Es war viel Weibsvolk anwesend – die AfD-Demo und ihre Gegenkundgebung

Ein Fahnenmeer vorm Hauptbahnhof und Hitzewellen in stickiger S-Bahn. Bereitschaftspolizei in Kampfmontur, darin es wie im Glutoffen sich anfühlen mußte. Sprechchöre dann draußen an den Absperrungen: „Ganz Berlin haßt die AfD!“. Wo anfangen? Ein heißer Tag in Berlin, an einem Sonntag im Mai. Ein Großkampftag für alle, eine Demo der AfD, eine Großdemo gegen die AfD, die vom Hauptbahnhof bis zum Platz des 18. März zog und sogar auf dem Spree-Rinnsal schipperten kleine Boote, Nußschalen und Kähne. Die Polizei konnte mit massiver Präsenz das Demonstrationsrecht durchsetzen, das genauso für die AfD gilt – auch wenn viele, die von Pluralität reden, es hier mit der Vielfalt nicht so genau nehmen und gerne die Demoroute der AfD blockiert hätten. Das Demonstrationsrecht gilt aber auch für die Feinde der Vielfalt, selbst für Islam-Nazis am 9. Juni zum Al Quds-Tag. Ebenso wie es Leuten freigestellt ist, in entsprechender Entfernung eine Gegenkundgebung abzuhalten. Mehrere davon gab es. Protestler säumten die Strecke auf der anderen Seite der Spree gegenüber dem AfD-Zug und auch vorm Hauptbahnhof standen die meist jungen Leute in der Hitze, riefen Sprüche und hielten ihre Transparente in luftige Höhe, so daß es die AfDler gegenüber sehen und vor allem hören konnten. Beim Paul-Löbe-Haus entdeckte ich Christian Ströbele am Stock und trotz Gebrechen war er dabei. Tanzen und raven auf der „AfD wegbassen“-Demo wird er wohl nicht mehr, dachte ich, aber unermüdlich ist dieser Mann.

Mindestens 10 Gegenkundgebungen, was organisatorisch ein Problem bedeutet. Für mich. Denn egal wie ich es bei solch einem Großevent anstelle: ich bekomme nicht alles in den Blick, zudem gesundheitlich angeschlagen, die Sonnenglut tut ein übriges. Rennen, ein mögliches sich retten, Schnappschuß-Jagd war nicht möglich. Eher ruhiges Flanieren, schauen, sichten. Der kranke Körper rebelliert. Flaue Photoausbeute am Ende. Das kommt, wenn der Photograph nicht gestimmt ist. Zur AfD hin war bereits alles abgesperrt und auch auf gutes Zureden ließ mich der Polizist nicht passieren. Schade, denn ich hätte gerne gesehen, was dort vor sich geht und hätte gerne Gauland gehört, den ich nicht uninteressant finde. Die Dummheiten der Linken kenne ich, nun wollte ich einmal auch die der Rechten in Erfahrung bringen, und es funktionierte nicht. Kein Durchkommen. Zu spät gekommen. „Wären Sie früher dagewesen, wäre es ok.“ Ich mag die Antworten von jungen Polizistinnen und wenn die charmant lächeln. Ich lächelte zurück und zog weiter.

So eilte ich zunächst zum Großen Stern, wo verschiedene Clubbetreiber eine Kundgebung starteten: AdD wegbassen. Eine Art Liebesparade gegen die AfD. Und so geschah es: wummernde Beats und Bässe. Partyvolk, das tanzte, verschwitze Körper, die im Takt der Musik schwangen oder freundlich schunkelten. Viele junge Menschen, junge Männer, junge Frauen, junge Nicht-Mann-nicht-Frau-Halbwesen, junge als Mann gelesene Frauen – oh, ich merke, ich wollte nicht spotten. Nette Menschen waren es. Viel trivial und trallala. Ich schaute mich um, schaute auf junge Pobacken, die aus Shorts hervortraten. Anblick und Wohlgefallen. Als dann der Sprecher auf dem Hauptwagen seine Demo-Durchsage damit beendete, daß hier gerade ein weißer cis-Mann gesprochen habe und also die herrschende Macht dieser Gesellschaft und von ab jetzt nur noch Frauen, andersfarbige, queer-, trans- und intersexuelle Menschen ans Mikro dürften, machte ich mich ob solchen Gesinnungsquatschs und Quotenpolitik vom Acker und versuchte an die Orte der Konfrontation zu gelangen. Vielleich werden sie irgendwann auch den Spielfiguren von Playmobil ein Rederecht erteilen. Ach, wenn wenigstens Alf gesprochen hätte – ich hätte lachen können. Das aber geschah nicht. Man kann heute nicht mehr links sein ohne gutes Gewissen.

