Read on, my dear, read on! Von den Opferfiktionen und ausgedachter Vita – Zum Fall Read on

„Komm, lass uns was lesen gehen.
Atlantic sea salt on my tongue.

Somewhere in Ireland
Beigetreten Dezember 2016″
(Twitter-Account von @MlleReadOn)

 

Ich habe am 3. Juni, die Zeit vergeht schnell und doch kommt einem diese Phase von Sommer wie eine Ewigkeit vor, einen Beitrag zu Marie Sophie Hingst geschrieben, auch bekannt unter dem Bloggernamen „Fräulein Read on“. Marie Sophie Hingst hat sich am 17. Juni das Leben genommen, wie gestern zu lesen war. Eine tragische Verquickung sehr unterschiedlicher disparater Umstände. Der Spiegel berichtete seinerzeit über Unstimmigkeiten in ihrer Vita, indem er Hingst scheinbar zu einem Interview einlud, in Wahrheit aber ging es darum, Fräulein Read ons tatsächliche Identität zu klären und sie mit problematischen Fakten zu konfrontieren. Eine Zeitung muß einerseits davon berichten, wenn eine Biographie in Teilen ausgedacht oder zusammengereimt ist, wenn jemand sich jüdische Wurzeln gibt, die er möglicherweise gar nicht hat.

Wenn man als Redakteur jedoch bemerkt, wie problematisch es um die Psyche und die Konstitution dieser Person bestellt ist – was dann tun? Ich weiß es nicht, vielleicht haben Menschen versucht, diesem armen Menschenkind zu helfen. Vielleicht hat es die arme arme Mutter dieser Frau versucht, vielleicht gute Freunde, die ihr auch nach all dem, was war, blieben. Daran zeigen sich wahre Freunde: daß sie zu einem stehen, auch in der höchsten Not, und es scheiden sich die Mitläufer. Ich weiß es alles nicht, es ist für eine Mutter entsetzlich, ihr Kind zu verlieren. Das ist es, woran ich denke und wie so etwas geschehen kann und wie verzweifelt ein Mensch sein muß, wenn seine kleine und feine Welt zusammenbricht und wenn man sich mit alledem überhoben hat. Sich das Leben zu nehmen: Das Gegenteil von dem, was dieser Satz auch sagen könnte. Ein Fall für die Literatur und doch ist es das ganz traurige, das schäbige Leben. Es ist eben leider doch keine Literatur.

Der Titel „Zum Fall Read on“ ist nun doppelsinnig geworden: es wurde Marie Sophie Hingsts Fall, im wahrsten Sinne des Wortes. Schwierig dazu die passenden Gedanken zu finden.

Abgesehen von einigen polemischen Einstreuseln, über die man streiten kann, hat Don Alphonso auf seinem Blog „Rebellen ohne Markt“ einen bewegenden und persönlichen Text geschrieben.

Ansonsten stelle ich an dieser Stelle noch einmal meine Sicht dazu da – es handelt dieser Essay vom Authentischen, von den Fiktionen, vom Spiel mit Identität als Literatur und auch im Realen. Und im Rückblick handelt der Text eben auch von einer sich aufsteigernden Kommunikation, einem Sich-hoch-Schaukeln und einer solch breiten Öffentlichkeit, daß es einem in dieser Welt nicht mehr zu leben vergönnt ist. „Es war, als sollte die Scham ihn überleben.“ (Franz Kafka, Der Proceß)

*******************

Neu ist dieses Phänomen nicht: daß sich Menschen, die keine Juden sind, eine jüdische Identität andichten, wie etwa kürzlich Wolfgang Seibert in dem Städtchen Pinneberg im Nordwesten Hamburgs. Seibert log über seine jüdische Herkunft. Oder es präsentierten Menschen sich als Opfer des Holocaust, obgleich sie es nicht sind – prominent etwa beim Fall Binjamin Wilkomirski zu sehen, der tatsächlich unter dem Namen Bruno Dössekker aufwuchs und nie in einem KZ saß. Unter dem Namen Wilkomirski dichtete er sich zum KZ-Überlebenden um und schrieb mit „Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939–1948“ eine bei Suhrkamp veröffentlichte Autobiographie. Ähnlich gelagert der Fall Misha Defonseca, die ihre Vita fälschte.

Nun ist freilich nichts dagegen zu sagen, wenn sich Menschen Geschichten ausdenken oder sich ein anderes Leben erfinden, mithin Fiktionen produzieren. Sofern jedoch die Fiktion als eigene Vita ausgegeben wird und solchermaßen ein Stück der faktischen Realität wird, dann fängt es an problematisch zu werden, insbesondere wenn daraus ein moralischer Mehrwert geschlagen wurde oder man mit seinem eignen Leben als Beispiel anderen eine Mahnung sein will. Gut gemeint vielleicht, aber schlecht gemacht. Daß das Spiel zwischen Literatur und Wirklichkeit durchaus auch eine literarische und damit auch eine ästhetisch legitime Dimension hat, indem bis ins Empirisch-Faktische hinein die Rollen von Autor, Romanfigur und Lebensensemble ins Schwimmen geraten, ist uns schon früh von der Literatur her bekannt, gehört zum Repertoire der Moderne, nicht nur der ästhetischen, man nehmen bereits im frühen 17. Jahrhundert den Don Quichotte oder dann im 20. Jahrhundert Flann O’Brian, Raymond Queneau oder Italo Calvino, wo Romanfiguren ihren Büchern entsteigen und sich sogar mit ihrem Autor anlegen, oder eben Woody Allens „The Purple Rose of Cairo“: ein Filmheld durchbricht die vierte Wand.

Freilich bleiben all diese Fälle in ihrem Medium. Selbst wer das Buch im Buch verläßt, tut dies im Buch. Gleiches beim Film. Und selbst in einem, wie man mutmaßen kann biographischen Roman wie „Vielleicht Esther“ bleibt es am Ende für die Lektüre unerheblich, ob Katja Petrowskaja hier tatsächlich die Vergangenheit ihrer Familie schilderte, tief in die deutsche Geschichte und damit bis nach Nazi-Deutschland reichend, oder ob das eine Fiktion ist. Petrowskaja betreibt kein Spiel mit den Ebenen, sondern sie erzählt uns eine spannende, verwickelte Geschichte. Auch zu den Fragen, was eigentlich Authentizität im Umgang mit unserer Vita bedeutet. Für das, was man in der Literatur den Plot bzw. den Inhalt nennt, ist der Bezug zur empirischen Wirklichkeit gleichgültig. Kann sein, daß die Geschichte tatsächlich so stattfand, kann auch nicht sein.

Primär geht es im literarischen Kunstwerk um ästhetische Stimmigkeit, um ästhetische Wahrheit und nicht um biographische Wahrhaftigkeit. (Das Thema „neuer Biographismus“ als Phänomen der Belletristik, also die Frage nach dem autobiographischen Schreiben bilden hier einen besonderen Bereich, intensiv diskutiert seinerzeit 2016 an den Phänomenen Knausgård, Melle und auch beim Popton von Stuckrad-Barre, führt aber von dem Thema fort, wieweit Fiktion in tatsächlich biographischen Texten oder Blogs erlaubt ist. Denn im Genre Literatur kommt es eben nicht auf faktische Wahrheit an, sondern deren Stimmigkeit ist eine andere. Selbst bei einem (vermeintlich) durch und durch autobiographischem Text wie Max Frischs „Montauk“, wo ein Autor es genau so schreiben will, wie es war.)

Anders sieht dieses Spiel mit der Referenz im Medium Internet aus, nicht nur, was die Kunst und künstlerische Inszenierungen betrifft. Dort finden wir eine neue Form von Darstellung, die den Begriff der personalen Authentizität ins Schwimmen bringt und kritisch hinterfragt. An solcher Stelle wird es postmodern, weil nämlich herkömmliche Unterscheidungen in den Zweifel gezogen bzw. auf ihren Grund befragt oder einfach simuliert oder parodiert werden. Wobei man freilich philosophiekritisch immer mit dazu sagen muß: zieht man die Differenz zwischen Schein und Wirklichkeit komplett ein und nimmt beides als unterschiedslos, so setzt bereits diese Entgrenzung bzw. das Vertauschen der Vorzeichen immer schon voraus, daß es so etwas wie eine Wirklichkeit gibt, die dem Schein entgegensteht und an der die Verschiebung gemessen werden kann. Ansonsten hätte der Begriff des Scheins keinen Sinn und auch der der Wirklichkeit nicht. Solche Spiele sind also dialektisch verfaßt.

Im Ästhetischen, das sich in die Lebenswelt als Trug, als Posse oder als schöne Lüge und sogar als reale Fiktion oder fiktive Realität einschleicht, ergibt das Spiel von Realität und Fiktion, von Schein und Wahrheit literarisch spannende Konstellationen und Geschichten. Prominent und als einer der ersten Autoren, die dieses Changieren betrieben, ist Alban Nikolai Herbst und sein Blog „Die Dschungel.Anderswelt“ zu nennen. Bis heute hin wurde dieses Spiel zwischen realer Person, fiktivem Autor und literarischem Einschlag in seinem Blog und teils auch in seiner Literatur durchgehalten. Oftmals mit anregenden, klugen, witzigen Texten, die auch den Leser mit ins Spiel ziehen. Denn im Dschungel können wir Teil der Literatur werden. Herbst spricht, so etwa in seiner Heidelberger Poetikvorlesung, vom Kybernetischen Realismus. Parallelwelten, Echtzeitwelten, Schnittstellen.

Literatur darf das und wer sich auf Herbsts Blog einläßt, weiß auch, daß gespielt wird. Man wäre geneigt zu sagen: geschwindelt, aber es trifft dieser Begriff es nicht exakt. Literatur schwindelt nicht: ihr Fiktives ist real. Ähnliches seinerzeit mit der Schriftstellerin Aléa Torik (Claus Heck): eine junge rumänische Studentin, die in Berlin lebt. Ein spannendes Spiel der Ebenen zwischen ausgedachter Autorenvita und Roman, zwischen Leben und Netz, wo sich 2013 Leben und Literatur in einem seltsamen Strudel bewegten. (Meine Rezensionen zu ihren Büchern „Das Geräusch des Werdens“ und „Aléasʼ Ich“ finden sich hier im Blog.)

