Zum Tod von Kristof Schreuf

Gestern erst las ich, nachdem ich von einer Reise aus Bambergs Nebelwelt, mit Hegels „Logik“ angereichert, zurückkehrte, daß der Musiker und Autor Kristof Schreuf tot ist. Er starb mit nur 59 Jahren. Ich mochte diese Art des Schreibens und Schreiens und Wisperns, diese Musik aus einer inzwischen anderen Zeit. Es hatten seine Lieder, die Melodien und Texte und die Art, wie Schreuf es sang, immer auch einen Hauch von Rio Reiser und Udo Lindenberg. Mit anderen Worten: diese Musik ruht auf einer guten Tradition, nämlich trotz englischsprachiger Präponderanz im Pop Deutsch zu singen, aber doch nicht die in Ton, Melodie und Rhythmus ruhigere Musik der Liedermacher zu spielen – wobei auch diese, wenn ich an Georg Kreisler, Walter Mossmann, den freilich auch lauten und wild singenden Wolf Biermann, Hannes Wader und den egozentrischen DKPler Franz Josef Degenhardt denke, eine für den deutschen Text wichtige Angelegenheit war und somit ihre Berechtigung besaß – auch politisch.

Der Pop von Schreuf jedoch war auf andere Weise politisch, derart wie es auch bei Rio Reiser geschah, aber angereichert um jenen Funken Hoffnungslosigkeit, daß es nie mehr so sein würde, wie in den utopischen Träumen von einer befreiten Gesellschaft angedacht, und dazu angereichert um ein Repertoire aus Fragment und den Versatzstücken des aus Frankreich in den 1980er Jahren in Deutschland in den Pop hereinbrechenden Poststrukturalismus im Geflecht von so unterschiedlichen Autoren wie Roland Barthes, Jacques Derrida und Michel Foucault: „Der Text ist meine Party“, so lautet die wohl vielfach zitierte und bekannte Zeile aus jenem Song „Party“. 1989 trat mit der Band „Kolossale Jugend“ – bereits in der Spätpunkphase – in Hamburg eine Band auf den Plan, die etwas machte, was es in dieser Art nicht gab, und was dann von Bands wie „Die Braut haut ins Auge“, „Tocotronic“, „Die Sterne“ und „Blumfeld“ in unterschiedlicher Weise weitergeführt wurde und was fürderhin unter dem Namen „Hamburger Schule“ firmierte. Tocotronic brachte dies 1995 in den halb ironisch, halb huldigenden Song „Ich bin neu in der Hamburger Schule“ auf den Punkt.

Immer auch war es bei Schreufs Musik die Kritik an Deutschland, einem nach der Wiedervereinigung erwachten neuen Deutschland, das nicht mehr die alte BRD war und vor dem viele Angst hatten – in meinern Augen schon damals allzu alarmistisch gedacht: als ob ein neues Großdeutschland entstünde, und unfair war diese Haltung auch gegenüber all jenen in der DDR, die für ihre Freiheit kämpften: eine Freiheit, die in Hamburg und anderswo im Westen in den Zentren des Politprotests wie selbstverständlich genommen wurde. Auch wenn ich gegenüber Schreufs Sicht politisch auf Distanz bleibe, trotzdem ich die Wut auf Deutschland nach den Gewaltauswüchsen jener Hooligans zur WM 1990 verstehen kann, jenem Vorlauf zu Rostock-Lichtenhagen, betrachtet man es ex post facto, so mischte sich diese Musik doch politisch und ästhetisch in einer neuen Form und in gelungener Weise, von Sound und Text her, in das Handgemenge ein. Aber Deutschland ist mehr als „Halt’s Maul, Deutschland!“ – auch wenn man diesen Slogan zugleich ironisch verstehen kann, bei einer Band, die auf Deutsch sang. Denn gerade in der Kritik an rechtsradikalen Verhältnissen ist man eben auch und zum Glück Deutschland – ein anderes Deutschland freilich. Und für dieses andere Deutschland, mit einer anderen Art von Pop-Musik, stand Schreuf ein.