Viel war nicht zu holen – photomäßig. Alles gut abgesichert. Müde Knochen in mir. Ins Gebüsch in den Tiergarten hinein, und dort standen die Menschen vor den Absperrungen hin zum Platz des 18. März, es riefen die Menschen ihre Parolen, hielten Plakate, brachten ihre Slogans. Manche mit Witz, andere mit dem Haß, den sie bei der AfD beklagten. Junge Männer in schwarzen North Face-Jacken, Kapuzen, Sonnenbrillen, Rücksäcke, aus denen plötzlich Feuerwerk geholt wurde, im Gebüsch des Tiergartens vorm abgesperrten Platz, und einer warf einen dieser Böller durch die Lücke zwischen den Sträuchern auf die Polizeiketten. Sinnfrei, ohne Grund, ohne daß irgendwer provoziert hätte. Allein aus Lust an der Gewalt und niemand aus der Gruppe derer, die vorgeblich gegen den Haß waren, protestierte oder hielt den jungen Mann zurück: „So nicht, mein Junge! Wir wollen keinen Haß schüren“. Im Gegenteil. Als ich mich ereiferte, wurde ich böse angeschaut. Ich konnte diese Szenen nicht im Bild festhalten, weil es zu schnell ging und ich nicht nahe genug dran war im Getümmel. Ich hätte sie gerne abgelichtet und war zum ersten Mal derart wütend, daß ich am liebsten diese nichtvorhanden Dokumente an die BFE geliefert hätte. Einzig eine mittelalte Frau protestierte vehement und lautstark, sie wurde aber sogleich angegangen, und eine junge Frau, die mit zu der Gruppe der Gewalttäter gehörte, wollte an ihr zerren. Aber da ging dann doch einer von den Begleitern dazwischen. Immerhin. Aber das Partyvolk hatte Spaß am Tanzen. Und auf den Straßen ging es beschwingt zu. Ein seltsamer politischer Protesttag.

Die Antifa im übrigen (oder ein Teil derselben)  tat im Vorfeld genau das, was die AfD von ihr erwartete:

„Vor AfD-Aufmarsch die „Bibliothek des Konservatismus“ eingefärbt“,

„AfDler im Wedding markiert. Letzte Nacht wurden im Berliner Stadtteil Wedding Wohnung und Arztpraxis zweier AfDler farblich markiert.“

„Glasbruch bei Wild“

„Friedrichshainer AfDler besucht“

So heißt es in dem linksextremistischen Portal Indymedia. Gut dokumentierte Straftaten sozusagen. Der Hinweis, Opfer linker Übergriffe zu sein funktioniert also. Und das rückt dann leider auch die Opfer rechter Übergriffe in den Schatten, weil hier das üblich-üble Spiel der Aufrechnungen einstetzt.  Rechts- und Linksextremisten berühren sich an den Rändern. Und „farbliche Markierungen“ bei Andersdenkenden erinnern mich nicht an Widerstand, sondern lediglich an ungute Zeiten. Umso erfreulicher aber, daß die Gegenkundgebungen ansonsten weitgehend friedlich verliefen.

„Die Toten kommen“ (2)

Berlin, 21.6: „Die Toten kommen“ – Kein Mensch ist illegal!

Ja, es ist traurig – in der Tat. Manche beklagen sich darüber, daß die Aktion des „Zentrums für Politische Schönheit“, moslemische Flüchtlinge nach dem Ritual ihrer Religion in Berlin zu beerdigen, pietätlos sei. Diese Menschen, die bei ihrer Flucht im Mittelmeer ertranken oder auf eine andere Weise starben und deren Leichname jene Aktivisten dann – mit Genehmigung der Angehörigen – aus einem Massengrab aushoben und in die BRD überführte, sollen in Berlin eine Grabstätte erhalten. Der Ort dürfte mehr als passend sein, denn es handelt sich um die Hauptstadt der BRD: Was an dieser Aktion pietätloser und würdeloser sein soll, als Menschen im Mittelmeer wissentlich ertrinken zu lassen und billigend ihren Tod in Kauf zu nehmen, interessierte mich denn doch. Zumal es sich dabei eben auch um eine symbolische Aktion handelt. Denn die Särge waren ja leer. Nichts drinnen. Aber selbst ein leerer Sarg macht manchen Menschen noch Angst. Bloß nicht an den Problemen rühren und besser die drei Affen geben. Doch bei jedem Toten an der ehemaligen DDR-Grenze wurde – ganz zu recht übrigens – eine große Klage angestimmt. Wie unterschiedlich doch die Blicke gewichtet sein können.

An den Reaktionen der Öffentlichkeit sieht man dann gut, welche unterschiedliche Wertigkeit der Tod hat. Der Tod der eigenen Leute und das Sterben und Leiden der Anderen. Da könnte man nun schön mit der „Antigone“ kommen: Mit der von Sophokles, die von Anouilh ist mir zu einfach, reduziert und unterkomplex getextet. Wie und in welcher Weise darf man die Toten beerdigen und welches Gesetz steht eigentlich höher? Viel des Unheimlichen ist, doch nichts unheimlicher als der Mensch. In der Weise, wie wir derart unterschiedliche Wertigkeiten bei Leben und Tod setzen, läßt sich das Unheimliche als Skandalon gut beobachten. Jedoch: Es gibt ein Gastrecht. Der Zyklop Polyphem etwa mißbrauchte es grob und widerlich, als er Odysseus und seine Gefährten verspeisen wollte. Eine schöne und in diesem Zusammenhang passende Metapher: Sich etwas einverleiben – und sei es auch nur die Arbeitskraft von Menschen. Odysseus tat gut daran, diese Gestalt aus einer archaischen Vorwelt zu blenden und auf die Frage des Polyphem, wie der Name des Blenders laute, mit Niemand zu antworten. Wir sind viele. Wir haben keine Namen

