Böhmischer Prater – Wien

Wien, Ende September 2018, Blasmusik tönt, wie selbstverständlich laufen die Burschen in Lederhose und die Madeln tragen Dirndl. Sie strömen zum Prater, dem Vergnügungspark im 2. Wiener Bezirk. Auch dort feiern die Wiener „ihr“ Oktoberfest. Exportiertes Bajuwarentum. In heutigen Zeiten hingegen will feiern gut überlegt sein – ob Gangbang, Bungabunga, Kit-Kat, Diskofox oder des Onkels 50er Geburtstag: nur mit negativem Coronatest oder gar nicht. Irgendwann aber geht es wieder nach Wien und auch in den herrlichen Prater und eben jenen „anderen“ Prater.

Den Prater, auch Wurstelprater genannt, kennen die meisten Wienreisenden zumindest dem Namen nach, wenngleich der tatsächliche Prater sehr viel größer ist, nämlich eine gedehnte Parklandschaft mit Auenwald, zwischen Donaukanal und Donau, im Südosten Wiens, nahe des Zentrums. Eine herrliche Landschaft, um sich zu erholen: obwohl Wien für den Besucher Erholung genug ist. Wer bisher nicht im Prater war, erinnert sich aber an jene spektakuläre Szene aus dem Film Der Dritte Mann: das Riesenrad, hoch über dem düsteren Nachkriegs-Wien und jene Gondel, wo Harry Lime (Orson Welles) seinem alten Freund Holly Martins (Joseph Cotton) mit Zynismus die neue Zeit erklärt. Der Prater in Wien-Leopoldstadt ist bis heute ein Riesenrummel.

Wer jedoch eine ausgefallenere Art des Jahrmarktes mag, wer Dinge schätzt, die aus der Zeit gefallen scheinen und wer Sinn fürs Abseitige hegt, der reise aus der Stadt hinaus in Richtung des Naherholungsgebiets Laaer Berg, an der Stadtgrenze, im Süden Wiens, 10. Bezirk Favoriten. Das ist Arbeitergegend, immer schon. Früher lebten dort Tschechen, heute die Kroaten, die Türken, die Kosovaren, und ebenso die Ureinheimischen. Eine Vielvölkerstadt. Mit der U-Bahn-Linie 1 fahre ich bis zum Reumannplatz, eine unwirtliche Gegend, nichts Spektakuläres dort, außer dem üblichen Grau oder ein Schißgrün des Wiener Gemeindebaus. Hier ist man im tatsächlichen Wien, weit ab von Heurigengemütlichkeit, von Stephansdom und Straußscher Walzerseligkeit. Hier fragt keiner in Barockkostüm verkleidet, ob man Karten für das große Wienerwalzerkonzert erstehen möchte. Hier ist Kanacksprack. Ich eile weiter und suche den 68er Bus, der mich zumindest in die Nähe dieses anderen Praters bringt, des Böhmischen Praters. Von der Haltestelle Urselbrunnengasse aus laufe ich dann nochmal eine Viertelstunde, um an diesen sagenumwobenen Ort zu gelangen. Leicht zu erreichen ist dieser Vergnügungspark nicht. Zumindest nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln, und wer es mit dem Fahrrad versucht, sollte keine Herzbeschwerden haben.

Endlich angekommen und dann geht’s hinein in die Welt des Vergnügungsparks, genauer gesagt eines Rummels, den es eigentlich so gar nicht mehr geben dürfte, weil man denkt, daß seine Zeit lange schon abgelaufen ist. Gleich links beim Eingang fällt mein Blick auf ein altes Ringelspiel. Dies ist die Bezeichnung für ein Karussell, dessen Figuren sich artig im Kreis drehen. Das Ringelspiel hat eine lange Tradition, es stammt vom Training der Ritter, die mit einer Lanze die seitlich aufgehängten Ringe durchstachen. Im Barock diente dieser Wettkampf dann zur Belustigung und wurde als Ringelreiten zum Vergnügungsspiel auf ein „Carrousel“ montiert.

