Die Modalitäten des Internet: Münkler-Watch und die ewig währende Erregungsposse des Shitstorm

Natürlich wieder eine Posse aus der Humboldt-Universität zu Berlin. Diesmal traf der Erregungseifer – von verschiedenen Seiten und Lagern her – den relativ bekannten, inhaltlich und von der Sache her durchaus kritisierbaren Politikwissenschaftler Herfried Münkler, dessen Vorlesung nun von einem Blog namens Münkler-Watch auf rassistisches, eurozentristisches oder frauenfeindliches Gedankengut hin überwacht wird. Münkler steht durch eine Gruppe Studenten unter Beobachtung, weil er sich erlaubt, in einem Seminar klassische Texte der Politikwissenschaft immanent zu lesen und die Argumente der Autoren zunächst so dazustellen, wie diese sie in ihrem Text schrieben. Ja: Es sind diese Autoren meist Männer, weil zu dieser Zeit meist Männer schrieben. Das ist bedauerlich, aber es läßt sich als Faktum nun einmal nicht beseitigen. Und es wohnt den meisten Autoren ein eher eurozentristischer Blick inne. Da sie in Europa schreiben und das zu einer Zeit als Cultural Studies noch nicht erfunden waren, scheint mir dies nicht allzu befremdlich. Was nicht bedeutet, die Texte nicht kritisieren zu dürfen. Nur: Bevor man sie kritisiert, muß man sie gelesen und auch verstanden haben. Eine durchaus differenzierte und gute Sicht der Dinge liefert Nils Markwardt, bei bei Zeit-Online nachzulesen.

Medial in Szene gesetzt, erwächst aus dieser Sache von unterschiedlichen Lagern her der Disput. Mancher schäumt angesichts dieses Münkler-Blogs vor Aufregung unangemessen über, so Friederike Haupts Text in der FAZ. Wenn man Polemik macht, sollte man diese auch beherrschen. Andererseits scheint mir ebenso die Kritik von Münkler-Watch überzogen und sachlich aus dem Ruder zu laufen, denn es handelt sich um eine Vorlesung zu den Grundlagen. Da geht es zunächst um die Basistexte. Um den Eurozentrismus jedoch zu kritisieren, sollte man seinen Gegner besser kennen als diese sich selber. Ja, was für eine Ungeheuerlichkeit von Münkler, daß er nicht sogleich den distanzierende Warnhinweis mitlieferte und am besten als Aufdruck über den Texten plazierte: „Kant-Lesen schadet Ihrer Gesundheit und kann zu Rassismus und Eurozentrismus führen.“ Da ist sie wieder: die unendliche Triggerwarnung. Äußerungen Münklers jedoch in einem Interview der „Zeit“ dieser Woche machen alles nicht besser. Den Studenten zu unterstellen, es wären dies Methoden wie 1933, ist nicht nur absurd, sondern verharmlost eine Situation, die mit nicht vielem in Deutschland vergleichbar ist. Das sollte einem Politologen wie Münkler eigentlich bekannt sein. (Fast möchte man, was diese von Münkler geäußerten Bezichtigungen anbelangt, dem Münkler-Watch-Blog, denn doch eine gewisse Berechtigung nicht absprechen. Und wenn ich mir manche der dort geschriebenen Kommentare durchlese, zeigt sich, daß der Kampf gegen Rassismus mehr als wichtig ist. Es fragt sich allerdings nur, in welchen Formen und in welcher Weise der erfolgen sollte.)

In den guten und seligen Zeiten sprengten Studentinnen Vorlesungen noch mit Titten-Attentaten. Dazu reicht es heute nicht mehr hin, dazu ist die prüde und weichgegenderte Studentin (mit oder ohne Unterstrich) nicht mehr in der Lage, denn Tittenzeigen, und überhaupt jegliche sexuelle Regung ist im Lager des neokonservativen Pietismus naturgemäß verpönt. In genau diesem Pietismus einer Gesinnungslinken und in einem völlig aus dem Ruder gelaufenen Erregungseifer liegt das Problem, das implizit dann die Betreiber des Münkler-Watch-Blogs betrifft – mögen sie in einigen Punkten ihrer Kritik auch richtig liegen. Eine Haltung, die Linkssein lediglich als Simulationsprojekt und als Sprachschnüffelei betreibt, um einer Sprecherpositionen wahlweise Sexismus, Homophobie, Rassismus unterzujubeln, führt zu einem verhängnisvollen Modus der Kritik. Denn auf diese Weise entsteht eine Szenerie des generellen Verdachts. Jedem Begriff und jeder unliebsamen Äußerung oder Lebensregung wird ein rassistisches, homophobes oder eurozentristisches Motiv untergeschoben, jede Äußerung wird zunächst einmal gewichtet, ob sich darin nicht verborgenes Verbotenes zeigt. Was früher in einer simplen Variante als Vulgärideologiekritik betrieben wurde, hat sich heute zu einer anderen Gemischlage verdichtet, die aus den USA herüberschwappte: Othering sowie die tatsächliche oder vermeintliche Diskriminierung verschiedener Gruppen. Mittlerweile hat sich das zu einer Tendenz geballt, in der es nicht mehr um reale Diskriminierungen von Minderheiten geht, sondern um Diskurshoheiten: Anderen Diskriminierung unterzujubeln.

Das Internet trägt als medialer Verstärker qua Blog, Facebook, Twitter usw. einen guten Teil dazu bei. Triviale Erkenntnis, aber man kann sie nicht oft genug aussprechen. Eine an sich einmal richtige Sache, nämlich Unterdrückung, versteckten bzw. subtilen Rassismus und Widersprüche zum Thema zu machen, verfällt ins Gegenteil: die Inquisition hält Einzug sowie daran anschließend der Beicht- und Bekenntniszwang. In bestimmten Kreisen geht das dann so: Männer, die mit einer Frau flirten und sie irgendwie mit Begehren anschauen, sind erst einmal grundsätzlich verdächtig und haben sich für ihr schandbares Verhalten zu rechtfertigen, Frauen, die sich körperbetont und erotisch aufreizend anziehen, sind ebenfalls verdächtig und müssen sich erklären, wie sie es als Frauen verantworten können, sinnliche Spitzenunterwäsche zu tragen; Frauen, die Kinder wollen sind verdächtig, Weiße, die zwecks journalistischer Recherche sich schwarz schminken sind verdächtig, weiße Schauspieler, die Schwarze spielen, sind nicht nur verdächtig, sondern sogleich Rassisten; Heterosexuelle, die sich im Park küssen, werden dazu aufgefordert, dies aus Solidarität mit Queeren, Schwulen und Lesben zu unterlassen. Statt Gesellschaft relevant zu kritisieren, werden Sprachregelungen getroffen, und es wird debattiert, ob in Büchern, die vor mehr als 50 Jahre geschrieben wurden, das Wort „Neger“ vorkommen darf. (Vermutlich tilgt man irgendwann bei Tom Sawyer und Huck Finn das Zigarettenrauchen aus den Büchern. In Japan ist es bereits soweit, daß dem David von Michelangelo ein Lendentuch umgehängt wurde. Ich habe das seinerzeit mal als Witz geschrieben. Ein Jahr später wurde der Wahrheit.) Prinzipiell ist diesen neodogmatischen Pietisten jeder verdächtig: Raucher, Flucher, Alkoholtrinker, Fleischesser, Zu-wenig-Esser, Sportbetreiber, Bergkletterer, sogar unschuldige in der Alpenlandschaft kopulierende Murmeltiere, denn die bestätigen die heterosexuelle, heteronormative Matrix. (Nein, das stammt nicht aus der Titanic, sondern ist der realen Welt der Blogs entnommen.)

