Zum neuen Jahr

„Als zum erstenmal das Wort ‚Friede‘ ausgesprochen wurde, entstand auf der Börse eine Panik. Sie schrien auf im Schmerz: Wir haben verdient! Lasst uns den Krieg! Wir haben den Krieg verdient!“ (Karl Kraus)

Den Leserinnen und Lesern dieses Blogs wünsche ich ein gutes neues Jahr, mit all den Wünschen, die zu einem neuen Jahr so dazugehören. Man wird wohl das beste daraus machen müssen.

Hier ist der Morgen des ersten Tages vom Neuen Jahr. Von Greifswald, der Stadt Caspar David Friedrichs, ging es zu Silvester herüber auf die Insel Rügen. Weit und fern der Schüsse und Raketentests im „Reichshauptstadtslum“, wo es eigentlich ganz und gar unmöglich bis widerwärtig ist, Silvester zu feiern. (Aber ich will hier keine Bernhardsche Beschimpfungskaskade machen, Berlin ist mit sich und einem Großteil seiner Blasenbewohner bereits genug gestraft.)


 
 

Also besser sich den Landschaften widmen. Und was Sie dann sehen, ist der hereinbrechende Abend des neuen Jahres samt Vollmond. Auf Rügen und mit wenig bis gar keinem Internet. So sollte es auch in Zukunft weitergehen. Zumindest, was die Zeitdiebe Facebook und Twitter betrifft. Über Hegel, über den Deutschen Idealismus oder über die wunderbare Malerei von Caspar David Friedrich läßt sich da nichts bis wenig lernen. Eine innere Uckermark finden und erfinden. Nicht im Netz partizipieren, sondern wieder die Texte produzieren. Es muß im Netzwerk nicht jeder ein Leser dort sein.

Und nach der alten Maßgabe weitermachen: Nicht jenen ahnungslosen Kleinemädchenjournalismus lesen, irgendwas zwischen Hannah Lühmann, Judith Engelmann und Margarete Kreischkowski, genau das, worauf ich seit Jahren keine Lust habe und was die kostbare Zeit raubt. Weniger ist mehr. Keinen Online-Journalismus. Oder kaum. Die durchs Dorf getriebenen Säue. „Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können – das macht den Journalisten.“ (Karl Kraus) Heute funktioniert viel zu oft nicht einmal mehr das Ausdrückenkönnen. Schreibimpotenz. Nicht einmal zu jener Beschreibungsimpotenz, die Handke 1967 in Princeton nannte, reicht es. Was ja immerhin noch ein Ton und ein Klang wäre: Nichts zu beschreiben, sondern Dinghaftes als Ding einfach zu zeigen. Ich will nach Wien in die Stadt von Karl Kraus. Auf diesen Spuren. Dieses Jahr. Die bösen und die guten Dinge tun.

Dieses Jahr – es steht Marx an, dessen Gedenkjahr 2018 zelebriert wird, mal angemessen, und sehr viel öfter vermutlich dumm-überflüssig , weil die Lektüre von Inkompetenz und Vorurteil getragen wird. Nicht was im Text steht, wird gelesen, sondern was sich im Köpfchen des Betrachters abspielt, ist das Maß der Lektüre und wird posaunt. Am Anfang steht nicht der Versuch und der Wille mehr oder weniger ausgebildet zu verstehen, sondern eine Hermeneutik des Verdachts. Lesenswert auf alle Fälle scheint mir die im September erschienene Biographie von Jürgen Neffe Marx. Der Unvollendete. Und dazu noch, allerdings älteren Datums, von Terry Eagleton Warum Marx recht hat. Man kann – so steht zu vermuten – allerdings schon dankbar sein, wenn die Diskussion dieses Jahr nicht auf dem Niveau „Aber Marx hat den Gulag möglich gemacht“ entlang glitscht. Mit solcher Unfug-Vermeidung wäre bereits einiges gewonnen. (Wenn auch wenig erreicht).

Auf geht es also zur Lektüre. Am besten die Originale selbst. Denn wie schon mein Professor Kleining in der Soziologie einst den Eleven sagte, die da im Proseminar saßen: Wer das Original nicht begreift, wird auch die Sekundärliteratur nicht verstehen.

Was Karl Marx und Karl Kraus übrigens eint: beide waren nicht nur kritische Analytiker und Beobachter ihrer Epoche, sondern ebenso glänzende Stilisten und Polemiker.

Die Festtage

Mutmaßungen: Sind für den Geist und für das Herz die Stunden, da sie nichts voneinander wußten, besser gewesen als die, wo im gemeinsamen Sein und Spazieren die gewußte Zeit zuallererst das Bewußtsein schaffte, Bewußtsein und den Übergang?

Nächstes Jahr: Ich möchte wieder nach Wien, und ich fahre nach Wien. Deshalb ein paar Photographien von dieser herrlichen Stadt, gleichsam um Gestimmtheit anklingen zu lassen, eine Art Freude. Die des Spaziergängers.

Den Leserinnen und Lesern dieses Blogs ein paar frohbesinnliche Tage, Weihnachtstage mit, ja: mit was Sie sich wünschen. Der Blog macht bis zum Neuen Jahr eine Pause, es sei denn, es ergäben sich gar zu dringliche Angelegenheiten oder es pressiert im Denken. Halten Sie es mit Jean Paul und Lichtenberg: Bleiben Sie heiter, witzig, satirisch. Alles andere lohnt sich angesichts des objektiven Wahnsinns nicht. Und vor allem: Bissig bleiben. (Aber natürlich nicht stutenbissig.)

 

Literatur ist eine Illusionsmaschine – Paul Auster zum 70. Geburtstag

Wie ist das neue Buch von Auster? „4321“, der Countdown läuft. Neugierig bin ich als Austerianer schon, der ich in grauer Vorzeit einmal war. Heute aber will ich etwas anderes erfahren: Nicht wissen will der geneigte Leser, wie der neue Roman aufgebaut und gewebt ist, wie der Auster erzählt. Was ich über den Roman hörte, klang spannend, aber knapp 1300 Seiten Prosa pur in drei Tagen zu bewältigen? Schwierig, schwierig, es sei denn, ich sähe von sonstigen Aktivitäten außer dem Lesen ab. Insofern wähle ich einen anderen Weg, möchte vielmehr auf das frühe Werk von Auster schauen. Da, wo alles anfing, zumindest in der damaligen BRD der 80er Jahre als 1987 „Stadt aus Glas“ erschien. Wie war das und wie lese ich das Buch heute?

978-3-499-25809-1Ein Buch zum zweiten Mal sich vorzunehmen, nach fast 30 Jahren, kann eine heikle Sache sein. Wie wenn nach der letzten zugeschlagenen Seite schwer die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben stünde, wo einst Begeisterung waltete? Trotzdem sind Rückschauen in der Lektüre spannend, selbst wenn sie am Ende ernüchternd ausfallen; zeigen sie doch, wie sich unser Blick auf ein einst für uns bedeutsames Buch wandelte, wie sich unsere Haltung in der Lektüre veränderte, wie die Zeit fortschritt. Bei Thomas Mann z.B. bin ich auch nach wiederholte Lektüre angetan. Das bleibt, das steht, ein Klassiker eben, im guten Sinne.

Paul Austers „Stadt aus Glas“. Was wir damals im Rausch einsogen, weil es im Gegensatz zur oft behäbigen Literatur der alten BRD so neu war. Ein kräftiger Sound wehte damals über den Ozean aus den USA zu uns herüber. Heute liest sich das anders und eine gehörige Portion Gewöhnung kam im Laufe der Zeit hinzu, abgeklärter ästhetischer Sinn, einst neue Tricks wirken alt oder einfach nur als eine Masche, die ich zur Genüge kenne. Jene Frage nach der intellektuellen Mode. Doch Mode ist bekanntlich nach Baudelaire jene Rüsche am Kleid der Ewigkeit.

