Buchhandlungen in Berlin (2) – b_books in Kreuzberg

Die Serie über Berliner Buchhandlungen schlief ein, so daß die geneigte Leserin den Eindruck bekommen könnte, ich ginge lediglich einmal im Jahr Bücher kaufen. Das ist nicht der Fall.

Letzte Woche reiste ich in den mir unliebsamsten Stadtteil von Berlin; unliebsam vor allem wegen seiner Rumpeligkeit. Ich fuhr ins linke Herz des „Reichshauptstadtslums“, wie Don Alphonso Berlin gerne und despektierlich tituliert: nach Kreuzberg, genauer SO36, und zwar zu b_books, einer Buchhandlung mit einem angegliederten Verlag, der Bücher zu Stadtsoziologie, politischer Philosophie, Kunsttheorie, Postcolonial Studies, Film sowie zur Queer-Theorie macht. Ähnlich sind auch die Regale der Buchhandlung sortiert, erweitert noch um Pop und eine kleine Ecke mit Belletristik. Die typische Atmosphäre eines linken Buchladens, wie ich sie früher aus den 80ern kenne. Nicht ganz so angeranzt zwar und Anti-AKW-Badges gibt es auch nicht mehr zu kaufen – zumindest fand ich keine –, aber noch ranzig genug, daß die Street Credibility nicht schwindet. Vom Ladendesign das Gegenteil der vor einem Jahr genannten Buchhandlung Ocelot im ersten Teil der unterbrochenen Serie.

Das Unansehnliche in linken Szenezusammenhängen behagte mir noch nie. Einmal in meinem Leben … – und nun mache ich das, was ich im Journalismus unangemessen finde und worüber ich mich belustige: wenn ein Autor von seinen Befindlichkeiten her schreibt, die niemanden wirklich interessieren, es sei denn, ihm gelänge irgendwie aus der Subjektivität heraus wieder die Biege zum Inhalt. Grauenvoll, wenn Hannah Lühmann über Rammsteinkonzerte oder über Heidegger-Kongresse kolumnisiert, wenn sie in der „Welt“ uns ihre Eindrücke von der Stadt Siegen schildert, wo es eigentlich um Heidegger gehen sollte, und sie jammert, wie öde die Stadt sei, mit der weltmännischen Geste der Bolleberlinerin, eine Haltung, um die es im Grunde nicht vieles besser als um die von ihr beschriebene Stadt Siegen steht. Oder wenn Quengelbengel Clemens Setz auf Zeit-Freitext sich beklagt, daß er bei einem Konzert von Keith Jarrett angemessen ruhig sich zu verhalten habe und keine Photos erwünscht seien. Lauter Zeugs, das nichts mit der Musik selbst und dem Eigensinn des Ästhetischen zu tun hat. Befindlichkeitsjournalismus, statt daß die Sache selbst Relevanz besäße. Das wird leider Mode. Lühmann immerhin kommt dann doch auf Heidegger zu sprechen – leider etwas mager zwar, aber wir erfahren: da war was in Siegen.

Das Unansehnliche in linken Szenezusammenhängen behagte mir noch nie. Einmal in meinem Leben bewegte ich mich in die Rote Flora in Hamburg, Anfang der 90er Jahre, weil eine Freundin dort im Kollektivladen Äpfel und Kartoffeln kaufen wollte. Ich begleitete sie aus Solidarität und weil wir beide vorher Hegels „Phänomenologie“ lasen. Hinab stiegen wir auf einer dunklen Kellertreppe. Steine, die mit Zeichen beschmiert waren. Bizarres Bauwerk, auf engen Treppen stiefeln, in gedrängtem Raum, und nun verstand ich, wie es sich nach dem Krieg angefühlt haben mußte, wenn Menschen auf dem Schwarzmarkt in einem zerbombten Gebäude Dinge erstanden hatten, die nötig waren. Nein, ich möchte in solchen Geschäften keine Lebensmittel kaufen. Nicht einmal aus Solidarität mit irgendwas.

16_07_24_P_5_6985b_book jedoch ist gut betretbar, allenfalls für Menschen mit Gehbehinderung dürften die ziemlich steil in den oberen Bereich führenden Stufen ein Hindernis darstellen. Die Buchhandlung ist klein, es läßt sich darin gut stöbern, wenn nicht zu viele Menschen gleichzeitig anwesend sind. Im Ressort Theorie steht viel Rancière im Regal, wenig Zizek. Viel Adorno, etwas Benjamin, kaum Marx, viel Foucault, einige Bücher von Jean-Luc Nancy. Um sich inspirieren zu lassen, auch für abseitige Themen, scheint mir diese Buchhandlung bestens geeignet, und wer einem Ort linker Politik etwas Gutes und Geld zukommen lassen mag, der kaufe seine Bücher dort – zumal der angegliederte Verlag interessante Bücher bietet: wie etwa  Helmut Draxlers „Gefährliche Substanzen. Zum Verhältnis von Kritik und Kunst.“ Für Herrn Dercon, dem designierten Intendanten der Volksbühne scheint mir dieses Zitat daraus angemessen, das er sich auf der Zunge zerschmelzen lassen sollte:

„Vor allem der globale Erfolg von Kunst im Kontext neoliberaler, bio- wie geopolitischer Strategien scheint mir mehr Reflexion darüber zu erfordern, wie ‚smart‘ Kunst einerseits innerhalb dieser veränderten gesellschaftlichen Bedingungen funktioniert und andererseits, wie die in ihrem privilegierten Namen eingerichteten gesellschaftlichen Freiräume auch für andere soziale und politische Praktiken besetztbar sein könnten. Kunst scheint mir sogar zunehmend aus dem Widerspruch heraus zu leben, dass ihre kritische Beanspruchung nicht zwingend in einem Gegensatz dazu steht, eine der exemplarischen Funktionsweisen der neuen kulturalisierten Ökonomien geworden zu sein. Darin liegt freilich auch die Chance, die Analyse von Kunst mehr im Sinn einer gesellschaftspolitischen Symptomatik zu betreiben, ohne doch einen grundsätzlich sympathisierenden Zug aufzugeben.“

Ich griff mir im Laden einige Bücher, stapelte, schaute weiter, betrachtete, stöberte, wie ich es in Buchläden gern tue – auch um mich inspirieren zu lassen, worüber ich denken und schreiben könnte. Da erspähte ich ein Buch aus dem Fink Verlag: Willem van Reijen Der Schwarzwald und Paris. Heidegger und Benjamin. Ein altes Buch, 1998 erschienen, und ein fixer Gedanke kreiste im Köpfchen: Das Buch ist bereits vergriffen. Es ist eine Rarität, schoß es durch meinen Kopf. Es kann nicht anders sein, denke ich mir und steigere mich weiter in Kauflaune – das Buch ist angeblättert, die untere Ecke arg schmutzig. Aber für den Preis und vergriffen ist das völlig in Ordnung. Dabei gerate ich beim Auswählen in eine klassische win-lost-Situation, die mir erspart geblieben wäre, besäße ich eines jener Geräte, die sich Smartphone nennen. Mit dem Telephon recherchierte ich in wenigen Sekunden, daß dieses Buch beim Fink Verlag immer noch bestens erhältlich ist und ich für diesen Preis ein Buch in besserem Zustand hätte erstehen können. Ich kaufte und freute mich über mein scheinbares Schnäppchen und ärgerte mich zu Hause vorm Rechner beim Betrachten der Verlagsseite. Aber was soll es: Solidarität zahlt und zählt. Auch im Geld. Das Nichts nichtet.

Wer in Berlin lebt oder wer als Besucher nach Kreuzberg reist, einen Abstecher ins pittoresk-wilde Milieu machen will, zwischen Graffiti, ausrangierten, zertretenen Computern oder Schränken, die auf dem Bürgersteig abgestellt werden (Bürgersteig – ein so schönes Wort aus der Kindheit. Gibt es denn noch Bürger und Proletarier? Wo aber gehen die Proletarier? Wollen auch die Arbeiter Bürger sein? Fragen eines lesenden Arbeiters), zwischen Einheimischen und Touristen, die schauen, Türken, Kurden, Dealern am Görlitzer Park, Armen, Ausgestiegenen, Normalen, Andersnormalen und Irgendwas-mit-Medien-Menschen, wer also all das Leben sich betrachten will, der fahre nach Kreuzberg, ins alte SO 36, flaniere die Skalitzer Straße hinunter, zum Lausitzer Platz, wo die 1. Mai-Demos beginnen, und biege dann in die Lübbener Straße, hin zur Nummer 14. b-books ist eine Institution. Wohnte ich dichter dran, ginge ich sicherlich auch zu einer der Veranstaltungen, die der Buchladen bietet, obgleich ich in Kreuzberg nach drei Stunden wieder froh bin, draußen zu sein. „Denn bleiben ist nirgends“ Da kannte Rilke die entfesselten Städte noch nicht richtig. Bei Kuchen Kaiser hingegen ist es gemütlich und das Stück Torte schmeckt. Kein Schnickschnackkaffee. Die Bilder der Stadt sind immer Denkbilder, die wir uns entwerfen. Das wußte Walter Benjamin gut. Deshalb lebe ich lieber im tiefen Westen von Berlin. Unweit von Dahlem, nicht fern von Potsdam.