Die Band „Kolossale Jugend“ war ein Teil von unserer Zeit in Hamburg. Und die Platte „Bourgeois with Guitar“ von 2010 bildet einen schönen melancholischen Abgesang auf eine Zeit, die mal war. Gerne hätte ich Schreufs Roman gelesen, den er zum ersten Mal 2003 in Klagenfurt vorstellte und der in Planung war und sich doch immer weiter aufschob. Es paßte wohl zu seiner Art des Schreibens als Scheitern: Niemals fertig zu werden. Manche Texte haben die Tendenz, ein Luftschloß zu bleiben, darin sich gemütlich oder auch verzweifelt wandeln läßt – als Möglichkeitssinn, daß der Autor irgendwann das perfekte und gelungene Werk schüfe: Werke, die keine Werke mehr sind. Oder es geschieht wie in Thomas Bernhards Roman „Beton“, darin der Protagonist von seiner großen und größten Studie zum Komponisten Mendelssohn Bartholdy fabuliert, bei der er jedoch nicht einmal über den ersten Satz hinausgekommen ist. Das Fragment im Kopf oder in der Schublade als Form der Moderne. Dennoch: gerne würde ich die Fragmente und die Texttrümmer von Schreuf lesen, die da im Digitalen oder in einer Schublade schlummern. Aber das wird nun nichts mehr. Aber vielleicht findet sich trotzdem ein Herausgeber, der die Notate ordnet und dann bringt.

Die Goldenen Zitronen haben auf ihrer Facebookseite einen seiner Songs, nämlich „Laufe blau“, zum Andenken gepostet. Doch es sind diese alten Zeiten leider auch vorbei und wir liegen in neuen, stehen in jener Zeitenwende, auch von der Musik her vermutlich. Und doch nimmt mancher immer wieder neue Anläufe und das ist gut so. Let there be rock! Und doch waren es diese guten, alten Hamburger Zeiten, die einen besonderen Ton, eine besondere Musik und ein besonderes Lebensgefühl schufen, das auf unterschiedliche Weise ästhetisch wie auch politisch, manchmal auch als bloße Lebenspose und sogar -posse umgesetzt wurde: mit Alkohol, Abende, die bis in den Morgen gingen, mit dem unendlichen Gespräch in jenen Kneipen, Cafés und Bars, zwischen „Sorgenbrecher“ und Café unter den Linden. Eine Jugend, Ende der 1980er, in der wir eigentlich schon lange keine Jugendlichen mehr waren.

„Oasis“, eine Dichterlesung von Ute Cohen und die Buchhandlung Bookinista samt einer Tonspur zum Sonntag

„Oasis“ und „Wonderwall“: Es ist und bleibt für mich eine der schönsten Zeiten im Leben: jene 1990er Jahre, als ich an den Lippen von Susanne hing, aber es waren nur die im oberen Bereich, jene Tage, als diese herrliche Musik von „Oasis“ erklang und alles nach Susanne, nach Hegel und nach Derrida schmeckte und wie wir tanzten und lebten und uns diese herrliche Welt ganz allein gehörte. „Oasis“ ist und bleibt für mich eine der größten Bands. Ich wollte immer so werden wie ihr Sänger. Ich wurde dann aber schlimmer. Gestern durfte ich dieses Lied einmal wieder in der schönen Buchhandlung Bookinista in Berlin-Wilmersdorf (Meierottostraße 1 am, Fasanenplatz) hören, und zwar gab es dort eine wunderbare Lesung mit Ute Cohen aus ihrem Roman“ Falscher Garten“ – einem Krimi und zugleich einer Satire über den Berliner Stadtteil Grunewald, herrlich und lebendig vorgetragen – und dazu die Moderation von Matthias Hufnagl, der anschließend auch den hervorragenden DJ abgab. Musik, zu der sehr junge Menschen und ebenso Menschen im Erwachsenenalter der Mittvierziger und Fünfziger tanzen. Und sogar dann von den Passanten, die die letzten Tage eines milden Spätsommerabends genossen, ein älterer Herr mit seiner Begleitung, der ein Tänzchen einlegte.

Und da eben erklang, als es schon dunkelte und der Vollmond am Himmel stand, auch dieser Song „Wonderwall“ und obwohl ich kein Tanzbodenkönig bin, zog es mich auf jene schöne Tanzfläche draußen vor der Buchhandlung in BerlinWilmersdorf, wo schon andere sich bewegten. Leider ohne Susanne.