Paul Auster gehört in seinen frühen Romanen zu den Autoren, die unterhaltsam schrieben – die Storys an den klassischen Detektivroman angelehnt. In „Stadt aus Glas“ ist es ein traurig-gescheiterter Schriftsteller in New York. Einst machte er Gedichte, schrieb kritische Essays, inzwischen hat er sich jedoch unter dem doppelsinnigen Pseudonym William Wilson aufs Schreiben von Krimis verlegte. Hard-boiled storys, die zur Unterhaltung des Publikums verfaßt werden, mit einen knochenharten detectiv. Private eye, was den Protagonisten des Romans, Daniel Quinn, dazu verleite, über den Mehrfachsinn des Wortes „private eye“ und seine Bedeutung fürs Schreiben von Literatur nachzudenken – Detektiv, Auge und Ich, das private Auge des Schriftstellers, der beobachtet, nicht anders als der Detektiv – und dann wird zudem charmant über den Namen William Wilson der US-Schriftsteller Edgar Alan Poe eingeführt. Poe erfand den Detektivroman und er buchstabierte das Motiv des Doppelgängers samt dem Wahnsinn aus. Lauter schöne Referenzen, die man kennen kann, aber nicht wissen muß, um Austers Geschichte zu folgen. Intertextualität ist das Zauberwort dieser Zeit und die sogenannte Postmoderne ist in vollen Zügen nun auch in der Literatur zu finden, kam sogar in den Literaturseminaren der alten BRD an. Schöne alte Zeit.

In Quinns Wohnung, die er mittlerweile allein und vereinsamt „bewohnt“ – seine Frau und sein Sohn sind vor einige Zeit gestorben – klingelt das Telefon. Quinn hebt den Hörer ab und mit diesem Zug beginnt die Geschichte. Der erste Satz des Romans weist auf eine Welt aus Fälschungen bzw. aufs Trügerische von Existenz, immer wiederkehrende Motive im Werk Austers:

„Mit einer falschen Nummer fing es an, mitten in der Nacht läutete das Telefon dreimal, und die Stimme am anderen Ende fragte nach jemandem, der er nicht war.“

Und es spielen ebenso die darauf folgenden Sätze auf zentrale Motive im späteren Werk von Paul Auster an:

„Viel später, als er in der Lage war, darüber nachzudenken, was mit ihm geschah, sollte er zu dem Schluß kommen, nichts ist wirklich außer dem Zufall. Aber das war viel später. Am Anfang waren einfach nur das Ereignis und seine Folgen. Ob es anders hätte ausgehen können oder ob mit dem ersten Wort aus dem Mund des Fremden alles vorausbestimmt war, ist nicht das Problem. Das Problem ist die Geschichte selbst, und ob sie etwas bedeutet oder nicht, muß die Geschichte nicht sagen.“

Das Spiel von Verhängnis und Zufall nimmt seinen Lauf. Besonders und perfid auf die Spitze getrieben zeigt sich der Zufall, der Ungeheures gebiert, in Austers Roman „Music by Chance“, den ich für eines seiner besten Bücher halte. Hier aber, für Quinn und sein weiteres Leben, geht es ums Ereignis, jener Augenblick in einer Geschichte, der alles weitere verändert, sozusagen auch eine Art Kafka-Referenz „Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt – es ist niemals gutzumachen“, mit diesem Satz endet Kafkas „Ein Landarzt“. Oder aber jener Punkt des Anfangs, der den Fortgang überhaupt erst konstituiert. Denn in diesem Kontext ist es gar nicht so sehr das Geschehen des Romans, die Handlung ist nicht das Problem, sondern die Geschichte selbst. Was geschieht? Textphilosophische Narreteien, aber sie funktionieren bei Auster, auch im Jahre 2017, weil sie in ihrem Spiel den Plot nicht überblenden. Das ist trickreich gewoben.

Die Stimme am anderen Ende der Leitung fragt, ob es sich bei Quinn um einen gewissen Paul Auster handele. „Paul Auster. Vom Detektivbüro Auster.“ Solche Selbstreferenz im Literarisieren erscheint, wenn man es heute wiederliest, zwar wenig originell. Das postmoderne Spiel mit der Autorenschaft, das Auster in diese Geschichte einwob, überzeugt im Nachklang nur mäßig; es besitzt allenfalls literaturwissenschaftliche Relevanz, schlug freilich damals in der BRD ein, weil solche Konstruktion im Text nicht üblich war in einer Literatur, die immer noch im Gestus eines unmittelbar Politischen stattfand, wofür als Stichwort das Engagement stand, oder es fabelte und spann die Innerlichkeit unter dem Zeichen der Neuen Subjektivität in seinen guten wie schlechten Varianten. Verharrte. Und wo erst langsam die postmodernen Enkel von Böll und Grass sich den strengen Banden entwanden. Das waren bereits die 90er Jahre.

Wenn ich mir die bei reclam erschienenen Jahresrückblicke „Deutsche Literatur“ zu den mittleren und späten 80er Jahren durchblättere, dann sticht manch Gediegenes ins Auge. Sauber gearbeitete Prosa, aber mit vielen Nachkriegswehen. Es ist ungerecht und schnöselig, im Rückblick zu schreiben, der Ton dieser Literatur wäre altbacken und behäbig, ob nun Peter Handke oder Jurek Becker. Die hinter den Ohren feuchtgrünen Zeitgeistbürschlein sind mir um einiges suspekter noch als der schlechteste Text von Günter Grass. Dennoch brachte die amerikanische Literatur – und das war nicht nur die aus den USA – der deutschen jenen nötigen Schub fürs zukünftige Schreiben. Doch leider – das erwies sich als der unschöne Nebeneffekt dieser postpopmodernen Tendenz – trieb das auch solche wie Stuckrad-Barre oder Alexa Henning von Lange aus dem Erdreich, die nun ans Tageslicht krochen.

Gewitzt, obwohl literarisch nicht ganz neu (Stichwort Flann O’Brian und Raymond Queneau) wirkte es seinerzeit, wenn in einem Roman der Protagonist auf eine Figur namens Paul Auster traf, der im Buch wohlfeil mit attraktiver Frau schreibend und in hinlänglichem Luxus dahinlebt, während der Protagonist Quinn dagegen einen schäbigen Eindruck erweckt, jener Paul Auster, der zugleich als Autor auf dem Buchdeckel firmierte, und wenn beide angeregt über Cervantes Don Quijote reden, über die Frage nach der Urheberschaft bzw. der Autorenschaft dieses Buches, dann gerät zwar der Kopf noch nicht schwummerig und treibt die Gedanken ins Verwirrspiel, aber für die ausklingenden 80er Jahre war diese Art des Erzählens, die bei Auster in Ton und Stil so leichtfüßig auftrat, doch besonders.

