Mit einem koksversuchten Hirn – die Welt zu überwinden

Jesus, meine Zuversicht: Die Frankfurter Buchmesse, nun ist sie zum Ende gekommen, jedes Jahr das gleiche; alle reden oder schreiben darüber, einige mögen sie, manche hassen sie; viel Rummel, viel Bewegung, viele Partys, viel Beifick, alles unabänderlich, unveränderlich. Immerzu klagen alle Beteiligten, daß sie zur Messe müssen, aber nicht wollen, und gäbe es diese Messe nicht, so klagten Besucherin und Besucher aus der Verlags- oder Schriftsteller(innen)welt ebenfalls darüber, daß es keine Messe gibt. Es ist das immergleiche Kokettieren. Alles unwichtig. Die Frankfurter Buchmesse ist mal angenehm, mal lästig, aber sie ist immerda und unvermeidlich. Wie der Tod. Nur der kommt nicht jedes Jahr, sondern – in der Regel – bloß einmal. Lassen wir die Nahtoderfahrungen mal beiseite.

Wie drückt man sich eigentlich vor einer Buchbesprechung und schreibt dabei dennoch eine? Gute Frage – machen wir es mal auf diese Weise: Ich möchte Rezensionen (oder auch: Buchbesprechungen) so schreiben, daß man sie gerne liest. Solche Texte müssen den Drive haben, der unter Umständen sogar besser ist als der des besprochenen Buches. Natürlich ist das anmaßend, hat sich ein Schriftstellerin oder ein Schriftsteller doch in der Regel viel Zeit für den Text genommen. Bei diesem Buch freilich, das ich gelesen habe, fällt es mir schwer, die guten Aspekte des Textes noch im Blick zu behalten. Es handelt sich um den Debütroman von Juli Zeh: „Adler und Engel“. Eine Besprechung, die etwa elf Jahre zu spät kommt.

Da sitzt Max mit zugekokstem Kopf in seiner Wohnung in Leipzig – ein junger Mann, Jurist, auf der Karriereleiter gut positioniert, in einer Leipziger Anwalts-Kanzlei arbeitend, die sich mit der EU-Osterweiterung beschäftigt. Nur leider hat sich einige Tage zuvor seine zuweilen etwas verrückte und in anderer Weise doch wieder sehr klarsichtig-cool-abgefuckte Freundin Jessie mit einer Pistole ins Ohr geschossen, während sie am anderen Ohr einen Telefonhörer hielt in dessen Muschel sie mit Max sprach. Plötzlich ein Schuß und das ergab in der anderen Leitung einen ziemlichen Krach. Max ist seit diesem Moment – verständlicherweise – aus der Spur und befindet sich in dauerverkokstem Zustand, aus dem heraus sich seine Reflexionsschleifen und Monologe entspannen, womit sich die Erzählperspektive des Romans generiert – es ist die eines delirierenden, todesversessenen Ichs, das einen Sinn in dieser Geschichte sucht, den es aber unmittelbar und auch nachdem die Fäden entwirrt wurden, nicht gibt.

Sein Leid klagt Max einer junge Radiomoderatorin, die sich Clara nennt, in den Telefonhörer. Die junge Frau betreibt zur Nachtzeit ein Talk-Radio. Claras Interesse als Psychologie-Studentin, die sich mit pathologischen Fällen, genauer gesagt mit der Pathologie von Verbrechern befaßt, ist geweckt, sie steht mit einem Male vor Max‘ Wohnungstür und begibt sich mit ihm zusammen auf eine Spurensuche, die von Leipzig nach Wien führt.

Dieser Rückblick, diese Rekonstruktion von Leben und die Geschichte, die auf einem Rekorder aufgezeichnet wird, reicht bis in die Jugendzeit hinein, wo sich Max, Jessie und ihr damaliger Freund, der bildhübsche Knabe Shershah, ein persischer Diplomatensohn, auf einem Internat für gut betuchte Jugendliche kennenlernen. Jessies Herkunft aus der feinen Gesellschaft ist mit leichtem Makel behaftet, aber zu den Besserverdienenden auch wieder gut passend. Ihr Vater Herbert und sein Sohn Ross sind Großdealer, die über den Balkan, über die Albanien- sowie die Jugoslawienroute die Drogen befördern, und auch Jessie ist mittlerweile eine erstklassige Stoffvertickerin, besser als alle, in ihrer naiven Art unschuldig wirkend und doch hinreichend durchtrieben, um einer solchen Aufgabe sich gewachsen zu zeigen. Teile des Jugoslawienkrieges werden mit Geldern aus Drogen finanziert.<

Doch ist Jessie zugleich ein Opfer dieser Verhältnisse, sie flüchtet sich in spinnerte Fabel- und Bilderwelten, agiert teils durchgeknallt und findet sich im Leben eigentlich nicht mehr zurecht. Ihre Geschichten von den weißen Wölfen und den Schnecken, die sie lieb hat, sind wirr. Aber in diesem Bildern steckt ein Moment von Wahrheit, und im Angesichts eines Grauens, das Jessie miterlebte, reicht einzig die Produktion von Bildern an den Schrecken heran – mithin das, was die Romantik eines Novalis das Poetisieren nannte: dem Endlichen den Schein eines Unendlichen verpassen. Hier allerdings geschieht dies einzig ex negativo.

„Nach und nach aber erkannte ich Details aus ihrem Geplapper in der Außenwelt wieder, und mir wurde klar, dass Jessie alles, was sie sah und erlebte, ein Stück weit verwandelte, um es einzufügen in ihre eigene, märchenhafte Welt. Sie dachte sich nie etwas aus. Vielleicht bin ich hier, um noch die letzten Bestandteile aufzuspüren, aus denen sie ihre inneren Landschaften zusammensetzte, vielleicht werde ich mich dann komplett fühlen. Endlich bereit zu gehen.“

Dieses Begehren nach einer Erklärung sowie die Todessehnsucht Maxens durchziehen den Text, und diese letzten beiden Sätze sind zwar einerseits schön gesagt, aber andererseits klingt es eine Spur zu pathetisch. Doch ist Kritisieren bekanntlich leichter als Selber- oder Bessermachen, und es ist „Adler und Engel“ immerhin das Erstlingswerk eines noch jungen Menschen. Manch gute Sentenz oder metaphorisch-pointierte Beobachtung liegt in Zehs Prosa vor dem Leser, aber es zerstreuen sich diese gelungenen Momente; sie kommen über die bloße aphoristische Sentenz nicht hinaus, die genauso in einem ganz anderen Zusammenhang, im Kontext einer völlig anderen Story, eines anderen Plots formuliert werden könnte, ohne daß diese Sentenz mit der Geschichte selber etwas zu tun hätte und ihr den nötigen Halt gäbe. Wie dem auch sei: Jessies Tod bleibt sinnlos und er klärt sich nicht, es ist dieser Tod, dieser Schuß in den Kopf und das verspritzende Hirn die Leerstelle, um die der Text kreist und die er doch niemals auszufüllen vermag, weil der Tod als Leerstelle unausgefüllt bleiben muß. Dieses Moment abstrakter Negativität führt der Text richtig vor, indem er sich über jeglichen Grund ausschweigt. Was bleibt, ist die reine Sinnlosigkeit eines jeden Todes.Ein wenig hätte ich mir freilich gewünscht, daß der Text diesen Strang ausformulierte und in eine ästhetische Gestalt brächte, insbesondere im Hinblick auf die von allen Seiten begangenen Morde in den Jugoslawienkriege in den 90er Jahren, die das Buch ebenfalls zum Thema erhebt. Wenn der Roman zu seinem Ende kommt, hinterläßt er Leserin und Leser ratlos.

