Reisenotizen (4) – Küstenstraßen, westnordwest

Während alle Menschen auf der Buchmesse in Frankfurt durch Gänge und Räume schreiten, schweben, schniefen oder hasten, um Attraktionen, Bücher und Menschen zu bestauen oder sich für ein Europa begeistern, daß in meinen Augen eher die Gestalt des schrecklichen Jean-Claude Juncker angenommen hat, was ich sehr schade finde, denn eigentlich ist Europa eine gute Idee, lesen die meisten vermutlich keine (Bücher)Blogs, sondern sammeln Eindrücke oder schreiben über Messewichtiges.

Immerhin ist mir Robert Menasse über die sozialen Medien etwas näher gekommen. Ich mochte eigentlich sein Europa-Buch weder mir besorgen, noch lesen. Aber dann fand ich bei Facebook dieses Zitat, mir behagend, mein Humor, allerdings aus einem früheren Roman, Don Juan de la Mancha, was ja allein von der Titelwahl schonmal gut begeisternd sich ausnimmt, und erst recht dann diese amüsante Preziose:

„Die Schönheit und Weisheit des Zölibats verstand ich zum ersten Mal, als Christa Chili-Schoten zwischen den Händen zerrieb, mich danach masturbierte und schließlich wünschte, dass ich sie – um es mit ihren Worten zu sagen – in den Arsch ficke.“

Also keine Messe, kein Menasse, oder besser: Menasse später. („Robert Menasse, den ich hasse/ doch bei Menasse Eva/ werd‘ ich immer scherfa.“ Aus meiner Serie „Reime mich oder ich schüttele und zwinge dich“. Kann mir das bitte jemand als Sexismus auslegen? Büdde!)

Ich bekomme nach jeder Messe jedes Mal eine Erkältung, das Kalt-Warm zwischen Drinnen-Draußen-Luftgebläse behagt mir nicht, auch ist mir – so schön ich die Buchmessen in Leipzig und Frankfurt ansonsten finde, insbesondere die Stände zur Kunst, zum schönen Kunstbuch, zu den Grafiken und Illustrationen, Burg Giebichenstein, HGB Leipzig – das Gedränge in den Gängen zuwider. Also besser ein paar schöne Photographien von der Küstenstraße zwischen Andratx und Estellences zeigen und im Süden schwelgen, es ist ja inzwischen nur noch – frei nach dem wunderbaren Rolf Dieter Brinkmann – ein Wörtersüden, Sprachsüden, Imaginationssüden. Süden als Bild, als Fiktionen, als Text, der aus dem Erlebten auftaucht, Reisezeit, und die gelebte Ferne ins Gedicht gebannt. Voyeurs Appartement 311 South Side mit Blick zum Meer, „Der Körper singt/ ein Pflanzenlied …“

Sie fickten die Mädchen auf dem Feldweg.
Ah, die Schuljungen mit den Schlagringen in den
Schultaschen, sind müde und traurig geworden.
(…)
Die Nacht ist klar
die Nacht ist kühl, was
einmal war, ist eine Platte,

***

Sie träumen alle vom Süden, Wörtersüden,
nächtlicher Gaukelsüden, Schwebetiersüden,
Bunte Hosen Süden! Asphalt und Autowracksüden!
Scheißkötersüden, Turnschuhe und Ölkanistersüden.
(…)
Fiktion Süden, weiter, über den warmen Beton, wo Gras
zwischen den Fugen sprießt, Süden, durch den Schatten
Tunnel, helle Flecken, raschelndes Laub, Süden.
(Rolf Dieter Brinkmann, Im Voyageurs Apt. 311 East 31st Street, Austin)

 

 

Reisenotizen (2) – Straßen und Gebeine

Heute Flores und auch Weiber
Geile nackte Zeitvertreiber.

Blumen, Katzen, Avenidas,
Frauenbeine und sonstwiewas.

Im Straßenraum wird schön gewildert:
Der Weg zum Klo ist ausgeschildert.

So schrieb es sich der Beobachter ins Notizbuch, während er die Beobachterinnen und Beobachter in der Stadt Palma de Mallorca beobachtete und in den verstohlenen Situationen photographierte, um sich ein Bild zu machen. Eine Beobachtung zweiter, wenn nicht dritter Ordnung. Er dachte sich, das könne man zusammen mit den Photos als Entwurf an jener gendersensiblen Hochschule einreichen. Und Muschi-Content geht schließlich immer, wirklich immer.

Ansonsten bleibt für uns Photographen, Essayisten, Kulturjournalisten sowie für uns Phänomenologen des Alltags nur übrig zu sagen: der öffentliche Raum ist zum Schauen da. Ja, man glaubt es kaum in den heutigen Tagen.

Reisenotizen (1) – Tramuntana-Gebirge

Die Vierzigjährige wirft bewundernde Blick auf den Photographen, der die Avenida hinaufwandert. Eigentlich ist es gar keine Avenida, sondern ein Weg im Gebirge. Gut gangbar aber, denn ich bin kein Bergsteiger. Am Wegesrand Schluchten und das Gestrüpp der Macchia. Buschland, so sagt man. So auf dem Weg beim Spazieren entstehen die schönen Gedichte, die wie hingestreut wirken, und weshalb sollten nicht auch Frauen bewundernd auf Männer, Straßen und Blumen blicken? Die neuen Prüden des neo-evangelikalen Zeitalters werden das nicht begreifen: das Schauen etwas mit Lust, Eros, Freude und Ereignis zu tun hat. Sinnlichkeit und Reflexion. Das Fehlen des Eros, ihr Haß auf die Lust und aufs Ästhetische: und wenn man sie ansieht bleibt zu bemerken: es sind häßliche Menschen, Wiedertäufer im Geiste, die auf einem linken Ticket reisen, um ihren autoritären Charakter zu kaschieren.

