Grenzen der Demokratie? Das Theater der Avantgarden und Marc Jongen

Am 17. März sollte in Zürich im Theaterhaus Gessnerallee eine Diskussion zum Thema „Die neue Avantgarde“ stattfinden. In der Ankündigung des Theaters heißt es:

„Liberale und Reaktionäre, Konservative und Progressive, Linke und Rechte reden oft übereinander und durcheinander, selten jedoch miteinander. Nicht so auf diesem Podium. Marc Jongen, Olivier Kessler, Jörg Scheller und Laura Zimmermann debattieren darüber, was Kategorien wie ‚liberal‘, ‚progressiv‘ und ‚reaktionär‘ heute bedeuten. Ist die Renaissance des Rechtsnationalen eine Avantgarde-Bewegung? Wie ist dem Rückzug in ideologische Filterblasen beizukommen? Und was ist eigentlich der Unterschied zwischen populär und populistisch?“

Eigentlich kein schlechter Ansatz, gute Fragen und allemal besser, als unter seinesgleichen zu sprechen. Es gab jedoch darauf Proteste und einen offenen Brief bei „Nachtkritik.de“. Der Widerspruch entzündete sich, man wird es in vorauseilendem Gehorsam der guten Sache ahnen, an Marc Jongen. Ein Protest zudem aus der fernen BRD, viele der Unterzeichner leben – nun ja – in Berlin. Ich will es in diesem Falle vermeiden, von den ewigen Echokammern zu sprechen und vom restringierten Code derer, die sich gegenseitig lediglich in ihren Ansichten bestätigen – Differenzen und Disput allenfalls in Detailfragen. Zunächst ein Auszug aus diesem Protest-Brief:

„Marc Jongen ist einer der raffiniertesten Rhetoriker (Demagogen) in den Reihen der AfD. Sich ihn aufs Podium zu setzen und von einem ‚Experiment‘ zu sprechen, zeugt von Blauäugigkeit. Seine Anverwandlung von Sloterdijks politisch-psychologischem Versuch namens Zorn und Zeit (2006) auf die AfD ist jahrelang sorgfältig vorbereitet und ideologisch längst verwurzelt. Sie ist jenseits der vermeintlichen Analyse längst Handlungsanweisung geworden – jede Störung einer Theaterveranstaltung, jeder Angriff auf eine linke Buchhandlung, auch jede brennende Geflüchtetenunterkunft sind angewandte und durch diesen Diskurs legitimierte ‚Zornpolitiken‘.

Die Zornpolitik der AfD, was war das doch gleich genau? ‚Thymos‘, das steht bei Jongen – wie auch bei Sloterdijk – für Zorn, Stolz, Mut. Mit Jongen lassen sich eine ganze Vielfalt unmittelbarer Zornpolitiken innerhalb der rechtsextremen Bewegung ausmachen, u.a. der Pegida-Straßenkampf, die ‚subversive Aktion‘ (Begriff vom SDS geprägt, später von Götz Kubitschek übernommen), die ‚ästhetische Intervention‘ (ebenfalls von der Linken übernommener Jargon der ‚Identitären‘) und mit repräsentativer Parteipolitik zusammendenken. Jongens ‚Überbau‘ ist eben daran gelegen, außerparlamentarische und innerparlamentarische, ‚thymotische Energien‘ zu vereinen.“

Einmal davon abgesehen, daß es intellektuell schlicht und unredlich ist, Sloterdijks Theorie und insbesondere sein Buch „Zorn und Zeit“ implizit für die Politik der AfD verantwortlich zu machen und Unterschiedliches simpel über einen Leisten zu schlagen, gipfelt der Brief am Ende nicht bloß im (legitimen) Protest gegen diese Einladung, sondern er ruft aktiv zum Boykott dieser Veranstaltung auf:

„In diesem Sinne fordern wir Sie und alle anderen Theater und Theatermacher*innen dazu auf, der AfD keine Bühne zu bieten.

Mit solidarischen Grüßen an alle, die gegen den Hass auftreten, …“

Was mit anderen Worten bedeutet: die Veranstaltung abzusagen oder aber Jongen auszuladen. So ganz haßfrei gedroht. In Emckes lenorkuschelweichem Biederrock grüßt es sich solidarisch gut. Und Hate-Speech betreibt natürlich grundsätzlich nur die andere Seite, nie man selbst. Bereits hier liegt die arge Täuschung, der manche erliegen.

Traurig ist es allerdings: Wer bereits einer solchen, eigentlich gut zu bestreitenden Diskussion ausweicht, an der als Zuschauer sowieso nur die üblichen Verdächtigen des Kulturbetriebs teilnehmen, wird kaum bei härteren Kämpfen überleben. Wie wollen sie mit Argumenten und Worten bestehen, wenn die AfD nicht nur massiv an der Tür rüttelt, sondern Ende 2017 im Deutschen Bundestag sitzt und dann vermehrt Raum in tatsächlich öffentlichen Diskursen einnimmt? Und das sind nicht die Theaterbühnen für die Happy Few. Keck, aber im falschen Sinn Rosa Luxemburg zitierend, betonten seinerzeit jene Gutmeinenden, als die Redeverbote sie noch selbst betrafen, Freiheit sei immer die Freiheit des Andersdenkenden. Tempi passati, seit es sich bequem an den Futtertrögen mümmelt oder zumindest an den Schaltstellen des Kulturbetriebs halbprekär werkeln läßt.

Manche werden es als Triumpf der guten Sache verbuchen, denn das Theater hat die Diskussion absagen müssen. Aus Gründen, die man nachvollziehen kann.

„Die am 17.03. geplante Veranstaltung ‚Die Neue Avantgarde‘ kann aufgrund der Hitze der durch sie ausgelösten Debatte – in der Diffamierungen, persönliche Beleidigungen und Erpressung leider nicht gescheut wurden – ebenfalls nicht stattfinden. Trotz der positiven bzw. differenzierten Medienberichterstattung und dem vermehrten Zuspruch von Kolleg_innen haben sich die Angriffe und Drohungen nicht entschärft sondern sind im Gegenteil heftiger geworden. Die Veranstaltung stellt mittlerweile ein Sicherheitsrisiko für die Podiumsteilnehmer_innen, unsere Mitarbeiter_innen und unser Publikum dar. Das Podium kann nach der derzeitigen Einschätzung nur unter erhöhtem Sicherheitsaufwand, durch das Engagement einer Sicherheitsfirma und je nach Lagebeurteilung der Stadtpolizei mit deren Präsenz im Aussenraum der Gessnerallee, stattfinden. Wir sind nicht bereit, eine Veranstaltung unter diesen Bedingungen durchzuführen und bedauern diese Umstände sehr.“

Aufgabe einer Stadt und eines Gemeinwesens ist es jedoch, sicherzustellen, daß eine solche Veranstaltung durchgeführt werden kann. Zumindest was den Aspekt der Sicherheit von Teilnehmern und Publikum betrifft. Ich frage mich zudem, wie wohl die sogenannten Kulturalisten reagiert hätte, wenn solch ein Aufruf von Konservativen gestartet wäre, um eine Universitätsveranstaltung mit Diedrich Diederichsen abzusagen, weil Pop-Musik für den Untergang des Abendlandes, für die Unfähigkeit, adäquat Musik  wahrzunehmen und für ein restringiertes Denken verantwortlich ist. Niemandem muß das, was ein Redner an Thesen vertritt, schmecken. Aber jeder, auch Marc Jongen, man mag ihn mögen oder nicht, muß die Möglichkeit haben, in einer Institution ungestört aufzutreten.

Deutlich zeigt diese Absage auch: Solche wie Marc Jongen machen Angst, und es gibt wenige, die sich trauen, dessen Aura zu entzaubern und seinen Thesen mit der Kraft des Wortes zu begegnen. Denn nichts anderes ist Kultur: Voneinander lernen, anderes aushalten und begründet zu widersprechen. Eigentlich das, was die kulturalistische Linke, aber auch Liberale noch bei den extremsten Positionen bisher predigte. Wie will man eigentlich die Burka, militanten Islam oder Erdogans Autokratismus, der sich bis  in die BRD erstreckt, aushalten, wenn manche nicht einmal vor solchen wie Jongen bestehen können?

