Narziß, Echo und Karneval

Wir sind vom Schein des Bildes bezaubert, geben uns den Bildern hin, verharren, fixieren uns: „Während den Durst zu löschen er strebt, wird anderer Durst wach; denn im Trinken vom Schein des gesehenen Bildes bezaubert, liebet er nichtigen Wahn: er hält für Körper, was Schatten. […] Was Leichtgläubiger, strebst du vergebens nach flüchtigem Scheinbild? Nirgends ist, was du begehrst; sieh weg und es flieht das Geliebte; Schatten ist, was du gewahrst, vom widergespiegelten Bilde! Nichts ist eigen daran; mit dir nur kam und verbleibt er, weggehn wird er mit dir, wenn wegzugehen du vermöchtest.“ (Ovid, Metamorphosen)

Das Subjekt – ein Gesicht im Sande, Effekt einer Spiegelung und auch: einer Epoche. Und es zeigt sich hierin zugleich, wie das Begehren des Subjekts strukturiert ist: es haftet am Entzug (des Anderen). Begehren vermittelt sich nicht, sondern bleibt negativ, unstillbar, unerfüllbar. Begehren verweist immer auf die Abwesenheit, auf den Ort der Nicht-Präsenz. Geschieht es? Die Darstellung des Nicht-Darstellbaren.

Aber ich will mich nicht bei selbstreferentiellen Narzißten oder gar den Narzissen aufhalten und auch nicht bei den Strukturen von Subjektivität, sondern weiterhin gilt es, den Frohsinn und die Lust am Subjektsein, wenn schon nicht zu preisen, so diese doch im Bilde festzuhalten. Den Augenblick als Präsenz zu bannen. Denn schnell ist alles wieder vorüber.

Den versprochenen zweien Teil der Photographie-Serie zum Karneval in Berlin zeige ich auf Proteus Image.

Die Tonspur zum 3. Oktober

Viele Ausflüge habe ich am Samstag und am Sonntag unternommen. Vieles gibt es zu berichten. Davon schreibe ich morgen. Dabei kommen dann auch die Ästhetik und die Theorie nicht zu kurz, denn es ist dieser Blog nun gerade kein Tagebuchblog, wo ich die Unwesentlichkeiten meines Lebens berichte und ausbreite.

Nun aber sei die Musik zum morgigen Tage gegeben. Bitte sogleich nach dem Abspielen und dem Betrachten der Ton- und Bildspur unten rechts den Vollbildmodus betätigen, denn erst dann zeigt sich dieses Video in seinem Umfang.

Elsaß – Obernai

In den dunklen, schmalen Gassen der kleinen Fachwerkhäuserstädte des Elsaß spielt sich die französische Provinz ab. Es ist jene Mischung aus Bigotterie, Langeweile, Spießertum, Behaglichkeit, Tourismus, fragiler Schönheit, Verschlafenheit, und ein wenig sind es auch die Phantome des Hutmachers. Claude Chabrol besaß den richtigen Blick für jene Provinz und ihre Menschen. Der großartige Inspektor Lavardin reagierte darauf in der ihm eigenen Art, die genau richtig war: ironisch, zynisch, sarkastisch. Bösartig. Und natürlich überführte der Inspektor den bürgerlichen Verbrecher.

