Ohne Fetisch – „Die Welt der Plakate“, Barbara Klemm und Lars von Trier in Konstellation

Gestern sprach ich mit einer Kollegin über Lars von Triers Film „Nymph()maniac“, den sie vor zwei Tagen geschaut hatte. Ich kenne den Film noch nicht, will ihn sehen, bin neugierig. Was mich erstaunte, war der Umstand, daß sie den Film für gelungen befand. Denn ansonsten mag sie Triers Filme nicht besonders, „Melancholia“ hielt sie für großen Kitsch; überzeichnet und eine Verhöhnung für Menschen, die Depressionen unter Depression litten. „Aber das ist doch keine klinische Depression, die Trier uns zeigt, das ist kein Krankenfilm!“, entgegnete ich ihr. Immerhin konnten wir uns darauf einigen, daß die Bildersprache Triers konsequent und eindringlich ist.

Die Kollegin sprach ein wenig über „Nymph()maniac“, sie erzählte, daß es darin mitnichten nur um Sex ginge, dies sei von der Vorabwerbung hochgespielt worden. Die übliche Skandalisierung, die der Betrieb um Lars von Trier herum veranstaltet. Natürlich kommen in dem Film auch Sexszenen vor. Aber es handelt sich nicht um einen Porno. Ich hörte mir geduldig ihre Ausführungen an, denn ich kann ein guter Zuhörer sein, wenn mir Dinge anregend und klug nahegebracht werden. Dann fiel mein Blick auf ein Plakat, das im Zimmer der Kollegin hing. Es handelt sich um ein Poster, das für die Barbara Klemm-Ausstellung im Martin Gropius-Bau zu Berlin wirbt. (Sie geht noch bis zum 9. März)

20140212142535-mgb13_p_klemm_17_christo_vorhang Wenn der Geist vom imaginierten Körper aufgeladen ist, wenn die Phantasie das Denken antreibt und wenn den ganzen Tag über bereits der Kopf flimmert, dann sehe ich in den Bildern etwas, das eine gewisse Phantasie benötigt und das andere erst auf den zweiten oder dritten Blick oder gar nicht bemerken. Es geschieht die Entstellung der Bilderwelt, indem sich die Objekte verschieben, transformieren und überlagern. Nicht viel anders im Grunde als beim Freudschen Versprecher: wenn der Graecist statt „angenommen“ „Agamemnon“ vernimmt und wenn etwas zum Vorschwein kommt. Wenn Betrachterinnen und Betrachter bei dem Klemm-Bild vom verhüllten Reichstag genauer hinschauen, werden Sie wissen, was ich meine. Jenen Spalt oben im Christo-Vorhang kann man so oder anders lesen. Die Kollegin war halb amüsiert, aber doch ein wenig auch irritiert, als ich ihr meine Beobachtung berichtet. Wir machten Lars von Trier für diese Konfusion verantwortlich. Da sie nicht prüde ist, lachten wir beide nach dieser Begebenheit. (Sie ist verheiratet, es war also eine harmlose Situation, die sich am Ende in einer Art ästhetizistischen Psychoanalyse entschärfte. Dennoch bleib die Irritation im Kopfe des Blogbetreibers nachhaltig und den Tag über bestehen.)

Der Stoff – eigentlich zum Fetisch gehörend, weil er verhüllt, was sichtbar daliegen sollte und insofern das Spiel mit jenem Fort und Da, mit der Gleichzeitigkeit von Anwesenheit und Abwesenheit treibt – bildet in diesem Falle selber das verhüllte und zugleich enthüllte Objekt (der Begierde). Er formt durch eine Raffung jenes Organ von Lust und Zeugung, das vom Mann gerne verdrängt wird und für das der Name Vulva steht. Der Fetisch in einer erweiterten Sicht und über Freud hinaus ist eben kein Penisersatz – wenngleich ein orthodoxer Freudianer mir diese Verneinung bzw. Verleugnung gerade als verstecke Bejahung auslegen könnten. Verdeckt und verweist der Fetisch auf die jederzeit drohende Kastration? Wie heißt es bei Freud: „… die so häufig zum Fetisch erkorenen Wäschestücke halten den Moment der Entkleidung fest, den letzten, in dem man das Weib noch für phallisch halten durfte.“ Ich will nicht auf die Tragweite dieses Satzes spekulieren und ich möchte ihn weder herleiten noch widerlegen. Soviel nur sei geschrieben: Fetischismus ist nie nur auf den Mann bezogen und er ist nicht bereits per se eine Perversion. Daß es ebenso einen weiblichen Fetischismus gibt, zeigen Naomi Schor und Sarah Kofman. Weiterführendes zum Thema des Fetischismus findet sich in Hartmut Böhmes Buch „Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne“ sowie von der Ethnologie her in Karl-Heinz Kohls „Die Macht der Dinge. Geschichte und Theorie sakraler Objekte“.

