10. Juni 1982, Bonn, Hofgarten, die Grünen und 40 Jahre danach

„Vorwärts! Nieder! Hoch! Nie wieder!

Von Mummelgrummel – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

„Das Basteln von Papierfriedenstauben gegen Atomraketen ist faktisch ein Zuverlässigkeitstest auf die Unbeirrbarkeit der Gesinnung, denn das Maß für Glauben, Gesinnung, Gefolgschaftstreue ist die Standfestigkeit in der Bewährungsprobe, auf welche der Verstand und die Vernunft sie stellt“.
(Wolfgang Pohrt, Der Krieg als wirklicher Befreier
und wahrer Sachwalter der Menschlichkeit [Text von 1983])

„So ist die Friedensbewegung vor allem ein Teil des Übels,
für dessen Therapie sie sich irrtümlich hält.“
(Wolfgang Pohrt, Der Krieg als wirklicher Befreier [1983])

Manche aus meiner Alterskohorte (und Ältere sowieso) erinnern sich noch gut an dieses Ereignis, und sie waren auf dieser legendären Demo in Bonn dabei. Denn dies war unsere Zeit, die der Westjugend: die 1980er Jahre, die Friedensbewegung mit ihren Sitzblockaden in Mutlangen und an vielen anderen Orten, ihren Aktionen und ihren Großdemos, drei davon in Bonn, der damaligen Bundeshauptstadt: 1981, jene von 1982 und noch einmal 1983. [Für meine jüngeren Leser: Bonn ist lebensmäßig sowas wie Berlin, nur kleiner, aber ebenso provinziell.] Die in kölnischer Mundart singende Rockpopgruppe BAP machte zu jenem aufwühlenden Tag sogar ein Lied – „10. Juni“ hieß es passender wie einfacher Weise und einfach meint damit politisch trivial, wenn man an Text und Refrain des Songs denkt. Adornos Ausführungen über Popular Music und Protest werden viele sicherlich noch im Kopf haben. Es sei hier auf diese kurze Passage noch einmal verlinkt.

In solchen (Groß)Demos, teils mit der Musik von BAP begleitet, teils mit Bots‘ genial-dämlichem Lied „Aufstehen“, teils mit Punk und Ton Steine Scherben, teils auch mit Fehlfarben und „Keine Atempause“, fand der politische Protest seinen Ausdruck, mal irrsinnig blöd, mal emotional verweint und verwirrt, weil Le Angst, mal hart und wenig zart, mal witzig und laut, mal aus Klugheitsgründen heraus: gegen jenen Nato-Nachrüstungsbeschluß, der von Helmut Schmidt auch gegen Teile der eigenen Partei durchgesetzt wurde und von dem ich im nachhinein sagen muß: Er war gut und er war richtig. Wir hatten uns geirrt und sie hatten recht, denn jenes Nachrüsten war nicht nur ein weiterer Anstoß dafür, daß der Ostblock wirtschaftlich kollabierte und sich auflöste, daß es für die Völker Osteuropas nach 1939, 1945 endlich Freiheit von Repression gab, daß eine alte und versteinerte Welt zusammenbrach. Diese Einsicht freilich ist keine Selbstverständlichkeit, die sich in der Linken als Sichtweise durchsetzte. Östlich der Elbe war Terra Incognita, bis Wladiwostok, ab da durfte wieder geschaut werden: wobei freilich die auf alten Landkarten geschnörkelte Wendung „Hic sunt dracones“ fürs unbekannte Land im Blick auf den Ostblock und Ostzone einige Wahrheit besaß. Ein Teil jener Linken begleitete diesen Zusammenbruch mit einer nicht nur klammheimlichen Trauer. Scheißdeutschland und der Spruch „USA, SA, SS“ (die Kritischen Theoretiker Adorno und Horkheimer hätten sich im Grabe umgedreht) wogen mehr als die Freiheit der anderen.

Wer nach dieser Zeitenwende mit einem „Aber der Westen und die Verwerfungen, die das im Osten und in der Sowjetunion brachte“ als Reflex kommt, der möge sich eine diese Dokus über die Stasi ansehen, so z.B.: „Feind ist, wer anders denkt“ (2018), sie lief kürzlich auf ZDF-Info und ist in der Mediathek nachzusehen. Oder er bereise den Jugendwerkhof in Torgau (ein Folterlager für Jugendliche) und das Stasi-Museum in Hohenschönhausen und schaue sich die Ausstellungen dort an oder befasse sich überhaupt einmal mit dem Repressionsapparat des Systems DDR und Sowjetunion. Diesen Blick für den Ostblock und für Bürger- und Freiheitsrechte auch dort im Machtbereich des Ostens hatte ein Großteil der Linken damals wie heute nicht.

Die DDR war bei großen Teilen der Westlinken und auch in der Friedensbewegung nicht auf dem Schirm, man verschwieg sie besser oder begnügte sich, weilʼs irgendwie doch Fleisch vom eigenen Fleisch war, mit dem dahingenuschelten Hinweis „Na ja, das meinen wir nicht mit Sozialismus!“, um dann das Thema schnell-kritisch-elegant zu wechseln: „Ja, aber die Genossen im Westknast!“ usw. usf. Der Westknast war in Dauermund, der Ostknast war es nicht. Ich hatte das große Glück, daß ich bereits Anfang der 1980er Jahre dank der Texte, Lieder und Auslassungen von Wolf Biermann und andere DDR-Autoren ziemlich genau wußte, daß die DDR ein politisches Desaster war. Nicht anders als heute Putins Rußland. Wer es wissen will, kann es wissen.