Weshalb nicht ein Gräberfeld vor dem Bundestag? Die, die ansonsten bei jeder symbolischen Handlung, die Frau Merkel oder der lächerliche Bundesgauckler vorführen, alles prima, staatstragend und gehaltvoll finden, kommen mit einem Mal mit ihrer kruden, billigen Moral und geben sich würdevoll. Erbärmlich. Als ob diese Heuchler, diese dreimal getünchten lebenden Gräber sich ansonsten um die Pietät und die Würde der Flüchtenden scherten. Aber CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach salbadert: „Mit solchen Aktionen werden Grenzen der Pietät überschritten.“ Der war gut.

Bei einem Bericht wie dem von Hannah Beitzer heute in der SZ-Online über diese Kundgebung kann man dann nur noch mit dem Kopf schütteln. Widerliche Hofberichterstattung einer Journalistin, und das ohne Bewußtsein der Probleme, geschweige denn ohne Kenntnis von Kunst. Unterkomplex und ohne vor Ort zu sein. Wäre das, was vor dem Reichstag die Polizei durchzog, in Moskau passiert und die Polizei hätte den Demonstranten mit der Faust in die Fresse geschlagen und auf Köpfe eingeprügelt, so schriee Hannah Beitzer laut: „Welches Debakel für Menschenrechte und Demokratie“. So aber schweigt sie still und macht diese Aktion lächerlich, indem sie den Eventchakter hervorkehrt, weil sich Menschen mit Handys photographieren. Wie witzig Hännchen-Klein! Dieselben Journalisten, die jeden Scheiß twittern und die bei dem symbolischen Firlefanz der Regierenden brav den Hofknicks samt dreifachem Kotau tätigen und in die gebeugte Lage sinken, weil ansonsten die Brocken Information von den Mächtigen, die zuweilen abkrümmeln, weniger reichlich ausgefallen wären, spielen plötzlich Anstandsherr oder Anstandsdame. (Es gibt viel schlimmere und ekligere Journalisten, die einfach nur Kettenhunde sind. Hannah Beitzer ist da noch harmlos und im Grunde zu vernachlässigen.)

Egal wie: es handelt sich bei dem, was das „Zentrum für Politische Schönheit“ betreibt, um eine Aktion der Kunst. Dieser (nicht ganz ungewichtige) Umstand wird häufig vergessen und übersehen. Ja, es gibt sie noch: die Aktionskunst, die manchmal sogar provoziert. Nur dann, wenn es laut wird und manchmal knallt – so geht nämlich die Logik der bürgerlichen Presse – wird auch berichtet. Es handelt sich um praktizierte Politik, es handelt sich um Gesellschaftliches, das sich in bestimmten Szenarien symbolisiert. Gegen 14 Uhr sammelten sich nahe des Regierungsviertels die Teilnehmer dieser Aktion. Der Zug traf sich Ecke Charlottenstraße/Unter den Linden, wenige Schritte entfernt von der schrägen und seltsamen Veranstaltung „Open Classic“ auf dem Bebelplatz, wo Daniel Barenboim gerade den kitschig-schmalzigen und entsetzlichen Tschaikowsky dirigierte. Zunächst war es von der Polizei verboten, im Zug mit Baggern zu fahren (sic!), Särge mit menschlichen Leichen (oder was das Mittelmeer von ihnen anspülte bzw. übrigläßt) und Holzkreuze mitzuführen. Vereinzelt wurden Kreuzträger aus der Menge herausholt und die Kreuze beiseite gestellt. Dann aber war es doch erlaubt, Kreuze mitzuführen. Im Zug befanden sich zudem einige wenige Querfrontler von „Friedensfusion“, die auf ihrer Homepage den homophoben Schlagersänger und Deutschbarden Xavier Naidoo ganz ganz herzlich begrüßen. (Wenn schlimmer und dummer Pop-Kitsch auf einen Namen hört, dann auf jenen.)

An dieser Demonstration nahmen wohl an die 7000 Menschen teil, viele junge Menschen, aber ebenso Mütter und Familien mit ihren Kindern. Die Versammlung zog Unter den Linden entlang, manche malten Kreuze auf den Boden oder klebten mit schwarzem Gaffer Tape Kreuze an verschiedene Objekte. Dann knickte der Zug kurz vorm Brandenburger Tor rechts ab in die Wilhelmstraße und nach einem Linksschwenk über die Scheidemannstraße am Reichstag vorbei, gelangte er bis vor das Kanzleramt und verweilte dort in Stille. Symbolisch wurden dort vor einem Schild Särge deponiert. Bagger wurden bei dieser Veranstaltung nicht mitgeführt. Außer einer in Miniatur. Mit einem Male aber stieß der Bauzaun, der die gesamte Reichstagswiese umgrenzte, wie durch einen schönen Zufall um. Da rannten plötzlich Tausende Menschen friedlich auf die Wiese. Die Polizei ging immer wieder dazwischen, einige Polizisten mit unverhältnismäßiger Brutalität und in Hooliganmanier  mit Faustschlägen, auch Journalisten wurden angegriffen. (Wehe, wenn das in Moskau, Belgrad oder Peking passiert wäre!)