Es ist immer das eine, häufig kulturell  transformierte Objekt, was einen unmittelbar anspringt und worin sich dann die Verschreibungen, die Versprecher, die Fehllektüren und die Täuschungen in der Wahrnehmung ergeben. Das Objekt der Betrachtung ist das Begehren sowie die Struktur des Begehrens samt ihrer Ausprägungen. Sogar noch in einer derart harmlosen Büroszene. Es gibt sie eben – some of these days. In jenem verwirrten Kopf des erotisierten Ästhetikers.

Domäne Darkroom Dahlem/Nymphomania

Es ist wahr: ich vernachlässigte, wie „Neuköllner Botschaft“ mit Bedauern kommentierte, meinen Photographieblog sträflich. Und als ich dort nach langer Abwesenheit einmal wieder hineintrat, sah ich da Verschimmeltes, Verhungertes und Vertrocknetes. Alles lag verlassen, alles ausgedörrt, alles Asche, fahl und einsam blickte mich diese Welt an, Tod und Teufel, öde und leer – ich fand also eine Landschaft vor, wie ich sie liebe. In meinem Frühjahrsurlaub schwanke ich noch immer zwischen dem heruntergekommenen Südbelgien im Raum Charleroi, also einem ausgewiesen öden Ort, oder aber ein Stück gemäßigter und freundlicher in der kleinen, schottischen Stadt Edinburgh, dafür mit landschaftlicher Kargheit versehen, doch immerhin eine Stadt der Literatur (Hume, Scott, Stevenson, Doyle).

Andererseits, was im Hinblick auf die Photographien den Gang des Erscheinens betrifft (ich meine dies nicht von der Philosophie motiviert im Sinne des Wesens, das erscheinen muß), so kommen auch die Photobücher der Photographen x oder y nicht im Monatsrhythmus auf dem Markt, sondern es braucht Zeit, Zeit, Zeit.

Heute aber zeige ich, damit ich in diesem Blog nur wenige Photographien präsentieren muß, einmal wieder auf Proteus Image eine kleine Serie Bilder, als Gegenschuß zur Reihe „Neukölln“, die ich hier weiterführe, mit dem Thema „Dahlem“.

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Ich schätze die Berlinale nicht sonderlich, was schlicht daran liegt, daß ich es als zu mühsam erachte, mich in Schlangen anzustellen, um Kinokarten zu ergattern. Gestern Abend lief Lars von Triers neuer Film Nymph()maniac an. Was ich im Trailer gesehen habe, macht mich neugierig. Die Sexualität als Bild, als lustvolle Gewalt [inszeniert], jenseits des Geordneten. Von Trier ist brutal. Keine schönen Storys. (Kommt aber darauf an, was wir als schön nun setzen.) Schon sein letzter Film „Melancholia“ war großes Kino, die Filme davor sowieso. Diese Mischung aus ungeahntem Pathos in „Melancholia“, der sich zugleich in der Ironie und im Humor, den die meisten nicht vorgenommen haben, durchstreicht, machte diesen Film so außerordentlich: eine Wagner-Oper, die aufs ganze geht. Was, wenn morgen Weltuntergang wäre? Ein Komet rast auf die Erde. Wagner-Musik, Liebestod zu dritt. Kein Mann dabei. Nur ein Junge. Die Zeichen des Untergangs, die überdeutlich hervortreten, so deutlich, so überdeterminiert. Jegliche Melancholie weist zugleich eine pathologische Seite auf.

Daily Diary (39)

In Erinnerung daran, daß es vor fast einem Jahr in den Kinos der BRD den Film „Melancholia“ von Lars von Trier zu sehen gab – ein überbordendes Kino des Untergangs ohne Rest, und zugleich bot dieser Film die Ironie und den Witz, wie bereits in dem paßgenauen Interview von Triers zu den Filmfestspielen von Cannes 2011. Man hätte dabei vorher für die Flachdenkerinnen und -denker auf alle Fälle und vorsorglich, um Schaden zu meiden, eine Triggerwarnung anbringen müssen: Achtung Hitler! Erinnert sei zudem daran, daß diese Szenerie in „Melancholia“  mit einem der ganz großen Filme von Andrei Tarkowski zusammenhängt. Doch zu guter Letzt bleiben wir mir Pieter Bruegel jene „Jäger im Schnee“. The Heart is a Lonely Hunter!

