Heiliger Abend und dritter Weihnachtsbuchtip

Während meines Studiums der Literaturwissenschaft Anfang der 1990er Jahre belegte ich einige Seminare auch zum Theater. Unter Theater, zumindest im europäischen Sinne, so dachte ich mir bis zu diesem Zeitpunkt, stellte ich mir ein Geschehen vor, wo Menschen auf einer Bühne stehen und etwas aufführten und in irgendeiner Form eine Geschichte oder Szenen darboten. In diesem Seminar nun begegnete mir eine schon etwas betagtere Studentin aus Persien. In meinen Augen eine alte Frau, vielleicht 60 Jahre, und sie erzählte uns vom Puppentheater. Ich fand das zunächst – auch im Zusammenhang der Texte von Erika Fischer-Lichte, die wir bearbeiteten –, seltsam und dachte, dies sei irgendeine spinnerte Alte, die sich auf ihre alten Tage an der Universität als Student noch einmal verwirklichen wollte. Doch wie sie von diesem persischen Puppentheater erzählte, von den Figuren, dem Spiel der Puppen, den Kostümen, der Bühne, der Inszenierung: da wurde all das plötzlich ganz lebendig und anschaulich und wo ich zunächst dachte „Was für ein Quatsch und Kinderkram!“, da bemerkte ich einen hohen Ernst und eine Schönheit der Sache und wurde neugierig – nur aus der Erzählung der Alten heraus und wie sie dieses Theater und dessen Idee schilderte. Das ist Kunst, dachte ich, und eine höhere vielleicht als all unsere selbstzufriedenen Bühnenaufführungen, wo oftmals Jungregisseure unnütz Geld verprassen und dabei doch das seit Jahren bekannte Einerlei darboten. Die 10.000ste Provokation, die lange schon nicht mehr provoziert. Oder wie es Hans Magnus Enzensberger bereits 1962 schrieb: „Eine Avantgarde, die sich staatlich fördern läßt, hat ihre Rechte verwirkt.“ Man ist angekommen, man ist arriviert. Nicht so dieses herrliche Puppentheater.

Diese Geschichte fiel mir ein, nachdem ich vor einigen Wochen Thomas Hettches Roman „Herzfaden“ gelesen hatte. Er handelt von der Geschichte der Augsburger Puppenkiste, von ihrer Gründung in den Kriegsjahren und zugleich wird aus der Gegenwart eine Geschichte parallel geführt. Wer Urmel, Lukas, Jim Knopf, Kalle Wirsch und all die anderen Puppen mag und wer überhaupt diese Augsburger Puppenkiste schätzt, wird in diesen Roman verliebt sein. Er ist stellenweise berührend schön in seiner Sprache und der Art, wie diese Geschichte erzählt wird. Hettche schafft es, eine Intensität herzustellen und wie ein guter Marionettenspieler erreicht er eben genau jenes Herz des Lesers bzw. des Zuschauers, so daß die Marionette ganz und gar lebendig erscheint. Eben jener Herzfaden, der zentral ist, weil er der Marionette Leben einhaucht. Ganz und gar große Literatur – auch deshalb weil sie nicht nur von Puppen, sondern von uns Menschen und von der Welt des Theaters handelt. Solche Poesie und Intensität paßt vorzüglich auch zum Heiligen Abend. Da wird in Augsburg Hänsel und Gretel aufgeführt, Geschichten werden für die Puppenbühne adaptiert. All das in ganz und gar finsteren Jahren: Krieg nämlich und auch die Auslöschung der Juden in Augsburg. Da ist der ehemalige Theatermann und der neue Gründer der Puppenkiste Walter Oehmichen, dem das Theaterspielen verboten ist und vor allem seine ganz und gar begeisterte, von der Idee der Puppenstube angefixte Tochter Hatü (Hannelore Oehmichen), die nicht nur die Puppen spielt, sondern sich auch zur Marionettenschnitzerin ausbilden läßt. Von klein auf an ist diese Welt der Marionetten Hatüs Welt.