Wie soll man die verzweigte Geschichte zusammenfassen? Wer es ganz genau will, der lese hier. Ich mag diese ausführlichen Inhaltsangaben nicht. Die Story ist von Zeh durchaus flott erzählt und treibt rasant voran, es gibt zahlreiche Momente der Spannung, es verquicken sich die Ebenen, vom Drogenschmuggel auf dem Balkan über die Gemetzel der Serben an den Bosniern, den Albanern, den Moslems und in bezug darauf die Aspekte des Völkerrechts. Flüchtlinge, die als Drogenkuriere mißbraucht werden, und mit den Drogengeldern werden Waffen für die Serben finanziert. Brutale Szenen von Massaker und Vergewaltigung schneidet der Roman kurz an. Aber all diese Dinge bleiben undurchsichtig. Es knüpfen in Zehs Duktus sich an diese Ereignisse juristische Fragen zum Völkerrecht. Wann ist der Punkt erreicht, an dem interveniert werden darf? Wieweit kann der Grundsatz der territorialen Integrität und der Staatensouveränität getrieben werden? Doch diese rechtstheoretischen Fragen bleiben dem Plot im Grunde äußerlich. Und auch die Figur des Max bleibt in gewissem Sinne blaß. Allerdings: Max ist Teil des (Drogen-)Systems, selbst wenn er nur als Anwalt arbeitet, ist er über seinen Arbeitgeber verstrickt. Ein Rädchen, das erst durch Jessies Tod aus dem Ruder läuft. 

Alle diese juristischen Aspekte geben aber bloß die Folie für ein komplexes Geschehen ab, das sich im Grunde zersplittert und ausfasert wie ein Rauschzustand. Nicht Koks, sondern Gras bzw. THC scheint mir allerdings für den Drive des Textes die probatere Drogen, denn wie hinter Nebeln und Schwaden liegt das Geschehen. Koks hingegen ist klar und strukturiert wie ein Riesling, sozusagen mineralisch und ohne Trübung. Undurchsichtig präsentieren sich die verschiedenen miteinander verwobenen Stränge, nicht anders als die Zusammenhänge der Politik. (Wieweit diese Unschärfe ästhetisches Prinzip in der Konstruktion ist, bleibt eine andere Frage) Es sind die auf Tonband gesprochenen Rückblicke von Max, die für eine wissenschaftliche Untersuchung zur Pathologie von (Kriegs-)Verbrechern dienen, denn Jessie und Max standen solchen auf dem Balkan und in Italien in Bari gegenüber. Dieses Buch koppelt zwei Welten: die des Politischen und die des Privaten.

Insbesondere der Aspekt des Völkerrechts bleibt der Geschichte im Grunde äußerlich und dient lediglich dazu, einen Rahmen zu schaffen, der den Fluß der Erzählung in der nötigen Spannung hält und der Kriminalstory eine gewisse Fallhöhe verleiht. Es wird ins Buch ein wenig die Rechtstheorie in den Stoff hineingepreßt: „und Völkerrecht ist kein richtiges Recht. Mehr eine Religion.“ „Die Beschäftigung mit dem Recht hat immer eine beruhigende Wirkung. Alles findet darin seinen Platz.“ Reflexionsphilosophie der Romanfiguren. Aber ich würde diese Art der Konstruktion Zeh nicht unbedingt zum Vorwurf machen, es ist dies eine sehr europäische Art zu schreiben – Marcel Prousts „Recherche“ und insbesondere Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ wären durch diese Art des Essayistischen als Texte kaum denkbar. Was den Roman stellenweise scheitern läßt, ist, daß diese Dinge am Ende äußerlich bleiben. Der Text will vieles bringen und vermag am Ende nichts richtig und im Detail zu entfalten. Das ist schade, weil sowohl im Stoff als auch in Juli Zehs profundem Wissen ein Potential steckt.

Zeh schreibt, nicht anders als in „Schilf“, bilderreich und zahlreich sind die Wie-Vergleiche. Schon zu Anfang als Clara vor der Haustür von Max auftaucht: „Ich nähere ein Auge dem Türspion und sehe direkt in einen übergroßen, weitwinklig verbogenen Augapfel, als läge im Treppenhaus ein Walfisch vor meiner Tür …“ oder beim Arbeitsantritt in der neuen Kanzlei als Max von Wien nach Leipzig versetzt wird: „Ich sah alles klar und deutlich wie durch eine Taucherbrille unter Wasser, ich war der neue Zierfisch im Karpfenbecken.“ Es gibt bei Zeh Metaphern und Bilder, die pointiert und genau gesetzt werden. Diese Bilder treiben die Geschichte weiter, aber es sind am Ende zu viele und der Text verliert sich, weil diese Vergleiche zum Selbstzweck geraten und eine gewisse Sucht nach dem ornamentalen Spiel die Überhand behält.Weniger wäre mehr gewesen, das war bereits bei „Schilf“ so und es läßt nicht gut hoffen, wenn es an „Spieltrieb“ herangeht. Manches freilich trifft es auf den Punkt, selbst wenn als Ton zuweilen ein sehr hoher angestimmt wird – etwa in jenem Gedanken von Clara: „Das Leben ist merkwürdig, flüsterte sie, es besteht eigentlich nur aus Griffen und Schritten. Ein paar wenige davon und schon ist alles anders.“ Oder wie Max es feststellen muß: „Es paßt zu Gottes bekanntermaßen seltsamer Art von Humor, dass er den Menschen nicht mal im Schlaf Ruhe gönnt vor dem eigenen Hirn.“ Die Protagonisten Jessie (und auch Max bei ihrer Reise nach Bari) haben Schreckliches erlebt. Aber es wird alles nur angespielt.

Und da mag man zum Schluß als Jurist ausrufen: „Vitia, quae ex ipsa re oriuntur“! (Mängel, welche an der Sache selbst auftreten.) Leider. Allerdings: einem solchen Totalverriß wie es die FAZ und Deutschlandradio seinerzeit lieferten, kann ich nicht zustimmen. Juli Zeh schrieb einen interessanten Debüt-Roman, der sich flott liest.

Faltungen der Zeit – Juli Zehs „Schilf“ (1)

So beginnt vom Plot her und vom Stoff ein gut gebauter Roman und erzeugt jenen Lesesog: Ein (melancholischer) Rückblick des Erzählers/der Erzählerin auf zwei in der Studienzeit innig verbundene, unzertrennliche Freunde, geniale Ausnahmestudenten der Physik, gekleidet und mit dem Habitus des Dandys, deren Welt und deren Möglichkeiten noch vor ihnen liegen, doch die Zeit bringt Menschen auseinander und erzeugt Brüche und Dellen, die Freundschaft bleibt bestehen, doch die Intensität jener wilden physikalischen Studienjahre, die leidet. Dann gehört zum anfänglichen Personenensemble eine Frau, ein Kind, und ein physikalisches Problem zur Kausalität stiftet den Auftakt sowie eine (wohl nobelpreisverdächtige) Monotheorie der Physik, welche zwei Sichtweisen auf das Universum zu einer holistischen Theorie zusammenbringt, so daß Quantentheorie und allgemeine Relativitätstheorie sich vereinigen lassen, so der Physiker Oskar: die Welt sei ein Feingespinst aus Kausalitäten. Während der verheiratete mit Frau und Kind versehene Nanotechnologieforscher Sebastian eine Mehrweltentheorie verteidigt, in der zudem die Zeit nicht chronologische, sondern in einer synchronen Faltung existiert: es müsse mehrere Universen geben.