„Tocotronics“ rotes, neues Album

Der 1. Mai ist als Tag insofern bedeutsam, als ich nicht mehr in Konzerte gehe. Es sei denn, es werden dort Mahler, Beethoven oder Schönberg gespielt, und ich kann, während ich höre, gepflegt im Konzertstuhl sitzen. Gefesselter Konzertbesucher, der ich nun einmal im restbürgerlichen Habitus residual oder fragmentiert noch bin oder gerne gewesen wäre, sofern das überhaupt noch in diesem outrierten Zeitenfeld und in der verwalteten Welten möglich ist. Eine der besten Passagen Adornos aus der „Dialektik der Aufklärung“ weist auf diesen arbeitsteiligen Zustand der Deformation, der beide Parteien gleichermaßen betrifft. Kein Ort, nirgends und so bleiben einzig die den Wellen und dem Meer preisgegebene „Flaschenpost“ und die „Gesten aus Begriffen“ als Philosophie und ästhetische Theorie:

„Der Gesang der Sirenen aber ist noch nicht zur Kunst entmächtigt. Sie wissen ‚alles, was irgend geschah auf der viel ernährenden Erde‘ … Der Gedanke des Odysseus, gleich feind dem eigenen Tod und eigenen Glück, weiß darum. Er kennt nur zwei Möglichkeiten des Entrinnens. Die eine schreibt er den Gefährten vor. Er verstopft ihnen die Ohren mit Wachs, und sie müssen nach Leibeskräften rudern. Wer bestehen will, darf nicht auf die Lockung des Unwiederbringlichen hören, und er vermag es nur, indem er sie nicht zu hören vermag. Dafür hat die Gesellschaft stets gesorgt. Frisch und konzentriert müssen die Arbeitenden nach vorwärts blicken und liegenlassen, was zur Seite liegt. Den Trieb, der zur Ablenkung drängt, müssen sie verbissen in zusätzliche Anstrengung sublimieren. So werden sie praktisch. – Die andere Möglichkeit wählt Odysseus selber, der Grundherr, der die anderen für sich arbeiten läßt. Er hört, aber ohnmächtig an den Mast gebunden, und je größer die Lockung wird, um so stärker läßt er sich fesseln, so wie nachmals die Bürger auch sich selber das Glück um so hartnäckiger verweigerten, je näher es ihnen mit dem Anwachsen der eigenen Macht rückte. Das Gehörte bleibt für ihn folgenlos, nur mit dem Haupt vermag er zu winken, ihn loszubinden, aber es ist zu spät, die Gefährten, die selbst nicht hören, wissen nur von der Gefahr des Lieds, nicht von seiner Schönheit, und lassen ihn am Mast, um ihn und sich zu retten. Sie reproduzieren das Leben des Unterdrückers in eins mit dem eigenen, und jener vermag nicht mehr aus seiner gesellschaftlichen Rolle herauszutreten. Die Bande, mit denen er sich unwiderruflich an die Praxis gefesselt hat, halten zugleich die Sirenen aus der Praxis fern: ihre Lockung wird zum bloßen Gegenstand der Kontemplation neutralisiert, zur Kunst. Der Gefesselte wohnt einem Konzert bei, reglos lauschend wie später die Konzertbesucher, und sein begeisterter Ruf nach Befreiung verhallt schon als Applaus. So treten Kunstgenuß und Handarbeit im Abschied von der Vorwelt auseinander. Das Epos enthält bereits die richtige Theorie. Das Kulturgut steht zur kommandierten Arbeit in genauer Korrelation, …“ (Th. W. Adorno, Dialektik der Aufklärung)

fee_786_587_pngIch schätze die Band „Tocotronic“ sehr, wenngleich ich mit den Stücken ihres neuen Albums, welches „das rote Album“ genannt wird, weil es von der Grundfarbe rot ist, allerdings optisch-drucktechnisch retrogradig mit einigen künstlichen Spuren des Abblätterns oder Abriebs versehen, wenig anfangen kann. Aus diesem Album gefallen mir – zumindest nach dem ersten Hören, vielleicht ändert sich das noch – nur drei Lieder wirklich gut. Von den Texten reicht es lange nicht an das letzte Album „Wie wir leben wollen“ heran. Das Subtitele, fast schon Lyrische oder zumindest doch Dichterische bleibt in „Wie wir leben wollen“ ohnegleichen, ebenfalls das Musikalische, das zwar einerseits an die letzten Alben anknüpfte, aber dennoch einen Sprung machte, und das gab es in dieser Reife bei Tocotronic bisher nicht. Ich halte „Wie wir leben wollen“ für ihre beste und am klügsten auskomponierte Platte. (Ästhetische Form ist immer ein Phänomen des Gesamtzusammenhangs, isoliert nicht die Momente.) Die frühen Alben aus den 90ern freilich – „ K.O.O.K.“  mit dem legendären Song Let there be rock bildet bei „Tocotronic“  allerdings einen Wendepunkt und in einem bestimmten Sinne knüpft das rote Album daran wieder an – sind von einem anderen Kaliber: Wie bei jeder Band, die neu kommt, herrscht der Sturm-und-Drang vor. Wilder, aufbegehrender Rock von jungen Menschen, Zwanzigjährige, die Teil einer Jugendbewegung sein möchten und doch bereits abgeklärt in ihren so jungen Jahren, wissen, daß diese epochemachende Musik und Phase längst vorüber ist.

Das Moment des Pophaften überwiegt auf dem roten Album. Es ist, so heißt es, eine Platte, die von den Teenagern handelt. Sophie Hungers (nach einem Interview aus dem „tip“ mit Dirk von Loewtzow zitierte) Bemerkung jedoch über „Die Erwachsenen“, „das Stück sei dreimal um die Ecke gedacht und trotzdem mitten ins Gesicht“, kann ich nicht nachvollziehen, die subtile Drehung dieses Stückes entging mir. Im Gegenteil, viele der Texte scheinen mir eher unidirektional aus dem Hallraum des Jugendzimmers zu stammen. Vielleicht muß man sich beim Hören dieses „roten Albums“ die Welt des Teenager-Seins wieder vergegenwärtigen. Das ist für einen mittlerweile älteren Menschen nicht unbedingt mehr leicht, es bedarf dazu der Übung, sich in den ästhetisch-literarischen Imaginationen, von den Flügeln des Phantasie getragen, in diesen Zustand zwischen Euphorie und (Hormon)Verwirrung, Umbrüchen, Zeitenwende des Privaten, Wildheit, ungestümer Emotionen und Verhaltenheit zurückzuversetzen: in jene Zeit des Liebens und Lebens, als alles an Welt noch vor einem lag und fast alles an Zielen und Wünschen möglich erschien. Omnipotenz, Schönheit des Körpers, Narzißmus und hemmungsloser Kleinmut sowie radikaler Selbstzweifel gingen die im Leben wohl einmalige Konstellation ein. Wie es nie mehr wiederkehren wird. Auf eine interessante und witzig-trickreiche Weise unternimmt diesen Versuch, diese Jahre einzuholen, übrigens der Schriftsteller Navid Kermani in seinem 2014 erschienenen Buch „Große Liebe“: Sich in die Perspektive des 15-Jährigen zu begeben, darin er den Gefühlshaushalt dieses jungen Mannes, dieses alten Kindes in den 80er Jahren, inmitten der politischen Auseinandersetzungen um Atomkraft und Nato-Doppelbeschluß, mit den Texten arabischer Mystik kontrastiert. Die erste Liebe zu einer Frau, die drei Jahre älter ist, die er in der Oberstufenecke bei den Rauchern betrachtet. Solche Liebe der Jugend ist Erleuchtung und Verblendung in einem. „Gedauert hat diese große Liebe, um die mein Gedächtnis so viel Aufhebens macht, keine Woche, gerechnet vom ersten Kuß bis zur Trennung, der Trennungsschmerz natürlich länger, in gewisser Weise bis heute, sonst würde ich nicht unsere Geschichte erzählen.“ (Navid Kermani, Große Liebe“) Das Schöne, die Melancholie und die Tücken dieser Zeit fängt Kermani wunderbar ein, und es ist ein kluger Schachzug, der von der Unmittelbarkeit des Erlebten wiederum distanziert und eine Reflexionsstufe dazwischenschaltet, wenn er die Überlegungen der arabischen und persischen Mystiker da einfließen läßt, wo der Schmerz immer noch zu treiben vermag.

