Mitten unter uns – arabischer Antisemitismus

Eigentlich sollte heute an dieser Stelle ein Text zu Peter Handkes 75. und zu Niklas Luhmanns 90. Geburtstag stehen – verspätet, nachträglich. Aber nachdem am Wochenende hier in Berlin am Samstag und Sonntag massive antisemitische Demonstrationen stattfanden, kann und will ich nicht zur Tagesordnung übergehen.

Es ist seltsam: Wenn in der BRD, egal wo, die AfD demonstriert, kommt es von seiten der Linken sofort zu Gegenprotest und Straßenblockaden. Das reicht so weit, daß sogar das Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit verletzt wird und daß rechtmäßig gewählte Abgeordnete – man mag von ihnen und von der AfD nun halten, was man will – bei einem Parteitag gehindert werden, zum Veranstaltungsort vorzudringen. Seltsam. Laufen aber seit zwei Tagen einige Tausend arabische und türkische Antisemiten durch Berlin, verbrennen Israelfahnen,  rufen nach dem Tod Israels und nach dem Tod der Juden, dann tut sich von seiten der Linken und der sogenannten, selbsternannten Antifaschisten gar nichts. Nichts. Irgendwie scheinen in den Fragen des Politischen immer mehr die Maßstäbe verrutscht. Vorgeblicher Antifaschismus, Antifaschismus als Ruhekissen für die gute Gesinnung.

Aber da, wo es ernst wird, mitten unter uns, im migrantischen, arabischen Milieu, wo gut abgehangen der Antisemitismus wächst und gedeiht, da schweigt dieser linke Antifaschismus. Während bei einer rechtmäßig gewählten Partei ein riesiges Gewese und Faschismusinszenierung gemacht wird, bleibt es still, wenn reale Judenhasser und solche, die die Juden tot sehen wollen, auf den Straßen durch Berlin marschieren. Wo sind eure Straßenblockaden gegen arabische Antisemiten? Wo ist euer Protest? Gibt es Statements der Amadeu Antonio Stiftung und von anderen linken Organisationen?

„Khaybar, Khaybar, ya yahud, Jaish Muhammad, sa yahud!“ Ich habe diesen Ruf bereits auf vielen arabischen, islamischen und türkischen Demos gehört, wenn ich photographierte und mich als Beobachter unter die Leute mischte. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, was das heißen könnte. (Ich warte nun nur noch auf die ersten Hinweise und Einwände, daß das alles natürlich rein gar nichts mit dem Islam zu tun hat.) Und ich bin mir sicher: es findet sich ein westliches Vergehen, das den arabischen Antisemitismus in irgendeiner Weise doch motiviert. Im Zweifel ist es immer der Kolonialismus. Seltsam auch: brächte man ein ähnliches Erklärungsmuster bei den Nazimorden an den europäischen Juden, kämen – zu recht – Protest.

Ich habe Araber gesehen, die auf einer Demo einen vorbeieilenden Juden angriffen, deutlich erkennbar durch die Kippa und die Schläfenlocken. Zwei eher zufällig anwesende Polizisten sowie ein Araber und auch ich haben sich massiv und schützend vor diesen Mann gestellt, so daß er fliehen konnte. Nein, dieser Antisemitismus ist kein zufälliges Moment und der geschieht auch nicht einfach so. Und über diesen Antisemitismus müssen wir reden und wir müssen uns überlegen, was geschieht, wenn zunehmend Menschen aus dem arabischen Großraum in die BRD drängen. Ich denken nämlich nicht, daß die Schulbildung in Syrien oder Irak so gelungen ist, daß sie zwischen Kritik an Israels Siedlungspolitik in Westjordan und einem generellen, strukturellen Antisemitismus differenziert. Davon einmal abgesehen, daß immer mehr externe Konflikte hier in der BRD internalisiert und ausgetragen werden, und zwar in einer unguten Weise, wie man auf den Bildern vom Wochenende sehen kann.

Wer als Araber oder Türke nicht begreift, daß das Existenzrecht Israels unantastbar ist, sollte sich überlegen, ob er hier in der Bundesrepublik im richtigen Land lebt.