Aber es handelt sich bei den Ereignissen in diesem Buch wohl kaum bloß um ein Spiel der Physik oder um einen Exkurs zum Zeitsinn; der Krimi deutet sich an, bereits in dem Satz, der folgt, als Sebastian seinen Freund Oskar in seiner Freiburger Familienwohnung zu sich einlädt – wie jeden ersten Freitag im Monat, als Ritual:

„‚In vier Tagen bringe ich einen Menschen um‘, sagte Sebastian. ‚Aber ich weiß noch nichts davon.‘
Das jedenfalls hätte er sagen können, ohne zu lügen. Stattdessen behauptete er:
‚Der Freiburger Sommer ist so schön wie die Menschen, die ihn genießen.‘“

Ein verlogener und verlegener Satz, Sebastian wußte das, aber er war angesichts des Freundes sowie des bevorstehenden Disputes zu den Fragen der Physik nervös.

Und etwas später folgt dann die Theorie jenes wirren Zeitmaschinenmörders: „Nach der Tötung von fünf Menschen hatte der junge Mann ausgesagt, es habe sich keineswegs um Mord, sondern um ein wissenschaftliches Experiment gehandelt. Er sei aus dem Jahre 2015 angereist, u m die Viele-Welten-Interpretation zu beweisen. Diese betrachte die Zeit nicht als fortlaufende Linie, sondern als einen ungeheuren Stapel von Universen, der sich mit jedem Augenblick vergrößere, als eine Art Zeit-Schaum aus unendlich vielen Blasen, weshalb eine Reise in die Vergangenheit keine Rückkehr in ein früheres Stadium der Menschheitsgeschichte darstelle, sondern einen Wechsel zwischen den Welten. Folglich sei es problemlos möglich in die Vergangenheit einzugreifen, ohne dadurch die Gegenwart zu ändern.“

Eine feine und interessante These. Von einem Wahnsinnigen zwar ausgesprochen, aber deshalb, so Sebastian, müsse diese These selber nicht wahnsinnig sein. Solche Konstellationen regen an, und die extremen Probleme und Fragen von Physik und Philosophie erfreuen den regen lesenden Geist. Worum es in diesem Buch geht: ich weiß es noch nicht. Aber die Spannung steigt und wenn unwahrscheinliches sich verschachtelt, so erzeugt dies meist eine Dimension, die auf Dinge pointiert und fokussiert, die den Alltag um ein winziges überschreiten.

Ein Buch läßt sich schlecht besprechen, wenn der Leser gerade am Anfang sich befindet. Und insofern werden diese und mögliche folgenden Text auch keine Bücherbesprechung, keine Rezension oder ein Essay sein, sondern ein Vorlauf hin zu einer umfassenden Juli Zeh-Lektüre, die, so ich den langen Atem des Long-distance- runners besitze und durchhalte, auf einen Besprechungs-Text zu ihrem neuesten Roman „Nullzeit“ hinausläuft. Um diesen neuesten Roman lesen zu können, muß man, so meine These, auch die anderen Romane von Juli Zeh kennen. Denn Texte verweisen auf Texte und sind miteinander verbunden. Ich fange mit „Schilf“ an und gehe dann zu „Spieltrieb“ über, was mir vom Titel sehr gut gefällt. Vielleicht noch ein oder zwei Essaybände und ihr Erstlingswerk, den darin liegen meistens alle Aspekte eines umfassenden Textes gesammelt und in Anspielung und Anklang vor – gleichsam an sich. Von diesem Punkt her entfaltet sich ein Text und so wirkt die Literatur fort.

Zuletzt sei noch ein wunderbares Zitat jenes Physikdandys Oskar gegeben, als er den Trauzeugen bei Sebastians Hochzeit macht:

„Die Hochzeitsgesellschaft sprach hinter vorgehaltener Hand über den Trauzeugen, der an den Wänden des Festsaals entlangschlich und mit seiner dunklen Gestalt persönlich für die Schatten in den Ecken verantwortlich schien. Seine Miene behauptete, sich niemals im Leben so köstlich amüsiert zu haben. Statt eines Schleiers, erzählte er den peinlich berührten Gästen, hätte Sebastian seiner Braut eine grüne Lampe aufsetzten sollen. Bei Notausgängen gehöre sich das so.“

Schöne schwarze Romantik und der bittere Biß des Zynikers, so wie es in der gebotenen Schonungslosigkeit sein muß, weil es der Blick auf die Welt ist, der paßt: Die Dinge in ihrer Bedürftigkeit zu sehen. Ein fast messianischer Blick. Der Zyniker ist der Utopist des 21. Jahrhunderts.

Kontaktwunden

„Bei Kontaktwunden wurde der Lauf der Waffe direkt an den Körper gehalten … Der äußere Rand der Eintrittswunde ist durch den heißen Rauch angesengt und vom Ruß geschwärzt. Der Ruß ist so in die versengte Haut eingebrannt, dass man ihn weder durch Waschen noch durch heftiges Schrubben von der Wunde entfernen kann.“
Vincent J.M. DiMaio M.D., Gunshot Wounds: Practical Aspects of Firearms, Ballistics and Forensic Technique

Kapitalismus läßt sich einerseits in die Analyse und in den Blick der Theorie nehmen, indem seine Begriffe gleichsam auf den Begriff gebracht werden, und er stellt sich zugleich – gewissermaßen phänomenologisch – über seine verschiedenen Ausprägungen dar, etwa wenn man sich die Kriminalität ansieht, welche eine Gesellschaft produziert: Indem man auf Verbrechen, Gewalt und Strafe schaut sowie darauf, wie eine Gesellschaft mit diesen Phänomenen umgeht und welche Auswirkungen das wiederum auf eine Gesellschaft zeitigt. So geraten auch die Produktionsweisen von Wirtschaft in den Fokus.

Als Stichwort für das destruktive Moment der Produktionsbedingungen sei hier Mexiko genannt, welches kurz davor steht, zum failed state zu geraten bzw. bereits ein solcher ist. Aber es lassen sich auch andere westliche Länder nennen. (Zudem stellt sich natürlich die Frage, was man als Kriminalität definiert: der Tod von Menschen, die die EU-Außengrenzen passieren, läßt sich sehr wohl auch in juristischen Begriffen als Mord bezeichnen. Die Tötung und Verfolgung von Sinti und Roma in Ungarn oder Italien bspw., welche vermittels staatlicher Billigung geschieht, wäre durchaus juristisch zu ahnden.)