Wobei – eingekeilt ins Spiel der Verschiebungen – der Roman „Stadt aus Glas“ wiederum von einem dritten Mann aufgeschrieben wurde, der am Ende des Buches als Ich-Erzähler auftaucht und vorgibt, mit jenem Paul Auster befreundet gewesen zu sein. Der Roman beruht insofern auf Quinns Aufzeichnungen in einem roten Notizheft, in das er seine Detektiv-Beobachtungen eintrug und die dann von jenem Dritten zu einem konsistenten Text, zu einer Geschichte also, gefügt wurden. (Hoffen wir nur, daß am Ende des Spiels mit den Fakten, bei den Buchhonoraren nämlich, das Geld nicht fälschlicherweise auf das Konto jenes dritten Mannes, sondern auf das von Auster überwiesen wurde.) Es setzt an dieser Stelle des Romans ein Verweis auf ein Spiel an Verweisen ein, das ebenso wie im Roman selbst auch in jenem Don Quijote passiert, über den Daniel Quinn (Initialen D.Q.) und Auster plaudern, ein Spiel im Spiel. Daß Auster von bestimmten Themen nicht losgelassen wird, etwa dem des Zufalls und der fragilen und multiplen Identität innerhalb der Literatur zeigt sich bereits in dieser kleinen Passage zum Don Quijote, die man nun vor dem Hintergrund seines neuen Romans „4321“ lesen muß. Jener Roman-Auster sagt:

„‚Die Theorie, die ich in meinem Essay aufstelle, lautet, daß er in Wirklichkeit eine Kombination von vier verschiedenen Personen darstellt.’“

In „4321“ geht es ebenfalls um vier Identitäten, wenn ich den ersten Besprechungen folge. Es gibt in Austers Romanen insofern viel zu enträtseln und zahlreich sind die Verweise im literarischen Kosmos Austers – untereinander und auf die Welt der Literatur bezogen. Um all diese Bezüge zu entschlüsseln, bedarf es eines Paul Auster-Dechiffriersyndikats, wie wir es von Arno Schmidt her kennen. Andererseits sollte Literatur kein Selbstzweck für Literaturwissenschaftler sein, sondern sie will gelesen werden. Zu arg hineingepreßte Bedeutungen, die sich zudem mit Absichtslosigkeit tarnen, verstimmen am Ende mehr als daß sie hilfreich sind.

Die weitere Geschichte von Daniel Quinn ist schnell erzählt. Er bekommt von jenem ominösen Anrufer, bei dem nicht auszumachen ist, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, einen Auftrag. Den Vater des Mandanten zu beschatten, sobald der aus dem Gefängnis entlassen sei und in New York ankäme. Er habe vor, seinen Sohn umzubringen. Jener Stillman Senior, Philosoph und Theologe, veranstaltete mit seinem Sohn Peter ein brachiales Experiment. Er züchtete sich, um die wahre natürliche Sprache des Menschen zu entschlüsseln, nach der Geburt des Kindes eine Art Kaspar Hauser. In diese abstruse Geschichte einer ungeheuren Kindesmißhandlung schießen Mythologisches von der Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies, der Einheit einer Menschensprache, die Geschichte vom Turmbau zu Babel und der Sprachvielfalt ineinander. Und so geraten mit der Geburt des Sohnes das Fabulierende eines alten Mythos sowie die Ideensammlung des Professors mit der Realität in Konflikt. Amerika, das ist das neue Jerusalem.

Das neue Paradies, das neue Jerusalem: es liegt in Amerika. Auster reißt in seinem ersten Buch bereits das Thema an, was ihn Zeit seines Schreibens in Atem halten wird: er zeichnet in all ihren Facetten jene Americana nach, die uns als Kultur bis in den letzten Winkel beherrscht, selbst in unseren Kopfkinomythen: die USA, das Land der Freien, das Land des Unbegrenzten, God‘s own Country. Doch vielfach schimmert bei Auster dieses Americana als kaputter Ort durch, bricht sich in apokalyptischen Szenen, in einem Spiel des Grauens, wie etwa in „Musik des Zufalls“, wo zwei Zwangscharaktere ihre zwei Besucher als Sklaven bei sich festhalten, dazu ein wenig On the Road-Romantik und harter Poker. Oder es spiegelt sich dieses Amerika als Trümmerfeld „Im Land der letzten Dinge“, und dieses Derangierte zieht sich bis in die Bewußtseinshöhlen der Sprache:

„So spricht denn jeder seine Privatsprache, und da die Gebiete, auf denen man einander noch versteht, beständig schrumpfen, wird er Gedankenaustausch mit anderen schwieriger.“

Und zum Beginn des Romans heißt es:

„Wer in der Stadt lebt lernt, nichts für selbstverständlich zu halten. Man schließt nur kurz die Augen, dreht sich um, um nach etwas anderem zu sehen, und was eben noch vor einem stand, ist plötzlich weg. Nichts bleibt, verstehst du, nicht einmal die eigenen Gedanken. Ihnen nachzuhängen wäre Zeitverschwendung. Ist etwas erst einmal weg, dann für immer.“

Diese Symptome des Auslöschens zeigen sich ebenso in „Stadt aus Glas“, sie steigern sich, bis Daniel Quinn auf eine rätselhafte Weise im Nirgendwo der Stadt verlöscht, sich ins Nichts auflöst. Unheimlich wie so oft bei Auster, wenn etwa ein Junge zu levitieren beginnt, wie in „Mr Vertigo“. Für einen Schwindel im besten Sinne ist Paul Auster immer zu haben. Abenteuer kann er mit Schwung erzählen. Bereits in den letzten Szenen, wo wir Quinn zusehen, ist er auf die Existenz eines Bettlers regrediert; er haust in einer Mülltonne, worin er sich vor dem Regen schützt, monatelang das Haus seines vermeintlichen Mandanten bewachend.

In „Stadt aus Glas“ pointiert sich der Mythos Amerika in New York – jener pulsierende Stadt. Ein Mann verschwindet darin. Was bleibt, ist seine triste Geschichte, was als Eindruck sich einsenkt, ist das Existentielle: wie mit einem Schlag und weil sich eine Sache im Leben um ein Winziges nur verschiebt, die gesamte Existenz wegbricht und wie ein Mensch, dessen Leben sinnlos und aus den Fugen zu sein scheint, mit der Stadt New York verschmilzt. Die Flanierszenen und die Beobachtungen der Stadt, die Quinn in sein rotes Notizbuch einträgt, gehören mit zu den stärksten Szenen des Buches. Bettler und Menschen in unendlicher Not, die Quinn als Detektiv auf seinen Streifzügen beobachtet. Männer mit zerschürfter Haut, verschlissen. Bis er selber auf genau diesen Stand des Gerade-noch-Menschseins hinabsinkt. Inventar dieser Stadt, aber eigentlich kein lebendiges Wesen mehr.

Die Stärke dieses Buches liegt in solchen Beschreibungen: die Weise, wie Auster den Moloch Großstadt ins Bild positioniert. Das postmoderne Spiel dagegen wirkt wie ein zwar feines und gekonntes, aber doch museal leicht angestaubtes Zierat, das wir vom Heute her mit einem Schmunzeln betrachten. Der Blick postmodern Übersättigter und derer, die inzwischen mit allen Wassern der Literaturtheorie und des Intertextuellen gewaschen sind. In diesem Sinne bin ich dann auch gespannt auf Paul Austers Opus Magnum, auf sein Alterswerk. Ob auch dort noch jenes Spiel von Verweisen vorherrscht oder ob es sich in einer Form komplexeren Erzählens regulierte.

Paul Auster: Stadt aus Glas, in: Die New-York-Trilogie (Stadt aus Glas / Schlagschatten / Hinter verschlossenen Türen), Rowohlt Verlag, EUR 9,99.

 

 

Zwischen den Jahren

Aus der Nachträglichkeit heraus getextet: Meinen Leserinnen und Lesern wünsche ich, ein frohes Fest gehabt zu haben. Geraten Sie in den Rauhnächten nicht aus den Fugen. Aber wie es nun einmal ist und wie es Martin Heidegger in seiner Rede zur Selbstbehauptung der deutschen Universitäten 1933 formulierte, steht alles Große im Sturm.

p1140884

p1140888

Wie man diesen beiden Photographien ebenfalls entnehmen kann. „Schwere See“, sangen Element of Crime und wie meine Geliebte, anspielungsreich in ihrer Art, diese Photos kommentierte. Unsere See ist immer die wilde, die schwer zu umsegelnden Meere.

