Ein frohes Weihnachtsfest

wünscht AISTHESIS allen gewogenen und geneigten Lerinnen und Lesern dieses Blogs. Besinnliche, friedliche und frohe Weihnachtstage und dazu eines der schönsten deutschen Weihnachtsgedicht, einmal wieder:

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh’ ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus in’s freie Feld,
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schneees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen –
O du gnadenreiche Zeit!

(Joseph von Eichendorff)

Rudolph, das rotznasige Rentier

kann leider beim Austragen der Weihnachtsgeschenke nicht weiter mithelfen und entfällt im Rahmen des Geschenkezirkulationssystems, denn es wurde in den USA von einer Polizeikontrolle erschossen. Die Polizisten haben bedauerlicherweise schwarz gesehen.

Auch geht bald das Jahr zu Ende – es stand astrologisch im Zeichen des Saturn, was für uns Melancholiker und Dürer-Kupferstichbetrachter ganz und gar ausgezeichnet ist. Wir lesen die Zeichen – als Zeichengeister –, betrachten den Vogelflug und die Innereien. Auguren und Wächter der Texte. Wir fordern Zugangsbeschränkungen. („Sagt es niemand, nur den Weisen …“) Hermes in Wonderland, die Gottheit mit dem Ibiskopf – Toth. Die immer wieder nachwachsende Leber, Prometheus – gefesselt an den Stein. Griechisch verdreht, griechisch verweht. Orpheus und Eurydike. Wir lesen den Schriftzug auch im Sinne Klaus Theweleits. Das „Und“ ist durchgestrichen, denn es handelt sich um einen Raubzug. Aneignungsprozesse männlicher Schrift. Die Expropriation. Immerzu.

Ich wünsche den Leserinnen und Lesern dieses Blogs besinnliche oder auch feuchtfröhliche oder einfach nur ruhige Festtage.  In rund einer Woche lesen wir uns wieder und weiter, weiter, immerzu. (Garantiert rilkeengelfrei.) Text ist Triebkraft. Allerdings: das Leben ist um einige Grade wichtiger. A text is just a text …, sang schon Sam.  Aber ein Kuß: A kiss is just a kiss. Schöner geht nicht.
 
 
14_12_21_LX_7_18654
 
14_12_21_LX_7_18656
 
14_12_21_LX_7_18659
 

Hinweis in eigener Sache

Ich wünsche meinen Leserinnen und Lesern eine schöne sowie besinnliche Weihnachtszeit, sofern Sie diese überhaupt begehen. Lassen Sie sich beschenken und schenken Sie zurück. Essen Sie gut, trinken Sie auf gepflegte Weise Kaltgetränke – den Rotwein nehmen Sie natürlich nicht zu kalt.

Allen Leserinnen und Leser wünsche ich zudem ein gutes Hineinkommen ins Neue Jahr. Wer dem Alkohol zuspricht, der möge an den nächsten Tag denken. Wer Wein trinkt: nur gute Tropfen vom Winzer ihres Vertrauens auswählen, dann schafft man, im Rahmen eines ausgiebigen Essens, sogar drei Flaschen ohne Probleme. Ansonsten beim Bier bleiben. Und immer viel Wasser dazu trinken sowie Salzhaltiges wegen der Elektrolyte wie Herr Lehmann formulierte.

Ich verabschiede mich an dieser Stelle bis zum 4. Januar 2011, auch mit einigen Photographien. Bleiben Sie ansonsten diesem Blog gewogen. Im nächsten Jahr geht es mit vielen vorgenommenen und dann doch nur halb durchgeführten Projekten weiter; also im Grunde so, wie es immer im gepflegten Ton des „Grandhotel Abgrund“ zugeht. Es folgt ein dritter Teil zu Godard, eine Lektüre von Adornos Aufsatz „Der Essay als Form“, die Reihe „Philosophie und Literatur“ setzt sich fort, denn es besteht, wie ich so sehe, gerade hinsichtlich der Dekonstruktion und der Philosophie Derridas einiges an Bedarf, und natürlich geht es auch mit Benjamin und Nietzsche weiter.

Und zum bedeutendsten Romancier des 19. Jahrhunderts gibt es womöglich auch einen Text: nämlich zu Gustav Flaubert.

Mein großes Bemühen jedoch gilt einer Theorie des dialektischen Bildes. Ich hoffe, daß dazu ein Essay kommt. Was ich in der Rückschau bereue: nicht eine Zeile zum 100. Geburtstag von Jean Genet geschrieben zu haben. Aber ich vermag nicht alles zu leisten.

Die Kommentarfunktion schalte ich ab dem 22.12. aus. Es kann jedoch gepostet werden, ich gebe die Kommentare dann ab dem 4. Januar frei.

Und wo geht es hin über die Tage?

Dahin, sozusagen schwer metaphorisch:

(Nein: keine Angst: Bewohner des Grandhotel Abgrund begehen keine Dummheiten.)

Ach ja, und dies hier gebe ich auch noch, weil ich zu Weihnachten einmal ein Xylophon geschenkt bekam.

Die schöne Version, wo Blixa und Nick rudern, gibt es für die BRD auf YouTube leider nicht zu sehen.

Ein frohes Fest.

