Daily Diary (122)

„Guilty of Romance“ gibt die Bildspur. Es bleiben 12 Stunden. Blickdicht geigelt: Sofa und Wohnung und Laken. Imaginierte Gedichte. Es läuft auf dieses Innerer Circle hinaus. Entstehungsprozeß des Lyrikbandes „White Book (The blue book)“. Cahier blanche, Cahier blue. Photostomias guernei. Stichwort auf Satzbau. Und es geht die Zeit, die nicht bleiben mag oder kann, schneller vorbei als lieb. Bildflimmern bleibt. Und in den Steingang gesprüht, zeichnet sich jene Schrift, die eine Photographie auf die Ewigkeit hin festzuhalten und zu bewahren vermag. Lichtspur. Photon. Elementarteilchen.
 
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Daily Diary (121) – Raindogs

Verwischte Bilder und Spuren, hinter den Schlieren und dem Wasser verschwindet die Gestalt, und es lösen sich die bekannten Formen und Konturen zugunsten der Farben und abstrakter Formung auf. Wie wenn man als Kind die Augen zusammenkniffe und die Linse des Auges preßte, um in Schemen und verschwommen nur noch zu schauen oder sich eine gebogene Glasscherbe vors Auge legte, damit die Welt anders sei oder ihre Seinsweise sich änderte. Kaleidoskope auch. Fast wie die mehrdeutigen Transzendentalien des Aquinaten. Residuenbetrieb. Oder eine Welt, die entstellt und zugleich beseelt im Blick liegt und sich darbietet. Ein wenig eifere ich bei solchem Photographieren durch die regennasse Fensterscheibe eines Busses, der durch eine Stadt fährt, sicherlich Saul Leiter nach, oder man möchte das prächtige reine Farbenspiel der Nacht zurückgewinnen. Schon als Kind, wenn ich im Auto auf dem Rücksitz lag und in die Lichter der Großstadt blickte, die vorüberzogen. Schon als Kind mochte ich mir stundenlang das Fensterglas im Kinderzimmer oder in der Stube betrachten, an dem die Regentropfen perlten oder starr herunterliefen. Ich hielt diese eigentümlichen Formen, etwa wenn der Regen seitlich aufspritzte und eher Striche denn Tropfen hinterließ, für unheimliche und geheime Schriftzeichen, die es zu lesen und zu dechiffrieren gälte. Dabei konnte ich zu dieser Zeit noch gar nicht lesen. Insofern dachte ich mir die Geschichte, die da im Wasser und mit dem Wasser geschrieben stehen, aus. So bleibt die Autorität der Schrift ungebrochen. Schon als Kind: Theorie und Prosa des Textes.

Ach, zu was für besinnlich-friedfertigen Gedanken einen Essayisten diese Tage, die wir die zwischen den Jahren zu nennen pflegen, treiben.

 
 
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Daily Diary (116) – Ausflugsziele ostwärts. Seelower Höhen

Über die Dörfer im Osten Brandenburgs fahren, ich betrachte die schönen Dinge sowie das Abgestandene, die Natur ist Anlaß nur, frühmorgens beim Anbruch eines Tages im Dickicht streifen, mit nassen Schuhen im feuchten Gras, östliche Spree, ein Kanufahrer treidelt morgensportlich in blauwetterfester Funktionskleidung, Kraniche im Höhenflug ziehen übers Land, zwischen Spree, Oder, Neiße, Warthe und Havel. Jährlich. Unteilbar. Ungeheuer oben. Wolkenblau gefärbt. In ihrem Flug nach Süden. All diese Reisevorbereitungen. Einheitstage im Osten Deutschlands. Federleicht im Morgen über die A 12 fahren, während die Sonne ihren Kreis zieht. Das Mittagslicht in Fürstenwalde ist mild zwar, aber doch zu grell, um die Szene ins Photo zu bringen. Der jüdische Friedhof dort. Ich steige über das verschlossene Tor. Betrachte Namen. Steine in Schrift und mit den Daten, die das nicht mehr sahen. (Nur jüdische Friedhöfe muß man verschließen.) Weiter geht die Fahrt in den Osten. Festung Küstrin. Bilder im Abendlicht und in den Oktobertagen spurt die Wiederholung als Vogelflug. Wissen, daß nichts bleibt. Der Spoiler rammt eine Straßenunebenheit. Bäume, immer diese schönen Bäume an Wegesrand. Auf der Allee platzen die Eicheln unterm Rad und springen gegen den Lack. In der Kurve der Chaussee reißt das Vorderrad aus, ich bin zu schnell, irgendein Rollsplitt, ich komme ins Schleudern, Lenkradhalten, ich mag das, Geschwindigkeit und Gefahr. Es kommen zum Glück keine Autos entgegen. Verdammte Oststraße im Nebenweg übers Dorf. My oh, my. Mit Bratwurst, Suff und Bier in Berlin oder auswärts. Der Konsum bestellt schon lange keine Bockwurst mehr fürs Fest, auf Grillkohle das ewige Feuer. Seelower Höhen im Geschützdonner. Vorbeifahrt und Ausstieg als Showeffekt. Lichtreklame am Straßenrand, das Navi summt und säuselt sauer. Nebelpfade. Und auch im Puff ist noch ein Zimmer frei. Mit all dem verdreckten Gelaber des russenhassenden Präsidial-Pfaffen an den Referenztagen. Freiheit und Democracy. Das Schwein, der Mensch, der Präsident. Aber den Gang in die Wälder und die Flußauen im Nebel lasse ich mir nicht nehmen.
 