Der Böhmische Prater entstand 1882, als sich eine Reihe von Ausflugslokalen für die Arbeiter auf dem Laaer Berg ansiedelte. Jene waren nötig geworden, damit die Habsburger Herrlichkeit sich erweiterte und die Stadt Wien neue Dimensionen annehmen und sich industrialisieren konnte. Wien wird zur Großstadt demoliert, so spottete später Karl Kraus. Zu den Ausflugslokalen für die Arbeiter gesellten sich 1883 die ersten Fahrgastgeschäfte: Kettenkarussell und Russische Schaukel. Damals hieß er noch Favoriten-Prater doch schnell bürgerte sich wegen der vielen Tschechen der Name Böhmischer Prater ein. Im Illustrierten Wiener Extrablatt von 1884 heißt es: „An Sonntagen geht es im Prater am Laaerberg, von welchem man eine herrliche Aussicht auf die Residenz genießt, so lustig zu, wie in der Donauau in der Leopoldstadt, welche Kaiser Joseph den Wienern geöffnet hat.“ Der eine und der andere Prater eben.

Weniger schön beschreibt es 1886 die Vorstadt-Zeitung:

„Ekelerregende Schnapsverkäuferinnen, welche in czechischem Idiom ihre Waare anbieten; schmutzstarrende alte Weiber, die um Almosen stehen. Krüppel, welche ihre Gebrechen zur Schau stellen, verstimmte Leierkasten, die ihre ohrenbetäubenden Klänge zum besten geben, markieren die Wege zu dieser merkwürdigen Kolonie.“

Im 20. Jahrhundert mußte die Politik den Schaustellern oftmals unter die Arme greifen, weil die Eigentümer des Geländes andere Projekte im Sinn hatten: 1984 wollte eine Firma für Spielautomaten dort Hotels und Spielhallen erreichten: „Klein Las Vegas“ sollte hier erblühen. Dem machte jedoch der Bezirk einen Strich durch die Rechnung. Das Praterareal wurde durch die Stadt Wien gekauft und so war ab 1986 sichergestellt, daß die Schausteller weitermachen konnten.

Das alte Ringelspiel von 1890 kreist also zum Glück noch immer. 1984 wurde das Karussell wegen seiner Einzigartigkeit unter Denkmalschutz gestellt. Mit seinen 12 Holzpferden ist es das älteste Ringelspiel Europas. Die Pferdchen heißen Peter, Susi, Otto, Gitti. Sie drehen sich und drehen sich an diesem Sonntagnachmittag im Kreis, zusammen mit der alten schönen Straßenbahn, dem BMW-Motorrad, der Dampflok und dem Oldtimer. Aber es sitzen nur wenige Kinder auf Pferd, Wagen, Motorrad. Karussellmusik ertönt aus der alten Orgel. Es ist wie in vergangenen Tagen und wenn man ein wenig phantasiert, reist man zurück in diese Zeit. Auch das macht den Reiz dieses Ortes aus. Aus der Zeit gefallen.

Aber der Böhmische Prater ist keineswegs nur Museumsdorf, sondern es gibt genauso moderneres Gerät. Der Karibik-Twister, die üblichen Automaten zum Armdrücken, Biergärten und der klassische Autoscooter, der hier schön alt Autodrom heißt.

Als Stadtspazierer ist es nicht meine Spezialität mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Aber gut ist es doch, auch mit Leuten zu sprechen, mit den Schaustellern, und sie zu befragen. So erfährt der Spaziergänger Dinge. Ich gucke ich mir jemanden aus, und am Riesenrad treffe ich Franz Reinhardt, Inhaber des alteingesessenen Schaustellerbetriebs gleichen Namens. Reinhardt ist zugleich Obmann im Verein der Schausteller im Böhmischen Prater. Ich frage ihn, wie lange er dieses Geschäft betreibe. Das, so Reinhardt, sei ein Lebenswerk, immer schon habe er das gemacht. Doch im Lauf der Zeiten hat sich vieles gewandelt. Das Geschäft ist härter geworden, die Konkurrenz durch andere Unterhaltung erheblich und die Leute kommen seltener. Zusammen mit dem Riesenrad betreibt er das Kaffeetassenkarussell und die alte Kartbahn für die Kleinen. Karussells mit Nostalgie, mit viel Charme und Schönheit.