Von einem großen Teil der Westlinken hörte man zu den Zeiten des Friedensprotestes wenig, als 1983 im Rahmen der Antikriegsproteste die DDR-Bürgerrechtlerinnen Bärbel Bohley, Ulrike Poppe, Jutta Seidel und Irena Kukutz von der Aktion „Frauen für den Frieden“ nach einem Treffen mit der Neuseeländischen Aktivistin Barbara Einhorn in Ostberlin verhaftet wurden wegen „Verdachts auf landesverräterische Nachrichtenübermittlung“. Die Stasi verbrachte jene oppositionellen Frauen in die berüchtigte Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen. Erst durch massiven öffentlichen und öffentlichkeitswirksamen Protests insbesondere der Westberliner Grünen wurden die Frauen nach sechs Wochen Untersuchungshaft freigelassen. Soviel zum System DDR und auch heute zum System Putin, wo ähnliches geschieht und wo bei Teilen der Linken ein ähnliches klandestines Schweigen herrscht.

Der Zusammenbruch des Ostblocks brachte zwar nicht Gerechtigkeit, Gleichheit und Glück, aber immerhin doch eine Form von Freiheit, die es Menschen erlaubt, nach ihrem eigenen Gusto gegebenenfalls auch ihr Land zu verlassen. Und manche in der DDR-Bürgerrechtsbewegung wollten lieber Kohl oder sonstwas, aber keine neue linke Operation am offenen Herzen, sondern sie wollten, daß mit diesen Dingen Schluß ist. Soviel zu den Grass- und Lafointaine-Überlegungen, die da aus dem sicheren Westen heraus ihre Trockenschwimmerübungen in Sachen Sozialismus machten. Vor allem aber brachte dieser Zusammenbruch den von der Sowjetunion 1939 annektieren Ländern Estland, Lettland und Litauen die lange ersehnte Freiheit. Gleiches galt für Polen, Ungarn, die Tschechoslowakei, Rumänien und Bulgarien. Es geschah 1989 das, was Hegel die List der Vernunft nennt: im Schlechten – nämlich dem Zusammenbruch der Lebenswelt und der alten Realität vieler Menschen – realisiert sich dennoch ein Richtiges, nämlich die Freiheit für Millionen Menschen im Machtbereich der Ost-Apparatschiks. Einer der Gründe dafür war eben auch die Nachrüstung der NATO und daß der Osten wirtschaftlich dabei nicht mithalten konnte. Absehbar war der Zusammenbruch für Experten zwar schon 1980, aber auch hier half dann die Politik der tausend Nadelstiche.

„Frieden schaffen ohne Waffen“, so riefen wir damals auf den Demos. Manche mit Haß auf die USA, manche mit kalter Ablehnung, manche mit einem „Ja, aber“, manche mit dem Gedanken, daß es in der US-Kultur viel Gutes gab, von Kunst bis Pop-Musik, aber ein Freund der US-Politik insbesondere unter Ronald Reagan war keiner. Unterschiedlichste Gruppierungen liefen bei diesen Protesten mit, vom DDR-DKPler über den Maoisten bis zum Sponti, den Autonomen, den Öko-Linken und den Graswurzelrevolutionären, bis hin zu SPD- und Kirchenkreisen, die gerade erst gegründeten Grünen, Lehrer, Schüler, Mütter, Väter, Ärzte, Angestellte gingen auf diesen Demos mit und waren in der Friedensbewegung vertreten: An jener Heterogenität der – damaligen! – Friedensbewegung zeigte sich auch die Heterogenität der damligen West-Linken. Und die alten Debatten – bis zum Krefelder Appell, den beileibe nicht jeder teilten. Auch Ostraketen waren Atomraketen. Aber was damals schon aus dem Fokus geriet, ist bei der heutigen „Friedens“bewegung gar nicht erst Thema: das da ein Diktator mit Atomwaffen und drittem Weltkrieg droht: auch daran sei die NATO schuld. Einfaltspinsel gleich Ausfallspinsel. Hier ist es der Ausfall des kompleten Denkens.

Antideutsches ziemlich deutsches Intermezzo

Es zeigte sich mit der Zeitenwende 1989 eine neue Strömung, die in der Linken hinzutrat: die der Antideutschen, die auf eine Weise links waren, daß sie aufgrund deutscher Geschichte und der Shoah Deutschland zum Teufel wünschten („Nie, nie, nie wieder Deutschland“!, so ging der Ruf nach der Wende auf Demos, was sie freilich mit dem Großteil der Linken teilten); daß jene Antideutschen bedingungslos für das Existenzrecht Israels eintraten, was sie nur noch mit wenigen Linken teilten und daß sie spätestens mit dem Angriff des Irak auf Israel 1991 es mit dem alten linken Erbfeind USA hielten, die für das Existenzrecht Israels auch militärisch einstanden und damit in Opposition zu den verschiedenen Autonomen Bewegungen und der alten wie der neuen Antiimperialistischen Linken gerieten: Das ist eine Geschichte, die über die Friedensbewegung weit hinausreicht. Warum ich jene Antideutschen als Teil der Linken dennoch erwähne? Weil hier eine – List der Vernunft – pragmatisch denkende Linke auftrat, die sehr wohl wußte und begriff, daß man Frieden schaffen teils auch mit Waffen bewerkstelligen konnte und sogar mußte, wenn es um die intakte Staatsstruktur Israels ging und daß es staatlicher Organe und einer starken Macht bedarf, um einen so fragilen Staat wie Israel – Heimat vieler Juden nach der Shoah auch – überhaupt am Leben zu erhalten. Und dies sogar im Bund mit einem „imperialistischen“ Land, dem einzigen Land freilich, das ökonomisch und militärisch in der Lage war, diesen Schutz der Juden und Israels zu leisten: der USA, Exilort auch der Kritischen Theorie, auf die sich jene Antideutschen beriefen: Adorno, Horkheimer, Benjamin, Marcuse, Löwenthal und auch Kracauer.