Insbesondere inmitten des Seichten und der Ansprachenrhetorik der Politiker mag dieser Satz von der Größe und dem Sturm sich bewahrheiten. Ebenso ist jenes „Fürchtet Euch nicht“ ein schöner Satz – auch wenn er dem Volk von Politikern, Journalisten und Kommentatoren regelmäßig eingetrichtert wird, damit Ruhe im Karton ist. Ich gehöre jedoch zu denen, die diesen Satz nicht bloß weltlich, sondern vielmehr im strengen Sinne theologisch begreifen und solches nicht ins Gerede der Alltagspolitik umgemünzt wissen wollen. Wobei ich am Soteriologischen meine Zweifel hege. Auch der Gott mag uns nicht mehr retten.

Und um inmitten des Getümmels Klartext zu sprechen: Die Täter vom Breitscheidplatz in Berlin sind nicht das Böse – dies eben ist eine theologische Kategorie, die von Frau Merkel säkularisiert wurde -, sondern es sind Feinde; im Sinne Carl Schmitts könnte man auch, sofern man das Wort Terrorist nicht gebrauchen mag, von Partisanen sprechen. Ihre Ordnung gegen die andere Ordnung. Zu lesen wäre fürs nächste Jahr Schmitts Theorie des Partisanen. Gewiß wird 2017 nicht minder ereignisreich.

Die unseligen Ereignisse in Berlin bringt Stefan Winterbauer gut auf den Punkt:

„Die Politik findet jenseits der eingeübten Betroffenheitsrituale offenbar keine Sprache, dem Terror zu begegnen. Und die meisten Medien greifen dies auf und verstärken den Effekt, statt diese Sprachlosigkeit anzuprangern. Viele Medien sind gegenüber der Politik derzeit im Echo-Modus und sind damit Teil einer großen Beschwichtigungsmaschine. Ist das noch Gelassenheit oder schon Gleichgültigkeit?
(…)
Während ein staatsbekannter „Gefährder“, der mit einem gefälschten Ausweis eingereist ist, sich in einem Netzwerk radikaler Islamisten herumtrieb, eigentlich abgeschoben werden sollte und dessen Telekommunikation schon mal überwacht wurde, mutmaßlich am vergangenen Montag einen Sattelschlepper in einen deutschen Weihnachtsmarkt steuerte und 12 Menschen tötete. Was soll man da machen? Weiter Glühwein trinken? Ganz gelassen?“

Insofern sind die Appelle, keine Angst zu haben oder weiterzumachen wie bisher, von einer grenzenlosen Naivität. Reflex aus Angst. (Zumal Ängste und auch Furcht sich kaum durch Appelle beseitigen lassen.) Wobei es im übrigen interessant ist, daß die, die nun mahnen, Ruhe sei die erste Bürgerpflicht, mit denen deckungsgleich sind, die bei der Wahl Trumps in wilder Angstkommunikation wie die aufgescheuchten Hühner im Stall flatterten und hyperventilierten als stünde uns der Leibhaftige vor der Tür. Aber auch das gehört zum medialen Geschäft der doppelten Standards.

Was wird das nächste, das neue Jahr bringen? Auf alle Fälle setze ich die Serie zu 70 Jahre Dialektik der Aufklärung fort; es wird sicherlich ebenfalls um das Ende der Berliner Volksbühne unter der Intendanz Frank Castorfs gehen; die nächste documenta steht an. Die Ausstellung „Geschlechterkampf“ in Frankfurt am Main reizt mich zum Reisen und Schauen.

 

Abwesenheitsnotiz (In Paris)

Einige Tage schlendern, flanieren, spazieren, schauen. Über die Boulevards und die Straßen. Lange Zeit war ich nicht mehr in Paris. Paris – die steinerne Stadt. Mauern und Grau, wenn man sich im Flugzeug der Metropole nähert oder vom Hügel des Pére Lachaise über die Stadt blickt. Wir suchten die Gräber von Balzac und Proust. Wir fanden sie. Regen in der Stadt. Ich liebe das Grau der Steine, das durch den Regen noch grauer wirkt.

Allerdings – es fehlt mir in Paris meine Geliebte. Wo ist meine FAZ? Nichts zu finden hier, um im Bistro zu lesen. Freilich fehlt mir auch meine andere Geliebte. Die weit ostwärts weilt. Der Mensch braucht viele Dinge, er findet sie an verschiedenen Orten. Hier ist es die Stadt, die ich immer noch mag. Auf alle Fälle sind die Menschen im Vergleich zu den 80er Jahren sehr viel freundlicher geworden. Zumindest die jungen Leute. Daß der Pariser herzlich ist, kannte ich bisher gar nicht. Noch im Jahre 2004 rangierte die Höflichkeit des Parisers gegenüber Gästen knapp hinter dem Bretonen, der, als er einem Gast den gußeisernen Fuß eines Tisches auf den menschlichen Fuß wuchtete, kein Wort des Bedauerns fanden, sondern, nachdem die Frau laut vor Schmerz schrie, zornig die Frau anstarrte. Andere Länder andere Sitten. Ich begegnete der Grobheit wehrmachtsmäßig in zackigem Bestellbefehlston. Bellend bestellen in deutscher Sprache und dabei mit dem Finger auf die Karte deutend, damit der Bedienstete auch weiß, was wir wollen. Inzwischen ist es anders. Freundliche Menschen in den Bars und Geschäften.

Heute morgen, in einem der Gänge in der Metrostation Arts et Métier grölt plötzlich einer Allahu akbar. Sein Schrei hallt durch die Gänge, aber man sieht den Rufer nicht, es kommt vom gegenüberliegenden Gleis. Ich drücke mich in Fluchtroute. Keine schöne Vorstellung. Wieder 2 % mehr für Le Pen. An der Place de la République, vorm Denkmal, am Sockel schwimmt das Blumenmeer und die Bilder der Opfer kleben am Stein. Aber auch Plakate zu aktuellem Protest mischen sich darunter. Das Bataclan liegt ganz in der Nähe am Boulevard Voltaire. Auf der anderen Seite türmen sich die Reste aus Blumen und Kerzen. Verwelktes Andenken. Aus manchem Fenster hängt traurig im Regen die Tricolore. Ich mag Paris im Grau.

Das Gute an Paris – es gibt hier keine Kolumnen von Sibylle Berg oder Georg Diez. Ebenso keinen Böhmermann, kein Facebook. Paris entrückt.

IMG_20151111_0011

 

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

 

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

 

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

 

Leipzig Messe – Nachlese

Am Stand des Compact Verlags in der Halle 5 schaute es aus, als patrouillieren am Tresen die Ordner der NPD-Schutzabteilung. Breite Stiernacken, einer mit einem Tattoo, das eine SS-Rune genausogut darstellen könnte wie einen Blitz, der sich am Hals in die Richtung des Kinns hochzüngelt. Sympathisch. Die Szenerie am Stand wirkt bedrohlich und das soll sie sein, genau in dieser Weise soll es herüberkommen: Wir sind da! Was ich dort sehe, gefällt mir nicht. Keine zwanzig Schritte weiter befinden sich die linken Buchstände und Kollektive. (Wer mag sich diese Anordnung ausgedacht haben?)

Verlagseigene oder gedungene Schlägertrupps gehören nicht auf eine Messe. Dennoch bin ich gegen ein Verbot solcher Stände. Wohl aber für ein Verbot von Schutzstaffeln. Die Sicherheit obliegt der Polizei. Dumm nur, wenn Staatsorgane – ein Begriff nebenbei, der für mich einen Tick nach Geschlechtsorganen klingt – in einem ihrem Wasserwerfer auf einer Demo ein Magazin dieses Verlags demonstrativ hinter das Panzerplexiglasfenster positionieren. Die Polizisten wurden zur Strafe versetzt. Vermutlich zum Bewachen von Asylunterkünften.

