Und wer hat einen Tag später als Hegel Geburtstag?

Und als die schöne Gesellschaft da im Hause Hegels am Kupfergraben in Berlin so im Feierüberschwang war und die Gäste und der herrliche Hausherr tranken, da machte der Hausherr den Vorschlag, auch jenen großen Literaten noch zu feiern und es stießen die Gäste auch gleich noch über die Mitternacht in die Nacht hinaus auf jenen großen Dichter zum Geburtstag an und so feierte die Gesellschaft in den nächsten Tag. Es ward ein solches Fest, daß auch die Zeitungen darüber berichteten. So daß der preußische König Friedrich Wilhelm III., über dessen Geburtstag am 3. August in der Zeitung nichts berichtet wurde, sich ärgerte, erboste und fürderhin und künftig verbot. daß über solche Privatfeiern in den Zeitungen nichts mehr berichtet werden dürfe. Wer also war’s, wer hat heute Geburtstag? Kleiner Lektüretip:
„Hohe Bäume zierten den Platz vor ihrem Hause, darunter stellte er seine Sänger; er selbst ruhte auf einer Bank in einiger Entfernung und überließ sich ganz den schwebenden Tönen, die in der labenden Nacht um ihn säuselten. Unter den holden Sternen hingestreckt war ihm sein Dasein wie ein goldner Traum. – »Sie hört auch diese Flöten«, sagte er in seinem Herzen; »sie fühlt, wessen Andenken, wessen Liebe die Nacht wohlklingend macht; auch in der Entfernung sind wir durch diese Melodien zusammengebunden, wie in jeder Entfernung durch die feinste Stimmung der Liebe. Ach! zwei liebende Herzen, sie sind wie zwei Magnetuhren: was in der einen sich regt, muß auch die andere mitbewegen, denn es ist nur eins, was in beiden wirkt, eine Kraft, die sie durchgeht. Kann ich in ihren Armen eine Möglichkeit fühlen, mich von ihr zu trennen? und doch, ich werde fern von ihr sein, werde einen Heilort für unsere Liebe suchen und werde sie immer mit mir haben.“
Und noch eine andere Textstelle, im Hinblick auf die Querelle des Anciens et des Modernes:
„Wohl findet sich bei den Griechen sowie bei manchen Römern eine sehr geschmackvolle Sonderung und Läuterung der verschiedenen Dichtarten, aber uns Nordländer kann man auf jene Muster nicht ausschließlich hinweisen. Wir haben uns andrer Voreltern zu rühmen und haben manch anderes Vorbild im Auge. Wäre nicht durch die romantische Wendung ungebildeter Jahrhunderte das Ungeheure mit dem Abgeschmackten in Berührung gekommen, woher hätten wir einen ›Hamlet‹, einen ›Lear‹, eine ›Anbetung des Kreuzes‹, einen ›Standhaften Prinzen‹?“

Der bacchantische Taumel. Hegel zum 250. Geburtstag (1)

„Hegel wirkte zwar auch im Hörsaal, aber er schrieb und dachte fürs Universum, nicht für die Zwischenprüfung.“
(Dietmar Dath, Hegel)

„So isch no au wieder
(Schwäbische Redensart, zit. nach Sebastian Ostritsch, Hegel)

Um gleich mit dem zweiten Zitat in den Text und mitten hinein in Hegels Denken zu springen: Dialekt kann zwar Dialektik veranschaulichen. Aber so nun auch wieder doch nicht. Wenn auch darin ein Teil Wahrheit liegt. Dialektik ist nicht bloß die Echternacher Springprozession und hat doch, wie Adorno es in der „Negativen Dialektik“ sagte, einen Bezug: „Dialektik schämt sich nicht der Reminiszenz an die Echternacher Springprozession.“ Jenes „Sowohl als auch“ ist vielleicht ein populäres Bild, um zumindest basal zu veranschaulichen, was es bedeuten kann, verschiedene Hinsichten zu denken und nicht einfach abstrakt zu negieren oder zu bejahen. Aber bei Hegel ist das zugleich mehr. Solches Unterscheiden und solches Auf-Gemeinsamkeiten-Absuchen, auch in der Unterscheidung und im Widerspruch nämlich, ist ein wesentlicher Aspekt, den man bei Hegel lernen kann. Vielleicht aber auch Gershom-Scholem-mäßig mit einer jüdischen Anekdote:

Kommt ein Mann zum Rabbi und klagt ihm sein Leid, daß es mit seiner Frau Streit gäbe und sie beständig zetere und ob er nicht einfach strenger und härter sein solle. Und der Rabbi sagt: „Da hast Du recht, das wäre gut. Sei strenger und härter!“

Und kommt dann einige Stunden später die Frau des Mannes zum Rabbi und klagt ihr Leid, daß der Mann dauernd trinken geht und sich vernachlässige. Und ob sie, also die Frau, den Mann nicht mit Liebesentzug und Strenge strafen solle. Und der Rabbi sagt: „Da hast Du recht, das wäre gut. Sei strenger und härter!“ Und er gibt der Frau recht.

Kurze Zeit später tritt das Weib des Rabbis in die Stube, das beide Gespräche mit angehört hatte: „Ja, bist Du denn so windelweich, daß Du Dir als Rabbi nicht einmal eine eigene Meinung zutraust, den Leuten die Leviten liest und immer allen recht gibst?“ Und der Rabbi entgegnet: „Da hast Du recht, es wäre gut eine eigene Meinung zu haben!“

So ähnlich, meine ich mich zu erinnern, geht der jüdische Witz, der auch einer über Schwaben sein kann. Hegel, geboren am 27. August 1770 in Stuttgart, wenngleich die Meinung bei Hegel nicht noch im Kurs steht.  Aber ich vermute, da es lange her ist, als ich den Witz gehört habe und weil ich schlecht Witze behalten kann, daß er doch irgendwie anders geht. Aber das Prinzip dahinter und die Art, wie der Witz funktioniert zumindest veranschaulicht, was Dialektik sein könnte, und wie man mit Hegel das Denken und das Auffassen lernen kann: so zu sein wie der Rabbi und dann doch wieder nicht. Das Richtige auch in einem Falschen zu sehen und dabei aber doch nicht stehenzubleiben. Man muß nur, weiter als der Rabbi schaut (aber wer weiß, vielleicht sieht er das ja gerade), jede der Geschichten in ihrem Bezug sehen und kann dann zugleich in jeder der Geschichten ihre eigene Richtigkeit sehen, aber daß es dennoch nur im Gang des Denkens und als Entwicklung weitergeht und eine Auflösung bringen kann, um das eine im anderen aufzuheben und die Aspekte in eine geeignete, der Sache gemäße Anordnung zu bringen.

Was heißt und zu welchem Ende studiert man Philosophie?

Wenn es zuweilen beim Blick in die Philosophiegeschichte heißt, daß auch die Philosophie der Vergangenheit ihren Bezug zur Gegenwart nicht verlieren dürfe, so sollte man zunächst darüber nachdenken, was mit einer solchen Aussage gemeint ist. Ebenso wie bei der Frage „Wofür Hegel heute?“ Um das zu klären, sofern es denn überhaupt klärbar und diese Frage nicht vielmehr philosophisch falsch gestellt ist, muß man zunächst begreifen, was Hegel in seiner Zeit bedeutete, und vor allem, auf welche Fragen der Philosophie seiner Epoche Hegels Denken in seiner Zeit eine Antwort zu geben versuchte. Ohne Hegel in seinem Zeithorizont und in dem Problembereich zu verstehen, in welchem er dachte, ist ein Bezug zur Gegenwart vielleicht keine sinnlose, aber doch eine problematische Sache – zumal zur Erklärung der Gen-Technik oder der Digitalisierung man nicht Hegel zu bemühen braucht, wenn man es gegenwärtig will.

Philosophie, die mehrere hundert oder gar tausende von Jahren zurückliegt, muß nicht ihre Aktualität beweisen, sondern sie ist per se aktuell, ansonsten wäre sie vergessen. Allein aus dem Umstand ist sie aktuell, daß wir sie immer noch lesen und uns über Texte von Platon, von Aristoteles und Hegel beugen. Manchmal das Haupt voll Gram und Haare raufend, weil eine halbe Seite Text einen vollen Tag gekostet hat, weil man in einem Seminar in zwei Stunden gerade einmal drei Sätze geschafft hatte. Aber auch solche Arbeit und solche Zeit, die man braucht, gehören zum Prozeß der Erkenntnis. Oder in anderem Kontext in der Vorrede von Hegels „Phänomenologie des Geistes“, ein sich vollbringender Skeptizismus als Motor der Philosophie:

„Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt. Es ist die gewöhnlichste Selbsttäuschung wie Täuschung anderer, beim Erkennen etwas als bekannt vorauszusetzen und es sich ebenso gefallen zu lassen; mit allem Hin- und Herreden kommt solches Wissen, ohne zu wissen wie ihm geschieht, nicht von der Stelle.“

Gentechnik, Digitalmoderne, Twitter, Viren oder Wirren: Hegel mag helfen, solche Ausprägungen eines objektiven Geistes zu begreifen, aber für die Details braucht es Hegel nicht. Was nicht gleichbedeutend mit der Antwort ist, daß Hegel keine Rolle spiele. Ganz im Gegenteil. Hegel ist nötig, aber anders als all die Aktualisierungsbestrebungen es sich ausmachen, die Hegel und alle möglichen anderen Philosophen auf die Gegenwart bürsten möchten, Hegel in Anspruch nehmen und doch besser daran täten, es nicht in Hegels, sondern im eigenen Namen zu formulieren, statt sich mit Hegel zu augmentieren und dann bei der Geistphilosophie womöglich verwechseln, daß für Hegels Begriff des Geistes keineswegs das Bewußtsein und auch nicht das Selbstbewußtsein primär ist.

Wer verstehen will, was Hegel macht, muß Hegels Texte lesen. Das klingt trivial, ist es aber nicht. Und da fangen die Probleme an: wie lesen? Einer der großen Irrtümer ist die Annahme, daß Hegels Philosophie schwierig sei. Dunkel sei sein Denken. Und sperrig – so heißt es immer wieder in den Elogen und Artikel des Feuilletons, die man dieser Tage über Hegel lesen kann. Aber das stimmt nicht. Das alles ist Hegels Philosophie nicht. Sie ist einfach. Und sie ist verständlich, denn es steht ja alles bei Hegel geschrieben. Aber man muß nur, um es dann zu verstehen, am Ende sehr viel und sehr gründlich und immer wieder gelesen haben, genau, langsam und vor allem aufmerksam: das, was wir Close reading nennen, Satz für Satz und doch auch wieder den Kontext im Blick, wie auch das, was man den Stil, die Rhetorik und die Form eines Textes nennt, also sein performatives Vorgehen, der Einsatz der Sprache, die Wortwahl, den Satzbau, die Art der Begriffe, die verwendeten Bilder. Wie wichtig und erkenntnisfördernd solche Lektüre ist, kann man schnell bemerken, wenn man Hegels „Phänomenologie des Geistes“ und seine „Wissenschaft der Logik“ miteinander vergleicht. Beides sind Werke der Philosophie, aber sie unterscheiden sich erheblich in ihrem Stil, in der Bildlichkeit und der Form der Darstellung. Manche sagen, die Phänomenologie sei das literarischste der Hegelschen Werke, ein Bildungsroman gewissermaßen, wie der Wilhlem Meister.

Aber mit der isolierten Lektüre allein kommt man eben auch nicht weiter, wenn Hegel von Wirklichkeit oder Unendlichkeit spricht, sondern genauso muß man gelesen haben den Heraklit und sein Denken der Bewegung, Parmenides und das Verhältnis von Denken und Sein und überhaupt die Vorsokratiker, Anaximander und sein Apeiron, und dann Platon, Aristoteles, Sextus Empiricus samt der Pyrrhonischen Skepsis, Plotin, den von Hegel geschätzten Proklos, Avicenna, Anselm von Canterbury, Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Duns Scotus, Wilhelm von Ockham, Nikolaus von Kues, Pico della Mirandola, Francisco Suárez, René Descartes, Spinoza, Leibnitz, Locke, Hobbes, Hume, Kant, Reinhold, Fichte, Jacobi, Hölderlin, Schelling, Schlegel, Goethe, Schiller. Natürlich hat das keiner, der Anfänger ist. Also muß es anders gehen. Und damit sind wir eben bei der Frage, die auch Hegel für die Philosophie stellte, nämlich zum Beginn seiner „Wissenschaft der Logik“: „Womit muß der Anfang der Wissenschaft gemacht werden?“ Diese Frage stellt sich auch fürs Lesen. Wie anfangen? Am besten mit dem Anfang. Das ist klar.

Wie Hegel lesen?

Vielleicht ist es an dieser Stelle sinnvoll, Grundsätzliches zum Lesen von philosophischen Texten zu schreiben: Manche meinen, es ginge der Weg zunächst über die Sekundärliteratur, gerade bei einem so schwierigen Autor wie Hegel. Aber das ist ein falscher Weg. Wer nach Rom will, geht keinen Umweg, sondern direkt von Berlin, Jena, Heidelberg oder Nürnberg aus über die Alpen nach Rom! Mein Soziologieprofessor im Grundstudium sagt gleich in der ersten Sitzung freundlich, aber mit Bestimmtheit: „Wer die Primärtexte nicht versteht, der versteht am Ende auch nicht die Sekundärliteratur!“ Dem pflichte ich bei. Kommentare können zwar manchmal bei wolkigen Stellen helfen, aber leider gibt es eben auch Deutungen und Einführungen, die doxographisch, polemisch oder hagiographisch den Blick verstellen, indem sie eine bestimmte Lesart etablieren wollen. Das soll nicht sein! Um das zu erkennen, was da im Text selbst geschrieben steht – und nicht ein irgendwie dahinter verborgener geheimer Sinn, frei nach Goethe: „Im Auslegen seid frisch und munter!// Legt ihr’s nicht aus, so legt was unter.“ – muß man einen Text sehr genau lesen: nur dann kann das Auslegen gelingen.