Vielleicht muß ich diese Platte von „Tocotronic“ mehrmals hören, vielleicht beim Autofahren über die Weite der Landstraßen Brandenburgs, bis nach Sachsen hin, wenn ich die Felder und die Wälder beobachte, wenn ich an einem Waldweg das Auto stoppe und ich halte an, und es spielt die Musik. Vielleicht klingen dann Erinnerungsfetzen nach, als Bilder materialisiert, im Kopf des älteren Mannes. Und wie verweht ziehen die Brüche durch den Kopf. Zeichenhaften Elemente und das bildet dann ein Muster, in dem wir uns erinnern, wiederholen und durcharbeiten. „Jungfernfahrt“

„Tocotronic“ spielte am 1. Mai im SO 36 ihr sogenanntes Club-Konzert, um ihr Album vorzustellen. Mir war in der schlauchartigen Halle die Akustik zu schlecht, es taten die Ohren weh, auch gefiel mir die Auswahl der gespielten Stücke nur mäßig. Es war ein nettes, freundliches Konzert, von einer netten, freundlichen plüschophilen Band eben, die ich sehr schätze. Als ich dann wieder zu Hause und gemütlich in meinem Sessel saß, um in den Gedanken den Abend ausklingen zu lassen, war ich froh, in meiner stillen, weitläufigen, friedlichen Wohnung mich zu befinden, im komfortablen Grandhotel Abgrund. Das schöne an Kreuzberg ist, wenn man dann wieder fort ist. Nichts Schlimmeres als das Maifest. Was jedoch das Heruntergeranzte dieses Viertels betrifft: da sieht es auch zu den Zeiten, wo kein Maifest befriedet, nicht viel anders aus. Insofern paßt dann wiederum der Görlitzer Park nach Kreuzberg. Jeder Stadtteil hat, so will es mir scheinen, die Parks, die ihm gemäß sind.

Warenwelten, Kunstwelten, Zwischenwelten, auf der abc-Berlin und rund um die Umgebung der geprobte Blick

Flaneurpose im Regen über irgendeine Straße im Berliner Westen, vormittags Möbelausschau im Stilwerk, das Sofa ist durchgesessen, Kunstpose geprobt, Glycerine, klingender Name, Narbentexte, korkig schmeckender Wein, Liedertexte im Kopf, im Herzen Liebe nach Sachsens schönen Bräuten und Herbstzeitlose im Park. Ob so auch die Losverkäufer der Jahrmarktbuden ihre Produkte zu dieser Jahreszeit ausrufen und preisen? Motto für grundsätzlich klamme Botanische Gärten mit Spendenbedarf. Ich habe es gestern nun doch wahr gemacht und besuchte die Art Contemporary Berlin am Gleisdreieck in der Luckenwalder Straße. Da es sich um eine Messe handelt, bespreche ich die Veranstaltung nicht. Nicht etwa, daß ich an die hehren ewigen Wahrheiten der Kunst groß glaube, die vorm schnöden Geld geschützt werden müßten. In einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft geht nun einmal alles, jede Regung fast, bis zum Toilettengang, den Weg des Marktes und auch Künstlerinnen und Künstler wollen von ihrer Arbeit leben – wie alle anderen. Das geht durch den Verkauf und die Transformation der Kunst in Ware. Ob ich das gutheiße oder nicht, bleibt ganz und gar Nebensache.

Mir mißfällt vielmehr das Bezugslose solcher Messen. Es reihen sich verschiedene Positionen der Gegenwartskunst, genauer geschrieben deren Bilder, beziehungslos, beliebig und der Willkür anheimgegeben aneinander, genausogut wären ganz andere Bilder und Objekte denkbar. Ob das Gezeigte nun irgendwie repräsentativ sei, bleibt dahingestellt. Es gab, wie es im Leben so ist, Interessantes und Bedeutungsloses und es gab So-La-La. Die Selbstrelativierung der bildenden Kunst im Zeichen der herb gealterten Post-Moderne ist wohl auf ihrem Höhepunkt angelangt, niemand kann mit Fug und Recht noch sagen, was gelungen oder mißlungen sei, kaum einer, der auf kluge Weise all das Disparate, Beliebige, das Aufgreifen längst abgelebter Formen in eine andere Anordnung bringen könnte, als die vom Ende der herkömmlichen bürgerlichen, bildenden Kunst. Bildende Kunst drängt ins Kunstgewerbliche, vielfach ist sie rein dekorativ geworden. Zumal dort, wo es beim Betrachten sowieso nur um Wirkungen geht und die ästhetische Erfahrung als Maß allen Anschauens von Kunst funktioniert. Mache ich mit dem hach so sinnlichen Bild tolle Erfahrungen und finde ich mich im Werk wieder? Und dann noch flugs das überbordende Tafelbild gekauft und ausgesucht nach dem Motto „Paßt das Bild in meinen Wohnraum und wie paßt es zu meinem Typ?“, „Harmonisieren die Farben des Bildes mit meinem cremefarbenen Sofa und der Sengai-Kalligraphie im nach Askese duftenden Wohnzimmer?“ Nein, tut es nicht, zu bunt. Oh, sogar ein Meese hier. Meese auf der Messe. Ha, ha. Trotzdem stehen auch auf dieser Messe Werke, die herausragen und ironisch, verspielt, tiefsinnig, sinnlich, reflektiert oder auch hart den Begriff von Kunst und damit auch diese selber weitertreiben.

Viele Frauen, viele Männer, ich betrachte mir die rasierten Geschlechter der drei Performance-Aktivistinnen. Ich mag rasierte Geschlechter nicht. Andererseits geht es in der Kunst allerdings nicht ums Mögen (ich hätte beinahe „Mösen“ in die Tastatur gehauen) und so bin ich mit meinem eigenen Muschibewußtsein auf weiter Flur allein. Das ist alles aus sehr männlich-hilfloser Perspektive geschrieben, und als Ablaß für das sündige und politisch womöglich schandbare Denken an die Muschis der Performance-Darstellerinnen oder aber der Performance-Künstlerlinnen, die Performance-Darstellerinnen darstellen oder ganz einfach der drei aushilfsweise für ein Kunstwerk körperwirkenden jungen Frauen kaufte ich mir beim Stand der wunderbaren Buchhandlung Walther König den Band „Kunst und Feminismus“ aus dem Phaidon Verlag, der preislich herabgesetzt gerade im Angebot auslag. Und noch zwei weitere Bücher, was mir einen beigen Umhängestoffbeutel mit dem Aufdruck „Buchhandlung Walther König“ einbrachte. „Buchhandlung“ in blauer und „Walther König“ darauf in roter Schrift gedruckt. Die Trageschlaufen lang hängend, so daß der Transportsack nahe meiner schmalen Hüfte schwang.

Den Stoffbeutel trug ich dann ob des Gewichts freilich leicht nach rechts gebeugt über den Gehsteig, das Auto parkte zum Glück unweit, in der Luckenwalder Straße, und ich fuhr sinnierend und grübelnd nach Hause. Vorher jedoch einen kleinen Umweg nehmend an der nun geräumte Brache in der Cuvry-Straße im heruntergekommenen Teil von Kreuzberg vorbei. Vielleicht geht da noch was, eine kleine Demo, einiges an Photos. Das Leid anderer ist mein Anlaß, dachte ich kurz beschämt, aber dann in mein lakonisches Lächeln wieder zurückfallend. Mein Adrenalin ist im Moment so, daß ich wieder etwas mit Helm und Wurf und Wums möchte. Aber da geschah nichts, da stand nichts außer ein paar Wannen der Bereitschaftspolizei. Kunstmessen sind doch eigentlich für den Arsch, dachte ich mir, während ich blickend vorbeikurvte und über die Nebenstraßen auf Schleichwegen ins entfernte Nachhause fuhr, mit dem selbstgesetzten Ziel, nur durch 30er-Zonen zu gondeln, um ins geliebte Heim zu gelangen. Vor mir in irgend einer dieser unendlichen Nebenstraßen in Neukölln radelte eine Frau mit unsagbar schön geformtem Hintern, knapper Jeans, daß die Po-Ritze hervorblickte. Ich dachte mir, daß ich im September vor exakt drei Jahren am liebsten Lovely Lindas Rennradsattel gewesen wäre. Merkwürdig, wie Menschen so in die Ferne entschwinden. Die Frau, die ich liebe, ist zu selten bei mir, denke ich mir im Straßenfluß. Kunst gäbe es hier so viel. Im Nebeneinander der Messen aber ist es für den Arsch, an dieser Einsicht hielt ich beim Fahren weiterhin fest, wie mit der einen Hand das Lenkrad. Die Berliner Verkehrsbetriebe (kurz BVG) haben vor rund zehn Jahren Unterwäsche mit Aufschriften herausgebracht. Auf einer stand am signifikanten Muschibereich appliziert: Gleisdreieck. Für Männer wiederum: Rohrdamm. Ich glaube, Kunst und Kommerz sind an genau dem Ort positioniert, wo sie sich optimal ergänzen.