In bezug auf diese Aspekte ist der Krimi oder der Detektivroman immer auch ein Stück Gesellschaftsgeschichte: nimmt man nun Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes“, welcher einen Blick in die Epoche des Viktorianischen Zeitalters wirft und zugleich das Ideal einer analytischen Verfahrensweise hochhält über Raymond Chandlers Detektivgeschichten, die in einer abgebrühten zynischen Großstadtwelt spielen, welche bloß noch für sich agierende Individuen kennt, bis hin zu den surrealen, gesellschaftskritischen Krimis von Léo Malet. Die Frage Brechts, was nun das größere Verbrechen sei: eine Bank zu gründen oder sie einfach nur zu überfallen, bleibt immer im Raume stehen und mithin virulent.

Im Krimi sedimentiert sich Gesellschaft samt deren Kritik – egal ob das mit oder ohne Intention des Autors geschieht. David Simons Reportage-Roman „Homicide“ (1991) sowie die sich daran anschließend Fernsehserie „The Wire“ rücken der US-Amerikanischen Gesellschaft auf den Leib. David Simon ist Journalist, Polizeireporter und Drehbuchautor. Er recherchierte im Morddezernat der Stadt Baltimore, wo jährlich etwa 250 bis 300 Morde geschehen. Anhand dieser Stadt im Bundesstaat Maryland wird der Verfall von Gesellschaft dargestellt.

Das Buch ist mehr im Stil der literarischen Reportagen gehalten, die Serie fiktionaler; ihr werden stilbildende Eigenschaften für die Fernsehserienlandschaft nachgesagt. Sieht man einmal von dem affirmativen Moment ab, das dem Fernsehen grundsätzlich innewohnt, solange es als Medium nicht die Produktionsart von Bildern und damit verbunden die Strukturierung des Blickes ändert, so ist an diesem Urteil einiges dran, insofern ich das nach den ersten acht Folgen der Serie beurteilen kann. Wesentlich ist hier, daß es in „The Wire“ kein gut oder böse mehr gibt. Die Polizeiermittlungen sind reiner Selbstzweck und auch die Gangster, die Drogendealer werden als Menschen geschildert – das Schwarz/Weiß- bzw. Gut/Böse-Schema fällt komplexer aus. Die Dealer werden ebenso sachlich gezeichnet wie die Polizisten. Die Dealer gehen ihrem Geschäft im Grunde nicht anders nach als der bankgründende Kapitalist. Es wird eine vollständig verlotterte Gesellschaft gezeigt.

Ich lasse mich insofern beim Lesen von „Homicide“ und beim Betrachten der Serie überraschen. Wobei ich vorab schon sagen muß: „The Wire“ ist zwar spannend, ich freue mich auf die nächste Folge, während ich auf meinem Krankenlager liege, aber sie ist auch nicht überwältigend. An „Twin Peaks“ reicht im Sinne des Ästhetischen und der Konstruktionsleistung so schnell nichts heran. Aber nichts desto trotz bleibt „The Wire“ eine gutgemachte Serie, und wir wollen doch mal schauen, ob ich hier iom Blog etwas über Buch und Serie schreiben werde, isnofern beide etwas zum Schreiben hergeben.

Ja, und Kontaktwunden können vielfältig ausfallen. Man sollte sich zumindest vor den Schußwaffen in acht nehmen, da lassen sich beim vorisichtigen Umgang mit denselben oder gar bei ihrer Vermeidung jene Wunden gut umgehen.

Zur Musik bei Walter Benjamin sowie: Sammler und Interieur

Zuweilen gibt es Sätze, die so geartet sind, daß man sie unmittelbar gar nicht kommentieren kann und mag. Sätze, die ein Leser erst einmal auf sich wirken lassen muß. Dies betrifft sowohl ihren Inhalt als auch die Form. Einen solchen (längeren) Satz von Benjamin zitiere ich zum Schluß dieses Eintrags. Wenn ich einen Text wie den von Benjamin lese, dann weiß ich wieder den Grund, warum ich bereits in frühen Jahren schon zur Kritischen Theorie kam.

Zuvor jedoch ein Umweg: Gestern habe ich in der „Berliner Zeitung“ eine Besprechung zum Verhältnis Walter Benjamins zur Musik gelesen, wozu es in der „Akademie der Künste“ eine Veranstaltungen gab: Klang und Musik im Werk Walter Benjamins. Auch einige andere interessante Veranstaltungen liefen dieses Wochenende in Berlin, die ich verpaßte, weil ich fort war: Von „48 Stunden Neukölln“ über die Tagung mit Zizek und Badiou an der Volksbühne zur Zukunft des Kommunismus, die gewiß Interessantes und Amüsantes bereitgehalten hat.

Was nun das Musikalische bei Benjamin betrifft, so existiert dies zwar in der Schrift selbst – im Sound seiner Texte sozusagen – und in den Passagen, die aphoristische Wahrnehmungen betreffen, so in der „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“, nicht jedoch, wie etwa bei Adorno, in der dezidierten Analyse von und in der Auseinandersetzung mit Musik. Benjamin ist kein Musiktheoretiker; er hatte, wie auch Karl Kraus, mit dieser nicht sehr viel im Sinn, besaß kaum musikalisches Verständnis. Es gibt von Benjamin keinen Text, der sich explizit mit Musik befaßt.

Im Kunstwerkaufsatz etwa, der sich mit der damals als avanciert geltenden Filmkunst, der Photographie und der Malerei beschäftigte, kommt die Musik weder als Mittel einer zerstreuten noch einer kontemplativen Rezeption vor. Genausowenig taucht sie im Zusammenhang mit dem Verlust der Aura durch die Schallplatte und das Radio auf, den antiauratischen Medien schlechthin. Dabei kann man Benjamin in manchen seiner Sätze fast schon als einen Theoretiker des Pop begreifen. Zumindest ist er in der Bewegung seines Denkens (teils) popaffin. Seine Konzeption, wie ein Kunstwerk zu rezipieren sei, geriet sehr viel weniger bürgerlich als die Theorie Adornos. (Ich lasse eine Kritik beider Positionen beiseite.) Die Aufführung im Konzertsaal war für den bürgerlichen Rezipienten wie Thomas Mann oder Adorno unverzichtbar, die Schallplatte oder das Radio galten nicht einmal als Schwundstufen der Musikwahrnehmung, sondern beinhalteten ihre Verzerrung, bedeuteten den Tod lebendig erfahrener Musik.

Es wäre diese Veranstaltung in der „Akademie der Künste“, die auch musikalische Darbietungen enthielt, sicherlich lehrreich gewesen. Aber da, wo man nicht ist, kann man nun einmal nicht sein.

Nun aber zu dem etwas längeren Zitat, um das man einen  Kommentar gruppieren könnte, damit sich der Gehalt dieser Passagen zeigt, das ich jedoch so für sich stehen lassen möchte. Allein die Wendung „die Verklärung der Dinge“ ist eine Preziose, erst recht das, was da in dem Satz zum Ausdruck kommt. In einem ansprechenderen Gewand kann diese Form politischer Ökonomie nicht daherkommen. (In Benjamins Studien zu Baudelaire werden die folgenden Aspekte dann genauer ausgeführt):

„Das Interieur ist die Zufluchtsstätte der Kunst. Der Sammler ist der wahre Insasse des Interieurs. Er macht die Verklärung der Dinge zu seiner Sache. Ihm fällt die Sisyphosaufgabe zu, durch seinen Besitz an den Dingen den Warencharakter von ihnen abzustreifen. Aber er verleiht ihnen nur den Liebhaberwert statt des Gebrauchswerts. Der Sammler träumt sich nicht nur in eine ferne oder vergangene Welt sondern zugleich in eine bessere, in der zwar die Menschen ebensowenig mit dem versehen sind, was sie brauchen, wie in der alltäglichen, aber die Dinge von der Form frei sind, nützlich zu sein.

