Heinz Keßler ist tot

Ich hatte schon immer einen ästhetizistischen Fimmel, überhaupt für Uniformen und insbesondere für die Paraden der NVA. Zum ersten Mal 1982 in Ostberlin gesehen, am 6. Oktober, also einen Tag vor dem Jahrestag der Republik. Da marschierten sie auf und probten ihr Jubiläum: die Kampftruppen, die NVA-Verbände der DDR. Raketenwerfer, Panzer, Jeeps, Russenautos. Die Karl-Marx-Allee war in den Nebel gehüllt, das Musikkorps marschierte auf, spielte einen flotten Marsch, die Soldaten defilierten in ihren Uniformen. Besonders liebte ich die Marineverbände, ihre weißen Hosen, die weißen Oberteile, das blau-weiß geringelte Shirt darunter.

Schon 1975 in London war ich, als Kind noch, von den Truppenparaden der Tommys begeistert. Dudelsackpfeifer und Regimenter im Schottenrock, dazu ein wendiger kleiner Panzer. Nun also ein Aufmarsch der NVA, in den meine Begleiterin und ich hineingeraten waren. Ich stellte mir vor, sie würden durchs Brandenburger Tor ziehen. Ich wollte bleiben, aber die Freundin zog mich vom Platze, zur Friedrichstraße hin, in Richtung des Tränenpalasts. „Du mußt wieder heim! Auch bei uns gibt es Aufgaben.“ Wir witzelten, wie es wäre hier uns einzubürgern, als gute Sozialisten, was würden unsere Eltern sagen, wenn wir blieben, und was würden wir ihnen für eine Ausrede auftischen? Wir gaben das letzte Ostgeld aus, viel zu viel hatten wir in den Taschen, man wurde es nicht los. Ihre Tante hatte uns noch dazu Geld geschenkt, wir kauften und kauften und es wurde das Zahlungsmittel aus Buntmetall nicht weniger. Wir kehrten dann zum krönenden sozialistischen Abschluß in ein sozusagen Wilhelm Pieck feines Restaurant in der Friedrichstraße ein, um das letzte Geld der DDR loszuwerden. Nach West-Berlin durfte man es nicht mitnehmen. Wegwerfen wollten wir es nicht.

Diskret im Hintergrund des Salons musizierten Männer in roten Westen, schwarzen Anzughosen und weißen Hemden auf einer Hammond-Orgel und einer Art Baß-Gitarre. Wir schmausten und tranken. Hübsch war es hier, ein wenig skurril vielleicht, aber das war es in anderen Orten in West-Berlin ebenfalls. Ich stellte mir die junge Frau in einer NVA-Uniform vor und wie sie sich langsam entkleidete. Ihren Frotteeschlüpfer kannte ich bereits. Ich hätte es gerne, daß sie sich in dieser Kampfmontur auf mich setzte, während ich lag. Der vom Kellner gereichte Alkohol beflügelte meine Jungsphantasie. „Würden Sie bitte Ihre Lederjacke an unserer Garderobe abgeben?!“, fragte der Mann beim Einlaß, nicht unfreundlich oder böse, aber doch bestimmt. Ich trug unter der schwarzen Lederjacke bloß ein dünnes T-Shirt. Meinen mausgrauen Pullover, den ich liebte, hatten sie mir in jener ostszenigen Ostbar am Alex gestohlen, weil ich das Stück nachlässig auf einer Stuhllehne parkte. Und weg war er. „Hey ihr beiden, ihr seid doch aus dem Westen?“ „Woran sieht man‘s?“ fragte ich dumm. „Na woran wohl? Haben hier alle solche modischen Lederjacken?“ Nein, nicht, dachte ich. Und auch nicht so einen schönen grauen Pullover. Viel weniger mausgrau als eure Häuser hier, eher so mausgrau wie die Uniformen der NVA-Männer. Wir trafen die Männer auf dem Fernsehturm. Im Drehrestaurant, was immer die da zu suchen hatten. Am Alex hatten Vopos zuvor einen Punk im Griff abgeführt, Polizei mit ihren über die Hüften hängenden Hemden. In hellblau. Ich kannte solchen Szenen ja von den westdeutschen Demos, an denen ich mich damals noch beteiligte. „Habt ihr Lust mit uns was zu trinken? Nicht so eine FDJ-Kaschemme, sondern Szene. Punks, Jazzer, Musiker, Künstler undso.“ Ja, da gingen wir gerne mit. Wilde Melange dort. Schön rauchgeschwängert, dazu paßten meine Selbstgedrehten. Gut daß ich nicht meine Schnöselluckystrikes mithatte, die damals noch keine Modemarke waren und die es nur ohne Filter gab. Meinetwegen hatten die Männer sicherlich nicht gefragt. Sie waren ein paar Jahre älter als wir, Bärte, sie erzählten, wir erzählten von uns. Das Bier fließt, kostete wenig, einander auszugeben war selbstverständlich, alles ist günstig hier zu haben.

Als wir dann aufbrachen, fehlte der Pullover. Kalt war es. Ostberliner Luft mit Kohle und Ostoktoberherbst. Die Jazzer hatten von ihren Auftritts- und Ausreiseverboten erzählt. Der eine durfte nicht aus Ostberlin, der Hauptstadt der DDR, ausreisen, der andere nicht ins sozialistische Ausland. Eigentlich müßten wir das weitererzählen jetzt. Die Süße stupste mich. Wir passierten den Einlaßbereich, jene rote Linie, die nur dem Westbürger zu übertreten erlaubt war. „Würden Sie bitte Ihre Tasche öffnen!?“, sagte der Posten. Ich machte auf. „Packen Sie mal alles aus!“, meinte er. Es war nicht unhöflich gesprochen, sondern eine schlichte, klare Ansage. Nicht anders als die im noblen Restaurant beim Einlaß. Ich dachte an die absurde Hammondorgel. Nein, es war kein Sächsisch in seiner Stimme. Obwohl ich diesen Dialekt eigentlich schon immer gemocht hatte. Heute sächselt meine Geliebte, leicht nur, in ihrer frechen Art. „Aha, Bücher“, machte der Mann. Eine Biographie über Che Guevara und irgendein sozialistische Zeugs kam zum Vorschein. Ich dachte, der Offizier wäre stolz auf mich. War er aber nicht. Ganz im Gegenteil. Er blickte ernst und skeptisch. Kurz vor Mitternacht, das Tagesvisum war am Auslaufen. Die junge Frau war schon durch die Kontrolle und schaute fragend herüber. Ich zuckte die Schulter. Ob ich von meinem gestohlenen Pullover erzählen sollte, dachte ich. Aber instinktiv hielt ich das für keine gute Idee.

Die Situation wurde angespannt. „Sie haben hier eine russische Kamera dabei. Die haben Sie in der Deutschen Demokratischen Republik gekauft. Können Sie mir bitte die Quittung dafür zeigen?“. Natürlich besaß ich keine Quittung und schon gar nicht hatte ich die Kamera in der Deutschen Demokratischen Republik erstanden. Zumal es sie im Westen für 250 DM und in Ostberlin für 2000 Ostmark gab. Ich hatte das gute Stück, es war eine russische Zenit, noch wenige Stunden zuvor in einem Schaufenster nahe des Alex gesehen und mich über die abweichenden Preise amüsiert. Aber Luxus hat eben seinen Preis sagte ich zu der jungen Frau. Ich mochte es, wenn ihr Zopf und ihre Brüste wippten. Diese unverschämte Differenz im Wert der Ware wollte ich dem Mann schon ins Gesicht schleudern, dachte mir jedoch, daß dies eine unkluge Aktion wäre. Es könnte wohl als Opponieren aufgefaßt werden. Die Sache mit dem in der DDR Bleiben würde sich bewahrheiten, dachte ich mir. Aber auf eine Weise, wie wir es uns nicht, oder besser, wie ich es mir nicht vorgestellt hatte.