Langer Abschweif, kurzer Sinn: jetzt ist am Wochenende herausgekommen, daß die unter dem Namen Fräulein Read on bloggenden Historikerin Marie Sophie Hingst eine jüdische Vita sich ausdachte. Freilich war sie mir als Historikerin bisher nicht geläufig, sondern lediglich als Bloggerin. Mit Aplomb enttarnte der „Spiegel“ jenes Phänomen von biographischer Dichtung und genealogischer Wahrheit und konfrontierte sie in einem (fingierten) Interview mit den recherchierten Erkenntnissen. Leider wieder einmal in der stilisierten, typischen Spiegel- Dramaturgie, was in der Darstellung den üblichen Beigeschmack hinterläßt

„In die­sem Mo­ment muss Ma­rie So­phie Hingst er­kannt ha­ben, dass ihre Par­al­lel­welt nicht län­ger Be­stand ha­ben wür­de. Eine ge­fähr­li­che Si­tua­ti­on: für ihr Selbst­bild – das of­fen­bar mit der fik­ti­ven Iden­ti­tät fast de­ckungs­gleich ge­wor­den war –, für ihre In­te­gri­tät und na­tür­lich auch für ih­ren Job als Pro­jekt­ma­na­ge­rin ei­nes in­ter­na­tio­na­len IT-Kon­zerns in Dub­lin, den sie im ver­gan­ge­nen Au­gust an­ge­tre­ten hat.“

Hingst betreibt – oder besser: betrieb muß ich schreiben – den Blog „Read on my dear, read on“. Inzwischen ist der Blog geschlossen. Fräulein Read on wurde 2017 zur Bloggerin des Jahres gekürt. Was ich von solchen Preisen halte und auch von den unsäglichen Reden, die dort abgesondert werden, brauche ich hier nicht groß zu schreiben. Dennoch habe ich den einen oder den anderen Artikel in ihrem Blog gerne gelesen, etwa zur „Stasi am Küchentisch“, wo es um den Mißbrauch von Vertrauen ging: wenn der, der in deiner Gegenwart sitzt und dir zuhört, brühwarm es ans Ministerium berichtet.

Nun also das. Und wie immer die Frage nach dem Glashaus und nach den inhaltlichen Kriterien: die doppelten Standards. Darf man faken? Darf man das in einem Blog? Ja, grundsätzlich schon. Aber eben nur, sofern man gewisse Ansprüche und Standards durchhält. Beim Täuschen gibt es Grenzen. Nicht immer leicht auszumachen, fallabhängig oft. In diese Sache aber ist einiges gründlich schief gelaufen, eine Inszenierung lief aus dem Ruder, weil ihre Autorin auf der Wahrheit dieser Inszenierung pochte. Insbesondere deshalb hat die Sache mehr als nur eine Schieflage, weil mit solchem Judentum und einer Holocaust-Vita ein bestimmter Anspruch verbunden ist.

Ob ich mich als Ästhetiker Bersarin im Grandhotel Abgrund mit Riesling und Büchern oder als rumänische Schriftstellerin fiktionalisiere, tut in der Regel niemandem weh und richtet keinen Schaden an. Solange ich in meinem Blog bleibe, solange meine Realitätsansprüche bescheiden sind. Wenn ich schriebe, daß ich im Club Berghain heftigst abtanzte, so tut das niemandem weh, wenn ich in Wahrheit zu Hause im gemütlichen Ohrensessel saß, Apfelsaft trank und für die Berghaingeher nur Lachen übrig hatte. Hinter den Internet-Namen ist es wie unter einer Burka: es könnte dein eigener Onkel darunterstecken, wie einmal eine Afghanische Burka-Punkband kritisch gegen den Repressionsstoff ansang.

Nun also wieder ein ausgedachter Jude. Es wäre freilich, auch literarisch genommen, interessant, ob es ebenso den umgekehrte Fall gibt: Sich eine Täterfamilien-Vita zu stricken, als Nachkomme eines Täters zu bloggen, Lagerarztgeschichten von Opa, Polizeibataillon Ost. Jonathan Littels „Die Wohlgesinnten“, nur diesmal für den Blog und damit auch die Wirklichkeit. Ich habe solches Ausdenken von Nazi-Horror manchmal heimlich in der Phantasie zum Spaß gemacht und mir solche Dinge im Kopf zurechtgelegt. Aber solch Makaberes kann man nicht wirklich öffentlich erzählen oder am Ende sollte eben die Fiktion doch als solche irgendwie kenntlich sein. Also Literatur. Es scheint Grenzen zu geben, zumindest intuitiv, so empfinden wir. Es scheint in bestimmten Erzählungen auch eine moralische Schranke zu existieren.

Nein, neu ist dieses Phänomen in der Tat nicht, man sehe auf die oben geschilderten Fälle. Ich frage mich allerdings, was diese Bloggerin geritten hat und wie sehr man sich in seine eigene Geschichte verstricken kann. Ich las zwar bei „Read on“ selten, doch es war ein durchaus angenehmer Blog, teils gut geschriebene Texte, manchmal freilich zu zuckerig, wenn ich mich recht erinnere. Und ich frage mich, was jetzt in Fräulein Read on vorgehen mag. Wie sitzt man da, was denkt man? Das interessiert mich mindestens genauso wie die psychologischen oder biographischen Motivationen, sich eine solche Geschichte auszudenken. Es mag dies mit einer übermäßigen Opferidentifikation zu tun haben, vielleicht auch mit einer Selbsterhöhung oder einer missionarischen Ader, die Leute vor etwas zu warnen, vielleicht auch bezieht man einen hohen Teil seines Selbstwertgefühls aus solcher Mission. Viele Motive sind möglich, es bleibt Spekulation.

Doch das Davor scheint mir zumindest von der Struktur her klar: Jemand verstrickt sich in ein Netz aus Geschichten. Ein wenig auch Narzißmus, eine Geschichte, die langsam in den Kopf einsickert und man merkt nach den ersten Reaktionen der Leser: es fährt sich gut damit, die Leute wollen das. Relotius ist ebenfalls ein solcher Typus. Und man möchte nicht wissen, wie viele Juden, die keine Juden sind, sich in Foren wie haGalil bewegen und in moralischem Verve gegen den Goj, gegen den Schmock auftrumpfen. Aber was machen diese Leute danach? Was tun sie, wenn die Chose aufgeflogen ist? Was geht in Marie Sophie Hingst vor? Eigentlich bräuchten Hingst oder Relotius doch sofort eine professionelle Hilfe. Eine Welt, in der man bisher gut lebte, ist gebrochen. Für die Öffentlichkeit ist man unmöglich geworden. Weshalb ich, wo alle „Kreuzigt ihn!“ rufen, eine Tendenz zum Moderaten habe, sofern jemand sich im Gang der Dinge doch über seinen Fehlgriff klar wird. Ich finde das Danach sehr viel tragischer. Da beginnt für mich die eigentliche Geschichte. Manche schaffen es ja wieder nach draußen, ins Öffentliche. Tom Kummer etwa, der dieses Jahr in Klagenfurt lesen wird. Manche regt das auf, ich aber möchte schon noch die Ebenen unterschieden wissen. Und wenn für jemanden, der aus dem Knast kommt, gilt, daß er seine Strafe verbüßt habe, sollte dies auch für Personen gelten, die sich anderer Verfehlungen schuldig machten. Es gibt ein Recht auf Neuanfang.

Ich will damit das Verhalten nicht entschuldigen, denn willig sahnte man die Preise ab, ließ sich belobhudeln, sonnte sich im Glanz, der anderen eben nicht zuteil wurde: sei es Relotius, sei es Hingst – so unterschiedlich ihre Fälle ansonsten auch sind, der von Relotius ist zumindest für den Journalismus deutlich dramatischer und zeigt eine unheilvolle Tendenz, wie man in Redaktionsstuben gerne die Texte haben wollte, teils auch wieder in der Spiegel-Enthüllung zu lesen. Dennoch: beim Steine-Schmeißen macht es sich diese Gesellschaft viel zu leicht. All die Leser (oder zumindest viele) bekamen genau die Geschichten, die sie lesen wollten. Da hatten sich zwei gefunden. Rührseliger Opferschmonzes, so zumindest denkt man hinterher, dramatisch aufgepeppte Szenen. Texte fürs Gefühl – hätte ich in den Blog tiefer hineingelesen, wäre mir da ganz sicher aufgestoßen. Gegen den Kitsch der guten Gesinnung und das Eiapopeia mit Juden oder mit Negern bin ich grundsätzlich allergisch. Wir müssen lernen, kritisch zu lesen. Aber gegen Lügen, die glaubwürdig präsentiert werden, hat es eben auch das kritische Lesen schwer. Da lobe ich mir dann doch wieder die Literatur. Sie darf alles, sie kann alles. Nur eben darf sie nicht ästhetisch mißlingen.

Von den Opferfiktionen und ausgedachter Vita – Zum Fall Read on

Neu ist dieses Phänomen nicht: daß sich Menschen, die keine Juden sind, eine jüdische Identität andichten, wie etwa kürzlich Wolfgang Seibert in dem Städtchen Pinneberg im Nordwesten Hamburgs. Seibert log über seine jüdische Herkunft. Oder es präsentierten Menschen sich als Opfer des Holocaust, obgleich sie es nicht sind – prominent etwa beim Fall Binjamin Wilkomirski zu sehen, der tatsächlich unter dem Namen Bruno Dössekker aufwuchs und nie in einem KZ saß. Unter dem Namen Wilkomirski dichtete er sich zum KZ-Überlebenden um und schrieb mit „Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939–1948“ eine bei Suhrkamp veröffentlichte Autobiographie. Ähnlich gelagert der Fall Misha Defonseca, die ihre Vita fälschte.