Daß die Berliner Polizei nicht besonders beliebt ist, dürfte gute Gründe haben. Da hilft dann auch kein anbiederndes Twittern. Eine Reihe von Photographien zeige ich in einem ersten Teil hier im Blog. Ein zweiter Bild-Teil folgt.

 

 

 

 

Zwischen Al Quds-Tag und Überlegungen zur Photographie von Ereignissen

Zwischendurch einmal wieder etwas Palästina, Gaza, Israel. Zum Al Quds-Tag zog ich gestern hinaus, um zu photographieren. Es sind dabei einige Bilder entstanden, die ich auf Proteus Image zeige. Da es sich um zahlreiche Photographien handelt und vermutlich niemand sich 120 Bilder ansehen mag, teile ich die Aufnahmen in mehrere Serien auf, so daß geneigte Betrachterin, geneigter Betrachter sich die Photographien in verdaulich-leichten Happen und Stücken, Tag für Tag ansehen kann, wie man ein paar feine Petit Four verspeist, die wir zwischendurch verabreichen.

So angenehm und interessant es auch sein mag, sich mit den Menschen auf der Demonstration zu unterhalten, sei es mit dem klerikal-schiitisch gestimmten Iraner, für den es nur einen einzigen Gott gibt, die Allheit (die vermutlich auf den Namen Allah hört), wie er sie nannte, weil er mich wohl für einen Christen hielt und neutral sprechen wollte oder der kritischen Jüdin, die nicht weiß, auf welcher Kundgebung sie mitgehen soll und die in der Nähe des Kudamms wohnt, so schwierig ist ein solches Gespräch zugleich. Entweder du hast den photographischen Blick drauf, springst in den Bildmodus, der auf die Situationen geeicht ist, oder du bist in der Analyse drinnen, sichtest Situationen als Schreibanlässe. Fürs Notizbuch im Kopf. Photographie funktioniert jedoch anders. Ich wittere brenzlige Situationen. Wo geht noch was, wo ist die Gefahr unverhältnismäßig zum Ertrag der Photographien, welche Szenen ablichten, welches Gesicht? Was passiert als nächstes, wo bahnt sich Konflikt an? Wie fällt das Licht? Brauche ich einen Blitz, Blende hoch, Blende runter, Bewegungsunschärfe, die sich vorbeidrängende schubsende Polizeikette.

In dieser Wahrnehmungsweise arbeite ich nicht mehr als Schriftsteller, Essayist oder Journalist, ich kann das, was geschieht, nicht verbalisieren – will es auch gar nicht. Reflexion auf einen Gegenstand oder eine Situation setzt die betrachtende Distanz voraus, kluges Denken und Urteilen erfordert Abstand und nicht die Unmittelbarkeit. (Das gilt für viele Aspekte.) Es schiebt sich etwas zwischen die Wahrnehmung und das Geschehen: die Sprache. So wie sich beim Photographieren, in anderer Weise freilich, zwischen Wirklichkeit und Blick die Kamera drängt. Weil ich mit einer Kamera in der Hand immer photographisch fixiert bin, muß ich insofern diese häufig interessanten Gespräche meist wieder abbrechen, insbesondere, wenn ich an der Reaktion der Menge bemerke, daß irgendwo Tumult ausbricht. Geht noch ein gutes Bild? Leider ist es in den Menschmassen meist schwierig, nahe dran zu sein. Wie also sich durchzwängen, ohne die Menschen zu sehr zu verärgern?

Die Logik der Produktion von Photographien ist eine andere als die des Schreibens.

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Nachtragend zum Gestern: den zweiten Teil der Bilderserie gibt es hier zu sehen.

Die Macht des Saturn: Die Revolution frißt ihre Kinder. Berlin, 1. Mai

Ich werde dieses Jahr vierzig. Oder war es fünfzig? Ich weiß das nicht mehr so genau; ich habe es vergessen. Menschen werden älter, so istʼs nun einmal, Menschen ändern sich, wenn sie älter werden. Manche, so sagt man, werden reifer und sogar weiser. Ich zum Beispiel esse nur noch vegan zubereitete Fleischgerichte. Das habe ich früher nicht gemacht. Jedoch schaue ich, wenn Mutter und Tochter durch die Straßen gehen, immer noch der Tochter hinterher und ignoriere die Mutter, während manchmal eine Mutter scheu nach mir blickt. Ich bin dann sehr traurig, weil ich bemerke: Du mußt die Blickrichtung ändern. Forever young war das Versprechen der Pop-Musik, sie konnte es freilich nicht einlösen – es sei denn, man kurt-cobainisierte sich rechtzeitig. Lese ich deshalb Diedrichsens Buch „Über Pop-Musik“, um mich an den unwiederbringlichen Momenten zu delektieren und an die Zeit zu erinnern, da die Haut der Frauen und auch die meine glatt war und die Illusionen ins Unendliche ausgriffen? Als ich noch ungestraft die Töchter der Mütter anschauen und manchmal sogar berühren durfte? Nach dem Seminar. Abends. Nach dem Wein.

