Extinction Rebellion – seit dem 7. Oktober in Berlin

Es werden diese Woche in Berlin und vielen andren Städten der Welt Straßen blockiert, es werden von jungen Leuten in Berlin zentrale Achsen wie der Potsdamer Platz und der Große Stern besetzt. Ich bin dem Protest der Extinction Rebellion diese Woche in Berlin nicht abgeneigt, obwohl ich Autofahrer bin, und es erinnert mich diese Form des Widerstands und das Singen von „Hejo, spann den Wagen an“ gestern beim Großen Stern – diesmal auf Englisch (siehe Video hier im Link) – an jene frühen 1980er Jahre: Als da aus den Demozügen in Brokdorf und Gorleben der Gesang ging: „Wehrt euch, leistet Widerstand!“ Nicht nur, daß ich schon als Kind dieses Lied wunderbar und schön und zugleich auch ein wenig unheimlich fand, denn mit dem Wind und dem Regen, den ich als Fan des Fliegenden Robert eh mochte, kamen eben auch die dunklen Wolken, die da tief übers Land zogen und die ich mir ausmalt. Für besondere Lagen sind besondere Protestformen erforderlich. Weltweit.

Ich fand diese Form des Protests damals gut und richtig, und ich halte sie auch heute im Prinzip immer noch für gut – und zwar nicht nur als Gründen des privaten Gefallens oder irgendeiner subjektiven Lust, sondern aus einer sachlichen Notwendigkeit heraus. Mediale und intellektuelle Aufmerksamkeit für ein Thema bekommt man, indem ein Thema öffentlich debattiert wird und soziale Bewegungen können dafür sorgen, indem sie diese Debatten durch Aktionen unterstützen – diesen Aspekt hat Niklas Luhmann damals 1988 in seinem lesenswerten Buch „Ökologische Kommunikation“ übersehen: daß soziale Bewegungen durch ihr Vorgehen bestimmte Themen lancieren, auf die in einem bestimmten Subsystem aus Gründen mangelnder Codierung bisher nicht reagiert werden konnte, so daß damit mittels Protest dieses Thema andockfähig werden kann. Rauschen wird in Sinn überführt und auch ein Subsystem wie das der Wirtschaft kann die ökologische Frage über kurz oder lang nicht mehr ignorieren. Solcher Protest kann manchmal auch massiver ausfallen. (Friedliche, d.h. gewaltfreie) Blockaden gehören dazu, wobei man sich dabei im klaren sein muß, daß die Protestler einen Rechtsbruch begehen und daß darauf hin eben die Polizei, je nach Verhältnismäßigkeit, einschreiten muß.

Ähnlich wie Melanie Reinsch von der BLZ es twitterte, sehe ich es auch:

„An alle Zyniker, die die Aktionen von Extinction heute kritisieren, belächeln oder sich schlichtweg lustig machen: wann seid ihr eigentlich das letzte Mal für etwas mit so großer Passion eingetreten? So schwer zu ertragen, dass junge Menschen sich für ihre Zukunft einsetzen?“

Man muß nicht alles teilen, was da die Leute wollen, aber der Spott über diese Leute  geht an der Sache vorbei. Zumal Demos eine symbolische Aktionsform sind. Wie jeder, wirklich jeder, noch der Dümmste wisssen müßte, seltsamerweise sind das immer Leute, die ansonsten neunmalgescheit tun, setzen sich solche Aktionen aus den unterschiedlichsten Gruppen und Menschen mit teils unterschiedlichen politischen Ansichten zusammen. Das war 1982 ff. bei der Friedensbewegung so, als es um den Nato-Doppelbeschluß ging, und das ist bei der Exinction Rebellion der Fall.

Diese Proteste in Berlin sind  friedlich, es geht von den Demonstranten keine Gewalt aus. Es sind Blockaden, wie damals in Mutlangen. Und wenn für diese Friedfertigkeit die Extinction Rebellion verantwortlich sein sollte, so ist es gut – egal ob das nun eine irgendwie esoterische Gruppe sei oder wie Jutta Ditfurth es schreibt:

„XR ist keine »gewaltfreie Klimabewegung« sondern eine religiöse-gewaltfreie esoterische Sekte, welche an die Apokalypse der baldigen »Auslöschung der Menschheit« glaubt und »Selbstaufopferung« empfiehlt.“

Daß ausgerechnet Jutta Ditfurth solches schreibt, ist dann schon wieder verwunderlich. Ist das die gleiche Jutta Ditfurth, die kein Problem damit hat, bei der revolutionären 1. Mai-Demo 2014 vor gewaltbereiten und im Anschluß dann auch gewalttätigen Militanten und Linksextremisten ihre Reden zu halten, Leute, die aus der Demo heraus die Polizei mit Steinen und Feuerwerk bewerfen? Mir ist da eine esoterische aber friedfertige Gruppe allemal lieber als Leute wie Jutta Ditfurth, die ihre Stimme gerne auch mal Gewalttätern leihen. Denn an genau einer solchen Demonstration hat Ditfurth teilgenommen, um hier einmal ihre eigenen Maßstäbe auf sie selbst anzuwenden.

Übrigens war beim Krefelder Appell damals auch die DDR qua DKP mitbeteiligt. Trotzdem war dieser Appell damals ein wichtiges und richtiges Zeichen. Auch wenn ich als alter weißer konservativer Mann, der es genießt, seine Privilegien zu genießen, nicht alles teile, was die jungen Leute da fordern und wollen, halte ich es dennoch  für gut und für richtig, was diese Woche in Berlin geschieht.

Und jeder, wirklich jeder Autofahrer weiß, was diese Woche in Berlin auf den Straßen los ist und kann sein Auto stehen lassen. Autofahrer genießen hier in der Stadt ansonsten 358 Tage Vorrechte gegenüber allen anderen Verkehrsteilnehmern. Sie nehmen den meisten Raum ein, sie fahren selbst in kleinen Nebenstraßen so, als gehörte ihnen die ganze Straße.

Nun wird gerne gesagt, wer der einen Seite das Recht auf zivilen Ungehorsam zubilligt, muß dies auch bei der anderen Seite akzeptieren, etwa wenn Identitäre mittels zivilen Ungehorsams gegen Einwanderung protestieren. Einerseits ja, und für das Prozedere der Räumung ist dann ja auch die Polizei grundsätzlich zuständig. Aber es ist Protest zugleich auch nicht gegen seine Inhalte neutral und gleichgültig. Solch eine „Passion“ hat etwas mit einer konkreten Sache zu tun, deren Wahrheit man durchaus eruieren kann, und insofern sind auch diese „Leidenschaften“ des Politischen nicht neutral und in eins zu setzen mit dem Protest bspw. von Identitären. Eine Sache wie bspw. der Klimawandel bzw. die Klimakrise ist wissenschaftlich recht gut belegt. Insofern sind die Befürchtungen der jungen Menschen nicht ganz von der Hand zu weisen. Ob man darob in Apokalypse oder Hysterie verfallen muß, ist dabei eine ganz andere Frage. Proteste dagegen setzt sich aus vielen Komponenten zusammen. Und ein Thema wird eben auch lanciert, weil sich entweder viele beteiligen oder eben durch witzige und kreative Aktionen – zumal dieser Protest als ziviler Ungehorsam weitgehend gewaltfrei ist.

Diese Aspekte auch zur rechtlichen Natur des zivilen Ungehorsams sind freilich keine neuen Fragen. Bereits in den 1980er Jahren, zur Zeit der Proteste gegen den Nato-Doppelbeschluß, schrieb Jürgen Habermas im September 1983 darüber in der „Zeit“:

„So entsteht eine Perspektive, aus der die Delikte von kleinen, aber mobilen Stoßtrupps gewalttätiger Randalierer mit Handlungen des moralisch begründeten zivilen Ungehorsams verschmelzen. Aus diesem verengten Blickwinkel kann an den heute praktizierten und in Aussicht gestellten Protestformen genau jenes Element nicht mehr wahrgenommen werden, welches die neuen sozialen Bewegungen auszeichnet. Wie der Vergleich mit der Studentenbewegung lehrt, gibt die gegenwärtige Protestbewegung zum ersten Mal die Chance, auch in Deutschland zivilen Ungehorsam als Wesenszug einer reifen politischen Kultur begreiflich zu machen.

Jede rechtsstaatliche Demokratie, die ihrer selbst sicher ist, betrachtet den zivilen Ungehorsam als Bestandteil ihrer politischen Kultur.
Unter den Wortführern des Protestes herrscht die Überzeugung, daß Protesthandlungen, auch wenn sie kalkulierte Regelverletzungen darstellen, nur symbolischen Charakter haben können und allein in der Absicht ausgeführt werden dürfen, an die Einsichtsfähigkeit und den Gerechtigkeitssinn der jeweiligen Mehrheit zu appellieren. Niemand bildet sich ein, die Raketenaufstellung – wenn überhaupt noch – auf andere Weise als dadurch verhindern zu können, daß die Masse der deutschen Bevölkerung für die politisch-moralische Ablehnung einer Entscheidung von existentieller Tragweite gewonnen und mobilisiert wird; Nur ein drohender Legitimationsverlust kann die Regierung umstimmen.