Abschließend bleibt zu bemerken: Was Begriffe wie „subversive Aktion“ und „ästhetische Intervention“ betrifft, die der offene Brief nennt, scheint mittlerweile eine seltsame Umpolung stattzufinden. War es einst das Prärogativ linker Bewegungen, mittels Kunst und Geist zu intervenieren, klammheimlich die Positionen des Gegners zu besetzen, gleichsam lustvoll als eine Art Guerilla sich (scheinbar) wie ein Fisch im Wasser zu bewegen und den langen Marsch durch die Instanzen zu wagen, so scheint dies inzwischen das Privileg der (extremen) Rechten zu sein und wie vordem die Konservativen wird nun mit der Keule Verbot gedroht.

Organisationen wie die Identitäre Bewegung kapern Protestformen, die einstmals als typisch links galten. Happenings, Satiren im öffentlichen Raum, Störmanöver. Wo früher bei solchem Protest bestimmte Kreise der Linken applaudierten, herrscht mittlerweile betroffenes Schweigen. Was wird, wenn irgendwann an den Universitäten vermehrt rechte Kräfte agieren? Und es wird die Frage aufkommen: Sind Institutsbesetzungen von links gut und die von rechts böse? Ich bleibe bei meiner Sicht, die mir bereits vor 30 Jahren böse Blicke und Worte einbrachte. Als Adorno 1969 zur Besetzung des Instituts für Sozialforschung die Polizei rief, tat er gut daran und handelte richtig.

Eines zumindest hat sich in dieser Absage des Theaterhauses Gessnerallee gut gezeigt: Der Rechten wird auch diese Aktion wieder eine Bestätigung für die vermeintliche linke Diskurshoheit sein. Die Fragen jedoch, die das Theaterhaus in einer Debatte aufwerfen wollte, führen sich mit der Absage des Auftrittes ad absurdum: „Wie können wir dem erstarkenden Autoritarismus entgegentreten? Welche Strategien sind zulässig? Was bedeutet Meinungsfreiheit? Was bedeutet Demokratie?“ Mit autoritären Methoden und Drohungen läßt sich dem erstarkten Autoritarismus ganz sicher nicht begegnen. Zumal dann eben der Gegner nicht minder sich darauf berufen kann, ähnliches zu tun.

Selektives Sehen

Diese Firma weiss, was Sie denken. Cambridge Analytica kann mit einer neuen Methode Menschen anhand ihrer Facebook-Profile minutiös analysieren. Und verhalf so Donald Trump mit zum Sieg.“ So schreibt der Zürcher Tages-Anzeiger.

Was Journalisten bei Donald Trump mit einem Male alles auffällt, das sie bisher und in anderen Zusammenhängen geflissentlich übersahen, das ist schon interessant zu beobachten. Aber wer weiß – vielleicht erhält ja durch Trump der kritische Journalismus tatsächlich wieder Auftrieb. Ironie des Zeitgeistes sozusagen oder aber eine Hegelsche List der Vernunft in der Geschichte. Nachdem es viele Zeitungen mit der Agenda 2010 (Hallo „Spiegel“) nicht so genau nahmen und sie die soziale Umverteilung von unten nach oben als alternativlos dem Leser andealten, nachdem Journalisten mit der Kritik am Neoliberalismus kräftig sparten wie dieser an den Gehältern der Arbeiter, um die Taschen der Aktionäre dafür umso mehr zu füllen; nach den Berichten über die sozialen Proteste in Portugal, Spanien, Griechenland, die in den Medien weitgehend ausfielen oder lediglich als Randnotiz auftauchten, bis hin zur Lage in der Ukraine (Hallo Alice Botha) oder in den USA, samt den Tricksereien von Hillary Clinton (Hallo Joffe). Nachdem man all das nicht so genau nahm, ist es erfrischend zu lesen, wie manche Zeitung ihren kritischen Geist wiederentdeckt.

Wäre eigentlich bei einem Clinton-Sieg auch so exakt hingeschaut worden? Frage ich mal maliziös.

It’s the economy, stupid!

Was mich bei den damals auf Politische Ökonomie eingestimmten gesellschaftskritischen linken Bewegungen und auch bei  links  sich  nennenden Journalisten verwundert, ist der Umstand, wie sehr diese wirtschaftlich basalen Fakten einfach ausgeblendet oder als marginal abgetan werden. Wie intensiv wurde damals Marx‘ „Kapital“ in Studiengruppen geradezu gebüffelt. Zu recht, weil diese Texte von Marx samt seinen Polemiken immer noch zentral sind, um diese Gesellschaft in ihren Ausprägungen sowie in ihrer Struktur zu begreifen. Heute liest man Judith Butler und debattiert über die Mehrfachdiskriminierung von Minderheiten und über Gender-Toiletten in Kindergärten. Für manche mag das wichtig sein. Aber in den Filterblasenmilieus sollte man sich gelegentlich über die Relevanz von solchen Themen Gedanken machen. Ob es sich hier nicht vielmehr um einen Nebenwiderspruch handelt. Sicher wird es dem Schwulen und der Lesbe nicht egal sein, wenn sie diskriminiert werden. Darüber muß es Öffentlichkeit geben.

Wie sehr aber in solchen Diskursen die gesamtgesellschaftlichen Bedingungen ausgeblendet werden und die Debatten nur noch auf Partialmoralen abzielen und zudem die politischen Diskurse vehement moralisiert werden, ist erschreckend. Vor einem Jahr zeigte diese der Fall der Journalistin Barbara Eggert, die für einen unklugen Rat in einem Provinzblatt von Volker Beck dafür als homophob denunziert wurde. Sie verlor ihren Job. Und um jenen Tugendterror auch auf Herrn Beck anzuwenden: Von einem Politiker, der nachweislich eine Droge wie Crystal Meth konsumiert und beim Kauf dieser Droge erwischt wurde, möchte ich mir keine moralischen Belehrungen anhören. Schon gar kein Mobbing – um an dieser Stelle die Moralisierung von Diskursen zu spiegeln.

Nicht mehr die kritische Analyse und Ideologiekritik werden geübt, sondern heute überwiegt die Moralisierung von gesellschaftlichen Fragen: Labels wie Rassist, Homophober usw. werden bei abweichender Meinung geklebt, ohne daß irgendwie eine Begründung dafür gezeigt würde, außer daß sich einer abweichend oder eben auch problematisch äußerte. Statt über soziale Verwerfungen und eine zunehmende Kluft zwischen Armen und Reichen debattiert man mit Verve über Blackfacing im Theater von Dieter Hallervorden, inszeniert einen Quatsch wie den Blog Münklerwatsch, um unliebsame Professoren nicht mehr immanent mit Wissen im Seminar kritisieren zu müssen – wozu es vermutlich von der gelernten politischen Theorie nicht mehr ausreicht -, sondern um zu überwachen und zu strafen.

Linke Bewegungen entwickeln eine Tugendhaltung, wie man sie früher bei den Evangelikalen oder überhaupt bei religiösen Bewegungen wahrnehmen konnte, die auf dem alleinseligmachenden Wahrheitsanspruch der Kirche pochten. Gefühlslinks kann man diese neuen Positionen nennen. Sie sowie die Partialmoralisierung sind leider auch im Journalismus anzutreffen. Über die Gründe kann man spekulieren. In einer globalisierten Welt ist der flexible und von jedem Ort aus operierende Journalist sicherlich ein Gewinner. Gut vernetzt, in einer Welt, in der allenfalls in Gestalt seiner Eltern oder der Verwandten die alte Angestellten- und Arbeiterklasse noch Bestand hat. Da mag genügend Zeit zur Verfügung sein, über Spezialprobleme nachzudenken, die die urbanen Eliten haben, jedoch nicht die Bevölkerung am Stadtrand, in den Mietskasernen, den Wohnbetonsiedlungen, jenen „Fickzellen mit Fernheizung“, wie Heiner Müller die Blocks in Friedrichsfelde nannte oder aber jene Menschen, die in den Provinzen leben und die wahrlich andere Fragen und Probleme umtreiben als die gendergerechte Toilette oder sexfreie Werbung in ganz Berlin. Diese Fragen mögen nicht irrelevant sein. Es geht mir lediglich um deren Gewicht. Hier werden Mücken  zu Elephanten aufgeblasen. Als ob dies die zentralen Probleme der Gesellschaft wären und nicht vielmehr die soziale Ungleichheit. Und da sind wir dann wieder bei der Ökonomie, bei Trump und damit auch bei den nächsten Bundestagswahlen.