Und wo aktuell und mit Intensität zu lesen sei? Natürlich in den Briefen und Tagebüchern Kafkas aus dem Jahre 1912 – August, September. Kann man ohne Triggerwarnung verantworten. Obwohl: wenn ich an F.B. denke – ich weiß nicht.

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Stardust Memories: Lars von Triers „Melancholia“

Tritt man nach diesem Film aus dem Kino, so ist die Sicht auf die Welt, welche das Subjekt im Draußen umfängt, eine andere – zumindest für eine kurze Weile. Der Blick in den Himmel fällt skeptisch aus: der bestirnte Himmel über mir mit seinen bleichen Farben. Der Film ist, dies gleich vorweg geschrieben, meisterlich; er ist betörend, verstörend, ergreifend, wie Kino neben seiner analytischen Qualität zu sein hat – so wie mich „Blow up“, „Die Verachtung“, „Der unsichtbare Dritte“, „M“, „Lost Highway“ oder „Fahrraddiebe“ u.v.m. ergriffen. Gutes Kino berührt etwas im Subjekt: das Vermögen zur Empfindung und das Vermögen zum Denken. Und es irritiert zugleich.

„Melancholia“ hätte sicherlich die eine oder andere Auszeichnung verdient. Doch Filmpreise werden nicht immer nach binnenästhetischen Maßgaben verteilt.

Der Beginn des Filmes nimmt bereits das Ende vorweg. Es wird gestorben worden sein – alle, so steht zu vermuten – und es wird die Erde hernach nicht mehr so wie vorher aussehen. Zarte, fragile, fast zu schöne, eben melancholische, bitter-süße Bilder vom bevorstehenden Untergang werden zu der Ouvertüre aus Wagners „Tristan und Isolde“ als Auftakt geboten. Fin de siècle, aber gesamtkosmisch gespielt. In Zeitlupe oder wie man heute schreibt in Slow Motion bewegen sich die Protagonistin Justine (Kirsten Dunst) und ihre ansonsten realitätstüchtige, aber mittlerweile vollständig verzweifelte Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) durch die Park- und Waldlandschaft des Landwohnsitzes. Unendlich schön, in ihren verendenden Farben neigt sich die Welt. Letzter morbider Charme der Welt, die zerfällt. Ein schwarzes Pferd bricht zusammen. Neben Justine regnet es tote Vögel vom Himmel. Aber all dies wirkt an keiner Stelle aufdringlich oder outriert. Die Braut Justine in ihrem weißen Kleid in Zeitlupe laufend, umschlugen, gehalten von Wurzeln, Moos und Geäst. Ein stilisiertes Bild, das sicherlich auch um des Effektes willen erzeugt wurde, eine Rückblende. Ein Traumbild. Aber es verdichtet das Geschehen in einem einzigen Bild. Auch das kann Film: die Photographie zu erzeugen.

Manchmal sind diese Bilder fast zu schön, zu stillisiert, ästhetisierend. Man möchte vergehe. Aber dennoch: die Bilder passen, sie sind stimmig. Es ist das Ende. Claires Sohn steht da, im Wald, und schnitzt am Holz für den Bau der rettenden Zauberhöhle. Der Beginn des Filmes zeigt, was die Stunde geschlagen hat. Wer in diesen Film eintritt, der muß, anders als im Hollywood-Katastrophenfilm, wo es sich – zumindest für einige – am Schluß doch gut fügt, alle Hoffnungen fallen lassen. Der Schluß des Filmes ist … Nein, das sei nicht verraten. Soviel nur: er ist anrührend, ohne aber kitschig oder aufgeblasen zu sein, wie man es von apokalyptischen Filmen aus der Unterhaltungsklasse gewohnt ist. Soviel aber sei verraten: Der Schluß des Filmes: das ist der Tod.

Obwohl der Zuschauer bereits seit der ersten Minute weiß, was sich am Ende zutragen wird, schaut man den rückgeblendeten Ereignissen gebannt zu. Bereits bei der Anfahrt der allzu fröhlichen Braut und ihres Bräutigams in der Stretchlimousine, die nicht um die Kurve des schmalen Waldweges kommt, ahnt der Betrachter: das wird nicht gutgehen, da stimmt etwas nicht.

