Für eine Philosophie des (gelingenden) Scheiterns

„Solange die Philosophie jedoch sich nur damit beschäftigt, ständig die Möglichkeit zu verbauen, sich erst auf die Sache des Denkens, nämlich die Wahrheit des Seins, einzulassen, steht sie gesichert außerhalb der Gefahr, jemals an der Härte ihrer Sache zu zerbrechen. Darum ist das ‚Philosophieren‘ über das Scheitern durch eine Kluft getrennt von einem scheiternden Denken. Wenn dieses einem Menschen glücken dürfte, geschähe kein Unglück. Ihm würde das einzige Geschenk, das dem Denken aus dem Sein zukommen könnte.“ (Martin Heidegger, Brief über den Humanismus)

heideggerIn manchen Aspekten scheint die Philosophie Heidegger der Adornos recht nahe, denn auch nach Adorno setzt sich geglückte Philosophie dem Scheitern aus. Doch sollte eine gewisse strukturelle Analogie zwischen einigen Motiven nicht die Differenzen verdecken, die beide unüberbrückbar voneinander trennt. Wenn Adorno von der Solidarität mit der Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes spricht und darin zugleich für eine andere Form der Philosophie votiert, so mag man zunächst, was die Figur des Sturzes und des Scheiterns betrifft, eine gewisse Nähe zu Heidegger konstatieren. Doch ist gerade dieser Schluß der Negativen Dialektik explizit gegen Heideggers Destruktion der Metaphysik gerichtet.

Ähnlich allenfalls die Figur des Stürzens und jenes Motiv, daß Denken sich preisgeben muß. Auf die Gefahr des Scheiterns hin. Indem nämlich Philosophie versteht (oder begreift), daß sie ihren Gegenstand niemals vollständig in sich auflösen und festsetzen kann, sondern die Freiheit zum Objekt und ein Nichtgelingen sind geradezu konstitutiv und geben Bedingungen wahrhafter Philosophie ab, die aufs Ganze geht. In seinem Aufsatz „Der Essay als Form“ umkreist Adorno diese Annäherung an eine Sache, und fragt danach, in welcher Weise die Philosophie eine Sache in Sprache sagt. Der Philosophie ist ihre Darstellung nicht äußerlich – ähnlich wie beim Kunstwerk. Weshalb bei Adorno Philosophie und Kunst zwar in einem engen Verhältnis zueinander stehen, aber nicht ineinander aufgehen oder Philosophie ästhetisch würde. Vor solchen Gelüsten postmodernen Verschmelzens warnte Adorno schon 1932 zu Beginn seines Kierkegaard-Buches. Die Metapher des Scheiterns jedoch, eines solchen, das nicht pejorativ gemeint ist, kommt auch bei Adorno zum Tragen. Doch vom Inhalt her anders als bei Heidegger.

 

adorno

Eine Formulierung „Härte der Sache“, die wie Kruppstahl martialisch aus dem Text sticht, käme Adorno nie über die Lippen, weil sich bereits an solchen Begriffen die Ideologie des Denkens niederschlägt. Ein Falsches, das sich in der Wahl der Worte verrät. Zudem steht, indem Heidegger die Härte bereits vorab konstatiert, die Bestimmung der Sache, die eigentlich doch im Offenen liegen sollte, bereits fest. Gleiches gilt von der „Wahrheit des Seins“, die Heidegger präponiert. Was solche Metaphern vom Harten betrifft, beklagte sich Adorno in diesem Sinne bereits über Hegel, als dieser in der „Wissenschaft der Logik“ sich übe die gewöhnliche Zärtlichkeit für die Dinge mokierte.

Auch Philosophen wie Marcus Steinweg greifen dieses Motiv des Scheiterns auf, wenn sie – an Nietzsche angelehnt – von einem überstürzten Denken bzw. von einer „Philosophie der Überstürzung“ sprechen. (An der Berliner Volksbühne gab es dazu eine anregende Vortragsreihe.) Bei Steinweg ist dieses Philosophieren jedoch um einen akzeleratorischen Aspekt erweitert. In der Bewegung erst geschieht unser Denken, was einerseits, wenn wir etwas überstürzen, Schnelligkeit und auch Voreiligkeit bedeutet, zugleich aber steckt in dem Begriff genauso der Sturz, der große oder der kleine Fall. Von Nietzsche kennen wir aus dem „Zarathustra“ jenen Satz, daß man alles, was fällt, stoßen solle. In diesem Sinne wird die Kluft nicht mehr überwunden, sondern es erfolgt der Sturz in den Abgrund. Auch dies ist eine Form des Scheiterns. In der Einleitung heißt es, in den Worten des Zarathustra:

„Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch – ein Seil über einem Abgrunde.

Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben.

Was groß ist am Menschen, das ist, daß er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, daß er ein Übergang und ein Untergang ist.

Ich liebe die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn als Untergehende, denn es sind die Hinübergehenden.“

Doch nichts bleibt, wie es ist, gerade in dieser Rasanzzeit des Fin de Siècle. 1917, drei Jahrzehnte später schrieb Franz Kafka eine kleine Erzählung, darin der Mensch selbst zur Brücke wird. Ganz und gar unmetaphorisch. Was bei Nietzsche noch als eine Art rhetorische Strategie sich gibt – der Postromantiker Nietzsche erzeugt immer noch jene romantischen Bilderfunken, darin ganz Kind seiner Metaphysik der Zeit –, gerät bei Kafka zur beklemmenden und doch auch wieder komischen Tragödie.

„Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke, über einem Abgrund lag ich. Diesseits waren die Fußspitzen, jenseits die Hände eingebohrt, in bröckelndem Lehm habe ich mich festgebissen. Die Schöße meines Rockes wehten zu meinen Seiten. In der Tiefe lärmte der eisige Forellenbach. Kein Tourist verirrte sich zu dieser unwegsamen Höhe, die Brücke war in den Karten noch nicht eingezeichnet. – So lag ich und wartete; ich musste warten. Ohne einzustürzen kann keine einmal errichtete Brücke aufhören, Brücke zu sein.

Einmal gegen Abend war es – war es der erste, war es der tausendste, ich weiß nicht, – meine Gedanken gingen immer in einem Wirrwarr und immer in der Runde. Gegen Abend im Sommer, dunkler rauschte der Bach, da hörte ich einen Mannesschritt! Zu mir, zu mir. – Strecke dich, Brücke, setze dich in Stand, geländerloser Balken, halte den dir Anvertrauten. Die Unsicherheit seines Schrittes gleiche unmerklich aus, schwankt er aber, dann gib dich zu erkennen und wie ein Berggott schleudere ihn ans Land.

Er kam, mit der Eisenspitze seines Stockes beklopfte er mich, dann hob er mit ihr meine Rockschöße und ordnete sie auf mir. In mein buschiges Haar fuhr er mit der Spitze und ließ sie, wahrscheinlich wild umherblickend, lange drin liegen. Dann aber – gerade träumte ich ihm nach über Berg und Tal – sprang er mit beiden Füßen mir mitten auf den Leib. Ich erschauerte in wildem Schmerz, gänzlich unwissend. Wer war es? Ein Kind? Ein Traum? Ein Wegelagerer? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter? Und ich drehte mich um, ihn zu sehen. – Brücke dreht sich um! Ich war noch nicht umgedreht, da stürzte ich schon, ich stürzte, und schon war ich zerrissen und aufgespießt von den zugespitzten Kieseln, die mich immer so friedlich aus dem rasenden Wasser angestarrt hatten.“

Solche Wendungen bezeichnet man im Griechischen etymologisch mit dem Begriff Katastrophe. Ein Subjekt, das den Augenblick seines eigenen Sturzes aufzuzeichnen vermag und noch den des eigenen Todes seismographisch registriert und sich im Sterben überlebt. Proust wünschte sich dies sehnlichst. Noch auf seinem eigenen Sterbebett ließ er sich Schreibzeug kommen, um den Tod Bergottes genauer und exakter formulieren zu können. Wir müssen uns das moderne Subjekt als einen Jäger Gracchus vorstellen. (Möglich aber ist dies alles nur in der Literatur, in den Fiktionen, in jenen wunderbaren oder dramatischen Welten, die wir im Kopf uns und für andere erzeugen. Auch darin immer nahe am Scheitern gebaut: Denn Bleiben ist nirgends dichtete Rilke in seinen Duineser Elegien.)

Lüneburg I – Sargnagel, Scheerbart und die Welt zu verdinglichen

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWie soll man das Sujet und diese Art zu photographieren nennen? Einen metaphysischen Realismus? Eine ungeschminkte Welt? Das Photo als hard boiled story? – hinter jeder Ecke kann eine Grausamkeit lauern. Eine Welt, von Menschen befreit. Eigene Photographien zu kommentieren oder sich an ihnen in irgendeiner Form schreibend entlangzuhangeln, ist die meine Sache nicht. In Korrespondenz mit den Bildern eine Geschichte zu erzählen. Nein, es funktioniert das nicht. Mir fallen keine Geschichten ein, die sich mit den Bildern verbinden.

Ich könnte irgendwelchen surrealen Scheiß dazuerfinden, der betont antigravitätisch wirkt, frech auftritt, unkonventionell schmiert und in Wahrheit doch nur bemüht klingt. Auftrumpfend, übertreibend, wortdrehend, drechselnd. In der Hand die Schußwaffe oder das Maschinengewehr, das R.D. Brinkmann gerne bei einer Lesung in die Menge abgefeuert hätte, eine Sekretärin auf dem Schoß, den Colt in der Hand. Aber all diese Dinge als aufgesteigerter Effekt und getriggerter Affekt in einem berühren mich lange nicht mehr. Ich habe zu viel Alfred Jarry, Boris Vian und Raymond Queneau gelesen. Ich bin mit den Jean Paul- und Laurence Sterne-Wassern gewaschen, badete in Swift.