Auf den ersten Blick muten jene Städte und kleinen Ortschaften des Elsaß charmant an: all das Fachwerk. Diese Behaglichkeit laugt sich aber nach einer Weile aus. Die Fassade ist eine gebrochene. Wie überall auf der Welt, freilich je nach Lokalität in jeweils anderer Ausprägung und Gestalt, ist es das Gleiche: man erinnere sich an jene erste Kamerafahrt in David Lynchs „Blue Velvet“, die den Auftakt abgab und die durch eine amerikanische Stadt ging. Zum Beginn eine Musik wie in einem Filmdrama der 40er Jahre. Greller bonbonfarbener Kitsch und die Behaglichkeit, das amerikansiche Blumenidyll der Vorstädte. Sonntags in der kleinen Stadt, und das Verhängnis beginnt mit einem Gartenschlauch und einem Schlag. Ein grotesker Todesauftakt. . Nch der Idylle. Darunter aber, bei der Fahrt in den Garten, in das Gras und Gestrüpp hinein, da gelangt der Blick in das Reich der Insekten: all das Krabbeln und Kriechen. Wie Maden in einer Leiche. Auf Mallorca sah ich auf einem Gang durchs Gebirge zwei verweste Schafe liegen, deren ehemals weiße Wolle sich in ein durchgesupptes, weiches Braunschwarz verwandelt hatte. Der Übergang zwischen Gestalt und Zermatschtem war fließend. Die beiden Tiere lagen dort, ihre Köpfe auf die Erde gebettet, es krochen nicht einmal mehr Maden im Fleisch oder Fliegen umschwirrten es, jedoch ging von dem Aas ein widerlicher Geruch aus. Bei „Blue Velvet“ handelt es sich um einen der besten Filmanfänge. Er bringt den Abgrund, der überall, in jedem Detail in jeder Regung wohnt – von der Liebe bis in die gesellschaftlichen Verhältnisse hinein – in das Bild.

Weilt man etwa eine Woche lang in solchen französischen Fachwerkstädten, dann realisiert man mit etwas Fähigkeit zur Empfindung sehr schnell das, was Flaubert gesehen haben muß und das er nicht müde wurde, mit Spott zu bedecken und in die Schrift der Literatur zu bringen. Man lese hierzu sein „Wörterbuch der Gemeinplätze“, „Madame Bovary“ oder „Bouvard und Pécuchet“.

Aber zurück zum Elsaß zu der kleinen Stadt Obernai, welche etwa 30 km südwestlich von Straßburg liegt. Einige Photographien gibt es auf Proteus Image zu sehen. Machen Sie sich ansonsten ein schönes Wochenende und bis demnächst.

Potsdamer Straße – Berlin – Hommage

Die Kurfürstenstraße, welche – das sei für Nicht-Berliner gesagt – nicht mit dem Kurfürstendamm zu verwechseln ist, mündet, wenn einer in östlicher Richtung mit kleinem Schlag nach Süden flaniert, auf die Potsdamer Straße. Es ist dieses Viertel ein wenig liederlich, gar zwielichtig, es gibt einen Straßenstrich.

Aber es gibt in der Kurfürstenstraße als Kontrastprogramm auch das „Café Einstein“, welches, in einer Albauvilla mit Garten angesiedelt, ein schönes Interieur besitzt, zuweilen aber überfüllt ist. Sitzt man in dem großen Saal, bedeutet diese Fülle einen hohen Lärmpegel. Doch der Ort entschädigt. Und ich schreibe diesen kleinen Text samt den anschließenden Photographien als eine Reminiszenz an einen sehr angenehmen Freitagnachmittag. Berlin, 24.6. Wenn man am Nachmittag Kaffee getrunken und ein Stück Birnenkuchen mit Schlagsahne verspeist hat, ist man für Gespräche und für anschließende Photographien gestärkt.

Es herrscht in der Kürfürstenstraße eine Welt der Kontraste. Arm neben reich, Handwerker, Huren, Medienmenschen, Touristen, Betuchte und weniger Begüterte, die ins Einstein gehen. Wie so häufig in Berlin: das ungeordnete Nebeneinander, wenn ein Stadtteil noch nicht reguliert ist durch eine bestimmte Sorte von Geschäften oder Ausgehlokalitäten. Nach dem Cafébesuch, solitär in Richtung der Potsdamer schlendernd, und eine der am Straßenrand stehenden Frauen fiel mir vom Aussehen und vom Habitus her sofort auf. Sie hätte seinerzeit auch in einer meiner Studentengruppen sitzen können. Kurz schoß es mir durch den Kopf, ob ich sie ansprechen solle. Eine Frau auf der Straße rede ich normalerweise nicht an, weil das indiskret ist und mir zudem kein guter oder passender Satz einfiele, welcher den Auftakt machte und der nicht blödsinnig klingt. Hier aber werden diese Dinge, die Beziehungen über den „annihilierendsten Signifikanten“, sprich: das Geld geregelt und unterliegen dem Regiment der Funktionalisierung. Die Scham ist keine sprachliche, sondern in diesem Falle eine soziale, weil ich die Lage eines Menschen mir zunutze mache. Trotz alledem: die Frau gefiel mir – klein und schwarzhaarig.

