„GUI-GUI multiartists on superfire NR 4: Hinter der Tür“

Das Auratische ist nach Benjamin die einmalige Erscheinung einer Ferne so nahe sie auch sein mag. Kunst ist insbesondere dann (auch) gelungene Kunst, wenn sie sich entzieht, sich reduziert und an die Einmaligkeit eines Ortes, eines Momentes sich knüpft und ihrer Temporalität verhaftet bleibt. Damit verbunden ist die Kategorie des Situativen, wie man es insbesondere beim Theater ausmachen kann: Eine Inszenierung entsteht an einem bestimmten Theater, und wenn das Stück nicht mehr im Repertoire ist, so verschwindet es auf nimmerwiedersehen.

So auch die Ausstellungen der Künstlergruppe Gui-Gui in Hamburg, die vom 14.9. bis zum 16.9., diesmal in der Galerie im Hafentor, zu sehen ist. Zeichnungen präsentieren sich und verschwinden hernach, sind nicht mehr zu sehen, weil sie nicht in die öffentlichen Sammlungen gelangen, sondern bestenfalls verkauft werden.

Im Rahmen dieser Ausstellung weise ich insbesondere auf die Zeichnungen der Illustratorin Imke Staats hin, die das Motto der Ausstellung ganz wörtlich nimmt: Neben der Photographie einer Tür, wie zum Beispiel von einem japanischen Restaurant, der Bahnhofsmission, der Toilettentür eines Kiezlokals auf St. Pauli, der Heilsarmee, des Lokals „Die Ritze“, zeigt sie, was sich hinter diesen Türen sich verbirgt. Hingehen, ansehen. Es werden dort sehr gute Zeichnungen gezeigt, die Einblicke liefern, die man ansonsten nicht erhält.

Ich kann leider keine dezidierte Kritik zu dieser Ausstellung schreiben, weil ich gestern viel zu viel getrunken habe, so daß ich die meisten der Eindrücke wieder vergessen habe. Mit anderen Worten: ich war sturzbetrunken. Es ist eine der goldenen Regeln der Schreibzunft: too drunk to fuck, nee Quatsch: kein Alkohol bei der Arbeit. Denn ansonsten läßt hinterher schnell die Leistung nach. Das ist nicht nur beim Schreiben so! Aber hier galt es ja dem Spaß. Und wie immer und wie es in meinem Leben sehr häufig geschieht, habe ich eine sehr attraktive Frau auf dieser Ausstellung entdeckt, sie trug einen interessanten weißen Mantel, hatte wunderbare dunkle Haare, die sie sich am Samstag (leider?) zu einem Kurzhaarschhnitt umwandeln will. Aber ich vermute, auch der wird an dieser Frau umwerfend aussehen. So geht es immer. Die Flüchtigkeit der Welt – ein Blick und schon vorbei. Vom Wesen der Schönheit – eben wie in Baudelaires großartigem Gedicht „A une passante“. Aber wahrscheinlich ist diese Frau verheiratet und ich komme zu spät.

Ansonsten bliebt mir für die, welche sich in Hamburg aufhalten und Zeit haben, nur zu raten: Hingehen und anschauen. Ab Montag ist alles vorbei.

Letzte Ausfahrt Veddel

Ich baue mir als Heimstätte mein (Spuk-)Schloß in jener wunderbaren Schneelandschaft, wie sie Pieter Bruegel der Ältere malte, und schaffe mir den subjektiven Innenraum – jene objektlose Innerlichkeit, die Adorno in bezug auf Kierkegaard feststellte und die die Grundvoraussetzung für die Konstruktion des Ästhetischen im Zeichen bürgerlicher Warenwirtschaft bedeutet. Das Interieur als Phantasmagorie des Bürgers im 19. Jahrhundert. Diese „Logik des Zerfalls“ bei Kierkegaard als frei flottierende Subjektivität ist zutiefst geschichtlich motiviert. Das sollte nicht unterschlagen werden, wenn es um den Aspekt des Ästhetischen geht. Nicht daß mir hier jemand mit dem puren L‘art pour l‘art käme, in dem ich mich sonnte. Es geht in diesen Rahmungen der Brüchigkeit um die Spaltung von Subjekt und Objekt sowie um die Erfahrung von Entfremdung, insbesondere in einem geschichtsphilosophischem Sinne. Aber durch eine Sprache des Schweigens hindurch sagen sich mache Dinge zugleich besser. „Indem die Reflexion beständig über die Reflexion reflektiert, war das Denken auf einen Abweg gekommen und jeder Schritt, den es vorwärts tat, führte es natürlich weiter und weiter von allem Inhalte fort“ (S. Kierkegaard, Über den Begriff der Ironie) Ich schiebe die Dinge auf. Ich stelle sie in den Raum meiner Reflexion oder eher und wie andere das sehen: in den Bereich meiner Egozentrik. Ich gebe den anderen recht. Mehr als recht. Recht geben ist eine großzügige, souveräne Geste.

