebenserzählung – im Anschluss an Freud – die die vereinzelten modernen Menschen sozusagen virulent halten, auf eine Roman-Typologie gebracht hat.“

    Ein Projekt, daß ja auchAlexander Kluge in seiner mehrstimmigen Erzählweise verfolgt. Das ist sicherlich interessant und wichtig. Und im Reigen einer pluralen Auffächerung dann das Gegenspiel zu Handke. Und in gewisser Weise auch zu Kinksy. Obwohl ich deren Bücher für im Grunde hochpolitisch halte. Nur sie schreit es halt nicht heraus, sondern bettet ein, deutet an. Kein Holzhammer. Das Merkur-Gespräch werde ich mir noch anhören.

    Das erste Rutschky-Tagebuch hatte ich ja abgebrochen. Aber es werden diese „Sensationen des Gewöhnlichen“ vielleicht nochmal neu angefangen. Nur eben: mich hat es nicht gepackt. Denn ich kenne Rutschky einfach zu wenig. Obwohl er mir von seinen Themen her – flanieren, photographieren, beobachten – eigentlich entgegenkommt. On verra.

  157. Es ist – gerade am Karfreitag – so: – Heidegger hatte einen (philosophischen!) Hang zum Sehertum (und er destillierte daraus – wenig überraschend – – ) auch Selbstadoration. Das ist übrigens die Krux jeder vormodernen und auch postmodernen (=unkritischen) Haltung.

    Seel, auch der Ästhetiker Seel, geht kaum ohne Frankfurt, und Frankfurt schließt Habermas mit ein.

    Es ist, wie oben bereits bemerkt, mit Habermas oft wie mit dem Hasen und dem Iggl (nordbadisch für Igel). Der hochdeutsche Igel ist für den Kurpelza (Kurpfälzer) wiederum phonetisch der amerikanische Eagle. Bon.
    Ich mein‘ so: Habermas sei der wirkliche Weichensteller unter unserem kantischen Himmel, und das schließe die Ästhetik mit ein. Habermas hat da nicht viel, aber sehr sehr Plausibles gesagt. Wo Seel sich in Habermas-Kritik versuchte, hat er ziemlich zuverlässig daneben gehauen. Aber es ist schwer, neben einem Riesen herzugehen, ohne den Kopf dabei zu verlieren. Dennoch ist auch das eine überaus gottgefällige und sogar, mein‘ ich, auch theologisch plausibilisierbare – karfreitägliche Übung.

  158. Was Sie zu Heidegger schreiben, ist zum einen ein logischer Kurzschluß: Von der möglichen Selbstadoration Heideggers wie auch von einem Sehertum – das man dann für Habermas, lustige Pointe nebenbei, genauso anführen könnte – führt logisch natürlich kein einziger Weg auf „jede[…] vormoderne[…] und auch postmoderne[…] (=unkritischen) Haltung.“ Es sei denn, Sie könnten einen Beleg für das „jede“ anbringen. Gleiches gilt für die Selbstadoration Heideggers. Hier würde sich der geneigte Leser über ein paar Textpassagen im Original freuen. Davon einmal ab, daß postmoderne und unkritisch sich in wesentlichen Aspekten ausschließen. Denn was anders als Kritik an der Moderne ist die sogenannte Postmoderne? (Davon einmal abgesehen, daß solche doxographischen bzw. festschreibenden Termini eher dazu führen, philosophische Horizonte einzuengen.)

    Zum anderen würde es, selbst, wenn das, was Sie beschreiben, der Fall wäre, nichts an der Qualität der Philosophie Heideggers ändern. Die Rede des Propheten ist ja nicht deshalb falsch, weil er Prophet ist. Es ist ja immer ganz schön, wenn man Philosophie nicht mit dem Vorurteil über Philosophie verwechselt. Das gilt am Ende auch für die Philosophie Heideggers.