Nun ist freilich nichts dagegen zu sagen, wenn sich Menschen Geschichten ausdenken oder sich ein anderes Leben erfinden, mithin Fiktionen produzieren. Sofern jedoch die Fiktion als eigene Vita ausgegeben wird und solchermaßen ein Stück der faktischen Realität wird, dann fängt es an problematisch zu werden, insbesondere wenn daraus ein moralischer Mehrwert geschlagen wurde oder man mit seinem eignen Leben als Beispiel anderen eine Mahnung sein will. Gut gemeint vielleicht, aber schlecht gemacht. Daß das Spiel zwischen Literatur und Wirklichkeit durchaus auch eine literarische und damit auch eine ästhetisch legitime Dimension hat, indem bis ins Empirisch-Faktische hinein die Rollen von Autor, Romanfigur und Lebensensemble ins Schwimmen geraten, ist uns schon früh von der Literatur her bekannt, gehört zum Repertoire der Moderne, nicht nur der ästhetischen, man nehmen bereits im frühen 17. Jahrhundert den Don Quichotte oder dann im 20. Jahrhundert Flann O’Brian, Raymond Queneau oder Italo Calvino, wo Romanfiguren ihren Büchern entsteigen und sich sogar mit ihrem Autor anlegen, oder eben Woody Allens „The Purple Rose of Cairo“: ein Filmheld durchbricht die vierte Wand.

Freilich bleiben all diese Fälle in ihrem Medium. Selbst wer das Buch im Buch verläßt, tut dies im Buch. Gleiches beim Film. Und selbst in einem, wie man mutmaßen kann biographischen Roman wie „Vielleicht Esther“ bleibt es am Ende für die Lektüre unerheblich, ob Katja Petrowskaja hier tatsächlich die Vergangenheit ihrer Familie schilderte, tief in die deutsche Geschichte und damit bis nach Nazi-Deutschland reichend, oder ob das eine Fiktion ist. Petrowskaja betreibt kein Spiel mit den Ebenen, sondern sie erzählt uns eine spannende, verwickelte Geschichte. Auch zu den Fragen, was eigentlich Authentizität im Umgang mit unserer Vita bedeutet. Für das, was man in der Literatur den Plot bzw. den Inhalt nennt, ist der Bezug zur empirischen Wirklichkeit gleichgültig. Kann sein, daß die Geschichte tatsächlich so stattfand, kann auch nicht sein.

Primär geht es im literarischen Kunstwerk um ästhetische Stimmigkeit, um ästhetische Wahrheit und nicht um biographische Wahrhaftigkeit. (Das Thema „neuer Biographismus“ als Phänomen der Belletristik, also die Frage nach dem autobiographischen Schreiben bilden hier einen besonderen Bereich, intensiv diskutiert seinerzeit 2016 an den Phänomenen Knausgård, Melle und auch beim Popton von Stuckrad-Barre, führt aber von dem Thema fort, wieweit Fiktion in tatsächlich biographischen Texten oder Blogs erlaubt ist. Denn im Genre Literatur kommt es eben nicht auf faktische Wahrheit an, sondern deren Stimmigkeit ist eine andere. Selbst bei einem (vermeintlich) durch und durch autobiographischem Text wie Max Frischs „Montauk“, wo ein Autor es genau so schreiben will, wie es war.)

Anders sieht dieses Spiel mit der Referenz im Medium Internet aus, nicht nur, was die Kunst und künstlerische Inszenierungen betrifft. Dort finden wir eine neue Form von Darstellung, die den Begriff der personalen Authentizität ins Schwimmen bringt und kritisch hinterfragt. An solcher Stelle wird es postmodern, weil nämlich herkömmliche Unterscheidungen in den Zweifel gezogen bzw. auf ihren Grund befragt oder einfach simuliert oder parodiert werden. Wobei man freilich philosophiekritisch immer mit dazu sagen muß: zieht man die Differenz zwischen Schein und Wirklichkeit komplett ein und nimmt beides als unterschiedslos, so setzt bereits diese Entgrenzung bzw. das Vertauschen der Vorzeichen immer schon voraus, daß es so etwas wie eine Wirklichkeit gibt, die dem Schein entgegensteht und an der die Verschiebung gemessen werden kann. Ansonsten hätte der Begriff des Scheins keinen Sinn und auch der der Wirklichkeit nicht. Solche Spiele sind also dialektisch verfaßt.

Im Ästhetischen, das sich in die Lebenswelt als Trug, als Posse oder als schöne Lüge und sogar als reale Fiktion oder fiktive Realität einschleicht, ergibt das Spiel von Realität und Fiktion, von Schein und Wahrheit literarisch spannende Konstellationen und Geschichten. Prominent und als einer der erster Autoren, die dieses Changieren betrieben, ist Alban Nikolai Herbst und sein Blog „Die Dschungel.Anderswelt“ zu nennen. Bis heute hin wurde dieses Spiel zwischen realer Person, fiktivem Autor und literarischem Einschlag in seinem Blog und teils auch in seiner Literatur durchgehalten. Oftmals mit anregenden, klugen, witzigen Texten, die auch den Leser mit ins Spiel ziehen. Denn im Dschungel können wir Teil der Literatur werden. Herbst spricht, so etwa in seiner Heidelberger Poetikvorlesung, vom Kybernetischen Realismus. Parallelwelten, Echtzeitwelten, Schnittstellen.

Literatur darf das und wer sich auf Herbsts Blog einläßt, weiß auch, daß gespielt wird. Man wäre geneigt zu sagen: geschwindelt, aber es trifft dieser Begriff es nicht exakt. Literatur schwindelt nicht: ihr Fiktives ist real. Ähnliches seinerzeit mit der Schriftstellerin Aléa Torik (Claus Heck): eine junge rumänische Studentin, die in Berlin lebt. Ein spannendes Spiel der Ebenen zwischen ausgedachter Autorenvita und Roman, zwischen Leben und Netz, wo sich 2013 Leben und Literatur in einem seltsamen Strudel bewegten. (Meine Rezensionen zu ihren Büchern „Das Geräusch des Werdens“ und „Aléasʼ Ich“ finden sich hier im Blog.)

Langer Abschweif, kurzer Sinn: jetzt ist am Wochenende herausgekommen, daß die unter dem Namen Fräulein Read on bloggenden Historikerin Marie Sophie Hingst eine jüdische Vita sich ausdachte. Freilich war sie mir als Historikerin bisher nicht geläufig, sondern lediglich als Bloggerin. Mit Aplomb enttarnte der „Spiegel“ jenes Phänomen von biographischer Dichtung und genealogischer Wahrheit und konfrontierte sie in einem (fingierten) Interview mit den recherchierten Erkenntnissen. Leider wieder einmal in der stilisierten, typischen Spiegel- Dramaturgie, was in der Darstellung den üblichen Beigeschmack hinterläßt

„In die­sem Mo­ment muss Ma­rie So­phie Hingst er­kannt ha­ben, dass ihre Par­al­lel­welt nicht län­ger Be­stand ha­ben wür­de. Eine ge­fähr­li­che Si­tua­ti­on: für ihr Selbst­bild – das of­fen­bar mit der fik­ti­ven Iden­ti­tät fast de­ckungs­gleich ge­wor­den war –, für ihre In­te­gri­tät und na­tür­lich auch für ih­ren Job als Pro­jekt­ma­na­ge­rin ei­nes in­ter­na­tio­na­len IT-Kon­zerns in Dub­lin, den sie im ver­gan­ge­nen Au­gust an­ge­tre­ten hat.“

Hingst betreibt – oder besser: betrieb muß ich schreiben – den Blog „Read on my dear, read on“. Inzwischen ist der Blog geschlossen. Fräulein Read on wurde 2017 zur Bloggerin des Jahres gekürt. Was ich von solchen Preisen halte und auch von den unsäglichen Reden, die dort abgesondert werden, brauche ich hier nicht groß zu schreiben. Dennoch habe ich den einen oder den anderen Artikel in ihrem Blog gerne gelesen, etwa zur „Stasi am Küchentisch“, wo es um den Mißbrauch von Vertrauen ging: wenn der, der in deiner Gegenwart sitzt und dir zuhört, brühwarm es ans Ministerium berichtet.

Nun also das. Und wie immer die Frage nach dem Glashaus und nach den inhaltlichen Kriterien: die doppelten Standards. Darf man faken? Darf man das in einem Blog? Ja, grundsätzlich schon. Aber eben nur, sofern man gewisse Ansprüche und Standards durchhält. Beim Täuschen gibt es Grenzen. Nicht immer leicht auszumachen, fallabhängig oft. In diese Sache aber ist einiges gründlich schief gelaufen, eine Inszenierung lief aus dem Ruder, weil ihre Autorin auf der Wahrheit dieser Inszenierung pochte. Insbesondere deshalb hat die Sache mehr als nur eine Schieflage, weil mit solchem Judentum und einer Holocaust-Vita ein bestimmter Anspruch verbunden ist.

Ob ich mich als Ästhetiker Bersarin im Grandhotel Abgrund mit Riesling und Büchern oder als rumänische Schriftstellerin fiktionalisiere, tut in der Regel niemandem weh und richtet keinen Schaden an. Solange ich in meinem Blog bleibe, solange meine Realitätsansprüche bescheiden sind. Wenn ich schriebe, daß ich im Club Berghain heftigst abtanzte, so tut das niemandem weh, wenn ich in Wahrheit zu Hause im gemütlichen Ohrensessel saß, Apfelsaft trank und für die Berghaingeher nur Lachen übrig hatte. Hinter den Internet-Namen ist es wie unter einer Burka: es könnte dein eigener Onkel darunterstecken, wie einmal eine Afghanische Burka-Punkband kritisch gegen den Repressionsstoff ansang.