Ich denke beim Anblick des Riesenrades und dessen Design an die 70er Jahre, obwohl es erst 1988 aufgebaut wurde. Aber genau so sahen auch damals die Gondeln aus. „Warten Sie mal!“, sagt Franz Reinhardt. Dann verschwindet er in seiner Schaustellerkabine und als er wiederkommt, hält er einen Katalog in der Hand: Favoriten und der Böhmische Prater. Laaerberg – Der andere Wiener Wald. „Darin finden Sie alles, was Sie wissen wollen“, sagt Reinhardt. Dann folgt eine Szene, die ich mir lieber nicht gewünscht hätte, und von diesem Punkt an hätte das Gespräch gerne beendet sein können. Aber das war es nicht. Es nahm eine unangenehme Wendung: „Und jetzt fahren wir Riesenrad!“, rief der Herr Reinhardt vergnügt. Die Sache hatte nur einen Haken: ich bin nicht schwindelfrei. Daran hat auch – als Konfrontationstherapie – das Fallschirmspringen nichts geändert, obgleich es doch seinen Reiz hat, mit einer alten Antonow in den Brandenburger Himmel aufzusteigen. Nicht einmal eine Leiter geht, geschweige ein Sessellift. Und schon gar nicht das Riesenrad. Ich lehne dankend ab, aber Herr Reinhardt hat eine Art zu überzeugen, der ich nicht wiederstehen konnte. Außerdem muß man für eine Reportage Opfer bringen, denke ich mir. Andere wühlen unendlich in Akten und recherchieren, ich hingegen fahre Riesenrad. Ich bin ein weißer alter privilegierter Mann, der seine Privilegien schwer genießt. Wir steigen ein. Herr Reinhardt gibt ein Zeichen und auf geht die Reise in der Gondel mit der schmalen Brüstung. Aber für Sicherheit ist gesorgt, er sei ja mit an Bord, so murmelt Herr Reinhardt.

Nein, das Riesenrad ist nicht riesig, es mißt gerade mal 21 Meter, das Wurstelprater-Riesenrand hat eine Höhe von knapp 65 Metern. Doch wenn man oben ist, schwebt man über Wien, sieht von der Höhe des Laaer Bergs auf die Stadt hinab. Donaucity und die alten Gasometer, in der Ferne der Stephansdom und noch weiter im Horizont ragt der herrliche Kahlenberg. Es ist ein wunderbarer Blick über das geliebte Wien. In der Höhe, auf der Spitze verharren wir ein wenig, ich schaue auf diese so schöne Stadt, die Augen fest auf den Horizont gerichtet, wie man es bei Schwindel macht. Froh bin ich jedoch, als es wieder zur Erde geht. „Sehen Sie, ist doch gar nicht schlimm!“. Nein, das war es nicht, ich bedanke mich artig und schlendere weiter. In Richtung des Ausgangs zum Laaer Waldes.

Doch vorher erwartet mich noch das alte Raupen-Karussell der Familie Geissler. Am Kassenhaus ist ein Schild angebracht: „Diese Raupe wurde im Jahre 1929 von meinem Onkel Rudolf Rusniak gebaut“. Neben der Raupe findet sich die uralte Karussellorgel. „Die Orgel entspricht einer Orchesterkapazität von ca. 25 Mann“ steht da in alter geschwungener Schrift. Ich stehe und staune angesichts dieser Pracht der liebevoll bemalten Figuren und der Orgelpfeifen. Ich werfe einige Euro-Münzen in die Büchse des Leierkastenmanns. Er ist aus Holz und hat einen buschigen Oberlippenbart.

Und dann geschieht das unvorstellbar Schöne: Plötzlich heben die Orgelpfeifen zu spielen an, Kirmes-Musik setzt ein. Langsam, schunkelnd, dann scheppert, hämmert, orgelt und tönt es, nicht zu laut, nicht zu leise, sondern so wie es auf einem Jahrmarkt sein muß. Und da erklingt sie plötzlich: die Wiener Walzerseligkeit, Straußens An der schönen blauen Donau. Aber nicht im Konzertsaal mit erlesenem Publikums und feinen Instrumenten gespielt, sondern fürs Volk, schief, krachend und wie in einem Stück Ödön von Horváths. Das ist melancholisch und zugleich anrührend schön.