Der Grenzer wühlte tiefer in der Tasche. Da kam zu allem Überfluß noch ein dreißig Zentimeter langes Teleobjektiv zum Vorschein, das ich zwar bei solchen Reisen meist dabei, aber nie bis selten benutzt hatte. Er nahm es heraus, blickte hindurch, drehte es, stellte scharf, als ob das Teil an einer Kamera befestigt wäre und da gäbe es was zu sehen. Er nickte bestimmt und mit Vopo-Blick. Ich sah meine letzte Stunde Freiheit. „Sie sind ein deutscher Spion!“, kommt es gleich. Oh weh, oh weh. Der Sozialismus kann streng sein und weh tun. Verdammte russische Zenit, verdammtes Teleobjektiv, und jene junge Süße wird sich nie wieder im Frotteschlüpfer oder in NVA-Uniform auf Deinen Körper setzen, direkt über Deinem Gesicht. Nie mehr, oh weh. Es ist schade. Eigentlich weiß ich nicht mehr, was genau ich gedacht habe. Ich wußte nur, ich mußte trotz Alkohols nun Geistesgegenwart beweisen.

„Ach, ein Teleobjektiv also. Ja, das ist ein Dreilinser, dieses Objektiv habe ich auch. Gut für den Urlaub. Eine schöne Heimreise wünsche ich Ihnen noch.“ Es fehlte bloß, daß er noch „Genosse“ gesagt hätte. Die S-Bahn fuhr uns in den Westen, zu ihrem Auto, das beim alten Reichstag parkte und wo wir die Sitze in die Liegestellung brachten.
 
 

 
 

 
 

 
 

Wolf Biermann zum 80. Geburtstag

Es kreischt leise, dann geht es lauter, spielt ins Schrille hinüber, man könnte meinen, es sei eine sanfte Variante des Industrial Sounds. Doch für die 60er Jahre ist diese Musik zu früh dran. Um die Ecke kurvt eine Straßenbahn. Automotoren rasseln im Hintergrund. Auch den Wind meinte ich zu hören, und es dringen da die Geräusche der Stadt ins Zimmer. Was für ein Auftakt bei einer Langspielplatte, denke ich mir, als ich diese Klangcollage zum ersten Mal höre. Von der Idee ist es von Biermann genial gewesen, das Auftritts- und Produktionsverbot in der DDR, das seit Mitte der 60er Jahre herrschte, einfach zur Waffe zu machen und die Lieder in der eigenen Wohnung aufzunehmen. So konnte es jeder hören: Kein Studio, Improvisiertes, denn der Lärm von der Straße, von der Chausseestraße, war nicht draußenzuhalten. Alles Dämmen half nichts, so berichtet Biermann in seiner Autobiographie „Warte nicht auf bessere Zeiten“. Also der Straßenlärm, genialer Trick und genauso genial die Idee, diese LP einfach nach seinem Wohnort zu benennen: Chausseestraße 131. Offenheit kann in diesem Falle schützen, um nicht im Stasi-Knast gebrochen zu werden. Und dann diese laute, schreiende Stimme, der wilde Sound dieser Gitarre, als das Spiel anhob. Hingerissen, als ich diesen Song aus Protest, Lautstärke und Leidenschaft hörte. Vor allem aber jene Kritik an den Zuständen im realexistierenden Sozialismus und an denen, die da bauten:

ZUEIGNUNG
Die Ballade ist gewidmet
jenen sogenannten guten
Wirklich tief besorgten Freunden:Revolutionäre Zittrer
Die mich quälen, mürben, öden
Wenn sie mir mit leichenbittrer
Müder Klassenkämpferpose
Unsern Feind im Westen zeigen
Mit gestrichen voller Hose
Aber hier im Osten schweigen

Meine erste Begegnung mit Wolf Biermann hatte ich 1979, mit 14 Jahren. In der Bücherhalle meiner Stadt lag eine Kassette aus: „Warte nicht auf beßre Zeiten“. Der Titel sprach mich an, junger Butsche der ich war und der politisch links und Kommunismus für sich zu entdecken begann. In Deutsch lasen wir eine Zeit vorher ein Gedicht von Biermann, das von der Dialektik zwischen Natur und von Gesellschaft handelte. Das, was uns als Natur erscheint, ist eigentlich Produkt der Gesellschaft und was wir als Natur sehen, ist mit Gesellschaft besetzt. Diese Dialektik und die Verschleierungen hatte ich in der Interpretation schnell verstanden und schrieb es. Der Lehrer gab die für mich übliche Note. So griff ich mir in der Stadtbücherei diese Kassette und hörte zu. Ich mochte das Spiel der Gitarre, diese Stimme, die sich überschlug, die schrie, die sanft und dann wieder grob anhob. Und zu meiner großen Freude konnte ich pubertierender Junge damit meine Mutter ärgern, die bestürzt die Tür zum Kinderzimmer aufriß und rief, daß ich diesen Krach sofort leiser machen solle, was sei das überhaupt für ein entsetzlich schreiender Mann? Mit Chuck Berry, mit Rocken und Rollen sowie Johnny Cash konnte ich sie kaum ärgern, denn das war immer ihre Musik gewesen. Mit Biermann schon. Und nun wird der Junge auch noch ein Kommunist, so mag sich Muttern gedacht haben. Denn Kommunist mit feurigrotem Herzen war Biermann damals noch – auch nach seiner Ausbürgerung in die BRD. Glaubte ans „Paradies uff Erden“ und spottete über die „verdorbenen Greise“ in Wandlitz:

Die Finsterlinge – na grade die!
reden vom Morgenrot
vom lichten Morgenrot
Die Generäle – na grade die!
reden vom Heldentod
vom schönen Heldentod.
Aah ja…!

„So oder so, die Erde wird rot“, das behagte mir und es kam der Satz von Rosa Luxemburg dazu: „entweder Übergang zum Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei.“ So dachte ich und wie alle Linken glaubten wir ans Prinzip Hoffnung.

Eigentlich gehöre ich nicht zu jenen, die auf simple Botschaften von Liedermachern hereinfallen. Songs, die dem Protest die Richtung vorschreiben, waren mit von Jugend an nicht geheuer, ich wollte nie wissen, wo die Blumen sind und wo sie geblieben waren. Vermutlich beim Schnitter, dachte ich mir. Deshalb heißt es ja Schnittblumen. Und schon gar nicht mag ich kollektive Veranstaltungen, wenn Menschen im Konzertsaal zu „We shall overcome“ selbstgefällig schunkeln – ausgerechnet bei diesem Lied, das davon lebt, bei einer Demo von Schwarzen auf der Straße gesungen zu werden. Bei Biermanns Liedern war es anders. Diese mit Brechtscher Volte geschlagenen Texte, diese Frechheit und natürlich der Umstand, daß sie in der DDR schlicht verboten waren, trugen dazu bei, daß ich mehr davon begehrte. Auch lieh ich mir das erste Biermann Quarthefe von Wagenbach „Die Drahtharfe“.

Zwar kann man diese Texte als Gedichte lesen, aber sie funktionieren eigentlich nur über die Musik – anders als die Lyrik Brechts, die auch für sich haltbar ist. Doch haben die Texte Biermanns mit den Brechtschen Gedichten oft den Ton und auch die Dialektik sowie die Tücke des Politischen gemeinsam. Hören aber muß man sie von Biermann auf der Gitarre geschlagen. Obwohl Biermann den legendären Ernst Busch kannte, verfiel er nie auf die Idee, den Barrikadentauber in irgendeiner Weise zu imitieren. Und selbst da, wo mancher eine Ähnlichkeit feststellen mag, schlägt es bei Biermanns Musik in den genialen Eigensinn um. Schreien, Kreischen, Spott für jene Greise, die sich in Wandlitz selbst einmauern, Spott für die Stasi, obwohl Biermann genau wußte, wozu das Pack fähig war. Dennoch höhnte er in der Stasi-Ballade. Dazu der harte Schlag der Gitarre. In der „Zeit“ beschreibt der Schriftsteller Andreas Maier dieses sagenhafte Gitarrenspiel, zwischen Flamenco-Anschlag, Arbeiterfaust und klassischer Gitarre. Eine lesenswerte Begegnung mit dem Liedermacher über das Spielen dieses Instruments.