Ein schöner, ein stiller und doch eindringlicher Roman. Vor allem schafft Hettche es – wie schon in „Pfaueninsel“ – eine Zeit anschaulich zu machen: hier die des Nachkriegsdeutschlands und die Zeit des deutschen Faschismus. Frei nach Faulkners berühmten Satz „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen“ ragt all das Geschehene – auch mittels unserer Fernseherinnerungen – bis in die Gegenwart und daß diese deutsche Geschichte und diese Geschichten, die zugleich unseren Vorrat an Kindheitserinnerungen ausmachen, nicht vergessen werden, dafür sorgt Hettches Puppengeschichte mit Hatü, dem Mädchen, und Hatü als alte, aber bereits tote Frau auf dem Dachboden des Puppentheaters, mit all den Marionetten, dem Hänsel und Gretel, Jim Knopf, Kalle Wirsch, Urmel, dem Storch und vor allem dem armen, traurigen und böse gewordenem Kasper. Auch die Gestaltung des Buches ist klug gemacht. Zwei Geschichten werden parallel erzählt: eine aus der Vergangenheit, die ist in blauer Schrift gedruckt, und eine aus der Gegenwart in roten Lettern. Rot steht dabei für den Vorhang des Menschentheaters; rot ist das Blut der lebensechten Schauspieler. Blau dagegen steht für die wunderbare Welt der Marionetten: der Vorhang eines Marionettentheaters darf nicht rot sein, so Hatüs Vater. Und dazu ein blauer Umschlag und darunter ein roter Leineneinband. Das tote Holz ist und soll in der Erinnerung lebendig werden.

Von solchem Theater der Puppen und ihrer Welt und ebenso von der Menschenwelt, die diesem Reiz erliegt, handelt „Herzfaden“. Es gibt Bücher über die Nazizeit, den Weltkrieg und die Nachkriegszeit, die können vielleicht erst aus gehörigem Abstand heraus geschrieben werden. Thomas Hettches Roman „Herzfaden“ ist solch ein Buch.. Assonanzen zu Kleists Schrift vom Marionettentheater und der Frage der Anmut sind dabei gewollt. Ein wunderschönes Buch, auch um sich daraus an den Weihnachtsfeiertagen vorzulesen.

Thomas Hettche, Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste, Kiepenheuer und Witsch Verlag 2020, gebunden 288 Seiten, ISBN 9783462052565, EUR 24,00 EUR

Im übrigen wünsche ich den Leserinnen und Lesern von AISTHESIS ein frohes Weihnachtsfest sowie angenehme Weihnachtsfeiertage, und zwar diesmal mit einem der schönsten und mir liebsten Advents- und Weihnachtlieder. 

Zum Weihnachtsfest und vom Bewußtsein andrer Zeit

Meinen Leserinnen und Lesern ein frohes und irgendwie besinnliches Weihnachtsfest. Und es hilft ja auch nichts: in einer Welt, die durch den Wind ist, eine Welt, die das sowieso immer schon war, ist die Kunst und sind insbesondere die Gemälde, wie unten das von Hans Baldung, zwar keine Rettung, aber Kunst zeigt uns Schönes, Erhabenes, manchmal auch Grausames und schafft uns damit ein anderes Bewußtsein, einen anderen Blick – manchmal sogar das Aussetzen der alltäglichen Zeit. Kunst als Bewußtsein von Nöten, wie es Hegel schrieb, dessen 250. Geburtstag (zusammen mit Hölderlin und Beethoven) dieser Blog nächstes Jahr ganz sicherlich begehen wird.

Verwiesen sei im Hegel-Kontext, als Parenthese und gleichsam als verspäteter Weihnachtsgeschenk-Tip, nur kurz auf die gerade im Beck Verlag erschienene Hegel-Biographie von Klaus Vieweg. Sie ist ausführlich, Vieweg ist ein ausgezeichneter Hegel-Kenner, aber darin liegt leider auch die Schwäche des Buches: stellenweise bleibt es Paraphrase und um das Paraphrasierte zu verstehen, muß man bereits Hegel gelesen haben und ihn kennen, sonst bleibt es abstrakt – und da beißt sich eine Katze am Ende immer in den Schwanz: die Skundärliteratur kann den Primärtext nicht ersetzen. Aber biographisch immerhin und auch von der Philosophie her liefert Vieweg zahlreiche Details und schöpft aus einem großen Reservoir an Wissen. Vieweg ist Hegelianer. Er ist sogar ein Hegelianer-Hegelianer. Das ist noch mehr, als es schon orthodoxe Hegelianer sind. Das kauft man mit ein, wenn man jene Hegel-Biographie liest – meines Wissens gibt es, seltsamerweise, kaum Hegel-Biographien im deutschen Sprachraum. Insofern gerät das Buch stellenweise zur Hagiographie. Vieweg steht immerhin dazu, daß für ihn Hegel der wohl größte Denker der Philosophie ist. Wer sich in Hegel und sein Leben einlesen will, ist mit der Biographie gut beraten. Wer in Hegel einsteigen will, nehme nach wie  vor die Primärtexte. (Wie der Anfang mit Hegel zu machen ist, dazu werde ich im  nächsten Jahr ein wenig schreiben.)