Deshalb mein Rat immer wieder an jene, die lesen und entdecken wollen: Laßt alles, was Ihr über Hegel gehört habt fallen! Vergeßt es, vergeßt die ganze Sekundärliteratur, die Forschungs- und Zitierkartelle, und wenn da die Hegelexperten wie Dieter Henrich, Theunissen, Annemarie Gethmann-Siefert, Klaus Vieweg oder wie sie heißen uns etwas über Hegel erzählen, so laßt es zunächst mal liegen: Ihr, die bisher wenig nur von Hegel gelesen habt. Wer den Original Hegel will, der greift zu Hegel. Anders geht es nicht. Auch wenn das schwierig ist. Zur Unterstützung kann man dann bei Meiner die Kommentare von Pirmin Stekeler-Weithofer nehmen, die sehr genau am Text sind und nicht anhand des Textes eine eigene doxographische Lesart etablieren wollen, aber sehr gut in Problemkreise führen.

Warum zum Anfang keine Sekundärliteratur? Weil sie nur vermeintlich einem einen Text näherbringt. Mir zumindest ging es bei Hegel so, daß ich aus der direkten Lektüre vieles zog, aus den Sekundärtexten kaum etwas, und das, was ich dann in den Erläuterungen fand, stand ja bereits bei Hegel selbst.

Die Lust am Text 

Eines aber ist bei Hegel unerläßlich: ein Impetus, ein Antrieb, ein bestimmtes Interesse, eine Leidenschaft. Wer Hegel liest, weil er ihn lesen muß, verzweifelt schnell und legt die Chose wieder weg. So ging es mir 1991 mit Husserl. Ich las, um zu lesen und fand die Sache stinklangweilig. Irgendwas muß die Leserin oder den Leser also antreiben. Mich hatte Hegel bereits mit 16 Jahren gepackt: Das Kapitel zu Herrschaft und Knechtschaft aus der „Phänomenologie des Geistes“ lasen wir in meinem ersten Schuljahr Philosophiekurs in der elften Klasse, und ein Interesse nicht nur an linker Politik, sondern ebenso an Gesellschaft und auch an der Sprache selbst taten ein übriges. Ich fand diesen Sound des Textes, die Tonlage und diese Art des Schreibens umwerfend gut, schon auch deshalb, weil ich nicht viel verstand, aber da aus dem Unbewußten des Textes dennoch etwas auf mich zurückstrahlte:

„Der Herr ist das für sich seiende Bewußtsein, aber nicht mehr nur der Begriff desselben, sondern für sich seiendes Bewußtsein, welches durch ein anderes Bewußtsein mit sich vermittelt ist, nämlich durch ein solches, zu dessen Wesen es gehört, daß es mit selbständigem Sein oder der Dingheit überhaupt synthesiert ist. Der Herr bezieht sich auf diese beiden Momente, auf ein Ding als solches, den Gegenstand der Begierde, und auf das Bewußtsein, dem die Dingheit das Wesentliche ist; und indem er a) als Begriff des Selbstbewußtseins unmittelbare Beziehung des Fürsichseins ist, aber b) nunmehr zugleich als Vermittlung oder als ein Fürsichsein, welches nur durch ein Anderes für sich ist, so bezieht er sich a) unmittelbar auf beide und b) mittelbar auf jedes durch das andere. Der Herr bezieht sich auf den Knecht mittelbar durch das selbständige Sein; denn eben hieran ist der Knecht gehalten; es ist seine Kette, von der er im Kampfe nicht abstrahieren konnte und darum sich als unselbständig, seine Selbständigkeit in der Dingheit zu haben erwies.“

So stand es da, das lasen wir. Darüber sollten wir schreiben. Da steht man als Schüler und nicht nur als Schüler und schaut, oder es geht einem wie jenem Schüler, der da im „Faust“ Mephistos Reden lauscht: „Mir wird von alledem so dumm,/Als ging mir ein Mühlrad im Kopf herum.“

Es gibt von Jacob Taubes den Satz, daß er bei manchen Büchern den Inhalt nur durchs Handauflegen erspüren könne. Geradezu eine antihegelianische Volte, aber es zeigt sich in diesem Satz doch ein bestimmtes Verhältnis zur Philosophie, das mit Eros und mit Leidenschaft zu tun hat. So ging ich an Hegel heran. So dachte ich, eine Klausur zu bestehen; mit einer gewissen Intuition und dem was ich bis zur elften Klasse immer tat. Aber was ich in eitler Überschätzung dachte: „So wie ich in Deutsch gute Noten hinlege, so wird es auch in der Philosophie geschehen, wenn ich nur kräftig drauflosinterpretiere“, das ging fehl. Ich hatte einen hervorragenden Philosophielehrer, der Geschwätz nicht durchgehen ließ und Unwissen von Wissen zu unterscheiden verstand. Und als ich die Klassenarbeit über Hegels Kapitel zu Herr und Knecht aus der „Phänomenologie“ zurückerhielt, prangte da eine vier Minus. Die wollte ich mir nicht bieten lassen. Ich ging zum Philosophielehrer und der verabredete mit mir einen Termin. Satz für Satz erklärte er mir, was da in meiner Arbeit falsch gelaufen war und zeigte zugleich, wie man im Text Argumente und Strukturen aufbaut und wie man sich einem komplexen Text nähert. Für den Einstieg in die Philosophie keine leichte Übung.

„Was den Vortrag der Philosophie auf Gymnasien betrifft, so ist erstens die abstrakte Form zunächst die Hauptsache. Der Jugend muß zuerst das Sehen und Hören vergehen, sie muß vom konkreten Vorstellen abgezogen, in die innere Nacht der Seele zurückgezogen werden, auf diesem Boden sehen, Bestimmungen festhalten und unterscheiden lernen.

Ferner, abstrakt lernt man denken durch abstraktes Denken.“

So hieß es in Hegels 1812 in Nürnberg verfaßtem Privatgutachtens für den Königlich Bayrischen Oberschulrat Immanuel Niethammer, der zugleich Hegels Freund war: „Über den Vortrag der Philosophie auf Gymnasien.“

Sekundäres

Allenfalls, um sich über den Stand der Forschung oder über den komplexen Textkorpus einen Überblick zu verschaffen, mag es sinnvoll sein, Einführungstexte zu lesen. Für Hegel empfehle ich in diesem Falle Sebastian Ostritschs Buch „Hegel. Der Weltphilosoph“ (Ullstein Verlag)  In Ostritschs Darstellung von Hegels Philosophie wie auch seines Lebens bekommen jene, die noch nicht viel mit Hegel in Berührung kamen, sofort bei der Lektüre Lust, Hegel selbst zu lesen. Barthesʼ Wendung von der „Lust am Text“ trifft auf Ostritschs Buch unbedingt zu: selbst für Hegelkenner ist das Buch noch mit Gewinn zu lesen. Ostritsch schreibt voll Emphase, und er schlägt Wegmarken, ohne eine doxographische Lesart zu etablieren, Hegel sei nun dies oder er sei nun das. Ostritschs in diesem Frühjahr erschienenes Buch ist die bisher beste Einführung, die ich in Hegels Denken gelesen habe, und es ist der ideale Einstieg in Hegel, um dann freilich sofort mit Hegel zu beginnen. Oder vielleicht umgekehrt: Einfach mit der Vorrede und der Einleitung der „Phänomenologie des Geistes“ beginnen – ich halte diese beiden Texte immer noch für den besten Einstiegstext – und vielleicht noch den Aufsatz „Wer denkt abstrakt?“ lesen: ein literarischer und teils hoch komischer Text, der auch auf dem Marktplatz von Bamberg spielt, wenn da die Hökers- und Eierfrauen auftauchen. Hegel lebte zu der Zeit, als er diesen Text 1807 schrieb, in Bamberg und arbeitete als Redakteur bei der „Bamberger Zeitung“. Und nach diesen Texten dann zu Sebastian Ostritsch greifen. Na ja, zu seinem Buch.

Ansonsten sei auch noch auf Thomas Sören Hoffmanns Buch „Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Eine Proprädeutik“ (matrix Verlag, 2015) verwiesen, und wer es umfassender mag und dazu auch noch eine flott geschriebene Biographie lesen möchte, der greife zu Klaus Viewegs „Hegel. Der Philosoph der Freiheit“ (Beck Verlag, 2019): stellenweise etwas zu viel aufgetragener Lob: Hegel der Aristoteles der Moderne, aber Vieweg gibt wenigstens zu, daß er Hegelianer ist. Zentraler Punkt, auf den Vieweg immer wieder verweist: Hegel ist ein Denker der Freiheit und des Rechtsstaates, er sah vor allem die Verwerfungen der Moderne, wenn ein ungezügelter Kapitalismus die Gesellschaft beherrscht:

„Er kann als der Großmeister der neuzeitlichen Philosophie gelten, als der berühmteste moderne Philosoph. Vernunft und Freiheit bilden die beiden Grundpfeiler, auf denen Hegels Philosophiedom errichtet wurde. Im Denken der Freiheit liegt der Kernimpuls seines vielfach verschlungenen Lebens- und Denkweges.“ (Vieweg; Hegel)

Ausblick – Ende erster Teil

Philosophie ist nicht einfach nur das staubtrockene Schwarzbrot, wenngleich viele bei der Lektüre der Logik gerade dieses Schwarzbrot zu schätzen und zu kauen gelernt haben. Philosophie hat ebenso etwas mit dem Eros, mit dem Rausch und mit Dionysischem zu tun. Sie ist Lust. Sie ist erotisch. Philosophie heißt eben auch, wie Hegel es für die Schüler formulierte, daß einem schwindelig wird und einem Hören und Sehen vergeht. Oder wie es im Volkslied heißt: „Schnaps, das war sein letztes Wort, dann trugen ihn die Englein fort“. Wobei es ganz so schlimm nicht kommen muß. Philosophieren ist sicherlich keine Party, aber ganz ohne Lust macht sie eben dann auch wieder keine Lust. Und so schreibt Hegel zum Beginn, in der Vorrede seiner „Phänomenologie“:

„Das Wahre ist so der bacchantische Taumel, an dem kein Glied nicht trunken ist; und weil jedes, indem es sich absondert, ebenso unmittelbar [sich] auflöst, ist er ebenso die durchsichtige und einfache Ruhe.“

Das ist eine schöne Sentenz, um das Verhältnis von Rausch und Nüchternheit zu nennen, das in der Philosophie herrscht, auch in bezug auf das Wahre. Und zum Ende dann, wenn Wissen und Geist zu sich selbst im anderen gekommen sind und wenn die Bildungsreise des Bewußtseins zu ihrem Ende gelangt ist, um in der großen Logik freilich und dann der Enzyklopädie doch fortgesetzt zu werden, so daß eben jenes von Hegel genannte Kreisen von Kreisen entsteht, heißt es:

„Das Ziel, das absolute Wissen, oder der sich als Geist wissende Geist hat zu seinem Wege die Erinnerung der Geister, wie sie an ihnen selbst sind und die Organisation ihres Reichs vollbringen. Ihre Aufbewahrung nach der Seite ihres freien, in der Form der Zufälligkeit erscheinenden Daseins ist die Geschichte, nach der Seite ihrer begriffenen Organisation aber die Wissenschaft des erscheinenden Wissens; beide zusammen, die begriffene Geschichte, bilden die Erinnerung und die Schädelstätte des absoluten Geistes, die Wirklichkeit, Wahrheit und Gewißheit seines Throns, ohne den er das leblose Einsame wäre; nur –
aus dem Kelche dieses Geisterreiches
schäumt ihm seine Unendlichkeit.“

Champagner! rufen wir also heute und erinnern uns dabei auch an jene herrliche Arie aus Straußens „Die Fledermaus“. Jener bacchantische Taumel, den Hegel am Anfang der Phänomenologie im Prozeß des Denkens und des Erkennens versprach und am Ende sprüht es und sprudelt aus jenem Kelch, der das Reich des Geistes ist und dies als die Unendlichkeit. Unser Reich, unser einheimisches Reich und zugleich doch nicht der Narzißmus eines bloßen Ichs, sondern wie Hegel es in der Phänomenologie schreibt, fast auch wie ein Liebesverhältnis:

„Ich, das Wir, und Wir, das Ich ist. Das Bewußtsein hat erst in dem Selbstbewußtsein, als dem Begriffe des Geistes, seinen Wendungspunkt, auf dem es aus dem farbigen Scheine des sinnlichen Diesseits und aus der leeren Nacht des übersinnlichen Jenseits in den geistigen Tag der Gegenwart einschreitet.“

Und diese Sätze Hegels sind zugleich auch eminent politisch zu verstehen. Eine Orgie für Hegel, nicht nur heute – mit Champagner. Heute.

[Ende  erster Teil]

Bilder:
1: CC-Lizenz: G.W.F. Hegel mit Studenten Lithographie F Kugler
2: Wikipedia, CC-Lizenz

„Hellhörige Scheu vor dem Vergangenen“. Von Menschen und Mäusen oder: Jene zwanziger Jahre

Hegel, Hölderlin, Beethoven, Engels, Celan, Adorno

2020 – schönes Zahlenspiel, Zahlenmagie. Man kann auf solchen Datumsgrenzen zurückblicken. Aufs letzte Jahr und in diesem Falle gar auf das letzte Jahrzehnt und man kann Listen mit Büchern, Ausstellungen, Theaterstücken ausstellen: was war, was vorgeblich wichtig war oder auch nicht oder was ein Aufreger oder keiner war. Was man gelesen hat, was und wieviel. Undsoweiter. Aber solche Sichtung bleibt ohne Bezug und Kontext und damit im guten hegelschen Sinne abstrakt. Und wollte man diesen Kontext erzeugen, wuchtete sich der Text zu einem Essay über jenes Jahrzehnt aus. Insofern lieber mäandern.

Listen, Preise und Rankings mögen einen bestimmten Zeitgeist spiegeln und sie sind insofern soziologisch interessant. Doch übers ästhetisch Gelungene geben sie nur bedingt Auskunft. Weshalb ein Buch wie Anke Stellings „Schäfchen im Trockenen“ letztes Jahr den Leipziger Buchpreis erhielt, mögen die Götter oder die heutigen Bewohner des Prenzlauer Bergs wissen. Es gibt, so scheint es mir, Buchpreise, die nicht primär die ästhetische Qualität eines Textes, sondern dessen politische Haltung bepreisen: das unabdingbare Recht, innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings wohnen zu müssen. Und es sind das dieselben Leute, die heute jammern und klagen, wenn sie aus ihren Wohnungen gentrifiziert werden und denen es gestern am Arsch vorbeiging, wer da eigentlich vorher im Wins- oder Bötzow-Viertel wohnte, bevor sie in jene Wohnungen einzogen. Ossis waren Kollateralschaden und mußten halt dem neuen biederen Lebensstil weichen. Da machte es nichts, wenn es für den Vormieter ab in die Platte nach Hellersdorf ging. Da fragte niemand, da schrieb kaum einer was zu. Aber das ist inzwischen auch über zwanzig Jahre her. Und so möchte man auch heute mit maliziösem Lächeln jenen Klagenden entgegnen: Leben ist eben Veränderung.