Aber das ist ja nun schon dreißig Jahre her. Oder wie Wolfgang Welt es als Widmung vor seinen Roman „Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe“ schrieb: „Für Barbara Römer, wie immer sie jetzt heißen mag.“ Oder eben: As time goes by. Wir sind endliche Wesen und deshalb sollten wir an solchen wunderbaren Abenden von Zeit zu Zeit tanzen.

вставай: Free Москва́. Die Tonspur zum Sonntag

Vielleicht tragen, durch Pop, auch jene Konzerte von Rammstein und Till Lindemann in Moskau dazu bei, daß die Jugend den Despoten verachtet und aufsteht und einen Galgen baut. Und damit Rammstein bald wieder in Moskau auftreten kann: Putin muß weg! [Возможно, через поп-музыку те концерты Rammstein и Тилля Линдеманна в Москве тоже способствуют тому, что молодежь презирает деспота и встает и строит виселицу. И чтобы Rammstein снова могли выступить в Москве поскорее: Путин должен уйти!]

Bleib nicht liegen, es wär schade
Zirkus ist heut in der Stadt
Bitte zeig mir alle Tiere
Hol mir Eis und Limonade

Wir wollen nichts versäumen
Steh doch auf, wir haben Spaß
Doch du bleibst einfach liegen
Augen offen, Wangen blass

Die Tonspur zum Abschied: Meat Loaf

Der Tod von Meat Loaf ist eine sehr traurige Nachricht. Denn das waren die Songs unserer Kindheit, so kurz vor der Pubertät. Au weia. Da werde sogar ich ein wenig traurig. Ich habe ihn nicht dauernd gehört, aber es war, was das Emotionale betrifft, eine beeindruckende Musik. Vor allem erinnert sie mich an unsere Rabaukenzeit als Jungs. In der Schule in der Pause mit dem Riesengeodreck für die Tafel und dem riesigen Matheholzzirkel Demogewalt nachspielen: Schlagstock und Schild. Stühle wurden zu Wurfgeschossen. Auch an solche Seltsamkeiten erinnert mich diese Musik. Wir waren wohl früher doch nicht so brav. RIP Meat Loaf.
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Nachtrag: Das Geodreieck zerbrach mir bei einem besonders hart geführten Polizeieinsatz. Der Kumpel und ich mußten also, das war die Strafe des Klassen- und Mathelehrers, in einem Schulbedarfsfachgeschäft ein solches Dreieck nachkaufen. Der Kauf war ziemlich teuer und peinlich irgendwie auch. Und auch die Mutter war nicht wirklich angetan beim Bericht des Lehrers über die Einsatzbereitschaft ihres Sohnes, die sich nur eben leider nicht, wie Mutter es sich erhoffte, in guten Mathenoten zeigt. Die Zeile aus Funny van Dannens „Gwendolyn Kucharsky“ „Du warst gut in Mathe ich in Philosophie“ traf in gewisser Weise auch auf mich und eines der Mädchen zu. Nur war ich aufs Schlechtsein in Mathe nicht wirklich stolz. Ich hatte nur keinen Sinne dafür und hätte lieber einen anderen Lehrer bzw. eine andere Schulform, die mir Mathe begreiflicher gemacht hätte. Aber das führt jetzt ein wenig ab von Meat Loaf und den Erinnerungen an ihn und an diese schönen Jahre.

Ruhe in Frieden.

Adventskalender 2021

Jetzte fällts mir ein: Adventskalender. 24. Songs, die mir im Leben bisher gut gefielen. Ich hole zu Mitternacht noch den 2. Dezember nach. Und da ist das erste Stück: DIE STERNE, von 1997, aus einer anderen Zeit, als wir noch jung, glücklich und dürr waren und der Wein in Bars noch günstig und als es im Deutschen Schauspielhaus nach der Abendarbeit nach 24 Uhr jene begehrten Taxischeine gab, die uns irgendwo hin in die Nacht brachten. Mit der süßen Esther oder mit sonstwem. Oder trunken nach Hause. „Warst du nicht glücklich?“

[PS: Damit der Blog nicht mit Musikvideos verstopft, werden die übrigen Türchen hier in den Kommentar gepostet.