Der Film hat zwei Teile: Der erste heißt „Justine“ und beginnt mit Justines Hochzeitsfeierlichkeiten auf dem pompösen Schloß ihres Schwagers. Braut und Bräutigam (Alexander Skarsgård) treffen um Stunden verspätet auf dem großbürgerliche Anwesen – samt einem 18-Loch-Golfplatz – ein, wo die Feierlichkeiten im großen Kreise stattfinden. Man kann diese Feier kurz als Gesellschaftstragödie zusammenfassen. Sehr skandinavisch: eine Mischung aus Vinterbergs „Das Fest“ – freilich mit den entsprechenden Abänderungen – und Bergmannscher Psychologie: die beständige Zermürbung, Zerfleischung und bloßer Schein. Handkamerafahrten, die in die Gesichter hinein gehen. Eine angespannte Schwester Claire sitzt da oder läuft herum. Sie möchte die Feier bestens ausrichten. Sie ahnt bereits, daß hier etwas aus dem Ruder laufen wird; sie redet ihrer Schwester zu, sie erwartet, daß sich Justine zusammen nimmt. Aber das geht so einfach nicht. Hinzu kommt Claires sichtlich genervter Ehemann John (Kiefer Sutherland), der das Geld besitzt und der für diese Investition etwas erwartet. Immer wieder verläßt Justine die Feierlichkeiten, zieht sich zurück, legt sich ins Bett, geht spazieren, badet, läßt die Gäste zurück. Immer unerträglicher wird ihr die Anwesenheit unter den Gästen. Justine leidet unter Depression. Kirsten Dunsts Gesicht spricht Bände, wenn sie im Bett daliegt, und es reicht das bloße Mienenspiel ihres Gesichtes aus, um all die Abgeschlagenheit, den Unwillen, das große Nichts und die Schwermut zu zeigen, während die Kamera, wie so häufig, in Großaufnahme an das müde Gesicht heranfährt. Zu recht ist Kirsten Dunst in Cannes mit dem Preis für die beste Darstellerin ausgezeichnet worden. Es ist nicht einfach, einen solch stillen Zustand nur über die Mimik zu spielen. Mit Worten läßt sich vieles ausdrücken, in den Gesten sowie in der Mimik fällt dies um einiges schwieriger aus.

Am Himmel dieser Hochzeitsnacht strahlt im Sternbild des Skorpion ganz besonders und fast rot der Stern Antares. Und Justine weiß mit einem Male, daß sich etwas verändert hat – hellsichtig und feinfühlig-vorausahnend, wie man es besonders den sensiblen und empfänglichen Menschen nachsagt. Sie ist die einzige, die – später, Tage nach der Hochzeit – die exakte Zahl der gesammelten Hochzeitsbohnen errät. 678. Während der Bräutigam beim Eintritt und als er eine weiter Bohne zu den anderen in Glas hinzutat, eine Millionensumme nannte. Justine weiß. Es ist das Ende der Welt, und die sozialen Differenzierungen sowie das Gebalge um den Aufstieg werden angesichts dessen schal.

Die nächtliche Feier endet schließlich im Debakel: Justine verliert ihre Arbeit als Artdirektorin, weil sie ihren (widerlichen) Chef (John Hurt) in schwerster und berechtigter Weise beleidigt, und sie verliert am Ende ihren Bräutigam, der diesen Dingen kaum gewachsen sich zeigt. Der Chef der Agentur ist schließlich sein Trauzeuge. „In guten wie in schlechten Zeiten“ hört bereits nach dem ersten Anwehen von Schwierigkeit auf, Bürgerlichkeit gibt sich, wie bei Strindberg, als eine Groteske. Justines Welt ist eine andere.

Der zweite Teil des Filmes heißt „Claire“. Um sich von der Depression zu erholen, lebt Justine einige Tage, vom Leiden geplagt, im Anwesen ihrer Schwester (bzw. ihres Schwagers). Claire ist die Frau, welche dem Leben zugewandt ist, die ihm sich gewachsen zeigt, die ihre Schwester auf liebevolle Weise wieder aufbauen möchte. Unterschiedlicher können Schwestern nicht sein. Währenddessen werden im Schloß von Ehemann John die Vorbereitungen für die Passage des Sternes „Melancholia“ vorangetrieben, um dieses Schauspiel genau beobachten zu können. Claire ist nicht ganz wohl dabei, denn sie glaubt eher den unheilvollen Prophezeiungen. Aber John ist Wissenschaftler und mit dem untrüglichen Realitätssinn ausgestattet, daß nach den Berechnungen nichts geschehe und der Stern in einem grandiosen Schauspiel einen Vorbeiflug an der Erde liefern wird, der unvergeßlich bleibt.