Ein jedes Kunstwerk sei der Todfeind des anderen, schrieb Adorno zu einer ganz anderen Zeit in den „Minima Moralia“ und ein jegliches benötigte insofern einen eigenen Ort, einen eigenen Raum im Museum, um sich zu exponieren und zur Entfaltung zu gelangen. Die Petersburger Hängung oder ein schnödes Nebeneinander an den geweißten Wänden haben allenfalls dann einen Sinn, wenn kunstgeschichtliche Bezüge, die Korrespondenz oder aber Dissonanz zwischen verschiedenen Bildern veranschaulicht werden sollen. Die Staatliche Kunsthalle Stuttgart hat ihre Räume farblich voneinander abgesetzt, bestimmte Farben korrespondieren mit bestimmten Kunstrichtungen. Darf man Museumspädagogen an extrem kalte Orte deportieren? Da, wo alle mitgenommen werden wollen, sollte man die Busfahrpläne drastisch streichen. Ich bin ein Anhänger des Marktes. Vielleicht deshalb, um ihn als das zu überführen, was er in seinem Wesen ist. Aber auch die Todfeindschaft und der Kampf um Leben und Tod bedeuten Anerkennungsverhältnisse, wenn ich Hegel folge.

Vor die Schönheit der Bilder freilich haben wir einmal wieder die Arbeit der Lektüre und des Begriffs gelegt, und so gebe ich hier – bevor es zu den Photographien vom Super-Samstag der ABC-Messe geht – jenen kurzen Text aus den „Minima Moralia“ wieder, und zwar mit dem schönen Titel:

 De gustibus est disputandum. – Auch wer von der Unvergleichbarkeit der Kunstwerke sich überzeugt hält, wird stets wieder in Debatten sich verwickelt finden, in denen Kunstwerke, und gerade solche des obersten und darum unvergleichlichen Ranges, miteinander verglichen werden und gegeneinander gewertet. Der Einwand, bei solchen Erwägungen, die eigentümlich zwangshaft zustandekommen, handle es sich um Krämerinstinkte, ums Messen mit der Elle, hat meist nur den Sinn, daß solide Bürger, denen die Kunst nie irrational genug sein kann, von den Werken die Besinnung und den Anspruch der Wahrheit fernhalten wollen. Der Zwang zu jenen Überlegungen ist aber in den Kunstwerken selber gelegen. So viel ist wahr, vergleichen lassen sie sich nicht. Aber sie wollen einander vernichten. Nicht umsonst haben die Alten das Pantheon des Vereinbaren den Göttern oder Ideen vorbehalten, die Kunstwerke aber zum Agon genötigt, eines Todfeind dem andern. Die Vorstellung eines ‚Pantheons der Klassizität‘, wie noch Kierkegaard sie hegte, ist eine Fiktion der neutralisierten Bildung. Denn wenn die Idee des Schönen bloß aufgeteilt in den vielen Werken sich darstellt, so meint doch jedes einzelne unabdingbar die ganze, beansprucht Schönheit für sich in seiner Einzigkeit und kann deren Aufteilung nie zugeben, ohne sich selber zu annullieren. Als eine, wahre und scheinlose, befreit von solcher Individuation, stellt Schönheit nicht in der Synthesis aller Werke, der Einheit der Künste und der Kunst sich dar, sondern bloß leibhaft und wirklich: im Untergang von Kunst selber. Auf solchen Untergang zielt jedes Kunstwerk ab, indem es allen anderen den Tod bringen möchte. Daß mit aller Kunst deren eigenes Ende gemeint sei, ist ein anderes Wort für den gleichen Sachverhalt. Von solchem Selbstvernichtungsdrang der Kunstwerke, ihrem innersten Anliegen, das hintreibt ins scheinlose Bild des Schönen, werden immer wieder die angeblich so nutzlosen ästhetischen Streitigkeiten aufgerührt. Während sie trotzig und verstockt das ästhetische Recht finden wollen und eben damit einer unstillbaren Dialektik verfallen, gewinnen sie wider Willen ihr besseres Recht, indem sie vermöge der Kraft der Kunstwerke, die sie in sich aufnehmen und zum Begriff erheben, jedes einschränken und so auf die Zerstörung der Kunst hinarbeiten, die deren Rettung ist. Ästhetische Toleranz, wie sie die Kunstwerke unmittelbar in ihrer Beschränktheit gelten läßt, ohne sie zu brechen, bringt ihnen nur den falschen Untergang, den des Nebeneinander, in dem der Anspruch der einen Wahrheit verleugnet ist. (Th. W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben)

 Das, was Adorno hier formuliert, betrifft insbesondere eine bestimmten Art von Kunstbetrachtung, die zu träge und behäbig ist, um überhaupt noch angemessen einem Werk sich zu nähern, und zwar jenseits eines bloß subjektiven Gefallens und des unendlich drögen Berührtwerdens durchs Werk und was dero Käsigkeiten mehr sind. Wer berührt werden will, soll sich eine Liebhaberin, einen Liebhaber oder ein Haustier suchen, aber ansonsten besser die Finger von der Kunst lassen. Es gibt in diesen Angelegenheiten besser Orte für die Finger. Der Wahrheitsanspruch der Kunst wird in solcher Haltung unvermittelter Sinnlichkeit getilgt. Und damit ebenso die Kraft der Kunst. Das schnöde Bewußtsein, dem jegliche Differenz abgeht und dem akademisch die Differenzierung systematisch ausgetrieben wurde, ist in seiner Quantifizierung zu opponieren. Das kann man gar nicht oft genug gegen die Gefühlsseligkeit der schönen oder weniger schönen Seelen betonen, die eines wie das andere als beliebig gültig und damit dann als gleichgültig gelten lassen. Wer zwischen „Alle meine Entchen“ und den „Liedern eines fahrenden Gesellen“ keinen Unterschied in der Qualität sieht, sollte die Finger von der Kunst lassen. Nein, es geht nicht um quantifizierende Rangfolgen und Kunstwerke spielen nicht in der Bundesliga. Aber sehr wohl kommt es auf das qualitative Moment an. Die Unterschiede zwischen Beckett und Sartre, Warhol und Koons sind solche ums ganze und keine Frage des bloßen Geschmacks, wie das manche gerne hätten.

Man müßte bei solchen Messen die Werke aus ihren Verankerungen reißen. Every Me and Every You. So von Hegel gedacht.

Photographien dieses Tages zeige ich, wie oben vorauseilend versprochen, auf „Proteus Image“.

Bis zum Pamukkale-Brunnen kamen wir nicht. Gentrifiziert endlich Kreuzberg! Restlos. Und Neukölln!

OK, der Titel des Beitrags ist drastisch. Aber das zieht immerhin Leserschaft. Vielleicht noch was mit Suff rein: ich war eine Woche lang saufen, vielleicht ein paar Penis-Vagina-Schamanen, die durchs geschriebene Bild streifen, vielleicht ein paar Fotografien, die mit Filterkleistertand zugesoßt sind, vielleicht sollte ich über den Blogtitel einfach abstimmen lassen, so wie eine Bloggerin über den Titel ihres zukünftigen Romans (es gibt nichts, das nicht zu blöd ist, und der Blödeste macht es dann irgendwann tatsächlich; wer den Titel seines Romans aus der Hand gibt, sollte gleichzeitig auch sein Schreibwerkzeug unter die Leute verteilen, damit kein weiteres Unheil entsteht), vielleicht schreibe ich ein Rilke-Gedicht, das geht auch:

Herr, es ist an der Zeit.
Die Koffer zu packen, denn die Sonne steht hoch
Und der Mietenspiegel steigt. Ungemindert.
Denn dornig dünken die Wege.
Modrig zieht ein Duft über Stege.
Stege und Stiegen – in den Armen wir wiegen,
Als wir auf der Schönhauser um die Ecken uns biegen.

Doch es steigt ein Baum, oh reine Übersteigung!
Und neigt der Tag auch, reine Überneigung!
Ein Engel verspricht
Auf der Straße erbricht
Ein Hund seine Überzeugung

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr
Damals mit BHW war‘s freilich nicht schwer.
Wer jetzt an der Leine liegt, wird es wohl bleiben
Und in Kreuzberg des nachts schwanzlang im Kit Kat sich reiben
und morgens in der Köpenicker hin und her
Trunken schlendern, wenn die Schwalben es treiben

Soviel Rilkesound für Aus- und Eingelassene.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIch stehe dem Phänomen, das mit dem Begriff „Gentrifizierung“ überschrieben wird, gespalten gegenüber: Es gibt Veränderungen, die ich nicht für völlig falsch halte. Stadtviertel schöner, angenehmer, lebenswerter zu gestalten, ist die eine Seite; die andere ist es, drastisch die Mieten zu verteuern und Menschen aus ihren Vierteln zu vertreiben. Bekanntlich jedoch ist, ganz poetisch von Rilke gestimmt, wie ich es noch bin, das Schöne der Anfang des Schrecklichen. Aber auch die, die heute gegen die Gentrifizierung klagen, sind deren Profiteure. Denn wer hat wohl damals in den 80ern in den schönen Kreuzberger oder Friedrichshainer Altbauten gewohnt? Die, die heute darin ihr Leben führen, sicherlich nicht. Stadtviertel unterliegen Wandlungen. Das ist nicht immer gut. Hätte man bereits nach der Wende dagegen etwas getan, wohnten ab den späten 90ern die, die heute in ihren Wohnungen leben, nicht dort, sondern die Bewohner der Viertel. Türken, Kurden, Arbeiter, Alte und Arme. Das war mal so, in Berlin, Ecke Boxhagener oder in der Wrangelstraße. Ich weiß mir da keinen großen Rat. Kann nur kunstgewerblich mit Rilke rufen: Armut ist ein großer Glanz aus Innen. Auch wenn eine/r in Marzahn oder Lankwitz lebt, es glänzt der Mensch.