Festhalten kann man freilich fürs letzte Jahrzehnt verschiedene Tendenzen: Die wichtigste findet sich wohl im Feld des Politischen und es ist dies in meinen Augen die traurigste, erschreckendste und gefährlichste: nämlich der Niedergang der Sozialdemokratie, einst eine Volkspartei. 2013 noch beging sie ihren 150. Geburtstag und selbst in jenem Jubeljahr samt Jubelfest hätte, trotz Rückschlägen und trotz Wählerschwund, wohl niemand daran gedacht, daß sich die gute alte Tante auf dem Weg einer 15 %-Partei befindet. An diesem Niedergang sind nicht nur die Medien schuld, vor denen es – insbesondere in der Springer-Presse – die SPD immer schon ein Stück weit schwerer als die bürgerliche CDU hatte – man denke nur an Steinbrücks Fuckfinger und der daraus abgeleiteten Kampagne, während man Asse- und Irakkrieg-Merkel ungehindert gewähren ließ, ebenso ihre unsolidarische Haltung, nicht nur in der Flüchtlingsfrage, vor 2015 gegenüber Ländern wie Italien und Griechenland, und wie jene Medien es dabei unterließen, irgendwas von diesen Dingen je aufs Zeitungspapier zu drucken. Doch trug vor allem die SPD selbst an diesem Niedergang erheblichen Anteil und es läßt sich dieser Wählerschwund nicht nur auf die mediale Berichterstattung reduzieren.

Eine weitere unheilvolle politische Tendenz lag darin, daß sich die Klientel linker Politik entscheidend veränderte. Große Teile der Linken verschrieben sich einer Identitätspolitik, die primär nur noch auf Partialeffekte und Gruppenidentitäten abzielte. Das Abklopfen nach Marginalisierungen wurde Lieblingsbeschäftigung, Opferquartett das Lieblingsspiel. Noch die Literatur wurde von jenen Literaturblasenevangelikalen nach der korrekten Darstellung von Minderheiten in Prosa und auf sprachliche Reinheit abgeklopft. Vom politischen Separatismus ganz zu schweigen. Kein Blick aufs ganze, keine Analyse von Strukturen und von Denksystemen. Stattdessen häufig kurzschlüssige Ideologiekritik oder Identitätspolitik.

Daß es zwischen dunkelhäutigen und weißhäutigen Arbeitern und Angestellten durchaus politische Gemeinsamkeiten geben könnte, geriet zunehmend aus dem Blick und ebenso geriet aus dem Fokus, wie man solche Gemeinsamkeiten gesellschaftlich und politisch sichtbar machen kann. Solche Abschottungen, zum Teil auch innerhalb der SPD und im Osten gegenüber dem klassischen Milieu der Linke-Wähler, waren mitverantwortlich dafür, daß da eine Partei am rechten Rand entstehen konnte, die Bedürfnisse und Wünsche auffing. Dies ist beileibe nicht die einzige Ursache, aber doch eine von vielen. Man betrachte sich die Wählerwanderungen.

(Gelingende) linke Politik ist heute kaum noch denkbar. Kluge Linke wie auch der Dialektiker im Grandhotel Abseits ziehen sich aufs Feld der Analyse und gerne auch der ästhetischen Abenteuer zurück – gleichsam dem einheimisch-dialektischen Reich der Theorie, worin Waldgänger, destruktive Charaktere und abenteuerliche Herzen ihren Platz haben und sich tummeln. Denn Gesellschaft zu verändern, bedeutet zunächst mal, sie überhaupt erst in ihren Mechanismen zu begreifen – manchmal auch von der Perspektive des Exzentrikers her, der beim heutigen Juste Milieu der evangelikalen Identitätslinken nachgerade verpönt ist, wie er es sonst nur beim Spießbürger war – und auch die komplexen Aspekte in den Blick zu bekommen und das, was uns als vermeintliche Naturform gespiegelt wird, als gesellschaftlich Gemachtes und damit auch als Veränderbares zu lesen.

Womit wir beim Jahr 2020 angelangt sind und damit bei den anstehenden Jubiläen, nämlich Hegels und Hölderlins 250. Geburtstag. Man kann solche Jubiläen belächeln und als bildungsbürgerlichen Scheiß abtun, nur sollte man dann auch etwas Besseres in petto haben als Partialphilosophie, Textethiken samt intellektueller Kleingeisterei, die auf Partialschwachsinn hinauslaufen.

Hegel wie Hölderlin dachten und begriffen ihre Zeit und sie realisierten die großen gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Umbrüche ihrer Epoche, die bis heute Auswirkung haben: der Einsatz von Maschinen zur Produktion von Waren, das Ausbilden einer bürgerlichen Schicht und damit korrespondierend einer pauperisierten, die Bedeutung der Arbeit und das

„Herabsinken einer großen Masse unter das Maß einer gewissen Subsistenzweise, die sich von selbst als die für ein Mitglied der Gesellschaft notwendige reguliert – und damit zum Verluste des Gefühls des Rechts, der Rechtlichkeit und der Ehre, durch eigene Tätigkeit und Arbeit zu bestehen -, bringt die Erzeugung des Pöbels hervor, die hinwiederum zugleich die größere Leichtigkeit, unverhältnismäßige Reichtümer in wenige Hände zu konzentrieren, mit sich führt.“

So Hegel im Paragraph 244 seiner „Rechtsphilosophie“. Dieser gesellschaftliche Wandel kulminiert bei Hegel unter den Begriffen Entzweiung und Entfremdung. Vor allem aber traf Hegel die zentrale Unterscheidung zwischen der sich herausbildenden bürgerlichen Gesellschaft und dem Staat als Rechtsstaat, dem in diesen Konflikten eine zentrale Rolle zukam. Hegel dachte, so formuliert es Vieweg in seiner Hegel-Biographie, „über die Bedingungen für einen vernünftigen und freien Staat“ nach und dies eben ist eine Konstante in Hegels Philosophie. Bis heute aktuell. Bis heute zu realisieren.

Ebenfalls dachten Hegel wie Hölderlin die Bedeutung und die Macht der Kunst. Der Kunst kam zum einen eine gleichsam therapeutische wie auch verändernde Kraft zu, weil sie zum einen Möglichkeiten eines Anderen bereitstellte, das im Vorschein als Utopie aufblitzte oder in Rätselschrift sich als zu lesende Chiffre seinen Weg bahnte, wie in Hölderlins Dichtung, und zum anderen machte uns Kunst etwas anschaulich, was im Medium des Begriffs zunächst sich „verkapselt“, in der Kunst aber eine Form erhält, so daß Inhalte (sinnlich) zugänglich werden: in der Kunst schaut Gesellschaft sich selbst an. Gekonnt zeigt Hegel dies etwa in seinen Ästhetik-Vorlesungen anhand der niederländischen Genre-Malerei.

Kunst versinnlicht und darin liegt für das ausgehende 18. und das kommende 19. Jahrhundert zugleich eine Möglichkeit von umfassender Bildung, die nicht nur den Verstand, sondern ebenso die Sinne beansprucht: Jenes Programm ästhetischer Erziehung, das sich im Ältesten Systemprogramm des Deutschen Idealismus von 1797 als Versinnlichung der Ideen und als ästhetische Aufklärung Bahn brach, um mittels einer neuen Mythologie und neuen Formen des Erzählens so etwas wie Volksbildung zu betreiben. Denn nur ein gebildetes Volk kann auch politisch sich beteiligen. Kunst besitzt, neben der Ausbildung ihrer Autonomie immer eine gesellschaftliche Funktion. Nicht im unidirektionalen Sinne und als Zeigefingerpädagogik, sondern qua ihrer Auseinandersetzung mit und der Aneignung von Gesellschaft. Noch ein einfacher Seitensprung im Eheleben, den Literatur in Darstellung bringt, hat gesellschaftliche Relevanz, ist auf ganz unmittelbarer Ebene gesellschaftlich genommen, und der (subjektive) Brief als Romanform, in der eine unglückliche Liebe zum Ausdruck kommt, ist ebenso gesellschaftlich vermittelt und wirkt qua ästhetischer Form wiederum auf Gesellschaft und die Möglichkeiten von Kunst zurück.

Zentral ist die Rolle der Kunst in der ästhetischen Moderne seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert nicht mehr nur im Sinne der Bildung, sondern ebenso als Medium der Erkenntnis. Womit wir für das fatale und brutale 20. Jahrhundert bei einem dritten Jubiläum wären – das von Beethoven muß man freilich noch dazu nennen, denn ohne diesen wären die ästhetischen Brüche des 20. Jahrhunderts in der Musik, wären Mahler, Schönberg und Berg kaum denkbar. Nämlich dem 100. Geburtstag und gleichzeitig dem 50. Todestag von Paul Celan. Wohl in kaum einer Dichtung wurde das Grauen des deutschen Massen-Mordens im Zweiten Weltkrieg und insbesondere die Vernichtung ganzer Menschengruppen derart zum Ausdruck gebracht und zugleich ein anderes Sprechen als Schweigen und Andersdenken als Dichten derart bedeutsam. Die Linie Hölderlin – Celan dürfte bis heute hin aktuell und interessant sein. Man denke nur, was die bereits ganz unmittelbar genannten Bezüge angeht, an Celans „Tübingen Jänner“ und darin die schwimmenden Hölderlintürme samt jenem fremdseltsamen hölderlinschen Rätselwort „Pallaksch“:

Zur Blindheit über-
redetet Augen.
Ihre – „ein
Rätsel ist Rein-
entsprungenes“ –, ihre
Erinnerung an
schwimmende Hölderlintürme, möwen-
umschwirrt.

Besuche ertrunkener Schreiner bei
diesen
tauchenden Worten:

Käme,
käme ein Mensch,
käme ein Mensch zur Welt, heute, mit
dem Lichtbart der
Patriarchen: er dürfte,
spräche er von dieser
Zeit, er
dürfte
nur lallen und lallen,
immer-, immer-
zuzu.

(„Pallaksch. Pallaksch.“)

Jene aussetzende Sprache, das tauchende Wort; und aus der Sprachlosigkeit heraus, in einer Art Engführung, geschieht, fast musikalisch, ein neues Sprechen. Den wohl bedeutendsten Dichter des 20. Jahrhunderts gilt es dieses Jahr zu feiern. Bedeutsam deshalb, weil sich in der Kunst Möglichkeiten zeigten, solches Grauen in eine hermetische Sprache zu bringen, die nicht einfach mehr im Kunstgenuß sich erschöpft, sondern so etwas wie die ansonsten in der Philosophie beheimatete „Anstrengung des Begriffs“ auch für die Kunst erfordert. Destruktion von Sinn und Sinnhorizonten.

Und damit korrespondierend, nämlich unter anderem auch im Sinne einer Dichtung bzw. Kunst nach Auschwitz, aber ebenso in Fragen nach der Öffnung der ästhetischen Formen und dem Gelingen neuer, anderer Kunst, gilt es, die wohl bedeutendste Ästhetik des 20. Jahrhunderts zu feiern, nämlich 50 Jahre Adornos „Ästhetische Theorie“ – 1970 von Rolf Tiedemann und Gretel Adorno aus den einzelnen Textteilen, Notizen und Fragmenten Adornos in ein Buch gebracht.

Bis heute ist diese Kunsttheorie, die selbst mehr als nur Kunstphilosophie sein will, in den Debatten präsent. Bis heute umstritten, wenn es etwa um die Frage nach den Gattungsgrenzen, dem Einreißen von Grenzmarkierungen und einer radikalen Veränderung der Kunst geht. In einem Blog sind diese wissenschaftlich zu sichtenden Aspekte kaum thematisierbar. Aber zumindest lassen sie sich anspielen und einzelne Aspekte der Theorie zwischen all diesen gerade genannten Denkern und Dichtern können in eine Konstellation gebracht werden, so daß – vielleicht in einer Art von Benjaminschem dialektischen Bild – so etwas wie ein Szenario aufblitzt, das pointiert Möglichkeiten, Schwierigkeiten und auch die Aporien gegenwärtiger Kunst aufzeigt.

Spannend in jedem Falle bleibt, daß mit Hölderlin, Hegel, Beethoven, Adorno, Celan, aber auch mit dem 200. Geburtstag von Friedrich Engels ein Feld geschaffen werden kann, in dem Kunst und Gesellschaft ihren Ort haben. Auch in diesem Sinne zeugen Jubiläen von Zeitgenossenschaft. Vor allem besetzen Kunst und Gesellschaft samt jenen Rückblickjubiläen diesen Ort der zeitgenossenschaftlicher Reflexion in ihren Brüchen, was im Gegenwartsbezug eminent auch auf die Formfragen der Kunst am Ende abzielt – unter anderem bedeutet dieser Bruch, für den jene Namen stehen, das Auflösen klassischer oder überkommener Formen und zugleich eine plurale Erweiterung des Kanons.

Das „Meer des nie Geahnten“, welches sich den klassischen Avantgarden der 1910er Jahre auftat und „auf das die revolutionären Kunstbewegungen um 1910 sich hinauswagten, hat nicht das verhießene abenteuerliche Glück beschieden. Statt dessen hat der damals ausgelöste Prozeß die Kategorien angefressen, in deren Namen er begonnen wurde“ wie Adorno im Auftakt seiner Ästhetik schrieb: und so wurde in der Kunst zur Selbstverständlichkeit, daß nichts mehr selbstverständlich ist. Mit Hegel, Hölderlin, Beethoven und Celan haben wir ganz unterschiedliche Protagonisten für eine Bewegung, die bis heute anhält.