Es geht in die höheren Regionen. Der Weg windet sich unter Pinien und Nadelholz. Flirren der Hitze. Um 12 Uhr, zur Stunde des hohen Mittags am Mittelmeer, ein ganz anderes, ein heißeres Europa taucht aus der Geschichte heraus, wenn der Schatten des Wanderers am kürzesten fällt, am Fels, im Gestrüpp. Es schrillt die Flöte des Pan, und der Schrecken fährt in die taumelnden Glieder. Cola-Schild, Ansichtskarten und ein Orangenkorb. Keine Blumen am Wegesrand, sondern Strauch und Stein. Zwei attraktive Frauenbeine mit passendem Gesicht, ein Bewunderer photographischer Szenen und des Ensembles aus Frau, Landschaft, Fels und Technik. Ein Reigen an Metaphern.

 

 

„immer wieder die kleinen Häuschen und vereisten Fensterscheiben und Schnee und Menschenleere“ – Neuhaus am Rennweg (Thüringen)

Wenn ich am Morgen durch die Landschaften aus Schnee spaziere, wie an jenem Wochenende im Thüringer Schiefergebirge, wenn ich in einer freundlichen Höhe von 766 Meter über Normalnull tief durchatme, kommt mir Kafkas später Roman „Das Schloß“ in den Sinn. Auf einer zweiten eingezogenen Ebene handelt dieser Roman vom Schnee; er zieht sich als Motiv durch das Buch. Immer wieder eingestreut finden sich die Bilder von einer Kältelandschaft. Sie bestimmen die Szenerie, determinieren das Leben im Dorf. Eine Welt, von Schwere getragen. Ich denke dabei unwillkürlich an van Goghs Bild von den Bauernstiefeln  – auch wenn ich übers von Schnee bedeckte Feld blicke. Erdschwer, wie Heidegger diese Schuhe beschrieb. Dabei stammte das Schuhwerk von einem Pariser Trödelmarkt und es waren van Goghs eigenen Schuhe. Nicht der auf die Scholle geeichte Bauer, sondern der vagabundierende Künstler, der durch die moderne Großstadt stolpert, das Paris des XIX. Jahrhunderts, im postbaudelaireschen Zeitalter. Die Ware  – zur Höchstform entfaltet, in den Passagen und Schaufenstern ausgestellt und illuminiert.

„Es war spät abends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor.“

„Nun sah er oben das Schloß deutlich umrissen in der klaren Luft und noch verdeutlicht durch den alle Formen nachbildenden, in dünner Schicht überall liegenden Schnee. Übrigens schien oben auf dem Berg viel weniger Schnee zu sein als hier im Dorf, wo sich K. nicht weniger mühsam vorwärts brachte als gestern auf der Landstraße. Hier reichte der Schnee bis zu den Fenstern der Hütten und lastete gleich wieder auf dem niedrigen Dach, aber oben auf dem Berg ragte alles frei und leicht empor, wenigstens schien es so von hier aus.“

„‚Wie lange haben wir noch bis zum Frühjahr?‘ fragte K. ‚Bis zum Frühjahr?‘ wiederholte Pepi. ‚Der Winter ist bei uns lang, ein sehr langer Winter und einförmig. Darüber aber klagen wir unten nicht, gegen den Winter sind wir gesichert. Nun, einmal kommt auch das Frühjahr und der Sommer, und es hat wohl auch seine Zeit; aber in der Erinnerung, jetzt, scheint Frühjahr und Sommer so kurz, als wären es nicht viel mehr als zwei Tage, und selbst an diesen Tagen, auch durch den allerschönsten Tag, fällt dann noch manchmal Schnee.‘“

In bezug auf die Blog-Serie zur Gemeinschaft, deren zweiter Teil diese Woche folgt, fällt im Kontext zu Kafkas „Schloß“ auf, daß mit dem Begriff der Gemeinschaft zugleich der von Identität und von Heimat verbunden ist. An jenem Ort seßhaft sein, so strebt es K. an, zu den Bewohnern des Dorfes zu gehören. In diesem Sinne vermißt jener, der sich als Landvermesser des Dorfes ausgibt, zugleich eine innere Landschaft. Und genau dieses Bodenhafte dachte sich Heidegger, als er in seinem Kunstwerkaufsatz das Bild van Goghs deutete. Man kann das in einem dummen und nationalen Sinne nehmen, wie es die kulturalistische Linke gerne denunziert – heimlich die Zeitschrift „Landlust“ lesend –, genauso aber im Sinne einer Zugehörigkeit zu etwas: daß wir alle bestimmten Orten und Landschaften verbunden sind. Heimat und Identität mögen insofern zufällig sein, als sich niemand aussuchen kann, wohinein er geboren wird. Nicht zufällig ist jedoch der Bezug zur Ortschaft, zu bestimmten Regionen der Kindheit. Adorno zeigte dieses wie von Zauberhand gewirkte Verhältnis zur eigenen Geschichte auf wunderbare Weise in seinen „Meditationen zur Metaphysik“ und in seiner Philosophie-Miniatur „Amorbach“ – jene Ortschaften im Odenwald, die bereits beim Klang des Namens so etwas wie eine glückliche Kindheit wieder heraufbeschwören. Aber ebenso illuminiert der Reiz des Verbotenen jenen Ort, der im Blochschen Sinne eine Heimat ist. Ein Ort, an dem wir bisher noch gar nicht sind.