Auch wird meine Laufkondition schwächer, und ich trage nicht mehr gerne 15 kg Ausrüstung mit mir herum: insofern wird dies meine letzte Maidemonstration sein, auf der ich Photographien machte. Oder aber ich muß lange vorher ein Lauf- und Krafttraining absolvieren. Da ich jedoch Fitness-Center verabscheue wie Guttempler den Alkohol, bleibt es beim Lauftraining. Zudem herrscht auf den Demos beim Schwarzen Block ein deutlich rauerer Ton. In den Zeiten von Facebook, Instagram et al. ist das Photographieren nicht mehr so gerne gesehen. Früher war es den meisten egal, heute kann einer, sofern er nicht vorsichtig ist, schon mal was auf die Kamera bekommen. Ich habe mir ebenfalls eine schwarze Freizeitjacke gekauft. Aber keine von North Face, sondern eine von Boss, denn ich mag diese leicht glänzende, wasserabweisende Material nicht leiden.

Glanzstück der Polizei war es, gegen halb zehn den extrem engen U-Bahnhof Hallesches Tor zu stürmen und eine Menschenpanik mit Verletzten auszulösen. Immer wieder schlugen dabei Polizisten wahllos in die Menge, diverse völlig unbeteiligte Menschen bekamen die deeskalierende Wucht der Polizei zu spüren. Wenn der Berliner Innensenator Henkel vom besonnen Verhalten der Polizei spricht, so klingtʼs wie Hohn. Zumindest kann er nicht diese Situation gemeint haben, wo unbeteiligte Menschen sich weinend aus dem U-Bahnhof zu zwängen versuchten und riefen: „Ich will hier doch nur raus!“

Allerdings muß dazu gesagt werden, daß zum Beginn der 18-Uhr-Demo im Zug eine riesige Menge von Dumm- und Hohlköpfen herumlief. Von den sinnleeren absurden Parolen angefangen: Obligatorisch war wieder mein Lieblingsslogan – seit bald 30 Jahren – dabei: „Wir sind nicht alle, es fehlen die Gefangenen!“ Und was hat es mit linker Politik zu tun, über Autos zu springen? Ist es autonom und antifaschistisch, wenn vor einem vierjährigen Jungen, der von seinem Vater im Arm gehalten wird, eine Flasche aufschlägt?

Photographien dieser Veranstaltung gibt es auf meinem Bilder-Blog Proteus Image zu sehen. Um 22 Uhr ging ich dann nach Hause, weil ich von der Kondition erschöpft war. Sowieso konnte ich die Dauerläufe des Schwarzen Blocks und der Polizei nicht mitmachen. Der Bewohner des Grandhotel Abgrund neigt zu einer gewissen Behäbigkeit, die dem abendlichen Hegel-Wein geschuldet ist.

Prinzipiell richtig übrigens ist der Ruf gegen die Polizei: „Wo, wo, wo wart ihr in Rostock?“ Sachlich korrekt muß man allerdings antworten: Die Polizisten, die gestern in Berlin standen, waren zu dieser Zeit höchstwahrscheinlich in der Grundschule oder im Kindergarten – sofern sie überhaupt schon auf der Welt waren. Sein oder Dasein? Das ist hier die Frage. Aus unserer Serie: Heideggern mit der Polizei. Ihnen einen angenehmen Tag!

Berlin, 26.4.: Keine NPD-Demonstration in Kreuzberg

Für die Leserinnen und Leser ohne Berlin-Kenntnis sei soviel berichtet: Am Samstag versuchte die NPD, eine Demonstration durch Kreuzberg zu starten, und zwar bis zum ehemaligen Flüchtlingscamp am Oranienplatz. Diese Route wurde ihnen nicht genehmigt, stattdessen sollte es über den Moritzplatz in die Rudi-Dutschke-Straße gehen. Die Kundgebung der NPD begann am S-Bahnhof Jannowitzbrücke, es reisten rund 100 Faschisten an. Sie kamen etwa 100 Meter weit, weil sämtliche Zu- und Ausgänge nach Kreuzberg als auch nach Mitte hin von tausenden Menschen blockiert wurden. Ich habe von diesem Protest einige Photographien gemacht, die es auf Proteus Image zu sehen gibt.

Immer wieder hat die Polizei aus der Menge heraus einzelne Gegendemonstranten verhaftet. Ich zeige aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes diejenigen Photographien nicht, wo die Person zu identifizieren ist. Das bedeutet leider für mich, daß ich einige spektakuläre Bilder nicht präsentieren kann. Gesichter mache ich ansonsten auf meinen Photographien grundsätzlich nicht unkenntlich, weil das der Ansicht eines Bildes abträglich ist. Photographien von Menschen leben von dem Gesichtsausdruck und nicht von Querbalken oder kreisförmig unscharf gesetzten Gesichtern. Das gilt auch für Photographien auf Demos.

Für mich bleibt die Frage, ob ich am 1. Mai photographieren soll. Meine Kondition ist schlecht, ich habe kein Lauftraining absolviert und eigentlich habe ich keine Lust mehr, daß Böller neben mir einschlagen.

Wie sehr eine Dokumentar-Photographie am Ende vom Kontext und der Beschriftung lebt und eben nicht als Dokument für sich selber sprechen kann – keine Dokumentar-Photographie vermag dies, sie muß immer durch einen Text beglaubigt werden – zeigt jenes Bild:
 
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Darauf ist ein Mann zu sehen, der gestikuliert. Man könnte meinen, er schimpfte auf die Polizei oder auf die Nazis. Aber das ist nicht der Fall gewesen. Jener Mann gehört jedoch ebensowenig in den NPD-Kontext, sondern er offenbart vielmehr die Skurrilität des Lebens. Denn es fragt jener Mann die um ihn stehenden Polizisten, ob sie die Rufe der Demonstranten gerade eben gehört haben, dies könne die Polizei nicht einfach hinnehmen und es sei die Pflicht der Beamten, gegen solche despektierlichen Äußerungen vorzugehen und die Rufer sofort festzusetzen und ob so ein Verhalten hier und heute denn üblich sei, das könne nicht akzeptiert werden, schon gar nicht von der Staatsmacht, die Polizei habe sich gefälligst ein solch freches Verhalten nicht bieten zu lassen. Einsam schwieg der Polizist, die Sonne brannte unter dem Himmel Berlins auf Schwätzer und Weise, auf Gerechte, Selbstgerechte und Ungerechte gleichermaßen.

25 de Abril – Grândola, Vila Morena …

Es ist einerseits fein anzusehen, daß – anders als in der BRD – ein politischer Anlaß immerhin über 10.0000 Menschen mit unterschiedlichen politischen Ausrichtungen auf die Straße treiben kann. An einem Tag wie diesem, der in Portugal ein Feiertag ist. In dem Demonstrationszug gehen viele ältere Frauen und Männer mit – alle tragen Nelken im Knopfloch oder am Revers. Am Straßenrand stehen Menschen mit Nelken in der Hand, die nicht wie die idealtypischen Teilnehmer von Demonstrationen aussehen.

 
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Immer wieder wird von den Menschen jenes Lied gesungen, das den Auftakt zur Revolution gab: „Grândola, Vila Morena“, in dieser Nacht vom 24. auf den 25. April 1974, als sich Teile des Militärs gegen die Diktatur erhoben, als die Menschen auf den Straßen den Soldaten Nelken in die Gewehre steckten. Einige der Alten im Zug haben Tränen in den Augen oder sehen sehr bewegt drein, denn diese Frauen und Männer haben an einem großen Ereignis teilgenommen: sie beseitigten eine der am längsten währenden Diktaturen Europas. Es sind in diesem Demonstrationszug ebenfalls jungen Menschen versammelt – todo Lissabon sozusagen. Im Block der Jungen, die mit dem Revolutions-Tand der Alten nichts mehr zu tun haben wollen, ertönt Pop-Musik: von den Sex Pistols bis zu Johnny Cash.

Aber gleichzeitig ist eine solche Demonstration – wie auch der 1. Mai, den in der BRD der DGB veranstaltet – zum bloßen Ritual einer Selbstvergewisserung herabgesunken. Die Probleme wandelten sich.
 
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Die Diktatur ist eine andere, sie ist – weitgehend – unsichtbar geworden, außer für die, welche an den Straßenrändern und auch an anderen Positionen genauer hinschauen und für die, welche monetär nicht mehr ganz mitkommen. Aber auch zu deren Ablenkung ist durch Pop und Glotze gut gesorgt. Und der Sozialdemokratismus sowie die Grünen sind Teil dieses Problems und nicht die Lösung.

Wenn aus dem Alten, aus den Überlieferungen oder Legenden nicht der Funken für Neues geschlagen wird, verbleibt die Angelegenheit in der bloßen Traditionspflege, sie gerät unkritisch und dient allein noch der Selbstaffektion. Eine umfassend verstandene Tradition aber schließt Selbstbesinnung und die Aufgeschlossenheit für das Neue mit ein.

Immerhin: es gehen in Spanien, Griechenland und Portugal die Menschen auf die Straße.

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Editorische Nachbemerkung: Bei Frauen, die ich irgendwie sexy finde, läuft in meinem Bildbearbeitungsprogramm, das auf diesem kleinen, schwachen, schmal- oder flachbrüstigen Rechner installiert ist, ein grüner Balken durchs Bild. Denn dieses Programm, welches ich nach meiner Reise wieder deinstallieren werde, kann Gedanken ahnen und lesen.

Brandenburger Tor und Protest

Seit dem 24.10. hungerstreiken vor dem Brandenburger Tor einige der Flüchtlinge, die von Würzburg aus ihren Protestmarsch nach Berlin antraten, um gegen haarsträubende Lebensbedingungen in den Asylunterkünften und gegen das Asylrecht in der BRD zu protestieren. Zum Beispiel gegen den Zwang, bestimmte Regionen nicht verlassen zu dürfen – euphemistisch Residenzpflicht genannt.

Nachlesen über aktuelles Geschehen und informieren kann man sich hier.

Dieser Hungerstreik wird von verschiedenen Staatsstellen zwar geduldet, aber insgeheim hoffen die Regierenden auf das Wetter – auf Kälte, Regen, Schnee. Zelte und schützende Aufbauten sind grundsätzlich verboten und wurden von der Polizei sofort entfernt. Die Strategie der Polizei ist eindeutig: Tagsüber gibt die Polizei den netten Bullenonkel und macht den Grüßaugust. Nachts hingegen werden Isomatten, Schlafsäcke und andere wärmende Gegenstände gewaltsam entfernt. Der Umgang der Bullen wird, sobald die Dunkelheit einbricht und die Zuschauer sowie die Touristen fort sind, hart, es wird die strenge Linie gefahren. Schließlich gibt es zu dieser Zeit nur wenige Zeugen. Darüber braucht man sich nicht zu empören, weil es nicht anders zu erwarten ist.

Der für diesen Bereich zuständige Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke (und nun raten Sie, welcher Partei er angehört: Na?), zudem Leiter der Abteilung Gesundheit, Personal und Finanzen, schweigt, hält sich bedeckt, so wie eh und je die SPD sich bedeckt hielt. Inzwischen wurde gegen Dr. Christian Hanke und den Innensenator Frank Henkel von Privatpersonen Strafanzeige gestellt. Diese Aktion dürfte eher symbolischer Natur sein und im Sand verlaufen. Aber das ist egal, weil dadurch immerhin ein Medienecho, sei es auch noch so klein, geschaffen wird.

Eine Freundin, die am Brandenburger Tor nächtigte, schilderte mir die Situation, der die Menschen in der Kälte ausgesetzt sind, als entwürdigend und das Vorgehen der Polizei als unverhältnismäßig.

„Wir, die hungerstreikenden Flüchtlinge und die Aktivisten, haben friedlich demonstriert. Die Polizei entwendete mit Gewalt Schlafsäcke, Isomatten, Wolldecken und sogar Pappe! Es wurde uns von den Polizisten ständig ins Gesicht geleuchtet, wir wurden immer wieder fotografiert und gefilmt. Mehrere von uns wurden verhaftet und es gab Verletzte. Ich selbst war gen Morgen so stark unterkühlt, dass ich vor Schmerzen kaum noch gehen konnte. Meine Bewunderung und mein Respekt gilt den Flüchtlingen. Soviel Mut, soviel Zusammenhalt und soviel Liebenswürdigkeit. Schämt Euch, Ihr, die Ihr Menschen abscheulicher als Tiere behandelt !!! Und wir brüllen Euch weiter ins Gesicht: Kein Schlafsack ist illegal, denn schlafen woll’n wir überall !!!“

Sicherlich ist dieser Blog nicht wirkungsmächtig, aber es kann trotzdem nicht schaden, daß alle die, welche in Berlin leben, am Brandenburger Tor vorbeischauen und nützliche Dinge oder Geld mitbringen, um diese Aktion zu unterstützen. Vielleicht auch, sich dazuzusetzen, sofern Zeit und Kraft da ist. Schlafsäcke oder Isomatten brauchen in der Kälte nicht mitgebracht zu werden, weil sie vom Bullenpack weggestohlen werden. Wärmende Kleidung hingegen ist erlaubt. Zu bewundern sind vor allem die Menschen, welche sich nachts mit dazusetzen und ausharren. Weshalb gibt es eigentlich bei den Zeitungen keine Reporter, die sich nachts mal auf den Weg dahin machen, sich mit aufs Pflaster hocken und darüber schreiben? Die Seite drei einer Zeitung ist in der Regel für solche Reportagen vorgesehen.

Schlimm ist – nebenbei gesprochen – der Alltagsrassismus, der sich während solcher Anlässe zeigt. Was ich von Touristen, die dort standen, hörte, spottet jeder Beschreibung. Ich frage mich, wie man derart ohne jedes Herz und ohne jeden Verstand sein kann: Aber die Mechanismen, die das Bewußtsein zurichten, sind im Grunde ja bekannt. Identifikation mit dem Aggressor ist nur ein Stichwort dazu. Hätten diese Menschen, die da am Brandenburger Tor ausharren, hungern und Protest anmelden, für die Senkung der Kraftstoffpreise demonstriert – bei gleicher Hautfarbe und bei gleicher Situation –: es fiele das Echo im SpOn-Forum und vor Ort anders aus! Wer sich ein Bild von dieser Art von Diskussion machen will und mit welcher Unbarmherzigkeit bestimmte Menschen denken, der braucht nur in den Diskussionsthreat bei SpOn zu schauen.

Interessant – pars pro toto – auch solche Kommentare:

#191 28.10.2012 18:39 von stufenbarren

Das wird ja immer lächerlicher. Selbst schuld, sie sitzen freiwillig dort. Ich frage mich immer, wer solchen „verfolgten“ Leuten immer das große ABC des „wie forder ich erfolgreich mehr(vor allen Dingen Geld)-und mache das Land, welches mir armen verfolgten Menschen Asyl gewährt und Unterhalt zahlt am besten schlecht. Typischerweise berichtet der Spiegel natürlich nicht, daß die Polizisten bereits beschimpft und beworfen wurden. Würden sie sich das gegenüber Poilzisten in Ihren Heimatländern auch erlauben? Und wer bringt ihnen bei, daß man das ungestraft in Deutschland tun darf???

Würde der Spiegel mal MIT Forum über die Trauerfeier für den ermordeten Johnny K. berichten, daß ist m.E. weitaus wichtiger! Aber ach nee, der Täter war ja kein Deutscher den man für rechts erklären kann… also unwichtig. Beschämend!

Nomen est omen: das Deutsche Turnreck tönt: NPD oder ähnliches, so steht zu vermuten, in den SpOn-Foren, die dort als Meinungsmacher und Anheizer agiert – natürlich gedeckt durch die freie Meinungsäußerung und sich auf den gesunden Menschenverstand berufend, jener Verstand, der sich seinen Standortvorteil beharrlich sichern möchte.

Aber wie es der Blogger Che2001 – sinngemäß wiedergegeben – so schön formulierte, wenn gegen den Mißbrauch von Asylrechten geschrien wurde: Wir haben doch 1990 auch 17 Millionen Wirtschaftsflüchtlinge aufnehmen können.

Wer sich für die rhetorische Brillanz polizeilicher Einsatzleitung interessiert, die oder der mögen hier schauen:

Daily Diary (28) – 1. Mai in Berlin

Ich sage es gleich vorweg: Mir tun jetzt noch die Arme und die Beine weh, weil ich lief, mich den Tag über in schwüler Hitze bewegte, in Hinterhöfe rannt, über hohe Metallzäune kletterte, um den Polizeieinkesselungen zu entkommen, mir die Hand am tückischen Dornenstrauch verletzte und den Zeh verstauchte. Diese Kletterei über Zäune spielte sich im Gegensatz zu den anderen Menschen, die 20 bis 25 Jahre jünger als ich sind, mit 6 Kilogramm Ausrüstung ab. Gut, gut: das, was ich hier gerade machte, ist ein sehr egozentrischer Auftakt. Aber auch das Private ist bekanntlich politisch. Die Photographien von diesem Tag gibt es wie immer auf Proteus Image zu sehen.

Vor der Demonstranten ging eine Kundgebung gegen Mietsteigerungen durch das Viertel. In der Reichenberger Straße wurde die Straße von beiden Seiten mit Polizei dichtgemacht, so daß niemand mehr herauskonnte.

Die 18 Uhr-Demonstration begann 1 ½ Stunden verspätet am Lausitzer Platz, dort wo vor 25 Jahren die Bolle-Filiale abbrannte und der Druck im Kessel sich entlud. Und so lautete das Motto der diesjährigen 1. Mai-Demo auch: „Der Druck steigt!“ (Nein, Plünderungen sind nicht gut, aber sie zeigen an, wie es um eine Gesellschaft bestellt ist. Wie in London vor einem Jahr: die Menschen besorgen sich die High-Tech-Geräte, welche ihnen jeden Tag in der Werbung vorgeführt werden, auf ihre eigene Weise. Und daran sieht die Industrie doch sehr gut: Werbung funktioniert!)

Zum Auftakt hielt Jutta Dithfurt eine sehr gute Rede, die insbesondere diesen ganzen inszenierten Titanic-Schmonzes, der uns die letzte Zeit dargeboten wurde, in Korrelation mit den getöteten Flüchtlingen im Mittelmeer brachte. Zudem verwies sie darauf, daß in all diesen Filmen und Berichten über das Schiffsunglück kaum einer der ersoffenen Arbeiter aus den Maschinen- und Arbeitsräumen unter Deck vorkam. Sehr gut gefiel mir, daß sie insbesondere dazu riet, die Waffe der Kritik zu schärfen. Veränderungen von Gesellschaft gibt es nicht in einem Jenseits, durch den Guru, durch den Dalai Lama oder Zen-Gequatsche, sondern einzig immanent, hier im irdischen Leben.

Gegen 19:30 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung. Aus Solidarität mir dem Glaserhandwerk, da es dem Mittelstand und dem Kleingewerbe wirtschaftlich nicht sonders gut geht, wurden zum Auftakt die Fenster einer Berliner Sparkasse entglast.

Beim Springer-Haus geriet die Veranstaltung aus den Fugen, die Menge wurde in Richtung Jüdisches Museum gedrängt. Davor standen auffällig wenig Polizeiketten. Und da es zum Leidwesen der Springerpresse und auch anderer Medien zur Beschädigung des Jüdischen Museums nicht kam, so mußte in der Berichterstattung wenigsten das Polizei-Wachhäuschen vor dem Museum herhalten: „hatten Demonstranten Steine auf ein Wachhäuschen vor dem Jüdischen Museum geworfen.“ So Morgenpost Online.

Taktik der Polizei war es, in kleinen Zügen inmitten der Menge zu stehen und ggf. von dort aus zu agieren. Hinzu kamen dann bei Bedarf die Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit, die sich vereinzelt Menschen herausgriffen. Die Taktik bei dieser Art von Bad in der Menge besteht darin, daß die Polizei nicht mit Gegenständen beworfen werden kann, da solche Würfe womöglich auch die Demonstranten treffen könnten.

Ach ja und übrigens: Die Frau mit der Hamburg-Jacke auf einem der Bilder: das ist genau mein Typ von Frau. (Hier stehe ich und kann nicht anders.)

Nicht unterschlagen werden soll zum Schluß, daß wir der Deutschen Bank für das Sponsoring der Deutschen Polizei danken. Jetzt tragen sie sogar das Logo dieser Anstalt, wenngleich in Polizeigrün.

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