Namen in Jubiläen sind Schall und Rauch. Aber die mit den Namen verbundenen Theorien und die Dichtung sind es nicht. Und zu ihnen gesellt sich jener raue, harte, politische, neoklassische, affirmative, brutale Sound jener 1920er Jahre: zwischen Benn, Benjamin, Jünger und Brecht und am Ende Franz Kafkas wie auch Robert Walsers Prosa: eine Art von Verschwinden im Text, in Kunst, ein Kleinwerden, Verlust und die Frage, was eigentlich Kunst noch für jene seltsame Gegenwart sei und was sie bedeutet. Ähnlich der Weise wie es Kafka 1924 in seiner letzten Erzählung „Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse“ schilderte:

„Ich habe oft darüber nachgedacht, wie es sich mit dieser Musik eigentlich verhält. Wir sind doch ganz unmusikalisch; wie kommt es, daß wir Josefinens Gesang verstehn oder, da Josefine unser Verständnis leugnet, wenigstens zu verstehen glauben. Die einfachste Antwort wäre, daß die Schönheit dieses Gesanges so groß ist, daß auch der stumpfste Sinn ihr nicht widerstehen kann, aber diese Antwort ist nicht befriedigend. Wenn es wirklich so wäre, müßte man vor diesem Gesang zunächst und immer das Gefühl des Außerordentlichen haben, das Gefühl, aus dieser Kehle erklinge etwas, was wir nie vorher gehört haben und das zu hören wir auch gar nicht die Fähigkeit haben, etwas, was zu hören uns nur diese eine Josefine und niemand sonst befähigt. Gerade das trifft aber meiner Meinung nach nicht zu, ich fühle es nicht und habe auch bei andern nichts dergleichen bemerkt. Im vertrauten Kreise gestehen wir einander offen, daß Josefinens Gesang als Gesang nichts Außerordentliches darstellt.

Ist es denn überhaupt Gesang? Trotz unserer Unmusikalität haben wir Gesangsüberlieferungen; in den alten Zeiten unseres Volkes gab es Gesang; Sagen erzählen davon und sogar Lieder sind erhalten, die freilich niemand mehr singen kann. Eine Ahnung dessen, was Gesang ist, haben wir also und dieser Ahnung nun entspricht Josefinens Kunst eigentlich nicht. Ist es denn überhaupt Gesang? Ist es nicht vielleicht doch nur ein Pfeifen? Und Pfeifen allerdings kennen wir alle, es ist die eigentliche Kunstfertigkeit unseres Volkes, oder vielmehr gar keine Fertigkeit, sondern eine charakteristische Lebensäußerung. Alle pfeifen wir, aber freilich denkt niemand daran, das als Kunst auszugeben, wir pfeifen, ohne darauf zu achten, ja, ohne es zu merken und es gibt sogar viele unter uns, die gar nicht wissen, daß das Pfeifen zu unsern Eigentümlichkeiten gehört. Wenn es also wahr wäre, daß Josefine nicht singt, sondern nur pfeift und vielleicht gar, wie es mir wenigstens scheint, über die Grenzen des üblichen Pfeifens kaum hinauskommt – ja vielleicht reicht ihre Kraft für dieses übliche Pfeifen nicht einmal ganz hin, während es ein gewöhnlicher Erdarbeiter ohne Mühe den ganzen Tag über neben seiner Arbeit zustandebringt – wenn das alles wahr wäre, dann wäre zwar Josefinens angebliche Künstlerschaft widerlegt, aber es wäre dann erst recht das Rätsel ihrer großen Wirkung zu lösen.“

Auch darin steckt jene Frage, was eigentlich ein Kunstwerk zum Kunstwerk macht oder ob es nicht vielmehr am Ende doch ein ganz gewöhnliches Pfeifen ist – ein Geräusch, ein Ding. Zumindest eine Ahnung scheint beim Volk der Mäuse vorhanden und etwas ist da im Gesang der Josefine, was ein Mehr entläßt. Oder wie Adorno es in bezug auf die Kunst formulierte: „Dinge machen, von denen wir nicht wissen, was sie sind.“ Für Adorno ist dies die Gestalt aller künstlerischen Utopie und darin eben liegt – unter anderem – die Aktualität von Adornos Ästhetik. Und man kann dies vielleicht mit Martin Heidegger ergänzen, wenn er in den Schwarzen Heften von 1931 die „Hellhörige Scheu vor dem Vergangenen“ beschreibt. Man muß dieses Rückgehen nicht als Regression fassen, sondern im Sinne eines Andenkens, eines Erinnerns und einer Form von Anamnesis. Und dazu eben dienen auch solche Jubiläen und Gedenktage, vielleicht im Celanschen und im Derridaschen Sinne einer Poetik des Datums. Einer Einmaligkeit und Singularität, die in eine wiederkehrende Struktur eingeschrieben wird.

***

Wer sich ansonsten in ästhetischen Fragen auf die zwanziger Jahre vorbereiten möchte, der lese dazu unbedingt Adornos Aufsatz „Jene zwanziger Jahre“ aus den „Eingriffen“, darin sich auch eine Kulturkritik des Revivals findet (besonders schön darin die Wendung von der Tapetenmusterkunst):

„Schlagworte machen sich verdächtig nicht bloß durch ihre Funktion, den Gedanken zur Spielmarke zu degradieren; sie sind auch Index ihrer eigenen Unwahrheit. Was das öffentliche Bewußtsein heute, zumal die Mode der Revivals den zwanziger Jahren zuschreibt, war damals, spätestens 1924, schon im Verblassen; die heroischen Zeiten der neuen Kunst lagen vielmehr um 1910, die des synthetischen Kubismus, des deutschen Frühexpressionismus, der freien Atonalität Schönbergs und seiner Schule.

[…]

Damit die gegenwärtige Kunst kein Aufguß der zwanziger Jahre werde, nicht zum Bildungsgut degradiere, was den Bildungsgütern absagte, müßte sie nicht nur der technischen Probleme, sondern auch der Bedingungen der eigenen Existenz sich bewußt werden. Sie hat zum gesellschaftlichen Schauplatz nicht mehr den sei’s auch zerfallenen Spätliberalismus sondern eine gesteuerte, überdachte, integrierte Gesellschaft, die »verwaltete Welt«. Was in dieser als Protest der künstlerischen Form sich regt – und keine künstlerische Form wäre länger denkbar, die nicht Protest ist -, fällt selber in das Geplante, dem sie widersteht, und trägt die Male dieses Widerspruchs. Die Kunstwerke werden dadurch, daß sie, nach der Emanzipation und allseitigen Aufbereitung ihres Materials, rein aus dem eigenen Formgesetz sich entwickeln, ohne alles Heterogene, potentiell zu einem Allzublanken, Ausgefegten, Gefahrlosen. Ihr Menetekel sind die Tapetenmuster.“ (Adorno, Jene zwanziger Jahre)

 

Zum Weihnachtsfest und vom Bewußtsein andrer Zeit

Meinen Leserinnen und Lesern ein frohes und irgendwie besinnliches Weihnachtsfest. Und es hilft ja auch nichts: in einer Welt, die durch den Wind ist, eine Welt, die das sowieso immer schon war, ist die Kunst und sind insbesondere die Gemälde, wie unten das von Hans Baldung, zwar keine Rettung, aber Kunst zeigt uns Schönes, Erhabenes, manchmal auch Grausames und schafft uns damit ein anderes Bewußtsein, einen anderen Blick – manchmal sogar das Aussetzen der alltäglichen Zeit. Kunst als Bewußtsein von Nöten, wie es Hegel schrieb, dessen 250. Geburtstag (zusammen mit Hölderlin und Beethoven) dieser Blog nächstes Jahr ganz sicherlich begehen wird.

Verwiesen sei im Hegel-Kontext, als Parenthese und gleichsam als verspäteter Weihnachtsgeschenk-Tip, nur kurz auf die gerade im Beck Verlag erschienene Hegel-Biographie von Klaus Vieweg. Sie ist ausführlich, Vieweg ist ein ausgezeichneter Hegel-Kenner, aber darin liegt leider auch die Schwäche des Buches: stellenweise bleibt es Paraphrase und um das Paraphrasierte zu verstehen, muß man bereits Hegel gelesen haben und ihn kennen, sonst bleibt es abstrakt – und da beißt sich eine Katze am Ende immer in den Schwanz: die Skundärliteratur kann den Primärtext nicht ersetzen. Aber biographisch immerhin und auch von der Philosophie her liefert Vieweg zahlreiche Details und schöpft aus einem großen Reservoir an Wissen. Vieweg ist Hegelianer. Er ist sogar ein Hegelianer-Hegelianer. Das ist noch mehr, als es schon orthodoxe Hegelianer sind. Das kauft man mit ein, wenn man jene Hegel-Biographie liest – meines Wissens gibt es, seltsamerweise, kaum Hegel-Biographien im deutschen Sprachraum. Insofern gerät das Buch stellenweise zur Hagiographie. Vieweg steht immerhin dazu, daß für ihn Hegel der wohl größte Denker der Philosophie ist. Wer sich in Hegel und sein Leben einlesen will, ist mit der Biographie gut beraten. Wer in Hegel einsteigen will, nehme nach wie  vor die Primärtexte. (Wie der Anfang mit Hegel zu machen ist, dazu werde ich im  nächsten Jahr ein wenig schreiben.)

Kunst ist das Bewußtsein von Nöten, so Hegel also. Doppelsinnig gedacht als nötiges Bewußtsein im Medium von Anschauung und Begriff sowie als Form von Reflexivität und zugleich als Bewußtsein einer Not, einer gesellschaftlichen oder auch subjektiven Not. Das, was bei Adorno angesichts einer beschädigten Gesellschaft das Leid-Motiv sich nennt und weshalb Kunst – auch – von der Grundfarbe schwarz zu sein hat. (Aus jener Epoche, von der her Adorno schrieb, Shoah und Zweiter Weltkrieg, samt zweier brutaler Diktaturen, mehr als verständlich gedacht.)

Kunst kann darstellen, wie es ist, wie es sein könnte und sein sollte, wie es  nicht sein sollte oder sie kann zu all dem schweigen, ohne doch schweigen zu können, implizit spricht die Kunst immer, in hartem Realismus, in Schwarz, in Abstraktion oder in Subjektivierung, oder sie kann verklären und eine Szenerie überhöhen.

Sehr viel dramatisierender oder genauer gesagt bildlich übersteigerter als Hans Baldungs eher nüchterne und schlichte Darstellung dieser Geburt ist Matthias Grünewalds Bild zu Christi Geburt am Isenheimer Altar. Wer je ins Elsaß reist, sollte nach Colmar und dort im Museum Unterlinden dieses Wunderwerk betrachten. Besonders die mit der Geburt korrespondiere Kreuzesszene des altars. Auch hier findet sich jenes Bewußtsein von Nöten. Einer höchsten Not: das geschundene Fleisch.

Heute aber ist der Christus geboren. Man mag das alles als leeren Brauch oder als Ritual sehen und bekritteln. Aber Bräuche leben eben nur soviel, wie wir es vermögen, ihnen Leben zu geben und sie zu füllen. Laßt die Weihnachtsjammerer jammern und in ihrer Trostlosigkeit harren, und wer beim Fest mit dem Bleistift beim veganen Essen seine Klimabilanz ausrechnet, soll das in gutneucalvinistischer Büßermanier tun, wenn Verzicht Freunde macht. Jeder nach seiner Façon. Man muß es nicht mitmachen. Der eine büßt, der andere schwelgt, schenkt oder spaziert. In Günter de Bruyns Roman „Der neunzigste Geburtstag. Ein ländliches Idyll“ heißt es:

„Leo dagegen setzte die alten Bräuche fort. In seinen Berliner Jahren war der Spaziergänger von der Oranienburger Straße zur Sophienkirche für ihn, Maria und die Kinder immer Teil der Festtagsfreuden gewesen, und seit seiner Rückkehr nach Wittenhagen hatte er sich den Besuch der weihnachtlich geschmückten Dorfkirche angewöhnt. Das christliche Fest, so hatte er den Kindern früher zu verstehen gegeben, müsse als solches auch begangen werden, sonst sei die Bescherung unterm Weihnachtsbaum doch ganz sinnentleert.“
Herrlicher Weihnachtsschuck und feines Ritual. Doch geht es zum Heiligen Abend oder eben zur Weihnachtszeit samt den darin webenden Rauhnächten nicht bloß um diese Geschenke und ums bloße Ritual (auch, aber nicht nur und Rituale sind zudem lebenswichtig und strukturieren ein Leben: sie machen das Fest erst zum Fest), sondern ebenso um das, was wir die erfüllte Zeit nennen können. Karl Heinz Bohrer schreibt in seiner (unbedingt lesenswerten) autobiographischen Kindheits- und Jugenderinnerung „Granatsplitter“:
„Der Refrain ‚Heissa! Heut ist Weihnachtstag!‘ entzündete einen dramatischen Impuls, der auf etwas gewartet hatte. Das schöne, altmodisch klingende Wort ‚Heissa‘ war ihm das Ereignis, das nun gekommen war, ein leuchtendes Zeichen. nicht das Fröhliche daran, sondern das Heftige zog ihn an.
Das Allerwichtigste am Heiligen Abend und der Zeit davor aber war, dass die normale Zeit eine nichtnormale Zeit, in eine andere Zeit versetzt wurde. Er wusste, dass es eine andere Zeit war.“

Dieses Andere einer Zeit, eine Form von Zeitenwende, die diese Geburt anzeigt, auch eschatologisch und als Verheißung, ist in jenen Weihnachtstagen mitzudenken und nicht bloß zum Bewußtsein zu bringen, sondern als Praktik auch zu leben. In diesem Sinne Euch oder Ihnen allen ein paar frohe und besinnliche Weihnachtstage – und vergessen Sie auch die Wilde Jagd der Rauhnächte nicht! Jene magischen Tage, da das Wünschen noch geholfen hat und die  kalten Winde über unsere Wälder wehen. In Bozen, ab von der Stadt in den Höhen von Südtirol geschieht’s noch. Und auf den Kuppen des Thüringer Waldes, in den dunklen Jean-Paulschen Oberfränkischen Wäldern und im Erzgebirge. Hamburg und Berlin: eher Regen und Nordseewind an der Küste. Zwischen den Jahren eben. Heute aber ist der Heilige Abend und dazu gibt es von Joseph von Eichendorff eines der schönsten deutschen Weihnachtsgedichte:

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh’ ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus in’s freie Feld,
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schneees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen –
O du gnadenreiche Zeit!