„Unbewußtes Wissen flüstert den Kindern zu, was da von der zivilisatorischen Erziehung verdrängt wird, darum ginge es: die armselige physische Existenz zündet ins oberste Interesse, das kaum weniger verdrängt wird, ins Was ist das und Wohin geht es. Wem gelänge, auf das sich zu besinnen, was ihn einmal aus den Worten Luderbach und Schweinstiege ansprang, wäre wohl näher am absoluten Wissen als das Hegelsche Kapitel, das es dem Leser verspricht, um es ihm überlegen zu versagen.“ (Th. W. Adorno, Negative Dialektik)

Interessant in diesem Zusammenhang scheint mir die Lektüre von Peter Trawnys bei Matthes & Seitz erschienenem Bändchen „Was ist deutsch? Adornos verratenes Vermächtnis“. (Übrigens keine deutschtümelnde Renationalisierung Adornos, wie mancher jetzt auf die schnelle mutmaßen mag.) Eine Rezension des Buches folgt hier demnächst.

Eisfeld (Thüringen) oder in der Abstraktion

Gewaltige Stille. Alles brach, kein Laut dringt ans Ohr, wenn ich durch die Gassen dieses Ortes schreite. Fast wie eine Ewigkeit, une saison en enfer. Dichterorte, Spielwiese für Photographieflaneure, die das Leben, das für viele schon lange nicht mehr lebt, gerne pointieren. Und doch ist es eine besondere und in Teilen sogar schöne Welt. Eine der schönen Fernen, die schwierig macht. In der realen Ferne der Kleinstadt jedoch tönen nur die vorbeifahrenden Autos, die über die Landstraße 4 brausen.

Es gibt diese Orte, in denen nichts geschieht, keiner rührt sich, keine Bewegung, kein Hauch, nicht einmal eine Gardine bewegt sich, hinter der jemand hervorlugte oder hinter der ich wenigstens ein menschliches Gesicht vermuten könnte. Die Augen blickten verstohlen auf die Straße und betrachteten mit Argwohn, was ich dort treibe. Um gleich die Gardine zurückgleiten zu lassen, sobald der Beobachter bemerkt, daß er von dem Beobachteten mit dem Photoapparat, selber wiederum beobachtet wird. Vetterchens Eckfenster vielleicht. Aber Eisfeld ist nicht Berlin, nicht einmal Bamberg – Orte, an denen sich der Menschenbeobachter E.T.A. Hoffmann aufhielt.

Der vermeintliche Betrachter hinter der Gardine wird kein Luhmann-Leser sein. Beobachtungen höherstufiger Ordnung durchführend. Ein Menschenschauer hinter dem Glas. Ein Eisfeld-Philosoph und der Poet im stillen Ort in der Kammer. Eigentlich ist Eisfeld eine ideale Stadt für Berliner Möchtegern-Dichter oder solche Irgendwasmitmedien-Schreiber, die sich gerne Kulturjournalisten nennen, das Heer der Prekären: Um runterzukommen vom Erlebnisdrang oder einfach, weil es hier günstig ist. Immobilien kosten nicht viel, Mieten sind bezahlbar.  Hier lebt es sich gediegenen und fern jeglicher Aufregung. Nur an den Dialekt muß der Zugereiste sich gewöhnen. Weit ab vom Schuß, höchstens vielleicht der aus einer Gaspistole.

Eisfeld liegt am südlichen Rand des Thüringer Waldes. Es ist der fränkisch geprägte Süden Thüringens, und dies höre ich bereits am Dialekt der wenigen Menschen, die mir hier begegnen werden. Eisfeld sei die drittgrößte Stadt im Landkreis Hildburghausen berichtet mir Wikipedia, als ich im ungemütlichen Pensionszimmer nahe Siegmundsburg im Internet recherchiere. Kleines Kaff im Thüringer Schiefergebirge. Mare crisum.

Einzig auf dem Parkplatz des Orts-Edekas tummelt sich ein wenig Leben. Menschen gehen in dem Markt hinein oder mit vollen Taschen wieder heraus zu ihren Autos. Der Marktplatz mit dem Rathaus und der Apotheke ist menschenleer. Ein PKW mit einem  Riesenlettern-Aufkleber an der abgedunkelten Heckscheibe parkt am Platz: „Division Thüringen“ prangt dort in lässiger Frakturschrift. (Die die Nazis allerdings verobten hatten.)  Ein paar Schritte weiter finde ich das Schloß; darin ein Museum still schlummert und ein griechisches Restaurant. Die Runde durch den Ortskern, sofern diese Bezeichnung zulässig wäre, ist schnell gemacht. Vor dem Edeka eine Bratwurstbude, ein Mann wendet auf dem Rost die Thüringer, wärmt sich an der Elektroglut. Gegenüber dem Parkplatz liegt eine Bäckerei. Dort esse ich zwei Stücke ausgesprochen leckeren Kuchen. Der ist nämlich tatsächlich selber gebacken. Etwas, das ich in Berlin nur in ausgewählten Konditoreien bekomme. Die Kuchen von Havelbäcker oder wie diese Art von Fertigungsstätten für Instantkuchen auch heißen mögen, schmeckten nicht, und auch die der Konditorei Reichert sind nur halb so gut. Heimwärts dann und gestärkt geht es zurück ins Gebirg. Welt aus Schieferstein.