Biermanns Musik unterstreicht die Texte nicht, sondern sie wirkt als Kontrapart, spielt sich gegen den Text. Sie hatte im Klang etwas Rohes, aber da waren genauso diese Zwischentöne, die mich als Jugendlicher faszinierten. Ausuferndes Spiel. Und wenn dann ein Akkordeon-Sound „Acht Argumente für die Beibehaltung des Namens Stalinallee für die Stalinallee“ spielte und den Spott über die Wendehälse der 50er Jahre herausschrie, war diese Kritik richtig. Diese Kritik am System: es galt ja bis zum Fall der Mauer, und insbesondere galt sie danach jenem grinsenden Pferdegebiß. „Es steht in Berlin eine Straße …“ „Und die Häuser stehen ewig. In Baureparatur.“ So geht maroder Sozialismus. Aber wo nichts ist, muß man mit wenig vorlieb nehmen. Biermann tat das, in seinem Land, der DDR, die seine Heimat war. Trotz Stalinismus. Gegen Faschismus. (Was freilich dort ein Lippenbekenntnis blieb, aber wengistens stand Antifaschismus, anders als in der BRD, dort auf der Agenda. Leider auch der Personenkult und Stalinismus.)

Und Henselmann kriegte Haue,
damit er die Straße baut
Und weil er sie dann gebaut hat,
hat man ihn wieder verhaut
Auch darum heißt das Ding Stalinallee,
Mensch, Junge, versteh und die Zeit ist passe!

Ist sie? Nein, bei den „verdorbenen Greisen“ wie Biermann die Normenklatura der DDR nannte, ist sie es nicht. Nie gewesen. Auch diese Lektion lernte ich als junger Linker schnell. Die DDR – das ist kein Sozialismus. Das, was dort geschah, konnte man allenfalls mit den DDR-Oppositionellen kritisch begleiten und hoffen, daß es da hinter dem Stacheldraht und eingemauert in Ost mehr solcher linker Stimmen gab. Am Ende aber brach 1990 jenes Experiment am lebenden Menschen ab. Es war gut so. Während der friedensbewegten Zeiten der 80er und beim AKW-Protest in Brokdorf zumindest wußte ich: Sowjetraketen sind keine Friedensraketen, während Nato-Raketen Kriegshetze bedeuten, wie es die DKP weißmachte, die die Friedensbewegung mit schlechtem DDR-Geld unterwandert hatte. Ebenso sind AKWs in Ost und in West die gleiche Pest. Diesen kritischen Blick lernte ich schnell. Die Lektüre von Marx tat ein übriges, um zu verstehen, daß jene Sache, die dort „in China, hinter der Mauer“ geschah, nicht der Sozialismus war, von dem die jungen Menschen träumten. Das zumindest habe ich von den Biermannplatten schnell gelernt. Trotz Traum von der Pariser Commune.

In den 80er Jahren änderte sich Biermanns Blick. Das „Paradies uff Erden“ – eine Illusion. Und auch beim zweiten Golfkrieg 1991 bezog er deutlich Stellung, viele Friedensbewegte waren irritiert, doch zu Sadam Husseins Raketen auf Israel schwiegen sie oder relativierten, wie etwa der widerliche „grüngetünchte Tartuffe“ Hans-Christian Ströbele, der meinte, „die irakischen Raketenangriffe sind die logische, fast zwingende Konsequenz der Politik Israels.“ So trennten sich bei der neudeutschen Linken, Anfang der 90er Jahre, noch einmal die Wege. Auch aus solchen Disputen um den Golfkrieg ging die Bewegung der Antideutschen hervor. Biermann votierte für die militärische Intervention:

„‚Kein Blut für Öl!‘ – heilige Einfalt! Natürlich ging es den Amerikanern auch ums Öl. Und ich sage: zum Glück! Wenn in Kuwait nicht Öl gefördert worden wäre, sondern nur die Kunst des Kamelreitens, dann hätte die Weltgemeinschaft den Dieb aus Bagdad die wertlose Beute gelassen.“

Ich nachhinein muß ich sagen: Biermann hatte recht. Wer das Völkerrecht bricht, muß mit Sanktionen rechnen. Diese aus der Hitlerzeit resultierende Logik hatte Biermann begriffen.

Von Herzen alle Gute, Wolf Biermann, zum 80. Geburtstag. Zum Schluß der Eloge aber mein Lieblingssong, es ist neben dem Barlach-Lied eines der schönsten Biermann-Stücke. Bis heute haben sich bei mir im Kopf einige dieser Songs gehalten. Wenn ich über den Hugenottenfriedhof, der eigentlich Dorotheenstädtischer Friedhof heißt – was genauso schön klingt – zu Marcuse, Brecht, Hegel, Müller und Thomas Brasch pilgere, dann summe ich diese Melodie für mich hin, manchmal schießen Textzeilen in den Kopf, ich bin glücklich, denke an die Spatzen, an meine große und unendliche Liebe im Großraum Leipzig, und die Chausseestraße 131 ist gleich um die Ecke. Doch sehen diese Straßen in der Nähe des Bundesnachrichtendienstes heute anders aus als zu DDR-Zeit mit Kohlegeruch. Der Friedhof aber bleibt:

Der Hugenottenfriedhof

Wir gehn manchmal zwanzig Minuten
Die Mittagszeit nicht zu verliern
Zum Friedhof der Hugenotten
Gleich hier ums Eck spaziern
Da duftet und zwitschert es mitten
Im Häusermeer blüht es. Und nach
Paar wohlvertrauten Schritten
Hörst du keinen Straßenkrach

Wir hakeln uns Hand in Hand ein
Und schlendern zu Brecht seinem Grab
Aus grauem Granit da, sein Grabstein
Paßt grade für Brecht nicht schlecht
Und neben ihm liegt Helene
Die große Weigel ruht aus
Von all dem Theaterspielen
Und Kochen und Waschen zu Haus

Dann freun wir uns und gehen weiter
Und denken noch beim Küssegeben:
Wie nah sind uns manche Tote, doch
Wie tot sind uns manche, die leben

Manfred Krug ist tot – „Wenn die Entlein übers Wasser sind geschwomma …“

Traurig bin ich, ich habe ihn als Schauspieler gemocht, er hatte in seinen Auftritten Charisma, er war eine Type – wenngleich ich ihn nur in wenigen Filmen und Serien sah. In seinem wohl bekanntesten Film „Spur der Steine“, der für mich immer noch großes Kino ist, aber ebenso in „Liebling Kreuzberg“, wofür Jurek Becker das Drehbuch schrieb. Da war bei Krug diese freche Klappe mit entsprechender Lässigkeit. Natürlich als Running Gag der grüne Wackelpeter, und ein wenig glaubte man sich nach jeder Folge in juristischen Dingen firm und kannte durch die Bilder ein Stückchen mehr von Berlin. Ja klar, das war Unterhaltung. Aber es war gute Unterhaltung. Ich habe das freilich erst spät begriffen, in den 80er und 90er Jahren schaute ich kaum Fernsehen. Ähnliches galt für den Hamburg Tatort. Muß man nicht viel Worte drüber verlieren: Es war gut gemacht, gut gespielt; Charly Brauer und Manfred Krug waren ein kongeniales Team. Das Singen ging irgendwann nur auf die Nerven. Beide hatten ein gutes Timing und beherzigten die Regel jedes Showstars: Wenn es am schönsten ist, aufhören. Einfach was anderes machen. Memories are made of this.

Was für eine Wucht aber war „Spur der Steine“, als wir den Film zum ersten Mal Anfang der 90er im Kino sahen. Ich mag diese Art des DDR-Kinos – Bau-auf-bau-auf –, ob nun Frank Beyer oder Heiner Caro. Erik Neutschs Roman zu verfilmen, barg einige Risiken. Literatur, die vorschreibt, wie zu denken, zu lesen, zu handeln und auch zu arbeiten sei, geht meist nach hinten los. Wie immer, wenn die gute Botschaft als Effekt billig einkalkuliert wird. Selbst wenn die Moral sozialistisch ist. Der Bitterfelder Weg mag den einen oder anderen guten Text hervorgebracht haben, aber am Ende erwiesen sich doch eher die zornigen Spaziergänger dieses Weges als die bessern Schriftsteller – allen voran die großartige Brigitte Reimann mit ihrem Roman „Franziska Linkerhand“. Ebenso eine Geschichte aus der Produktion. Aber auch Reimanns Briefe sind nicht zu verachten. Die an ihren Geliebten zum Beispiel. (Mit viel und unendlichem Dank für jenes eine Zitat, an jenem einen Tag. An die, die weiß, daß sie gemeint ist.) Was für eine schöne Leidenschaft findet sich im Briefwechsel zwischen Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann: „Wär schön gewesen!“.

