Parteitag der Grünen, Berlin März 2021

Der Wunsch des Kindes, einmal Indianerhäuptling zu sein.

Gerne erinnern wir uns an die Deutsche Schlagerparade im NDR-Hörfunk der 1970er Jahre. Mit Ilse Rehbein. Da hockten die Kinder aufgeregt vor dem Radioapparat mit einen Kassettenrekorder. Gerne erinnern wir uns an Gus Backus und jenen lustigen Song von den wilden Indianern und ihrem Häuptling. Gerne erinnern wir uns irgendwann auch des Parteitags der Grünen im März 2021 in Berlin. Und zu Punkzeiten in den frühen und mittleren 1980er Jahren war dieser unten eingespielte Song immer eine willkommene Abwechslung nach zu viel Throbbing Gristle, SPK, Coil oder Neubauten. „Du kannst gehn, aber deine Kopfhaut bleibt hier“: auch das war damals nicht nicht nur ein lustiger Song von den Ärzten, sondern auch ein geflügeltes Wort. Heute dürfte beides bei der gegenwärtigen evangelikalen Linken unter den Tatbestand „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ fallen, so wie in den 1950er Jahren bei der CDU/CSU das Abbilden barbusiger Frauen.

Mit Gruß an die arme Bettina Jarasch, die ihre unbedarfte Äußerung büßte und sowas Böses nie wieder sagen wird. Beim Fasching Indianerhäuptling zu sein! Also nein.

Wunsch, Indianer zu werden

Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.“ (Franz Kafka)

Zum Frauentag

Daß auch beim Militär gendergerecht und genderfair marschieren werden kann, zeigt unsere glorreiche Kaiserarmee, allerdings die aus der k.u.k.-Monarchie. Nicht etwa im Wirtshaus oder beim Wirt kehren diese braven Männer des Deutschmeisterbataillons (ein Regiment zu Fuß und ein Regiment zu Pferd) ein, sondern „bei einer Frau Wirtin“, wie in dem unten ausgestellten Tondokument nachzuhören ist. Da würde auch Anatol Stefanowitsch gerne wieder Knobelbecher anziehen.

Ansonsten verweise ich, was Frauen und Pferde betrifft, auf die wunderbaren Illustrationen von Franziska Schaum, die den Titel tragen „Frauen sind mit Pferden zusammen“. Diese Serie erschien damals in der „Berliner Zeitung“ als diese noch gut und vielfältig ausgerichtet war. Heute rate ich jedem, das Abo abzubestellen. Ich habe es gemacht. Leider läuft es noch bis Juli. Aus der Rubrik „Problem der Vorauszahlungen“.

Beethovenvariante zu Europa

Hingewiesen sei im Kontext dieses identitären Beethoven-Quarks von Bernadette La Hengst (siehe letzte Woche) auch auf Kurt Sowinetz‘ Beethoven-Version, die da lautet „Alle Menschen san ma zwider“, wofür ich meinem Facebookfreund Martin Ross herzlich danke, der mich auf dieses herrliche Musikstück brachte. Wiener Schmäh in seiner besten Form. Kombinieren möchte ich es mit einem Zitat aus Walter Benjamins Essay zu Karl Kraus aus dem Jahre 1931:

„Der Satiriker ist die Figur, unter welcher der Menschenfresser von der Zivilisation rezipiert wurde. Nicht ohne Pietät erinnert er sich seines Ursprungs und darum ist der Vorschlag, Menschen zu fressen, in den eisernen Bestand seiner Anregungen übergegangen, von Swifts einschlägigem Projekt, betreffend die Verwendung der Kinder in minderbemittelten Volksklassen bis zu Léon Bloys Vorschlag, Hauswirten insolventen Mietern gegenüber ein Recht auf die Verwertung ihres Fleisches einzuräumen.“

Wenn du denkst, schlimmer geht’s nicht mehr, kommt Bernadette La Hengst daher: Europahymne der VIELEN

Aus der Rubrik „Wir wiehern vor Lachen“. Es fehlt bei diesem unten im Video gezeigten Setting der „Europahymne der VIELEN“ nur noch die Sonderbeauftragte für Betroffenheitsangelegenheiten, Frau Carolin Emcke. Inzwischen hoffe ich nach den Corona-Einschlägen auf eine umfassende Pleitewelle in der Kunstbranche und daß wir von all diesen Leuten nie wieder im Leben etwas hören werden, weil sie zur Erwerbsarbeit in einem klassischen Produktionsbetrieb gezwungen sind. Ich fürchte aber, daß bei der Dauermittelosigkeit dieser Leute auch nach deren Rente noch mit Auftritten und Gesangseinlagen zu rechnen ist, um das Geldsäckel zu füllen.