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Wir haben es an einem Sonntag getan: Nach einem Spaziergang durchs herrlichste Berlin-Mitte, meinen Lieblingsorten dort: dem feinen Zionskirchplatz mit der schönen Kirche, die dem Platz ihren Namen gab, dem Arkonaplatz mit seinem kleinen beschaulichen Flohmarkt, ging es in den Prenzlauer Berg, und dann mit dem Auto weiter: nach Kreuzberg. Zunächst aber zog es uns in die Stille des herrlichen Zionskirchplatzes, hinein in die Kirche. Wir waren fast allein dort. Die Mauern verfallen, von den Säulen und Wänden bröckelt der Putz. (Das rilket schon wieder so mächtig im Gebälk.) Alles ist in einer ansprechenden Weise schlicht gehalten. Man könnte meinen, daß solche Kirchen zum Gottesdienst leer sind, aber gegen zehn Uhr am Sonntag ist die Kirche rappelvoll. Es strömen die Menschen wie zu Fausts Osterspaziergang. Wir kamen später, wir schlendern durch die Swinemünder Straße direkt auf den Arkonaplatz zu, besuchen den kleinen Flohmarkt, entdecken, schauen. Dann weiter Schwedter Straße, vorbei an dem eigenartigen Gebäudekomplex Marthashof, der wie ein abzirkelter Bereich zwischen den übrigen Häusern sich zwängt. Manche sagen Gated Community dazu. Wir streifen den Mauerpark, auf zwölf Uhr vor uns. Kurz durch die Oderberger Straße, hinein in ein oder zwei Modegeschäfte, in die Auslagen schauen und dann die Kastanienallee entlang. Touristenströme mag mancher denken. Mag sein. Trotzdem ist der Prenzlauer Berg ein angenehmes Viertel. Anders als Kreuzberg strukturiert. Kreuzberg ist gut zum Ausgehen, zum Flanieren, Photographieren; interessante Clubs und Kneipen dort, zum Wohnen jedoch ist es für jeden Menschen mit Sinn für die ruhigen Dinge schwierig auszuhalten. Nebenstraßen ohne Bäume ziehen sich durchs Viertel. Kennzeichen der armen Gebiete. Was brauchen die auch Bäume?
 
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Wer in angenehmer Atmosphäre in Kreuzberg etwas zu sich nehmen will, der begebe sich ins „3 Schwestern“ am Mariannenplatz. So taten wir es. Im lauschigen Garten läßt es sich gut speisen, wenn die Augustwespen nicht wären. Ich muß allerdings gestehen, daß ich die hausgemachten Kuchen langweilig finde. Sie schmecken nicht schlecht, wirken aber auch nicht wirklich pfiffig zubereitet. Anders als die Speisen der Abendkarte. Wer also abends kommt, ist besser bedient. Wer gerne die Österreichische Küche mag und das zu ausgesprochen günstigen Preisen, der gehe ins „No Kangaroo“, Muskauer Straße, und wer Cocktails trinken will, der treidle nach kurzem Vorglühen zu Hause oder anderswo in die „Schwarze Traube“ in der Wrangelstraße. Es ist dies eine Bar der besonderen Art, wo die Cocktails nicht von der Stange und à la carte bestellt werden, sondern der Barkeeper fragt, wonach einem gelüstet und in welche Trinkrichtung es gehen soll. Eher Gin? Lieber Whisky? Oder Rum? Aroma eher Lakritze oder Thymian? Dann schlägt die Servicekraft eine Mischung vor, die nach einiger Zeit prompt und von freundlichem Personal serviert wird. (Ja, ich mag es, wenn Barkeeper und Personal freundlich, aber bestimmt sind und ich verabscheue von Kellnern rotznäsiges Cooltun.) In der „Schwarzen Traube“ werden Getränke gereicht, wie sie Freude bereiten. Es zeigt also die Aufwertung eines Viertels gastronomisch angenehme Wirkung, ohne daß sich sogleich von einer Yuppisierung sprechen läßt.

Nachdem wir im „3 Schwestern“ unseren Kaffee getrunken und bezahlt hatten, beschlossen wir, durchs Viertel zu spazieren. Gewandelt hatte sich zum Glück viel, wenngleich das Kottbusser Tor immer noch so grauenvoll ausschaut wie vor zehn Jahren. Insofern wäre der Name Kotbusser Tor passend. Don Alphonsos Polemiken gegen Berlin sind nicht von der Hand zu weisen, andererseits gehört das alles mit dazu, und als Bewohner eines anderen Kiezes oder als Tourist ist ein Besuch spaßig und hat Vergnügungsfaktor, wenn ich nur weiß: ich gelange nach ein oder zwei Stunden wieder in mein beschauliches, ruhiges, manche sagen auch langweiliges Viertel zurück. Punkrock ist vorbei, when the music is over, Endspiel, letztes Lied, dann gibt die Jukebox Ruhe. „Versuch über die Jukebox“: Original Wurlitzer, Retro-Sound im Vierteltakt. „Aber hier leben? Nein danke!“ Sicherlich ist das heutige Kreuzberg nicht mehr das von früher, und vom Satz aus „Ideals“ Berlinhymne blieb nicht mehr viel übrig: „Oranienstraße, hier lebt der Koran, da hinten fängt die Mauer an, Mariannenplatz rot verschrien …“.

Nach einem Zug durch die Straßen gingen wir in den Görlitzer Park: grün dachte wir. Ich mag das ja im Grunde, wenn sich etwas anstaut. Ich sehe die Einsatzwagen, sehe die Bullen in Zivil. Einige kenne ich. Ich bin ein Teil des Teils vom Teil. Wenn auf einer Demo eine Situation eskaliert, wenn es kurz davor steht: daß es kracht, platzt, ausbricht, dann steigt mein Adrenalin. „Helm auf, Helm auf!“ gehen die Rufe, „Der ganze Zug nach vorne und die Straße dicht machen!“ Funkgeräte knistern, Blaulicht, Martinshorn: „Ganz Berlin haßt die Polizei!“ Knallen von Feuerwerk. Arschloch. Auch ich jetzt. Helm auf. Kreuzbergsound? Nein. Das ist überall. Adrenalin. Erinnerungsfetzen von früher her geweht. Wir passieren den Eingang zum Görlitzer Park von der Skalitzer Straße her. Brachland, das den Namen Park kaum verdient. (Ich kommentierte das hier und weiter oben.) In der Nähe dieser kargen Flächen befindet sich die Muskauer Straße. Der Dandy und Parkgestalter Fürst Hermann Ludwig Heinrich von Pückler-Muskau fiele entsetzt vom herrscherlichen Fürstenstuhl oder stürbe vor Scham noch einmal den Tod des Ästhetikers, wenn er erführe, daß in der Nähe dieses Geländes eine Straße nach ihm benannt wurde. Wer je im Park Babelsberg sich aufhielt, kann eine Idee davon bekommen, wie Natur und Kunst in einer Parklandschaft verschmelzen können, wie Blickachsen gesetzt werden, wie Wege verschlängelt durch einen Raum aus gestalteter Natur sich ziehen, wie Gebäude und Natur einander im Wechselspiel der Blicke begegnen. (Jetzt rilkets wieder, klingts im Ohr, ein hohler Ton: Mach den Ofen heiß! Aber recht hab ich doch!)

Das Miteinander von Menschen im öffentlichen Raum gestaltet sich nicht immer einfach und mitunter schwierig. Die einen wollen grillen, die anderen chillen und dritte wieder in einer angenehmen Atmosphäre verweilen. Dieses Beieinander der Verschiedenen hat zugleich etwas mit Rücksicht zu tun. Diese vermisse ich in diesem Park, ansonsten kann ich mir den hingeworfenen Müll und die verhackstückten Wiesen mit ihren Grasgrabnarben nicht erklären. Dafür mag es gute Gründe geben, Verwahrlosung mag in bestimmten gesellschaftlichen Aspekten seine Ursache haben. Wie ein geselliges und doch von bestimmten Konventionen getragenes Miteinander des Verschiedenen sich gestalten kann, dafür findet sich in Goethes Novelle „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ ein interessantes Beispiel. Daß solche Formen gelingender Kommunikation und dessen, was bei Adorno Takt heißt, heute nicht mehr in dieser Weise möglich sind, liegt auf der Hand. Daß in solchen Gefilden ein Charakter sich naturgemäß nicht entfalten kann, ebenfalls.