Nun also wieder ein ausgedachter Jude. Es wäre freilich, auch literarisch genommen, interessant, ob es ebenso den umgekehrte Fall gibt: Sich eine Täterfamilien-Vita zu stricken, als Nachkomme eines Täters zu bloggen, Lagerarztgeschichten von Opa, Polizeibataillon Ost. Jonathan Littels „Die Wohlgesinnten“, nur diesmal für den Blog und damit auch die Wirklichkeit. Ich habe solches Ausdenken von Nazi-Horror manchmal heimlich in der Phantasie zum Spaß gemacht und mir solche Dinge im Kopf zurechtgelegt. Aber solch Makaberes kann man nicht wirklich öffentlich erzählen oder am Ende sollte eben die Fiktion doch als solche irgendwie kenntlich sein. Also Literatur. Es scheint Grenzen zu geben, zumindest intuitiv, so empfinden wir. Es scheint in bestimmten Erzählungen auch eine moralische Schranke zu existieren.

Nein, neu ist dieses Phänomen in der Tat nicht, man sehe auf die oben geschilderten Fälle. Ich frage mich allerdings, was diese Bloggerin geritten hat und wie sehr man sich in seine eigene Geschichte verstricken kann. Ich las zwar bei „Read on“ selten, doch es war ein durchaus angenehmer Blog, teils gut geschriebene Texte, manchmal freilich zu zuckerig, wenn ich mich recht erinnere. Und ich frage mich, was jetzt in Fräulein Read on vorgehen mag. Wie sitzt man da, was denkt man? Das interessiert mich mindestens genauso wie die psychologischen oder biographischen Motivationen, sich eine solche Geschichte auszudenken. Es mag dies mit einer übermäßigen Opferidentifikation zu tun haben, vielleicht auch mit einer Selbsterhöhung oder einer missionarischen Ader, die Leute vor etwas zu warnen, vielleicht auch bezieht man einen hohen Teil seines Selbstwertgefühls aus solcher Mission. Viele Motive sind möglich, es bleibt Spekulation.

Doch das Davor scheint mir zumindest von der Struktur her klar: Jemand verstrickt sich in ein Netz aus Geschichten. Ein wenig auch Narzißmus, eine Geschichte, die langsam in den Kopf einsickert und man merkt nach den ersten Reaktionen der Leser: es fährt sich gut damit, die Leute wollen das. Relotius ist ebenfalls ein solcher Typus. Und man möchte nicht wissen, wie viele Juden, die keine Juden sind, sich in Foren wie haGalil bewegen und in moralischem Verve gegen den Goj, gegen den Schmock auftrumpfen. Aber was machen diese Leute danach? Was tun sie, wenn die Chose aufgeflogen ist? Was geht in Marie Sophie Hingst vor? Eigentlich bräuchten Hingst oder Relotius doch sofort eine professionelle Hilfe. Eine Welt, in der man bisher gut lebte, ist gebrochen. Für die Öffentlichkeit ist man unmöglich geworden. Weshalb ich, wo alle „Kreuzigt ihn!“ rufen, eine Tendenz zum Moderaten habe, sofern jemand sich im Gang der Dinge doch über seinen Fehlgriff klar wird. Ich finde das Danach sehr viel tragischer. Da beginnt für mich die eigentliche Geschichte. Manche schaffen es ja wieder nach draußen, ins Öffentliche. Tom Kummer etwa, der dieses Jahr in Klagenfurt lesen wird. Manche regt das auf, ich aber möchte schon noch die Ebenen unterschieden wissen. Und wenn für jemanden, der aus dem Knast kommt, gilt, daß er seine Strafe verbüßt habe, sollte dies auch für Personen gelten, die sich anderer Verfehlungen schuldig machten. Es gibt ein Recht auf Neuanfang.

Ich will damit das Verhalten nicht entschuldigen, denn willig sahnte man die Preise ab, ließ sich belobhudeln, sonnte sich im Glanz, der anderen eben nicht zuteil wurde: sei es Relotius, sei es Hingst – so unterschiedlich ihre Fälle ansonsten auch sind, der von Relotius ist zumindest für den Journalismus deutlich dramatischer und zeigt eine unheilvolle Tendenz, wie man in Redaktionsstuben gerne die Texte haben wollte, teils auch wieder in der Spiegel-Enthüllung zu lesen. Dennoch: beim Steine-Schmeißen macht es sich diese Gesellschaft viel zu leicht. All die Leser (oder zumindest viele) bekamen genau die Geschichten, die sie lesen wollten. Da hatten sich zwei gefunden. Rührseliger Opferschmonzes, so zumindest denkt man hinterher, dramatisch aufgepeppte Szenen. Texte fürs Gefühl – hätte ich in den Blog tiefer hineingelesen, wäre mir da ganz sicher aufgestoßen. Gegen den Kitsch der guten Gesinnung und das Eiapopeia mit Juden oder mit Negern bin ich grundsätzlich allergisch. Wir müssen lernen, kritisch zu lesen. Aber gegen Lügen, die glaubwürdig präsentiert werden, hat es eben auch das kritische Lesen schwer. Da lobe ich mir dann doch wieder die Literatur. Sie darf alles, sie kann alles. Nur eben darf sie nicht ästhetisch mißlingen.

Abwesenheitsnotiz

Ich bin bin ein toxisches Subjekt, selbst meine Frau hat sich vor mir versteckt. Oder ist es vielmehr umgekehrt? Egal wie, ich weiß es nicht: da ich in nächster Zeit unterwegs bin und nicht weiß, ob es in dieser Region Internet und eine Wireless Local Area Network gibt, mit der ich mich konnekten kann, schalte ich die Kommentarfunktion des Blogs zunächst aus. Und da man nicht weiß, ob es in den Zügen der Deutschen Bahn eine funktionierende Wireless Local Area Network gibt, mache ich das bereits vor dem Reise antritt.

Eine der großen Überwindungen besteht darin, nicht vorweg schon vom Reiseproviant die schwedischen Haferkekse wegzufressen. Einfach die Packung aufreißen und genüsslich ein oder zwei Kekse zum Tee. Wie dem auch sei: Meinen Leserinnen und Lesern wünsche ich eine gute Zeit.

Das Lesen, Karl Kraus, Jean Paul und dreißig Jahre Internet: vom Stahlgewitter zum Digitalgetwitter

„30 Jahre World Wide Web“ kündigt mir Google heute auf meiner Startseite an, und beim Nachlesen in der „Welt“ zeigt sich: der britische Physiker Sir Tim Berners-Lee habe den Grundstein fürs WWW gelegt. Jenes weltweite Netz, das uns als Technik, als Kulturtechnik inzwischen, umspannt und einspannt. Das Internet ist ein ungeheurer, monströser Verstärker für Texte, eine gigantische Kopiermaschine, eine Wunschmaschine, ein Oger, ein Geflecht und es produziert einen schier unendlichen Wust an Gedanken, Sätzen, Bildern, Tönen. Man fühlt sich an jenen riesigen Ozean  auf dem Planeten Solaris erinnert, den Andrej Tarkowski uns in dem gleichnamigen Film vorführt. Ein unendlicher Strom, ein Energie- und Kraftfeld und ein Bezirk von Illusionen, der uns Leben vorspielt. Es saugt Energien aus uns und gebiert Neues. Das Übermaß und die Maßlosigkeit einer Technik, die den Menschen kopiert. Aber nicht nur Ozean, sondern ebenso ein Sonnenfeuer. Einerseits eine eigenständige Entität, andererseits aber macht dieser digitale Feuersturm etwas mit unserem Denken und unserer Aufmerksamkeit. Saugt sie oftmals  aus. Was tun und wie? Man kann gegensteuern, man kann abschalten. Diese Haltung aber bedarf des Bewußtseins und einer hohen Selbstreflexivität. Auch ist das Suchtpotential, das dieses Wesen in uns auslöst, ebenfalls nicht gering zu setzen. Ein Wust, der zur Wüste werden kann. Trivial eigentlich, wir wissen es. Und dennoch fasziniert es, bereichert uns. (Und sei es nur der freie Zugang zu Pornos oder seltsamen Intimgeschichten. Für uns Voyeure ein gefundenes Fressen.)

Wenn man den Begriff des Monstrums im etymologischen Sinne nimmt, bringt es Wikipedia gut auf den Punkt:

„Der Begriff Monster leitet sich von lateinisch monstrum ‚Mahnzeichen‘ sowie monstrare ‚zeigen‘ und monere ‚mahnen‘, ‚warnen‘ ab. Im engeren Sinn bezeichnet er ein meist im Verhältnis zu einem eher idealtypisch gesehenen Menschen ungestaltes Wesen. Dessen Missgestalt findet seinen einzigen Zweck zunächst im Verweis auf das Maß – ein Ideal in körperlicher wie ideeller Hinsicht. Vor allem im Umkreis des theologischen Denkens der Kirchenväter und des Mittelalters ist das Monstrum ein Mahnzeichen, das die Gläubigen auf die Gefahren und Folgen eines Abweichens vom rechten Glauben hinweisen soll, das also bewusst von Gott gesetzt ist.“

Das Un- und das Übermaß also, eine Mißgestalt, weil über- oder andersdimensioniert. Es zeigt und mahnt und warnt. Alles zur selben Zeit, im selben Raum.

Und zugleich denke ich mir, einmal noch diese Faszination wiederzuerleben, als um 1995, 1996 herum das Internet für viele plötzlich bedeutsam wurde: Was war das für ein Reiz? Plötzlich mit Tel Aviv oder mit Tokio zu „sprechen“. In sekundenschnelle an Nachrichten und Informationen zu gelangen. Die ersten Literaturprojekte wie Hettches Null oder Alban Nikolai Herbsts Dschungel Anderswelt, dann in den 2000er Jahren.

Was kam da alles! Das Netz bot Wildes, Ödes, Aufgeregtes, Debatten, Wissen, herrlich Pornographisches – plötzlich für alle zugänglich, Politisches, Lyrisches, die „Prosa der Verhältnisse“, die „Poesie des Herzens“, Tagespolitisches inzwischen im Sekundentakt, das uns um die Ohren fliegt und das oft nicht einmal die – freilich leckere! – Blutwurst wert ist, die da mit viel Trara inszeniert wird: bei immer neuen Themen, die durch die Kanäle geblasen werden, eine Inflation von Text und Bedeutung inzwischen, und damit fällt dieses Internet ebenfalls in die Dialektik der Aufklärung. Viele können heute schreiben, sie geben Kluges oder Dummes von sich – das ist soweit gut. Und angesichts der Masse an Texten bleibt vieles ungelesen. Oft ist das gut so. Manchmal aber schade, ganz besonders bei den gelungenen Texten. Man muß sie entdecken. Man muß Trüffelschwein sein oder braucht eines, das einem solches Wissen liefert. Viele Texte, viel Literatur bleiben dabei freilich auf der Strecke. In der Zeit, wo ich twittere, kann ich nicht lesen.