Auf Facebook dichtete ein Kommentator treffend: „Wo man singt, da laß‘ dich bloß nicht nieder …laufe weg, denn Gutmenschen haben böse Lieder.“

Was ist das für ein stein- und strunzendummes entsetzliches Zeugs, was da gesungen wird! Wenn es dann aber an die Fördertöpfe für gescheiterte Künstler geht, ist plötzlich die deutsche Nation doch eine ganz prima Sache. Denn jeder Italiener, jeder musikliebende Ire oder Grieche würde Euch für diese Grütze vom Hof jagen und statt Fördergeld gäbe es faule Eier zum Lohn. Und das ist noch die freundliche Variante.

Insbesondere nach dem Hören dieses Liedes wird jene Phrase „Wie sehr fehlt uns Wolfgang Pohrt“ doch wieder hinreichend evident und erweist als wahr sich. Und vor allem zeigt sich hier einmal wieder die Notwendigkeit, strikt individualistisch zu bleiben und sich nicht auf Gruppen einzulassen.

Dem folgt, wie zum Beweis des Geschriebenen, deutscher Chorgesang.

Das muß uns Deutschen erst einmal jemand nachmachen! (Frei nach Heinrich Manns „Der Untertan“) Da fehlt nur noch der Rundfunkchor des Deutschlandfunks Kultur. Was Bernadette mit Beethoven machte, das hat nicht einmal Ursula von der Leyen mit Europa geschafft anzurichten.

Heiliger Abend und dritter Weihnachtsbuchtip

Während meines Studiums der Literaturwissenschaft Anfang der 1990er Jahre belegte ich einige Seminare auch zum Theater. Unter Theater, zumindest im europäischen Sinne, so dachte ich mir bis zu diesem Zeitpunkt, stellte ich mir ein Geschehen vor, wo Menschen auf einer Bühne stehen und etwas aufführten und in irgendeiner Form eine Geschichte oder Szenen darboten. In diesem Seminar nun begegnete mir eine schon etwas betagtere Studentin aus Persien. In meinen Augen eine alte Frau, vielleicht 60 Jahre, und sie erzählte uns vom Puppentheater. Ich fand das zunächst – auch im Zusammenhang der Texte von Erika Fischer-Lichte, die wir bearbeiteten –, seltsam und dachte, dies sei irgendeine spinnerte Alte, die sich auf ihre alten Tage an der Universität als Student noch einmal verwirklichen wollte. Doch wie sie von diesem persischen Puppentheater erzählte, von den Figuren, dem Spiel der Puppen, den Kostümen, der Bühne, der Inszenierung: da wurde all das plötzlich ganz lebendig und anschaulich und wo ich zunächst dachte „Was für ein Quatsch und Kinderkram!“, da bemerkte ich einen hohen Ernst und eine Schönheit der Sache und wurde neugierig – nur aus der Erzählung der Alten heraus und wie sie dieses Theater und dessen Idee schilderte. Das ist Kunst, dachte ich, und eine höhere vielleicht als all unsere selbstzufriedenen Bühnenaufführungen, wo oftmals Jungregisseure unnütz Geld verprassen und dabei doch das seit Jahren bekannte Einerlei darboten. Die 10.000ste Provokation, die lange schon nicht mehr provoziert. Oder wie es Hans Magnus Enzensberger bereits 1962 schrieb: „Eine Avantgarde, die sich staatlich fördern läßt, hat ihre Rechte verwirkt.“ Man ist angekommen, man ist arriviert. Nicht so dieses herrliche Puppentheater.