Wichtig vor jedem Diskursbeginn: am besten gar nicht lesen oder etwas äußern, sondern vorm Aufschlagen des Buches und vorm Sprechen unbedingt die eigenen Privilegien und die Sprecherrolle checken. Sinnvoller wäre es freilich, statt Privilegienchecks zu veranstalten, wie sonst nur der BRD-Bürger sein Auto tüvmäßig durchprüft, zuerst einmal die Fakten zu checken und Redner- oder Textbeiträge nicht nach Quotierungen auszumitteln, sondern wer zu welchem Thema etwas kompetent beitragen kann und nicht bloß daherfaselt. Ob da nun unterkomplex und mit unvergleichlicher Naivität frei von jeglicher Marx-Kenntnis über den Marktbegriff schwadroniert wurde, wie weiland in der Blogosphäre geschehen, oder ob da ein billig zu habender Sprach-Antirassismus als Gesinnungsmonstranz von mea culpa murmelnden weißen Bürgersöhnchen und den Bürgertöchterchen vor sich hergetragen wird, die sich bei jedem Nazi-Aufmarsch sofort verpissen.

Für die Logik der Sache und den Gang des Argumentes ist es jedoch relativ egal, ob einer schwarz, weiß, hellbraun oder gelb im Gesicht ist oder ob Mann oder Frau oder irgendwas dazwischen. (Freilich nicht für die sozialen Umstände und die Bedingungen.) Aber wenn es schon darum geht, Privilegien zu checken, so muß sich halt auch eine politisch engagierte Autorin wie Noah Sow fragen lassen, wer eigentlich privilegierter ist: Der hellhäutige Betreiber dieses Blogs, der keinen Verlag zur Hand hat, der seine Texte veröffentlicht, der Flüchtling aus Gambia, der vor einer schwarzen Elite mit nichts als seinem Hemd und seiner Hose unter schlimmen Umständen in die BRD flieht, oder die dunkelhäutige Autorin, die bei Bertelsmann mit ihrem Buch „Deutschland schwarz weiß“ doch eine gewisse Wirkungsmacht zu entfalten vermag? (Das spricht nicht gegen ihr Buch: ganz im Gegenteil. Es ist so ratsam, dieses Buch zu lesen; wie es ratsam ist, sich die Filme anzuschauen, wo der Journalist Günter Wallraff als Schwarzer verkleidet durch die BRD reist.) Und ein weißer, männlicher Blogger, der das Privileg besitzt, einmal im Monat eine Radiosendung zu moderieren, sollte sich fragen lassen, weshalb er seine privilegierte weiße Sprecherposition nicht zugunsten der von ihm ansonsten in jedem Atemzug genannten Lampedusa-Flüchtlinge weitergibt und diese nicht ans Mikro oder an seinen Blog läßt. Es zeigt sich bereits an diesen Beispielen, zu welchen Absurditäten ein bis zur letzten Konsequenz gedachter Check von Privilegien führt. Daß dann nämlich niemand mehr etwas sagen, schreiben und veröffentlichen dürfte. (Es geht mir in meinem Text nicht gegen die Arbeit der Antirassisten. Wohl aber gegen den Rassismusvorwurf, der als mediale Spielmarke eingesetzt wird.)

Das Internet nun erzeugt ein besonderes Milieu – wenngleich es dieses immer schon gab, nur gewichtet und äußert es sich in diesem Falle anders und potenzierter, was einen Umschlag der Quantität in eine neue Qualität ergibt –, und es ist ein besonderes Medium, in dem die Erregungskommunikation des Shitstorm und die Logik des Verdachts gut gedeihen. Es lädt insbesondere zu solchen Formen des anonymen Denunzierens, die bis hin zum Rufmord reichen, geradezu ein, so daß ein neuer Pranger entsteht: Es streut jemand irgendein Gerücht über jemanden oder stellt falsche Behauptungen auf oder äußert in der Internetöffentlichkeit Dinge, die eigentlich nicht dorthin gehören, sondern im privaten Rahmen behandelt werden sollten. Es werden Sätze falsch zitiert, aus dem Zusammenhang gerissen oder am besten noch: gar nicht erst gelesen. Aber trotzdem wird eine falsche Behauptung oder eine bewußte Lüge in den Raum gestellt. Andere greifen dies auf, kolportieren es, übersteigern den Verdacht, schmücken ihn aus und schon hat man aus einer kleinen Angelegenheit ein großes Brimborium und Bohei gezaubert. Nein, gezaubert ist falsch: sondern bewußt inszeniert.

Über eine solche Inszenierung von Petitessen und über die Kommunikation der Aufgeregtheiten und Erregungen schreibt Don Alphonso auf seinem FAZ-Blog „Stützen der Gesellschaft“ einen ausnehmend klugen und lesenswerten Artikel: „Mit dem Rückgrat einer Qualle: Wie das Westfalen-Blatt eine Autorin dem Mob opfert“. Wie mittels eines bereits kleinen Shitstorms die Redakteurin eines Provinzblattes aus ihrer Tätigkeit gejagt wurde, weil sie die falsche Antwort auf die falsche Frage gab und wie die Rechtschaffenheit der korrekten Gesinnung mittlerweile zum Maßstab für die öffentlichen Diskurse gemacht wird.

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Nicht mehr die Debatte und der Widerstreit, gar Konträres sind Bestandteil von Diskussionen, wie man es von früher her kannte und wie man es eigentlich bei Debatten erwarten sollte, sondern das Einerlei homogener Meinungssoße wird gefordert. Ich kann mittlerweile Kolumnisten wie Harald Martenstein oder Wiglaf Droste, die auf das Dummerhafte solcher Politpossen mit deftiger Polemik reagiert, immer besser verstehen. Don Alphonso hat in der FAZ einen bemerkenswerten, abgewogenen und klugen Artikel geschrieben, hat eine weitere Posse derer mit der politisch korrekten Gesinnung uns vorgeführt. Don Alphonso gehört immer noch und weiterhin zum Klügsten, was die politische Blogosphäre hervorbringt, weil er sich dem simplen Schema rechts/links nicht beugt, weil er eine Komplexität und Unabhängigkeit des Denkens von politischen Markierungen sich bewahrt hat. Das schlägt manchmal ins Extrem der Polemik aus. Die beherrscht Don Alphonso rhetorisch perfekt. Im Gegensatz zum linksposierenden Schwätzertum mancher, die bereits bei der Lektüre von Sätzen, die mehr als vier Begriffe beinhalten, aufgeben müssen oder die in ihrer Kreuzberger Medienblase nach einem simplen Schematismus die Welt in hell und dunkel einteilen, weil es von der Denkkraft zu mehr nicht ausreicht als zum Dualismus.

Ergänzend zu Don Alphonsos Beitrag sei auf Hartmuts Text in seinem Blog „Kritik und Kunst“ hingewiesen, der diesen Vorgang auf den Punkt bringt. Wie eine eher läppische Frage eines Mannes sowie die Antwort darauf zu einem Auswuchs an Homophobie hochgekocht wird. Dieses Beispiel mag noch eines der harmlosen sein. Das Netz ist voll davon: Immer ein Stück weiter die Flamme drehen. Und kräftig Unterstellungen hinzufügen. Wie nicht anders zu erwarten, sind natürlich reflexartig in ihrer Schnappatmung die mit der simplen Gesinnung dabei, die dann Don Alphonso Homophobie unterschiebt und etwas insinuieren, was in dem Beitrag von Don Alphonso nun gerade nicht zum Ausdruck kommt. Hauptsache aber, es kann denunziert und eine dezidierte und komplex dargelegte, gute Argumentation mit inkriminierenden Schlagwörtern besetzt werden. Hinter solchen widerwärtigen Mechanismen des Umlügens von Sachverhalten steckt jedoch eine Methode: Wer homophob ist, mit dem braucht man nicht mehr zu diskutieren, denn er oder sie haben sich per se aus der Gemeinschaft der Vernünftigen und der Diskutierenden ausgeschlossen. Das eben ist der simple Trick dieser simplen Gestalten. Es wäre gut, wenn zumindest eine aufgeklärt denkende Linke darauf nicht weiter hereinfällt. Es handelt sich um Solidarität mit den Falschen. Neo-Pietisten und Denunzianten sind keine Partner, sondern Gegner.