Ich komme ins Schweifen, bei all den feinen Sachen, die die DDR, neben viel, sehr viel Unsäglichem, hervorbrachte. Der Western also, der ein Eastern war, wenn die Brigade zum Showdown antrat. 1966 zur Premiere in Ostberlin gab es organisierte Proteste gegen den Film. Erst 1989 konnte er gezeigt werden. Was für ein Land, in dem Filme verboten sind, weil sie die eigene ideologische Verengung übersteigen. 1977 verließ Manfred Krug im Nachhall zur Biermann-Ausbürgerung, die sich ebenfalls in einigen Tagen zum 40. Mal nähert, die DDR. Die These dürfte wohl nicht ganz falsch sein, daß mit der Ausbürgerung Biermanns die DDR ihren ersten Todesstoß erhielt. Intellektuelles Leben in einem Staat benötigt den Widerstand. Wiederworte und Widerspenstiges. Auch das kann man aus diesen Geschichten lernen.

Nein, ich bin eigentlich kein Manfred Krug-Fan. Seiner Musik konnte ich nicht viel abgewinnen. In den 90er Jahren hörte ich sie einer Frau zuliebe aus Höflichkeit. Es gewährte mir das einige Einblicke. Freilich nicht in den Jazz.

Wenn Krug Werbung machte, war es so lalala, wie bei vielen Stars, wo ich mich frage: Weshalb tun die das? Aber gut, ich bin kein Besitzer einer Telekom-Aktie – da muß ich also nicht allzu böse sein.

Zum Schluß dieser fragmentarischen Würdigung sei der Trailer aus einem ganz wunderbaren Film gegeben. Vielleicht sind diese Szenen heute nur noch Geschichte. Denn die DDR, die gibt es nicht mehr. Und auch diese Art von Produktion, wie überhaupt diese Zeit – sie sind perdü. Zum Bitterfelder Weg freilich bleibt zu sagen, daß dieser am Ende doch manchem BRD-Schriftsteller guttun würde. Wegen anhaltender Ichlastigkeit und wegen Filterblasengeworfenheit: Ab in die Produktion.

Letzte Ausfahrt Leipzig – Clemens Meyers „Als wir träumten“

Clemens Meyer wird zuweilen der Ruf eines Machos angedichtet. Klar, der Meyer ist tätowiert, und im Knast soll er schon mal gesessen haben, so als Zwischenspiel, während er in Leipzig am Literaturinstitut das Schreiben studiert, einen Galoppergaul hat er in Scheibenholz laufen: Oh und uiii, so raunt es vielsagend aus der Manege! Und ’n Ossi aus Leipzig, aus Halle (Saale) is’ er, hat sich in der Wendezeit gehauen und Dinger gedreht. So sagt man. Und nun ein Roman, der im Milieu des Milieus „Aktie rot“ spielt. Schöne Klischees. Manche brauchen diese Zuschreibungen und Vorurteile, um gepflegt ihrer Verschnarchtheit zu huldigen.

Clemens Meyers Weg zur Literatur ist ungewöhnlich. Meyer wird momentan gehypte, aber das ist das Wesen des Marktes, die Marketingmaschine eines großen Verlages, die hinter ihm steht und die er dennoch verdient hat – und zwar aufgrund seiner herausragenden, sehr genauen Prosa.

Ja: da reißt einer im Überschwang die Bierflasche hoch, schwenkt sie voll Freude in der Luft herum, springt aus der Sitzreihe auf, als er 2008 für den Erzählungsband „Die Stadt, die Lichter“ den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt. Zu Recht. Mir ist dieser Gestus lieber, als das literatenschwere Stock-im-Arsch-Wein-in-sich-Hineingegieße mit dem Ich-bin-ja-so-dankbar-Gesicht oder dem Kindchenschreibschema-Gesicht des Deutschen Fräuleinwunders oder der Hegemannschen Haargardine. Meyer legt los, plaudert los, aber er zieht nicht diese Show all der Literaturhackfressen aus dem bekannten und dem unbekannten Segment ab. Ebensowenig wie er die Story eines Outsiders oder des Literaturprolls inszeniert. Meyer schreibt, und darauf kommt es ihm selber an: Auf die Schrift, auf den Text, auf eine Literatur, die – teils zumindest – sehr realistisch und unverblümt darstellt, was sich in bestimmten Zonen und Milieus, auf die die Literatur nicht so häufig den Blick richtet, zuträgt. Meyer ist belesen, es bedeutet für ihn Literatur Leidenschaft und nicht Habitus und Schnörkelphrase.

Aber mich interessieren die Biographien von Schriftstellern nur marginal – so auch bei Meyer. Kleists, Prousts, Kafkas oder Becketts Texte eröffnen eine Raum, einen Horizont, geben den Blick auf eine Struktur frei, verweisen auf eine grundsätzliche Konstitution von Subjekt – auf einen Erfahrungsraum hätte ich fast geschrieben, wenn dieser Begriff nicht so sehr abgelutscht und deshalb mit Ekel-Ranz behaftet wäre –, die ganz ohne das Biographische oder banale Körperfühligkeit sich realisiert und den Fokus auf eine Geschichte lenkt, die in dieser Weise so noch nie erzählt wurde. Eine unerhörte Begebenheit: davon handelt Literatur und sie handelt davon, wie diese unerhörte Begebenheit in eine angemessene Form gebracht wird, die auf der Höhe ihrer Zeit sich befindet. Es ist dabei ganz gleichgültig und ohne Bedeutung für die Prosa, ob einer nun Hartzi, Angestellter, Knasti, Jurist, Gabelstaplerfahrer, Körperklaus, Schinderhannes oder vielfühlige/r Innerlichkeitsbekenntnisapostel:in war.

Meyers erster Roman heißt „Als wir träumten“. Er handelte von der Zeit des Aufbruchs, der Gesetzlosigkeit inmitten einer sich neu konstituierenden Zone und des freien Spiels der Kräfte als die Mauer fiel. Dieses Spiel der Kräfte ist ganz wörtlich zu verstehen, denn es flogen zwischen den rivalisierenden Gruppen die Fäuste, und es lag in dieser „Prosa der Welt“ mancher Kopf zwischen Blutfluß und Doc Martens-Stiefel im Rinnstein. Prosaische Moderne eben, um ein Bild Hegels zu gebrauchen. Der Weltgeist trägt Stiefel, der Weltgeist mag aber kein Prada. Meyer versteckte sich nicht vor der Realität, sondern er stellte sich dieser Zeit literarisch und mit einer ungeheuren Sprachgewalt: Er brachte einen rechtsfreien Raum ins Bild der Literatur, stellte die Wohnviertel und Lebenswelten aus, die weniger ansehnlich sind, verwies auf die Plätze und Ereignisse, die nicht gut ins Bild der bürgerlich-gediegenen Literatur paßten. Die Wende: das ist kein Ponyhof, und blühende Landschaften zeigten sich an diesen Orten des östlichen Leipzigs in den Landschaften des Gesichts als Veilchen und blutig geschlagene Köpfe. Leipzig – ein Ort, an dem sich die Möglichkeiten, die es aber im Grunde von Beginn an nicht mehr gab, einen Platz schaffen wollten, und es herrschte der ungebremste Wille, wild, gefährlich und ohne die verhaßten Autoritäten zu leben, die seit dem Ende der DDR sowieso abgewirtschaftet waren oder ganz einfach der Lächerlichkeit verfielen. Wer als Staatsbürgerkundelehrererin die Gesetzmäßigkeiten des wissenschaftlichen Sozialismus als Verheißung pries und ein paar Monate später im Gesellschaftskundeunterricht nahtlos die Ideen einer sozialen Marktwirtschaft verkünden durfte, der hatte ausgespielt. Wer als Volkspolizist plötzlich und übergangslos auf der Seite der FdGO stand, wirkte eher lächerlich als überzeugend, vor allem, wenn er in einem abgerumpelten Polizeiwagen namens Trabi oder Wartburg daherfuhr, der nun mit einem Westblaulicht und Westanstrich versehen war.