Hans Baldung: Geburt Christi

Berlin, Berlin oder vom Geist eines Volkes (1)

„Unsere Städte haben enge stinkende Straßen – die Zimmer sind eng, dunkel getäfelt, mit dunklen Fenstern – große Säle niedrig und drücken, wenn man darin ist – um ja nichts Freies zu haben, wurden Säulen in der Mitte angebracht, so viel man konnte – es ist zutraulicher in einem kleinen Zimmer beisammen zu sitzen – hausväterlicher – ehemals zwar große Zimmer, gewöhnlich aber die ganze Haushaltung darin – Knechte und Mägde – man schlief, man speiste da – der ehemalige Geist der Deutschen, hauptsächlich in Hinsicht auf Kultur Hausväterlichkeit – ihre größte Ergötzlichkeit, z.B. schreckliches Saufen – überhaupt (wie auch in Treue und Glauben) Solidität – die Freude der Griechen lauter – fröhlicher – mäßiger – leichtsinniger – die Deutschen tranken nicht einen sokratischen sorgenfreien Becher – sondern Becher, bei denen man entweder bacchantisch lärmte – oder war er mäßiger, bei dem man sorgte – – Die gotische Bauart schauerlich – erhaben. Schon in der Bauart zeigt sich der verschiedene Genius der Griechen und Deutschen – jene wohnten frei, in weiten Straßen, in ihren Häusern waren offene, unbedeckte Höfe – in ihren Städten häufige große Plätze – ihre Tempel in einem schönen edeln Stil gebaut – einfach wie der Geist der Griechen – erhaben wie der Gott, dem sie geweiht waren. Die Bilder der Götter – die höchsten Ideale des Schönen – Die schönste menschliche Form, wie sie in der Morgenröte der Auferstehung hervorgehen mag – alles in der höchsten Kraft seines Daseins und Lebens dargestellt, keine Bilder der Verwesung – die scheußliche Larve des Todes war bei ihnen der sanfte Genius, der Bruder des Schlummers – Was bei dem Gottesdienst der Katholiken schön ist – ist entlehnt von den Griechen und Römern – der wohlduftende Weihrauch, und die schöne Madonna, aber die Tempel sind gotische Massen; die größten Werke der Kunst gewöhnlich in einem Winkel vergraben und überhaupt mit kindischen kleinlichen Zieraten, wie das Kind etwas Großes, etwas Erhabenes noch nicht fassen kann, dessen Seele noch nicht im Jünglings- oder Mannesalter des Geschmacks ist -“ (Hegel, Entwürfe zu: Fragment über Volksreligion und Christentum, in: GW I, S. 81)

Vielleicht dachte Hegel, als er jene EIngangssätze schrieb, an Berlin, darin er sich immerhin nach seiner Lehrzeit in Heidelberg von 1818 bis zu seinem Tode 1830 aufhielt. Zumindest nahm er einges davon, was heute im „Reichshauptstadtslum“ sich zuträgt, vorweg. Als ich dieses Zitat am Wochenende schon einmal für einen Blogbeitrag in spe einstellte, konnte ich noch nicht wissen, daß die Berliner Zeitung vom 30.7. über eine Forsa-Umfrage schrieb: Ein Drittel der Berliner mögen ihre Stadt nicht. In keiner anderen Stadt Deutschlands ist das Unbehagen am eigenen Wohnort derart hoch, in keiner anderen Stadt sind die Menschen unzufriedener mit der Situation. Verständlich freilich, wenn man sich genauer hier umsieht. Vom Nahverkehr angefangen, mit dem man nach 21 Uhr hier nicht mehr gerne unterwegs ist, bis hin zu jener zu Tode gesparten Feuerwehr. Man fragt sich, wie diese Stadt andere Projekte mit nationalpolitischer Dimension bewältigen will, wenn sie nicht einmal für ihre eigenen Belange Geld ausgibt. Treffend kommentiert diese desolate Lage Maritta Tkalec in der BLZ vom 31.7. Was vorgeblich als Toleranz postuliert wird, ist in Wahrheit die Verwahrlosung einer Stadt:

„Berlin ist nichts für zarte Gemüter. Wer es lange aushält in der Stadt, der hat ein dickes Fell. Ich komme aus Bitterfeld, einst als dreckigste und giftigste Stadt Europas bekannt – mich schreckt wenig. Bedeutet das Frieden mit vernachlässigten Schulen, verdreckten Spielplätzen, Parks voller Drogendealer, vermüllten Straßen? Nein! Ich hasse die Ratten auf meinem täglichen Arbeitsweg – am dichtesten liegen sie in allen Verwesungsgraden in einem der ärmsten Quartiere, am Moritzplatz.

Exemplarisch in Kreuzberg, aber nicht nur dort, befasst sich Kommunalpolitik obsessiv mit Gendersternchen, Unisexklos, duldet jahrelange Schulbesetzungen, lässt Menschen in subversiver politischer Absicht auf öffentlichen Plätzen campieren, akzeptiert rechtsfreie Räume und illegale Aktionen, statt am Gemeinwohl zu arbeiten, also an anstrengenden, langweiligen Dingen wie sauberen Straßen und Schülertoiletten.

Was da unter „Toleranz“ läuft, bedeutet Verwahrlosung. Kampfbereitschaft bricht erst aus, wenn das Monster Gentrifizierung sein Haupt erhebt – also Häuser saniert werden, qualifizierte Menschen mit gutem Einkommen bürgerliche Wünsche entwickeln: spritzenfreie Spielplätze, lernfreundliche Schulen, für gefahrenarm benutzbare Grünanlagen – oder gar Verwaltungen, die selbstverständlich Urkunden oder Pässe ausstellen, Hochzeitstermine vergeben oder Autos registrieren.“

Tu felix Bavaria. Wenn ich in süddeutsche Städte komme, selbst im häßlichen und ganz und gar unansprechenden Nürnberg, habe ich solche Verwahrlosung nicht erlebt. Im schönen Bamberg etwa geht einem das Herz auf, Menschen können auch freundliche Töne und bei der U-Bahn in München hatte ich nicht den Eindruck, ich säße live mitten in „The Walking Dead“. Ja, so und in dieser Weise, wie ich es in Bamberg, Bayreuth, Fürth oder München erlebe, stellt man sich menschliches Miteinander vor. Vielleicht ist es in der Tat so, daß der Mensch und die Gemeinschaft der Menschen nicht für Großstädte gemacht sind.

Sechs Wochen habe ich im Januar hier auf einen Amtstermin gewartet. Schulen sehen aus, als wäre man in einem Film, der gerade ein paar Jahre nach dem „Endsieg“ der Deutschen gedreht würde oder irgendwo in der 50er-Jahre-DDR in tiefer Provinz spielte. Wer durch Kreuzberg oder Neukölln geht, meint zuweilen auf einer Müllkippe zu spazieren. Hauswände, die wie Rotz aussehen. Brachen und Fassaden, als wäre vor wenigen Minuten Bomber Harris dagewesen oder es tobte eben noch ein Inferno. Dafür aber wird der eigenen Wählerschaft in Kreuzberg sexismusfreie Werbeflächen schmackhaft gemacht und eine dritte Klotür für ein drittes oder Xtes Geschlecht. Symbolpolitik der absonderlichen Art. Man kann all das gerne machen  und über die eigene Wählerklientel das Füllhorn ausschütten, nur gibt es für Stadt, Verwaltung sowie für die öffentliche Daseinsvorsorge Prioritäten. Wie viele Transgender-Menschen gibt es und vielviele Bürger, die einfach nur einen zeitnahen Termin bei einer Behörde benötigen? Man kann sich fragen, ob Straßenland, das vor sich hin rottet, ein angenehmer Anblick ist oder nicht eher schöne, attraktive Frauen auf Plakaten, die sich in Dessous präsentieren. Diese durch und durch hochkapitalistische Werbung ist – Ironie der Sache – die einzige Seinsform, die wenigstens den letzten Glanz in die verdorbene Hütte bringt. „Die Welt der Plakate“, und die Zeiten haben sich verdreht.

„Dagegen zog mich von jeher das Leben der Straße an, und den Geräuschen des Tages zu lauschen, als wären es die Akkorde der Ewigkeit, das war eine Beschäftigung, bei der Genußsucht und Lernbegier auf ihre Kosten kamen. Und wahrlich, wem der dreimal gefährliche Idealismus eingeboren ist, die Schönheit an ihrem Widerspiel sich zu bestätigen, den kann ein Plakat zur Andacht stimmen!“ (Karl Kraus, Die Welt der Plakate)

Und so geht es auch mit der Berliner Straßenlandschaft. Wer meint „Wir schaffen das“, der sollte zunächst einmal Geld für die eigenen Belange und die eigene Infrastruktur ausgeben. Sonst nämlich nimmt man die sogenannten „Leute“, die ja auch sogenannte „Wähler“ sind, nicht mit. Man kann denken, das sei nicht wichtig. Wahlen aber werden in der Mitte de Gesellschaft entschieden.

Und was die Prioritäten in einer Großstadt betrifft, die zufälligerweise noch die Hauptstadt dieses Landes ist, da spreche ich nicht einmal vom Flughafen BER, sondern von Elementarem: Nämlich einen zeitnahen Termin zur Kfz-Anmeldung oder beim Bezirksamt zu bekommen, S-Bahnen, die auch im Winter fahren, Stadtviertel, die nicht wie eine Toilette in Kalkutta aussehen. Allerdings ist all dies ein verschlepptes Problem, gleichsam ahnungsvoll aus uralten Zeiten aufgestiegen und sich hingezogen. Nicht nur r2g-spezifisch. Und da meine Miete hier sowieso alle drei Jahre um 100 Euro ansteigt, kann ich genauso die FDP oder die CDU wählen. Es ist ganz gleich. Und diese Gleichgültigkeit, die sich hier aus ganz unterschiedliche Gründen bei vielen einstellt, ist das schleichende Gift. Nicht nur für eine Stadt, sondern überhaupt für ein Gemeinwesen. Was man früher noch irgendwie als laisser faire oder als Toleranz wahrnahm, entpuppt sich zunehmend als fatal. Das fängt bei dem Arabermann an, der vorgestern nachts zugedrogt in die S-Bahn einsteigt und seine Füße breitbeinig aufs gegenüberliegende Polster der Sitzbank legt. Es ist auf der ganzen Fahrt des abends niemand da, der einmal nur sagt: „Füße runter!“ Diese Dinge fangen im Kleinen an.

Barbara Weitzel hat in der Berliner Zeitung eine schöne Kolumne, immer am Montag. In  ihrem Beiträge vom 6.8. schrieb sie, was man erlebt, wenn man mit S- und U-Bahnen fährt. Unterschiedliche Menschen, die einem begegnen und oft Stoff für interessante Geschichten liefern. Mag sein, daß es tagsüber so ist. Abends verzichtet man besser aufs Fahren, es sei denn, man ist Polizeireporter und will möglichst schnell vor Ort sein. Als ich  vor einiger Zeit in einem U-Bahnhof die Polizei rief, weil ein junger Mann die Wände dort mit Graffiti zuschmierte, sagte mir der Beamte am Telefon, ich solle den Mann solange festhalten, bis die Streife käme – es könne aber etwas dauern. Natürlich tat ich es nicht und wartete auf die Polizei, um als Zeuge dazusein. Als nach zehn Minuten die Streife immer noch nicht vor Ort war und auch der Sprayer zum Verschwinden ansetzte, ging ich auch. Soviel zum Bürgersinn.

Andererseits hat Berlin durchaus sein Flair. Und es gibt immer noch schöne, wunderbare Tage an der Spree und am Landwehrkanal, am Wannsee, an der Havel oder im Schleusenkrug. Das Außen der Stadt sind gut bewohnbar. Und ich könnte hier ein paar schöne Geheimnisse nennen, die ich aber nicht verrate, sonst sind diese herrlichen, an den Rändern der Stadt verborgenen Plätze kein verlassener Ort mehr und nicht mehr schön. Einer vielleicht sei genannt: Das Weinfest am Rüdesheimer Platz. Das ist etwas, was ich mag. Und auch  in Mitte spazierte es sich einmal schön, vor 15 Jahren war hier vieles noch anders, und davor sowieso. Clärchens Ballhaus ist auch so ein Ding, das man nicht missen möchte. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Und weil die Hitze der Hundstage – der Hundsposttage, mit Jean Paul ergänzt – so unerbittlich auf uns drückt, möchte ich mich dabei doch gerne an Theodor Storms kleines Gedicht aus der Regentrude erinnern:

Dunst ist die Welle,
Staub ist die Quelle!
Stumm sind die Wälder,
Feuermann tanzet über die Felder!

Nimm dich in acht!
Eh‘ du erwacht,
Holt dich die Mutter
Heim in die Nacht!

weil also gewissermaßen etwas Griechisches, Flirrendes  über dem Land liegt, freilich ohne daß irgendwie Pans Stunden anbräche, müßten wir hier im Blog zur Hochzeit der Philosophie auflaufen oder zur Hochzeit mit der antik-schönen, freilich längst vergangenen Mittelmeerwelt aufrufen. Lesend. Das könnten wir zum Beispiel über Herder, Hegel, den Volksgeist und das Verhältnis von Moralität und Sittlichkeit: allein, es drückt den Nordmenschen zu sehr die Wärme, nicht einmal der kühle Riesling aus dem schönen deutschen Elsaß oder der französischen Pfalz kühlt das Gemüt und dämpft die Phantasien.

 

 

Vom Ereignis mit viel Raum für Marx oder: Hegelwoche in Bamberg

Reist man ins schön-wunderschöne Bamberg, ins wellige, ins hügelig-liebliche Oberfranken, dann passiert der Fußgänger, wenn er am Bahnhof eintrifft, aus dem Zug aussteigt und ebenerdig zu Fuß zum Kloster-Hotel auf den Kaulberg spaziert, zunächst die Luitpoldstraße und schreitet schnellen Schrittes auf ihr voran. Da kommt er, fast vor der Brücke über den Main-Donau-Kanal beim Orion Erotik und Sexshop vorbei und schaut in die Auslagen. Es lassen sich dort Erotikwäsche und Dessous erstehen und manch anderes Accessoire. Doch für dieses Spiel der Imago geschweige zum Betreten der Verkaufsräume bleibt dem Fußgänger keine Zeit, denn es ist die 29. Bamberger Hegelwoche mit dem Thema: Untergänge. Warum Reiche vergehen.