Das schlimme an solchen Diskursen ist, daß man selber zum Teil dieser Erregungskommunikation beiträgt. Andererseits verhält es in diesen Dingen derart: Wenn hier nicht explizit eine Gegenöffentlichkeit hergestellt wird, wie unter anderem Don Alphonso es verschiedentlich macht und wie Hartmut es auf  „Kritik und Kunst“ seit Jahren trommelt, dann überlassen wir das Feld den falschen Leuten. Und zwar von beiden Seiten: Sei das der Neopietismus, der sich links dünkt, aber ohne es überhaupt zu bemerken mit Denkmustern arbeitet, die aus dem Archiv der klerikalen Inquisitionen, mithin dem 15. Und 16. Jahrhundert entstammen. Old school schlechthin und weder ihres Foucaults noch ihres Derridas mächtig, sondern bloß die akademischen Phrasen plappernd. Oder aber denen von der anderen Seite, eine in der Tat homophobe, antisemitische, antimuslimische Rechte. Von PI bis zu Pegida und Legida. Beide treffen sich in ihrem Extremismus und ihren Methoden nicht nur in der Mitte.

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Edit: Wobei ich ergänzen möchte, daß ich mit dem Begriff Pietismus eben jener Bewegung doch Unrecht tue. Zu ihrer Zeit mochte sie im 17. und 18. Jahrhundert theologische und lebenspraktische Berechtigung besessen haben. Was ich in meinem Zusammenhang eher meinte, ist ein heruntergekochter, herabgesunkener, sozusagen säkularisierter Begriff dieser Bewegung. Mithin eher eine Metapher. Genauso hätte ich – und das trifft die Sache doch schon eher – von einer Art evangelikalen Sekte sprechen können. Diese Art des linken Gesinnungssektierertums ist im Grunde seitenverkehrter Spiegel.

Achtung: Heute Action-Event mit Suspense-Faktor!

„Nazi-Herrschaft: So haben Sie den Holocaust garantiert noch nie gesehen“ titelte am heutigen Tage das Onlineboulevardblatt „Huffington Post“ und macht uns Leserinnen und Lesern den Holocaust endlich wieder hinguckerisch schmackhaft. Und alle so: yeah Holocaust!

Immer wieder interessant und mit ironisch gelächeltem Mund zu lesen, wie manche in ihrem Ressentiment oder in ihrem Medienkonservatismus den Herrn Adorno der Übertreibung bezichtigten. Aber andererseits stimmt das sogar – freilich in einer anderen Variante als gedacht. Der Begriff Kulturindustrie war zu hoch gegriffen. Denn dieser setzte wenigstens ein Minimum an Kultur als Bestandteil von Gesellschaft noch voraus.

Im Grunde ist es traurig, einen solchen Text schreiben zu müssen, weil auch solche Glosse bereits dieses schwarze Geschehen, diesen absoluten Zivilisationsbruch instrumentalisiert. Einerseits soll und darf Auschwitz weder zu einer Veranstaltung des medialen Quotenhypes werden, andererseits darf dieser Begriff, der einen Ortsnamen als Bild des brutalen Todes und der grenzenlosen Vernichtung als pars pro toto in ein Zeichen bringt, nicht zu einer negativen Theologie oder zum bewußtlosen Erinnerungsritual erstarren. Lebendig bleibt Auschwitz für uns, also die Täterinnen und Täter bzw. deren Nachkommen als Akt barbarischer Gewalt, der im Namen Deutschlands von normalen Menschen und allzu willigen Vollstreckern durchgeführt wurde. Die, die das taten, hatten, wie auch all die Opfer, Namen. Daß die Auschwitzprozesse erst 19 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus durch die UdSSR, die USA und England stattfanden, bleibt ein weiteres Skandalon für die BRD.

Weltweites Web mit Hick und Hack als Kommunikationsform

„Ich wollte sie zu einem Verständnis für die Angelegenheiten der deutschen Sprache erziehen, zu jener Höhe, auf der man das geschriebene Wort als die naturnotwendige Verkörperung des Gedankens und nicht bloß als die gesellschaftspflichtige Hülle der Meinung begreift. Ich wollte sie entjournalisieren.“

Dies schrieb Karl Kraus in seinem Text „Apokalypse“, weil die Zeitschrift „Die Fackel“ bereits zehn Jahren schon bestand.

Es gibt im Internet, in der schönen neuen, nein, nicht mehr ganz so neuen Welt der Blogs, die sprießen und wuchern wieʼs Schamhaar der Frauen noch herrlich in den 90er Jahren, weil das Schreiben demokratisch wurde und jeder, der eine Tastatur zu bedienen vermochte, seine niedrigen Ergüsse oder aber auch durchaus brauchbare Texte – sei es politisch gestanzt, lyrisch verpackt oder als Sonstwie-Text – in den Raum des Digitalen stellte, mit feiner und zugleich berechenbarer Regelmäßigkeit die Zerwürfnisse zwischen Blogs oder Bloggern und Kommentatoren und manchmal auch die zwischen realen Menschen. Häufig geht es bei solchen Disputen um die Politik: alte Bündnisse zerfallen, neue entstehen – nicht anders als in der Welt des Politischen, die in der Kategorie der Freund/Feind-Unterscheidung (C. Schmitt) arbeitet. Diese Unterscheidung kann man auf politische Theologie herunterbrechen, aber man muß es nicht. Es läßt sich diese Differenz ebenso in gut Hegelianischer Weise als (notwendiger) Kampfplatz fassen. (Für die Freund/Feind-Unterscheidung hat es insofern kaum eines Carl Schmitts bedurft.)

Auf dem Blog „Sprache und Gestalt“ schrieb sein Betreiber einen kleinen Text über „Das Aufmerksamkeitsproblem als ein Problem der Aufklärung“. Darin geht es um den Krawall und wilden Disput, der bei bestimmten Themen regelmäßig sich einstellt, samt dem bewußten Mißverstehen von Positionen und Sätzen. Stellt einer fest: die DDR sei ein Unrechtsstaat, so kommt mit schöner Regelmäßigkeit irgend eine fadenscheinige Widerlegung wie: Auch in der BRD geht es nicht mit rechten Dingen zu. Stimmt. Es wurde sogar in Knästen systematisch und unter Aufsicht des Rechtsstaates gefoltert, wenn man an die Isolationshaft der RAF-Gefangenen denkt. Aber es ist ein absurdes Spiel, das eine gegen das andere auszuspielen. Genausogut könnte man dann sagen: das Grauen des faschistischen Deutschlands ist zu vernachlässigen: Denn das war lediglich eine Reaktion auf Stalin. Entsetzliche Relativierungen. Und so geht der Streit in den Foren diverser Polit-Online-Magazine und in den Blogs ins Unermeßliche und ad infinitum weiter. Mal um des Kaisers Bart, mal um seine neuen Kleider, mal um durchaus berechtigte Fragen im Detail.

Doch häufig haben alle diese politischen Diskussionen mit einer emphatisch verstandenen politischen Öffentlichkeit, die informiert ist und Kenntnisse besitzt, nicht mehr viel zu schaffen. Fast ließe sich die These aufstellen, daß die Subjekte, je ohnmächtiger sie in den realen politischen Zusammenhängen und in den praktischen Entscheidungen bereits sind, dann umso mehr in anderen Rahmungen – gleichsam virtuell – rebellisch werden und den gestauten Druck abdampfen. [Kompensationsleistung der Demokratie. Demokratischer Raum zum Sprechen ist zugleich einer, der Handlungen unterbindet.] Die meinungsgesättigten Foren diverser Online-Magazine oder Blogs sind der ideale Ort, um Dispute, die sich teils zu Glaubensfragen transformierten, auf Stellvertreterebene auszutragen,  weil die Verhältnisse wie erstarrt und versteinert erscheinen. So rückt eine Rebellion oder gar ein Aufstand in der Realität schlicht und einfach in weite Ferne. Diese Apathie ragt bis in die innerlinken Diskussionszusammenhänge hinein: von der Frage, wie mit Flüchtlingen umgegangen wird, über Genderbloggerei und Critical Whiteness. (Nachzulesen etwa hier oder in anderer Variante auch an dieser Stelle.)