Auf seinem FAZ-Blog Stützen der Gesellschaft erklärt Don Alphonso anhand der US-Firma Cannondale in Bedford den Wahlsieg Trumps: Respekt, gut gemacht und es trifft den Kern:

„Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie gehörten zu den 300 Leuten in Bedford und ihren Angehörigen. Sie haben jahrelang mit das Beste gemacht, was es weltweit gab. Sie haben geholfen, das Exportdefizit des Landes klein zu halten. Auf Ihren Rädern siegten die Besten. Handmade in USA stand auf Ihren Rädern unter der Flagge Ihres Landes. Sie haben erlebt, wie Entscheidungen nach den Wünschen der Wall Street Elite die Firma in den Bankrott trieben, zum Spielball der Investoren machte und Sie arbeitslos werden liess. Sie haben erlebt, wie ein Staatsgeschenk genutzt wurde, um nach der Produktion auch die verbliebenen Bereiche abzuziehen. Jetzt sitzen Sie in Bedford, irgendwo in Pennsylvania, wohin nie ein Journalist reist, und haben die Wahl. Zwischen Hillary Clinton und Stronger Together, ihren Unterstützern in den Medien, die meinen, man müsste sie wählen, weil sie mit dem System gut kann, eine Frau ist und ganz wunderbare Ideen für transsexuelle Kinder und ihren Toilettenbesuch in Schulen hat, und für Black lives matter und Handelsbeziehungen im pazifischen Raum.“

„Ich bin zigtausend Höhenmeter mit solchen Coda-Kurbeln hochgefahren. Sie sind einfach gut. Da kann man sagen, was man will. Gut und leicht und überhaupt nicht schlampig gefertigt, wie man das sonst oft amerikanischen Produkten wie Autos, Software oder Judith Butlers Genderesoterik zurecht nachsagt.“

 

Ein paar Worte zu Trump

Ich habe heute morgen eine kurze Zeitungslektüre gehabt. Das Gute an diesem Tagesbeginn: Lieste einen Artikel, kennste alle. Da sich Berichte, Kommentare, Leitartikel im Ton ähneln, reicht es die ersten drei Zeilen zu lesen und dann zu überfliegen. Unterkomplexe Analysen, Überheblichkeiten, das übliche Gerede. Angefangen bei der Alarmkommunikation auf SpOn, denen irgendwie der Arsch auf Grundeis zu gehen scheint und nun müssen sich zudem auch die Jungs um Joffe mit den Transatlantikern ganz neu verständigen. Mein Mitleid hält sich da in Grenzen. Auch das mit einem bestimmten linksliberalen Juste Milieu.

Was wäre übrigens, wenn die Wähler Trumps keine überwiegend Abgehängten sind, sondern Trump bewußt wählten, weil sie in ihm eine Chance sehen? So etwas wie einen Neuanfang. Eine Wirtschaft, die nicht bloß an Börsen mit Geld spekuliert und dann verspielt, sondern vielmehr eine Gesellschaft, die auf Erwerbsarbeit setzt. Es ist die Wirtschaft, an der alles hängt. Die Aussicht, daß der altbekannte Widerspruch von Arbeit und Kapital in nächster Zeit ausgehebelt wird, hegen nur noch wenige, und mit einem nationalkonservativen Kapitalisten wie Trump wird diese Revolte sowieso nichts. Aber eben auch nicht mit einer neoliberalen Politikerin, für die die USA ein Geschäftsmodell ist. Die meisten in den USA sind froh, wenn sie überhaupt drei Arbeitsplätze haben – einer reicht nämlich oft nicht. Da liegt die Crux.

Ja, es ist eine feine Watsche für den linksliberalen Mainstream, der lieber über das Gender-Gap und über fünfzehn Geschlechter, über die Minderheit der Minderheit einer Minderheit, die als Minderheit einer Minderheit benachteiligt wird, nachdenkt. Das alles, mit Verlaub, ist jenen in den USA, die in Autos schlafen, weil sie kein Dach mehr über dem Kopf haben, schnurzegal. Und das ist auch denen egal, die morgen diesem Schicksal ausgesetzt sein können. Denn diese Drohung schwebt beständig über den Menschen und hält sie im Kapitalismus gefügig. Ja, Trump wurde auch von Rednecks gewählt. Aber ebenso aus einem Protest heraus, der sich in keiner Partei mehr wesentlich wiederfindet und der nicht nur mit dem konservativ-weißen Milieu zu tun hat. Eine krude Gemengelage oft. Das alles unter dem Slogan Protestwähler zu fassen, greift viel zu kurz und ist unterkomplex. Die Kolumnisten lieben bequeme Erklärungen.

Es sind übrigens, was die Zahlen betrifft, nicht überwiegend die Abgehängten, die Trump wählten – bei den Menschen mit niedrigem Einkommen wählte eine Mehrheit Clinton –, sondern es ist Angst vor drohendem Abstieg – der Mittelstand in den USA zerbrach – und der Wunsch, alte Eliten abzuwählen. Und zu diesen Eliten gehören eben auch fast alle Kommentatoren. Auch die in der BRD. Das sollte man für die nächste Bundestagswahl im Auge behalten.

Dieses Wahlverhalten ist der Effekt einer Politik, die Jahrzehntelang das eigene Land zum Ausverkaufsplatz für neoliberale Wirtschaftspolitik machte, und Hillary Clinton samt ihren Freunden in Wallstreet samt dem militärisch-industriellen Komplex stehen genau für diese Linie. Da hilft auch alles Kaschieren mit ein paar linken Bonbons nichts, und der aufgesetzte Frauenbonus ist in diesen Fragen der Wirtschaft wahrlich das lächerlichste Effekt oder zumindest naiv. (Als ob es Margret Thatcher nie gegeben hätte.) Was ist eigentlich falsch an einem Politiker, der sagt, wenn Ford in Mexiko seine Autos baut, dann wird Ford in Zukunft für den Import dieser Autos in die USA hohe Zölle zahlen? Zumindest entdecken die Wähler eine Tendenz, sehen in Schemen eine der Ursachen ihres Elends. Mögen am Ende die Abgründe des Kapitalismus auch sehr viel tiefer reichen als in die Schutzzollfrage hinein.

Mit böser Zunge kann man sogar sagen: Im Gegenteil die Wahl ist gut gelaufen, es ist die Wahl von Trump ein Zeichen dafür, daß die Demokratie funktioniert, daß Menschen durchaus ihr Unbehagen artikulieren, auch wenn das Ergebnis der Wahl nicht allen paßt. Aber das hätte es bei Hillary Clinton ebensowenig. Weshalb wählten so wenig Latinos und Schwarze Clinton? Wäre sie alle zur Wahl gegangen, hätte Clinton gesiegt. Auch das bleibt eine Frage. Die USA sind und bleiben ein tief gespaltenes Land.

Und für die linken Freunde in der BRD, für die Hillary-Linke, nochmal ins Stammbuch geschrieben, aber das ist jetzt wieder der Friedensblick aus Europa: Wie anders kann man eigentlich eine Flugverbotszone über Syrien durchsetzen als militärisch? Sofern sie nicht durch die UN gedeckt ist, müßte sie ggf. auch gegen die Russen durchgesetzt werden. Was das bedeutet, sollte jeder wissen. Ob wir wirklich für einen weiteren islamistischen Staat nach IS-Vorbild den Frieden in Europa aufs Spiel setzen wollen, sollte man sich gut überlegen. Wer droht, muß einlösen können und auch einlösen wollen, das bleibt Grundannahme der Machtpolitik. Sonst ist die Drohung eine Hülse und damit überflüssig.

Eine gute Analyse zur Wahl finden wir von Jens Berger auf den Nachdenkseiten.

Schön beschrieb diese Linksmaskerade der Clintons auch Zizek in der „Zeit“:

„Der gleiche Volkszorn, der Trump gebar, brachte auch Sanders hervor, und während beide der weitverbreiteten sozialen und politischen Unzufriedenheit Ausdruck verleihen, tun sie es auf entgegengesetzte Weise: der eine mit rechtem Populismus und der andere mit der linken Forderung nach Gerechtigkeit. Und hier ist der Trick: Der linke Ruf nach Gerechtigkeit geht häufig Hand in Hand mit den Kämpfen um die Rechte von Frauen und Homosexuellen, für Multikulturalismus und gegen Rassismus und so weiter. Das strategische Ziel des Clinton-Konsenses besteht darin, all diese Kämpfe von der linken Forderung nach Gerechtigkeit abzutrennen – weshalb das lebende Symbol dieses Konsenses Tim Cook ist, der Apple-Chef, der stolz einen offenen Brief gegen die Diskriminierung von LGBT-Personen unterzeichnet und jetzt problemlos Hunderttausende Foxconn-Arbeiter in China vergessen kann, die Apple-Produkte unter Sklavenbedingungen montieren. Er hat ja seine große Geste der Solidarität mit den Unterprivilegierten gemacht und die Abschaffung jeglicher Geschlechtersegregation gefordert. Wie so oft stehen die Großunternehmen stolz vereint mit der politisch korrekten Theorie.“

 

25 Jahre keine DDR: „Für unser Land“

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„Unser Land steckt in einer tiefen Krise. Wie wir bisher gelebt haben, können und wollen wir nicht mehr leben. Die Führung einer Partei hatte sich die Herrschaft über das Volk und seine Vertretungen angemaßt, vom Stalinismus geprägte Strukturen hatten alle Lebensbereiche durchdrungen. Gewaltfrei, durch Massendemonstrationen hat das Volk den Prozeß der revolutionären Erneuerung erzwungen, der sich in atemberaubender Geschwindigkeit vollzieht. Uns bleibt nur wenig Zeit, auf die verschiedenen Möglichkeiten Einfluß zu nehmen, die sich als Auswege aus der Krise anbieten.