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Nachzutragen auch dieser Bericht heute, für Herrn Höcke genauso wie für die, die am Wochenende durch Berlin marschierten:

„Vernichtungslager Belzec. Diese Namen dürfen wir nicht vergessen.Vor 75 Jahren rollte der letzte Todeszug in das deutsche Vernichtungslager Belzec. Mehr als 430.000 Menschen wurden dort ermordet. Wir müssen die Erinnerung daran wachhalten.“

http://www.t-online.de/nachrichten/wissen/geschichte/id_82858120/vernichtungslager-belzec-diese-toten-duerfen-wir-nicht-vergessen.html

 

Photographie: Teilnehmer einer Demonstration verbrennen eine selbstgemalte Fahne mit einem Davidstern in Berlin im Stadtteil Neukölln (10.12.2017).
Foto: Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V./dpa
– Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/29271560 ©2017

 

„Die Deutschen und ‚ihre‘ Juden“: Betroffenheitskult und der darin schlummernde Antisemitismus

Leider erst heute stieß ich auf einen  ganz hervorragenden Text zum Thema der Deutschen und „ihrer“ Juden. Er findet sich in dem Blog von summacumlaude, den ich sowieso ans Herz lege, und ich möchte nicht versäumen, diesen Beitrag hier zu verlinken und zum Lesen zu empfehlen. Insbesondere das dümmliche Abwatschen von Philipp Jenninger 1988 samt Rücktritt, als er im Bundestag vom Faszinosum des Nationalsozialismus sprach, offenbarte das reflexhaft Zuschnappende, das ohne jede Reflexion bleibt, weil es die Inhalte von Sätzen nicht zu (er)fassen vermag. Denn es ging ja nicht darum, das Handeln der Täter und der Mitläufer zu entschuldigen, sondern vielmehr das zu zeigen, was war. Ungeschminkt. Der Nationalsozialismus mit all seinen Konsequenzen war für viele ein Faszinosum (Stichwort Heidegger, Benn, Riefenstahl undsoweiter undsofort)

Der Protest gegen diese Rede zeigte den Entlastungswunsch durch übereifrige Kritik und durch ein gehöriges Maß an Selbstverleugnung. Hier steht er: der bessere Deutsche. In den Seminaren der späten 80er erlebte ich diese Haltung, sich selber fast zur Jüdin zu machen und betroffen Partei zu nehmen, insbesondere von übereifrigen jungen Germanistik- und Philosophiestudentinnen, die sich ansonsten aber einem Holocaustopfer oder den Tätern nicht auf einen Kilometer genähert hatten, und diese Haltung der Entlastungsaffirmation ohne jegliches Handeln mündete in eine vollständig unkritische Israelbejahung, wie es dann am Ende dieses Ganges aus Angst vorm Erstarken Deutschlands nach der Einheit die Antideutschen fabrizierten. Es gibt jedoch Dinge, die lassen sich nicht entschulden. Daß das Verhältnis der Deutschen zu Israel ein besonderes ist, steht wohl außer Frage.

Aber das kann nicht bedeuten, unkritisch Partei zu nehmen – zumal Judentum und die Politik Israels zwei doch sehr verschiedene Paar Schuhe sind. Ebensowenig liefert die Kritik an der Politik Israels aber den Freifahrtschein für das große PLO-Tuchtragen und Palästinenser-Hurra oder Al-Fatah-Kindergarten-Gespiele, wie ein anderer Teil der Linken unkritisch und eindimensional den Kampf der Palästinenser feiert. Ein weites Feld.

Wer sich mit Israel, dem Judentum und der Shoah angemessen auseinandersetzen möchte, der sollte sich vielleicht mit den wirklich letzten Überlebenden des Holocaust treffen oder irgend etwas für sie tun, indem dieser Schrecken nicht der Vergessenheit anheimfällt. Klezmer-Hören oder Judentum simulieren sind da nicht ausreichend, und das wird von den meisten Israelis eher belächelt oder mit einem gewissen Kopfschütteln bzw. mit Unwillen aufgenommen. Durch sinnentleerte Rituale und Kranzgedenkabwurfstellen sowie die hochoffiziell langweiligen offiziellen Gedenkreden gelingt diese kritische Auseinandersetzung mit unserer Geschichte und dem industriemäßig durchgeführten Massenmord nicht. Tod als Verwaltungsakt und doch auf einer furchtbaren Ideologie beruhend.

Um es klarzustellen. Ich selber bin wohl relativ unverdächtig gegen Israel und Judentum Partei zu nehmen. Vor rund einer Woche telefonierte ich mit der Bloggerin tikerscherk, die mich dankenswerter Weise auf den ansonsten interessanten Blog von „sunflower“ aufmerksam machte, wo ein Text erschien, der mir nicht sehr behagte. Dort kommentierte ich dann entsprechend. Wer meine Position dazu lesen möchte, kann  im entsprechenden Blogartikel nachschauen.