Ich schrieb bei „Sprache und Gestalt“ einen kleinen, feschen Kommentar, den ich hier, leicht erweitert, im Rahmen der Mehrfachverwertung noch einmal posten möchte, damit so Kluges und doch im Grunde Banales nicht untergeht, und weil ich im Augenblick nicht zum Schreiben von Blogtexten und zum Lesen von Blogs komme, denn ich liege gemütlich mit einer Erkrankung der Atemwege im Bett und lese wahllos in Büchern, erweitere ich einen bereits geschriebenen Text.

Ich denke, diese Art von Krawall, wie er in politischen Blogs regelmäßig sich zuträgt, wird sich auch in literarischen Blogs und in solchen, die sich mit Kunst, Literatur, Musik, Architektur oder Ballett befassen, einstellen, sobald irgendwer auftaucht und ohne Sinn und Verstand wilde Thesen heraushaut, die gar nicht oder dünn belegt sind. Vermeiden läßt sich solcher Trollinger-Krawall wohl nur, indem die Blogbetreiber/innen die Kommentarfunktion abstellen. Aber damit ist das Wesen des Blogs zerstört, das prinzipiell auf einen Dialog angelegt ist – im idealen oder gar im idealtypischen Falle erfolgt dieser Dialog nämlich in aufklärerischer Absicht, als freundschaftliches, bildungsgesättigtes Gespräch, als espritgeladener Austausch unterschiedlicher Sphären, von Geist und Wissen getragen, wo sich Perspektiven erweitern, wo der eine etwas von der anderen lernen kann. Aber wie es mit den Idealtypen im Leben nun einmal bestellt ist – wir wissen dies nicht erst seit Max Weber: Es scheitert das Ideal der schönen Bildung, das Ideal des Geistes und das Gespräch der schönen Seelen (Göthen, W. Meister) regelmäßig an den konkreten Verhältnissen, weil sich das eine (Geist) und das andere (Ungeist) gegenüberstehen, ohne daß je die Vermittlungsleistungen samt Negation des Ungeists gedacht werden. Gute Blogs hingegen können Skizzen, Aphorismen oder Essays mit Gegenhall sein.

Nun kann man  unqualifiziertes Zeug und Trolle, die um des Krawalls willen streiten, ausschalten, indem man sie abschaltet, sprich: löscht oder ihnen – mir macht das manchmal Freude – mit böser Zunge auf der gleichen Ebene entgegenkommt: nämlich mit dem fetten Knüppel in der Hand, der bösen Polemik oder der bernhardschen Restlosbeschimpfungssuada, die da über den oder die Trollinger/in herabsaust. Ich denke, manche lechzen danach, ob ihres sehr begrenzten Horizontes abgewatscht und bestraft zu werden. Sie rütteln und schütteln geradezu den guten alten Ohrfeigenbaum.

Es mag viele Gründe geben, womit die völlig zerstörte Kommunikation im Internet zusammenhängt. Sicherlich auch damit, daß es zu jeder Banalität, die behauptet wird, einen noch Dümmeren gibt, der noch Banaleres dem hinzufügt. Wenige Blogs nur existieren, wo eine Diskussion solche Bahnen zieht, wie wir uns einen geistreichen Disput vorstellen, wo unterschiedliche Positionen aufeinandertreffen, in denen es um die Sache selbst geht. [Sieht man einmal von den eher harmlosen, gefälligen, eher seicht-plaudernden Blogs ab, wo sich in gestimmter Befindlichkeit alle gegenseitig streicheln und keiner ein böses Wort sagen mag: Tust Du mir nicht weh, tu ich Dir auch nicht weh. Und es fließt soviel Honig, der um Bart und Mund geschmiert wird, daß weder die armen Bienen noch die Beuysche Honigpumpe je soviel dieses zuckerhaltigen Ausscheidungssekrets produzieren können.]

Dispute, die bis aufs Messer mit Verbrennungserscheinungen geführt wurden (Stichwort Autodafé und Inquisition gegen die, welche Häresie gegen die reine Kirchenlehre begingen) beherrschten die Welt vielfach und es gab sie es immer. Womöglich jedoch erzeugt das Internet selbst bzw. dessen Form der Kommunikation ein Problem, das zwar seit Äonen existiert, dessen Dimension jedoch aufgrund sich steigernder (Kommunikations-)Quantität eine neue Qualität annahm. Es sind dies Trivialitäten, leider, aber man kann sie nicht oft genug wiederholen. Jeder kann (anonym versteht sich) zu allem etwas behaupten und eine Meinung haben, ohne daß es durch Quellen und Belege gedeckt ist. Es hat am Ende keine Konsequenz, außer der, daß ein Streit ausbricht. Egal ob es sich nun um Quatschthesen zum Künstler oder Philosophen XY handelt oder darum, ob der Staat XY ein Unrechtsstaat sei. Es kommt sofort einer und schreit: „Ja, aber hier, ja, aber dort.“

In einer Arbeitsgruppe, in Seminaren, in einem Face-to-Face-Kontext ist der Bezirk besser abgesteckt und manche sind halbwegs vorbereitet. Zudem werden Dummthesen in der Regel durch die Leiterin eines Seminars als solche entlarvt bzw. ausgebremst, und wer der Meinung ist, Picasso könne nicht malen oder Adorno nicht schreiben, wird sich selten in ein Kunstgeschichtsseminar oder in ein Seminar über den guten alten Teddy setzen. In Blogs ist es anders. Dort kann sich jeder Zutritt verschaffen, und es wird das persönliche Meinen als Wahrheit der Sache genommen und eine Entgegnung: „Das ist aber aus den Gründen  X und Y nicht so!“ als persönliche Kränkung aufgefaßt. Wer läßt sich schon gerne das eigene Nichtbescheidwissen als Spiegel vor die Nase halten? Ich könnte an dieser Stelle wieder und wieder den halben Hegel aus der „Phänomenologie“ herunterbeten, weshalb das bloße subjektive Meinen eben kein Wissen und keine Wahrheit in einem emphatischen Sinne bedeutet, sondern allenfalls eine zu überwindende Vorstufe darstellt.

Womit wir beim nächsten Aspekt wären: der nicht mehr vorhanden Bildung und der mangelnden Bereitschaft, Neues zu lernen. (Sich dem Feuer des Geistes auszusetzen, könnte ich idealistisch verbrüht schreiben.)

In Polit-Blogs ist dieses Austragen von Disputen noch einmal etwas anders als in denen, die sich den privaten Befindlichkeiten, die sich als Literatur maskiert, widmen oder aber jenen Blogs, die versuchen mit halbwegs anspruchsvollem Schreiben Literatur, Film, bildender Kunst gerecht zu werden, gar selber ein Stück zur Literatur beizutragen, weil an den politischen Meinungen, die häufig eben keine Analysen sind, Lebenskonzepte und Weltanschauungen hängen. Ein gräßliches Wort zwar, aber in diesem Zusammenhang paßt es. Wer sich dem Staat X oder dem System Y mit Haut und mit Haaren verschreibt – ob das nun Antideutsche oder eingefleischte Antisemiten, DDR-Nostalgiker oder Maoisten, Trotzkisten oder sonst etwas sind –: Es kratzt an der eigenen Ideologie, wenn wir zeigen, daß die DDR auf Unrecht fußt, wenn wir zeigen, daß Israel mit den Palästinensern umgeht, wie man mit Menschen nicht umgehen soll, daß Palästinenser per se keine Heiligen sind und schon gar nicht die Jungfrau Maria der Revolution. Und wenn es bei solchen Diskussionen zu bunt wird, hilft eigentlich nur noch Polemik. Denn mit Schwachköpfen sich ernsthaft auseinandersetzen zu wollen, bedeutet eine äußerst kostbare Ressource zu verschwenden und vor die Säue zu werfen: die eigene Zeit nämlich. Insofern meide ich solche Dispute des Politischen. Es dauert nicht lange und es wird darin zu bunt.