Entweder

können wir auf der Eigenständigkeit der DDR bestehen und versuchen, mit allen unseren Kräften und in Zusammenarbeit mit denjenigen Staaten und Interessengruppen, die dazu bereit sind, in unserem Land eine solidarische Gesellschaft zu entwickeln, in der Frieden und soziale Gerechtigkeit, Freiheit des einzelnen, Freizügigkeit aller und die Bewahrung der Umwelt gewährleistet sind.

Oder

wir müssen dulden, daß, veranlaßt durch starke ökonomische Zwänge und durch unzumutbare Bedingungen, an die einflußreiche Kreise aus Wirtschaft und Politik in der Bundesrepublik ihre Hilfe für die DDR knüpfen, ein Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte beginnt und über kurz oder lang die Deutsche Demokratische Republik durch die Bundesrepublik vereinnahmt wird.

Laßt uns den ersten Weg gehen. Noch haben wir die Chance, in gleichberechtigter Nachbarschaft zu allen Staaten Europas eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik zu entwickeln. Noch können wir uns besinnen auf die antifaschistischen und humanistischen Ideale, von denen wir einst ausgegangen sind. Alle Bürgerinnen und Bürger, die unsere Hoffnung und unsere Sorge teilen, rufen wir auf, sich diesem Appell durch ihre Unterschrift anzuschließen.

Berlin, den 26. November 1989

Diesen Aufruf, der im Prozeß der sich abzeichnenden Vereinigung von DDR und BRD die Vorstellung eines dritten Weges ins Spiel brachte, wurde von  31 DDR-Bürgern ins Leben gerufen. Als Christa Wolf bei einem Besuch in Leipzig die Parole Deutschland, einig Vaterland und Wir sind ein Volk hörte, unterzeichnete auch sie.

Das Oder ist eingetreten. Eine sozialistische Alternative gab es (leider) nicht. Angst essen Seele auf und Geld frißt alles und jede Regung. Wer meint, es existierte irgendwo ein Refugium, sei es auch nur im Innern, in der stillen Kammer oder im Denken, das vom System der Waren verschont bliebe, der irrt. Kein Ort, nirgends. Dies klingt hoffnungslos. Und genau so ist es auch gemeint. Allenfalls sind die kleinen Schritte denkbar. Tücken und List, die das eine oder andere zum Fortschritt wenden. Ob es sich freilich, wie Hegel in seiner „Phänomenologie des Geistes“ annahm, um eine solche der Vernunft handelt, darf bezweifelt werden. Aber wie es auch sich drehen mag, die Prozesse der Geschichte erinnern mich eher an Walter Benjamins dialektisches Bild vom Engel der Geschichte als an Emanzipation -ein immer schneller voran rasender Zug, der durch keine Notbremse mehr in den Stillstand gebracht werden könnte:

„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ (Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte)

Berlin, 21.6: „Die Toten kommen“ – Kein Mensch ist illegal!

Ja, es ist traurig – in der Tat. Manche beklagen sich darüber, daß die Aktion des „Zentrums für Politische Schönheit“, moslemische Flüchtlinge nach dem Ritual ihrer Religion in Berlin zu beerdigen, pietätlos sei. Diese Menschen, die bei ihrer Flucht im Mittelmeer ertranken oder auf eine andere Weise starben und deren Leichname jene Aktivisten dann – mit Genehmigung der Angehörigen – aus einem Massengrab aushoben und in die BRD überführte, sollen in Berlin eine Grabstätte erhalten. Der Ort dürfte mehr als passend sein, denn es handelt sich um die Hauptstadt der BRD: Was an dieser Aktion pietätloser und würdeloser sein soll, als Menschen im Mittelmeer wissentlich ertrinken zu lassen und billigend ihren Tod in Kauf zu nehmen, interessierte mich denn doch. Zumal es sich dabei eben auch um eine symbolische Aktion handelt. Denn die Särge waren ja leer. Nichts drinnen. Aber selbst ein leerer Sarg macht manchen Menschen noch Angst. Bloß nicht an den Problemen rühren und besser die drei Affen geben. Doch bei jedem Toten an der ehemaligen DDR-Grenze wurde – ganz zu recht übrigens – eine große Klage angestimmt. Wie unterschiedlich doch die Blicke gewichtet sein können.

An den Reaktionen der Öffentlichkeit sieht man dann gut, welche unterschiedliche Wertigkeit der Tod hat. Der Tod der eigenen Leute und das Sterben und Leiden der Anderen. Da könnte man nun schön mit der „Antigone“ kommen: Mit der von Sophokles, die von Anouilh ist mir zu einfach, reduziert und unterkomplex getextet. Wie und in welcher Weise darf man die Toten beerdigen und welches Gesetz steht eigentlich höher? Viel des Unheimlichen ist, doch nichts unheimlicher als der Mensch. In der Weise, wie wir derart unterschiedliche Wertigkeiten bei Leben und Tod setzen, läßt sich das Unheimliche als Skandalon gut beobachten. Jedoch: Es gibt ein Gastrecht. Der Zyklop Polyphem etwa mißbrauchte es grob und widerlich, als er Odysseus und seine Gefährten verspeisen wollte. Eine schöne und in diesem Zusammenhang passende Metapher: Sich etwas einverleiben – und sei es auch nur die Arbeitskraft von Menschen. Odysseus tat gut daran, diese Gestalt aus einer archaischen Vorwelt zu blenden und auf die Frage des Polyphem, wie der Name des Blenders laute, mit Niemand zu antworten. Wir sind viele. Wir haben keine Namen

Weshalb nicht ein Gräberfeld vor dem Bundestag? Die, die ansonsten bei jeder symbolischen Handlung, die Frau Merkel oder der lächerliche Bundesgauckler vorführen, alles prima, staatstragend und gehaltvoll finden, kommen mit einem Mal mit ihrer kruden, billigen Moral und geben sich würdevoll. Erbärmlich. Als ob diese Heuchler, diese dreimal getünchten lebenden Gräber sich ansonsten um die Pietät und die Würde der Flüchtenden scherten. Aber CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach salbadert: „Mit solchen Aktionen werden Grenzen der Pietät überschritten.“ Der war gut.

Bei einem Bericht wie dem von Hannah Beitzer heute in der SZ-Online über diese Kundgebung kann man dann nur noch mit dem Kopf schütteln. Widerliche Hofberichterstattung einer Journalistin, und das ohne Bewußtsein der Probleme, geschweige denn ohne Kenntnis von Kunst. Unterkomplex und ohne vor Ort zu sein. Wäre das, was vor dem Reichstag die Polizei durchzog, in Moskau passiert und die Polizei hätte den Demonstranten mit der Faust in die Fresse geschlagen und auf Köpfe eingeprügelt, so schriee Hannah Beitzer laut: „Welches Debakel für Menschenrechte und Demokratie“. So aber schweigt sie still und macht diese Aktion lächerlich, indem sie den Eventchakter hervorkehrt, weil sich Menschen mit Handys photographieren. Wie witzig Hännchen-Klein! Dieselben Journalisten, die jeden Scheiß twittern und die bei dem symbolischen Firlefanz der Regierenden brav den Hofknicks samt dreifachem Kotau tätigen und in die gebeugte Lage sinken, weil ansonsten die Brocken Information von den Mächtigen, die zuweilen abkrümmeln, weniger reichlich ausgefallen wären, spielen plötzlich Anstandsherr oder Anstandsdame. (Es gibt viel schlimmere und ekligere Journalisten, die einfach nur Kettenhunde sind. Hannah Beitzer ist da noch harmlos und im Grunde zu vernachlässigen.)