Ich habe gelesen, daß Cabernet Sauvignon ein ganz klein wenig nach Chanel Nº 5 duften solle, ich liebe dieses Parfum an bestimmten Frauen. Ich kannte einstmals eine Frau, die hat sich ihre Füße zwar nicht mit Chanel Nº 5, sondern mit Egoiste von Chanel (für Männer) parfumiert, weil es ihr unangenehm war, wenn ich (aber auch andere) nach einem Bartrinkundabsturzabend hinterher ihre schwarze Strumpfhose ausziehe und es nach Käsefüßen riecht. Also kaufte ich heute einen entsprechenden Rotwein jener Rebsorte und trinke ihn in memoriam an: eine schwarze Strumpfhose, an ihren Geruch, an dunkle Untenrumbehaarung, an wilde Bar-Nächte und Fahrradnachhausefahrnächte im Mai als die Dinge noch ohne Hemmungen waren, an eine Existenz im Fragment, an unendliches Sprechen als Diskurs und unsere Derrida/Adorno/Foucault-Debatten. Lese ich morgen, daß Muskateller nach Möse riecht, kaufte ich mir womöglich den Muskateller. Ich bin da nicht wählerisch. Ich meine auch, das ist eine gute Überleitung hin zu einem genialen Stadtteil in Hamburg: Veddel. Letztes Jahr verbrachte ich einen Tag auf der Veddel. Ich habe dem ziggev vom Blog „Wortanfall“ versprochen, Bilder dieses Bezirks in meinen Blog zu packen. Zwischenzeitlich vergaß ich es, wie ich leider viele meiner Versprechen und meiner Aussagen aus den Augen verliere. Ich mache dieses Bildereinstellen peu à peu. Hier die ersten Photographien. Demnächst werde ich auch in die Wohngebiete Veddels reisen, sollte es mich wieder nach Hamburg verschlagen. Von Phototourbegleitvorschlägen bitte ich abzusehen. Ich mache so etwas alleine.

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Alle Photographien: © Bersarin 2012

Hamburg, Hafengeburtstag (2)

Ich habe es ganz und gar vergessen, aber es gibt noch einen zweiten Teil der Bilderserie vom Hafengeburtstag. Diesen möchte ich Betrachterin und Betrachter nicht vorenthalten. Die Photographien finden sich, wie immer, auf Proteus Image.

Ich lese gerade in Hölderlins Hyperion, und da stach mir – natürlich: neben vielen anderen – diese Passage ins Auge:

„Wohl dem Manne, dem ein blühend Vaterland das Herz erfreut und stärkt! Mir ist, als würd ich in den Sumpf geworfen, als schlüge man den Sargdeckel über mir zu, wenn einer an das meinige mich mahnt, und wenn mich einer einen Griechen nennt, so wird mir immer, als schnürt‘ er mit dem Halsband eines Hundes mir die Kehle zu.

Und siehe, mein Bellarmin! wenn manchmal mir so ein Wort entfuhr, wohl auch im Zorne mir eine Träne ins Auge trat, so kamen dann die weisen Herren, die unter euch Deutschen so gerne spuken, die Elenden, denen ein leidend Gemüt so gerade recht ist, ihre Sprüche anzubringen, die taten dann sich gütlich, ließen sich beigehn, mir zu sagen: klage nicht, handle!

O hätt ich doch nie gehandelt! um wie manche Hoffnung wär ich reicher! –

Ja, vergiß nur, daß es Menschen gibt, darbendes, angefochtenes, tausendfach geärgertes Herz! und kehre wieder dahin, wo du ausgingst, in die Arme der Natur, der wandellosen, stillen und schönen.“

Klingt in einer bestimmten Weise sehr aktuell. Insbesondere, wenn man daran sich erinnert, daß die Regierung der BRD in Ländern wie Griechenland, Spanien, Portugal die Lage zum Anlaß nimmt, um ein knallhartes Wirtschaftsdiktat vorzunehmen, daß es erlaubt, die Löhne drastisch nach unten zu fahren und in großem Maße die Umverteilung von unten nach oben zu organisieren. Denn nur so geht’s wieder bergauf. Wenn es den Reichen gut geht, wird es automatisch auch den Armen besser gehen. Fragen Sie nur Dieter Hundt.

Den Begriff des Vaterlandes konnte man zu Hölderlins Zeit noch gebrauchen, ohne vor Schrecken zu erbleichen oder vor Zorn zu erröten. SO schreibt Adorno, in seiner brillanten Hölderlinanalyse:

„Das Wort Vaterland selbst jedoch hat in den hundertfünfzig Jahren seit der Niederschrift jener Gedichte zum Schlimmen sich verändert, die Unschuld verloren, die es noch in den Kellerschen Versen »Ich weiß in meinem Vaterland / Noch manchen Berg, o Liebe« mit sich führte. Liebe zum Nahen, Sehnsucht nach der Wärme der Kindheit hat zum Ausschließenden, zum Haß gegen das Andere sich entfaltet, und das ist an dem Wort nicht auszulöschen. Es durchtränkte sich mit einem Nationalismus, von dem bei Hölderlin jede Spur fehlt. Der Hölderlin-Kultus der deutschen Rechten hat entstellend den Hölderlinschen Begriff des Vaterländischen so verwandt, als ob er ihren Idolen gälte und nicht dem glücklichen Einstand von Totalem und Partikularem.“
(Th. W. Adorno, Parataxis, S. 458, in: Noten zur Literatur, GS 11)

Hamburger Hafengeburtstag oder Niklas Luhmanns „Liebe als Passion“ – „Belinda Project(s) – Datumsgrenzen“ (Präludium 1)

Es steht da oben ein ziemlich langer Titel diesmal. Aber es lassen sich hier um Blog nun einmal – typographisch fein abgesetzt – keine Untertitel bilden.