 

Wiener Blut – keine aktionistische Komödie, aber ein Mysterienspiel

Ich lungerte gestern nacht – ebenso wie Foucault seinerzeit – in jenen Darkrooms herum. Ich suchte und trieb meine Begrifflichkeiten durch Suchmaschinen. Ich habe dabei ein schönes Buch entdeckt und sofort erstanden, ein kleiner Zufallsfund beim Recherchieren zu Hegel: „Nervenkunst: Literatur und Psychoanalyse im Wien der Jahrhundertwende“, von Michael Worbs. Paßt, dachte ich mir, paßt wunderbar.

Städte. Denke ich an Wien und sehe die Bilder, will ich da immer wieder hin. Merkwürdig, wie manche Städte in Bann ziehen und andere am Arsch vorbeigehen. Ganz sicher liegt meine Liebe zu Wien darin, daß diese Stadt meiner Lebensform nahekommt. Gute Weine, herrliches Essen, vom Tafelspitz bis zum Gulasch, süße Mehlspeisen, Kaffeehäuser, in denen unaufgeregt gesessen und Kuchen gegessen wird. Oder wie es Alfred Polgar schrieb: „Im Kaffeehaus sitzen Leute, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen.“ Es ist ein morbider Charme in den Bezirken, selbst noch dort, wo es geleckt wirkt wie im 1. Bezirk innerhalb des Rings. Die unendliche Ruhe des 3. Bezirks, da wo Ingeborg Bachmann wohnte und Karl Kraus mit seiner Fackel leuchtete, und vom Kahlenberg einen Blick auf die Stadt zu werfen ist herrlich, um dann beim Gang hinab in eine der Heurigenwirtschaften in Grinzing einzukehren. Selbst das Touristische in Wien ist schön und bei der Rückfahrt, kurz bevor ich in die U-Bahn steige noch durch die Karl-Marx-Höfe zu spazieren. Die Stadt Freuds natürlich, was den Besucher einladen sollte, sich auch mit seinen eigenen Ticks zu befassen. Und natürlich ist es die Stadt für den Voyeur, der gerne betrachtet, aber nicht agiert, überall die Frauen: die Wienerinnen sind Schönheiten, sie besitzen einen herben Charme, und sie sind von den Frauen die erhabensten aller Hysterikerinnen. (Um einen kleinen Lacan-Zizek-Scherz zu wagen.)

Schöne Wienphotographien gibt es heute auch: vom letzten Sommerferientag. Allerdings im Jahr 2014. Wien – eine Stadt, wo man nie weiß, ob das da an der Mauer Kunst ist oder nur eine Schliere des Alltags.

Phantasierte Orte. Oder: die beste Art des Reisens

Während alle unterwegs sind, variiere ich in fröhlichem Ton den Rilke-Pathos: Denn bleiben ist bestens, und die oft zitierte Frage der Punkkapelle The Clash beantworte ich, was das Reisen betrifft, in eine Richtung hin: I stay. Sommers läßt sich gut darüber schreiben, weshalb es angeraten ist, hierzubleiben. Reisen bildet? Ein Irrtum, wenn man übers Forum Romanum eilt, wo Menschen sich vor Säulen tummeln und als Sichtachsenversteller wirken, um dann weiter zum Trajansforum zu hetzen, wo sich ebenso die Menschen drängeln. Sie schauen, ohne zu begreifen. Es ist heiß, viel zu heiß, die Stimmung kippt ins Ungnädige, verschwitzte Körper kleben aneinander. Während Paris in den Grand Vacances ausgestorben daliegt und wie die Seine träge dahinfließt wie in Apollinaires schönem Gedicht vom Pont Mirabeau und die meisten Geschäfte geschlossen bleiben, weil die Franzosen an den kühlen Atlantik fahren, tummeln sich im Louvre die Menschen vor den Bildern. Ins Gemälde sich zu versenken oder es zumindest still zu betrachten, stellt ein aussichtsloses Unterfangen dar. (Jedoch funktionierte der Wunsch nach Für-sich-sein erstaunlich gut, als ich mich im April in Courbets „Der Ursprung der Welt“ hineinkontemplierte. Kaum Menschen vor dem Bild. Manchmal macht es das Leben Voyeuren wie mir leicht.)

Soviel steht fest: Reisen birgt Gefahren! Diebische Italiener, hinterlistige Händler. Sich in die Pariser Banlieu zu begeben, um zu schauen, wie andere Menschen leben, sollte nur ein Reisender tun, der Kenntnisse des Ortes besitzt. Und wer aufs Land will, steckt unweigerlich auf der Autobahn im Stau. Trefflicher als Pierre Bayard kann auch ich es nicht ausdrücken:

„Der menschliche Körper, den wilden Tieren, Unbilden des Wetters und Krankheiten schutzlos ausgeliefert, ist ganz offenkundig in keiner Weise dafür geschaffen, seine vertraute Umgebung zu verlassen und sich in ferne Gefilde zu begeben, weit weg von dem Ort, an den Gott ihn gestellt hat.“

9783888978449In seinem Buch „Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist“ beschreibt Bayard einen Typus, den er als seßhaften Reisenden bezeichnen – Armchair Traveller, die sich keinen Zentimeter fortbewegen. Allerdings täuscht der Titel des Buches. Wer ihn unbefangen liest, mag denken, es handele sich um ein Werk, das den Leser zum Hochstapeln anweist. „Noch nie nach Tokio geflogen? Wir sagen, wie man eloquent über Japan redet, ohne dort gewesen zu sein.“ Nein, das ist es nicht. Kein Buch für Dampfplauderer. Bayard reflektiert als Literaturwissenschaftlers und teils auch mit den Mitteln der Psychoanalyse die Kunst des Nichtreisens. Das macht er auf eine unterhaltsame Art, und insofern ist das Buch eine gute Ferienlektüre – egal ob im Strandkorb oder im heimischen Ohrensessel. Wie schreibt man über Orte, an denen man nie war?

