Die Tonspur zum Sonntag – Robert Walser: Le promeneur solitaire

Ein Essay, gelesen von W.G. Sebald aus „Logis in einem Landhaus“. Dazu ein ganz wunderbarer Bilderreigen, vor allem die Photographien zu den unterschiedlichen Altern von Walser sind aufschlußreich, samt Sebalds Kommentar dazu. (Besonderer Dank dafür geht an Mladen Gladić , durch den ich diese Trouvaille auftat.)

Ein großartiger und meisterhafter, hier auch noch gelesener Essay. (Hier passen diese Adjektive einmal, die ansonsten als Superlative des Bezeichnens eher die Sache entwerten und vertun und aufs Normale abziehen.) Ein Text, durchdrungen von Klugheit und von Beziehungsreichtum – genau in der Art, wie ich mir Lektüre und Interpretation vorstelle.

Und es sei diese Passage ergänzt, aus Robert Walsers Erzählung „Der Spaziergang“:

„Und wenn jemand mit Genießen und mit aller Lebenslust so lange warten wollte, bis die Welt endlich keine unglücklichen armen Menschen mehr aufweisen würde, so müßte er bis an das graue unausdenkbare Ende aller Tage und bis ins eisigkalte, öde Ende der Welt warten, und bis dahin dürften ihm die Lust und das Leben selber gründlich vergangen sein.“

Überhaupt ist Walsers Prosa voll von solchen Sätzen, Fundstücken, Spielereien. Und was für ein Anfang, mit dem Das Spazieren in „Der Spaziergang“:

„Ich teile mit, daß ich eines schönen Vormittags, ich weiß nicht mehr genau um wieviel Uhr, da mich die Lust einen Spaziergang zu machen, ankam, den Hut auf den Kopf setzte, das Schreib- und Geisteszimmer verließ, die Treppe herunterlief, um auf die Straße zu eilen.“

Ich wollte eigentlich heute im Hause bleiben, aber als ich das da von Sebald hörte und dann nochmal nach der kleinen Walser-Erzählung griff, dachte ich mir: Hinaus, hinaus! Wie sehr in diesem Walser-Satz ein intuitive Moment steckt und zugleich der unbedingte Wille, wie von einer Macht erfaßt, um in diese Welt hinein, oder genauer gesagt: hinaus zu gehen. Heute kann man solches kaum noch schreiben, allein deshalb, weil sich kaum einer beim Verlassen des Schreib- und Geisteszimmers einen Hut aufsetzt, sofern es solche Räume überhaupt noch gibt. Im Grunde funktioniert dieser Satz gerade durch dieses so unscheinbare Detail des Hutes. Es gibt Texte, die funktionieren wie Kokain oder wie Champagner: sie greifen ins Hirn, erzeugen Assoziationen, die ich dann ordnen und reihen muß, ich bin inspiriert, nichts hält einen mehr, man möchte schaffen und möchte hinaus. Die Eindrücke sammeln, am besten Denken und Schreiben in einem Zug. Dazu bräuchte der Flaneur entweder ein Diktiergerät oder aber ein sehr gutes Gedächtnis für das, was einem alles durch den Kopf ging – sowieso braucht der Flaneuer Gedächtnis, das wissen wir ja schon von Walter Benjamin und Kracauer. Oder eben einen Photoapparat. Wir sind von solcher Natur.

Christiane von Goethe – mehr als nur Goethes Christiane

Leider habe ich dieses Buch nicht selber entdeckt, nämlich von Eckart Kleßmann,: „Christiane. Goethes Geliebte und Gefährtin“, im TvR Medienverlag Jena erschienen. Dafür aber findet sich auf dem lesenswerten Blog von Ralf C. Scherzinger „Wörterwölfe“ – den ich allen ans flammende Literatenherz lege – eine wunderbare Rezension zu jenem Buch und ein paar Bemerkungen ergo auch zu der Frau an Goethes Seite, die mehr war, als nur die Frau an seiner Seite:

„Was Goethe und seine Frau zusammenführte und im Innersten verband, dieser Frage geht Eckart Kleßmann in seinem Buch „Christiane – Goethes Geliebte und Gefährtin“ nach. Es sei keine Biografie, eher ein Essay, betont der Autor, der einen klassisch-sachlichen Erzählstil pflegt. Sein Werk lebt vor allem von Fakten und Anekdoten. Damit unterzieht er das von Steinin, Schillerin und anderen Klatschtanten wie etwa Bettine von Armin geprägte Bild der etwas tapsigen Haushälterin, die allein aus praktischen Gründen auch noch als „Bettschatz“ fungiert, einer kritischen Untersuchung.

Sind die Zeichen richtig zu deuten, dann lag recht schnell ein erotisches Kribbeln in der Luft, als sich Christiane und Johann Wolfgang am 12. Juli 1788 zum ersten Mal trafen. Sie war dreiundzwanzig, er siebenunddreißig Jahre alt. Charlotte von Stein, um das noch zu erwähnen, war sieben Jahre älter als Goethe und hätte damit theoretisch Christianes Mutter sein können. Neben der Eifersucht, die Christianes Auftauchen in Goethes „Seelenverwandter“ weckte, spielte damit sicher auch eine Art Generationenkonflikt eine Rolle.

Knapp vier Wochen zuvor war Goethe von seiner Italienreise nach Weimar zurück gekehrt. Dort hatte er, so wird vermutet, zum ersten Mal im Leben seine Sexualität frei ausleben dürfen. Christianes lebhafte, ungezwungene Art – er nannte sie später oft „mein kleines Naturwesen“ – weckte möglicherweise Erinnerungen, auf jeden Fall Begehren.

Den Entschluss, sie zu ehelichen, fasst Goethe allerdings erst 1806, nachdem seine Lebensgefährtin marodierende französische Soldaten daran gehindert hat, gegen ihn handgreiflich zu werden.“

Der vollständige Text findet sich an dieser Stelle. Ein anregender Blog-Beitrag zu einem interessanten Buch – es kommt auf die unendliche Liste der zu lesenden Bücher.

Eines der schönsten Gedichte übrigens, die wir im Deutschen haben schrieb Goethe auf seine tief und innig geliebte Frau Christiane von Goethe.

Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.

Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.

Ich wollt es brechen,
Da sagt es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?

Ich grub’s mit allen
Den Würzlein aus,
Zum Garten trug ich’s
Am hübschen Haus.

Und pflanzt es wieder
Am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.

Die sonnenabgewandte Seite der Erde – Sven Heuchert „Dunkels Gesetz“

„‚Die Wahrheit, oder ich schlag dir den Schädel ein‘, …“

So ein Jungsding ist das schon, denke ich mir, während ich die ersten Seiten von Sven Heucherts Romandebüt lese. Ein düsteres Szenario, es spielt irgendwo im Westen Deutschlands, nahe der belgischen Grenze. Arme, öde Region, Finsterwald. Männergespräche zum Beginn. Runtergerockte Hunde. The waste land auf Deutsch oder irgendwas dazwischen, nur weniger lyrisch-verklärt als T.S. Eliots Kritik der Moderne und das Elegische ist handfester Art. Schon das Vorlaufzitat von Ulf Miehe („Ein ödes Land“) deutet aufs Düstere. Da ist kein Gott, nirgends. „It would be easier to believe in God“, so zitiert Sven Heuchert weiterhin noch Don Carpenter.

Aber diese Geschichte könnte genauso anderswo spielen, es muß nicht der alte Westen der alten BRD sein, was in Sven Heucherts Roman geschieht, könnte in irgendeiner gebirgigen Gegend in Ostdeutschland passieren, im Randgebiet, Erzgebirge vielleicht oder Harz. Karge Landschaft, Typen, die allenfalls das nötigste sagen, und das auch nicht immer in der netten Variante. „‚Die Wahrheit, oder ich schlag dir den Schädel ein‘, sagte er und schob ihr zwei Finger in dem Mund.“ Das ist durchaus philosophisch zu nehmen, denn die Wahrheit ist manchmal handfester, konkreter Art.

Das ist das Milieu, in dem der klassische US-Western angesiedelt ist, und ganz sicherlich ist Heuchert von der amerikanischen Erzählweise, von den Großen der düsteren Literatur inspiriert: Cormac McCarthy, Denis Johnson, Raymond Carver oder der in der BRD spätentdeckte John Williams oder ganz einfach Autoren, die wir Nicht-Spezialisten der US-Literatur gar nicht mehr kennen. Es ist auch ganz egal, wie und woher. Denn Heuchert ahmt nicht einfach nach, was andere erzählten, sondern vielmehr verbindet er die Elemente zu einer ganz eigenen Mischung. Heuchert erzählt, indem er loslegt und in der Sprache einen Takt schlägt. Keine umständlichen Beschreibungen, sondern wir sind mitten in der Geschichte drin. Ein Western, im Land der Normalen.

Nach zehn Seiten denke ich mir „Gut, ein Krimi“. Knapp gehalten, die Hard-boiled-Variante – auch in der Sprache –, wortarm wie der Westmann, der bereits zu viel in seinem Leben sah. Aber das Reduzierte langweilt nicht. Von Seite zu Seite baut der Roman eine Spannung auf, die nicht nur mit dem Genre und dem Lokalkolorit, mit Stoff und Motiv zu schaffen hat, sondern es ist die Form, wie Heuchert das Sujet darstellt, es ist die Sprache, die ins Minimale, ins Puristische sich verdichtet. Heuchert erklärt nichts, sondern führt seine Figuren ein, indem er sie sprechen läßt. Insofern ist dieses Verfahren nicht bloß Reduzieren um der Reduktion willen. Und vom Sujet her handelt es sich nicht bloß um Heimatliteratur mit Lokalkolorit – das also, was man gerne mit dem Begriff Regionalkrimi abhakt. Diese Sprache leuchtet die Prosa der Wirklichkeit so aus wie sie ist. Karg, schroff, alles steht für sich, dinghaft, die Grenze zur Verdinglichung schon lange überschritten. Entstelltes und ein Blick ins Innere:

„Nach dem dritten Schlag zersprang Hallers Schädel wie eine überreife Frucht.

Tageslicht drang in die Werkstatt und zeigte die Dinge, wie sie wirklich waren. Achim stand auf, schloss das Tor ab und ging rüber zum Haus.“

Auch bei den Dialogen wird kein Wort zu viel gesprochen. Dieses Reduzierte in der Prosa ist keine bloße Marotte. Es paßt zu den Figuren dieses Romans, denn schließlich arbeitete der Protagonist als Söldner, Richard Dunkel, inzwischen ausgedient, eine harter Bursche, der an den Krisenherden dieser Welt sein Werk tat, Bilder aus dem Tschad, aus Beirut, aus Haiti, die manchmal im Kopf aufglimmen, da trägt einer was mit sich, das deutet sich in dieser Story Schicht für Schicht an. „Gesichter ohne Augen, Nase, Mund – Gesichter, die nur aus Löchern bestehen.“ Und nun bewacht der Söldner eine stillgelegte Chemiegrube. Die Story ist, ohne zu viel zu verraten, im Klappentext gut auf den Punkt gebracht. Dort heißt es:

„Ein Exsöldner, ein geplatzter Drogendeal und ein junges Mädchen: Altglück ist ein verlassenes Nest in der Nähe der belgischen Grenze, hier träumt es sich schlecht vom sozialen Aufstieg. Achim, der Tankstellenbesitzer, heuert bei der Lokalgröße Falco an und steigt gemeinsam mit seinem Knacki-Kumpel in den Drogenhandel ein. Seine letzte Chance auf ein gutes Leben, glaubt er – für sich, seine Geliebte und deren Tochter Marie. Doch ein Mann droht alles kaputtzumachen: Richard Dunkel, Exsöldner. Um über die Runden zu kommen, arbeitet er als Security für eine Chemiefirma. Eines Nachts stößt er dort auf Achims Drogenversteck. Er setzt Falco und Achim mächtig unter Druck – und bringt so, ohne es zu wollen, Marie in tödliche Gefahr.“

Dazu ein toter Junge, umgebracht, und eine seltsame Witwe namens Frau Pollozek. Rätselhaft zunächst, aber im Lauf der Geschichte zählt sie doch zum Prinzip des Guten, obwohl auch die seltsame Witwe etwas auf dem Kerbholz hat. So wie die Sprache sind folglich auch die Figuren knapp gezeichnet, aber doch genau. Charaktere, die man sich sofort vorstellt. Man kloppt miteinander Karten, trinkt im dubiosen „Walterchen“ seinen Alkohol. Kein Schnickschnack, im Beschreiben keine Orgien in Ornament. Knappheit auch bei den Sätzen ist Heucherts Stilmittel. Kein Adjektiv zuviel, kein Wort im Überfluß, lyrisches Schwelgen ist Heucherts Sache nicht. Das Düstere der Landschaft ist düster, aber nicht verzückt, gezuckert oder so geartet, daß es durch die Schönheit der Sprache am Ende anheimelnd ausfiele. Man kann diese karge Sprache kritisieren, schließlich ist ein schroffer Stil kein Selbstzweck. Aber in dieser Story paßt es, insofern folgt die Form hier im guten Sinne der Funktion, ohne daß der Roman und damit die Geschichte samt ihrem Personal zum Design mutiert. Heucherts Stil dampft aufs Nötigste ein, reduziert bis nur noch ein Bild bleibt:

„Dunkel bemerkte den Schatten, der am Fenster vorbeihuschte, und nahm das Messer vom Tisch. Er stand auf und öffnete die Tür mit der Fußspitze. Sonnenlicht blendete ihn. Er drehte die Klinge um und hielt das Messer auf Brusthöhe.“

Das Bedrohliche dieses Szenarios bemerken wir sofort. In solchen Bildern zieht Heuchert uns in den Bann der Geschichte. Suspense auf eine ausgeklügelte Art, auch wenn es am Ende nur ein scheues Reh ist, das die Alarmglocke des Söldners schrillen ließ.

In dieser Story ist kaum Platz für eine schweifende oder schwelgende Beschreibung von Landschaft. Und die Psyche der Figuren entwickelt sich nicht durch langes Schildern, sondern durch die Handlung oder durch das, was diese Menschen zu erzählen haben. Wenn Achim Maries Mutter demütigt:

„‚An dir nagt der Zahn der Zeit‘, sagte er und schob die Hand unter die Decke auf ihren Schenkel. ‚Kannst deine Muschi miauen lassen, versilbern wird sie dir keiner mehr.‘“

dann wissen wir, was für eine Art von Mann Achim ist. Es ist hart, drastisch, schonungslos. Aber es sagen solche kruden Sprüche alles über das Milieu, in dem diese Geschichte spielt, „als sei der Autohof der letzte Ort dieser Welt, …

Nicht immer freilich geht alles ganz glatt. Sätze wie „Über diesem Land lag lähmendes Vergessen“ erklären mir zu viel, sind zu deutlich, das hätte der Lektor streichen müssen. „Show, don’t tell!“ Aber es sind Kleinigkeiten. Anfangs fremdelte ich zwar mit dem Roman, auf den ersten 10 Seiten dachte ich: um wieviel besser ist „Asche“, Heucherts erster Erzählungsband. Aber dieser Eindruck verflog im Lauf der Geschichte. Trotzdem – auch „Asche“ lesen, denn es ist eine ganz und gar gewaltige Prosa! Man kann das gerne mit Clemens Meyer vergleichen, was ich als Kompliment meine, und doch ist in „Asche“ der Stil Heucherts ein völlig eigener – auch dort aber deutet sich schon das Reduzieren als Ausdrucksmittel an. Was ihn freilich mit Meyer verbindet, ist sein Blick in den Abgrund.

Auch in „Asche“ knapp und eingedampft, die einzelnen Geschichten sind schwarz-düster aus Paralleluniversen. Eine der schonungslosesten Vergewaltigungsszenen und ein Fall von Kindesmißbrauch, der – so beiläufig und beiseite erzählt – schlicht traurig ist. Insofern finden wir bei Sven Heuchert beides: Diese Härte und das Unmittelbare eines Gesetzes der Straße, aber auch einen sanften, manchmal schwermütigen Zug, der dem Vertanen des Lebens nachblickt und auf das Böse schaut, das Menschen anderen Menschen antun können. Manchmal geschieht solch Böses in „Asche“ aus der Gedankenlosigkeit heraus oder weil sich niemals eine bessere, eine andere Perspektive, geschweige eine Chance bot. Von solch verpfuschtem Leben wie von dem kurzen Aufflackern eines besseren, anderen Daseins erzählt auch „Dunkels Gesetz“. Vom Leuchten und Glitzern jedoch schweigt sich diese Prosa aus. Die Welt ist im Arsch wie sonst nur bei Beckett, Bernhard, Kafka oder Hilbig, den großen Schwarzschreibern der Literatur. Heucherts Prosa ahnt etwas davon. Und insofern dürfen wir gespannt sein auf das, was kommt.

Man kann Heucherts Buch als Krimi lesen und der Genreliteratur zuschlagen. Aber damit tut man dieser Prosa unrecht. So wie Clemens Meyer keine bloßen Milieugeschichten aus dem Osten der Republik schreibt, sondern uns von einem Deutschland berichtet, das nicht so häufig im Feuilleton der kulturalistischen Linken vorkommt und schon gar nicht in der arrivierten Mittelstandliteratur kulturalistisch Arrivierter und Gesättigter.

Diese Prosa von Sven Heuchert hat Aufmerksamkeit verdient. Zu wünschen wäre freilich auch, daß es nicht in eine Genreschiene rutscht und daß sich Heuchert seinen unkonventionellen und frischen Geist bewahrt. Wer nach diesem gelungenen Romandebüt noch eine Kostprobe vom Erzählen in Miniaturen erleben möchte, der greife unbedingt auch zu „Asche“. Es lohnt sich. Viele starke Geschichten lesen wir da.

Sven Heuchert: Dunkels Gesetz, Ullstein Verlag, 2017, 192 Seiten, 14,99 EUR, ISBN 978-3-550-08178-1
Sven Heuchert: Asche. Stories, Bernstein Verlag, 2016, 184 Seiten, 12,80 EUR, ISBN 978-3-945426-13-5

Deutscher Buchpreis – der Gewinner

Das Aisthesis-Buchmesse-Orakel hat getagt und mittels eines ausgetüftelten Algorithmus den Gewinner des Buchpreises eruiert. Morgen, am 9. Oktober sind die Literaturfetischisten schlauer, doch Leserinnen und Leser von Aisthesis wissen schon heute mehr.

Bis auf Menasse stehen bei mir  alle Werke im Regal der zu lesenden Bücher. Zunächst aber schaut das Orakel im Ausschlußverfahren, wer es nicht wird: Thomas Lehr geht leer aus. Zu komplex ist Schlafende Sonne für den popkulturell geprägten Geschmackssinn, und solche  Verschachtelungen hatten wir 2015 mit Frank Witzels Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 bereits vor zwei Jahren, wenngleich heiterer erzählten als bei Lehr. Was sicherlich auch ein Kriterium abgibt, denn es ist der Deutsche Buchpreis nun einmal ein Preis, der den Absatz erhöhen soll und dem Buchhandel dient – was diesem auf alle Fälle gegönnt sei.

Wobei ich, en passante, gerade mit Thomas Lehrs im Jahre 1995 erschienenen Roman „Die Erhörung“ angefangen habe, und ich muß sagen, daß mir diese geschichtsphilosophische Konstruktion ausnehmend gut gefällt. Komplex erzählt, verschichtet die Ebenen und dazu eine poetische Sprache. Ein Rätselbild vom Grauen und den Gewalten, die sich in den Menschenleben des letzten Jahrhunderts sedimentierten. Die Revolution 1918/19 in Berlin, die Barrikadenkämpfe, der spanische Bürgerkrieg und die stalinistischen Apparatschiks, die die eigenen Leute folterten, weil es Linksabweicher, Liberale, Trotzkisten oder Anarchosyndikalisten waren, der deutsche Faschismus. Die Geschichte eines jungen Mannes in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts und die Geschichte gescheiterter Revolutionen im postrevolutionären Apo-Westberlin. Auch taucht ein Engel auf. Ob es jener Klee-Benjaminsche Engel der Geschichte ist, bleibt zunächst mal ein Rätsel. Wir blicken in manchen Abgrund und müssen  mit jenem Engel, jenem Cherubin auskommen. Jener, der aus der Engel Ordnung heraustritt und mit dem jungen Mann namens Anton Mühsal einen Höllentripp unternimmt. Augenblicklich befindet sich Anton, etwa in der Mitte des Buches, in der Klapse.

Ein großes und wuchtig-feines Stück Literatur, was ganz zu Recht mit Peter Weiss‘ Ästhetik des Widerstands und Uwe Johnsons Jahrestage verglichen wurde. Insofern bin ich schon auf Schlafende Sonne gespannt. Wir haben hier endlich wieder eine Literatur, die uns mehr erzählen will als den Befindlichkeitssalms von Berliner Halbprekären, wir haben hier eine Literatur, die nicht auf den Hype und die Verwertung durchs System Pop schielt.

Aber wer bekommt ihn nun, den Deutschen Buchpreis? Ich wette als Preisträgerin stark auf Marion Poschmanns Kieferninseln oder aber, ersatzweise, 2. Möglichkeit, Menasses Die Hauptstadt. Entweder eine Frau oder aber Europa. Aber das ist ja im Mythos eh beides eins. Die letzte weibliche Preisträgerin war 2013 Terézia Mora mit Das Ungeheuer, und da wir gegenwärtig im System der Quotierungen leben und nicht im Reich der ästhetischen Qualitäten könnte es gut möglich sein, daß es ein Proporzpreis werden wird. Wobei Marion Poschmann sicherlich eine gute Wahl sein wird.

Sofern die Jury nach Krisenszenarien entscheidet, dürfte die Wahl auf Menasse fallen. Vielleicht noch Salzmann wegen Transgender, was gegenwärtig on vok, nee en vogue ist. Schauen wir mal ins System und wie es die Jury richten wird, gute Bücher sind ja in die Auswahl gelangt:

Der diesjährige Deutsche Buchpreis geht also, laut unserem Leak-Algorithmus, der sich inzwischen sogar ins PC-System der Jury eintrojanern konnte, an Marion Poschmann und ihren  Roman Kieferninseln. Herzlichen Glückwunsch.

Im Malstrom – Zu Edgar Allan Poes 168. Todestag

Gut gefiel mir sein Gedicht „Der kleine Rabe nimmersatt“. Müßte heute endlich etwas zu Edgar Allien Poe schreiben. Geht aber nicht, bin zu petrunken. Gezeichnet Lord Hicks.

Nein, so kann man es nicht anfangen und das ist natürlich ein Scherz. Ich bin es nicht. Ich werde mir zwar heute abend einen feinen Wein aus Mallorca genehmigen, mein Trinkmotto lautet jedoch: Before sunset never. Im Sommer verhalte ich mich in diesen Dingen etwas großzügiger, weil es im Norden nicht vor 22 Uhr dunkelt, also ab 18 Uhr mache ich ein Fläschchen auf oder bestelle beim Kellner. Oder wie meine Geliebte über mich witzelt: „Das tut man und das tut man nicht!“ Ich bin ein Mensch, der Rituale braucht. Poe selbst trank exzessiv. Es sollte ihn beim Schreiben und Phantasieren beflügeln. Er tarierte – zunächst – diesen Rausch genau aus, denn er wußte, daß ab einem bestimmten Level an Alkohol das Schreiben nicht mehr gut von der Hand ging, bzw. es fließt zwar heraus, aber am nächsten Morgen, der sowieso nach den Mengen Alkohol, die Poe schluckte, ein schwerer Tagesbeginn war, erwies sich das meiste, das er im Rausch niederschrieb als unbrauchbar. Also traten die Mühen der Ebene hinzu – das Redigieren. Und auch das exakte Tarieren gelang nicht immer wie gewünscht. Dazu später mehr. König Alkohol, um es mit Jack London zu schreiben. (Der Vergleich Poe, London, Upton Sinclair – mit seinem Roman über den Alkohol- wäre interessant.)

Poe war einer jener Autoren, die ich schon in der Jugend las, vieles von seinen Texten habe ich damals überhaupt nicht verstanden, aber der analytisch-scharfe Verstand des französischen Detektivs Auguste Dupins gefiel mir, diese Art zu kombinieren und induktiv abzuleiten. Poe, der Begründer des klassischen Detektivromans und jener Autor, der das Grauen im Inneren eines Menschen auslotete. Das verräterische Herz des Gemordeten, das da unter den Dielen im Fußboden pochte und pochte und doch nur das eigene Gewissen des Mörders war, Klaustrophobisches, diese Angst davor, lebendig begraben zu werden und eine Reise in den Malstrom. Der schwarze Tod mit der Maske. Fallbeil und Pendel, Alpträume, die nicht nur Schüler gerne lesen.

Schon klassisch das Seminar Jacques Lacans von 1956 zu Poes entwendetem Brief . Im Französischen heißt der Titel von Poes Geschichte fein doppelsinnig La Lettre volée. Lacan liefert eine dezidierte, an der strukturalistischen Psychoanalyse orientierte Deutung dieser Prosa. Eine Analyse der drei verschiedenen Blicke findet sich dort, ähnlich wie Foucault sie dann zehn Jahre später in Die Ordnung der Dinge vornahm und die Blickachsen sowie die Subjektpositionen anhand von Diego Velázquez‘ Las Meninas untersuchte. Bei Lacan ist es anhand von Poes Detektivgeschichte ein Spiel von Sehen und Nicht-Sehen(-können) anhand eines eigentlich offen daliegenden Briefes. Denn das Offene ist das beste Versteck – woran sich auch die Frage anknüpft, inwiefern man in der Wahrheit lügen kann.

„Dieser Ort ist nichts anderes als der Ort der signifikanten Konvention, wie offenbar wird in jener bitteren Klage eines Juden an seinen Bruder: ‚Wenn du sagst, du fahrst nach Krakau, willst du doch, daß ich glauben soll, du fährst nach Lemberg. Nun weiß ich aber, daß du in Wirklichkeit fahren willst nach Krakau. Also warum lügst du?‘“ (Jacques Lacan, Das Seminar über E.A. Poes ‚Der entwendete Brief‘, in: Schriften I)

Solche Form von Wahrheit als Oberflächenphänomen hatte Poe bereits in seiner Detektivgeschichte Die Morde in der Rue Morgue formuliert. Der Erzähler dieser Geschichte berichtet:

„Die Wahrheit liegt nicht immer tief auf dem Grunde des Brunnens. Im Betracht der weit wichtigeren Kenntnis glaube ich vielmehr, daß sie sich tatsächlich schlechthin an der Oberfläche befindet.“

Das ganze Wahrheits-, Verbergungs- und Entbergungsgeschehen, von Heidegger und Freud her aufs Subjekt gemünzt, das nicht mehr ganz Herr oder Frau im eignene Hause ist, mündet bei Lacan am Schluß des Seminartextes in eine Spiegelsituation:

„und zwar nach der Formel der intersubjektiven Kommunikation, mit der wir Sie schon seit langem vertraut gemacht haben: Ihr zufolge, sagen wir, empfängt der Sender seine Botschaft vom Empfänger in umgekehrter Form wieder. Somit will ‚entwendeter‘, eben ‚unzustellbarer Brief‘ besagen, ein Brief (eine Letter) erreicht immer seinen (ihren) Bestimmungsort.“

Jacques Derrida widersprach diesem Satz scharf und heftig. In seiner Postkarte, sowohl in der ersten Sendung eher literarisch und in der zweiten Sendung auf eine theoretische Weise, und insbesondere in seinem Aufsatz Der Facteur der Wahrheit zeigte Derrida, daß eine Brief (auch in der Logik des Signifikanten) seinen Bestimmungsort durchaus verfehlen kann und daß dieses Verfehlen konstitutiv ist. Sozusagen im Kontext von Derridas Denkansatz eine Theorie des Verschwindens, der Einschreibung und Schrift als Spur, die genausogut wieder verlöschen kann, so daß nichts als ein Rest und weniger als das bleibt. Womit wir bei den Medien der Erinnerung und der Aufzeichnung sind, nämlich der Photographie, aber genauso der Schrift. Wie können wir aufbewahren, welche Behältnisse haben wir dafür? Und ist jenes Aufbewahren, Aufheben (Derrida ist in diesen Begrifflichkeiten immer auch der Hegelianer der Aufhebung) nicht immer auch ein Aufbaren des bereits Verlorenen? Es gibt Asche, wie es Derrida schrieb.

Aber wir kommen von Poe weg und bewegen uns über die Register der Psychoanalyse hinein ins Postgeheimnis und in die Tiefen poststrukturalistischer Literaturtheorie. Dennoch sind die beide Texte von Lacan und Derrida im Blick auf Poes Story lesenswert und zeigen, in welch ungewohnter Weise sich Literatur lesen und interpretieren läßt. Was übrigens die Photographien betrifft, so gibt es nur wenige Bilder von Poe, genauer gesagt: es gibt Daguerreotypien. Charles Baudelaire schreibt über Poe:

„Über Poes Leben, seinem sittlichen Betragen, seinen Umgangsformen, seiner leiblichen Erscheinung, über allem, was seine Gesamtpersönlichkeit ausmacht, liegt für uns etwas zugleich Düsteres und Strahlendes. Seine Person war seltsam, verführerisch und, wie seine Werke, von einer unbestimmten Schwermut geprägt.“

Das trifft wohl auch auf jenen seltsamen Blick auf den Daguerreotypien zu, den wir von Poe kennen und der unser Bild über ihn (mit)prägt, wenn wir nicht nur die Texte als Texte nehmen. Ein Blick, den Poe nicht etwa uns, also den so fernen Betrachtern entgegenwirft, sondern der als Blick ins Nirgendwo zu gleiten scheint, sich versenkt, verdüstert und sich verschluckt, jenseits des Bildes, des Lebens und aus diesem hinaus. Als sähe einer dort hinten die Gespenster. Aber das mag eine Interpretation sein. Die Menschen auf den meisten Daguerreotypien schauten deshalb so ernst, weil sie aufgrund der langen Belichtungszeiten keine Miene verziehen durfen. Insofern sind Photographien ein trügerisches Medium. Aus ihnen läßt sich oft nur das herauslesen, was wir in sie hineininterpretieren. Der gravitätische Ernst ist ein von uns vorgestellter und dem Zwang des Mediums geschuldet. Deutlich konnte man das in einer Photoausstellung sehen, wo eine Familie sich in klassischer Gruppenpose, gravitätisch streng, ablichten ließ. Und dann gibt es eine Photographie vom Hinterher, nach der Photosession, weil inzwischen auch bessere Kameras auf dem Markt waren, die mit kürzeren Verschlußzeiten arbeiteten: da lachte und scherzte die so gravitätische und bürgerliche Familie auf eine anmutige Weise miteinander. (Abgeschweift wieder. Aber es ist doch auch diese Logik des Abbildens und Interpretierens im Sinne der Poeschen wilden Textdetektive.)

In der zehnbändigen Werksaussage zu Edgar Allan Poe, die 1979 im Pawlik Verlag erschien, mit den Übersetzungen von Wollschläger und Arno Schmidt finden sich neben seinen kosmologischen und eschatologischen Essays auch Texte und Essays zur Literatur. Poe war nicht nur Dichter, sondern ebenfalls Literaturkritiker, berühmt-bekannt wohl der Longfellow-Krieg um den damals bedeutenden, heute in Vergessenheit geratenen Dichter Henry Wadsworth Longfellow, den Poe scharf attackierte – Streit kann man diesen harschen Angriff kaum noch nennen. Poe konnte in seinen Urteilen ausnehmend heftig und apodiktisch sein. Und Poe votierte in seinem Essay Das poetische Prinzip bei der Lyrik für (relativ) kurze und knappe Gedichte:

„Ich brauche wohl kaum zu bemerken, daß ein Gedicht seinen Namen nur insofern verdient, als es duch die Erhebung die Seele erregt. Der Wert eines Gedichtes steht im Verhältnis zu dieser erhebenden Erregung. Aber alle Erregungen sind, einer psychischen Notwendigkeit zufolge, kurzfristig. Jener Grad von Erregung, der es überhaupt gestattet, etwas ein Gedicht zu nennen, läßt sich nicht über eine Komposition von großer Länge hin aufrechterhalten. Spätestens nach Ablauf einer halben Stunde klingt sie ab – versiegt – eine Ablenkung erfolgt – und dann ist das Gedicht in seiner Wirkung effektiv keines mehr.“

Wesentliches Prinzip von Dichtung ist also der Reiz des Rezipienten, sozusagen ein Gefühl der Lust und Unlust mit Kant gesprochen, dessen Ästhetik ja das moderne Muster für die Rezeptionsästhetik bzw. für die subjektive Wirkweise von Kunst liefert. Im Modus ästhetischer Erfahrung gelangen wir zu Welt und auch zu uns selbst. Im Ausschweifen jedoch verliert sich diese Bewegung. (Wieweit solcher Sicht, wie Poe sie formuliert, auch kritischzu begegnen, lasse ich beiseite. Über die Qualität eines Gedichtes zumindest sagt die Fähigkeit, sich von ihm die Seele erheben und erregen zu lassen, wenig aus. Wobei man hier zugleich nach dem Begriff der Seele fragen muß. De anima.)

Mit Poe beginnt die literarische Moderne, so schrieb es Baudelaire, der dafür sorgte, daß Poe in Europa bekannt wurde, während er in den USA – auch aufgrund seines Lebenswandels – zunächst in Vergessenheit geriet. Poes Ende gestaltete sich trostlos. Literatur und Leben gehen manchmal seltsame Korrespondenzen ein:

„Da er sich bei seiner Ankunft in Baltimore, am 6. abends, immer noch unwohl fühlte, ließ er sein Gepäck an den Hafenplatz bringen, von dem aus er sich nach Philadelphia begeben wollte, und betrat eine Schenke, um etwas Anregendes zu sich zu nehmen. Unglücklicherweise traf der dort alte Bekannte und blieb länger dort. Anderntags, im fahlen Grau der ersten Frühe fand man auf der Straße einen Leichnam, – ob dies das rechte Wort ist? – nein, einen noch lebenden Körper, dem doch der Tod schon sein königliches Siegel aufgeprägt hatte. Auf diesem Körper, dessen Namen niemand kannte, fand man weder Papiere noch Geld, und so brachte man ihn in ein Krankenhaus. Dort starb Edgar Poe, noch am Abend dieses Sonntags, des 7. Oktobers 1849, im Alter von siebenunddreißig Jahren, vom delirium tremens besiegt, jenem Schreckensgast, der sein Gehirn schon ein- oder zweimal heimgesucht hatte. So ging einer der größten Helden der Literatur aus der Welt, der geniale Mensch, der seinem Schwarzen Kater die schicksalshaften Worte geschrieben hatte: Welche Krankheit ist dem Alkohol vergleichbar!

Dieser Tods ist beinahe ein Selbstmord, – ein seit langem vorbereiteter Selbstmord. Zumindest verursachte er einen dementsprechenden Skandal. Es gab einen Sturm der Entrüstung, und die Tugend genoß es, ihren hochtrabenden cant freien Lauf zu lassen. Selbst die nachsichtigsten Leichenprediger konnten nicht umhin, der unvermeidlichen bürgerlichen Moral Raum zu geben, die sich eine so wunderbare Gelegenheit wohlweislich nicht entgehen ließ.“ (Ch. Baudelaire, Edgar Poe, sein Leben und seine Werke)

Alban Nikolai Herbsts „Meere“

Neben den Buchpreiskandidaten der Shortlist gibt es aus der Welt des Buches auch Erfreuliches: Es kann gemeldet werden, daß Herbsts Roman „Meere“ nun in einer unzensierten Fassung vorliegt. Die Klage gegen das Buch wurde im Mai 2017 aufgehoben, wie der Pressenewsletter des Mare Verlages verkündet und es ist die unzensierte Originalauflage des Romans wieder zugänglich.

Es ist, nicht anders als bei Maxim Billers „Esra“, das Problem des autofiktionalen Schreibens: wenn sich eine Person im Buch wiedererkennt und sich in dieser Weise in Literatur nicht abgebildet sehen will, weil das Private und Intime überwiegt – oder zu überwiegen scheint. Was darf ein Schriftsteller? Eine problematische Sache sicherlich: Was wiegt mehr – das Persönlichkeitsrecht oder das Recht des Künstlers? Thomas Mann z.B. war nach den „Buddenbrooks“ bei manchem Lübecker Bürger nach dem Erscheinen dieses Romans kein gerne gelittener Gast mehr. Gleiches galt für Davos und den wundervollen Zauberberg der Lungenkranken. Und wir kennen diese Frage ebenfalls von Max Frischs „Montauk“ her, das wahrhaftige Schreiben, was dann in den 70er und 80er Jahren unter dem Stichwort der „Neuen Subjektivität“ lief. Doch auch dies ist für die Literatur nicht neu, schon in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts war es Programm: Das wahrhaftige Schreiben vom Ich her.

Paradigmatisch für diese Zeit ist das Werk von Adam Bernds (1676-1748): „Eigene Lebens-Beschreibung“ aus dem Jahr 1738. In der Literaturgeschichte von Victor Zmegac heißt es:

„Die Autobiographie sollte seiner Rechtfertigung dienen; aus der Situation sozialer Demütigung des in die Außenseiterrolle Gedrängten resultiert jene schonungslose Offenheit der Enthüllung, die das Buch zum unvergleichlichen Dokument stempelte. Mit akribischer Besessenheit registrierte er seine psychischen und physischen Zustände, wobei er die Grenzen des Schicklichen sprengt – was auf die Zeitgenossen peinlich-befremdend wirkte.“

Herbsts Roman „Meere“ ist jedoch weitaus mehr und anders natürlich. Denn immerhin liegt auf den Autorenrücken die Geschichte der klassischen Moderne wie auch der Postmoderne, wo der Autor selbst, die Form des Schreibens und Erfindens zum Gegenstand der Literatur wird. Bei Alban Nikolai Herbst kann man dieses Phänomen wunderbar sich erlesen. Man mag diesen großartigen Roman „Meere“ als Fiktion nehmen, genauso aber als Autobiographie, als Bekenntnis des Künstlers als wilder wie leidenschaftlicher Hund oder eben als etwas dazwischen. Ich habe es als fiktive Prosa gelesen, als fiktive Künstlergeschichte, die vom Prozeß der Schöpfung und des Schaffens handelt. (Die Geburt eines Menschen ist ja ebenfalls eine Schöpfung, wie man an „Meere“ sieht  – Menschen und Werke, nicht nur Werke und Tage, im Prozeß der Geschichte. Unsere antike Moderne.)

Was dieser Roman jedoch auf alle Fälle sich erschreibt: Er handelt von der Existenz des Künstlers, von der Künstlerschaft als solcher, erhebt sie explizit zum Thema. „Held“ des Romans ist ein Maler namens Fichte. Schnell parallelisiert man mit Anselm Kiefer, was ganz richtig ist, denn dieser Maler Fichte schafft mit Leidenschaft an einem ganz ähnlichen Œuvre. Und ebenfalls ist in den Text der Kunst der Mythos eingewoben, nicht anders als in Kiefers Werk. Insofern ist Meere ein deutsches, aber auch ein italienisch-antikes Buch – man kann es mit Herbsts „Sizilianischer Reise“ parallellesen: das lohnt sich. Genauso aber steckt im Namen des Protagonisten jener Philosoph aus der Zeit des Deutschen Idealismus und der deutschen literarischen Romantik, nämlich Johann Gottlieb Fichte: das Ich, das sich setzt. Ein Ich aus dem alle Welt geschöpft wird, um es in einer Vergröberung zu skizzieren. Und genau dieser gigantische Bewußtseinsholismus wie auch der Holismus der Tathandlung, des Tatendrangs geradezu – das erleben wir ebenfalls beim Maler Fichte. Die Geburt des romantischen wie auch  romanisch-deutschen Ichs aus dem Geist der Sexualität und des Begehrens nach Kunst.

Ja, in diesem Roman geht es zur Sache, für schwächliche Menschen von deutschen Asten ist das ganz sicherlich nichts, und gerade Buben bekamen da rote Ohren, wenn sie sich schon vorm Betrachtern und Bewunderern der schönen Frauen fürchten und nach Papa Rektor rufen. Dennoch: Es lohnt sich dieses Buch um jede Zeile auch wenn dieser Roman vielleicht nicht die beste Einführung ins umfangreiche Werk von Alban Nikolai Herbst sein mag. (Oder vielleicht wegen seiner Drastik und Schonungslosigkeit doch gerade. Schonungslos vor allem dem Künstlersubjekt gegenüber. Fichte ist nämlich ein Arsch – eine mögliche Interpretation zumindest, aber es gibt auch andere, philosophischer gegründete.) „Meere“ zu lesen, lohnt sich gerade deshalb, denn wir finden hier ein wildes und ein großes Stück Literatur.

Herbst ist ein Schriftsteller, der im Literaturbetrieb leider kaum vorkommt, der im Feuilleton wenig besprochen wird. Das ist nicht nur bedauerlich, sondern im höchsten Grade ärgerlich. Mit Alban Nikolai Herbst haben wir nämlich einen jener Autoren, die zum besten gehört, was die Gegenwartsliteratur uns bietet. Und auch als Essayist ist dieser Mann streitbar und lesenswert und vor allem ein eleganter Stilist. Vielleicht führt die Aufhebung des Verbotes ja dazu, daß mehr Menschen das Werk von Herbst für sich entdecken. Es ist Literatur jenseits des modischen Schnicks und des Schnacks. Auch wenn Herbsts Prosa oft dicht am Geist der Zeit ist, den Puls der Zeit abhorcht – besonders in der ästhetischen, künstlerischen Konstruktion -, so ist diese Art des Schreibens eben kein Anbiedern an den Zeitgeist

Clemens Meyer zum 40. Geburtstag

Ein Alter, das nicht Fisch und nicht Fleisch ist. Man steht als Mensch mitten im Leben, in Saft und Kraft, nichts Besonderes, keine Wendemarke wie die 50, zu Gebrechen und Alter hin sich neigend, oder ein Abschied vom süßen Vogel Jugend, wie die 30. Als Schriftsteller ist man mit 40 Jahren mitten in der Produktion. Zeit der Reife. Das beweisen Clemens Meyers Bücher. Von seinem ersten Roman, über die Poetik-Vorlesung „Der Untergang der Äkschn GmbH“ in Frankfurt oder dieses Jahr der Erzählungsband mit dem wunderbaren Titel „Die stillen Trabanten“.

Alles Gute, nachträglich, für einen außerordentlichen Schriftsteller, dessen Schreiben ich schätze. Clemens Meyer wurde am 20. August 40 Jahre. Obwohl mich das Milieu und die Szenerien, von dem er berichtet, von meinen ästhetizistischen Intentionen her nur am Rande interessieren – oder vielleicht gerade deshalb? Beruht darauf die Faszination? Die Unterschichten, das Lumpenproletariat, die derben Gesellen, die Gescheiterten, an Flaschen Goldkorne. Jene, die man kleine Leute nennt und die es doch nicht sind. Und so wunderte es mich, daß ich 2006 sofort auf Clemens Meyers Debütroman „Als wir träumten“ ansprang und das Buch ganz atemlos las. Was für Niederungen. Nein, es ist nicht die Verklärung des Prolls, den Intellektuelle in ihrer warmen Stube und vom heilen Herd aus gerne betrachten, um sich am Ende wohlig zu schaudern, sondern ein ganz anderes Moment reizt an dieser Prosa: Was für Geschichten und wie grandios erzählt und gesponnen. Das war es, was mich an dieser Prosa faszinierte. Mit Verve und Funkenflug erzählt. Es war nicht der Reiz des Fremden und der Hauch des Exotischen, wie wir es heute so gerne von einer Flüchtingsliteratur oder den Stimmen des Migrantischen erwarten, besonders bei der kulturalistischen Linken, die gerne fühlig die Aura des Anderen sich aneignen, meist seicht in der Botschaft. Fremde Welten sind fremde Welten. Wenn darin die Härte nicht mitgesungen wird, dann bleibt es Kitsch. Shumona Sinha erschreibt diesen Wahn in „Erschlagt die Armen“. Dieser Roman zeigt, daß es gelingen kann, fürs Absurde wie für die Härte eine Form zu bereiten.

Bei Clemens Meyer ist diese Fremde unsere eigene Fremde, inneres Afrika, die Fremde unserer eigenen Gesellschaft – unter der genauso die, die auf der Flucht sind und hier in Deutschland strandeten, leiden. Aber Meyer macht keine simple Sozialkritik, er führt seine Protagonisten nicht für irgendwas vor und benutzt sie, sondern er erzählt eine Geschichte. Bei Clemens Meyer finde ich ein Erzählen, das nicht um die ewige Achse Mittelschicht kreist, im „Sommerhaus-später“-Rhabarber sich suhlt oder Zangesche Realitätsgewitter, die pubertastisch sounden oder Otis-Berlinerische Künstlerexistenz als Odyssee, wie dies Distelmeyer vorführt – stellenweise zwar klug und groß, an vielen Stellen aber auch erwartbar. Noch weniger finden wir bei Meyer jene  Knausgardsches oder Mellesches Selbstbespiegeln bis in die tiefen Gründe der Langeweile, sondern bei aller Roheit des Sujets doch ein feines und filigranes Erzählen. Meyer begibt sich in klarer Sprache in die Niederungen. Egal ob das auf die Pferderennbahn Scheibenholz ist (Die Stadt, die Lichter, Kritik hier auf AISTHESIS), mit „Im Stein“ ins Rotlichtmilieu – von der Form her und im Verhältnis zu Meyers übrigen Texten wohl seine avancierteste und technisch durchdachteste Prosa, teils klar aus der weiblichen Perspektive geschildert – oder in Meyers genialem Auftakt „Als wir träumten“ (2006) nach Leipzig zur Zeit der Wende.

Einer der gelungenen Roman dieser Zeit, das gab es in dieser Form und Weise so nicht – insofern trifft es in diesem speziellen Falle jugendlichen Aufbruchs und Anarchie (im Sinne des Wortes) das eigentlich unsinnige Etikett „Wenderroman“ gut. Es wird eine Phase des Umbruchs beschrieben, in der alles möglich war, als die alten Strukturen wegbrachen und die Autoritäten sich der Lächerlichkeit überantworteten. Selbst die eigenen Eltern, die in diesem DDR-System irgendwie mitgemacht hatten: sie wirkten fern, fremd und vor allem hatten sie nichts mehr zu sagen.

Es war der „Tanz auf den Trümmern“, wie Meyer in einem Interview sagt. Alles war möglich, alles war offen, so dachten diese Jungs und niemand wußte am Anfang dieses Falls der DDR auf welcher Seite er am Ende stehen würde oder ob er da heil herauskäme. Leipzig Anger-Crottendorf. Und in dieser Weise erzählt Meyer, poetisch einerseits, im Ton sogar melancholisch und doch in harten Bildern, diese Zeit des Umbruchs. Wie Jugendliche stehlen, lieben, einander stechen und schlagen. Wie sie Autos knacken, über den Zaun der Brauerei die Bierkästen klauen, sich mit den Nazis anlegen. Das ist nicht nur lustig und für den lesenden Mittelschichtler irgendwie ein Szene-Gag, um die Abwechslung in der Leselust zu generieren, sondern immer hart an der Grenze.

Jenen in der Literatur immer wieder vermißten Realismus – wir finden ihn bei Meyer. Und zwar in einem gelungenen Sinne. Welten voll Härte und doch glimmt in der Liebesgeschichte dieses Romans etwas auf. Von dem wir wissen, daß es am Ende nicht halten wird. Insofern ist Meyers Literatur auch eine Form von Desillusionierung. Ohne freilich dabei seinen Gegenstand je zu denunzieren. Dani, Rico, Marc und die andern – Roman einer Jugend, Coming of age in Ost.

Meyers Romane, seine Erzählungen sind nicht metaphysisch in dem Sinne, daß sie unter der menschlichen Tragik nochmal einen zweiten Boden ausmachen oder Tricks, Drehs und Windungen hineinschrauben, etwas im Fragemodus suchen, was nicht da ist, um die Geschichte zum Menschheitsdrama im Ganzen umwenden. Sondern sie sagen, wie es ist und vor allem, sie zeigen anschaulich, was ist: Der Dreck einer Wohnung, das heruntergekommene Wohnvierte, der Alkohol und das letzte verzockte Geld, eine Liebe, die niemals gelingen kann, die Flucht vor einer drohenden Prügelei: einer gegen sechs. Kein fröhlicher, sondern  ein trauriger Positivismus. Es ist, wie es ist. Die Tragik ist genau das, was sie scheint. Meyer findet dafür und speziell für solche Szenen seine ihm eigene, oft karge Sprache. Vermittels dieses Ausdrucks entsteht eine ganz eigene Atmosphäre: Man meint plötzlich sich an jene Orte versetzt, von denen er berichtet, sieht plastisch die Figuren vor sich. Eine Tankstelle im Abendlicht, die Kneipe im Leipziger Hauptbahnhof.

„Für mich ist Leipzig ein Ort, an dem ich die Welt erzählen kann.“ So Meyer. Es ist verständlich, Leipzig zu lieben, ja dieser Satz gilt eigentlich immer für die eigene Heimat und Herkunft: das eigene als Ausgang fürs Andere, fürs Fremde. Mit Mainz allerdings hatte Meyer als Stadtschreiber ein wenig, nun ja, gefremdelt. Einleuchtend auch, als er vor vier Jahren in einem Interview bei der Leipziger Buchmesse auf die Frage, weshalb er nicht in Berlin lebe, wo es so viel zu entdecken gäbe, antwortete: Dort wohnten doch alle Schriftsteller und das sei langweilig. Eine verständliche Reaktion, zumal wenn ich mir das Aufgeblasene mancher Autoren und Autorinnen hier in dieser Stadt ansehe. Nur weil eine Geschichte in Berlin spielt, mit angeblich irrem Lokalkolorit und dem Charme des Rauhen, ist sie deshalb noch nicht gelungen.

Clemens Meyer erschrieb sich diese Welt von Leipzig aus. Und dennoch ist es so, daß diese Geschichten nur dort, einzig in Leipzig spielen können. Das mag an dieser Stadt liegen, ich denke etwa an Jana Schulz‘ Video „Die blaue Perle“, das unter anderem bei der f/stop-Leipzig 2014 zu sehen war. Es zeigt eine dieser Eckkneipen, in Leipzig-Lindenau, wie man sie immer seltener findet, sowie die Menschen darin mit ihren Blicken, ihren Wünschen und wie sie sich ablenken, selbstvergessen tanzen zur Musik, einander umarmen oder an der Theke hocken. Ein Stück Film in Literatur, eine Literatur als Film. In dieser bildlichen Weise sind auch Clemens Meyer großartige Geschichten gewebt.

Am 20. August wurde Clemens Meyer 40 Jahre.

 

Deutscher Buchpreis 2017 – die lange, aber feine Liste

Die Spannung stieg und stieg, „o reine Übersteigung“, nun ist sie da: Die Longlist #dbp17 steht im Netz. Hoher Männeranteil, etwa 2/3, wie Andreas Platthaus süffisant in der FAZ feststellt. Da könnte doch der „Merkur“ gleich einen weiteren Aufschrei starten (siehe dort im Blog die Serie „Sexismus an Hochschulen“). Überhaupt: Wie schaut es beim „Merkur“ eigentlich mit der Frauenquote aus? Hat da schon mal jemand nachgefragt? Nach meinen Berechnungen nicht so gut. Wie viele der Herausgeber sind weiblich? Wie steht es um das Verhältnis Männer und Frauen bei der Textproduktion? Nach meinen groben Berechnungen etwa 7 Männer zu 3 Frauen für die Hefte des Jahrgangs 2017. Jaja, Hildesheim, die Selbst- und die Fremdreferentialität unter Ausblendung des Eigenen, das Glashaus und die Spur der Steine. Aber das ist ein anderes Thema. Buchpreise zumindest sollten nicht nach einer Quote funktionieren. Der geniale und wie immer komische Harald Martenstein schrieb zu solchen Quoten vor eingigen Wochen eine feine Satire:

„In Berlin gibt es den Bezirk Lichtenberg. Im Bezirksparlament sitzen annähernd gleich viele männliche und weibliche Abgeordnete, es steht 32 zu 23. Vor einigen Wochen hat dieses Gremium auf Antrag der Grünen beschlossen, bei der Rednerliste die Frauenquote einzuführen.
(…)
Der Versuch, eine totale Gerechtigkeit bis ins letzte Detail herzustellen, stellt offenbar eine Art Autobahn in den Wahnsinn dar. Wenn man so denkt, muss man aber auch dorthin gehen, wo es wehtut. Falls bei einer Demo drei Polizisten verprügelt wurden, dann müssen sie sofort in die erste Reihe nur noch Polizistinnen stellen, so lange, bis auch drei von denen im Krankenhaus sind. So funktioniert dieses Denken doch. Am Ende steht eine Gesellschaft, in der es morgens beim Bäcker zwei Schlangen gibt, eine mit Frauen, eine mit Männern. In einem Kommentar regte ein Kollege an, die Reform noch gerechter zu machen, weil es Leute gibt, die ein Sprachproblem haben, etwa Stottern, oder die nur schlecht Deutsch sprechen. Die müssten als Erste auf die Rednerliste, weil ein Sprachfehler ein noch größeres Handicap darstelle als das Frausein. Es geht nämlich immer noch gerechter, der Kampf um Gerechtigkeit hört nie auf.“

Aber das sind meist Wellenreiter-Themen. Morgen ist das wieder weg. Nicht anders als die im Betrieb immer einmal wieder aufkeimenden Debatten zur Literaturkritik, die freilich doch um einiges sinnvoller, weil inhaltlicher sind.

Andreas  Platthaus sprach in seinem Artikel zudem ein Buch an, das nicht auf der Liste steht: Barbara Zoeke: Die Stunde der Spezialisten, es erscheint im August in „Die Andere Bibliothek“, was bedeutet: wunderschön ausgestattete Bücher, jedoch zu einem sehr hohen Preis: EUR 42,– zu berappen ist nicht wenig. Egal aber. Der Klappentext zum Buch zumindest klingt spannend, vom Sujekt und von der Idee her fein gebaut. Insofern teile ich Platthaus‘ Sicht:

„1940 ist Max Koenig Professor für Kunstgeschichte. Ein vererbtes Nervenleiden reißt ihn aus seinem beruflichen Leben und fort von seiner italienischen Frau und der kleinen Tochter. Er kommt in eine Heilanstalt nach Berlin-Wittenau. Trotz seiner Hinfälligkeit wird er zum Mittelpunkt einer kleinen Gruppe: einem Schizophrenen, der eine Litanei auf die Farbe »Schwarz« komponiert, einer jungen Pianistin, einer zierlichen Alzheimerfrau und schließlich Oscar, einem Jungen mit Trisomie 21. Der Alltag auf der Station und die rassenhygienischen Kommentare der medizinischen »Spezialisten« werden nur durch kleine Freuden, wie die gelegentlichen Besuche von Frau und Schwägerin, erträglich. Als die Patienten erfasst und klassifiziert werden, schließt sich die kleine Gruppe noch enger zusammen. Alle hoffen darauf, sich nach dem Krieg im Traumland Italien wiederzufinden. Doch Max Koenig und Oscar werden verlegt und ihren Angehörigen entzogen. Töten wird sie Dr. Friedel Lerbe, Mediziner und SS-Mann. Als Leiter einer Tötungsanstalt führt er das NS- »Euthanasie«-Programm mit bürokratischer Präzision aus – jedes Detail des Ablaufs wird von ihm kontrolliert. Ein ganzer Stab von »Pflegern«, Sekretärinnen, Technikern und Leichenbrennern steht diesem »Spezialisten« bei seinem Handwerk zur Seite.“

Gespannt bin ich vor allem auf Sven Regeners „Wiener Straße“. Als Verächter von Kreuzberg und dem Ranz dort muß ich das Buch einfach lesen. Zumal ich mich bisher immer vor Herrn Lehmann gedrückt habe – obwohl eigentlich seit den frühen 90ern Element of Crime zugeneigt, was dann mit der Romantik-Platte abebbte und so vergaß ich den Mann. Gut aber, daß Sven Regener auf die Liste kam, zumal die humoristische Literatur in der Kritik keinen so guten Stand hat. Die Neue Frankfurter Schule um Henscheid und Gernhardt bekam das regelmäßig zu spüren: ob das wohl noch Literatur im hohen Sinne sei, die da produziert würde. Besonders der überstrenge Fritz J, Raddatz konnte in dieser Sache nerven – was sicherlich auch daran lag, daß die Titanic in den 80er Jahren kein gutes Haar an ihm ließ. Und in Ralf Schnells ansonsten lesenswerter Literaturgeschichte zur BRD (und in Ansätzen auch zur DDR) kommen in meiner Auflage jene Autoren leider nicht vor. Das ist ein grober Fehler.

Wenn ich die Langliste mir betrachte, sehe ich: ich muß noch viel, sehr viel lesen, die letzten Monate waren der Theorie und dem Sachbuch gewidmet, die gerade mein Gebiet sind. Lüschers „Kraft“ steht dort auf der Liste zu Recht. Ein großartiger und – nun ja – kraftvoller Roman, eine Prosa in einer besonderen Sprache und mit einer erschütternden Wendung wie es einer brillanten Gelehrtenexistenz ergehen kann. Beim übrigen schaue ich und freue mich: Franzobel, Schulze, Julia Wolf, Zaimoglu, Poschmann und vor allem Thomas Lehr interessieren mich. Eigentlich (fast) alle Bücher, wenn ich mir die Themen betrachte. In diesem Sinne wurde von der Jury eine kluge Auswahl getroffen. Die diesjährige Longlist gibt eine interessante und vor allem anregende Leseliste, ein kleiner Kanon sozusagen, verschafft einen Überblick darüber, was in der deutschsprachigen Literatur möglich ist. Sehen wir mal, was davon bleiben wird. Literaturgeschichte ist schließlich ein offener Prozeß.

Von den Statuen oder die herbe Schönheit fränkischer Frauen

 „Je näher wir dem Park kommen, wo das Unbewußte der Stadt nistet,
desto bedrohlichere Formen nehmen die großen Faktoren des städtischen Lebens an, erheben sich über das Ödland und seinen Lumpensammler-
und Schrebergärtnerhütten mit der stereotypen Majestät und der erstarrten Geste von Statuen.“ (Louis Aragon, Le Paysan de Paris)

„Die Menschheit wird an der Statuomanie zugrunde gehen. Der Gott
der Juden, der die Konkurrenz fürchtete, wußte, was er tat als er die Bildnisse verbot. Wenn große, seltsame Symbole ihre spürbare Macht auf die Welt ausüben, werden die Statuen euch Passanten die Haare vom Kopf fressen.“ (Aragon, Le Paysan de Paris)

Bayreuth – es ist bald 20 Jahre her, daß ich dort wirkte, kaum noch erinnerbar. Einige Reste im Denken, Schlacken in der Phantasie. War es der Orchestergraben, aus dem heraus ich im Rausch der Nacht dirigierte, wie sich unter den Klängen der Walkürenmusik die Rotorblätter aus dem Ventilator entwanden und wir in den Lüften so geschmeidig uns erhoben wie der Luftschiffer des fränkischen Dichters, mit der Luftkavallerie Kilgores, the surfin bird, am Strand landeten? Nicht der Strand knapp unter dem Pflaster, sondern wasserwärts, mit Wolken übers Meer? Roter Main und lauschiges Gebüsch, Gestrüpp, im Sommer die Hitze. Oder bloß der kleine Bayreuther Flugplatz mit dem Blick über die Ebene, auf dem Bindlacher Berg, an den ich mich noch gut erinnere. Oder war es nur die Busfahrt und später dann die tägliche Passage mit dem Auto von Bayreuth nach Auswärts oder der Besuch auf dem Festspielhügel oder ins Fichtelgebirge hineinvagabundierend? Jean Paul natürlich! Und die Geheimnisse der Freimaurerei. Der herbfränkische Charme (Scharrrm müßte man in der Aussprache fränkeln) dieser Stadt am Fichtelgebirge, durch das Siebenkäs und Leibgeber wandelten – eine der berührendsten Abschiedsszenen der Literatur, die Jean Paul im „Siebenkäs“ schilderte, sentiment, mitten in der Natur und Jean Pauls Blick fürs Vergängliche und den Lauf der Zeit, ein Abschied unter Freunden für immer. So geht jeder in seine Richtung.

In der Bayreuther Friedrichstraße findet man die beiden letzten Domizile Jean Pauls, zunächst von 1808 bis 1811 in der Hausnummer 10, und sein Sterbehaus, wo er von 1811 bis 1825 die Tage verbrachte, sehen wir in der Friedrichstraße 5. Wie oft bin ich daran achtlos vorbeigegangen. Vor 20 Jahren. Von der Friedrichstraße führt mein Spaziergang heute in die Ludwigstraße und dort, wo die Friedrichstraße in die Ludwigstraße abzweigt, auf einem kleinen Platz findet sich das Denkmal des großen Digresseurs, des Humoristen, Satirikers, des Humanisten, des Menschenbeobachters mit der ausschweifenden, wie Hegel es nennt, barocken Phantasie und seinem Hang zu Schwarzbier, das man im Fränkischen trefflich trinken kann. Ich denke an Maisels Brauerei und das jährliche Weißbierfest dort, wo ich mit Kolleginnen hinging, eher lustlos, denn ich mag Feste und Menschenmengen nicht. Es spielte die „Spider Murphy Gang“ den Song „Mir san a Bayrische Band“. Aber bei den Oberfranken in Feierlaune löste dieser Refrain keinen Protest aus. Von der Ludwigstraße gelangte ich in den Hofgarten, zu meinen Statuen, die im Verschlag des Gärtners harrten und ich dachte an jenen Spaziergang des Surrealisten und Kommunisten Louis Aragon 1924 durch den Parc des Buttes-Chaumont in Paris, wo er in seinem Roman „Le Paysan de Paris“ – ist dieses Buch überhaupt noch in dieser Gattung faßbar? – die Statuen zum Reden brachte.

Die Frauen in Stein. Der Charme der dunklen fränkischen Frauen sei herb, so sagte man mir damals, manchmal ein wenig bissig auch sei ihr Wesen. Nach eineinhalb Jahren war meine Zeit an diesem wunderbaren Ort, in dieser kleinen und schönen Stadt vorbei.

„Alle Weiber, sogar die ohne Geist, sind über Dinge, die sie näher angehen, die feinsten Zeichendeuterinnen und prophetischen Hellseherinnen.“ (Jean Paul, Siebenkäs)

„Ich denke immer noch, irgendwann einmal sitzen wir alle in Bayreuth zusammen und begreifen gar nicht mehr, wie man es anderswo aushalten konnte.“ (Friedrich Nietzsche, Brief an Malwida von Meysenbug, Februar 1873.

 

 

 

 

Jan Wagner und der Georg-Büchner-Preis

Die einen sagen so, die anderen meinen es seien die „Regentonnenvariatonen“ eine allzuseichte und gefällige Lyrik – eher den gediegenen Publikumsgeschmack des typischen „Landlust“-Lesers treffend. Ich habe mir in der Causa Grünzeug kein abschließendes Urteil gebildet. Ob ich freilich die „Epiphanie eines Rosmarins im schwäbischen Garten“ – so angekündigt bei Hanser für Wagners im März erschienenen Essay-Band „Der verschlossene Raum“ – tatsächlich goutiere und für relevant erachte, mag es sprachlich noch so flirren: auch das weiß ich nicht. Ich wittere hinter solchen Epiphanien eher die theologischen Mucken der Ware. Und rilkesches Wortklingeln und Huberei der Bedeutsamkeiten sind ein zweischneidiges Schwert, das manchem Dichter schon entglitt und ihm auf den eigenen Fuß fiel.

Gut sicherlich, daß nicht nur die älteren Damen und ältere Herren diesen wichtigen Preis bekommen, ein Preis, der fürs Renommee eines Dichters bedeutsam ist. In der FAZ lobt der geschätzte Andreas Platthaus Jan Wagners Lyrik. Jedoch: Ich verstehe solche Art von Kritik nicht:

„Er versteht es meisterhaft, anschaulich zu dichten, in einer allgemein zugängliche Sprache, die aber auf einer vollendeten Kenntnis der lyrischen Formen beruht. Kaum ein klassisches Reimschema, das Wagner nicht schon benutzt, bisweilen auch kreativ variiert hätte. Seine besondere Sympathie gilt dem Sonett.“

Weshalb kann man diese Aussagen nicht mit einem guten Beispiel illustrieren? Ohne Beleg bleiben die Sätze leer und reichen übers bloße Behaupten nicht hinaus. Wenigstens ein klitzekleines Zitat hätte es geben und wir Leser hätten uns ein Urteil bilden können, weshalb dieses Dichten meisterhaft sei. Nun werde ich morgen in meine Buchhandlung stapfen und schauen, was auf den Auslagetischen von Jan Wagner zu finden ist. Ich werde mir das eine oder andere Buch greifen. Besonders an Debüts bin ich interessiert. „Probebohrung im Himmel“ – das klingt für den materialistischen Metaphysiker im Grandhotel Abgrund verlockend. Aber vielleicht ist Jan Wagner genau als das zu begreifen: Lyrik in luftigen Höhen. Doch diese Luftschifferei ist nur bedingt meine Sache, und meist interessiert sie mich als Prosa, wenn der Kontext stärker gefaltet und dann wieder ausgefahren wird. Schachtelprinzip. „Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch“. Luftgeist statt Erdgeist. Und wenn schon Erdgeist, dann einer, der seine Sache auf Sand oder dicht am Meer baut. Verspieltheit in Sprache, immerhin, funktioniert in vielen Varianten. Für jeden was dabei. Ein Vivat auf Jean Paul! Und auf Jan Wagner bin ich dann mal gespannt. Ich habe mich, das sei zugegeben, vor seiner Lyrik bisher herumgedrückt.