    Habermas ist kein Riese, sondern einer unter vielen und es gibt an seiner Theorie ebenso vieles zu kritisieren. Gleichzeitig wird seine Rechtstheorie von manchem Juristen harsch kritisiert, von Werner Krawietz etwa. Manche Juristen spotten gar, Habermas‘ Rechtsphilosophie sei ohne Kenntnis der Sache, sprich der Jurisprudenz geschrieben worden. Also auch hier also: viel zu debattieren und nichts ist eindeutig.

    Und was Habermas zur Ästhetik schrieb, das ist im Rahmen der Theorie unerheblich zu nennen, bzw. er rekurriert hier in einer unmittelbaren Weise auf Adorno. Habermas wußte um diesen Umstand, daß er in diesen Fragen der Kunst weit hinter Adorno (und Benjamin) herhinkt, und er beschied sich damit und tat nicht so, als wäre da mehr. Und insofern ist bei Seel et al. in Fragen der Ästhetik nicht Habermas die Referenz, sondern natürlich Adornos Ästhetik, die er in die Kritik nimmt und der er unter postmodernen Bedingungen einen anderen Drive zu versetzen versucht. Habermas ist in diesem ästhetischen Bezug und Kontex bei Seel völlig unbedeutend.

  159. „Die Rede des Propheten ist ja nicht deshalb falsch, weil er Prophet ist.“

    Doch.

    Dass Habermas soviel kritisiert wird, macht ihn – m i t Habermas, wie ich ja hier schon sagte: Nur im Medium der Kritik kann unter modernen Bedingungen sowas Entscheidendes wie Tradierung überhaupt stattfinden – habbbich wiederholt hier drauf hingewiesen – bon: Also, dass Habermas soviel kritisiert wird, zeigt, wieviel er bewirkt. Ihr Argument ist aus meiner Sicht bedenkenswert in Fällen, wo es nur ablehnende Kritik gibt, aber das eben ist bei Habermas nicht der Fall.

    Die Zustimmung von Fachleuten zu H’s Rechtstheorie ist enorm. Aber sicher: Es gibt nicht nur Zustimmung. Die Idee, Habermas harsch zu kritisieren, macht den Werner Kraviez z. B. auf den ersten Blick interessant. Ob mehr dahinter steckt, kann ich nicht sagen.

    Und dann mal die weltweite Habermas-Rezeption angucken – ich wüsste keinen Fall unter den Lebenden sagen, wo das auch nur ähnlich wäre.

    Habermas über Heidegger, nochmal o. a. Nachmetaphysisches Denken II, S. 7: Einen „privilegierten Zugang zur Wahrheit“ zu reklamieren, wie noch Heidegger, geht nimma. Das ist der Ausgangspunkt: Pro und Kontra – gilt auch für die Wahrheit, und auch für Heidegger’s Wahrheit.

    Selbstadoration bei Heidegger geschieht in seinen Texten, wo sie so tun, als stünden sie ausserhalb des irdischen Getümmels. Ich denke an die Schwarzen Hefte – aber auch an das Geraune der Art, nur ein Gott könne uns noch retten, denn das verweist ja auf Heideggers vorherige Verabschiedung des Abendländischen Logos in Bausch und Bogen – – – dieser Gottrettungsgestus ist nur die andere Seite dieser das Abendländische-Denken-ist-im-Irrtum-befangen Großmünze Heideggers.

    Schön und ertragreich ist Heidegger, wo er diese – geerdeten – (=konkreten) Daseinsanalysen macht.

    Weil grad Ostern ist: Rentschs ganz ansprechend betiteltes Buch „Gott“ zeigt diesen Heidegger wie auch Rentschs „Heidegger und Wittgenstein“. Es gibt wirklich schöne und ergiebige Passagen in „Sein und Zeit“ und in dem Büchlein „Feldwege“.

