Die Tonspur zum Sonntag (Kofelgschroa, Eintagesseminar)

Zurück vom Wochenseminar und zum Glück bei mir auch mehr als ein Eintagesseminar, und auch fürs Philosophische ward gesorgt, für eine ganze Woche lang: Adorno, Heidegger, Hölderlin. Dazu köstliche Südtiroler Weine. Zurück nun also von den Berghöhen bei Leifers. Alles das ist nun nur noch Nachklang und Erinnerung. Eine Woche ohne Netz und Medien. Wunderbar und schön. Natur und Text. Nun wieder da und herunter, nicht wie Zarathustra, sondern nur die normalen lichten Höhen.

„Abwärts gehts von ganz allein.“

Tonspur zum Sonntag – Komm in den totgesagten park und schau

Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade

Dort nimm das tiefe gelb das weiche grau
Von birken und von buchs · der wind ist lau
Die späten rosen welkten noch nicht ganz
Erlese küsse sie und flicht den kranz

Vergiss auch diese lezten astern nicht
Den purpur um die ranken wilder reben
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht
(Stefan George)

100 Jahre AISTHESIS – Coin Operated Boy

Hier zum Jubiläum die spannenden Geschichten, die sich aus dem Bloggen in einem Jahrhundert ergaben, oder die Debatten, Dispute aus den Jahren zu nennen, Exemplarisches herauszustellen und Interessantes in ein Tableau zu bringen: all dies sprengte den Rahmen eines Beitrags. Nicht zurück, vorwärts geht der Blick. Wenngleich ein Blog ja auch von dem lebt und sich dadurch konstituiert, was er war. Hundert Jahre Einsamkeit, hundert Jahre sind eine lange Zeit. Oder waren es doch bloß derer zehne? Zehn Jahre sind eine Zeit.

Der jüdische Künstler Boris Lurie, 1985: „Du glaubst, mein Freund, mein Menschenfresserfreund, das, was gewesen, ist nicht mehr? … Was ist geschehen und gewesen, das verschwindet nie.“

Es bleibt dabei, es geht nichts über böse, toxische, alte, weiße Männer, die Blogs betreiben. Wir loben sie und es ist gut. Und wenn ein Weib dies ebenfalls macht, so ist es ebenso gut und wohlgetan. Auf AISTHESIS wurden nie Privilegien gecheckt, sondern selbige genossen. „Geben sie Luxus, auf das Notwendigste kann ich verzichten!“ Gedankt werden muß freilich auch all denen, die hier mit Regelmäßigkeit oder manchmal nur sporadisch kommentieren. Denn genau das gehört zum Blog. Texte als Monologe sind ok, aber Debatten sind besser. Zumindest wenn sie gut geführt werden und wenn sie Erkenntnisse bringen.

Festzuhalten bleibt: Es hat sich in diesen zehn Jahren in der Blogosphäre einiges, nein fast alles verändert. Eine Vielzahl an Blogs kam hinzu, vor allem Literaturblogs. Sie kamen und viele gingen wieder. Bei einigen ist es schade, man ist melancholisch gestimmt. Anderen mag man keine Träne nachweinen. Aber wie es einer in seinem Blog macht, muß am Ende jeder für sich entscheiden. Ich fahre und fuhr meinen Stil. Das halte ich weiter so. Mancher neue Blog kam in meiner persönlichen Leseliste hinzu, vieles verschwand daraus auch wieder. Aus der alten Zeit vermisse ich Iris Nebels Blog, Alea Torik ebenso. Auch um „Aboutsomething“ und Brasch-Buch sowie „Lustauflesen“ von dem man nichts mehr hört, ist es schade. Alban Nikolai Herbst gibt es zum Glück weiter, ebenso Begleitschreiben – immer gerne gelesen.

Das schöne am Bloggen ist, daß man es, anders als im Feuilleton, im Bereich Kunst und Kritik nach seinem Gusto treiben kann. Ein Blog kann Hans Henny Jahnns „Fluß ohne Ufer“ oder Faulkners „Licht im August“ besprechen und dazu einen Essay bringen, der jegliches Feuilletonformat sprengt. Oder an Literatur erinnern, die vor Jahren eine Debatte auslöste, wie etwa Christa Wolff, Günter Grass oder Jonathan Littell. Des Feuilletons Buchkritiken müssen halt, und das ist auch gut so, aktuell sein, das Feuilleton kann nicht noch einmal eine Rezension zu „Unendlicher Spaß“ machen. Ein Blogger darf das. Insofern können sich Blog und Feuilleton ergänzen. Die Fragen des Entweder-Oder und auch andere immer einmal wieder inszenierte Scheindebatten sind längst passé, die – teils inszenierten – Kämpfe ausgefochten. Was sollʼs also? Was bleibt? Vorwärts immer! Weitermachen.