Wir aber dachten 1980, 1981, 1982 ff. pp. anders im Blick auf die USA wie auch auf die NATO- Waffen. Das Recht zu solchem Anti-Rüstungsprotest hatten wir jedenfalls schon wegen unserer Jugend auf unserer Seite – so glaubten wir. Jugend will mehr, Jugend ist moralisch oder politisch teils hochfahrend. Es ist das alte Ding der sozialen Bewegungen: sie weisen auf ein politisches Problem oder eine kritische Lage, oft mit überschießender Energie. Solche Bewegungen haben mit ihren Maximalforderungen zugleich ein Gutes: sie müssen sich nicht an der politischen Realität messen. Forderungen zu stelle, ohne die politischen Möglichkeiten zu haben, sie realiter umzusetzen, ist insofern einerseits eine angenehme Sache, weil man vieles fordern und wenig dabei machen muß. Es handelt sich um Forderungen auf dem Papier und nicht solche, die im Raum tatsächlichen politischen Handelns, der politischen Organe sowie der Institutionen und auf der Ebene der Paragraphen und Gesetze sich bewegen müssen. (Sie können es, aber sie müssen es eben nicht.) Manchmal freilich auch das Prinzip Kinderkaufmannsladen: man tut so als ob. Da kann viel gefordert werden, ohne daß es mit echtem Bargeld eingelöst werden müßte.

„Wehrt euch, leistet Widerstand, gegen die Atomwaffen im Land“

© Archiv Grünes Gedächtnis

Aber auch solcher Protest und passiver Widerstand ist per se nicht schlecht, weil Opposition, sei es parlamentarische, sei es außerparlamentarische, mit interessanten Überlegungen und anderen Ansätzen neue Gesichtspunkte einer scheinbar abgeschlossenen Sache freilegen kann, die womöglich später dann in die Politik einwandern und sie maßgeblich mitbestimmen kann. Solch sozialer Protest der damaligen Friedensbewegung wie auch der ökologischen Bewegungen gehört zum politischen System der BRD insgesamt dazu: nämlich das politische und teils moralische Korrektiv sozialer Bewegungen, die mit ihren Forderungen, wenn es gut läuft, in die Politik gelangen können. [Dazu auch Niklas Luhmanns Buch „Ökologische Kommunikation“ von 1988.] Die Umweltbewegung der 1980er Jahre ist ein guter Beleg dafür. Würde heute Franz Josef Strauß das Parteiprogramm der CDU lesen, dächte er vermutlich, er habe es mit einem linksextremistischen Verein zu tun. Und ebenso stehen für diesen Wandel eines Teils der Linken die Grünen im Blick auf Gewalt: so die Gewalt gegen den Staat, wie sie in den 1980er Jahren ein Teil der Linken vertrat – seien das RAF-affine oder Autonome Linke – und der die Grünen als politisches Mittel entsagten.

In solchem Protest sozialer Bewegungen geht es nur bedingt darum, ob manche Maximalforderungen auch sinnvoll und überhaupt umsetzbar sind. Immerhin hat sich aus solchen sozialen Bewegungen 1979/1980 für die alte BRD eine neue Partei herausgebildet: die Grünen, die erheblichen Anteil auch an den Friedensprotesten hatten und die als Friedenspartei antraten. Und das Gute bei vielen Grünen – nicht bei allen freilich – war es, daß sie 1982 auch die Sowjetraketen als genauso gefährlich ansahen und nicht, wie damals jene BRD-Ostblocklinken und auch heute wieder in einer neuen mit Magazinen wie Compact und Nachdenkseiten querfrontlerischen „Friedens“bewegung, die Sowjetwaffen für Friedenswaffen hielten und Sowjet-AKWs für Friedens-AKWs oder all das zumindest für beschweigenswert gehalten wurde. Damals wie heute. Dieser Zahn wurde der DKP-SDAJ-Linken dann 1986 gezogen. Obwohl auch das nicht stimmt, denn wie es bei Sekten üblich ist, gibt es da keine Überzeugungen durch Fakten. Tschernobyl ließ auch diese Leute ihre alten Legenden vom Glück ohne Ende nicht über Bord werfen. Die Erde bleibt eine Scheibe und Putin bleibt ein guter Mann, mit dem man gut verhandeln kann.