    Seel ist Frankfurter, sagen Sie jetzt via Adorno selbst.
    Seine Habermasbezüge sind ja da in Seels Ästhetik.
    (Also ich meine insbesondere die Schiller- und Kant-Referenzen als zumindest gemeinsame denkerische Teilmenge von Seel und Habermas in Sachen Ästhetik).

    Seels letztes, das Kino-Buch, habe ich nicht gelesen.

  160. Na ja, das sind nun aber alles sehr allgemein gehaltene Stellen in bezug auf Heidegger. Und was den Satz „Nur ein Gott kann uns retten“ betrifft, so meint Heidegger damit nun nicht gerade sich selbst, sondern es ging in diesem Kontext um den Immanenz- und Verhängniszusammehang der gesellschaftlichen Moderne.

    Daß Heidegger teils raunt mag manchen beim Lesen so scheinen. Es geht ihm, und darin liegt er dann wieder nahe bei Adorno, jedoch darum, nicht in den normalen Mustern der Kommunikation zu schreiben. (Übrigens sind Habermas‘ Texte ja nun auch nicht gerade ein Lesegenuß. Wolf Schneider hat sich einmal den Spaß gemacht, einige Sätze von Habermas‘ Soziologiendeutsch ins Verständliche zu übersetzen. Das ist zwar nicht in jedem Falle legitim, aber bei Habermas, denke ich, ist es insofern ok, weil es hier um Mittelbarkeit geht und nicht um einen ästhetischen Überschuß im Text, wie etwa bei Heidegger. Andererseits zählen solche kompliziert gebauten Sätze eben auch zur Rhetorik eines Textes und sollten am Ende nicht getilgt werden. Dennoch und was ich damit nur gesagt haben wollte: Auch bei Habermas raunt es.)

    Sich der Kommunikation des üblichen Verständigens zu entziehen, finden wir bei Heidegger wie auch bei Adorno: So wie ja auch ein Dichter, bspw. Hölderlin, Rilke, George, Celan nicht einfach schreiben: „Zurück zu den Griechen müssen wir, die Dinge sind mehr als sie scheinen und das Schöne ein exzeptioneller Zustand oder Auschwitz darf sie niemals mehr wiederholen“, sondern alle setzen eine besondere Sprache für das, was sie ausdrücken. Der Philosophie ist ihre Darstellung eben wesentlich.

    Die „Schwarzen Hefte“ sind übrigens als eine Art Denktagebuch konzipiert. Da verwundert es nicht, daß der Ton teils subjektiver gehalten ist. Gesucht werden dort Bewegungen des Denkens. Im Kontext von Heideggers „offizieller“ Philosophie nimmt er sich als Subjekt jedoch zurück. Selbst in der für die Kehre wesentlichen Schrift „Beiträge zur Philosophie“ finden sich keine Selbstüberhöhung und irgendwelche anderen Praktiken der Selbstsubjektivierung.

    Was den Wahrheitsbegriff bei Heidegger betrifft, den ja bereits Tugendhat in seiner Heideggerarbeit stark kritisierte, so muß man einfach mal sehen, was Heidegger selbst unter Wahrheit versteht. Und nicht, was man von außen an den Begriff und an Heidegger heranträgt. Das führt analytisch und semantisch zu nichts.

    Seel kann in den Fragen der Ästhetik allein deshalb sich nicht auf Habermas beziehen, weil dieser keine Texte zur Ästhetik geschrieben, geschweige denn eine Kunsttheorie entwickelt hat. Etwas anderes ist es in bezug auf das Konzept von Vernunft. Da ist Seel klar bei Habermas und greift dessen zentrale Einsichten seiner Philosophie rund um die ThdkH auf. (Zumindest in seiner Dissertation und in der Habil-Schrift.)

  161. Dass die Sprache selbst spreche und dergl. auratischer Formeln mehr – das war es doch, was Adorno zu recht auf die Nerven ging.