Kunst ist das Bewußtsein von Nöten, so Hegel also. Doppelsinnig gedacht als nötiges Bewußtsein im Medium von Anschauung und Begriff sowie als Form von Reflexivität und zugleich als Bewußtsein einer Not, einer gesellschaftlichen oder auch subjektiven Not. Das, was bei Adorno angesichts einer beschädigten Gesellschaft das Leid-Motiv sich nennt und weshalb Kunst – auch – von der Grundfarbe schwarz zu sein hat. (Aus jener Epoche, von der her Adorno schrieb, Shoah und Zweiter Weltkrieg, samt zweier brutaler Diktaturen, mehr als verständlich gedacht.)

Kunst kann darstellen, wie es ist, wie es sein könnte und sein sollte, wie es  nicht sein sollte oder sie kann zu all dem schweigen, ohne doch schweigen zu können, implizit spricht die Kunst immer, in hartem Realismus, in Schwarz, in Abstraktion oder in Subjektivierung, oder sie kann verklären und eine Szenerie überhöhen.

Sehr viel dramatisierender oder genauer gesagt bildlich übersteigerter als Hans Baldungs eher nüchterne und schlichte Darstellung dieser Geburt ist Matthias Grünewalds Bild zu Christi Geburt am Isenheimer Altar. Wer je ins Elsaß reist, sollte nach Colmar und dort im Museum Unterlinden dieses Wunderwerk betrachten. Besonders die mit der Geburt korrespondiere Kreuzesszene des altars. Auch hier findet sich jenes Bewußtsein von Nöten. Einer höchsten Not: das geschundene Fleisch.

Heute aber ist der Christus geboren. Man mag das alles als leeren Brauch oder als Ritual sehen und bekritteln. Aber Bräuche leben eben nur soviel, wie wir es vermögen, ihnen Leben zu geben und sie zu füllen. Laßt die Weihnachtsjammerer jammern und in ihrer Trostlosigkeit harren, und wer beim Fest mit dem Bleistift beim veganen Essen seine Klimabilanz ausrechnet, soll das in gutneucalvinistischer Büßermanier tun, wenn Verzicht Freunde macht. Jeder nach seiner Façon. Man muß es nicht mitmachen. Der eine büßt, der andere schwelgt, schenkt oder spaziert. In Günter de Bruyns Roman „Der neunzigste Geburtstag. Ein ländliches Idyll“ heißt es:

„Leo dagegen setzte die alten Bräuche fort. In seinen Berliner Jahren war der Spaziergänger von der Oranienburger Straße zur Sophienkirche für ihn, Maria und die Kinder immer Teil der Festtagsfreuden gewesen, und seit seiner Rückkehr nach Wittenhagen hatte er sich den Besuch der weihnachtlich geschmückten Dorfkirche angewöhnt. Das christliche Fest, so hatte er den Kindern früher zu verstehen gegeben, müsse als solches auch begangen werden, sonst sei die Bescherung unterm Weihnachtsbaum doch ganz sinnentleert.“
Herrlicher Weihnachtsschuck und feines Ritual. Doch geht es zum Heiligen Abend oder eben zur Weihnachtszeit samt den darin webenden Rauhnächten nicht bloß um diese Geschenke und ums bloße Ritual (auch, aber nicht nur und Rituale sind zudem lebenswichtig und strukturieren ein Leben: sie machen das Fest erst zum Fest), sondern ebenso um das, was wir die erfüllte Zeit nennen können. Karl Heinz Bohrer schreibt in seiner (unbedingt lesenswerten) autobiographischen Kindheits- und Jugenderinnerung „Granatsplitter“:
„Der Refrain ‚Heissa! Heut ist Weihnachtstag!‘ entzündete einen dramatischen Impuls, der auf etwas gewartet hatte. Das schöne, altmodisch klingende Wort ‚Heissa‘ war ihm das Ereignis, das nun gekommen war, ein leuchtendes Zeichen. nicht das Fröhliche daran, sondern das Heftige zog ihn an.
Das Allerwichtigste am Heiligen Abend und der Zeit davor aber war, dass die normale Zeit eine nichtnormale Zeit, in eine andere Zeit versetzt wurde. Er wusste, dass es eine andere Zeit war.“