Die Hegelwochen sind für ein allgemein interessiertes Publikum bestimmt, also nicht nur für Akademikder interessant. Zu hören waren die Alt-Historiker Alexander Demandt und David Engels, einem breiteren Publikum relativ bekannt durch sein Buch Auf dem Weg ins Imperium, sowie Barbara Zehnpfennig, Professorin für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Passau. Demandts Vortrag Musste Rom untergehen? befaßte sich mit der Völkerwanderung, die zum Zusammenbruch des Imperiums führte, den internen Schwächen Roms sowie dazu einige Einsprengsel von Hegels Lehre von den vier Weltreichen aus seinen Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. Der Vortrag war profund und anregend, so empfand ich es laienhaft, als Nicht-Historiker, Demandt wartete mit viel historischem Wissen auf, wenngleich mir Hegels Teleologie-Begriff in bezug auf die Geschichte doch einer verkürzten Interpretation geschuldet scheint. Daß die Geschichte in der Moderne an ein Ende käme, ist keine genuin Hegelsche These, sondern vielmehr beschrieb Hegel in der Geschichte wie auch in der Kunst die Komplexität einer Moderne, in der sich nicht mehr in der gewohnten Weise von einer Heilsgeschichte oder von einer harmonischen Konstellation sprechen läßt wie in der römisch-christlichen oder der hellenischen Antike. Die „Kunst der Entzweiung“ gelangte zur Hochform, doch die Synthese ist bei Hegel keineswegs einfach gesichert – schon gar nicht im preußischen Staat. Aber das sind Detailfragen, die in einem Vortrag kaum zu lösen sind, sondern nur mit Hegels Rechtsphilosophie im Blick debattiert und betrachtet werden können. Ebenso die zu Telos und Vernunft in der Geschichte, wobei man hier in der Analyse guttäte, Deskriptives von Normativem zu trennen und ebenso Hegels Begriff von Vernunft und nicht den eigenen in Anschlag zu bringen.

Demandt setzte in bezug auf die Krise der Gegenwart, insbesondere der EU und mögliche Untergangsparallelen seine Hoffnungen in die Kraft des Politischen, in die Möglichkeiten des Verhandelns und der klugen Politik. Auch, so scheint es Demandts Hoffnung, brauchen Erosionen Zeit, sie dauern und sind insofern aufhaltbar. In diesem (guten) Sinne ist Demandt ein aufrechter Konservativer. Und er übte berechtigte Kritik an einer einseitigen Politik der offenen Grenze. In den Ausführungen zur römischen Geschichte schien die Sache profund, was jedoch die tagesaktuelle Politik betraf, blieb es im vagen. In der FAZ schrieb er im Januar 2016:

„Es ist eine alte Frage, weshalb die reiche, hochentwickelte römische Zivilisation dem Druck armer, barbarischer Nachbarn nicht standgehalten hat. Man liest von Dekadenz, von einer im Wohlstand bequem gewordenen Gesellschaft, die das süße Leben des Einzelnen erstrebte, aber den vitalen und aktiven Germanenhorden nichts entgegenzusetzen hatte, als diese, von der Not getrieben, über die Grenze strömten. Überschaubare Zahlen von Zuwanderern ließen sich integrieren. Sobald diese eine kritische Menge überschritten und als eigenständige handlungsfähige Gruppen organisiert waren, verschob sich das Machtgefüge, die alte Ordnung löste sich auf.“

Wieweit eine Gesellschaft solche massiven Probleme, die ihren Bestand bedrohen können, zu bewältigen vermag, hängt von ihren Funktionsmechanismen ab: inwiefern sie fähig ist, solche Komplexität zu reduzieren und in einen rationalen Diskurs zu integrieren, vor allem aber beim Wähler glaubhaft und überzeugend darzustellen. Aber bei solchen Fragen der Zeit und insbesondere bei historischen Analogien läßt sich viel spekulieren, nicht jedoch wahrsagen. In der Geschichte kann ein kleiner Flügelschlag, kann ein an sich zunächst unbedeutend erscheinendes Ereignis, das aus einer Laune des Zufalls heraus geschieht, einen Schub an Veränderungen, wenn nicht einen Epochenwechsel nach sich ziehen. Wobei für solch epochalen Wandel die Bedingungen bereits vorbereitet sein müssen. Ein Sturm auf die Bastille macht keine Revolution, sondern höchstens eine Revolte. Eine Zeit muß reif sein, damit daraus ein Ereignis erwächst.

Barbara Zehnpfennig mit ihrem Vortrag Warum zerfiel der Ostblock? hielt sich bis zum ersten Drittel weitgehend an die Fakten. Das Sowjetreich ließ sich kaum affirmieren und loben, nicht einmal für wenige Dinge, allenfalls mochte seine Funktion darin bestehen, ein kapitalistisches System einzuhegen und – List der Geschichte – als Korrektiv zu fungieren, so daß der Kapitalismus im reichen Westen seine häßlichen Züge nicht zeigen durfte. Aber diese fatale Dialektik und Kritik am System war keineswegs Zehnpfennigs Absicht. Doch die historischen Bedingungen, weshalb es zu einer solchen Revolution kam, hätten mindestens genannt werden müssen. Sie erwähnte Zehnpfennig mit nicht einem einzigen Wort, was für eine Politologin, die sich mit Ideengeschichte befaßt, kein Glanzstück ist. Der Bezug zu Hegel freilich blieb bei diesem Vortrag zwar eher im vagen und genauso hätte dieser Vortrag bei einer Kant-Woche oder bei einem Schmitt-Kongreß gehalten werden können, wo er womöglich sogar besser aufgehoben wäre.

Immerhin aber diente der arme Hegel unvermeidlich dazu, auf den bösen Marx überzuleiten. Und da hakte der Vortrag aus und geriet nicht nur auf die schiefe Bahn, sondern in Vorurteile, wie man sie einem Erstsemestler im Proseminar in einem mißglückten Referat nicht hätte durchgehen lassen. Sowas darf einer erfahrenen Lehrkraft nicht passieren, selbst dann, wenn Idiosynkrasien im Spiel sind und man nicht zu den Marxologen dieser Welt sich zählt, hat man als Wissenschaftler an die Texte sich zu halten und nicht die eigenen ideologischen Vorurteile fürs Publikum zu reproduzieren und zum Maßstab der Darstellung zu machen. Man kann durchaus Marx kritisieren, aber wenn man das tut, muß das im Modus der reflektierten und immanenten Lektüre geschehen und nicht in der Weise wie Gerhard Löwenthal oder Ludwig von Mises, die Marx nicht verstehen, sondern mit ihrer Kritik ihren eigenen ideologischen Standpunkt kaschieren und damit – lustige Dialektik – zugleich zementieren. Auch auf einem Vortrag für die Allgemeinheit, vielleicht sogar gerade dort, weil da ein Publikum sitzt, dem die Marx-Texte nicht selbstverständlich sind.

Das Desaster des Vortrags begann mit falschen ideengeschichtlichen Zuordnungen und damit, daß orthodoxer Sowjetmarxismus in kruder Unmittelbarkeit mit dem Text von Marx parallelisiert wurde. Zwar sah Zehnpfennig immerhin, daß Marx die Bedingungen für eine mögliche proletarische Revolution in einem Agrarland wie Rußland für schwer möglich hielt und sie bemerkte immerhin, daß man den Leninismus hier mitlesen müsse, um aber sogleich auf Theoreme bei Marx zu sprechen zu kommen, wo man durchaus diesen Aspekt der Diktatur herauslesen konnte, wenn etwa in einer Gesellschaft Freiheitsrechte abgeschnitten wurden. Angefangen bei Marxens Kritik am Privateigentum, als ob Marx der Oma ihr klein Häuschen enteignen würde – dabei den Analyse- und Kritikcharakter des „Kapitals“ konsequent übersehend –, bis hin zur Fehllektüre beim Klassenbegriff und der Diktatur des Proletariats, dabei überlesend daß dort im „Kapital“ 3. Buch, 2. Teil, 7. Abschnitt, 52. Kapitel von der klassenlosen Gesellschaft auf nicht einmal zwei Seiten die Rede ist: Danach bricht das Manuskript ab. Das Kapital ist nun gerade kein Buch, daß sozialistische Utopien auspinselt, sondern eine Analyse der kapitalistischen Produktionsweise und in gleichem Zuge liefert es eine Kritik derselben. Und daß die klassenlose Gesellschaft bei Marx weit komplexer sich gestaltet als ein sowjetisches Terror-Regime, zeigen nicht nur die Frühschriften von Marx.

Beim Begriff der „Diktatur des Proletariats“ hätte bereits ein einfacher Blick in Wikipedia gereicht, um hier über die Facetten dieses Begriffs aufzuklären: daß dieser Begriff im historischen Kontext dieser Zeit eine bestimmte Form von Herrschaft bedeutete, wie es im 19. Jahrhundert durchaus Sprachgebrauch war, wenn man von Diktatur schrieb und daß damit eben nicht Hitler, Lenin oder ein Stalin gemeint sind. Dies sind ex post facto-Deutungen des Diktaturbegriffes, hier wird semantisch und von seinem Bedeutungsgehalt ein Begriff ideologisch unzulässig aufgeladen, was sowohl philosophisch wie von der Begriffsgeschichte her verhängnisvoll ist, weil bewußt ein falsches Bild in Szene gesetzt wird. Mit Unwissenheit läßt sich das kaum entschuldigen. Und schwer vorstellbar, daß eine erfahrene Politologin um diese Fakten nichts weiß, zumal sie eigentlich dafür vorgesehen war, Marxens „Kapital“ im Meiner Verlag in einer kritischen Studienausgabe darzustellen. (Zum Glück übernahm diese Aufgabe dann Michael Quante.)

Und wer es detaillierter möchte und Marxens Ausführungen zur proletarischen Diktatur lesen will, die eben doch etwas ganz anderes meinen als einen simplifizierten Begriff, der greife zum Lexikon „Geschichtliche Grundbegriffe“ – unter anderem von Koselleck herausgegeben:

„denn die sogenannte bürgerliche Demokratie ist für Marx nichts anderes als die Diktatur des Bürgertums, und die proletarische Diktatur ist nicht etwa erst nach ihrem Ende, sondern schon während ihres Verlaufs auf viel genuinere Weise eine Demokratie, als es die bürgerliche Demokratie je war. Marx erläuterte diese Konzeption 1871 am Beispiel der Pariser Kommune, die das allgemeine Stimmrecht erstmals zu einer Wahrheit und zum Diener des Volkes gemacht hatte.“

Gleiches Wahlrecht für alle nämlich war in den halb bürgerlichen, halb monarchistischen Ländern Europas keineswegs eine unverbrüchliche Sache. Insofern sollte man Marx‘ Texte im Sinne eines Principle of charity aus seiner Zeit heraus lesen und Texte nicht mit der eigenen Ideologie überformen. Marx‘ Begriff der Diktatur ist aus den Kämpfen der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts zu verstehen:

„In Wirklichkeit aber ist der Staat nichts als eine Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine andre, und zwar in der demokratischen Republik nicht minder als in der Monarchie; und im besten Fall ein Übel, das dem im Kampf um die Klassenherrschaft siegreichen Proletariat vererbt wird und dessen schlimmste Seiten es ebensowenig wie die Kommune umhin können wird, sofort möglichst zu beschneiden, bis ein in neuen, freien Gesellschaftszuständen herangewachsenes Geschlecht imstande sein wird, den ganzen Staatsplunder von sich abzutun.

Der deutsche Philister ist neuerdings wieder in heilsamen Schrecken geraten bei dem Wort: Diktatur des Proletariats. Nun gut, ihr Herren, wollt ihr wissen, wie diese Diktatur aussieht? Seht euch die Pariser Kommune an. Das war die Diktatur des Proletariats.“ (K. Marx: Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: MEW Bd. 17)

„Andrerseits aber forderte es eine revolutionäre Umgestaltung Deutschlands, die nur durch die Gewalt, also nur durch eine tatsächliche Diktatur, durchführbar war. Und dabei hatte das Bürgertum von 1848 an Schlag auf Schlag, in jedem entscheidenden Moment, den Beweis geliefert, daß es auch nicht die Spur der nötigen Energie besaß, um, sei es das eine, sei es das andre, durchzusetzen – geschweige beides. Es gibt in der Politik nur zwei entscheidende Mächte: die organisierte Staatsgewalt, die Armee, und die unorganisierte, elementare Gewalt der Volksmassen. An die Massen zu appellieren, hatte das Bürgertum 1848 verlernt; es fürchtete sie noch mehr als den Absolutismus. Die Armee aber stand keineswegs zu seiner Verfügung. Wohl aber zur Verfügung Bismarcks.“ (Fr. Engels: Die Rolle der Gewalt in der Geschichte, in: MEW Bd. 21)

Eine insgesamt leider ärgerliche Marx-Auslassung von Zehnpfennig. Umso unerfreulicher auch, weil sie es hätte besser wissen müssen. Gleiches gilt für ihre Kritik an Marxens Arbeitswertlehre. Sie läßt sich nicht damit kritisieren, indem man dem Wert eines Diamanten kommt, der nicht durch Arbeit entsteht, um damit den Falschheit des Marxschen Wertbegriffs herauszustreichen – zumal wenn man dabei die basale Differenz von Gebrauchs- und Tauschwert unterschlägt. Als es noch, in den seligen Zeiten, als das Wünschen zwar auch nichts half, aber manchmal kluge Zwischenfragen im Plenum kamen, die Marxistische Gruppe an den Universitäten gab – eine zwar unangenehme und dogmatische, aber theoretisch doch hochfundierte Organisation –, hätte deren Frager aus der Referentin Kleinholz gemacht. Immerhin gab bei den Publikumsfragen einer der Frager zu bedenken, daß von Zehnpfennigs Ausführungen zu Marx etwa 80 Prozent falsch sei und führte dies in einigen Punkten auch aus. Man hätte gut und gerne auf 90 erhöhen können.

Etwas besser ging es dann am dritten Tag zu. Nicht nur, daß der Vortrag von Engels anregend war, weil darin Verfallstendenzen des römischen Imperiums mit denen der EU in eine spannend-destruktive Analogie gesetzt wurden: bei manchem Cicero- oder Polybios-Zitat oder beim Hinweis auf Sallusts Die Verschwörung des Catilina  dachte man, wie vom Vortragenden beabsichtigt, doch unwillkürlich an die Gegenwart, etwa wenn von Grenzüberdehnungen die Rede ist oder von der Vermittlung unterschiedlicher Kulturen ebenso wie bei der Frage der Machtanhäufung oder dem Programm von Brot und Spielen, mit dem die Bevölkerung ruhig gestellt werden sollte. Wenn es einmal ganz schlimm käme, so müssen wir eben die Menschen belügen, so zitierte Engels Jean Claude Juncker. Vertrauen in Demokratie schafft so etwas nicht.