Diese Geschichte fiel mir ein, nachdem ich vor einigen Wochen Thomas Hettches Roman „Herzfaden“ gelesen hatte. Er handelt von der Geschichte der Augsburger Puppenkiste, von ihrer Gründung in den Kriegsjahren und zugleich wird aus der Gegenwart eine Geschichte parallel geführt. Wer Urmel, Lukas, Jim Knopf, Kalle Wirsch und all die anderen Puppen mag und wer überhaupt diese Augsburger Puppenkiste schätzt, wird in diesen Roman verliebt sein. Er ist stellenweise berührend schön in seiner Sprache und der Art, wie diese Geschichte erzählt wird. Hettche schafft es, eine Intensität herzustellen und wie ein guter Marionettenspieler erreicht er eben genau jenes Herz des Lesers bzw. des Zuschauers, so daß die Marionette ganz und gar lebendig erscheint. Eben jener Herzfaden, der zentral ist, weil er der Marionette Leben einhaucht. Ganz und gar große Literatur – auch deshalb weil sie nicht nur von Puppen, sondern von uns Menschen und von der Welt des Theaters handelt. Solche Poesie und Intensität paßt vorzüglich auch zum Heiligen Abend. Da wird in Augsburg Hänsel und Gretel aufgeführt, Geschichten werden für die Puppenbühne adaptiert. All das in ganz und gar finsteren Jahren: Krieg nämlich und auch die Auslöschung der Juden in Augsburg. Da ist der ehemalige Theatermann und der neue Gründer der Puppenkiste Walter Oehmichen, dem das Theaterspielen verboten ist und vor allem seine ganz und gar begeisterte, von der Idee der Puppenstube angefixte Tochter Hatü (Hannelore Oehmichen), die nicht nur die Puppen spielt, sondern sich auch zur Marionettenschnitzerin ausbilden läßt. Von klein auf an ist diese Welt der Marionetten Hatüs Welt.

Ein schöner, ein stiller und doch eindringlicher Roman. Vor allem schafft Hettche es – wie schon in „Pfaueninsel“ – eine Zeit anschaulich zu machen: hier die des Nachkriegsdeutschlands und die Zeit des deutschen Faschismus. Frei nach Faulkners berühmten Satz „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen“ ragt all das Geschehene – auch mittels unserer Fernseherinnerungen – bis in die Gegenwart und daß diese deutsche Geschichte und diese Geschichten, die zugleich unseren Vorrat an Kindheitserinnerungen ausmachen, nicht vergessen werden, dafür sorgt Hettches Puppengeschichte mit Hatü, dem Mädchen, und Hatü als alte, aber bereits tote Frau auf dem Dachboden des Puppentheaters, mit all den Marionetten, dem Hänsel und Gretel, Jim Knopf, Kalle Wirsch, Urmel, dem Storch und vor allem dem armen, traurigen und böse gewordenem Kasper. Auch die Gestaltung des Buches ist klug gemacht. Zwei Geschichten werden parallel erzählt: eine aus der Vergangenheit, die ist in blauer Schrift gedruckt, und eine aus der Gegenwart in roten Lettern. Rot steht dabei für den Vorhang des Menschentheaters; rot ist das Blut der lebensechten Schauspieler. Blau dagegen steht für die wunderbare Welt der Marionetten: der Vorhang eines Marionettentheaters darf nicht rot sein, so Hatüs Vater. Und dazu ein blauer Umschlag und darunter ein roter Leineneinband. Das tote Holz ist und soll in der Erinnerung lebendig werden.

Von solchem Theater der Puppen und ihrer Welt und ebenso von der Menschenwelt, die diesem Reiz erliegt, handelt „Herzfaden“. Es gibt Bücher über die Nazizeit, den Weltkrieg und die Nachkriegszeit, die können vielleicht erst aus gehörigem Abstand heraus geschrieben werden. Thomas Hettches Roman „Herzfaden“ ist solch ein Buch.. Assonanzen zu Kleists Schrift vom Marionettentheater und der Frage der Anmut sind dabei gewollt. Ein wunderschönes Buch, auch um sich daraus an den Weihnachtsfeiertagen vorzulesen.

Thomas Hettche, Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste, Kiepenheuer und Witsch Verlag 2020, gebunden 288 Seiten, ISBN 9783462052565, EUR 24,00 EUR

Im übrigen wünsche ich den Leserinnen und Lesern von AISTHESIS ein frohes Weihnachtsfest sowie angenehme Weihnachtsfeiertage, und zwar diesmal mit einem der schönsten und mir liebsten Advents- und Weihnachtlieder. 