Dieses Andere einer Zeit, eine Form von Zeitenwende, die diese Geburt anzeigt, auch eschatologisch und als Verheißung, ist in jenen Weihnachtstagen mitzudenken und nicht bloß zum Bewußtsein zu bringen, sondern als Praktik auch zu leben. In diesem Sinne Euch oder Ihnen allen ein paar frohe und besinnliche Weihnachtstage – und vergessen Sie auch die Wilde Jagd der Rauhnächte nicht! Jene magischen Tage, da das Wünschen noch geholfen hat und die  kalten Winde über unsere Wälder wehen. In Bozen, ab von der Stadt in den Höhen von Südtirol geschieht’s noch. Und auf den Kuppen des Thüringer Waldes, in den dunklen Jean-Paulschen Oberfränkischen Wäldern und im Erzgebirge. Hamburg und Berlin: eher Regen und Nordseewind an der Küste. Zwischen den Jahren eben. Heute aber ist der Heilige Abend und dazu gibt es von Joseph von Eichendorff eines der schönsten deutschen Weihnachtsgedichte:

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh’ ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus in’s freie Feld,
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schneees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen –
O du gnadenreiche Zeit!

Hans Baldung: Geburt Christi

Ein frohes Weihnachtsfest

wünscht AISTHESIS allen gewogenen und geneigten Lerinnen und Lesern dieses Blogs. Besinnliche, friedliche und frohe Weihnachtstage und dazu eines der schönsten deutschen Weihnachtsgedicht, einmal wieder:

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh’ ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus in’s freie Feld,
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schneees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen –
O du gnadenreiche Zeit!

(Joseph von Eichendorff)

Rudolph, das rotznasige Rentier

kann leider beim Austragen der Weihnachtsgeschenke nicht weiter mithelfen und entfällt im Rahmen des Geschenkezirkulationssystems, denn es wurde in den USA von einer Polizeikontrolle erschossen. Die Polizisten haben bedauerlicherweise schwarz gesehen.

Auch geht bald das Jahr zu Ende – es stand astrologisch im Zeichen des Saturn, was für uns Melancholiker und Dürer-Kupferstichbetrachter ganz und gar ausgezeichnet ist. Wir lesen die Zeichen – als Zeichengeister –, betrachten den Vogelflug und die Innereien. Auguren und Wächter der Texte. Wir fordern Zugangsbeschränkungen. („Sagt es niemand, nur den Weisen …“) Hermes in Wonderland, die Gottheit mit dem Ibiskopf – Toth. Die immer wieder nachwachsende Leber, Prometheus – gefesselt an den Stein. Griechisch verdreht, griechisch verweht. Orpheus und Eurydike. Wir lesen den Schriftzug auch im Sinne Klaus Theweleits. Das „Und“ ist durchgestrichen, denn es handelt sich um einen Raubzug. Aneignungsprozesse männlicher Schrift. Die Expropriation. Immerzu.

Ich wünsche den Leserinnen und Lesern dieses Blogs besinnliche oder auch feuchtfröhliche oder einfach nur ruhige Festtage.  In rund einer Woche lesen wir uns wieder und weiter, weiter, immerzu. (Garantiert rilkeengelfrei.) Text ist Triebkraft. Allerdings: das Leben ist um einige Grade wichtiger. A text is just a text …, sang schon Sam.  Aber ein Kuß: A kiss is just a kiss. Schöner geht nicht.
 