Jene fatale Dialektik der Friedensbewegung, auf Aggression und Gewalt gewaltfrei zu reagieren – damals wie heute und vor allem unter neuen und völlig anderen Bedingungen – bringt Eva-Marie Quistorp (Mitbegründerin und Aktivistin der deutschen Friedens-, Frauen- und Umweltbewegung; Gründungsmitglied der Grünen) in ihrem Artikel „Die Waffen nieder?“ in dem Blog „Starke Meinungen“ zum Ausdruck. Schon im Blick auf die alte Friedensbewegung und ihre verhängnisvollen blinden Flecken schreibt sie treffend:

„Die Friedensgruppen, die offiziell das Erbe der Friedensbewegung der 50er und 80er Jahre verwalten, sind die Friedenskooperative ,die IPPNW, Pax Christi, die Ostermarschkoordination, der Friedensbeauftragte der EKD. Doch sie vertreten nur einen Teil des Erbes der Friedensbewegung der 80ger und 60ger Jahre, aber den Teil nicht, in dem es auch um Bürgerrechte in Osteuropa ging und die Kritik an der UDSSR. So wenig wie die Erinnerung an den spanischen Bürgerkrieg und den Hitler-Stalin-Pakt, den Einmarsch der UDSSR in Prag, an die Helsinki-Gruppen in Osteuropa bis Odessa. Auch fehlt bei ihnen die Geschichte der Frauenfriedens und Frauenökologiebewegung mit meiner Freundin Petra Kelly, Karin Juncker, May-Britt Theorin, Cora Weiss .Viele sind der Linkspartei oder sogar der alten DKP nah und zumindest stärker Kritiker der USA, der Nato und der EU als der Politik Putins und Chinas oder Irans.“

Diese unreflektierte USA-Kritik ist bis heute, von Nachdenkseiten bis Junge Welt und teils bis ins rechtsextreme Lager reichenden Akteuren wie Jürgen Elsässer und Horst Mahler (ehemals APO-Linke) bei jener neuen Querfront-„Friedens“bewegung der Fall, die – auch das ist interessant – eine erhebliche Schnittmenge mit Corona-Leugnern und Verschwörungsideologen wie Tom Wellbrock, Albrecht Müller, Dirk Pohlmann, Tobias Riegel und dem antisemitisch-antiamerikanisch agierenden Kayvan Soufi-Siavash (aka Ken Jebsen) aufweist.  

Nur wer sich ändert bleibt sich treu!“

Quistorps Artikel im Blick auf die Grünen, die als Friedenspartei antrat, ist aber vor allem im Blick auf die Gegenwart und der damit verbundenen Gewaltfrage „Die Waffen nieder?“ bedeutsam. Denn die Frage nach der Kritik der Waffen und der Waffe der Kritik ist eine der Fragen, die sich auch die Linke in ihren langen seit Jahrhunderten währenden Kämpfen immer wieder neu und zugleich anders stellen mußte. Und ihr Text ist vor allem deshalb bedeutsam, weil er die Lebendigkeit des Denkens zeigt, nämlich nach dem Grundsatz eines Liedes von Wolf Biermann „Nur wer sich ändert bleibt sich treu“. Und so schreibt Eva Quistorp im Blick auf das Jahr 2003 und die Eskalation des islamistischen Kriegs:

„Durch den Irakkrieg 2003, der auch ein Krieg um Öl war, ist der islamistische Terror in der Region angewachsen, statt gestoppt worden. In der Berliner Erklärung vom Dezember 2002 habe ich mit Erhard Eppler und Prof. Albrecht, Mary Kaldor und Benjamin Ferensz und zehntausenden von Unterschriften make law not war gefordert vor Beginn des Irakkrieges, den die rot grüne Koalition klar abgelehnt hat.“

Aber Quistorp bleibt dabei nicht stehen, sondern sie hat einen Blick für die Entwicklung in der Welt:

„Eigentlich hätte die Kriegstreiberei von Putin der deutschen Politik schon seit 2011 spätestens auffallen müssen, nämlich in Syrien, wo Obama nicht gewagt hat, militärisch einzugreifen, trotz des Einsatzes von Putins Chemiewaffen, um so Assad und den Iran dahinter zu stoppen. Die Kriegsflüchtlinge aus Syrien wurden seit 2015 bei uns deutlich wahrgenommen, doch der Krieg weniger. Auch der Krieg in der Ostukraine wurde von Medien wie Friedensbewegung weitgehend verdrängt. Am 22. Februar 2014 habe ich schon gegen die Militärdiktatur Putins vor dem Auswärtigen Amt mit 500 Ukrainerinnen geredet, so wie mit Pussy Riot und russischen Dissidenten als kleine Minderheit gegen die Wahlfälschungen in Russland und Belarus

14000 Menschen sind in der Ostukraine seit dem Mai 2014 gestorben, viele gefoltert worden von russischen Soldaten. Städte und Landschaft und die Kultur wurde zerstört, die Krim besetzt und kolonial russifiziert. Der grausame Angriffskrieg des Putin Regimes gegen die Ukraine zerschlägt jetzt für viele erst jetzt plötzlich die Illusion der Modernisierungspartnerschaft im Ostausschuss der Wirtschaft und in SPD und CDU/FDP und die Entspannungsillusionen großer Teile der Friedensorganisationen und die Blindheit vieler Medien.