(…)

Ziviler Ungehorsam ist ein moralisch begründeter Protest, dem nicht nur Eigeninteressen zugrunde liegen dürfen; er ist ein öffentlicher Akt, der in der Regel angekündigt wird und von der Polizei in seinem Ablauf kalkuliert werden kann; er schließt die vorsätzliche Verletzung einzelner Rechtsnormen ein, ohne den Gehorsam gegenüber der Rechtsordnung im ganzen zu berühren; er verlangt die Bereitschaft, für die rechtlichen Folgen der Normverletzung einzustehen; die Regelverletzung, in der sich ziviler Ungehorsam äußert, hat ausschließlich symbolischen Charakter – daraus ergibt sich schon die Begrenzung auf gewaltfreie Mittel des Protestes.

(…)

Der Rechtsstaat, der mit sich identisch bleiben will, steht vor einer paradoxen Aufgabe: Er muß das Mißtrauen gegen ein in legalen Formen auftretendes Unrecht schützen und wachhalten, obwohl es eine institutionell gesicherte Form nicht annehmen kann. Mit dieser Idee eines nicht-institutionalisierbaren Mißtrauens gegen sich selbst ragt der Rechtsstaat über das Ensemble seiner jeweils positiv gesetzten Ordnungen hinaus. Das Paradox findet seine Auflösung in einer politischen Kultur, die die Bürgerinnen und Bürger mit der Sensibilität, mit dem Maß an Urteilskraft und Risikobereitschaft ausstattet, welches in Übergangs- und Ausnahmesituationen nötig ist, um legale Verletzungen der Legitimität zu erkennen und um notfalls aus moralischer Einsicht auch ungesetzlich zu handeln.

Der Fall des zivilen Ungehorsams kann nur unter Bedingungen eines im ganzen intakten Rechtsstaates eintreten. Die Möglichkeit des gerechtfertigten zivilen Ungehorsams ergibt sich allein aus dem Umstand, daß auch im demokratischen Rechtsstaat legale Regelungen illegitim sein können – illegitim freilich nicht nach Maßgabe irgendeiner Privatmoral, eines Sonderrechts oder eines privilegierten Zugangs zur Wahrheit. Maßgeblich sind einzig die für alle einsichtigen moralischen Prinzipien, auf die der moderne Verfassungsstaat die Erwartung gründet, von seinen Bürgern aus freien Stücken anerkannt zu werden.
(…)
Natürlich können sich auch die Regelverletzer irren. Die Narren von heute sind nicht immer die Helden von morgen; viele bleiben auch morgen die Narren von gestern. Der zivile Ungehorsam bewegt sich oft im Zwielicht der Zeitgeschichte. Dieser Mangel an Eindeutigkeit verpflichtet beide Seiten. Der Regelverletzer muß skrupulös prüfen, ob die Wahl spektakulärer Mittel der Situation wirklich angemessen ist und nicht doch nur elitärer Gesinnung oder narzißtischem Antrieb entspringt. Andererseits muß sich auch der Staat eines Urteils historischer Natur enthalten und noch denen gegenüber Respekt wahren, die heute ungesetzlich handeln und vielleicht morgen im Unrecht bleiben.“

Diese Aspekte sind bis heute bedenkenswert und zeigen die Möglichkeiten und die Grenzen eines friedlichen zivilen Ungehorsams auf.

Und was die Straßensperrungen betrifft: mit meinem Ford Ranger Raptor und dem Bullenfänger vorne denke ich, daß ich die Blockaden mit sanftem Anschub unterstützen kann. Neuinszenierung des Klassikers „Einer kam durch“. Denke ich mir hier am Schreibtisch bei einem kühl gewordenen Becher Kaffee in Berlin im Regen.

Literatur und Wendetext – 30 Jahre keine DDR, 30 Jahre Mauerfall

Ein Glück, so muß man dazu schreiben, ist das Scheißding weg und im nachhinein ging jene Parole „Nie, nie, nie wieder Deutschland!“, wie es eine bestimmte Linke dachte oder auf Demos rief, gründlich an der Sache vorbei. 40 Jahre BRD und 40 Jahre DDR waren eben in ihrer Vereinigung nicht einfach, wie simpel assoziiert werden sollte, Großdeutschland (davon einmal ab, daß ein Sozialstaat in der Regel an einen Nationalstaat gebunden bleibt) – trotz erheblicher Probleme, nicht nur, was die Ökonomie betraf, sondern auch weil die Vereinigung zu großen Teilen ein Anschluß war, wenn auch von vielen Menschen eben ein gewollter. Daß dieses Scheißding weg ist, daß ein antiquierter Bespitzelungsapparat zugrunde ging, der noch bis tief ins Privatleben seiner Bürger blickte, die sinnvolle Trennung zwischen Öffentlichem und Privaten aufhob – denn das Private ist eben nicht per se politisch – und in die Kleiderschränke seiner Bürger schnüffelte, haben wir unter anderem den vielen unterschiedlichen Bürgerrechtsgruppen und der mächtigen Leipziger Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989 zu verdanken. Beeindruckende Bilder, die damals über die Bildschirme gingen, und noch heute können jene, die an diesen Protesten teilnahmen stolz darauf sein, einer Diktatur das Rückgrat gebrochen zu haben.

Von diesem Augenblick war klar, daß die Machthaber keine chinesische Lösung wagen würden, daß die Diktatur zu ihrem Ende gekommen war und all der rote Terror nichts mehr half. Alle Versprechungen der Welt, die die neuen Oberen der DDR abgaben, nützten nichts. Bewegend bis heute, daß da ein paar hunderttausend Menschen friedlich mit Macht und Masse einen Systemsturz begannen, einen Aufstand gegen das Regime von Verbrechern. Und es war insofern eine friedliche Revolution, weil das Volk seine Unterdrücker nicht an der nächsten Laterne aufhängte oder nach dem Umsturz das übliche Tribunal der Hinrichtungen veranstaltete.

Unerfüllbar aber blieb ebenso die Hoffnung, daß es nach § 146 Grundgesetz der BRD eine neue Verfassung gäbe, darin auch soziale Rechte neu verankert werden. Oder aber die Hoffnung auf einen dritten Weg, wie ihn manche gerne hätten – eine Vereinigung mit Verzögerung vielleicht, wie ihn die SPD unter ihrem Kanzlerkanditen Oskar Lafontaine andachte. Aber wer weiß schon, was und wie die geschichtliche Gunst der Stunde einen Monat später schlägt? „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr!“ So gingen die Chöre, und mit Ablehnung kann man keinen dritten Weg machen. Nicht wenn es ein paar tausend Menschen sind, die anderes wollten. Da halfen auch die Reden auf dem Alexanderplatz vom 4. November nichts. Die übrigen Bewohner dieses bald ehemaligen Landes hatten, verständlicherweise, den Sozialismus und das nächste Experiment am offenen Herzen bitter satt. Daß nicht alles am schönen Schein des Kapitalismus Gold und daß Gold häufig ein Haufen Scheiße war, mußten viele Menschen erst später feststellen: als aus „VEB“ in der Abwicklung der Resterampe „Vatis ehemaliger Betrieb“ wurde. Egal wie also: es gab keine Chance. Nutze es auf deine Art.

Einige taten es, gingen in den Westen, wie die hübsche Susanne aus dem Rostocker Plattenbau, und es entstanden jene nicht immer herrlichen Leerzonen in den Städten und Dörfern der nun ehemaligen DDR: Als wir träumten. Was für junge Leute der wilde Tanz in den Ruinen war, bedeutete für viele Ältere dann den Abbruch und die restlose Entwertung der eigenen Lebenswelt. Doch der Immanenz-Zusammenhang eines mehr oder weniger funktionierenden Systems war stärker. Es zog die Menschen fort aus einer Diktatur – mehr als verständlich. So bleibt am Ende nur die Kritik, die man aus den Ruinen der Kritischen Theorie heraus betrieb – und selbst die verschwand in den 1990er zugunsten eines vermeintlichen Neuanfangs, zugunsten eines Aufbruchs im Zeichen von Internet, neuer Technik. Berlin und Leipzig tanzten auf dem Vulkan. Nachtpforte Grandhotel Abgrund. Und als solches Grandhotel Abgrund begriff und begreift sich dieser Blog immer schon, seit seiner Gründung 2009. In seiner geräumigen Wohnung mit 90 qm, wo der Autor mit kaltem Blick sitzt und die Paare und die Passanten dieser einst geteilten Stadt gallig beobachtet wie andere ihre Käfer. Klippen aus Märkischem Sand. Kein Zynismus – wozu auch? Dafür ist diese Angelegenheit zu vielschichtig.