Das Interieur ist nicht nur das Universum sondern auch das Etui des Privatmanns. Wohnen heißt Spuren hinterlassen. Im Interieur werden sie betont. Man ersinnt Überzüge und Schoner, Futterals und Etuis in Fülle, in denen die Spuren der alltäglichsten Gebrauchsgegenstände sich abdrücken. Auch die Spuren des Wohnenden drücken sich im Interieur ab. Es entsteht die Detektivgeschichte, die diesen Spuren nachgeht. Die ‚Philosophie des Mobiliars‘ sowie seine Detektivnovellen erweisen Poe als den ersten Physiognomen des Interieurs. Die Verbrecher der ersten Detektivromane sind weder Gentlemen noch Apachen sondern bürgerliche Privatleute.“ (W. Benjamin, Passagenwerk V 1, S. 53)

Zum 50. Todestag von Boris Vian

Il n’y a plus d’après …“

 Da hat also einer Todestag, und keiner merkt es so richtig (na ja, doch, wir Eingeweihten, wir Adepten und scheuen Liebhaber schon. Mal sehen, welche Zeitung heute etwas bringt). Dieses Vergessenwerden hätte ihn vielleicht sogar ein wenig amüsiert, daß keiner mehr weiß; nein, und er hätte gewiß nichts dagegen gehabt, wenn ein wenig gefeiert und dem Alkohol sowie den Zigaretten zugesprochen würde (aber nur von den Eingeweihten), so wie es vielleicht auf einer der wilden Surprise-Partys, die er grandios-witzig in „Drehwurm, Swing und Plankton“ beschrieb, ohne größere Umstände und Hemmungen betrieben wurde und wie es zu Boris Vians Zeiten im Pariser Quartier Latin, am Saint- Germain-des-Près (und nicht nur dort) in den Vierzigern üblich war zu feiern. All die Tricks, wie man auf Partys die besten Frauen abgreift.

Wer aber war Boris Vian?, werden einige fragen, denn die Informationen über ihn sind nicht sehr breit gestreut. In Deutschland existiert lediglich ein einzige Biographie, und zwar die von Klaus Völker bei Wagenbach. Sie ist zu empfehlen, wenngleich die Art der Darstellung nicht so ganz mein Stil ist.

Geboren wurde Boris Vian am 10. März 1920 in Ville d‘Avray, einem Vorort westlich von Paris. (keine Angst, ich gebe hier nur einen kurzen Abriß seines Lebens; nein, es wird kein Referat; ja, ich fasse mich kurz) als eines von drei Kindern, in (groß-)bürgerlichen behüteten Verhältnissen aufwachsend. Er arbeitete als Ingenieur und war mit Haut und Haaren begeisterter Jazz-Musiker und -Trompeter in einem Orchester, seine Vorliebe galt dem New Orleans-Stil, dem Swing, Duke Ellington und später dem Bebop. „Erlernen Sie die Sprache des Jazz; das ist wesentlich leichter als Chinesisch, und es wird Ihnen ungeahnte Wonnen bereiten.“, so Boris Vian. 1935/36 erkrankte er an einer Herzmuskellähmung als Folge eines typhusartigen Fiebers, was 1948 dazu führte, daß er sein über alles geliebtes Spielen der Trompete in Claude Abadies Jazzorchester aufgeben mußte. „‚Jeder Puster in meine Trompete verkürzt mein Leben‘, antwortete Boris Vian lakonisch, wenn ihn Journalisten bei Jazzkonzerten fragten, warum er nicht mehr in Abadies Orchester mitspiele.“ (K. Völker, S. 86)

Seine Musikurteile bezüglich des Jazz waren streng und gefürchtet. Wenn er ein Stück nicht mochte, so konnte es durchaus vorkommen, daß er sich während einer der Partys, auf der er mit seiner Band für Getränke und Speisen als Lohn spielte, schlicht weigerte, etwas derart Schlechtes zu spielen. Und auch später noch, als Leiter der Jazzplattenabteilung bei Philips, servierte er das eine oder andere Stück, das er für schlecht befand, ganz einfach ab. Musik mußte für ihn gut tanzbar sein und die Zuhörer packen. Als Musiker und Komponist von Texten dürfte er den meisten wohl durch sein Stück „Le déserteur“ bekannt geworden sein. (Ich muß allerdings sagen, daß mich Vians eigene Musik nicht so sehr überzeugt.) Zahlreiche Romane hat er verfaßt, er übersetzte, interessierte sich (ganz Ingenieur, der er war) für Science Fiction, schrieb Erzählungen, Glossen, Kritiken, Liedtexte, Gedichte und Theaterstücke. Hiervon war gewiß nicht alles gut. Die Gedichte sind dem anarchistischen Impuls und dem Witz, oft auch dem Augenblick geschuldet. Sie  stehen eher in der Tradition des satirischen Gedichts oder des Spottverses. Es wird dies nicht jedermans Sache sein. Meine ist es auch nur bedingt. Von seinen Schriften haben mich am meisten die Prosa und die Theaterstücke beeindruckt.

Ja, Boris Vian machte vieles in seinem kurzen Leben, tanzte auf zahlreichen Hochzeiten, er ließ das Leben wild überborden, denn bereits früh wußte er, daß es für ihn nur von kurzer Dauer sein würde. Aber anders als sein Freund, der „Major“ Jacques Loustalot, welcher in vielen seiner Romane als „der Major“ auftrat, konnte er die Spannung eines Exzeß mitsamt der vollständiger Verausgabung und der Bewahrung des Selbst aushalten. Der Major stürzte sich 1948 bei einer Party vom Balkon in den Tod; „ein vorzeitiger Agent jener ‚lost generation‘, deren Symbolgestalt James Dean wurde“, wie Völker in seiner Biographie schreibt. Dies mag aus dem Zusammenhang gerissen womöglich etwas pathetisch klingen, spiegelt aber ganz gut das Bild jener jungen und lebenshungrigen französischen Nachkriegsgeneration wider.

Boris Vian lag das Exzentrische und Extravagante, und dies beeindruckte ihn an seinem Freund, dem Major schwer; sie wurden in den jungen Jahren bereits ein unzertrennliches Gespann, Jazzfans und berüchtigte Partygänger. Ja, es war eine wilde Zeit, und so ist jeder irgendwie schon zu bedauern, dessen Jugend keine solche Zeit kannte. Als beide sich 1940 in dem Badeort Capbreton an der südfranzösischen Atlantikküste kennenlernten „war (der Major) erst fünfzehn Jahre alt, obwohl er wie zwanzig wirkte, trank sehr viel, war ein Liebhaber des Jazz und ein furioser Tänzer. Eine durchtriebene Höflichkeit zeichnete ihn ebenso aus wie verschwenderische Nonchalance. Er gab einer Dame Feuer und warf das kostbare Feuerzeug nach Gebrauch weg.“ (Völker, S. 38) Exzentrik als Lebensform dieser Jugendbewegung, die zwischen Krieg, deutscher Besatzung und Nachkriegszeit diese manchmal vielleicht wunderbaren, meist aber entbehrungsreichen, harten Jahre mit Jazz und Kellerpartys sowie viel viel Alkohol verbrachte. Schwer muß Vian der Tod seines Freundes getroffen haben.