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Nein, die Frau welche ich meinte, ist auf den Photographien nicht zu sehen. Aus der Kurfürstenstraße heraus spazierte ich in Richtung auf die Potsdamer Straße zu. Sie galt lange als verrufen, unangenehm und unansehnlich, jedoch – anders als die Kurfürstenstraße – ohne Straßenstrich. Trostlose Häuser und die Leere einer Durchgangsstraße, welche dazu gemacht ist, verschiedenen Punkte einer Stadt miteinander zu verbinden; ihr Wesen ist der Transit. Aber es ändern sich die Dinge in der Zeit. Mittlerweile haben auch Galerien ihren Weg in diese Straße sowie in die Nebengassen gefunden, was in diesem Falle nicht schlecht ist, denn diese Ecke von Berlin ist aufgrund ihrer urbanen Struktur im Grunde nicht gentrifizierbar; nicht einmal durch Künstler und Galerien, die in der Regel den Anfang machen und signalisieren, daß ein Viertel sich wandelt, Mieten steigen, Lebensräume anderweitig okkupiert werden. Der Grund für diese Schwergängigkeit rund um die Potsdamer Straße liegt darin, daß – anders als beim mittlerweile angesagten nördlichen Neukölln, kurz Kreuzkölln genannt – nicht ein trendiges Gebiet wie Kreuzberg SO 36 mit der Oranienstraße in der Nähe liegt. Und es gibt da auch keine „Ankerklause“, in welcher in den wilden Jahren manchmal ein Abend diskussionsstark und alkoholreich, gar volltrunken endete – diese Reise durch eine Nacht hindurch, die langsam beginnt, nach einem Seminar, das am frühen Abend endete, mit ihr auf dem Fahrrad fahrend, wir können ja noch was trinken fahren; „Ankerklause“, klar; am Tisch sitzend, rauchen, sie nimmt die Zigaretten mit Filter, ich die Lucky Strike ohne, weil ich gerade etwas Geld beisammen hatte, unendliches Reden, sie mochte nichts von meinem intellektuellen Zeug hören – „Ich weiß ja, daß du dich mit Hegel und Adorno auskennst“ –, sondern wollte etwas über die Musik erfahren, die ich höre, Alkohol trinkend, zu Zeiten, wo man in Kneipen besser Bier bestellt statt des Weins und die Beteiligten sich eine Zigarette nach der anderen anstecken konnten, weil es noch kein Rauchverbot gab. Heute bin ich Nichtraucher. Was soll es aber? In zunehmendem Alter lebt man sowieso nur noch in den Erinnerungen. In Gesprächen mit Frauen ist alles gesagt und der Zauber der wilden Jahre ist leergezaubert.

Obwohl man in bezug darauf, daß ein Viertel zum teuren Bezirk umkippt, der für Menschen, die wenig bis kein Geld haben, nicht mehr bewohnbar ist, nie absolute Prognosen machen kann, wird sich entlang der Potsdamer Straße aller Voraussicht nach nicht viel tun. Gerade einmal das Varieté „Wintergarten“, welches kurz vor der Pleite sich befand, dann aber wieder auferstand, siedelt hier. Die nächsten Ausgehviertel sind zu weit entfernt. Doch man weiß nie.