Ebenso beim subjektiven Geschmacksurteil in Dingen der Kunst. Wer für die Lektürepräferenz  seine Befindlichkeit und ein vages Spüren angibt, mit dem läßt sich schwerlich ein Disput führen, der in der Sache sich gründet. Hier ist ein Streit schlicht sinnlos. Ebenso wie sich im Leben niemand ernsthaft darüber streiten oder gar zanken wird, ob er oder sie Quittenkonfitüre oder Innereien mögen. Wer meint, er sei Experte für Quittenkonfitüren und die schmecke nun einmal, dem sei es gegönnt. Wer sich gefühlsmäßig der Prosa Karen Köhlers oder den Bildern Henri Rousseaus verbunden fühlt, dem wird kaum einer dieses Gefühl absprechen können. Wenngleich sich rational und auf der Ebene kunstkritischer Lektüre sehr wohl Argumente für deren Mißlingen finden. So wie sich qualitative Differenzen zwischen Bloch und Adorno oder Hesse und Th. Mann benennen lassen. Den Punkt nämlich, wo ein Text etwas verfehlt oder aber einen Aspekt seiner Zeit gekonnt und in einer bisher nicht dagewesenen Weise pointiert, schillernd und zugleich einsichtig macht. Bloch trifft intuitiv einen bestimmten Nerv, aber er vermag es nicht, diesen mit Inhalt zu füllen. Es gibt gute Gründe, weshalb Adorno Bloch „den Märchenonkel“ nannte. (Was nicht bedeutet, daß sich die Texte Blochs nicht fruchtbar und in einer gekonnten Lektüre gegen ihren Verfasser wenden und weitertreiben ließen. Wobei „Geist der Utopie“ immer noch ein großartiges Buch und Ausdruck seiner Zeit bleibt.)

Das Problem liegt in solchen Zusammenhängen, wo Gesellschaftliches diskutiert wird, in der Entweder/Oder-Logik und in der einseitigen Parteinahme. Theorie jedoch ist der Wahrheit und keiner Partei verpflichtet. Mag die Wahrheit und insbesondere der Begriff derselben auch hinreichend komplex sein. Sie kommt zumindest nicht aus der Pistole geschossen hervor, wie dies bei der Meinung der Fall ist.

„Die Aufgabe der Religion, die Menschheit zu trösten, die zum Galgen geht, die Aufgabe der Politik, sie lebensüberdrüssig zu machen, die Aufgabe der Humanität, ihr die Galgenfrist abzukürzen und gleich die Henkersmahlzeit zu vergiften.“
Karl Kraus, Apokalypse (Offener Brief an das Publikum)

25 Jahre Internet: vorne Porno – hinten Adorno

Am 12.3.1989 tätigte Tim Berners-Lee am CERN (Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire) Überlegungen zu einem verteilten Hypertext-Netz und expedierte dieses per Tathandlung in die Realität. Daraus wurde das World Wide Web (gemeinhin als WWW bezeichnet). Guter Gemeinplatz, oft wiederholt, selten durchdacht: Eine technische Revolution, wie sie nur mit der Schrift, dem Buchdruck, der Fotografie und damit korrespondierend mit dem Computer einherging. Unser Bild von Identität und von Daten- bzw. Schrift-Kommunikation änderte sich mit einem Schlag. Zwischen dem Aufdampfen von Briefen durch irgendeinen Geheimdienst dieser Welt und dem Abfangen von Daten im Raum des Digitalen, die offen wie eine Postkarte in der Hand des Briefträgers und seiner gesamten Postmannschaft liegen, stehen Welten: mithin ein qualitativer Sprung. Und es öffneten sich damit zugleich die Weiten und die Subtilitäten der digitalen Kommunikation.

Was hat uns das Internet gebracht? Alles: wir können lesen, versenden, bestellen, Bildchen gucken, Töne hören, interagieren, Texte oder Literatur schreiben, die sich über das Buch hinaus erweitert. Auf die wirklich innovativen Projekte, wo sich Netz und Buch verzahnen und sich ein neues Medium entwickelt, warten wir allerdings noch. Einen ersten Ansatz, die Schrift des Internets und die der Literatur zu verquicken, machte zum Ende der 90 Jahre der Schriftsteller Thomas Hettche mit seinem Projekt Null. Auch in dem Blogs von Alban Nikolai Herbsts „DschungelAnderswelt“  und bei Aléa Torik  kreuzten sich das Internet sowie die Literatur. Mit dem Erscheinen des Romans „Aléas Ich“ ging dieses wunderbare Spiel mit Autorenschaft und Identität leider zu Ende. Es war ein schönes, tief philosophisches Spiel, das am Ende aber, wie auch die Texte von Herbst am Bucher selber haften blieb, das weiterhin als Referenzmedium diente.

Bei dem Schriftsteller Alban Nikolai Herbst läuft diese Form von Schreiben im Internet auf eine besondere Form des Tagebuchs hinaus: Der Schriftsteller stellt sich – ob als fiktive oder reale Figur: das ist nicht immer auszumachen – der Öffentlichkeit aus, inszeniert sich als Schriftsteller und als Figur Alban Nikolai Herbst bis in die Details seines Alltags hinein, bis in die Verletzlichkeiten, die Eitelkeiten, die Größe, die Kleinteiligkeit eines Denkens samt der dazugehörenden Analyse, Vortragsankündigungen, Gedichte, Prosazeilen, Skizzen und Überlegungen, Notizen und „Geschichten aus der Produktion“: die Produktivkraft des Schriftstellers wird zur offenen Form, und jeder kann sofort und in Echtzeit mitlesen, wo die Gedanken gerade stehen und wie sie im Augenblick des Schreibens fließen, anders als bei den meist posthum herausgegebenen Aufzeichnungen und Notaten eines Schriftstellers, wo der Abstand zwischen Ereignis, Reflexion und der Lektüre in seiner Nachträglichkeit uneinholbar wird. Ob es die Lebenszeit zuläßt, ein solch intensives, ausuferndes, sich verschlingendes, rhizomartiges Projekt, wie Herbst es betreibt, beständig zu verfolgen, sei dahingestellt. Vieles der Beschreibungen ist eben auch schlichtweg langweilig zu nennen, gehört aber zum System, den Schriftsteller in jeder Regung zu zeigen. (Und in welchem Blog ist es nicht der Fall, daß es langweilige Passagen gibt? Der meinige eingeschlossen.)

Ebenso gibt das Internet dafür Raum, daß nun jedermann eine Buchkritik oder eine Ausstellungsbesprechung schreiben kann. Die meisten Blogs, die das machen, sind eher schlecht, ich lese denn doch lieber die FAZ oder in anderen einschlägigen Organen der von den Internethypern totgesagten Zeitungswelt nach. (Wenngleich auch dort mancher Kritiker dümpelt, der auf dem Niveau eines von Kulturwissenschaftlern betriebenen Literaturblogs seinen Text fabuliert.) Wer mir einen guten Literatur-Blog nennt, der mit guten Essays und Besprechungen aufwartet: ich bin da ganz Ohr.

Aber die Tücken und Weiten des Internets halten nicht nur die Literatur bereit und es tummeln sich darin nicht nur die mal mehr mal weniger literarisch inspirierten Blogs, sondern es gibt dort ebenso das Reich des Trivialen. Das Schöne an unseren kulturindustriell geprägten Zeiten: jeder wird bedient, für jeden ist etwas vorhanden. Und weil das ebenso die konservative Kulturkritik anzieht, so sind die digitalen Zonen zugleich ein selbstreferentielles System, das sich beständig im Akt einer Autopoiesis selber hervorbringt, indem es sich mit sich selber beschäftigt und sein eigenes Wirken zum Thema macht. So dieser Beitrag, so viele andere Blogs. Von dieser autopoietischen Struktur lebt dann zugleich ein ganzer Buchmarkt.