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Berlin, 26.4.: Keine NPD-Demonstration in Kreuzberg

Für die Leserinnen und Leser ohne Berlin-Kenntnis sei soviel berichtet: Am Samstag versuchte die NPD, eine Demonstration durch Kreuzberg zu starten, und zwar bis zum ehemaligen Flüchtlingscamp am Oranienplatz. Diese Route wurde ihnen nicht genehmigt, stattdessen sollte es über den Moritzplatz in die Rudi-Dutschke-Straße gehen. Die Kundgebung der NPD begann am S-Bahnhof Jannowitzbrücke, es reisten rund 100 Faschisten an. Sie kamen etwa 100 Meter weit, weil sämtliche Zu- und Ausgänge nach Kreuzberg als auch nach Mitte hin von tausenden Menschen blockiert wurden. Ich habe von diesem Protest einige Photographien gemacht, die es auf Proteus Image zu sehen gibt.

Immer wieder hat die Polizei aus der Menge heraus einzelne Gegendemonstranten verhaftet. Ich zeige aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes diejenigen Photographien nicht, wo die Person zu identifizieren ist. Das bedeutet leider für mich, daß ich einige spektakuläre Bilder nicht präsentieren kann. Gesichter mache ich ansonsten auf meinen Photographien grundsätzlich nicht unkenntlich, weil das der Ansicht eines Bildes abträglich ist. Photographien von Menschen leben von dem Gesichtsausdruck und nicht von Querbalken oder kreisförmig unscharf gesetzten Gesichtern. Das gilt auch für Photographien auf Demos.

Für mich bleibt die Frage, ob ich am 1. Mai photographieren soll. Meine Kondition ist schlecht, ich habe kein Lauftraining absolviert und eigentlich habe ich keine Lust mehr, daß Böller neben mir einschlagen.

Wie sehr eine Dokumentar-Photographie am Ende vom Kontext und der Beschriftung lebt und eben nicht als Dokument für sich selber sprechen kann – keine Dokumentar-Photographie vermag dies, sie muß immer durch einen Text beglaubigt werden – zeigt jenes Bild:
 
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Darauf ist ein Mann zu sehen, der gestikuliert. Man könnte meinen, er schimpfte auf die Polizei oder auf die Nazis. Aber das ist nicht der Fall gewesen. Jener Mann gehört jedoch ebensowenig in den NPD-Kontext, sondern er offenbart vielmehr die Skurrilität des Lebens. Denn es fragt jener Mann die um ihn stehenden Polizisten, ob sie die Rufe der Demonstranten gerade eben gehört haben, dies könne die Polizei nicht einfach hinnehmen und es sei die Pflicht der Beamten, gegen solche despektierlichen Äußerungen vorzugehen und die Rufer sofort festzusetzen und ob so ein Verhalten hier und heute denn üblich sei, das könne nicht akzeptiert werden, schon gar nicht von der Staatsmacht, die Polizei habe sich gefälligst ein solch freches Verhalten nicht bieten zu lassen. Einsam schwieg der Polizist, die Sonne brannte unter dem Himmel Berlins auf Schwätzer und Weise, auf Gerechte, Selbstgerechte und Ungerechte gleichermaßen.

Flaneur in Kreuzberg, Flaneur in Friedrichshain. Alles das, was bleibt – alles, was verloren geht

Wieder einer dieser Tage, wo es den Bewohner des Grandhotel Abgrund durch die Stadt treibt. Ein Tag wie der andere und die Tage vergehen im Strom der Zeit.

An Berlin fasziniert der Umstand, daß ganz unterschiedliche Welten auf dichtestem Raume beieinander liegen. Manchmal prallen keine hundert Meter voneinander entfernt die Kontraste aufeinander. Der südliche Anfang der Friedrichstraße, am Mehringplatz beginnend, ist von eher armen Menschen bewohnt, und rund einen Kilometer weiter befinden wir uns mit ein paar Schritten in der feinen Welt der Galerie Lafayette und anderer Geschäfte, die mehr oder weniger teuer sind bzw. sich einen exklusiven Anstrich geben. Zum Ende hin, nach Norden, da wo die Friedrichstraße in die Chausseestraße mündet und der Weg in den Wedding geht, wird es dann wieder heruntergeranzter. All das bleibt nicht mehr lange so bestehen.
 
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Gleiches gilt für die Hauptstraße in Schöneberg: rechts zur Dominicusstraße arme Viertel, links das bürgerliche Schöneberg mit dem Hang hin zu Friedenau, das etwas weiter südlich liegt, da wo einst die Dichter, Grass, Johnson, Frisch und Bachmann wohnten. „Die Dominicusstraße“, so heißt es auf Wikipedia, „im Berliner Ortsteil Schöneberg ist mit einer Länge von rund 800 Metern eine wichtige innerstädtische Verbindung von der westlichen Innenstadt in die südlichen Bezirke.“ Eine dicht befahrene Straße, an der die Wohnungen liegen. Dunkel und fahl stehen die Wände am S-Bahnhof Schöneberg, und es sieht aus, als wäre dort immer noch Dampfllokbetrieb. Und das ist gut so.

Ähnliche Diskrepanzen finden sich rund um den Ostbahnhof. Einerseits die touristische Welt der East-Side-Gallery, mit ihren Hostels, dann die Sauerstoff-tiefgestellt-zwei-Welt für Konzerte, Eishockey und Großveranstaltungen sowie die in der Umgebung errichteten funktionalen Betonbauten. Schreitet der Flaneur mit festem Schritt weiter hinter den Ostbahnhof, tut sich die Trostlosigkeit auf: mit Imbissen, in denen es asiatische & deutsche Küche sowie einen Ossi-Chicken-Kebab gibt, dahinter ein verlorener Flohmarkt, der immer wenn ich dort bin, so aussieht als würde er gerade abgebaut, obwohl er noch im Gange ist, und die Galeria Kaufhof, für die ich noch einen Einkaufsgutschein über neun Euro besitze. Ich werde für diesen Gutschein beim Kaufhof einen Blumenstrauß kaufen (sofern es dort Blumen gibt) und diese Blumen auf irgend einer Bank, irgendwo in Berlin einfach liegenlassen. Dann werde ich mich ein wenig abseits postieren und schauen, was mit diesen Blumen geschieht.

Das Gebiet nördlich des Ostbahnhofs ist ein im ganzen öder Ort, teils mit Hochhäusern bebaut, teils siedelte sich dort Gewerbe an. Dennoch ist diese Ecke (noch) nicht aufgewertet oder im klassischen Sinne gentrifiziert. Hierher kommen nicht einmal mehr die Künstler. [Einen photographischen Spaziergang in dieses Gebiet unternehme ich ein andermal. „Karte und Gebiet“ ist ein schöner Buchtitel von Michel Houellebecq.]
 
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Inspiriert durch die Photographien auf dem Blog „Kreuzberg süd-ost“ ging ich vorgestern ein wenig in dieser Gegend spazieren. Auch wegen der Brandmauern, die tikerscherk auf ihrem Blog zeigt. Ausgehend von der Köpenicker Straße setzte ich mich in Bewegung. Früher Grenzgebiet, mit etwas Gewerbe, das dort siedelte, und Brachen lagen karg, bekannt durch die Umzugsfirma Zapf, die nicht mehr lange dort bleiben wird, weil das genutzte Areal eine zu schöne Fläche abgibt, um dort Umzugsequipment und -logistik in häßlichen funktionalen Hallen zu lagern. Keiner mochte damals im Schatten der Mauer leben – da, wo auf der anderen Seite der Spree, in Friedrichshain, die Hinterlandmauer aufragte. An jeder Ecke, da hat tikerscherk Recht, zeigt sich der Wandel dieses Viertels. Das, was mit Gentrifizierung bezeichnet wird. Typische Berliner Imbisse verschwinden und werden durch schick designte kleine Tempel des Kulinarischen ersetzt, in denen nicht mehr nur Nahrung, sondern ein Lebensgefühl zu sich genommen wird. Yoga für die Seele, gesunde Vietnam-Küche für den schlanken, leistungsfähigen, funktional-fungiblen Körper. Eine Praxis mit chinesischer Heilmedizin in einer Nebenstraße. Om-Om, Om-Om. Und tief scheint der Himmel in uns selbst, gibt es als Glückskeks und Beigabespruch gleich gratis mit dazu.