Es waren dies insbesondere die wilden (Nachkriegs-)Jahre des Pariser Existenzialismus als Mode, aber auch als tonangebende französische Philosophie der 40er und 50er Jahre, deren aktiver Teilnehmer, (zumindest was Literatur, Jazz und das Ausgehen in alles seinen Ausprägungen betraf) Boris Vian war. In den Kellern von Paris spielte sich das Leben ab, und auf einem beschränkten Raume im Viertel Saint-Germain-des-Prés, um die gleichnamige Kirche herum, zwischen dem Café Deux Magot, dem Flore, dem Lipp und dem Kellerclub „Tabou“ (das es lange nicht mehr gibt) und vieler anderer Lokalitäten. Wenn man heute diese Straßen entlanggeht, erahnt man nicht einmal mehr die Spuren dieser vergangenen Zeit. Man müßte seine Phantasie schon sehr anstrengen. Die große, damals noch unbekannte Juliette Greco sang im „Tabou“. Philosophischer Star dieser Szene war naturgemäß Sartre (der auch die Greco entdeckte und ihren Aufstieg beschleunigte), um ihn herum sein Hofstaat, wenngleich man vermuten darf, daß die wenigsten Sartre gelesen hatten, sondern seine Philosophie vielmehr als Versatzstück einer Mode gebrauchten und sich den einen oder anderen Begriff dort herausbrachen. Aber es waren auch die anderen Großen mit dabei: Ob dies nun Raymond Queneau, Camus, Prévert, Picasso, Michel Leiris, Jacques Lacan, Bataille und natürlich Simone de Beauvoir waren. In diesem Reich regierte Boris Vian mit seiner Trompete als ausgefallener Prinz von Saint-Germain-des-Prés. Es wurde in jenen glücklichen Kellernächten Musik gehört, Gedichte vorgetragen, man rezitierte, deklamierte, tanzte, trank, rauchte, es wurde unendlich diskutiert, manches Mal auch dick aufgetragen um der Frauen willen, wie das so ist, in jenen schönen wunderbaren jungen Jahren.

Ab 1946 wurde Vian nicht mehr nur als Jazztrompeter und Bohemien wahrgenommen, sondern auch als Schriftsteller, und zwar durch seinen Skandalroman „Ich werde auf eure Gräber spucken“, mit dem er als ungeheure Provokation die literarische Bühne Frankreichs betrat. Zwar war sein bereits 1945 beim Verlag Gallimard von Raymond Queneau angenommener Roman „Drehwurm, Swing und Plankton“ schon geschrieben; doch die Nachfrage nach der durch die deutsche Besatzung entbehrten amerikanischen Literatur war in Frankreich zu groß, so daß Gallimard es vorzog, erst einmal diesen Bedarf zu decken. „Drehwurm …“ mußte warten.

Also beschloß Vian, das zu schreiben, was die Leuten wollten; allerdings parodierend und im Ton vollkommen überzogen. Das ganze, als Wette abgefaßt, ob er das innerhalb von 14 Tagen schaffen würde, im Stil von Chandler und Henry Miller geschrieben (obwohl Vian den Bezug zu Henry Miller im Vorwort bestritt), eine klassische hard-boiled-story eben, voll von Sex and Crime. Damit der Spaß nicht auffiel, wurde als Autor ein fiktiver Vernon Sullivan genannt. Boris Vian schrieb ein böses Vorwort zu diesem Buch, das den Verfasser als Schwarzen von weißer Hautfarbe ausgab. Es war zugleich ein Buch gegen den damals nicht nur latent vorhandenen Rassismus. So folgten, an diesem amerikanischen Erfolgsmodell orientiert, eine Reihe von weiteren düsteren Krimis; in der Spielart aber ganz anders als die seines surrealistischen und sehr viel mehr explizit politischen Landsmanns Léo Malet. Der Skandal schlug Wellen, und dem Verbot entging der Roman Vians  nicht. 1949 war es dann durch eine ministerielle Verfügung so weit.

Aber Vian hat nicht nur den harten Stoff geschrieben wie jene schwarze Krimiserie oder Bücher über wilde Surprise-Partys wie „Drehwurm, Swing und Plankton“. Es gab in seinem Œuevre sogar einen ganz wunderbaren Liebesroman, nämlich „Der Schaum der Tage“; zärtlich und poetisch geschrieben, lustig, lustvoll, melancholisch und doch mit bösem Witz versehen; eine im wahrsten Sinne des Wortes todtraurige Liebesgeschichte, die Welt dieser Menschen, die sich zum Beginn weit und schön ausnahm, voller Genuß und Erlesenheit, gerät zum Ende hin eng und trostlos. Am Schluß des Romans steht eine traurige Tierparabel, die kafkasche Dimensionen erreicht, aber in ihrer Traurigkeit zugleich den Witz in sich trägt, der allerdings, anders als bei Kafka, wo er zart versteckt auftritt, drastisch und deutlich daherkommt. Was mich am meisten an diesem Roman faszinierte, war zum einen dieses Piano, welches mit einem Mechanismus ausgestattet war, daß es beim Spielen gleichzeitig Cocktails mixen konnte. Darauf muß man erst einmal kommen. Jeder Note ist ein hochprozentiges Getränk, ein Likör oder ein Gewürz zugeordnet, dem Pianopedal entspricht Eis, Sahne kann auch zugesteuert werden, und so beeinflußen das Spiel sowie der Takt die Mischung des Getränkes.

Die andere grandiose Szene ist die von Chick, jenes jungen Mannes, der sein gesamtes Geld für erlesene und besonders ausgestattete (Erst-)Ausgaben der Bücher von Jean-Sol Partre ausgibt. Höhepunkt dieser Partre-Begeisterung ist ein Vortrag Partres, den Sartre tatsächlich am 29.10.1945 in der „Salle des Centraux“ in der Rue Jean-Goujon hielt, und zwar zu dem Thema „Der Existentialismus ist ein Humanismus“. (Wer die „Gegenrede“ zu Sartres Position hören will, der lese Heideggers interessanten und bedeutenden Humanismusbrief, welcher sich massiv von der Sartreschen Existentialphilosophie absetzte.) Es war ein Andrang ohnegleichen, die Menschen strömten von überall herbei. Tout Paris wollte Sartre sprechen hören, ihn sehen und wissen, was es mit diesem Existentialismus nun auf sich habe. Stühle gingen zu Bruch, es herrschte Gedränge ohnegleichen. Die Menge war enthusiastisch, sie war gereizt und wild. Die Hälfte solcher Leidenschaft würde man sich bei dem Vortrag eines Philosophen in der heutigen Zeit nur wünschen. Die genaue Darstellung der Geschehnisse kann man in der Sartre-Biographie von Annie Cohen-Solal nachlesen (die allerdings vergriffen ist.) Boris Vian übertrumpft sämtliche Schilderungen, die dem Vortrag bereits den Charakter eines Mythos verliehen, in grandioser Übertreibung. Um an das Podest zu gelangen, kämpft Partre sich den Weg mit Axthieben frei; am Ende des Vortrages liegt der Saal in Trümmern.