Konservative wollen etwas bewahren, was eigentlich nur noch in unserer Erinnerung seinen Ort hat. Traurig und doch auf eine Art beglückt schlendere ich fort in Richtung der Wälder.

Narziß, Echo und Karneval

Wir sind vom Schein des Bildes bezaubert, geben uns den Bildern hin, verharren, fixieren uns: „Während den Durst zu löschen er strebt, wird anderer Durst wach; denn im Trinken vom Schein des gesehenen Bildes bezaubert, liebet er nichtigen Wahn: er hält für Körper, was Schatten. […] Was Leichtgläubiger, strebst du vergebens nach flüchtigem Scheinbild? Nirgends ist, was du begehrst; sieh weg und es flieht das Geliebte; Schatten ist, was du gewahrst, vom widergespiegelten Bilde! Nichts ist eigen daran; mit dir nur kam und verbleibt er, weggehn wird er mit dir, wenn wegzugehen du vermöchtest.“ (Ovid, Metamorphosen)

Das Subjekt – ein Gesicht im Sande, Effekt einer Spiegelung und auch: einer Epoche. Und es zeigt sich hierin zugleich, wie das Begehren des Subjekts strukturiert ist: es haftet am Entzug (des Anderen). Begehren vermittelt sich nicht, sondern bleibt negativ, unstillbar, unerfüllbar. Begehren verweist immer auf die Abwesenheit, auf den Ort der Nicht-Präsenz. Geschieht es? Die Darstellung des Nicht-Darstellbaren.

Aber ich will mich nicht bei selbstreferentiellen Narzißten oder gar den Narzissen aufhalten und auch nicht bei den Strukturen von Subjektivität, sondern weiterhin gilt es, den Frohsinn und die Lust am Subjektsein, wenn schon nicht zu preisen, so diese doch im Bilde festzuhalten. Den Augenblick als Präsenz zu bannen. Denn schnell ist alles wieder vorüber.

Den versprochenen zweien Teil der Photographie-Serie zum Karneval in Berlin zeige ich auf Proteus Image.

Die Tonspur zum 3. Oktober

Viele Ausflüge habe ich am Samstag und am Sonntag unternommen. Vieles gibt es zu berichten. Davon schreibe ich morgen. Dabei kommen dann auch die Ästhetik und die Theorie nicht zu kurz, denn es ist dieser Blog nun gerade kein Tagebuchblog, wo ich die Unwesentlichkeiten meines Lebens berichte und ausbreite.

Nun aber sei die Musik zum morgigen Tage gegeben. Bitte sogleich nach dem Abspielen und dem Betrachten der Ton- und Bildspur unten rechts den Vollbildmodus betätigen, denn erst dann zeigt sich dieses Video in seinem Umfang.

Elsaß – Obernai

In den dunklen, schmalen Gassen der kleinen Fachwerkhäuserstädte des Elsaß spielt sich die französische Provinz ab. Es ist jene Mischung aus Bigotterie, Langeweile, Spießertum, Behaglichkeit, Tourismus, fragiler Schönheit, Verschlafenheit, und ein wenig sind es auch die Phantome des Hutmachers. Claude Chabrol besaß den richtigen Blick für jene Provinz und ihre Menschen. Der großartige Inspektor Lavardin reagierte darauf in der ihm eigenen Art, die genau richtig war: ironisch, zynisch, sarkastisch. Bösartig. Und natürlich überführte der Inspektor den bürgerlichen Verbrecher.