Ebenfalls in der Köpenicker Straße befindet sich ein Toreingang zu ehemaligen Fabriketagen, die als Wohnungen umfunktioniert wurden; Wohnungen, deren Bewohner ebenso im Prenzlauer Berg heimisch sein könnten. Kinderspielzeug liegt in der Sandkiste, immerhin noch aus Plastik, kein Ho-, Ho- Holzspielzeug. Gepflegte Kinder- und Erwachsenenfahrräder lehnen an den Wänden, ein gemütlicher Spielort und Rasenfläche verlaufen hin zur Spree. Im Sommer sicherlich ein behaglicher und lauschiger Platz, um Wein zu trinken und Tapas zu verspeisen. Deine Hand in meiner. An einem dieser Abende. Sommertage.
 
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Wie fing das an? Die Frage nach den Verursachern ist schwierig zu stellen. Sind es die Studenten, die wegen des günstigen Wohnraumes als erstes kamen, das Kreativ-Prekariat, die mal gut, mal lauer betuchten Werber, die irgendwann Mitte der 90er eintrafen, sowie die schwafelnde Medien-Bohème, die dann ab den 00er Jahre in Kreuzberg einritt? Wenn plötzlich auch Ben Becker Kreuzberg wieder schick findet? Da ist dann nichts mehr mit „Oranienstraße, hier lebt der Koran“, wie es „Ideal“ in ihrer Berlin-Hymne in den 80ern sangen. Nein, ich mache den Menschen, die in jenen Hinterhof-Lofthäusern leben und neu hinzuzogen, keinen Vorwurf. Gesellschaftliche Probleme zu individualisieren und im Sinne der Schuldfrage aufs Subjekt herunterzubiegen, ist ein Fehler im Denken. Es geht um die Strukturen, die einen solchen Wandel still und heimlich ermöglichen. Es geht um das Klandestine dieser Umpolung von Stadt, die in den Hinterzimmern der Senatsverwaltung von Unternehmen ausgehandelt wird. Immer nur scheibchenweise freilich geschieht der Schnitt, denn sonst fällt es auf. Insofern müßte man eigentlich ein gemeinsames Blogprojekt starten, wo der Wandel kontinuierlich in Text und Photographie kommentiert bzw. gezeigt und damit sichtbar gemacht wird. Und es müßten, wie auch gegen Hartz IV, sehr viel mehr Aktionen stattfinden.
 
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Andererseits ist dies kein Blog, der sich viel mit Gentrifizierung beschäftigt, allenfalls in den Photographien reiße ich Veränderungen an und zeige sie: als Bild, als Photographie, die für sich selber steht.

So spazierte ich gestern die Köpenicker Straße hinunter, über die Oberbaumbrücke, dann die Eastside-Galery entlang, tat einen Abstecher in die befremdliche Welt des Ostbahnhofs und dahinter nach Norden raus. Dann weiter bis zur Michaelkirchstraße und die Köpenicker zurück, immer wieder Abstecher in die Ruinen, dort wo die ehemalige Eisfabrik steht, hinter dem Verdi-Haus, Abraumhalden, Brachflächen, herumliegende Dinge, Kleidung, Koffer, an der Spree lagern und leben einige Menschen in Hütten.

Ich bin inzwischen müde, schlendere die Köpenicker weiter. Da liegt der abgebrannte Netto-Markt, durch einen Bauzaun geschützt. Ich stieg durch eine Lücke im Schutzzaun und photographierte dort in den Brandtrümmern. Noch Stunden später haftete der Geruch nach verbranntem Plastik in der Lederjacke, in den Schuhen, in der weißen Jeans, im hellblauen Hemd, in den Haaren und selbst in den Händen klebt dieser Brandgeruch, obgleich ich nichts dort anfaßte. Leider schien die Sonne zu grell, so daß ich mit den Photographien nicht recht zufrieden bin. Ich werde sie vielleicht irgendwann unter der Überschrift „Burn, warehouse, burn!“ zeigen. Eigentlich ist es schade, daß Netto fort ist. Auch wenn diese Funktionsbauten von Discountern wie Lidl, Aldi, Netto, die sich wie ein Ei dem anderen gleichen, ohne besonderen Charme oder architektonischen Witz auskommen, zeigen sie zumindest an, daß in dieser Gegend Menschen wohnen, die billig kaufen müssen. Aber demnächst eröffnet dort wahrscheinlich LPG oder Bio-Compagny, so mutmaße ich.

Zum krönenden Abschluß der Tour schaute ich beim Exil-Wohnmagazin vorbei, weil ich nach einem neuen Sofaplaneten Ausschau halte. Fein untergebracht ist dieses Geschäft in einem jener Industriebauten der Gründerzeit, die die Köpenicker Straße prägten. Nun befinden sich in jenen Gebäuden häufig genau die Geschäfte und Restaurants, in denen die meisten der Kreuzberger sicherlich nicht einkaufen oder sich zum Essen einfinden werden. Um nun – ab von den Tücken des Lebens – all das Schlechte der Welt am Abend in meinem weitläufigen Altbau, irgendwo in Berlin, herunterspülen zu können, kaufte ich mir in der Weinhandlung „Passion Vin“, die gleich gegenüber vom Wohnmagazin liegt, drei Flaschen französischen Rotwein, von denen ich dann vorgestern einen Côtes du Rhône trank. Er schmeckte fein und fruchtig. Ich mag diese Art von leichtem Rotweinen. Gerade zum Schreiben und Entwickeln der Photographien paßt er. Ein Akt nebenbei, der sehr viel mehr Zeit in Anspruch nimmt, als wenn ich einen Blogtext schreibe. Insofern bitte ich diesen Umstand geneigte Betrachterinnen und Betrachter in Erinnerung zu rufen, wenn Sie auf meine Photographien schauen. Den ersten Teil der Bilder, die ich auf diesem Spaziergang machte, gibt es hier zu sehen.

Andererseits: Ich wiederhole mich in meinen Photographien. Das schlimme ist: sie langweilen mich mittlerweile. Die Dinge, welche in meinem Kopf herumgehen und die Aspekte, die die Bilder zeigen, kommen nicht zur Deckung. In den seltenen Augenblicken nur flimmert in der Photographie ein Mehr auf, in dem die Widersprüche und die Koinzidenzen zusammenschießen und in einem dialektischen Bild zur Deckung gelangen.

Der Omega-Punkt

Drehen wir doch mal den vielzitierten, zu Tode bemühten Kitschsatz des Schriftstellers Hermann Hesse um und schreiben: Jedem Ende wohnt ein Zauber inne. Ja, Friedhöfe sind ganz spezielle Orte, an denen eine besondere Aura herrscht. Nicht unbedingt Orte für einen Neuanfang, weil auf dem Friedhof in der Regel Schluß ist, so zumindest steht es im postmetaphysischen Zeitalter, in der säkularisierten Welt zu vermuten, zu befürchten, zu hoffen – je nach Perspektive. Sowieso: „Den Himmel überlassen wir den Engeln und des Spatzen“. Und in Berlin den Tauben samt den Krähen gleich mit dazu. Über den Friedhof schlendert man am besten unter der Woche umher, wenn kaum jemand sich an den Gräbern aufhält. Aber auch an Wochenenden ist es ruhig, nur manchmal stehen die Verbliebenen an einem Grab und pflegen es oder verharren einfach nur davor, in ihre Gedanken versunken.

Im Dezember besuchte ich mit einer Freundin die Friedhöfe an der Bergmannstraße in Kreuzberg. Und wer die Bilder von diesem Flaniergang zwischen Steinen, Gras, Bäumen und Ruinen sehen möchte, der schaue doch bitte auf meinem, in letzter Zeit ein wenig in Vergessenheit geratenen Photographieblog „Proteus Image“ nach.

Die geneigten Leserinnen und Leser möchte ich zudem daran erinnern, daß gestern vor genau 70 Jahren in Berlin die Wannseekonferenz stattfand.

Berlin bei Nacht – fast zumindest. Typologien des Trinkens (1)

Wenn der Sowjetische Stadtkommandant einmal ausfährt, von seiner unermüdlichen Arbeit ausruht, sich – selten genug – ins Nachtleben Berlins hineinwirft, so geschehen zu Pfingsten, dann gibt es Bilder zu sehen, da ich ohne Kamera selten aus dem Hause gehe. Klein, kompakt und verborgen muß diese Kamera allerdings sein. Aber ganz verborgen läßt es sich nie photographieren, weshalb zusätzlich zur schon bestehenden Ausstattung demnächst eine kleine Kamera angeschafft werden muß , die ausschaut wie eine Touristenknipse, aber im Grunde keine ist. Lumix oder Leica? Zu sehen gibt es in der Bilderserie auch das Portrait des freundlichen Bewohners des Grandhotel Abgrund als Fragment.