„Die Frage ist also nicht, was uns das Wissen über fremde Orte bringt, die zu besuchen für jeden aufgeschlossenen Menschen nur ein Gewinn sein kann. Die Frage ist, ob man sie tatsächlich aufsuchen muss oder ob es nicht weiser wäre, für die Begegnung andere Formen als die des physischen Ortswechsels zu wählen.“

Denn insbesondere die Literatur ist ein Medium, in fremde Räume zu gelangen, ohne sich beim  Entdecken fortbewegen zu müssen. In der Literatur können wir imaginieren, wir lassen die Phantasie schweifen, und es tut sich dort eine Topologie ganz eigener Art auf: wir sind in unseren Gedanken am fremden Ort, reiten mit Karl May durch den Llano Estacado – ein öder Ort, aber das wissen wir noch nicht. Vielleicht sind wir sogar im Akt des Lesens dem Llano Estacado  näher, als wenn wir direkt dorthin reisten.

Was für den Leser gilt, kann ebenso für den Autor zutreffen. Er muß niemals an jenen Orten gewesen sein, von denen er schreibt. Die bekanntesten Beispiele, die Bayard nennt, sind der Westmann und Orientreisende Karl May sowie Immanuel Kant, der aus Königsberg nicht hinauskam und doch Berichte von fremden Ländern zu Papier brachte, die sich lasen, als wäre er dorthin gereist. Kant legte verblüffende Ortskenntnisse an den Tag. Kant reiste im Sessel, las Fremdes mit Phantasie und schrieb. Im Grunde eine sehr viel höhere Kunst, als irgendwo hinzugondeln, sich die Tower Bridge anzuschauen und über Eindrücke zu berichten. Denn das kann jeder. Aber nie in London gewesen zu sein und derart viel Lektüre aufzusaugen, um dann zu schreiben, als ginge man in dieser Stadt ein und aus, bedeutet eine hohe Gabe. Bayard nennt Kant den Inbegriff eines seßhaften Reisenden und widmet ihm dieses Buch. Kant als Schutzheiliger – nicht schlecht. Ob es den rationalen Aufklärer jedoch freute, ist eine andere Sache.

In einer Typologie dekliniert Bayard mit Witz verschiedene Arten dieses Reisens durch. Angefangen mit Marco Polo, der in Konstantinopel feststeckte, oder Rosie Ruiz, der Marathonläuferin von Boston, die die Strecke nicht zu Fuß, sondern zu Teilen mit dem öffentlichen Nahverkehr zurücklegte. Bayard findet verwegene Konstruktionen, weshalb solche Tricks ihren Reiz haben:

„Betrachtet man das Ganze aus historischer Sicht, scheint sie mir nicht im Geringsten gegen den Geist des Marathons verstoßen zu haben, der doch genau darin besteht, die wirksamsten Mittel zu finden, um sich in begrenzter Zeit von einem Punkt zum anderen zu bewegen.“

Ebenso schreibt Bayard über verschiedene Typen von Orten: Orte, die man bloß durcheilte, wie in Jules Vernes Roman „In 80 Tagen um die Welt“, wo aber gerade durch die Eile der intensive Blick auf das Wesentliche des Ortes geschärft wird. Solche Orte, an denen man nie war. Wie Marco Polo. Oder der US-Journalist Jayson Blair, der über die Familie eines US-Soldaten berichten sollte, der im Irak-Krieg vermißt wurde. Doch alles, was der Mann beschrieb, die Fahrt über die US 77 Richtung Süden nach Texas, die Tabakfelder hinter dem Haus der Familie, war erfunden. Jayson Blair verließ in Wahrheit niemals sein Appartement in Brooklyn. Schreiben aus der Distanz. Moralisch mag das verwerflich sein, so Bayard, aber philosophisch genommen wirft dieses Verhalten die Frage auf, was es bedeutet, „an einem Ort zu sein.“

„Wir alle haben es – Schriftsteller wohl noch stärker als andere – also mit komplexen Räumen und ihren unbestimmten Grenzen zu tun, die sich nur unvollständig mit den Räumen der realen Welt decken, welche wir im Laufe unserer Reisen in unserem inneren Land ununterbrochen verwandeln.“