Je näher der Stern der Erde kommt, desto mehr belebt sich Justine und desto hellsichtiger und auch sarkastischer fällt ihr Blick aus. Der Stern passiert die Erde, schwebt vorbei. Und als Claire sieht, daß der Stern nicht an der Erde vorbeizieht, sondern, von der Schwerkraft der Erde angezogen, wieder zurückkehrt, ist die Welt von Claire, all ihr Realitätssinn und ihre Tauglichkeit für die pragmatische Welt dahin. Ihr geschäfts- und realitätstüchtiger Mann hat sich bereits mit Tabletten aus dem Leben gebracht. Zurück bleiben Claire und der Sohn.

Claire will in das nahe Dorf fliehen und realistisch-sarkastisch entgegnet Justine darauf: „Was hat denn das Dorf damit zu tun?“ Claire will weintrinkend auf der Terrasse sitzen. Eine Scheißidee, so befindet Justine. Im Angesicht des Todes ist alles ohne Bedeutung; was es gilt, ist, um des Kindes willen, die Gelassenheit zu bewahren. Diese steigert sich bei der anfangs durch und durch depressiven Justine merklich – je mehr sich der Stern „Melancholia“ nähert. Fast genießt sie diese Nähe, das, was paasieren wird. Es versetzt sie in Erregung.

Wenige Tage vorher, als noch alles gut auszugehen scheint, obwohl Claire dem Optimismus ihres Mannes nicht traute, sonnt sich Justine nachts im fahlen grünlich-blauen Licht des Sternes nackt auf einem Felsen. Mancher wird in solchen (und in anderen Szenen) die Naziästhetik ausmachen: eine blonde Frau mit einem makellosen Körper, Wagners Musik, ästhetisierende Bilder und Blick auf die untergehende Welt. Götterdämmerung. Ja, das mag sein. Von Trier spielt damit ohne darin zu versinken, und er treibt dieses Spiel stimmig – auch über den Gebrauch der technischen Mittel: Die Kameraführung und die Lichtverhältnisse greifen Aspekt von Dogma auf: das Licht ist zu großen Teilen so, wie die Lichtverhältnisse sind, die Kamera verhält sich unruhig, und sie gerät bei bestimmten Bildern dann statisch, arbeitet fast wie ein Photoapparat. Und häufig geht die Kamera in Großaufnahme an die Protagonisten heran. Trier dringt in die Gesichter ein.

Zudem ist diese Geschichte eine ganz andere als nur ein apokalyptischer, endspielhafter und ästhetisierender Film vom Untergang, der in den schönen Bildern schwelgt. Es ist dies ein Film über zwei Schwestern. Und von einem Kind. Zudem bleibt festzuhalten: der Ästhetizismus und der Reigen schöner Bilder fallen am Ende tödlich aus: ein Schlußstrich, bereits am Anfang, den Herr Goebbels sicherlich nicht zugelassen und als (französische) Dekadenz gebrandmarkt hätte. Denn eine blonde Frau gibt sich schließlich dem Leben und nicht dem Tode hin. Und wenn schon nicht dem Leben, dann wenigstens dem Führer oder eben jenem Bock von Babelsberg.

Die Art, wie von Trier mit Bildern arbeitet und wie er Schönheit und Schrecken paart, kann kaum das Argument für die Ästhetik der Faschisten sein. Mit der Wucht und der Kraft von Bildern arbeitet von Trier zudem seit Anbeginn, schon in seinem Kinodebüt „Element of Crime“: Bilder eines Endspiels. Rotes Nachtglühen.

Klarsichtig erblüht Justine in der Katastrophe und ihre Sicht auf die Welt fällt böse aus. Diese Welt hat es nicht besser verdient, das Gute läßt sich zählen, und sie arbeitete in einer Branche, in der sie weiß, wovon sie spricht – nämlich in der Welt der Werbung. Justines Versunkenheit, sie löst sich mit der Nähe jenes Sternes. Und das Gesetz in mir: es kann Ungeheuer hervorbringen, welche die Realität darstellen. Das Innere manifestiert sich im Äußeren. Aber diese Katastrophe ist dennoch real. Es ist keine Projektion, kein Traum, wenngleich man im Sinne strukturaler Psychoanalyse und mit ein wenig Zizek im Gepäck womöglich einen Dreh in den Traum und hin zur Projektion findet.