Und so blieb viel Raum für all die Träume und vor allem für den Möglichkeitssinn einer Existenz, die nicht mehr ins Korsett der sozialistisch verordneten Lebensform paßte, die die Jungen und Mädels gerade den Bach heruntergehen sahen und die sich mit Macht dennoch ihren Teil vom Kuchen absäbeln wollten – sei es mit Gewalt. Denn es war niemand da, der die Kontrolle ausübte. Zuweilen ein wenig vom kleinen Glück träumend: „Mark fetzte die Tortenpackung auf und stellte die Torte in die Mitte. Sie war noch gefroren, und wir brachen große Stücke aus ihr raus und aßen sie wie Eis. Wir machten auch die Schokolade auf und neues Bier. Draußen wurde es dunkel, Fred zündete ein paar Kerzen an, und wir rückten zusammen und aßen und tranken und waren glücklich.“ So endet dieser Roman. Das Glück ist klein, eisgefrorene Resterampe, wo die abgeworfenen Brocken und vom großen Tisch heruntergefallen Krümel, die Kapitalismus abwirft, zusammengeklaubt, zusammengeraubt werden. Es hängt jenes kleine und gesuchte Glück an den Kumpels – ein wenig Wärme, wenn die Jungs die Bullen abgehängt haben.

Rico, Mark, Paul und Daniel, wie die Protagonisten von „Als wir träumten“ hießen, wachsen im Leipzig der Nachwendezeit auf: nach der Kindheit im Kontext des Sozialismus kommt nahtlos der Bruch und die Jugend zwischen Boxen und Bier, Fußball, Alk und Autoklau. „Grauzone morgens“, da hat sich, was die Farbgebung und den Zustand betrifft, im Grunde im Gang der Zeit nicht viel geändert. Wozu aufstehen, wenn man genauso gut im Bett liegenbleiben kann? Zumal wenn der Kopf wehtut vom Alk. „Leipziger Premium Pils“. Daß sie von Anfang an keine Chance haben, wenn VEB fortan „Vatis ehemaliger Betrieb“ hieß, war ihnen schnell klar. Die Verheißungen des Westens, die Produkte, die die Werbung anpries und die mit einem Male die Schaufenster der heruntergewirtschafteten Geschäfte mit ihren tristgrauen Fassaden schmückte, lassen sich nun einmal nur mit Geld erwerben, und wenn keines vorhanden ist, wollen all die schönen, schimmernden, scheinenden Produkte und Marken wie Nike, Reebok und Chanel auf eine andere Weise beschafft werden.

Der schöne Schein der Waren, die Féerie des Fetischs Ware jedoch ist nicht nur käuflich zu erwerben, und wem das Flanieren in der Welt der Passagen zu wenig ist, weil die Mittel fehlen, das Mögliche wirklich werden zu lassen, der nimmt sich das, was ihr oder ihm in der Welt der Werbung als Verheißung versprochen wurde. Ins Heute gewendet: die Jugendlichen, die bei den Riots in London mitwirkten, haben genau das getan, was die Werbung von ihnen verlangt hat. Daß der Appell der Werbung an die bloßen Instinkte von Menschen freilich derart in die dionysisch-bachantische Orgie und in den Taumel umschlägt, hätten sich die gewitzten Macher des Marketings nicht träumen lassen. Ein Griff in die Auslage genügt. Wozu zahlen, wenn man es auch umsonst haben kann? Andererseits kann es keine erfolgreichere Werbekampagne für Flachbildschirme geben als jene Bilder aus London, die im Jahre 2011 um die Welt gingen. You can get what you want, so sollte der Slogan dieser neuen Kampagne für Plasmaflachbildschirme lauten: it’s not a trick, it’s a Sony.

It’s not a trick, it’s a Zonie: Wer in der Platte wohnt und nicht schnell in den Westen wegmachen konnte, weil er dafür noch zu jung oder zu unbeweglich war, dem blieb nicht viel übrig, als sich eine eigene Welt zu suchen. Diese Traumlogik der Grenzlandschaft zwischen Lok- oder Chemie-Leipzig-Fußball, Schlägereien mit Skins, offenen Räumen und unbenutzten Gebäuden, die für alle offen standen, Crashkid-Dasein, Bierkisten aus der Brauerei in Reudnitz klauen, Liebe zu jenem hübschen Mädchen, das als Schimäre (und Geistbild fast) auftaucht, als Sternchen eben, verdichtet sich in Meyers Debüt zu einem grandiosen Panorama der Wendezeit im Osten, ohne Prosakitsch, ohne Metaphernketten und Aufgeladenes: nicht mehr „33 Augenblicke des Glücks“, kein akademischer Feminismus, dem es um die quotierte Besetzung an den literarturwissenschaftlichen Seminaren geht, um am Futtertrog ihren Platz zu bekommen, keine Meriten akademischer Ich-Findung und der Selbstbespreizung Hermannscher Befindlichkeiten, oder Grünbeinsches Griechentum und Sucht nach Philosophie (ich schätze Grünbein ausgesprochen: einer der wenigen Schriftsteller, der die Anspielung ins Griechische versteht und nicht als halbbildungsbürgerliche Phrase in die Lyrik oder die Prosa einbaut) sondern es richtet sich ein Blick auf die Wirklichkeit, wie wir es von nur wenigen Schriftstellern kennen. Darin besticht Meyers Prosadebüt „Als wir träumten“. Schonungslos und ungeschminkt:

„ Als wir Kinder waren (ist man mit 15 auch noch Kind? Vielleicht waren wir es nicht mehr, als wir das erste Mal vorm Richter standen, der meist eine Frau war, oder als sie uns das erste Mal nach Hause brachten und wir am nächsten Tag zur Schule gingen, oder auch nicht, und die Abdrücke der verfluchten 8 noch an den dünnen Handgelenken hatten), als wir liebe Kinder waren, war der Mittelpunkt des Viertels für uns der große ‚Volkseigene Betrieb Duroplastspielwaren und Stempelsortiment‘, aus dem uns ein ansonsten unbedeutender Klassenkamerad, über seine Stempelkissen herstellende Mutter, Stempel und kleine Autos besorgte, weshalb er von uns keine Dresche und manchmal ein paar Groschen bekam. Der große VEB ging 1991 Pleite, und das Gebäude wurde weggerissen und die Mutter des kleinen Stempel- und Modellautoherstellers wurde nach zwanzig Jahren arbeitslos und erhängte sich auf dem Außenklo, weshalb der unbedeutende Junge von uns auch weiterhin keine Dresche und manchmal ein paar Groschen bekam. Jetzt steht dort ein Aldi, und ich könnte mir dort billig Bier oder Sphaghetti kaufen.“

Solche Sätze sind großartig, weil sie ohne fuchtelnde Prätention und ohne Geklimpere das, was ist, auf den Punkt bringen. („als wir liebe Kinder waren …“, was für eine wunderbare Sentenz und Sprachfügung) Dazugehören oder nicht dazugehören. Wir und sie und Lakonie. Die Logik der Gewalt sowie der Wunsch nach Wärme steuern die Handlungen. Hose runter, Beine breit, ficken ist ʼne Kleinigkeit. Die Geschichte einer Jugend, die nicht euphemistisch und im schwachsinnigen Jargon Coming of age sich nennt, sondern die sachlich-brutal so ist wie sie ist. Clemens Meyer steht in der Tradition von Hubert Fichte und in der von Hark Bohms Film „Nordsee ist Mordsee“. Ich hoffe allerdings innig, daß die Verfilmung dieses Buches, die gerade ansteht, nicht in den Sozialkitsch abdriftet.

Und so habe ich es nun doch noch geschafft, eine kurze Besprechung dieses wunderbaren, klaren, drastischen Romans zu liefern, den ich 2006 in einem Zuge gelesen habe. Gerade wegen der ausgesprochen schlechten Besprechung in der „Zeit“ – wie ich meine, mich zu erinnern. Es ist dieser Besprechungstext, in den Samstagmorgen eines Septemberherbsttages hineingeschrieben, ein Vorausblick und steht ganz im Zeichen von „Im Stein“. Dessen Besprechung folgt im nächsten Teil. Montagmorgen. Oderso. Noch herrlich verweht und benommen von dieser wunderbaren, kühlen, ausufernden Prosa.