    Ich meine auch solche Formulierungen: „Das Sprechen ist von sich aus ein Hören.“ – Nein, das ist es nicht, und es hat keinen (guten) Sinn, die Rollen von Sprecher und Hörer wie hier geschehen einzuebnen – außer dem, dass dann eben die Erwählten frei sind, ohne Einspruch zu sagen, was sie so meinen.

    Der schlechte Sinn solcher grundbegrifflichen Weichenstellungen Heideggers ist eben, dass die Eingeweihten im eigenen Saft schmoren. Und vorher schon: dass es sie überhaupt gibt.

    Heidegger ist an solchen Stellen irreführend, reaktionär, selbstbezogen, elitär, anti-aufklärerisch, undemokratisch und deshalb muss das auch kritisiert werden, was er da macht.
    „Wir sprechen nicht nur die Sprache, wir sprechen aus ihr.“ Ein anderes Beispiel aus dem gleichen Text in „Unterwegs zur Sprache“. Und wieder dasselbe in Jrün wie oben schon gesagt.

    Dass Habermas manchmal ein wenig undurchsichtig wirkt stimmt – für die ungeduldigen Leserinnnen, hehe. Es gib auch hie und da mal eine Formulierung, die vielleicht unklar ist. Aber es gibt nirgends auch nur den Ansatz eines Versuchs, Opponenten der Habermasschen Sicht der Dinge außen vor zu lassen. Alles, was der Habermas sagt, ist offen für Widerspruch und muss dann sozusagen Punkt für Punkt jeweils auch gerechtfertigt werden, also alles ist hier kritiserbar, wird kritisiert und das ist sogar ausdrücklich erwünscht!

    Seine manchmal wirklich bemerkenswerte Geduld mit Leuten, die seine Ansichten nicht teilen, habe ich kennengelernt. Es war umwerfend. Ich könnte das nicht.

    Habermas hat nicht viel über Ästhetik geschrieben, ich stimmte Ihnen schon zu, aber doch einiges – und sehr Erhellendes, dem auch Seel viel verdankt. Ich denke an die Eigenständigkeit der ästhtischen Sphäre. Ich denke an die welterschließende Kraft der Kunst. Ich denke an das Schillersche Weltverbesserungspathos, das sich eben liberal verstand – das war Schillers Genialität. Dass die DDR derlei gelten ließ, war sicher eine ihrer besten Seiten, nebenbei gesagt. Dass die DDR so unblutig verschwand, sicher auch Schillers posthumes Verdienst. Ein Lorbeerkranz dem oder der empirischen Sozialforscherin, oder Mentalitätsgeschichtlerin oder was, die das rekonstruierte! – Ich mach’s sicher nicht. Mir reichen diese Einsichten, ich neige dazu, keinem was zu beweisen. Bzw. ich neige dazu, diese Dinge im Zweifel nur anzudeuten.
    Das ist lustig, wie eine Reise mit kleinem Gepäck (1 Kamera, drei kleine Festbrennweiten, Zahnbürste, Nachtgewand, zwei Bücher (oder drei).

  162. Tut mir Leid, Dieter Kief, aber so funktioniert Philosophie nicht gut: Man kann Texte nicht aus dem Kontext brechen und dann den eigenen Blick dorthinein projizieren. Ich kann zwar nachvollziehen, daß der Heidegger-Sound manche nervt und für sich genommen klingen die Sätze seltsam, aber das ist ja nicht das Kriterium für einen Text.

    Das kann man übrigens mit fast jedem Text und erst recht mit jeder Philosophie machen: Einen oder zwei Sätze aus einem Kontext herausbrechen und diese dann zur Belustigung nehmen. Natürlich sind Sätze wie „Die Sprache spricht“ zunächst einmal seltsam und sie klingen nichtssagend. Aber im Fluß eines komplexen Textes und im Zusammenhang der anderen Sätze ändert sich dies. Auch der Satz mit dem Hören bekommt eine andere Wendung. (Und natürlich will Heidegger nicht per se und grundsätzlich die Rolle von Sprecher und Hörer vertauschen oder in eins setzen.)