Die blaue Stunde kurz vor dem Schluß. Im Gras und in den Sträuchern wimmeln ein letztes Mal die Insekten, dann hören sie auf, und die Pferde, welche im Film beständig wieherten, sind nun still. Keine drastischen Fernsehbilder sind bei von Trier zu sehen oder besorgte Staatschefs im Fernsehen, die irgend etwas verkünden. Denn es gibt nichts mehr zu verkünden. Was bleibt, sind drei Menschen. Zwei Frauen und ein Kind. Kein Mann. Es ist „Melanchola“ ein Science Fiction, eine jener negativen Utopien. Und er handelt zugleich von den Strömen des Bewußtseins. Diesen Film im Hinblick auf Tarkowskis „Solaris“ zu interpretieren, kann insofern ganz falsch nicht sein. Der Bezug ist über die Anspielung auf das Bild „Die Jäger im Schnee“ von Pieter Bruegel d. Ä., welches in beiden Filmen auftaucht, (und auch über jenen Fluß) gegeben. Gleich zu Anfang, nach der Eröffnungssequenz, kommt Bruegels Bild kurz in den Blick der Kamera, als Justine die Kunstbibliothek umstellt und die dort aufgeschlagenen Bücher mit abstrakten Gemälden durch solche der Flämischen und Deutschen Renaissance ersetzt. Eine flüchtige und zugleich eine der vielen schönen Szenen des Films.

Der Verweis auf Dürers „Melencolia I“ liegt ebenso nahe, wenngleich ihn von Trier nicht überstrapaziert. Es reicht der Name der Sterns vollständig aus, allenfalls in der Gartenarchitektur tauchen dezent gesetzte Steinkugeln auf, im Garten stehen, statt Zirkel, Waage oder Stundenglas optische Instrumente, sprich Teleskope.

Der Film hat von vielem etwas, dies aber in einer guten Dosierung, so daß es nicht mit dem Hammer in den Zuschauer gehauen wird. Er ist opulent, ästhetizistisch und spielt mit Bildern, aber anders als Greenaway, der mir bei diesem Film zuweilen in den Sinn kam. Es gibt Anspielungen, Zitate, Verweise – eben jene auf Tarkowski – und auch den kleinen Schuß Autoreferenzialität. Wenn Claire den Stern Melancholia googelt, so verweist dies eben auf von Triers Film, denn wenn ich in Echtzeit googele, so erscheint an oberster Stelle „Melancholia“ als Film und in Wikipedia, das Claire aufruft, gibt es lediglich Dürers und von Triers „Melancholia“. Es ist eine Schleife.

Trier schuf einen Film von apokalyptischer Wucht und von Anmut zugleich: Wenn im Tode dieser drei Menschen die letzte Würde gewahrt wird, die im Grunde schon lange aus der Welt gewichen ist. Und eben diesen Verlust registrierte Justine (als Mensch) seismographisch. Deshalb ist sie diejenige, welche am wenigsten erstaunt über diesen drohenden Tod ist, ihm gelassen-böse ins Auge blickt. Nackt auf einem Felsen liegend, sonnt sie sich im grün-blauen Glanze dieses todbringenden Sterns. Vergeblichkeit. Ein wunderbares Bild. Und sie schafft am Ende die Zauberhöhle für das Kind. Anrührender kann ein Tod nicht ausfallen. Geschichte und Leben schrumpfen auf drei Menschen und auf den Einschlag eines Sterns. Der Zusammenhang und die Immanenz verglühen. Kunst antizipiert das, was gewesen sein wird.

Lars von Trier gelang ein cineastisches Meisterwerk, und insbesondere Charlotte Gainsbourg sowie Kirsten Dunst spielen unter diesem Regisseur, wie es besser nicht geht. Der Schreiber dieser Zeilen ist noch drei Tage später von diesem Film gefangen und mag keine anderen bewegten Bilder mehr sehen.