Und die Leser hätten, wären sie dabei gewesen, den Stadkommandanten und eine Freundin aus dem Bethanien am Mariannenplatz wanken, nein schreiten sehen können, den Rauch-Haus-Song grölend, wobei eher die Freundin grölte, während ich, an alte Zeiten politischen Protests denkend, vielmehr versonnen summte, denn mein Pegel war noch nicht hoch genug, um zu grölen und selbst bei starker Suffhöhe gröle ich eigentlich nicht. Der Rauchhaussong (Rauschhaussong schriebe man in diesem Falle besser) ist zugegeben politisch eher simpel und eben Pop in einer Welt, in der alle die gleichen Songs singen, aber so etwas wie einen Sänger kann der Alkohol, selbst in geringen Maßen genossen wie am Pfingstsamstag, nun einmal aus Menschen machen: nicht orphisch, aber exaltiert (jetzt noch die Assonanz zu orffisch hinbekommen und wir wären gut). Wir haben die Auswüchse des Alkohols vor einiger Zeit hier im Blog bei Dieblaueneu gesehen. Es war dies ein erschütternder Anblick. Nun ereignete es sich freilich letzten Samstagabend nicht gar so schlimm wie die trunken und faselnd in der Whisky-Bar sitzende Dieblaueneu.

Und eigentlich grölte die Freundin auch nicht, sondern sie sang. Ob der Betreiber des Restaurants es wohl genauso sah wie sie? Sie wird es ihm demnächst sicherlich erklären können.

Das Gute an gutem Wein ist, daß der Trinkende später keine Kopfschmerzen bekommt, sondern – theoretisch zumindest – morgens da weitermachen kann, wo er nachts aufhörte. Freilich kann es heikel sein, in einer Kreuzberger Kneipe Wein zu trinken. Da nützt es dann nichts, daß die zwei Karaffen Welschriesling (bzw. ihr Inhalt), die vorher am Mariannenplatz in den „3 Schwestern“ getrunken wurden, ausgesprochen nuanciert, lecker und vorzüglich waren. Es sind dort sowohl die Flaschen- als auch die Karaffenweine sehr gut trinkbar, das Essen ausgesprochen schmackhaft, der Kuchen hervorragend, störend nur die Weißweinkühler, wo das kühlende Eis-Wasser-Gemisch als bloßes Wasser auf den Tisch tropft, wenn man beim Einschenken sich nicht vorsieht oder Kunststücke vollführt – und wer paßt schon bei der zweiten Karaffe Wein noch auf? Also wurde der Tisch naß. Aber es ist das nicht mein Holztisch.

Zur Phänomenologie des Alkohol. Erste tentative Sichtung und Anlauf: Beim Konsum alkoholischer Getränke muß unterschieden werden zwischen dem Moment des reinen Genusses an einem Wein oder Whisky, so daß man sich sogar bei ein oder zwei Gläsern begnügt und dann aufhört, und dem Aspekt des reinen Rausches, der Ekstase und der Übersteigerung durch den Alkohol. Innerhalb des ersten Rahmens, der bei einer Weinprobe oder im Kreise sittsamer Menschen stattfindet – vorausgesetzt diese schenken guten Wein aus –, wo es unangebracht ist, nach einer zweiten Flasche zu gieren, weil das als Maßlosigkeit und Hang zum Alkoholismus ausgelegt würde, geht es um den Geschmack und das Kosten: der Rausch ist hierbei nur ein leichter, der Trinkende wird beschwingt, nimmt womöglich intensiver wahr, aber nichts ist im Übermaß, es ist dieser Zustand derselbe Ästhetizismus, mit dem ein leicht Fiebernder durch eine Stadt sich bewegt: geschwächt und gesteigert zugleich in der Fähigkeit zur Wahrnehmung. In diesem Fieber geraten die Dinge anders, verschieben sich in der Perspektive, aber um ein Winziges nur. Ein wenig nur in Absenz und in der nötigen Distanz zu den Dingen und den Menschen. In diesem Gang durch eine Stadt, in diesem Modus der Wahrnehmung – sei es im Rausch oder im leichten Fieber – liegt durchaus noch das apollinische Moment, es handelt sich um die Verfeinerung, ohne den Verlust. Und damit bin ich über den Begriff des Verlustes beim zweiten Aspekt, wo es um die zunächst vollständige Verausgabung im Rausch geht. Es dockt dieser Rausch zwar an das erste Moment an, jedoch will er mehr und noch viel mehr – sei es an Geschmack des Weins (oder des Whisky) oder an Intensität im Erleben; der Genuß soll in die Unendlichkeit hinein gesteigert werden, keiner Ökonomie und keiner Restriktion unterworfen – illusionäre Unmittelbarkeit, so ließe sich dieser Zustand nennen. Aber zugleich ist es mehr. „O reine Übersteigung!“ möchte man im hohen Ton der eher gemäßigten „Sonette an Orpheus“ sagen, wie es dort zum Anfang heißt. Rilke und Rausch? Na ja. Andererseits gibt es dieses Treibenlassen in den Straßen, diese Empfänglichkeit, das Verhältnis von Absenz und Beobachtung bei Rilke durchaus; in die Sprache gebracht in den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, die zudem ein Buch auch vom Ende der Kunst sind, im Geiste der Dekadenzanalye Nietzsches, was allerdings besser in einen anderen Themenbereich dieses Blogs hineinpaßt.

Bevor der oder die Trinkende sich aber in diesen Rausch der Verausgabung begibt, steht die Unterscheidung zwischen dem Trinken zu zweit, allein oder in einer Gruppe, da sich aus diesen Modalitäten heraus vielfältige und zugleich verschieden Aspekte des Rausches entwickeln lassen. Wer für sich trinkt, will anderes als jemand, der zu zweit oder in der Gruppe dem Alkohol zuspricht. Zudem muß die Unterscheidung zwischen den verschiedenen Arten von Alkohol getroffen werden. Vom Moment des Geschmacks ist also auch hier nicht ganz abzusehen. Ich verbleibe aus zahlreichen Selbstversuchen heraus beim Wein; man kann freilich für diese Ausführungen auch andere Alkoholika nehmen. Allerdings, ich bekenne freimütig: Mir selbst sind andere Formen desselben suspekt, und im Grunde halte ich sie sogar für untauglich. Lediglich an den Whisky werde ich mich in absehbarer Zeit heranwagen und einen Ausflug zu einem Whisky-Händler unternehmen. Dazu wird es auf Aisthesis dann eine Story/Erzählung geben. Dies ist im Modus des Ausschlusses gesprochen und wird die mitlesenden Biertrinker womöglich ein wenig gegen mich aufbringen. Aber es gibt, neben den Hunden des Herren auch die Apodiktiker desselben. Und zu letzterem verdorbenem Orden gehöre halt ikke. Wobei dieser Herr negativ-theologisch emaniert, als Zentrum, das keines mehr ist; man kann sich dies so vorstellen wie Hamm im „Endspiel“. Allerdings möchte ich zugleich nicht Becketts Text und die negative Theologie derart umstandslos in eins bringen. Ob dies die Bier- oder Anderestrinker aber zu besänftigen vermag?

Um diese Momente des Rausches genauer in den Blick zu nehmen, um diese „künstlichen Paradiese“ im und am (literarisch-philosophischen) Detail zu analysieren, müßten freilich – paradigmatisch – zwei Namen genannt und deren Texte hier eingebracht werden: Edgar Allan Poe und insbesondere Charles Baudelaire. Daß die Literatur über Joseph Roth, Jack London, William Faulkner, Henry Miller, Upton Sinclair und viele mehr voll von „heiligen Trinkern“ ist, brauche ich nicht groß zu erwähnen. Bei Baudelaire spielt dieser Rausch jedoch auch innerhalb seiner theoretischen, also der ästhetischen Konzeption eine Rolle. Diesen theoretischen (zugleich aber auch praktischen) Rahmen behandele ich – vielleicht – einmal separat, wenn ich mich im Kontext der Lektüre Benjamins an die Schriften Baudelaires machen sollte.

Von all den guten Weinen, die über Pfingsten gekostet wurden, und noch sehr angetan, ist heute ein freudiger Tag, weil eine Kiste mit zwölf Weinen von einem Pfälzer Weingut eingetroffen ist. Ich freue mich bereits sehr auf den Samstagabend, den ich mit einem passenden Weißwein krönen werde. Und schon heute machte ich mir aus Vorfreunde heraus eine Flasche auf.

Am Wochenende folgt dann im Rahmen der theoretischen und ästhetischen Texte der dritte Teil von „Wozu Kunst?“. Es tut mir meinen Leserinnen und Lesern gegenüber ein wenig Leid, daß momentan die Theorie und die Ästhetik nicht so richtig in Text fließen wollen, insbesondere für die Stammgäste des Grandhotel Abgrund, die sich hier gerne und wohlwollend aufhalten. Aber zuweilen brauchen Dinge Zeit, und nicht immer ist der Betreiber dieses Blogs ein Mensch der reinen Theorie oder gut zum Schreiben aufgelegt.

Zum Ende dieses Beitrags hin müßte ich eigentlich „Die Radiotrinkerin“ von Max Goldt als Tonspur zum Wochenende geben. Da ich diesen Text aber nirgends finde, rate ich in diesem Falle zum Selberlesen.