Seit 2000 hätte Putins KGB-Regime mit mafiösen Zügen erkannt werden können mit Hilfe von Memorial und der Nova Gazeta und mit Kasparow und Nemtsov, Lebedev und Navalny und all den kritischen jungen Demonstranten in Russland ,die jetzt vor der totalen Propaganda des Staatsfernsehens und der brutalen Repression eines Neo-Stalinismus fliehen.“

Wir haben vor dieser entsetzlichen Entwicklung die Augen verschlossen. Es waren die Grünen, die diese Dinge realistisch sahen und die immer wieder warnten – so Marieluise Beck und Ralf Fücks.

Von der Gewalt oder: von den Herausforderungen, „die ein Heer erfordern, deren Soldaten tapfer und ohne Zögern zu den Waffen greifen

Es gibt im Prozeß der Weltgeschichte berechtigte und vernünftige Gründe, um im Blick auf militärische Gewalt umzudenken, nämlich die notwendigerweise von demokratischen Staaten gegen Aggressoren wie Putin ausgeübte Gewalt, um ein Land zu verteidigen, das überfallen wurde. Dies alles war 1982 kaum die Frage, es gab monolitische Blöcke. Daß in Vietnam auch die nicht minder blutigen Sowjets und die Mao-Chinesen agierten und folterten, interessierte wenige nur. Daß linke Revolutions-Bewegungen in ihren Maßnahmen nicht weniger zimperlich waren, konnte man in Georg Büchners „Dantons Tod“ nachlesen und bereits Goethe und Schiller verachteten jenen Terreur der Revolution. Die Realität des 20. Jahrhunderts zeigte weitere schreckliche Beispiele.

Generalmajor Christian Trull sprach 2005 in seiner Abschiedrede von der Truppe hellsichtige Sätze, die heute ihre Wahrheit gefunden haben, die aber in den fröhlich-feuchten 2000er Jahren kaum einer hören wollte. Bundeswehr war uncool.

„Dieses Land kann jederzeit vor Herausforderungen stehen, die ein Heer erfordern, deren Soldaten tapfer und ohne Zögern zu den Waffen greifen und helfen und schützen. Alles muß getan werden, um uns auf diese Fälle vorzubereiten. Die Fähigkeit, sie vorherzusagen, ist gleich null.“

Paradigmatisch und relevant für tatsächliches politisches Handeln eines Staates trat dieses Umdenken und die Abbkehr von alten Modellen des Frieden ohne Waffen zum ersten Mal als scharfer Konflikt innerhalb der Grünen wie der linken Bewegung zutage, als 1999 die damalige rot-grüne Bundesregierung unter Schröder und Joschka Fischer einem Nato-Einsatz in Serbien auch unter deutscher Beteiligung zustimmte. Im vorausschauenden Blick auf weiteres hat all das und haben die Worte von Generalmajor Trull wenig genützt, und wir wollten es auch gar nicht so genau wissen. Sparen bis es quietscht war auch in der CDU, die von 2005 bis 2021 den Kanzler stellte, das Motto.

Was wir von Quistorp und vielen Grünen lernen können: Unter solchen Zeichen eines imperialistischen Angriffskrieges wie ihn heute Rußland führt, muß neu gedacht werden. Pazifismus, der das Recht das Stärkeren und das Morden von Diktatoren und Kriegsverbrechern, legitimiert, ist kein Pazifismus, sondern im besten Falle Naivität und Dummheit. Das haben auch manche Linke begriffen, die ansonsten eher Anti-USA-Reflexe hegten: teils zu recht. Die USA sind nicht der Hort der Güte, des Schönen und des politisch Wahren, wenn es um das geht, was realiter geschieht – die „Federalist Papers“ sind leider geduldiges Papier – und es wäre sicherlich sinnvoll, wenn auch die EU eine eigene und tragfähige Sicherheitsarchitektur entwickelte. Dennoch verbindet das freie Europa im Blick auf die gegenwärtigen politischen System mit den USA deutlich mehr als mit China, dem Iran oder gar mit Putins Rußland. Schon deshalb erwies sich Putins Wunsch eines Raumes von Wladiwostok bis Lissabon als Betrug: politische Partnerschaften zwischen einer Diktatur und Demokratien sind realiter kaum durchführbar. Was nicht heißt, daß wir mit Rußland für die Zukunft keinen Dialog führen sollten. Ob es freilich unter und mit Putin sein wird, dürfte das freie Europa und die USA vor erhebliche Herausforderungen stellen.

Es helfen die alten Modelle eines „Frieden schaffen ohne Waffen“ nicht weiter, wenn da ein Aggressor wie Putin sitzt, dem man mit diesen Slogans am Ende in die Hände spielt, weil mit solchem „ohne Waffen“ lediglich dem Recht des Stärkeren Vorschub geleistet wird. Diese Zeitenwende haben die Grünen eher als alle anderen erkannt. Während die heutige Friedensbewegung es schaffte, sich ins Abseits zu bringen und als Klub Gestriger nicht zu realisieren, was einst Bob Dylan sang:

„And you better start swimmin‘
Or you’ll sink like a stone
For the times they are a-changin'“