Was ist meine Devise für das Internet? Das ist schnell und klar formuliert: Ich bin ein Verfechter von Muschi-Content. Das meine ich nicht im Sinne all der Katzenblogger:innen, die das Netz bevölkern und viel Verkehr erzielen, was ja per se nicht schlecht ist, denn ich liebe den Verkehr, sondern im Bereich des Porno. Das Internet ermöglichte es mir zum einen, mich schreibend mit Theorie, Text und Kunst zu befassen und dies in einem beschränkten Bereich öffentlich zugänglich zu machen. Adorno, Hegel, Benjamin, Derrida: Essays zum Phantasma, zum Dandy, zum geglückten und vergänglichen Augenblick, zur Romantik, zur Dialektik und zum Rausch, und wie ich es mag, ohne System und ohne daß ich mich einem akademischen Zwang oder den Direktiven einer Zeitschrift beugen müßte, schreiben zu können.

Zum anderen bietet das Internet den einfachsten und vielfältigsten Zugang zur Pornographie. Es ist dies ein Rausch, und zugleich entleert sich im Strom der sexualisierten Bilder der Referent. Das sexualisierte Objekt, die gespreizte Vagina, die Brüste, kopulierende Menschen: sie entsexualisieren sich als bloßes Bild, als Repräsentation ohne Präsenz. Das macht für mich den größten Reiz aus. Leere Hüllen, käuflich, Warenform die bis in den Körper hineinreicht und diesen besetzt. Alles ist handhabbar und zugänglich. Jeder Fetisch und jedes Begehren finden ihren Ort, an dem sie sich austoben können. Freilich bringt dies auch einige Probleme mit sich. Angefangen bei sexueller Ausbeutung von Menschen.

Dennoch ist für die Lust im Internet vielfältig gesorgt. Zu keiner Zeit wurde es uns so leicht gemacht, das, was unser erotisches Plaisir ist, mit anderen zu teilen. Diesen Umstand grenzenloser Verfügbarkeit der Körper kann man als die äußerste Degeneration der Moderne fassen, so daß alles handhabbar und als Vorhandenes vorstellbar ist, aber es bedeutet dies zugleich eine Entgrenzung der Lust, wenn sich Menschen, die ähnlich denken und empfinden, über den Raum des Virtuellen hinaus treffen und ihr Begehren, ihre Wünsche und ihre Gedanken miteinander teilen.

Zudem gibt es in der Welt der Chats und der diversen Foren auf diversen Seiten eine Erotik des Textes. Kann Schreiben sexy sein? Im Internet gelingt dies sehr viel leichter als in der herkömmlichen Schreibweise des Briefes. Aber auch für dieses Schreiben im Internet will am Ende das passende Gegenüber gefunden sein, das darauf reagiert, wo ein Wort das andere findet und sich zwei Seelen, zwei Geister, zwei Körper im Rausch der Schrift sich ergänzen, erweitern. Und mit einem Male bemerken sie, daß sie sich gefunden haben. In den höchsten Augenblicken des Glücks treffen sich zwei solche Menschen in ihrer leiblichen Präsenz irgendwo in einem Café in Schöneberg, in Kreuzberg, im Prenzlauer Berg oder einfach im schlichten Steglitz und berühren sich – in all den Konnotationen dieses Begriffes. Das freilich ist selten. Aber es geschieht zuweilen durchaus. (Solche Momente werde ich demnächst in meiner „Poetik des Tabaks“ entfalten.)
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Als zärtlicher Ironiker formuliere ich es so: Muschi-Content und Adorno so lautet mein Fazit fürs Internet: Vorne Porno, hinten Adorno. Auf diese Weise lebt der Bewohner des Grandhotel Abgrund als ein heiterer Gast auf dieser Erde. Real und virtuell in einem.

In den Digitalgewittern (2): Mit Heidegger ins Internet. Die Banalität des Analen

„So ist denn auch das Wesen der Technik ganz und gar nichts Technisches. Wir erfahren darum niemals unsere Beziehung zum Wesen der Technik, solange wir nur das Technische vorstellen und betreiben, uns damit abfinden oder ihm ausweichen. Überall bleiben wir unfrei an die Technik gekettet, ob wir sie leidenschaftlich bejahen oder verneinen.“ (M. Heidegger, Die Frage nach der Technik)

Texte zum Ende des Novembers hin (Zwischenraum 19.11. bis 24.11. Die Zeit war knapp, denn es kam Besuch ins Grandhotel Abgrund.) Die Weinflasche wurde geöffnet. Geheimnisvoll. Was mag es sein? Die Technik ist ein Mittel zum Zweck und zugleich ist die Technik ein Tun des Menschen.

Macht Wein betrunken? Oder drehe ich nur durch?: Ich gehe an der Packung Marzipan vorbei, lese als Schriftzug „Heidegger“. Dabei steht dort doch bloß „Niederegger“

Scheiße für alle, nein, Abfall für alle, so nannte sich das Internettagebuch von Rainald Goetz. Goetz experimentierte früh mit dieser Form, sich öffentlich zu machen und sich als Person zu inszenieren. Bereits in einem Roman wie „Rave“ stellte er sein Leben bzw. eine bestimmte Lebensform als Literatur- und Lebensexistenzweise aus, Ästhetik der und Ästhetik als Existenz. Die Banalisierung von Ich und Welt in Romanform, so könnte man es ebenfalls nennen. Oder auch die Suche nach dem einzigen Augenblick. Inmitten der Musik, inmitten von Tanz und Ekstase. Distanzlos. Kaum auszumachen, ob Literatur oder authentisches Protokoll. Diese extreme Subjektivierungsweise nun ist seit der literarischen Romantik nichts wirklich Neues. Allerdings wandeln sich unter geänderten technischen Vorzeichen durchaus ihre Inhalte und damit auch die Form selbst.

Internettagebücher sind nur dann von Reiz, wenn mit den Fakten sparsam umgegangen und das übrige der Fakten literarisiert wird. Die Fakten verschwimmen dann zur Inszenierung – ganz gleich ob sie nun ausgedacht oder wahr sind. Andererseits: auch der sich auf die Wahrheit verpflichtende Text simuliert nur diese Wahrheit: Achtuhrfünfzehn: aufgestanden, achtuhrdreißig: Joggen gegangen, neunuhrfünfzehn: Frühstück mit Tiffany. Neunuhrhfünfundvierzig: Hegel lesen, Neunuhrachtundvierzig: von Seite 51 auf Seite 52 geblättert, Dreizehnuhrachtzehn: Küche aufräumen: Werden solche Tätigkeiten aneinandergereiht, scheint mir dieser Exzeß der Aufrichtigkeit kaum spannend, geschweige daß ich gewillt bin, ihn anregend oder irgendwie bedeutsam zu nennen, doch kann er in bestimmten Konstellationen eine unerwartete Wendung nehmen. Ebenso die Aufschichtung von Ereignis und Politik sowie der unendliche Verweis auf Zeitungs- oder Textlinks. Ich beschränke mich mittlerweile wieder auf die Lektüre von gedruckten Zeitungen sowie einer Wochenzeitung. Wenn ich – was selten vorkommt – daraus etwas für erwähnenswert halte, schreibe ich darüber, zitiere, mache einen Text. Das übrige bleibt weißes Rauschen.