 
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Hinweis in eigener Sache

Ich wünsche meinen Leserinnen und Lesern eine schöne sowie besinnliche Weihnachtszeit, sofern Sie diese überhaupt begehen. Lassen Sie sich beschenken und schenken Sie zurück. Essen Sie gut, trinken Sie auf gepflegte Weise Kaltgetränke – den Rotwein nehmen Sie natürlich nicht zu kalt.

Allen Leserinnen und Leser wünsche ich zudem ein gutes Hineinkommen ins Neue Jahr. Wer dem Alkohol zuspricht, der möge an den nächsten Tag denken. Wer Wein trinkt: nur gute Tropfen vom Winzer ihres Vertrauens auswählen, dann schafft man, im Rahmen eines ausgiebigen Essens, sogar drei Flaschen ohne Probleme. Ansonsten beim Bier bleiben. Und immer viel Wasser dazu trinken sowie Salzhaltiges wegen der Elektrolyte wie Herr Lehmann formulierte.

Ich verabschiede mich an dieser Stelle bis zum 4. Januar 2011, auch mit einigen Photographien. Bleiben Sie ansonsten diesem Blog gewogen. Im nächsten Jahr geht es mit vielen vorgenommenen und dann doch nur halb durchgeführten Projekten weiter; also im Grunde so, wie es immer im gepflegten Ton des „Grandhotel Abgrund“ zugeht. Es folgt ein dritter Teil zu Godard, eine Lektüre von Adornos Aufsatz „Der Essay als Form“, die Reihe „Philosophie und Literatur“ setzt sich fort, denn es besteht, wie ich so sehe, gerade hinsichtlich der Dekonstruktion und der Philosophie Derridas einiges an Bedarf, und natürlich geht es auch mit Benjamin und Nietzsche weiter.

Und zum bedeutendsten Romancier des 19. Jahrhunderts gibt es womöglich auch einen Text: nämlich zu Gustav Flaubert.

Mein großes Bemühen jedoch gilt einer Theorie des dialektischen Bildes. Ich hoffe, daß dazu ein Essay kommt. Was ich in der Rückschau bereue: nicht eine Zeile zum 100. Geburtstag von Jean Genet geschrieben zu haben. Aber ich vermag nicht alles zu leisten.

Die Kommentarfunktion schalte ich ab dem 22.12. aus. Es kann jedoch gepostet werden, ich gebe die Kommentare dann ab dem 4. Januar frei.

Und wo geht es hin über die Tage?

Dahin, sozusagen schwer metaphorisch:

(Nein: keine Angst: Bewohner des Grandhotel Abgrund begehen keine Dummheiten.)

Ach ja, und dies hier gebe ich auch noch, weil ich zu Weihnachten einmal ein Xylophon geschenkt bekam.

Die schöne Version, wo Blixa und Nick rudern, gibt es für die BRD auf YouTube leider nicht zu sehen.

Ein frohes Fest.

We Whish You a Merry Christmas

Ein paar treffende Worte, nicht nur zur Weihnachtszeit aus der Sphäre des schönen Konsums, der bröselnden spätbürgerlichen Gesellschaft und der Zirkulation der Waren, stammen von Boris Groys aus der Zeit Nr. 52:

 „In früheren Zeiten bediente die Wirtschaft in erster Linie die vermögenden Klassen. Wer kein Geld hatte, konsumierte kaum, sondern produzierte nur. Kaufleute wurden reich, wenn sie an Reiche verkauften. Wer an Arme verkaufte, blieb bescheiden. In unserer Zeit sind aber nur diejenigen wirklich erfolgreich, die möglichst billig und an möglichst viele verkaufen. So entsteht eine Konkurrenz nach unten, welche die ganze heutige Weltwirtschaft beherrscht. Das gilt nicht nur für McDonald’s oder neue chinesische Produkte für den billigen Massenkonsum. Die globale Kulturindustrie setzt in erster Linie auf möglichst billige Unterhaltung, auf Erfolg bei den, sagen wir ruhig, untersten Einkommensschichten. Auf diese Weise kann man Millionen und sogar Milliarden verdienen – durch Fußball, Popmusik, populäre TV-Shows, Unterhaltungsfilme et cetera. Und das bedeutet: Zwischen den heutigen globalen Geldeliten und den heutigen globalisierten Massen gibt es zwar eine finanzielle, aber keine kulturelle Distanz. Wenn ein globaler Popstar in die Menschenmenge ruft: I love you, dann ist er völlig aufrichtig. Er liebt diese Massen, weil er sie melkt, und diese Massen lieben ihn, weil sie es offensichtlich genießen, gemolken zu werden. Ein Klassenkampf von oben ist daher aus simplen ökonomischen und kulturellen Gründen völlig ausgeschlossen. Die heutigen Geldeliten leben in einem symbiotischen Verhältnis mit dem Sozialstaat, sie teilen seine Kultur und sind mit ihm in gegenseitiger Liebe verbunden.“