Ich brauche insofern keine Stefanie Sargnagel mehr. Ich kann über diese Späße nicht mehr lachen. Ich hätte Sargnagel in jungen Jahren witzig gefunden, weil sie den Leuten ins Gesicht rotzt. Heute ist all dies marktgerechte Attitüde, auch wenn es die Sargnagel so nicht meint und möchte. Widerstand ist zwecklos. Es ist alles einkalkuliert. Auch der Protest. Anders als beim Fußball existiert in diesem medialen Spielchen kein Abseits. Immerhin: sie kommt von unten, das mag ich, keine geförderte Fickgesicht-Göre oder eine von Springers WELT-Lolitas, denen man Pferdchen, Klavier, Cello und die Violine bereits ins Mädchensein implantierte. (Nein, ich schreibe nicht von Lektorinnen in Kinderbuchverlagen.) Sargnagel produziert keine bedeutungsübersteuerten hysterischen Texte, die am Ende nichts weiter als Wortgefrickel aneinanderreihen. Wer nicht dichten kann, soll es lassen, Hybris kommt nicht gut. Aber ok – ist ja Hobby. Es ist nicht jeder ein Kling, ein Grünbein, eine Cotton, eine Kirsch.

Andererseits sind mir Talente, denen mit der Wiege die Kunst gegeben wurde, nicht unlieb. Wen die Musen küssen. Ich kenne da keine Klassen. Sehe aber, daß es diejenigen ohne bereits im Anfang mitgegebenes Startkapital (symbolisches insbesondere) und Vernetzung von den Chancen her ungleich schwerer haben. Auch heute noch. Schreib Dich mal hoch. Viel Spaß. Aber wo jeder im Medienhypeberlin ein Künstler sein will, wo sich Frauen, die viertklassige Texte rotzen, Dichterin nennen, haben wir ein Überangebot an Produktion. Und wo viel ist, da streut auch viel. Ich komme weder von unten noch von oben, ich komme von zwischendurch. Mich haben Betriebe und Betriebsamkeit eigentlich nie interessiert, insofern finde ich es jedoch interessant und bin da voll Bewunderung, wie es der Philosoph Markus Steinweg so ohne jeglichen akademischen Ausweis schaffte, seine Bücher zu publizieren und Vorträge zu halten. Sich zu vernetzen. Er macht das ausnehmend gut und assoziativ findet er gekonnte Drehs, verwindet die Ratio. Hat was. Antiakademischer Akademismus. Vielleicht auch ein wenig Dampfplauderei. Aber die gehört zum guten Ton dazu. N‘ büschen Slang, Philosophischer Jargon sei eine Zuhältersprache, so dachte es sich Walter Benjamin.

Inzwischen ist aus diesen surrealen Verdrehungen, den Wortspielen, dem Obszönen, dem Läster- und Liederlichen, aus den launigen Einfällen, die assoziativ dahertraben, die Luft heraus. Pffffft macht das, wie eine Salve Pfefferspray ins Gesicht des Vermummten. Das letzte Große und Lustige, das ich las, war von Julio Cortázar und seiner Gefährtin Carol Dunlop „Die Autonauten auf der Kosmobahn“. (Ich schrieb an dieser Stelle und auch hier etwas dazu.) Da funktionierte der Witz. Weil das ein trauriges Buch ist, ein Sterbebuch, denn kurz nach Veröffentlichung war erst die geliebte Frau tot und ein  Jahr später der Mann. Aber auch dieses Buch ist bereits ein Klassiker. Mir geht es wie in dem Märchen der Prinzessin, die nicht mehr lachen mag. Der Königsvater sorgte sich sehr um sie, wie Väter sich um Königstöchter sorgen, sie hegen und umpflegen. Am Ende aber geht alles gut aus. Noch mal Schwan gehabt. Das Gute am Alter: die Abklärung der Verhältnisse. Nachlassen der Erregungen und Aufregungen. Es erlischt der Eigensinn. Ob das gut ist? Es dichtete der vor 100 Jahren verstorbene und vergessene Paul Scheerbart: „Charakter ist nur Eigensinn. Es lebe die Zigeunerin!“ Der alte Verleger Rowohlt pflegte ihn zu zitieren, wenn es darum ging, Wankelmut und Unbeständigkeit des Verlegers zu verteidigen. Walter Benjamin erwähnte Scheerbart im Kontext der Glasarchitektur: eine durchsichtiges und zugleich doch undurchdringliches Material. Nicht anders als die Welt selbst und ihr Dingcharakter:

„Glas ist nicht umsonst ein so hartes und glattes Material, an dem sich nichts festsetzt. Auch ein kaltes und nüchternes. Die Dinge aus Glas haben keine ‚Aura‘. Das Glas ist überhaupt der Feind des Geheimnisses. Es ist auch der Feind des Besitzes. Der große Dichter Andre Gide hat einmal gesagt: Jedes Ding, das ich besitzen will, wird mir undurchsichtig. Träumen Leute wie Scheerbart etwa darum von Glasbauten, weil sie Bekenner einer neuen Armut sind? Aber vielleicht sagt hier ein Vergleich mehr als die Theorie. Betritt einer das bürgerliche Zimmer der 80er Jahre, so ist bei aller ‚Gemütlichkeit‘, die es vielleicht ausstrahlt, der Eindruck ‚hier hast du nichts zu suchen‘ der stärkste. Hier hast du nichts zu suchen – denn hier ist kein Fleck, auf dem nicht der Bewohner seine Spur schon hinterlassen hätte: auf den Gesimsen durch Nippessachen, auf dem Polstersessel durch Deckchen, auf den Fenstern durch Transparente, vor dem Kamin durch den Ofenschirm. Ein schönes Wort von Brecht hilft hier fort, weit fort: ‚Verwisch die Spuren!‘“
(Walter Benjamin, Erfahrung und Armut)

Bilder wie hinter Glas zu machen. Undurchdringbar. Es muß hinter den Bildern etwas lauern. Vor einem Jahr photographierte ich in den Räumen einer Toten,  lichtete ab, was einst ein Leben war und nun standen da die Polstersessel, von allem verlassen. (Ich dachte, ich müßte über solche Wohnungen einen Bildband machen. Leider kam einige Monate später ein anderer Photograph bereits auf die Idee.) Zunächst ist die Szene undurchsichtig, unklar. Wie Nebel liegt es da, ich sehe nur Details. Manchmal ist es eine Story, die sich nur im Kopf zuträgt. Wenn ich photographiere, dann bin ich im Modus des Photographen, nicht in dem des Erzählers. Ich sehe Formen, Flächen, Farben, Strukturen, eine Szene, einen leeren Platz, kein einziger Mensch. Da ist ein Obststand – für Menschen gemacht, damit die kaufen. Oder für den NSU. Revolver mit Schalldämpfer in einer Plastiktüte, wie ich vorgestern im Fernsehen sah. Dicht an den Dingen, fern den Menschen und dem Trubel. Ich bin kein Menschenphotograph. Kann eine Serie von Photographien die Atmosphäre einer Stadt wiedergeben? Ich weiß es nicht, ich denke nicht. Wenn ich mir Photos von Städten anschaue, ist es der Wiedererkennungseffekt. Ganz banal: Ach, da biste auch gewesen. Ach, der Prater; ach, das Forum Romanum. Wie nun fing der Photograph die Sekunde ein? Was berührt mich da an der Photographie?

Die schöne Seele

Irgendwie und ganz im tiefinnern Ungewußten, Unbewußten fallen mir bei diesen Sätzen Hegels aus seinen Ästhetikvorlesungen bestimmte Szenerien und Menschen ein:

„Denn auch für die wahrhaft sittlichen Interessen und gediegenen Zwecke des Lebens ist solch eine schöne Seele nicht offen, sondern spinnt sich in sich selber ein und lebt und webt nur in ihren subjektivsten religiösen und moralischen Ausheckungen. Zu diesem inneren Enthusiasmus für die eigene überschwengliche Trefflichkeit, mit welcher sie vor sich selber ein großes Gepränge macht, gesellt sich dann sogleich eine unendliche Empfindlichkeit in betreff auf alle übrigen, welche diese einsame Schönheit in jedem Momente erraten, verstehen, verehren sollen. Können das nun die anderen nicht, so wird gleich das ganze Gemüt im tiefsten bewegt und unendlich verletzt. Da ist mit einem Male die ganze Menschheit, alle Freundschaft, alle Liebe hin. Die Pedanterie und Ungezogenheit, kleine Umstände und Ungeschicklichkeiten, über welche ein großer starker Charakter unverletzt fortsieht, nicht ertragen zu können, übersteigt jede Vorstellung, und gerade das sachlich Geringfügigste bringt solches Gemüt in die höchste Verzweiflung. Da nimmt denn die Trübseligkeit, der Kummer, Gram, die üble Laune, Kränkung, Schwermut und Elendigkeit kein Ende, und daheraus entspringt eine Quälerei der Reflexionen mit sich und anderen, eine Krampfhaftigkeit und selbst eine Härte und Grausamkeit der Seele, in welcher sich vollends die ganze Miserabilität und Schwäche dieser schönseelischen Innerlichkeit kundgibt.“
(G.W.F. Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik)

Wie komme ich nur darauf? Ja wie? Ich hab’s – es erinnert mich an ein bestimmtes linkes Diskussionsmilieu, das ich seit den frühen 80er Jahren kenne. Dogmatisch, unreflektiert und – wie der Gegner – nur zu Denkoperationen im binären Schema fähig. Jeder Happen Currywurst wird zu einem Grundsatzkrieg, jedes Luxusessen mit Wein,  die Flasche über 15 DM  zu einem moralischen Offenbarungseid gestuft. Aber ohne guten Mampf kein Kampf, Freunde. Vor allem aber zeichnet sich dieses Trachten durch Selbstviktimisierung samt unendlichem Klagelamento aus, die als Begründung für die eigene Vorzüglichkeit herhalten müssen; daß die eigene Position qua Status und Handeln die richtige und bessere sei. Weinerlichkeit statt Theorie, Moral statt Gesellschaftskritik. Diese spielt im Vergleich zu jener inzwischen eine untergeordnete Rolle, bleibt dem Moralisieren, das an den Ton der Evangelikalen erinnert meist äußerlich: Gesinnung tritt an die Stelle der Analyse. Man nehme nur den Blog Münklerwatch. [Von der Präponderanz der Moral zeugt im übrigen noch die habermassche Diskursethik, die dem stahlharten Korsett der 80er Jahre entsprang, als Ersatz-Theorie für linkshochfahrende Fourier-Träume trat sie sozialdemokratisch abgemildert auf den Plan und versuchte, gesellschaftliche Widersprüche über ein argumentatives Prozedere abzubügeln.]