Summacumlaude zeigt Aspekte dieses völlig unangemessenen Philosemitismus, des sich gerne reinwaschenden Deutschen. Der erste deutsche Antideutsche dürfte wohl Axel Cäsar Springer mit seiner Pro Israel-Haltung gewesen sein. Er sah Mosche Dajan wahrscheinlich eher als zweiten General Rommel. Diese Haltung unkritischer Israelbejahung reicht bis in linke Kreise, die das Judentum als persönliche Entlastung nehmen, ohne sich tiefer mit der Materie zu befassen. Auschwitz als Metapher oder Begriff für jenen Zivilisationsbruch und das blanke Entsetzen ist nichts, womit Gesinnungskitsch der Betroffenheit getrieben werden sollte. Dafür ist die Angelegenheit schlicht zu ernst und dafür ist der Antisemitismus in Europa immer noch eine viel zu große Gefahr. Stichwort Frankreich. Aber wer ihn suchen will, findet ihn auch in der BRD. Oder in Ungarn. Mit Kranzabwurf und Klezmerton ist nicht viel getan.

Zur Sache Rühmkorf – Celan sowie zur Goll-Affäre

In einem der letzten Kommentare brachte Hartmut bzw. hf99 den Hinweis auf Peter Rühmkorf, dessen Celan-Kritik samt dem mit dieser Kritik verbundenen Vorwurf des Antisemitismus gegen Rühmkorf. Er verwies auf die Unredlichkeit in solcher Argumentation.

Ich möchte zunächst jene Stelle, die Anlaß des Vorwurfs war, zitieren. Sie stammt aus einem Aufsatz, der 1962 in dem von Hans Werner Richter (Gründer und Hofherr der „Gruppe 47“) herausgegebenen Sammelband „Bestandsaufnahme. Eine deutsche Bilanz 1962“ erschien. Rühmkorfs Text heißt „Das lyrische Weltbild der Nachkriegsdeutschen“:

„Indes, wer bei einem Gedicht wie der Todesfuge zum Lobe ansetzt und fast schon Worte wie meisterlich und eisig-einzigartig auf der Zunge wägt, der möchte dann den dreigestrichenen Applaus doch nicht ohne gewisse Zurücknahmen aus sich entlassen. Denn obwohl Celan sicher als Ausnahme nicht nur unter dichtenden Zeit-, sondern auch Artgenossen anzusprechen ist und obwohl bei ihm gemeinhin überzeugt, was bei anderen zeitgenössischen Zeitflüchtern von Poethen bis Demus, von Raeber bis zu Atabay nur als ein modisches Make-up empfindet (ich meine vor allem eine gewisse Feierlichkeit der Diktion und Stilisierung ins Würdevolle), vermag man doch bestimmte Schwächen und Mankos nicht übersehen.“ (S. 663, zit. nach „Paul Celan – Die Goll-Affäre, hrsg. v. Barbara Wiedemann, Frankfurt/M 2000)

Rühmkorf fährt in seiner Kritik fort, daß Schlüsselwörter wie Urne, Asche, Mohn, Kelch, Muschel, Schatten, schwarze Pappel – also Begriffe, welche in den Gedichten Celans vorkommen – nur ein „Sortiment von Nachschlüsseln“ sind, weil geborgt: es sind vorgegebene Symbole, die bereits bei Mallarmé, Trakl und Benn in Gebrauch waren. Tenor der Kritik: Im Grunde nichts Neues in dieser Dichtung.

Lassen wir einmal die Stimmigkeit oder Unstimmigkeit dieser Kritik beiseite; da ich kein Experte für Lyrik bin, kann ich diese Punkte im Detail nicht überblicken. Aber als Menninghaus-geschulter Schüler und Denker doch soviel: Mein genereller Einwand lautete: Selbst wenn es an dem wäre, wie Rühmkorf behauptet, so entwickelt Celans Text in seiner Sprache, in seiner Dichtung mittels dieser Begriffe eine Form von poetischer Sprache, die an die Grenzen des Ausdrucks geht und einerseits Bahnen der Kommunikation radikal abbricht, eine Atemwende eben, um zugleich ganz neue zu öffnen. Ein Gedicht wie „Engführung“ (1959) etwa verrätselt sich einerseits derart, daß für diese Form von Lyrik der Begriff Hermetik, wie als Reflex darauf, sich einstellte. Man sagt „Celan“, es folgt „Hermetik“und Kannitverstan. („fort aus Kannitverstan“ wie es in anderem Zusammenhang in einer Zeile des Gedichts „Kermorvan“ heißt). Zugleich aber ist dieses Gedicht derart überkonnotiert, funktioniert über mehrere Ebenen und arbeitet in und mit Sprache (als Musik, der Titel schon legt diese Lesart nahe), und es heißt ein Buch von Menninghaus über die Lyrik Celans ganz richtig „Magie der Form“. Der Vorwurf des Schlüsselklaus erscheint als vollkommen verfehlt und kurzsichtig.