Allerdings können sich in solchen Zeit- und Datumsabfolgen eines Blogs oder eines Internet-Tagebuchs, die teils wie eine unfreiwillige Parodie auf On Kawaras Date Paintings oder von Roman Opałkas Zahlenbildern wirken, wo Kunst und Existenz verschmelzen, lustige oder eigenwillige Fügungen finden. Zum Beispiel, wenn einer im Internettagebuch die Konsistenz seines morgendlichen Kloganges beschreibt und diesen in der Bristol-Stuhlformen-Skala auf Stufe 1 einordnet. Hier kommen Kunst, Existenz und Schreiben zu sich selbst. Packte Piero Manzoni Ende der 50er Jahre Künstlerkot in Dosen und stellte ihn als Kunst-Werk-Ware aus, so zerbröselt nun der Text des Alltäglichen in den Klogang. Wie so häufig, wenn die Phänomene des Hier und Jetzt sich thematisiere, trifft es dieser Satz:  „Was ihr den Geist der Zeiten heißt,//Das ist im Grund der Herren eigner Geist,//In dem die Zeiten sich bespiegeln.“

Der Descartesche Gegen-Beweisschritt von einem Gott (oder bösen Geist), der womöglich ein Betrüger ist oder von einer Welt im Traume, um sich darüber hinaus und aus dem Reich der Täuschungen hinweg seiner selbst und seiner Erkenntnisfähigkeit zu vergewissern, scheint mir auch für die Welt des Digitalen nicht ganz uninteressant. Wie es das Leben vor dem Bildschirm so mit sich bringt, finden wir unendlich viele Einfälle und Ideen, assoziieren Projekte und Lektüren, verbinden Altes mit den Erscheinungen der Moderne: „Platon im Stripteaselokal“ so lautete ein Buchtitel von Umberto Eco. Zum Schluß aber bleiben in diesem Treiben die Denk- und Assoziations-Fragmente, die Tendenz zum Unvollständigen. Wir können alles. Aber nur halb. Das ist manchmal gut und gelungen, aber nicht immer. Also nehme ich mir die Descartesschen „Meditationen über die Grundlagen der Philosophie“:

„Indessen – mögen uns auch die Sinne zuweilen über kleine und ferner liegende Gegenstände täuschen, so gibt es doch am Ende sehr vieles andere, woran man gar nicht zweifeln kann, wiewohl es auch aus den Sinnen herrührt, so z. B. die Wahrnehmung, daß ich hier bin, am Ofen sitze, meinen Winterrock anhabe, dies Papier hier mit den Händen berühre u. dgl. Wie könnte ich leugnen, daß diese Hände, dieser ganze Körper mein sind? – ich müßte mich denn mit ich weiß nicht welchen Wahnsinnige vergleichen, deren ohnehin kleines Gehirn durch widerliche Dünste aus ihrer schwarzen Galle so geschwächt ist, daß sie hartnäckig behaupten, sie seien Könige, während sie bettelarm sind, oder sie tragen Purpur, während sie nackt sind, oder sie hätten einen Kopf von Thon oder seien ganz Kürbisse oder seien aus Glas geblasen. Allein das sind Wahnsinnige, und ich würde ebenso verrückt erscheinen, wenn ich auf mich anwenden wollte, was von ihnen gilt.“

Interessanter aber als die Nudelweichkocher des Netzes sind die, welche das Internet im Sinne einer Art Schreib/Lese/Lebenskunst nutzen und sich selbst, die Leserinnen und Leser und auch den Raum der Präsenz als neue Form der Literatur fiktionalisieren. Erst an diesem Punkt kommt die Postmoderne zu sich selber. Aber das ist zugleich ohne große Hoffnung geschrieben und mitnichten nur in einem positiven Sinne utopisch gedacht, als ließen sich nun die neuen Möglichkeiten des Digitalen über die Ästhetik umstandslos ins Positive wuchten. Poststrukturalistisch – im Unterschied zum Postmodernen – ist diese Bewegung von Präsenz und Fiktion nur dort, wo sie den Modus durchstreicht, in dem die im Internet Kommunizierenden habhaft gemacht werden können, und ebenso zerstört diese Bewegung von Präsenz, Fiktion, Poetisierung und Literarisierung den Betrug derer, die sich narzißtisch als das inszenieren, was sie nie sind und nie sein werden. Wie sehr die Nutzer von Internetblogs ihrer eigenen Sucht nach Subjekt und Präsenz auf den Leim gingen und etwas projizierten, was so nie da war, sondern nur in der Phantasie der Leserinnen und Leser bestand, zeigte der geniale Blog von Aléa Torik, der nach Abschluß seines Literaturprojektes leider nur auf Sparflamme köchelt. Männer, die auf Frauen stehen und die plötzlich mit der Literatur in Berührung kommen. Oder wie es in Kleists „Die Marquise von O….“ heißt: „Durch diese schöne Anstrengung mit sich selbst bekannt gemacht, …“ Was für eine Sentenz! Immer noch. Man möchte diese Anstrengung und diese Arbeit vielen wünschen.

Ebenfalls nicht im Sound der blinden Affirmation oder der Plattitüde schreibt Alban Nikolai Herbst in seiner „Kleinen Theorie des Literarischen Bloggens“, die als Buch und als Internetprojekt präsent ist. Ich will darauf aber irgendwann gesondert eingehen.

Flasche Grüner Silvaner vom Weingut Kloster Schulpforta, nach zwei Stunden war der Inhalt der Flasche ausgetrunken. Zustandsbericht gefunkt: Einundzwanzig Uhr fünfzehn: Sendungen in die Vereinigten Staaten. „Du“, sagt der eine Twin Tower zum anderen, „ich bin verliebt!“ „Wieso?“ „Ich habe Flugzeuge im Bauch!“ Nach dem 11. September 2001 ist alles möglich, auch der gespielte Witz, selbst der schlecht gespielte Witz. Und es besteht sogar die Möglichkeit, daß diese Flugzeuge eine feine, von der US-Regierung inszenierte Werbe-Kampagne für umfassendes Post Privacy sind. Cui bono? ist eine Frage, die sich immer wieder gut stellen läßt. [Daß eine Spiegelfläche des Romans Alèas Ich am 11. September 2011 seinen Anfang nimmt, ist in dem Spiel von Inszenierungen, Konstruktion und Dekonstruktion nicht weiter erstaunlich. 9/11 hat einiges auch mit dem Internet und den Formen des Überwachens zu tun. An die Heiligkeit der Ereignisse von 9/11 glaube ich mittlerweile immer weniger. Ohne nun ins Fahrwasser der Verschwörungstheorien geraten zu wollen: Die USA inszenierten ihren Gründungsmythos für eine neue Form von Überwachung und eine ganz neue Weise des Krieges.]

Wir müßten das Internet und diese Winkel und Ecken des Netzes so lesen, wie Karl Kraus das Wien zu seiner Zeit sichtete:

„Dagegen zog mich von jeher das Leben der Straße an, und den Geräuschen des Tages zu lauschen, als wären es die Akkorde der Ewigkeit, das war eine Beschäftigung, bei der Genußsucht und Lernbegier auf ihre Kosten kamen. Und wahrlich, wem der dreimal gefährliche Idealismus eingeboren ist, die Schönheit an ihrem Widerspiel sich zu bestätigen, den kann ein Plakat zur Andacht stimmen!“
(Karl Kraus, Die Welt der Plakate)

Ja, den Geräuschen des Tages zu lauschen, als wären es die Akkorde der Ewigkeit und sich nicht vom „weißen Rauschen“ zu benebeln. Die, die schreiben, beim Wort zu nehmen, und das Wort auf Schreiberin oder Schreiber wieder zurückzubiegen, um zu schauen, wie sehr Begriff und Wirklichkeit in Übereinstimmung sind.

In den Digitalgewittern: Post Privacy. Oder: die NSA-Überwachung ist keine Schande mehr, sondern nur E-Commerce (Teil 1)

It’s not real, it’s a Sony

Werbewelten, Zwischenwelten, Lebenswelten. Das Wesen der Moderne sei die Technik? Nein. Technik ist etwas, das Menschen in den Bann zieht und das für sie zugleich notwendig ist. Unabhängig von der Epochenbeschreibung. Der Mensch als Prothesenwesen strebt von Natur aus nach Technik. Ich schätze freilich anthropologische Konstanten wenig.

Post-Privacy, das ist in ihrer simpelsten Variante Nudeln für die Berliner Bohème im Internet kochen und die eigene subjektive Lebensform oder Stillosigkeit als Medium im Medium zu inszenieren. Sich nackig, machen, sich zum Affen machen, sich zeigen: unter Klarnamen oder im Tarnnamen, je nachdem. Das Netz vergißt nichts, so heißt es: und das ist auch gut so. Im Netz sind wir Zwischenwesen: Ganz und gar real und physisch vor dem Bildschirm, wenn wir die Finger in die Scheide oder die Hand an den Schwanz packen, um uns solche gewissen, mittlerweile nicht mehr verbotenen Filmchen anzusehen, wenn wir Nudelkochshows sehen  und darin die Banalität des Banalen abgefeiert wird. Und zugleich transformieren wir uns im Netz, sobald wir die Buchstaben  in die Tastatur hauen oder die Bilder, Photographien und Töne hochladen, zu einer Art Klon, eine Kunstfigur, wenn wir uns in diesem virtuellen Raum in irgend einer Form präsentieren – sei es als Bersarin, als Schriftsteller, als Malerin als eine Figur der Literatur, die zugleich ein Autor ist.