Neil Young zum 75. Geburtstag

Wie ich eben lese – ich führe leider keinen Geburtstagskalender -, hat heute Neil Young seinen 75. Jubeltag. Es ist dies eine Musik, die mich seit meiner Jugend begleitet, und ich fand nichts Geileres: zum Tanzen mit interessanten Frauen, zum Trinken, damals auch zum Kiffen, das ich freilich schnell wieder einstellte, es war dies nicht meine Droge, und vor allem als Hintergrundmusik, um Texte zu schreiben – bis heute hin. Und selbstredend und naturgemäß vor allem zum Autofahren über Brandenburger Landstraßen, wo sich beim Hören dieser Songs noch so etwas wie Einsamkeit und amerikanische Weite vorstellen läßt, da in manchen dieser Regionen kein gottverdammter Mensch ist. Über Tage nicht, in meinem Pickup – nein das war übertrieben, vielleicht eine halbe Stunde lang mal ohne Autos, ohne Gegenverkehr und niemand gurkt vor einem öde durch die Landschaft, während ich versuche, immer vorher schon die Blitzer zu orten. Dazu dann das Radio aufdrehen und von der CD schallt Young. Was für eine Musik! Der harte Anschlag der Electric Guitar und dazu eine sanfte oder auch leicht nölende Stimme, die für sich genommen vielleicht nichts Besonderes sein mochte, aber in der Kombination mit Electric Guitar und der Wucht dieser Songs doch eine starke Wirkung tat. Allein solche Ausrufe, eine Hymne für uns damals:

Hey, hey, my, my
Rock and roll can never die
There’s more to the picture
Than meets the eye
Hey, hey, my, my

Und er begriff, daß da mit dem Rock etwas kam, was diesen überstieg und doch im eigenen Genre Fleisch von dessen Fleische war: Punk und eine neue Härte. Young machte sie sich auf andere Weise zueigen, biederte sich nicht an – und das gefiel mir ausnehmend gut an seiner Musik.

The king is gone but he’s not forgotten (Johnny Rotten, Johnny Rotten)
Is this the story of Johnny Rotten? (Johnny Rotten, Johnny Rotten)
It’s better to burn out ‚cause rust never sleeps
The king is gone but he’s not forgotten

Dies sang er 1979. Musik auch aus dem Rust-Belt, und eine Platte „Rust Never Sleeps“ und „Live Rust“ zu nennen, ist ein klangvoll-schöner Titel, der zahlreiche Assoziationen weckt – es war diese letztere meine erste Neil Young-Platte, ich trug sie voll Stolz 1980 nach Hause und auf meinen Plattenteller, ein schrottiges billiges Teil, an dem eine Mono-Box angeschlossen war, so daß der Klang der Box und der Klang der Platte eine interessante und wie ich fand passende Kombination eingingen – Young für Puristen gewissermaßen und nicht für solche im Jugendzimmer, die all ihr Erspartes in teure Anlagen versenkten; und ich mochte diese Live-Rust-Platte deutlich lieber als jenen Neil Young mit „Harvest“ und seinem „Heart of Gold“. Ein Song, der sicherlich gut zum streichelnden Berühren mit jener Frau mit der lila Latzhose sich geeignet hätte, die ich damals bezaubernd fand. „Live-Rust“, das waren kein Folksong mehr, sondern eine raue Sentenz. Und auch Jahrzehnte später im Song „Hitchhiker“ etwa – aus seinem Album „Le Noise“ – klingt es wie eine dieser Americana, die uns Autoren wie Don DeLilo, T.C. Boyle und auch der großartige Cormac McCarthy erzählen. Und es ist in dieser Musik zugleich eine Drogenreise, die man besser nur in der Musik bzw. in der Kunst unternimmt. Wie auch bei William S. Burroughs‘ Romanen „Junk“ und „Naked Lunch“: wer es liest, mag harte Stunden dabei haben, wer es leben mußte und darin versank, hatte meist kaum eine Chance. Zu verklären gibt es da nicht viel. Wohl aber der Versuch, diese Faszination mittels Ästhetik und Kunst zu verstehen, ohne ihr vollständig zu erliegen.