Das Problem bei Analogien ist freilich, daß sie Analogien bleiben. Nicht mehr, nicht weniger. Der „Zauberstab der Analogien“, den Novalis in seinem Essay Die Christenheit oder Europa favorisierte, um mit ihm die Geschichte zum Klingen zu bringen, ist primär ein ästhetisches Phänomen, und sowieso ist dieser Novalis-Text nicht einfach als politisches Pamphlet zu lesen ist: „An die Geschichte verweise ich euch, forscht in ihrem belehrenden Zusammenhang, nach ähnlichen Zeitpunkten, und lernt den Zauberstab der Analogie gebrauchen.“

Aus solchen Geschichts-Analogien lassen sich interpretierend durchaus unterschiedliche Lesarten ableiten. Sie geben einen heuristischen Rahmen zum Betrachten und Analysieren – mehr nicht. Sie sind kein Orakel. Geschichte mag sich in Strukturen ähneln, doch sie wiederholt sich nicht und es läßt sich aus den Gegenwartszeichen nicht wie die römischen Auguren aus den Innereien der Tiere lesen, indem man rückbezüglich Parallelen sucht und dann drauflos interpretiert oder alarmisiert. Unterhaltsam und auf alle Fälle anregend, aber nur für die ästhetische Phantasie, die sich ihre Untergänge gerne als Ereignis der Kunst ausmalt. Thema für einen Roman, der die Geschichtszeichen in einer Geschichte ordnet – irgendwas zwischen Don DeLilo und Roberto Bolaño.

In solcher Analogiebildung lag dann auch die entscheidende Schwäche von Engels Vortrag. Realiter zudem von einer Spenglerschen Untergangsvision gespeist, die ich für geschichtsphilosophisch problematisch bis fragwürdig halte. Sie ist dialektisch unausgegoren. Ein Hegel zum herabgesetzten Preis. Und so zeigt sich wieder einmal, daß ideologische Voreinstellungen und Referenzrahmen, die ja durchaus – ähnlich der Analogie – ein Feld heuristisch und produktiv strukturieren können, in die Hose gehen, wenn sie dogmatisch als Strukturgerüst und damit als ideologisches Fundament gebraucht werden. Darin lag leider der Fehler von Engelsʼ Vortrag.

Ebenfalls schade, daß alle drei geladenen Gäste eher dem konservativen oder bürgerlich-liberalen Lager zuzuschlagen waren. Das brachte ein etwas zu einhelliges und damit leider auch eintöniges Gespräch bei der abschließenden Podiumsdiskussion. Es fehlte der linke Gegenpart – auch bei den drei Vortragenden. Abweichungen allenfalls in den Details, ob man die Entwicklungen und Probleme Europas eher pessimistisch sah, wie Engels, oder in der Gefahr eben doch auch ein Rettendes erwachsen kann, wie das teils zumindest Demandt und massiv Zehnpfennig vertrat. Immerhin wirkte Zehnpfennig hier nicht mehr, als hielte sie einen Vortrag für die Hayek-Stiftung. Als es auf die Begriffe von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit kam und die Unwucht zugunsten von Gleichheit moniert wurde, die unter Absehung vom Freiheitsbegriff immer mehr zur Forderung erhoben würde – man fragt sich als Zuhörer allerdings von wem eigentlich in der Politik und wo in relevanter Weise – gab Zehnpfennig zu bedenken, daß eine Freiheit, wo die Gerechtigkeit fehle, keine Freiheit sei. Da hatte sie an diesem Abend durchaus recht. Auch wenn sie das politische Dilemma der Zeit, daß es Freiheit nur in einer gerechten Gesellschaft geben kann, in der gleiche Chancen für alle herrschen, kaum zum Thema machte. Freiheit ist von der Kritik der politischen Ökonomie nicht zu trennen.

 

„Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?“

„Von Christus selbst konnte man keine Reliquien haben, denn er war auferstanden: das Schweißtuch Christi, das Kreuz Christi, endlich das Grab Christi wurden die höchsten Reliquien. Aber im Grabe liegt wahrhaft der eigentliche Punkt der Umkehrung, im Grabe ist es, wo alle Eitelkeit des Sinnlichen untergeht. Am Heiligen Grabe vergeht alle Eitelkeit der Meinung, da wird es Ernst überhaupt. Im Negativen des Dieses, des Sinnlichen ist es, daß die Umkehrung geschieht und sich die Worte bewähren: ‚Du lässest nicht zu, daß Dein Heiliger verwese‘. Im Grabe sollte die Christenheit das Letzte ihrer Wahrheit nicht finden. An diesem Grabe ist der Christenheit [der Kreuzfahrer, Hinweis N.B.] noch einmal geantwortet worden, was den Jüngern, als sie dort den Leib des Herrn suchten: ‚Was suchet ihr den Lebendigen bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden‘. Das Prinzip eurer Religion habt ihr nicht im Sinnlichen, im Grabe bei den Toten zu suchen, sondern im lebendigen Geist bei euch selbst. Die ungeheure Idee der Verknüpfung des Endlichen und Unendlichen haben wir zum Geistlosen werden sehen, daß das Unendliche als Dieses in einem ganz vereinzelten äußerlichen Dinge gesucht worden ist.“ (Hegel, Philosophie der Geschichte)

Cranachaltar der Herderkirche in Weimar, Rückseite, Quelle: Wikipedia

„Wacht auf, Verdammte dieser Erde!“ – 100 Jahre Oktober-Revolution

„Ich hatte einen Traum. Es war ein Alptraum
Ich wachte auf und alles war in Ordnung.“
(Heiner Müller, Wolokolamsker Chaussee IV: Kentauren)

SPIEGEL: Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung …
ADORNO: Mir nicht.

Als die Schüsse am Winterpalais fallen, war es bloß ein müder Auftakt. Der Geschützdonner des Panzerkreuzers Aurora – welch bezeichnender Name, im trüben Oktobertag! – eröffnet jene Revolte, die sich zur Revolution auswächst. Aber zunächst knallen nur Platzpatronen – mit echten Granaten wurde nicht geschossen. Eine Tragödie, die als Farce mit Theaterlärm begann und als Drama blutiger endete als jedes Shakespeare-Gemetzel. Aber wie es in der Geschichte so ist, ging dem Blut viel Blut bereits voraus, und es machten die Unterdrückten und Verdammten dieses weiten Landes mit jener Zeile aus der „Internationalen“ ihren Ernst: Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun. Freilich waren die Parteikader schon lange vorher mit dem Zug aus Zürich eingereist. Dort, wo vor einem Jahr noch die Dadaisten im Cabaret Voltaire die Kunst auf die Spitze trieben und in ein neues Fahrwasser brachten.

Trotz simulierten Donners ist dieses Zeichen zum Sturm aufs Schloß mit der Kanonade von Valmy vergleichbar, von der Goethe, der auf dieser Campagne seinen Freund und Herzog begleitete, sagte und der Überlieferung nach zu den Offizieren sprach: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“ Pathetisch vielleicht und eher an den subjektiven Blick gefesselt, weil genauso zahlreiche andere Begebnisse in Frage kämen. Doch von diesem Oktobertag in Petrograd, gleichsam als geschichtliches Ereignis, auch im philosophischen Sinne des Ereignisbegriffes, ging in der Tat eine neue Epoche aus – eine grausame freilich. Das Strahlende, was sie verheißen wollte, im Zeichen der Freiheit, die Befreiung der Menschheit, des Verdammten, des Arbeiters, triumphierte in schrecklicher Gewalt, in Verbrechen, in Ausrottungen.

Doch eher noch als ein Theatertrick mit Platzpatronen war jener Tag im Oktober – oder nach dem gregorianischen Kalender im November, was sehr viel melancholischer und nach Flauberts gleichnamiger Erzählung klingt und weniger nach aufgehender Sonne – als eine Art Kantisches „Geschichtszeichen“ zu lesen. Es lodert ein Funke und dieser bricht, ach, sich die Bahn, entfacht ein Feuer. Ein Flächenbrand – insbesondere wenn man Ernst Noltes Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945. Nationalsozialismus und Bolschewismus einmal ernst nimmt.

„Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei. Nur als Bild, das auf Nimmerwiedersehen im Augenblick seiner Erkennbarkeit eben aufblitzt, ist die Vergangenheit festzuhalten.“ (W. Benjamin, Über den Begriff der Geschichte)

Dieses Verhältnis von Flüchtigkeit und Zeit impliziert bei Benjamin die Frage nach dem dialektischen Bild, nach einer Utopie, aber auch die einer dialektischen Hermeneutik und Deutbarkeit von Geschichte. Wie das Geschichtszeichen lesen und kenntlich machen? Vom heute her gedeutet, könnte man mit dem ungarischen Philosophen Támas Miklós geneigt sein, Benjamins Bildmetapher als Möglichkeitssinn umzudeuten, wenn in Miklós‘ Sätzen nicht zu sehr doch der bürgerliche Optimismus noch nachhallte.

„Geschichtsphilosophie handelt nicht von den Geschehnissen, sondern von den Chancen und Möglichkeiten ihrer Deutung, insofern wir die Geschehnisse durch Erzählen zu unserer eigenen Geschichte machen, sie handelt von der Identität eines abendländisch geprägten Geistes, der an den Vorstellungen der Freiheit und der Vernunft festhält.“ (Támas Miklós, Der kalte Dämon)

Geschichte aber ist zugleich eine gefährliche Leidenschaft. Die Geschichtszeichen ästhetisch aufzuladen. Was zu neuem Betrug führt.

Die Tat selbst, jener Sturm aufs Winterpalais, war weniger bedeutungsvoll und aufregend. Widerstand gab es kaum. Im weitläufigen Gebäude, an die 360 Säle durchkämmten die Kronstädter Matrosen, hielt sich, kämpfend – weitere Ironie der Geschichte –, ein Frauenbataillon zur Sicherung auf. Alexander Fjodorowitsch Kerenski war bereits nach Finnland geflohen. Das Ereignis, als revolutionärer und dramatischer Auftakt, heftete sich uns ins kollektive Gedächtnis eher über Sergej Eisensteins legendären Film „Oktober“, der das Ereignis ästhetisch bedeutungsvoll auflud. So schuf ein Film die Wirklichkeit, das wahre Bild der Vergangenheit ist eines über die filmischen Bilder, und es ist das Bild derer, die über die Macht der Bilder gebieten. In dieser Weise wurde der Sturm aufs Schloß zum revolutionären Kulturgut vermittelt. Die Wahrheit ist konkret. Bestandteil jeder politischen Bewegungen sind die Mythen und die Zeichen. Zur Revolution gehörte immer schon das in der Kunst gestaltete Pathos: wir werden den Mythos nicht los, weil es den Menschen nach Erzählung und nach Stiftung dürstet. Aufklärung schlägt auch hier in die Mythologie um. Die Legende von der Revolution: ohne Ende.

Und in diesem Sinne finden sich sowohl im Kommunismus wie im Faschismus eine eigenwillige Verschränkung von Ästhetisierung der Politik und Politisierung der Ästhetik. Der faschistische Herrenmensch legte, laut Benjamins These im Kunstwerkaufsatz, aufs erste seinen Fokus; die sowjetischen Revolutionäre auf die Politisierung. Aber auch hier transportiert die Ästhetik der Bilder die Politik, und im leninschen Rußland blühten die Künste, während die Tschekisten fleißig in rot malten und ihre Genickschüsse setzten. Der bürgerliche Intellektuelle war am Ende zwischen beide Lager gekeilt. Hätte sich etwa Walter Benjamin im Winter 1926/27 um einige Jahre länger in Sowjet-Rußland aufgehalten, er wäre bereits früher gestorben als ohnehin oder aber deportiert worden, wie Asja Lacis, die Geliebte Benjamins. 1938 vom NKWD verhaftet und bis 1948 in Arbeitslagern in Kasachstan interniert. Immerhin – sie überlebte. Auch so kann Geschichte laufen. Die List der Vernunft in der Geschichte setzt sich, so Hegel, übers Individuelle durch.

„Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit – ein Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben.“  (Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte)

Doch sind solche Zeilen mit der Optik des Dialektikers zu lesen. Hegel begrüßte niemals jenen großen Terror, den die Französische Revolution brachte. Aber er gehörte ebensowenig zu den Reaktionären, die sich in den Katholizismus, die objektlose Innerlichkeit oder die Apologie der Monarchie flüchteten. Diese Revolution sah Hegel als geschichtlich notwendig, und er leerte, zurecht, bis an sein Lebensende auf den Quatorze juillet eine Flasche guten Roten. Hegels Rechtsphilosophie liefert nicht die Apologie Preußens, wie man immer wieder irrig ansetzt, sondern ist das Vorspiel zu einem demokratisch-bürgerlichen Rechtsstaat. Die Dialektik der Gewalt war Hegel wohl bewußt.

Was aber die russische Revolution nach dem Oktober zeigte, als Lenin 1921 nach allen Wirren die Oberhand gewann: Es wird ein Joch gegen das andere getauscht. Und es begann das Experiment am lebenden Menschen: den neuen Menschen zu schaffen. Jene Frage, die sich schon in Platons Politikos stellte: wie eine Herdenzucht zu bewerkstelligen sei. In diesem Sinne kann man mit Heidegger und mit böser Zunge sagen, daß die Oktoberrevolution ein metaphysisches Projekt par excellence ist – von dem wir allerdings wünschen, daß es niemals mehr wiederholt wird. In  jenem Platon-Dialog spricht der Fremde, (nur an einen Fremden kann man diese unangenehmen Wahrheiten delegieren, um sie überhaupt auszusprechen):

„Aber den Staatsmann werden wir doch nicht mit wenigen einzelnen beschäftigt finden wie den Ochsenjungen oder den Reiterknecht, sondern mehr gleicht er einem, der Pferdezucht und Rinderzucht im großen treibt.
(…)
Wollen wir also von Aufziehung des Lebendigen die gemeinsame Wartung vieler zugleich die Gemeinzucht oder Herdenzucht nennen?“ (Platon, Politikos)

Unabhängig einmal von den biotechnischen Konnotationen, die Peter Sloterdijk in seiner lehrreichen Elmauer Rede einwarf, nämlich als letztes Projekt des Humanismus die Domstizierung des Menschen qua Gentechnik, und unabhängig auch davon, daß jener Fremde diesen Gedanken der Zucht im Gespräch mit dem jungen Sokrates dann in eine andere Richtung lenkt, zeigt sich hier die eigentümlich pädagogische Formung einer Masse. Dialektik von Individuum und Gemeinschaft. Aufgelöst aber ins Kollektiv. Die UdSSR sei ein einziges kollektiviertes Arbeitslager, schrieb Adorno. Die Befreiung der Menschen ist eine schöne Illusion. Sie ist möglich. Aber nicht mit den Menschen. Freilich gibt es dennoch geschichtlichen Fortschritt. Aber er produziert zugleich und reitet über die Leichen der Geschichte. Das zeigt die ansonsten wichtige und bedeutsame Französische Revolution: sie gebar den Weltgeist zu Pferde und brachte ein bürgerliches Gesetzbuch über Europa. Immerhin: der Code Napoleon. Hegel sprach in diesem Sinne von der List der Vernunft.