Freilich ist der von Hegel gewählte Begriff der schönen Seele denn doch ein zu gütiger für jene Zeitgeistströmungen, die wir bei einem Teil der derangierten Linken finden. Zumindest zu freundlich für das, auf was wir von damals bis heute hin stoßen: die Bigotterie der Zerknirschungsdiskurse, lustfeindlich, sprachfeindlich, sexfeindlich, theoriefeindlich und denkfeindlich vor allem. Und auch von der Grandezza und genußvollem Umgang mit Welt weit weit entfernt.

Weit nach Hegels Zeit brachten die Muppets es in ihrem unwiderstehlichen dialektischen Posthegelianismus mit einem ihrer Songs und in einem einzigen Wort auf den Punkt. Meine aktuelle Trendscout-Vorhersage für die restlichen elf Monate des Jahres 2016: Ob Männer oder Frauen, Journalisten, Publizisten, eine bestimmte Sorte von Netz-Feministinnen, unverstandene Mittelschicht, schweigende Minderheit, schweigende Mehrheiten, biedere Mitte, radikale Lampenputzer-Revoluzzer, der Kleinbürger als Künstler: Allüberall auf den Tannenspitzen sah ich den Mimimi-Ton sitzen. Wobei ich hier auch nicht horxen will, denn dessen Geseiere in der „Berliner Zeitung“ ist mir ebenso zuwider wie das Mimimi der monophonen Klagestimmen.

[Als Ergänzung zu diesen hegelschen Zeilen ist unbedingt, um der Lust und dem Eros zu huldigen, Nietzsche und sein großes gedehntes Ja hinzuzunehmen. Auch das von Molly Bloom am Ende ihres mäandernden und großartigen Monologs. Überbordend, treibend, triebhaft, schwimmend, sich aussetzend.]

„Ein echter Schweizer neigt mehr zum Jodeln als zum Kubismus“ – 100 Jahre Dada

IMG_20160205_0001 (2)Ausgerechnet die Schweiz – so ruhig und beschaulich liegt sie da – als Geburtsort von Dada, wenn man Kunst an Daten knüpfen mag. Zürich 1916, als die erste Klub- und Kabarett-Performance im Geistes Dadas vor rund 50 Zuschauern über die Bühne sich schob. Noch waren die Dadaisten nicht mit festem Namen und Kunst-Programm institutionalisiert. Doch mit schrägem Ton, im Geiste von Futurismus, Kubismus und das Berliner Kabarett der Neopathetiker weiterführend, traten sie auf, mit Simultan- und Lautgedicht stürmten sie die Bühne, das Publikum tobte, mit Hooosenlatz-Rufen und „Umba, umba, die Neger tanzen auf den Bastmatratzen“, so wob einer der Performer seine Szenelegende, ganz im Übersee-Sound der Zeit gehalten, verkündet und noch nicht Postkolonial- oder Postkoital-Studies verbittert, sondern mit Carl Einsteins „Negerplastik“ und halb-unschuldigem und doch eurozentrischem Maskenkult fremde Völker im derben Hinterkopf, mit Russenorchester, die sangen und Balalaika zupften, und Lenin wohnte keine zehn Hausnummern weiter. Wenn das man keine Revolte gibt!

„Der Abend ist mir nicht gelungen,
So sagen böse Zungen,
Doch mir hat’s gefallen,
Ich bin immer noch am Lallen“
(Schnipo Schranke, aus ihrem Song „Pisse“)

Am 5.2. eröffnete in der Spiegelgasse 1 das Cabaret Voltaire. Einen bedeutsamen Namen wählten deren Betreiber Hugo Ball, Richard Huelsenbeck und Emmy Hennings für ihren Spelunken-, Spiel- und Performanzort: Voltaire, den man zunächst mit der französischen Aufklärung und nicht mit Hohn und Zertrümmern in Verbindung bringt, der aber mit seiner Figur des Candide doch einen guten Namenskandidaten abgab, weil jener Roman den Spott über die beste alle möglichen Welten und auch über das absurde Treiben und Tun in dieser unserer Welt vorführt. Und der Spiegel als Bild für das Treiben der Dadaisten dürfte selbstevident sein. Nur schlug der Spiegel irgendwann zu Trümmern. Splitting Images. Die Schwiez aber erwies sich als probates Rückzugsidyll und war als neutraler Ort inmitten des Kriegs- und Weltenbrandes ideal für die aus Deutschland geflohenen Künstler Ball, Hennings, Huelsenbeck. Zu ihnen gesellten sich der rumänische Allesdichter Tristan Tzara, der Maler Marcel Janco und der Maler, Bildhauer, Dichter Hans Arp aus dem Elsaß: mal France, mal Deutsch. Keine drei Wochen später nach ihrem ersten gemeinsamem Auftritt und keine 400 Kilometer entfernt fand die erste entfesselte Materialschlacht des 1. Weltkriegs statt, die von Verdun – sinnlos und grausam wie jede Schlacht, Menschen als Kanonenfutter, Eruptionen, die Erde und Mensch zerrissen.

IMG_20160205_0001Was Futuristen wie Marinetti propagierten und mancher Intellektuelle als die große Erlösung aus dem Dämmern empfand: das reinigende Stahlgewitter, das von der Last des erstarrten Europas löst, eine neue Zeit oder eine Entscheidung herbeibombt und die Acedia im Malstrom ungehemmten Artilleriefeuers bricht – Krieg als Befreiung und ästhetisches Ereignis –, war für die nach Zürich Emigrierten keine Option. Zumindest nicht in der Praxis. Wenngleich die operative Gruppe Dada, die sich in Zürich fand, von dem Bewegungssound und dem Rennwagenkrach der Futuristen sich inspirieren ließ und dessen Taktik des Lärmens und Zertrümmerns übernahm – sowohl der Konventionen wie auch des auratischen Kunstwerks. Da lag die Nike von Samothrake mit gebrochenem Flügel und zerfetztem Gewand als Steinschutt: Fragment vom Fragment. Der spätere Soziologe und marxistische Theoretiker Henri Lefebvre schrieb1924: „Dada zerschmettert die Welt, aber die Scherben sind schön.“ Doch ging es Lefebvre wie auch den Dada-Performern nicht darum, später die Scherben wieder zusammen und zu einer neuen Ordnung zu fügen, auf das ein Teil zum andern fände. Sondern es wurden die Possen weiter auf die Spitze getrieben. Kein System, kein Staat, keine autonome Bürgerliche Kunst. Oder doch? Die Hegelsche List der Vernunft ist meist klüger als die Akteure von Kunst und Geschichte.

Die Schönheit dieser Kunst, die das klassische Schöne mied, wie die Jungfrau das Kind, bestand im Akt als solchem, Kein Zeugen, sondern Destruktion. Die Schönheit lag im Zerlegen, im Zerlegten, das ohne Sinn und Kontext schlicht da war als das, was es gerade war, und so wirkte es auch: das Zersplitterte, Disparates, als Dinghaftes, das aufschlug – a bigger splash – und es zersprang, der Laut, der Ausdruck von Aufprall – zum Teil natürlich durch den Expressionismus angehaucht, durch Jakob von Hoddisʼ Dichtung zum Beispiel, wo qua Sprache Disparates ins Simultane übersetzt wurde: Oh Mensch, aber als Phrase nur noch vernutzt und zum Schreien komisch geschmettert. Die typographische Assemblage, das wirre Verlaufen der Buchstaben auf einem Plakat oder in einer der Dada-Zeitschriften, das versprengte Ding, das Objet trouvé, wie es ein paar Jahre später dann hieß, oder das Readymade: herausgebrochene Realien aus dem Produktionsstrom. Keinem Zusammenhang mehr trauend als dem bloßen Vollzug und der Aktion, kein Sinn, sondern Ereignis.