Genauso aber existieren ferne Orte, an denen wir uns auszukennen glauben und an denen dennoch unsere Beobachtung uns trügt. Im schlimmsten Falle passiert das dem Ethnologen. Er sitzt einem Irrtum auf, weil er die These, die er unter Beweis stellen will, bereits im Vorfeld auf seinen Gegenstand projiziert und lediglich solche Tatsachen auswählt, die zur Theorie passen. Referenzrahmenbestätigungen wie die US-Ethnologin Margaret Mead sie tätigte, als sie in den 30er Jahren Samoa bereiste und dort ihre Studie zu „Jugend und Sexualität auf Samoa“ erarbeitete. Das gegenüber der prüden US-Moral freizügige Sexualleben, das Mead auf Samoa auszumachen meinte und ihre These des Einflusses von Kultur aufs Verhalten von Individuen, beruhte nicht auf ihren eigenen Beobachtungen, sondern sie erhielt ihre Daten durch Informanten. Diese erzählten Mead Geschichten, die sie durch ihre Einstellung womöglich suggestiv hervorkitzelte, anstatt der Sache selbst Raum zu gewähren. Eine Forschungsreise in ein „imaginäres Land“, das mehr mit den USA und ihrem prüden Sex zu schaffen hatte als mit den althergebrachten Regeln der Inselbewohner. Für Bayard ein Beweis über die „Verheerungen der teilnehmenden Beobachtung“.

Doch ganz so einfach ist es nicht. An solchen Stellen gleitet Bayard schlicht oberflächlich über seinen Gegenstand hinweg. Er liefert mit seinem Buch zwar eine feine, anekdotische Tour d’Horizon, doch fehlt es an der Maulwurfsarbeit. Es läßt sich mit den Geschichte und den imaginären Reisen fein parlieren, wir bekommen einen Eindruck, was es bedeutet, nicht am Ort zu sein. Insofern handelt es sich bei diesem Buch weniger um Exkursionen in ferne Welten, sondern qua Phantasie um Möglichkeiten der Selbstgewinnung:

„Denn nur wenn man Zugang zu sich selbst hat, kann man den andern mit auf die Reise nehmen und eine Begegnung der inneren Länder bewerkstelligen. Eine Begegnung in einem gemeinsamen inneren Land, in dem das eigene Unbewusste mit dem des anderen in Dialog tritt, um einen symbolischen Raum der Gemeinsamkeit zu erfinden, der beiden, wie in einer erfüllten Liebesbeziehung, den Versuch erlaubt, wieder zu sich selbst zu finden.“

Das klingt als Lebensform genommen nett, bleibt aber eine Plattitüde oder wie man heute sagt: eine Pathosformel. Du mußt der Fliege den Ausgang aus dem Fliegenglas zeigen und was der Ratschläge mehr sind. Die Reise-Szenen Bayards sind anregend, die Moral seiner Erzählung ist dröge. Und was schlimmer ist: voraussehbar. „Es gilt vor allen Dingen, auf sich selbst zu hören …“ Das freilich möchte man nicht jedem raten, und mancher Ratgeber wirkt besser, indem er zu gar nichts rät.

Über Bayard hinausgehend, bleibt festzuhalten, daß die Literatur eine ausgezeichnete Weise ist, ein Draußen als Inneres zu entwerfen und Inneres ins Draußen zu projizieren. In diesem Sinne sind die (literarischen) Phantasmen Formen des Reisens. Wir tun als ob, wir tun so, als ob wir dort wären. Der Konjunktiv ist eine Lebensform. Auf der Galerie – die Artisten ratlos. I would prefer not to.

Der Scheincharakter der Literatur vermittelt sich mit dem Schein des Lebens, wie jene Marathonläuferin ihn produzierte. Unser inneres Afrika rumort nahe, denn um ins Herz der Finsternis zu gelangen, bedarf es keiner Schiffsreise. Maupassants „Horla“ ist nicht draußen wie gemutmaßt, sondern schlägt im Inneren. Bereits Poe wußte das 40 Jahre vorher, als er die Erzählung „Das verräterische Herz“ schrieb. „Wahrhaftig! – reizbar – sehr, fürchterlich reizbar warn meine Nerven gewesen, und sind sie noch; doch warum meinen Sie ich sei verrückt? Das Leiden hat meine Sinne geschärft – und keineswegs zerrüttet oder abgestumpft.“ Is There Anybody Out There? Sehr französisch gedacht und wir, die das weiterentwickeln wollen, nehmen Foucaults Aufsatz „Das Denken des Draußen“ oder Maurice Blanchots „Der literarische Raum“ mit hinzu.

Bayard wirft zumindest Schlagschatten auf diese Möglichkeiten der Literatur, sich in der Lüge oder im Fabulieren aufzuführen. Wer diese Art von Reise im eigenen Zimmer vertiefen möchte, sei auf ein anderes Buch noch verwiesen. Detailreicher in die Literatur tauchend und als Physiognom von Räumen untersucht Bernd Stiegler dieses Phänomen in seinem Buch „Reisender Stillstand“. Es gibt viele gute Gründe, ganz einfach zu Hause zu bleiben.

Pierre Bayard, Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist, Kunstmann Verlag, 2013, 224 Seiten (Originalausgabe), in Lizenz jetzt beim Goldmann Verlag erhältlich für 8,99 EUR.

Schöne Fremde – Teju Coles Reisebericht „Jeder Tag gehört dem Dieb“

Cole_24772_MR1.indd„Hic sunt leones“ schwang sich als Schrift früher auf Landkarten, darunter die kunstvolle Radierung eines Löwen, um die weißen Flecken der Welt zu markieren. Eine solche terra incognita ist für die meisten Nigeria. Wer keinen Grund hat, dorthin zu fliegen, wird es nicht tun. Um so besser, daß es Teju Coles wunderbaren Bericht aus Lagos gibt: „Jeder Tag gehört dem Dieb“. Nun ist jedoch diese Reise, die Cole oder genauer gesagt der Ich-Erzähler unternimmt, keine gewöhnliche, sondern er begibt sich für einige Zeit in sein Geburtsland und in seine Heimat zurück. Inzwischen lebt Cole in den USA und wurde durch seinen Roman „Open City“  bekannt. „Jeder Tag gehört dem Dieb“ erschien zuerst 2007 in Nigeria und wurde erst 2015 ins Deutsche übersetzt. Es ist Coles erstes Buch.

