„Wir kriegen sie alle“: Kreativität und Kontrollgesellschaft samt kleinem Blick auf Foucault und Adorno – Die Verschleifungen der Kunst, das Ende der Kunst? (1)

Es gibt Begriffe, die mag man – sofern noch ein Rest an Gespür für Sprache vorhanden und Reflexion auf Gesellschaft Bestandteil kritischen Denkens ist – nicht mehr verwenden oder wenn man diese Wendungen gebraucht, dann mit einer Portion Skepsis versehen. Dazu gehört der Slogan „Kreativität“ und ebenso die Phrasen von der „Lebenskunst“ oder vom unvermeidlichen „sich selbst neu zu erfinden“: Was als Akt der Kreation hätte gemeint sein können, ist zum Werbespot der Schröder-SPD für die Ich-AG geronnen, in der unter entweder prekären Verhältnissen oder aber – als Kehrseite der Medaille – bei teils sehr guter Bezahlung unter dem Extrem der Selbstausbeutung gearbeitet wird. Kreativität wirkt als Antrieb, Motor und Systememergenz. Der Titel des von Christoph Menke und Juliane Rebentisch herausgegebenen Buches „Kreation und Depression“ ist sehr passend gewählt, weil es unter dem Primat und dem Erfolgsdruck des Schöpferischen, die Folgekosten und die Begleiterscheinungen solches funktionalen und verdinglichten Schöpfertums gleich mit nennt: die Depression. Der Soziologe Andreas Reckwitz formuliert es in seinem Buch „Die Erfindung der Kreativität“ als kontrafaktische Annahme einer Art von Widerstandshandlung auf diese Weise:

„Wenn es einen Wunsch gibt, der innerhalb der Gegenwartskultur die Grenzen des Verstehbaren sprengt, dann wäre es der, nicht kreativ sein zu wollen. Dies gilt für Individuen ebenso wie für Institutionen. Nicht kreativ sein zu können ist eine problematische, aber eventuell zu heilende und mit geduldigem Training zu überwindende Schwäche. Aber nicht kreativ sein zu wollen, kreative Potenziale bewusst ungenutzt zu lassen, gar nicht erst schöpferisch Neues aus sich hervorzubringen oder zulassen zu wollen, erscheint als ein absurder Wunsch, so wie es zu anderen Zeiten die Absicht gewesen sein mag, nicht moralisch, nicht normal oder nicht autonom zu sein.“

Bei diesen Prozessen der Ubiquität des Kreativen, in denen die Kreativität von Menschen zwar gesteigert wird, diese aber im rein funktionalen Rahmen verbleibt, geht es nicht nur um einen Aspekt von Gesellschaft, sondern ebenfalls wird die Kunst selbst tangiert. Kreativität, einst dem Künstler – dem Genie bei Kant – vorbehalten, bezieht sich nicht mehr nur auf den Bereich der Kunst und kommt den wenigen Erlesenen zu, die unabhängig vom Fürsten oder vom Kirchenwillen Kunstwerke als autonome Werke schaffen, sondern das Schöpferische durchdringt mittlerweile sämtliche Regungen und Lebensbereiche bis hinein in die Büro- und Arbeitswelt: von den Trainingsprogrammen für das kreative Denken in Bildern, die dann in Sprache übersetzt werden, von der Analytischen Beratung bis hin zu Kreativschreibworkshops und allen möglichen Programmen der Selbstentfaltung: vom Zen bis hin zur Philosophie für Manager. Was jedoch als immergleiches Motto hinter all diesen Formen von scheinbarem Ich-Gewinn steckt, ist jenes Programm mit dem Namen „Fit für den Markt“. Der neue kategorische Imperativ der Postmoderne lautet: Sei kreativ! „Handle so, daß die Maxime Deiner ästhetisierenden und schöpferischen Einbildungskraft jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Arbeitsmaximierung und Wertschöpfungskette gelten könne.“

Dort, wo noch zum Beginn des 20. Jahrhunderts im Produktions- und Wertschöpfungsprozeß das „Stahlgehäuse der Rationalität“, die zweckrationale Ordnung waltete, und in einer Welt der Büro-Organisation, des Verwaltungsapparates einer Bürokratie, die der Soziologe Alfred Weber (Kafka promovierte bei ihm) gut beschrieb, des Fordismus, der Fließbandproduktion samt den Standardisierungen, in der kaum ein Raum für Denken und Empfinden blieb, ist nun die Ästhetisierung von Lebenswelt und Arbeitswelt gleichermaßen eingesprungen und das Subjekt bringt sich freiwillig und mit Freude qua Dynamik und freiem Denken in den Prozeß der Produktion ein – zumindest gilt dies für einen Teil der Arbeitswelt: von der Werbewelt, den Softwarebuden, vom E-Commerce bis hin zu den Projektplanern, die mit Kunst Stadtviertel verändern, wie dies in Hamburg beispielsweise in Wilhelmsburg massiv geschieht und in Berlin-Mitte lange schon geschehen ist. Aber auch in großen Unternehmen wie Unilever oder bei DHL hält dieses Denken, das Kunst und Kreativität in Beschlag nimmt, Einzug. Büroräume sind keine Arbeitszellen mehr, sondern es soll sich darin ein „Flow“ entfalten und der gemeinsame „Spirit“ wirken. Kunst wird zum art-lab, zum Labor der Selbsterfindung, die (am Ende) der Optimierung des Arbeitsprozesses dient. „Work hard play hard“ wie der Dokumentarfilm von Carmen Losmann über die schöne neue Welt der (post-)modernen und post-tayloristischen Arbeit heißt. (Eine Besprechung dazu findet sich hier.)

Was das Gesellschaftliche selbst betrifft, so geraten wir, wie Deleuze, anlehnend an die Machttheorie Foucaults, in seinem Aufsatz „Postscriptum über die Kontrollgesellschaft“ schreibt, von der Disziplinargesellschaft des 18 und 19. Jahrhunderts hin zu einer Kontrollgesellschaft, in der von der politischen Gesinnung bis hin zur körperlichen Fitness, die im Stahlbad des Crossfit-Bootcamps gehärtet wird, alles in den Blick der (Selbst-)Überwachung samt der (notwendigen) Selbstkonditionierung gerät. Es muß auf die Subjekte, auf ihre Körper, auf ihre Einbildungskraft, auf ihr Denken keine Disziplinierung, kein Druck mehr ausgeübt werden, damit ein Individuum funktioniert und sich im Takt fügt, sondern diese Mechanismen wurden – um ein wenig psychoanalytisch zu schreiben – weitestgehend internalisiert: vorauseilende Identifikation mit dem Aggressor. Zumal der Begriff der Kreativität durchweg positiv besetzt ist, wie das Zitat bei Reckwitz zeigt. Ironie der Geschichte ist es bei einem Begriff wie der Kontrollgesellschaft, daß insbesondere in Projekten, die sich immer noch als politisch links verstehen und damit eigentlich in der Tradition von Aufklärung und Kritik stehen sollten, wie ein Teil der „Critical Whiteness“ und der Genderforschung, über die Moralisierungstendenz und die Hygieneerziehung politischer Subjekte genau diese Kontrollfunktion an jenen Subjekten perfekt ausgeübt wird.

Was Foucault (und im Anschluß daran Giorgio Agamben) auf der Ebene kritischer Gesellschaftstheorie im Hinblick auf den Machtbegriff entfalteten, so zum Beispiel in „Sexualität und Wahrheit“ und prägnant in Foucaults Vortrag „Die Maschen der Macht“, muß ebenso mit den Praktiken der Kunst, mit dem Regime von Kunst und Kreativität in Zusammenhang gebracht werden. Dabei geht es weniger darum, Savonarola gleichtuend, die Kunst zu verbannen, ihr Autodafé durchzuziehen oder ikonoklastisch und das heißt: undialektisch zu destruieren, sondern vielmehr muß im Prozeß der Reflexion eine Bestimmung und Kritik der Kunst unter dem Blick des Spätkapitalismus vorgenommen werden, die sowohl das Moment des Gesellschaftlichen als auch die binnenästhetischen Aspekte umfaßt. Ich hatte, was das Binnenästhetische der Kunst betraf, vor zwei Jahren eine Serie mit dem Titel „Wozu Kunst?“ angefangen; dort kann, wer mag, einige Aspekte nachlesen. Ob einer solchen Kunst(-Produktion) im nachbürgerlichen Zeitalter überhaupt noch eine andere Dimension zukommt, als lediglich den Affirmateur des Bestehenden zu spielen, bleibt die Frage. Das Ende der Kunst als autonomer Tätigkeit scheint mir, so meine These, nicht ganz von der Hand zu weisen zu sein. (Von dem Anspruch der klassischen Avantgarden zu Beginn des letzten Jahrhunderts, die Souveränität der Kunst zu befördern ganz zu schweigen; über dieses Scheitern können mittlerweile auch die halbironischen Kaspereiaktionen eines Jonathan Meese, der die Diktatur der Kunst ausruft, nicht hinwegtäuschen.) Der Kunstproduktionsbürger würde gerne weitermachen wie bisher. Aber er kann nicht so recht und weiß nicht wie. Es ist diese Diagnose – einerseits – überspitzt formuliert und geht an die Grenze, aber es liegt in der Übertreibung eben doch ein Moment von Wahrheit.

Diese Situation der Kunst und ihre Entleerung als Reparateuer dessen, was in kapitalistischer Produktionsweise nur suboptimal funktionierte, spiegelt sich in einigen Büchern wider, die auf diese Zustände ihr Schreiben richten. Exemplarisch seien hier das oben genannte Buch von Reckwitz aufgeführt sowie das 1999 in Frankreich und 2003 auf Deutsch erschienene Buch von Luc Boltanski und Ève Chiapello, Der Geist neue Geist des Kapitalismus. Verschiedene Ansätze und Perspektiven leuchtet ebenfalls der oben genannte Sammelband von Menke und Rebentisch aus: Dort heißt es im Vorwort, das den Titel „Zum Stand ästhetischer Freiheit“ trägt:

„Im Zentrum des Bands steht ein Befund gegenwärtiger Gesellschaftskritik: Eigenverantwortung, Initiative, Flexibilität, Beweglichkeit, Kreativität sind die heute entscheidenden gesellschaftlichen Forderungen, die die Individuen zu erfüllen haben, um an der Gesellschaft teilnehmen zu können. Sie haben das alte Disziplinarmodell der Gesellschaft ersetzt, ohne dabei freilich die Disziplin abzuschaffen. An die Stelle einer Normierung des Subjekts nach gesellschaftlich vorgegebenen Rollenbildern ist der unter dem Zeichen des Wettbewerbs stehende Zwang zur kreativen Selbstverwirklichung getreten. Man gehorcht heute nicht mehr, indem man sich einer Ordnung unterwirft und Regeln befolgt, sondern indem man eigenverantwortlich und kreativ eine Aufgabe erfüllt. Im Blick auf häufig wechselnde ‚Projekte‘ sollen die Einzelnen ihren eigenen Neigungen folgen, um sich jeweils ganz – mit allen Facetten ihrer Persönlichkeit – ‚einzubringen‘. Es scheint, dass sich Einstellungen und Lebensweisen, die einmal einen qualitativen Freiheitsgewinn versprachen, inzwischen so mit der aktuellen Gestalt des Kapitalismus verbunden haben, dass daraus neue Formen von sozialer Herrschaft und Entfremdung entstanden sind. Tatsächlich ist in den entwickelten kapitalistischen Gesellschaften des Westens ein dramatischer Anstieg an im weitesten Sinne depressiven Persönlichkeitsstörungen zu verzeichnen. Innere Leere, gefühlte Minderwertigkeit, Antriebsschwäche scheinen die Kehrseite der Erwartung zu sein, die Einzelnen mögen sich – unabhängig von ihren jeweiligen sozialen Voraussetzungen – in der Teilnahme am gesellschaftlichen Reproduktionsprozess zugleich flexibel und kreativ selbst verwirklichen.“

Das Bewußtsein von Pflicht und Erfüllung bleibt jedoch unter den Bedingungen spätkapitalistischer Kreativ-Produktionsweise gleich – nicht anders als im taylorisierten Produktionsprozeß –, die Vermehrung von Wert und die Kapitalisierung bleiben gleich, der Widerspruch von Arbeit und Kapital bleibt bestehen, da mag eine/r noch so viel Kreativität und Phantasie draufpappen: Arbeit bleibt Arbeit. Wir sind weder eine Freizeitgesellschaft noch eine Risikogesellschaft (Ulrich Beck), sondern Gesellschaft erhält und reproduziert sich primär immer noch über die Erwerbs- und Lohnarbeit. Auch die bewußtseinsnormierenden Mechanismen einer Kulturindustrie samt ihrer Wirkungsweise, die sich halb-subversiv maskiert und als halb-kritischer Pop marodiert, bleiben bestehen: ja sie verstärken den Nebel samt den Zublendungen noch, indem sie den Raum des Bewußtseins in der Weise ausfüllen, daß die Anästhesie der Vernunft komplett ist. Denn im Pop ist der Kritik die Affirmation per se eingeschrieben. In Anlehnung an eine Wendung aus Kants „Kritik der reinen Vernunft“ (darin in der transzendentalen Dialektik) kann man mit Fug und Recht sagen, daß die Mechanismen und die Ausschüttungen der Kulturindustrie am Ende jene Euthanasie des Denkens (und damit der Vernunft) betreiben, die für das Weiterbestehen dessen, was wir die soziale Wirklichkeit der Arbeit nennen, notwendig ist. Doch wer nicht mittut oder wer im Geiste der Kritischen Theorie eines Adorno opponiert, ist bestenfalls Old school oder fällt ansonsten der Lächerlichkeit anheim. Kritik am Bestehenden, die auf das Grundsätzliche geht, ist des Defätismus verdächtig oder wird ganz einfach vom Witz derer erstickt, die zu kaum einem kritischen Gedanken mehr fähig sind und alles in wohlfeiler Kommunikation auflösen. Zumal es in solcher Kritik nicht darum geht, dem unreflektierten Adornitentum zu huldigen oder an einen dümmlichen Adorno-Ähnlichkeitswettbewerb teilzunehmen. Vielmehr ist es das Ziel von Theorie und Denken, die Gehalte des Adornoschen Textes fruchtbar zu machen und weiterzubringen, die nach wie vor Bestand haben und deren unveränderte Aktualität sich in der Praxis zeigte. Dazu gehört wesentlich sein Kapitel zur Kulturindustrie aus der „Dialektik der Aufklärung“: Es ist, abgewandelt und mit den nötigen Umschriften versehen, dringlicher denn je.

„Früher oder später kriegen wir Sie, mit Danone-Joghurt!“, so lautete ein Werbeslogan in den 80er Jahren. Oder wie dichtete der damalige BKA-Chef Horst Herold im Rahmen der RAF-Fahndung: „Wir kriegen sie alle!“ Dem Zusammenhang der Immanenz ist schwer und nur durch Abstand und kritischem Bewußtsein noch zu entrinnen. Nicht einmal das.

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Luc Boltanski / Ève Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, Universitätsverlag Konstanz 2006, 29, – EUR,  ISBN 978-3-89669-555-0

Christoph Menke/Juliane Rebentisch, Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus, Kadmos Verlag 2010, 19,90 EUR, ISBN: 978-3-86599-126-3

Andreas Reckwitz, Die Erfindung der Kreativität. Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung, Suhrkamp Verlag 2012, 16,– EUR; ISBN 978-3-518-29595-3

Das Ende der Kunst oder die Kunst des Endens? – Wozu Kunst (6)

„Jene Tendenz, die durch Entkunstung die Kunstwerke unmöglich machen möchte, ist nicht mit dem Appell zu sistieren, Kunst müsse es geben: das steht nirgends geschrieben.
(Th. W. Adorno, Ästhetische Theorie)

Besser Scheitern, schöner scheitern? Für eine Ästhetik des Scheiterns auf Kosten der Kunst? Die Pose oder die Posse der Kritik als Aporie? Der Topos vom Ende der Kunst oder aber: von der Kunst des Endens – er ist alt! Er durchkreuzt und durchzieht die Diskurse seit es die ästhetische Moderne gibt, also seit Kunst als autonome Sphäre, als ausdifferenzierter Bereich ins Spiel kam. Das geschah vor rund 250 Jahren, und in der Malerei im Grunde schon sehr viel früher. Aber bereits jene „Querelle des Anciens et des Modernes“ sowie die Ästhetik des Geschmacks, die sich in den Französischen Salons entwickelte, um ein ausgeklügeltes und raffiniertes System zur Beurteilung von Kunst zu entwickeln, trugen diesen Streit in sich aus. Und in einer ganz anderen Richtung hin, im Sinne einer Politik der Kunst tat sich im Jahre 1968 im legendären Kursbuch 15 in der BRD jene Rede vom Tod der Literatur auf. Es schrieb Hans Magnus Enzensberger:

„Für literarische Kunstwerke lässt sich eine wesentliche gesellschaftliche Funktion in unserer Lage nicht angeben. Wer Literatur als Kunst macht, ist damit nicht widerlegt, er kann aber auch nicht mehr gerechtfertigt werden. Wenn die intelligentesten Köpfe zwischen zwanzig und dreißig mehr auf ein Agitationsmodell geben als auf einen experimentellen Text; wenn sie lieber Faktographien benutzen als Schelmenromane; wenn sie darauf pfeifen, Belletristik zu machen und zu kaufen: Das sind freilich gute Zeichen.“

Zugleich aber kann man hinsichtlich dieses Slogans vom Tod der Literatur mit dem Germanisten Ralf Schnell von einem Mythos sprechen, denn, so Schnell, nirgendwo gab es ein Plädoyer dafür, die Literatur abzuschaffen, nirgendwo wurde das Hinscheiden diagnostiziert. Aber es wurden entscheidende Argumente für eine Funktionsänderung sowohl der Literatur wie auch der Dichter geliefert. (Nachzulesen in: Ralf Schnell: Die Literatur der Bundesrepublik)

Ästhetik heißt immer auch Aisthesis – jenes sinnlich Wahrnehmbare, das uns umgibt und das vermittels des Kunstwerkes in die Gestaltung gelangt. Aber jene Phänomene, jene Dinge, das, was uns umgibt, ist bereits vorstrukturiert und in die Diskurse gepackt.