Wenn schon im Literaturbetrieb nicht viel passiert und Streit sich in Grenzen hält, dann wenigsten das: Stefanie Sargnagel ätzt gegen Ronja von Rönne:

Sargnagel

Hahaha. Gehen 2 Nullen durch die Wüste und treffen eine 8. Fragt die eine Null: „Warum trägt die denn ʼnen Gürtel?“ Poser beide gleichermaßen, Sargnagel ist die Rönne Hegemanns. Zwei Seiten derselben Medaille. Aber das gehört nun einmal mit zum Betrieb. Nach den Großschlachten der weißen alten aussterbenden Männer machen  nun die jungen weißen Frauen bitchy Catfights oder dissen einander. Und wenn wir schon beim Mageren sind, ich müßte noch irgend etwas zu Benjamin von Stuckrad-Barre schreiben. Allein, es gibt sein Buch nichts her als dumm Tüch wie man in der von Drogerist Barre geschätzten Stadt Hamburg so vor sich hin sagt. Stuckrad-Barre – das ist die hohle Geste mit Krawatte. Wer nicht zum Dandy taugt, sollte es lassen.

Beim Messeschlendern bin ich am liebsten in der Halle 3 an den Ständen der Kunsthochschulen. Schöne Drucke und Bilder, feine Grafiken und Photos der Absolventen lassen sich dort entdecken. Kaufenswert auch die Kunstpostkarten. Diesmal nahm ich gegen Spende ein paar von der Kunsthochschule Halle, Burg Giebichenstein. Wer es etwas ruhiger will, fernab des Messetrubels schaue dort. Viel Schönes gibt es zu betrachten, in Kunstbüchern läßt sich blättern. Für mich immer wieder der beste Ort auf der Messe.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAm 18.3. ging zudem das Online Magazin für Literatur namens tell an den Start und wurde in Leipzig vorgestellt. Ich schreibe das ein bißchen pro domo. Angestoßen durch die Debatte zur Lage der Literaturkritik im Perlentaucher im Sommer 2015 und durch die immer wieder in den Feuilletons aufflackernden Diskussionen zur Buchkritik. Und so zitierte die Gründerin und Initiatorin Sieglinde Geisel zur Auftaktsitzung im Juli 2015 in den Redaktionsräumen der Zeitschrift Merkur die Bremer Stadtmusikanten: „Etwas besseres als den Tod findest du überall.“ Denn all das Meta des Metas der Metakritik und das Verfallsschimpfen nützt nichts – es muß etwas getan werden. Ob das Projekt gelingt, wird sich zeigen. Doch wer nichts wagt, der gewinnt nichts und so lautet das Motto tells für diesen Anfang: „Woʼs not tut, Fährmann, läßt sich alles wagen.“ So heißt’s in Schillers Drama. Ergänzen möchte man gerne: „Das Alte stürzt, es ändern sich die Zeiten, und neues Leben blüht aus den Ruinen.“

Nicht unbedingt stürzt die Bedeutung des Feuilletons, wohl aber ändert sich die Medienlandschaft, sie wird deutlich vielschichtiger. Darin spielen zunehmend auch Literaturblogger eine Rolle. Diese Buchmesse zeigte es, und leicht hektisch und mit einer gewissen Erregungsröte im Gesicht reagiert darauf mancher im klassischen Zeitungsfeuilleton, wie am Donnerstag in der Berliner Zeitung Sabine Vogel, die einen mäßig recherchierten Text zu Buchblogs schrieb. Argumentierte man in der Diktion Vogels so müßte man annehmen, die Redakteurin bloggte. Ijoma Mangold hingegen nahm auf einer Diskussion über das Verhältnis von Feuilleton und Literaturblog an, Blogs seien etwas, das der Vergangenheit angehöre. So recht ernst mochte er sie nicht nehmen. Immerhin ließ er sich aber herab, anzuerkennen, daß es sowas gibt. Irgendwo draußen, weitab von der Mangold-Welt. Der Versuch, zu bestimmen, was Blogs im Gegensatz zum Feuilleton leisten, erwies sich in der Debatte schwieriger als gedacht.

Als Schlußwort aus dem Publikum resümierte Jochen Kienbaum von „lustauflesen“ zu recht, die Szene der Literaturblogs sei derart plural verfaßt, daß es kaum möglich und auch nicht sinnvoll sei, im Sinne einer Definition Bestimmungen zu liefern: DEN Literaturblog gibt es nicht. Ich denke, wie bei allen Kollektivsingularen, daß sich darin Mannigfaltiges tummelt.

Ein umfassender Bericht zu dieser Veranstaltung unter dem Titel „Die Buchbeschleuniger“ findet sich auf der Homepage des Börsenblatts des Deutschen Buchhandels.

Unsinnig scheint es mir das, das eine gegen das andere auszuspielen oder in Konkurrenz zum klassischen Feuilleton zu treten. Die Stärke wie auch die Schwäche von Blogs: das ist ihre Subjektivität. Im Gegensatz zu dem großen Passagierschiff oder dem Tanker Zeitung sind Blogs Schnellboote, manchmal mit netten Bordkanonen bestückt, auf die man mal auf Möwen, dann wieder auf Wale zielt. (Bin heute, in Hamburg weilend, maritim gestimmt: Call me Ishmael: der Erzähler als Überlebender einer Teufelsfahrt mit Malstrom.) Die Kunst der kleinen Form. Etwas aufgreifen, pointieren, zuspitzen, über Bücher schreiben, die kein Feuilleton bespricht. Aber wird diese Möglichkeit, auch abseits zum Betrieb Liegendes aufzugreifen, von den Bücherbloggern hinreichend genutzt? Radikalisiert Euch! Radix matrix: Wurzelgeflecht bilden.

Eigentlich mag ich Buchmessen nicht. Aber das Flanieren an den Ständen vorbei gefällt mir. Keiner kennt mich, keiner will etwas von mir, keiner sieht mich. Keiner spricht.

 

 

 

 

„Kölner Botschaft“, Teil 2

Ich gehöre nicht zu den großen Blogverlinkern im Netz, ich gehöre nicht zu denen, die sogenannten Blogparaden veranstalten – ein Begriff, den ich idiotisch finde und der bei mir Aversionen auslöst wie sonst nur das Wort Polonaise. Gemeinschaftsstimmungen sind mir eher zuwider, und ich meide sie, wo es geht. Aus guten Gründen.

Im Falle der massiven Übergriffe auf Frauen in Köln möchte ich jedoch auf einen wichtigen Blogtext von von Jutta Pivecka aka Melusine Barby verweisen und verlinken: „Kölner Botschaft“ statt #ausnahmslos. Was sie formuliert und analysiert, deckt sich mit meiner Sicht. Weshalb ich also ebenfalls die „Kölner Botschaft“, aber keineswegs #ausnahmslos unterschreiben würde. (Wenn ich denn überhaupt Petitionen und Aufrufe unterzeichnete.) Aus welchen Gründen die „Kölner Botschaft“ die richtige Reaktion auf die Ereignisse in dieser Stadt ist, formuliert Jutta Pivecka auf ihrem Blog „Gleisbauarbeiten“ in klugen und abwägenden Worten: ohne ins linke Sabbeltrallala abzugleiten, ohne rechtspopulistische Slogans zu bemühen, ohne zu relativieren, ohne in den Aufregungsdiskurs zu verfallen. Nein, Köln war kein Sexterror und auch kein Zivilisationsbruch – solcher Aufsteigerungen bedarf es nicht. Aber Köln ist ebensowenig eine Nebensache, die mal eben so passiert. Diese Silvesternacht verweist auf grundsätzliche Probleme, die mit einem Mal, im Sinne eines Ereignisses, hervorbrachen.