Wer lange fort war, sieht die Welt, in der er aufwuchs und wo Teile der Familien immer noch leben, mit anderen Augen: Fremder zwar, aber in irgend einer Weise dazugehörig – zumindest zu einem geringen Teil, weil die Kultur einer Region, die Mentalität einer Stadt sich nie ganz herauswachsen – mag man auch Jahrzehnte auswärts gelebt haben. Ebenso daß der Erzähler die Sprache spricht und insbesondere seine Hautfarbe, wenngleich etwas heller als die anderer Schwarzer, tragen dazu bei, daß er nicht sofort als Fremder wahrgenommen wird. Auch das ein Thema, denn die meisten in der BRD lesen das Buch unter der Optik eines Weißen, mitten unter Weißen. Hier aber sind wir in einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent und begleiten einen Erzähler dabei, wie er flink und geschmeidig, aber doch auf Leib und Leben achtend, durch Lagos sich bewegt. Eine Stadt mit „non-linearem Wesen“, wuchernd, chaotisch strukturiert. Ein Behemoth, so nennt Cole sie.

Cole bzw. der Erzähler blickt auf diese Stadt, weil er sie als Teil seines Lebens ergründen oder zumindest doch erfahren will, und mit seinen Augen sehen wir, was er sieht, wie jener Erzähler betrachtet und registriert. Wie es ihm in der fremden Heimat ergeht. In diesem Sinne ist das Buch ein Flaneur-Roman. Daß es überhaupt ein Roman sein könnte, entnimmt man nicht dem Ton dieser Geschichten, die wie ein essayistischer Reisebericht gehalten sind, sondern einem Hinweis auf der Impressumsseite in Kleindruck – literarischer Trick und Spiel mit der Fiktion, Schutz, Haftungsausschluß, wie auch immer: „Jeder Tage gehört dem Dieb ist ein fiktionales Werk. Sämtliche Namen, Figuren, Schauplätze und Handlungen sind Erfindungen des Autors oder werden fiktiv verwendet.“ Den Text unterbrechen allerdings Photographien. Insofern suggeriert dies den schönen Effekt der Dokumentation. Wobei es schade ist, daß die Photos nicht auf schönerem Papier und größer gedruckt sind. Ich hätte mir parallel zu diesem Buch einen Bildband von Cole gewünscht, der die Sicht des Photographierenden intensiviert, das was sich nicht in Sprache übersetzen läßt. Gerade in den Photos erfahre ich neben den Beschreibungen zentrale Aspekte wie Straßen, Kleidung und den Rhythmus des Lebens.

Die „Ekstase der Ankunft“, die der Erzähler empfindet – die meisten kennen sie, wenn wir reisen. Der Geruch des Südens, nach Meer oder fremder Landschaft auf einem Flughafen. Aber die Ernüchterung kommt schnell: „innerhalb von fünfundvierzig Minuten bin ich mit drei eindeutigen Fällen von behördlicher Korruption konfrontiert.“ Daheim sein und doch ein Fremder, denn der Blick auf Menschen und Leben ist nach den Jahren in den USA ein anderer. Cole schildert die Grundprobleme Nigerias, die sich in Lagos wie unter einem Brennglas bündeln. Da wirkt zunächst noch das Vergangene nach, das nach Faulkner, den Cole zitiert, nicht tot ist, es ist nicht einmal vergangen: Kolonialismus und Sklavenhandel:

„Einst war New Orleans der größte Umschlagplatz für menschliche Fracht in die Neue Welt. 1850 gab es fünfundzwanzig Sklavenmärkte in der Stadt. Das ist nur deshalb ein Geheimnis, weil niemand etwas davon wissen will. (…) dieser Teil der Geschichte ist heute buchstäblich versunken und war es schon lange vor der letzten großen Flut – er wurde versenkt in Trinkgelagen, Jazz und Mardi Gras. High times, die beste Medizin gegen Geschichte.“

Aber es ist schlicht zu simpel, allein den Kolonialismus für alle Übel verantwortlich zu machen, zumal Nigeria seit 1960 von Großbritannien unabhängig ist. Reich ist Nigeria zwar durch Ölvorkommen, aber das erwirtschaftete Geld wandert in die Kassen von Konzernen und in die Taschen von Kleptokraten.