Egal wie: es handelt sich bei dem, was das „Zentrum für Politische Schönheit“ betreibt, um eine Aktion der Kunst. Dieser (nicht ganz ungewichtige) Umstand wird häufig vergessen und übersehen. Ja, es gibt sie noch: die Aktionskunst, die manchmal sogar provoziert. Nur dann, wenn es laut wird und manchmal knallt – so geht nämlich die Logik der bürgerlichen Presse – wird auch berichtet. Es handelt sich um praktizierte Politik, es handelt sich um Gesellschaftliches, das sich in bestimmten Szenarien symbolisiert. Gegen 14 Uhr sammelten sich nahe des Regierungsviertels die Teilnehmer dieser Aktion. Der Zug traf sich Ecke Charlottenstraße/Unter den Linden, wenige Schritte entfernt von der schrägen und seltsamen Veranstaltung „Open Classic“ auf dem Bebelplatz, wo Daniel Barenboim gerade den kitschig-schmalzigen und entsetzlichen Tschaikowsky dirigierte. Zunächst war es von der Polizei verboten, im Zug mit Baggern zu fahren (sic!), Särge mit menschlichen Leichen (oder was das Mittelmeer von ihnen anspülte bzw. übrigläßt) und Holzkreuze mitzuführen. Vereinzelt wurden Kreuzträger aus der Menge herausholt und die Kreuze beiseite gestellt. Dann aber war es doch erlaubt, Kreuze mitzuführen. Im Zug befanden sich zudem einige wenige Querfrontler von „Friedensfusion“, die auf ihrer Homepage den homophoben Schlagersänger und Deutschbarden Xavier Naidoo ganz ganz herzlich begrüßen. (Wenn schlimmer und dummer Pop-Kitsch auf einen Namen hört, dann auf jenen.)

An dieser Demonstration nahmen wohl an die 7000 Menschen teil, viele junge Menschen, aber ebenso Mütter und Familien mit ihren Kindern. Die Versammlung zog Unter den Linden entlang, manche malten Kreuze auf den Boden oder klebten mit schwarzem Gaffer Tape Kreuze an verschiedene Objekte. Dann knickte der Zug kurz vorm Brandenburger Tor rechts ab in die Wilhelmstraße und nach einem Linksschwenk über die Scheidemannstraße am Reichstag vorbei, gelangte er bis vor das Kanzleramt und verweilte dort in Stille. Symbolisch wurden dort vor einem Schild Särge deponiert. Bagger wurden bei dieser Veranstaltung nicht mitgeführt. Außer einer in Miniatur. Mit einem Male aber stieß der Bauzaun, der die gesamte Reichstagswiese umgrenzte, wie durch einen schönen Zufall um. Da rannten plötzlich Tausende Menschen friedlich auf die Wiese. Die Polizei ging immer wieder dazwischen, einige Polizisten mit unverhältnismäßiger Brutalität und in Hooliganmanier  mit Faustschlägen, auch Journalisten wurden angegriffen. (Wehe, wenn das in Moskau, Belgrad oder Peking passiert wäre!)

Daß die Berliner Polizei nicht besonders beliebt ist, dürfte gute Gründe haben. Da hilft dann auch kein anbiederndes Twittern. Eine Reihe von Photographien zeige ich in einem ersten Teil hier im Blog. Ein zweiter Bild-Teil folgt.

 

 

 

 

„Die letzte Schlacht gewinnen wir“

Aber nicht mit Gender-Gap, Profx, mit gesinnungsschnüffelndem Antirassismus, der nach Mohrenlampen fahndet, um sich dann medial gekonnt selber zu inszenieren, nicht mit den Nebenschauplätzen, auf denen sich ein großer Teil dessen, was sich links nennt, tummelt und sich selber entweder im Zerknirschungsdiskurs oder in der Gesinnungsüberprüfung zerfleischt. Nicht dadurch, indem man jeder kritischen Stimme, die einem nicht in den Kram paßt, die Nazikeule reinsemmelt, nicht dadurch, daß man Diskussion und Meinungsfreiheit abwürgt und im Schröderschen Basta ruft: homophob, Nazi usw., damit man bequem den anderen mit einer Identitätsmarke versehen kann. (Ein Reflex nebenbei, den man natürlich regelmäßig bei der andern Seite kritisiert.) In solchen Reaktionen und Zuschreibungen zeigt sich wieder einmal gut der deutsche Kleingeistmichel, der es über einen dualen Schematismus nicht hinausbringt. Wer tatsächlich meint, daß es sinnvoll sei, einem Leipziger Soziologen das Wort abzuschneiden, der sich forschend dem Phänomen „Pegida“ nähert, indem er diese Menschen als Sozialwissenschaftler befragt, der hat eigentlich nicht viel begriffen. Die letzte Schlacht werdet Ihr auf diese Weise ganz sicher nicht gewinnen. Da könnt Ihr als Relikt noch so viel „Ton Steine Scherben“ hören. Und Eure Kreuzberger, Dresdener Neustadt und Schanzenviertel-Blasenwelten tragen ihr übriges bei.

Einen schönen Text mit dem Titel „Gewissensprüfung“ brachte Don Alphonso auf seinem Blog „Rebellen ohne Markt“. Und zwar geht es da um die sehr simple Frage: „Bin ich noch links?“ Die müssen sich heute viele Stellen lassen, die nicht bereit sind, sich dem schlichten Dualismus zu beugen und die es vorziehen, selber sich Gedanken zu machen, Ideen zu entwickeln, anstatt Slogans nachzuplappern, die man mit 20 oder 25 noch entschuldigen kann, die aber für Menschen so ab Ü 30 nicht mehr angemessen mir scheinen. Manche jedoch haben ihre regressive Phase niemals überwunden. Es ist die in der Tat komplexe Lebenswelt zwar einfacher zu handhaben, wenn man sie einteilt: die mit der richtigen und korrekten Gesinnung und die anderen mit der falschen. Es schadet jedoch der Analyse von Phänomenen und der denkenden Betrachtung. Bei jener Frage, was denn noch links sei, erteilt der Don einige sehr interessante und teils unkonventionelle Antworten. Lesenswert.

Zu Migration/Integration schreibt Don Alphonso:

„Ich bin für praktikable Lösungen, die allen Seiten gerecht werden und wenigstens von einer qualifizierten Minderheit in Deutschland auch getragen werden, die dann aber auch für die Integration Verantwortung übernimmt, und nicht nur nach dem Fest der Kulturen in die Hecke kotzt. Und für eine ehrliche Debatte über das Asylrecht, bevor es Mehrheiten gibt, die mit Grundgesetzänderungen heran gehen.“

So ist es. Allerdings bin ich kein Vegetarier, und ich halte ebenso wenig vom Tempolimit. Was das entspannte Fahren betrifft, stimmen die Einschätzungen Don Alphonsos allerdings, was ich auf französischen Autobahnen gut beobachten konnte. Ein insgesamt lesenswerter Text von Don Alphonso.
 
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Zu melden bleibt weiterhin, und dies stimmt mich in der Tat traurig, daß der Chansonnier, Sänger, Liedermacher und Anti-AKW-Aktivist Walter Mossmann am 29.5. in Freiburg im Breisgau starb. Es ist dies zwar nicht unbedingt meine Musik gewesen, aber diese Linken damals, die schissen sich nicht ins Hemd wie ein Großteil der heutigen – von den schwachmatischen Netzfeministinnen bis hin zu den Rassismusschnüfflern. Sie waren radikal. Mossmann wirkte im Kampf und er prägte den Kampf gegen die Atom-Mafia in der BRD der 70er und 80er Jahre. Nun fliegt der Lebensvogel für Mossmann nicht mehr.

Zum christlich-jüdischen Abendland. Sowie ein kurzer Blick auf den Briefwechsel zwischen Adorno und Gershom Scholem

Es gibt von zwei Seiten ausgehend eine mehr als problematische Anlehnung ans Judentum: Einmal von der islamophoben Front her, jener Achse der Guten, die beständig von den ewigen christlich-jüdischen und westlichen Werten salbadert, um damit das andere Element auszusondern, während deren Vorfahren nicht müde wurden, eben jene Juden samt ihrer Lebensweise, ihrer Kultur und Religion auszurotten. Auf der anderen Seite findet sich eine eigentümliche Form des politischen, ästhetischen oder philosophisch motivierten Philosemitismus, der eher von der politischen Linken kommt. Sozusagen das Bedürfnis, eine Schuld abzutragen, die die Vorfahren dieser Menschen auf sich luden. Nun grinst der Ostjude in den Karikaturen nicht mehr breit, feist und widerlich mit Hakennase und großen Ohren, wie in der faschistischen Propaganda, sondern es lächelt in der Imago der Rabbiner sanft und fein.