Celan nun stieß sich in diesem Text Rühmkorfs an dem Begriff „Artgenosse“. Er assoziierte damit „artfremd“, „Artgemeinschaft“, und es läßt sich diese Kette von Assoziationen sicherlich im Kopf eines gerade dem Tod durch Vernichtung Entronnenen noch viel weiter fortschreiben. Celan hat in seinem Leseexemplar lediglich diese eine Passage im Textes unterstrichen. Nichts sonst.

Rühmkorfs Kritik an Celans Lyrik fiel – neben dem eingestreuten gönnerhaft-überheblichen Lob – in diesem Text ansonsten hart aus. Gut, möchte man sagen, damit muß ein Dichter leben und Rühmkorfs Äußerungen kann man genauso gut als Futterneid oder Gehacke unter Dichtern abtun. Alles halb so wild, so mag man aus der Perspektive des Nichtbetroffenen, Nichtgetroffenen sagen. Zudem: Künstler sind in der Regel die schlechtesten Rezensenten. („Und jedem Künstler ist es recht, spricht man von andren Künstlern schlecht“, wie es bei Kreisler heißt.)

Und wer sich mit Texten, mit Bildern, mit Gedichten in die Öffentlichkeit begibt, kann mißverstanden werden, muß mit Kritik rechnen. Bei Celan wirkte in der Wahrnehmung jedoch fort, daß er (von Deutschen) nicht als Dichter (und primär natürlich als Mensch), sondern womöglich zuvorderst als Jude beurteilt und betrachtet wurde. Der sich bis hin zum Systematisch-Eliminatorischen steigernde Antisemitismus ist ja nicht 1933 plötzlich gekommen und dann war er, oh Wunder, 1945 wieder fort. Der Schoß war und ist fruchtbar noch. Und die ästhetisch konventionelle und ästhetisch großenteils wenig avanciert auftretende realistische Nachkriegsmoderne beschäftigte sich mehr mit sich selbst, mit den Kriegsfolgen, dem eigenen Leid, kaum jedoch mit der Shoah. Was nicht einmal schlecht ist, denn wie ließe dies sich im Böllschen Realismus begreifen? Dieser Neorealismus mit seinen Härten und seinem (zuweilen) existentialen Pathos steht nun diametral zu Celans Lyrik, die im Grunde der einzige adäquate Ausdruck – zumindest auf dem Gebiet des Lyrischen – für das sein konnte, was wenige Jahre zuvor planmäßig organisiert wurde.

Gut, manchem Gebilde dieser Nachkriegsliteratur merkt man die Hilflosigkeit unmittelbar an, so Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“. Entlastungsstück allemal. Auch für eine junge Kriegsheimkehrergeneration, die sich womöglich mehr dafür interessierte, daß der Krieg ihnen die Jugend raubte als für das, was im polnischen und russischen Hinterland und in den Vernichtungslagern geschah; nicht nur gegenüber Juden, sondern auch mit Sinti und Roma, Schwulen, der politischen Linken, Zeugen Jehovas, Behinderten – mit allem, was anders war und in die bis 1943 im ganzen recht fröhliche Volksgemeinschaft nicht hinein sollte. So löblich die Moralfragen, die Borchart stellt, vom unmittelbar ethischen Standpunkt sein mögen, ästhetisch und politisch sind sie naiv. Doch geht es hier nicht um die ästhetische Bewertung der deutschen Nachkriegsmoderne.

Ja, die Angelegenheit Celan und seine Beziehung zu den BRD-Schriftstellern ist verwickelt. Celan hatte 1952 nach bzw. während einer Lesung bei der „Gruppe 47“ üble Erfahrungen mit einigen ihrer Mitgliedern gemacht. Der Vortrag seiner Gedichte wurde teils verlacht und stieß auf Unverständnis; wie in der Synagoge, hieß es. Ob es sich um eine Fehleinschätzung, Überbewertung  Celans handelte oder ob es de fact sich so verhielt, daß da ein latenter Antisemitismus mitschwang, ist aus dem Stand heraus schwierig auszumachen.

Fixpunkt all dieser sich summierenden Anfeindungen und der Kritik ist sicherlich die Goll-Affäre. Es wurde Celan durch diese Angelegenheit auf der persönlichen als auch der ästhetischen Ebene übel mitgespielt, denn das böse Weib Claire Goll bezichtigte Celan, die Gedichte des expressionistischen, surrealistischen Lyrikers Yvan Goll zu plagiieren. Dieser Vorwurf traf Celan hart. Der Kontakt zwischen den Golls und Celan begann Anfang November 1949 mit einem Besuch Celans am Sterbebett Golls in Paris. Celan sollte einige von Golls Gedichten vom Französischen ins Deutsche übersetzten. 1950 verstarb Goll. Celan übersetzte.