Am Ende solcher Umbrüche – war es eine Revolution? Ich würde sagen ja und nein – ist ein Habermassches Prozedere des Rechtsstaates, wie er dies 1992 dann in „Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaates“ aufschrieb, allemal humaner als eine blutige Revolution, die noch das bestehende Rechtssystem mit hinabreißt. Zum Glück fiel sie mangels Masse und Mensch aus und mangels Bewußtsein in einem vielleicht doch irgendwie guten Sinne war sie als gute Revolution nicht durchführbar, auch weil es in der BRD erhebliche Kreise gab, die wollten, daß für sie alles so bleibt, wie es war. Und lieber 1.000 Arbeitsplätze im Osten gestrichen, wie in Bischofferode, als 1.000 im Westen, so dachten Wirtschaft und Gewerkschaft Hand in Hand. Die Aufstände dagegen blieben immer nur lokale Revolten, meist hilflos. Immanenz frißt Träume. Weg der kleinen Schritte und lange Märsche durch Institutionen. Was von 1968 blieb? Rita Süssmuth, so antwortete Habermas süffisant. Was bleibt von 1989? Vieles ungelöst, viele Konflikte.

Habermas also war es, der 1992 das Buch, fast hätte ich gesagt den Roman zur Wende schrieb. Doch er ist kein Literat und „Faktizität und Geltung“ kein Roman, sondern die harte philosophische Arbeit des Begriffs. Mit seiner Analyse zum Prozedere des Rechtsstaates ist Habermas einer der bedeutenden und wichtigen Intellektuellen. Nicht nur der BRD. Was nicht bedeutet, ihn nicht um andere Perspektiven zu ergänzen.

Aber es soll hier um Literatur gehen, und es wird dies kein Text über politische Theorie und keiner über die Notwendigkeit des Rechtsstaates oder wenn, dann bloß indirekt, sofern einem womöglich beim Nachdenken über Literatur jenes bekannte Böckenförde-Theorem in den Sinn kommt, daß nämlich „[d]er freiheitliche, säkularisierte Staat […] von Voraussetzungen [lebt], die er selbst nicht garantieren kann.“

Und weiter heißt es im Text:

„Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Andererseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots, zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“
(Ernst Böckenförde, Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation)

Was haben diese Sätze mit Literatur zu tun? Viel, denn auch Literatur ist solch eine Möglichkeit, Gemeinsames zu stiften – selbst in schärfster Differenz und indem Kunstwerke sich hermetisch einem unmittelbaren Zugriff entziehen. Gemeinsames kann eben auch sein, die Arbeit an der Sache und die gründliche Lektüre eines Werkes auf sich zu nehmen und die eigenen Referenzhorizonte über Bord zu werfen. Zwar impliziert dieses Schreiben von Autoren keine einheitliche Sicht auf dieses ehemals zerrissene Land, auf seine Verwerfungen und Möglichkeiten – man lese nur von Günter Grass „Ein weites Feld“ über Clemens Meyers großes und großartiges Debüt „Als wir träumten“, über Tellkamps souverän erzählte Geschichte von Dresden in „Der Turm“ bis zu Thomas Brussigs herrlich-lustigem „Helden wie wir“, wo ein junger Mann die Mauer mit seinem Schwanz zum Einsturz bringt, um die Unterschiede zu verstehen.

In aller Differenz jedoch vergewissert sich diese Literatur in den verschiedenen Ausfaltungen und in unterschiedlicher ästhetischer Form einer gemeinsamen Sache, die alle teilen: daß wir, als Deutsche, Bewohner dieses Landes sind, mit unterschiedlichen Geschichten, mit allen Tücken, allem Guten, allem Schlechten, und man kann literarisch eben auch mit hinzunehmen, daß in der BRD und ebenfalls in der damaligen DDR viele Menschen leben, die nicht über Generationen geburtsdeutsch sind, die als „Gastarbeiter“ kamen, Fremde Heere Ost, und die also diese Einheit womöglich mit anderen Augen betrachteten. Warum sollte sich eine Vertragsarbeiterin aus Vietnam, die Kleider in der Fremde näht, warum sollte ein Fabrikarbeiter aus Mosambik, ein junger Türke aus Neukölln, dessen Deutsch eher rudimentär ist, sich freuen, daß die Mauer fällt? Wer arbeitet, kann kaum Literatur schreiben. Wer auf der Straße lungert, benutzt andere Ausdrucksmöglichkeiten. Hier mag es literarischen Nachholbedarf geben, um ebenso andere Blickweisen in Literatur hinzubekommen.

Literatur freilich und die Weise, über diese Dinge eine gelungene Geschichte zu fabulieren, schafft insofern ein Gemeinsames, da jeder in seiner Form erzählen kann. Das Zauberwort ist Pluralität und die dazu gehörend Perspektivität – was nicht mit Relativismus gleichzusetzen ist. Dieses Plurale findet auf dem Boden einer gemeinsamen Anstrengung statt: nämlich, was da 1989 geschah, zu erzählen, vielleicht auch zu begreifen. Das also, was für viele Menschen eine Freude und eine Befreiung von der Diktatur war, was für andere einen Bruch im Leben bedeutete, für andere Chance und Öffnung, für wieder andere Abstieg und Verlust, Angst, Leid oder Freude oder die Umpolung einer politischen Landschaft, und zwar nicht einfach als Dokument oder als oral history, sondern in der Kunst in eine bestimmte Form gebracht – sei es Prosa, sei es Lyrik oder dramatische Dichtung. Für all diese Facetten müssen und werden Geschichten erfunden, literarische Bilder. In diesem gut hegelianischen Sinne ist die Kunst ihrer Zeit immer auch der Ausdruck einer Gesellschaft ihrer Zeit. In anderer Weise und in implizitem Rekurs auf Hegel schrieb Marx:

„Die griechische Kunst setzt die griechische Mythologie voraus, d.h. die Natur und die gesellschaftlichen Formen selbst schon in einer unbewußt künstlerischen Weise verarbeitet durch die Volksphantasie. Das ist ihr Material. Nicht jede beliebige Mythologie, d.h. nicht jede beliebige unbewußt künstlerische Verarbeitung der Natur (hier darunter alles Gegenständliche, also die Gesellschaft eingeschlossen).

[…]

Ist Achilles möglich mit Pulver und Blei? Oder überhaupt die »Iliade« mit der Druckerpresse oder gar Druckmaschine? Hört das Singen und Sagen und die Muse mit dem Preßbengel nicht notwendig auf, also verschwinden nicht notwendige Bedingungen der epischen Poesie?

Aber die Schwierigkeit liegt nicht darin, zu verstehn, daß griechische Kunst und Epos an gewisse gesellschaftliche Entwicklungsformen geknüpft sind. Die Schwierigkeit ist, daß sie für uns noch Kunstgenuß gewähren und in gewisser Beziehung als Norm und unerreichbare Muster gelten.“

Damals zumindest. Doch das Damals und die marxsche Frage nach dem sozialen Kontext von Kunst reichen bis in die Gegenwart. Als eine Art melancholisches oder auch nüchternes Fragen nach dem Bestand skizzierte es Ernst Jünger und pointierte dessen Marx-Satz in seinem Tagebuch „Siebzig verweht“ 1997 so:

„Ist eine Ilias möglich mit Schießpulver?“

Was also setzt die kapitalistische, die liberale, die sozialistische Literatur der damaligen, der untergehenden DDR voraus? Welche Literatur liefert uns der Stand der Produktivkräfte im Blick auf die Gegenwart und im Rückblick, nach 30 Jahren? Welche Literatur beschreibt den Stand der Produktivkräfte und das „literarische Feld“? Internet und Handys waren noch nicht verbreitet, als jene Menschen auf der Straße ihre friedliche Revolution machten. Wie hätte dieser Sturz der DDR mit dem Internet in Begleitung und mit Twitter ausgesehen? Hypothetische Fragen zwar, aber sie weisen zumindest darauf, daß dieses Gesellschaftliche einen Raum benötigt, den die Literatur zu liefern vermag, auch im Sinne einer Selbstreferentialität, indem die eigenen Bedingungen noch mit in die Reflexion geraten – aber das sind dann wiederum Fragen des ästhetischen Programms und wie diese Dinge dann in der Form konkret eingelöst werden.

Auch wir wissen, was passiert, wenn eine Gestalt des Lebens alt geworden. Die Philosophie mag ihr Grau in Grau malen und zum Erkennen ist in der Tat ein gewisser Abstand nötig, um nicht allzusehr mit dem vermeintlich Unmittelbaren und mit den Tagesresten behaftet zu sein. Das ist selbst beim literarischen Schreiben manchmal der Fall und auch hier kann Distanz helfen – Clemens Meyer zeigte es mit seinem 2006 erschienenen Debütroman „Als wir träumten“: eine Jugend zur Wende in Leipzig und in den 1990er Jahren in Freiheit und zugleich in Chaos, zwischen Neonazi-Skins, Alkohol, Drogen und einer Ordnung, die wegbrach. Alte Autoritäten, selbst die eigenen Eltern, waren abgestellt und wirkten angesichts ihrer neuen Machtlosigkeit lächerlich. Alles war möglich, wenig gelang. Die Träume waren auf den Augenblick gestellt, doch der verging.