Glück als Ausnahmezustand – 40 Jahre „Die Legende von Paul und Paula“

Glück und Liebe gibt es nur begrenzt. Sie verteilen sich auf wenige Augenblicke des Lebens. Es sind diese „Verzückungsspitzen des Daseins“ an bestimmte Menschen und an bestimmte Konstellationen gebunden. Jener Kairos, den der eine nutzt und der andere nicht, mag im Hinblick auf die Liebe ebenfalls hilfreich sein. Was bleibt am Ende? Die Imagination in der Kunst?

Es bricht alles zusammen. Gleich zum Anfang. Eine Explosion und die Altbauten stürzen ein. Ein Rauch steigt auf, und Stimmen murmeln im Hintergrund, Geräusche tönen leise aus der Sprengung heraus, eine riesige Baustelle tut sich auf, Wohnraum für Arbeiterinnen sowie Arbeiter im real existierenden Sozialismus, und Altes muß weichen, weil Neues folgt. Und dann, während das Haus stürzt und Trümmer rauchen, setzt diese Musik ein: ich kann die Puhdys auf den Tod nicht leiden, allein der Bandname ist bescheuert. Aber hier paßt diese Musik von Peter Gotthard komponiert, von den Puhdys musizierend dargeboten. Das Klavier, das hämmert zum Auftakt, und die Gesangstimme singt: „Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt …“ Eine verwüstete gesprengte Stadtlandschaft zeigt sich. Eines der Fenster in einem der letzten Altbauten, nähe Alex, die bald nicht mehr sind, öffnet sich, und Paul schmeißt alle jene Dinge, welche zwei Menschen in einem Leben aus Liebe und Alltag einst teilten, auf die Straße hinaus. Gegenstände fliegen, Teller klirren, Spiegel und Porzellan zerbrechen. Abbruch. Abbruch der Musik, Abbruch eines Hauses und im Hintergrund taucht aus dem Trümmerdampf der gerade erbaute Fernsehturm am Alexanderplatz auf. Die Plattenbauten kommen, die alte Stadt weicht. Paul tritt aus dem Haus, das nur noch kurze Zeit stehen wird, in den Händen jene Photographie von Liebe und Leidenschaft, die Paul und Paula in wilder, leidenschaftlicher, zärtlicher, tief-sinnlicher Umarmung und im Moment höchsten Glückes abbildet und bannt. Die Fotografie fixiert den Moment. Der Film erzählt die Geschichte dieses Moments.

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Dem Menschen sind nur wenige solche exzeptionelle Augenblicke vorbehalten. Ein Märchen, ein Traum. Aber es endet, wie alle schönen Dinge zwischen Menschen, die bis ins Extrem leidenschaftlich und mit wenig Vernunft in den Aktionen sich verhalten, tödlich und tödlich und tödlich. Ein Leben wird getilgt: Paul steht vor jenem Haus und bedeckt mit seinen Händen, fast schamhaft, jene wunderbare Photographie, die zwei Wesen in tiefer Liebe zeigt. Dann lösen sich die Hände vom Bild. Film und Photographie sind das Abbild dieser unendlichen Liebe. Eine Legende.

Es erfolgt nach dieser Szene der Schnitt, die ersten Filmbilder aus Hausschutt und Abschied, die diese Liebe von Paul und Paula einrahmen, sind vorbei, und es setzt die Rückblende ein. Die Geschichte kann ihren Lauf nehmen: Paula tritt aus der Tür ihres Hauses auf die Straße (gespielt von Angelica Domröse), ihre Bewegung, sie geschehen aus den Hüften heraus. Angelica Domröse spielt diese junge Frau auf eine intensive und anrührende Weise. Und wenn Paula im Laufe des Films Paul anschaut und wie ihr Gesicht vor Glück strahlt: diese Momente spielt Angelica Domröse mit fabelhafter Leichtigkeit. Es sind die 70er Jahre, und es herrscht in der DDR Umbruch. Und Paul (gespielt von Wilfried Glatzeder) betritt in dieser zweien Szene ebenfalls die Straße. Ach, ich brauche die Story des Films eigentlich nicht nachzuerzählen, denn es kennt ihn jede/r. Er verläuft, wie die meisten Liebesgeschichten verlaufen. Es geht wie es geht. Eine Frau lernt einen Mann kennen, ein Mann zunächst die eine Frau, aber es ist nicht der richtige Mann, nicht die richtige Frau. Die Routine des Alltags erdrückt die Regungen des Lebens. Und in jenem einen Moment glücklicher Fügung, wie sie zuweilen im Leben sich ereignen, da tritt die eine Frau, der eine Mann ins Blickfeld des je anderen Menschen. Die beiden Wesen, die füreinander bestimmt sind. Natürlich ist das Illusionstheater. Aber in dieser Szenerie der „Legende“ paßt es. Plötzlich, nach einer durchtanzten Nacht in einem Club, stehen Paul und Paula gemeinsam am Straßenrand, inmitten der Nacht, Hand in Hand harren sie, Partnertausch: da wo eben noch Paula irgend einen Mann und Paul irgend eine andere Frau aufgegabelt hatten, um wenigstens eine angenehme Nacht gemeinsam zu verbringen, da funkt es mit einem Male. Das läuft blitzschnell ab, wie sich da wahlverwandschaftsgleich die Richtigen finden. 

Für die DDR-Oberen war die Geschichte dieses Films ein Ding der Unmöglichkeit: Der Funktionär Paul – verheiratet mit einer attraktiven, aber leicht vulgären Frau, ein Kind, in guter Position und bereits eine Wohnung in der Platte ergattert – bricht aus und verläßt die geordnete Bahn: Denn das kann doch nicht alles gewesen sein – dieses Leben im Korsett. „Die Legende von Paul und Paula“ visualisiert den Versuch von (im Grunde harmlosem) Ausbruch aus dem Alltag der DDR. Er zeigt Liebeszenen, die im Grunde Kitsch pur sind und einen Betrachter wie mich aufs tiefste abstoßen müßten: Wenn Paul und Paula in einem Meer aus Blumen baden oder auf jenem Kahn auf der Spree schippern. Im Grunde sind dies die privaten Momente des Lebens, die sich nicht erzählen oder fixieren lassen, ohne daß es zum Kitsch und Klischee gerinnt. Doch in diesem Film paßt es, und zwar wesentlich wegen der Schauspieler und durch die Bilder.

„Die Legende von Paul und Paula“, von Heiner Carow: das ist und bleibt nach wie vor ein bezaubernd-poetischer Film, witzig, laut, verwegen, zärtlich, genau gefilmt. Ulrich Plenzdorf („Die neuen Leiden des jungen W.“) schrieb das Drehbuch. „Die Legende von Paul und Paula“ gehört zu jenen Filmen, die ich mir immer wieder ansehe. Nicht deshalb, weil es ein Dokument der untergegangenen DDR ist, sondern dem Film wohnt ein besonderer Reiz inne, ein Spiel und eine Leichtigkeit trägen diesen Film, denn er handelt von einer unmöglichen Liebe. Eben eine Legende. Die Illusion maskiert sich nicht, sondern zeigt sich als Illusion – als eine allerdings notwendige Illusion – wie z. B. in jener Kahnszene. Es ist ein Märchen, nein: eine Legende, die an keiner Stelle kitschig oder übertrieben wirkt, melancholisch und Leidenschaftlich wie es tiefe Liebe zwischen Zweien sein sollte. Solche Filme wie dieser sind einzig in der DDR und zu genau dieser Zeit möglich gewesen. Weder in den USA noch im Kino der BRD hätte diese wundervolle melancholische Tristesse, die zugleich lachen und traurig macht, diese Atmosphäre einer Stadt mitsamt der unendlichen Leidenschaft, gedreht werden können. Dieser Film ist auch ein Berlin-Film – ein Film über die aufregendste Stadt Deutschlands.

Liebe ist eine wunderschöne, eine traurige, eine melancholische Angelegenheit. Um diese Melancholie, diese Freude und Lust samt dem Verzweifeln schreiben oder in Bilder bringen zu können, muß sich der Mensch diesem Gefühl aussetzen. Es geht nicht anders. Auch wenn einer hinterher alle Dinge, alle Objekte zum Fenster hinausschmeißt: Vielleicht damit keine Erinnerung mehr bleibt, vielleicht auch, um neu anzufangen.