***

Wir glaubten damals in einer Welt zu leben, die sich durch Kritik zwar nicht mehr verändern würde, darin dem Denken Adornos und der kritischen Theorie verhaftet, die aber durch bestimmte Negation dennoch zu kritisieren wäre, und zwar in ihren Grundfesten und in ihrer Struktur, um auf das Ganze einer Gesellschaft zu gehen, nämlich ihrer ökonomischen Basis wie auch auf ihren Überbau zu zielen. Eine solche Kritik, der Destruktion geschuldet, wie sie teils Heidegger im ganzen und als philosophische Runderneuerung tätigte und wie sie Walter Benjamin politisch mit dem von ihm so bezeichneten „destruktiven Charakter“ beschwor und wie sie verschiedene politisch-ästhetische Avantgarden wie der Surrealismus vertraten und in den 1980ern, jenen wilden und wunderbaren Jahren teils mit Punk und Industrial Music, ist in bestimmten Zeiten nicht mehr möglich. Sie war es im Grunde und wenn wir ex post facto blicken, bereits zu Weimarer Zeit, als Hitler vor der Tür stand, nicht mehr: doch konservative wie linke Denker glaubten an eine Zeitenwende und daß jene Republik zu beseitigen und hinwegzufegen sei. Aber es gibt Zeiten, da sollte man selbst die Abschaffung einer nicht vollkommenen, aber doch auch zugleich guten, weil freien Gesellschaft sich nicht zum Ziel machen. Weil nämlich das, was danach kommen, deutlich schrecklicher ist. Wir haben dies in Europa gesehen und gespürt. Das freie Europa ist nicht perfekt, aber mit Blick auf Putins Rußland und einem repressiven China, darin Menschen auf Nimmerwiedersehen verschwinden, scheint der Westen die allemal bessere Möglichkeit. Diese gilt es zu verteidigen. Auch mit Waffen.

„Der Nation ausgerechnet im Friedensrausch vorzurechnen, daß niemand als sie selbst den Pazifismus diskreditiert hat, wurde als umso größere Bosheit, Gemeinheit und Niedertracht empfunden, als sich die Tatsache nicht leugnen läßt. Denn in der Tat hat Deutschland den Pazifismus diskreditiert und ad absurdum geführt, indem es praktisch vorgeführt und damit empirisch bewiesen hat, daß es Schlimmeres geben kann als den Krieg; dass Schrecken möglich sind, von denen nur eine starke Armee befreit. Deutschland selbst unter den Nazis war dieser Schrecken, gegen den es kein Mittel als Bomberflotten und Panzerverbände gab. Die Armee als wirklichen Befreier und den Krieg als wahren Sachwalter und Vollstrecker der Menschlichkeit in die Weltgeschichte eingeführt zu haben ist das verhängnisvolle Verdienst dieses Landes. Es hatte in seinen Vernichtungslagern Millionen Menschen Grund gegeben, den Angriff durch Bomber und Kampfflugzeuge herbeizusehnen, weil der wahrscheinliche Tod im Bombenhagel die Rettung vor dem sicheren und unendlich qualvolleren Tod in der Gaskammer war.“ (Wolfgang Pohrt, Der Krieg als wirklicher Befreier und wahrer Sachwalter der Menschlichkeit)

Ostermarsch: Denken im Arsch

Lang ist es her, daß ich auf einem Ostermarsch mitlief – der letzte muß 1985 oder 1986 gewesen sein – und da bereits war die Luft schon gehörig raus und abgenutzt. Europa wurde inzwischen nachgerüstet und die Welt stand noch immer. Damals freilich ist nicht heute. Die Welt ist eine andere. Die Diktaturen im Ostblock sind zusammengebrochen, was manchen Linken aus der Fraktion KP bis heute schmerzt, und nonchalant wurde schon damals viel und laut über die DDR geschwiegen, während man bei den USA gar nicht aus dem Kritisieren herauskam. (Nein, ich gehörte als Westlinker nicht zu dieser Sorte, ich war durch Biermanns DDR-LPs und durch Reiner Kunzes und Christa Wolfs Prosa ganz gut informiert, in welchem der beiden deutschen Länder ich ganz gewiß nicht leben wollte.)

Egal wie – es waren andere Zeiten. Und wir haben inzwischen einen Putinismus und jenes Dritte Imperium, das Putin und die seinen zu installieren trachten: eine Mischung aus eurasischer Großraumphantasie, darin keine Demokratie vorgesehen ist – Gayropa, so spotten jene russischen Leader im Kreise Putins – sowie eine Form von Faschismus, der an Italien erinnert, gekoppelt mit Totalitarismus. Gnade uns Gott, wenn dieses System sich etabliert. Und nun also haben wir in Europa zum ersten Mal seit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges einen Angriffskrieg und Kriegsverbrechen, wie es sie seit bald 77 Jahren nicht mehr gab – zumindest nicht in Europa und in diesem großen Stil. Die Rede Putins von der „Spezialoperation“ bekommt im Blick auf die Sonderoperationen der Wehrmacht hinter der Frontlinie einen völlig neuen Beiklang und eigentlich wäre dieser putinische Gewaltakt eine Steilvorlage für eine Friedensbewegung. Aber dem ist nicht so. Ganz im Gegenteil. Und wie immer ist der Gegner nach dem alten Schema F, dem Muff und Ranz des abgelebten Weltbildes klar: es ist die USA. Die Friedensbewegung dieses Ostermarsches goutiert die Verbrechen Putins zu großen Teilen oder sie schweigt dazu.