Die gelungensten Wenderomane entstanden nicht im unmittelbaren Reflex um die frühen 1990er herum, aber ein Roman, der sich 100 Jahre später mit der Wende befaßt, ist eben kein Roman mehr für Zeitgenossen, die über die Wende lesen, so wie Kehlmanns „Tyll“ nur bedingt als Historienroman über den 30jährigen Krieg durchgeht. Doch diese unsere Vergangenheit der Jahre um 1989 ist, um ein Wort aus Faulkners „Requiem für eine Nonne“ zu gebrauchen, später von Christa Wolf als Zitat wieder aufgegriffen, noch lange nicht vorüber:

„Die Vergangenheit ist nicht tot; sie ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.
Frühere Leute erinnerten sich leichter: eine Vermutung, eine höchstens halbrichtige Behauptung. Ein erneuter Versuch, dich zu verschanzen. Allmählich. über Monate hin, stellte sich das Dilemma heraus: sprachlos bleiben oder in der dritten Person leben, das scheint zur Wahl zu stehen. Das eine unmöglich, unheimlich das andere.“

Was Wolf in „Kindheitsmuster“ (1976) zum Auftakt ihres Romans bemerkt, gilt bis hinein in die Gegenwart, wenn wir über jene Wende-Jahre nachdenken. Von der Malerei her übrigens ist dieser Blick auf Zeit genial und gut in Leipzig in Ausstellung gebracht, nämlich im „Museum der bildenden Künste“ präsentiert als „Point of no return. Wende und Umbruch in der ostdeutschen Kunst“. Eine plurale, anregende, vielschichtige und vor allem die Kunst der DDR nicht denunzierende Sicht auf jene Jahre.

Auch Literatur formuliert ihre Perspektiven, und inzwischen gibt es eine Vielzahl von Büchern, die die Wende und die Zeit danach zum Thema haben. In unterschiedlichen Ausfaltungen, kritisch im Hinblick auf expandierende Nazis von Manja Präkels „Als ich mit Hitler Schnappskirschen aß“ oder Wendejahre aus dem Blick der Zeit heraus und nahe am Pop-Ton wie in Peter Richters „89/90“ oder Lutz Seilers Hiddensee-Aussteiger zu Wendetagen im wunderbar melancholischen „Kruso“. Sehr unterschiedliche Töne.

„Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat.“ Das mag aus dem Blick der Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley, die in der DDR schärfsten Repressalien bis hin zum Gefängnis ausgesetzt war, eine hohe Berechtigung besitzen. Ein Rechtsstaat mit seinem Procedere tickt jedoch anders. Literatur aber kann solche Frage nach dem Gerechten, dem Guten, dem Heillosen, den Aporien, der Schönheit und dem Schrecken stellen. Prosa und Poesie können Perspektiven zuspitzen, Binnensichten liefern, die nicht die unseren sind. Und wir als Leser können fragen, ob das ästhetisch und damit literarisch gut gemacht ist oder vielleicht doch nur in einer Sprache, die auf einen politischen Effekt zielt oder eher konventionell uns eine Geschichte berichten will. Inhalt und Form bedingen sich, aber neue Formen können neue Inhalte und damit neue Perspektiven etablieren, womit ebenso die Frage nach einem literarisch gewagten und avancierten Schreiben sich stellt. Auch die Frage nach der ästhetischen Intensität steht damit im Raum: wie eine Figur und dessen Innenleben in eine gekonnte Darstellung bringen?

In diesem Sinne möchte ich demnächst hier eine kleine Serie mit Blick auf einige Romane starten, die man wohl mit einigem Fug und Recht als Wenderomane bezeichnen kann. Dazu gehören in jedem Fall die hier im Text genannten Romane und eine Vielzahl mehr, wie etwa Eugen Ruges „In Zeiten abnehmenden Lichts“, Erich Loests „Nikolaikirche“. Selbst Bücher wie Clemens Meyers „Im Stein“ zählen vom Sujet her indirekt noch zu diesem Kanon der Wendeliteratur, stehen sie doch in einem engen Kontext zu jenen Umbrüchen, obgleich man dieses Buch sicherlich nicht als typischen Ost-Roman bezeichnen kann. Mal sehen, ob ich es schaffe, diese Serie mit ein paar Skizzen und Kritiken zu füllen. Die Auswahl erfolgt nach subjektiven Gesichtspunkten.

Fridays for Future (Teil 2)

Hier der angekündigte zweite Teil der Photographien.

 

 

 

Fridays for Future – Zur Klima-Demo in Berlin

Menschen strömen in den S-Bahnhof Rathaus Steglitz: Kinder, Erwachsene, Jugendliche, auch Lehrer sind mit dabei, es scheinen ganze Schulklassen auf den Beinen. Solche Szenen sah ich eigentlich nur bei Großveranstaltungen oder den großen Friedensdemonstrationen Anfang der 1980er Jahre. Sogar die Berliner S-Bahn beteiligt sich am Klima-Streik. Sie tut, was sie am besten kann: nicht fahren und nicht funktionieren. Die S 7 und andere Züge fielen bis zum Mittag wegen eines Stellwerkfehlers aus. Und wie üblich ließ die S-Bahn ihre Züge im zeitgedehnten Zehn-Minuten-Takt gondeln, während es auf dem Bahnsteig voller und voller wurde und an vielen Stationen die Leute einfach auf dem Bahnsteig warten mußten und auch im nächsten Zug vermutlich nicht mitkamen, weil der nämlich genauso voll war. Damit man einmal auch das Gefühl bekommt, wie es wohl in Tokio sein könnte. In der S-Bahn quetschten sich die Menschenkörper. Irgendein 13jähriger meinte in jenem Penälerhumor trocken „Wenn jetzt jemand furzt, stirbt der ganze Waggon.“ Fast alle wollten zum Brandenburger Tor, viele hatten Plakate und Transparente dabei.

Ein anderer junger Schüler, er mochte 15 oder 16 Jahre sein, erzählte von seinen Reisen in den Hambacher Forst, wie sie von der Polizei schikaniert wurden, wie ihnen die Übernachtung schwierig gemacht wurde, indem das Gelände, wo die Zelte stehen sollten, mit schwerem Gerät umgepflügt wurde, erzählte von Widerstand und Protest und sprach mit Emphase und ein wenig altklug, wie junge Menschen, die gerade die Politik für sich entdecken, manchmal sind. Ich kam mit ihm ins Gespräch. Der Junge schilderte, wie er und Genossen ein Denkmal mit politischen Parolen beschmiert hätten, allerdings mit Kreide, und wie dann die Polizei kam. Der junge Lehrer sagte mit einem süffisanten Lächeln. „Das will ich jetzt lieber nicht gehört haben.“ Eine schöne Atmosphäre, mir lächelte irgendeine Frau zu, so wie an diesem Tag ich häufig von Frauen Ende 30 angelächelt wurde. Ich weiß nicht weshalb, vielleicht lag es an meiner schwarzen Lederjacke und meinem harten Reporterblick. Vielleicht wollten sie auch einen vom Alter her gut situierten Mann. Sie waren bei mir an der falschen Stelle. Kriegsberichterstatter sind einsam. Und sie bleiben es. Wer jetzt keine Nikon hat, der hat sie nimmermehr.

Am Potsdamer Platz stiegen wir alle aus. Es herrschte auch dort ein Drängeln und Schieben. Alle strömten sie hin zum Brandenburger Tor. Massen und immer mehr an Menschen hier in Berlin. Kinder, Jugendliche, Eltern, aber auch Alte und jene Altachtundsechziger und auch Altachtziger wie ich, die schon damals bei den großen Protesten der BRD dabei waren. Fehlt nur noch, daß jemand die Graswurzelrevolution oder die UZ verteilte oder einem die Mitgliedschaft in der SDAJ aufschwatzen will. Linke aber genauso Bürgerliche gehen bei dieser Demo mit, politisch ganz unterschiedliche Menschen kamen hier und heute zusammen, um irgendwie mit ihren Mitteln ein Zeichen zu setzen.

Parolen wie „Ich sag Kohle, ihr ruft ‚Ausstieg‘“ sind ganz und gar nicht meine Sache, ebensowenig die Mitmachprogramme mit Herumhüpfen und Hände heben. Irgendwann sang von der Bühne Dota Kehr. Ich mag viele ihrer Lieder, auf den Text habe ich nicht gehört, aber die Melodie und die Art des Singens klangen schön. Ich hoffe, es war kein politisches Lied, denn da sind die Texte leider oft garstig-gräßlich und entbehren nicht eines gewissen Kitsches. Leider waren die Reden der unterschiedlichen Redner viel zu lang. Manche Zuhörer begannen schon mit den Füßen zu scharren.

Amüsant auch die Ansage vom (separaten) Lautsprecherwagen der Intersektionalisten und Queerfeministinnen: Bis sie zu Anfang ihrer politischen Ansprache all die Minderheiten aufgezählt hatte, war die Demo fast schon wieder vorbei. Ich wollte noch dazurufen: „Ihr habt Schlitzäugige vergessen und Menschen mit schiefen Zähnen“ ließ es aber dann doch um des lieben Friedens willen bleiben und weil ich weiß, daß man als Photograph am besten ungestört Photos macht, wenn man sich neutral verhält und ins politische Geschehen nicht weiter sich einmischt.