Dieser Faszination jedoch der ersten, der frühen Jahre Mitte, Ende der 1990, dieser Spieltrieb: das alles ist inzwischen  hin. Es stellte sich eine öde Betriebsamkeit ein. Ähnliches gilt für die Anfangszeit der Blogs.

Analoges Lesen wird bei diesem Netzding für viele (nicht für alle zum Glück!) zu einer Nischensache, all die Zeit, die man im in den sozialen Medien verbringt oder besser geschrieben abhängt und wo man in teils absurden Debatten versinkt, fehlt einem am Ende beim Lesen der tatsächlich komplexen Texte, nennen wir sie ruhig: Bücher. Und ein komplexer Gedanke läßt sich nur entfalten, wenn man ihm Raum gibt – auf einer Fläche, wie ich finde, haptisch, über eine Distanz und nicht in einem sowieso von der Schrift her schwer lesbaren Facebook-Textstrang oder auf 280 Zeichen. Eine schier unübersichtliche scheinende Masse an Text gilt es zu sortieren. Blog- oder Zeitungsartikel etwa kann man sich ausdrucken. Als Fossil mache ich das manchmal, da ich längere Texte nicht am Bildschirm lesen mag.

Diese Vielfalt an Lektüren durch ein neues Kommunikationsmediums ist nicht per se gut oder per se schlecht. Kruder Kulturpessimismus führt nicht weiter. Es gibt gute Facebook-Accounts, es gibt geistreiche Twitterer. Manche meinen, der Kultur- und Sprachkritiker Karl Kraus würde heute Twitter wählen. Ich wäre mir da nicht sicher, ob  Kraus twitterte, bezweifle es, weil Kraus in der Regel mehr als nur Aphorismen schrieb. Seine Hiebe waren meist längere, komplexe Texte: etwa zur Kultur, zu Nestroy und Heinrich Heine, über eine korrupte und manipulative Presse mit schludriger Sprache, Kraus schrieb über die kleinen und großen Skandal-Fälle der Wiener Gesellschaft und über die k.u.k- und später dann die österreichische und die Welt-Politik, die er aufspießte: Sittlichkeit und Kriminalität. Wenngleich Kraus für die neuen Reproduktionsmedien wie etwa die Schallplatte durchaus Sinn besaß. Hingegen duldete er es nicht, wenn man ihn auf einer seiner legendären Lesungen photographierte. Man muß also im Hinblick aufs Medium differenzieren. Es gibt kluge Köpfe und es gibt manche Wissenschaftler, die twittern, daß man sich nicht nur für die Universität, sondern gleich mit für die ganze Innung schämt. Heilige Sauzucht.

Wie mit jeder Technik ist es die Frage, wie man sie nutzt, was man daraus macht und ob ein Leser, eine Leserin mit offenem und wachen Bewußtsein an die Sache herangeht. Die Frage also, wie eine Quantität in eine neue Qualität umschlagen kann. Und so wandelt sich mit dem Medium auch das Leseverhalten in der Literatur. Nicht immer zum guten: wer greift heute zu Jean Paul? Die langen, herrlich gewundenen Sätze, die wie die Girlanden den Buchraum schmücken. Im Zeitalter des schnellen Lesens halten solche wunderbar digressiven Sätze, die sich verströmen und verlieren, oft nur noch auf. Dabei gibt es von Jean Paul so viel zu lernen und mit Lust zu lesen. Jean Paul ist verspielt, er fächert sich auf, allein durch seine mannigfaltigen Vorreden zu den Romanen oder gar zu der Vorrede selbst, eine Vorrede zu der Vorrede, zum Autor, zum Personal, und auch noch innerhalb der Romane zu den einzelnen Kapiteln. Eine Multiplikation von Perspektiven und Personen: Doppelgänger begegnen einem: Leibgeber, Siebenkäs. Und nie ist man sicher: Wie ist es denn nun? Und bei Jean Paul wie auch beim Internet: Ein wuchernder, sich verzweigender und auf sich selbst verweisender Text. Bei Jean Paul aber verspürt der Leser dieses große Glück beim Versinken in Zeilen, weil diese Sprache dann doch auf einen Punkt konzentriert ist, anders als im Internet, nämlich auf die Geschichte und wie Phantasie ein Leben zu erzeugen vermag. Denn der Leseraum von Jean Paul ist abgegrenzt und umrissen. Und genau das meint auch ein Begriff wie Heimat. Leseheimat hier. Und das ist dann zugleich auch die Lebensheimat.

„Wenn ich nichts mehr zu leben habe, schreib‘ ich mein Leben.“ (Jean Paul, Ideen-Gewimmel)

Das schöne an der Literatur ist ja: Es geht einem der kluge Lesestoff niemals aus. Wer bisher nicht die Bekanntschaft von Jean Paul machte, sollte dies unbedingt tun. Freilich: Es gibt Texte, die einem erst spät zufallen. Jean Paul war einer dieser Autoren. Man bereut es dann bitter, ihn nicht schon mit 16 oder 18 kennengelernt zu haben. Aber da war die Bernhard-Zeit, die Handke-Zeit, Mitte der 80er Jahre, die Beckett-und-Kafka-Emphase. Thomas Mann, Brecht und Benn, Kleist und der Meister aus Weimar: nicht Wieland, sondern der andere. Alle zu ihrer Zeit, in ihrem Rahmen, und da ging Jean Paul leider an mir vorbei, wenngleich doch bereits Thomas Bernhard 1986 voll von Emphase in seiner „Auslöschung“  neben seiner eigenen Erzählung „Amras“ insbesondere Jean Pauls „Siebenkäs“ als eines der besten Stücke der Literatur von dieser Welt hervorhob – gegen Thomas Manns Leitzordnerliteratur. Eine herrliche Schimpf- und Lobestirade.

Solche Leseszenen auszufalten, die „Lust am Text“, die Lust an der Literatur zu schreiben, ohne dabei den eigenen Horizont als absolut zu setzen, zu schildern, was einen prägte, ist eine feine Sache. Dieses Erinnern ist nicht bloßer Selbstzweck, sondern man kann sich in der Rückschau vergewissern: Was da mal war, was da wirkte und faszinierte, wie ein bestimmtes Buch uns prägte und unserer Biographie eine Richtung gab. (Ähnlich wie in jenen wilden Jahren des Internets als alles begann, 1996, oder im ebenso wilden Jahr 2012, wo mir in Wittenberg am Brunnen auf dem Marktplatz jene Lebensfrau über den Weg lief, die ich, gäbe es das Netz nicht, nie kennengelernt hätte. Viel zu unterschiedlich sind unsere Lebenswege. Großes Glück des Lebens.)

Anyway: In der „Zeit“ letzten Jahres gab es von Stephan Wackwitz das Projekt „Drei Bücher„, unter der Überschrift: „Ein Lichtfunke, der in mich fiel. Über Lenin, Norbert Blüm und das Erbe des Kolonialismus – wie drei Bücher meinen Blick auf die verworfene Welt verändert haben“. Da es im Internet bereits eine Menge an Buchchallenges gab, in allen möglichen Varianten, meist unter der Rubrik „Die 10 wichtigsten Bücher. Kein Kommentar nur ein Bild“ möchte ich diesen Vorschlag von Wackwitz hier ebenfalls probieren: ich werde zu drei Büchern, die mich beeinflußten, prägten und bewegten, etwas schreiben. (Vielleicht werden es auch vier, ich schaue das noch.) Dieses Projekt starte ich vermutlich Ende März. Davor werden hier auf AISTHESIS nur kleinere Texte oder Bildserien stehen, da mich im Augenblick die Arbeit der Theorie stark in Anspruch nimmt und ich zudem kaum Zeit für ausufernde Diskussionen finde. Insofern muß ebenfalls die Houellebecq-Rezension warten. Weil: das sind so Texte, die oft manchen Kommentar nach sich ziehen. So ist das eben. Im Internet. Besuch kann man gegen halb drei hinauskomplimentieren und spätestens wenn die Weinvorräte leergesoffen sind, gehen die meisten von alleine. Im Internet ist das nicht so. Kann auch sein Gutes haben. Muß es nicht. Man muß wissen, wann man aufhört. Das wieder, das Prinzip des Maßes, ist nicht anders als beim Zuführen von Drogen.

100 Jahre AISTHESIS – Coin Operated Boy

Hier zum Jubiläum die spannenden Geschichten, die sich aus dem Bloggen in einem Jahrhundert ergaben, oder die Debatten, Dispute aus den Jahren zu nennen, Exemplarisches herauszustellen und Interessantes in ein Tableau zu bringen: all dies sprengte den Rahmen eines Beitrags. Nicht zurück, vorwärts geht der Blick. Wenngleich ein Blog ja auch von dem lebt und sich dadurch konstituiert, was er war. Hundert Jahre Einsamkeit, hundert Jahre sind eine lange Zeit. Oder waren es doch bloß derer zehne? Zehn Jahre sind eine Zeit.

Der jüdische Künstler Boris Lurie, 1985: „Du glaubst, mein Freund, mein Menschenfresserfreund, das, was gewesen, ist nicht mehr? … Was ist geschehen und gewesen, das verschwindet nie.“

Es bleibt dabei, es geht nichts über böse, toxische, alte, weiße Männer, die Blogs betreiben. Wir loben sie und es ist gut. Und wenn ein Weib dies ebenfalls macht, so ist es ebenso gut und wohlgetan. Auf AISTHESIS wurden nie Privilegien gecheckt, sondern selbige genossen. „Geben sie Luxus, auf das Notwendigste kann ich verzichten!“ Gedankt werden muß freilich auch all denen, die hier mit Regelmäßigkeit oder manchmal nur sporadisch kommentieren. Denn genau das gehört zum Blog. Texte als Monologe sind ok, aber Debatten sind besser. Zumindest wenn sie gut geführt werden und wenn sie Erkenntnisse bringen.