Wer eine gute Flüchtlingspolitik machen will und ernsthaft eine sogenannte „Willkommenskultur“ – ein Begriff nebenbei, den ich ebenfalls für problematisch halte – schaffen möchte, wer mithin das Asylrecht ernst nimmt, darf im Falle von Straftaten nicht wegschauen. (Das gilt ohne Ausnahme, ausnahmslos also.) Wer dennoch wegschaut, schüttet Öl ins Feuer und schürt eine sowieso schon dramatische Gemengelage, in der alles mit allem unterschiedslos vermischt wird. Wichtig also auch, in den Analysen die Ebenen zu trennen und zu prüfen, was zusammengehört, was nicht, was Ursache sein könnte und was Wirkung. Weil Medien nicht immer korrekt berichten – ein Phänomen nebenbei, das wir nicht erst seit Köln ,Griechenland und der Ukraine kennen –,  haben wir noch lange keine Lügenpresse oder eine mediale Verschwörung. Weil auch Flüchtlinge Straftaten begehen, sind Flüchtlinge keine Kriminellen, sondern zunächst einmal Geflüchtete, die Schreckliches erlebten. Daß unter diesen Menschen auch solche  sind, die aus anderen Gründen nach Europa kommen, ändert nichts an dieser Tatsache.

Über Köln muß gesprochen werden. Wie geschrieben: statistisch gerechnet alle zehn Minuten ein Übergriff auf Frauen, innerhalb von 6 bis 8 Stunden auf engem Raum scheint mir keine Petitesse, die unter die Rubrik Herrenabend im Kuhdorf fällt – der ebenfalls schlimm genug ist, aber von einer anderen Qualität. Und ebenso ist es keine sehr beruhigende Vorstellung, wenn eine Polizei auf einem öffentlichen Platz einer 1000köpfigen Menge, aus der heraus über Stunden Straftaten verübt werden, nicht Herr wird. Mag sein, daß für die Straftäter aus Arabien und Nordafrika der Diebstahl im Vordergrund stand; das tut es für Taschendiebe in der U-Bahn auch. Aber die befummeln, beschimpfen und begrapschen keine Frauen und stecken Finger in Körperöffnungen, sondern die Beute in ihre Taschen und reiche das Geklaute unauffällig weiter. In Köln jedoch inszenierten sich, nach dem, was wir bisher wissen, provokante, sexistische Gruppen von Männern, die im Schutz einer aufgeheizten Menge agierten.

Starke und richtige Worte, wie ich finde, von Jutta Pivecka:

„Wer allerdings sexualisierte Gewalt, Sexismus und Rassismus auch für strukturelle Probleme (patriarchaler) Gesellschaften und Weltanschauungen hält – und nicht nur für individuelle Defekte – , muss sich durchaus Fragen zum sogenannten „soziokulturellen Hintergrund“ von Tätern stellen. Das, so würden die Initiatorinnen und Unterzeichnerinnen von #ausnahmslos antworten, bestritten sie in ihrem Text ausdrücklich nicht. Stimmt, einen Satz ist es ihnen durchaus wert. Jedoch hüten sie sich davor, auf den spezifischen soziokulturellen Hintergrund der Täter von Köln einzugehen. Das hat Gründe. Doch es wäre auch anders gegangen, wie die „Kölner Botschaft“ eindrucksvoll beweist, die nicht darauf verzichtet, die konkreten Hintergründe der Kölner Taten zu benennen und die im ersten Absatz eine offensive Position – die der Liebe zur eigenen Stadt –  vertritt, die es – gegen die Täter von Köln, die Pegida-Aktivisten, Nazi-Apologeten und Dschihadisten – zu verteidigen gilt.“ (Via „Gleisbauarbeiten“)

Am besten den ganzen Text lesen. Patriarchale Strukturen sind nicht nur als Twitter- oder Aktionismus-Slogan ausnahmslos in den Blick zu nehmen, sondern sie sind konkret und im Zusammenhang zu benennen. Dafür eben spielen auch der soziokulturelle Hintergrund und Biographien eine Rolle. Denn Menschen sind nicht vom Himmel gefallen und mal eben so da wie die liebe Sonne. Nachfragen müssen sich alle Religionen gefallen lassen. Ob Islam oder Buddhismus oder die katholische Kirche, sofern sie Kultur und Sozialisation bestimmen. Und auch ich als Mann sollte es tun, ohne gleich in Bußfertigkeitsübungen zu verfallen und in Selbstzerknirschungsritualen zu zergehen. Selbstreflexion kann niemandem schaden. Wer übrigens Köln sagt, sollte zugleich die Situation von geflüchteten Frauen in den Asylunterkünften in den Blick nehmen. Die scheint nämlich ebenfalls sehr schlimm zu sein. Müßte man mal recherchieren.

Und wie geschrieben: Vielleicht führen die Übergriffe in Köln dazu, daß allmählich ein Bewußtsein für Gewalt gegen Frauen einsetzt. Und zwar ohne die Kindergartenlogik des „Die-aber-auch“. Die Wahrheit ist nun einmal konkret.

Hinweis in eigener Sache – Blogdesign

Nichts ist im Leben sicher, schon gar nicht das Internet: seien es darin die personalen oder geschlechtlichen Identitäten oder Digitales, das sich auf Bildschirmen materialisiert. Alles auf der Flucht und flüchtig mithin. So auch das Blogdesgin, das WordPress hier und heute eigenmächtig verändert hat, ohne daß ich etwas dazutat. Interessantes Vorgehen. Mein Wunschdesign ist dies ganz sicher nicht, schon gar nicht dieses völlig idiotische und schlecht gemachte WordPress-Bild. Warten wir ab, was geschieht. Gegebenfalls muß ich hier später, wenn ich wieder Zeit habe, manuell nachbessern. Die kurzfristigen Eingriffe, um das alte schöne Bild von der Pont Neuf wiederherzustellen, die durch Christo und Jean-Claude 1985 verhüllt wurde – von mir natürlich selber aufgenommen – brachten keinen Erfolg.

On verra.

____________________

Das Bild ist wieder das alte. Aber es fehlt immer noch die Menüleiste mit den Unterkategorien,  die mir wichtig ist und auf die ich nicht verzichten möchte. Wer, um es neu einzurichten, für mich einen feinen Basteltip hat, möge es kundtun.

Aufgeblasene Subjekte samt Vorblick auf Antonionis „Blow Up“ im c/o Berlin

In der Blogosphäre ist es in Ermangelung an Sachgehalt und Substanz beliebt, als Referenz und Ausweis die eigene Subjektivität ins Spiel zu bringen, anstatt sich einmal nur auf eine Sache selbst einzulassen und diese beredt werden zu lassen, sie also zum Sprechen und zum Klingen zu bringen – sei das nun ein Buch, ein Film oder ein Bild, was auch immer. Die vorgespielte Naivität nach dem Modus „Feuerzangenbowle“ („Da stelle mer uns mal janz dumm …“, so der Lehrer Bömmel) ist nicht der Ausweis des authentischen Zuganges und eines tiefen, offenen Bewußtseins, das um den richtigen poetischen Ausdruck beständig und ach so mühevoll ringt und ringt und ringt, sondern einfach nur Naivität, die ihre eigenen Mittel und den Kanon der Formen nicht beherrscht oder schlicht zu faul und zu feist ist, sich darauf einzulassen. Die gespielte Naivität fabuliert gerne von den eigenen Erfahrungen und den authentischen Wahrnehmungsweisen, die sich am Ende als doch recht austauschbar und als ebenso standardisiert erweisen.