Auf den ersten Blick muten jene Städte und kleinen Ortschaften des Elsaß charmant an: all das Fachwerk. Diese Behaglichkeit laugt sich aber nach einer Weile aus. Die Fassade ist eine gebrochene. Wie überall auf der Welt, freilich je nach Lokalität in jeweils anderer Ausprägung und Gestalt, ist es das Gleiche: man erinnere sich an jene erste Kamerafahrt in David Lynchs „Blue Velvet“, die den Auftakt abgab und die durch eine amerikanische Stadt ging. Zum Beginn eine Musik wie in einem Filmdrama der 40er Jahre. Greller bonbonfarbener Kitsch und die Behaglichkeit, das amerikansiche Blumenidyll der Vorstädte. Sonntags in der kleinen Stadt, und das Verhängnis beginnt mit einem Gartenschlauch und einem Schlag. Ein grotesker Todesauftakt. . Nch der Idylle. Darunter aber, bei der Fahrt in den Garten, in das Gras und Gestrüpp hinein, da gelangt der Blick in das Reich der Insekten: all das Krabbeln und Kriechen. Wie Maden in einer Leiche. Auf Mallorca sah ich auf einem Gang durchs Gebirge zwei verweste Schafe liegen, deren ehemals weiße Wolle sich in ein durchgesupptes, weiches Braunschwarz verwandelt hatte. Der Übergang zwischen Gestalt und Zermatschtem war fließend. Die beiden Tiere lagen dort, ihre Köpfe auf die Erde gebettet, es krochen nicht einmal mehr Maden im Fleisch oder Fliegen umschwirrten es, jedoch ging von dem Aas ein widerlicher Geruch aus. Bei „Blue Velvet“ handelt es sich um einen der besten Filmanfänge. Er bringt den Abgrund, der überall, in jedem Detail in jeder Regung wohnt – von der Liebe bis in die gesellschaftlichen Verhältnisse hinein – in das Bild.

Weilt man etwa eine Woche lang in solchen französischen Fachwerkstädten, dann realisiert man mit etwas Fähigkeit zur Empfindung sehr schnell das, was Flaubert gesehen haben muß und das er nicht müde wurde, mit Spott zu bedecken und in die Schrift der Literatur zu bringen. Man lese hierzu sein „Wörterbuch der Gemeinplätze“, „Madame Bovary“ oder „Bouvard und Pécuchet“.

Aber zurück zum Elsaß zu der kleinen Stadt Obernai, welche etwa 30 km südwestlich von Straßburg liegt. Einige Photographien gibt es auf Proteus Image zu sehen. Machen Sie sich ansonsten ein schönes Wochenende und bis demnächst.

Potsdamer Straße – Berlin – Hommage

Die Kurfürstenstraße, welche – das sei für Nicht-Berliner gesagt – nicht mit dem Kurfürstendamm zu verwechseln ist, mündet, wenn einer in östlicher Richtung mit kleinem Schlag nach Süden flaniert, auf die Potsdamer Straße. Es ist dieses Viertel ein wenig liederlich, gar zwielichtig, es gibt einen Straßenstrich.

Aber es gibt in der Kurfürstenstraße als Kontrastprogramm auch das „Café Einstein“, welches, in einer Albauvilla mit Garten angesiedelt, ein schönes Interieur besitzt, zuweilen aber überfüllt ist. Sitzt man in dem großen Saal, bedeutet diese Fülle einen hohen Lärmpegel. Doch der Ort entschädigt. Und ich schreibe diesen kleinen Text samt den anschließenden Photographien als eine Reminiszenz an einen sehr angenehmen Freitagnachmittag. Berlin, 24.6. Wenn man am Nachmittag Kaffee getrunken und ein Stück Birnenkuchen mit Schlagsahne verspeist hat, ist man für Gespräche und für anschließende Photographien gestärkt.

Es herrscht in der Kürfürstenstraße eine Welt der Kontraste. Arm neben reich, Handwerker, Huren, Medienmenschen, Touristen, Betuchte und weniger Begüterte, die ins Einstein gehen. Wie so häufig in Berlin: das ungeordnete Nebeneinander, wenn ein Stadtteil noch nicht reguliert ist durch eine bestimmte Sorte von Geschäften oder Ausgehlokalitäten. Nach dem Cafébesuch, solitär in Richtung der Potsdamer schlendernd, und eine der am Straßenrand stehenden Frauen fiel mir vom Aussehen und vom Habitus her sofort auf. Sie hätte seinerzeit auch in einer meiner Studentengruppen sitzen können. Kurz schoß es mir durch den Kopf, ob ich sie ansprechen solle. Eine Frau auf der Straße rede ich normalerweise nicht an, weil das indiskret ist und mir zudem kein guter oder passender Satz einfiele, welcher den Auftakt machte und der nicht blödsinnig klingt. Hier aber werden diese Dinge, die Beziehungen über den „annihilierendsten Signifikanten“, sprich: das Geld geregelt und unterliegen dem Regiment der Funktionalisierung. Die Scham ist keine sprachliche, sondern in diesem Falle eine soziale, weil ich die Lage eines Menschen mir zunutze mache. Trotz alledem: die Frau gefiel mir – klein und schwarzhaarig.