Diesen Sätzen stimmen wir, in weihnachtliche Harmonie getaucht, vollkommen zu. An diesem Punkt hat Groys recht. Es ist genau diese Symbiose, es ist die Produktionssphäre, und es ist diese Welt des schönen und häufig auch unschönen Scheins, der allseitigen Verbundenheit von Pop, Konsum und der Zirkulation des Geldes, des „annihilierendsten Signifikanten“ (Lacan), die die Maschinerie am Laufen halten. Die „Goldenen Zitronen“ und „Silbermond“ unterscheiden sich nur graduell; der aufgesetzte Protest als Pop-Pose hat in der Sphäre des Gefühls-Konsums und des Handels mit Gefühlen dem Schmusesong nichts voraus. Es ist jeder Ausweg verbaut. Allenfalls verhält es sich so, wie in Kafkas Parabel von der Katze und der Maus, der die Welt immer enger wurde: Du mußt nur die Laufrichtung ändern. Insofern sollten wir es uns in der Immanenz ruhig bequem machen – zumindest solange noch Geld da ist. Ich konsumiere, also bin ich: dies sei die Weihnachtsbotschaft.

Die Thesen allerdings, die Groys über den Mittelstand aufstellt, sind fragwürdig. Denn durchaus ist der Mittelstand (immer noch) Profiteur der Sozialsysteme, zudem trägt er wesentlich zum Kreislauf des Konsums bei, gerade im Mittelpreissegment. Und auch Aldi ist lange kein Ort mehr, wo sich Neukölln trifft, sondern Lokus der nivellierten Mittelstandsgesellschaft. Daß vom Mittelstand in irgend einer Form ein Aufstand ausgehen könnte, weil er das Einverständnis auflöste, ist kaum anzunehmen. Warum auch sollte er es, bei allem Unbehagen, kündigen, wenn die Dinge grosso mode gar nicht einmal so schlecht laufen? Ein Aufstand wird nicht stattfinden, weder aus der Mitte heraus und schon gar nicht von unten her: dort geschieht er allenfalls über die Fernbedienung vorm Fernseher, wenn „Wetten daß ….?“ einmal nicht gefällt, fortgezappt und gemosert wird.

Und deshalb bleibt es dabei: die Welt ist einzig als ästhetisches Phänomen, im schönen Schein der Waren gerechtfertigt. Uns so wünscht dieser Blog seinen Lesern ein gesegnetes, besinnliches und frohes Weihnachtsfest. Stärken Sie die Wirtschaft mit Ihrer Kaufkraft. Ich habe es auch getan, und eine Nikon D 3s samt Nikkor 17-35, 1/2,8 harrt meiner. Der Standortvorteil des Kapitalismus für den Photographen: Kapitalismus produziert – im höherpreisigen Segment – anständige Kameras, die bei jeder Wetterlage perfekt funktionieren und geeignet sind ein gutes Abbild seiner Emanationen zu liefern. Zumindest in potentia. Denn das Wesen muß zur Erscheinung kommen, und genau von einer solchen Erscheinung soll auch unser kleiner Weihnachtsfilm handeln, eine geradezu doppelgängerische Erscheinung. Nichts als umgehende Gespenster sozusagen:

In diesem oder anderem Sinne den Leserinnen und Lesern ein frohes Fest sowie einen guten und bekömmlichen Übergang ins nächste Jahr. (Kommentare werden zwischen dem 23. und dem 28.12 nicht freigeschaltet. Danach geht‘s dann weiter.)