Während das Judentum, das sich für die erste Position wesentlich im Staat Israel manifestiert, für deren Propaganda lediglich als beliebige Spielmarke fungiert – meist mit vollständiger Unkenntnis jüdischen Lebens und deren Lebenswirklichkeiten behaftet –, dient das Judentum insbesondere der zweiten Partei als eine Projektionsfläche eigener Sehnsüchte und Regungen. Das und insbesondere die Haltung des „Nie wieder!“ ist mir einerseits nicht unsympathisch, führt aber in dieser unidirektionalen Sicht zu Problemen und Ausgrenzungen anderer Art. Sofern diese Haltung zugleich nicht kritisch sich reflektiert, wird sie problematisch und vereinnahmend. Der Nicht-Jude ist nun einmal kein Jude – da kann er anstellen, was er will. Im Juden manifestiert sich in dieser Sicht das Andere.

Dieses Anders-Sein erwirkt aber wiederum Zuschreiben und Fixierungen: gleichsam ein ontologisch-anthropologisches Paradigma. Zwischen diesen Positionen changierend: Der Staat Israel. Da gerät dann innerhalb dieser mehr als komplexen Dimensionen manches durcheinander, und die Kritik an den Repressionen des Staates Israel gegen Araber/Palästinenser wird allzu flugs und leichtfertig als Antisemitismus gedeutet. Derart werden die Kategorien und Begrifflichkeiten verwechselt und Differenzen innerhalb eines komplexen Feldes unterschiedslos gemacht. Antisemitisch ist eine Kritik an Israel dann, wenn das, was Israel mit den Palästinensern macht, als intrinsische Eigenschaften der Juden gedeutet wird. Aber was Israel politisch veranstaltet, ist nicht typisch jüdisch, sondern es handelt sich um Machtausübung eines Staates. Leider ist jener Antisemitismus nicht nur in der BRD wirksam und virulent.

Zum deutsch-jüdischen Dialog in den 60er Jahren in der BRD schrieb Adorno in seinem Briefwechsel mit Gershom Scholem am 22. Juni 1965 von Frankfurt am Main nach Jerusalem:

 „Schon wenn man ein Wort wie jüdisch-deutsches Gespräch hört nach dem Geschehenen, kann es einem übel werden, und es ist die einfache Wahrheit, daß es ein solches Gespräch nie gegeben hat, und daß die sogenannten größten Deutschen wie Kant und Goethe Dinge geschrieben haben, die sich nun doch ausnehmen wie die Scheite, welche das alte Weiblein zum Scheiterhaufen des Hus herbeischleppte. Es ist von einer wahrhaft abgründigen Ironie, daß die Teilnahme am Judentum qua Judentum, und nicht etwa an einzelnen jüdischen Figuren, erst jetzt in Deutschland sich stärker ausprägte, nachdem es dort keine Juden mehr gibt.“ (Th. W. Adorno/Gershom Scholem: Briefwechsel 1939 – 1969)

 Dieser Briefwechsel zwischen Adorno und dem Judaisten Gershom Scholem (geboren als Gerhard Scholem), der 1923 aus Deutschland nach Palästina übersiedelte, um dort als Jude leben und lehren zu können, bietet interessante Einblicke in eine besondere Form des „deutsch“-jüdischen Dialogs, der von Frankfurt und Jerusalem her geführt wurde. Adornos Philosophie läßt sich nur bedingt auf das Judentum zurückführen – anders als die Philosophie Walter Benjamins. Motive jüdischen Denkens wird man bei Adorno nur über Umwege eruieren können. Allenfalls über den Begriff des Messianischen, wie er ihn etwa am Ende seiner „Minima Moralia“ verwendet und wie er in einigen Motiven in den „Meditationen zur Metaphysik“ anklingt. Diese unterschiedlichen Perspektiven, die dennoch nahe beieinander liegen, insbesondere über den Begriff der Negativen Dialektik und des Nichtidentischen bei Adorno und den Erforschungen jüdischer Mystik sowie der Kabbala bei Scholem, geben ein Bild zweier kritischer Intellektueller. Untergründige Folie ihres Schreibens bleibt das faschistische Deutschland sowie eine restaurative BRD. Ebenso aber die Fragen der Philosophie. Scholem wie auch Adorno tauschen sich über ihre philosophischen bzw.. judaistischen Projekte aus; zudem liefert dieser Briefwechsel Zeugnis von den Bemühungen, eine erste Ausgabe der Schriften Walter Benjamins in der BRD erscheinen zu lassen. Ohne die Anstrengungen Adornos und Horkheimers sowie die Arbeit von Scholem wäre die Philosophie Walter Benjamins in der BRD in Vergessenheit geraten oder zumindest doch wesentlich später erst „entdeckt“ worden. Soviel als knapper Abstecher zum deutsch-jüdischen „Dialog“.

Weltweites Web mit Hick und Hack als Kommunikationsform

„Ich wollte sie zu einem Verständnis für die Angelegenheiten der deutschen Sprache erziehen, zu jener Höhe, auf der man das geschriebene Wort als die naturnotwendige Verkörperung des Gedankens und nicht bloß als die gesellschaftspflichtige Hülle der Meinung begreift. Ich wollte sie entjournalisieren.“

Dies schrieb Karl Kraus in seinem Text „Apokalypse“, weil die Zeitschrift „Die Fackel“ bereits zehn Jahren schon bestand.

Es gibt im Internet, in der schönen neuen, nein, nicht mehr ganz so neuen Welt der Blogs, die sprießen und wuchern wieʼs Schamhaar der Frauen noch herrlich in den 90er Jahren, weil das Schreiben demokratisch wurde und jeder, der eine Tastatur zu bedienen vermochte, seine niedrigen Ergüsse oder aber auch durchaus brauchbare Texte – sei es politisch gestanzt, lyrisch verpackt oder als Sonstwie-Text – in den Raum des Digitalen stellte, mit feiner und zugleich berechenbarer Regelmäßigkeit die Zerwürfnisse zwischen Blogs oder Bloggern und Kommentatoren und manchmal auch die zwischen realen Menschen. Häufig geht es bei solchen Disputen um die Politik: alte Bündnisse zerfallen, neue entstehen – nicht anders als in der Welt des Politischen, die in der Kategorie der Freund/Feind-Unterscheidung (C. Schmitt) arbeitet. Diese Unterscheidung kann man auf politische Theologie herunterbrechen, aber man muß es nicht. Es läßt sich diese Differenz ebenso in gut Hegelianischer Weise als (notwendiger) Kampfplatz fassen. (Für die Freund/Feind-Unterscheidung hat es insofern kaum eines Carl Schmitts bedurft.)

Auf dem Blog „Sprache und Gestalt“ schrieb sein Betreiber einen kleinen Text über „Das Aufmerksamkeitsproblem als ein Problem der Aufklärung“. Darin geht es um den Krawall und wilden Disput, der bei bestimmten Themen regelmäßig sich einstellt, samt dem bewußten Mißverstehen von Positionen und Sätzen. Stellt einer fest: die DDR sei ein Unrechtsstaat, so kommt mit schöner Regelmäßigkeit irgend eine fadenscheinige Widerlegung wie: Auch in der BRD geht es nicht mit rechten Dingen zu. Stimmt. Es wurde sogar in Knästen systematisch und unter Aufsicht des Rechtsstaates gefoltert, wenn man an die Isolationshaft der RAF-Gefangenen denkt. Aber es ist ein absurdes Spiel, das eine gegen das andere auszuspielen. Genausogut könnte man dann sagen: das Grauen des faschistischen Deutschlands ist zu vernachlässigen: Denn das war lediglich eine Reaktion auf Stalin. Entsetzliche Relativierungen. Und so geht der Streit in den Foren diverser Polit-Online-Magazine und in den Blogs ins Unermeßliche und ad infinitum weiter. Mal um des Kaisers Bart, mal um seine neuen Kleider, mal um durchaus berechtigte Fragen im Detail.