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Nein, die Frau welche ich meinte, ist auf den Photographien nicht zu sehen. Aus der Kurfürstenstraße heraus spazierte ich in Richtung auf die Potsdamer Straße zu. Sie galt lange als verrufen, unangenehm und unansehnlich, jedoch – anders als die Kurfürstenstraße – ohne Straßenstrich. Trostlose Häuser und die Leere einer Durchgangsstraße, welche dazu gemacht ist, verschiedenen Punkte einer Stadt miteinander zu verbinden; ihr Wesen ist der Transit. Aber es ändern sich die Dinge in der Zeit. Mittlerweile haben auch Galerien ihren Weg in diese Straße sowie in die Nebengassen gefunden, was in diesem Falle nicht schlecht ist, denn diese Ecke von Berlin ist aufgrund ihrer urbanen Struktur im Grunde nicht gentrifizierbar; nicht einmal durch Künstler und Galerien, die in der Regel den Anfang machen und signalisieren, daß ein Viertel sich wandelt, Mieten steigen, Lebensräume anderweitig okkupiert werden. Der Grund für diese Schwergängigkeit rund um die Potsdamer Straße liegt darin, daß – anders als beim mittlerweile angesagten nördlichen Neukölln, kurz Kreuzkölln genannt – nicht ein trendiges Gebiet wie Kreuzberg SO 36 mit der Oranienstraße in der Nähe liegt. Und es gibt da auch keine „Ankerklause“, in welcher in den wilden Jahren manchmal ein Abend diskussionsstark und alkoholreich, gar volltrunken endete – diese Reise durch eine Nacht hindurch, die langsam beginnt, nach einem Seminar, das am frühen Abend endete, mit ihr auf dem Fahrrad fahrend, wir können ja noch was trinken fahren; „Ankerklause“, klar; am Tisch sitzend, rauchen, sie nimmt die Zigaretten mit Filter, ich die Lucky Strike ohne, weil ich gerade etwas Geld beisammen hatte, unendliches Reden, sie mochte nichts von meinem intellektuellen Zeug hören – „Ich weiß ja, daß du dich mit Hegel und Adorno auskennst“ –, sondern wollte etwas über die Musik erfahren, die ich höre, Alkohol trinkend, zu Zeiten, wo man in Kneipen besser Bier bestellt statt des Weins und die Beteiligten sich eine Zigarette nach der anderen anstecken konnten, weil es noch kein Rauchverbot gab. Heute bin ich Nichtraucher. Was soll es aber? In zunehmendem Alter lebt man sowieso nur noch in den Erinnerungen. In Gesprächen mit Frauen ist alles gesagt und der Zauber der wilden Jahre ist leergezaubert.

Obwohl man in bezug darauf, daß ein Viertel zum teuren Bezirk umkippt, der für Menschen, die wenig bis kein Geld haben, nicht mehr bewohnbar ist, nie absolute Prognosen machen kann, wird sich entlang der Potsdamer Straße aller Voraussicht nach nicht viel tun. Gerade einmal das Varieté „Wintergarten“, welches kurz vor der Pleite sich befand, dann aber wieder auferstand, siedelt hier. Die nächsten Ausgehviertel sind zu weit entfernt. Doch man weiß nie.