Beispiele für diesen Fluß und das Schwinden der Grenzen zwischen dem Realen (nicht im psychoanalytischen Sinne von Lacan) und der Fiktion sind der Schriftsteller Alban Nikolai Herbst und die Schriftstellerin Aléa Torik. Diese Zustände aber haben weniger mit Post Privacy zu tun als vielmehr mit einem Leben in den Digitalgewittern: wenn die literarische Figur, die Instanz der Autorin, des Autors neu ausgeschrieben und in ein Konzept von Dekonstruktion und Fiktionalisierung eingebettet wird. Sogar Frau-Sein und Mann-Sein bilden im Text und innerhalb der Person des Autors am Ende ein (literarisches) Konstrukt, das sich in der Schrift eines Textes entfaltet und manifestiert. Post Privacy kann ebenso eine Weise der Literarisierung von Welt, eine Form von Literatur sein. Allerdings verwischen in ihr diese Grenzen zwischen Fiktion und Realem. Eine Grenze zu setzen, heißt bereits, sie zu überschreiten, das wußten sowohl Hegel als auch der real existierende Sozialismus der DDR, welcher Hegel aufs Niveau des Arbeitermarxismus hinunterbugsierte.

Diese Grenzen sind fließend. „Post Privacy“, so schalt‘s und tönt’s als ein neuer Slogan durch den Raum des Netzes. „Schall und Wahn, ich bin euch untertan!“ Ein Zustand, den die Zuckerbergs der Welt sich wünschen. Durchsichtig sein: Da sein und präsent sein im Strom der Daten. Kunde sein. Nein, das ist falsch: unbezahlter Lieferant von Daten sein.

Aber so ganz stimmt das nicht. Post Privacy, das ist auch: sich in der Öffentlichkeit als private Person öffentlich zu machen. Natürlich: das Private ist Politisch und auch das Banale ist politisch. Alles ist politisch, sogar das Politische ist politisch. Der Begriff des Politischen diente im Gefüge der Nationalstaaten einstmals dazu, Freund und Feind zu scheiden, so der antisemitische Jurist Carl Schmitt. Darin hat er zu einem Teil sogar recht. Das Politische des Internet lagert sich anders. Post Privacy bedeutet die „Tyrannei der Intimität“ und der Überwachung; einer Intimität von subjektiven Sichtungen und Entäußerungen, die wir häufig niemals so und in dieser Weise sehen wollten: Dinge und Aspekte, die Internetbenutzer vorher so genau gar nicht wissen wollten, werden erfahrbar, lesbar, sichtbar für jeden, der es mag.

The medium is the message: Selbstreferenz bleibt der letzte Ort, er koppelt sich an einen ungeheuren Narzißmus: ich bin, ich bin sichtbar, ich bin, ich inszeniere mich. Das Medium ist die Massage – das Denken wird konditioniert, geprägt, eingespielt, einmassiert in die Struktur und verschwindet darin. Konformitätsdruck als Individuierungsdruck so lautet die Zauberformel der Mediumsmassage, die in den Kopf, ins Hirn dringt. Ich bin sichtbar und präsent. Homo Ludens wirkt auch in der Technik – gerade dort. Ich spiele mich. Als Figur, als Klon, als Ich-Selbst. „Wie führst Du Dich wieder auf?“, so sagte früher die Mutter in strengem Ton zu ihrem Sohn oder zur Tochter. Was die NSA ansonsten nur unter erschwerten Bedingungen herausbekommt, das legen und leben die Benutzter des Internet gerne und gutwillig und freiwillig auf den Tisch. Sich über die NSA zu echauffieren, ist für die, die sowieso alle ihre Daten und ihr Leben freiwillig preisgeben ganz und gar sinnfrei. Wir sind eine transparente Gesellschaft, wenn wir uns in den sozialen Netzwerken, in Twitter, auf Facebook, bei Instagram, bei Word-Press oder anderswo bewegen. Im Internet kann ich meine Bedürfnisse nach benutzten Höschen, langen Schwänzen, Hegellektürediskussionsforen, nach blonden Frauen oder ganzkörperrasierten Männern, nach Blogs mit niedlichen Tierchen ausleben. Es ist für jeden und jede gesorgt, und wer es ausgefallen oder besonders anonym mag, der lebt sich im Tor-Net aus. In der Geschwindigkeit langsam geht es dort zwar zu, aber für ein abenteuerliches Herz mag es allemal ein Ort sein, an dem sich Wohlgefallen einstellt. Sogar einen Killer kann man dort mieten oder Waffen kaufen. So sagen manche.

Die NSA-Überwachung ist keine Schande, denn es ist mein Recht, überall sichtbar zu sein und jeden über meine Lebensregungen zu informieren. Und wer reinen Gewissens und mit sich selbst als Subjekt im Einklang ist, der hat weder etwas zu befürchten, noch wird ihm oder ihr ein Ungemach drohen. Post Privacy war immer der Traum der Menschheit. Egal ob nun Orwell oder jenes „Sag mir wo du stehst!“ im Vorzeigesozialismus. (Allerdings haben daran auch die Lidl- oder Aldi-Filialen ein Interesse, um zu sehen, was die Mitarbeiter gerade treiben und ob sie auch arbeiten. Da hilft dann die heimlich installierte Kamera.) Im Zeitalter des Internet wird aus diesem Ostgut-Liedslogan vor dem Bildschirm ein Zeichen: „Zeig mir ob er steht“. Sex sells. Mit oder ohne Kunden- oder Kreditkarte. Von den Ausgängen aus Platons Höhle bis hin zur der Tätigkeit, der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zu zeigen (Wittgenstein) strömte einiges an Zeit hin. Die Bewußtseinsindustrie (H.M. Enzensberger) trug das ihrige bei, die Fliegenglasproduktion im Taylorismus in die Höhe zu treiben.

Der Ausweg aus der Sichtbarkeit: die Ausflucht aus der Sichtbarkeit: „Der Mensch ist das sichtbare Wesen in einem emphatischen Sinne. Er ist betroffen von seiner Sichtbarkeit durch die Auffälligkeit des aufrechten Ganges und durch die Wehrlosigkeit seiner unspezifischen organischen Ausstattung. Das macht ihn anfällig für die Rückkehr in die Lockungen der Höhle. Sie ist die einzige Erfüllung seines tief in dieser Gattungslage verwurzelten Wunsches nach Unsichtbarkeit.“ So raunt es Hans Blumenberg in einer Art Onto-Anthropologie. Ist das Gegenteil der „Transparenzgesellschaft“ die Höhlengesellschaft? Das Internet ist ein Ort der sichtbaren Unsichtbarkeit. Es markieren sich in ihm immer wieder die Leerstellen, die zugleich den Umriß und die Kontur von Internetsubjekten, mithin von virtueller Existenz, erzeugen. Das Internet ist wie eine Burka: es könnte Dein eigener Onkel sein, der in Deinem Blog kommentiert. Dieses Spiel macht den Reiz aus, und es ist zugleich ein solches, das jegliches Vertrauen erschüttert. Denn Ich ist im Internet, nach Rimbaud, nicht nur ein anderer, sondern möglicherweise auch ein Poser und Betrüger.

Das Wesen des Internet ist die Fiktionalisierung und zugleich das Spiel mit ihr. Der erste Held des Internet ist der Don Quichote. Der erste moderne, angeblich von dem Autor Cervantes geschriebene Roman ist „Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha“.

(Teil 1 Ende)