Dieses Spiel von Entgrenzung bei gleichzeitigem Abstand, gewissermaßen Odysseus‘ Sirenenfahrt, wie sie von Adorno/Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“ geschildert wird, als unendliche Verheißung und als unsublimierte Lust, die es zu genießen gilt, bei gleichzeitiger Zähmung, weil der Hörer sich an den Mast fesseln läßt, während jene anderen, die Arbeiter, mit den verstopften Ohren rudern müssen, ist einer der Aspekte von Kunst. Auch der aus dem Jugendzimmer: die Eltern gehen arbeiten und wir lauschten den Sirenen oder den Ramones. Auch Youngs Musik hat etwas mit jenem Rausch zu schaffen. Wobei jene Musik – vielleicht eher noch als die sonstige Kunst, also Literatur, Malerei, Film, Theater – ins kollektive Jugendzimmer eindringt und in einer Art von Gemeinschaft und Gesinnung bei Mädchen und Jungs so etwas wie eine Haltung stiftet, wie man sein und wie man möglicherweise leben möchte. Ein Lebensgefühl zu vermitteln, wie man es auch nennt. Böse Zungen mögen beim Phänomen Pop von fataler Simulation sprechen.

Solches Gefühl zwischen Rausch, Ekstase und einer gewissen Gedämpftheit, wie hinter Glas, drückt sich auch in Youngs seltsam-hartem und zugleich melancholischem „Hitchhiker“ aus, den er zur Electric Guitar spielte: und wenn dann diese Zauberstimme einsetzt. Eindringend. Für diese Art von Musik schätzte ich Neil Young schon auf seiner „Rust“- bzw seiner wie ich finde legendären „Live Rust“-Platte und schätze ihn bis heute. Eine Musik, die eigentlich nie allzu schnell gespielt ist, wie in Punk und Grunge, die aber doch auf ihre Art diese Schnelligkeit in sich trägt.

Die Tonspur zum Sonntag – „Die Heiterkeit“

So ist das manchmal, unvermeidlich. So in dem Song „Die Linie im Sand“:

„Ich bin in allem, was du siehst
In den Büchern, die du liest
Ich bin die Luft, die du brauchst
Was du bist, bin ich auch
Wenn du’s willst mach‘ ich’s dir leicht
Ich bin zwar aus Stein, doch dafür ganz weich
Es ist nur ein Blick, es ist ein Trick
Es geht voran und zurück“

In dieser Weise sagt es der eine zu ihr und so bestreitet es die andere.  „Ich bin die Linie im Sand … Ich bin die Böe am Strand … Ich bin der Wind, der Dich treibt!“. So wissen es beide und wissen es nicht in solchen Liebesdingen. Dies sind, auch ohne jede Musik genommen, schöne Zeilen. Dies sind zuweilen passende, auch rätselhaft wirkende Verse, sie sind in ihrem Ausdruck, in ihrer Kraft und Bestimmtheit von Lyrik, von Liebe getragen und auch von einem Pathos, den Künstler sich ansonsten leider, wie der Schriftsteller und Dichter Alban Nikolai Herbst zu recht beklagt, allzu oft in den hohen Künsten versagen, während sie diesen Ton im Pop-Sound goutieren. Ich bin da offen: wenn Pathos gut ist, ist es gut: „In den Staub mit den Feinden Brandenburgs“ ist heute noch ein Pathos-Ton, der mir gefällt. Ich mag emporglühende und lodernde Flammen. In der Musik geht das anscheinend besser und gerät nicht, anders als in Prosa und Poesie, in den Verdacht der, wie Adorno es teils berechtigt nannte, „gebeizten Stimmungskunst“. Die Grenzen sind flüssig und es ist in Pop wie Prosa und Poesie genau hinzusehen. In dieser Bild-Tonspur aber funktioniert es.