Ereignisse, die sich an Daten und Orte knüpfen, denn nur wenn wir  an die Stimmung eines Abends andocken, an einen flüchtigen, aber bedeutsamen Augenblick, können solche Auftritte jenen Kultcharakter gewinnen, der ein paar Jahrzehnte später dann für die Pop-Kultur symptomatisch werden sollte. Kein System mehr war die Losung. Aber die Parolen „Kein System“ und „Stop making sense“ können schnell zum System sich bügeln und insofern zeitigte Dada die Paradoxonfalle jeglicher provokanten Kunst: „Epimenides der Kreter sagte: Alle Kreter sind Lügner.“ Losungen werden zu dem, was die Sprache der Jäger mit Losung bezeichnet: Ausscheidungen, die als Rest der im Darm verarbeiteten Nährstoffe ausgeschieden werden und als Hirschkack den Wald zieren. Alles das: Post-Dada auf das System autonom-bürgerlicher Kunst gestülpt. Doch inmitten des Bruchs, im Obskuren wie Obskuranten (und überhaupt die Paradoxien): keine Kunst und keine Kunstrichtung brachte mehr Pamphlete, Proklamationen und Manifeste hervor als Dada – sieht man einmal von den eher bürokratisch formulierten Manifesten der Surrealisten um Breton ab, die kalkuliert und gesteuert auftraten. Wenig vom gepriesenen Unterbewußten war darin zu spüren. Anders als in den Manifesten der Dadaisten. Indem sie erklärten, was sie alles nicht taten und wollten und wie Dada als Funktion des Nichtfunktionalen nicht funktioniert.

Es sind bei Dada die Proklamationen, was alles Dada ist und was es nicht ist: ob Tristan Tzaras sieben Dada-Manifeste, die es bei der Hamburger Edition Nautilus zu erstehen gibt, oder die Ausführungen Richard Huelsenbecks. Im Vordergrund steht die Performanz und das Paradoxon unendlich-unsinniger und herrlich absurder Anläufe zu Sinnkohärenz:

„Dada kann man nicht begreifen, Dada muß man erleben. Dada ist unmittelbar und selbstverständlich. Dadist ist man, wenn man lebt. (…) Dada ist die amerikanische Seite des Buddhismus, es tobt, weil es schweigen kann, es handelt, weil es Ruhe ist.“

IMG_20160205_0003In Zürich nahm etwas seinen Anfang, für das ein Begriffsraster nur unzureichend paßt – zumal sich Dada-Zürich in ganz unterschiedliche Richtungen auffächerte. Ob George Groszʼ und John Heartfields politischer Berlin-Dada, Hans Richters Film- und Bewegungsexperimente, New York-Dada, Max Ernsts Collagen, die dann zu formfeinen Montagen sich steigerten, Kurt Schwitters Merz-Kunst und seine Anna Blume oder aber Tristan Tzara, der Dada nach Paris brachte, wo diese Form der Dekomposition mit den ungewußten Träumen der Surrealisten in Berührung kam. Kunst entzog sich dem bürgerlichen Aneignungsmechanismus, der bürgerlichen Selbstrepräsentation, die sich in den gediegenen klassischen Werken gerne spiegelte und mit Hölderlin und Nietzsche in einen sinnlosen Krieg zog. Kunst konterkarierte in Dada die Sinnstiftung. In einem Simultan- und Lautgedicht wie „L’admiral cherche une maison à louer“, wie in Zürich im Februar vorgetragen, gibt es wenig zu verstehen, aber viel zu hören. Transmutationen der Objekte und in der Malerei der Farben und Formen, wie es die Kubisten um Picasso betrieben und was die Dadaisten als formgebende Formsprengung lustvoll aufgriffen. Eine Welt unter neuer Optik.

„Damenseidenstrümpfe können be-griffen werden,
Gauguins nicht.“ (Walter Serner)

Über Dada etwas in Theorie zu texten, ist müßig, denn es ist kunsttheorietechnisch fast alles gesagt, die Messen gesungen, selbst die des Oberdada Johannes Baader, der mit Jagdschein versehen, mitten im Gottesdienst des Berliner Dom schrie: „Was ist Christus dem gemeinen Mann? Er ist ihm wurscht!“. Allenfalls Details und besondere Anekdoten oder Vergessenes lassen sich in Erinnerung rufen: Wenn etwa Richard Huelsenbeck keck ganz im Geist der Zeit von Kubismus und Exotiksehnsucht nach den außereuropäischen Kulturen – die Europäer werden ihren inneren Rousseau nicht los – wie auch im Sinne von Carl Einstein „Negergedichte“ grölte. (Dada-Berlin etwa war sehr viel politischer und provokanter als die Show in Zürich.)

„Épater le bourgois“ war immer schon die Parole radikaler Kunst, die mehr als nur klassisch antichambrieren wollte. Bis hin zu Jonathan Meese – wenngleich die meisten denn doch gerne von den Tischen aßen, die sie im Gestus des Antibürgerlichen schmähten, oder zumindest nach den abfallenden Krümmeln haschten. Für den wohldosierten Schock zuständig, und es waren die Dadaisten nicht die ersten, die ihn unters Volk brachten, und sie sind nicht die letzten. Wenn aber eine Gestalt des Lebens alt geworden ist, wird es in der Kunst schwierig: „Keine Zähne im Maul, aber La Paloma pfeifen.“

Greil Marcus sieht es in seinem Buch unbedingt lesenswerten Buch „Lipstick Traces. Von Dada bis Punk“ so: „Dada wurde erst im nachhinein zur Freiheitslegende; in Aktion war Dada ein gnostischer Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts.“ Diese Sicht mag gewiß auch der eigentümlichen Gemengelage dieser Zeit zwischen Aufbruch, Reformbewegungen und Revolte geschuldet sein, und insbesondere dem Denken Hugo Balls, das weniger revolutionär, sondern eher von einer Art katholisch-mystischen Esoterik angehaucht war.

Die Avantgarde ist vergangen und es hallt nur das „Nach“. Nach der Avantgarde ist nicht mehr das davor. Nach der Avantgarde ist das Heute. Der Platz ist leer, die Spiele gespielt, alle Provokationen gefahren. Allenfalls variieren wir das, was einmal ausgeklügelte und witzige Mode war und versuchen, neue Strategien der Überwältigung zu finden. So wie Warhol die Idee, die hinter Duchamps Ready-mades steht, in die moderne Warengesellschaft trug und als Repro-Technik auf das System Pop applizierte, das es zu Duchamps Zeit nicht gab.

Von all der Kunst als Antikunst, von all den Destruktionen und der Umwälzung aller Werte bleibt nichts als der Nachhall oder aber eine kanonisierte Bewegung, die im Museum mündet. (Wozu Dada niemals taugte: es war an Aufführung und Ort gebunden.) Stillgestelltes für den bloßen Ausstellungswert. Denn alle Simultanität, alles Lautdichterische, wenn Klang, Wort, Bild und Sinn einander bezirzen, durchtreiben und durchstreichen, hat irgendwann ein Danach, und es ist dann das Spiel vorbei, die Party ist, wie jedes überbordende Fest und jede wunderbar trunkene Nacht irgendwann, zu Ende. Und mit dem Schluß von Apollinaires Gedicht „Zone“ gedacht:

„Und du trinkst diesen Alkohol der brennt wie dein Leben
Dein Leben das du trinkst wie einen Aquavit

Du machst Dich auf den Weg nach Auteil du willst zu Fuß nach Hause
Willst schlafen zwischen deinen Fetischen von der Südsee und aus Guinea

Christusse sind es von andrer Gestalt und eines anderen Glaubens
Es sind niedere Christuse dunkeler Hoffnungen

Ade Ade

Sonne Hals durchhackt“

IMG_20160205_0004Als Nachwort dies: Ein Effekt jedoch hat sich herübergerettet, der die zukünftigen Programme der Kunst, der Avantgarden und vor allem des Pop bestimmen wird: Das Event, das Ereignis, die Performance – das zweckfreie Tun um dieses Tuns willen nämlich. Das Spielen auf Gitarren im Probenraum, das gemeinsame Improvisieren am Klavier, das wilde Texten von Songs oder wenn zwei sich Gedichte vorlesen, eine Ausstellungseröffnung, irgendwo in einer Fabriketage, mit billigem Wein, viel Bier, den unendlichen Gesprächen, die Launen des Augenblicks, wenn man mit Menschen zusammen etwas Besonderes, Wildes veranstaltet oder einfach wenn wir „Dinge machen, von denen wir nicht wissen, was sie sind“, wie Adorno an einer Stelle seiner Ästhetik über die Arbeit der Kunst schrieb. Es ist das ästhetische Ereignis, der Moment, den Dada für die Kunst fruchtbar machte, und dieses „Prinzip“, das keines sein will und sich nicht kontrollieren lassen mag, bleibt als Intensität, als Moment und als der geile coole wilde Fetisch Augenblick.

„Macht kaputt, was Euch kaputt macht!“

Bildernachweise:
Bild 1 aus dem Katalog „ Dada in Zürich “ , im Arche Verlag, (vergriffen)
Bilder 2-4: Reprint der Dada-Zeitschriften in der Edition Nautilus (vergriffen). Es finden sich im Nautilus Verlag aber noch andere Bücher zu Dada. Unbedingt auf die Homepage schauen!

