Im Bamberger Hain, in den Gassen der Stadt: Von den sprechenden Hunden und einem üblen Getränk namens Rauchbier

Ein fast Robert-Walserhaftes Spazieren, bloß ohne Ziel, anders als in der seltsam-versponnenen und auf ihre Art unendlich traurigen Erzählung „Der Spaziergang“. Das Licht im Winter ist schöner als im Sommer, denke ich mir auf meinem Weg aus der Stadt hinaus – zumindest zum Photographieren schöner – im Bamberger Hain und, später wieder zurück von freiem Feld und schattigem Baumwuchs, den Wiesen und Gewässern, dem Schleusenwehr und an der Regnitz gegenüber am Ufer die Künstlerville Concordia, zurück dann in die alten Stadt, zur Fleischerei, wo es ein Leberkäs-Semmel gab, aber wenigstens temperiert es im Sommer angenehmer. Denn warm ist es und Licht strömt in den Hochtagen des Juni auf Gassen und Wege. Sommerbeginn, der längste Tag des Jahres, ich sitze draußen, abends in der Galerie am Stephansberg oder im Café Müller mit einem Weißwein, noch kurz vor den Vorträgen. Tags ist das Sommerlicht grell. Der Abend allerdings bietet besseres Licht zum Photographieren. Nur: da waren die Vorträge in der hellen Dominikanerkirche zu hören, also blieb die Kamera in der Tasche.

Im Bamberger Hain begegnete ich dem sprechenden Hund Berganza und nach einigen Gläsern des eher gräßlich schmeckenden Bamberger Rauchbiers scheint es einem, als wäre es tatsächlich so: alle Hunde sprächen zu einem oder blickten seltsam zum schwankenden Gast hinauf. Die Stadt der sieben Hügel. Beim Aufstieg zum Michelsberg oder zum schönen Biergarten auf dem Stephansberg kann man ins Hecheln geraten und der Alkohol stieg besonders ins Blut. Bamberger Rauchbier schmeckt, als hätte ein böswilliger Mensch oder ein maliziöser Gott einen Räucherspeck zehn Tage ins Bier getunkt. Sebastian drängte, unbedingt dieses Bier zu probieren, riet aber gleichfalls zur Vorsicht; dies sei nicht jedermanns Sache und Geschmack. Und so war es dann auch. Wir taten es im Alt-Ringlein. Ich schlendere in weißer Sommerjeans. Hunde zumindest begegnen einem im Hain einige, wenn man tagsüber und natürlich noch heilignüchtern an den Ufern der Regnitz spaziert. Aber all diese lieben Hunde, die da an der Leine oder manchmal auch ohne laufen: sie alle sind wohlerzogen. Manche Leser des Hoffmann-Textes freilich und Kenner seines Werkes behaupten, E.T.A. Hoffmanns „Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza“ sei eines seiner schwächsten Prosa-Stücke gewesen.

„Du bist Kulturblogger, du mußt Gehaltvolleres machen, statt nur zu schweifen und abzuschweifen!“ „Nein, nein, ich muß bloß spazieren, eine Kamera zwischen den Pfoten. Die Geschichten entdecke ich nicht, sondern gehe an ihnen vorbei, gebe ihnen höchstens ein Bild, setze sie in eine Photographie“. Solches unaufmerksame Gehen vermurkste mir am Ende eine schöne Story für die Zeitung. Aber diese Geschichte läßt sich nachholen.

Im Bamberger Hain scheint grell die Sonne, anders als auf meinem Gang im Winter dort, und vor dem Denkmal Ludwig des II. räkelt sich eine junge Schönheit im Bikini. Ich blicke gelassen vorbei.

 

Bamberg – Neigung zum Katholizismus

Die Pracht und die Herrlichkeit der katholischen Kirche sind unerreichbar. Ich habe mein Amt angetreten.
 
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Der Bamberger Dom ist eine Basilika, die in den Stilen zwischen Romanik, Gotik bis hin zum Barock schillert, darin sich eine Vielzahl an Statuen, Altären sowie das Grab des Kaisers Heinrich II. befindet, dessen Sarg aus der Werkstatt Tilman Riemenschneiders stammt.  Im Bamberger Dom befindet sich zudem das nördlichste der erhaltenen Papstgräber, und zwar ist es das von Clemens II. sowie jener rätselhafte Bamberger Reiter aus dem frühen 13. Jahrhundert, der seinerzeit farbig bemalt war: Ein Mann mit einem roten Gewand. Ein Mirakel bleibt es ebenfalls, was eine solche Reiterstatue in einem Dom zu suchen hat; um die Bedeutung dieser Skulptur ranken sich unterschiedliche Deutungen.