Am 29.3.1973 hatte der Film im Berliner Kino Kosmos vor einer Vielzahl an DDR-Oberen Premiere. Die Bonzen saßen am Ende des Films wie erkaltet und mit steinerstarrten Gesichtern in den Kinosesseln. Diejenigen Zuschauer aber, welche ihre Karten im nicht-reglementierten Verkauf erhielten, applaudierten geschlagene 20 Minuten. Zu recht.

„Die Legende von Paul und Paula“ ist einer der poetischsten deutschen Filme. „Die Legende von Paul und Paula“ ist einer der schönsten Liebesfilme. Er bringt ein Gefühl (als Ausbruch) und eine Zeit (als Aufbruch) auf den Punkt. „Die Legende von Paul und Paula“ ist mit einer Intensität gespielt und inszeniert, die berührt. Ich bin für Liebesfilme und für die Gefühlsvorlagen des Hollywoodkinos wenig empfänglich, ausgenommen es geht darum, die semantischen Codierungen der Filmbildsprache zu knacken. Hier aber – eben im DDR-Film –wird auf eine Weise direkt und derart intensiv angespielt, daß ich mich frage: Wie funktioniert das? Selbst all der Kitsch und die Rührungen ergeben einen konsistenten Film.

„Nicht loslassen!“, sagt Paula zu Paul in dem Moment innigster Nähe, wie zwei Menschen sich nur nahe sein können, und die unnachahmliche Mimik von Angelica Domröse zeigt, daß Paula es genau so und nicht anders meint: Daß Liebe niemals enden möge. Doch sie endet. Letal und als Verausgabung. In nur wenigen Filmen küßten sich, wenn Haut an Haut geht, zwei Menschen so schön, so leidenschaftlich und tief, wie in diesem Film.

„Wie denn? Soll ich von dem einzigen Mann, den ich liebe kein Kind haben?“ „Paula, ein drittes Kind überstehst du nicht!“ So der Arzt. „Gibt es denn keine Chance für mich, nicht die geringste?“ Der Sachzwang steht gegen die unendliche Liebe. Alles zu wagen, auch gegen die Vernunft: das mußte die Männer in Funktionärsfunktion und die Partei-Greise dieses inzwischen untergegangenen Landes tief verstört haben. Und Paula läuft in der Schlußszene mit ihrem blau-karierten Kleid, das im Wind weht, vor lauter Glück im Angesicht einer winzigen Chance mit rudernden Armen in den Schacht der U-Bahn, um zu ihrem Paul zu fahren, sie verschwindet, verschluckt, im Dunkeln. Und als das Schwarz des Schachtes als letztes Bild von Paula verbleibt, erzählt bereits die Stimme des Erzählers lakonisch aus dem Off: „Paula hat die Geburt des Kindes nicht überlebt.“ Es ist eine Legende.

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Das Glück dieser unendlichen Liebe hält als Bilderfolge bis heute durch und hält die Zuschauerinnen und Zuschauer in Bann.

Die Brechung des Blicks, die Verfransung sowie die Tonspur zum Wochenende (kulturindustrielles Pastiche)

„Die echte Zeit ist bedeutungslos“ (Don DeLillo, Der Omega Punkt)

Wir erhalten in der Ordnung sowie in der Darbietung der Bilder nur noch die Fetzen, die sich in die Retina brennen. Selbst dann, wenn sich die Bilder den Anschein von geordneter Folge geben. Es bleiben Fragmente im Blick, Wahrnehmungstrümmerteile als Bild. Dieses Gestöber der Partikel überlagert noch den blinden Fleck, ritzt und schneidet die Retina an, beschneidet in dieser herrlich kleistschen-buñuelschen Weise die Augenlider und erzeugt insgesamt ein weißes Rauschen. „Mein letzter Seufzer“. Dieses Rauschen ist das von Bildern, die in vielfältiger Weise den Blick konditionieren und zugleich erweitern. Daß sich in unseren Wahrnehmungen Interferenzen und Überlagerungen einschleichen, Trugbilder, Phantasmagorien (der Waren) sich über unsere Sinne legen und unsere (Denk-)Verhältnisse sowie Daseinsform bestimmen und wir in den Bilderwelten der Großstadt die Chocks parieren mußten, stellte bereits Walter Benjamin in seinen Studien zu Baudelaire als einer der ersten fest. Die Technik – als eine Weise des Seins – bestimmt das Bewußtsein. (Wobei man hier zugleich auch eine materialistische Simplifizierung bei Benjamin wittern und konstatieren kann, wie bereits Adorno das in jenem Brief von 1936 tat: der schädliche Einfluß von Brecht – sage ich mal so mit einem kleinen Augenzwinkern.) Und auch in der Kunst kann man – nicht anders als in den übrigen Rahmungen des Medialen – den Bildern nur schwer noch trauen. Zwei Weisen des bitteren, des kalten und dennoch exakten Blickes gilt es am Wochenende zu ergründen: zum einen die kalten, harten, dokumentierenden und zugleich inszenierenden Photographien von Erasmus Schröter (DDR) in der Galerie „only photographie“ (noch bis zum 23.10). Schröters Bilder sind Höhepunkte einer teils surrealen, teils Menschen festbannenden (DDR-)Photographie at its best, die gekonnt mit dem Licht arbeitet: die Bilder dokumentieren und überspitzen zugleich, der Blick von Schröter fällt dabei nicht unbedingt freundlich aus. Erasmus Schröter ist einer der ganz großen Photographen aus der DDR, 1956 in Leipzig geboren, 1985 ausgebürgert. Traurig, daß es bei Wikipedia nicht einmal einen Eintrag zu ihm gibt. Ich verlinke  auf seine Facebookseite, weil ich von diesen Bildern derart angetan bin, daß ich beim Betrachten immer wieder nur Staunen kann. (Auf die großangelegte Ausstellung in der Berlinischen Galerie „Geschlossene Gesellschaft. Künstlerische Fotografie in der DDR 1949-1989 werde ich demnächst eingehen.) Was die Sprache und die Erweiterung der ästhetischen Form betrifft, so haben die Photographinnen und Photographen der DDR für die Kunst der Photographie Großes geleistet und Bilder produziert, die ein gelungenes Pendant zur Photographie des so demokratisch-freien Westens bilden. (Ein feiner Besprechungstext zu Schröter folgt. Naturgemäß.) X

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(Alle Photographien: © Erasmus Schröter)

Die andere Weise des Blickes, der dem Zusammenhang, dem Kontext, dem Sinn sowie dem normalen Fluß der Bilder nicht mehr traut, gehört der Darbietung des (Medien-)Künstlers Douglas Gordon (GB). In der Akademie der Künste wird bis zum 4.11. Gordons Mehrkanal-Videoinstallation „Pretty Much Every Film and Video From About 1992 Until now“ gezeigt, die einen Zusammenschnitt seiner Filme und Videos bietet. Für den Fetischisten des fragmentieren, des gedehnten, des verzerrten Bildes, der Montage und des veränderten Blickes (auf Film) wie es bereits Godard nicht müde wurde, den herkömmlichen Blick, das herkömmliche Bild zu dekonstruieren, indem vom Konzept einer linearen Weise des Erzählens abgewichen wurde, ist diese Ausstellung sicherlich von Bedeutung. Douglas Gordon erhielt bereits im zarten Alter von 30 Jahren den Turner Prize (1996), und in diesem Jahr den Käthe-Kollwitz-Preis.