 

Theorie und Praxis

Ist es ermutigend oder eher deprimierend, am Sonntagmorgen einen Text von Adorno zu lesen? Falsche Frage, falsche Kategorien, falscher Denkansatz. Ins Ungebundene geht die Fahrt: Schwarzes Denken, schwindelfrei und dennoch mit der Emphase des Körpers praktiziert. Nein, auch in dieser Weise läuft es nicht, weil all dies, von der Emphase des Körpers und dem schwindelfreien oder gar dichterischen Denken, Phrasen sind. Zudem klingt solcher Ton zu sehr nach dem Märchenonkel Ernst Bloch – so zumindest nannte ihn in einem bösen Satz Adorno. Die Kunst des Sichverweigerns kann man nur in Gesten und in der Kunst der Begriffe (und Bilder) sichtbar machen. Dialektisch-verdreht, vertrackt und nicht dem Sermon des Endlichen oder des Je-einzelnen einer Tat, die dies oder das macht, huldigend. Daß wir morgen nicht mehr aufwachen und aus dem warmen, gemütlichen Bett steigen können, weil wir nach einer wild durchzechten Nacht, schwer von Wein und Gewicht der Welt trunken ins Bett taumelten – vielleicht schlugen wir in jener letzten bewußten Minute unseres Lebens sogar glücklich die Augen zu, selbst in der Besinnungslosigkeit des Rausches – und am nächsten Morgen öffnen wir nicht mehr, nie mehr diese Augen. Weltblickentzug. Dauerhaft. Wie es Ulrich Zieger in Montpellier widerfuhr. 53 Jahre alt. Da nützt alles deklamierte „Carpe diem“ nichts. Es dient das Sprüchlein wohl auch eher einer magischen Beschwörung, einem Ritual, in Sprache und zur Floskel geronnen, dem Tod nicht anheimzufallen. Ihn zumindest hinauszuzögern, aufzuhalten. Das Hier und Jetzt ist flüchtig.

 „Philosophie, wie sie nach allem allein zu verantworten wäre, dürfte nicht länger des Absoluten sich mächtig dünken, ja müßte den Gedanken daran sich verbieten, um ihn nicht zu verraten, und doch vom emphatischen Begriff der Wahrheit nichts sich abmarkten lassen. Dieser Widerspruch ist ihr Element. Es bestimmt sie als negative. Kants berühmtes Diktum, der kritische Weg sei allein noch offen, gehört zu jenen Sätzen, in denen die Philosophie, aus der sie stammen, die Probe besteht, indem sie, als Bruchstücke, das System überdauern. Freilich rechnet die Idee der Kritik selbst zu der heute zerrütteten Tradition von Philosophie. Während mittlerweile der Schauplatz jeder Erkenntnis so sehr von den Spezialwissenschaften beschlagnahmt ist, daß der philosophische Gedanke sich terrorisiert fühlt und fürchtet, als dilettantisch sich widerlegen lassen zu müssen, wo immer er inhaltlich wird, ist reaktiv der Begriff der Ursprünglichkeit zu unverdienten Ehren gelangt. Je verdinglichter die Welt, je dichter das Netz, das der Natur übergeworfen wurde, desto mehr beansprucht ideologisch das Denken, das jenes Netz spinnt, seinerseits Natur, Urerfahrung zu sein. Die überlieferten Philosophen dagegen waren seit den gepriesenen Vorsokratikern Kritiker. Xenophanes, auf dessen Schule der heute gegen den Begriff gewendete Begriff des Seins zurückdatiert, wollte die Naturkräfte entmythologisieren. Die Platonische Hypostasis des Begriffs zur Idee wiederum wurde von Aristoteles durchschaut. (…) Jene Denker hatten in Kritik die eigene Wahrheit. Sie allein, als Einheit des Problems und der Argumente, nicht die Übernahme von Thesen, hat gestiftet, was als produktive Einheit der Geschichte der Philosophie gelten mag. Im Fortgang solcher Kritik haben auch diejenigen Philosophien ihren Zeitkern, ihren geschichtlichen Stellenwert gewonnen, deren Lehrgehalt auf dem Ewigen und Zeitlosen beharrte.

[…]

Ist Philosophie noch nötig, dann wie von je als Kritik, als Widerstand gegen die sich ausbreitende Heteronomie, als sei’s auch machtloser Versuch des Gedankens, seiner selbst mächtig zu bleiben und angedrehte Mythologie wie blinzelnd resignierte Anpassung nach ihrem eigenen Maß des Unwahren zu überführen.

[…]

Philosophie, als der zugleich konsequente und freie Gedanke, findet sich in einer gänzlich anderen Situation. Marx wäre der letzte gewesen, den Gedanken vom realen Gang der Geschichte loszureißen. Hegel, der der Vergänglichkeit von Kunst inneward und ihr Ende prophezeite, hat ihren Fortbestand abhängig gemacht von dem ‚Bewußtsein von Nöten‘. Was aber der Kunst recht ist, ist der Philosophie billig, deren Wahrheitsgehalt mit dem der Kunst konvergiert, indem ihre Verfahrensart von jener sich sondert. Die ungeminderte Dauer von Leiden, Angst und Drohung nötigt den Gedanken, der sich nicht verwirklichen durfte, dazu, nicht sich wegzuwerfen. Nach dem versäumten Augenblick hätte er ohne Beschwichtigung zu erkennen, warum die Welt, die jetzt, hier das Paradies sein könnte, morgen zur Hölle werden kann. Solche Erkenntnis wäre ja wohl Philosophie. Sie abzuschaffen um einer Praxis willen, die zu dieser historischen Stunde unweigerlich eben den Zustand verewigte, dessen Kritik Sache der Philosophie ist, wäre anachronistisch. Praxis, welche die Herstellung einer vernünftigen und mündigen Menschheit bezweckt, verharrt im Bann des Unheils ohne eine das Ganze in seiner Unwahrheit denkende Theorie. Daß diese nicht den Idealismus aufwärmen darf, sondern die gesellschaftliche und politische Realität und ihre Dynamik in sich hineinnehmen muß, bedarf keines Wortes.“ (Th. W. Adorno, Wozu noch Philosophie, in: Eingriffe)

 
 
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Aus der Serie: Die Selbstreferenz des Photographen (Partie 1)

Nihilismus der Tat – Zu E.M. Ciorans 20. Todestag (2)

Nihilismus als Korrektiv? Intentionsloses Tun als Praktik des Lebens gar?: „Jedes planmäßige Streben auch nach dem Nirwana selber ist eine Fessel, wenn man nicht bereit ist, davon abzusehen. (…) Denken, ohne es wahrzunehmen, oder gar nicht denken, aber dasein und die Stille verschlingen, das ist es, was die Klarsicht erreichen könnte. Kein Genuß ist dem des Wissens vergleichbar, daß man nicht denkt. Man wird einwerfen: wissen, daß man nicht denkt, ist das nicht wiederum ein Denken? Gewiß, aber das Elend des Gedankens wir für die Zeitspanne überwunden, während der man statt von Idee zu Idee zu hüpfen, entschieden innerhalb einer einzigen ausharrt, die alle anderen verweigert und sich selber annulliert, die sich ihre eigenen Abwesenheit zum Inhalt gibt.“ (E.M. Cioran, Paläontologie, in: Die verfehlte Schöpfung)

The_Human_Condition_1935Darin schwingt zu guten Teilen die große Verweigerung des Bartleby mit: „I would prefer not to!“ Nichtdenkendes Dasein ist eigentlich die Existenzweise des Amorphen. Oder eines verblichenen Lebewesens, dessen einziges Übrigbleibsel sein Skelett ist, und in diesem Sinne hat es sicherlich seine Gründe, daß sich diese Überlegungen in einem Text namens „Paläontologie“ finden, in dem Cioran den Besuch des naturwissenschaftlichen Museums in Paris schildert. Wer jedoch diese von Cioran festgehaltene „Unterwerfung unter das Wissen“ als Mangel ankreidet, handelt und schreibt – logisches Paradoxon – immer noch unter dem Diktat und innerhalb der Diskurse des Wissens. Attackenweise Texte, Texte als Panikattacken, geschrieben als Auswurf. Cioran ist in dem Sinne kein lautstarker Weltverneiner wie es der lustvolle, wütende Thomas Bernhard war, der eine gigantische Weltbeschimpfungsmaschine anstieß und Texte gleichsam schreit und deklamiert: Sprache, die eine Bühne benötigt, die laut gelesen und gesprochen sein will. Die Condition humaine ist ein gigantisches Kalkwerk, ein einziger großer Kopf, darin sich die Sprache und die Reflexionsschleifen umtreiben: ich und sie und Solipsie. Mon(ad)ologische Verschlossenheit – jedoch im Schreiton. Dagegen klingen die Ausführungen Ciorans wie eine bittere, still verabreichte Pille. Es ist die letzte Stille eines verlassenen für sich seienden Menschen, der sich seine Bilder fertigt. Vermeintliche Duplikate von Welt.

Der innere Monolog eines sich verkapselnden Subjekts liefert die Befunde einer beschädigten Welt. Als eine Art Korrektiv mag diese Sicht taugen. Es birgt jedoch Probleme, Ciorans Blick auf Mensch und Welt in einem existenzialen Sinne zu nehmen und diese Befunde als anthropologische Konstante zu deuten, statt sie – wie auch bei Beckett – gesellschaftlich als Verhältnis von Subjekt und Naturgeschichte zu lesen. Denn nichts ist naturgegeben. „Ontologie kommt nach Hause als Pathogenese des falschen Lebens. Dergestalt wird es als Stand negativer Ewigkeit.“ (Adorno, Versuch, das Endspiel zu verstehen.)

Es sind die Aspekte und die Details, auf die Ciorans Blick fällt und die er streift. Das unter der Oberfläche Liegende betrachtend, aber nicht mehr im Sinne einer umfassenden Metaphysik. In seinem Text wirkt eine Art gnostisches Moment. Doch zugleich analysiert Cioran die Pragmatik der Theologie als eine Art von Weltbewältigungsstrategie und Kontingenzkompensation: „Es leuchtet ein, daß Gott eine Lösung war und daß man nie wieder eine ebenso befriedigende finden wird.“ (in: Vom Nachteil, geboren zu sein) Sowieso lassen sich die religiösen Konnotationen oder zumindest doch Motive des Religiösen in manchen seiner Aphorismen zeigen: „Meine Bestimmung ist, für alle jene zu leiden, die leiden, ohne es zu wissen. Ich muß für sie zahlen, für ihre ahnungslose Weise büßen, für ihr Glück, nicht zu erraten, wie unglücklich sie sind.“ (in: Vom Nachteil, geboren zu sein) Der Intellektuelle und der zweifelnde Denker fungieren im Blick auf die menschliche Existenz als eine Art Vikar: Das Leiden wird aufgenommen und gleichsam in Stellvertretung wie ein Kreuz für andere getragen, die die Lage weniger klar sehen.