Der heutige „Ostermarsch“ in Berlin lief genau so ab, wie ich es vermutete habe und wie ich es in meinem Text „Stört die Ostermärsche 2022!“ vor einigen Tagen schon schrieb: Man könnte nach den Redebeiträgen der Auftaktkundgebung meinen, die USA wären in die Ukraine einmarschiert und nicht etwa die Russen. Man könnte meinen, US-Soldaten stünden kurz vor Moskau und nicht etwa, daß Kiew von russischen Raketen getroffen wurde, daß die russische Armee kurz vor Kiew stand und daß die einstmals schöne Stadt Mariupol nun aussieht wie Grosny und Aleppo. Putin hatte ja bereits Blaupausen für das, was er dann in der Ukraine tat. Kein Wort dieser „Friedensfreunde“ zu dieser Vernichtung. Viel sprach einer der Redner von US-Hyperschallraketen und von bösen Nato-Waffen, die keinen Frieden schaffen (doch für die Ukraine tun sie es: sie vertreiben nämlich die Russen), aber so gar nicht sprach der Redner von russischen Raketen, die Zivilisten niedermetzelten und Wohnviertel in der Ukraine zerstörten: mithin die Heimat, die Wohnungen dieser Menschen. Nicht mit einem einzigen Wort wurde dieses Grauen erwähnt, stattdessen die alten, abgeschmackten, ranzige Feindbilder dieser ranzigen Redner, mit ihren ranzigen Stimmen und ihrem ranzigen Anblick.

Besonders tat sich das ehemalige DKP-Parteimitglied Christiane Reymann in ihrer Rede hervor: Kein Wort zu den Kriegsverbrechen der Russen an Ukrainern, kein Wort zu Russensoldaten, die Frauen vergewaltigen und schänden, kein Wort zu Putins expansiver Außenpolitik, kein Wort zur Krim-Annexion, kein Wort zum russischen Einsatz im Donbass, kein Wort zu den Kriegsverbrechen in Butscha, kein Wort zum zertrümmerten Mariupol – alles so, wie ich es bereits vorher schon vermutet hatte. Stattdessen aber viel von Natowaffen. Im Grunde ist selbst Butscha die Schuld der NATO, so hätte man nach dieser Rede denken können. Und so auch bei allen anderen Rednern, die ich bei der Auftaktkundgebung hörte. Es war nicht einmal mehr Äquidistanz, sondern teils krude Parteinahme für Putin. Von der russischen Zensur der Medien und daß es mittlerweile keinerlei Möglichkeiten in Putins Rußland gibt, sich frei zu informieren: kein Wort. Dazu daß vom Fleck weg in Moskau und anderen Städten Demonstranten verhaftet und verschlepppt werden: kein Wort.

Während hier in Deutschland in vielen Städten jene Kritiker ungeniert das freie Recht der Demonstration in Anspruch nehmen. Hätten diese Leute ihre Kritik, die sie an den USA und der Bundesregierung übten, spiegelbildlich in Moskau vorgetragen, nur eben diesmal gegen Putin: diese Leute wären vom Fleck weg arrestiert worden und verschwänden für Jahre im Lager – siehe nur, was mit den Frauen von Pussy Riot geschah und was bis heute mit Nawalny passiert. Kein Wort zu alledem. Ähnliches bei der Religionspädagogin Monika Auener, die sich mit den Relativierungen hervortat und siehe, da wurde das christliche Wort zur Phrase. Und ebenso Lühr Henken, der vieles zur USA und zur Nato und nichts zum russischen Überfall und den Gewaltverbrechen zu sagen wußte. Wie würde sich Lühr Henken wohl verhalten, wenn auf einer Demo ihn plötzlich fünf Neonazis niederschlügen? Würde er die unverhältnismäßig schwer bewaffnete Polizei verurteilen und den Einsatz eines Schlagstockes? Vermutlich nicht. Die Friedensbewegung hat fertig.

Und was war ansonsten auf dem Oranienplatz zu sehen? Eine Ansammlung seltsamster und trüber Gestalten, daß ich mich – gleichsam „Zurück in die Zukunft“ – wieder in den frühen 1980er Jahre wähnt: die Gemeinschaftskundelehrerin mit hennagefärbten Haaren, Wallewalletuch und Wolljacke, die zottelige Kirchentagsfrau, nur diesmal um 40 Jahre gealtert, der alte Zausellehrer mit dem grauen Bart, nur ohne schäbige Corshose diesmal. Aber auch junge Leute waren dabei, teils aus dem Junge Welt-Umfeld. Wer als Bizarrologe arbeitet, fand dort gutes Anschauungsmaterial. Viele Normalnaive auch darunter mit Allwetterfunktionsjacken. Viele DKP-Fahnen und SDAJ. Und gerne pflegt man die alten und liebegewonnenen Feindbilder. Wie in den guten alten Zeiten, als man noch den Süverkrüp und all den DKP-Sound hörte. In diesem Sinne liefen dort leider schlichte Menschen mit, die nicht dazu fähig sind, auch Ambivalenzen mitzudenken, Menschen, denen es nicht vergönnt ist zu begreifen, daß die alte Welt eine andere geworden ist und daß die Freiheit, die diese Leute in Anspruch nehmen und auf die sie zugleich spucken, in der Tat verteidigt werden will. Und das macht man nicht mit Gewehren von Spiele-Max und mit Platzpatronen darin.