Wie kann man die Potsdamer Straße beschreiben? Kleingewerbe, sogar ein Laden mit Bürobedarf wie es sie früher häufig gab, Spielhallen, Gemüsehändler, Billigläden, Tätowierladen, Cafés, Bäckereien, Imbiß, traditioneller Fleischer, ein Woolworth, der innen in herrlich erbärmlichem Zustand ist. Das übliche für den schmalen Geldbeutel. Und das Varieté „Wintergarten“.Vom Süden her beginnt die Potsdamer Straße am Kleistpark im Bezirk Schöneberg, dort wo die Hauptstraße endet. Und wenn man sie in südlicher Richtung immer weiter geradeaus fährt, immer die Hauptstraßen entlang, via Schöneberg, Friedenau, Steglitz, Zehlendorf, Wannsee, dann gelangt man tatsächlich in rund einer ¾ Stunde Autofahrt über die Glienicker Brücke herüber nach Potsdam.

Wenn man bei nördlicher Fahrt, von Schöneberg herkommend, links in die Pallastraße abbiegt, so kann man unter einem Hochhaus durchgehen oder auch mit dem Auto durchfahren. Das Gebäude nennt sich Sozialpalast. Es lassen sich sicherlich zahlreiche stadtsoziologische und gesellschaftliche Debatten zu solchen Wohneinheiten führe. In bezug auf Ostberlin sprach Heiner Müller seinerzeit von Fickzellen mit Fernwärme. Da ich in der Stadtsoziologie nicht sehr bewandert bin und aufgrund einer anderen Wohnlage nicht gut über diesen Ort berichten kann, muß ich mich hier enthalten. Minder gute Wohnlagen und gute liegen in Berlin jedoch nicht gar so weit auseinander. Zum Viktoria-Luise-Platz, den repräsentativen Altbauten säumen, geht man gerade einmal zehn Minuten in westliche Richtung.Berlin ist die Stadt der nahtlosen Übergänge. Insbesondere die Friedrichstraße zeigt dies, die im Süden am Mehringplatz ein armes Quartier ist und nach Norden hin zur teuren Geschäftsmeile sich wandelt.

Weiter nördlich gegangen, gelangt man an die Kreuzung Bülowstraße. Unrühmliche Bekanntheit erlangte die Potsdamer Straße dort im Jahr 1981, als an der Ecke Bülowstraße zu den Zeiten des Häuserkampfes bzw. der Haus- oder Instandbesetzungen Klaus-Jürgen Rattay am 22.9. zu Tode kam und vor einen Bus der BVG lief bzw. von der Polizei getrieben wurde. Eine grobe Chronologie des Berliner Häuserkampfes im Jahre 1981 kann man hier nachlesen.

Ab der Kürfürstenstraße beginnt der Bezirk Tiergarten (Mitte) und die Straße führt am Wintergarten vorbei, das Flair dort ist ein sehr eigenes: versucht man, sich an das zu erinnern, was dort an Gebäuden steht, so vergißt man es nach zehn Minuten. Über den Landwehrkanal, in den Rosa Luxemburg weiter östlich geworfen wurde, geht es zum Kulturforum mit der Neuen Nationalgalerie, die von Ludwig Mies van der Rohe erbaut wurde und der Philharmonie von Hans Scharoun – sozusagen als Namennennen und als Information für die Nicht-Berliner. Hinter dem Kulturforum macht die Straße einen scharfen Bogen nach Ost und führt direkt auf den Potsdamer Platz, und wenn man diesen speziellen Ort überquert und die Straße weiter geradeaus schlendert, kommt man auf die Leipziger Straße in den Osten Berlins. Im Grunde ist die Potsdamer Straße bloß eine Linie, die Unverbundenes in Korrespondenz bringt. Sie ist eine Durchgangsstraße. Für die Photographie wie geschaffen. Einen kleinen Abschnitt der Potsdamer habe ich photographiert und zeige die Bilder auf „Proteus Image“.

Glanz verbreitet die Potsdamer Straße nicht. Aber das ist womöglich gut so, selbst in ihrer Langeweile ist sie besser, als wenn die Straße zur Auguststraße in Mitte sich transformierte. Diese ist eine schmale, im Grunde nicht uninteressante Straße mit Galerien und viel Kunst. Die Potsdamer ist das Gegenteil davon.

Die Photographien von der Potsdamer Straße gibt es hier zu sehen.