Doch wie es im Leben so geht: die Strecke vom zweifelnden Denker zum zwingenden Diktator ist manchmal eine kurze. So auch beim jungen Cioran. Im Rumänien der 30er Jahre, unter dem Zeichen des Faschismus und der „Legion Erzengel Michael“, die später „Eiserne Garde“ hieß,  schrieb er als Korrespondent in Berlin unrühmliche Zeitungsartikel. Diese Nähe zum faschistischen Denken reute ihn Jahre später. Allerdings: In einer teils trivialen Existenzphilosophie, die – Kierkegaard sich zurechtbiegend – von Sprung und Entschlossenheit salbaderte, war dieses rechte Denken bereits an sich angelegt. Wenn der Ton dann einen Zacken schärfer wurde, taugten solche Begriffe ebenso (wie bei Heidegger in Deutschland) zum Zusammenrotten und dienten dazu, das, was anders als das Eigene ist, gleichzuschalten oder zu beseitigen. Bis hin zur physischen Ausrottung. Wenn der geschundene Körper nur noch als Fleisch dalag. Jedoch: genuin antisemitisch und faschistisch ist das Denken und Schreiben Ciorans nicht. Wer hier mit den zu einfachen Markierungen an den Text geht, will die Sprengkraft entschärfen, anstatt sich den Cioranschen Detonationen, die das Subjekt erschüttern, auszusetzen. Daß auch das Reaktionäre erkenntniskritisch von einem gewissen Reiz und bedeutsam sein kann, sollten wir in Rechnung stellen.

Ebenso soll nicht verschwiegen werden, daß es – wie auch bei Schopenhauer – im Denken Ciorans einen ausgeprägt misogynen Zug gibt. Die Philosophie, schreibt Cioran, sei nichts für die Frauen. Anders jedoch als im Text Nietzsches läßt sich die Konstruktion von Weiblichkeit unter dem Diktat des männlichen Blickes nicht einfach als komplexe Theorie von Wahrheit lesen. Bei Nietzsche ist die Wahrheit jenes Weib, das Gründe hat, ihre Gründe nicht sehen zu lassen. Die Enthüllung der Schleier, wenn der Fetisch Stoff beseitigt wurde und gleichsam der darunter wirkende Ursprung, jene Spalte und Spaltung freigelegt wurde, führt eben nicht zur Evidenz und zum Faktum, sondern es bedeutet, wenn wir die Gründe bloßlegen, daß wir den Entzug des Spiels betreiben. Ciorans Sicht ist in dieser Angelegenheit deutlich simpler. Von der enttäuschten Liebe in den Jahren der Jugend, hin zum Bordellbesuch und einem entsprechenden Bild von Weiblichkeit ist der Weg nur ein kurzer. Das zeigt bereits sein kurzer Essay über den frauenhassenden, antisemitischen Juden Otto Weininger in dem Band „Widersprüchliche Konturen“. Ein Titel, nebenbei, der bereits daruf deutet, daß es nicht darum geht, das, was fragil und fragwürdig ist, einfach zu übergehen oder den Widerspruch wegzuwetzen. Wenngleich Cioran beileibe kein Dialektiker ist, so ist er dennoch weit davon entfernt, die Widersprüche dieser Welt zu tilgen. Trotz alledem jedoch stellt sich Cioran diesen Szenen von Liebe seinerzeit in Hermannstadt (heute Sibiu) und beschreibt das Traurige oder auch Traumatische eines für andere ganz und gar bedeutungslosen Augenblicks noch Jahrzehnte später ungeschminkt und ungeschönt:

„Wie das oft bei Heranwachsenden der Fall ist, war ich unverschämt und schüchtern zugleich, aber meine Schüchternheit war stärker als meine Frechheit. Über ein Jahr lang dauerte diese Qual, die ihren Höhepunkt erreichen  sollte, als ich eines Tages im großen Stadtpark gegen einen Baum gelehnt irgendein Buch las. Plötzlich hörte ich Gelächter. Was sah ich, als ich mich daraufhin umdrehte? Sie in Begleitung eines Klassenkameraden von mir, den wir alle unglaublich verachteten und die Laus nannten! Es sind über fünfzig Jahre her, aber ich kann mich noch ganz genau an das erinnern, was ich damals fühlte. Ich verzichte hier auf Einzelheiten. Jedenfalls schwor ich mir auf der Stelle, mit den ‚Gefühlen‘ Schluß zu machen. Und so wurde ich zu einem eifrigen Stammkunden im Bordell.“

Rückblicke also, die zwar nicht zur Philosophie in einem akademischen Sinne Anlaß geben, aber doch dem Leben und den Ereignissen eine philosophische Dignität verpassen. Vom Überschwang der Jugend bis zur milderen Sicht des Alters ist es – Binsenweisheiten des Lebens – ein weiter Weg, der zu beschreiten ist. So schrieb Cioran in jener Würdigung an Weininger über seine Jahre der eigenen Jugend:

„Ich zog nur zu gerne die letzte Konsequenz aus jeglicher Idee, trieb die Unerbittlichkeit bis zur Verirrung, bis zur Provokation und verlieh sogar der Raserei die Würde eines Systems. Mit anderen Worten, ich konnte mich leidenschaftlich für alles entflammen, bloß nicht für die Nuancen.“

Diese Nuancen aber sind es, die im Laufe von Ciorans skeptischen und noch den Skeptizismus überbordenden Sentenzen immer mehr Kontur und Gestalt gewinnen. Freilich nicht in der Weise, daß diese Nuancen sich zum System einer Philosophie verdichteten. Gewahrt bleibt der Charakter des Fragmentarischen, denn immer neu und immer wieder laufen diese Aphorismen sowie die philosophisch-literarischen Miniaturen gegen Welt und Subjekt an, umkreisen ihren Gegenstand und schießen so in ihrer unterschiedlichen Kontexten in jener „Lehre vom Zerfall“ zusammen. Denken ist Stoff. Stoff im Sinne einer Droge, die uns am Leben erhält. Endorphine, wie beim Sex. Denken ist für Cioran transformierte Körperlichkeit, ein körperlicher Prozeß. Mit dem Ziel körperloser Existenz. Er aktiviert in seinen Streifzügen die Kierkegaardschen Begrifflichkeiten wie Furcht und Angst, doch ohne noch im Religiösen den Anker auszumachen.

„Mehr denn je sollte man Klöster bauen … für jene, die an alles glauben, und für jene, die an nichts glauben. Wohin fliehen? Es gibt keinen Ort mehr, wo man berufsmäßig die Welt verabscheuen könnte.“

Wie auch Kant wußte Cioran, daß der Mensch aus krummem Holz gemacht ist. Stofflich amorph.

Bild-Copyright: “The Human Condition 1935” by The University of Hong Kong. Licensed under Fair use via Wikipedia

Lyrik in Kälte zu verwandeln – Ghostdancer

Dämmrung will die Flügel spreiten,
Schaurig rühren sich die Bäume,
Wolken zieh’n wie schwere Träume –
Was will dieses Grau’n bedeuten?

Hast ein Reh du lieb vor andern,
Laß es nicht alleine grasen,
Jäger zieh’n im Wald’ und blasen,
Stimmen hin und wider wandern.

 Hast du einen Freund hienieden,
Trau ihm nicht zu dieser Stunde,
Freundlich wohl mit Aug’ und Munde,
Sinnt er Krieg im tück’schen Frieden.

 Was heut müde gehet unter,
Hebt sich morgen neu geboren.
Manches bleibt in Nacht verloren –
Hüte dich, bleib’ wach und munter!
(Joseph von Eichendorff, Zwielicht)

 Lyrik in Kälte zu verwandeln, den schönen Ton und Klang in die Hermetik zu bannen, das Stimmungsvoll-Gefällige, das Herzbewegende in den Stein zu schlagen. Frost und Bennsche Klinik auf den letzten Höhenmetern, während der aisthetisch Blutdruck schnellt: ein Seziermesser, ein Skalpell, und die Retraktoren begegnen sich auf dem Operationstisch. Kein Körper mehr, sondern Wunde und Öffnung, kein Hauch über den Wipfeln und Gipfeln: freilich ist das Ruhe, Totenlied, die Irrlichter im Moor, auf dem Weg zum Blocksberg, Wanderers Nachtlied, kein Frühling mit blauem Band und Herbstzeit nicht mehr gülden, sondern grau. Die Schönheit von Eichendorffs Lyrik, der bereits die Bedrohung innewohnt. Wie den Gemälden Blechens. Die Illusion der Unschuld. Ganz anders als die Bedrohungen, die Goethe wahrnahm, die einer ferneren Epoche entstammen. Die Sattelzeit vereinte Disparates. Die harte Differenz. Todesartenvielfalt. Das Schöne der deutschen Sprache ist das Kompositum, es lädt zur beliebigen Kombination ein: mal Dada, mal Scherz, mal schiefe Bedeutung. In der Ironie und im Spott zu wildern. Der Winterschnee geschwärzt vom Ruß. Nie mehr in Kreuzberg zwischen Kohlestaub und Hundescheiße wohnen. Eis – Eden. Von Friedrich Hölderlin zu Paul Celan mutet der Weg weit an. Aber das scheint bloß so, ist äußerlich. Enggeführt bleibt das, was Dichter stiften. Schneepart. Teilen ohne zu teilen und sich mitzuteilen oder zu partitionieren.  Das deutsche Gedicht.  Das ist auch Rolf Dieter Brinkmanns Popton. Hail! Hail! Rock’n Roll. Und mehrfach die Zeitenwenden geschrammt. Vom Verstummen nach Auschwitz, zum fliegenden Robert, dem Eskapisten. Die Gedichte des späten Benn waren häufig zu gemütlich. Der Tierkörper zieht schwer. Prosaton und Kältekammer: Die Ästhetik des Widerstands.  Unter dem Himmel von Paris. Scheiß drauf.