    Das Sprechen ist nämlich insofern ein Hören, indem es den Dingen, den Szenen, der Philosophie etwas ablauscht und daran richtet es dann seine Wörter aus: Dichten und denken, so heißt es bei Heidegger. Und aus diesem Grunde war ihm auch Hölderlin einer der wichtigsten Philosophen. Denn in genau dieser Weise verfahren Dichter und Philosoph: Wörter und Sachen in eine Korrespondenz zu bringen. Das zeigt insbesondere der mit rhetorischen und literarischen Mitteln gebaute Text „Die Sprache“ sowie andere Aufsätze aus dem Unterwegs-Band. Künstlerisch-ästhetisch ist Heideggers Sprache sicherlich sehr leicht mit dem Begriff des Jargons beizukommen. Andererseits haben viele Philosophen einen ganz eigenen Ton, einen unverwechselbaren Stil. Ob das Hegel oder ob das Habermas ist. Ich wette, wir würden einen Text von Luhmann und einen von Habermas sofort (oder doch relativ flink) dem entsprechenden Autor zuordnen können

    Ein Satz wie „Die Wissenschaft denkt nicht“ mag zunächst überheblich klingen, wenn man aber den Heideggerschen Kontext und Heideggers Begriff vom Denken mit dazutut, dann schaut der Satz schon ganz anders aus. Insofern plädiere ich in solchen Fällen für eine immanente Lektüre.

    „Heidegger ist an solchen Stellen irreführend, reaktionär, selbstbezogen, elitär, anti-aufklärerisch, undemokratisch und deshalb muss das auch kritisiert werden, was er da macht.“ Alles richtig, – vielleicht bis auf „irreführend“ – das alles trifft auf teils zu. Allenfalls in seinen letzten Lebensjahren mochte, wenn man Heideggers Äußerungen im Spiegel-Gespräch folgt, ein gewisser Friede mit der Demokratie geschlossen worden sein. (Sofern das nicht taktisch motiviert war.) Aber all das spricht nicht gegen die Philosophie Heideggers. Auch ich sehe Heideggers politische Haltung als problematisch (und auch persönlich hätte ich keine große Lust Heidegger kennenzulernen. Anders als den freundlichen Adorno und den zuhörwilligen Habermas. Wobei der sich bei Sloterdijk nun auch nicht immer mit Ruhm bekleckerte.) Über diese Politik Heidegger gilt es nachzudenken. Auch über seinen Antisemitismus. Andererseits halte ich diese Widersprüche in einer Person für hochinteressant. Etwas, wo es nicht glatt aufgeht. Manches in seiner Sprache kann und muß man fürs Heute in andere Termini bringen. Und ich würde beim Schreiben auch dringend vom Heideggern abraten.

    Ja, eben: Schiller. Und darüber ist Habermas nicht hinaus. Und noch ein wenig Kant von wegen der Ausdifferenzierung der ästhetischen Geltungssphäre. Aber das ist gar keine Kritik an Habermas, weil Habermas eben nie diesen Anspruch vertrat, ein ästhetischer Theoretiker zu sein. Sein Gewährsmann ist hier wesentlich Adorno. Und z.T. noch Benjamin.

    Ja und sicherlich ist das philosophische Verfahren von Habermas ein anderes als das bei Heidegger. Und insofern sind auch die Mechanismen des Prüfens unterschiedliche. Ähnlich wie bei Kant und bei Nietzsche. Den Zarathustra mit herkömmlichen Mitteln der Verifikation zu prüfen, ist völlig unsinnig. Das wäre so, als würden Sie den „Zauberberg“ daraufhin überprüfen, ob sich

    Sicherlich ist die empirische Sozialforschung wichtig. Das sehe ich genauso. Ich habe schließlich einige Jahre Soziologie im Hauptfach studiert und dann als zweites Nebenfach abgeschlossen. Wie gesagt: niemals Entweder-Oder. Außer die Lektüre von Kierkegaard.