Frei nach Jean Paul machen wir hier weiter mit unseren Grönländischen Protokollen, den Zeichen aus der Kältezone, mit Literatur und mit Kritik und mit Kunst und Ästhetik. Eis, Thesis: die Synthese sind Texte, die offen sind. Essays als Form. Geschichte, Geschichten, ästhetische Theorie aus dem Grandhotel Abgrund, dessen Hausherr die „Verhaltenslehre der Kälte“ immer noch als geboten sieht. Sich mit keiner (politischen) Sache gemein machen. Ein Loblied aufs Artifizielle, aufs Kalte, Künstliche – mit Seitenschritten manchmal ins Gesellschaftliche. Bleiben Sie dem Blog gewogen oder auch nicht! Den treuen Leserinnen und Lesern aber sei auf alle Fälle gedankt!

Die Tonspur zum Sonntag – Aufschreibsysteme

„In Paris saß in der Mitte des Raumes auf sehr erhöhtem Sitz eine bedeutende Dame und hatte nichts zu tun, als mit einer Hand den Besuchern Geld in Spielmarken umzutauschen. Wie wäre es, wenn Du als Anregerin der Sache in Berlin diesen Posten bekämest. Ich sage es nur deshalb, weil Du dann mit der andern für den Dienst unnötigen Hand den ganzen Tag Briefe an mich schreiben könntest. Liebste, was für Narrheiten erfindet das Verlangen nach Dir. Liebste, ich werde ganz traurig über mich. Hätte ich die Zeit, während welcher ich Briefe an Dich geschrieben habe, zusammengeschlagen und zu einer Reise nach Berlin verwendet, ich wäre längst bei Dir und könnte in Deine Augen sehn. Und da fülle ich Briefe mit Dummheiten, als dauerte das Leben ewig und um keinen Augenblick weniger lang.“
(Franz Kafka, Briefe an Felice)

(Im Hinblick auf unsere Debatte zum Pop und zur popular music: Immer noch groß und als Gegenspiel zum Bringsystem Pop ist freilich diese Musik, wenngleich es sich hierbei sicherlich auch um ein Stück popular music handelt. Wobei wir im Hiblick auf den korrespondierenden Kafka-Brief dazusagen müssen: Kafka trank keinen Alkohol.)

Die Tonspur zum Sonntag – der Naschmarkt zu Wien

Die Buchstaben [die da im Video gezeigt werden, verkleinert freilich aufs Millimetermaß] transplantierte ich unter die Fingernägel jener Frau. (Raten Sie jetzt: Welcher Film, welche Serie, welche Figur? Hülsen in Plastikplanen, ein Fluß, ein Sägewerk, die schönste Hoteliers-Tochter, die je im Fernsehen auftrat. Abstrakt denken lernt man durch abstraktes Denken. Schuß und Gegenschuß.)

Laufen, wandern, schlendern: schauen mit Nikon in Wien. Aufstand, Widerstand. Marktstand. Waren warten. Parallelbilder. Polis Habsburg. „Drogenreste aus Jugendtagen“.

Die Tonspur für Wien

Demnächst wieder durch Favoriten, Mariahilfer Gürtel, Margareten Gürtel streifen – die Ringstraße des Proletariats, wie es hieß. Zwischen Lugner City, Hofburg, dem Café Griensteidl, Stadtpark, drittem Bezirk, hinüber zum Praterstern, Vororte und Zentrum – bis nach Transdanubien. Wir werden sehen, was die Kamera einfängt. Die Theaterkarten für die Burg sind besorgt. Glaube, Liebe, Hoffnung, von Michael Thalheimer inszeniert. Guter Platz im Parkett. Ob der Wienfluß inzwischen vertrocknet ist? „Gesellschaft für projektive Ästhetik“ lese ich auf dem Google-Plan, Photogalerie Ostlicht, Photogalerie Westlicht – das alles besuchen wir. Egon Schieles Innenblicke. Nichts Schöneres als diese Stadt. Farben im Ornament verwoben. Zur Großstadt demoliert. Ich suche, suche in allen Straßen: Neue Bilder. Wo alles schön, wo alles bös ist. Wo ich aus dem herrlichen Café Prückel abends trunken nach Hause schleife.