Unpäßlichkeit – Photographien aus Stendal

Krank, leicht kränkelnd. Kann ich derart derangiert heute alkoholische Drogen zu mir nehmen? Nein. Sollte ich zur Genesung abends einen Riesling trinken? Nein. Oder einen italienischen Rotwein aus meinem Lager? Sagt man den Rotweinen doch heilsame Wirkung nach. Besser nicht. Also gibt es nichts als Tee. Sowieso ist die Konzentration den Tag über geschwächt. Insofern liefere ich den Text zur Ausstellung „Unheimlich vertraut. Bilder vom Terror“ in dem wunderbaren Ausstellungsort c/o Berlin erst am Montag. Heute zeige ich lediglich Bilder aus Stendal. Das kann frei von Anstrengungen getan werden und liegt durchaus im Rahmen des Möglichen. Stendal ist, kommt man von westwärts, der nächste Halt für ICEs auf dem Weg nach Berlin, wenn der ICE, wie gerade letzte Woche  und auch zuvor schon geschehen, wieder einmal verpaßte, in Wolfsburg zu halten. Von Stendal kann man dann nach Wolfsburg zurückfahren.

2012 muß das c/o Berlin aus diesen herrlichen Räumen des ehemaligen kaiserlichen Postfuhramts in der Oranienburger Straße ausziehen, weil ein Investor in die Räumlichkeiten ein Hotel hineinsetzen will. Berlin hat sehr wenige Hotels, da braucht es auch eines in dieser Gegend der Spandauer Vorstadt. Schade um dieses Gebäude, welches an der Kreuzung Oranienburger-/Tucholskystraße als Raum für Photos so imposant aufthronte, teils ranzig, verfallen, morbide. Ach, wie ich diese Ecken liebte. Aber es ist um Grunde egal, denn die letzten Reste von Urbanität sind aus diesem Viertel längst getilgt, es ist dies ein Zoogebiet für die Touristen geworden, ebenso wie die Oranienstraße. Hier wohnt nicht mehr der Koran und da drüben fängt schon lange nicht mehr die Mauer an.

Zumindest aber gibt es einen im ganzen doch sehr guten Platz für das c/o Berlin, nämlich das Atelierhaus im Monbijoupark, wo im Sommer die Ausstellung „Based in Berlin“ stattfand. Immerhin. Und sich in den Darkrooms des Bunkers Photos anzusehen: Na, das hat doch etwas.

Aber all das ändert nichts an meiner Übellaunigkeit, weil ich die Dinge, welche ich tun wollte, nicht recht tun kann. Hauptsache ich werde heute von allen in Ruhe gelassen. Es gleicht sich die mäßige Laune aber dadurch aus, daß ich mir am Sonntag vielleicht Lars von Triers „Melancholia“ ansehen werden. Im fiebernden Wahn schleppe ich mich ins Kino: the show must go on, denke ich. Ich denke, „Melancholia“ ist ein Film ganz nach meinem Sinne. Kalte Sterne, das Tristan und Isolde-Vorspiel. Und wie von Trier, so kürzlich im Interview, habe auch ich wohl manches mit der Protagonistin, gespielt von Kirsten Dunst, gemeinsam. Ein Szenario, das ich oft imaginierte.

Nun seien aber die Bilder aus dem mittelöden Stendal gegeben.

„Show you are not afraid. Go to restaurants. Go shopping.“
(Rudolph W. Giuliani)

Lars von Trier – der Aufstand der Schwachmaten und Zwerge

Es mischt ein begnadeter, provokanter Regisseur – endlich einmal – eine todlangweilige Pressekonferenz während der Filmfestspiele zu Cannes auf mit, nun ja, nicht so richtig witzigen Sätzen, aber immerhin: er sorgte für Stimmung im traurigen Einerlei. Allein der Blick von Kirsten Dunst, die neben ihm auf dem Podium saß, der schwankte zwischen Ungläubigkeit und Kuhblick , war diese Sätze schon wert. Man sah förmlich, daß sie nicht so recht wußte, zu welcher Richtung hin sie sich entscheiden sollte. Karriere, Karriere.

Solches Zeug haben wir schon in der Oberschule erzählt, um linksliberale Lehrer zu schockieren, und auch die fielen nicht darauf herein. Gut, wir sprachen nicht vor laufender Kamera und nicht vor der Weltpresse. Aber es sind mir diese Provokateure allemal lieber als die Leisetreter in Cannes, die sich durch nichts in der Weltgeschichte beunruhigen lassen. Für gute Worte sind sie zu haben, solange es nichts kostet, zumindest nicht das eigenen Geld.