Sein bekanntestes Werk ist „24 Hour Psycho“, das 1993 zum ersten Mal in Glasgow und dann in Berlin gezeigt wurde. Darin wird der Hitchcock-Film „Psycho“ auf eine Länge von 24 Stunden gedehnt. Imposant dabei und vollständig ins Fragment, in die Details und in die Splitter aufgelöst: die legendäre, dramatische, dramaturgisch perfekte Duschvorhangszene. Keine meiner Freundinnen mag bei mir duschen, seit ich es gelernt habe, diese Szene in der nötigen Verlangsamung und Ausdehnung perfekt nachzuspielen und die Imitatio Norman Bates zu geben, ganz im Geiste einer Ästhetik des Bösen und der schwarz-blutigen Romantik (wie wir sie in Frankfurt/Main in einer großen Ausstellung bewundern können), und es läuft den Frauen, ganz wunderbar wie in dem De Palma-Film „Carrie – Des Satans jüngste Tochter“, das Blut in die Wanne. Auch wenn es nicht das der ersten Menstruation ist und niemand dabei ins Lachen fällt. Aber diese Details gehören gar nicht so sehr hierher. Das Strafrecht (und auch das Völkerrecht) werden wir dann am Sonntag zur Besprechung von Juli Zehs Debüt „Adler und Engel“ streifen.

Gordon verlangsamt die Szene und das erzeugt mit dem selben Material im Grunde eine ganz neue Montage, obwohl nichts anders geschnitten wird und die Abfolge der Bilder bleibt wie sie ist. Bloß gerät der Fluß der Zeit aus den Fugen. Mehr nicht. Eine so simple wie geniale Idee, das Wesen von Film und Zeit gleichermaßen zu transformieren. In Don DeLillos Roman „Der Omega Punkt“ spielt dieses Kunstwerk, daß dann 2006 im Museum of Modern Art in New York gezeigt wurde,eine wesentliche Rolle. Zu Douglas Gordon und der Ordnung des Blickes würde ich gerne die zwei Bände des semiotisch-phänomenologisch inspirierten Kino-Buches von Gilles Deleuze gegenlesen („Das Bewegungs-Bild“ sowie „Das Zeit-Bild“). Aber es reicht – schlechter Kalauer, aber eben leider wahr – die Zeit dazu nicht aus.

Sie sehen, liebe Leserinnen und Leser, das Wochenende des Nikolai E. Bersarin ist gut ausgefüllt, und der Bewohner des Grandhotel Abgrund muß keine Menschen sehen, sondern er befaßt sich lediglich mit Bildern und den Szenen, die sich im Kopfkino auf so wunderbare Weise abspielen. Die Struktur des Begehrens knüpft sich in gleicher Weise in die Phantasmen wie sie auch auf das Reale angewiesen ist, um all die feinen Texte und die Bilder zu erzeugen, die so liebevoll in unseren Köpfen spuken. In diesem Sinne: Ihnen einen guten Start ins Wochenende und hier Ihre geliebte und bewährte Tonspur zum Wochenende. Lassen Sie es krachen! x

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Abwesenheitsnotiz – 13. August 1961

Tonspur zum Sonntag – 13. August 1961: so wollte ich ursprünglich diesen Beitrag samt dieses Videos nennen, aber am Ende erschien es mir doch zu zynisch, denn die Opfer an der Grenze sind real; es war dies kein Ulk und kein Karneval. Lustig ist dieses Stückchen dennoch und der Text dazu nicht einmal völlig falsch. Die ganze Absurdität ist im Grunde großartig. Zugleich müßte dieses Video mit einem die Satire erklärenden Kommentar versehen werden, weil ansonsten die Empörung der sogenannten rechtschaffenen Menschen einsetzt. Aber nach einer Litanei von Erläuterungen ist es eben keine Satire mehr. Ja, empört Euch. Doch an der richtigen Stelle. Über die sogenannte Mauer, über die Opfer im Todesstreifen empörtet Ihr Euch seit Jahrzehnten, regtet Euch auf. Das fiel leicht.  Wer jedoch vom Kapitalismus nicht reden will, der soll auch bei den Mauertoten und bei denen, die im Stasiknast gebrochen wurden oder einfach verreckten, die Klappe halten. Am Samstag soll in Berlin eine oder fünf oder was was ich wie lange Minuten geschwiegen werden. Als ob nicht genug geschwiegen wird über ganz andere Dinge. Es sind diese Rituale so verlogen, daß einer kotzen möchte.

Wir danken im Rahmen dieses 13. August  insbesondere den Grenzschützern von Frontex, welche den Zugang nach Europa regeln und die inzwischen viel gelernt haben,  ihr Handwerk auf eine sehr viel subtilere Weise betreiben als die Postengänger und deren Befehlshaber. Wir danken ihnen für ihren unermüdlichen, natürlich auf der Basis des Rechts abgesicherten Einsatz. So muß man es nämlich machen, liebe untergegangene DDR, ohne viel Aufsehen und ohne große Worte, unter der Beibehaltung der Illusion, daß hier die Medien frei über alles berichten können. Sandmann, lieber Sandmann. Daß diese Medien es natürlich nicht tun und ein absaufendes oder von der Marine aufgebrachtes Boot im Mittelmeer mit mehreren Toten kaum eine Spaltennachricht wert ist: da muß man schon sagen: Gute Leistung. Die Grenztruppen der DDR waren gegen Euch Lappen. Über Euch aber berichtet keiner. Ihr tötet still und leise, durch Unterlassen zum Beispiel, alles zu unserem Segen. Doch auch Ihr seid nur Büttel, Vollzugsorgane, das klingt so abstrakt und unsinnlich wie Geschlechtsorgane; und trotzdem seid Ihr Fleisch von ihrem Fleisch. Ihr tut das für unsere gut gedeckten Tische.

Aber wie sprach schon Karl Valentin: Wie gut, daß in der Zeitung immer genau das drinnen steht, was in der Welt geschieht, kein Jota mehr, keines weniger.

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Ansonsten kündige ich an, daß ich zwei Wochen im Urlaub bin. Einmal wieder geht es durch Deutschland, unsere Heimat; diesmal reise ich in das schöne Elsaß, und sicherlich bringe ich mir von dort viel Wein mit, insofern nicht die Gitarre und die Koffer jener Frau, mit der ich zusammen reise, den ganzen Stauraum einnehmen.

Der Blog ist natürlich in diesen zwei Wochen geschlossen. Die Kommentarfunktion hier und bei Proteus Image abgeschaltet. Ich bin Offline, lese nicht im Internet, lese keine Blogs. Es kann zwar hier im Blog kommentiert werden, aber der Kommentar wird nicht gesendet, sondern erst nach meiner Rückkehr freigeschaltet. Neue Texte (oder ggf. Antworten auf Kommentare) schreibe ich , wenn ich von meiner Reise zurück bin in der bei Aisthesis gewohnten Qualität.

Gehaben Sie  sich wohl, liebe Leserinnen und Leser, machen Sie sich eine schöne Zeit und ansonsten viel Spaß, wo auch immer Sie sich befinden.

 

15 Jahre Kulturzeit

Heute gilt es – artig und bildungsbürgerlich beflissen, wie dieser Blog ist – ein Jubiläum zu feiern, und zwar gibt es beim Fernsehsender 3sat seit 15 Jahren „Kulturzeit“. Ob man Kultur (im Sinne des Feuilletons) im Fernsehen präsentieren kann? Die Frage ist klar mit „nein“ zu beantworten. Dennoch bietet die Sendung einen guten Überblick, regt an, zeigt, was wo stattfindet, greift zuweilen auch politische Debatten auf, führt Interviews, so am Freitag mit Fritz J. Raddatz über seine Tagebücher, die schon auf der „To buy“-Liste stehen.

Daß ein solches Projekt, daß Feuilleton im Fernsehen nicht in die notwendige Tiefe geht, ist geschenkt. Doch zahlreiche Sendungen sah ich mit Gewinn. Und am liebsten schaue ich mir „Kulturzeit“ an, wenn die äußerst attraktive und – ja, ich muß es in diesem Zusammenhang sagen – sehr erotische Andrea Meier moderiert.

So: und weiterhin gibt es auf „Proteus Image“ neue Photographien, und zwar von Leipzig.

Da wir uns bereits im Rahmen der Kultur befinden, zeige ich zudem ein kleines Zeitdokument. Verwandtenbesuch von West- nach Ostberlin:

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18. März 1990

20 Jahre keine DDR, Teil 15

Ach ja, ach ja, dieses Datum vergaß ich einzutragen. Nun muß ich es nachtragen. Denn da wählten diese Menschen dort die Freiheit. Ahh – ja, ach ja. Sozusagen die Märzgefallenen.

Gute Satire auch dort zu lesen.

Ansonsten geben wir die Tonspur zum Sonntag: