Extinction Rebellion – seit dem 7. Oktober in Berlin

Es werden diese Woche in Berlin und vielen andren Städten der Welt Straßen blockiert, es werden von jungen Leuten in Berlin zentrale Achsen wie der Potsdamer Platz und der Große Stern besetzt. Ich bin dem Protest der Extinction Rebellion diese Woche in Berlin nicht abgeneigt, obwohl ich Autofahrer bin, und es erinnert mich diese Form des Widerstands und das Singen von „Hejo, spann den Wagen an“ gestern beim Großen Stern – diesmal auf Englisch (siehe Video hier im Link) – an jene frühen 1980er Jahre: Als da aus den Demozügen in Brokdorf und Gorleben der Gesang ging: „Wehrt euch, leistet Widerstand!“ Nicht nur, daß ich schon als Kind dieses Lied wunderbar und schön und zugleich auch ein wenig unheimlich fand, denn mit dem Wind und dem Regen, den ich als Fan des Fliegenden Robert eh mochte, kamen eben auch die dunklen Wolken, die da tief übers Land zogen und die ich mir ausmalt. Für besondere Lagen sind besondere Protestformen erforderlich. Weltweit.

Ich fand diese Form des Protests damals gut und richtig, und ich halte sie auch heute im Prinzip immer noch für gut – und zwar nicht nur als Gründen des privaten Gefallens oder irgendeiner subjektiven Lust, sondern aus einer sachlichen Notwendigkeit heraus. Mediale und intellektuelle Aufmerksamkeit für ein Thema bekommt man, indem ein Thema öffentlich debattiert wird und soziale Bewegungen können dafür sorgen, indem sie diese Debatten durch Aktionen unterstützen – diesen Aspekt hat Niklas Luhmann damals 1988 in seinem lesenswerten Buch „Ökologische Kommunikation“ übersehen: daß soziale Bewegungen durch ihr Vorgehen bestimmte Themen lancieren, auf die in einem bestimmten Subsystem aus Gründen mangelnder Codierung bisher nicht reagiert werden konnte, so daß damit mittels Protest dieses Thema andockfähig werden kann. Rauschen wird in Sinn überführt und auch ein Subsystem wie das der Wirtschaft kann die ökologische Frage über kurz oder lang nicht mehr ignorieren. Solcher Protest kann manchmal auch massiver ausfallen. (Friedliche, d.h. gewaltfreie) Blockaden gehören dazu, wobei man sich dabei im klaren sein muß, daß die Protestler einen Rechtsbruch begehen und daß darauf hin eben die Polizei, je nach Verhältnismäßigkeit, einschreiten muß.

Ähnlich wie Melanie Reinsch von der BLZ es twitterte, sehe ich es auch:

„An alle Zyniker, die die Aktionen von Extinction heute kritisieren, belächeln oder sich schlichtweg lustig machen: wann seid ihr eigentlich das letzte Mal für etwas mit so großer Passion eingetreten? So schwer zu ertragen, dass junge Menschen sich für ihre Zukunft einsetzen?“

Man muß nicht alles teilen, was da die Leute wollen, aber der Spott über diese Leute  geht an der Sache vorbei. Zumal Demos eine symbolische Aktionsform sind. Wie jeder, wirklich jeder, noch der Dümmste wisssen müßte, seltsamerweise sind das immer Leute, die ansonsten neunmalgescheit tun, setzen sich solche Aktionen aus den unterschiedlichsten Gruppen und Menschen mit teils unterschiedlichen politischen Ansichten zusammen. Das war 1982 ff. bei der Friedensbewegung so, als es um den Nato-Doppelbeschluß ging, und das ist bei der Exinction Rebellion der Fall.

Diese Proteste in Berlin sind  friedlich, es geht von den Demonstranten keine Gewalt aus. Es sind Blockaden, wie damals in Mutlangen. Und wenn für diese Friedfertigkeit die Extinction Rebellion verantwortlich sein sollte, so ist es gut – egal ob das nun eine irgendwie esoterische Gruppe sei oder wie Jutta Ditfurth es schreibt:

„XR ist keine »gewaltfreie Klimabewegung« sondern eine religiöse-gewaltfreie esoterische Sekte, welche an die Apokalypse der baldigen »Auslöschung der Menschheit« glaubt und »Selbstaufopferung« empfiehlt.“

Daß ausgerechnet Jutta Ditfurth solches schreibt, ist dann schon wieder verwunderlich. Ist das die gleiche Jutta Ditfurth, die kein Problem damit hat, bei der revolutionären 1. Mai-Demo 2014 vor gewaltbereiten und im Anschluß dann auch gewalttätigen Militanten und Linksextremisten ihre Reden zu halten, Leute, die aus der Demo heraus die Polizei mit Steinen und Feuerwerk bewerfen? Mir ist da eine esoterische aber friedfertige Gruppe allemal lieber als Leute wie Jutta Ditfurth, die ihre Stimme gerne auch mal Gewalttätern leihen. Denn an genau einer solchen Demonstration hat Ditfurth teilgenommen, um hier einmal ihre eigenen Maßstäbe auf sie selbst anzuwenden.

Übrigens war beim Krefelder Appell damals auch die DDR qua DKP mitbeteiligt. Trotzdem war dieser Appell damals ein wichtiges und richtiges Zeichen. Auch wenn ich als alter weißer konservativer Mann, der es genießt, seine Privilegien zu genießen, nicht alles teile, was die jungen Leute da fordern und wollen, halte ich es dennoch  für gut und für richtig, was diese Woche in Berlin geschieht.

Und jeder, wirklich jeder Autofahrer weiß, was diese Woche in Berlin auf den Straßen los ist und kann sein Auto stehen lassen. Autofahrer genießen hier in der Stadt ansonsten 358 Tage Vorrechte gegenüber allen anderen Verkehrsteilnehmern. Sie nehmen den meisten Raum ein, sie fahren selbst in kleinen Nebenstraßen so, als gehörte ihnen die ganze Straße.

Nun wird gerne gesagt, wer der einen Seite das Recht auf zivilen Ungehorsam zubilligt, muß dies auch bei der anderen Seite akzeptieren, etwa wenn Identitäre mittels zivilen Ungehorsams gegen Einwanderung protestieren. Einerseits ja, und für das Prozedere der Räumung ist dann ja auch die Polizei grundsätzlich zuständig. Aber es ist Protest zugleich auch nicht gegen seine Inhalte neutral und gleichgültig. Solch eine „Passion“ hat etwas mit einer konkreten Sache zu tun, deren Wahrheit man durchaus eruieren kann, und insofern sind auch diese „Leidenschaften“ des Politischen nicht neutral und in eins zu setzen mit dem Protest bspw. von Identitären. Eine Sache wie bspw. der Klimawandel bzw. die Klimakrise ist wissenschaftlich recht gut belegt. Insofern sind die Befürchtungen der jungen Menschen nicht ganz von der Hand zu weisen. Ob man darob in Apokalypse oder Hysterie verfallen muß, ist dabei eine ganz andere Frage. Proteste dagegen setzt sich aus vielen Komponenten zusammen. Und ein Thema wird eben auch lanciert, weil sich entweder viele beteiligen oder eben durch witzige und kreative Aktionen – zumal dieser Protest als ziviler Ungehorsam weitgehend gewaltfrei ist.

Diese Aspekte auch zur rechtlichen Natur des zivilen Ungehorsams sind freilich keine neuen Fragen. Bereits in den 1980er Jahren, zur Zeit der Proteste gegen den Nato-Doppelbeschluß, schrieb Jürgen Habermas im September 1983 darüber in der „Zeit“:

„So entsteht eine Perspektive, aus der die Delikte von kleinen, aber mobilen Stoßtrupps gewalttätiger Randalierer mit Handlungen des moralisch begründeten zivilen Ungehorsams verschmelzen. Aus diesem verengten Blickwinkel kann an den heute praktizierten und in Aussicht gestellten Protestformen genau jenes Element nicht mehr wahrgenommen werden, welches die neuen sozialen Bewegungen auszeichnet. Wie der Vergleich mit der Studentenbewegung lehrt, gibt die gegenwärtige Protestbewegung zum ersten Mal die Chance, auch in Deutschland zivilen Ungehorsam als Wesenszug einer reifen politischen Kultur begreiflich zu machen.

Jede rechtsstaatliche Demokratie, die ihrer selbst sicher ist, betrachtet den zivilen Ungehorsam als Bestandteil ihrer politischen Kultur.
Unter den Wortführern des Protestes herrscht die Überzeugung, daß Protesthandlungen, auch wenn sie kalkulierte Regelverletzungen darstellen, nur symbolischen Charakter haben können und allein in der Absicht ausgeführt werden dürfen, an die Einsichtsfähigkeit und den Gerechtigkeitssinn der jeweiligen Mehrheit zu appellieren. Niemand bildet sich ein, die Raketenaufstellung – wenn überhaupt noch – auf andere Weise als dadurch verhindern zu können, daß die Masse der deutschen Bevölkerung für die politisch-moralische Ablehnung einer Entscheidung von existentieller Tragweite gewonnen und mobilisiert wird; Nur ein drohender Legitimationsverlust kann die Regierung umstimmen.

(…)

Ziviler Ungehorsam ist ein moralisch begründeter Protest, dem nicht nur Eigeninteressen zugrunde liegen dürfen; er ist ein öffentlicher Akt, der in der Regel angekündigt wird und von der Polizei in seinem Ablauf kalkuliert werden kann; er schließt die vorsätzliche Verletzung einzelner Rechtsnormen ein, ohne den Gehorsam gegenüber der Rechtsordnung im ganzen zu berühren; er verlangt die Bereitschaft, für die rechtlichen Folgen der Normverletzung einzustehen; die Regelverletzung, in der sich ziviler Ungehorsam äußert, hat ausschließlich symbolischen Charakter – daraus ergibt sich schon die Begrenzung auf gewaltfreie Mittel des Protestes.

(…)

Der Rechtsstaat, der mit sich identisch bleiben will, steht vor einer paradoxen Aufgabe: Er muß das Mißtrauen gegen ein in legalen Formen auftretendes Unrecht schützen und wachhalten, obwohl es eine institutionell gesicherte Form nicht annehmen kann. Mit dieser Idee eines nicht-institutionalisierbaren Mißtrauens gegen sich selbst ragt der Rechtsstaat über das Ensemble seiner jeweils positiv gesetzten Ordnungen hinaus. Das Paradox findet seine Auflösung in einer politischen Kultur, die die Bürgerinnen und Bürger mit der Sensibilität, mit dem Maß an Urteilskraft und Risikobereitschaft ausstattet, welches in Übergangs- und Ausnahmesituationen nötig ist, um legale Verletzungen der Legitimität zu erkennen und um notfalls aus moralischer Einsicht auch ungesetzlich zu handeln.

Der Fall des zivilen Ungehorsams kann nur unter Bedingungen eines im ganzen intakten Rechtsstaates eintreten. Die Möglichkeit des gerechtfertigten zivilen Ungehorsams ergibt sich allein aus dem Umstand, daß auch im demokratischen Rechtsstaat legale Regelungen illegitim sein können – illegitim freilich nicht nach Maßgabe irgendeiner Privatmoral, eines Sonderrechts oder eines privilegierten Zugangs zur Wahrheit. Maßgeblich sind einzig die für alle einsichtigen moralischen Prinzipien, auf die der moderne Verfassungsstaat die Erwartung gründet, von seinen Bürgern aus freien Stücken anerkannt zu werden.
(…)
Natürlich können sich auch die Regelverletzer irren. Die Narren von heute sind nicht immer die Helden von morgen; viele bleiben auch morgen die Narren von gestern. Der zivile Ungehorsam bewegt sich oft im Zwielicht der Zeitgeschichte. Dieser Mangel an Eindeutigkeit verpflichtet beide Seiten. Der Regelverletzer muß skrupulös prüfen, ob die Wahl spektakulärer Mittel der Situation wirklich angemessen ist und nicht doch nur elitärer Gesinnung oder narzißtischem Antrieb entspringt. Andererseits muß sich auch der Staat eines Urteils historischer Natur enthalten und noch denen gegenüber Respekt wahren, die heute ungesetzlich handeln und vielleicht morgen im Unrecht bleiben.“

Diese Aspekte sind bis heute bedenkenswert und zeigen die Möglichkeiten und die Grenzen eines friedlichen zivilen Ungehorsams auf.

Und was die Straßensperrungen betrifft: mit meinem Ford Ranger Raptor und dem Bullenfänger vorne denke ich, daß ich die Blockaden mit sanftem Anschub unterstützen kann. Neuinszenierung des Klassikers „Einer kam durch“. Denke ich mir hier am Schreibtisch bei einem kühl gewordenen Becher Kaffee in Berlin im Regen.

Literatur und Wendetext – 30 Jahre keine DDR, 30 Jahre Mauerfall

Ein Glück, so muß man dazu schreiben, ist das Scheißding weg und im nachhinein ging jene Parole „Nie, nie, nie wieder Deutschland!“, wie es eine bestimmte Linke dachte oder auf Demos rief, gründlich an der Sache vorbei. 40 Jahre BRD und 40 Jahre DDR waren eben in ihrer Vereinigung nicht einfach, wie simpel assoziiert werden sollte, Großdeutschland (davon einmal ab, daß ein Sozialstaat in der Regel an einen Nationalstaat gebunden bleibt) – trotz erheblicher Probleme, nicht nur, was die Ökonomie betraf, sondern auch weil die Vereinigung zu großen Teilen ein Anschluß war, wenn auch von vielen Menschen eben ein gewollter. Daß dieses Scheißding weg ist, daß ein antiquierter Bespitzelungsapparat zugrunde ging, der noch bis tief ins Privatleben seiner Bürger blickte, die sinnvolle Trennung zwischen Öffentlichem und Privaten aufhob – denn das Private ist eben nicht per se politisch – und in die Kleiderschränke seiner Bürger schnüffelte, haben wir unter anderem den vielen unterschiedlichen Bürgerrechtsgruppen und der mächtigen Leipziger Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989 zu verdanken. Beeindruckende Bilder, die damals über die Bildschirme gingen, und noch heute können jene, die an diesen Protesten teilnahmen stolz darauf sein, einer Diktatur das Rückgrat gebrochen zu haben.

Von diesem Augenblick war klar, daß die Machthaber keine chinesische Lösung wagen würden, daß die Diktatur zu ihrem Ende gekommen war und all der rote Terror nichts mehr half. Alle Versprechungen der Welt, die die neuen Oberen der DDR abgaben, nützten nichts. Bewegend bis heute, daß da ein paar hunderttausend Menschen friedlich mit Macht und Masse einen Systemsturz begannen, einen Aufstand gegen das Regime von Verbrechern. Und es war insofern eine friedliche Revolution, weil das Volk seine Unterdrücker nicht an der nächsten Laterne aufhängte oder nach dem Umsturz das übliche Tribunal der Hinrichtungen veranstaltete.

Unerfüllbar aber blieb ebenso die Hoffnung, daß es nach § 146 Grundgesetz der BRD eine neue Verfassung gäbe, darin auch soziale Rechte neu verankert werden. Oder aber die Hoffnung auf einen dritten Weg, wie ihn manche gerne hätten – eine Vereinigung mit Verzögerung vielleicht, wie ihn die SPD unter ihrem Kanzlerkanditen Oskar Lafontaine andachte. Aber wer weiß schon, was und wie die geschichtliche Gunst der Stunde einen Monat später schlägt? „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr!“ So gingen die Chöre, und mit Ablehnung kann man keinen dritten Weg machen. Nicht wenn es ein paar tausend Menschen sind, die anderes wollten. Da halfen auch die Reden auf dem Alexanderplatz vom 4. November nichts. Die übrigen Bewohner dieses bald ehemaligen Landes hatten, verständlicherweise, den Sozialismus und das nächste Experiment am offenen Herzen bitter satt. Daß nicht alles am schönen Schein des Kapitalismus Gold und daß Gold häufig ein Haufen Scheiße war, mußten viele Menschen erst später feststellen: als aus „VEB“ in der Abwicklung der Resterampe „Vatis ehemaliger Betrieb“ wurde. Egal wie also: es gab keine Chance. Nutze es auf deine Art.

Einige taten es, gingen in den Westen, wie die hübsche Susanne aus dem Rostocker Plattenbau, und es entstanden jene nicht immer herrlichen Leerzonen in den Städten und Dörfern der nun ehemaligen DDR: Als wir träumten. Was für junge Leute der wilde Tanz in den Ruinen war, bedeutete für viele Ältere dann den Abbruch und die restlose Entwertung der eigenen Lebenswelt. Doch der Immanenz-Zusammenhang eines mehr oder weniger funktionierenden Systems war stärker. Es zog die Menschen fort aus einer Diktatur – mehr als verständlich. So bleibt am Ende nur die Kritik, die man aus den Ruinen der Kritischen Theorie heraus betrieb – und selbst die verschwand in den 1990er zugunsten eines vermeintlichen Neuanfangs, zugunsten eines Aufbruchs im Zeichen von Internet, neuer Technik. Berlin und Leipzig tanzten auf dem Vulkan. Nachtpforte Grandhotel Abgrund. Und als solches Grandhotel Abgrund begriff und begreift sich dieser Blog immer schon, seit seiner Gründung 2009. In seiner geräumigen Wohnung mit 90 qm, wo der Autor mit kaltem Blick sitzt und die Paare und die Passanten dieser einst geteilten Stadt gallig beobachtet wie andere ihre Käfer. Klippen aus Märkischem Sand. Kein Zynismus – wozu auch? Dafür ist diese Angelegenheit zu vielschichtig.

Am Ende solcher Umbrüche – war es eine Revolution? Ich würde sagen ja und nein – ist ein Habermassches Prozedere des Rechtsstaates, wie er dies 1992 dann in „Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaates“ aufschrieb, allemal humaner als eine blutige Revolution, die noch das bestehende Rechtssystem mit hinabreißt. Zum Glück fiel sie mangels Masse und Mensch aus und mangels Bewußtsein in einem vielleicht doch irgendwie guten Sinne war sie als gute Revolution nicht durchführbar, auch weil es in der BRD erhebliche Kreise gab, die wollten, daß für sie alles so bleibt, wie es war. Und lieber 1.000 Arbeitsplätze im Osten gestrichen, wie in Bischofferode, als 1.000 im Westen, so dachten Wirtschaft und Gewerkschaft Hand in Hand. Die Aufstände dagegen blieben immer nur lokale Revolten, meist hilflos. Immanenz frißt Träume. Weg der kleinen Schritte und lange Märsche durch Institutionen. Was von 1968 blieb? Rita Süssmuth, so antwortete Habermas süffisant. Was bleibt von 1989? Vieles ungelöst, viele Konflikte.

Habermas also war es, der 1992 das Buch, fast hätte ich gesagt den Roman zur Wende schrieb. Doch er ist kein Literat und „Faktizität und Geltung“ kein Roman, sondern die harte philosophische Arbeit des Begriffs. Mit seiner Analyse zum Prozedere des Rechtsstaates ist Habermas einer der bedeutenden und wichtigen Intellektuellen. Nicht nur der BRD. Was nicht bedeutet, ihn nicht um andere Perspektiven zu ergänzen.

Aber es soll hier um Literatur gehen, und es wird dies kein Text über politische Theorie und keiner über die Notwendigkeit des Rechtsstaates oder wenn, dann bloß indirekt, sofern einem womöglich beim Nachdenken über Literatur jenes bekannte Böckenförde-Theorem in den Sinn kommt, daß nämlich „[d]er freiheitliche, säkularisierte Staat […] von Voraussetzungen [lebt], die er selbst nicht garantieren kann.“

Und weiter heißt es im Text:

„Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Andererseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots, zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“
(Ernst Böckenförde, Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation)

Was haben diese Sätze mit Literatur zu tun? Viel, denn auch Literatur ist solch eine Möglichkeit, Gemeinsames zu stiften – selbst in schärfster Differenz und indem Kunstwerke sich hermetisch einem unmittelbaren Zugriff entziehen. Gemeinsames kann eben auch sein, die Arbeit an der Sache und die gründliche Lektüre eines Werkes auf sich zu nehmen und die eigenen Referenzhorizonte über Bord zu werfen. Zwar impliziert dieses Schreiben von Autoren keine einheitliche Sicht auf dieses ehemals zerrissene Land, auf seine Verwerfungen und Möglichkeiten – man lese nur von Günter Grass „Ein weites Feld“ über Clemens Meyers großes und großartiges Debüt „Als wir träumten“, über Tellkamps souverän erzählte Geschichte von Dresden in „Der Turm“ bis zu Thomas Brussigs herrlich-lustigem „Helden wie wir“, wo ein junger Mann die Mauer mit seinem Schwanz zum Einsturz bringt, um die Unterschiede zu verstehen.

In aller Differenz jedoch vergewissert sich diese Literatur in den verschiedenen Ausfaltungen und in unterschiedlicher ästhetischer Form einer gemeinsamen Sache, die alle teilen: daß wir, als Deutsche, Bewohner dieses Landes sind, mit unterschiedlichen Geschichten, mit allen Tücken, allem Guten, allem Schlechten, und man kann literarisch eben auch mit hinzunehmen, daß in der BRD und ebenfalls in der damaligen DDR viele Menschen leben, die nicht über Generationen geburtsdeutsch sind, die als „Gastarbeiter“ kamen, Fremde Heere Ost, und die also diese Einheit womöglich mit anderen Augen betrachteten. Warum sollte sich eine Vertragsarbeiterin aus Vietnam, die Kleider in der Fremde näht, warum sollte ein Fabrikarbeiter aus Mosambik, ein junger Türke aus Neukölln, dessen Deutsch eher rudimentär ist, sich freuen, daß die Mauer fällt? Wer arbeitet, kann kaum Literatur schreiben. Wer auf der Straße lungert, benutzt andere Ausdrucksmöglichkeiten. Hier mag es literarischen Nachholbedarf geben, um ebenso andere Blickweisen in Literatur hinzubekommen.

Literatur freilich und die Weise, über diese Dinge eine gelungene Geschichte zu fabulieren, schafft insofern ein Gemeinsames, da jeder in seiner Form erzählen kann. Das Zauberwort ist Pluralität und die dazu gehörend Perspektivität – was nicht mit Relativismus gleichzusetzen ist. Dieses Plurale findet auf dem Boden einer gemeinsamen Anstrengung statt: nämlich, was da 1989 geschah, zu erzählen, vielleicht auch zu begreifen. Das also, was für viele Menschen eine Freude und eine Befreiung von der Diktatur war, was für andere einen Bruch im Leben bedeutete, für andere Chance und Öffnung, für wieder andere Abstieg und Verlust, Angst, Leid oder Freude oder die Umpolung einer politischen Landschaft, und zwar nicht einfach als Dokument oder als oral history, sondern in der Kunst in eine bestimmte Form gebracht – sei es Prosa, sei es Lyrik oder dramatische Dichtung. Für all diese Facetten müssen und werden Geschichten erfunden, literarische Bilder. In diesem gut hegelianischen Sinne ist die Kunst ihrer Zeit immer auch der Ausdruck einer Gesellschaft ihrer Zeit. In anderer Weise und in implizitem Rekurs auf Hegel schrieb Marx:

„Die griechische Kunst setzt die griechische Mythologie voraus, d.h. die Natur und die gesellschaftlichen Formen selbst schon in einer unbewußt künstlerischen Weise verarbeitet durch die Volksphantasie. Das ist ihr Material. Nicht jede beliebige Mythologie, d.h. nicht jede beliebige unbewußt künstlerische Verarbeitung der Natur (hier darunter alles Gegenständliche, also die Gesellschaft eingeschlossen).

[…]

Ist Achilles möglich mit Pulver und Blei? Oder überhaupt die »Iliade« mit der Druckerpresse oder gar Druckmaschine? Hört das Singen und Sagen und die Muse mit dem Preßbengel nicht notwendig auf, also verschwinden nicht notwendige Bedingungen der epischen Poesie?

Aber die Schwierigkeit liegt nicht darin, zu verstehn, daß griechische Kunst und Epos an gewisse gesellschaftliche Entwicklungsformen geknüpft sind. Die Schwierigkeit ist, daß sie für uns noch Kunstgenuß gewähren und in gewisser Beziehung als Norm und unerreichbare Muster gelten.“

Damals zumindest. Doch das Damals und die marxsche Frage nach dem sozialen Kontext von Kunst reichen bis in die Gegenwart. Als eine Art melancholisches oder auch nüchternes Fragen nach dem Bestand skizzierte es Ernst Jünger und pointierte dessen Marx-Satz in seinem Tagebuch „Siebzig verweht“ 1997 so:

„Ist eine Ilias möglich mit Schießpulver?“

Was also setzt die kapitalistische, die liberale, die sozialistische Literatur der damaligen, der untergehenden DDR voraus? Welche Literatur liefert uns der Stand der Produktivkräfte im Blick auf die Gegenwart und im Rückblick, nach 30 Jahren? Welche Literatur beschreibt den Stand der Produktivkräfte und das „literarische Feld“? Internet und Handys waren noch nicht verbreitet, als jene Menschen auf der Straße ihre friedliche Revolution machten. Wie hätte dieser Sturz der DDR mit dem Internet in Begleitung und mit Twitter ausgesehen? Hypothetische Fragen zwar, aber sie weisen zumindest darauf, daß dieses Gesellschaftliche einen Raum benötigt, den die Literatur zu liefern vermag, auch im Sinne einer Selbstreferentialität, indem die eigenen Bedingungen noch mit in die Reflexion geraten – aber das sind dann wiederum Fragen des ästhetischen Programms und wie diese Dinge dann in der Form konkret eingelöst werden.

Auch wir wissen, was passiert, wenn eine Gestalt des Lebens alt geworden. Die Philosophie mag ihr Grau in Grau malen und zum Erkennen ist in der Tat ein gewisser Abstand nötig, um nicht allzusehr mit dem vermeintlich Unmittelbaren und mit den Tagesresten behaftet zu sein. Das ist selbst beim literarischen Schreiben manchmal der Fall und auch hier kann Distanz helfen – Clemens Meyer zeigte es mit seinem 2006 erschienenen Debütroman „Als wir träumten“: eine Jugend zur Wende in Leipzig und in den 1990er Jahren in Freiheit und zugleich in Chaos, zwischen Neonazi-Skins, Alkohol, Drogen und einer Ordnung, die wegbrach. Alte Autoritäten, selbst die eigenen Eltern, waren abgestellt und wirkten angesichts ihrer neuen Machtlosigkeit lächerlich. Alles war möglich, wenig gelang. Die Träume waren auf den Augenblick gestellt, doch der verging.

Die gelungensten Wenderomane entstanden nicht im unmittelbaren Reflex um die frühen 1990er herum, aber ein Roman, der sich 100 Jahre später mit der Wende befaßt, ist eben kein Roman mehr für Zeitgenossen, die über die Wende lesen, so wie Kehlmanns „Tyll“ nur bedingt als Historienroman über den 30jährigen Krieg durchgeht. Doch diese unsere Vergangenheit der Jahre um 1989 ist, um ein Wort aus Faulkners „Requiem für eine Nonne“ zu gebrauchen, später von Christa Wolf als Zitat wieder aufgegriffen, noch lange nicht vorüber:

„Die Vergangenheit ist nicht tot; sie ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.
Frühere Leute erinnerten sich leichter: eine Vermutung, eine höchstens halbrichtige Behauptung. Ein erneuter Versuch, dich zu verschanzen. Allmählich. über Monate hin, stellte sich das Dilemma heraus: sprachlos bleiben oder in der dritten Person leben, das scheint zur Wahl zu stehen. Das eine unmöglich, unheimlich das andere.“

Was Wolf in „Kindheitsmuster“ (1976) zum Auftakt ihres Romans bemerkt, gilt bis hinein in die Gegenwart, wenn wir über jene Wende-Jahre nachdenken. Von der Malerei her übrigens ist dieser Blick auf Zeit genial und gut in Leipzig in Ausstellung gebracht, nämlich im „Museum der bildenden Künste“ präsentiert als „Point of no return. Wende und Umbruch in der ostdeutschen Kunst“. Eine plurale, anregende, vielschichtige und vor allem die Kunst der DDR nicht denunzierende Sicht auf jene Jahre.

Auch Literatur formuliert ihre Perspektiven, und inzwischen gibt es eine Vielzahl von Büchern, die die Wende und die Zeit danach zum Thema haben. In unterschiedlichen Ausfaltungen, kritisch im Hinblick auf expandierende Nazis von Manja Präkels „Als ich mit Hitler Schnappskirschen aß“ oder Wendejahre aus dem Blick der Zeit heraus und nahe am Pop-Ton wie in Peter Richters „89/90“ oder Lutz Seilers Hiddensee-Aussteiger zu Wendetagen im wunderbar melancholischen „Kruso“. Sehr unterschiedliche Töne.

„Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat.“ Das mag aus dem Blick der Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley, die in der DDR schärfsten Repressalien bis hin zum Gefängnis ausgesetzt war, eine hohe Berechtigung besitzen. Ein Rechtsstaat mit seinem Procedere tickt jedoch anders. Literatur aber kann solche Frage nach dem Gerechten, dem Guten, dem Heillosen, den Aporien, der Schönheit und dem Schrecken stellen. Prosa und Poesie können Perspektiven zuspitzen, Binnensichten liefern, die nicht die unseren sind. Und wir als Leser können fragen, ob das ästhetisch und damit literarisch gut gemacht ist oder vielleicht doch nur in einer Sprache, die auf einen politischen Effekt zielt oder eher konventionell uns eine Geschichte berichten will. Inhalt und Form bedingen sich, aber neue Formen können neue Inhalte und damit neue Perspektiven etablieren, womit ebenso die Frage nach einem literarisch gewagten und avancierten Schreiben sich stellt. Auch die Frage nach der ästhetischen Intensität steht damit im Raum: wie eine Figur und dessen Innenleben in eine gekonnte Darstellung bringen?

In diesem Sinne möchte ich demnächst hier eine kleine Serie mit Blick auf einige Romane starten, die man wohl mit einigem Fug und Recht als Wenderomane bezeichnen kann. Dazu gehören in jedem Fall die hier im Text genannten Romane und eine Vielzahl mehr, wie etwa Eugen Ruges „In Zeiten abnehmenden Lichts“, Erich Loests „Nikolaikirche“. Selbst Bücher wie Clemens Meyers „Im Stein“ zählen vom Sujet her indirekt noch zu diesem Kanon der Wendeliteratur, stehen sie doch in einem engen Kontext zu jenen Umbrüchen, obgleich man dieses Buch sicherlich nicht als typischen Ost-Roman bezeichnen kann. Mal sehen, ob ich es schaffe, diese Serie mit ein paar Skizzen und Kritiken zu füllen. Die Auswahl erfolgt nach subjektiven Gesichtspunkten.

Jürgen Habermas – zum 90. Geburtstag. Der lange Nachsommer der Theorie

So ganz mag ich nicht in den Jubelchor der Gratulanten einstimmen. „Die Zeit“ widmete Habermas mehrere Seiten des Feuilletons – eine Art Hagiographie, aber so ist das wohl, wenn einer der letzten großen Intellektuellen des Zeitalters seinen 90. Geburtstag feiert. Denn Jürgen Habermas ist einer der wenigen philosophischen Intellektuellen, die das Bild der alten wie auch der neuen Bundesrepublik prägten und immer noch prägen. Habermas trug durch seine Bücher einen Teil dazu bei, daß einmal von einer Suhrkamp-Kultur gesprochen werden konnte; einer, der sich einmischt in die Politik und dabei dennoch nicht den Fehler so vieler Intellektueller beging, das eigene Denken mit der politischen Wirklichkeit verwechseln zu wollen und die eigene Philosophie als politische Lehre  bzw. das eigene philosophische Denken zu inthronisieren. Genannt seien als warnende Beispiele Heideggers kurzes Intermezzo und Sartre: Philosophen nahe amHerrscherthron oder von dem Wunsch beseelt, den Führer lenken zu wollen, sind gefährlich, wenn ihre Geisterträume wahr werden. Und auch Verneigungen, Parteinahme und der Hofknicks vor totalitär Herrschenden stehen Intellektuellen nicht gut an und hinterlassen im nachhinein einen schalen Geschmack. Das spricht nicht gegen Heideggers oder Sartres Philosophie, sehr wohl jedoch gegen ihr politisches Sensorium.

Diese Gefahr bestand bei Habermas nicht. Man mag ihm diese Zurückhaltung zuweilen als mangelnde Leidenschaft auslegen. Allenfalls sein Plädoyer für Europa schuldet sich einer Prise politischer Pragmatik. Partei nahm er freilich für das, was man Verfassungspatriotismus nennt, nämlich das Prinzip des demokratischen Rechtsstaats. Im Gegensatz zu seinem französischen Antipoden Foucault bewahrt einen solche Zurückhaltung zuweilen davor, im Überschwang des Gefechtes sich zum politisch gut Gemeinten hinreißen zu lassen. Maoismus war Habermas Sache nicht. Nicht einmal als Spiel. Diese berechtigte Zurückhaltung teilte er mit Derrida.

Geschuldet mag die Zurückhaltung, dieser Rückbehalt von Leidenschaft in der politischen direkten Parteinahme für das Extreme jenen Erfahrungen der 1929er-Generation sein, und dies ließ Habermas eine gesunde Skepsis entwickeln. Aber längst nicht jeder dieser Generation war gefeit vor den totalitären Versuchungen jener Aufbruchszeit der 60er.

Sicherlich geht es der Philosophie Habermas‘ nicht nur um das reine Denken und Reflektieren als Selbstzweck, dazu war Habermas viel zu sehr mit der Soziologie befaßt, und so wird er mitunter als Sozialphilosoph in den Karteikästchen geführt. Immer stand für ihn das Handeln von Menschen, mithin die Praxis, am Ende des Philosophieprozesses. Insofern ist der Titel eines seiner frühen Bücher „Theorie und Praxis“ durchaus programmatisch und nicht nur als Reflex auf Adornos Eingangssatz der „Negativen Dialektik“ zu verstehen. Und das große, die 80er Jahre beherrschende Werk deutscher Philosophie heißt „Theorie des kommunikativen Handelns“.

Ganz gewiß galt seine Parteinahme, wenn man es denn mit diesem Wort sagen mag, in der Praxis eher einem sozialdemokratischen Ansatz von Politik als dem konservativen oder FDP-liberalen Konzept. Habermas gehörte nicht zu jenen, die den Nationalstaat als Fetisch anbeten und ihr politische Heil allein dort suchen, sondern er versucht – bis heute – in seinem Denken immer wieder, diesen verengten Blickwinkel auszuweiten, auch auf ein einiges Europa hin. In manchem sicherlich idealtypisch. Doch in seinem Blick auf Europa lag am Ende dann auch seine Berührung und Aussöhnung mit Jacques Derrida.

Die Sichtungen von Habermas‘ Denken sind vielfältig: der Soziologe, der Diskursethiker, der Rechtsphilosoph, der politische Intellektuelle, der den Historikerstreit in Fahrt brachte und wider die Relativierung der NS-Verbrechen stritt. Habermas war einer der Philosophen, die kontinentales und US-amerikanisches Denken sowie Sprachphilosophie, Hermeneutik und Kritische Theorie zusammenbrachte. Das Projekt der Moderne war für ihn, anders als seine postmodernen Kollegen, zumindest in der Sicht Habermas‘, noch lange nicht vollendet. Vor allem aber wird er immer noch als einer der letzten Vertreter der Frankfurter Schule wahrgenommen, so die einen, oder aber als ihr Totengräber, so die anderen. Zugegeben: ich sehe Habermas eher kritisch und bin mit vielem nicht einverstanden. Seine Sicht auf Derrida, Foucault, Adorno, Luhmann und Heidegger in „Der philosophische Diskurs der Moderne“ (1985) halte ich für problematisch, um es höflich zu formulieren.

In der großen Auseinandersetzung der 70er Jahre mit Luhmann („Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie“) überzeugte mich die (holistische) Position Luhmanns sehr viel mehr. Und kritische Philosophie ist seit den 80er Jahren vermehrt aus Frankreich zu uns herübergeweht. Kritische und ästhetische Theorie ließen eher mit Derrida und Foucault als mit Habermas sich betreiben und in eine neue Gestalt überführen. Insbesondere Habermas‘ Auseinandersetzung in dem Band „Der philosophische Diskurs der Moderne“ mit der Philosophie des sogenannten Poststrukturalismus (um hier einen Terminus als Abbreviatur zu benutzen) beinhaltet eine reduktive Lesart dieser Philosophie. Der Vorwurf des Konservatismus gegenüber den Positionen Foucaults und Batailles ist schlichtweg Unfug, und ich vermute stark, daß Habermas hier keinerlei Zugang zu dieser Art des – ganz anderen – Denkens fand. Ihm stand mit der vielfältigen französischen Philosophie ein Denken gegenüber, das ihm in seiner Methode und in seiner Form fremd blieb. Daß Derrida die Grenze zwischen Literatur und Philosophie aufheben wolle, um Philosophie zu ästhetisieren bzw. zu literarisieren, ist ein Gerücht über Derrida. Mit dessen Denken hat es nicht viel zu tun. Ebensowenig, daß mit Derridas Dekonstruktion ein Ende der Philosophie heranbräche.

„Gleichviel unter welchem Namen sie jetzt auf tritt, ob als Fundamentalontologie, als Kritik, als; Negative Dialektik, Dekonstruktion oder Genealogie – diese Pseudonyme sind keineswegs Verkleidungen, hinter denen die Traditionsgestalt der Philosophie zum Vorschein käme; eher schon dient der Faltenwurf der philosophischen Begriffe als die Bemäntelung eines nur notdürftig verhohlenen Endes der Philosophie.“

Diese Denkfigur von der Aufhebung der Philosophie als Endspielfigur trifft weder das Denken von Foucault, noch von Adorno, Heidegger oder Derrida, sondern vielmehr findet sich in allen vier (unterschiedlichen) Positionen eine Reflexivität, ein Blick auf Philosophie als Kritik und auch als Selbstkritik – mithin eine erweiterte und plurale Vernunft, die sich selbst in die Kritik nimmt.

Allenfalls kann man solche Fehllektüren noch mit dem Geist jener Zeit der 1980er Jahre entschuldigen. Das von Nietzsche, Husserl und Heidegger geprägte französische Denken war einem auf rein-rationale Aufklärung fixierten Denken nicht ganz geheuer, der für Ästhetik nicht eben sensibilisierte Habermas mißtraute einem Denken, das, wie bei Adorno, auch ästhetische und rhetorische Motive in Anspruch nahm und diese gleichberechtigt zur diskursiven Rationalität bzw. einer rational operierenden Vernunft setzte. Daß auch bei Derrida und Foucault ein hochrationaler Untergrund herrscht, entging Habermas. Trotzdem und trotz allen Einspruchs: wir haben es mit einem der großen Philosophen zu tun, an dem kein Weg vorbeiführt, insbesondere im Hinblick auf seine Theorie des demokratischen Rechtsstaates – bei allen Tücken und Problemen, die ihm inhärent sind.

Ich möchte mich aber trotz der vielfältigen Ausrichtungen der Habermaschen Philosophie auf diesen Aspekt des Scharniers zwischen alter Frankfurter Schule und der kommunikationstheoretischen Wendung der Kritischen Theorie beziehen, welche er ihr geben wollte, um den Fortbestand kritischen und eingreifenden Denkens zu sichern. Allein schon aus Gründen der Sentimentalität, um eine Zeit zu beweinen, in der Mitte der 1980er Jahre solche Diskussionen als Residuum der 60er Jahre noch möglich waren, um kritisches Philosophieren über Gesellschaft in größerem Stil ein letztes Mal herüberzuretten und in der auch eine Soziologie diesseits der (von dem Autor dieses Blogs durchaus auch geschätzten) Systemtheorie möglich war. In der alten BRD der 1980er Jahre – selige Zeiten noch vor Bologna-Reform und Lernpunkte sammeln – geschah diese Kritik der Systemrationalität gerade in studentischen Kreisen insbesondere im Verbund von klassischer adornoscher und benjaminscher Kritischer Theorie sowie der French Theory, an die jene kritischen Diskurse andockten. (Einen melancholischen Ausblick und Ausklang lieferte da Philipp Felschs „Der lange Sommer der Theorie.)

Die Seite einer eher rationalen Sicht, wie man sie bei Habermas fand, ging in den intellektuellen Scharmützeln Neu-Frankfurt gegen Paris vielfach verloren, und leider gab es eben auf der Seite der French-Theory-Adepten zugleich einen arg-dummen Jargon der Eigentlichkeit, wo man sich in Dekonstruktionsphrasen und Lacan-Nachsprech überbot und dabei vielfach bloß leer quatschte. Oft diente der Jargon lediglich dazu, daß jene, die ihn benutzten, eigentlich kaum etwas von den Dingen verstanden hatten. (Oder wie es Heidegger einmal in seinem Seminar gesagt haben sollte: „Hier wird nicht geheideggert!“).

Und ich sehe im philosophischen Seminar immer noch jene Frau mit den dunklen Haaren am Boden hocken und irgendwelche Plakate malen. Sie reckte unter der engen Jeans so herrlich ihren wunderbar geformten Arsch in die Höhe. Ich fragte, was sie da machte: „Na etwas zu Foucaults „Dispositive der Macht“ und „Überwachen und Strafen“ wegen des Foucault-Seminars“. „Und wieso Plakate?“ „Wegen der Freilassung der Gefangenen in Santa Fu.“ Ich hielt dies für einen Scherz, aber es war keiner. Den Satz „Vergewaltiger, wir kriegen euch. Mit Danone kriegen wir euch alle“ verkniff ich mir.

Das alles sagt nichts gegen die Theorien Foucaults Derridas oder Lacans, wohl aber etwas gegen die falschen Jünger. In Anlehnung an Adornos Bach-Essay muß man wohl davon sprechen, den Poststrukturalismus gegen seine Liebhaber zu verteidigen. Vom Denken Habermas‘ zumindest führte diese Abzweigung erheblich weg. Was im Blick solcher französischen Neuausrichtung zugleich zu doxographischen Verengungen führte. Doch Philosophie ist keine Entweder-Oder-Veranstaltung und auch keine Caféteria, wo man sich Kuchensorten aussucht. Daß Studenten  sowohl Habermas, Derrida, Heidegger und Adorno lesen könnten, kam in jenen laubewegten 1980er und 1990er Jahren wenigen nur in den Sinn. In den Seminaren herrschten teils Grabenkämpfe. Die Fronten waren verhärtet, um es in militärischer Sprache zu sagen. Zwischen den Habermasianern und den poststrukturalen Adorniten hockten irgendwo die Sprachphilosophen der analytischen Philosophie. Erkauft wurden solche Verengungen mit dem Verlust an Komplexität und Perspektivität. Zum Glück freilich gab es in den Seminaren auch Ausnahmen und solche, die freier dachten. Habermas zumindest war zentral – auch über seine Diskursethik, die in jenen Jahren heiß debattiert wurde.

Sicherlich, im Zusammenhang mit Habermas und seiner Philosophie sind der bedeutsamen Themen viele, und kritisch ließe sich an manchen Stellen einhaken: man könnte über die Schwierigkeiten der Diskursethik sprechen, über das Problematische von Begriffen wie „herrschaftsfreier Diskurs“ oder „zwangloser Zwang zum besseren Argument“, die Problematik von „Faktiziät und Geltung“ ließe sich aus der Perspektive der Rechtstheorie erörtern, und es gab zu all jenen Aspekten durchaus kontroverse Debatten – insbesondere in der Jurisprudenz kritisierten Juristen wie Werner Krawietz scharf. Aber große Philosophen zeichnen sich eben auch dadurch aus, daß sie zum Disput  einladen. Habermas, so heißt es, sei ein geduldiger Zuhörer und nahm Kritik immer auf, entgegnete und begegnete ihr. Er tat also das, was Diskurs und Argument im Idealfall bedeuten.

Liest man aus der „Theorie des kommunikativen Handelns“ das Kapitel zur „Kritik der instrumentellen Vernunft“ bleibt allerdings die Frage übrig, ob Habermas es am Ende tatsächlich vermochte, den Fortbestand kritischen Philosophierens als Kritischer Theorie mit und über Adorno hinaus zu sichern. Dies halte ich für fraglich. Daraus wurde vielmehr ein ganz anderes Projekt der Philosophie. Kritische Theorie ist tot, wie Peter Sloterdijk – mit einer gewissen Schadenfreude – konstatierte. Oder neutraler gesprochen: Sie hat ihre Achse verschoben und ist mit Autoren wie Honneth oder Menke pragmatischer geworden, und Nachfahren in Frankfurt wie Martin Seel kann man im Grunde nur noch bedingt dazuzählen. Wenn man diesen Wandel der Zeiten und des Denkens mit einer gewissen Entspannung registriert, läßt sich auch Habermas lesen: kritisch eben und in changierender Perspektive. Einerseits sind seine Überlegungen zum Rechtsstaat basal, wir haben keinen anderen und keinen bessern und die nächste Revolution fällt aus – zum Glück muß man wohl sagen, wenn man an die vorhergehenden des 20. Jahrhunderts denkt.

Und dennoch: Radikal sein hieß einmal, an die Wurzel einer Sache zu gehen. An den bürgerlichen Rechtsstaat jedoch und an sein Prinzip, eine kapitalistisch organisierte Wirtschaftsordnung, mag heute kaum einer mehr Hand anlegen – auch Adorno tat dies nicht, nebenbei geschrieben, aber er zeigte zumindest, im Sinne einer Aporie auch und als Denken in Konstellationen, grundsätzliche Probleme auf, die diese Verkehrsform mit sich brachte: fürs Denken, fürs Handeln und für das, was sich Kommunikation nennt – ein bei Adorno perhorreszierter Begriff nebenbei. Dieses kritische Denken sollte man sich bewahren, gekoppelt mit Nietzsches Vernunftskritik, Marxens Kritik der politischen Ökonomie sowie Derridas und Foucaults (teils phänomenologischer) Gesellschaftskritik. Denn das eine zu negieren und zu kritisieren, muß nicht bedeuten, das Ganze komplett zu negieren. Aber das eben sind die alten Fragen von Revolution und Evolution der Gesellschaft.

Da heute in den Feuilletons zahlreich gejubelt wird, möchte ich mit einem eher skeptisch gestimmten Zitat von Peter Trawny enden:

„Habermas‘ Projekt, die aktuelle Frankfurter Schule überhaupt, ist ein Diskurs von Professoren, der sich nur insofern ein besonderes Profil verleihen kann, als er in Exzellenz-Initiativen erfolgreich ist. Theorie um ihrer selbst willen wird ausgestattet mit großzügigen Posten. Damit aber erlangt der Diskurs noch keine gesellschaftspolitische Relevanz. Im Gegenteil. Er wird nicht weniger esoterisch als das von Habermas so häufig abgekanzelte Heideggersche Denken. Was universitätspolitisch äußerst effektiv funktioniert, ist ‚lebensweltlich‘ irrelevant geworden.“ (Peter Trawny, Was ist deutsch?)

Und vielleicht ist es Zeit jenen 1989 im zu Klampen Verlag erschienen Band „Unkritische Theorie. Gegen Habermas“ einmal wieder in die Hand zu nehmen. Er gehörte für uns damals zur Grundausstattung.

Nun, gut, gratulieren wir Jürgen Habermas zum 90. Geburtstag. Seltsam, daß der Hausherr des Grandhotel Abgrund bisher und für heute abend keine Einladung an den Starnberger See erhielt. Aber vielleicht gibt es ja ein Rezensionsexemplar zu jener bald im September erschienenden „Auch eine Geschichte der Philosophie. Band 1: Die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen. Band 2: Vernünftige Freiheit. Spuren des Diskurses über Glauben und Wissen.“ Spannend bleibt es und wir warten auf dieses große Alterswerk. Es wird wohl sein letztes Hauptwerk sein und im Titel immerhin auch eine schöne Anspielung auf eine frühe Schrift Hegels und auf Herders Geschichtsphilosophie. Immerhin mit 90 Jahren ein Werk von solcher Wucht. Dies und derart im Gespräch zu bleiben, dürfte auf der Welt nur wenigen Philosophen vergönnt sein.

(Bei diesem Text handelt es sich um eine überarbeitete und erweiterte Fassung aus dem Jahr 2009. Da ich im Augenblick nicht allzu viel Zeit für neue Blogartikel habe und sich an meiner Sicht auf Habermas nicht allzuviel geändert hat.)

Vierzig Jahre „Holocaust“

Die Überschrift klingt seltsam: als ob das Land da was zu feiern hätte oder als ob ein Ereignis erst vierzig Jahre her wäre. Auch sind die Anführungszeichen irritierend. Deuten sie auf einen Namen oder einen Titel, sollen sie einen Begriff relativieren? Nein, natürlich nicht. Viele Deutsche, auch solche, die Ende der 70er Jahre erwachsen wurden – und damit viele Jugendliche wie ich – schauten den Vierteiler damals im Fernsehen: „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“.

Solche Jubiläen sind eine heikle Sache. Kann man die Shoah in Bildern darstellen, gar in einer TV-Serie mit Suspense und mit Unterhaltungscharakter? Wie sich ein Bild machen? Jenseits von trockenen Fakten. Eine Zahl wie sechs Millionen bleibt abstrakt und daß davon in Auschwitz allein eine Million Juden ermordet wurden, ebenfalls. Wie immer geht es in diesen Fragen um die Versinnlichung, ums Anschaulich-Machen. Und das dies ein Aspekt ist, aber eben nicht der einzige, unter dem man die Shoah betrachten kann.

Es wurde diese Serie damals heiß debattiert. Die „Zeit“ beispielsweise kritisierte anfangs, vor der Ausstrahlung diesen laxen Umgang mit der deutschen Geschichte, schwenkte aber schnell um, als diese Serie durchaus das Bewußtsein der Menschen zu treffen schien. Daß viele schockiert waren, daß eigentlich zum ersten Mal breitenwirksam der Massenmord an Juden als Thema in die Öffentlichkeit kam, vergleichbar vielleicht nur mit den Auschwitz-Prozessen Anfang der 60er Jahre durch die unendlich wichtigen Ermittlungen des Generalstaatsanwalts Fritz Bauer. Verbreitet wurde dieser Schrecken durch ein Medium wie das Fernsehen.

Jeder nimmt die Shoah anders wahr – das ist eine Trivialität. Ins Bewußtsein vieler aber kommt sie weniger durch Gedichte von Celan oder Romane von Primo Levi, so wichtig diese auch für die intellektuelle Auseinandersetzung sind, sondern durch starke, eindringliche Bilder und durch erzählte Geschichten, die im Kopf haften bleiben und Anlaß zum Nachdenken geben. Anlaß auch, weil diese Bilder und Geschichten uns erschüttern und aufwühlen. Man kann dieses Bewußtsein kritisieren, man kann es der kulturindustriellen Standardisierung verdächtigen, wie auch immer: man sollte aus der Shoah jedoch keine negative Theologie machen. Sie ist nichts, das hinter einem Vorhang liegt. Es sind in Auschwitz und anderswo sehr konkret Juden, Sinti, Roma und viele andere Mißliebige ermordert worden. Mit Systematik traf es die größte Gruppe der Opfer: die Juden. Und um das zu verhindern sind manchmal einfachere Mittel vonnöten. Selbst „Schindlers Liste“ war in diesem Sinne, trotz manchem Kitsch, ein legitimes Mittel.

„Bilder – trotz allem“ wie ein Buch von Georges Didi-Huberman heißt, darin er die Notwendigkeit von Photographien zu diesem Grauen zeigt, damit auch Claude Lanzmann oponierend. Und es ist auch sinnlos, die bilder- und szenenreiche Serie „Holocaust“ und Lanzmanns bildarme und erzählreiche „Shoah“ gegeneinander auszuspielen. Beide Filme treffen unterschiedliche Hinsichten ein und desselben Ereignisses. Ebenso wie 1956 „Nacht und Nebel“ von Alain Resnais, der erste Film zur Shoah. Mit einem Blick auf Auschwitz. Das Gras, die Gleise. Wer in Stichworten etwas zur Geschichte dieses Dokumentarfilms erfahren will und wer lesen will, wie die damalige Bundesregierung diesen Film bei den Festspielen von Cannes zu verhindern suchte, informiere sich auf Wikipedia:

„Mehr als 10 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – mitten im Kalten Krieg – war der Film im Dezember 1955 fertiggestellt. Vertreter der deutschen Botschaft sahen ihn vorab bei einer Privataufführung in Paris. Der Produzent empfand ihre Reaktion auf den Film als „eisig“. Im Januar 1956 erhielt dieser den französischen Jean-Vigo-Preis und wurde im März einstimmig als französischer Beitrag für die Filmfestspiele von Cannes im April nominiert.

Daraufhin verlangte die Bundesregierung mit einem Brief des deutschen Botschafters von Maltzahn in Paris an den französischen Außenminister Christian Pineau die Absetzung der Kandidatur: Man habe im Prinzip nichts gegen die filmische Darstellung von NS-Verbrechen einzuwenden; aber nach den Bestimmungen der Festspiele sollten die Filme in Cannes zur Freundschaft zwischen den Völkern beitragen und nicht das Nationalgefühl eines Landes verletzen. Dieser Film werde die Atmosphäre zwischen Franzosen und Deutschen vergiften und dem Ansehen der Bundesrepublik schaden. Das Filmfestival von Cannes sei daher nicht das geeignete Forum für einen solchen Film. Denn gewöhnliche Zuschauer seien nicht fähig, zwischen den verbrecherischen Führern des NS-Regimes und dem heutigen Deutschland zu unterscheiden.

Daraufhin strich das französische Auswahlkomitee für die Filmfestspiele den Film am 7. April 1956 von seiner Vorschlagsliste. Dies löste anhaltende Proteste in Frankreich ebenso wie in der Bundesrepublik aus. (…) In der Bundesrepublik protestierten prominente Autoren gegen das Vorgehen der Bundesregierung, darunter Alfred Andersch, Heinrich Böll, Hans Georg Brenner, Walter Dirks, Wolfgang Hildesheimer, Eugen Kogon, Ernst Kreuder, Erich Kuby, Hans Werner Richter und Paul Schallück. Der NDR sendete ihre Stellungnahme während der Festspiele am 16. April.

Im Deutschen Bundestag verlangte die SPD eine aktuelle Fragestunde zu dem Vorgang. Befragt nach den Gründen der Intervention, antwortete Staatssekretär Hans Ritter von Lex am 18. April, Cannes sei nicht ‚der rechte Ort… um einen Film zu zeigen, der nur allzuleicht dazu beitragen kann, den durch die nationalsozialistischen Verbrechen erzeugten Hass gegen das deutsche Volk in seiner Gesamtheit wieder zu beleben.‘“

Festzuhalten bleibt: „Holocaust“ war für die BRD damals ein Einschnitt und hat diesen Schrecken zu Bewußtsein gebracht – vielleicht auch, weil inzwischen ein Abstand in der Zeit herrschte. Insofern gehört die Ausstrahlung vor 40 Jahren zu einer der Sternstunden der BRD und war eines der zentralen Ereignisse. Vor allem aber brachte diese Serie Gespräche und Debatten. Nur so und nicht durchs Schweigen kann man sich dem schwer Faßbaren nähern. Man wird dieses einerseits singuläre Ereignis nie rationalisieren können, was gut ist, aber es im Bewußtsein zu halten und es dahin überhaupt erst zu bringen, ist ein großer Schritt.

Mit böser Zunge könnte man freilich wiederum sagen, es erzeugte diese Serie eine Übersensibilsierung, so daß eine gute Sache teils wieder zum Falschen hin kippt. Man denke an Philipp Jenninger und das, was man aus seiner Rede herauslas, bis hin zu der völlig unsinnigen Rücktrittsforderung – schon damals waren mir insbesondere die Grünen in schlimmer Erinnerung. Schuld, die als Monstranz vor sich hergetragen wird, hat etwas Unangemessenes. (Ich sehe da auch den unmöglichen Heiko Maas in Yad Vashem vor jede nur im Sichtfeld sich befindende Kamera hüpfen, um sich als aufrechten Antifaschisten zu inszenieren. Den anwesenden Juden war dies unendlich peinlich.) Und es bleibt der Verdacht: Wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht. Mit ein wenig Spekulation könnte man sagen, daß Jenninger ohne diese Serie nicht zurücktreten hätte müssen. Aber das sind Spekulationen. Festzuhalten bleibt: das Nazi-Narrativ sollte nicht dazu benutzt werden, um unliebsame Meinungen zu labeln und sich selbst damit einen moralischen Distinktionsgewinn zu verschaffen. Leute wie Gauland mögen problematisch sein. Sie sind aber keine Nazis. Wer diesen Begriff ubiquitär ausstreut, leert ihn aus und hat am Ende kaum noch Begriffe für solche, die tatsächlich Nazis sind. Differenzierung in der Begriffswahl ist also auch in dieser Sache, und gerade um dessentwillen wichtig, was historisch geschah.

Dennoch denke ich, daß diese Serie für die BRD eine wichtige Zäsur im Umgang mit einem der schlimmsten Kapitel der Geschichte war. Abschließen möchte ich mit einer Überlegung von Woody Allen aus „Hanna und ihre Schwestern“: Ich wundere mich nicht, daß Auschwitz geschah, sondern eher darüber, weshalb es nicht viel öfter geschah. (Sinngemäß und aus dem Kopf zitiert.)

1. Mai – Marxjahr

„Wenn das Proletariat die Auflösung der bisherigen Weltordnung verkündet, so spricht es nur das Geheimnis seines eignen Daseins aus, denn es ist die faktische Auflösung dieser Weltordnung. Wenn das Proletariat die Negation des Privateigentums verlangt, so erhebt es nur zum Prinzip der Gesellschaft, was die Gesellschaft zu seinem Prinzip erhoben hat, was in ihm als negatives Resultat der Gesellschaft schon ohne sein Zutun verkörpert ist. Der Proletarier befindet sich dann in bezug auf die werdende Welt in demselben Recht, in welchem der deutsche König in bezug auf die gewordene Welt sich befindet, wenn er das Volk sein Volk wie das Pferd sein Pferd nennt. Der König, indem er das Volk für sein Privateigentum erklärt, spricht es nur aus, daß der Privateigentümer König ist.

Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen, und sobald der Blitz des Gedankens gründlich in diesen naiven Volksboden eingeschlagen ist, wird sich die Emanzipation der Deutschen zu Menschen vollziehn.

Resümieren wir das Resultat:

Die einzig praktisch mögliche Befreiung Deutschlands ist die Befreiung auf dem Standpunkt der Theorie, welche den Menschen für das höchste Wesen des Menschen erklärt. In Deutschland ist die Emanzipation von dem Mittelalter nur möglich als die Emanzipation zugleich von den teilweisen Überwindungen des Mittelalters. In Deutschland kann keine Art der Knechtschaft gebrochen werden, ohne jede Art der Knechtschaft zu brechen. Das gründliche Deutschland kann nicht revolutionieren, ohne von Grund aus zu revolutionieren. Die Emanzipation des Deutschen ist die Emanzipation des Menschen. Der Kopf dieser Emanzipation ist die Philosophie, ihr Herz das Proletariat. Die Philosophie kann sich nicht verwirklichen ohne die Aufhebung des Proletariats, das Proletariat kann sich nicht aufheben ohne die Verwirklichung der Philosophie.

Wenn alle innern Bedingungen erfüllt sind, wird der deutsche Auferstehungstag verkündet werden durch das Schmettern des gallischen Hahns.“
(Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung)

Wieweit man hier aus diesen Passagen des frühen Marx wiederum die sehr viel prägnanter formulierte 11. Feuerbachthese schon herauslesen kann – zeitlich liegen beide Text dicht beieinander – und inwiefern diese These wieder revoziert werden muß zugunsten einer Theorie der Gesellschaft, ist eine Frage, die für die westeuropäischen Gesellschaften relevant sein mag. Adorno formulierte nicht nur zum Beginn seiner „Negativen Dialektik“ jene Arbeit der Theorie, die nötig ist, da eine Philosophie, die nach Marx einmal überholt schien, sich am Leben erhält, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward. Sondern auch in seiner „Vorlesung über negative Dialektik“ aus dem Semester 1965/66 gibt es jene Überlegungen zur Feuerbachthese:

„Dieses Zurückgeworfensein auf die Philosophie hat nun in der Situation selbst auch sein reales Äquivalent. Wir befinden uns in einer Art geschichtlicher Atempause. Wir sind in einer Lage, in der im Ernst nachzudenken uns den materiellen Voraussetzungen und auch einer gewissen Friedlichkeit der Zustände nach, jedenfalls soweit es sich um die Bundesrepublik handelt, wieder möglich ist. Und die Versuche, einen darin irre zu machen und unterbrochen: Wolf, Wolf! zu rufen, sind wohl im Augenblick gerade deshalb eine Ideologie, weil auf Grund einer gesellschaftlichen Analyse à la longue nicht damit zu rechnen ist, daß dieser Zustand, in dem man überhaupt nachdenken kann, sich erhält, – so daß man diesen Zustand nicht versäumen darf.“ (Adorno, Vorlesungen Negative Dialektik)

Nicht nur ein Satz gegen den Alarmismus bestimmter Kreise. Aber: Für solche Gesellschaften jedoch, in denen Armutsverhältnisse herrschen wie im Deutschland des 19. Jahrhundert, für Länder, wo Menschen in Slums, gebaut aus Scheiße, wohnen ist diese Frage zur Revolution immer noch virulent. Während hohe Herren im Palast und im Prunk hausen. Haben hier in der BRD die Arbeiter alles erreicht? Ja. Und nein zugleich. Ich müßte nochmal bei Wolfgang Pohrt nachlesen, wo gerade in der Edition Tiamat eine Ausgabe seiner Werke erscheint, im Design schön wie die gute, alte feine MEW-Ausgabe gehalten. Ein Schatz. „Kapitalismus forever“ und „Das allerletzte Gefecht“. Aber eine proletarische Revolution hier in der BRD ist weiter entfernt denn je. Ein letztes Flackern mochte es 1968 während des Pariser Mai gegeben haben und allenfalls in der italienischen Arbeiterbewegung im Operaismus, dessen Geschichte uns nahegebracht werden sollte. Denn nur mit den entsprechenden Narrativen, kann man Theorie und kann man Waffen machen.

(Photographien von Bersarin: Maidemo Berlin, 2014)

Über Pop-Musik – mit einem Abschweif zum Echo

Jugendkultur samt Pop sind ein ganz  spezielles Ding. Mit der herkömmlichen Moralisierung und der Kritik der Lage, was geht und was nicht geht, kommt man bei ihren Ausdrucksformen nur bedingt weiter. (Ähnliches gilt übrigens auch für die Satire: Früher, in den 1980ern hat die Titanic sehr viel derbere Dinge sich geleistet als heute die eher harmlos-frivole Sonneborn-Rede in Brüssel, wo er sich über die Frau von Marcon belustigte und dem Grafen Lambsdorff einen Fallschirmeinsatz über Syrien anriet. Was ja nicht einmal verkehrt ist, denn wer, nach dem Motto „Hannemann, geh du voran!“ vom Krieg trötet, sollte mit gutem Beispiel Schule machen und selber hingehen, aber nicht andere hinschicken. Manche ereiferten sich über diese doch eher humorvolle Rede, die übrigens vor vielleicht einmal 10 Abgeordneten, stattfand, was ich, nebenbei, skandalöser finde als Sonneborns Rede. Aber das mag Ansichtssache sein. Ja, auch so eine Provokation. Bei den alten Titanic-Beiträgen würde heute mancher vermutlich in Ohnmacht fallen, insbesondere ehemalige Titanicjakobiner wie Leo Fischer.)

Provokant ist mittlerweile vieles und in einer Gesellschaft der Animositäten sind die Gemüter gegenwärtig gereizter als je zuvor. Beim Pop hingegen ist die Provo-Pose endemisch und gehört dazu, es ist eines der Prinzipien von Pop-Musik: um bei den 1950ern anzufangen, von Chuck Berry über Elvis the Pelvis, hin zu Doors, The Stooges, kulminierend im Punk und andernorts in Rap und Hip-Hop. Ich schreibe das nicht wertend, sondern als Beschreibung eines Phänomens der Jugendkultur. Das man sicherlich in vielfacher Hinsicht, auch mit Adornos Hinweis zur Kulturindustrie, kritisieren kann. Pop-Musik ist nur bedingt subversiv. Die kalkuliert eingesetzte Provokation wird in der Regel sehr schnell vom Warensystem absorbiert.

Wir haben uns damals in den frühen und mittleren 80er mit den wildesten Dingen geschmückt: vom Tampon bis hin zu NS-Parteiabzeichen für Kraft durch Freude. Die Erregung gab es auch damals schon. Aber wie sonst konnte man seine linksliberalen Lehrer, die von 68 her den Marsch durch die Institutionen wirkungsvoll angetreten und nun im gut bezahlten, verbeamteten Establishment angekommen sind, denn noch provozieren als mit solchen Symbolen? Die klügeren der Lehrer lächelten und verstanden solche Gesten, denn sie wußten noch um den Geist der Opposition, und ob jemand echter Nazi war oder nicht, erkannte man recht schnell. Im Gegensatz jedoch zu posierenden Rappern wie Kollegah, Farid Bang oder Bushido war es bei uns keine auf Profit kalkulierte Show, um die eigene Community bei der Stange zu halten. Ebensowenig bei den „Sex Pistols“, wenn sie  „Belsen was a gas“ sangen:

„Belsen was a gas I heard the other day
In the open graves where the jews all lay
Life is fun and I wish you were here
They wrote on postcards to those held dear“

Womit wir beim Echo-Musikpreis sind. Lustiger Nebenfakt: der Musikjournalist Jens Balzer, der einmal ein guter und böse-witziger Schreiber war, inzwischen aber immer häufiger reichlich verschnarchtes Moralin verschreibt, saß mit in der Echo-Jury. Die politisch-korrekte Erregung fiel ihm erst hinterher ein, als sich dann andere erregten. Protest, der nichts kostet, denn in einer Jury wäre es deutlich wirkungsvoller gewesen, seinen Unwillen kundzutun. Und statt in einem „Zeit“-Interview mit Sven Regener zu plaudern und gleiche Ansichten sich gegenseitig zu bestätigen, hätte Jens Balzer gut getan, investigativ über die Interna in einer Pop-Jury zu schreiben. Aber Protest ist immer nur dann gut und bequem zu haben, sofern er nichts kostet. Nett vom sicheren Sessel aus. Nicht anders als im Falle Weinsteins, wo seit Jahrzehnten arrivierte Schauspielerinnen erst dann ihren Mund aufbekommen, wenn der Wind sich dreht und es opportun ist.

Insofern wäre beim neuen Echo-Skandal die Frage viel interessanter, warum überhaupt und aus was für Motiven soetwas wie von Kollegah oder Farid Bang in dieser Weise gesungen oder in Bildern kommuniziert wird. Wenn man denn schon analysiert. Ich fürchte mit dem moralischen und fuchtelnden Zeigefinger kommt man da nicht viel weiter. Wir haben über genau diese Leute damals zu den Punk-Zeiten Anfang, Mitte der 80er herzlich gelacht und wußten: Wirkung erreicht, sofern die Aufregung sich einstellte. Eigentlich müßte man im Sinne einer paradoxen Intervention auf diese Zeilen der beiden Rapper reagieren. Das könnte vielleicht effektiver sein. Dieser Echo-Diskurs, im wahrsten Sinne des Wortes, hat freilich nur zur Verstärkung dieser Angelegenheit geführt. Hätte man die Sache einfach auslaufen lassen, wäre das morgen bereits vergessen. Was allemal besser wäre.

Ja, auch ich denke, es gibt Grenzen der Inszenierung und dieser Satz zum Auschwitzinsassen ist nicht nur bloß genzdebil. Aber: Man muß solche provokanten Sätze und Gesten vor dem Hintergrund dieser Musik nehmen. Klar kann man diesen sogenannten Gangsterrap arrivierter Kleinbürger soziologisch und politisch kritisieren. Das tat man bereits in den 1990er Jahren, wenn es z.B. um den Sexismus ging, wenn da auf MTV die wackelnden Weiberärsche, die prallen Brüste und die Bling-Bling-Goldketten samt fetten Autos zu sehen waren, mit denen sich die männlichen Helden umgaben. Aber diese Attribute sind zugleich auch Zeichen des Pop und das sagt etwas Gesellschaftliches. Diese Ketten, die trainierten Oberarme, die Autos, Ärsche und Titten stehen für etwas, sie symbolisieren. Das ist der eine – gesellschaftliche – Aspekt. Der zweite hängt mit dem Verkauf solcher Zeichen zusammen, um Gewinn zu generieren. Das Wort Musikindustrie trifft es da ganz gut. Was sich als vermeintliche Subversion aus dem Ghetto gibt, ist lange schon von der Industrie eingekauft, teils auch vom Reißbrett designt, um des Effektes willen, und die Bands wissen das und affirmieren das auch: denn es ist der Fetisch Geld, um den der ganze Tanz sich dreht. Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden in der Tat zum Tanzen gebracht: aus dem Geist der Pop-Musik heraus spielt man ihnen ihre eigene Melodie vor. Aber es ist die der narkotisierenden Wiederholung, die sich als Emotion geriert. Ähnliches gilt auch für die sich politisch gebende Pop-Musik. No One Here Gets Out Alive!

Doch ist das, was solche wie Farid Bang oder Kollegah machen, nur die Spitze des Eisberges, denn viel interessanter ist das, was auf der Straße abgeht, in der tatsächlichen Szene, die eigentlich nur noch den Spezialisten, den hartgesottenen Fans bekannt ist. Nicht anders als bei jeder anderen Jugendkulturen auch, etwa beim Punk. Damals Anfang der 80er gehörten mit ZK und dann schon etwas populärer mit der Opelgang-Platte solche wie die Toten Hosen dazu. Irgendwann dann sind sie oben angekommen und der Protest wurde zur Pose und zur Posse. Von Text und Musik her unterscheiden sich die Toten Hosen in nichts von Frei.Wild – zumindest wenn man es formal nimmt.

Aber genauso gibt es heute noch kleine, so gut wie unbekannte Bands, die aus dem Geist der Rebellion oder einfach aus Freude an Musik und einer Subkultur ihre Sache machen. Von wenigen gehört nur, die Sache spielt sich auf lokaler Ebene ab. Von solchen subtilen, aber auch von den arrivierten Szenarien der populären Musik, die uns als Ausdruck von Jugendkultur spätestens nach dem Ende des zweiten Weltkriegs begleitet, schreibt Diedrich Diederichsen in seinem lesenswerten Buch „Über Pop-Musik“. Auf eine kluge und dialektische Weise vertieft er sich in diese Phänomene. Ich rate unbedingt zu Diederichsens Buch. Nach der Lektüre sieht man manches vielleicht unter einer anderen Optik. Und es sichtet dieses Buch, obwohl Diederichsen ein Freund des der populären Musik ist, durchaus kritisch dieses Phänomen Pop. Adornos Ausführungen zur Kulturindustrie werden einerseits ernst genommen und nicht in der üblichen undialektischen und simplen Art als Kulturpessimismus der alten Onkels denunziert, aber doch erkennt Diederichsen auch den ästhetischen Eigenwert von Pop an: Von dem rebellischen Geist bis hin zum Ausdrucksmedium einer Jugend, die viel Zeit hat, sich mit sich selbst und mit der Welt zu beschäftigen. Was nicht selbstverständlich ist, zum ersten Mal eigentlich in der Geschichte der Menschheit.

Der Geist der Rebellion aus dem Kinderzimmer, wie Diedrichsen schreibt, und eine Industrie, die weiß, daß dieser Geist, in Flaschen gefüllt, sich gut verkauft. Und Jugendliche, die dem entrinnen wollen, indem sie weiter auf ihre Abschottung setzen. Tocotronic widmen diesem Protestregress mit ihrem Roten Album vor zwei Jahren eine ganze Schallplatte.

Provokation also als ein Mittel, um die Ressource Aufmerksamkeit, die den nötigen Abverkauf generiert. In dieser Weise kreist die Spirale. Und darin sind auch solche wie Kollegah, Bushido, Farin Bang zu verorten. Deren Antisemitismus ist nur der Ausdruck eines sowieso in der Gesellschaft gestreuten Vorbehalts gegen Juden. In der arabischen Communitiy insbesondere. Aber eben nicht nur dort. Man sagt, es hätten auch die Deutschen in der Vergangenheit erhebliche Problem mit dem Juden gehabt.

Was den politischen Protest im Pop betrifft, sein gesellschaftliches Moment und das Auslaufen des Pop als Subversionsmodell, da kann man ergänzend noch von Georg Seeßlen das gerade erschienene Buch Is this the End? Pop zwischen Befreiung und Unterdrückung lesen. Hier trifft sich, wie auch bei Diedrichsen, Popkritik mit Kunst- und Gesellschaftskritik. Während jededoch Diedrichsen das System Pop immanent analysiert, streift Seeßlen eher die politische Zone. Aber davon mehr ein andermal.

„Drei Kugeln auf Rudi Dutschke“ – Im Polizeihistorischen Museum Berlin

Daß eine Epoche Geschichte wurde, zeigt sich meist an den publizistischen Reaktionen, an den Büchern und den Artikeln, die zum Gedenktag auf den Markt kommen. Von sentimental bis politisch. Daß die Causa 68 historisch wurde, mag man auch daran sehen, wenn selbst die einst reaktionäre Springer-Presse, allen voran das mehr oder eher weniger intellektuelle Hausorgan Die Welt inzwischen geschmeidig reagiert, und schon vor Jahren bedauerte Bild-Boenisch, daß einige der „Artikel“ der „Zeitung“ wohl doch zu heftig ausgefallen waren und mit zur Eskalation beitrugen. Alles Frieden? Nein. Aber die Zeiten änderten sich und angesichts der weltpolitischen Wahnwitzes erscheinen die Geschichte von der Zeitchiffre 68 im Nachblick irgendwie doch gemütlich.

Wir begehen die Jahreszahl nostalgisch, im Rückblick abgewogen, als Anekdotensammlung, die Brisanz dieser Zeit verdichtet sich auf ein Bündel Erzählungen und ein paar Eckdaten, die den Kopffilm ablaufen lassen. Jeder hat irgendetwas beizutragen. Auch das trägt zur Entschärfung bei. Und in den TV-Dokus eh immer dieselben Bilder, dieselbe Musik: der unvermeidliche Streetfighting Man – mir schon von früh an verhaßt. Die heißen, wilden Jahre einer unbändigen Jugend. Doch die, die sich heute erinnern, sind inzwischen in Rente. Ein Aufbruch zu einem neuen Ufer. Damals. Aber der Ausbruch lag sowieso in der Luft und die Studenten griffen ihn bloß auf, ich schrieb dies in einer meiner letzten Kolumnen. Keineswegs initiierten die Studenten ihn. Daß Mann nicht mehr nur immer mit derselben pennt, wußten die jungen Männer schon in den frühen 60ern, ohne dazu in der K1 wohnen zu müssen, und geschickt umgingen die einander liebenden Paare den Kuppelparagraphen. Lange bevor „Ein Bett im Kornfeld“ geschrieben und gesungen wurde.

Jedoch verhalfen die Studenten und die protestierende Jugend diesem Aufbruch publizistisch und in den Aktionen zum Ausdruck. Brachten die Sache sozusagen nicht nur auf den Begriff, sondern ließen den Ausbruch konkret werden, trugen ihn sichtbar auf die Straßen, entfachten Debatten, forderten die intellektuellen Eliten heraus. Die APO etablierte sich. Heute ist sie im System angelangt, der Zeitgeist ist nach links gerutscht – selbst die Eliten haben sich in den Jahren modifiziert und der gediegene Konservatismus ist nur noch die Haltung einiger weniger Dinosaurier oder von Menschen, denen man abwertend gerne das Etikett skurril anhängt. Die neue APO findet heute von rechts statt – sieht man einmal von einer Minderheit hart links Denkender und Agierender ab, sie sich immer noch die Abschaffung dieses Systems auf die Fahnen schreiben. Die jedoch, die einst gegen das System rebellierten, sind darin inzwischen gut an- und untergekommen. Zumindest die meisten. Und wie damals die Linke die Spaltung und Polarisierung der Gesellschaft vorantreiben wollte, indem sie, wie Rudi Dutschke und andere die Konflikte zuspitzten und eskalierten, was dann Jürgen Habermas auf die Palme brachte: jene Studenten betrieben ein „Spiel mit dem Terror (mit faschististischen Implikationen)“. Diese radikale Opposition und die Zuspitzung betreiben heute die Rechten. Ironie der Geschichte auch hier und es bewahrheiteten sich die Äußerungen des liberalen Habermas am Ende doch. Man denke nur an Kubitscheks Publikumsrede bei der Tellkamp-Grünbein-Debatte, daß man die Lage polarisieren und den Riß in der Gesellschaft noch größer machen müsse.

Wesentlich für den Wandel im Tun und im Bewußtsein war vor allem die aufkommende Popular Music der 50er Jahre mit ihrem Negerjazz, dem Rock ’n’ Roll – all die Musik von Johnny Cash bis Bill Halley und Chuck Berry, die damals Sender wie AFN in die gute Stube trugen. Und die Teenager lauschten. Musik gab es aus dem Radio, von der Schallplatte oder beim Tanzabend in einem Club. Die Rolle der Medien und die Techniken zur Reproduktion, wie Platte und Tonband, kann man für das, was sich in dieser Zeit tat, nicht hoch genug veranschlagen: die Geburt der Revolte aus dem Geist der guten Stube. Und in diesem Sinne wurden dann auch wieder Brechts und Benjamins Medien- bzw. Radiotheorie interessant. Die Bedeutung von Benjamins wiederentdeckten Schriften durch die Studenten und seine Wirkungsgeschichte wäre eine Sache für sich und ein Buch, das zu recherchieren und zu schreiben wäre. Ebenso die Bedeutung des Films. Eine der revolutionär auftretenden Hochschulbünde im Vorfeld des SDS, zu dem auch Rudi Dutschke gehörte, nannte sich 1965 in Anlehnung an den ebenfalls 1965 gespielten Film von Louis Malle die „Viva-Maria-Gruppe“.

Zugleich ist mit dem Mythos aufzuräumen, daß da nur Studenten protestierten. Sondern genauso waren an dem Aufbruch Lehrlinge, Heimkinder und Schüler beteiligt, ganz normale Jugendliche, Aussteiger, aber genauso Akademiker, die anfangs keineswegs nur politisch links standen. Bertram Vesper, der Sohn des NS Schriftstellers Will Vesper, wäre zu nennen. Noch Anfang, Mitte der 60er Jahre bemühte er sich zusammen mit seiner eher bürgerlich-braven Lebensgefährtin Gudrun Ensslin darum, die Schriften seines Vaters Will Vesper, Antisemit bis zum Ende und anfangs Profiteur des Nazi-Regime, neu herauszugeben und ihn in dieser Weise auch ein Stück weit zu rehabilitieren. Trotz Antisemitismus, der ein wenig kaschiert wurde. Walter Jens blies in Tübingen dem armen Bernward den Marsch: nein, nicht ganz, er ermahnte ihn sanft. Riet aber auch weise den Vater vom Schriftsteller zu trennen.

Ebenso beteiligt an dieser neuen Zeit, wenn auch indirekt, waren die vielen Inaktiven, die vielleicht nicht an dem Demos teilnahmen, sich aber genauso die Haare vielleicht nicht lang, aber doch ein Stück länger wachsen ließen, die ihre Kinder anders als nach der schwarzen Pädagogik erzogen. Interessant wäre in diesem Sinne eine entsprechende Sozialgeschichte dieser Zeit zu lesen. Man könnte, was unsere Objektwelt anbelangt Bruno Preisendörfers Die Verwandlung der Dinge. Eine Zeitreise von 1950 bis morgen nehmen. Allein an den Berichten aus der Welt der Technik ahnen wir, was sich in diesen 50 Jahren wandelte. Ebenso lehrreich zu lesen ist immer noch, was das Politische und den Wunsch nach Tat betrifft, von Bommi Baumann Wie alles anfing. Baumann gehörte zur linksradikalen Szene West-Berlins. Oder Gerd Koenen Das rotes Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution. Eckdaten vom 2. Juni bis zu der Nacht in Stammheim.

Herausragende Begebenheiten dienen als Geschichtszeichen, ebenso aber sind dazu herausragende Köpfe erforderlich, um die herum sich Mythen bilden und erzählen lassen und die zugleich, wenn schon nicht Lokomotiven, so doch wenigsten die Triebwagen der Geschichte sind. Rudi Dutschke war ganz sicher kein Mann des Volkes, aber er besaß das Talent, mit seinen Reden und Worten Menschen zu mobilisieren und eine Theorie zwar nicht griffig, aber einprägsam zu formulieren, so daß die Zuhörer dachten, da brächte jemand die Fragen der Zeit auf den politischen Begriff. Führungsmythos ohne Führer. Zugleich war er das geliebte Haßobjekt nicht nur der Springerpresse. Am 11. April 1968 eskalierte die Lage und Dutschke wurde von einem Jungfaschisten namens Josef Bachmann keine 50 Meter entfernt vom Gebäude des SDS niedergeschossen. Kurfürstendamm 142. Dutschke starb 1979 im dänischen Arhus an den Spätfolgen der Verletzung. Ich will hier keine Dutschke-Eloge oder eine Analyse schreiben – darauf bin ich nicht vorbereitet und es ist bei mir am Thema vorbei. Ich glaube, zuletzt habe ich mich Mitte der 80er mit Dutschke befaßt, und zum Abschied, zur Abiturfeier bekam ich von meinem Tutoriumslehrer Mein langer Marsch. Rede, Schriften und Tagebücher aus 20 Jahren geschenkt. Dennoch: unerwähnt sollte dieser versuchte und am Ende ja auch geglückte Mord nicht bleiben. Der Täter Bachmann nahm sich 1970 in der Haft das Leben.

Im Polizeihistorischen Museum am Platz der Luftbrücke in Berlin sind nun Objekte und Photographien jener Jahre zu sehen – unter anderem auch die drei Kugeln, die im Körper Dutschkes steckten, eines der drei Projektile stark deformiert, und eine vierte Kugel, die ihr Ziel verfehlte. Darunter plaziert vergilbte Zettel, Schreibmaschinenschrift. Weiterhin sehen wir in verschiedenen Vitrinen Dokumente, Polizeiprotokolle, Lageskizzen, Flugblätter und Protestaufrufe der Studenten. Nichts ist aufbereitet oder kommentiert, sondern die Dokumente stehen bezugslos da. Dennoch ist die Schau, auch wegen der übrigen Polizeiobjekte sehenswert. Es ist, wenn man die Räume im Untergeschoß betritt, eine Zeitreise und das nicht nur wegen der Polizeigeschichte vom Beginn des 19. Jahrhunderts an, sondern auch durch die seltsame, angestaubte Atmosphäre in den drei Schauräumen. Diese Gruft hat fast schon etwas Sympathisches und wenn nicht das, so ist es doch grotesk.

In einer der Vitrinen sehen wir die seit 1945 bei der Polizei eingesetzten Schlagstöcke, wie sehen Dienstwaffen der Polizei-Ost wie der Polizei-West. Und wie um zeitgeistgemäß und irgendwie gendergerecht auch den Protest der Frauen zu Wort kommen zu lassen, der eigentlich mit dem Dutschke-Mord nicht viel zu tun hat, liegen da in einer weiteren Vitrine drei Tomaten und dazu der Hinweis auf die SDS-Aktion des Weiberrates am 13. September in Frankfurt, wo es den männlichen linken Eminenzen an ihre Schwänze ging. Es darf auch geworfen werden.

Interessant auch die von Arwed Messmer unter dem Titel 1966-1970 zusammengestellten Photos von den Demonstrationen dieser Zeit. Die Photos wurden von der Berliner Schutzpolizei gefertigt – vermutlich, um Akteure zu identifizieren. Die Zusammenstellung der Bilder allerdings ist eigenwillig bis willkürlich, die Kriterien der Zusammenschau nicht ganz ersichtlich, und es wird nicht deutlich, unter welcher Maßgabe die Polizei diese Photos schoß. Löst man aber die Sache aus dem politischen Rahmen, kann man den Photos als Dokumenten etwas abgewinnen. Gerade das Profane der Bilder, ihre ambitionierte Nicht-Ästhetik machen neugierig. Wir sehen Zeit-Bilder: Protest, Demoaufzüge, Polizeireiter, Straßenkämpfe, Steinhagel, verletzte Polizisten, verhaftete Demonstranten, Passanten, die zusehen, Polizisten, die ihre Knüppel schwingen oder nonchalant in Habachtstellung hinter ihrem Rücken halten.

Das Dokumentarische und Unkünstlerische der Photographien wird wiederum durch die Größe der beiden Bildbände gebrochen. Rund 50 x 30 cm messen die Bücher aufgeschlagen, und dieses Format, indem die Photos aufgeblasen werden, läßt sie anders erschienen, macht aus den Dokumenten etwas Künstlerisches, ästhetisiert und verklärt das Politische zum schönen Bild. Diese Photos sind genauso in einer feinen Galerie oder einer Wohnung gehängt, im hübschen Rahmen, denkbar. Vielleicht aber kann man im Rückblick diese Dinge nur unter der Optik der Kunst und der Ästhetik betrachten. „Sensationen des Gewöhnlichen“ gleichsam, die durch den Blick des Betrachters aus dem Abstand der Zeit heraus aufgeladen werden. Das Politische ist ästhetisch.

Die Schüsse auf Dutschke brachten, zusammen mit dem Mord an Benno Ohnesorg, den Einschnitt. Es wurde geschossen. Die Kugel kam nicht nur aus dem Lauf der Bachmann-Pistole. Und so brachen die bisher schwersten Unruhen, die unter dem Titel Osterkrawalle firmierten, aus, die Lieferung von Springers Zeitungen wurde verhindert, es brannten die Lieferfahrzeuge. Protest wandelte sich in Wut. Ulrike Meinhof, damals noch Journalistin, beschrieb, wie sie an den Protesten teilnahm. Lang ist all das her, es taugt für Anekdoten und für die Arbeit der Historiker. Der Kapitalismus ist zwar kein ganz anderer geworden, oder wenn, dann nur graduell im neoliberalen Exzeß, wohl aber änderten sich die Menschen. Treppenwitz oder Ironie der Geschichte: Heute heißt die Straße, an der das Berliner Springerhaus liegt, nicht mehr Koch-, sondern Rudi-Dutschke-Straße, ein paar hundert Meter weiter westlich hat auch die ehemals alternative taz ihre Redaktion. Und schallte es damals noch von der Straße her „Enteignet Springer!“, so möchte man heute manchmal rufen „Enteignet Belehrungs-taz!“. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

Die Photographien entstammen dem Polizeihistorischen Museum Berlin. Die Bilder von den Protesten dem oben im Text genannten Bildband von  Arwed Messmer.

Menschen in der Revolte: Burn, Warehouse burn!

Söhnlein, Ensslin, Baader, Proll: Subversion und Protest

„Das Warenhaus ist der letzte Strich des Flaneurs.“
(Walter Benjamin, Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts)

„Illusionär ist, Schreiben als etwas anderes anzusehen als den Versuch zur extremen Individualisierung. Das gilt unabhängig vom Thema, es gilt also auch für das politische Thema, an dem sich der Autor – scheinbar über sich hinausgehend – ‚engagiert‘.“
(Karl Heinz Bohrer, Die gefährdete Phantasie, oder Surrealismus und Terror)

Bohrer schrieb diesen Part im März 1968 unter dem Titel „Revolution als Metapher“. Was also von der Überschrift her ganz unmittelbar bereits auf einen Akt der Sprache wie auch der Kunst deutete und zugleich eine Provokation für die Engagierten bedeutete, denn die Revolutionäre verstanden ihre Aktionen keineswegs als Metaphern, sondern ganz real sollte der Kampf in die Metropolen des Westens getragen werden.

Allerdings kommen nicht nur in der Kunst Metaphern zum Einsatz, diese Gewißheit zumindest werden all jene in sich tragen, die ein wenig sich mit politischer Ikonographie befassen. Carl Schmitts Seeschäumer und Landtreter im Kampf um Räume sind da ein Beispiel. Metaphern können insofern genauso politisch sich gestalten, sogar bis in die Bildtheorie hinein. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. 1972 – das Mädchen aus dem vietnamesischen Dorf, das auf der Illustrierten-Seite nackt vor einem Napalm-Angriff floh, keiner wußte ihren Namen: Phan Thi Kim Phuc, alle aber kannten dieses eine Bild, das exemplarisch für den Krieg in Vietnam und seine Unbarmherzigkeit stand, mit der ihn die USA führte. Nackt, weinend, rennend, die Furcht ihr ins Gesicht geschrieben und mit nichts als ihrer Haut bedeckt, der Blick auf die Scheide des Kindes. Unschuldig, unbehaust, voller Angst. Trostloser kann eine Nation keinen Krieg verlieren. Die einstigen Befreier von Nazideutschland erwiesen sich als doch irgendwie auch problematisch. Ein Bild, pars pro toto.

Auch ein Warenhaus ist eine solche Metapher. Oder genauer gesagt ein Gebäude, eine Möglichkeit, ein Ort, der Dinge versammelt, die nicht einfach nur gemachte, schöne oder nützliche Dinge sind, sondern Dinge, die wir uns kaufen. Und damit auch ihre Nützlichkeit, ihre Schönheit, ihr Gemachtsein durch andere. Objekte, die sich durch Geld erwerben lassen. Ich will an dieser Stelle nicht Marxens Wert- und Warentheorie wiederholen. Es geht mir vielmehr um die Bilder und Ideen, die sich ans Warenhaus knüpfen – so wie schon Walter Benjamin die Vorläufer der Warenhäuser, die Pariser Passagen, ins Philosophieren versetzten.

Der Weg von der Warenwelt bis zu ihrem Inferno ist so vertrackt wie steinig. Der Weg von der Imago der Ware insbesondere im 20. Jahrhundert, ihrem Fetischcharakter, den Phantasmagorien der Warenwelt, die Walter Benjamin fürs 19. Jahrhundert nicht nur in seinem Fragment gebliebenen Passagenwerk illuminierte, den Revolutionstheorien, den Traumtänzen und den subversiven Aktionen, die mit dem Kaufhausbrand im April 1968 als eine Art gesteigerter Kunst begannen und im Terror mit unzähligen Toten und in der Nacht in Stammheim endeten: waren das mit Notwendigkeit zu gehende Wege, den die vier beschritten? Hatte es in dieser Geschichte genau so kommen müssen oder wären auch andere Möglichkeiten denkbar? Horst Söhnlein und Thorwald Proll gingen andere Wege, das Liebespaar Ensslin und Baader entschied sich für den Kampf. Aus Zwang heraus, weil nichts anderes blieb, oder aus freien Stücken. Schwer zu sagen. Der Möglichkeitssinn ist in solchen Fragen eher ein ästhetisches Spiel mit der Revolte sowie der Politik. Mich hat diese Haltung damals mit 16 beeindruckt. Daß dieser Staat niemals durch Wahlen verschwinden würde, war mir früh klar. Nicht ganz klar war dem jungen Mann, daß sich gesellschaftliche Veränderungen eher evolutionär ergaben, sofern keine revolutionäre Klasse oder kein Subjekt der Revolution zur Verfügung stand. Und selbst da wurde es problematisch, wenn man an Länder wie Kuba, Vietnam, Nicaragua dachte: Revolutionen fressen bekanntlich ihre Kinder.

Die am Ende bewaffnete deutsche proletarische Revolution aus dem Geist der Studentenbewegung begann mit einem Happening, einem bisher so nicht dagewesenen Zeichen, kein Geschichtszeichen zwar, aber doch ein deutliches Statement zur politischen Lage. Eine Aktion, eine Reaktion – konkret eben. In Vietnam brannten die Kinder, die Frauen, die Dörfer, die Männer, die Palmen, den Dschungel entlaubten sie mit Agent Orange, wir erinnern uns ans Massaker von My Lai am 16. März 1968, knapp drei Wochen vor dem Kaufhausbrand. Hier in Frankfurt brannten nur die Waren, keine Menschen. Doch Aufregung wie Überraschung waren groß. Die Studentenunruhen schienen zu eskalieren. Um wieviel erträglicher und entspannter nahmen die Bundesbürger vor ihren frisch erworbenen Fernsehgeräten die Opfer in Vietnam. Das ist heute nicht anders als damals. Aber all das, diese Stufen der Gewalt und ihre Eskalation rechtfertigen nichts. Sie zeigen aber, wie Geschichte läuft und das manche Begebenheit und manches Leben, wie schon Kleist 1801 in einem Brief an Brief an Karoline von Schlieben wußte, am Schrei eines Esels hängt. In der Bundesrepublik wurde das Farbfernsehen am 25. August 1967 um 10:57 Uhr auf der 25. Großen Deutschen Funk-Ausstellung in West-Berlin eingeführt – vom damaligen Vizekanzler und ehemaligem Bürgermeister von Berlin Willy Brandt. Man konnte also die Haut wie auch die Tarnfarben der Jeeps, Uniformen und Hubschrauber und genauso das Jacket von Peter Frankenfeld nun auch in Farbe sehen.

Ja, ja, nein, nein – bei jener Aktion von Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein ist einerseits nichts zu beschönigen. Profis jedoch waren sie ganz sicher nicht und geniale Dilettanten ebensowenig. Aber dennoch speiste sich – andererseits – diese revoltierende Tathandlung wesentlich auch aus jenem Kunstgeist von „Spur“ und „Subversiver Aktion“ in den frühen 60er Jahren in München; und ebenso im Sinne der Situationistischen Internationale. Überspitzt gesagt: Die Revolution begann als ein Kunsthappening, vielleicht ein wenig auch als Spiel aus Übermut und Wut: Etwas mußte nun geschehen. Nur das hier eine Grenze überschritten wurde, die keine Kunst bisher überschritt. Das Als-ob, der Illusions- und Spielcharakter der Kunst nämlich. Dennoch war auch diese Brandstiftung, zumindest für mich damals in den frühen 80er Jahren, als ich mich mit der RAF befaßte, ein Akt der Phantasie, ein Form der Kunst. Allein vom Dilettantismus, mit dem die Akteure das ausführten. Läppische Perücken und Verkleidungen, so daß die Täter einen Tag später schon festgenommen werden konnten. Nach einem anonymen Hinweis. Dieses Unbeholfene bei gleichzeitigem Aufruhr und Widerstand gegen dieses System hatte mich an diesem wilden und vollkommen unorganisierten, dilettantischen Anfang interessiert. Als sozusagen ästhetisches Projekt.

Allein die Bilder von Baader und Ensslin nach ihrer Flucht aus Paris: Sahen die nicht eher aus, wie ein französischer Film mit Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg – nur daß die Seberg diesmal auf der Seite der Wilden stand? Das waren Gedanken, die ich Mitte der 80er Jahre hegte, lange bevor es modisch wurde, irgendwie einem Prada-Meinhof-Schick in Ausstellungen zu huldigen und diese Revolte der Wenigen als Photokunst zu sehen. Natürlich – Mythos RAF: er lebt von den Bildern und von den Geschichten. Das war mir schon damals Anfang der 80er klar, als die Lage in der BRD noch sehr viel ernster war. Mein Photographieren auf Demos war nicht nur ein politischer, sondern auch ein ästhetischer Akt.

Die vier Brandstifter bezogen sich auf ein konkretes Objekt, an dem sie ihre Theorie ausprobierten und praktisch werden ließen. Diesen Bezug zur Realität besaßen auch die Surrealisten. André Breton meinte es nicht bloß als Spaß, wenn er in Anlehnung an die russischen Anarcho-Nihilisten im zweiten Surrealistischen Manifest postulierte:

„Die einfachste surrealistische Handlung besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings soviel wie möglich in die Menge zu schießen. Wer nicht wenigstens einmal im Leben Lust gehabt hat, auf diese Weise mit dem derzeit bestehenden elenden Prinzip der Erniedrigung und Verdummung aufzuräumen, der gehört eindeutig selbst in diese Menge und hat den Wanst ständig in Schußhöhe.“

Die RAF ging nie so weit, blind in die Menge zu feuern. Sie wollte keinen Krieg gegen das Volk. Anders als die islamischen Attentäter, die wahrscheinlich niemals dieses zweite Surrealistische Manifest aus dem Jahr 1930 gelesen hatten, aber doch insgeheim und ohne jedes Bewußtsein in dessen Geist des Aufruhrs handelten. Nur daß diese Antibürgerlichkeit, der Haß auf diese okzidentale Gesellschaft die Kunst inzwischen restlos verlassen hatte und an die Peripherie des Westens gewandert war, wo sie dann mit den Migrantenströmen aus ehemaligen Kolonialgebieten wieder ins Herz des Westens stieß, bis nach Paris, Nizza oder Marseille.

Der Abgesang der RAF war freilich ein anderer, eine Art (revolutions)metaphysische Ewigkeitserklärung, durch und durch, fast im Geist hegelscher Wesenslogik konzipiert, einerseits, und von der Sprecherposition Fichtes Tathandlung andererseits, denn wie es in der letzten Erklärung der RAF vom März 1998 hieß:

„Die Revolution sagt:
ich war
ich bin
ich werde sein“

Ein sich perpetuierendes Prinzip. Das kann man als (benjaminschen) „Traumkitsch“ nehmen oder aber als Möglichkeitssinn. Das ist, trotz des Charakters eines politischen Flugblattes eine durchaus poetische Sprache, eine Form des ästhetischen Ausdrucks, die sich zum Teil auch in der Härte der Gefängniskassiber und der RAF-Erklärungen findet. Die sprachpoetischen Parallelen zu dem Manifest „Der kommende Aufstand“ wären interessant zu untersuchen. Mich interessieren diese RAF-Schriften aus dem Geist der Kunst, dem Geist des Surrealismus heraus, der im Unterschied zum Dadaismus sehr viel politischer in einem ganz unmittelbar genommenen Sinne revolutionär gesonnen war, um eine bestehende Gesellschaft zu kippen. Ob solcher Aufruhr real allerdings zum Gewünschten führt: auch daran zweifelte der Ästhetiker im Grandhotel Abgrund schon damals und wußte sich eher auf der Seite Adornos und Horkheimers.

Vor 50 Jahren brannte als eine Art Fanal, als Zeichen, als Bild und Metapher ein Kaufhaus in Frankfurt. Eines von diesen inzwischen altmodischen Gebäuden, mit Rolltreppen und Aufzügen vermutlich, worin noch ein Fahrstuhlführer die Etagen und die Waren ansagte. Alles automatisch: Rollentreppen und Aufzüge die die Besucher, nein, Käufer anfangs staunend befuhren und irgendwann dann, nach dem verlorenen Krieg doch wieder wie selbstverständlich und als ob es nie anders gewesen wäre.

„Alle diese Produkte sind im Begriff, sich als Ware auf den Markt zu begeben. Aber sie zögern noch auf der Schwelle. Dieser Epoche entstammen die Passagen und Interieurs, die Ausstellungshallen und Panoramen. Sie sind Rückstände einer Traumwelt. Die Verwertung der Traumelemente beim Erwachen ist der Schulfall des dialektischen Denkens. Daher ist das dialektische Denken das Organ des geschichtlichen Aufwachens. Jede Epoche träumt ja nicht nur die nächste sondern träumend drängt sie auf das Erwachen hin. Sie trägt ihr Ende in sich und entfaltet es – wie schon Hegel erkannt hat – mit List. Mit der Erschütterung der Warenwirtschaft beginnen wir, die Monumente der Bourgeoisie als Ruinen zu erkennen noch ehe sie zerfallen sind.“ (Walter Benjamin: Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts, in: Passagen-Werk)

Warehouse – das kann man passend zum Krieg in Vietnam mit den verbrannten Menschen, mit Körpern, die im Napalm verglühten, eben auch als War-House, als das Schlachthaus lesen. Kurt Vonneguts Roman Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug kommt mir in den Kopf. Auch im Sinne des Fiktionsmodus einer surrealen Phantasie, die im Kontext RAF dann – also nicht der Dresden bombardierenden Royal Airforce diesmal, sondern der Roten Armee Fraktion – als Aufbruch und Ausbruch plötzlich losging. Das Verhängnis ging immer weiter, auch wenn die Ursachen und die Gründe ganz und gar unterschiedliche waren. US-Amerikaner oder Europäer, die so sehr auf die westlichen Wert pochen, wenn sie mit erhobenem Finger auf Diktatoren oder auf autoritäre Regierungen wie in China oder in Rußland zeigen, sollten sich ihrer eigenen Geschichte gut besinnen. [Und beim Tonkin-Zwischenfall denke ich auch ein wenig an Großbritannien und das britische oder russische oder das von sonstwo her stammende Gift. Aber das ist wieder ein anderes Thema.]

Das, was vor 50 Jahren in Frankfurt begann, endete zwar nicht in Stuttgart-Stammheim, aber dort hatten zwei der vier Protagonisten ihr Finale. Man fand sie am 18. Oktober tot in ihren Zellen. Man betrachte sich zu diesen Stammheim-Szenen im Knast – die RAF bezog übrigens ein wesentliches Potential und viele ihrer Mitstreiter aus dem Gefangenenmythos, aus Aktionen rund um die Gefangenen: von Hungerstreik bis Befreiung – man besehe sich also jene Stammheim-Bilder des Photographen Andreas Magdanz in dem Bildband Stuttgart Stammheim. Und sie weben am Mythos, allerdings mit dem Sezierbesteck des photographischen Blickes. Mit all den Spielen in Gedanken, die Bilder auslösen können, wenn ich die Kälte des Traktes mir anschaue, der genauso woanders sein könnte.

„Chaque epoque rêve la suivante.“
(Michelet: Avenir! Avenir!, zit nach: Walter Benjamin, Passagenwerk)

Die erste und die dritte Photographie stammen aus dem Bild Stuttgart Stammheim von Andreas Magdanz, erschienen bei Hatje Cantz.

Biographisch markiert – Heinz Bude „Adorno für Ruinenkinder“

Das klingt im Buchtitel verheißungsvoll, zumindest für Adorniten, für Bewohner des Grandhotel Abgrund und auch für Leute jener Generation, die Adorno in Frankfurt in den Vorlesungen erlebten, um dort dialektisches Philosophieren im Sinne der Kritischen Theorie zu lernen. In Romanform ist dieser Adornobezug übrigens schön nachzulesen in Gisela von Wysockis feinem Buch „Wiesengrund“ – eine herrliche Lektüre, ein kluges Buch, das ich jedem ans Herz lege. Adorno für Ruinenkinder also, aber das führt zugleich in die Irre, denn es handelt sich bei Heinz Budes Buch keineswegs um eine subtilen Einführung ins Denken Adornos, sondern Bude bieten anhand von fünf unterschiedlichen Menschen einen Rückblick auf jene 60er Jahre, wie sich die Sache aus dem Abstand heraus perspektiviert, Frauen und Männer, darunter auch Peter Gente, der inzwischen verstorbene, ehemalige Verleger und Gründer des Merve Verlags. Ihn kennen wir bereits aus Philipp Felschs Der lange Sommer der Theorie. (Rezension hier.) Oder Klaus Bregenz, der bei Adorno am Institut studierte, für die politische Ökonomie zuständig war und eines der wenigen Arbeiterkinder. Oder Adelheit Guttmann, Radiofrau mit feministischem Einschlag der 68er: Tomatenwurf auf der Delegiertenkonferenz des SDS 1968 in Frankfurt.

„68 hießt nicht, das Ganze zu begreifen oder die Welt zu ändern, sondern seinem Sehnen nach Weite (…) Ausdruck zu verleihen. 68 ist nicht Weltveränderung, sondern Selbstveränderung. (…) In dieser Version von 1968 sind die Doors wichtiger als Adorno.“

Budes Buch ist, wie er selber schreibt, ein Remix seiner Untersuchung Das Altern einer Generation aus dem Jahr 1995, es ist insofern ein schmales Buch, weil es komprimiert die Bezüge zusammenfaßt, und es bietet uns in kompakter Form verschiedene Geschichten und Perspektiven. Es liest sich schnell, es ist unterhaltsam – im Grunde ein längeres Zeit-Dossier. Ob ich es empfehlen kann? Wer sich für diese Epoche im Detail interessiert, wird hier nette Geschichten finden. Großartige Neuentdeckungen sind jedoch nicht zu erwarten. Es ist also eher ein Buch für nebenbei und aufs Jubiläum hin konzipiert. Aber das macht im Grunde nichts, denn das Buch ist unterhaltsam. Wer allerdings etwas über jene wilde Zeit der Theorien lesen will, ist mit Felschs Buch besser bedient. Wer sich an einem oder an zwei Abenden auf dem Ohrensessel mit dem guten und lange gelagerten Rotwein anregen lassen oder wer schwelgen, rückblicken oder sich erinnern will, wie das mal war, kann zu Bude greifen. Ich liefere ein paar Perlen aus dem Buch:

„Wenn im Morgengrauen in der Adalbertstraße der Blick auf die Mauer am Ende der Sackgasse fiel, erschien die Dialektik, nach der immer und überall der Widerspruch die Dinge nach vorne bringt, mit einem Mal als eine Neurose des Geistes.“

So Peter Gentes über seine Zeit in Berlin-Kreuzberg, und solche verdichtete Szene beschreibt sicherlich ganz schön diesen Aufbruch in die 80er Jahre, weg von 68, und das ist natürlich melancholisch-kitschig-schön. Tempi passati. Weg vom Elend der Theorie oder wie es in anderem Kontext Botho Strauß schrieb, daß ohne Dialektik der Mensch auf Anhieb dümmer denke, aber es müsse sein: ohne sie. Doch dieses Zitat wird meist unvollständig wiedergegeben und erhält durch das, was davor kommt, einen anderen Bezug – auch im Sinne von Budes Essay:

„Heimat kommt auf (die doch keine Bleibe war), wenn ich in den ‚Minima Moralia‘ wieder lese. Wie gewissenhaft und prunkend gedacht wurde, noch zu meiner Zeit! Es ist, als seine seither mehrere Generationen vergangen.
(Ohne Dialektik denken wir auf Anhieb dümmer, aber es muß sein: ohne sie!)“
(Botho Strauß, Paare, Passanten)

Dieses tiefe Denken, ein Denken der Kritik, in dialektischen Figuren der Aufhebung wurde mit dem Poststrukturalismus transformiert. Diese Haltung verkörpert auch das Zitat zum Aufbruch Ende der 70er:

„Der Punk brachte den Riss auf den Punkt. ‚No future!’‘war weder als geschichtsphilosophische Trauer noch als gesellschaftliche Anklage gemeint. Es ging um die Behauptung einer Gegenwart, in der sich die Frage des Daseins stellte.“

Ganz der Augenblick also, Lust des Moments, woraus sich dann später in de Hochzeit der Postmoderne der späten 80er, in seiner Trivialform eine Art Ästhetik der Existenz ableitete, die freilich mit Foucaults Denken nicht viel mehr gemeinsam hatte. Was alle in diesem Buch beschriebenen Charaktere eint: Theorie war ein Weg heraus. Heraus aus dem Mief, heraus aus der restaurativen Phase, um Gesellschaft und ihre Mechanismen zu begreifen und vor alle mit kritischem, wenn nicht argwöhnischem Blick zu begleiten. Und Adorno war ihnen ein Wegbegleiter aus dieser Hölle, der Hölle einer Immanenz, einer deformierten Gesellschaft und die Hölle waren natürlich die anderen. Es ging ihnen mit Adorno wie in der Oper, heißt es in dem Buch, man verstand zwar nicht viel, konnte aber alle Passagen mitsingen.

„Über dieses rätselhafte Eigenleben der Gesellschaft konnte man sich in heiligen Büchern informieren. In Adornos Mimima Moralia zum Beispiel, das man als Brevier des Überlebens in Zeiten des Erfahrungshungers mit sich tragen konnte, oder in Lukács‘ Geschichte und Klassenbewußtsein, …“

Theorie als Rüstzeug und ein wenig auch, zumindest im Keim angelegt: Theorie als Pop, als Habitus, den man sich qua bestimmter Autorennamen zulegte. Was dann im Poststrukturalismus, der im Gente-Kapitel angerissen wird, voll ausgefahren wird. Theoriegeladene Nächte und Hedonismus, Punk und Foucault. Solche Aspekte streift das Buch auf eine anekdotenhafte Weise, vermittelt über die unterschiedlichen Biographien.

„Die Gummizäune der liberalen Presse“, so Bregenz, „und die legenden des Kalten Kriegs stabilisierten eine Gesellschaft ohne seelische Zukunft, die zwanghaft darauf bedacht war, dass die historischen Kompromisse der Nachkriegszeit nicht gefährdet wurden. Aber die ‚Risse in der Mauer‘ waren nicht zu übersehen.“

Geschichte ist auch ein Projekt der Generationen. Insofern nimmt Bude am Ende seines Buches ebenso die Enkel der 68er in den Blick. Von einem neuen 68 sei die Rede, so Bude. „Dieses akademisch gebildete Linkssein hat jedoch wenig mit Befreiung und viel mit Gerechtigkeit zu tun.“ Die Minderheit einer Minderheit wurde plötzlich als relevant entdeckt, was sich dann bis hin zu grotesken Detaildebatten aufsplitterte. So hat jede Generation ihr Dogma. Aber es gab noch andere Unterschiede zwischen den alten 68ern und einer neuen kulturalistischen Linken:

„Für sie findet zweitens die politische Willensbildung vor allem im Netz statt. Sie sind damit aufgewachsen, dass ein Tweet, ein Posting oder ein Snapshot eine Bewegung in Gang setzen kann, die plötzlich exponentiell wächst und zu ganz realen Aktionen auf Plätzen, bei Festivals oder um die Ecke führt.“

Wobei Bude hier unterschlägt, daß daraus genauso das Verhängnis der Shitstorms und der unreflektierten Bezugnahme aller auf alles erwuchs. Damit einher ging die Entropie von Bedeutung. Aber dieser Aspekt der Beschleunigung ist ein anderes Thema. Zu recht allerdings weist Bude auf die absurden Auswüchse einer Kultur hin, die sich in Triggerwarnungen, victimhood-culture, safer spaces für Heulsusen (ist meine Wortwahl nicht die Budes) und einer Karikatur von critical whiteness in moralischer Überheblichkeit eingeigelt hat. Mit Jonny Thunders kann man diesen Gestalten nur zurufen: „Born to lose“. Mehr Punk, mehr Politische Ökonomie, mehr Kunst, weniger Moralspackotum

„Bei diesen Enkeln der 68er handelt es sich offenbar um eine Generation von rigoroser Empfindlichkeit, medialer Versiertheit und affektiver Mobilisierbarkeit“

Von der Kritik des falschen Lebens im Falschen geht es zur Gesinnungspolizei, die das richtige Leben im falschen installieren will. Mochte es schon bei Adorno auf Unverständnis gestoßen sein, wenn man seine Texte als Parolen auf Universitätswände schrieb, so haben wir bei jenen Neu-Puritanern eine Wendung, die kaum noch etwas mit einem ursprünglichen Sinn von Linkssein zu tun hat, wie ihn die 68er verstanden. Auch darauf deutet Budes Buch knapp. Auch hier wieder tritt jener Aspekt auf – Bude spricht leider nicht darüber, sondern deutet es allenfalls implizit an –, weshalb linkes Denken sich vielfach marginalisiert hat und eine Angelegenheit für Minderheiten wurde. Partialgruppen, die Partialinteressen vertreten, was nicht per se falsch ist, dabei aber das Ganze und gesellschaftliche Mechanismen zunehmend aus den Augen verlierenend. Mehr Hegel, mehr Marx, mehr Derrida – den vor allem textimmanent gelesen und nicht zum Gewährsmann aufgeplustert – täte in diesem Falle gut. Aber das ist eine andere Sache und wird nur am Rande als Thema des Buches verhandelt.

Das ist ganz interessant und ein gutes Experiment: Bude läßt in einem fiktiven Spiel die Protagonisten auf diese neue, diese andere diese jetzige Zeit blicken. Wie sie diese neue Weise des Protests interpretierten:

„Peter Gente würde diesen neuen puritanischen Ernst, der nichts kostet, vermutlich lächerlich finden, Adelheit Guttmann würde die Bereitschaft vermissen, sich woandershin aufzumachen; Klaus Bregenz würde wohl mit Adorno einwenden, dass das sich selbst schützende Subjekt, das sich in absoluten Gegensatz zur Gesellschaft versteht, nur deren innerstes Prinzip zum Ausdruck bringt; …“

Schön ist die Aufmachung des Buches, sie erinnert, allerdings nur dezent, an die Bände der Bibliothek Suhrkamp, insbesondere an Adornos weiße Minima Moralia. Nur daß die schwarze Banderole bei Bude farbig ist – von Dunkelrot bis Orangensaftgelb.

Und so können wir zwar nicht diese Epoche, aber doch den Weg, den Bude mit uns Lesern schreitet, mit einem Zitat abschließen:

„68 dauerte, wie Peter Gente unmissverständlich darlegte, im Grunde nur einen Sommer lang. Die Vorgeschichte mag zwar um 1964 begonnen haben, aber 1972 oder, wenn man großzügiger ist und den Terror des Deutschen Herbstes dazunimmt, spätestens 1977 war die Geschichte vorbei.“

Die Zeiten mögen vorbei sein. Aber Geschichte dauert eben in ihren Deutungen. Adorno für Ruinenkinder mag in dieser Hinsicht kein besonderer theoretischer oder praktischer Wurf sein, und das Buch wirkt leider wie eine auf die Schnelle nochmal in der Zweitverwertung aufgerührte Speise, weil halt gerade Jubiläum ist. Aber als Anekdote dann doch auch wieder ganz nett lesbar. 1968 war, wie es Paul Veyne in dem Buch bemerkt, das letzte heiße revolutionäre Ereignis und die erste coole Revolution. Der Protest aus dem Geist des Pop eben, so möchte ich hinzufügen. Daß Adorno damit nicht viel anzufangen wußte, verwundert nicht.

Heinz Bude: Adorno für Ruinenkinder. Eine Geschichte von 1968, Carl Hanser Verlag, München 2018, ISBN 9783446259157, gebunden, 128 Seiten, 17,00 EUR

Achtundsechziger Geschichtszeichen (2). Bilderwelten: „Willst du wirklich immer Hippie bleiben?“

„Wer die rote Fahne schwingt, wird dadurch so wenig zum Proletarier wie zum Sadhu wird, wer ein Krishna-Poster an die Wand hängt.“ So formulierte es sardonisch der Rechtskonservative Caspar von Schrenck-Notzing. 68 ist ein Geschichtszeichen, ein Ereigniswort und ein Reizwort bis heute. Aber auch viel Mythos schwingt darin mit, was eben bedeutet: erzählte Geschichten, gestrickte Legenden, manch Tragisches. Manches auch voll Komik: „Wer zweimal mit derselben pennt …“. Man probierte und merkte, daß in dieser vermeintlichen Freiheit doch nicht alles so rund lief wie erträumt. Vorrecht der Jugend eben, Fehler zu machen. Rebels Without a Cause gab es zahlreiche und schon lange vorher, insofern ist dieser Aufstand kein Phänomen bloß der 68er, vielmehr knüpften sie an eine bereits bestehende rebellische Jugendkultur an und transformierten das ins Politische. Doch ihr Protest war zugleich auch Rock’n’Roll. Die USA-Dialektik will ich hier gar nicht aufmachen, weil sie falsch ist. Man kann natürlich die Politik eines Landes kritisieren und trotzdem von ihrer Kultur fasziniert sein. Gerade die der Musik. Weshalb zur Epoche 68 nicht nur eine Polit- und Gesellschaftsgeschichte gehört, sondern ebenso eine der Musik. Und sicherlich gab es in diesen Jahren eine sehr viel stärkere Kluft zwischen den Generationen als in den nachfolgenden Jahrzehnten. Wenn Vater wie auch Sohn beide „Feine Sahne Fischfilet“ hören, wenn Mutter und Tochter beide Tocotronic-Songs in ihrer Cloud haben, so hat sich was verändert.

In seinem neuen Buch nannte Heinz Bude diese Generation, die da antrat, die Welt zu ändern und nicht nur zu interpretieren, Ruinenkinder – in Anspielung auf einen Text von Rolf Dieter Brinkmann. Denn genau so wuchsen viele von dieser Generation auf, die in den 40er Jahren geboren wurden: entweder mitten im Krieg geboren, im zerbombten Deutschland, Kinder auf der Flucht, oder in den unmittelbaren Jahren nach dem zweiten Weltkrieg, in den Ruinen und in Trümmern spielend. Insofern ist das für diese Generation eine treffende Bezeichnung:

„Ruinenkinder, Bombensplitterkinder, ja, Todessplittereisen haben wir, jeder auf seine Art, gespielt, und die frühe Kulisse waren aufgerissene Straßen, abgedeckte Häuser, brennende Ruinen – lange her und in der ersten Zeit des Lebens, des Sehens, der Neugier, der ersten halbbewußten Wahrnehmungen versiegelt, eingeschlossen, nämlich was?: Trümmer, zerrissene Häuser, Betonbrocken, Brandphosphorbomben und blaue Narben am Körper eines Spielkameraden – …“ (Brinkmann, Rom, Blicke)

Brinkman wurde 1940 in Vechta geboren, im selben Jahr wie Rudi Dutschke, Uschi Glas im Jahr 1944, am 1. März, mancher kennt sie noch aus „Zur Sache Schätzchen“, von May Spils, ebenfalls aus dem Jahre 1968. Die Filmkomödie atmete viel von jenem unkonventionellen Geist dieser Jahre, ebenso aber jene legendäre Serie „Der Kommissar“ mit Erik Ode, die 1968 ihren Anfang nahm und 1975 endete. „Der Kommissar“ griff kongenial die Probleme und Fragen zur Zeit auf, in einer politisch oft trivialen, filmisch aber nicht ganz uninteressanten Form – in dramatischem schwarz/weiß zudem, wie die Bilderwelt dieser Zeit in der BRD meist war, herrliche Dialoge und teils eine avancierte Kameraführung.

„‚He, ich bin/im Krieg geboren‘“

So heißt es in einer Zeile in dem Gedicht „Westwärts, Teil 2“. Zwar spricht da ein lyrisches Ich, aber das ist auch so ein typischer Zug an Brinkmann und an jener Zeit um 68: daß da ästhetisch keine Differenz mehr zwischen einer Autobiographie, einer subjektiven (lyrischen) Impression und einer literarischen Fiktion eröffnet wird. Insofern bleibt es teils im vagen, ob es sich bei Brinkmann um eine Autorenrede handelt oder um eine (lyrische) Fiktion – zumindest wenn man das Schreibprinzip jener Jahre zuspitzt und auch die dokumentarischen und zugleich schnappschußhaften Photographien in „Westwärts 1&2“ mit berücksichtigt, ist das eine interpretatorische Möglichkeit. Brinkmanns „Rom, Blicke“ – ebenfalls mit Photographien angereichert sowie mit Bildern, Postkarten, Pornos – wie auch Bernward Vespers On-the-Road-Lebensbeschreibung „Die Reise“ sind wohl mit die ausdrucksstärksten Texte für jene Art der Literatur, die in den frühen Siebzigern unter der Rubrik „Neue Subjektivität“ firmierte und die viel mit jenen wilden Jahren zum Ausklang der 60er zu tun hat – vom Tod der Literatur, der in jenen Jahren ausgerufen wurde und der als Topos und Gestalt für eine neue Kunst die Runde machte, ganz zu schweigen; ein gescheitertes Konzept freilich, auf das ich ebenfalls noch zu sprechen kommen müßte. Vom Tod der Literatur zum Tod des Märchenprinzen ist es leider ein konsequenter Weg. Da es sich in dieser losen Serie aber um kein Buch handelt, müssen diese Fragen deshalb auch gar nicht so sehr systematisch angepackt werden, sondern ich händele diese Gedanken als eine Streuung.

Einiges von diesem Mythos 68 und von den gestrickten Legenden entzaubert Martin Stallmanns Medienstudie Die Erfindung von „1968“. Der studentische Protest im bundesdeutschen Fernsehen 1977-1998, letztes Jahr im Göttinger Wallstein Verlag erschienen. Und da es sich um eine Dissertation handelt, ist das Buch in den Belegen faktenreich und wenig spekulativ gehalten. Manch hübsches und gerne gepflegtes Vorurteil darf man nach der Lektüre getrost abbauen. Triebkraft etwa beim Wandel im Umgang mit dem 3. Reich waren nicht die primär die Studentenproteste, sondern vielmehr die bereits lange vorher stattfindenden „spektakulären NS-Prozesse zwischen 1958 und 1965, die Bundestagsdebatten um Verjährung von Mord und Totschlag in den Jahren 1960/61 und 1965 sowie die breite dazugehörige Medienberichterstattung.“ Präsent war das Thema also schon lange vor den Studentenunruhen. Die Studenten griffen freilich das, was als Geist der Zeit bereits in der Luft lag, auf und spitzten es zu. In diesem Sinne fungierten sie als Verstärker, aber es waren nicht die Studenten, die diese Debatte initiierten. Weiter heißt es bei Stallmann:

„Ihre schrille Rhetorik und Aufmerksamkeit erregende Protestaktionen verwiesen zwar auf die Kontinuitätslinie zwischen nationalsozialistischer Zeit in der Bundesrepublik, standen laut Wilfried Mausbach ‚einer angemessenen Aufarbeitung allerdings im Wege.‘ Gleichwohl haben sich Protestakteure der späten 1960er Jahre intensiv mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinandergesetzt und auch zur wissenschaftlichen Diskussion beigetragen. Dies geschah jedoch verstärkt in späteren Lebensphasen – vor allem ab den frühen 1980er Jahren.“

Stallmann untersucht das konkret an Dokumenten und kratzt damit an mancher Legende. Von einer „Erfindung von ‚1968‘ spricht Stallmann, weil es sich bei dieser „68er-Generation“ um eine narrated community handelt, also eine Angelegenheit, die sich ganz wesentlich durchs Erzählen und über mediale Vermittlung konstituiert. In diesem Kontext stellt Stallmann fest, daß sich der Begriff der 68er erst Ende der 70er Jahre herauskristallisierte und zudem mehr und mehr zu einem Generationsbegriff wurde. (Daß der Begriff 68er politisch sowieso ungenau ist, darauf deutete ich im letzten Teil der Serie: Denn der Protest begann weit früher und spätestens mit dem 2. Juni, dem Mord an Benno Ohnsorg lief er zum Höhepunkt auf. Im Grunde ist die Chiffre 68er eher schon ein melancholisches Verwehungszeichen.)

Was aber bewegt uns an dieser Zahl heute noch? Was den Betreiber dieses Blogs? Ich bin, von der Generation her kein 68er, viel zu spät geboren und selbst noch für den Anfang des Punk 1976 zu jung, um das angemessen zu begreifen, aber doch prägten uns diese 68-Leute, die da nach dem großen Aufbruch von den Universitäten an die Schulen und von den Fachschulen an die Kindergärten kamen. Die linken Lehrer mit ihren Ideen und Idealen, was sich bis in die 80er Jahren mit Anti-AKW-Protest und Protest gegen den Nato-Doppelbeschluß sowie Friedensbewegung manifestierte, ihrer legeren Kleidung, teils kluge Köpfe darunter, belesen und sprachlich brillant, genauso aber mancher Blender, es gab, zumindest für mich und ich denke, für einige andere auch, eine Freiheit im Lernen, wie sie vorher in dieser Form nur bedingt existierte. Da wurde in der Erziehung eine Tür geöffnet und es kam ein frischer Wind, der nötig war, bei mancher berechtigten Klage über den Formverfall von der Seite unserer konservativen Freunde. Aber wie wir Dialektiker wissen, setzt Form immer auch einen Inhalt voraus. Die bloße Form als Form bleibt leer und regrediert zum Fetisch. Das wissen viele der Rechtskonservativen nicht. (Ein guter Konservativer ist sich seines Hegels wohl bewußt. Aber da kommen wir in andere Gefilde und wir schreiben heute und hier nicht von der Ritter-Schule.)

Zugleich aber stellte sich mit diesem Wandel auch eine Kultur des unendlichen Auslaberns ein. Das Fehlen intellektueller Strenge. Aber all dies sind subjektive Aspekte, jeder aus der Generation der Mitte der 60er bis Mitte der 70er Geborenen erzählt eine andere Geschichte, hat eine andere Vita. Mit Kindergarten, Kinderladen und Schule, und man müßte genauso davon schreiben, wie diese Zeit in der DDR wahrgenommen wurde, was da anders oder ähnlich lief. Ich hatte das unendliche Glück auf ein linkes und zugleich liberales Gymnasium zu gehen. Ich würde gerne von diesen wunderbaren Jahren schreiben, die mir eine Entwicklung und eine Freigeistigkeit ermöglichten, die ich woanders womöglich nicht gefunden hätte. Aber wer kann schon hellsehen, was unter anderen Bedingungen, vielleicht im Strauß-Bayern, aus ihm geworden wäre? All das zumindest sind für uns, die wir in diesen Jahren geboren wurden, nolens volens und für jeden unterschiedlich, die unmittelbaren Nachwirkungen von 68. Einfache Thesen lassen sich daraus nicht ableiten. Und wir blicken inzwischen auf fünfzig Jahre zurück, sind nun in dem Alter, in dem damals noch nicht einmal unsere Lehrer waren, die nun alt oder auch schon tot sind. Dieses Denken hat insofern auch eine ästhetische und eine melancholische Perspektive, weil sie vom Vergehen der Zeit und von unserer Endlichkeit handelt. Deshalb sind solche Jubiläen und Gedenktage als eine Form des An-Denkens wichtig.

Heinz Bude schreibt in Adorno für Ruinenkinder (Rezension folgt im nächsten Teil) in bezug auf unsere individuelle Biographie und unser Verhältnis zu dem, was mal unsere rebellische oder unsere jugendliche Gegenwart war und was inzwischen die Vergangenheit ist:

„Weil wir aber mit unserem kontingenten Leben nicht allein dastehen wollen, suchen wir nach Resonanz bei den ungefähr Gleichaltrigen, bei denen wir ähnliche Bedingungen und Verläufe feststellen können. Für dieses ‚übertriebene Wir‘ der Generationen, wie Julia Kristeva in den Erinnerungen an ihr 68 formuliert hat, stellen sich in fortgeschrittenem Lebensalter mit einer gewissen Unabweislichkeit die Frage, was von uns bleibt und was mit uns verschwindet.“ (Bude, Ruinenkinder, S. 116)

1969 waren die Achtundsechziger vorbei. Die Träume der Revolution waren ausgeträumt, es begann mit den 70ern entweder ein langer Marsch durch die Institutionen, andere machten sich auf den Weg in den Exzeß der Innerlichkeit, auf nach Indien oder in die „Windungen des German Ableitungsmarxismus“. Andere fanden den Weg in den bewaffneten Untergrund, es folgte, mit Hölderlin gesprochen und wie dann 1981 ein Film Margarete von Trottas auch hieß, die „bleierne Zeit“. Andere wurden irre und nahmen Pillen, wie Bernward Vesper, in den 60er Jahren der Lebensgefährte von Gudrun Ensslin. Er starb 1971 in Hamburg. Ob die Chiffre 68 mit dem Deutschen Herbst ihre Unschuld verlor, bleibt dahingestellt, denn zu vielfältig waren die Aspekte, die mit jenen Jahren verbunden waren. Zumindest verdichtete sich diese Chiffre 68 in den medialen Diskursen der späten 70er Jahre zum Zeitzeichen, oft, vor dem Hintergrund der RAF-Angriffe auf den Staat, als Menetekel, im Kontext des Deutschen Herbstes, der für Skepsis sorgte. Stallmann schreibt auch darüber in seinem Buch. Die Toten der Nomenklatura: Buback, Ponto, Schleyer. Die Toten von Stammheim; Bader, Ensslin, Raspe. Die vielen nichtgenannten Toten: die Fahrer der Wagen, Polizisten, und Benno Ohnsorg sowie Rudi Dutschke, der 4. Dezember 1979 in Aarhus in der Badewanne starb – auch eine Nachwehe jener Protestzeit. Aber Tote kann man nicht aufrechnen.

Genauso begannen mit den frühen 70ern und als Nachklang zu den 60ern jedoch die ersten Umweltbewegungen, die Platzbesetzungen von AKW-Baustellen und neue Formen des sozialen Protests und der sozialen Bewegungen – bis hin zur Gründung der Grünen. Verwiesen sei hier auch auf die zahlreichen Archive für Soziale Bewegungen, wo diese Zeit dokumentiert ist – von dem Archiv in Freiburg bis hin zu dem in Hamburg. Lebenswelt gegen Systemrationalität. Aber spätestens 1976/77 als Punk aufkam und davor schon, als die ersten Autonomen die Black Blocks bildeten, war es mit jener Zeit im Grunde vorbei, die wir im Rückblick oft als seligen Mythos verklären – manchmal arkadisch – oder aber von rechter und konservativer Seite (teils) generalisierend fürs Böse der Welt verantwortlich machten. Jedoch: Eine neue Generation trat an und das geht in manchen Phasen nicht ohne Kampf ab. In diesem Sinne war der Protest von 68 auch ein Väter-Söhne-Konflikt um die Macht. Der Punk stellt auch diese nicht mehr ganz so junge Generation infrage und amüsierte sich über Hippies. Der Begriff wurde zum Schimpfwort. Die letzten Hippies, so könnte man bösen sagen, waren Crass- und Slime-Hörer.

Und 1980, meine Zeit, meine Politik, meine erste Demo überhaupt, und zur Bundestagswahl mit Strauß als Kanzlerkandidat erscholl es im schwarzen Block in Hamburg, im August 1980, ich sollte eigentlich zur ersten Tennisstunde: „Buback, Ponto Schleyer: der nächste ist ein Bayer!“ In Hamburg starb bei jener Anti-Strauß-Demo am 29. August 1980 Olaf Ritzmann. Ritzmann war mein Jahrgang, dennoch trennten uns Welten. Vielleicht trennte uns auch bloß eine Polizeikette, so daß ich abends wieder nach Hause trottete und mir eine Kamera für Photos wünschte, um all diese Szenen irgendwie festzuhalten.

„1968 war getilgt, die achtziger Jahre konnten mit Helmut Kohl und dem Poststrukturalismus beginnen“ schreibt Heinz Bude. Sein Buch Adorno für Ruinenkinder werde ich in der nächsten Woche hier vorstellen.

(Teil 1 der Serie hier)


 
 

 
 

 
 

Die Photographien zeigen nicht die Stoppt-Strauß-Demonstration, sondern eine Solidaritätskundgebung für El Salvador, mit robustem Polizeieinsatz. (Etwa 1981)