Die Äußerungen von Triers stünden „im Widerspruch zu den Idealen der Menschlichkeit und Großzügigkeit, die dieses Festival auszeichnen.“ Wenn es derart menschelt und so unendlich generös zugeht, da gruselt es einem doch recht. Gut zeigt sich an solchen Szenen jedoch, wie eingefahren und eingeschränkt in ihrer Kunst solche Institutionen sind.

Ein wenig, zumindest in einer Analogie, mutet diese Geschichte an, wie jener zu Beginn des Jahrtausends von der rot-grünen Regierung inszenierte Aufstand der Anständigen gegen Nazis und die NPD-Verbotsfrage, um im Schatten dieses geheuchelten Antifaschismus eines der größten Umverteilungsprogramme in der BRD vorzunehmen, welches von unten nach oben gerichtet ist, welches auf den Namen Hartz hört, so Wolfgang Pohrt. (Dem Nörgler hier noch einmal großen Dank dafür, daß er den Aufsatz FAQ zur Lektüre empfahl. Er ist äußerst lesenswert. Ich denke, Pohrt wird ein Autor, von dem ich mehr rezipieren werde. Er war mir lediglich aus den 80er Jahren von „konkret“ her bekannt.)

Es will mich bedünken, daß es auf dieser Welt zahlreiche Anlässe zur Empörung gibt. In Cannes schuf man einen künstlichen. Diese Sache ist nachgerade läppisch und reicht allenfalls zu einem Aufstöhnen hin. Vielleicht sollte man einmal das Thema Mel Gibson anschneiden. Im Unterschied zu ihm hat sich von Trier nicht antisemitisch geäußert. Aber es manifestiert sich in solchen Aktionen die doppelte und dreifache Verlogenheit der Veranstalter. Es wird heute jedes Detail dramatisiert, psychologisiert, um die Nebenschauplätze zu den Hauptschauplätzen zu machen. Und es wären in diesem Zusammenhang einige Auslassungen fällig über die selektive Berichterstattung der Medien: „Weisen der Welterzeugung“. Worüber berichtet wird und worüber aus guten Gründen nicht. Die Verseuchung des Golfs von Mexiko durch den Konzern BP war vor einen Jahr in aller Munde. In Nigeria am Delta des Niger fließt beständig Öl in die Meere, in der gleichen Menge wie im Golf von Mexiko. Und und und. (Deswegen mache ich hier auch einen Blog zur Ästhetik und streife diese Dinge der Politik und des Sozialen nur am Rande, weil ich sonst in den Zorn gerate, doch leider abstandslos und nicht in dieser Art: „Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus,/Ihn, der entbrannt den Achaiern unnennbaren Jammer erregte,/Und viel tapfere Seelen der Heldensöhne zum Aïs/Sendete, aber sie selbst zum Raub darstellte den Hunden/,Und dem Gevögel umher.“

Bei unserm Hitlergerede in der Schule, bei meinen Imitationen des Führers damals wären, geschähen diese Dinge im Hier und Jetzt einer Oberschule in Berlin, wahrscheinlich eine Gruppe von Schulpsychologen und ein Experte für Amoklauf aufgekreuzt, um durch solche Maßnahmen erst die Devianz zu erzeugen, die sie zu bekämpfen vorgeben. Gräßliche Vorstellungen.

Auf SpOn schreibt Hannah Pilarczyk:

„Von Trier hat während einer Pressekonferenz von Mitgefühl für den Menschen Hitler geschwafelt und gesagt, er könne ihn sich in seinem Bunker ganz am Ende vorstellen. Bernd Eichinger und Oliver Hirschbiegel haben nicht über Hitler als Menschen geschwafelt, sondern daraus einen Film gemacht und Hitler über 150 Minuten hinweg in seinem Bunker ganz am Ende gezeigt: ‚Der Untergang‘ heißt der Film und war 2005 sogar einer Oscar-Nominierung würdig.“

Recht hat sie. Schriebe heute ein Schriftsteller „Bruder Hitler“: es fände der Aufstand der Zwerge statt, die sich an den Banalitäten kratzen, um von großen Dingen, die in die Kritik genommen werden müßten, lassen zu dürfen. Einen Gefallen hat sich die Festivalleitung nicht getan und Generosität sieht anders aus. Warten wir also auf den neuen Film, den Lars von Trier liefert. Mit Wagnermusik: „Tristian und Isolde“. Ob „Melancholia“ freilich der richtige Name für einen zerstörenden Stern sei, das bleibt dahingestellt, und diese Frage wird sich der Blogbetreiber und ausgewiesene Experte für Melancholie beim Betrachten des Films womöglich stellen.