Die Beziehung zwischen der Witwe und Celan brach aber 1952 aufgrund von Unstimmigkeiten ab. 1953 äußerte Claire Goll im privaten Kreis zum ersten Mal Vorwürfe, da ein amerikanischer Germanist (Richard Exner) zu bemerken glaubte, daß es (Wort-)Übereinstimmungen in den Gedichten von Goll und Celan gebe. Er löste damit (vermutlich unfreiwillig und ungewollt) eine tiefgreifende Diskussion aus. Den Höhepunkt erreichte diese Kampagne 1960, als Claire Goll in einem diffamierenden Artikel der Münchener Zeitschrift „Baubudenpoet“ Celan direkt und unverhohlen des Plagiats bezichtigte. Es entbrannte in der BRD eine Debatte unter einigen Schriftstellern, Journalisten und Literaturwissenschaftlern. So etwa Peter Szondi, Marie Luise Kaschnitz, Armin Mohler, Dietrich Schaefer und anderen. Rühmkorf beteiligte sich daran nicht. (Meiner Sicht nach ging es ihm in seinen Texten um eine Kritik von Celans Lyrik mit binnenästhetischen Mitteln.) Diese Debatte reichte bis in die 80er Jahre hinein.

Detailliert kann man den Gang dieser Diffamierungskampagne sowie die Äußerungen der Verteidiger und Kritiker Celans nachlesen in dem Dokumentationsband „Paul Celan – Die Goll-Affäre“. Das Buch wurde von der in Tübingen lehrenden Literaturwissenschaftlerin Barbara Wiedemann herausgegeben. Es ist unbedingt lesenswert, wenn man sich zu den verschiedenen Positionen einen Überblick verschaffen möchte. Am Ende erwiesen sich diese Anschuldigungen als haltlos, bestimmten aber jahrelang die Debatten. Paul Celan beschädigten sie schwer: sowohl physisch und als auch psychisch. 1962 kam er zu einem zeitweisen Aufenthalt in die Psychiatrie, er mußte Psychopharmaka nehmen. 1970 nahm er sich in Paris das Leben, indem er nachts von der Pont Mirabeau in die Seine sprang.

Auch diese kurze,  im Rückblick womöglich harmlos erscheinende Äußerung Rühmkorfs ist es für Celan eben nicht harmlos gewesen, und er verband damit mehr als nur eine Kritik an seinen Gedichten. Es ist eine tragische Verstrickung. Rühmkorf beabsichtigte sicherlich nicht die geistige Vernichtung Celans. Wieweit latente antisemitische Unterströmungen als politisch Unterbewußtes dennoch mitwirkten, ist schwierig auszumachen, und die Analyse erforderte sicherlich eine intensive Sichtung verschiedener Materialien, um die kollektiven Strömungen in den Blick zu bekommen.

Was ernst zu nehmen ist: dieses Bedrohung, die ja nicht nur latent war, sondern geschichtlich und biographisch ganz real nur wenige Jahre zuvor sich ereignete. Wer kann dieses Gefühl, daß sich da erneut Unheil zusammenbraut, und diese kaum irreal zu nennende Bedrohung jemandem absprechen, dessen Familie in den Todeslagern von den Menschen, in dessen Sprache er als rumänische Jude schrieb, ausgerottet wurde? Manchmal genügt eine falsche Wahl der Worte.

Der Vorwurf des Antisemitismus wiegt schwer, in der Tat. Ich lese ihn aus dieser Passage des Rühmkorf-Textes in einer unmittelbaren Lektüre nicht heraus. Daß Celan jedoch zutiefst irritiert gewesen ist, verwundert angesichts der Ereignisse wenig. Zudem: auch andere Intellektuelle, wie etwa Marcel Reich-Ranicki äußersten ihr Befremden in dieser Gesellschaft: daß sie zuweilen primär als Juden und nicht als Literaten oder Kritiker wahrgenommen wurden. So etwas Ranickis Vorwurf gegen „Die Zeit“ für die er in den 60er Jahren Artikel schrieb. Natürlich: es sind immer nur Anzeichen und Äußerlichkeiten: „Aber das Ihr Zimmer ganz am Ende des Ganges in einer abgelegenen Ecke inmitten von alten Zeitungen liegt, hat doch nur etwas mit den räumlichen Gegebenheiten hier im Haus zu tun. Daß Sie an den Redaktionskonferenzen nicht teilnehmen, findet seinen Grund lediglich darin, daß Sie freier Redakteur sind. Da muß man sich nichts bei denken.“

Und daß Celan mit nicht einer Zeile in dem durchaus wichtigen Buch von Hugo Friedrich „Die Struktur der modernen Lyrik“ (1956) vorkam – das ist kein Zufall. Das Buch ist in neunter Auflage erschienen. Friedrich lebte bis 1970. Sand aus den Urnen: 1948, Mohn und Gedächtnis: 1952 Von Schwelle zu Schwelle: 1955, Sprachgitter: 1959. Entweder hat Friedrich 1956 noch nie etwas von Celan gehört, dann ist es ein eher unvollständiges Buch zur modernen Lyrik, wenn er den avanciertesten Lyriker seiner eigenen Gegenwart nicht kennt, nicht wahrnimmt; oder Friedrich wollte es ganz einfach nicht. (Aber das Buch ist im Rahmen des Lehrhaften gut: ich rate trotzdem zu.)