Hamburg kann für den Besuchenden eine „Schatzstadt“ sein – „Du altes Hamburg/unsere Schatzstadt/wo am Hafen/die Schiffe und die Fische schlafen“ (Lassie Singers). Sie vermag es jedoch auch, mich depressiv zu machen und die Verstimmungen zu erzeugen – je nachdem, was einer gerade mit einer Stadt verbindet und verknüpft und welchen Eindrücken man erliegt.

Hafengeburtstag und großer Rummel lief da in Hamburg ab, eine Stadt inszeniert sich als Mega-Event, Touristen strömen die Hafenpontons entlang, Menschen verfolgen gebannt das Feuerwerksschauspiel, und ein Schiff wird unter großer Anteilnahme getauft. Nachts dann lief die „Aidamar“ aus und schipperte auf ihre Jungfernfahrt. Die „Einschiffung nach Kythera“ fiel mir ein. Ob es wohl ebenfalls zu jener Liebesinsel ins Mittelmeer ging – die Kultstädte der Göttin Aphrodite? Heute hingegen heißt es „Liebe ist, wenn es Landliebe ist“. Ja, mit Danone kriegen wir sie alle, das kollektive Unterbewußte schaufelt die absurdesten Dinge frei. Wir müssen uns den modernen von Werbung, Kauf und E-Commerce zerfressenen Menschen als einen glücklichen vorstellen – schlendernd in den immergleichen Einkaufspassagen, und ringend um das Tüpfelchen einer eigenen unverwechselbaren Existenz, um wenigstens in der Inszenierung und dem Scheine nach diese Existenz  im radikalen Konsum und im Kaufrausch aufrechtzuerhalten, sie dort erst gar bestätigt zu wissen.

„Ladendiebstahl als Umkehrung des Werbegeschenks auf eigene Faust“, wie eine wie ich finde sehr gelungene Überschrift in Wolfgang Fritz Haugs Buch „Kritik der Warenästhetik“ heißt.

Ja, das Mittelmeer. Wie ging noch das Brechtgedicht über die Bäume?

(Quelle: Wikipedia. Watteau malte drei dieser Bilder. Dieses hängt in Berlin, die erste Variante in Frankfurt und die zweite im Louvre. Bei diesem Bild handelt es sich um die letzte Fassung.)

So schifften sich also die Menschen auf den Aida-Dampfern ins Kythera der Postmoderne ein – ihre Rollkoffer hinter sich herziehend, die Gangway passierend, hasteten sie bepackt an Bord. Aphrodite oder Venus? Ganz egal. Es existiert keine Zeit mehr für die galanten Feste. Aber Liebe stellt kein autonomes, für sich seiendes Gefühl dar, das es immer schon gegeben hat, sondern es ein historisch entfaltetes, sich ausdifferenzierendes Kommunikationsmedium – zumindest dann, wenn man nicht gleichsam im Geschehen sich blind verhakt, sondern auf die Formen schaut, in denen sich Liebe entäußert oder zeigt: das reicht von den unmittelbaren Praktiken bis hin zu den theoretischen und künstlerischen Werken, die die Diskurse der Liebe zum Inhalt haben. Betrachten wir also auch die Liebe als „symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium. Entsprechend wird Liebe hier nicht, oder nur abglanzweise, als Gefühl behandelt, sondern als symbolischer Code, der darüber informiert, wie man in Fällen, wo dies eher unwahrscheinlich ist, dennoch erfolgreich kommunizieren kann. Der Code ermutigt, entsprechende Gefühle zu bilden. Ohne ihn würden die meisten, meine La Rochefaucauld, gar nicht zu solchen Gefühlen finden.“ (N. Luhmann, Liebe als Passion, S. 9)

Was Luhmann nicht in den Blick bekommt: daß auch die Liebe selbst von den Formen der Warenwirtschaft, also durch die Ökonomie, überformt ist. Diese durchdringt noch den hintersten Winkel der Welt. Dieser blinde Fleck bei Luhmann entsteht, weil er die sich ausdifferenzierte Gesellschaft nicht als Totalität denken kann, in der ein Zusammenhang in den anderen wirkt. Geschuldet ist dies dem starren, von Talcott Parsons übernommenen Systemfunktionalismus: und so muß Luhmann zwangsläufig schreiben:

„Wer die Gesellschaft primär in ökonomischen Kategorien begreift, wer sie also von ihrem Wirtschaftssystem her auffaßt, kommt zwangsläufig zur Vorstellung einer Vorherrschaft unpersönlicher Beziehungen, denn für das Wirtschaftssystem gilt dies in der Tat. Aber die Wirtschaft ist nur ein Moment des gesellschaftlichen Lebens neben anderen.“ (S. 13)

Darin eben täuscht sich Luhmann empfindlich. Trotzdem bleibt Luhmanns Buch interessant und bedeutsam, wenn er zeigt, wie ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium entsteht, dem die Aufgabe zugewiesen wird, die kommunikative Behandlung einer bestimmten Form von Individualität zu ermöglichen. Der kalte Blick des Analytikers läßt nichts ungeschoren, er schneidet selbst in das vermeintlich Unmittelbarste und zeigt seine Vermittlung auf.