Der Blogbetreiber teilt seinen Leserinnen und Lesern mit, daß er seit Freitag 50 Lenze zählt. „Wer auf dem Kopf geht, der hat den Himmel als Abgrund unter sich.“ (Paul Celan, Der Meridian) Am 21. November erschoß sich Heinrich von Kleist gemeinsam mit Henriette Vogel, der er diese eine unvergleichliche Kugel schenkte und zueignete. Sie bat drum, er tat es. Ihm war auf dieser Welt nicht mehr zu helfen. Schade ist es um die Texte, die wir Geneigten und Freundlichen noch hätten lesen können. Aber da hatte er bereits Bekanntschaft mit sich selber gemacht. Am Wannsee. Beziehungsweise kurz davor.

Damit es hier niemanden überkommt, überfraut oder -mant, schalte ich die Kommentarfunktion ab. Ich verbrachte diesen Geburtstag, wie es sich geziemt. Angemessen. Mit feinen Geschenken. Ohne jene, deren wunderbare Sendung ich heute bei meiner Ankunft im Briefkasten fand. „Fade into you.“ [Ich möchte an Deinen Lippen hängen! An allen!] Portraits, die einen Zustand zeigen. Es waren zwei schöne Tage.

[Die photographierten Kunstwerke stammen von Katharina Sieverding]

 

 

 

Kraniche über Küstrin – Bildszenen

„Poserschuhe“, entgegnete der Verkäufer auf meine Frage beim Schuhregal in der Jack Wolfskin-Filiale, „aber keine anständigen Schuhe zum langen Wandern sind das.“ Das sind die Sätze, die nachklingen. Schüsse fallen im Hintergrund, weit entfernt noch, ein Knall, ein weiterer, mit einem Nachhall, in die Stille hinein, irgendwo in den Brandenburgischen Wäldern hallen sie dumpf, ein Aufknall, am Lauf der Spree, Jagdzeit. Fuchs, du hast die Gans gestohlen. Ich liebe das Wild, ich liebe die Jagd, das gehetzte Tier, die Meute der Hunde, der Drahthaarige spurtet, mit schlanken Läufen. Ich habe Hunger. Immer. Die Schuhe streifen durchs nasse Gras, frühmorgens. Die hohe, feuchte Wiese netzt zunächst das Material, dann zieht es von den Schuhbändern und dringt durch die Laschen in den Schuh ein. Ich bekomme nasse Füße. Von einer Wiese. „Poserschuhe“, denke ich mir, „keine Wanderschuhe.“ Wanderschuhe für Stadtmenschen, die glauben, daß sie in der Landschaft wandern. Aber in Wahrheit ist der Schuh ein Stadtschuh, der den Schein außerurbaner Wildheit vermitteln soll. Zumindest jedoch sieht er nicht wie diese klobigen, unförmigen, in grell-häßlichen Farben auftretenden Wanderschuhe aus. Das schien mir beim Kauf wichtig.

Es waren am Morgen die Kraniche in der Luft. Vielleicht auch jener, den die schöne blonde Frau mir mit auf den Weg wünschte. Ich bin zu alt für diese Flüge. Ich wäre gerne mitgegangen. In Deiner Hand die meine. Ich mag es, wenn im Hintergrund diese Schüsse der Jäger fallen. Sie erinnern mich an eine Treibjagd. Auf den Schultern ihrer Weste war Fell appliziert, modisch schick, wie Frauen sich gerne kleiden, denke ich mir. Unser erstes Treffen in einem Gourmetrestaurant. Gentrifizierungsschuppen, denke ich mir, ich schaue auf ihre fellbesetzte Weste, ich rieche ihr Parfum. Ich hätte gerne meinen Finger in ihrer Möse. Laß uns in die Vorstädte gehen. Der Geruch nach Herbst und Gedicht. In der Kühle des glimmenden Morgens, in den Spreewäldern, östliches Brandenburg, gelb und rot schimmern die Blätter. Mach die Bilder zu, im Kopf, Aktaion!

Die Leere aber, die Frage, was in der Welt diese Welt nun sei. Es bleibt die Frage, die Leere der Begriffe, die Fahrt im Auto über die Landstraße zur Morgensonne, nach meinem Spaziergang in einem der unscheinbaren Dörfer Brandenburgs, solche Ruhe. Eine Ortschaft, kurz vor Fürstenwalde. Das Dorf hinter mir lassend, geht die Fahrt hinein nach Fürstenwalde. Eine der vielen langweiligen Städte Brandenburgs: Ausgewählt öde Orte. Wenn ich mitten in der Stadt bin, befällt mich manchmal der unwillkürliche Reflex, eine Passantin zu befragen, wo es denn hier zum Zentrum ginge. In Eisenhüttenstadt passierte es mir vor zehn Jahren: Ich stand da, sah hinter Glas in einer Vitrine einen Lageplan, schaute auf das Straßenschild, um zu sehen, wo ich mich befand und wollte den Weg zur Innenstadt suchen. Als ich auf der Karte mich orientierte, mußte ich bemerken, daß dieser Platz, auf dem ich eine vergilbte Karte studierte, eben jene von mir gesuchte Innenstadt war. Die Trostlosigkeit hatte endlich ein Gesicht und einen Namen gefunden: Eisenhüttenstadt. Ich war einerseits amüsiert, andererseits verblüfft. Ich denke während meiner Fahrt durch Brandenburg an die Kraniche und an jene Frau mit den langen blonden Haaren.

Alsbald verließ ich, nachdem ich noch den jüdischen Friedhof aufsuchte, Fürstenwalde, in Richtung Polen hin, nach Kostrzyn nad Odrą. Wer in Küstrin meint, das alte Küstrin zu finden, sollte nicht nach Küstrin fahren. Die Festung, wo Friedrich II. nach seiner gescheiterten Flucht vorm gestrengen Vater oder vor dem Regime der Welt oder vor sonst etwas einsaß und aus dem Kerkerfenster der Hinrichtung seines Freundes Katte zuschauen mußte, steht nicht mehr. Eine immer wieder faszinierende Szene. Pathos, Tod, Freundschaft, Flucht, Ende. Alles vereint. Schön schauerlicher Königsvater. Es waren zwei Königskinder. Nein, nur eins. Nichts steht mehr dort. Küstrin, heute eine armselige Stadt. Die faschistische Wehrmacht bzw. deren Befehlshaber oder gar der Führer selbst, erklärte Küstrin zur Festung. Artilleriebeschuß und Fliegerangriffe, Trümmer, aus denen heute, an dem Ort, wo früher die alte Stadt mit seinen Kanonen am Ufer der Oder thronte, zwischen all dem überwuchernden Grün Mauerreste ragen. Und mit einem Mal sticht da aus dem Grün, dem Gestrüpp ein verbrannter Holzpfeiler heraus, von Vergangenheit zum Jetzt hin, und es rückt Stück um Stück die Rote Armee auf Berlin vor. Von der Wolokolamsker Chaussee bis zur Frankfurter Allee führte die Spur der Panzer, der Haubitzen, der Artillerie und all ihre Soldaten, die den Weg bahnten, Katjuscha-Batterien, Stalins Musik, der Muschik, der Infanterist, Schritt um Schritt, Schuß um Schuß.

Russenpanzer über das sumpfige Land: die Kämpfe um die Seelower Höhen waren in den letzten Zügen dieses Krieges für die Rote Armee schwer, blutig und verlustreich. Dennoch: siegte sie am Ende über das faschistische Deutschland. Den Russen ging es auch 20 und 30 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht viel besser als vorher, während in DDR und BRD der Wohlstand bereits blühte.

Und im Spiegel hinter mir, oderwärts, im Auto, im Abendlicht, wieder die Kraniche, die schwebten, flogen, in Formation. Die Sprache in Schrift werden wir nicht vergessen und in der Erinnerung bewahrt sich dieser Dialog, bleiben die Szenen, mischen sich mit dem Abgelebten. Abglanz. Als Gemahl der Schneekönigin. So betrachten wir die Spiegel. Medizinisch, klinisch, klar und kalt in den Strukturen. Während meine Finger die Haut der schönen Frau imaginieren. Im Wirtshaus zur Abendrast betrachte ich an einer Wand die Geweihe der erlegten Hirsche, das Bild eines Hirschs, opulent gemalt, an der Wand, Jagdszenen, die Hunde, das Bad, die Blicke, der Körper. Die Strafe ist meist grausam fürs kurze Schimmern der Haut. Ich löffele die Suppe, esse das Ragout, bezahle den mürrischen Kellner. Im Osten Brandenburgs, wieder die Fahrt aufnehmend, im grellen Gegenlicht, während die Sonne vor Berlin in den Westen treidelt, tiefer und tiefer, bis die Wälder der Landstraße das Gegenlicht mildern und den Glanz dieser Sonne am Ende verschlucken.

Von jener Reise habe ich einige Photographien gemacht. Sie fand am 4. Oktober statt.