Die Gesellschaft der Nachkriegs-BRD ist durch und durch antisemitisch. Sie verklausulierte es nur anders. Und der Philosemitismus eines Axel Springer stellt bloß das Zerrbild jenes Antisemitismus dar. Gestern haben wir Juden ausgerottet, heute erdrücken wir sie in der Umarmung. In der zuweilen sehr lustigen, aber dann auch wieder bedenklichen und fragwürdigen Sendung am Sonntag im ARD „Entweder Broder – Die Deutschlandsafari“ begibt sich Broder, als Stein des Holocaust-Mahnmals verkleidet, zur Jubiläumsfeier „5 Jahre Holocaust-Denkmal“. Broder fragt seine Begleiter Hamed Abdel-Samad, ob er wisse, was das für Musik sei, die da zu hören ist. „Irgend etwas Hebräisches“, antwortete Abdel-Samad. „Nein, schlimmer“, so Broder, „es ist Klezmer!“ Der Witz war wahrscheinlich abgesprochen: inszenierte Spontaneität. Trotzdem trifft der Gehalt desselben zu.

Diese Überlegungen zu Celan lassen sich genauso gut ins Jetzt wenden, wenn man darauf schaut, wie mit Minderheiten verfahren wird. Insofern möchte ich mich nicht nur auf den latenten und manifesten Antisemitismus beschränken. Hier aber ging es um Paul Celan. Was übrigbleibt, ist das kritische Denken, das sichtet und genau prüft. Denn nur der kritische Weg steht offen, so möchte ich es auch in diesem Zusammenhang anzitieren. Hätte man beizeiten die Texte Celans und Golls gründlicher angesehen, betrachtete man die Dokumente genauer, wäre vieles erspart geblieben. Erst im Jahre 2000 ist es Barbara Wiedemann gelungen, in ihrem äußerst instruktiven Buch diese Dinge ein für alle Mal klarzustellen.

Theater mit dem Theater

Über Fassbinders „Der Müll, die Stadt und der Tod“

Wieder einmal gibt es Streit um ein Theaterstück, und zwar um Fassbinders „Der Müll, die Stadt und der Tod“ von 1975, das im Rahmen einer Fassbinder-Trilogie von Roberto Ciulli heute am „Theater an der Ruhr“ aufgeführt werden soll. Schon einmal brach 1985 anläßlich der Erstaufführung am „Schauspiel Frankfurt“eine heftige öffentliche Debatte um jenes Stück los, die bis in den Feuilletons hohe Wellen schlug, ging es doch um nichts weniger als den Vorwurf des Antisemitismus, der gegen Fassbinders Stück erhoben wurde: Inwiefern bedient dieses Stück antisemitische Klischees und inwiefern reproduziert es sie (gewollt oder ungewollt)?

Kritiker meinten in der Figur des „reichen Juden“, der sein Geld als Immobilienspekulant verdient, Ignatz Bubis zu erkennen. Die Bezüge zu Frankfurt und den Häuserkämpfen der 70er Jahre, wenngleich im Stück niemals direkt ausgesprochen, sind deutlich abzulesen, und in einem „Offenen Brief“ zu diesem Stück spricht Fassbinder ganz klar davon, daß die Vorgänge in Frankfurt/M ein Vorbild für den Text lieferten. Die Proteste gegen dieses Stück gingen so weit, daß 1985 die Premiere von Zuschauern unterbrochen wurde, die empört die Bühne besetzten. In deutschen Theatern wurde das Stück bisher nicht aufgeführt, sieht man, laut Wikipedia, von einer Amateur-Aufführung 1979 in Bochum einmal ab.