Im verhüllten Modus oder hinter den Fenstern – die Tonspur zum Montag

Samstagnacht auf dem Fahrrad mit Riesling im Blut, im trunkenen Fürsichsein, im reichen Westen Berlins, Grunewald, an den Villen vorbei auf menschenleeren Straßen heimwärts radeln, irgendwann im Monat Mai in einer dieser warmen Nächte, da man noch bis tief in die Mitternacht hinein im Garten sitzen kann, auf dieser Nachtfahrt mit imaginierter Musik im Ohr, und sie sind, trotz meines vehementen Vorbehalts gegen das Zwangsystem Pop, immer noch, seit über 20 Jahren, die besten aus England oder vielleicht eher eine der besten Bands, denn auf Neil Young lasse ich ebensowenig kommen: Oasis. Sage ich als Franzosenfreund. Doch dieser Sound blieb immer in mir kleben, haftete, wenngleich ich die Attitüde von Oasis ansonsten läppisch fand. Aber es bleibt diese Musik, die sich, wie sollte es auch anders sein, mit Erinnern koppelt. Hier, da, dort, Dresden,  eine Autofahrt nach Leipzig, ein Tag an der Elbe bei Wittenberg, an den Orten in Hamburg, das Café unter den Linden, die Ess-Bar in der Rentzelstraße. Daß Alkohol und Literatur das ästhetische Denken beflügelten und daß Philosophie auch etwas mit Intensität zu schaffen hat, Philosophie immer auch eine Variation auf Ästhetik ist, bei aller rationalen Konstruktion und bei aller logischen Schärfe, ging uns  in jenen Abenden in Hamburg auf. Mit deutschem Riesling im Blut, der aus dem Elsaß geht auch und ist durchaus lecker, aber anders in seinem Geschmack, dachte ich mir beim Treten in die Pedalen und während der Alkohol vom situativ-seltenen Sporteln zunehmend in den Kopf mir stieg, tönte es und ich dachte mir, wie man einen solchen Augenblick festhalten könnte: An einem jener klassischen Sommertage in einer Seitenstraße von Dahlem. Inzwischen Bezirkwechsel und meine Wohnung rückt in Reichweite. Ob dort im Kühlschrank noch ein Absackwein stünde? Es ist eben am Ende immer noch die Erde, die den Geschmack eines Weins bestimmt. Terroir, dachte ich, was lustig ist vom Französischen her und mich sogleich an deren Große Revolution und den terreur  erinnerte, wie dicht die Begriffe phonetisch beieianderliegen, und so kam mir in den Sinn, daß mir die Freigeistigkeit am Ende doch über alles und vor jegliches politische Systemn geht.

So radelte ich mit dieser Musik. Dachte an den Tag in Wittenberg, das Bett in Leipzig, das nach spanischem Weißwein immer wieder auseinanderrückte, dachte und dachte und fuhr in diese schöne Nacht, weit im Westen Berlins, da wo wenig Menschen sind und die Stadt tatsächlich noch schön ist. Dem folgt Gesang.

 

Die halb zugezogenen Jalousien – den Sinn vom Französischen genommen, was sprachlich auf die Eifersucht verweist – in solchen Wohnhäusern, vorm Fenster, irgendwo im Juni, im Fränkischen, in Bamberg, an jenen Junitagen, da der Sommer noch nicht ganz verstaubt ist, in einer deutschen Stadt, in den Gassen einer deutschen Kleinstadt, eher ein Schweigen. Diese Stille, diese halbweißen, silbernen Jalousien vorm Glas, die irgendjemand halb oder sogar ganz herunterzog, haben mich immer schon fasziniert. Mitten am Tag. Oder im Süden ein geschlossener Fensterladen, wie damals in Rom oder Paris. Jenes südländische Blickdichtmachen des Wohnraums, und jenes Aussperren des Blickes im Norden in der modernen, effizienten, metallischen Weise. Die Hitze, das Licht, die Wärme draußen zu halten. Auch im Süden sind die Fensterläden zum hohen Mittag meist geschlossen. Pans Mittag, nur ohne den schrillen Schrei der Flöte und ohne den Schrecken inzwischen, der in dieser stillen Stunde einst in die Glieder fuhr. Aber doch immer noch dieses Licht, darin sich sowas wie Mythos zeigt. Nicht anders als in Bamberg – „Wörtersüden“. Oft sind diese Läden aus schönem Holz. Jalousien sind aus Leichtmetal. Kälte von Lamellen. Ich mag diese Dichte. Mineralisch in ihrer Weise. Deutsch im schönen Sinn. In der Wohnung ist es kühl und Obst liegt in einer Schale oder eine Photographie von Rilke da an der Wand. In der dunstigen Abgestorbenheit Bambergs zum hohen Mittag.

Die Tonspur zum Sonntag – 2000 Jahre Karl Marx und darüber hinaus

Zum Abtakt des 200. Marx-Geburtstags im Mai, den dieser Blog von seiner Herkunft her naturgemäß beging: Der Mann mit dem Koks ist da! Essen und Villa Hügel. Schnee und Schwarz. Unser Fetisch ist die übliche Verkehrung und der Verkehr beim Betrachten. Mit Falco und einem Video, das den Verkehr mit Fetisch pointiert.