Lichtenberg-Connection

„Denkt nicht, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, einen Menschen zu entzweien mit seinem Vater, die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter, und des Menschen Feinde werden seine Hausgenossen sein.“ (Mt 10:34-36)

Mit Martin Seel läßt sich in diesem zunächst theologischen Kontext im Hinblick auf die Ästhetik bzw. die ästhetische Erfahrung von der „Kunst der Entzweiung“ sprechen. Allerdings halte ich diesen von Seel thematisierten Aspekt ästhetischer Erfahrung als Modus der Ästhetik für fragwürdig, da es auf die Hybris der Empfindungszustände als Maß für Kunstbetrachtung und -kritik hinausläuft. Das Resultat ästhetischer Erfahrung ist die Event-Kunst.

Ich könnte mir am Wochenende die Art Berlin Contemporary an verschiedenen Orten und insbesondere am Gleisdreieck ansehen. Sollte ich bei diesen Betrachtungen den „10 Dinge, die man auf der ABC nicht verpassen sollte“ folgen? – eine Empfehlungsabarbeitungsliste des Magazins „Monopol“: Zeitschriften, die uns in der neuen Unübersichtlichkeit, die eigentlich jedoch recht übersichtlich ist, die Orientierung erleichtern sollen. Für alle ist gesorgt, so beschrieb Adorno die Mechanismen und das wohltätige Kunstwirken der Kulturindustrie. Noch schlimmer als das Kunstgewäsch aber bleiben all die linkspolitischen Geschwätzigkeiten: vom Gentrifizierungsgejammere, den Gendertröten, über sinnleeres Schwadronieren von der Macht des heterosexuellen weißen Mannes, das sich paternalistisch in gestanzten Sprechblasen der braven, braven Bürgerkinder_innen als Mantra und Moralmonstranz aufspreizt. Das gute Gewissen geht geothert als Katalogware hausieren. Vielleicht gehe ich morgen jedoch einfach nur spazieren. Mit der Kamera. Durch eines der Viertel dieser Stadt.

Halbfahles Licht und ich schlendere über die Flächen. Die Brachen, die Ränder, die Zonen der Stadt. Lichtenberg. Verhängnis, Randgebiet, Zentrum in einem. Oder ist das noch Friedrichshain, da, wo ich gehe? Da, wo der Ostbahnhof steht? Egal. Ich zücke wie immer die Kamera. Heute wieder die leichte Olympus. Irgendwann kaufe ich mir die Leica M 9. Inzwischen gibt es sogar eine Leica M 9, die nur schwarz/weiß photographiert. Ich kehre demnächst zu meiner Nikon F3 zurück und werde wieder Filme entwickeln. Das ist vermutlich die einzige Art, angemessen zu photographieren. Diese auf die Bilder gekleisterte Filtersoße ist nicht meine Sache. Ich möchte Bilder und keine Effekte. Der schwarze Boss-Blouson, den ich statt meiner Englandjacke trage, ist viel zu luftundurchlässig, speichert die Hitze. Im Herbst und Winter dann wieder die schwarze Lederjacke, wie es sich für den Intellektuellen auf den Spuren Ernst Jüngers und Uwe Johnsons geziemt. Praktisch, wasserabweisend, elegant und gut.

Bei Lichtenberg muß  ich zunächst immer an den großen Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg  aus Göttingen denken, er schätzte Kant ungemein, schrieb böse und teilte aus, ätzte gegen den blödsinnigen Geist der Zeit wie etwas Lavaters absurde Studien zur Physiognomie, wo man das Wesen nicht aus dem Namen oder dem Begriff, sondern aus der Physiognomie heraus lesen konnte. So kann es gehen, wenn die Empirie die Oberhand gewinnt. Die krude Beobachtung ist sich für keinen Blödsinn zu schade und sei er noch so flach. Lichtenberg schrieb dagegen die  „Fragmente von Schwänzen “. Und dann denke ich bei Lichtenberg natürlich an die Magdalena – ich mag diese Gegend rund um dieses seltsame Hochhaus mit dem grauen Hof herum. Wir möchten Sie bitten mit zu kommen, zur Klärung eines Sachverhaltes… Ich bin der Mann mit der schwarzen Lederjacke, der über die Höfe schlendert und durch den Eingang geht, vor dem früher mancher Wartburg oder Volvo hielt.

Lichtenberg ist auch: „Neues Deutschland“-Gebäude, davor der Franz-Mehring-Platz samt einem Denkmal. Was früher zentral für die DDR-Presse und ihre restringierte Berichterstattung war, ist heute Vergessenheit. Immerhin hat die Rosa Luxemburg-Stiftung hier ihren Sitz. Ansonsten liegt das Gebäude an einer Durchgangsstraße, die die Spree mit der Karl-Marx-Allee verbindet. Wohngebiete mit Hochhäusern, und der merkwürdig verkommene Hinterhof, wenn man den Ostbahnhof nach Norden hin verläßt und auf das Galeria-Kaufhof-Gebäude sich zubewegt. Eine vergessene Zone, derer man sich demnächst sicherlich erinnern wird. Dann wieder Brachland, in die Wohnzonen gestreut, und das geht ineinander über, von den verwilderten Flächen, den Grasnarben, den weggeworfenen Dingen, die am Rande liegen, Papier, Kippen, Flaschen, Hemden, das Höschen einer Frau, Socken, eine Toilettenschüssel, Plakate, die unendlich überklebt wurden und von den Sandwegen geht es auf die asphaltierten Straßen zu, die Durchgänge zu den Häusern. Ein Radio spielt laut Musik, daß es über den gesamten Hinterhof des Hochhauses schalt. Aber es ist keine Menschenseele dort zu sehen. Samstag-Mittag. Blumenkästen. Geranien. Am Fensterbrett türmen sich Aufstellfiguren. Dann laufen drei Kinder wie aus dem Nichts den Plattenweg entlang. Durch den Torbogen und wieder fort. Der leere Platz.

Es singen „Die Sterne“ auf ihrer neuen Platte „Flucht in die Flucht“: „Bezahlbare Wohnungen in den gängigen Vierteln gesucht. Nach Renovierung werden die Preise kaum merklich steigen …“

Photographien eines vor einem Monat getätigten Spaziergangs durch Lichtenberg  gibt es auf Proteus Image zu sehen.

Skizzen der Melancholie, Skizzen der Liebe

„Der Mensch bekommt die Bedingung nie in seine Gewalt, ob er gleich im Bösen danach strebt; sie ist eine ihm nur geliehene, von ihm unabhängige; daher sich seine Persönlichkeit und Selbstheit nie zum vollkommenen Aktus erheben kann. Dies ist die allem endliche Leben anklebende Traurigkeit: und wenn auch in Gott eine wenigstens beziehungsweise unabhängige Bedingung ist, so ist in ihm selber ein Quell der Traurigkeit, die aber nie zur Wirklichkeit kommt, sondern nur zur ewigen Freude der Überwindung dient. Daher der Schleier der Schwermut, der über die ganze Natur ausgebreitet ist, die tiefe unzerstörliche Melancholie alles Lebens.“ (F.W.J. Schelling, Vom Wesen der menschlichen Freiheit)

Traurige Tropen. Fragmentierungen, die uns in den Wendungen und Windungen bleiben. Wir wollen vieles, doch es zerrinnt. Nur jenseits aller Intention geht es. In der ästhetischen Existenz gar? Literatur und Leben, Kunst und Leben jedoch sind zweierlei. Das Begehren der frühen Avantgarden – sei es das der Romantiker in Jena oder der Künstler des frühen 20. Jahrhunderts – bleibt ein Phantasma, wenngleich ein schönes. Das Leben ist zu beschädigt, als daß es Gedankenräume für eine Utopie geben könnte und sich Leben in der Kunst oder Kunst im Leben aufhöbe und die Herrschaft anträte. (Allenfalls als Meesesche Parodie reicht es.) Allerdings gibt es diese exzeptionellen Momente des Lebens, die Daseinsekstasen. Im Moment kommt mir der Kostüm- und Historien-Film „Die geliebten Schwestern“ von Dominik Graf in den Sinn. Ein Film über eine Ménage-à-trois zwischen der älteren und verheirateten Caroline von Beulwitz, Friedrich Schiller sowie der ledigen Charlotte von Lengefeld. Lebensmodelle?

Was diesen Film sicherlich interessant macht – ob er es auch gut umsetzt, bleibt zu sehen – ist die Epoche, in der er spielt: ein (Liebes-)Leben außerhalb der Konventionen, vor dem Hintergrund der Französischen Revolution, die ein vollkommen anderes Europa schuf, Sitten und Gebräuchen, Lebensmodellen und Partizipationsweisen am Politischen einen neuen Raum gab. Inmitten dieser Wirren ein Lebensentwurf dreier Menschen, der noch heute kaum zu kommunizieren ist. Und Liebe ist, das wissen wir spätestens seit jenem genialen Buch von Niklas Luhmann, eine Weise der Kommunikation, bleibt auf (gesellschaftlich approbierte) Kommunikationsformen, die die Intimität codieren, angewiesen. Nur in diesen Formen kann sie existieren. Die Liebe der Griechen war eine andere als die der Romantiker aus Jena. Ich bezweifle zwar, daß Grafs Film gelingen wird, hege den Verdacht: Deutscher Fernsehfilm. Doch ich will nicht vorschnell urteilen. Liebe ist ein wildes, ein schönes Elixier – auch für den Film. Die Dichter besangen sie.

Heute morgen erschien es auf meinem Bildschirm, zeigte es mir Avira an: „13 Millionen Gefahren in 30 Tagen entdeckt“. Mir will scheinen, daß es mehr sind.