Da ist vor allem die Korruption und die Neben-Ökonomie, die dem Erzähler an allen Ecken und Enden der Stadt begegnet. Sie fängt schon bei den Reisevorbereitungen im Konsulat in New York an, wo Bearbeitungsgebühren erhoben werden, die niemals für den Staat bestimmt sind. Und in Lagos sind es die Polizisten und die Soldaten, die sich ihr Zubrot verdient, in dem sie vermeintliche Übertretungen ahnden. Oder Händler, die betrügen und Straßenbanden, die rauben. Denn die Löhne reichen zum Leben nicht aus. Auch die Bevölkerung sowie deren Einstellung tragen ihren Teil an der Misere des Landes:

„dass niemand irgendetwas im Griff hat und niemand für irgendetwas verantwortlich ist. Das Leben in Nigeria, insbesondere in Lagos, erfordert unablässige Wachsamkeit.“

„Früher war die Regierung das Problem, doch wer heute in Lagos vor die Tür tritt, begegnet der Tyrannei in Gestalt seiner Mitbürger, deren Ethik durch jahrelanges Leid und ein Leben am Rande der Verzweiflung erodiert worden ist.“

Ein weiteres Problem ist die Magie und der Aberglaube: „Nichts hat natürliche Ursachen. Der Glaube an Magie und an die Kräfte des Bösen ist weit verbreitet. Und als wäre dieser Animismus nicht genug, breiten sich neuerdings die evangelikalen Christen im Lande aus, vor allem im Süden.“ Nicht daß ein alter Mann starb, weil er krank war, sondern weil er das Opfer schwarzer Magie wurde. Fanatische Religionen als Geißel. Evangelikale Kirchen sind „eines der größten Wirtschaftsunternehmen Nigerias geworden, an jeder Straßenecke schießen neue Ableger und Gemeinden wie Pilze aus dem Boden. Diese Christen sind militant und predigen eine durchschlagkräftige Mischung aus Furcht vor der Hölle und Liebe zum finanziellen Erfolg.“

Cole beobachtet jedoch nicht aus der Perspektive einseitig-absurder Critical Whiteness, deren Critical, meist „Jenseits von Afrika“, eher an selbstgefälliges Moralisieren erinnert, sondern er schreibt unter doppelter Optik: der Perspektive des Schwarzen, der einmal in diesem Land geboren war und in seine Heimat zurückkehrt, aber inzwischen mit dem Blick des Westlers, von seiner anderen Heimat her, auf Nigeria schaut und Mängel wahrnimmt, die nur bedingt mit der Herrschaft der Weißen zusammenhängen. Das Verhältnis von Sein und Bewußtsein zeigt sich auch hier. Koloniale Strukturen sowie christliche Religion und eine bestimmte Mentalität samt autochthonem Aberglaube bilden eine unheilvolle Melange. Cole nimmt sie wahr und benennt sie in pointierten Sätzen, ohne die Menschen zu denunzieren. Gerade dieser perspektivische Blick macht das Buch für Europäer interessant und lesenswert. Wir schauen mit Coles Augen, die ja durchaus auch die unsren sind. Wir sehen, wie er mit Entsetzen den Verfall beschreibt. Aber wir spüren ebenso, durch Coles Sprache, wie faszinierend und anregend diese Stadt Lagos sein kann. Ohne diese Fremde sogleich sozialromantisch als schöne Fremde zu verklären. Es mischt diese Prosa differenziert, und es läßt sich der Beobachter trotz so viel Trostlosem doch nie entmutigen:

„Und dennoch. Dieser Ort übt eine elementare Anziehungskraft auf mich aus. Seine Faszinationskraft ist unendlich. Die Leute reden ununterbrochen, angetrieben von einem Realitätsempfinden, das mir fremd ist. Sie haben wunderbare Lösungen für unangenehme Probleme parat; ich erkenne darin eine Vornehmheit des Geistes, wie sie selten ist auf diesem Planeten. Doch ich sehe auch viel Leid.“

„Während dieser ziellosen Spaziergänge komme ich wirklich in der Stadt an. Die Tage vergehen. Und gegen eine Erwartung schwelge ich nicht in meiner Kindheit. Ich suche meine alte Schule nicht auf, ich forsche nicht nach alten Freunden.“

Am Ende aber steigt der Reisende von Malaria oder einer anderen Krankheit geschüttelt in den Flieger, der ihn zurück in die USA bringt. Was bleibt von Lagos? Die Kunst des Flanierens? Nein, das Buch erschöpft sich nicht in purem Ästhetizismus, der verklärt, oder in zweckfreiem Schlendern. Es mischt genau richtig die Temperamente und Töne.

„Keine zwei Straßen verlaufen parallel. Wenn ich meinen Orientierungssinn verliere, wird mir mulmig zumute. Die fehlende Kenntnis meines Standorts setzt mich Gefahren aus, und immer besteht das Risiko, mit Feindseligkeit konfrontiert zu werden. Andererseits muß ich meine Sicherheiten aufgeben, damit ich die Stadt in ihrer reinen Erscheinung erleben und mich treiben lassen kann, ohne zu wissen, was mich hinter der nächsten Straßenecke erwartet.“

„Jeder Tag gehört dem Dieb“ endet mit einer wunderbaren Flanier- und Wahrnehmungsszene, die noch einmal ein ganz anderes Lagos einfängt: Das der Toten, das der Ruhe, das von Menschen, die Menschen sind. Man mag diese Würde, die Cole zu sehen vermeint, als Sozialkitsch abtun. Aber es zeigt doch, wie intensiv man eine Stadt in ihrer Vielschichtigkeit wahrnehmen kann. Für alle Reisenden, die ihren Blick schulen möchten und die lernen wollen, wie man aufschreibt und Eindrücke notiert, ist dieses Buch eine feine und unprätentiöse Anleitung zum Betrachten der Fremde. Und für die, die mehr über ein fernes Land wissen möchten, ein guter Einstieg.

Teju Cole: Jeder Tag gehört dem Dieb, Hanser Verlag Berlin, 176 S., 18,90 EUR