Eigentlich bin ich bei Demos immer unbehelligt geblieben, sei es von Seiten der Demonstranten oder der Polizei. Diesmal aber erwischte es mich, und das ausgerechnet auf einer solchen Veranstaltungen. Ich gehe seit 39 Jahren auf Demonstrationen, ich photographiere dort, ich habe Heftiges erlebt, ich kam in manche bedrohliche Lage, etwa wenn neben mir Polizisten zu Boden gingen, weil sie von Feuerwerkskörpern getroffen wurden oder wie ich in Bonn 1985 hinter einer Polizeikette lief und in einen Stein- und Tomantenhagel von Autonomen geriet, ohne daß mich was traf, zum Glück. Heute jedoch, bei einer Demo mit vielen Kindern, mit Erwachsenen, Lehrern, Angestellten, jungen und alten Menschen unterschiedlichster Prägung ist es mir passiert, daß ein Jugendlichen-Black-Block, es waren fast noch Kinder, mich beim Thomas-DehlerHaus, also der Parteizentrale der FDP, erwischte. Mit einem Farbbeutel, der neben mir aufschlug. Die gute Nikon D 600 schmutzig, die Hose rotrosa gesprenkelt, die Lederjacke fleckig. Na ja, dafür habe ich dann zehn Minuten später eine Verhaftung veranlaßt. Die Männer vom Greiftrupp wissen immer gut, wen sie holen müssen. (Nein, war ein Spaß – ich habe nur weiter aufmerksam beobachtet und bin mitgelaufen bis zum Ende und dort, wo es spannend sein könnte, daß abends dann die Knochen weh taten.)

Ich kann nicht ganz verstehen, wieso auf einer friedlichen Demonstration mit vielen Kindern ein Black-Block, diesmal in Grün-Lila allerdings, Bengalos zündet, mehrfach, bis dann ab dem Holocaust-Mahnmal ein Zug Bereitschaftspolizei den Block begleitet. Woraufhin sich in Rufen und Lautsprecherdurchsagen über die „Bullen“ und deren aggressive Art beschwert wird. Protestler, die ein Transparent wie „SUV-Macker abfackeln“ mit sich führen: mir ist nicht ganz klar, wie und inwiefern sich solche Personen mit Argumenten gegen rechtes Hatespeech positionieren wollen. Und wenn dann beim FDPHaus gerufen wird „Ganz Berlin haßt die FDP!“, so kann man das machen, wenn man das glaubt. Ich hätte denen am liebsten erwidert „Hier in Berlin werde ich sie bei der nächsten Wahl wählen!“ Es war ein ärgerlicher, selbstgefälliger und naiver Block. Vielleicht kann man diese Dummheit ihrem Jugendlichsein zugutehalten und dem damit verbundenen politischen Überschwang. Die Welt ist für sie schwarz/weiß, Differenzierungen und unterschiedliche Farben und Töne existieren in diesem Denken nicht – ich weiß eigentlich gar nicht recht, wie dieses instrumentelle Denken mit der Lektüre von Foucault und Adorno zusammengehen soll: wo man bei der Gesellschaft eine Differenziertheit einfordert, die man selbst jedoch nie bereit ist zu leisten. Verwunderlich ist das freilich nicht, das ragt bis in die Mitte, wenn Fernsehclowns wie Jan Böhmermann sich engagieren. Jedoch: zu meiner Zeit war es nicht anders. Aber ich schweife ab.

Wenn dann Gegenstände und Farbbeutel in Richtung des FDP-Hauses fliegen, fingen mit dem Krawall nun freilich nicht die „Bullen“ an, sondern der Jung-Black-Block. Sich hinterher darüber beschweren, daß Greiftrupps jene Leute, die solche Dinge machen oder ebenso im Zug gegen das Vermummungsverbot verstießen, später zu einem geeigneten Zeitpunkt herausholen, scheint mir nicht ganz unwahrscheinlich und irgendwie auch berechenbar. So zog der Zug sich hin. Zum Glück war diese Form des Protestes nur ein sehr kleiner Ausschnitt und allüberall bei dieser Demonstration ging es friedlich zu.

Im Anschluß an jene Fridays for Future-Proteste gab es vom Potsdamer Platz ausgehend noch eine Demonstration der Berliner Club-Betreiber. Unter dem Motto „No future no dancefloor“. In ihrem Aufruf zum Rave-Aufstand hieß es:

„Wir feiern viel, gern und verschwenderisch. Aber statt rassistischen Unsinn von Überbevölkerung zu labern, lieben wir es eng, laut, stickig und voll. Statt nationale Ausgrenzung wollen wir alle dabeihaben, egal woher sie kommen, wie sie lieben, begehren oder aussehen.

Unsere Nebelmaschinen ballern bis es von der Decke tropft und wir tanzen wie entfesselt. Aber wir sind nicht so vernebelt zu glauben, dass unser hedonistischer Ausnahmemoment die Welt zugrunde richtet und nicht der allesfressende kapitalistische Normalzustand.

Für nachhaltigen Feierexzess recyceln wir den letzten Schrott.“

Daß jene Leute das Klima retten wollen, scheint mir unglaubwürdig. Ich denke, die Raver samt ihren Gästen bekommen nicht einmal die basale Hygiene auf einer ihrer Club-Toiletten in den Griff.

Ansonsten aber, das muß man unbedingt dazu schreiben: Es war eine gute, eine wichtige und auch eine mächtige Demo, die da um 12 Uhr vorm Brandenburger Tor stattfand und dann über viele Stunden durchs Regierungsviertel zog. Und sie war vor allem friedlich. Und eben nicht nur in Berlin, sondern auf der ganzen Welt fanden diese Proteste statt. Man sollte keinem Alarmismus huldigen. Aber wenn eine Situation ernst ist, sollten man den Ernst der Lage nicht nur kennen, sondern auch benennen und sichtbar machen. Solche Aktionen sind symbolisch, sicherlich, und es konfligieren dabei unterschiedliche Ansätze und Forderungen; von Veganern über Bürgerlich-Liberale bis hin zu harten Kapitalismuskritikern und eben Kindern und Jugendlichen, die ganz einfach Angst um ihre Welt haben. Solch bunte Gemengelage ist nichts Neues, es gab sie bei den 1968ern schon, 1982 zu Friedensdemo-Zeiten gegen den Nato-Beschluß und sie existierte beim Anti-AKW-Protest jener 70er und 80er Jahre in Wyhll am Kaiserstuhl, in Brokdorf an der Elbe und in der Oberpfalz in Wackersdorf, als Bürger und Autonome zusammen demonstrierten, und auch zu der großen Fukushima-Demo 2011 in Berlin warʼs der Fall. Gerade dieser Protest lieferte 2011 ein wichtiges politisches Zeichen. Schön, daß so viele Menschen heute weltweit auf der Straße waren. Bei bei solchen Protesten geht es nicht unbedingt darum, Fachfragen zu debattieren. Sie sollen vielmehr politisch ein Zeichen setzen. Gehen genügend Menschen hin und sind es wie in Berlin gut 200.000 Menschen, dann muüssen auch SpOn und die Tagesschau darüber berichten. Schön wäre es, wenn man auch für Julien Assange, Edward Snowdon und Chelsea Mannings derart viele Menschen auf die Beine bekäme, denn auch dann müßte die „Macht um acht“ über solches berichten.

[Eine zweite Serie mit Photographien kommt morgen.]

 

Antisemiten, Islamisten und Israelhaß in Berlin – der jährliche Al Kuds-Marsch

Nun marschierten in Berlin wieder unzählige Menschen durch die City-West, vom Adenauer- zum Wittenberg-Platz. Es ist, zum Ende des Ramadan, heute wieder der unsägliche, vom Iran ins Leben gerufene Al Kuds-Tag, wo arabische, persische, rechtsextremistische und linksradikale Antisemiten in Berlin und in anderen Städten Europas den politischen Islam wie auch den Antisemitismus auf die Straßen tragen und eine Religion samt ihren Riten instrumentalisieren. Meist marschieren diese Leute im Verbund mit NPD-Funktionären, Mitgliedern des maoistischen Jugendwiderstands und der antisemitischen BDS-Bewegung, die zum Boykott jüdischer Produkte aufruft: Kauft nicht bei Juden, kauft nicht von Juden, kauft nichts aus Israel! Sie werden sicherlich auch keine französischen Weine vom Gut der Rothschilds trinken.

Ich bin im Augenblick leider zu beschäftigt, um auf dieser Ansammlung zu photographieren, insofern zeige ich einige Photographien von 2014, die ich schon einmal auf dem inzwischen entschlafenen Photo-Blog Proteus Image präsentierte. Schon damals reihten sich in diesen Zug auch deutsche Antisemiten ein, so die Rapperin Dee Ex und einige andere Rechtsradikale. Und da alles also beim alten ist, kann ich ebensogut auch  die alten Photographien zeigen.