 
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Hart gesotten und gebraten – Daily Diary (114)

Gürtelreifen war das Lieblingswort des Kindes, weil es fremd klang. Gefolgt von Gürtelrose als schrecklicher Krankheit, von der die Eltern erzählten, die seltsame Frau Krotschek habe sie gehabt und sei daran mit Qual in ihrer Einraumwohnung verstorben – einer Wohnung, die ein Zimmer war, wo Küche und Wohnzimmer eins waren. Ich stellte mir die Krankheit wie eine knallige Rötung vor, die vom Schlag eines Gürtels hervorgerufen wurde, der Striemen auf die Haut und wenn es gut kommt sogar in die Haut schlägt. Ich mochte es, wenn ich vom Nachbarskind diese wunden Stellen und die grell verfärbte Haut sah, als er sein enges T-Shirt über seinem schmalen Kindskörper hochhob. Ich beneidete den Jungen um die Male, die nicht die meinen waren. Ehrenmale.

Auch der Name des Gürteltiers oder aber ebenso dieses selber, aus einer fremden Welt stammend, reizte als gepanzertes Fabelungetüm die Vorstellungswelt des Kindes an. In einem Album mit Klebebildern von Zootieren war solch ein Wesen dann auf glänzendem Papier abgebildet. Ich liebte dieses Album, streichelte weniger die Tiere als das Material des Bildes, die glatte Oberfläche des glänzenden Bilderdruckpapieres. Ich vermutete darunter die Tiere, aber ich wußte doch, daß sie woanders waren, was mich beruhigte. Als Dreijähriger war ich in einer Landschaft nahe einer kleinen Stadt im Irgendwo einem Wolf ausgesetzt, dem ich meine Pfote entgegenhielt, als er aus dem Rudel gestoßen anstreifte, an einem Platz, wo dieses graue Tier nicht hätte sein sollen. Es gab viel Geschrei in einer Sprache, die mir fremd war. In der Weite des großen Landes kam sowas manchmal, wenngleich selten vor. Kalt war es, es kam der Sommer und einmal glitt meine Hand, die Hand ins Maul des Polizeihundes. Schockstarre des Vaters. Harter Blick des Polizeimannes. Der belgische Schäferhund ließ es gutmütig oder gleichgültig zu. „Der Hund beißt erst dann und genau dann und geht den Menschen an, wenn ich es sage. Nicht eine Sekunde früher!“ In dem Geschäft mit Tiernahrung, den widerlichen Goldhamstern, den scheußlichen Katzen, den Vögeln und Meerschweinchen roch es nach angepißten Sägespännen, Heu und Tierduft. Vielleicht war es jedoch der Verkäufer, der so stank, dachte ich. Aber beim nächsten Geschäft mit Tierbedarf roch es nicht anders. Später dann im Westen waren es gegrillte Hähnchen vom Wienerwald. Die waren zwar verboten. Aber nicht schlecht. Sie weckten das heimliche Begehren des Kindes. „Heute bleibt die Küche kalt …“ Und so weiter. Die krosse, spritzige Haut, in der Hitze glänzend vor Fett, die knusprige Hülle im Licht des Grills. Grill Royale, in den Kinderaugen. Das alles spiegelt sich in Schaufensterscheiben.
 
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