In dunkler Stimme: Was die Sängerin Stella Sommer macht, ist mehr als nur Pathos. Singen von Liebe und von ihrer Vergeblichkeit und einem seltsam kalten Bleiben. Halb ironisch, halb frostig, halb doch wissend, daß es ohne jene Liebe nicht ganz geht. Und mit ihr auch nicht immer. Nicht ohne Ironie, nicht ohne jene Liebe, nicht ohne jene Kälte. Gesang, der in dieser Sprache auch Vergeblichkeit trifft: das vielleicht macht jene Musik zu dem, was man in der Kunst „schön“ nennt. Vom Ton her erinnert die Stimme Sommers an die herrliche Milva – und das ist als ein hohes Kompliment gemeint. Ich hatte „Die Heiterkeit“ immer einmal wieder gehört, schon 2012, z.B. „Die Liebe eines Volkes“ – das fand ich als Song gut, ein wenig „Lassie Singers“ – wenn es denn überhaupt klug ist, so mit Namen zu vergleichen – und ein wenig Hamburger Understatement. Herausschälen einer Stimme, einer Idee. Und in diesem Sinne sollte man die Sängerin Stella Sommer als Stella Sommer nehmen und nicht als dies oder das – davon ab, daß fast jede Band, fast jeder Musiker sein Repertoire auf der Tradition fussen läßt. Oder wie Durs Grünbein es dieses Wochenende in einem Interview in der Berliner Zeitung in bezug auf die Schriftsteller Trakl, Mandelstamm und Kafka sagte: „Das sind die Toten, mit denen ich im Dialog bin. Sie werden immer mehr.“

Eine Band mit dem Namen „Die Heiterkeit“, die in Text und Gesang so gar nicht und wenig heiter herüberkommt, wie 2012 in jenem Video von der Liebe eines Volkes gefällt mir, als fröhlicher Bewohner des Grandhotel Abgrund ausnehmend gut. Das hier gezeigte Video der „Linie im Sand“ als Bildspur gefällt mir ebenfalls, obwohl ich das gehäufte Fingern von Frauenhänden durchs Frauenhaupthaar bei Frauen nicht mag – bei Männern auch nicht, das sei zur korrekten Absicherung dazu geschrieben, da finde ich es noch schrecklicher. Aber vielleicht paßt dieses Gleiten durchs Haar am Ende doch zu dem Song, sofern es ironisch oder in einer outrierten Outriertheit dann wieder doch ernst gemeint ist, um das Gestische zu konterkarieren, Pathos als Pathos, um dazu zu stehen, und um Ausdruck, Spiel mit Ausdruck bei gleichzeitiger Schönheit in ein Bild zu bringen: Loreley, ich weiß das nicht: vielleicht ist es ein Expressionismus in Hamburger Schule. Ich schätze diese Art von Bildmaterial, und zwar weil es schön ist und weil dieses Gestische expressiv zum Song paßt, ohne aufgesetzt zu sein. Und damit sind wir bei jener Frage nach dem Gelingen einer Geste. Die Frage lasse ich als Bild durchlaufen und in dieser Inszenierungspose ist genau dieses Fließen die Linie im Sand.

Egal wie man diese Anmut und diese Geste in Pop nehmen mag: Das Pathos dieses Sounds im Aufspiel der Musik von Klavier und dann steigernd Schlagzeug, Synthesizer und vermuteten Streichern ist etwas, das ich ebenfalls als schön und auch als ästhetisch gelungen empfinde. Und die Bilder einer erotischen Frau, die Bild bleibt, Imago in Pop, Figur, Geste und Haltung, unterstreichen in diesem Video diese Schönheit. Schön auch das Ausflashen am Ende dann zum Weiß und zum Schwarz.

Linien im Sand sind flüchtig. Sie sind wie jene bekannten Gesichter, die nicht im Sand bleiben, die durchs Meer verschlieren und im Wasser vergehen: in Warnemünde damals 1993 in den Strand gezeichnet, auf Rügen, auf Hiddensee wo man im November hätte weilen können, oder nahe Rungholt oder an sonst einem Strand der Welt. Schön aber, wenn ein Mensch, wie in diesem Song, in einer Erinnerung harrt und immer bleiben wird, weil da ein lyrisches Ich weiß und ahnt: etwas bleibt. Eine Art von Schmiegsamkeit ohne Körper. Stella Sommer singt davon und von einer Liebe, die länger als jene Zeit ist, in eindringlicher Art. „Cause there’s nothing else to do: Every me and every you!“

Am 30.10. ist von Stella Sommer die wunderbare Platte „Nothern Dancer“ erschienen, die ich unbedingt zum Hören (und natürlich auch zum Kaufen) anrate.