Doch häufig haben alle diese politischen Diskussionen mit einer emphatisch verstandenen politischen Öffentlichkeit, die informiert ist und Kenntnisse besitzt, nicht mehr viel zu schaffen. Fast ließe sich die These aufstellen, daß die Subjekte, je ohnmächtiger sie in den realen politischen Zusammenhängen und in den praktischen Entscheidungen bereits sind, dann umso mehr in anderen Rahmungen – gleichsam virtuell – rebellisch werden und den gestauten Druck abdampfen. [Kompensationsleistung der Demokratie. Demokratischer Raum zum Sprechen ist zugleich einer, der Handlungen unterbindet.] Die meinungsgesättigten Foren diverser Online-Magazine oder Blogs sind der ideale Ort, um Dispute, die sich teils zu Glaubensfragen transformierten, auf Stellvertreterebene auszutragen,  weil die Verhältnisse wie erstarrt und versteinert erscheinen. So rückt eine Rebellion oder gar ein Aufstand in der Realität schlicht und einfach in weite Ferne. Diese Apathie ragt bis in die innerlinken Diskussionszusammenhänge hinein: von der Frage, wie mit Flüchtlingen umgegangen wird, über Genderbloggerei und Critical Whiteness. (Nachzulesen etwa hier oder in anderer Variante auch an dieser Stelle.)

Ich schrieb bei „Sprache und Gestalt“ einen kleinen, feschen Kommentar, den ich hier, leicht erweitert, im Rahmen der Mehrfachverwertung noch einmal posten möchte, damit so Kluges und doch im Grunde Banales nicht untergeht, und weil ich im Augenblick nicht zum Schreiben von Blogtexten und zum Lesen von Blogs komme, denn ich liege gemütlich mit einer Erkrankung der Atemwege im Bett und lese wahllos in Büchern, erweitere ich einen bereits geschriebenen Text.

Ich denke, diese Art von Krawall, wie er in politischen Blogs regelmäßig sich zuträgt, wird sich auch in literarischen Blogs und in solchen, die sich mit Kunst, Literatur, Musik, Architektur oder Ballett befassen, einstellen, sobald irgendwer auftaucht und ohne Sinn und Verstand wilde Thesen heraushaut, die gar nicht oder dünn belegt sind. Vermeiden läßt sich solcher Trollinger-Krawall wohl nur, indem die Blogbetreiber/innen die Kommentarfunktion abstellen. Aber damit ist das Wesen des Blogs zerstört, das prinzipiell auf einen Dialog angelegt ist – im idealen oder gar im idealtypischen Falle erfolgt dieser Dialog nämlich in aufklärerischer Absicht, als freundschaftliches, bildungsgesättigtes Gespräch, als espritgeladener Austausch unterschiedlicher Sphären, von Geist und Wissen getragen, wo sich Perspektiven erweitern, wo der eine etwas von der anderen lernen kann. Aber wie es mit den Idealtypen im Leben nun einmal bestellt ist – wir wissen dies nicht erst seit Max Weber: Es scheitert das Ideal der schönen Bildung, das Ideal des Geistes und das Gespräch der schönen Seelen (Göthen, W. Meister) regelmäßig an den konkreten Verhältnissen, weil sich das eine (Geist) und das andere (Ungeist) gegenüberstehen, ohne daß je die Vermittlungsleistungen samt Negation des Ungeists gedacht werden. Gute Blogs hingegen können Skizzen, Aphorismen oder Essays mit Gegenhall sein.

Nun kann man  unqualifiziertes Zeug und Trolle, die um des Krawalls willen streiten, ausschalten, indem man sie abschaltet, sprich: löscht oder ihnen – mir macht das manchmal Freude – mit böser Zunge auf der gleichen Ebene entgegenkommt: nämlich mit dem fetten Knüppel in der Hand, der bösen Polemik oder der bernhardschen Restlosbeschimpfungssuada, die da über den oder die Trollinger/in herabsaust. Ich denke, manche lechzen danach, ob ihres sehr begrenzten Horizontes abgewatscht und bestraft zu werden. Sie rütteln und schütteln geradezu den guten alten Ohrfeigenbaum.

Es mag viele Gründe geben, womit die völlig zerstörte Kommunikation im Internet zusammenhängt. Sicherlich auch damit, daß es zu jeder Banalität, die behauptet wird, einen noch Dümmeren gibt, der noch Banaleres dem hinzufügt. Wenige Blogs nur existieren, wo eine Diskussion solche Bahnen zieht, wie wir uns einen geistreichen Disput vorstellen, wo unterschiedliche Positionen aufeinandertreffen, in denen es um die Sache selbst geht. [Sieht man einmal von den eher harmlosen, gefälligen, eher seicht-plaudernden Blogs ab, wo sich in gestimmter Befindlichkeit alle gegenseitig streicheln und keiner ein böses Wort sagen mag: Tust Du mir nicht weh, tu ich Dir auch nicht weh. Und es fließt soviel Honig, der um Bart und Mund geschmiert wird, daß weder die armen Bienen noch die Beuysche Honigpumpe je soviel dieses zuckerhaltigen Ausscheidungssekrets produzieren können.]

Dispute, die bis aufs Messer mit Verbrennungserscheinungen geführt wurden (Stichwort Autodafé und Inquisition gegen die, welche Häresie gegen die reine Kirchenlehre begingen) beherrschten die Welt vielfach und es gab sie es immer. Womöglich jedoch erzeugt das Internet selbst bzw. dessen Form der Kommunikation ein Problem, das zwar seit Äonen existiert, dessen Dimension jedoch aufgrund sich steigernder (Kommunikations-)Quantität eine neue Qualität annahm. Es sind dies Trivialitäten, leider, aber man kann sie nicht oft genug wiederholen. Jeder kann (anonym versteht sich) zu allem etwas behaupten und eine Meinung haben, ohne daß es durch Quellen und Belege gedeckt ist. Es hat am Ende keine Konsequenz, außer der, daß ein Streit ausbricht. Egal ob es sich nun um Quatschthesen zum Künstler oder Philosophen XY handelt oder darum, ob der Staat XY ein Unrechtsstaat sei. Es kommt sofort einer und schreit: „Ja, aber hier, ja, aber dort.“

In einer Arbeitsgruppe, in Seminaren, in einem Face-to-Face-Kontext ist der Bezirk besser abgesteckt und manche sind halbwegs vorbereitet. Zudem werden Dummthesen in der Regel durch die Leiterin eines Seminars als solche entlarvt bzw. ausgebremst, und wer der Meinung ist, Picasso könne nicht malen oder Adorno nicht schreiben, wird sich selten in ein Kunstgeschichtsseminar oder in ein Seminar über den guten alten Teddy setzen. In Blogs ist es anders. Dort kann sich jeder Zutritt verschaffen, und es wird das persönliche Meinen als Wahrheit der Sache genommen und eine Entgegnung: „Das ist aber aus den Gründen  X und Y nicht so!“ als persönliche Kränkung aufgefaßt. Wer läßt sich schon gerne das eigene Nichtbescheidwissen als Spiegel vor die Nase halten? Ich könnte an dieser Stelle wieder und wieder den halben Hegel aus der „Phänomenologie“ herunterbeten, weshalb das bloße subjektive Meinen eben kein Wissen und keine Wahrheit in einem emphatischen Sinne bedeutet, sondern allenfalls eine zu überwindende Vorstufe darstellt.

Womit wir beim nächsten Aspekt wären: der nicht mehr vorhanden Bildung und der mangelnden Bereitschaft, Neues zu lernen. (Sich dem Feuer des Geistes auszusetzen, könnte ich idealistisch verbrüht schreiben.)

In Polit-Blogs ist dieses Austragen von Disputen noch einmal etwas anders als in denen, die sich den privaten Befindlichkeiten, die sich als Literatur maskiert, widmen oder aber jenen Blogs, die versuchen mit halbwegs anspruchsvollem Schreiben Literatur, Film, bildender Kunst gerecht zu werden, gar selber ein Stück zur Literatur beizutragen, weil an den politischen Meinungen, die häufig eben keine Analysen sind, Lebenskonzepte und Weltanschauungen hängen. Ein gräßliches Wort zwar, aber in diesem Zusammenhang paßt es. Wer sich dem Staat X oder dem System Y mit Haut und mit Haaren verschreibt – ob das nun Antideutsche oder eingefleischte Antisemiten, DDR-Nostalgiker oder Maoisten, Trotzkisten oder sonst etwas sind –: Es kratzt an der eigenen Ideologie, wenn wir zeigen, daß die DDR auf Unrecht fußt, wenn wir zeigen, daß Israel mit den Palästinensern umgeht, wie man mit Menschen nicht umgehen soll, daß Palästinenser per se keine Heiligen sind und schon gar nicht die Jungfrau Maria der Revolution. Und wenn es bei solchen Diskussionen zu bunt wird, hilft eigentlich nur noch Polemik. Denn mit Schwachköpfen sich ernsthaft auseinandersetzen zu wollen, bedeutet eine äußerst kostbare Ressource zu verschwenden und vor die Säue zu werfen: die eigene Zeit nämlich. Insofern meide ich solche Dispute des Politischen. Es dauert nicht lange und es wird darin zu bunt.