Häufig läuft es auch in Blogs auf den Twitter-Sound hinaus: „Im Kino gewesen. Popcorn gegessen.“ Was Kafka noch in seiner Weise dem Tagebuch anvertraute, sei es um einen Moment des Tages abzubilden oder um Begebenheiten für irgendwann später als Notiz und Struktur festzuhalten – Passagen eben, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren –, lesen wir heute zuhauf, und es zelebriert sich das Banale, das Langweilige spreizt sich und am schlimmsten: es geriert sich die Durchschnittlichkeit als exzeptionell. „Buch angefangen, nicht zurechtgekommen.“ Ich muß gestehen – so ganz und gar subjektiv –: es interessiert mich in den meisten Fällen nicht den Deut, wenn Menschen mit Texten und Bildern ringen, wenn sie Tentatives von sich seihen , wenn sie ihren Frühstücksquark oder ihren Tagesablauf beschreiben oder daß die Nachbarin in der Wohnung nebenan gerade gehustet habe, daß Frau Reschke aus dem dritten Stock verstorben sei, kundtun. Wer will’s lesen? Nun gut, Publikum ist vorhanden für diese „Stunde der wahren Empfindung“. Mir jedoch ist „die Stunde, da wir nichts voneinander wußten“ weitaus lieber. Am besten statt Stunden: die Monate oder Jahre. Egal wie – nur weit weg. Mich interessiert anderes: Wenn eine oder einer sein Schreiben auf eine Weise subjektiviert, das es mehr als der Ranz reiner Privatheit ist, wenn man fiktionalisiert, objektiviert und philosophisch oder ästhetisch etwas in eine Form bringt, wie wir diese causa bisher nicht fanden (solche Texte sind zu machen), mich interessiert, wenn sich die Grenzen zwischen Welt, Körper und Fiktion verwischen, wenn sich Bestandteile verschieben und verschiedene Bilder verdichten. Mich interessieren Erfahrungen, die nicht den Standards entsprechen und die in einer Sprache oder in Bildern sich niederschlagen, die es so bisher nicht gab. Morgen mehr zu solchen Verschiebungen und Verdichtungen in einer Besprechung zu Antonionis „Blow Up“ im c/o Berlin. Dies kann man gut in Anknüpfung an das hier lesen. [Allerdings können auch Bilder und Photographien massiv scheitern und gegen die Wand fahren.]

Haarflaum in der Abfickzone. Oder: Über die Schwierigkeiten von Prosa und Lyrik

Dies ist ein Text, den ich als eine Art Blogantwort bzw. als Kommentar bei der von mir hoch geschätzten Schriftstellerin Aléa Torik schrieb. Auf die Frage, wie eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller von ihrem Schreiben leben können. Ich möchte diesen Text, da ich mir viel Mühe machte, auch hier veröffentlichen. (Quatsch, ich habe den Text in einem Zuge heruntergeschrieben. Und es hat mich keine Mühe gekostet, sondern nur ein wenig Zeit und eine Flasche Bier.)

@ Aléa Torik
Ich weiß, es ist nur ein Nebenaspekt Deines Textes, in einer Deiner Kommentarantworten stehend, wesentlich ging es Dir um konkrete Aspekte der Literatur: „Je weniger die Sprache ein Buch trägt, umso mehr Handlung braucht es“. Ich hätte besser auf diesen Titel und das, was inhaltlich darunter befaßt ist, eingehen müssen, nahm aber eine andere Stelle in einer Deiner Kommentarantworten zum Anlaß: Dort beklagtest Du die unsichere materielle Existenz der Schriftstellerin, des Schriftsteller. Was den monetären Aspekt betrifft, so sehe ich dies etwas anders, und ich möchte Dir widersprechen. Einmal abgesehen, daß mir das Klagen der Schriftsteller über ihre prekäre Daseinsweise ungemein auf die Nerven geht und mich (und vermutlich viele andere ebenso) nicht die Bohne interessiert, scheint mir diese Kritik an der Sache vorbeizugehen. Ich will das an einigen Aspekten verdeutlichen. (Eigentlich hatte ich vor, diesen Text unter dem Begriff Prekariatsszenerien zu betiteln. Aber dies schien mir denn doch zu drastisch. „Prekär“ allerdings in verschiedenen Konnotationen gemeint.)

Erstens: Mit diesem Punkt meine ich weniger Dich als jenes sich selber überschätzende Schreiberprekariat, das sich – meist in Berlin lebend – einbildet, Dichterin oder Dichter zu sein, weil irgendwie aus der der Lamäng, aus der Assoziation zwei oder drei Zeilen geschrieben wurden, irgendwann einmal die Stimmung besonders lyrisch oder prosaisch ausfiel und fürs Zwischendurch ein Text gefertigt wurde, der dann irgendwo in den Weiten des Digitalen sich verbreitete oder es sogar auf ein Blatt Papier schaffte. Karen-Köhlerisierung der Literatur. Die wir beide gleichermaßen beklagen. All die selbsternannten Dichterinnen und Dichter, die Schriftstellerinnen und Schriftsteller treiben sich in Berlin zuhauf herum. Aber ebenso anderswo. Selbstermächtigungsgesetz des Literatentums. Ich, der Dichter, ich, die Dichterin. Narziß und Echo begleiten neuerdings den Dichter als Geist-Gefährten. Apollon, Dionysos und der Zug der Mänaden haben ausgedient. Allenfalls als Literaturgroupies oder Salonleseboxenluder tauchen diese Mänaden auf. Die Bakchen des Kultursalons. Die Dichterlebensdichte in Kreuzberg, Friedrichshain, dem Prenzlauer Berg und neuerdings wohl auch Lichtenberg und Pankow ist ungemein hoch. Dagegen war Friedenau in den 60er Jahren dichterisch fast dünne besiedelt. (Herta Müller lebt dort heute noch.) Ich bekomme regelmäßig Wallungen der Aggression, wenn der Ranz des Beliebigen als Dichtung hochgepimpt wird. (In Blogs kann man das ja alles machen. Gut finde ich es dennoch nicht. Es hat etwas Schales, etwas Anmaßendes, etwas Abstoßendes. All dieses Schreiben. All diese Viel-zu-vielen.) Aus der Assoziation mache ich Euch allen solche 3-Sekunden-Texte im Zwei-Sekunden-Takt:

Nach der Nacht//Und aus der Muschi der Scheidenausfluß//im Beckensaum//Genäht, gewichtet, zu leicht befunden//Haarflaum in der Abfickzone//Sekrete Diskretion.

Ich meine, das ist doch wirklich ein geiler Titel für einen Gedichtband: „Haarflaum in der Abfickzone“. Ich, der Fan der Muschibehaarung. Wie geschrieben: ich kann hier den ganzen  Abend und den Morgen und den Nachmittag assoziieren und den Tag und darüber hinaus. Aber als Dichter würde ich es nicht wagen, mich selber zu bezeichnen oder von anderen mich benennen zu lassen. Was für eine Hybris! Und damit komme ich auf den Punkt: Es gibt zu viele von Euch Schriftstellern! Reduziert Euch! (Eine der schönen Ausnahmen war Dein Blog und es ist auch summacumlaudes Blog, stellenweise auch die Beobachtungen bei Kreuzbergsüdost, ebenso Katharsis. Feine Skizzen, aus denen mehr werden kann oder könnte. Natürlich, im großen Rahmen, ebenfalls viele der Texte von Alban Nikolai Herbst in seinem Blog, wenn nur das Jammern nicht wäre. Des Dichters liebstes Kind scheint die Klage zu sein. Ganz gleich, ob Marienbader oder Berliner Elegie. Andererseits, im guten Teil der Elegie geht das Klagen, Jammern und Zähneklappern durchaus, wenn das Material bearbeitet und nicht roh hinterlassen wurde, wenn dann der Bau trägt und die Kraft des Ausdrucks wirkt: „Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,//Gab mir ein Gott, zu sagen, wie ich leide.“ Goethe, Torquato Tasso)

Daß Dichtung einmal Ausdruck von Leiderfahrung war, objektives Leiden, Leid objektivierend in der Textweise des Subjekts: dieser Umstand scheint mittlerweile vergessen. Die Begleiter des Dichters sind Narziß und Echo.