Aber wie ist das nun, wie verhält es sich mit dem Text: Steckt darin ein gehöriges Maß an Antisemitismus, ist er antisemitisch? Das ist nicht ganz einfach zu entscheiden, und man begibt sich auf heikles Terrain. Ausweichend kann man sagen: Ja und zugleich nein, denn die Figuren und ihre Bezeichnungen zeigen eigentlich deutlich, daß hier mit Stereotypen, mit irrealen Figuren und mit Funktionsträgern gespielt wird; da tauchen dann neben dem „reichen Juden“ „Marie-Antoinette“, „der kleine Prinz“, „der Zwerg“, Hans von Gluck“ „Oscar von Leiden“ auf: Stilisierte Figuren. Die Namen der Prostitierten-Riege sind da schon eher der Realität entnommen: Spitznamen, wie sie milieubedingt vergeben werden. Da heißt dann die eine „Asbach-Lilly“ oder „Miss Violet“. Auch die Sprache der Figuren ist eine Kunstsprache, sie geht teils in Jamben vonstatten, es herrscht ein Versmaß, wie man es nicht vermutet hätte und wie es zu der schmutzigen unheimeligen Atmosphäre des Stückes kaum paßt.

Doch dann gibt es die problematischen Stellen, wo es wunderlich wird:

„DER REICHE JUDE (…) Ich kaufe alte Häuser in dieser Stadt, reiße sie ab, baue neue, die verkaufe ich gut. Die Stadt schützt mich, das muß sie. Zudem bin ich Jude. Der Polizeipräsident ist mein Freund, was man so Freund nennt, der Bürgermeister lädt mich gern ein, auf die Stadtverordneten kann ich zählen. Gewiß – keiner schätzt das besonders, was er da zuläßt, aber der Plan ist nicht meiner, der war da, ehe ich kam. Es muß mir egal sein, ob Kinder weinen, ob Alte, Gebrechliche leiden.“ Und zum Schluß dieser Szene dann dies: der reiche Jude und Roma B, die von ihm gekaufte Prostituierte, tanzen ein Menuett zum Gesang des Liedes „Auf der Mauer auf der Lauer sitzt ne kleine Wanze …“.

Das ist schon sehr grenzwertig. Selbst wenn man wohlwollend konstatiert, daß es sich um ein uneigentliches Sprechen handelt. Doch ganz gleichgültig, ob einem diese Passagen nun gefallen oder nicht, so muß nach ihrer ästhetischen Wertigkeit gefragt werden und danach, was diese Passagen motiviert. Zunächst einmal ist festzustellen, daß hier nicht nur gängige Klischees reproduziert werden, sondern die Sätze selbst sind klischeeartig, ob als bewußtes Mittel eingesetzt oder unbewußt, das sei dahingestellt. Die immergleich Reihe der Mächtigen, die Mechanismen der Macht. Der ästhetischer Wert solcher Sätze ist begrenzt; selbst wenn man sie persiflierend liest: gelungen und gekonnt ist das nicht, weil sich das Klischee lediglich doppelt, ohne daß hier ein Mehr erzeugt wird; das, worüber gesprochen wird und die Sprache, die darüber spricht, sind identisch. Es klappert und polittrompetet in solchen Sätzen im Stück bei Fassbinder doch arg wie an den schlimmsten Stellen bei Brecht oder Sartre. Allerdings: Auch wenn die Figur bei Fassbinder nicht „der reiche Jude“ hieße, sondern „der reiche Spekulant“: diese Sätze und diese Art, wie die Mechanismen urbaner Verwüstung dargestellt werden, wären genauso mißlungen, und ihr Inhalt wäre, trotzdem, immer noch richtig, wenn man es als politisches Pamphlet liest. Es gibt urbane Verwüstungen, es gibt diese Unwirtlichkeit unserer Städte, es gibt diese Korruptionsschiene der Macht; sicherlich, ja, wir wissen es. Gelungen ist Fassbinders Stück an anderen Stellen. Dort, wo es sich politisch gibt, kippt es ins Lehr- und Thesenstück ab.

Insofern ist der „reiche Jude“ dann doch ganz geschickt und auch provokant eingesetzt: er übertüncht manche seichte Stelle des Stückes, und der Zuschauer muß sich nun mit anderen Sachen abgeben. Eigentlich entfaltet das Stück seine Provokation auf Umwegen erst durch den Juden. Wäre es nur der „reiche Spekulant“ gewesen, es hätte kaum eine solche Resonanz in der Öffentlichkeit gegeben.

Vieles in dem Stück ist Provokation und stilisiert, manchmal sogar recht gelungen, was etwa die Schilderung des Milieus und der Sexualität betrifft, so hat Fassbinder da ein gutes Händchen. Das Überzeichnete zeigt sich etwa in jenem Vater der Prostituierten Roma B, der im Dritten Reich Menschen umbrachte und nun als Transvestit auftritt. Das ist nur noch grotesk, hat mit Realismus kaum etwas zu schaffen. Insofern sollte und darf man viele Dinge in diesem Stück nicht „eins-zu-eins“ nehmen. Etwa wenn es einige Stellen später hießt:

„HANS VON GLUCK Er saugt uns aus der Jud. Trinkt unser Blut und setzt uns ins Unrecht, weil er Jud ist und wir die Schuld tragen. (…) Und Schuld hat der Jud, weil er uns schuldig macht, denn er ist da. Wär er geblieben, wo er herkam, oder hätten sie ihn vergast, ich könnte heute besser schlafen. Sie haben vergessen, ihn zu vergasen. Das ist kein Witz, so denkt es in mir.“

Hier ist die Sache eindeutig. Es handelt sich um ein Figurensprechen, wie es in der Kunst nun einmal praktiziert wird; Fassbinder führt das Sprechen des gewendeten Nachkriegsantisemiten vor, der sich zuweilen (siehe die Bild-„Zeitung“ damals) als Philosemit tarnt. Es fließt in solchen Momenten das aus, was im Verborgenen gedacht wird, die wahre Meinung, die nun endlich einmal – im geeigneten Rahmen versteht sich – ausgesprochen werden darf. Solche Sätze sind grausam, sie betäuben. Und genau das sollen sie auch. Sicherlich sind sie wenig subtil. Aber darauf kommt es in diesem Zusammenhang auch nicht an. Wenn es um die Sexualität und den Faschismus geht, da ist Fassbinder so wenig subtil wie Pasolini etwa in seinen „120 Tagen von Sodom“.

Natürlich, so läßt sich als Einwand vorbringen, kann ein Autor auch durch seine Figuren Dinge aussprechen, die er sich sonst nicht trauen würde. Aber dieses Argument ist eher lahm. Man müßte in einem solchen Falle Fassbinder schon direkte antisemitische Äußerungen nachweisen, damit das zieht und trifft. Auch sein „Offener Brief“ von 1976 ist eindeutiger Natur: Es gibt Antisemitismus in der Gesellschaft, und es gibt auch Juden, die sich die Mechanismen des Kapitalismus zunutze machen. Solches Verhalten wie das des „reichen Juden“ jedoch tangiert nicht die Grundstruktur dieses Kapitalismus, denn es wird hier nicht vorgebracht, daß Kapitalismus ein Phänomen sei, welches auf dem Judentum beruhe.

Zudem muß man sehen, daß ein Theaterstück doch sehr an seiner Inszenierung hängt. Man kann einen Text so oder anders lesen. Da läßt sich durch einen guten Regisseur einiges an einem eigentlich schlechten Text tilgen, deshalb also, so nebenbei, ein Lob auf das gekonnte Regietheater. Manches Brecht-Stück lebt nur durch seine Inszenierung. So mag es auch diesem Fassbinder-Text ergehen, der teilweise geniale Momente, leider aber auch manche Plattitüde bereithält.

Abschließend können wir nur von Glück sagen, daß in der Theater- und Schreiblandschaft nicht irgendwo der „mordende Moslem“ als Figur auftaucht, genauso als Klischee gezeichnet wie der „reiche Jude“. Die Empörungsmaschinerie einer bestimmten Linken wäre plangemäß-pflichtgemäß angesprungen. E. Jelinek hätte dazu eines ihrer immergleichen Polit-Theaterstück geschrieben, den Zeigefinger gibt‘s gratis dazu. Die vielfältigen Richtungen des politischen Islam würden ihre Mitglieder pflugs instrumentalisieren und mobilisieren, innerländisch sowie in Ländern, wo es ansonsten keinerlei Demonstration geben darf, tauchten plötzlich Tausende auf der Straße auf, um Feuerchen auf Fahnen zu entfachen, um politischen Druck auszuüben. Die westliche (Selbst-)Zensur beim Karrikaturenstreit mag da einen Vorgeschmack abgegeben haben, wie so etwas funktioniert.

Es sei jedoch Dank: In Fassbinders Stück sind es zum Glück nur Juden. Beim Antisemitismus tut sich ein Teil der Linken leider eher schwer. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Zumindest aber rechtfertigt auch der berechtigte oder unberechtigte Antisemitismusvorwurf gegen ein Stück keine Zensur oder zwangsweise durchgeführten Boykott mittels Blockaden. Zumal es explizit in diesem Stück schwierig zu entscheiden ist. Ich halte es nicht für antisemitisch, es ist jedoch grenzwertig, und ich kann die Empörung insbesondere der Jüdischen Gemeinde sehr gut nachvollziehen. Solche Sätze gerade in Deutschland zu hören, ist ein Schlag in das Gesicht, wenn man es unmittelbar und direkt nimmt.

Aber das Stück muß endlich gespielt werden, trotz alledem, sei es nun gut oder schlecht, antisemitisch oder nicht. Die Beurteilung nicht nur des Textes, sondern auch der Inszenierung obliegt dem Publikum. Wichtig zumindest ist, daß darüber gesprochen werden kann und daß es eine Öffentlichkeit gibt, die darüber urteilt und diskutiert.