„… es ist nun einmal so gewesen; es ist ein Schicksal; es ist nichts daran zu ändern; – und dann, daß wir aus der Langeweile, welche uns jene Reflexion der Trauer machen könnte, zurück in unser Lebensgefühl, in die Gegenwart unserer Zwecke und Interessen, kurz in die Selbstsucht zurücktreten, welche am ruhigen Ufer steht und von da aus sicher des fernen Anblicks der verworrenen Trümmermasse genießt. Aber auch indem wir die Geschichte als diese Schlachtbank betrachten, auf welcher das Glück der Völker, die Weisheit der Staaten und die Tugend der Individuen zum Opfer gebracht worden, so entsteht dem Gedanken notwendig auch die Frage, wem, welchem Endzwecke diese ungeheuersten Opfer gebracht worden sind.“ (Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte)

Schiller dichtete es in „Resignation. Eine Phantasie“ im Zusammenhang mit der Hoffnung und dem Genuß:

„Wer dieser Blumen eine brach, begehre
Die andre Schwester nicht.
Genieße, wer nicht glauben kann. Die Lehre
Ist ewig, wie die Welt. Wer glauben kann, entbehre!
Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.“

Kleist brachte es kruder, und jene Frage nach dem Wozu und nach dem Gerichtshof der Vernunft löste er in seinem Gedicht „Germania“ in den Dezisionismus auf:

„Schlagt ihn tot! das Weltgericht Fragt euch nach den Gründen nicht!“

Nicht anders hielten es später seine deutschen Nationalgenossen und ebenso die Revolutionäre von der Tscheka. Der menschliche Fortschritt wurde zu einem hohen Preis erkauft. Dieser Hegelsche Reflex „des fernen Anblicks der verworrenen Trümmermasse“ spiegelt sich insbesondere in Walter Benjamins „Engel der Geschichte“ wider. Dieser Engel mit seinem Blick in die Landschaft bleibt weiterhin eine zeitgemäße Figur und wird es unabwendbar bleiben. Geschichtsphilosophie ist nur bedingt das Bewußtsein von Fortschritt, sondern vielmehr eine melancholische Haltung, eine Form des Skeptizismus. Adornos Skepsis, sein Bilderverbot für die Utopie und auch Benjamins erkenntniskritische Haltung wußten davon. Melancholisch notierte Benjamin in den Vorarbeiten zu seinen geschichtsphilosophischen Thesen:

„Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zug reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.“

 


 
 

 
 

 
 

Zeit und Erzählung

Für die schönen Künste, für die Dichtung ist die Sache ausgemacht: Der Künstler soll sich eines guten Stils bedienen – nicht zu manieriert, wo nicht erforderlich, nicht zu nüchtern, selbst im kargen – so wirke der Literat. Stimmig muß es sein. Dem Gegenstand, der Sache gemäß geschrieben. Der Stil muß zur Form passen, genauer gesagt: Der Stil erst erzeugt die Form – also eine Dialektik bzw. ein Spiel von Ausdruck, Inhalt und Form, nachdem der Künstler das ästhetische Material beackerte. In der Prosa eine komplizierte Sache. Noch schwieriger aber ist dies für den Wissenschaftler, den Historiker, der in gewissem Sinne ja ebenfalls eine unerhörte Begebenheit erzählt. Wenn wir ein wenig in den Maschinenraum der Kunsttheorie hinabsteigen, nämlich zu Aristoteles‘ „Poetik“, können wir zum Verhältnis von schöner Dichtung und wissenschaftlicher Prosa folgendes finden:

„Aus dem Gesagten ergibt sich auch, daß es nicht Aufgabe des Dichters ist mitzuteilen, was wirklich geschehen ist, sondern vielmehr, was geschehen könnte, d. h. das nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit Mögliche. Denn der Geschichtsschreiber und der Dichter unterscheiden sich nicht dadurch voneinander, daß sich der eine in Versen und der andere in Prosa mitteilt – man könnte ja auch das Werk Herodots in Verse kleiden, und es wäre in Versen um nichts weniger ein Geschichtswerk als ohne Verse -; sie unterscheiden sich vielmehr dadurch, daß der eine das wirklich Geschehene mitteilt, der andere, was geschehen könnte. Daher ist Dichtung etwas Philosophischeres und Ernsthafteres als Geschichtsschreibung; denn die Dichtung teilt mehr das Allgemeine, die Geschichtsschreibung hingegen das Besondere mit.“ (Aristoteles, Poetik)

Und noch Hegel beruft sich in seinen Vorlesungen zur Ästhetik auf dieses aristotelische Prinzip, wenn er die literarische Prosa von der Geschichte scheidet und Dichtung sowie Wahrheit gleichsam als zwei Bezirke nennt:

„Der Geschichtsschreiber nun hat nicht das Recht, diese prosaischen Charakterzüge seines Inhalts auszulöschen oder in andere, poetische zu verwandeln; er muß erzählen, was vorliegt und wie es vorliegt, ohne umzudeuten und poetisch auszubilden. Wie sehr er deshalb auch bemüht sein kann, den inneren Sinn und Geist der Epoche, des Volks, der bestimmten Begebenheit, welche er schildert, zum inneren Mittelpunkte und das Einzelne zusammenhaltenden Bande seiner Erzählung zu machen, so hat er doch nicht die Freiheit, die vorgefundenen Umstände, Charaktere und Begebnisse sich zu diesem Behuf, wenn er auch das in sich selbst ganz Zufällige und Bedeutungslose beiseite schiebt, zu unterwerfen, sondern er muß sie nach ihrer äußerlichen Zufälligkeit, Abhängigkeit und ratlosen Willkür gewähren lassen.“ (Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik)

Sollen Historiker genauso wie Dichter schreiben? Sollen sie ähnlich verfahren? Bei Louis-Sébastien Mercier (6. Juni 1740 – 25. April 1814) finden wir spannend fabulierte Geschichtsschreibung bereits im Anfang. Geschichte, die in dieser Form beginnt, ist erzählte Geschichte, und es zeigt solcher Auftakt, was für eine Sprachkraft Wissenschaftsprosa birgt, wenn man sie läßt und sofern der Autor es will:

„Philipp der zweite ist Staub. Zwei Jahrhunderte trennen ihn von uns, und sein Name lebt nur durch die Gerechtigkeit der Zeit. Ich will ein Gemälde seines abergläubischen und schrecklichen Despotismus entwerfen – alle Bestandteile dieses grausamen Charakters, die uns in der Geschichte durchschauern, will ich in ein Bildnis zusammen schmelzen, und den Abscheu, der mich durchdrungen hat, allgemein machen.“ (Louis-Sébastien Mercier, Philipp der Zweite)

Von Louis-Sébastien Mercier, im Februar 1786 in Schillers „Thalia“ erschienen. Wie gewaltig da einer das Wort führte. Freilich, freilich, Mercier ist Schriftsteller und Journalist, und der subjektive Blick verstellt meist die Strukturen. Wie also Geschichte erzählen?

Da ich Hegelianer bin (so munkelt mancher, aber ich verberge mich gerne und oft in einer geschickten Lüge) und da Hegel den Friedrich Schiller schätzte, muß und möchte halt auch ich mich – einmal wieder nach 25 Jahren – intensiver mit Schillers Zeit insbesondere in Jena und in Weimar befassen. „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ – Schillers Antrittsvorlesung in Jena. Und nicht ganz unpassend fürs nächste Jahr, eines der traurigen Jubiläen: 1618 bis 1648. Schiller schrieb über den Dreißigjährigen Krieg. Jenes Unheil über Europa und besonders auf deutschem Boden, was geschichtlich diese Region noch bis ins 20. Jahrhundert hin prägen sollte. Einige Studien werden dazu demnächst erscheinen: Von Herfried Münkler, „Der Dreißigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, deutsches Trauma. 1618–1648“, ebenso von Andreas Bähr: „Der grausame Komet. Himmelszeichen und Weltgeschehen im Dreißigjährigen Krieg“.

Wie also erzählen und wie wissenschaftlich schreiben, ohne daß den Lesern der Kopf aufs Kissen fällt und Morpheus‘ bekannter Arm ihn sanft oder wild umschlingt? Zu Geschichte, Zeit und Erzählen überhaupt lesenswert von Paul Ricœur „Zeit und Erzählung“, in drei Bänden beim Fink-Verlag erschienen. Von der fiktiven und von der realen Zeiterfahrung. Wie solches Temporales sich literarisch amalgamiert, kann man gut in Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ erlesen. Aber genauso in einer ganz anderen Schreibform – denn die literarische Moderne ist in ihrem Stil plural – in Alfred Döblins „Wallenstein“. Zwei passende Romane, die zwei der großen geschichtlichen Verwerfungen ästhetisch ausformen.

Abbildung: wikipedia, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=454161

 

Rückzug ins bildsamste Material oder Hegels Worte

Schöner und poetischer kann man in der philosophischen Ästhetik des noch jungen 19. Jahrhunderts das Wesen der Poesie nicht zum Ausdruck bringen, als dies Hegel in seiner Vorlesung über Ästhetik tat. Vor allem aber erkannte Hegel die besondere Rolle der Poesie im Kanon der Künste. Aufstrebend, der Philosophie nahe, wenn nicht verwandt. Schön geschrieben – ob nun von Hegel selbst oder doch eher von seinem Schüler Hotho in jener 1835 veröffentlichten „Vorlesung über Ästhetik“:

„Denn das Wort, dies bildsamste Material, das dem Geiste unmittelbar angehört und das allerfähigste ist, die Interessen und Bewegungen desselben in ihrer inneren Lebendigkeit zu fassen, muß, wie es in den übrigen Künsten mit Stein, Farbe, Ton geschieht, auch vorzüglich zu dem Ausdrucke angewendet werden, welchem es sich am meisten gemäß erweist. Nach dieser Seite wird es die Hauptaufgabe der Poesie, die Mächte des geistigen Lebens, und was überhaupt in der menschlichen Leidenschaft und Empfindung auf und nieder wogt oder vor der Betrachtung ruhig vorüberzieht, das alles umfassende Reich menschlicher Vorstellung, Taten, Handlungen, Schicksale, das Getriebe dieser Welt und die göttliche Weltregierung zum Bewußtsein zu bringen. So ist sie die allgemeinste und ausgebreiteteste Lehrerin des Menschengeschlechts gewesen und ist es noch. Denn Lehren und Lernen ist Wissen und Erfahren dessen, was ist. Sterne, Tiere, Pflanzen wissen und erfahren ihr Gesetz nicht; der Mensch aber existiert erst dem Gesetze seines Daseins gemäß, wenn er weiß, was er selbst und was um ihn her ist; er muß die Mächte kennen, die ihn treiben und lenken, und solch ein Wissen ist es, welches die Poesie in ihrer ersten substantiellen Form gibt.“

Die Kraft des Selbstbewußtseins, die in der Kunst wirkt und zugleich das Subjekt übersteigt, und zwar hin auf das Gattungswesen Mensch. Nichts Menschliches, was der Kunst fremd ist. Goethe dichtete es, und Hegel nahm diesen Aspekt mit Leidenschaft auf, formulierte Goethes Zeile aus „Die Geheimnisse“ als Philosophie der Kunst aus: „Humanus heißt der Heilige, der Weise, …“ Hegel war wohl einer der letzten, die diesen ekstatischen Bezug zu Subjekt und Menschheit so freimütig evozieren konnten. Und doch hat sich – selbst unter dem Akut des Negativen, unter dem Neigungswinkel falschen Lebens – die Arbeit und Aufgabe der Kunst um keinen Deut geändert. Kunst konstruiert eine Welt für sich, die zugleich eine Welt für uns ist, weil es unsere Welt ist, die in der Arbeit der Konstruktion oder wie Hegel es nennt, in der Phantasie des Dichters gebaut wird. Sei es auch eine Welt aus Asche. Und immer wieder komme ich auf dieses Zitat des Filmkritikers André Bazin zurück, der den Hegelianismus pur ins Bild bzw. in den Text-Vorspann des Films montierte:

Das Kino schafft für unseren Blick eine Welt, die auf unser Begehren zugeschnitten ist. ‚Die Verachtung‘ ist die Geschichte dieser Welt.“

Zugleich aber wird ein Anti-Hegelianismus daraus, wenn wir anders übersetzen und die Lesart des Satzes ändern. Denn dieses Spiegelstadium reiner Immanenz versucht Hegels Ästhetik gerade zu konterkarieren:

„Der Film unterschiebt unserer Vorstellung eine Welt, die mit unseren Wünschen übereinstimmt. ‚Die Verachtung‘ ist die Geschichte dieser Welt.“

Hegels Philosophie unterbricht den bloßen Selbstbezug. Er hatte jedoch etwas fürs Erzählen, Konstruieren und Ausschmücken über. Kunst entwirft eine Welt, die die unsere ist. Und nichts anderes macht in seiner Erzählweise auch der Film. Was sich in jenem oben genannten Zitat zeigt oder zumindest andeutet, wenn Hegel die Arbeit der Poesie beschreibt. Insofern wäre es interessant, was Hegel heute über den Film gedacht und geschrieben hätte. Anderes vermutlich als Adorno, der der Filmkunst skeptisch gegenüberstand. Hegel hätte seine Freude an dieser Kunst, weil sie eine Weise ist, uns Welt zu vergegenwärtigen und sie unserem Begehren gemäß zu gestalten und gleichzeitig die Immanenz zu brechen, indem uns das Kunstmedium Exemplarisches veranschaulicht. Eben der Aspekt, den Adorno vehement kritisierte. Vermutlich sogar zu recht.