Man kann sich mit Zitaten augmentieren. Sicherlich. Jenes von Adorno bringt einen ganz bestimmten Aspekt auf den Begriff: Daß es nicht notwendig Kunst geben müsse. Genauso ist ihr Ende denkbar. Ich lasse die Leerstellen, die diesem Zitat von Adorno eingeschrieben sind, auch und gerade im Hinblick auf jene bürgerliche Gesellschaft, die der Kunst zu sehr bedürfte und sich ihrer zugleich als Stachel entledigte, so stehen, wie sie da sind. Diese Leerstellen harren der Lektüre.

Diese Überlegungen zum Ende der Kunst sind eine nicht ganz so kurze Entgegnung auf einen Kommentar der Schriftstellerin Aléa Torik, den sie hier zu meinem letzten Text schrieb. Sie knüpfen an jene Überlegungen an, denen ich den Titel „Wozu Kunst“ gab.

Nein, liebe Aléa, ich fordere nicht das große Epos, davon schrieb ich nirgends. Denn diese Zeiten sind aus den bekannten und genannten Gründen vorbei: Wer einen Bildungsroman im Sinne von Goethes „Wilhelm Meister“ schriebe oder als Karikatur desselben, wie sie Flaubert mit der „Éducation sentimentale“ unternahm, verfiele dem Epigonentum – selbst die Ironie oder die Spiegel- und Potenzierungebene innerhalb eines solche Textes ist mittlerweile eingeplant und berechenbar. Obwohl: es entstünde vielleicht und dennoch gerade aus diesem Zusammenspiel, aus diesem Pastiche ein guter Text. Was allein in solchem Schreiben zählen mag, das sind die handwerklichen Qualitäten. Die Epoche der bürgerlichen Kunst, der bürgerlichen Literatur, der avancierten ästhetischen Form ist vorbei, die Kategorie des Neuen bekam einen anderen Stellenwert, sie schöpfte sich – auch geschichtsphilosophisch – aus.

Das heißt nicht, ich betonte es, daß keine Bücher mehr geschrieben werden können. Im Gegenteil. Allerdings: Was die Kunst betrifft, so ist das frühe 21. Jhd – in gewandelter Weise freilich – dem Mittelalter wieder sehr nahe: Künstlerin und Künstler sind reine Handwerker, sie beherrschen im Rückgriff auf Tradition, Konstruktion und Form ihr Handwerk, sie lernen das in Schreibschulen oder in der stillen Kammer; selbst der Aspekt der ästhetischen Form erweist sich für den gelehrigen Scholasten lediglich als Wiederholbares und gerät damit ebenfalls handwerklich. Kunst ist Kunstgewerbe. „Unsere postmoderne Moderne“ halt.

Das große Epos mag sich als Fragment, als vielfältig erzählte aufgeschlüsselte Geschichte als Umschrift niederschlagen.

Diese Liste der Literatur, die Aléa Torik nannte, ließe sich sicherlich ergänzen: David Forster Wallace, Navid Kermani, Don DeLilo, Roberto Bolaño, um nur einige Schrifsteller zu nennen, die in den letzten zehn Jahren Romane von über 800 Seiten schrieben. Und noch viele Namen mehr lassen sich aufzählen, die nicht mehr jedem (auch mir nicht) geläufig sind. Und es handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit und vielfach um Texte, die gelungen sind, komplex erzählt, gut erzählt, klug konstruiert, in der Sprache exakt, auf Tradition rekurrierend und dennoch nicht imitierend, manche Geschichten sind sogar schön zu nennen, weil sie anrühren oder in äußerster Reflexion ein Geschehen, eine Situation, ein Innenleben, eine Szenerie, einen Aspekt des Lebens pointieren und verdichten. Das eben, was man von Literatur erwartet. Und solche Texte werden auch weiterhin geschrieben werden. Darum geht es mir aber gar nicht so sehr. Denn es kann erzählt werden, solange es Menschen in bestimmten Situationen, Subjekte mit ihren Innenräumen, Innenwelten, Außenwelten gibt, über die zu berichten ist. [Und auf einen weiteren Aspekt, der mit Gesellschaft zusammenhängt, wies Alterbolschewik hin. Das sind Überlegungen, die ich für ganz zentral halte.]

Zu erzählen und zu schreiben gibt es immer etwas, solange wahrgenommen, gedacht, gelebt wird – was man so Leben nennt.

Trotzdem: etwas stimmt nicht. Etwas fehlt.

Ich fange mal im vollständig subjektiven (Text-)Gefüge an: Vielleicht ist es – unter anderem – auch dieser Umstand, der sämtliche Kunst auf einen Nenner reduziert: es schreiben und malen und filmen und photographieren zu viele. Jede und jeder in Berlin ist eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller. Keine Party, wo nicht mindestens 20 Menschen hocken, die Kunstprojekte machen und die an Fördergelder heranwollen. Ich sage mittlerweile auf Partys: „Ich bin Verkäufer“ oder „Ich arbeite als Angestellter“, und damit bin ich dort ein Außenseiter und falle auf. „Machst Du denn keine Kunst?“ „Nein!“ [Ich mache sie auch nicht, insofern lüge ich nicht.] Meist nutzen dieses „Nein“ die Künstlerinnen und Künstler dazu, mich mit ihren Dingen vollzuschwatzen. Sie wundern sich, wenn ich ihnen dann im Rahmen einer kritischen ästhetischen Theorie antworte. Daß Künstlerin und Künstler ihr Tun legitimieren, damit sie in dem, was sie machen, nicht ganz und gar sinnlos dastehen, ist verständlich.

Aber zurück zum Allgemeinen, zum ästhetischen Diskurs: Es geht nicht um das radikal Neue, das gleichsam als Sprung aus der Reihe heraus funktioniert; dieses Neue ereignet sich sowieso sehr selten, im Grunde gar nicht, denn eines fußt auf dem anderen – kein Impressionismus ohne Courbet und Delacroix – und es laufen Bewegungen in der Kunst meist parallel, so daß das Neue eher ein Diskurseffekt ist, der sich dann, wie in Picassos „Les Demoiselles d’Avignon“ oder in Kafkas „Prozess“, zwar in einzelnen Werken manifestiert, aber darin nicht gebunden bleibt. Die Versuche abstrakt zu malen, geschahen unabhängig voneinander an verschiedenen Orten: egal ob František Kupka, Delauny oder Kandinsky. Der innere Monolog als eine Weise Literatur zu schreiben oder die Auflösung von Raum und Zeit im Kubismus läßt sich nicht <i>an einen</i> Namen knüpfen. Trotzdem entstand vor knapp über 100 Jahren etwas in der Malerei, das seinesgleichen suchte. Der Begriff des Neuen greift hier gut. Gleiches gilt für die Literatur. Diese Epoche halte ich für eine der produktivsten. In der Bildenden Kunst potenzierte sich diese Entwicklung dann noch einmal nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 90er Jahre hinein. Und dann war Schluß. Allenfalls mag sich eine gewisse Weise der Innovation zeigen, indem sich Kunstgattungen durchdringen und neue Formen erschaffen, so daß Kunst als Interferenzphänomen sich erweist.

Was das Klagen betrifft, so scheinen mir Positionen wie die meine eher die Ausnahme im Betrieb zu sein. Die wenigsten klagen, sondern machen weiter. Was ich wesentlich kritisiere: Kunst verkam und verkommt zum Sedativum oder zum Erlebnispark: allüberall (auf den Tannenspitzen) diese Ausrufe: Wie sinnlich, wie taktil, wie haptisch! Nun sagen manche: das war schon immer so! Aber ja. Das war es, nur haben wir seit zehn, zwanzig Jahren einen Sprung innerhalb der Generierung von symbolischem Kapital gemacht, der seinesgleichen sucht.

Die These vom Ende der Kunst ist alt, das ist wahr. Aber es ändern sich deren Ausprägungen. Ich kritisiere nicht im Sinne Hegels, daß die Kunst als eine Weise des Wissens in anderen Bereichen nun aufgehoben sei. Daß also im Sinne teleologischer Entwicklung vom sinnlichen Scheinen hin zum Begriff Kunst nicht mehr nötig sei, um eine Weise der Repräsentation zu bilden. Denn Kunst verband sich immer schon mit Repräsentationsmodellen. Aber es fand in der gesellschaftlichen Entwicklung eine Art Transsubstantiation zuungunsten der Kunst statt. Werke entleerten sich, ihr Gehalt motivierte sich nicht mehr ästhetisch oder im Bezirk ästhetischer Theorie. Auch kritisiere ich nicht auf die konservative Weise, daß alles unter der Sonne schon einmal da war (was nicht einmal stimmt).

Kunst verkommt heute zu einer Produktion von Ideen, jede(r) hat Ideen, jede(r) dünkt sich kreativ, Kunst erschöpft sich im Akt des Schaffens um dieses Aktes willen, und das ist dann nichts als eine Selbstlegitimation. Kunst ist eher Handwerk denn Avantgarde, es gibt nicht einmal mehr den Plural davon: die Avantgarden: es ist jede(r) eine Künstlerin, ein Künstler, mittlerweile. Der Satz Warhols ist – sogar in einem pädagogischen Sinne – wahr geworden. Und sich selbst zu erfinden und zu gestalten ist ebenso das Projekt des Künstlers wie auch des Arbeitnehmers, um sich an seinem Platz adäquat zu positionieren. Das Survival of the Fittest-Festival bedient sich mittlerweile der ästhetischen Kategorien, man kann im Crossfit-Bootcamp seinen Körper in jeglicher Form ästhetisieren, kapitalisieren und rekapitalisieren, und diese Dinge geschehen ganz und gar freiwillig. Wir transformierten uns, wie es Deleuze in seinem Text „Postskriptum über die Kontrollgesellschaft“ im Anschluß an die Befunde Foucaults schreibt, von einer Disziplinar- zu einer Kontrollgesellschaft, indem das Subjekt die Zwänge derart verinnerlicht, daß sie den Aspekt des Kreativen annehmen und sich auf eine perverse Weise camouflieren. „Kontrollformen mit freiheitlichem Aussehen …“ Oder mit Rilke, torsohaft fragmentiert: „Da ist keine Stelle, die dich nicht ansieht!“ Und wir erwidern den Blick gerne. Kunst scheint mir mittlerweile nicht so weit von diesen Erfindungs- und zugleich Kontrolldiskursen entfernt. Selbst der Widerstand, selbst ein solcher Text ist eingeplant.

Es sind dies zunächst Thesen, die einer Unterfütterung harren, und diese Arbeit macht sich nicht nebenbei, mein Blog zeigt aber womöglich ein wenig von dieser Tätigkeit sowie vom Gang der Reflexion, und insofern ist Kritik ebenso komplex und schwierig wie das Erschaffen von Literatur.

Wozu Kunst? Zu Walter Benjamins „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (1)

Bei Benjamins faszinierendem, schillerndem, eigentümlichem Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ handelt es sich um einen der zentralen Texte materialistischer Ästhetik, auf den vielfach rekurriert wurde, der noch in der Gegenwart die Ästhetikdebatten – wenigstens in einer Unterströmung – befeuert und der in bezug auf das, was sich Neue Medien nannte, seit den 90er Jahren eine Reaktualisierung erfuhr. Vor allem aber wird dieser Text insbesondere mit dem Blick darauf gelesen, daß er Theorie und Praxis vermittelt: der Ästhetik dürfe das politische, eingreifende, handelnde Moment nicht äußerlich bleiben, welches, gleichsam als bloßes Lippenbekenntnis des Kunsttheoretikers, ohne das Moment seiner Realität bzw. der Realisierung leerläuft, sich zum Ende hin in die Resignation erschöpft und sein Refugium im Grandhotel Abgrund sucht und findet. Und so wandert in die schönen Reflexionsschleifen ästhetische Theorie bei Benjamin die eingreifende, befreiende Praxis. Wieweit dies der Theorie Benjamins zum Guten oder eher zum Schlechten gereicht, sehen wir in einem der Folgeteile dieser Serie.

Die Stoßrichtung dieses Textes aus dem Jahre 1936 – erschienen erstmals in der „Zeitschrift für Sozialforschung“ unter großen Schwierigkeiten und Konzessionen, die Benjamin einging – muß vor dem geschichtlichen Hintergrund inmitten eines gesamteuropäischen Faschismus gesehen werden. Nicht nur Deutschland und Italien, sondern genauso in zahlreichen anderen Ländern erstarkten faschistische Bewegungen. Benjamin unternimmt den Versuch, Begriffe in die Kunsttheorie einzuführen, die für die Zwecke des Faschismus nicht zu verwenden sind. „Dagegen sind sie zur Formulierung revolutionärer Forderungen in der Kunstpolitik brauchbar.“ (Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in:GS I 2, S. 473) Diesen Satz kann man freilich zweideutig nehmen: einerseits im Sinne der verändernden, revolutionäreren Praxis, wo es gilt, gleichsam die Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist; andererseits kann dieser Satz – an Hegel anknüpfend – als eine neue Form der Rede vom Ende der Kunst gelesen werden: daß die bürgerliche Kunst an ein Ende gekommen sei, daß das autonome Kunstwerk samt der Kunstpraxis aufgrund geschichtlicher Umbrüche und den rasanten Änderungen in der Technik seinen Status als Reflexionsmedium und Repräsentationsform des Bürgers verliert. Von beiden Aspekten handelt der Aufsatz Benjamins: er beschreibt das revolutionäres Potential, das sich gegen die Faschismus stemmt, er rechnet mit dem Begriff bürgerlicher Kunst ab und formuliert zugleich eine Theorie der veränderten Wahrnehmung, also auf der Seite der Rezeption hin gedacht, als eine Theorie ästhetischer Erfahrung, so die Lesart verschiedener Interpreten des Kunstwerkaufsatzes. Eine solche Theorie ästhetischer Erfahrung unter den Bedingungen entfesselter Technik stellt jedoch nur die eine Seite des Textes dar, denn verabsolutiert und favorisiert man diese Sicht, entschärft man damit zugleich den Text Benjamins. Denn dies Seite des Kunstwerkaufsatzes darf nicht vergessen werden:

„Benjamin fragt nicht danach, in welcher Weise Kunst als spezifische Sphäre von ‚Erkenntnis‘ bzw. Logizität eigenen Rechts technische Verfahren sich assimiliert, sondern wie die geschichtlich gewordene Autonomie der Kunst dialektisch ‚aufgehoben‘ werden könne, um die nachästhetische Kunst als gesellschaftliche Form von Aufklärung und Zerstörung des ideologischen Schleiers zu etablieren.“ (Heinz Paetzold, Neomarxistische Ästhetik I, S. 136)

Zentral ist für Benjamin eine Kunst gleichsam ohne die Kunst, wie sie die bürgerliche Gesellschaft konzipiert, und insofern steht der Kunstwerkaufsatzes in der Tradition jedes Hegelschen Diskurses vom Ende der Kunst, auch wenn Benjamin in diesem Text nicht unmittelbarer auf Hegel bzw. die Argumentation Hegels rekurriert: weshalb die Kunst nicht mehr die angemessene und höchste Weise sei, in der die Wahrheit sich Existenz verschaffe.

Sowohl Friedrich Pollock als auch Adorno kritisierten verschiedene Aspekte des Kunstwerkaufsatzes. Zwar gerät in ihrer Kritik nicht die Tendenz im ganzen und die materialistische Kunsttheorie Benjamins insgesamt in die Kritik, aber doch einige Bewegungen und Bezüge dieses Textes: Es werden, wie Pollock anmerkt, kunsttheoretische Begriffe unvermittelt auf die Sozialgeschichte bezogen, und allzu undifferenziert koppelt Benjamin Basis-Überbau-Phänomene aneinander, so lautete die Kritik Adornos. Wenn etwa das Auftreten der Photographie als erstem technischen Medium einer unmittelbareren Reproduktion mit der „Anbruch des Sozialismus“ zusammenfalle und in eine Korrespondenz gebracht werde, dann ist dies, auf solch direkter Ebene als Analogieschluß gefaßt, ein gedanklicher Kurzschluß. Auf diese detaillierte Kritik Adornos, die er in jenem für Benjamin bitteren Brief vom 18. März 1936 entfaltete, werde ich in einem meiner nächsten Texte zum Kunstwerkaufsatz eingehen. Ebenfalls in die Kritik Adornos gerät der Text „Über einige Motive bei Baudelaire“, weil die Aspekte des Sozialen und des Ästhetischen in Adornos Sicht eindimensional in Bezug zueinander gebracht werden; auch davon wird noch zu handeln sein. (Nachzulesen ist diese Kritik sowohl in der Benjamin-Gesamtausgabe im Suhrkamp Verlag, als auch im Briefwechsel Benjamin – Adorno, der kürzlich als separater Band im Suhrkamp Verlag erschien. Soviel zur Information von Ihrem Serviceblog „Aisthesis“)

Liest man den Kunstwerkaufsatzes zum ersten Mal, so mag es – zunächst und für den unbedarften Leser – scheinen, als handele es sich bei diesem Essay Benjamins um einen weniger eratischen Text, vergleicht man ihn mit dem „Ursprung des deutschen Trauerspiels“ oder seinen Sprachaufsätzen („Lehre vom Ähnlichen“ bzw. „Über das mimetische Vermögen“ und insbesondere „Über die Sprache überhaupt und die Sprache des Menschen“. Mit guten Grund spricht Winfried Menninghaus von der Sprachmagie bei Benjamin. Inwiefern beide Konzepte Benjamins im Widerspruch stehen, müßte einer gesonderten Lektüre vorbehalten werden.) Beliebt ist das Spiel, Benjamin in einen theologischen und einen materialistischen aufzuspalten. Wie man jedoch in seinem Text „Über den Begriff der Geschichte“ wird sehen können, vereinfacht der Aufspalter unzulässig. In bester negativ-dialektischer Manier und Weise pendelt Benjamin zwischen den Polen, greift Unvermitteltes auf, spielt es an, spielt über Bande. Teils erzeugt er Brüche und Widersprüche, ohne diese zu glätten. Die Widersprüche bleiben stehen. Dieses Moment von Heterogenität reizt an Benjamin. Und die „wolkigen Stellen“, welche er in seinem Kafka-Essay in dessen Prosa ausmachte, die treffen gleichsam auch auf manche Passagen in Benjamins Text zu. Das Facettenreiche bei Benjamin, dieses Denken des Offenen mag sich – wenn man es biographisch vereinfachen will – schon an jenen drei so unterschiedlichen Freunden zeigen: Scholem, Adorno, Brecht. Aber auch losgelöst vom Biographismus als dem Totschläger stehen diese drei für die verschiedenen Ausprägungen im Denken, im Text Benjamins ein. Die Motive der Philosophie Benjamins durchdringen sich dann in jenem Text „Über den Begriff der Geschichte“, welcher zuweilen auch „Geschichtsphilosophische Thesen“ genannt wird.

In diesem späten Text Benjamins – es wird sein letzter sein, bevor er sich in Port Bou das Leben nimmt, sich die Überdosis setzt – fokussieren sich diese zwei Stränge seines Denkens. Man kann die „Geschichtsphilosophischen Thesen“ insofern als (elliptischen) Kulminations- und Brennpunkt lesen, in dem Materialismus und Theologie zusammengehen, sich ineinander verweben. Und falls man es nicht in einer starken Lesart des Benjaminschen Textes einheitstheoretisch deuten möchte, so vermengen sie sich nicht unterschiedslos unter der Preisgabe ihrer Qualitäten, sondern sie bedürfen einander, bilden eine dialektische Einheit. Nicht mehr stehen sich Theologie und historischer Materialismus in der Opposition unvermittelt in Kampfstellung gegenüber, aber es ist auch nicht eine bloße Zweckgemeinschaft, die Theologie und historischen Materialismus zusammenführt. Beide Begriffe treten in eine Konstellation, so wie dies bei Benjamins Konzeption von Idee und Empirie geschieht. Wobei in diesem Verhältnis von Theologie und Materialismus das größere Gewicht womöglich auf der Theologie liegt, was in einem doppeltem Sinne zu verstehen ist.

Für dieses Zusammentreffen führt Benjamin im Sinne der Allegorie ein Bild vor, daß zunächst einmal, ganz äußerlich genommen, auf den Spielcharakter verweist und gleichzeitig das Moment der Technik zur Darstellung bringt, welches dann für seinen Kunstwerkaufsatz wesentlich ist – eines Spiels, das strategisch motiviert ist, dessen Handhabung, neben dem Regelwerk, nicht bloß taktisches, sondern nachgerade strategisches Denken sowie Vorausschau und Konzentration erfordert. Dieses Spiel ist kein Zeitvertreib und doch dient es, in dem (dialektischen) Bild, welches Benjamin entfaltet, zugleich der Unterhaltung, denn jener Automat (eine Mischung aus Mensch und Maschine) ist ein Ausstellungsstück für‘s Publikum. Ich geben diese erste These unkommentiert als Zitat wieder:

„Bekanntlich soll es einen Automaten gegeben haben, der so konstruiert gewesen sei, daß er jeden Zug eines Schachspielers mit einem Gegenzug erwidert habe, der ihm den Gewinn der Partie sicherte. Eine Puppe in türkischer Tracht, eine Wasserpfeife im Munde, saß vor dem Brett, das auf einem geräumigen Tisch aufruhte. Durch ein System von Spiegeln wurde die Illusion erweckt, dieser Tisch sei von allen Seiten durchsichtig. In Wahrheit saß ein buckliger Zwerg darin, der ein Meister im Schachspiel war und die Hand der Puppe an Schnüren lenkte. Zu dieser Apparatur kann man sich ein Gegenstück in der Philosophie vorstellen. Gewinnen soll immer die Puppe, die man ‚historischer Materialismus‘ nennt. Sie kann es ohne weiteres mit jedem aufnehmen, wenn sie die Theologie in ihren Dienst nimmt, die heute bekanntlich klein und häßlich ist und sich ohnehin nicht darf blicken lassen.“ (W. Benjamin, GS I 2, S. 694)

Ja, es ist, wie schon Kafka in einem seiner Briefe wußte, unendlich viel Hoffnung vorhanden. Nur eben nicht für uns. Der Weltraum lagert diese Hoffnungen ein, ist angefüllt damit.

Dieses Automatenhafte und das darin zugleich inhärierende Moment des Menschlichen müßte man einerseits mit den Automaten und den wundersamen Figuren des E.T.A. Hoffmann gegenlesen, aber auch mit Celans Büchnerpreisrede „Der Merian“, welche ebenso von diesem beiden Momenten handelt.

Während auf meinem Schreibtisch verschiedene Bände aus der Benjamin-Gesamtausgabe vor mir liegen, die Seiten aufgeschlagen, während ich blättere, suche, vereinzelt lese, Text sichte, das Glas Weißburgunder so nebenher trinkend, steigt aus den Büchern jener damals in die Seiten imprägnierte, eingehaftete Geruch des Tabaks auf, den ich in grauer Vergangenheit der 80er, 90er, 00er Jahre an meinem Schreibtisch oder bei ihr rauchte. Alles kommt wieder. Sogar der Tabak, wenn er aus den Benjaminseiten klein herauskrümmelt. So durchdringen sich die Momente und die Reflexionen: Aber das darf bei einer Benjamin-Lektüre niemals fehlen: diese süße Melancholie der Theorie und die Trauer um die unheilvolle, gar unvollendete Praxis.

Nach meinem Urlaub, der ab dem Freitag beginnt, geht es dann nach diesen Präliminarien in extenso in den Kunstwerkaufsatz hinein.

Wozu Kunst? (5) – Noch einmal: Hegel

„Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt. Es ist die gewöhnlichste Selbsttäuschung wie Täuschung anderer, beim Erkennen etwas als bekannt vorauszusetzen und es sich ebenso gefallen zu lassen; mit allem Hin- und Herreden kommt solches Wissen, ohne zu wissen wie ihm geschieht, nicht von der Stelle.“

(G.W.F. Hegel, Vorrede zur „Phänomenologie des Geistes“)

Der Philosophie, speziell der Ästhetik kann das Ende der Kunst und die Frage nach ihrem Wozu nicht äußerlich bleiben. Hegels „Vorlesungen über die Ästhetik“ kreisen an mindestens zwei Stellen um dieses Ende, wenngleich sie nicht direkt davon sprechen, denn Hegel sagt nicht: die Kunst ist nun zum Ende gekommen. Diese Rede vom Ende der Kunst kreidete, seinerzeit in Berlin, mancher Hegel an: er verkünde in seinen Vorlesungen das Ende der Kunst und spaziere danach von der Humboldt-Universität her einmal quer über die Straße, um in die Oper oder ins Theater zu gehen.

Hegels „Vorlesungen über die Ästhetik“ sind als Reaktion auf die Strömungen seiner Zeit zu begreifen, insbesondere auf die Philosophie der Romantik, welche jedoch zu Hegels Zeit noch nicht unter diesem Begriff firmierte, erst mit Heines „Die romantische Schule“ (sowie dem Aufsatz „Protestantismus und Romantik“ von Echtersmeyer/Ruge) kam diese Bezeichnung in den Sprachgebrauch. Hegels Kritik galt einer in sich kreisenden Subjektivität, die in unendlicher Reflexion und im unendlichen Poetisieren den Bezug zum Objekt verloren hat.

„Mit den Ausbildungsarten der Komödie sind wir jetzt an das wirkliche Ende unserer wissenschaftlichen Erörterung angelangt. Wir begannen mit der symbolischen Kunst, in welcher die Subjektivität sich als Inhalt und Form zu finden und objektiv zu werden ringt; wir schritten zur klassischen Plastik fort, die das für sich klar gewordene Substantielle in lebendiger Individualität vor sich hinstellt, und endeten in der romantischen Kunst des Gemüts und der Innigkeit mit der frei in sich selbst sich geistig bewegenden absoluten Subjektivität, die, in sich befriedigt, sich nicht mehr mit dem Objektiven und Besonderen einigt und sich das Negative dieser Auflösung in dem Humor der Komik zum Bewußtsein bringt. Doch auf diesem Gipfel führt die Komödie zugleich zur Auflösung der Kunst überhaupt. Der Zweck aller Kunst ist die durch den Geist hervorgebrachte Identität, in welcher das Ewige, Göttliche, an und für sich Wahre in realer Erscheinung und Gestalt für unsere äußere Anschauung, für Gemüt und Vorstellung geoffenbart wird. Stellt nun aber die Komödie diese Einheit nur in ihrer Selbstzerstörung dar, indem das Absolute, das sich zur Realität hervorbringen will, diese Verwirklichung selber durch die im Elemente der Wirklichkeit jetzt für sich frei gewordenen und nur auf das Zufällige und Subjektive gerichteten Interessen zernichtet sieht, so tritt die Gegenwart und Wirksamkeit des Absoluten nicht mehr in positiver Einigung mit den Charakteren und Zwecken des realen Daseins hervor, sondern macht sich nur in der negativen Form geltend, daß alles ihm nicht Entsprechende sich aufhebt und nur die Subjektivität als solche sich zugleich in dieser Auflösung als ihrer selbst gewiß und in sich gesichert zeigt.“ (G.W.F. Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik III, S. 572 f., Fft/M 1986)

Diese Aspekte der Selbstzerstörung und der Entzweiung im Detail auf Becketts „Endspiel“ und geschichtsphilosophisch auf Adornos Beckett-Aufsatz anzuwenden, gibt eine Aufgabe für sich ab. Vielleicht kann ich diesen Bezug vornehmen, wenn ich zur Lektüre von Adornos Beckett-Essay komme.

Man muß es Hegels Ästhetik hoch anrechnen, Kunst als ein geschichtliches Phänomen und als etwas Prozeßhaftes zur Darstellung gebracht zu haben. Davon ist Kants „Kritik der Urteilskraft“, die freilich keine reine Ästhetik ist, weit entfernt. Die Notwendigkeit, im Rahmen meiner Essays noch einmal auf Hegel zurückzukommen, ergibt sich insbesondere aus jener Sicht auf die Kunst, welche als Apotheose derselben auftritt und die bei Hegel in die Kritik genommen wird. Der Bezug zum Heute liegt nahe, wenn die Strategen des Marketing und die der Komplexitätsreduktion ein Abaton schaffen wollen. Hier wäre die Hegelsche Ästhetik zu rehabilitieren. Andererseits sollte das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden, indem wir dem bloßen Bildersturm huldigen. Hegels Kritik der Kunst bildet keine spätmoderne Perspektive und läßt sich damit nicht ohne weiteres ins Hier und Jetzt transformieren. Aber es wird in Hegels Text doch eine Bewegung des Denkens sichtbar, die über die Arbeit des Begriffes einer Hypostase von Kunst und (unreflektierter) Ästhetik ihre Grenze aufzeigt. Auch Hegels Text arbeitete gegen die Hypertrophie der Kunst an, wenngleich aus einer anderen Motivation heraus, im Grunde deshalb, weil eine Gestalt des Geistes alt geworden ist. In Hegels Text ist die äußerste Negativität und der Bruch bereits eingeschrieben – und mehr noch: sie sind konstitutiv und wurden in keiner Philosophie zuvor derart konsequent in den Blick genommen. Dem Negativen ins Angesicht zu schauen, bei ihm zu verweilen, so Hegel in der „Phänomenologie des Geistes“ (S. 36). Allerdings kann die Kunst in Hegels Text diese Darstellung des Negativen nicht leisten, was eben mit Hegels Konzept von Schönheit zusammenhängt. Zu untersuchen wäre, wieweit, sozusagen gegengelesen, über den Begriff des Symbolischen oder durch die symbolische Kunstform hindurch dennoch so etwas wie Negativität ins Kunstwerk gelangt.

Ironisch äußert sich diese Haltung der Apotheose der Kunst etwa bei Jonathan Meese, wenn er eine Diktatur der Kunst ausruft und mit dem alten Traum eines Teils der Avantgarden – nämlich die Souveränität der Kunst zu inthronisieren, die Differenz von Leben und Kunst aufzuheben – bewußt spielt bzw. dieses schillernde Moment ins Spiel bring, wo man nicht genau weiß, ob dies nun Ernst oder doch nur ein böser oder schlichtweg blöder Spaß ist.

Vollkommen unironisch zeigt sich diese Apotheose beim Verkaufsinteresse des Galeristen oder des Intendanten, der seine Kunst als Ware auf dem Markt feilbieten muß.

Um jedoch auf die Zeit Hegels zurückzukommen, so muß im Rahmen des deutschen Idealismus an dieser Stelle Schellings Identitätsphilosophie und insbesondere sein „System des transzendentalen Idealismus“ genannt werden, welches – unter anderem – als Folie für Hegels Ästhetik diente. Der Begriff der intellektuellen Anschauung, für Kant in der „Kritik der reinen Vernunft“ ein Widerspruch in sich, den Menschen vollkommen unmöglich und versperrt, feiert bei Schelling seinen Triumph. In Schellings „System des transzendentalen Idealismus“ stellt die Kunst die höchste Weise der Philosophie dar, in der das Absolute angeschaut werden kann. So schreibt Schelling:

„Wenn die ästhetische Anschauung nur die objektiv gewordene transzendentale ist, so versteht sich von selbst, daß die Kunst das einzig wahre und ewige Organon zugleich und Dokument der Philosophie sei, welches immer und fortwährend auf neue beurkundet, was die Philosophie äußerlich nicht darstellen kann, nämlich das Bewußtlose im Handeln und Produzieren, und seine ursprüngliche Identität mit dem Bewußten. Die Kunst ist eben deswegen dem Philosophen das Hächste, weil sie ihm das Allerheiligste gleichsam öffnet, wo in ewiger und ursprünglicher Vereinigung gleichsam in Einer Flamme brennt, was in der Natur und Geschichte gesondert ist, und was im Leben und Handeln ebenso wie im Denken ewig sich fliehen muß.“ (F.W.J. Schelling, System des transzendentalen Idealismus, S. 297, Hamburg, 1962)

Diese Bewegung der Philosophie, welche die Kunst als letztes Stadium setzt, gerät in Hegels Text in die Kritik. Insbesondere in der „Phänomenologie des Geistes“ polemisiert Hegel gegen Schelling, wenn er formuliert, daß das Absolute nicht aus der Pistole geschossen käme. Schellings „System des transzendentalen Idealismus“ ist ein System von Setzungen, denen aber die Vermittlung, das heißt das Durchdringen von Begriff und Sache fehlt. Allerdings muß Schellings Text einer immanenten Kritik unterzogen werden, und in die säkulare Sphäre gewendet, berührt er sich an einigen Stellen nicht unwesentlich mit der Ästhetik Adornos.

Schellings Text wird in seiner Feier der Kunst aber von einem „blinden Fleck“ getragen, denn was in seinem „System“ nicht in den Blick gerät, ist dieses umgreifende Moment der Philosophie: die Sichtung, welche er in bezug auf die Kunst vornimmt, kann von der Kunst nicht ausgesprochen, sondern allenfalls gezeigt werden. Ob eine solche Versinnlichung der Ideen aber zureichend ist und seinen Platz vor dem Begriff haben kann, muß selbst innerhalb Schellings Referenzsystem fraglich erscheinen. Es bleibt vielmehr der Philosophie, genauer der Philosophie der Kunst bzw. der Ästhetik vorbehalten, diese „Offenbarung“ der Kunst (Schelling, S. 286) diskursiv darzulegen. Die Gleichwertigkeit von Kunst und Philosophie, daß sich jene beiden Pole in einem komplementären Verhältnis befinden und unabdingbar aufeinander verwiesen sind, wird erst bei Adorno in seiner Ästhetik und in der „Negativen Dialektik“ zur Darstellung gebracht und gelangt dort in die umfassende Bestimmung.

Eine Philosophie, die nicht das Moment des Ästhetischen in sich trägt, ist keine. Freilich erschöpft sich Philosophie nicht im Ästhetischen als leerem Ästhetizismus, und schon gar nicht ist die Philosophie als Dichtung zu begreifen, wie man zum Beginn von Adornos Kierkegaard-Buches lesen kann. Darin opponiert Adorno dem Text Derridas, wenngleich sein Verfahren in der Lektüre Kierkegaards Derrida in manchem nicht unähnlich ist. Zugleich gibt es bei Adorno allerdings über das exzeptionelle Moment des Ästhetischen eine große Nähe zu einem frühen Text Hegels: Jene höchste Funktion der Kunst, die als höchster Akt der Vernunft auf den Plan tritt, wurde von Hegel, Hölderlin und Schelling seinerzeit im Tübinger Stift im Ältesten Systemprogramm des Deutschen Idealismus von 1797 formuliert:

„… daß der höchste Akt der Vernunft, der, indem sie alle Ideen umfaßt, ein ästhetischer Akt ist, und daß Wahrheit und Güte nur in der Schönheit verschwistert sind – Der Philosoph muß eben so viel ästhetische Kraft besitzen, als der Dichter. Die Menschen ohne ästhetischen Sinn sind unsere BuchstabenPhilosophen. Die Philosophie des Geistes ist eine ästhetische Philosophie.“ (in: Mythologie der Vernunft, S. 12, hg. v. Ch. Jamme und H. Schneider, Fft/M 1984)

Insbesondere sei für eine Ästhetik der Begriff der Kraft betont, und ebenfalls schließt sich hier die Wendung von einer „neuen Mythologie“ an (dazu Manfred Frank, Kaltes Herz. Unendliche Fahrt. Neue Mythologie. Motiv-Untersuchungen zur Pathogenese der Moderne), welche zu schaffen sei – ein zentraler Topos der Romantik, den man in eine  reaktionäre Richtung hin lesen kann, was dann in Unfug wie Botho Strauß‘ „Anschwellender Bocksgesang“ mündet. Aber genauso läßt sich dies in eine emanzipatorische Richtung hin ausformulieren. Paradigmatisch und als pars pro toto nur dies: „Ein neues Lied, ein besseres Lied,/O Freunde, will ich Euch dichten!/Wir wollen hier auf Erden schon/Das Himmelreich errichten.“, so Heine in „Deutschland. Ein Wintermärchen“. Freilich ist die Ironie und das Bewußtsein der Krisenhaftigkeit diesen Zeilen durch den Kontext bereits eingeschrieben.

Am konsequentesten und in einer ganz emphatischen Weise, beschritt jenen Weg, die Vernunft ästhetisch werden zu lassen, Hölderlin in seiner Dichtung, Philosophie und Dichtung durchdringen sich. Und die stärkste und reflektierteste Transformation widerfuhr diesem „Programm“ später durch Hegel. Überspitzt formuliert, kann man jenes Systemprogramm gar als Vorläufertext zur Postmoderne bezeichnen: die ästhetisch sich transformierende Vernunft ist, wie man sieht kein bloß postmodernes Phänomen der gemütlichen 80er Jahre des 20. Jhds gewesen, sondern in der Geschichte der Philosophie immer einmal wieder virulent geworden.

Auch Adorno rekurriert, allerdings implizit, auf diesen frühen Text, umschifft dabei jedoch die Klippen idealistischer Philosophie und einer postmodernen ästhetischen Vernunft. So erfährt die (Kunst-)Philosophie dieses Systemprogramms, aber auch Schellings „System des transzendentalen Idealismus“ in bezug auf die Kunst durch Adorno eine empfindliche Modifikation. Adorno greift Aspekte der Philosophie Schellings zwar auf, etwa die besondere Rolle der Kunst als Ort von Freiheit und Unfreiheit zugleich. Die Identitätsphilosophie ist jedoch unter den Bedingungen der Spätmoderne nicht zu halten. Bei Adorno tritt die bestimmte Negation als Motor des Denkens an und treibt die Arbeit des Begriffes voran. Im Hinblick auf das Moment des Dialektischen und des analysierenden Denkens steht Adorno sehr viel mehr in der Tradition Hegels, freilich sind die Bezüge zu Schelling nicht gering anzusetzen.

Ein weiteres Motiv, das Adorno von Schelling aufgreift, ist jenes Verhältnis von Kunst und Philosophie: beide bedürfen einander als verschiedene Weisen von Reflexion und als widerständischer Part. Dabei kommt der Kunst – einerseits – jenes deiktische Moment zu, während die Philosophie etwas ausspricht bzw. diskursiv zur Darstellung bringt, was sich ihr in den Formen ihrer Fixierung zugleich entzieht und – Proteus gleich – immer wieder wandelt. Diesen Metamorphosen läßt sich im Rahmen des philosophischen Denkens gleichsam durch Begriffe als Konstellationen begegnen, wie Adorno dies im Rahmen erkenntnistheoretischer Reflexion in der „Negativen Dialektik“ darlegt, sowie vermittels der Mimesis und durch ein ästhetisches Verhalten, welches man als eine ästhetische und vielleicht sogar aisthetische Offenheit bezeichnen kann.

„Die Werke sprechen wie Feen in Märchen: du willst das Unbedingte, es soll dir werden, doch unkenntlich. Unverhüllt ist das Wahre der diskursiven Erkenntnis, aber dafür hat sie es nicht; die Erkenntnis, welche Kunst ist, hat es, aber als ein ihr Inkommensurables. Kunstwerke sind, durch die Freiheit des Subjekts in ihnen, weniger subjektiv als die diskursive Erkenntnis.“ (Adorno, ÄT, S. 191)

Die Kunst, in der Moderne auf ihrem höchsten Punkt und im Zenit stehend, ist zugleich die, welche ihren Sturz vor Augen hat.

Da eine emphatisch verstandene Kunst in ihren avanciertesten Werke ihr Ende zugleich selbstreflexiv in den Blick nimmt – das Paradigma für solches Verfahren, für die Reflexion auf das Ende hin, gibt der Text Becketts ab – und damit auch das „Altern der Moderne“ einen Aspekt der Ästhetik Adornos darstellt, läßt sich seine Ästhetik als Form des Widerstands fassen, welche nicht die affirmative Menschheitsbeglückungs- und Komplexitätsentlastungsmaschine qua Kunst anwirft, um den Zumutungen der Moderne auszuweichen oder um die Motivation zum Mittun an die Hand zu geben, sondern um dem Negativen ins Angesicht zu blicken, bis es vergeht. Im Gegenteil: Kunst bringt diese Dialektik der Moderne, ihre Zweischneidigkeit über das Formgesetz im Kunstwerk, nicht jedoch übers Engagement oder die Parteinahme, in den Blick. Hier mag insbesondere Adornos Essay zu Eichendorff (Zum Gedächtnis Eichendorffs, in: Noten zur Literatur. Dieser Buchtitel stammt, genial gefaßt, von Peter Suhrkamp) von Bedeutung sein, einem Dichter, den man nur schwer wird als progressiv bezeichnen können – sein „Schloß Dürande“ verklärt das Ancien Régime unverhohlen. Aber Adorno schlägt aus der Dichtung Eichendorfs die Funken und zudem eine Theorie der Sprache heraus. Hier erst kommt die Sprachphilosophie (wie auch im Text Benjamins) zu sich selbst und genügt ihrem eigenen Anspruch.

„Aber die allegorische Intention wird in Eichendorffs eigener Dichtung getragen nicht sowohl von der Natur, der er sie an jener Stelle zuschreibt, als von seiner Sprache in ihrer Bedeutungsferne. Sie ahmt Rauschen und einsame Natur nach. Damit drückt sie eine Entfremdung aus, die kein Gedanke sondern nur noch der reine Laut überbrückt. Doch auch das Entgegengesetzte. Die erkalteten Dinge werden durch die Ähnlichkeit ihres Namens mit ihnen selber heimgeholt, und der Zug der Sprache erweckt jene Ähnlichkeit. Ein Potential des jungen Goethe, der nächtigen Landschaft von ‚Willkommen und Abschied’‘ wird bei Eichendorff zum Formgesetz: das der Sprache als zweiter Natur, in der die vergegenständlichte, dem Subjekt verlorene diesem wiederkehrt als beseelte. (Adorno, Zum Gedächtnis Eichendorffs, in: N.z.L., S. 84)

Was in der Dichtung Eichendorffs aufscheint und über die Sprache ein Moment des Unverstellten evoziert, jene „Versöhnung mit den Dingen durch die Sprache“ (S. 84), destruiert sich mit der heraufziehenden ästhetischen Moderne, wird aber vermittels der ästhetischen Kritik dennoch eingeholt, ohne dabei ins Affirmative oder das hoheitsvoll Salbadernde abzugleiten: „An dem avancierten Bewußtsein wäre es, das Verhältnis zum Vergangenen zu korrigieren, nicht indem der Bruch beschönigt wird, sondern indem man dem Vergänglichen am Vergangenen das Gegenwärtige abzwingt und keine Tradition unterstellt.“ (S. 70)

Über diesen Text Adornos und auch vermittels einiger weiterer Essays aus den „Noten zur Literatur“ zeigt es sich aber, daß das avancierteste ästhetische Material, entgegen der Kritik des ansonsten hoch geschätzten Peter Bürger, durchaus plural verfaßt ist. Diese Dialektik des „Alterns der Moderne“ nehme ich jedoch demnächst einer gesonderten Lektüre in den Blick.

Wozu Kunst? (4) – Interludium, die Tonspur zum Sonntag

 „Baudelaire hat nicht wie Gautier Gefallen an seiner Zeit gefunden, noch sich wie Leconte de Lisle um sie betrügen können. Ihm stand der humanitäre Idealismus eines Lamartine oder Hugo nicht zu Gebote, und es war ihm nicht wie Verlaine gegeben, sich in Devotion zu flüchten. Weil er keine Überzeugung zu eigen hatte, nahm er selbst immer neue Gestalten an. Flaneur, Apache, Dandy und Lumpensammler waren für ihn ebenso viele Rollen. Denn der moderne Heros ist nicht Held – er ist Heldendarsteller. Die heroische Moderne erweist sich als ein Trauerspiel, in dem die Heldenrolle verfügbar ist.“

 (Walter Benjamin, Das Paris des Second Empire bei Baudelaire, in: GS I 2, S. 600)

Zuweilen weiß man nicht zu schreiben, kommt nicht weiter. Nun ist dieser Text in Serie keine Seminararbeit, die der Pflicht gemäß irgendwo an einem Ort abgeliefert werden oder die ankommen muß, wenn wir die Frage nach dem Wozu der Kunst oder die nach ihrem Ende stellen. Nichts muß ankommen oder seinen Bestimmungsort erreichen. Nicht einmal ein Brief, wie schon Derrida gegen die Einsicht Lacans im Seminar zu Poes entwendetem Brief wußte.

„Es ist gütig von Ihnen, mein hochverehrter Freund, mein zweijähriges Stillschweigen zu übersehen und so an mich zu schreiben. Es ist mehr als gütig, Ihre Besorgnis um mich, Ihrer Befremdung über die geistige Starrnis, in der in Ihnen zu versinken scheine, den Ausdruck der Leichtigkeit und des Scherzes zu geben, den nur große Menschen, die von der Gefährlichkeit des Lebens durchdrungen und dennoch nicht entmutigt sind, in ihrer Gewalt zu haben.“

Wir folgen bloß einem inneren Zwang. Das Schweigen läßt sich nicht schreiben oder sammeln. „On. Say on. Be said on. Somehow on. Till nohow on. Said nohow on.
(…)
All of old. Nothing else ever. Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“ (Samuel Beckett, Worstward Ho)

Es gibt ein literarisches Dokument, fast ließe sich sagen ein Gründungsdokument der klassischen Moderne, das bündelt dieses Schweigen und die Dekomposition, die Entleerung des Selbst, früh schon. Hugo von Hofmannsthal schrieb diesen Text: Es ist ein Prosastück mit dem Titel „Ein Brief“, 1902 veröffentlicht, bekannt auch unter dem Titel Chandos-Brief (an Francis Bacon). Es handelt sich um ein Entschuldigungsschreiben wegen des gänzlichen Verzichts auf literarische Betätigung an jenen Francis Bacon, verfaßt von Philipp Lord Chandos. Ein eigenwilliger Zwang zur Beichte manifestiert sich in diesem Brief, ein strömender, aber kein eruptiver oder unkontrollierter Ausfluß:

„Mein Inneres aber muß ich Ihnen darlegen, eine Sonderbarkeit, eine Unart, wenn Sie so wollen eine Krankheit meines Geistes, wenn Sie begreifen sollen, daß mich ein ebensolcher brückenloser Abgrund von den scheinbar vor mir liegenden literarischen Arbeiten trennt als von denen, die hinter mir sind und die ich, so fremd sprechen sie mich an, mein Eigentum zu nennen zögere.“ (H. v. Hofmannsthal, Gesammelte Werke, Erzählungen, S. 462, Fft/M 1979)

Es deutet sich eine Zeitenwende an. Kongenial bringt Hofmannsthals Text diesen Umbruch zum Ausdruck, aber das Fin de siècle wird in diesem Brief ins frühe 17. Jahrhundert verlegt, also an das Ende der Renaissance, was einen Umstand abgibt, der für die Lektüre des Textes nicht zu unterschlagen ist. Objektives gerät in diesem Brief zum Problem des Subjekts, weil schmerzhaft die Spaltung zwischen Subjekt und Objekt erfahren wird, mit Hegel gesprochen: das zerrissene und das „unglückliche Bewußtsein“ als Signum der Moderne. Diese Erkenntnis frißt zwar das Denken sowie das Verhältnis von Denken und Sache an, aber nicht die diesen Sachverhalt darstellende Sprache des Briefes, welche nicht verstummt bzw. aphasisch gerät, sondern vielmehr das Schweigen in die Darstellung bringt. Denn geradezu antiperformativ reagiert der Text auf diese Fragmentierung des Subjekts. Die Form stellt sich als das Gegenteil des Ausgesagten dar.

„Mein Fall ist, in Kürze, dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen.“ Das Subjekt fragmentiert sich, Band und Kontinuum zerreißen. Dichtung und Sprache des Protagonisten mißraten in diesem Zustand. Es stellt sich beim Schreiber jenes Unbehagen ein, etwas auszusprechen oder ein allgemeines Thema zu besprechen und Begriffe zu gebrauchen wie Geist, Seele oder Körper, und auch über die gesellschaftlichen Angelegenheiten fällt ein Urteil schwerer und schwerer, bis es nicht mehr möglich ist. Die Position des Nominalismus ist derart radikal gewendet, daß es der Sprache selbst, der Sprache des Briefeschreibers an den Kragen geht. Im gleichen Zuge jedoch erzählt er virtuos und in einem Spiegelspiel davon. Dennoch: das Begehren des Schreibers läuft ins Leere, es regrediert in die Erinnerung.

„Und aus dem Sallust floß in jenen glücklichen, belebten Tagen wie durch nie verstopfte Röhren die Erkenntnis der Form in mich herüber, jener tiefen, wahren, inneren Form, die jenseits des Geheges der rhetorischen Kunststücke erst geahnt werden kann, die, von welcher man nicht mehr sagen kann, daß sie das Stoffliche anordne, denn sie durchdringt es, sie hebt es auf und schafft Dichtung und Wahrheit zugleich, ein Widerspiel ewiger Kräfte, ein Ding, herrlich wie Musik und Algebra. Dies war mein Lieblingsplan.“ (S. 462)

„Glückliche Tage“, denn dieses Konzept von Einheit geht nimmer. Es ist ein Zeitalter abgelebt, jener Geist der Goethezeit, jenes Weimar als die Vormoderne (allerdings: für Hegel gehörte das, was wir gewöhnlich klassisch nennen, zur romantischen Kunst) oder: Weimar und vor allem Jena als die heraufziehende Moderne, wie die Romantik eines Novalis oder Schlegel, aber auch die Dichtung Hölderlins wohl wußten. Der Prozeß der Kunst spurt nun anders. Den Regelpoetiken widerfuhr schon mit Dubos und überhaupt den Franzosen, aber auch über Lessing und die (bürgerliche) Kategorie des Geschmacks eine Antwort. Im Fin de siècle, im Symbolismus und im Naturalismus gelangt zum schockhaften Bewußtsein, was bei Baudelaire als erstem modernem Dichter bereits in Klarheit zum Ausdruck kam. Es hat Gründe, daß gerade Paris die Stadt der Moderne ist, welche Moderne sowie die Antike auf eine Weise verbindet, daß darin die Querelle des Anciens et des Modernes eine völlig andere Richtung erhält. Odysseus als Flaneur:

„Durch die alten Vorstädte streifend, wo an baufälligen Fassaden die Jalousinnen hängen, hinter denen die Unzucht sich versteckt, beliebt es mir, wenn grausam die Sonne mit doppelt heißen Strahlen auf Stadt und Felder, Dächer und Saaten scheint, allein mein wunderliches Fechthandwerk zu üben, in allen Winkeln nach Reimen witternd, über Worte stolpernd wie über Pflastersteine und bisweilen auf lang verträumte Verse stoßend.“ (Baudelaire, Die Sonne, in: Die Blumen des Bösen, München 1986, S. 177)

Der Dichter ist es, so Foucault in „Die Ordnung der Dinge“, welcher „unterhalb der genannten und täglich vorhergesehenen Unterschiede die verborgenen Verwandtschaften der Dinge und ihre verstreuten Ähnlichkeiten wiederfindet“ (S. 81) Allerdings sind dies Ähnlichkeiten, welche disparat sein können wie Regenschirme und Nähmaschinen auf jenem Operationstisch – Lautréamont in den Plural gebracht.

„Ich habe mehr Erinnerungen, als wäre ich tausend Jahre alt.“ (Baudelaire, S. 155) Die Erinnerung birgt das Tote, das Vergangene, als Schacht und als Pyramide. Die Antike erscheint dem Flaneur in den Straßen nicht nur im flüchtigen Blick auf die Karyatiden über den Hauseingängen. Der Flaneur hat das abgelebte Momente in sich aufgesogen; er korrespondiert als Figur des Draußen – Schwellenkunde oder von Schwelle zu Schwelle. „Im Flaneur begibt sich die Intelligenz auf den Markt. Wie sie meint, um ihn anzusehen und in Wahrheit doch schon, um einen Käufer zu finden.“ (Benjamin, GS V 1, S. 54)Und um es weiter über den Text Benjamins zu schreiben, der Flaneur korrespondiert mit dem Lumpensammler, welcher in den Vorstädten die abgelebten Dinge, die Nicht-Waren, die vernutzten Dinge wieder in Waren verwandelt, den Werbung tragenden und Waren anpreisenden Sandwich-Man, die Hure, „die Verkäuferin und Ware in einem ist“ (Benjamin, GS V 1., S. 55), den Zerüttungen, wenn man es vom Heute her sehen möchte: der Flaschensammler, den es in den 90er Jahren noch nicht in diesem Ausmaße gab, den die Regierung Kohl nicht hervorzubringen wagte. Dazu gaben sich einige Jahre später dann willige Büttel her. Diese Dinge gilt es einzufangen, mit Benjamin gesprochen, die dialektischen Bilder zu erzeugen und die Phantasmagorien freizulegen. Zu Baudelaires Zeiten war die Photographie nicht ausgeprägt genug und konnte von ihrer technischen Seite her dem Flaneur nicht beistehen, um die transformierende Fixierung zu leisten. Es bestanden Grenze des Ausdrucks. Das Wesen der Photographie zeichnet sich jedoch in Wortskizzen vor und antizipiert sich in „A une passante“, jenem zentralen Gedicht von Baudelaire: dieser Blitz und der Augenblick, der sekundenhafte Blick, aufgefangen in jener Menge, die strömt. Dies darzustellen, bedarf eines zur Sprache hinzutretenden Mediums: die mémoire involontaire freizulegen, stellt ein Tun dar, das jedoch intentionslos nur erfolgen kann und sich an keine Ökonomie andocken läßt, da das Wesen der mémoire involontaire eine bewußte Bewußtlosigkeit ist – Würfelwurf und Zufall.

„Mir erschien damals in einer Art von andauernder Trunkenheit das ganze Dasein als eine große Einheit: geistige und körperliche Welt schien mir keinen Gegensatz zu bilden, ebensowenig höfisches und tierisches Wesen, Kunst und Unkunst, Einsamkeit und Gesellschaft; in allem fühlte ich Natur, in den Verirrungen des Wahnsinns ebensowohl wie in den äußeren Verfeinerungen eines spanischen Zeremoniells; …“ (Hofmannsthal, S. 464)

Das Konzept von Einheit ist der Moderne abhanden gekommen, Hegel wußte und begriff dies als erster, nahm diesen Riß in der heraufziehenden Moderne wahr und brachte den Bruch in die Philosophie, anders als die Romantik freilich mit dem Begehren, ihn auch zu heilen – „die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug“. Und dieser Verlust, der sich dann als bloße Individualität und als Subjektivität geben muß, zieht sich bis in die Fähigkeit hinein, alltägliche Kommunikation zu führen oder Werke zu schaffen. Kein Begriff und schon gar nicht der Begriff des Begriffs, als Zusammenhang, ist noch vorhanden; dort, wo Hegel auf die vermittelnde Instanz des Begriffs oder eines Allgemeinen setzte, blieb eine Leerstelle. Eine „Furie des Verschwindens“ treibt sich um, konsequente Logik des Nominalismus, die sich einzig in die Logik des Bildes transformieren kann, Metamorphosen und Bewegungen, Beschleunigungen innerhalb der Kunst, so daß neben der Photographie das bewegte Bild des Kinos nicht mehr fern scheint.

Alltägliches und soziale Bezüge lösen sich auf. Hofmannsthals Brief gleicht einem Delirium. Was bleibt, ist die grauenvolle Nähe des unscheinbaren, nebensächlichen Details, als unmittelbares Zoom. Die vergrößerte Kleinigkeit bedarf in der Kunst einer anderen Einstellung: extreme close-up, italian shot:

„Mein Geist zwang mich, alle Dinge, die in einem solchen Gespräch vorkamen, in einer unheimlichen Nähe zu sehen: so wie ich einmal in einem Vergrößerungsglas ein Stück von der Haut meines kleinen Fingers gesehen hatte, das einem Blachfeld mit Furchen und Höhlen glich, so ging es mir nun mit den Menschen und ihren Handlungen. Es gelang mir nicht mehr, sie mit dem vereinfachenden Blick der Gewohnheit zu erfassen. Es zerfiel mir alles in Teile, die Teile wieder in Teile, und nichts mehr ließ sich mit einem Begriff umspannen. Die einzelnen Worte schwammen um mich; sie gerannen zu Augen, die mich anstarrten und in die ich wieder hineinstarren muß: Wirbel sind sie, in die hinabzusehen mich schwindelt, die sich unaufhaltsam drehen und durch die hindurch man ins Leere kommt.“ (Hofmannsthal, S. 466)

Diese Aufspaltung als System der Zertrümmerung bis ins kleinste hinein funktioniert als Mise en abyme. Aufschreibsysteme und Optik. Was aber als Signum der Moderne bleibt, ist der Gunfight vereinzelter Subjekte, der Kampf in der Zerrissenheit und die Windungen. „No One Here Gets Out Alive“, so wird dies dann als Song und Slogan etwa 66 Jahre später lauten, im Sinne eines herabgesunkenen und zum schlechten Allgemeinen gehörendes Kulturgut, welches unter dem Titel „Pop“ firmiert.

„Best worse no farther. Nohow less. Nohow worse. Nowhow naught, Nohow on.
Said nohow on“

(Samuel Beckett, Worstward Ho)

Hier aber nun die Tonspur zum Sonntag:

Wozu Kunst? (Teil 3) – Das unendliche Kreisen um das Ende – Apokalypse Now (Part 2)

Deutete ich im ersten Teil von „Apokalypse Now“ an, daß eine Kritik der Kunst qua Autoreferenzialität bei Teilen der Avantgarde im Kunstwerk selber statt hat, so geht es im zweiten Teil und in anderer Perspektive, also nicht im Rahmen der Kunstwerke, sondern aus den Reflexionssystemen der Ästhetik heraus, die für solche externen Reflexionen zuständig ist, um die Analyse und das In-den-Diskurs-bringen jener Rede vom Ende der Kunst. Zuvor möchte ich jedoch voranschicken, daß es innerhalb dieses Textes nicht um Endzeit-Verkündungen oder Apokalypse-Szenarien im Sinne eines Dekretes geht: Die Kunst ist zum Ende gekommen!, wie man das im Rahmen der 60er Jahre kannte, als das Ende der Literatur (oder zumindest ein grundsätzlicher Wandel derselben) und überhaupt das Ende der bürgerlichen Kunst verkündet wurde. In Frankreich gab es, an die Wände der Sorbonne gemalt, die Parole „L‘art est mort!“ Es stellt dieser Ausruf das Höchstmaß jener These von der Souveränität der Kunst dar, welche ein Teil der Avantgarden anstrebte, indem die Kunst im Leben selbst aufgehoben werden sollte. Daß die Kunst als eine letzte Bastion gegen den universalen Zugriff und die Zurüstung sich erweisen könnte, wurde bei solchen Slogans bzw. plakativen Sätzen meist übersehen.

In der BRD schrieb Karl Markus Michel 1968 in der Zeitschrift „Kursbuch“ den Aufsatz „Ein Kranz für die Literatur“, in welchem es um eine Neubestimmung der Literatur sowie ihrer Funktion ging, was mithin eine Absage an die Autonomie der Kunst bedeutete und hin zu einer engagierten, parteiischen Literatur führen sollte. Es ging gegen „die tote, die repressive, die bürgerliche Kunst“, wie dies Peter Schneider in seinem Aufsatz „Die Phantasie im Spätkapitalismus und die Kulturrevolution“ formulierte, indem er „die agitatorische und die propagandistische Funktion der Kunst“ betonte (Kursbuch 16/1969). Enzensberger wiederum sprach von einer „politischen Alphabetisierung“. Kunst habe praktisch zu wirken, die bürgerliche Kunst und die bürgerliche Ästhetik seien an ihr Ende gekommen – im Grunde erweiterte sich in einer solchen Konzeption der Bitterfelder Weg auf das Feld der BRD-Literatur; und selbst das, was in den 70er Jahren unter dem Oberbegriff „Neue Subjektivität“ firmierte, teils politisch, teils in Opposition zum Politischen, ist nicht nur als bloßer Rückzug ins Private oder in die subjektive Sicht zu lesen, sondern – im Sinne dieses geforderten Funktionswandels – gerade als Reaktion auf jene Politisierung zu begreifen und damit der Objektivität geschuldet.

Per ordre oder als Wunschbegehren ist allerdings die Aufhebung der Kunst im Leben bzw. des Lebens in der Kunst kaum zu bewerkstelligen, es bleiben dies Parolen. Man müßte, wie in der Französischen Revolution geschehen, auf die Kirchturmuhren schießen, alle Uhren zerstören und den Kalender ändern, um die Diskurse umzupolen. Als frühe Antwort und Kritik auf solche Bestrebungen, einen (eingreifenden) Funktionswandel der Kunst und der Literatur herbeizuführen, damit es der Autonomie der Kunst um der Politik willen an den Kragen geht, läßt sich Adornos 1962 verfaßter Text „Engagement“ lesen, der eben nicht einer puren und reflexionslosen L‘art pour l‘art das Wort redet, sondern vielmehr die Autonomie der Kunst bewahrt, ohne dabei jedoch den Preis bürgerlicher Selbstgenügsamkeit und Inwendigkeit zu zahlen wie das auf der Linie Staiger, Heidegger, Gadamer liegt.

Etwas schärfer polemisierte Dieter Wellershoff 1975 gegen diesen Funktionswandel der Literatur:

„Das war wirklichkeitsfremdes Wunschdenken von Intellektuellen, die sich damit über ihre praktische Ohnmacht hinwegredeten und die komplexen Vermittlungen von Theorie und Praxis, Phantasie und Erfahrung, Literatur und Leben schlicht verkannten.“

Freilich kann es genauso wenig darum gehen, sich dem Realitätsprinzip zu beugen, um sich auf das vereidigen zu lassen, was ist. Ob jedoch ausgerechnet die Kunst der geeignete Rahmen ist, vermittels dieses Funktionswechsels eine andere Gesellschaft herbeizuführen bzw. das Denken über Gesellschaft und die Analyse in Gang zu bringen, möchte ich bezweifeln; insbesondere, wenn durch einen solchen Funktionswechsel das beste an der Kunst ausgetrieben wird: ihr subversives, untergründiges Potential, welches durch die Aussparung sehr viel beredter ist als das „Reih-dich-ein-in-die-was-weiß-ich-Einheitsfront“-Geschreibe. Eine autonomen Kunst, welche nicht der bloßen Parteinahme dient und die als Slogan oder Resonanzverstärker wirkt. Weshalb gegenüber den vermeintlich engagierten Texten und Bilden gerade die autonome, sich hermetisch abriegelnde, verschließende Kunst – Pointe der Ästhetik – als die sehr viel kritischere sich erweist, dies demonstriert die ästhetische Theorie Adorno. Anhand seiner Beckett- oder Kafka-Lektüre wird dies (beispielhaft) dargelegt werden. Es ließen sich genauso andere Texte Adornos aus den „Noten zur Literatur“ wählen. In den Aussparung der Kunst verbirgt sich zuweilen das Beste, wobei die Entwicklung andererseits an einem Punkt angelangt sind, wo manches zum bloßen Spiegelspiel gerät. Insbesondere die Tendenzen innerhalb der Malerei sehe ich als ruinös. Hier vom Ende der Kunst, zumindest aber von einem Bröckeln zu sprechen, hat sicherlich einige Berechtigung. Andererseits müssen diese Dinge dann auch wieder an konkreten Werken ausgehandelt werden. Vielleicht komme ich dazu, wenn ich hier im Blog über die Kunstschau „Based in Berlin“ schreibe.

Im Rahmen einer Kritik an Gesellschaft sehe ich zudem andere Bereiche eher in der Pflicht. Das reicht von den Vermittlungen und Darstellungen durch die verschiedenen Medien bis hin zu einer politischen Ökonomie, die an die Wurzel geht und sich nicht mit den Oberflächenphänomenen begnügt. Gleiches gilt für Philosophie als Kritische Theorie, Soziologie sowie die Geschichts- und Politikwissenschaften. Als gelungene Antwort auf den Wandel im Schreiben kann man etwa Günter Wallraffs Betriebsreportagen aus den 60er Jahren nennen. Ein Funktionswandel ist also zunächst auf dem Feld der Dokumentation, der berichtenden, non-fiktionalen Literatur erforderlich.

Daß ein Diskurs über das Ende der Kunst nicht zwangsläufig das Ende der Kunst bedeuten muß, zeigt sich in Benjamins Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“. Man kann diesen Text gut auch als einen Vorläufer für das lesen, was in den 60er Jahren in den ästhetischen Diskussionszirkeln der BRD zur Aufhebung der Kunst thematisiert wurde. Ich streife den Text Benjamins nur kurz, weil es mir in diesen zunächst einführenden Erläuterungen lediglich um eine generelle Bewegung des Textes geht: daß innerhalb der Ästhetik ein Diskurs über ein Ende geführt wird, der jedoch kein Ende in einem absoluten, eschatologischen Sinne meint, sondern vielmehr auf eine Apokalypse oder ein Endspiel mit kathartischer Funktion hinausläuft. Ich werde diesem für die Ästhetikdebatte wichtigen Text Benjamins aber einen gesonderten Essay widmen. Und auch im Rahmen meiner Benjamin-Lektüren steht eine Sicht auf Photographie und Film aus.

Benjamin postuliert im Kunstwerkaufsatz nicht das Ende der Kunst im ganzen, aber doch das Ende einer bestimmten Form von Kunst, nämlich der bürgerlichen, welche als Raumkunst visuell wahrgenommen werden kann, wie etwa die Bildende Kunst. Die Erzählkunst wäre bei Benjamin gesondert in den Blick zu nehmen, so über seine Aufsätze „Der Erzähler“ oder „Erfahrung und Armut“, die unter anderem von dem Verlust der Erfahrung und den Möglichkeiten von Wahrnehmung im Modus des Erzählerischen handeln. Zur Musik gibt es im Werk Benjamins meines Wissens keine Texte.

Im Kunstwerkaufsatz spricht Benjamin aufgrund einer Veränderung in den Produktionsbedingungen vom Verlust der Aura. (Die Leser vertröste ich: diesen Aspekt der Aura sowie des Verlusts und die daran gekoppelte Entwicklung werde ich dann bei der intensiveren Lektüre des Benjamin-Textes entfalten.) Die „Entwicklungstendenzen der Kunst unter den gegenwärtigen Produktionsbedingungen“ (GS I, 2. S. 475) gehen durch die technische Reproduzierbarkeit des Kunstwerkes in eine andere Form sowohl der Kunstproduktion als auch der Rezeption von Werken über. Beispielhaft für diese Veränderung ist der Film, der in seiner Rezeption nicht mehr das kontemplative Moment mit sich führt, wie es in der bürgerlichen Kunstbetrachtung vorwaltet, sondern der diese Kontemplation hin zu einer Haltung der Zerstreuung überwindet. Das auratische, einzigartige Meisterwerk, welches als Original im Museum hängt und vor dem verweilt wird, gehört einer vergangenen Epoche, eben der bürgerlichen an, so Benjamin. Transformierte sich in der bürgerlichen Gesellschaft der Kultwert am Kunstwerk hin zum Ausstellungswert, so ändert sich dieser unter den Bedingungen der Spätmoderne und einer entfalteten, sich entwickelnden Technik des Apparates (Film- und Photokamera seien im Rahmen des Visuellen als die unmittelbar rezeptiven Medien genannt). „Die technische Reproduzierbarkeit des Kunstwerks verändert das Verhältnis der Masse zur Kunst.“ (GS I, 2. S. 496) Die Bedeutung des Apparates für das frühe 20. Jahrhundert innerhalb der Kunst ist nicht gering anzusetzen, man nehme nur Kafkas Faszination etwa für den Parlographen und den Phonographen. Und überhaupt ist sein Werk angefüllt mit teils seltsamen und teils weniger seltsamen Apparaten: vom Ding Odradek über komplexe Apparate der Verwaltung und Bürokratie oder eines Hotels bis hin zu dieser wundervollen Maschine in „Die Strafkolonie“, welche dem Angeklagten in einer langwierigen Prozedur das Vergehen in die Haut graviert.

Man kann bezüglich des emanzipatorischen/politischen Potentials von Kunst, das Benjamin als These vertritt, zwar mit Adorno Kritik üben, insbesondere am Klassenbegriff und an einer Naivität im Hinblick auf die politische Wirksamkeit von Kunst. Und Adorno wiederum, so die Kritik von der anderen Seite her formuliert, nimmt gegenüber Benjamins progressiver Sicht, die vom Klassenstandpunkt aus operiert und jene ganz andere Kunst will, eine gleichsam überkommene bürgerliche Auffassung von Kunst in Schutz, deren Zeit jedoch im Grunde vorbei ist. Schuß und Gegenschuß. Es ist aber bei dieser Kritik an Adorno, die zuweilen mit dem Vorwurf des Elitären daherkommt, zu bedenken, daß es sich bei Adornos Begriff von Kunst nicht um den des herabgesunkene, behaglichen Bürgers handelt, sondern um eine Form von Bürgertum, das sich in einem emphatischen Sinne versteht, so wie der Bürger einstmals konzipiert und gedacht war: emanzipatorisch und notwendig. Auf dieses Moment der Kritik, das sich insbesondere im Briefwechsel zwischen Adorno und Benjamin entfaltet, komme ich in einer späteren Lektüre.

Die Ambivalenz von Aura und dem vermittels der Reproduktion nichtauratischen Moment am Kunstwerk zieht sich bis in die Gegenwart hinein und läßt sich insbesondere beim Rezeptionsverhaltens in Museen vorführen. So war es im Louvre vor Leonardo da Vincis Mona Lisa anfangs verboten, Photographien zu fertigen. Als die Museumsleitung jedoch bemerkte, daß sich durch dieses Verbot ein Gedränge vor diesem Gemälde einstellte und der Menschenstrom sich staute, weil die Besucher sich dieses Bild nun genauer ansahen, beschloß man, das Photographierverbot wieder aufzuheben, was nicht weiter weh tat, da durch die Glasplatte vor dem Bild sowieso kein vernünftiges Foto gefertigt werden kann. Die Menschen machten nun wieder Bilder vom Bild. Und nachdem sie dieses Bild ausgelöst und gebannt hatten, auf dem häufig nicht nur die Mona Lisa zu sehen ist, sondern weitere Menschen, die ein Bild vom Bild machen, strömen die Betrachter beruhigt weiter. Es wurde die (vermeintliche) Aura vermittels eines Apparates eingefangen, der Betrachter hat nichts versäumt, sondern hielt den Moment fest und eilt zum nächsten Event, das der Louvre bietet. Der Akt als solcher, das Fotografieren selbst ist hier entscheidend, denn hinterher werden diese Fotos kaum angeschaut. Bei dieser Maßnahme der Museumsleitung handelt es sich zwar nicht um eine explizit angeordnete Verweilzeit vor den Bildern, aber es ist dies bereits ein Mittel zur Kanalisation, in einem Zeitalter, wo die Reglementierung und die Vorschriftensammlung innerhalb des Museums und insbesondere bei sogenannten Glanzaustellungen immer mehr zunimmt: Was Betrachter dürfen und was nicht. Ich schilderte eine solche Performance in meinem Text „Your Security is my Security is our Security“ anläßlich eines Besuches im Essener Folkwang Museum. (Und auch die Schlangen vor all den einschlägigen Großausstellungen sind nichts anderes als vom Museumsmarketing erdachte Maßnahmen, um zum einen zweierlei Eintrittspreise kassieren zu dürfen und durch Verknappung die Nachfrage zu erhöhen.) Aber zurück zur Sache.

Es sei nebenbei erwähnt: so sehr ich Benjamins Kunstwerkaufsatz schätze, weil sich darin einige interessante Figuren des Denkens finden, die man weitertreiben kann, so halte ich ihn doch für einen seiner schwächeren Texte. Adornos „Über den Fetischcharakter in der Musik und die Regression des Hörens“ stellt eine mehr oder weniger direkte Antwort auf Benjamins Text dar und nimmt insbesondere die zerstreute Rezeptionsweise in die Kritik. Und auch in jenem Briefwechsel Benjamin – Adorno finden sich Stellen scharfer Kritik an Benjamins Thesen.

Was ich jedoch in einer ersten Andeutung, vermittelt über den Text von Benjamin und den Verweis auf die Proteste der 60er Jahre, zeigen wollte, war, daß es zwar ein Ende der Kunst gibt, jedoch ohne ein Ende im absoluten, finalisierten Sinne des vollkommen Verstummens und des Aufhörens. In einer veränderten Gesellschaftsformation ändert sich auch der Begriff von Kunst. Dies freilich ist bei Benjamin – über die Politisierung der Kunst – ein positiv ausgemaltes utopisches Konzept, ein Messianismus, der ins Materialistische gewendet wurde. Zugleich muß man diesen Text aber auch als eine Reaktion auf den in Europa umgreifenden Faschismus ansehen. Ob Benjamins Aufsatz darauf allerdings die angemessene Reaktion ist, bezweifle ich. Wesentlich skeptischer geht es dann auch in Benjamins letztem Text „Über den Begriff der Geschichte“ zu.

Zum Schluß hin zu unseren kurzem Beitrag zum endlosen Enden der Kunst als wesentlichem Merkmal der Selbstvergewisserung der Kunst bzw. der Selbstreflexivität der Moderne, auch als Diskursform der Philosophie, möchte ich doch auf den Maler Ad Reinhardt und seine schwarzen Gemälde hinweisen. Aber vielmehr noch als die Gemälde sei sein Gedicht „Kunst in Kunst ist Kunst als Kunst“ erwähnt. Das ganze Gedicht kann ich hier nicht geben, weil die Arbeit des Abschreibens mir zu mühsam ist. Soviel nur davon: der zweite und die letzten beiden Verse:

„Das Bild der Kunst ist kein Bild.
Ein Kunstwerk ist kein Werk.
In der Kunst arbeiten ist nicht arbeiten.
Arbeit in der Kunst ist Arbeit.
Nicht in der Kunst arbeiten ist arbeiten.
Spiel in der Kunst ist nicht Spiel.
Geschäft in der Kunst ist Geschäft.
Kunst im Geschäft ist Geschäft.
Das Geschäft der Kunst ist nicht Geschäft.

(…)

Der Anfang der Kunst ist nicht der Anfang.
Das Beenden der Kunst ist nicht das Beenden.
Das Einrichten von Kunst ist Einrichten.
Das Nichts in der Kunst ist nicht Nichts.
Verneinung in der Kunst ist nicht Verneinung.
Das Absolute in der Kunst ist absolut.

Kunst in der Kunst ist Kunst.
Das Ende der Kunst ist Kunst als Kunst.
Das Ende der Kunst ist nicht das Ende.“

Allerdings: es ist dies die Perspektive des Künstlers, wenn er nicht als Apokalyptiker arbeitet, sondern, aus anderem Zusammenhang heraus ein Bild Heraklits aufgreifend, als spielendes Kind wirkt: er kann nicht anders als die Endlosigkeit der Kunst zu hypostasieren – diese Endlosigkeit in jenem Schwarz, das freilich nicht ins Verstummen gleitet, sondern einerseits die Valeurs entfaltet, andererseits aber Figuren des Endens sichtbar macht. Und auch Eva Geulen unterliegt zum Schluß ihres Buches „Das Ende der Kunst“ dem Irrtum, wenn sie schreibt. „Was bleibt, ist weitermachen.“ Sowieso ist das Buch von Geulen, was die Lektüre Adornos betrifft, defizitär. Stellenweise zwar instruktiv, aber in der Perspektive und der Mixtur aus standardisierter Adorno-Kritik unter der Optik von Habermas (als Stichwort sei genannt: Totalisierungsvorwurf) und einem Schuß modischer Dekonstruktion Paul de Manscher Provenienz, so geschehen über den Begriff der Parodie, den sie Adorno unterjubelt, fällt das Buch hinter seinem Gegenstand weit zurück.

Was bleibt für Praxis und Theorie übrig? In der Logik ästhetischer Theorie kann Kunst an ein Ende kommen. Hegel eröffnete hier einen umfassenden Diskurs, der sich bis heute wirkungsmächtig und mit Gründen gehalten hat. Das Gesetz der Form ist ausgereizt, die Moderne tendiert zum Spannungsverlust und ihr Wesen ist das Altern; genauso gilt dies, was das gesellschaftliche Moment betrifft. Nirgends steht als Wort oder These am ewigen Ideenhimmel gezimmert: „Du sollst nicht enden!“. Die von Adorno in seinem Beckett-Essay festgestellte „Logik des Verfalls“ geht auf die Kunst insgesamt über. (Ich referiere diesen Text demnächst, weil er zentral ist und hier im Blog schon so häufig erwähnt wurde und als Folie diente.) Ich werde dieses Ende der Kunst in einer der nächsten Folgen zunächst an Benjamins Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ und sodann anhand verschiedener Texte der Ästhetik Adornos in den Blick nehmen. Mit anderen Worten: wir gehen im Gang der Ästhetik vom Allgemeinen zum Besonderen, kommen zu den Details, den aufsässigen, um uns nicht dem Vorwurf auszusetzen, abstrakt zu bleiben. Andererseits und mit Hegel gesprochen „Abstrakt lernt man denken, durch abstraktes Denken.“ (Suhrkamp Ausgabe Bd 4, S. 413)

Was aber bleibt, ist diese Sentenz als schönes Schlußwort, um demnächst in die Texte selbst zu gleiten.

Wozu Kunst? (Teil 2) – Das unendliche Kreisen um das Ende – Apokalypse Now (Part 1)

Wenn einer Frage „Wozu Kunst?“ stellt, so liegt allerdings jene hinlänglich bekannte Wendung aus der Hegelschen Ästhetik in der Nähe: nämlich die vom Ende der Kunst oder genauer gesagt jene Passage, in der Hegel formuliert, daß die „Kunst nach der Seite ihrer höchsten Bestimmung ein Vergangenes“ bleibt. (Hegel, Suhrkamp-Ausgabe, Bd. 13, S. 25) Das unendliche Ende mit dem Ende innerhalb der vielfachen Diskurse: das Ende der Metaphysik, das Ende der Philosophie, das Ende der Dialektik, das Ende der Geschichte, das Ende der Kunst, das Ende des Endes. Endspiele. Es ist ein Kreisen und zugleich im Foucaultschen Sinne eine Diskursstiftung, die von Hegels Seite in der „Ästhetik“ betrieben wurde, so Eva Geulen in ihrem Buch „Das Ende der Kunst. Lesarten eines Gerüchts“ (Fft/M 2002). Doch es bleib, trotz des diskursstiftenden Charakters der Rede vom Ende der Kunst, ein Gerücht, ungesichert, wie für nebenbei in den Raum gestellt und angedeutet. Denn einmal davon abgesehen, daß es sich bei Hegels Vorlesungen zur Ästhetik um Mitschriften seines Schülers Heinrich Gustav Hotho handelt und nicht um einen von Hegel selbst verfaßten Text, so daß nicht immer gut auszumachen ist, wessen Stimme man in der Schrift vernimmt, spricht Hegel selbst nirgends von einem Ende der Kunst, sondern nur von ihrem Vergangenheitscharakter, was einen ganz anderen Raum der Lektüren eröffnet als die These von Ende der Kunst. Jene vielzitierte, strapazierte Formulierung vom Ende taucht in Hegels Schriften nirgends auf: weder in der Enzyklopädie noch in der Phänomenologie, so Geulen (S. 23).

„Wie es sich nun auch immer hiermit verhalten mag, so ist es einmal der Fall, daß die Kunst nicht mehr diejenige Befriedigung der geistigen Bedürfnisse gewährt, welche frühere Zeiten und Völker in ihr gesucht und nur in ihr gefunden haben, – eine Befriedigung, welche wenigstens von seiten der Religion aufs innigste mit der Kunst verknüpft war. Die schönen Tage der griechischen Kunst wie die goldene Zeit des späteren Mittelalters sind vorüber. (…) In allen diesen Beziehungen ist und bleibt die Kunst nach der Seite ihrer höchsten Bestimmung für uns ein Vergangenes. Damit hat sie für uns auch die echte Wahrheit und Lebendigkeit verloren und ist mehr in unsere Vorstellung verlegt, als daß sie in der Wirklichkeit ihre frühere Notwendigkeit behauptete und ihren höheren Platz einnähme. Was durch Kunstwerke jetzt in uns erregt wird, ist außer dem unmittelbaren Genuß zugleich unser Urteil, indem wir den Inhalt, die Darstellungsmittel des Kunstwerks und die Angemessenheit und Unangemessenheit beider unserer denkenden Betrachtung unterwerfen. Die Wissenschaft der Kunst ist darum in unserer Zeit noch viel mehr Bedürfnis als zu den Zeiten, in welchen die Kunst für sich als Kunst schon volle Befriedigung gewährte. Die Kunst lädt uns zur denkenden Betrachtung ein, und zwar nicht zu dem Zwecke, Kunst wieder hervorzurufen, sondern, was die Kunst sei, wissenschaftlich zu erkennen.“ (Bd.13/S. 24 ff.)

Was als Wesentliches bleibt, ist nach Hegel die Theorie, genauer die Philosophie (der Kunst). Aber ist damit schon die Kunst an ihr Ende gekommen? Zwar hat Hegel in dieser Passage die richtige Intuition, wenn er auf die immanente Reflexion, welche die Philosophie (Ästhetik) zu leisten hat, abzielt. Doch wieweit berührt das auch die Kunst in ihrem Verfahren? Interessant für die gegenwärtige Kunst ist jedoch die Annahme, daß diese nun vielmehr in unsere Vorstellung verlegt sei, was für einen Teil der Kunst der Klassischen Moderne in jedem Falle gilt und fast schon eine Vorwegnahme der Konzeptkunst bedeutet.

Die Notwendigkeit der Kunst in der Wirklichkeit ist also zu Hegels Zeit ein Anachronismus. Freilich ist es aus heutiger Perspektive leicht, diese Sicht als grob und ungenau abzutun. Interessanter mag es da scheinen, in diesem Diskurs über das Ende einen Wahrheitskern freizulegen.

All diese Aspekte, die Hegel aufführt, sprechen aber noch nicht für ein Ende der Kunst im Sinne eines Aufhörens. Bekanntermaßen beginnt die Eule der Minerva ihren Flug erst mit der einbrechenden Dämmerung, und wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens (hier die Kunst) alt geworden ist. Diese Erkenntnis, welche die Kunst betrifft, bedeutet jedoch nicht zwingend die Götterdämmerung oder den anschwellenden Abgesang, sondern eher eine veränderte Positionierung der Kunst.  Allenfalls im Rahmen des Theaters, nämlich in bezug auf die Komödie, taucht am Schluß der Vorlesungen zur Ästhetik diese Wendung von einem möglichen Ende auf, fast als Metanoia konzipiert, und zwar über den Begriff der Auflösung. Doch auch die Auflösung weist nicht zwangsläufig auf das Ende, sondern meint vielmehr eine Verwandlung ; und eine größere Nähe als zum Ende besteht in diesem Zusammenhang des Auflösens zur Aufhebung in jener dreifachen Bedeutung. Wenngleich: die Frage nach dem „Wozu?“ enthält in der Klammer geschrieben, dennoch, die Endzeitphantasie und die Ausschaltung. Vielleicht nicht gleich das letzte Gefecht, aber womöglich eines, auf das es ankommt. Doch selbst die Liquidation bedeutet im Wortsinne zugleich die Verflüssigung. Der Tod kann kein bloßer Schlag durch den Kohlkopf sein, wie Hegel an einer anderen Stelle schreibt. Dialektik macht auch dort nicht halt.

Nachdem Hegel zum Ende der Ästhetikvorlesung den Gang der Kunst rückblickend noch einmal darstellte bzw. in einer Tour de Force nacherzählte, kommt er auf jene eigenwillige Passage, die das Ende evozieren könnte: zunächst geht es darin, in der Rückschau, von der symbolischen Kunst über die klassische dann hin zur „romantischen Kunst des Gemüts und der Innigkeit mit der frei in sich selbst sich geistig bewegenden absoluten Subjektivität, die, in sich befriedigt, sich nicht mehr mit dem Objektiven und Besonderen einigt und sich das Negative dieser Auflösung in dem Humor der Komik zum Bewußtsein bringt. Doch auf diesem Gipfel führt die Komödie zugleich zur Auflösung der Kunst überhaupt. Der Zweck aller Kunst ist die durch den Geist hervorgebrachte Identität, in welcher das Ewige, Göttliche, an und für sich Wahre in realer Erscheinung und Gestalt für unsere äußere Anschauung, für Gemüt und Vorstellung geoffenbart wird. Stellt nun aber die Komödie diese Einheit nur in ihrer Selbstzerstörung dar, indem das Absolute, das sich zur Realität hervorbringen will, diese Verwirklichung selber durch die im Elemente der Wirklichkeit jetzt für sich frei gewordenen und nur auf das Zufällige und Subjektive gerichteten Interessen zernichtet sieht, so tritt die Gegenwart und Wirksamkeit des Absoluten nicht mehr in positiver Einigung mit den Charakteren und Zwecken des realen Daseins hervor, sondern macht sich nur in der negativen Form geltend, daß alles ihm nicht Entsprechende sich aufhebt und nur die Subjektivität als solche sich zugleich in dieser Auflösung als ihrer selbst gewiß und in sich gesichert zeigt.“ (Bd. 15/S. 572 f.)

Dieses „Ende“ trägt jedoch einen äußerst fragilen Charakter in sich, ist kaum auf die Kunst in all ihren Facetten zu beziehen, sondern nur auf eine einzige Gattung, und auch dort wiederum spezialisiert auftretend. Bezeichnenderweise ist es bei Hegel gerade die Komödie, welche die Kunst auflöst bzw. aufhebt, indem sie die Entzweiung darbietet, jene Zerrissenheit, welche die „Tragödie im Sittlichen“ abgibt. „Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Thatsachen und Personen sich so zu sagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als große Tragödie, das andre Mal als lumpige Farce“, so Karl Marx zum Beginn des „Achtzehnten Brumaire“. Die Rolle der Komödie ist dabei nicht gering anzusetzen, bricht sie doch das Identitätsdenken, „die durch den Geist hervorgebrachte Identität“ auf.

Georges Bataille spricht im Zusammenhang des Herr/Knecht-Kapitels in der „Phänomenologie des Geistes“ von der „Komödie der Aufhebung“: der Kampf auf Leben und Tod, der dort ausgefochten wird, ist am Ende ein Simulacrum, weil er nicht aufs ganze geht, nicht aufs ganze gehen kann, denn wenn der Herr tatsächlich sein Leben drangeben würde, so wäre er tot. Der Einsatz des Herren funktioniert in der Struktur des Als-ob. Die Dialektik der Anerkennung bräche ab, wenn dieser Fiktionsrahmen revoziert würde. Und dies eben, die Einsicht darin, macht die komödiantische Struktur aus. Es bleibt ein kreisendes Spiel übrig, das so tut als ob es das Leben drangibt. Diese Herr-Knecht-Dialektik und zugleich ihr Überbordendes bringt die Komödie zur Darstellung.

Der Bezug zu Becketts „Endspiel“ (aber genauso zu Diderots „Jacques der Fatalist und sein Herr“) liegt in diesem Kontex bereits nahe, und auch einige der Texte von Thomas Bernhard dürften hier treffen. (Daß es in der Kunst andere Formen der Komödie gibt, sei nicht unterschlagen. Im Rahmen Hegels treffen aber insbesondere Beckett und Bernhard den richtigen Ton.) Entfaltet wird dieser Bezug Hegel-Bataille in Zusammenhang mit den Begriffen Herrschaft und Souveränität – ich verwies bereits mehrfach darauf und hoffe, es hier im Blog im Kontext der Derrida-Lektüren endlich einmal ausführen zu können – in Derridas Text „Von der beschränkten zur allgemeinen Ökonomie. Ein rückhaltloser Hegelianismus“. Zentral ist dabei das spielerische, simulierende Moment, das im Rahmen der beschränkten, nicht jedoch in der radikal sich verausgabenden Ökonomie seinen Ort findet. Wieweit dann wiederum in Adornos Beckett-Essay genau dieser Spielcharakter zu kurz kommt und der Geschichtsphilosophie zum Opfer fällt, dies müßte man dann noch einmal in einer gesonderten Derrida-Adorno-Lektüre zeigen. (Zum Begriff des Spiels in der Kunst ganz allgemein: Ruth Sonderegger, Für eine Ästhetik des Spiels. Hermeneutik, Dekonstruktion und der Eigensinn der Kunst, Fft/M 2000)

Aber auch in einem anderen Aspekt ist diese Textstelle aus Hegels Ästhetik von Belang. Nicht nur, daß in der Kunst etwas geoffenbart wird, gleichsam der theologische Bezug, den die Kunst nicht abzustreifen vermag, anklingt, welchen Hegel an zahlreichen Stellen seiner Ästhetik explizit nennt, mit Benjamin ist vom Auratischen zu sprechen – jener Kultcharakter, dem die (bürgerliche) Kunst nicht zu entsagen vermag. Dabei stellte sich im Anschluß an die Darstellungsform, nämlich wie, was und in welcher Weise die Kunst offenbart, die Frage nach der bildlichen Darstellbarkeit des zu Offenbarenden oder des Numinosen. Diese Frage reicht, um etwas auszugreifen, vom byzantinischen Bilderstreit im 8. Jhd n. Chr., der Abwesenheit des Bildes im Islam („Bild“ hier im westlichen, eingeschränkten Sinne genommen, denn die islamische Welt arbeitet mit ganz anderen Formen der bildlichen Darstellung bzw. der Visualisierung, was etwa Hans Belting in seinem Buch „Florenz und Bagdad. Eine westöstliche Geschichte des Blicks“ herausarbeitet), über den Ikonoklasmus der Bilderstürmer im 16. Jhd bis in die Jetztzeit: die Macht des Bildes, das selbst in seiner radikalen Abwesenheit, wie im Falle des erschossenen bin Laden, die Gemüter erregt. (Kugelein- oder -austritt im Bereich des Ohrs ist aufgrund der Wucht des Beschusses nicht exakt zu differenzieren.)

Sondern die Komödie kann auf Formen der Einheit nicht mehr rekurrieren, allenfalls ex negativo, indem diese Einheit in ihrer Selbstzerstörung dargestellt wird. Bleibt bei Hegel, zumindest in der Komödie seiner Zeit, wenigstens noch das Subjekt innerhalb der allgemeinen Auflösung seiner selbst gewiß, so wird sich auch dieser Ankerpunkt, einige Jahrzehnte später schon, als flüchtig erweisen. Georg Lukács wird in seinem Buch „Die Theorie des Romans“ von der „transzendentalen Obdachlosigkeit“ sprechen. Diese Dezentrierung des Subjekts im frühen 20. Jhd, die sich bereits im 19. andeutet, wird Auswirkungen auf die Kunst haben.

Diese Diagnose oder vielmehr das Gerücht vom Ende der Kunst läßt sich von zwei Seiten her ausstellen bzw. formulieren. Zunächst einmal immanent in der Kunst selbst: es kann das Kunstwerk dieses Ende der Kunst anzeigen, und zwar geschieht dies innerhalb des Werkes, was man (in systemtheoretischer Terminologie, die bei einer Sichtung Hegels so fern ja nicht liegt) grob als die Selbstreflexivität bzw. Selbstreferenz des Systems Kunst beschreiben kann. Dieser Akt spielt sich innerhalb der ästhetischen Praxis ab, und paradigmatisch seien dabei für die Literatur die Werke von Kleist, Hölderlin, Kafka oder Beckett (siehe oben) genannt, in der Malerei gilt dies pars pro toto für Duchamp oder Malewitsch. Hinzufügen möchte ich dieser Kette den wunderbaren, ach was, ich mache den Superlativ: genialen letzten Roman von Don De Lillo, „Der Omegapunkt“, und für die Malerei soll weiterhin Ad Reinhardt genannt sein.

Aber die Namen sind lediglich Eigennamen, die eine bestimmte Bewegung innerhalb der Kunst ausdrücken, es ließen sich genauso andere Namen bzw. Werke heranziehen. Im Grunde ist die Kunst gefüllt mit Endzeit. Für den Film nehme ich – natürlich, es geht nicht anders –, pars pro toto, Jean-Luc Godard, wo das Medium selbst, sowie das Ende desselben oder zumindest eine gehörige Skepsis ihm gegenüber, ins Bild (und in die Schrift) gebracht werden. (Genauere Analysen zu den Filmen von Godard finden sich hier im Blog.)

Bei Duchamp sei insbesondere an das Urinoir oder an den Flaschentrockner erinnert, wo die Selbstreferenz auf die Spitze getrieben wird, indem zwischen dem Alltagsobjekt und dem Kunstwerk der Unterschied sich lediglich im Ort, sozusagen dem Locus manifestiert, wo sich das Objekt befindet. (Arthur C. Danto geht diesen Fragen in seinem Buch „Die Verklärung des Gewöhnlichen. Eine Philosophie der Kunst“ nach.) Die Pop Art, etwa in der Spielart Warhols, ist insofern nichts Neues mehr, sondern steigert dieses Prinzip einzig weiter auf und entfaltet das Vorhandene, indem sie die medial vermittelte Massenkultur, welche es zu den Zeiten des Urinoirs in dieser Qualität noch nicht gab, ins Bild bringt. Allerdings erschöpft sich das Werk Warhols oder das von Roy Lichtenstein nicht in dem Begriff der Pop Art. Bei Warhol kann man zudem sein frühes graphisches Werk in Anschlag bringen, wobei ich auch dort diese Tendenz zum Populären sehen würde, nimmt man etwa seine Schuhbilder. Einer von Warhols schönsten Werktiteln: „A la recherche du Shoe Perdu“ (Und immerhin: Warhol war Werbegraphiker, was heute, nun ja, zwar minder erstrebenswert ist, aber andererseits: wer gute Bilder macht: da fragt man dann nicht mehr.)

Auch Adorno stellt diese Tendenz des Kunstwerkes, die Kunst zu beenden, fest, wenn er in den „Minima Moralia“ schreibt, daß die Kunstwerke in ihrem Sein einander vernichten wollen, „eines Todfeind dem anderen“ sei. Die Kunstwerke führen untereinander diesen Kampf um Leben und Tod:

„Denn wenn die Idee des Schönen bloß aufgeteilt in den vielen Werken sich darstellt, so meint doch jedes einzelne unabdingbar die ganze, beansprucht Schönheit für sich in seiner Einzigkeit und kann deren Aufteilung nie zugeben, ohne sich selber zu annullieren. Als eine, wahre und scheinlose, befreit von solcher Individuation, stellt Schönheit nicht in der Synthesis aller Werke, der Einheit der Künste und der Kunst sich dar, sondern bloß leibhaft und wirklich: im Untergang von Kunst selber. Auf solchen Untergang zielt jedes Kunstwerk ab, indem es allen anderen den Tod bringen möchte. Daß mit aller Kunst deren eigenes Ende gemeint sei, ist ein anderes Wort für den gleichen Sachverhalt.“ (Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, in: GS 4, S. 84)

Nicht mehr das Allgemeine, das Ideal oder das Idealisierende tragen die Kunst, sondern die Einzelheit und das Leibhafte eröffnen ihren neuen Raum, und zwar vermittelt über die interne Verfaßtheit und das Gemachtsein des einzelnen Werkes. Wenn ein Werk Todfeind des andern ist, bedeuten einerseits die Museen und Hängungen den Widersinn, wenn darin die Kunstwerke wie aufgereiht harren. Ein jedes Kunstwerk bedürfte seines eigenen Museums. Aber auch diese solitäre Präsenz wäre der Tod von Kunst, sie erstürbe in der Statik, denn gerade im Nebeneinander des Verschiedenen entfalten die Werke ihre Spannung und tragen den Kampf aus. Dieser gerät zum Ende hin jedoch nicht agonal – zumindest dann, wenn es gut läuft.

Die „Minima Moralia“ eignen sich hierbei gut für jene Passage zu den Reflexionssystemen über die Kunst (welche dann im nächsten Teil Thema werden), weil dieses Buch von seinem Gemachtsein, seiner Struktur durchaus auf beiden Seiten steht. Es ist grenzgängerisch – Philosophie und Literatur in eins. Freilich ist es weniger eine explizite Reflexion auf die Kunst und ihr subversives Moment, die in den „Minima Moralia“ geschieht; sie sind keine Ästhetik, sondern vielmehr eine Ethik des Widerstands. Diese Reflexion auf die Kunst unter dem Zeichen des Spätkapitalismus leistet dann federführend das Kulturindustriekapitel in der „Dialektik der Aufklärung“ oder jener Aufsatz „Über den Fetischcharakter in der Musik und die Regression des Hörens“.

Zum anderen thematisieren und formulieren die reflektierenden Diskurse von Philosophie und Ästhetik in verschiedenen Varianten und Ausprägungen dieses Gerücht vom Ende der Kunst.

Demnächst mehr in Ihrem Lieblingsblog. Da ich ab Freitag abwesend bin, kann ich auf Kommentare erst am Montagabend antworten.

Wozu Kunst? (1)

 „Ich mußte also den Glauben aufheben, um zum Wissen Platz zu bekommen.“

(Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft
in einer geringfügigen Abwandlung durch Bersarin)

Bereits der Titel dieses Beitrags erzeugt einen so fragwürdigen wie hilflosen Anklang. Er riecht nach Didaktik, und in der oktroyierten Frage scheint die Antwort bereits mit- und vorausgesetzt zu sein: „Ja, wozu eigentlich?“‘ Zudem steckt in dieser Art des Fragens die latente oder auch manifeste Sicht, in den Kategorien des Nützlichen bestehen und sich dabei ausweisen zu müssen. „Nur wer arbeitet, soll auch essen“, liegt solchem Denken nicht fern. Ein Slogan, der von Stalin bis zu den Hartz IV-Machern reicht und dort reichliche Kraft durch reichliche Freude auslöst.

Da diese Überschrift aber zugleich einem Sammelband zur Ästhetik entliehen ist, der 2001 bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erschien, bin ich zumindest teilweise entlastet. Und wie wir im Verlaufe der Texte sehen werden, geht es bei der Kunst zu einem guten Teil ja genauso um diese Entlastungsleistungen.

Ganz gleich, welchen Titel ich wählte, unter dem die Angelegenheit läuft: Das Problem der Kunst: ihrer Vernutzung, ihre Anpassung an das monetäre System, an die Logik der Verwertung bleiben trotzdem bestehen. Sicherlich, die Klagen darüber sind nicht neu und reichen bis ins konservative Lager, wenn sie ihm nicht sogar entstammen, aber allgegenwärtig gerät der Begriff der Kunst und nicht nur der, sondern die Kunst selbst massiv in die Kritik und kommt unter Beschuß. Die umfassenden Stichworte dazu seien: Spaßgesellschaft und Kultur des Spektakels.

Die sogenannte Massenkultur bzw. später dann die Pop-Kultur öffnete zwar seit den 30er/40er Jahren die Kunst für Menschen, die bisher nicht mit ihr in Berührung kamen, zog jedoch, wie von Adorno in der „Dialektik der Aufklärung“ im Kapitel zur Kulturindustrie und in zahlreichen anderen Texten beschrieben, das Phänomen nach sich, daß die Werk weichgespült wurden und ihr Gemachtsein wesentlich auf die Rezipienten ausgelegt war. Die massenhafte Verbreitung erkaufte sich um den Preis der ästhetischen Form.

„Die Kulturindustrie hat sich entwickelt mit der Vorherrschaft des Effekts, der handgreiflichen Leistung, der technischen Details übers Werk, das einmal die Idee trug und mit dieser liquidiert wurde. Indem das Detail sich emanzipierte, war es aufsässig geworden und hatte sich, von der Romantik bis zum Expressionismus, als ungebändigter Ausdruck, als Träger des Einspruchs gegen die Organisation aufgeworfen. Die harmonische Einzelwirkung hatte in der Musik das Bewußtsein des Formganzen, die partikulare Farbe in der Malerei die Bildkomposition, die psychologische Eindringlichkeit im Roman die Architektur verwischt. Dem macht die Kulturindustrie durch Totalität ein Ende. Während sie nichts mehr kennt als die Effekte, bricht sie deren Unbotmäßigkeit und unterwirft sie der Formel, die das Werk ersetzt. Ganzes und Teile schlägt sie gleichermaßen. Das Ganze tritt unerbittlich und beziehungslos den Details gegenüber, etwa als die Karriere eines Erfolgreichen, der alles als Illustration und Beweisstück dienen soll, während sie doch selbst nichts anderes als die Summe jener idiotischen Ereignisse ist. Die sogenannte übergreifende Idee ist eine Registraturmappe und stiftet Ordnung, nicht Zusammenhang. Gegensatzlos und unverbunden tragen Ganzes und Einzelheit die gleichen Züge. Ihre vorweg garantierte Harmonie verhöhnt die errungene des großen bürgerlichen Kunstwerks. In Deutschland lag über den heitersten Filmen der Demokratie schon die Kirchhofsruhe der Diktatur.“

(Th. W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, S. 146-147, in: GS 3)

Zum Ende des letzten Jahrhunderts erreichte diese Umpolung der Kunst einen neuen qualitativen Sprung: Ein Madonna- oder Rammstein-Muskvideo sind, was die Bildästhetik betrifft, manchem herkömmlichen Film um einiges voraus. Die schnellen Schnitte, das Rasante eines Musikvideos hat Eingang in den Mainstream-Film gefunden und dort Änderungen im Konzept bewirkt. Wobei diese Musikvideos, was die Montage und die Szene betrifft, ihre Vorbilder im russischen Film oder in den Avantgarden der Weimarer Republik fanden, und auch Jean-Luc Godard gab einen der (unfreiwilligen) Ahnherren ab. Und insofern handelt es sich nur bedingt um neue Formen. Doch das Thema des Pop ist noch einmal ein zu großes Feld, um es in einem Nebensatz abzuhandeln. Bei aller Kritik daran, müßte man gleichfalls, über die Möglichkeit des Ausdrucks, auch sein emanzipatorisches Potential deutlich machen, das – residual zumindest – in diesem Phänomen eingekapselt liegt. Ich will mich deshalb da gar nicht nur negativ äußern, wenngleich mir eine größere Euphorie und die Hoffnung doch fernliegt.

Daß insbesondere die bildende Kunst auf den Hund gekommen ist und zum Anlageobjekt für Hedge-Fond-Manager wurde, ist mittlerweile ein Gemeinplatz, der es bis in die bürgerlichen Feuilletons geschafft hat. Und auch das (mißlungene, weil feuilletonistisch plaudernde) Buch des Zeit-Journalisten Hanno Rauterberg „Und das ist Kunst?! Eine Qualitätsprüfung“ operiert zum Auftakt mit einer Sichtung diese Phänomens und verschont weder die Rezipienten, noch die Galeristen, die Museen oder die Auktionshäuser sowie den ganzen daran hängenden Kulturbetrieb vor der Kritik. Doch wie immer und wie so häufig – trotz des richtigen Reflexes, der darin aufscheint: es bleibt bei der bloßen und damit der Sache äußerlichen Kulturkritik; zur Gesellschaftskritik langt es nicht mehr hin. Die Macht des Marktes und wie diese Macht die Kunst veränderte, wird als fait accompli genommen. Und momentan, so muß man illusionslos bekennen, bleibt das auch so. Im Falschen scheint sogar ein Moment von Wahrheit auf.

Das Falsche an diesem Verhältnis wird jedoch nicht vornehmlich als das Falsche des Systems gesehen, welches zu negieren ist, sondern bloß unter dem Aspekt, daß dieses Beschmutzen und Besudeln der Kunst mit dem Geld, das Wesen der wahren Kunst verunreinigend berührt und auf ihr einige unangenehme Spritzer hinterläßt. Insofern müsse nicht der Markt verändert, sondern lediglich die Stellung des Systems Kunst um ein Winziges verrückt, die Stellschrauben nur ein wenig anders justiert werden, so die Freunde der Kunst, um den ästhetischen Eigenwert des Systems Kunst wieder freizuschalten. Kunst: Ein Refugium, das unvernutzt zu sein hat und damit als Beruhigungsraum für die Widrigkeiten und Anmutungen der Moderne fungiert, wie das schon Arnold Gehlen in rein affirmativer Absicht formulierte. Es soll ein Medium zur Komplexitätsreduzierung geschaffen werden. Und alle Ästhetiken, die darauf abzielen, daß Kunst Welt- und Selbstverhältnisse zur Darstellung bringt, sind – unbewußt oder bewußt – Komplizen dieses System der Beruhigung. Und insofern ist deshalb den ästhetischen Theorien von Arthur C. Danto über Albrecht Wellmer oder Martin Seel nur bedingt zu folgen. (Angebracht wäre aber, wenn man sich einmal wieder auf die Texte Peter Bürgers besinne, zu dem ich demnächst und hoffentlich etwas schreiben werde.)

Ein wenig ist dieser Text zur Kunst – unter anderem – auch eine langgezogene Antwort auf Momorulez, und es sind dies Debatten, die wir lange und häufig führten, die nicht ganz unwichtig sind – insbesondere was die Vernutzung der Kunst und ihren Stellenwert anbelangt. Aber auch auf einige kürzlich geführte Diskussionen in Weimar nimmt dieser Text explizit Bezug, vor allem im Hinblick auf die Frage der praktischen Bedeutung, der praktischen Relevanz von Kunst. Hintergrund und Spur bleibt in diesen Dingen – ausgesprochen oder unausgesprochen – die adornosche Autonomieästhetik, die freilich von einem staigerschen oder ingardschen Immanentismus sich abhebt, und zwar wesentlich durch das vermittelte Moment des Gesellschaftlichen, welches das Kunstwerk immer mitkonstituiert. Freilich nicht gedacht wie bei Brecht, sondern sozusagen paradigmatisch läuft da immer der unnachahmliche Samuel Beckett mit.

Zunächst jedoch zum Verhältnis von Kunst und Ästhetik (als Philosophie der Kunst gedacht).

Es ist dies eine triviale Einsicht: Keine Ästhetik ohne die Kunst, aber Kunst funktioniert durchaus und ganz gut auch ohne die Ästhetik. Andererseits kann eine gelungene, sozusagen ästhetische Ästhetik eine Form der Kunst sein, Ästhetik fällt qua eigener Praktik in den Bereich der Kunst. Über den Begriff des Essays in der Konzeption Adornos (siehe sein Text Der Essay als Form, in: Noten zur Literatur) läßt sich das sehr gut verdeutlichen. Und es muß nicht bei diesem Gegensatz von Ästhetik und Kunst bleiben, den Paul Valéry einmal beschrieb: der Ästhetiker, selbst von Gestalt äußerst häßlich, predigt in einem dunklen und kahlen Raum über die Farben. Mehr Licht, so möchte man doch wünschen und fordern. Ästhetik und Kunst sind Begriffe, die – so oder so – aneinander gebunden sind. Ein Kunstwerk ohne ästhetische Kritik und Kommentar (die ja zur Ästhetik gehören) bleibt zwar ein Kunstwerk, doch es fehlt etwas, und im Hinblick auf den Rezipienten bleibt es beim bloßen meinenden Geschmacksurteil des „Es gefällt mir.“ Was über die Beliebigkeit des Meinens hinausgehen soll, muß im Modus der ästhetischen Kritik formuliert sein. Ästhetik und Kunst sind deshalb – wenn man beide emphatisch verstehen will – aufeinander verwiesen. So heißt die Stelle in der Ästhetik Adornos dazu:

„Die Werke sprechen wie Feen in Märchen: du willst das Unbedingte, es soll dir werden, doch unkenntlich. Unverhüllt ist das Wahre der diskursiven Erkenntnis, aber dafür hat sie es nicht; die Erkenntnis, welche Kunst ist, hat es, aber als ein ihr Inkommensurables.“ (Th. W. Adorno: Ästhetische Theorie, S. 191)

Es ist das Verhältnis von Sinnlichkeit/Anschauung und Begriff, das sich darin gleichsam spiegelt und analog zu Kants „Kritik der reinen Vernunft“ als Motiv aufgegriffen wird: „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“ (B 76, A 52) Wobei zwar die Sprachkunstwerke wesentlich über die Begriffe gehen, aber auch die Literatur folgt, und dies würde auch Derrida einbekennen, einem anderen Modus als die Philosophie oder andere Arten von Text. (Die Durchdringungen und das Problem Philosophie als Literatur lasse ich draußen.)

Momorulez, dem ich an dieser Stelle noch einmal für seine zahlreichen Einsprüche danke, schrieb in einem Kommentar hier im Blog: „‚Ästhetik‘ ist aber schon der weitere Begriff und ‚Kunst‘ immer an ein Instituionengefüge gekoppelt, das u.a. auf Distinktionskriterien aufbaut. Je länger ich mich damit beschäftige, desto entbehrlicher, ja hinderlicher finde den Kunstbegriff, weil er Barrieren in Wahrnehmung und ästhetischer Praxis aufbaut. Das ist ein wenig wie das Verhältnis von Glaube und Religion ;)“

Diese Form der Distinktion, dieses Moment des Ausschlusses, den Kunst produziert – mit Bourdieu gesprochen, um die feinen Unterschiede zu markieren – muß unbedingt in den Blick genommen werden. Die Frage ist natürlich, wie das geschieht, ohne dadurch den Begriff der Kunst auszuhebeln, dem Ikonoklasmus zu huldigen, das beste fortzuwerfen – aber nicht, um dabei zu gewinnen. (Allenfalls ließe er sich aufheben, in jenem dreifachen Wortsinne.) Kunst nur als reine Maschinerie der Ausschlußproduktion, als Ideologie zu sehen, greift zu kurz.

Der Begriff der Kunst befaßt vieles unter sich – sowohl rein Ästhetisches als auch Gesellschaftliches, mithin genauso Aspekte, welche die Ökonomie betreffen. Das macht es in bezug auf diesen Terminus einfach und schwierig zugleich. Und brächte einer den Mut auf und würfe den Kunstbegriff samt seinem Anhang und dem Ballast über Bord, so fände sich ein neuer Begriff, der das Phänomen der Kunst sprachlich darstellte. Und auch durch die Abschaffung der Kunst per ordre wäre nicht viel getan. Die Barrieren bleiben, die Vernissagen bleiben, das Gebrabbel bleibt, die Künstler bleiben. Daß es kein richtiges Leben im falschen gibt, erweist sich auch im System Kunst, insofern sind die konservativen Klagen, die des Hanno Rauterberg und des Feuilletons, welche die gesellschaftlichen Bedingungen, die Produktionsbedingungen nicht reflektieren, ein wenig hilflos und in ihrem Kern halbherzig.

Daß mit der Kunst etwas Umfassendes gemeint sein kann, welches bis in den Alltag hineinragt und Praxis, Theorie sowie Wahrnehmungsbezug (als Phänomen der Massen- und Pop-Kunst) durchdringt, mag man exemplarisch an der Reichstagsverhüllung des Künstlerpaares Christo und Jeanne-Claude aufzeigen, die 1995 in Berlin als Spektakel über die Bühne ging. Ex negativo präsentiert sich innerhalb dieses ästhetischen Aktes – gleichsam auf den Punkt gebracht – jedoch die Tücke des erweiterten Kunstbegriffs und damit die Vorwegnahme der Eventkultur in heutigem Stil. Wesentlich ist diesem Ereignis, neben der veränderten Wahrnehmung eines Gebäudes, das in einen anderen Kontext gestellt wird, das Happening. Die Grenze, was genau hierbei die Kunst ausmacht, das Changieren zwischen dem Werk, der Wahrnehmung, den Rezipienten und dem sonstigen Drumherum, den Situationen, dem Lichtfall auf den Stoff und das Schimmern desselben, je nach Wetterlage, läßt sich in diesem Rahmen und auch bei anderen Verhüllungsprojekten von Christo und Jeanne-Claude so leicht nicht mehr ziehen. Das Ereignis spielt sich ab zwischen Würstchenbuden, Kleingewerbetreibenden, die kunsthandwerkliche Produkte feilbieten, professionellem Marketing, flanierenden Menschen, auf der Wiese vor dem Reichstag picknickenden Familien und Kunstsinnigen. Was Christo und Jeanne-Claude im späten Werk betreiben, ist ein erweiterter Begriff von Kunst, der in seinem Wesen jedoch nicht mehr weh tut. Kunst ist der Stachel gezogen. Als Gegenpart zu solch schönen Schein kann man hier Christoph Schlingensiefs Kunstaktionen und Performances setzen, die mir zuweilen zwar etwas platt (oder besser: naiv) vorkommen, aber eines Witzes und des so notwendigen Furors jedoch nicht entbehren.

Bei Christo und Jeanne-Claude geraten die Werke über die Jahre hin, im Akt der Wiederholung, zum Zierat. Was anfangs neu war, was vermittels des Werkes diesen anderen Blick öffnete, was sich in der Objektkunst hermetisch entzog und verschloß – eben verhüllte –, das nutzte sich im Gang der Zeit ab. (Jenes „Altern der Moderne“ von dem Adorno spricht.) Die Verhüllung von Materialien besaß vermittels des Spiels von Anwesenheit und Abwesenheit, von Da und Nicht-ganz-da, zum Beginn Ausdruck und Sprengkraft. Und an bestimmten Landschaften, die mit einem Schlag im anderen Kontext standen und wo Weisen der Wahrnehmung geändert wurden, besaß dieses Verhüllen oder dieses Umpolen mittels fremder Objekte, die seriell in die Landschaft kamen (bspw. The Umbrellas), einen Reiz, weil das Alltägliche eine Umstrukturierung erfuhr. Als ich 1985 im Herbst nach Paris reiste – meine Mutter brachte mich mit ihrem Auto zum Bahnhof, sie fuhr, wie immer, zu schnell, wurde polizeilich angehalten, und aus dem Autoradio kam gerade die Nachricht, daß Axel Springer verstorben sei; ich jubelte, Muttern sagte, ich sei herzlos –, spazierte ich am ersten Tag meines Aufenthaltes vom Hotel aus an die Seine, um die verhüllte Pont Neuf zu sehen. Und es war, wie ich es mir dachte: Eine Stoffbrücke, über die ich mich ärgerte. („Die Verhüllung begann am 25. August 1985 und wurde am 22. September beendet.“ heißt es bei Wikipedia. Das ist leider falsch, die Verhüllung endete Anfang Oktober.) Um den Begriff der Kunst und um das Feld der Wahrnehmung zu erweitern, hätte man die Brücke nicht mit Stoff einkleiden müssen, sondern es wäre Aufgabe gewesen, sie im Rahmen einer Teilsprengung zu reduzieren. Oder zumindest den Seineübertritt für die Bewohner von Paris zu erschweren.

Muß insbesondere die bildende Kunst wieder politisch werden, und auf welche Weise? Ein Rückfall in den Agitprop oder in die engagierte Kunst, die in gutem Vorsatz operiert, ist zumindest nicht wünschenswert. Wie solche politische Kunst in einem guten Sinne aussehen kann, mag der Blick in Länder außerhalb Europas zeigen. Paradigmatisch sei hier Ai Weiwei genannt. Was einem dabei jedoch widerfahren kann, zeigen die Vorgänge in China, wo Menschen auf gut südamerikanische Weise für einfach so verschwinden. Sowieso wird dieses Land für uns maßgeblich sein, weil es antizipiert, was uns noch bevorsteht: eine Melange aus Kapitalismus und einer Form von neuem Totalitarismus, für welchen die Begriffe europäischer Faschismus und Ostblock-Kommunismus eher hilflos wirken.

Mittendrin den Schnitt machen. Den Einschnitt vornehmen. Nächste Woche geht es mit einem zweiten Teil weiter.