„Der Schaum der Tage“ enthält viele teils kapriziöse, ein anderes Mal verspielt-phantasievolle Details. Nein, es ist keine allzu ernste Literatur, wenngleich man sie nicht nur als Erheiterung auffassen sollte, trägt sie doch durchaus einen Wahrheitskern in sich; und so ist Vian mit diesem Roman, der bereits in die Richtung einer Parabel geht, neben seinen Theaterstücken und „Der Herzausreißer“ eines seiner besten Werke gelungen.

Die Literatur von Boris Vian ist vielschichtig und vielstimmig angelegt: Einerseits enthält sie Elemente, die diese Texte geradezu prädestiniert für die Umsetzung im Comic (oder graphischer Literatur, wie einige lieber sagen) erscheinen läßt. So gibt es solche comic-haften Elemente innerhalb einiger sprachlicher Bilder beim „Schaum der Tage“ (etwa die Partre-Lesung) oder aber überdeutlich beim Schluß von „Drehwurm …“, nachdem auf einer wilden Verlobungs-Surprise-Party das Gebäude durch eine Explosion zum Einsturz kam, bleiben nur noch die beiden Protagonisten am Leben, nämlich der Major und Antioche Tambrétambre, eine in verschiedenen Romanen auftauchende Figur, die Vians Züge trägt. Ein solches den Realismus übersteigendes Geschehen ruft geradezu nach seiner graphischen Umsetzung. Es ist eben wie im Comic: alles explodiert, und auf den Trümmern sitzt eine Ente mit verbrannten Federn, klopft sich den Staub ab und trollt sich von dannen.

Andererseits aber schrieb er mit „Der Herzausreißer“ einen düsteren Romane von absurder Komik und bitterem Humor. Insofern sollte man Vian nicht bloß als den Pausenclown des Existenzialismus wahrnehmen, der „nur“ surreale, anarchische, dadaistische Scherze trieb. Mit seinem Theaterstück „Die Reichsgründer“ hat er einen Text geschaffen, der es mit den besten Stücken Ionescos aufnehmen kann. Eine Parabel auf Schuld und Verfall. Gerade die Bildlichkeit dieser Stücke ruft nach einer Inszenierung auf der Bühne. Es ist sehr schade, daß Boris Vian für das deutsche Theater überhaupt nicht entdeckt ist. Ich weiß nicht, warum dies so ist. Seine Stücke bieten sich doch sehr an. Ein Lustspiel wie „Abdeckerei für alle“ trägt alles in sich, was man für eine gute, witzige, schnelle Inszenierung braucht. Es handelt von der Landung in der Normandie im Juni 1944 und nimmt als radikalpazifistisches Stück den Krieg ins Visier mit einer teils absurden Komik. Amerikanische Soldaten tauschen die Uniformen mit deutschen und begeben sich dann in das jeweilige Lager, dessen Uniform sie gerade tragen. Mittendrin in der Invasion soll zudem eine Heirat stattfinden. Im ganzen ereignet sich hier eine Komödie der Irrungen und Wirrungen. (Andererseits ist es aber auch wieder gut, daß unbelesene Jung-Regisseure, die meinen, sich mit schlechtem Regietheater da austoben zu müssen, wo es nichts kostet, mir Boris Vian nicht kaputtinszenieren; so als Seitenhieb gesprochen.)

Es herrscht bei Vian ein eigenwilliger Realismus mit speziellem Eigenleben, der vom Surrealen und Dadaistischen, aber auch von einer gleichsam existentialen Dimensionen (wie es die Zeit damals eben hergab) durchdrungen ist. So manche Figur ist ein vollendeter Dandy und Teil der Bohème. Der Beginn von „Der Schaum der Tage“ ist eine schöne Parodie dieses Dandytums und des Erlesenen; zugleich aber wird auch die Faszination deutlich, die dieses Oscar-Wilde-mäßige ausübt. Denn so war ja auch der Lebensstil eines Teils dieser jungen und wilden Generation. Es war ganz klar das Privileg dieser Jugend, die Jazzkeller mit ihrem Narzißmus und ihrer Politik zu füllen. (Wie sang es einst Tocotronic: „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“) Bedenkt man, daß auch Vian und seine Clique zu dieser Zeit zwischen Ende zwanzig und Mitte dreißig waren, so ist der Aspekt einer Generation, die partout nicht erwachsen werden möchte, womöglich so neu nicht.

Ach ja, dies sei zum Schluß des Essays gesagt: Auch in Boris Vians Leben tauchte die garstige Goll-Witwe Claire auf und behauptete, Vian hätte unzulässigerweise die Übersetzung Iwan Golls bearbeitet. Kommt einem irgendwie bekannt vor. Zum Glück hat wenigstens nicht diesen Mann der Vorwurf dieses bösen Weibes zu Tode getroffen.

Am 23. Juni 1959 nahm Vian an der Probevorführung des Filmes „Ich werde auf Eure Gräber spucken“ teil. Um Protest anzumelden und um sich aus dem Vorspann des Films streichen zu lassen, begab er sich zu dieser ihm unliebsamen Verfilmung. Vian starb am 23. Juni 1959 mit nur 39 Jahren an Herzversagen, und zwar gleich zu Beginn der Preview in seinem Kinosessel.

Nun, dies eine müssen wir natürlich zum Ende hin durchaus erwähnen: Vian wurde 1952 in das „Collège de Pataphysique“ als „Abdecker 1. Klasse“ aufgenommen, jener Wissenschaft die 1949 zu Ehren des großen Alfred Jarry gegründet wurde.

So wünschen wir Boris Vian zu seinem Todestag alles erdenklich Gute. Und ich bedanke mich bei ihm dafür, daß er mir die Schul-, Jugend- und Studienzeit mit seinem Humor, seiner Drastik und seinem Antiklerikalismus so sehr versüßte. Fast hätte ich bei meinem ersten Paris-Aufenthalt im Jahre 1985 mein halbes Erspartes für eine Jazzkollektion mit ihm und dem Orchester Claude Abadie ausgegeben, die ich damals bei FNAC im unterirdischen Einkaufszentrum von Les Halles sah. Ich tat es nicht, und dies sicherte mir einen langen und wunderbaren Aufenthalt in dieser Stadt, die in Worten kaum zu beschreiben ist. (Und nur einmal sah ich Menschen, die arroganter als ich sein konnten: die Pariser Kellner.)

Die Romane Vians gibt es (jedoch leider nicht mehr alle) beim Wagenbach-Verlag und bei 2001 in einem Band (was ich mir nicht so schön vorstelle). Ich selber empfehle die einstmals bei 2001 erschienene Ausgabe, bei der die Cover von Art Spiegelman illustriert sind. Es gibt hier meines Wissens noch Bände antiquarisch.

Léo Malet – ein anarchistischer Romancier. Zum 100. Geburtstag

 Léo Malet ist ein leider etwas in Vergessenheit geratener französischer Dichter und Schriftsteller, und nicht einmal das Kindler-Literaturlexikon (Auflage von 1988) und das von Brauneck herausgegebene Rowohlt Lexikon der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts führen ihn, anders etwa als seinen amerikanischen Kollegen Raymond Chandler. Dabei sind Malets Qualitäten nicht minder. Ganz im Gegenteil. Insofern ist es eines der großen Rätsel dieser Welt, warum dort nicht eines seiner Werke genannt wird.