Festzuhalten bleibt: Es hat sich in diesen zehn Jahren in der Blogosphäre einiges, nein fast alles verändert. Eine Vielzahl an Blogs kam hinzu, vor allem Literaturblogs. Sie kamen und viele gingen wieder. Bei einigen ist es schade, man ist melancholisch gestimmt. Anderen mag man keine Träne nachweinen. Aber wie es einer in seinem Blog macht, muß am Ende jeder für sich entscheiden. Ich fahre und fuhr meinen Stil. Das halte ich weiter so. Mancher neue Blog kam in meiner persönlichen Leseliste hinzu, vieles verschwand daraus auch wieder. Aus der alten Zeit vermisse ich Iris Nebels Blog, Alea Torik ebenso. Auch um „Aboutsomething“ und Brasch-Buch sowie „Lustauflesen“ von dem man nichts mehr hört, ist es schade. Alban Nikolai Herbst gibt es zum Glück weiter, ebenso Begleitschreiben – immer gerne gelesen.

Das schöne am Bloggen ist, daß man es, anders als im Feuilleton, im Bereich Kunst und Kritik nach seinem Gusto treiben kann. Ein Blog kann Hans Henny Jahnns „Fluß ohne Ufer“ oder Faulkners „Licht im August“ besprechen und dazu einen Essay bringen, der jegliches Feuilletonformat sprengt. Oder an Literatur erinnern, die vor Jahren eine Debatte auslöste, wie etwa Christa Wolff, Günter Grass oder Jonathan Littell. Des Feuilletons Buchkritiken müssen halt, und das ist auch gut so, aktuell sein, das Feuilleton kann nicht noch einmal eine Rezension zu „Unendlicher Spaß“ machen. Ein Blogger darf das. Insofern können sich Blog und Feuilleton ergänzen. Die Fragen des Entweder-Oder und auch andere immer einmal wieder inszenierte Scheindebatten sind längst passé, die – teils inszenierten – Kämpfe ausgefochten. Was sollʼs also? Was bleibt? Vorwärts immer! Weitermachen.

Frei nach Jean Paul machen wir hier weiter mit unseren Grönländischen Protokollen, den Zeichen aus der Kältezone, mit Literatur und mit Kritik und mit Kunst und Ästhetik. Eis, Thesis: die Synthese sind Texte, die offen sind. Essays als Form. Geschichte, Geschichten, ästhetische Theorie aus dem Grandhotel Abgrund, dessen Hausherr die „Verhaltenslehre der Kälte“ immer noch als geboten sieht. Sich mit keiner (politischen) Sache gemein machen. Ein Loblied aufs Artifizielle, aufs Kalte, Künstliche – mit Seitenschritten manchmal ins Gesellschaftliche. Bleiben Sie dem Blog gewogen oder auch nicht! Den treuen Leserinnen und Lesern aber sei auf alle Fälle gedankt!

Ein frohes Weihnachtsfest

wünscht AISTHESIS allen gewogenen und geneigten Lerinnen und Lesern dieses Blogs. Besinnliche, friedliche und frohe Weihnachtstage und dazu eines der schönsten deutschen Weihnachtsgedicht, einmal wieder:

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh’ ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus in’s freie Feld,
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schneees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen –
O du gnadenreiche Zeit!

(Joseph von Eichendorff)

Zum neuen Jahr

„Als zum erstenmal das Wort ‚Friede‘ ausgesprochen wurde, entstand auf der Börse eine Panik. Sie schrien auf im Schmerz: Wir haben verdient! Lasst uns den Krieg! Wir haben den Krieg verdient!“ (Karl Kraus)

Den Leserinnen und Lesern dieses Blogs wünsche ich ein gutes neues Jahr, mit all den Wünschen, die zu einem neuen Jahr so dazugehören. Man wird wohl das beste daraus machen müssen.

Hier ist der Morgen des ersten Tages vom Neuen Jahr. Von Greifswald, der Stadt Caspar David Friedrichs, ging es zu Silvester herüber auf die Insel Rügen. Weit und fern der Schüsse und Raketentests im „Reichshauptstadtslum“, wo es eigentlich ganz und gar unmöglich bis widerwärtig ist, Silvester zu feiern. (Aber ich will hier keine Bernhardsche Beschimpfungskaskade machen, Berlin ist mit sich und einem Großteil seiner Blasenbewohner bereits genug gestraft.)


 
 

Also besser sich den Landschaften widmen. Und was Sie dann sehen, ist der hereinbrechende Abend des neuen Jahres samt Vollmond. Auf Rügen und mit wenig bis gar keinem Internet. So sollte es auch in Zukunft weitergehen. Zumindest, was die Zeitdiebe Facebook und Twitter betrifft. Über Hegel, über den Deutschen Idealismus oder über die wunderbare Malerei von Caspar David Friedrich läßt sich da nichts bis wenig lernen. Eine innere Uckermark finden und erfinden. Nicht im Netz partizipieren, sondern wieder die Texte produzieren. Es muß im Netzwerk nicht jeder ein Leser dort sein.

Und nach der alten Maßgabe weitermachen: Nicht jenen ahnungslosen Kleinemädchenjournalismus lesen, irgendwas zwischen Hannah Lühmann, Judith Engelmann und Margarete Kreischkowski, genau das, worauf ich seit Jahren keine Lust habe und was die kostbare Zeit raubt. Weniger ist mehr. Keinen Online-Journalismus. Oder kaum. Die durchs Dorf getriebenen Säue. „Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können – das macht den Journalisten.“ (Karl Kraus) Heute funktioniert viel zu oft nicht einmal mehr das Ausdrückenkönnen. Schreibimpotenz. Nicht einmal zu jener Beschreibungsimpotenz, die Handke 1967 in Princeton nannte, reicht es. Was ja immerhin noch ein Ton und ein Klang wäre: Nichts zu beschreiben, sondern Dinghaftes als Ding einfach zu zeigen. Ich will nach Wien in die Stadt von Karl Kraus. Auf diesen Spuren. Dieses Jahr. Die bösen und die guten Dinge tun.

Dieses Jahr – es steht Marx an, dessen Gedenkjahr 2018 zelebriert wird, mal angemessen, und sehr viel öfter vermutlich dumm-überflüssig , weil die Lektüre von Inkompetenz und Vorurteil getragen wird. Nicht was im Text steht, wird gelesen, sondern was sich im Köpfchen des Betrachters abspielt, ist das Maß der Lektüre und wird posaunt. Am Anfang steht nicht der Versuch und der Wille mehr oder weniger ausgebildet zu verstehen, sondern eine Hermeneutik des Verdachts. Lesenswert auf alle Fälle scheint mir die im September erschienene Biographie von Jürgen Neffe Marx. Der Unvollendete. Und dazu noch, allerdings älteren Datums, von Terry Eagleton Warum Marx recht hat. Man kann – so steht zu vermuten – allerdings schon dankbar sein, wenn die Diskussion dieses Jahr nicht auf dem Niveau „Aber Marx hat den Gulag möglich gemacht“ entlang glitscht. Mit solcher Unfug-Vermeidung wäre bereits einiges gewonnen. (Wenn auch wenig erreicht).

Auf geht es also zur Lektüre. Am besten die Originale selbst. Denn wie schon mein Professor Kleining in der Soziologie einst den Eleven sagte, die da im Proseminar saßen: Wer das Original nicht begreift, wird auch die Sekundärliteratur nicht verstehen.

Was Karl Marx und Karl Kraus übrigens eint: beide waren nicht nur kritische Analytiker und Beobachter ihrer Epoche, sondern ebenso glänzende Stilisten und Polemiker.

Die Festtage

Mutmaßungen: Sind für den Geist und für das Herz die Stunden, da sie nichts voneinander wußten, besser gewesen als die, wo im gemeinsamen Sein und Spazieren die gewußte Zeit zuallererst das Bewußtsein schaffte, Bewußtsein und den Übergang?

Nächstes Jahr: Ich möchte wieder nach Wien, und ich fahre nach Wien. Deshalb ein paar Photographien von dieser herrlichen Stadt, gleichsam um Gestimmtheit anklingen zu lassen, eine Art Freude. Die des Spaziergängers.

Den Leserinnen und Lesern dieses Blogs ein paar frohbesinnliche Tage, Weihnachtstage mit, ja: mit was Sie sich wünschen. Der Blog macht bis zum Neuen Jahr eine Pause, es sei denn, es ergäben sich gar zu dringliche Angelegenheiten oder es pressiert im Denken. Halten Sie es mit Jean Paul und Lichtenberg: Bleiben Sie heiter, witzig, satirisch. Alles andere lohnt sich angesichts des objektiven Wahnsinns nicht. Und vor allem: Bissig bleiben. (Aber natürlich nicht stutenbissig.)

 

Literatur ist eine Illusionsmaschine – Paul Auster zum 70. Geburtstag

Wie ist das neue Buch von Auster? „4321“, der Countdown läuft. Neugierig bin ich als Austerianer schon, der ich in grauer Vorzeit einmal war. Heute aber will ich etwas anderes erfahren: Nicht wissen will der geneigte Leser, wie der neue Roman aufgebaut und gewebt ist, wie der Auster erzählt. Was ich über den Roman hörte, klang spannend, aber knapp 1300 Seiten Prosa pur in drei Tagen zu bewältigen? Schwierig, schwierig, es sei denn, ich sähe von sonstigen Aktivitäten außer dem Lesen ab. Insofern wähle ich einen anderen Weg, möchte vielmehr auf das frühe Werk von Auster schauen. Da, wo alles anfing, zumindest in der damaligen BRD der 80er Jahre als 1987 „Stadt aus Glas“ erschien. Wie war das und wie lese ich das Buch heute?

978-3-499-25809-1Ein Buch zum zweiten Mal sich vorzunehmen, nach fast 30 Jahren, kann eine heikle Sache sein. Wie wenn nach der letzten zugeschlagenen Seite schwer die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben stünde, wo einst Begeisterung waltete? Trotzdem sind Rückschauen in der Lektüre spannend, selbst wenn sie am Ende ernüchternd ausfallen; zeigen sie doch, wie sich unser Blick auf ein einst für uns bedeutsames Buch wandelte, wie sich unsere Haltung in der Lektüre veränderte, wie die Zeit fortschritt. Bei Thomas Mann z.B. bin ich auch nach wiederholte Lektüre angetan. Das bleibt, das steht, ein Klassiker eben, im guten Sinne.

Paul Austers „Stadt aus Glas“. Was wir damals im Rausch einsogen, weil es im Gegensatz zur oft behäbigen Literatur der alten BRD so neu war. Ein kräftiger Sound wehte damals über den Ozean aus den USA zu uns herüber. Heute liest sich das anders und eine gehörige Portion Gewöhnung kam im Laufe der Zeit hinzu, abgeklärter ästhetischer Sinn, einst neue Tricks wirken alt oder einfach nur als eine Masche, die ich zur Genüge kenne. Jene Frage nach der intellektuellen Mode. Doch Mode ist bekanntlich nach Baudelaire jene Rüsche am Kleid der Ewigkeit.

Paul Auster gehört in seinen frühen Romanen zu den Autoren, die unterhaltsam schrieben – die Storys an den klassischen Detektivroman angelehnt. In „Stadt aus Glas“ ist es ein traurig-gescheiterter Schriftsteller in New York. Einst machte er Gedichte, schrieb kritische Essays, inzwischen hat er sich jedoch unter dem doppelsinnigen Pseudonym William Wilson aufs Schreiben von Krimis verlegte. Hard-boiled storys, die zur Unterhaltung des Publikums verfaßt werden, mit einen knochenharten detectiv. Private eye, was den Protagonisten des Romans, Daniel Quinn, dazu verleite, über den Mehrfachsinn des Wortes „private eye“ und seine Bedeutung fürs Schreiben von Literatur nachzudenken – Detektiv, Auge und Ich, das private Auge des Schriftstellers, der beobachtet, nicht anders als der Detektiv – und dann wird zudem charmant über den Namen William Wilson der US-Schriftsteller Edgar Alan Poe eingeführt. Poe erfand den Detektivroman und er buchstabierte das Motiv des Doppelgängers samt dem Wahnsinn aus. Lauter schöne Referenzen, die man kennen kann, aber nicht wissen muß, um Austers Geschichte zu folgen. Intertextualität ist das Zauberwort dieser Zeit und die sogenannte Postmoderne ist in vollen Zügen nun auch in der Literatur zu finden, kam sogar in den Literaturseminaren der alten BRD an. Schöne alte Zeit.

In Quinns Wohnung, die er mittlerweile allein und vereinsamt „bewohnt“ – seine Frau und sein Sohn sind vor einige Zeit gestorben – klingelt das Telefon. Quinn hebt den Hörer ab und mit diesem Zug beginnt die Geschichte. Der erste Satz des Romans weist auf eine Welt aus Fälschungen bzw. aufs Trügerische von Existenz, immer wiederkehrende Motive im Werk Austers:

„Mit einer falschen Nummer fing es an, mitten in der Nacht läutete das Telefon dreimal, und die Stimme am anderen Ende fragte nach jemandem, der er nicht war.“

Und es spielen ebenso die darauf folgenden Sätze auf zentrale Motive im späteren Werk von Paul Auster an:

„Viel später, als er in der Lage war, darüber nachzudenken, was mit ihm geschah, sollte er zu dem Schluß kommen, nichts ist wirklich außer dem Zufall. Aber das war viel später. Am Anfang waren einfach nur das Ereignis und seine Folgen. Ob es anders hätte ausgehen können oder ob mit dem ersten Wort aus dem Mund des Fremden alles vorausbestimmt war, ist nicht das Problem. Das Problem ist die Geschichte selbst, und ob sie etwas bedeutet oder nicht, muß die Geschichte nicht sagen.“

Das Spiel von Verhängnis und Zufall nimmt seinen Lauf. Besonders und perfid auf die Spitze getrieben zeigt sich der Zufall, der Ungeheures gebiert, in Austers Roman „Music by Chance“, den ich für eines seiner besten Bücher halte. Hier aber, für Quinn und sein weiteres Leben, geht es ums Ereignis, jener Augenblick in einer Geschichte, der alles weitere verändert, sozusagen auch eine Art Kafka-Referenz „Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt – es ist niemals gutzumachen“, mit diesem Satz endet Kafkas „Ein Landarzt“. Oder aber jener Punkt des Anfangs, der den Fortgang überhaupt erst konstituiert. Denn in diesem Kontext ist es gar nicht so sehr das Geschehen des Romans, die Handlung ist nicht das Problem, sondern die Geschichte selbst. Was geschieht? Textphilosophische Narreteien, aber sie funktionieren bei Auster, auch im Jahre 2017, weil sie in ihrem Spiel den Plot nicht überblenden. Das ist trickreich gewoben.

Die Stimme am anderen Ende der Leitung fragt, ob es sich bei Quinn um einen gewissen Paul Auster handele. „Paul Auster. Vom Detektivbüro Auster.“ Solche Selbstreferenz im Literarisieren erscheint, wenn man es heute wiederliest, zwar wenig originell. Das postmoderne Spiel mit der Autorenschaft, das Auster in diese Geschichte einwob, überzeugt im Nachklang nur mäßig; es besitzt allenfalls literaturwissenschaftliche Relevanz, schlug freilich damals in der BRD ein, weil solche Konstruktion im Text nicht üblich war in einer Literatur, die immer noch im Gestus eines unmittelbar Politischen stattfand, wofür als Stichwort das Engagement stand, oder es fabelte und spann die Innerlichkeit unter dem Zeichen der Neuen Subjektivität in seinen guten wie schlechten Varianten. Verharrte. Und wo erst langsam die postmodernen Enkel von Böll und Grass sich den strengen Banden entwanden. Das waren bereits die 90er Jahre.

Wenn ich mir die bei reclam erschienenen Jahresrückblicke „Deutsche Literatur“ zu den mittleren und späten 80er Jahren durchblättere, dann sticht manch Gediegenes ins Auge. Sauber gearbeitete Prosa, aber mit vielen Nachkriegswehen. Es ist ungerecht und schnöselig, im Rückblick zu schreiben, der Ton dieser Literatur wäre altbacken und behäbig, ob nun Peter Handke oder Jurek Becker. Die hinter den Ohren feuchtgrünen Zeitgeistbürschlein sind mir um einiges suspekter noch als der schlechteste Text von Günter Grass. Dennoch brachte die amerikanische Literatur – und das war nicht nur die aus den USA – der deutschen jenen nötigen Schub fürs zukünftige Schreiben. Doch leider – das erwies sich als der unschöne Nebeneffekt dieser postpopmodernen Tendenz – trieb das auch solche wie Stuckrad-Barre oder Alexa Henning von Lange aus dem Erdreich, die nun ans Tageslicht krochen.

Gewitzt, obwohl literarisch nicht ganz neu (Stichwort Flann O’Brian und Raymond Queneau) wirkte es seinerzeit, wenn in einem Roman der Protagonist auf eine Figur namens Paul Auster traf, der im Buch wohlfeil mit attraktiver Frau schreibend und in hinlänglichem Luxus dahinlebt, während der Protagonist Quinn dagegen einen schäbigen Eindruck erweckt, jener Paul Auster, der zugleich als Autor auf dem Buchdeckel firmierte, und wenn beide angeregt über Cervantes Don Quijote reden, über die Frage nach der Urheberschaft bzw. der Autorenschaft dieses Buches, dann gerät zwar der Kopf noch nicht schwummerig und treibt die Gedanken ins Verwirrspiel, aber für die ausklingenden 80er Jahre war diese Art des Erzählens, die bei Auster in Ton und Stil so leichtfüßig auftrat, doch besonders.

Wobei – eingekeilt ins Spiel der Verschiebungen – der Roman „Stadt aus Glas“ wiederum von einem dritten Mann aufgeschrieben wurde, der am Ende des Buches als Ich-Erzähler auftaucht und vorgibt, mit jenem Paul Auster befreundet gewesen zu sein. Der Roman beruht insofern auf Quinns Aufzeichnungen in einem roten Notizheft, in das er seine Detektiv-Beobachtungen eintrug und die dann von jenem Dritten zu einem konsistenten Text, zu einer Geschichte also, gefügt wurden. (Hoffen wir nur, daß am Ende des Spiels mit den Fakten, bei den Buchhonoraren nämlich, das Geld nicht fälschlicherweise auf das Konto jenes dritten Mannes, sondern auf das von Auster überwiesen wurde.) Es setzt an dieser Stelle des Romans ein Verweis auf ein Spiel an Verweisen ein, das ebenso wie im Roman selbst auch in jenem Don Quijote passiert, über den Daniel Quinn (Initialen D.Q.) und Auster plaudern, ein Spiel im Spiel. Daß Auster von bestimmten Themen nicht losgelassen wird, etwa dem des Zufalls und der fragilen und multiplen Identität innerhalb der Literatur zeigt sich bereits in dieser kleinen Passage zum Don Quijote, die man nun vor dem Hintergrund seines neuen Romans „4321“ lesen muß. Jener Roman-Auster sagt:

„‚Die Theorie, die ich in meinem Essay aufstelle, lautet, daß er in Wirklichkeit eine Kombination von vier verschiedenen Personen darstellt.’“

In „4321“ geht es ebenfalls um vier Identitäten, wenn ich den ersten Besprechungen folge. Es gibt in Austers Romanen insofern viel zu enträtseln und zahlreich sind die Verweise im literarischen Kosmos Austers – untereinander und auf die Welt der Literatur bezogen. Um all diese Bezüge zu entschlüsseln, bedarf es eines Paul Auster-Dechiffriersyndikats, wie wir es von Arno Schmidt her kennen. Andererseits sollte Literatur kein Selbstzweck für Literaturwissenschaftler sein, sondern sie will gelesen werden. Zu arg hineingepreßte Bedeutungen, die sich zudem mit Absichtslosigkeit tarnen, verstimmen am Ende mehr als daß sie hilfreich sind.

Die weitere Geschichte von Daniel Quinn ist schnell erzählt. Er bekommt von jenem ominösen Anrufer, bei dem nicht auszumachen ist, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, einen Auftrag. Den Vater des Mandanten zu beschatten, sobald der aus dem Gefängnis entlassen sei und in New York ankäme. Er habe vor, seinen Sohn umzubringen. Jener Stillman Senior, Philosoph und Theologe, veranstaltete mit seinem Sohn Peter ein brachiales Experiment. Er züchtete sich, um die wahre natürliche Sprache des Menschen zu entschlüsseln, nach der Geburt des Kindes eine Art Kaspar Hauser. In diese abstruse Geschichte einer ungeheuren Kindesmißhandlung schießen Mythologisches von der Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies, der Einheit einer Menschensprache, die Geschichte vom Turmbau zu Babel und der Sprachvielfalt ineinander. Und so geraten mit der Geburt des Sohnes das Fabulierende eines alten Mythos sowie die Ideensammlung des Professors mit der Realität in Konflikt. Amerika, das ist das neue Jerusalem.

Das neue Paradies, das neue Jerusalem: es liegt in Amerika. Auster reißt in seinem ersten Buch bereits das Thema an, was ihn Zeit seines Schreibens in Atem halten wird: er zeichnet in all ihren Facetten jene Americana nach, die uns als Kultur bis in den letzten Winkel beherrscht, selbst in unseren Kopfkinomythen: die USA, das Land der Freien, das Land des Unbegrenzten, God‘s own Country. Doch vielfach schimmert bei Auster dieses Americana als kaputter Ort durch, bricht sich in apokalyptischen Szenen, in einem Spiel des Grauens, wie etwa in „Musik des Zufalls“, wo zwei Zwangscharaktere ihre zwei Besucher als Sklaven bei sich festhalten, dazu ein wenig On the Road-Romantik und harter Poker. Oder es spiegelt sich dieses Amerika als Trümmerfeld „Im Land der letzten Dinge“, und dieses Derangierte zieht sich bis in die Bewußtseinshöhlen der Sprache:

„So spricht denn jeder seine Privatsprache, und da die Gebiete, auf denen man einander noch versteht, beständig schrumpfen, wird er Gedankenaustausch mit anderen schwieriger.“

Und zum Beginn des Romans heißt es:

„Wer in der Stadt lebt lernt, nichts für selbstverständlich zu halten. Man schließt nur kurz die Augen, dreht sich um, um nach etwas anderem zu sehen, und was eben noch vor einem stand, ist plötzlich weg. Nichts bleibt, verstehst du, nicht einmal die eigenen Gedanken. Ihnen nachzuhängen wäre Zeitverschwendung. Ist etwas erst einmal weg, dann für immer.“

Diese Symptome des Auslöschens zeigen sich ebenso in „Stadt aus Glas“, sie steigern sich, bis Daniel Quinn auf eine rätselhafte Weise im Nirgendwo der Stadt verlöscht, sich ins Nichts auflöst. Unheimlich wie so oft bei Auster, wenn etwa ein Junge zu levitieren beginnt, wie in „Mr Vertigo“. Für einen Schwindel im besten Sinne ist Paul Auster immer zu haben. Abenteuer kann er mit Schwung erzählen. Bereits in den letzten Szenen, wo wir Quinn zusehen, ist er auf die Existenz eines Bettlers regrediert; er haust in einer Mülltonne, worin er sich vor dem Regen schützt, monatelang das Haus seines vermeintlichen Mandanten bewachend.

In „Stadt aus Glas“ pointiert sich der Mythos Amerika in New York – jener pulsierende Stadt. Ein Mann verschwindet darin. Was bleibt, ist seine triste Geschichte, was als Eindruck sich einsenkt, ist das Existentielle: wie mit einem Schlag und weil sich eine Sache im Leben um ein Winziges nur verschiebt, die gesamte Existenz wegbricht und wie ein Mensch, dessen Leben sinnlos und aus den Fugen zu sein scheint, mit der Stadt New York verschmilzt. Die Flanierszenen und die Beobachtungen der Stadt, die Quinn in sein rotes Notizbuch einträgt, gehören mit zu den stärksten Szenen des Buches. Bettler und Menschen in unendlicher Not, die Quinn als Detektiv auf seinen Streifzügen beobachtet. Männer mit zerschürfter Haut, verschlissen. Bis er selber auf genau diesen Stand des Gerade-noch-Menschseins hinabsinkt. Inventar dieser Stadt, aber eigentlich kein lebendiges Wesen mehr.

Die Stärke dieses Buches liegt in solchen Beschreibungen: die Weise, wie Auster den Moloch Großstadt ins Bild positioniert. Das postmoderne Spiel dagegen wirkt wie ein zwar feines und gekonntes, aber doch museal leicht angestaubtes Zierat, das wir vom Heute her mit einem Schmunzeln betrachten. Der Blick postmodern Übersättigter und derer, die inzwischen mit allen Wassern der Literaturtheorie und des Intertextuellen gewaschen sind. In diesem Sinne bin ich dann auch gespannt auf Paul Austers Opus Magnum, auf sein Alterswerk. Ob auch dort noch jenes Spiel von Verweisen vorherrscht oder ob es sich in einer Form komplexeren Erzählens regulierte.

Paul Auster: Stadt aus Glas, in: Die New-York-Trilogie (Stadt aus Glas / Schlagschatten / Hinter verschlossenen Türen), Rowohlt Verlag, EUR 9,99.

 

 

Zwischen den Jahren

Aus der Nachträglichkeit heraus getextet: Meinen Leserinnen und Lesern wünsche ich, ein frohes Fest gehabt zu haben. Geraten Sie in den Rauhnächten nicht aus den Fugen. Aber wie es nun einmal ist und wie es Martin Heidegger in seiner Rede zur Selbstbehauptung der deutschen Universitäten 1933 formulierte, steht alles Große im Sturm.

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Wie man diesen beiden Photographien ebenfalls entnehmen kann. „Schwere See“, sangen Element of Crime und wie meine Geliebte, anspielungsreich in ihrer Art, diese Photos kommentierte. Unsere See ist immer die wilde, die schwer zu umsegelnden Meere.

Insbesondere inmitten des Seichten und der Ansprachenrhetorik der Politiker mag dieser Satz von der Größe und dem Sturm sich bewahrheiten. Ebenso ist jenes „Fürchtet Euch nicht“ ein schöner Satz – auch wenn er dem Volk von Politikern, Journalisten und Kommentatoren regelmäßig eingetrichtert wird, damit Ruhe im Karton ist. Ich gehöre jedoch zu denen, die diesen Satz nicht bloß weltlich, sondern vielmehr im strengen Sinne theologisch begreifen und solches nicht ins Gerede der Alltagspolitik umgemünzt wissen wollen. Wobei ich am Soteriologischen meine Zweifel hege. Auch der Gott mag uns nicht mehr retten.

Und um inmitten des Getümmels Klartext zu sprechen: Die Täter vom Breitscheidplatz in Berlin sind nicht das Böse – dies eben ist eine theologische Kategorie, die von Frau Merkel säkularisiert wurde -, sondern es sind Feinde; im Sinne Carl Schmitts könnte man auch, sofern man das Wort Terrorist nicht gebrauchen mag, von Partisanen sprechen. Ihre Ordnung gegen die andere Ordnung. Zu lesen wäre fürs nächste Jahr Schmitts Theorie des Partisanen. Gewiß wird 2017 nicht minder ereignisreich.

Die unseligen Ereignisse in Berlin bringt Stefan Winterbauer gut auf den Punkt:

„Die Politik findet jenseits der eingeübten Betroffenheitsrituale offenbar keine Sprache, dem Terror zu begegnen. Und die meisten Medien greifen dies auf und verstärken den Effekt, statt diese Sprachlosigkeit anzuprangern. Viele Medien sind gegenüber der Politik derzeit im Echo-Modus und sind damit Teil einer großen Beschwichtigungsmaschine. Ist das noch Gelassenheit oder schon Gleichgültigkeit?
(…)
Während ein staatsbekannter „Gefährder“, der mit einem gefälschten Ausweis eingereist ist, sich in einem Netzwerk radikaler Islamisten herumtrieb, eigentlich abgeschoben werden sollte und dessen Telekommunikation schon mal überwacht wurde, mutmaßlich am vergangenen Montag einen Sattelschlepper in einen deutschen Weihnachtsmarkt steuerte und 12 Menschen tötete. Was soll man da machen? Weiter Glühwein trinken? Ganz gelassen?“

Insofern sind die Appelle, keine Angst zu haben oder weiterzumachen wie bisher, von einer grenzenlosen Naivität. Reflex aus Angst. (Zumal Ängste und auch Furcht sich kaum durch Appelle beseitigen lassen.) Wobei es im übrigen interessant ist, daß die, die nun mahnen, Ruhe sei die erste Bürgerpflicht, mit denen deckungsgleich sind, die bei der Wahl Trumps in wilder Angstkommunikation wie die aufgescheuchten Hühner im Stall flatterten und hyperventilierten als stünde uns der Leibhaftige vor der Tür. Aber auch das gehört zum medialen Geschäft der doppelten Standards.

Was wird das nächste, das neue Jahr bringen? Auf alle Fälle setze ich die Serie zu 70 Jahre Dialektik der Aufklärung fort; es wird sicherlich ebenfalls um das Ende der Berliner Volksbühne unter der Intendanz Frank Castorfs gehen; die nächste documenta steht an. Die Ausstellung „Geschlechterkampf“ in Frankfurt am Main reizt mich zum Reisen und Schauen.