Ebenso beim subjektiven Geschmacksurteil in Dingen der Kunst. Wer für die Lektürepräferenz  seine Befindlichkeit und ein vages Spüren angibt, mit dem läßt sich schwerlich ein Disput führen, der in der Sache sich gründet. Hier ist ein Streit schlicht sinnlos. Ebenso wie sich im Leben niemand ernsthaft darüber streiten oder gar zanken wird, ob er oder sie Quittenkonfitüre oder Innereien mögen. Wer meint, er sei Experte für Quittenkonfitüren und die schmecke nun einmal, dem sei es gegönnt. Wer sich gefühlsmäßig der Prosa Karen Köhlers oder den Bildern Henri Rousseaus verbunden fühlt, dem wird kaum einer dieses Gefühl absprechen können. Wenngleich sich rational und auf der Ebene kunstkritischer Lektüre sehr wohl Argumente für deren Mißlingen finden. So wie sich qualitative Differenzen zwischen Bloch und Adorno oder Hesse und Th. Mann benennen lassen. Den Punkt nämlich, wo ein Text etwas verfehlt oder aber einen Aspekt seiner Zeit gekonnt und in einer bisher nicht dagewesenen Weise pointiert, schillernd und zugleich einsichtig macht. Bloch trifft intuitiv einen bestimmten Nerv, aber er vermag es nicht, diesen mit Inhalt zu füllen. Es gibt gute Gründe, weshalb Adorno Bloch „den Märchenonkel“ nannte. (Was nicht bedeutet, daß sich die Texte Blochs nicht fruchtbar und in einer gekonnten Lektüre gegen ihren Verfasser wenden und weitertreiben ließen. Wobei „Geist der Utopie“ immer noch ein großartiges Buch und Ausdruck seiner Zeit bleibt.)

Das Problem liegt in solchen Zusammenhängen, wo Gesellschaftliches diskutiert wird, in der Entweder/Oder-Logik und in der einseitigen Parteinahme. Theorie jedoch ist der Wahrheit und keiner Partei verpflichtet. Mag die Wahrheit und insbesondere der Begriff derselben auch hinreichend komplex sein. Sie kommt zumindest nicht aus der Pistole geschossen hervor, wie dies bei der Meinung der Fall ist.

„Die Aufgabe der Religion, die Menschheit zu trösten, die zum Galgen geht, die Aufgabe der Politik, sie lebensüberdrüssig zu machen, die Aufgabe der Humanität, ihr die Galgenfrist abzukürzen und gleich die Henkersmahlzeit zu vergiften.“
Karl Kraus, Apokalypse (Offener Brief an das Publikum)

Bamberg – Neigung zum Katholizismus

Die Pracht und die Herrlichkeit der katholischen Kirche sind unerreichbar. Ich habe mein Amt angetreten.
 
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Der Bamberger Dom ist eine Basilika, die in den Stilen zwischen Romanik, Gotik bis hin zum Barock schillert, darin sich eine Vielzahl an Statuen, Altären sowie das Grab des Kaisers Heinrich II. befindet, dessen Sarg aus der Werkstatt Tilman Riemenschneiders stammt.  Im Bamberger Dom befindet sich zudem das nördlichste der erhaltenen Papstgräber, und zwar ist es das von Clemens II. sowie jener rätselhafte Bamberger Reiter aus dem frühen 13. Jahrhundert, der seinerzeit farbig bemalt war: Ein Mann mit einem roten Gewand. Ein Mirakel bleibt es ebenfalls, was eine solche Reiterstatue in einem Dom zu suchen hat; um die Bedeutung dieser Skulptur ranken sich unterschiedliche Deutungen.

Was den Bamberger Dom ausmacht, ist seine Pracht und die reichhaltigen Kunstschätze: vom Veit-Stoß- bis zum Riemenschneider-Altar. Katholische Sinnlichkeit, Kunst und Katholizismus. Das Katholische begleitet uns. Selbst in den vermeintlich säkularen Zeiten wirkt es nach, umfängt den Geist.

Die katholische Kirche ist uns immer noch nahe – vor allem in ihrer Doppelmoral, die wir nicht loswerden, sowie in ihren Ritualen und Anbettungsszenerien. Die verborgene Theologie des Politischen – bis heute hin. Das Katholische ist das, was sich aufs Ganze bezieht. Nietzsches Haß auf die christliche Religion war nie eine Aversion gegen die Religion als solche, sondern gegen eine bestimmte Form, die in unheilvoller Unterkomplexität ihren eigenen Grund nicht zu reflektieren vermag (dies gilt wesentlich für den Protestantismus in vielen seiner Spielarten) und deshalb mit doppeltem Standard rechnet und die zudem für eine bestimmte Weise des Moralisierens und Wertens zuständig ist. Der Doppelstandard in die heutige Zeit transformiert: links blinken, rechts fahren. Der deutsche Hund wacht fest am Rhein, er ist mal katholisch, dann wieder evangelisch und wenn es den Zeitgeistumständen geboten scheint, auch links, wenn es ihm auch nur um den Pantoffel geht, den er treudeutsch an den Tatzen trägt, um sich brav am guten Gewissen zu erwärmen. Und bekanntlich scheißt der Deutsche Schleim. Hoffen wir nur, daß mancher nicht auf seiner eigenen Schleimspur ausrutschen wird. Nietzsches Spott richtete sich gegen all die Kleinbürger mit dem schmalen Denkhorizont: der deutsche Michel mit Schlafmütze und dem chronisch guten Gewissen des Rechtschaffenen. Es gibt ihn in mancherlei Gewand.
 
14_04_24_P_5_5146 [Bamberg, Kloster Michelsberg]

Immerhin jedoch ist der Doppelstandard des Katholischen sinnenfroh, barocke Pracht eignet ihm, es kann gesündigt werden, ohne daß die ewige Verdammnis zwangsläufig gegeben ist, denn für die Verfehlungen betet man einen Rosenkranz, und in mancher Gestalt kommt die katholische Lehre mit metaphysischer und theologischer Bildung daher, die von Aristoteles über Thomas von Aquin reicht. Naphta versus Settembrini. Das entschädigt für vieles. Leider eignet dem Katholizismus ebenso eine gewisse Dogmatik und die Starrheit des Denkens. Das macht ihn weniger sympathisch. Die Kategorien bleiben häufig statisch, was bei einer solch großen Institution andererseits nicht verwundert. Am Ende aber ist mir die direkte und evidente Verlogenheit lieber als die Lügen derer, die sich im Gewand der Rechtschaffenheit tarnen, in der Realität aber kleine Wichtel sind.

Doch muß man zur Ehrenrettung des Katholizismus sagen: es ist immerhin eine polytheistische Religion. Nicht einen Gott gibt es, sondern in den verehrten Heiligen dupliziert sich Gott. Ebenso besitzt der Katholizismus über den Marienkult Matriarchat-Strukturen. Es bewahrt sich im Katholizismus zugleich die Fetischreligion der Naturvölker: man denke nur an die Gewandfetzen, an die Kreuzessplitter und die Nägel des Kreuzes. Gestern erzählte mir ein befreundeter Wissenschaftler, man habe bei einer verstorbenen alten Frau eine Kiste gefunden, darin lag ein rostiger Nagel. Dieser Nagel war vom Vatikan zertifiziert. Und zwar stellte der Vatikan das Echtheitssiegel darüber aus, daß es sich um einen der Nägel handelt, die in der Schmiede neben den Nägeln gelegen hätten, mit denen Jesus ans Kreuz geschlagen wurde. Eine wunderbare Geschichte. Fast wie die vom Bergwerk zu Falun.

Bamberg ist zugleich die Stadt, in der E.T.A. Hoffmann einige Zeit lebte. Es entstand dort die Novelle „Der goldene Topf“. Weiterhin schrieb Hegel in Bamberg an seiner „Phänomenologie des Geistes“, was man ihm mit einer Inschrift dankte. (Man beachte die Reihenfolge der Vornamen! Es gibt Danaergeschenke.)
 
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Heimliche Rache der Katholen am Pietismus und an jener Philosophie, die man – zumindest was seine Staatslehre betrifft – als Zen-Buddhismus für Preußen bezeichnete? Wir wissen es nicht.
 
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