Die Städte sind voll von Lyrik und Prosa. Gut. Und für die Performances beim Poetry Slams mag das funktionieren, wenn in gewitzter Form Sprache dargeboten wird. Ob das freilich der Dichtung insgesamt zugute kommt? Dieser Faktor der Multiplizierung, dieses Zu-Viel der schnellen Form: Das ist der Grund, weshalb ich Lyrik und Prosa-Gedicht (in vielen Fällen) für die heruntergewichsteste Form der Dichtung halte. Hausfrauengeschreibe fürs Zwischendurch. Keine Kraft und keinen Atem für die lange Form des Romans oder eben einen komplexen komponierten Gedichtband aufbringend, wie Daniela Danz das gekonnt mit Pontus tat. Es müßte ein Gesetz erlassen werden: Wer nie einen Roman schrieb, wird mit dem Verbot belegt, Lyrik zu produzieren. Vielleicht sollte man das auch für die Essays einführen. Wer nie sich einem Schreib-, Denk- und Theorieprojekt für mindestens 2 Jahre hingab, darf keine Texte verfertigen. In hora mortis – es mag der Griffel in der Sterbe-Hand verfaulen. Die Journalismusversuche samt den Buchschreibereien der Kreuzberger Medienbohème betrifft dies ebenso.

Nein, mich stört weniger das Schreiben selbst, als Akt, als Tätigkeit, als Wille zur Gestaltung, sondern vielmehr das Prätentiöse. Lyrik und Prosa geraten inflationär. Nun kann man sagen: schön, daß es so viel Dichtung gibt. Ja, schön auch, daß es so viel Beliebiges gibt, dem es an diesem Willen zur Form gebricht. Dieses Phänomen scheint auch in der Photographie existent zu sein, weshalb ich immer weniger Lust verspüre, meine Photographien überhaupt noch herzuzeigen.

Punkt 2.
Du schreibst:

„es mag sein, dass wir in dem Maße, wie wir erkennen, dass man vom Schreiben nicht leben kann, auch erkennen müssen, dass es eben kein Beruf, sondern ein Hobby ist. Ich kann mir als Beruf nichts Schöneres vorstellen, aber als Hobby interessiert mich das Schreiben nicht. Wenn man nicht fürs Schreiben lebt, dann kommen dabei in der Regel Hobbytexte heraus (bei den großen fiktionalen Formen; bei Bloggern und Journalisten gelten da andere Gesetze). Ich will Texte von Berufsschriftstellern lesen, die sich mit ihrer gesamten Existenz für den Text verbürgen. Und solche Texte will ich auch schreiben. Wenn das nicht geht, dann muss ich mich anderweitig orientieren.“

Wohl wahr und richtig: Schreiben (und überhaupt das Machen von Kunst) ist kein Hobby, es ist Leidenschaft, wildes irres Tun und Treiben, ein Delirieren, ein Zwang, ein Muß und hohe Kunst der Komposition. Insofern trifft der Begriff des Tonsetzers, als der jener Adrian Leverkühn im „Doktor Faustus“ bezeichnet wird, den Umstand dieser Arbeit der Kunst sehr genau. Es ist ein Setzen, vorsichtiger Satz, kühner Satz, vorpreschender Satz, und es klingt die Arbeit des Schriftsetzers darin an. Guter alter Bleisatz, Detailarbeit, wenn nach den  passenden Lettern gefischt wird. Aber, und hier kommt die große Einschränkung, es bietet die Kunst eben keine Gewähr dafür, daß es Geld gibt. Schön wäre eine Gesellschaft, in der jeder nach seinen Bedürfnissen tätig sein könnte. (Insofern stellt die Bezahlungsfrage für Schriftsteller:innen, jenseits allen Egoismus oder auch des rein Pragmatischen, von irgend etwas leben zu müssen, zugleich die Systemfrage. Ich schreibe das in einer Klammer, obgleich diese Klammer Zentrales berührt: Wie wir nämlich leben wollen.)

Auch ich mag keine Hobby-Texte lesen, schreiben braucht Zeit; in den Blogs, die Literatur machen, lesen wir immer wieder, wohin und zu welcher Art von Text das Hobbyschreiben führt, wenn im Ton der Empfindsamkeit getrötet oder geflötet wird.

Die Schriftstellerin Ulla Hahn riet jungen Autorinnen und Autoren, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Ich halte das für einen guten Hinweis. Denn es ist doch so: Der Betrieb ist voll. Alle drängt es zu den Töpfen, zu den gut oder den weniger gut bezahlten Vorträgen, den Schreibstellen in den Feuilletonredaktion, denn vom Verkauf seiner Bücher kann (so vermute ich) kaum einer der Schriftsteller leben. Es bleibt also nur die eiserne Disziplin, um seine Leidenschaft, dieses ungeheure Begehren, neben der Erwerbarbeit zentral zu machen. Schreiben erledigt sich nicht nebenbei. Wer aber dieses ungeheure Wagnis eingeht, einen Roman zu komponieren, der benötigt eines der kostbarsten Dinge, die es auf dieser Welt gibt: Zeit. Das heißt vermutlich auch: ich muß mich von vielem, das ablenkt, freischaufeln. Freundinnen und Freunde reduzieren. Tätigkeiten einschränken. Eine Lösung für dieses Dilemma weiß ich nicht. Falsch wäre es auf alle Fälle, wenn eine der begabtesten Schriftstellerinnen ihr Schreiben aufgibt. Nebenwege gehen vielleicht? Wie machte es Franz Kafka, der zeitlebens seine Arbeit im verhaßten Büro verfluchte? Ihn rettete die Krankheit. Ihm schadeten die Frauen. Nein, nicht ganz. Sie waren der Anlaß zum Schreiben, der unendliche Fluchtreflex. Orpheus schlachtet Eurydike, und er beschreibt dieses leere hagere Gesicht, das er im September des Jahres 1912, bei Brod an einem Tisch sitzend, betrachtete, das Blasse, Magere. Er modelliert und skizziert aus diesem Gesicht heraus den größten Roman des 20. Jahrhunderts. (Aber auch dies ist nur eine Mutmaßung, kein Biographienpositivismus, sondern selber ein Stück dieses ungeheuren Textes Kafka, den der Blogbetreiber fortzuschreiben gewillt ist.) Durchstreichung eines Gesichtes, ein Text, der sich fragmentiert und selber auslöscht, denn das Wesen eines Textes ist es, wieder verschwinden und sich ins Nichts versetzen zu können. Die Illusion der textuellen Dauerpräsenz und Omnipotenz durchzustreichen. Ginge es nach Kafka, wäre sein Literaturnachlaß verbrannt worden. (Undenkbar, absolut undenkbar für einen heutigen Dichter.) Schreibglück fand Kafka erst kurz vor seinem Tode, zusammen mit Dora Diamant. Auch eine der vergessenen Frauen. Aufhören ist für die, die der Literatur etwas hinzugefügt haben, keine Option. Das sollten besser andere machen.