  163. Bersarin –
    Widersprüche in (s)einer (Heideggers) Person seien ínteressant. Ja.
    Dass Heidegger nicht ohne ist, ist mir auch klar, das hab‘ ich oben auch geschrieben. Rentschs Heidegger- und auch sein „Gott“-Buch mit reichen Heidegger-Bezügen ist hochwohlgeboren, sozusagen, niveautechnisch, und vom Ertrag her gesehen und ich hatte da, um es positiv auszudrücken, keinerlei Reserve!

    Über Schillers briefe kann man nicht hinaus.
    (Ich finde es ok, solche Texte mit Lec anzusheen: Zeifel an allem wenigstens einmal – und sei es der Satz zwei mal zwei ist vier. – wie gesagt, das ist ok. Aber es bleibt dabei: Zwei mal zwei ist vier.
    Und Habermas hat auch oben diese systematisch überaus ergiebigen Bemerkungen gemacht, über den – Ort der Kunst im modernen Gedankengebäude. Zu sagen: Kunst ist Welterschließung – ich finde das treffend und – unübertrefflich. Also genau ins Schwarze getroffen.

    Was das im einzelnen heißt – das ist eine Aufgabe für die Ewigkeit – und den Schweiß der Edlen immer wert.

    Wg. Heidegger – wir nähern uns einender da schon sehr an.

    Dass Gadamer Heideggers Provinz urbanisiert habe scheint mir eine gute Formel. Hölderlin ist auch Teil dieser Provinz – in der auch ich noch lebe…sogar wortwörtlich. Der systematisch wichtige Sprung von Heidegger zu Gadamer ist der von der von der Semantik zur Pragmatik. Hie – Heidegger, waltet die Sprache, aus der man spricht usw., da waltet der Dialog: Die Praxis des Verstehens, der Verständigung.
    Ich folge auch da Habermas – nämlich den Politisch-Philosophischen Profilen, wo die Formel von der Urbanisierung der Heideggerschen Provinz glaubich herstammt. Die mit dieser Formel mitlaufende systematische Betonung der Pragmatik – darin, in dieser Umstellung eben vollzieht sich die Gadamersche Urbanisierung Heideggers, wie ich, wie gesagt, mit Habermas meine, – nun: Und diese Umstellung scheint mir produktiv, zivilisierend – und sogar ein Fall von rettender, aber keinswegs herabsetzender oder gar destruktiver Kritik. Es geht nicht gegen Heidegger überhaupt – insofern will ich Ihnen völlig recht geben.

  164. Na ja, daß Kunst Welterschließung ist, scheint mir eine doch sehr allgemeine Formulierung. Das hat auch Hegel aufgegriffen, das finden wir bei Aristoteles, bei Platon wird es schon problematischer, wenn man den Nachahmungsbegriff zugrunde legt. Die These von der Welterschließung würde übrigens in dieser Allgemeinheit auch Heidegger machen: etwa in seinem Kunstwerkaufsatz, wenn es um das Aufstellen von Welt im Kunstwerk geht.

    Bei Schiller kann das aber nicht stehenbleiben, das wußte bereits Hegel und Theater ist keine moralische Schauanstalt nur und im Schönen zeigt sich die Idee eben nicht nur sinnlich, auch eine falsche Hegellesart,wie ich meine, sondern das Kunstwerk ist ein Zweck an sich selbst. Gerade wenn man Hegels Überlegungen zur niederländischen Malerei nimmt, tun sich da interessante Perspektive auf, die weit über die üblichen Schiller- und Hegeldeutungen hinausgehen.

    Ja, die Wendung von der Urbanisierung der Provinz stammt aus den Profilen von Habermas, meine auch ich mich zu erinnern.