Wie kann man die Potsdamer Straße beschreiben? Kleingewerbe, sogar ein Laden mit Bürobedarf wie es sie früher häufig gab, Spielhallen, Gemüsehändler, Billigläden, Tätowierladen, Cafés, Bäckereien, Imbiß, traditioneller Fleischer, ein Woolworth, der innen in herrlich erbärmlichem Zustand ist. Das übliche für den schmalen Geldbeutel. Und das Varieté „Wintergarten“.Vom Süden her beginnt die Potsdamer Straße am Kleistpark im Bezirk Schöneberg, dort wo die Hauptstraße endet. Und wenn man sie in südlicher Richtung immer weiter geradeaus fährt, immer die Hauptstraßen entlang, via Schöneberg, Friedenau, Steglitz, Zehlendorf, Wannsee, dann gelangt man tatsächlich in rund einer ¾ Stunde Autofahrt über die Glienicker Brücke herüber nach Potsdam.

Wenn man bei nördlicher Fahrt, von Schöneberg herkommend, links in die Pallastraße abbiegt, so kann man unter einem Hochhaus durchgehen oder auch mit dem Auto durchfahren. Das Gebäude nennt sich Sozialpalast. Es lassen sich sicherlich zahlreiche stadtsoziologische und gesellschaftliche Debatten zu solchen Wohneinheiten führe. In bezug auf Ostberlin sprach Heiner Müller seinerzeit von Fickzellen mit Fernwärme. Da ich in der Stadtsoziologie nicht sehr bewandert bin und aufgrund einer anderen Wohnlage nicht gut über diesen Ort berichten kann, muß ich mich hier enthalten. Minder gute Wohnlagen und gute liegen in Berlin jedoch nicht gar so weit auseinander. Zum Viktoria-Luise-Platz, den repräsentativen Altbauten säumen, geht man gerade einmal zehn Minuten in westliche Richtung.Berlin ist die Stadt der nahtlosen Übergänge. Insbesondere die Friedrichstraße zeigt dies, die im Süden am Mehringplatz ein armes Quartier ist und nach Norden hin zur teuren Geschäftsmeile sich wandelt.

Weiter nördlich gegangen, gelangt man an die Kreuzung Bülowstraße. Unrühmliche Bekanntheit erlangte die Potsdamer Straße dort im Jahr 1981, als an der Ecke Bülowstraße zu den Zeiten des Häuserkampfes bzw. der Haus- oder Instandbesetzungen Klaus-Jürgen Rattay am 22.9. zu Tode kam und vor einen Bus der BVG lief bzw. von der Polizei getrieben wurde. Eine grobe Chronologie des Berliner Häuserkampfes im Jahre 1981 kann man hier nachlesen.

Ab der Kürfürstenstraße beginnt der Bezirk Tiergarten (Mitte) und die Straße führt am Wintergarten vorbei, das Flair dort ist ein sehr eigenes: versucht man, sich an das zu erinnern, was dort an Gebäuden steht, so vergißt man es nach zehn Minuten. Über den Landwehrkanal, in den Rosa Luxemburg weiter östlich geworfen wurde, geht es zum Kulturforum mit der Neuen Nationalgalerie, die von Ludwig Mies van der Rohe erbaut wurde und der Philharmonie von Hans Scharoun – sozusagen als Namennennen und als Information für die Nicht-Berliner. Hinter dem Kulturforum macht die Straße einen scharfen Bogen nach Ost und führt direkt auf den Potsdamer Platz, und wenn man diesen speziellen Ort überquert und die Straße weiter geradeaus schlendert, kommt man auf die Leipziger Straße in den Osten Berlins. Im Grunde ist die Potsdamer Straße bloß eine Linie, die Unverbundenes in Korrespondenz bringt. Sie ist eine Durchgangsstraße. Für die Photographie wie geschaffen. Einen kleinen Abschnitt der Potsdamer habe ich photographiert und zeige die Bilder auf „Proteus Image“.

Glanz verbreitet die Potsdamer Straße nicht. Aber das ist womöglich gut so, selbst in ihrer Langeweile ist sie besser, als wenn die Straße zur Auguststraße in Mitte sich transformierte. Diese ist eine schmale, im Grunde nicht uninteressante Straße mit Galerien und viel Kunst. Die Potsdamer ist das Gegenteil davon.

Die Photographien von der Potsdamer Straße gibt es hier zu sehen.