„In diesem Sinne ist das Medium Liebe selbst kein Gefühl, sondern ein Kommunikationscode, nach dessen Regeln man Gefühle ausdrücken, bilden, simulieren, anderen unterstellen, leugnen und sich mit all dem auf die Konsequenzen einstellen kann, die es hat, wenn entsprechende Kommunikation realisiert wird. Schon im 17. Jahrhundert ist (…) bei aller Betonung der Liebe als Passion völlig bewußt, daß es um ein Verhaltensmodell geht, das gespielt werden kann, das einem vor Augen steht, bevor man sich einschifft, um Liebe zu suchen; das also als Orientierung und als Wissen um die Tragweite verfügbar ist, bevor man den Partner findet, und das auch das Fehlen eines Partners spürbar macht, ja zum Schicksal werden läßt. Die Liebe mag dann zunächst gewissermaßen sich im Leergang bewegen und auf ein generalisiertes Suchmuster gerichtet werden, das die Selektion erleichtert, das einer gefühlsmäßig vertieften Erfüllung aber auch in die Quere kommen kann. Es ist die im Code verankerte Bedeutungssteigerung, die das Lernen des Liebens, die Interpretation der Anzeichen und die Mitteilung kleiner Zeichen für große Gefühle ermöglicht; und es ist der Code, der Differenz erfahrbar werden läßt und die Nichterfüllung mitexaltiert.“ (Luhmann, S. 23 f.)

„Das eben, Lieber! ist das Traurige, daß unser Geist so gerne die Gestalt des irren Herzens annimmt, so gerne die vorüberfliehende Trauer festhält, daß der Gedanke, der die Schmerzen heilen sollte, selber krank wird, daß der Gärtner an den Rosensträuchen, die er pflanzen sollte, sich die Hand so oft zerreißt, o! das hat manchen zum Thoren gemacht vor andern, die er sonst, wie ein Orpheus, hätte beherrscht, das hat so oft die edelste Natur zum Spott gemacht vor Menschen, wie man sie auf jeder Straße findet, das ist die Klippe für die Lieblinge des Himmels, daß ihre Liebe mächtig ist und zart, wie ihr Geist, daß ihres Herzens Woogen stärker oft und schneller sich regen, wie der Trident, womit der Meergott sie beherrscht, und darum, Lieber! überhebe ja sich keiner.“ (Friedrich Hölderlin, Hyperion, S. 644, in: Sämtliche Werke, Bd. 1, München 1992)

Im Rahmen Hölderlins gelingt die zweite Reflexion nur noch bedingt, und die Wunde, die der Speer schlug, konnte durch diesen nicht geheilt werden. Am Ende bleibt nur das, was der Dichter stiftete. Es gibt die Überlegung, hier im Blog eine Reihe über die Diskurse der Liebe zu eröffnen – vielleicht auch als Literaturprojekt, inspiriert durch Melusine Barbys Blog „Gleisbauarbeiten“. Es wird heißen „Belinda Project(s) – Datumsgrenzen“

(Wir verlinken uns hier in einer Tour gegenseitig, daß es schon verdächtig ist. Hoffen wir, daß ihr Mastermind keinen Verdacht schöpft.)

Einige Photographien aus Hamburg vom Hafengeburtstag zeige ich auf meinem Blog „Proteus Image“.
Wie immer: viel Vergnügen beim Betrachten. Die Diashow startet, ebenfalls wie immer, indem Betrachterin/Betrachter mit dem Cursor auf das erste Bild tippt und den Klick tätigt.

Die Rubrik „Der Blogtrinker“ muß wegen Krankheit wieder einmal verschoben werden, und wieder einmal darf ich den freundlichen Riesling mir nicht zuführen. Und dabei wollte ich, im Überschwange, noch einmal vorm Vergängnis glühn.

„Zersprengtes Ich – o aufgetrunkene Schwäre –
Verwehte Fieber – süß zerborstene Wehr –:
Verströme, o verströme Du – gebäre
Blutbäuchig das Entformte her.“
(G. Benn)

Hamburg – Kapitalistischer Realismus (Part 1)

Das letzte Wochenende verbrachte ich in Hamburg, und es werden auf „Proteus Image“ einige Impressionen dieser Stadt rund um das Schanzenviertel und St. Pauli geboten, die ich am 4.2.2012 fertigte. Das mache ich in zwei Teilen, weil es sehr viele Photographien sind. Ich ordne diese Photos nicht an, sondern zeige sie in der Reihenfolge, wie die Bilder entstanden. Ich ändere ebenfalls nicht die Zählung der Bilder, so daß sich die Lücken, die Leerstellen, die fehlenden Räume und die Orte im Intervall der Zahlen zwar nicht visuell ausmachen, aber doch evozieren lassen. Irgend etwas fehlt immer in jenem Dazwischen, in dem Dinge und Menschen zu versinken vermögen. Zuweilen tauchen sie daraus niemals mehr auf. „Lost in Translation“ – es ist dies einer der intelligentesten Filmtitel. In solchen Photographien müßte im Grunde die Zeit ihrer Aufnahme, ihrer Entstehung mit eingeschrieben werden. Das exakte Datum, auf die Sekunde gerechnet. Diese Datierung, gepaart mit der konzeptionellen Abstraktion eines On Kawara, wie er sie in den Date Paintings seiner Today-Serie fertigte, gäbe ein interessantes Projekt ab, um jene Augenblicke und das Datum, jenen einen Moment, jenen versäumten oder entschwundenen Moment zu bannen. Auch ein Immaterielles wie die Zeit vermag zum Fetisch sich zu transformieren, an dem ein Photograph sich festbeißt. Und jene versäumte eine Sekunde, die kein Bild und keine Sprache festzuhalten vermag.

Ich wollte eigentlich auf der Veddel Bilder machen, aber da ich Freitagabend während einer Party so schlimm dem Alkohol verfiel, daß die Rekonvaleszenz nur einen Ausflug ins Naherholungsgebiet zuließ, blieb mir nichts weiter übrig, als in solch einem Nahgebiet Photos zu schießen. Und daß ich am Samstagabend in einer Bar zwei alkoholfreie Biere trank und das Glas Rotwein bei einer Freundin nur halb leerte: ja, das zeigt, wie schlimm es um mich bestellt war.

Ich hätte heute ebenfalls etwas zu Charles Dickens 200. Geburtstag schreiben müssen und gestern einen Text zur Würdigung des großartigen François Truffaut, der 80 Jahre geworden wäre und viel zu früh verstarb. Allein, es fehlt die Zeit. Aber die Filme Truffauts laufen nicht weg. Ja, das Bloggen bildet eine zeitintensive Tätigkeit. Bereits die Filme über Antoine Doinel sind einen eigenen Beitrag wert. Filmisch, von der Bildästhetik und der Art der Narration. „Baisers volés“: was für ein Filmtitel.

Hamburg und eine Nebenbemerkung zur Gentrifizierung

Dieses Wochenende muß der Blog geschlossen bleiben, denn es geht zu einer lange erwarteten Party nach Hamburg. Beim Aufenthalt in jener Stadt werden zudem Photographien vom Hafen, am besten südlich der Elbe und auf der Veddel, gemacht und demnächst hier gezeigt – vielleicht auch von anderen Orten. Einige Photographien von Hamburg gibt es schon einmal hier zu sehen.

Vor einige Zeit hielt ich mich bereits in Hamburg auf; und dort verabredete sich mit mir abends eine Frau in einem Restaurant namens „Bullerei“. Solche Lokalitäten sind nun Inbegriff dessen, was sich Gentrifzierung eines Viertels – hier: des Schanzenviertels – nennt. Hochpreisniveau, welches weiteres Hochpreisiges nach sich zieht. Das Hochpreisniveau als solches ist nicht das Problem, wenn es bei einem oder zwei Restaurants bliebe, was aber naturgemäß ein widersinniger Wunsch ist, welcher aus dem Heile-Welt-Denken heraus geboren wurde.

Sicherlich: qualitativ hochwertiges, gut zubereitetes Essen kostet nun einmal etwas mehr Geld. Wobei dieses Restaurant eher den Charakter eines überlaufenen Speisesaales besitzt, nur leider nicht so gemütlich und angenehm wie etwa „Chartier“ in Paris. (Eigentlich aber ein Quatschvergleich, weil das zwei ganz verschiedene Räumlichkeiten und Gebäude sind. Das „Chartier“ entspringt der Welt der Pariser Passagen, die „Bullerei“ zehrt von der Backstein-Werksarchitektur.) Man geht in die „Bullerei“, weil alle dahingehen. Reflexionslosigkeit im Ausgehen. Der Wein ist allerdings sehr gut dort, aber der Ort besitzt keinen Stil, keine Aura und keine Atmosphäre. Ich wußte nicht, ob ich nun lachen oder weinen sollte, als der Barmann beim Einschenken eines Glases Riesling und als er mit mir sprach, mitten im Akt des Vollzuges sich bei mir dafür entschuldigte, daß er mich beim Sprechen nicht angeschaut habe.

Eigentlich wollte ich diese Kritik an der Gentrifizierung im Hinblick auf ihre idiotische Moralität, mithin die darin enthaltene moralische Komponente des Das-tut-man-aber-nicht, kritisieren. Alles soll nur schön bleiben, wie es ist und böse Restaurants nicht das Viertel kaputt machen. Die schöne Welt der Bürgerstöchter und -söhne darf keinen Schaden leiden. Kapitalismus wird kritisiert, weil er so böse Sachen macht. Ja, woher mag das wohl kommen? Solche naive Kritik verkennt aber die Lage. Denn der Kapitalismus kann nur so sein, wie er ist, er „handelt“ seinem Wesen gemäß, und es verhält sich ganz stringent und folgerichtig, daß ein Restaurant wie die „Bullerei“ eben dort eröffnet, wo es aufgemacht hat. Die Menschen werden, sobald das sogenannte „soziale“ der Marktwirtschaft abnippelt, mit einem Male ganz bekümmert. Ohne dabei aber in ihrer Sorge oder ihrem Ärger das Wesen zu treffen, nämlich in eine Kritik an den Systemstrukturen überzugehen, bleibt solche Moralisierung hilflos und arbeitet nur darin mit, daß das, was ist, so bleibt wie es ist. Als ob man kapitalistisches Wirtschaften mit Reformen und winzigen Änderungen an den Stellschrauben bessern könne. Aber ich habe im Grunde gar keine Lust dazu, dieses Thema heute auszuwalzen. Richtig ist allerdings, daß es kritisiert und bekämpft werden muß, wenn ganze Viertel umkippen. Doch ohne ein Maß an Theorie, welche Einblick in die Strukturen von Kapitalismus nimmt, ist gelingende, d.h. treffende Kritik aber nicht möglich. Aber auch das ist im Grunde keine ganz neue Erkenntnis. Was nicht geht: sich irgendwo in Neukölln oder Kreuzberg seine Kuschelecken zu bewahren, damit es dort nur schön flauschig bleibt. Es gibt keine Freiräume. Kein Ort, nirgends. Und gegen die Insistenz eines Systems helfen auch kein Yoga oder asiatische Versenkungskünste.

Und ansonsten aber gilt, etwas sprunghaft gedacht: Es ist wieder mal ein Rock’n’Roll-Freitag:

Pferderennen – Horner Derby

Leben gibt es nirgends, aber es finden immerhin Pferderennen statt, und auch in Berlin läuft auf der Derbybahn Marienfelde die Rennwoche: das heißt: es traben und sprinten die Pferde, sodann zieht das Rennen nach Hoppegarten weiter, aber da weile ich bereits im Urlaub. Wer es geschickt anstellt, kann bei den Pferdewetten Geld gewinnen, ein Blick auf die Pferde und etwas Intuition, zuweilen auch Wissen reichen aus. Vor etwas über einem Monat schaute ich in Hamburg beim Horner Derby zu. Hier können die Bilder zum Rennen betrachtet werden.

Was bleibt ansonsten übrig?: Raben töteten 40 Lämmer, die USA werden im Rating um ein geringes herabgestuft, der Slutwalk findet am 13. August in verschiedenen Städten der BRD statt, Syrien ist momentan kein gutes Reiseziel, das Mittelmeer im europäischen Raum hingegen schon, die Bundesliga hat ihren ersten Spieltag, im Raum Buxtehude wurde eine Frau zerteilt, an verschiedenen Stellen abgelegt, und ihre einzelnen Teile nächtens an diesen Stellen im Feld und im Wald verbrannt, Stuttgart schlägt Schalke, Jahrestag Hiroshima, wesentlich erhöhte Werte von Radioaktivität in der Region um Fukushima, Fahndung nach einem zweifachen Todesschützen in Berlin und bundesweit. Das Wetter ist, wie es sein soll. Nach der Rückkehr aus dem Urlaub im Elsaß samt einem Abstecher ins schöne französische Freiburg wird „Aisthesis“ sich mit Moody’s, mit Fitch, mit Standard und Armut zusammentun und die Blogs bewerten, die ich so lese. Das wird dann manche Überraschung bereiten, und da schauen wir mal, ob die von uns gelesenen Blogs ihrem Namen gerecht werden und wie sich das Rating auf die Blogroll auswirkt.

 

Daily Diary (9), Hamburg und der Papst kommt

Wir waren wieder einmal früh auf den Beinen. Und raus ging es in Eile nach Hamburg. Wir kommen, wenn man uns ruft, denn wir sind die Profis, und die anderen sind es nicht, deshalb werden wir von außerhalb gerufen und nicht die anderen, die diesmal eben die in Hamburg waren. Wir traten ein, durch die Tür, in der Hand unsere Koffer, unsere Arbeitswerkzeuge. Schade, es hätte nur die schwarze Sonnenbrille gefehlt, die jeder auf der Nase trüge. Wortkarg, den Hamburgern gleich, aber in unserer Berliner Arroganz überheblicher. „Denn sie wissen nicht, was sie tun“, witzelte Henning, leise, aber hörbar; die Hamburger goutierten das nur mit diesem eisigen, regenbösen Blick. Karen prustete kurz Luft durch die Nase.

Zurück nach Berlin ging es in den Dienstwagen der Fahrbereitschaft. Wir waren froh, daß wir die stickige Schwüle dieser Stadt verließen. In die Richtung der A 24 fahrend, endlich heraus, ewig sich reihender roter Backstein. „Eine Backsteinwüste“, so spotteten wir. „Na ja, der Krieg!“ „Ach, der Krieg. Scheiß was drauf.“ Horner Kreisel. Mal wieder Sommerdom, Aufstellschilder. „Hamburg: das ist viermal im Jahr Kirmes, Schiffsparade und Hafenfeuerwerke“, so dozierte Henning. „Wann kommt eigentlich wieder die Queen Mary 2?“ Wir biegen auf die Autobahn. „Die erste Autobahn, die hat doch der Führer gebaut.“ „Der Führer war ein Hamburger?“ „Quatsch!“

Endlich ging es wieder ins luftige Berlin. Wenn man auf der Autobahn ist, fühlt man sich Berlin bereits näher. „Ach, Schleswig-Holstein, dieses ewig-satte Grün und dieser düstere Wald ohne Ende, tiefstes Germanien.“ „Na ja, Schleswig-Holstein, das ist verspielt, verschnörkelt wie ein Sartre-Text; Brandenburg, das ist karg, reduziert, das ist wie Beckett: avancierte Kühle, Birth of the cool.“ „Hamburg hat aber auch schöne Seiten!“ „Ja, natürlich. Es soll da einen Blog-Betreiber geben. Der hat diesmal einen sehr guten Text geschrieben zu diesem Salms, den Justav „mit der Hupe“ Seibt in der Süddeutschen verfaßt hat.“ „Ach, Du liest in Blogs, hast Du auch einen?“ „Nein, natürlich nicht.“ Karen schaut nach mir. Ihr hätte ich es schon gerne gesagt. Denn Karen sieht passabel aus. Warum sollte sie nicht wissen, was für kluge Dinge ich privat betreibe? „Süddeutsche? Neeeeh, dann doch lieber die FAZ.“ „Liberal-aal-aal, lieber Aal“ „Wieso, bist du ein Fischkopf?“ „Nein, aber Hamburg hat eben doch schöne Seiten.“ „Die FAZ ist doch konservativ und nicht liberal.“ „Ja, das weiß ich selber. Die Soße ist trotzdem dieselbe. FAZ ist trotzdem besser. Um Klassen.“ „Aber Hamburg hat keine Stadtautobahn, wie Berlin.“ „Nein, aber hier, lies mal dieses Seibt-Zeug.“ „Nee, besser ist da schon der Artikel in der ‚Berliner Zeitung‘ von Elmar Kraushaar.“ „Der Papst kommt im September nach Berlin.“ „Und da gehst du hin? Ins Olympia-Stadion?“ „Na ja, nicht direkt. Eher so woanders. So dagegen.“ „Aber das kann dir doch egal sein. Du bist doch nicht einmal in der Kirche.“ „Eben. Deshalb ja.“

Die dunklen Wagen der gehobenen Mittelklasse passierten den in Stein stehenden Berliner Bären mit den aufrechten Tatzen und das Schild: Berlin. Abrupt von 190 km/h auf vorgeschriebene 60. Was für eine Schande, aber egal, denn da waren wir wieder: in der schönsten aller Städte, luftig, sinnlich, groß und wild, nach eines langen Tages Ritt.

 

 

Leasing-Tage und Ledermänner

Die Kulturpolitik Hamburgs ist mittlerweile eine durch und durch heruntergekommene und verdorbene, so sagte ich mir beim Lesen des Feuilletons der „Berliner Zeitung“: „Leasingtage in Hamburg“ mußte ich in der Überschrift des kleinen Spaltenartikels gleich auf der ersten Seite des Feuilletons lesen, was meine Vorurteile und meine Sicht auf diese sowieso von Handel und Kommerz vollständig durchsetzte und dadurch naturgemäß  auch aufs äußerste bestimmte Stadt zutiefst bestätigte, die sich nicht einmal mehr anständige Theater, geschweige denn Museen leisten möchte, was sodann, wenn ich darüber nachdachte, einen weiteren Anfall des Zorns aufkommen ließ angesichts einer doch im großen und ganzen passablen Haushaltslage dieser Freien und Hansestadt, zumindest im Vergleich zu Berlin, das mit seinen vier Theatern und der Vielzahl an Museen, die Hamburg, auch was die Kosten und die Größe anbelangt, bei weitem übertreffen, sowieso auf einem ganz anderen Niveau wirtschaften muß, so sagte ich mir, daß diese an Verkommenheit und hanseatischer Kaufmannsverlogenheit nicht zu übertreffende Kulturpolitik Hamburgs im Grunde die Quintessenz jahre- und sogar jahrezehntelangen Sparens sowohl des SPD- als auch des CDU-Senats an den falschen Stellen ist, so dachte ich in der Abgeschiedenheit meines Ohrensessels, wodurch sich der sowieso schon geist- und kulturlose Zustand dieser Handelsstadt noch einmal um ein Erhebliches und in einer kaum zu übertreffenden Weise steigerte.

Glaubte man anfangs noch aus der Ferne Berlins und als es die schützende Mauer  gab, daß es bei dem infamen und komplett kulturlosen Ersten Bürgermeister Dohnanyi, der im Theater am liebsten seine Klassiker wiedererkennen möchte, dann bei dem Rechtsanwalt Voscherau und dem Beamten Runde ungeahnt schlimm war und beim Rechtsanwalt von Beust eigentlich gar nicht mehr auf die Spitze getrieben werden könne, so steigerte sich diese Sparversessenheit auch dort und dann erst recht unter dem Konkneipanten Ahlhaus, der nun eine sehr viel stärkere Sparwut, die an Zwanghaftigkeit grenzt, an den Tag legte, noch um ein erhebliches. Es ist gut, dachte ich beim Überfliegen dieser Headline in der „Berliner Zeitung“, in Berlin und nirgendwo anders zu leben, wo es in praktisch jedem Geschäft, im Grunde an jeder Straße möglich ist, die „Neue Zürcher Zeitung“ zu erstehen. Ja, in einer solchen Stadt, an solchen Geistesorten sagt es sich gerne: „Ich bin ein Berliner.“ Es werden allerdings  in dieser Stadt leichthin und vollkommen natürlich solche Bekenntnisse abgegeben, auch wenn diese Offenbarung hinterher für den einen oder anderen Gast eine fatale oder sogar letale Konsequenz nach sich zieht. Und es ist eben doch typisch, daß jene eigentlich ganz wunderbare Stadt an der Elbe, die durchaus ein eigenes Flair hat, in ihrem Herzen vom Geist des Kaufmanns regiert wird, so sagte ich mir. Warum solche Tage des Kommerzes aber den Weg ins Feuilleton fanden, erschloß sich mir beim Lesen der Überschrift nicht. Was gäbe es in Hamburg zu leasen? Vielleicht eines der großen deutschen Sprechtheater, um darin ein Musical aufzuführen. Oder einen Hafen für die Parade sämtlicher Kreuzfahrtschiffe dieser Welt.

Doch als ich die Überschrift genauer und den Artikel vollständig las, bemerkte ich, daß ich mich um einen Buchstaben verlesen hatte und es sich lediglich um die Lessingtage am Thalia-Theater zu Hamburg handelt. Natürlich, so fiel es mir ein, Lessing weilte eine Zeit lang in Hamburg, es heißt ja eine seiner Schriften zum Theater „Hamburger Dramaturgie“, es gibt in Hamburg sogar eine Lessingstraße und selbiger bedeutende Aufklärer, Dichter und wichtige Theoretiker des Theaters lieferte sich mit dem Hauptpastor Goeze einen veritablen Streit.

So kann das gehen, wenn man beim Lesen der morgendlichen Zeitung seinen Fehlleistungen aufsitzt und um diese herum einen Kokon spinnt.

Nun liegt in solchem Verlesen und Versprechen natürlich eine schöne Nähe zu Freud (sowieso) und zur Etym-Theorie von Arno Schmidt, die er in „Zettels Traum“ literarisch entfaltete. Ich mag im Grunde solche Fehlleistungen und diese um ein Winziges sich zutragenden Verschiebungen gerne. Als ich kürzlich vor einem Käsefachgeschäft stand, las ich an einer aufgestellten Tafel in Kreideschrift auf schwarzem Grund: „Ledermänner nur 1,99 €“. Das verwunderte mich zunächst, und ich liebe es, wenn ich mich selbst auf unwillkürliche Weise in Erstaunen und Entzücken versetzen kann. Auch Frauen vermögen es zuweilen, dieses Erstaunen und Entzücken in mir hervorzurufen; aus anderen Gründen jedoch. Das ist aber wieder ein ganz eigenes Thema, bei welchem sich weit ausholen und immens abschweifen ließe.

Beim zweiten Lesen der handbeschriebenen Tafel mußte ich meinen Blick jedoch korrigieren, und es handelte sich dann bloß noch um Leerdamer. Ja: die Sinnkohärenzen stellen sich schnell genug und von ganz alleine wieder her. Das ist manchmal schade. Denn gerade in den seltenen Momenten, wo diese Kohärenzen, diese Zusammenhänge des Alltäglichen augenblickshaft aufbrechen, beweist sich auf das schönste der Satz, daß die Welt einzig als ästhetisches Phänomen gerechtfertigt sei. Diese wenigen Sekunden des Befremdens sind ganz wunderbare Sekunden, in denen das Subjekt schwebt, eine Art kontemplativer Schockzustand, der aus der Welt der gewöhnlichen Dinge herausragt.

(„Och, das hast du Dir doch ausgedacht, das mit den Ledermännern!?“ „Nein, wirklich nicht, das war so, ich habe manchmal einen schusseligen, verpeilten Blick. Einmal habe ich sogar meinen eigenen Vater in der U-Bahn nicht wiedererkannt, bis er sich mir zu erkennen gab und sagte, wer er sei.“)

Wenn man mit einer attraktiven und intelligenten Frau einen besonderen Abend verbringt, kann sich zuweilen eine solche wunderbare Transgression ergeben: und zwar in jenen Momenten der kurz nur sich ereignenden Daseinsverzückung bricht es hervor; emaniert, müßte man – fast – schreiben. Es sind diese Minuten der unendliche Augenblick, welcher bis zum äußersten gespannt ist, es knistert und zerreißt darin etwas. Ein solcher Kairos läßt sich niemals willkürlich herbeiführen. Er geschieht. Momente, die sich in einer Bar nach einem Seminar in Berlin-Dahlem an einem Sommerabend mit jener dunkelhaarigen Frau ereignen, die sich in Hamburg-Ottensen, in Berlin-Kreuzberg abspielen. Jene blonde Frau, deren Körper ich photographierte. Überall eigentlich trägt sich das zu. Solche Momente müssen verdichtet werden, was wohl die Arbeit des Lyrikers ausmacht, und dann – hinterher – mit den Augen Becketts gesehen und dargestellt werden.

Nächste Woche geht es weiter mit dem zweiten Teil der Derrida-Lektüren.

Und wenn Sie mir, geliebte Leserinnen und Leser, auch noch verraten, welchen großen, großartigen Schriftsteller ich im ersten Absatz, zugegeben nicht gekonnt, aber einen Versuch war es trotzdem wert, nachahmte, dann seien Sie sich meines Wohlwollens sicher.

Hamburg

Schönes Lied, blödes Videobild. Trotzdem hören:

„Kamener Kreuz,
links vorbei,
im Radio läuft HR 3
Frankenhöhe, Schnitzelalarm
Superplus und dann nichts wie rauf
nach Hamburg

du altes Hamburg
unsre Schatzstadt

Alle wollen dich
und du weißt das
und du genießt das
und dir gefällt das
und du brauchst das
Du sexy Hamburg“