Der Al Kuds Tag wurde im August 1979 von Ajatollah Khomeini ins Leben gerufen, um „den Usurpatoren und ihren Unterstützern die Hände abzuhacken“, um sozusagen mit den „muslimischen Palästinensern“ Solidarität zu zeigen. Interessant ist vor allem, wie seit 1979 über den Al Kuds-Mythos der (persische) Iran politisch und geostrategisch auf den jüdischen und arabischen Raum übergreift. Unter anderem auch mittels Finanzierung von Terrororganisationen wie Hisbollah und Hamas. Daß, nebenbei, für den politische Arm der Hisbollah in Europa kein Verbot existiert (die PKK hingegen ist verboten), scheint mir ein weiterer Skandal zu sein. Das ist in etwa so, als teilte man die italienische Mafia in einen kriminellen und einen kulinarischen Arm auf, dem man dann erlaubt, Essen zu servieren.

Und um es klarzustellen: Es ist sehr wohl möglich, die Politik Israels zu kritisieren, es gibt manches zu kritisieren, wenngleich Deutsche aus ihrer Geschichte heraus den Ball ein wenig flacher halten sollten. Solche Kritisieren geschieht in diesem einzigen demokratischen Staat im Nahen Osten, in dem es freie und geheime Wahlen gibt, auch durch viele Israelis: so wie man ebenso Trumps Politik in den USA oder Xi Jinpings Politik in  China und die von Putin in Rußland kritisieren kann oder eben die der Machthaber im Kongo oder in Syrien – seltsam freilich, daß es im Sprachgebrauch keine Saudi-Arabien-Kritik, keine Syrien-Kritik, keine Libanon- oder Jordanien-Kritik gibt, obwohl auch in diesen eher kleinen Ländern es einiges zu kritisieren gibt. (Aber das ist wieder ein anderes Thema.)

Was freilich nicht möglich ist und wo es antisemitisch wird, ist eine Kritik, die sich auf alle Juden, auf alle Israelis samt ihrem Staat kapriziert, die Israel als Grundübel der Welt ausmacht oder die den gesamten Staat Israel in seiner Existenz in Frage stellt, ihn mit Terror bedroht oder ihn von der Landkarte tilgen will. So wie eben an jenem vom Iran initiierte Al Kuds-Tag der Staat Israel als ganzer in Frage gestellt wird – auch auf den Demonstrationen. Offen formulieren es diese Leute dort nicht, aber insgeheim ist dies genau das Begehren. Ich habe mit einigen damals gesprochen – wenn man ein wenig auf deutschen Nazi macht, ist man bei ihnen wohlgelitten. Sie zeigen nach außen ein freundliches Gesicht, daß man bloß gegen den Zionismus und nicht gegen die Juden sei. Aber das eben sind Worte, die man zur Schau stellt, damit die ganze Chose nicht sofort verboten wird. Spricht man mit den Leuten direkt, kommt teils Erschreckendes zum Vorschein, nicht von allen zum Glück, aber leider von einer Vielzahl. Dennoch: Trotz all dieser widerlichen sich dort abspielenden Dinge. Das Demonstrationsrecht gilt auch für diese Leute. Ums so wichtiger ist der immer stärker werdende Gegenprotest. Parteiübergreifend.

Hier also noch einmal einige Photographien vom 25.7.2014.

(Sofern in diesem Beitrag unqualifiziert oder trollend kommentiert wird, schalte ich den Kommentar gar nicht erst frei bzw. lösche ihn ad hoc und ohne weitere Erklärungen. Ebensowenig bin ich bereit, generelle Israel-Anfeindungen hier zu diskutieren.)

Es war viel Weibsvolk anwesend – die AfD-Demo und ihre Gegenkundgebung

Ein Fahnenmeer vorm Hauptbahnhof und Hitzewellen in stickiger S-Bahn. Bereitschaftspolizei in Kampfmontur, darin es wie im Glutoffen sich anfühlen mußte. Sprechchöre dann draußen an den Absperrungen: „Ganz Berlin haßt die AfD!“. Wo anfangen? Ein heißer Tag in Berlin, an einem Sonntag im Mai. Ein Großkampftag für alle, eine Demo der AfD, eine Großdemo gegen die AfD, die vom Hauptbahnhof bis zum Platz des 18. März zog und sogar auf dem Spree-Rinnsal schipperten kleine Boote, Nußschalen und Kähne. Die Polizei konnte mit massiver Präsenz das Demonstrationsrecht durchsetzen, das genauso für die AfD gilt – auch wenn viele, die von Pluralität reden, es hier mit der Vielfalt nicht so genau nehmen und gerne die Demoroute der AfD blockiert hätten. Das Demonstrationsrecht gilt aber auch für die Feinde der Vielfalt, selbst für Islam-Nazis am 9. Juni zum Al Quds-Tag. Ebenso wie es Leuten freigestellt ist, in entsprechender Entfernung eine Gegenkundgebung abzuhalten. Mehrere davon gab es. Protestler säumten die Strecke auf der anderen Seite der Spree gegenüber dem AfD-Zug und auch vorm Hauptbahnhof standen die meist jungen Leute in der Hitze, riefen Sprüche und hielten ihre Transparente in luftige Höhe, so daß es die AfDler gegenüber sehen und vor allem hören konnten. Beim Paul-Löbe-Haus entdeckte ich Christian Ströbele am Stock und trotz Gebrechen war er dabei. Tanzen und raven auf der „AfD wegbassen“-Demo wird er wohl nicht mehr, dachte ich, aber unermüdlich ist dieser Mann.

Mindestens 10 Gegenkundgebungen, was organisatorisch ein Problem bedeutet. Für mich. Denn egal wie ich es bei solch einem Großevent anstelle: ich bekomme nicht alles in den Blick, zudem gesundheitlich angeschlagen, die Sonnenglut tut ein übriges. Rennen, ein mögliches sich retten, Schnappschuß-Jagd war nicht möglich. Eher ruhiges Flanieren, schauen, sichten. Der kranke Körper rebelliert. Flaue Photoausbeute am Ende. Das kommt, wenn der Photograph nicht gestimmt ist. Zur AfD hin war bereits alles abgesperrt und auch auf gutes Zureden ließ mich der Polizist nicht passieren. Schade, denn ich hätte gerne gesehen, was dort vor sich geht und hätte gerne Gauland gehört, den ich nicht uninteressant finde. Die Dummheiten der Linken kenne ich, nun wollte ich einmal auch die der Rechten in Erfahrung bringen, und es funktionierte nicht. Kein Durchkommen. Zu spät gekommen. „Wären Sie früher dagewesen, wäre es ok.“ Ich mag die Antworten von jungen Polizistinnen und wenn die charmant lächeln. Ich lächelte zurück und zog weiter.

So eilte ich zunächst zum Großen Stern, wo verschiedene Clubbetreiber eine Kundgebung starteten: AdD wegbassen. Eine Art Liebesparade gegen die AfD. Und so geschah es: wummernde Beats und Bässe. Partyvolk, das tanzte, verschwitze Körper, die im Takt der Musik schwangen oder freundlich schunkelten. Viele junge Menschen, junge Männer, junge Frauen, junge Nicht-Mann-nicht-Frau-Halbwesen, junge als Mann gelesene Frauen – oh, ich merke, ich wollte nicht spotten. Nette Menschen waren es. Viel trivial und trallala. Ich schaute mich um, schaute auf junge Pobacken, die aus Shorts hervortraten. Anblick und Wohlgefallen. Als dann der Sprecher auf dem Hauptwagen seine Demo-Durchsage damit beendete, daß hier gerade ein weißer cis-Mann gesprochen habe und also die herrschende Macht dieser Gesellschaft und von ab jetzt nur noch Frauen, andersfarbige, queer-, trans- und intersexuelle Menschen ans Mikro dürften, machte ich mich ob solchen Gesinnungsquatschs und Quotenpolitik vom Acker und versuchte an die Orte der Konfrontation zu gelangen. Vielleich werden sie irgendwann auch den Spielfiguren von Playmobil ein Rederecht erteilen. Ach, wenn wenigstens Alf gesprochen hätte – ich hätte lachen können. Das aber geschah nicht. Man kann heute nicht mehr links sein ohne gutes Gewissen.

Viel war nicht zu holen – photomäßig. Alles gut abgesichert. Müde Knochen in mir. Ins Gebüsch in den Tiergarten hinein, und dort standen die Menschen vor den Absperrungen hin zum Platz des 18. März, es riefen die Menschen ihre Parolen, hielten Plakate, brachten ihre Slogans. Manche mit Witz, andere mit dem Haß, den sie bei der AfD beklagten. Junge Männer in schwarzen North Face-Jacken, Kapuzen, Sonnenbrillen, Rücksäcke, aus denen plötzlich Feuerwerk geholt wurde, im Gebüsch des Tiergartens vorm abgesperrten Platz, und einer warf einen dieser Böller durch die Lücke zwischen den Sträuchern auf die Polizeiketten. Sinnfrei, ohne Grund, ohne daß irgendwer provoziert hätte. Allein aus Lust an der Gewalt und niemand aus der Gruppe derer, die vorgeblich gegen den Haß waren, protestierte oder hielt den jungen Mann zurück: „So nicht, mein Junge! Wir wollen keinen Haß schüren“. Im Gegenteil. Als ich mich ereiferte, wurde ich böse angeschaut. Ich konnte diese Szenen nicht im Bild festhalten, weil es zu schnell ging und ich nicht nahe genug dran war im Getümmel. Ich hätte sie gerne abgelichtet und war zum ersten Mal derart wütend, daß ich am liebsten diese nichtvorhanden Dokumente an die BFE geliefert hätte. Einzig eine mittelalte Frau protestierte vehement und lautstark, sie wurde aber sogleich angegangen, und eine junge Frau, die mit zu der Gruppe der Gewalttäter gehörte, wollte an ihr zerren. Aber da ging dann doch einer von den Begleitern dazwischen. Immerhin. Aber das Partyvolk hatte Spaß am Tanzen. Und auf den Straßen ging es beschwingt zu. Ein seltsamer politischer Protesttag.

Die Antifa im übrigen (oder ein Teil derselben)  tat im Vorfeld genau das, was die AfD von ihr erwartete:

„Vor AfD-Aufmarsch die „Bibliothek des Konservatismus“ eingefärbt“,

„AfDler im Wedding markiert. Letzte Nacht wurden im Berliner Stadtteil Wedding Wohnung und Arztpraxis zweier AfDler farblich markiert.“

„Glasbruch bei Wild“

„Friedrichshainer AfDler besucht“

So heißt es in dem linksextremistischen Portal Indymedia. Gut dokumentierte Straftaten sozusagen. Der Hinweis, Opfer linker Übergriffe zu sein funktioniert also. Und das rückt dann leider auch die Opfer rechter Übergriffe in den Schatten, weil hier das üblich-üble Spiel der Aufrechnungen einstetzt.  Rechts- und Linksextremisten berühren sich an den Rändern. Und „farbliche Markierungen“ bei Andersdenkenden erinnern mich nicht an Widerstand, sondern lediglich an ungute Zeiten. Umso erfreulicher aber, daß die Gegenkundgebungen ansonsten weitgehend friedlich verliefen.

„Die Toten kommen“ (2)

Berlin, 21.6: „Die Toten kommen“ – Kein Mensch ist illegal!

Ja, es ist traurig – in der Tat. Manche beklagen sich darüber, daß die Aktion des „Zentrums für Politische Schönheit“, moslemische Flüchtlinge nach dem Ritual ihrer Religion in Berlin zu beerdigen, pietätlos sei. Diese Menschen, die bei ihrer Flucht im Mittelmeer ertranken oder auf eine andere Weise starben und deren Leichname jene Aktivisten dann – mit Genehmigung der Angehörigen – aus einem Massengrab aushoben und in die BRD überführte, sollen in Berlin eine Grabstätte erhalten. Der Ort dürfte mehr als passend sein, denn es handelt sich um die Hauptstadt der BRD: Was an dieser Aktion pietätloser und würdeloser sein soll, als Menschen im Mittelmeer wissentlich ertrinken zu lassen und billigend ihren Tod in Kauf zu nehmen, interessierte mich denn doch. Zumal es sich dabei eben auch um eine symbolische Aktion handelt. Denn die Särge waren ja leer. Nichts drinnen. Aber selbst ein leerer Sarg macht manchen Menschen noch Angst. Bloß nicht an den Problemen rühren und besser die drei Affen geben. Doch bei jedem Toten an der ehemaligen DDR-Grenze wurde – ganz zu recht übrigens – eine große Klage angestimmt. Wie unterschiedlich doch die Blicke gewichtet sein können.

An den Reaktionen der Öffentlichkeit sieht man dann gut, welche unterschiedliche Wertigkeit der Tod hat. Der Tod der eigenen Leute und das Sterben und Leiden der Anderen. Da könnte man nun schön mit der „Antigone“ kommen: Mit der von Sophokles, die von Anouilh ist mir zu einfach, reduziert und unterkomplex getextet. Wie und in welcher Weise darf man die Toten beerdigen und welches Gesetz steht eigentlich höher? Viel des Unheimlichen ist, doch nichts unheimlicher als der Mensch. In der Weise, wie wir derart unterschiedliche Wertigkeiten bei Leben und Tod setzen, läßt sich das Unheimliche als Skandalon gut beobachten. Jedoch: Es gibt ein Gastrecht. Der Zyklop Polyphem etwa mißbrauchte es grob und widerlich, als er Odysseus und seine Gefährten verspeisen wollte. Eine schöne und in diesem Zusammenhang passende Metapher: Sich etwas einverleiben – und sei es auch nur die Arbeitskraft von Menschen. Odysseus tat gut daran, diese Gestalt aus einer archaischen Vorwelt zu blenden und auf die Frage des Polyphem, wie der Name des Blenders laute, mit Niemand zu antworten. Wir sind viele. Wir haben keine Namen

Weshalb nicht ein Gräberfeld vor dem Bundestag? Die, die ansonsten bei jeder symbolischen Handlung, die Frau Merkel oder der lächerliche Bundesgauckler vorführen, alles prima, staatstragend und gehaltvoll finden, kommen mit einem Mal mit ihrer kruden, billigen Moral und geben sich würdevoll. Erbärmlich. Als ob diese Heuchler, diese dreimal getünchten lebenden Gräber sich ansonsten um die Pietät und die Würde der Flüchtenden scherten. Aber CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach salbadert: „Mit solchen Aktionen werden Grenzen der Pietät überschritten.“ Der war gut.

Bei einem Bericht wie dem von Hannah Beitzer heute in der SZ-Online über diese Kundgebung kann man dann nur noch mit dem Kopf schütteln. Widerliche Hofberichterstattung einer Journalistin, und das ohne Bewußtsein der Probleme, geschweige denn ohne Kenntnis von Kunst. Unterkomplex und ohne vor Ort zu sein. Wäre das, was vor dem Reichstag die Polizei durchzog, in Moskau passiert und die Polizei hätte den Demonstranten mit der Faust in die Fresse geschlagen und auf Köpfe eingeprügelt, so schriee Hannah Beitzer laut: „Welches Debakel für Menschenrechte und Demokratie“. So aber schweigt sie still und macht diese Aktion lächerlich, indem sie den Eventchakter hervorkehrt, weil sich Menschen mit Handys photographieren. Wie witzig Hännchen-Klein! Dieselben Journalisten, die jeden Scheiß twittern und die bei dem symbolischen Firlefanz der Regierenden brav den Hofknicks samt dreifachem Kotau tätigen und in die gebeugte Lage sinken, weil ansonsten die Brocken Information von den Mächtigen, die zuweilen abkrümmeln, weniger reichlich ausgefallen wären, spielen plötzlich Anstandsherr oder Anstandsdame. (Es gibt viel schlimmere und ekligere Journalisten, die einfach nur Kettenhunde sind. Hannah Beitzer ist da noch harmlos und im Grunde zu vernachlässigen.)

Egal wie: es handelt sich bei dem, was das „Zentrum für Politische Schönheit“ betreibt, um eine Aktion der Kunst. Dieser (nicht ganz ungewichtige) Umstand wird häufig vergessen und übersehen. Ja, es gibt sie noch: die Aktionskunst, die manchmal sogar provoziert. Nur dann, wenn es laut wird und manchmal knallt – so geht nämlich die Logik der bürgerlichen Presse – wird auch berichtet. Es handelt sich um praktizierte Politik, es handelt sich um Gesellschaftliches, das sich in bestimmten Szenarien symbolisiert. Gegen 14 Uhr sammelten sich nahe des Regierungsviertels die Teilnehmer dieser Aktion. Der Zug traf sich Ecke Charlottenstraße/Unter den Linden, wenige Schritte entfernt von der schrägen und seltsamen Veranstaltung „Open Classic“ auf dem Bebelplatz, wo Daniel Barenboim gerade den kitschig-schmalzigen und entsetzlichen Tschaikowsky dirigierte. Zunächst war es von der Polizei verboten, im Zug mit Baggern zu fahren (sic!), Särge mit menschlichen Leichen (oder was das Mittelmeer von ihnen anspülte bzw. übrigläßt) und Holzkreuze mitzuführen. Vereinzelt wurden Kreuzträger aus der Menge herausholt und die Kreuze beiseite gestellt. Dann aber war es doch erlaubt, Kreuze mitzuführen. Im Zug befanden sich zudem einige wenige Querfrontler von „Friedensfusion“, die auf ihrer Homepage den homophoben Schlagersänger und Deutschbarden Xavier Naidoo ganz ganz herzlich begrüßen. (Wenn schlimmer und dummer Pop-Kitsch auf einen Namen hört, dann auf jenen.)

An dieser Demonstration nahmen wohl an die 7000 Menschen teil, viele junge Menschen, aber ebenso Mütter und Familien mit ihren Kindern. Die Versammlung zog Unter den Linden entlang, manche malten Kreuze auf den Boden oder klebten mit schwarzem Gaffer Tape Kreuze an verschiedene Objekte. Dann knickte der Zug kurz vorm Brandenburger Tor rechts ab in die Wilhelmstraße und nach einem Linksschwenk über die Scheidemannstraße am Reichstag vorbei, gelangte er bis vor das Kanzleramt und verweilte dort in Stille. Symbolisch wurden dort vor einem Schild Särge deponiert. Bagger wurden bei dieser Veranstaltung nicht mitgeführt. Außer einer in Miniatur. Mit einem Male aber stieß der Bauzaun, der die gesamte Reichstagswiese umgrenzte, wie durch einen schönen Zufall um. Da rannten plötzlich Tausende Menschen friedlich auf die Wiese. Die Polizei ging immer wieder dazwischen, einige Polizisten mit unverhältnismäßiger Brutalität und in Hooliganmanier  mit Faustschlägen, auch Journalisten wurden angegriffen. (Wehe, wenn das in Moskau, Belgrad oder Peking passiert wäre!)

Daß die Berliner Polizei nicht besonders beliebt ist, dürfte gute Gründe haben. Da hilft dann auch kein anbiederndes Twittern. Eine Reihe von Photographien zeige ich in einem ersten Teil hier im Blog. Ein zweiter Bild-Teil folgt.

 

 

 

 

Zwischen Al Quds-Tag und Überlegungen zur Photographie von Ereignissen

Zwischendurch einmal wieder etwas Palästina, Gaza, Israel. Zum Al Quds-Tag zog ich gestern hinaus, um zu photographieren. Es sind dabei einige Bilder entstanden, die ich auf Proteus Image zeige. Da es sich um zahlreiche Photographien handelt und vermutlich niemand sich 120 Bilder ansehen mag, teile ich die Aufnahmen in mehrere Serien auf, so daß geneigte Betrachterin, geneigter Betrachter sich die Photographien in verdaulich-leichten Happen und Stücken, Tag für Tag ansehen kann, wie man ein paar feine Petit Four verspeist, die wir zwischendurch verabreichen.

So angenehm und interessant es auch sein mag, sich mit den Menschen auf der Demonstration zu unterhalten, sei es mit dem klerikal-schiitisch gestimmten Iraner, für den es nur einen einzigen Gott gibt, die Allheit (die vermutlich auf den Namen Allah hört), wie er sie nannte, weil er mich wohl für einen Christen hielt und neutral sprechen wollte oder der kritischen Jüdin, die nicht weiß, auf welcher Kundgebung sie mitgehen soll und die in der Nähe des Kudamms wohnt, so schwierig ist ein solches Gespräch zugleich. Entweder du hast den photographischen Blick drauf, springst in den Bildmodus, der auf die Situationen geeicht ist, oder du bist in der Analyse drinnen, sichtest Situationen als Schreibanlässe. Fürs Notizbuch im Kopf. Photographie funktioniert jedoch anders. Ich wittere brenzlige Situationen. Wo geht noch was, wo ist die Gefahr unverhältnismäßig zum Ertrag der Photographien, welche Szenen ablichten, welches Gesicht? Was passiert als nächstes, wo bahnt sich Konflikt an? Wie fällt das Licht? Brauche ich einen Blitz, Blende hoch, Blende runter, Bewegungsunschärfe, die sich vorbeidrängende schubsende Polizeikette.

In dieser Wahrnehmungsweise arbeite ich nicht mehr als Schriftsteller, Essayist oder Journalist, ich kann das, was geschieht, nicht verbalisieren – will es auch gar nicht. Reflexion auf einen Gegenstand oder eine Situation setzt die betrachtende Distanz voraus, kluges Denken und Urteilen erfordert Abstand und nicht die Unmittelbarkeit. (Das gilt für viele Aspekte.) Es schiebt sich etwas zwischen die Wahrnehmung und das Geschehen: die Sprache. So wie sich beim Photographieren, in anderer Weise freilich, zwischen Wirklichkeit und Blick die Kamera drängt. Weil ich mit einer Kamera in der Hand immer photographisch fixiert bin, muß ich insofern diese häufig interessanten Gespräche meist wieder abbrechen, insbesondere, wenn ich an der Reaktion der Menge bemerke, daß irgendwo Tumult ausbricht. Geht noch ein gutes Bild? Leider ist es in den Menschmassen meist schwierig, nahe dran zu sein. Wie also sich durchzwängen, ohne die Menschen zu sehr zu verärgern?

Die Logik der Produktion von Photographien ist eine andere als die des Schreibens.

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Nachtragend zum Gestern: den zweiten Teil der Bilderserie gibt es hier zu sehen.

Die Macht des Saturn: Die Revolution frißt ihre Kinder. Berlin, 1. Mai

Ich werde dieses Jahr vierzig. Oder war es fünfzig? Ich weiß das nicht mehr so genau; ich habe es vergessen. Menschen werden älter, so istʼs nun einmal, Menschen ändern sich, wenn sie älter werden. Manche, so sagt man, werden reifer und sogar weiser. Ich zum Beispiel esse nur noch vegan zubereitete Fleischgerichte. Das habe ich früher nicht gemacht. Jedoch schaue ich, wenn Mutter und Tochter durch die Straßen gehen, immer noch der Tochter hinterher und ignoriere die Mutter, während manchmal eine Mutter scheu nach mir blickt. Ich bin dann sehr traurig, weil ich bemerke: Du mußt die Blickrichtung ändern. Forever young war das Versprechen der Pop-Musik, sie konnte es freilich nicht einlösen – es sei denn, man kurt-cobainisierte sich rechtzeitig. Lese ich deshalb Diedrichsens Buch „Über Pop-Musik“, um mich an den unwiederbringlichen Momenten zu delektieren und an die Zeit zu erinnern, da die Haut der Frauen und auch die meine glatt war und die Illusionen ins Unendliche ausgriffen? Als ich noch ungestraft die Töchter der Mütter anschauen und manchmal sogar berühren durfte? Nach dem Seminar. Abends. Nach dem Wein.

Auch wird meine Laufkondition schwächer, und ich trage nicht mehr gerne 15 kg Ausrüstung mit mir herum: insofern wird dies meine letzte Maidemonstration sein, auf der ich Photographien machte. Oder aber ich muß lange vorher ein Lauf- und Krafttraining absolvieren. Da ich jedoch Fitness-Center verabscheue wie Guttempler den Alkohol, bleibt es beim Lauftraining. Zudem herrscht auf den Demos beim Schwarzen Block ein deutlich rauerer Ton. In den Zeiten von Facebook, Instagram et al. ist das Photographieren nicht mehr so gerne gesehen. Früher war es den meisten egal, heute kann einer, sofern er nicht vorsichtig ist, schon mal was auf die Kamera bekommen. Ich habe mir ebenfalls eine schwarze Freizeitjacke gekauft. Aber keine von North Face, sondern eine von Boss, denn ich mag diese leicht glänzende, wasserabweisende Material nicht leiden.

Glanzstück der Polizei war es, gegen halb zehn den extrem engen U-Bahnhof Hallesches Tor zu stürmen und eine Menschenpanik mit Verletzten auszulösen. Immer wieder schlugen dabei Polizisten wahllos in die Menge, diverse völlig unbeteiligte Menschen bekamen die deeskalierende Wucht der Polizei zu spüren. Wenn der Berliner Innensenator Henkel vom besonnen Verhalten der Polizei spricht, so klingtʼs wie Hohn. Zumindest kann er nicht diese Situation gemeint haben, wo unbeteiligte Menschen sich weinend aus dem U-Bahnhof zu zwängen versuchten und riefen: „Ich will hier doch nur raus!“

Allerdings muß dazu gesagt werden, daß zum Beginn der 18-Uhr-Demo im Zug eine riesige Menge von Dumm- und Hohlköpfen herumlief. Von den sinnleeren absurden Parolen angefangen: Obligatorisch war wieder mein Lieblingsslogan – seit bald 30 Jahren – dabei: „Wir sind nicht alle, es fehlen die Gefangenen!“ Und was hat es mit linker Politik zu tun, über Autos zu springen? Ist es autonom und antifaschistisch, wenn vor einem vierjährigen Jungen, der von seinem Vater im Arm gehalten wird, eine Flasche aufschlägt?

Photographien dieser Veranstaltung gibt es auf meinem Bilder-Blog Proteus Image zu sehen. Um 22 Uhr ging ich dann nach Hause, weil ich von der Kondition erschöpft war. Sowieso konnte ich die Dauerläufe des Schwarzen Blocks und der Polizei nicht mitmachen. Der Bewohner des Grandhotel Abgrund neigt zu einer gewissen Behäbigkeit, die dem abendlichen Hegel-Wein geschuldet ist.

Prinzipiell richtig übrigens ist der Ruf gegen die Polizei: „Wo, wo, wo wart ihr in Rostock?“ Sachlich korrekt muß man allerdings antworten: Die Polizisten, die gestern in Berlin standen, waren zu dieser Zeit höchstwahrscheinlich in der Grundschule oder im Kindergarten – sofern sie überhaupt schon auf der Welt waren. Sein oder Dasein? Das ist hier die Frage. Aus unserer Serie: Heideggern mit der Polizei. Ihnen einen angenehmen Tag!