Geboren wurde Malet am 7. März in Montpellier. Er ging nach dem kurzen Zwischenspiel einer Banklehre mit 16 als Waise nach Paris, führte dort zeitweise das Leben eines Vagabunden unter den Brücken von Paris und verkehrte in den Kreisen der Anarchisten und Surrealisten, so etwa mit André Breton, Paul Éluard, der ihn förderte, und dem Anarchisten André Colomer, der ihn bei sich aufnahm. Malet schrieb erste Gedichte und Chansons. Sein Durchbruch als Schriftsteller erfolgte mit der Figur des Privatdetektivs Nestor Burma, der seinen ersten Auftritt in dem Buch „120, rue de la gare“ hat, das 1943 im besetzten Paris erschien.

Am ungewöhnlichsten für diesen Kriminalroman ist, daß er seinen Auftakt in einem deutschen Gefangenenlager (Stalag) hat. Während der ersten Zeilen glaubt man nicht, in einem Krimi zu sein; doch schnell, bereits im Lager, geschehen wunderliche Dinge, und ein Faden des Zusammenhangs erstreckt sich bis nach Paris hin. Schon auf dem Weg aus der deutschen Gefangenschaft nach Paris zurück begegnet Nestor Burma am Bahnhof von Lyon seinem Mitarbeiter Colomer, den er in der Menge entdeckt. Bevor beide sich aber intensiver in das Wiedersehensgespräch vertiefen, wird Colomer erschossen und stirbt mit den Worten „120, rue de la Gare“ auf den Lippen, genauso wie jener Gefangene im Lager, der im Krieg sein Gedächtnis verloren hatte. Und so beginnt eine spannende Geschichte, in der natürlich schöne Frauen nicht fehlen dürfen.

Eigentlich war die Figur des Nestor Burma nicht als Serie geplant, doch es folgten weitere Bände. Das Besondere dieser Kriminalromane ist, daß jeder von ihnen in einem anderen Pariser Arrondissement spielt. Diese Krimis sind flüssig geschrieben, wie es sich für einen Krimi gehört, es gibt zügige Dialoge, schwarzen Humor und Zynismus, wie es sich für einen coolen Detektiv schließlich gehört, und eine ungerechte Welt gibt es gratis dazu: Und Paris natürlich. Insofern ist diese Lektüre nicht nur für den Freund des schwarzen Kriminalromans, sondern auch für den, der es liebt, sich in Paris aufzuhalten, bestens geeignet. Das Genre noir und diese schöne Stadt passen wunderbar zusammen. Ein Paris allerdings, welches man zwar als kollektives Bild aus den Filmen und Photographien im Kopfe hat, das es aber so nicht mehr gibt. Allenfalls in einige Gassen und Straßen mag man es noch evozieren. Sous le Ciel de Paris also ermittelt Nestor Burma auf seine schnodderige Weise. Viel hat dieser französische Detektiv mit seinem amerikanischen Kollegen Marlowe gemeinsam, obwohl Malet die Bücher Chandlers nicht kannte, da diese erst 1946 ins Französische übersetzt wurden. Was aber beide trennt, ist vor allem der Einschlag dieses anarchistischen Elements bei Burma und der Einfluß der Surrealisten auf das Schreiben Malets, dargestellt in einer großen Eloge René Margrittes auf Leo Malet. Zudem ist Burma, anders als Marlowe, kein einsamer solipsistischer Hund, der durch die Welt treibt, sondern er hat durchaus einen Hang zur Geselligkeit und trinkt gerne auch einmal in Gesellschaft statt eines Whiskys Wein.

Deutlicher noch als in seinen Nestor Burma-Romanen treten dieses Element des Anarchistischen und die Mittel des Surrealismus jedoch in seiner ab 1948 veröffentlichten „Schwarzen Trilogie hervor. („Das Leben ist zum Kotzen“, „Die Sonne scheint nicht für uns“ und „Angst im Bauch“, diese Titel geben fast schon Parodien der in den endvierziger Jahren aufkommenden Pariser Mode des Existenzialismus ab.) Geprägt durch den Einfluß André Colomers, der Malet in das Milieu der Pariser Anarchisten einführte, behandelt der erste Teil der „Schwarzen Trilogie“ die Auseinandersetzungen, die die Pariser Anarchistenszene der 20er Jahre spaltete, nämlich die Frage bezüglich der „illegalen Aktionen“ wie Banküberfälle, Autodiebstähle, Lohnraub, um durch diese Aktionen dem Kapital Schaden zuzufügen. Es geht also um Kriminelle, die aus (vorgeblich) politischen Gründen so handeln, wie sie glauben handeln zu müssen. Doch die Auflösung zum Ende hin ist anders als in den Nestor Burma-Bänden nicht harmonisch. Es ist ein showdown. Die Ordnung ist zum Schluß keineswegs wieder hergestellt, weil der Kriminelle überführt oder arrestiert ist, wie Francis Lacassin im Nachwort zu „Das Leben ist zum Kotzen“ schreibt. Insofern ist die „Schwarze Trilogie“ deutlich bitterer, aber auch literarischer als die Nestor Burma-Romane.

Auch die Stilmittel, die dem Surrealismus entlehnt sind, treten in der Trilogie stärker hervor, so etwa die Traumelemente, geträumtes Leben mit der Geliebten, und der Einschub von Zeitungsnachrichten in den Text. Dies alles ist zwar nicht immer vollständig ausgereift, und an manchen Stellen wünscht man sich etwas weniger Intuition und Écriture automatique und mehr Konstruktion und Achtsamkeit auf die Form, trotzdem sind diese Texte nicht uninteressant; vielleicht liegt das bestechende Moment gerade darin, daß in den Texten nicht alles kunstvoll arrangiert und üppig drappiert ist, sondern ein Element des „wilden Denkens“ Einzug gehalten hat.

So ist es aufgrund all dieser schönen Texte Malets schade, daß nicht einmal zu seinem 100. Geburtstag irgend ein Verlag sich bemühte, mehr von ihm zu veröffentlichten, und ob in den Samstagsausgaben der Zeitungen etwas erscheint, darauf mag man nicht wetten. Dabei wäre eine Veröffentlichung seiner Gedichte nicht uninteressant, und man könnte gespannt sein auf Titel von Gedichtbänden wie „J’abre comme cadavre“. Es klingt erst einmal vielversprechend, doch wird es, allein aus monetären Gründen, kaum etwas werden mit einer solchen Veröffentlichung, (von einer Gesamtausgabe wollen wir mal gar nicht reden. Dies wäre kühner Traum.)

Trotzdem sei Léo Malet alles Gute zum 100. Geburtstag gewünscht, den er nun zusammen mit André Breton, Paul Èluard (schöne Kombination) und all seinen Pariser Freunden in einer Art von (europäischer) Traumzeit begehen wird.

Die „Schwarze Trilogie“ ist in der Edition Nautilus erhältlich. Die Nestor Burma Romane gibt es nur noch bei 2001, die 10 besten gesammelt in einem Band. Die Taschenbuchausgabe bei Rowohlt und die gebundene Ausgabe bei Elster sind vergriffen.