    Für die eher konservativ-spannungsreich am Aufbruch Interessierten der 20er Jahre schreibt es Gadamer in seiner Selbstdarstellung wie folgt:

    „Was in uns lebte, war die Erwartung einer philosophischen Neuorientierung, die sich insbesondere an das dunkle Zauberwort ,Phänomenologie‘ knüpfte. Aber nachdem selbst Husserl, der mit all seinem analytischen Genie und seiner unermüdlichen deskriptiven Geduld stets auf letzte Evidenz drang, keine bessere philosophische Anlehnung gefunden hatte als die beim transzendentalen Idealismus neukantischer Prägung – von woher sollte Denkhilfe kommen? Heidegger brachte sie.“

  165. Gadamer ist Heidegger-Schüler, klarer Fall. Gerade deshalb ist ja sein Schritt weg von Heideggers Semantik hin zur (städtischen!) Pragmatik des Dialogs (der Sozeabilität der Erkenntnis) so instruktiv. Gadamer wußte, was er tat, wenn auch – siehe die unermüdliche Gadamer-Kritik Habermas‘ – nicht unbedingt bis in die letzten Verästelungen von „Wahrheit und Methode“ hinein. Wer schreibt irrt – immer und notwendig, wenn man es „ganz ganz genau“ (Herbert Grönemeyer, „Männer“) betrachtet.

    Schillers Pointe in den den Fußstapfen Kants zielt auf Freiheit im Spiel (=Zweck an sich selbst. Oder: Das Wesen der Kunst = ….). Spiel versteht er zugleich als integralen (=attraktiven) Teil auch des erwachsenen bürgerlichen Lebens.

    (An dieser Stelle ist Bloch instruktiv, weil auch der mit dem Vorschein und dem Nocht-nicht systematische Abstandshalter zwischen das Ideal und das Leben platziert).

  166. Ja, aber dieses Spiel ist eben nur ein Aspekt im Kunstwerk. Schiller hat in einigen Aspekten eine richtige Intuition, trifft im Ansatz in einigen Aspekten einen richtigen Kern: nämlich den zweckfreien Charakter der Kunst, in dem Sinne, daß diese keine Auftragsarbeit mehr für den Fürsten sei, mitthin sich als autonomes Gebilde ausdifferenziert. Ein zweckfreier Charakter freilich, der, wenn man die Herkunft dieser Zweckfreiheit nimmt, keineswegs zweckfrei im ganzen ist, weil er sozialen Mechanismen unterliegt und von diesen konstituiert ist, und insofern ist auch die Kunst ist nicht zweckfrei im ganzen, und fällt gesellschaftlichen Mechanismen anheim – beim Fürsten wie beim Bürger. Insofern sollte man auch den revolutionären Schiller noch mitlesen, dem die Autonomie mehr ist als nur die Ungestörtheit, ansonsten seinem Gewerbe nachzugehen, und nicht nur den Schiller, den sich später der bräsige Bürger zurechtmachte, der sich in der Kunst gerne zweckfrei bescheidet, um sie als Repräsentation seiner Sache zu nehmen. (Hier auch Bourdieus „Die feinen Unterschiede“ interessant.) Doch ist Schiller andererseits noch im klassischen Denken, sozusagen in der Weimarer Antikensimulation gefangen, die ja auch ein politisches Projekt war, Simulation hier genommen nicht nur als eine Fiktion von Antike, sondern auch als eine „Fiktion des Politischen“, die die Weimarer Antike ja auch war. Erst mit Hegel wird diesem Spiel- und Bildungsgedanken ein weiterer Drive versetzt und die Sache der Kunst gerät – auch – gesellschaftlich und geschichtlich in dem Sinne, daß der Charakter der Bildungsfunktion für Gesellschaft relevant in der Betrachtung und in der Interpretation wird. Daß Kunst eben nicht einfach nur zweckfrei ist, wie es das bürgerliche Bewußtsein damals gerne hätte, sondern daß ihr immer auch eine soziale Funktion inhäriert. Deutlich zeigt sich dieses Moment des Widerspiegelns von Gesellschaft bei Hegel in den drei Kunstformen – darin die klassische die Einheit von Individuum und Gesellschaft verkörpert.