Was den Bamberger Dom ausmacht, ist seine Pracht und die reichhaltigen Kunstschätze: vom Veit-Stoß- bis zum Riemenschneider-Altar. Katholische Sinnlichkeit, Kunst und Katholizismus. Das Katholische begleitet uns. Selbst in den vermeintlich säkularen Zeiten wirkt es nach, umfängt den Geist.

Die katholische Kirche ist uns immer noch nahe – vor allem in ihrer Doppelmoral, die wir nicht loswerden, sowie in ihren Ritualen und Anbettungsszenerien. Die verborgene Theologie des Politischen – bis heute hin. Das Katholische ist das, was sich aufs Ganze bezieht. Nietzsches Haß auf die christliche Religion war nie eine Aversion gegen die Religion als solche, sondern gegen eine bestimmte Form, die in unheilvoller Unterkomplexität ihren eigenen Grund nicht zu reflektieren vermag (dies gilt wesentlich für den Protestantismus in vielen seiner Spielarten) und deshalb mit doppeltem Standard rechnet und die zudem für eine bestimmte Weise des Moralisierens und Wertens zuständig ist. Der Doppelstandard in die heutige Zeit transformiert: links blinken, rechts fahren. Der deutsche Hund wacht fest am Rhein, er ist mal katholisch, dann wieder evangelisch und wenn es den Zeitgeistumständen geboten scheint, auch links, wenn es ihm auch nur um den Pantoffel geht, den er treudeutsch an den Tatzen trägt, um sich brav am guten Gewissen zu erwärmen. Und bekanntlich scheißt der Deutsche Schleim. Hoffen wir nur, daß mancher nicht auf seiner eigenen Schleimspur ausrutschen wird. Nietzsches Spott richtete sich gegen all die Kleinbürger mit dem schmalen Denkhorizont: der deutsche Michel mit Schlafmütze und dem chronisch guten Gewissen des Rechtschaffenen. Es gibt ihn in mancherlei Gewand.
 
14_04_24_P_5_5146 [Bamberg, Kloster Michelsberg]

Immerhin jedoch ist der Doppelstandard des Katholischen sinnenfroh, barocke Pracht eignet ihm, es kann gesündigt werden, ohne daß die ewige Verdammnis zwangsläufig gegeben ist, denn für die Verfehlungen betet man einen Rosenkranz, und in mancher Gestalt kommt die katholische Lehre mit metaphysischer und theologischer Bildung daher, die von Aristoteles über Thomas von Aquin reicht. Naphta versus Settembrini. Das entschädigt für vieles. Leider eignet dem Katholizismus ebenso eine gewisse Dogmatik und die Starrheit des Denkens. Das macht ihn weniger sympathisch. Die Kategorien bleiben häufig statisch, was bei einer solch großen Institution andererseits nicht verwundert. Am Ende aber ist mir die direkte und evidente Verlogenheit lieber als die Lügen derer, die sich im Gewand der Rechtschaffenheit tarnen, in der Realität aber kleine Wichtel sind.

Doch muß man zur Ehrenrettung des Katholizismus sagen: es ist immerhin eine polytheistische Religion. Nicht einen Gott gibt es, sondern in den verehrten Heiligen dupliziert sich Gott. Ebenso besitzt der Katholizismus über den Marienkult Matriarchat-Strukturen. Es bewahrt sich im Katholizismus zugleich die Fetischreligion der Naturvölker: man denke nur an die Gewandfetzen, an die Kreuzessplitter und die Nägel des Kreuzes. Gestern erzählte mir ein befreundeter Wissenschaftler, man habe bei einer verstorbenen alten Frau eine Kiste gefunden, darin lag ein rostiger Nagel. Dieser Nagel war vom Vatikan zertifiziert. Und zwar stellte der Vatikan das Echtheitssiegel darüber aus, daß es sich um einen der Nägel handelt, die in der Schmiede neben den Nägeln gelegen hätten, mit denen Jesus ans Kreuz geschlagen wurde. Eine wunderbare Geschichte. Fast wie die vom Bergwerk zu Falun.

Bamberg ist zugleich die Stadt, in der E.T.A. Hoffmann einige Zeit lebte. Es entstand dort die Novelle „Der goldene Topf“. Weiterhin schrieb Hegel in Bamberg an seiner „Phänomenologie des Geistes“, was man ihm mit einer Inschrift dankte. (Man beachte die Reihenfolge der Vornamen! Es gibt Danaergeschenke.)
 
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Heimliche Rache der Katholen am Pietismus und an jener Philosophie, die man – zumindest was seine Staatslehre betrifft – als Zen-Buddhismus für Preußen bezeichnete? Wir wissen es nicht.
 
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