Was mit den Ukrainern geschieht, wenn sie besiegt werden, das zeigen Städte wie Butscha, darin die Leichen liegen, von Russen erschossene Einwohner, das zeigt Irpin, aber auch Mariupol. Und das ist genau die Erfahrung, die auch die Polen 1939 machen mußten, als sie von Hitler besiegt wurden. Nachdem sie kapitulierten und als sie zwischen Russen und Deutschen aufgeteilt wurden, geschah das Grauenvolle und damit meine ich noch nicht einmal die Morde an den Juden, sondern lediglich den Umgang der Nazis und der Russen mit den Polen – als Stichwort sei nur Katyn genannt und der Mord an polnischen Intellektuellen und Wissenschaftlern durch russische Soldaten, und als weiteres Stichwort der gnadenlose Umgang der deutschen Besatzungstruppen mit den polnischen Untermenschen. Für diese Details der Geschichte und der Gegenwart hatten die „Friedensfreunde“ jedoch keinen Blick. Wie zu erwarten. Eine einzige Frau trug eine Ukraine-Fahne als Schild. Die Dame und ihre Begleiterin waren von der IG-Metal. Ich weiß nicht, warum die sich in diesen Zug verirrten. Sie glaubten wohl, Gutes zu tun. Dem ist aber nicht so. Wer bei solchen Demonstrationen mitläuft, mußt sich das Motto und den Geist oder besser Ungeist solcher Veranstaltung zurechnen lassen.

Doch gibt es auf jeder Veranstaltung auch diese geheimen Höhepunkte, von denen wir dunkel ahnen, daß sie kommen, aber von denen wir eben nicht genau wissen, wann und wo es geschieht. Man muß dabei sein, gleichsam der Kairos der guten Stunde, der Zufall der Situation. So geschah es mir. Ich ahnte freilich bereits, daß solches Ereignis passieren würde und habe ein wenig auch darauf gelungert und gehofft, und es kam der geheime Höhepunkt dieser morbiden Veranstaltung. Es fuhr der Lautsprecherwagen, wie es auf Demos üblich ist. Es wurden – ich ging zum Photographieren des Zuges und als forschender Bizarrologe auf dem Gehweg nebenher, damit mich von den Passsanten niemand für einen Mitmarschierer halten konnte, was freilich schon ob meiner schicken Harrington-Jacke ausgeschlossen wäre. Ich ging also mit Kamera, Auge und Ohr bewaffnet und da, es geschah, da stieg ein Lied. O reine Übersteigung! O Orpheus singt! O hoher Ton und ohne Übertreibung, da klangs, da war’s im Ohr! (Sie werte Leserin, erkennen Rilke, natürlich!, diese geschickt gesetzte Anspielung): Aber nein, es war ein hohler Ton, der da aus der Box klang: da wurden also aus einem der Lautsprecherwagen, ich wage es kaum auszusprechen, die „Bots“ gespielt: Der Song „Aufstehen“ erst und dann „Was wollen wir trinken*“ – ich spreche den Titel immer mit diesem holländischen Akzent aus, dieser Mischung aus Rudi Carell und Friedensbewegung. Es war zum Steineerweichen schlimm und spätestens ab diesem Punkt wünschte ich mir den Einsatz eines US-Marschflugkörpers oder wenigstens einer ukrainischen Bayraktar auf genau diesen Wagen. Andererseits: diese Waffen werden für Wichtigeres gebraucht.

Um mir nach derart viel naiver und traurig-dummer Weltsicht wenigestens etwas Gutes noch widerfahren zu lassen, ging ich in die Weinhandlung „Suff“ in der Oranienstraße und erstand schnell noch einen Grünen Veltliner für den heutigen Abend. Das bei weitem Beste an diesem Samstagmittag, neben dem Eis an der Eisdiele am Oranienplatz und dem Lob des Eisverkäufers zu meiner Harrington-Jacke.

Diese erste, unten gezeigte Photographie sagt eigentlich alles zu dieser Demonstration: Unter den Talaren, der Muff von 50 DKP-Jahren. Wenigstens der rote Rock da aus einem der Schaufenster, in der Oranienstraße photographiert, mit dem dieser Text auftaktet, bringt ein wenig Schwung in die Sache.

Zum Glück freilich gab es in Berlin-Mitte auch einen alternativen Ostermarsch, der den russischen Aggressor klar benannte. „Frieden schaffen ohne Waffen“ ist bei einem Kriegsfürsten wie Putin kaum möglich.

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*Sternchenfußnote: In einer Fußnote brächte ich hier noch an, daß dieses Bots-Lied auf jeder wirklich jeder Demo der 1980er Jahre, wo die DKP und die SDAJ dabei waren, aber auch kirchlich-friedensbewegte Gruppen mittaten, gespielt wurde, und zwar regelmäßig zum Auftakt der Demo. Aus diesem Grunde lief ich lieber bei den Autonomen des Schwarzen Blocks mit. Da erklangen wenigstens Slime und Ton Steine Scherben – wenngleich auch das im Rückblick mich nicht weise erscheinen läßt. Aber das waren eben die anderen Jahre, die wunderbaren Jahre der Jugend und junge Menschen dürfen manchmal diese Fehler machen. In diesem Sinne war ich heute auch froh, daß auf diesem Ostermarsch in Berlin nur wenige junge Menschen waren. Eher war es aus der Serie „Betriebsausflug des Altersheims und derer, die nicht mehr davongekommen und im Denken sich stillgestellt haben.“ Man kann dem auch mit Reinhard Mey antworten: Gute Nacht, Freunde, es wird Zeit für euch zu gehn!