We Whish You a Merry Christmas

Ein paar treffende Worte, nicht nur zur Weihnachtszeit aus der Sphäre des schönen Konsums, der bröselnden spätbürgerlichen Gesellschaft und der Zirkulation der Waren, stammen von Boris Groys aus der Zeit Nr. 52:

 „In früheren Zeiten bediente die Wirtschaft in erster Linie die vermögenden Klassen. Wer kein Geld hatte, konsumierte kaum, sondern produzierte nur. Kaufleute wurden reich, wenn sie an Reiche verkauften. Wer an Arme verkaufte, blieb bescheiden. In unserer Zeit sind aber nur diejenigen wirklich erfolgreich, die möglichst billig und an möglichst viele verkaufen. So entsteht eine Konkurrenz nach unten, welche die ganze heutige Weltwirtschaft beherrscht. Das gilt nicht nur für McDonald’s oder neue chinesische Produkte für den billigen Massenkonsum. Die globale Kulturindustrie setzt in erster Linie auf möglichst billige Unterhaltung, auf Erfolg bei den, sagen wir ruhig, untersten Einkommensschichten. Auf diese Weise kann man Millionen und sogar Milliarden verdienen – durch Fußball, Popmusik, populäre TV-Shows, Unterhaltungsfilme et cetera. Und das bedeutet: Zwischen den heutigen globalen Geldeliten und den heutigen globalisierten Massen gibt es zwar eine finanzielle, aber keine kulturelle Distanz. Wenn ein globaler Popstar in die Menschenmenge ruft: I love you, dann ist er völlig aufrichtig. Er liebt diese Massen, weil er sie melkt, und diese Massen lieben ihn, weil sie es offensichtlich genießen, gemolken zu werden. Ein Klassenkampf von oben ist daher aus simplen ökonomischen und kulturellen Gründen völlig ausgeschlossen. Die heutigen Geldeliten leben in einem symbiotischen Verhältnis mit dem Sozialstaat, sie teilen seine Kultur und sind mit ihm in gegenseitiger Liebe verbunden.“

Diesen Sätzen stimmen wir, in weihnachtliche Harmonie getaucht, vollkommen zu. An diesem Punkt hat Groys recht. Es ist genau diese Symbiose, es ist die Produktionssphäre, und es ist diese Welt des schönen und häufig auch unschönen Scheins, der allseitigen Verbundenheit von Pop, Konsum und der Zirkulation des Geldes, des „annihilierendsten Signifikanten“ (Lacan), die die Maschinerie am Laufen halten. Die „Goldenen Zitronen“ und „Silbermond“ unterscheiden sich nur graduell; der aufgesetzte Protest als Pop-Pose hat in der Sphäre des Gefühls-Konsums und des Handels mit Gefühlen dem Schmusesong nichts voraus. Es ist jeder Ausweg verbaut. Allenfalls verhält es sich so, wie in Kafkas Parabel von der Katze und der Maus, der die Welt immer enger wurde: Du mußt nur die Laufrichtung ändern. Insofern sollten wir es uns in der Immanenz ruhig bequem machen – zumindest solange noch Geld da ist. Ich konsumiere, also bin ich: dies sei die Weihnachtsbotschaft.

Die Thesen allerdings, die Groys über den Mittelstand aufstellt, sind fragwürdig. Denn durchaus ist der Mittelstand (immer noch) Profiteur der Sozialsysteme, zudem trägt er wesentlich zum Kreislauf des Konsums bei, gerade im Mittelpreissegment. Und auch Aldi ist lange kein Ort mehr, wo sich Neukölln trifft, sondern Lokus der nivellierten Mittelstandsgesellschaft. Daß vom Mittelstand in irgend einer Form ein Aufstand ausgehen könnte, weil er das Einverständnis auflöste, ist kaum anzunehmen. Warum auch sollte er es, bei allem Unbehagen, kündigen, wenn die Dinge grosso mode gar nicht einmal so schlecht laufen? Ein Aufstand wird nicht stattfinden, weder aus der Mitte heraus und schon gar nicht von unten her: dort geschieht er allenfalls über die Fernbedienung vorm Fernseher, wenn „Wetten daß ….?“ einmal nicht gefällt, fortgezappt und gemosert wird.

Und deshalb bleibt es dabei: die Welt ist einzig als ästhetisches Phänomen, im schönen Schein der Waren gerechtfertigt. Uns so wünscht dieser Blog seinen Lesern ein gesegnetes, besinnliches und frohes Weihnachtsfest. Stärken Sie die Wirtschaft mit Ihrer Kaufkraft. Ich habe es auch getan, und eine Nikon D 3s samt Nikkor 17-35, 1/2,8 harrt meiner. Der Standortvorteil des Kapitalismus für den Photographen: Kapitalismus produziert – im höherpreisigen Segment – anständige Kameras, die bei jeder Wetterlage perfekt funktionieren und geeignet sind ein gutes Abbild seiner Emanationen zu liefern. Zumindest in potentia. Denn das Wesen muß zur Erscheinung kommen, und genau von einer solchen Erscheinung soll auch unser kleiner Weihnachtsfilm handeln, eine geradezu doppelgängerische Erscheinung. Nichts als umgehende Gespenster sozusagen:

In diesem oder anderem Sinne den Leserinnen und Lesern ein frohes Fest sowie einen guten und bekömmlichen Übergang ins nächste Jahr. (Kommentare werden zwischen dem 23. und dem 28.12 nicht freigeschaltet. Danach geht‘s dann weiter.)