  167. „Daß Kunst eben nicht einfach nur zweckfrei ist, wie es das bürgerliche Bewußtsein damals gerne hätte, sondern daß ihr immer auch eine soziale Funktion inhäriert.“

    Es gab (und gibt) Leute, die einen bräsigen Gebrauch von Schiller mach(t)en. Klar.

    Aber Schillers Freiheitsblick auf die Kunst soll nicht verhindern, dass dieselbe (indem sie erfreut) auch bilde.
    W o z u – auch diese Frage kann man mit Schiller ergebnisoffen (= kritisch in j e d e r Hinsicht) angehen. Dass sich das jeweilen anders konkretisieren würde, sollte, meine ich, Schiller bereits bewusst gewesen sein. Falls nicht, so ist es jedenfalls als eine (=die mir liebste) Lesart in den Briefen über die ästhetische Erziehung bereits angelegt.
    Ästhetische Kraft entfaltet der schöne Schein freilich immer nur als Schein. Der Preis für die spezifissche Bildungskraft der Kunst ist ihre Praxisferne (= ihre Besonderung). – An dieser Stelle gibt es keinen Rabatt.

  168. Ja und nein. Die Praxisferne der Kunst würde auch Adorno konstatieren, vor allem gegen die engagierte Literatur/Kunst. Aber gerade Schiller pumpte ja, und dort widerspricht Adorno dann, mächtig Politik, Gesellschaft und vor allem Philosophie in seine Dramen hinein – ob Wallenstein oder Tell oder Die Räuber. Im Grunde Vorläufer zum Sartreschen Thesentheater, um es mal etwas böse zuzuspitzen.

    Daß der Schein als Schein gewahrt werden muß ist ja auch gerade die These Karl Heinz Bohrers gegen Bürger etwa. (Sehr schön in dem Aufsatz von Albrecht Wellmer zusammengefaßt: „Wahrheit, Schein, Versöhung“) Man muß es zwischen Bohrer, Bürger und Jauß, den er im Sinne der kommunikativen Funktion von Kunst auch noch nennt, wohl so sagen, daß bei Adorno dieses Verhältnis dialektisch austariert war, während es in den unterschiedlichen Ästhetiken nach Adorno auseinandergerissen wurde. (In kunsttheoretischen Dingen war Adorno freilich nicht nur Hegelianer. Im Gegensatz zu Hegel beharrte Adorno auf dem Selbstbezug der Kunst und ihrer lediglich vermittelten gesellschaftlichen Funktion.)

  169. Könnte es sein, Dieter Kief, daß Sie Schillers Dramen ohne seine Theorie-Texte sich betrachten? Aber Scherz beiseite. Diese Koppelung entsteht nicht subjektiv oder willkürlich im Auge des Betrachters, sondern findet sich im Drama Schillers, wenn man beide Bereiche in den Vergleich nimmt. Ebenso wie bei Sartre, dessen Existenzphilosphie dann in die dramatische Dichtung gepreßt wurde. Und teils bei Brecht, was den dialektisch-historischen Materialismus betrifft. Nur ist es dort noch sehr viel drastischer. Zwar gibt es diesen Ansatz, etwas von der Philosophie ins Drama einfließen zu lassen, auch bei Goethe, etwa in seiner Iphigenie, aber dort deutlich abgemildert und eher als Tendenz. Das Erfreuliche aber beim Theater ist: ein guter Regisseur kann diese Scharte durch eine kluge Inszenierung wieder auswetzen. Selbst ein eher mäßiges Stück kann durch eine gute Inszenierung zur Hochform auflaufen.

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