22. Juni 1941: Wer Wind sät, wird Sturm ernten

Ich bin kein großer Freund von Frank Walter Steinmeier, aber die Rede, die er zum Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion hielt, war stark und gut und wichtig. Um so schandbarer, daß der widerliche Bundestagspräsident Schwarzkonten-Schäuble eine Gedenksitzung des Bundestages zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion verweigerte. (Und die Tagesschau-Homepage des gebührenfinanzierten Fernsehens hat nichts Besseres zu tun als die Regenbogenflagge ganz oben auf ihre Seite zu setzen, um über die Causa München zu berichten.) Steinmeyers Rede macht nichts ungeschehen, aber sie bringt den Schrecken ins Gedächtnis. Dafür ist ihm zu danken.

„Was nun folgte, was am 22. Juni 1941 begann, war die Entfesselung von Hass und Gewalt, die Radikalisierung eines Krieges hin zum Wahn totaler Vernichtung. Vom ersten Tage an war der deutsche Feldzug getrieben von Hass: von Antisemitismus und Antibolschewismus, von Rassenwahn gegen die slawischen und asiatischen Völker der Sowjetunion.

Die diesen Krieg führten, töteten auf jede erdenkliche Weise, mit einer nie dagewesenen Brutalität und Grausamkeit. Die ihn zu verantworten hatten, die sich in ihrem nationalistischen Wahn gar noch auf deutsche Kultur und Zivilisation beriefen, auf Goethe und Schiller, Bach und Beethoven, sie schändeten alle Zivilisation, alle Grundsätze der Humanität und des Rechts. Der deutsche Krieg gegen die Sowjetunion war eine mörderische Barbarei.

So schwer es uns fallen mag: Daran müssen wir erinnern! Und wann, wenn nicht an solchen Jahrestagen? Die Erinnerung an dieses Inferno, an absolute Feindschaft und die Entmenschlichung des Anderen – diese Erinnerung bleibt uns Deutschen eine Verpflichtung, und der Welt ein Mahnmal.

Hunderttausende sowjetische Soldaten sind schon in den ersten Monaten des Krieges, im Sommer 1941, gefallen, verhungert, erschossen worden.

Unmittelbar mit dem Vormarsch der deutschen Truppen begann auch die Ermordung jüdischer Männer, Frauen und Kinder durch Erschießungskommandos des SD, der SS und ihrer Hilfstruppen.

Hundertausende Zivilisten in der Ukraine, in Belarus, in den baltischen Staaten und in Russland wurden Opfer von Bombenangriffen, wurden als Partisanen unerbittlich gejagt und ermordet. Städte wurden zerstört, Dörfer niedergebrannt. Auf alten Fotografien ragen nur noch verkohlte steinerne Kamine aus einer verwüsteten Landschaft.

Es werden am Ende 27 Millionen Tote sein, die die Völker der Sowjetunion zu beklagen hatten. 27 Millionen Menschen hat das nationalsozialistische Deutschland getötet, ermordet, erschlagen, verhungern lassen, durch Zwangsarbeit zu Tode gebracht. 14 Millionen von ihnen waren Zivilisten.

Niemand hatte in diesem Krieg mehr Opfer zu beklagen als die Völker der damaligen Sowjetunion. Und doch sind diese Millionen nicht so tief in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt, wie ihr Leid, und unsere Verantwortung, es fordern.

Dieser Krieg war ein Verbrechen – ein monströser, verbrecherischer Angriffs- und Vernichtungskrieg. Wer heute an seine Schauplätze geht, wer Menschen begegnet ist, die von diesem Krieg heimgesucht wurden, der wird an den 22. Juni 1941 erinnert – auch ohne Gedenktag und Mahnmal.

Spuren dieses Krieges finden sich in alten Menschen, die ihn als Kinder erlebten, und in den jüngeren, in ihren Enkeln und Urenkeln. Man findet sie von der Weißmeerküste im Norden bis zur Krim im Süden, von den Ostsee-Dünen im Westen bis Wolgograd im Osten. Es sind Zeichen des Krieges, Zeichen der Zerstörung, Zeichen des Verlustes.

Zurück blieben Massengräber – „Brudergräber“, wie man auf Belarusisch, Ukrainisch und Russisch sagt.

[…]

Nichts, was damals weit im Osten geschah, geschah zufällig. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei, des SD, der Waffen-SS und ihrer Helfer bahnten sich nicht planlos und brandschatzend ihren Weg. Sie folgten dem Vernichtungswahn und den mörderischen Plänen, die im Reichssicherheitshauptamt und in den zuständigen Reichsministerien erarbeitet worden sind. Und sie folgten der Wehrmacht, deutschen Soldaten, die zuvor schon die Bevölkerung beraubt, drangsaliert oder als vermeintliche Partisanen getötet hatte. Der verbrecherische Angriffskrieg trug die Uniform der Wehrmacht. An seinen Grausamkeiten hatten auch Soldaten der Wehrmacht teil. Lange, zu lange haben wir Deutsche gebraucht, uns diese Tatsache einzugestehen.

Die Pläne, denen die deutschen Soldaten folgten, hießen „Generalplan Ost“, „Hunger- oder Backe-Plan“, und erhoben Unmenschlichkeit zum Prinzip. Es waren Pläne, die das Ausbeuten und Aushungern von Menschen, ihre Vertreibung, Versklavung und schließlich ihre Vernichtung zum Ziel hatten.“

[Die komplette Rede von Steinmeier, gehalten in Karlshorst, ist an dieser Stelle nachzulesen.]

Erfahrungshunger: Deutschland neuf zéro. Marie Rotkopfs „Antiromantisches Manifest“

Ein Manifest macht eine Sache sichtbar und offenbart sie – das zumindest ist die etymologische Bedeutung: manifestare, manifestus. Und darin steckt ebenso: etwas handgreiflich machen und das kann manchmal auch in einer vergröbernden Skizze und als Wutrede erfolgen. Ein Manifest ist keine Erörterung. Das prominenteste Manifest ist das der Kommunisten – von Marx und Engels als Programmschrift verfaßt. Es diente Marx und Engels dazu, unterschiedliche Menschen zu sammeln, die alle eines gemeinsam hatten, nämlich ihre Haut auf dem Markt feilbieten zu müssen. Und auf diese Weise des Sammelns sich zu organisieren und eine Partei zu gründen: nämlich die der Arbeiter. Das Manifest besaß insofern – unter anderem – eine politische Funktion. Die Manifeste der Dadaisten wiederum spielten mit dem Charakter des Manifests. Sie stellten diesen Charakter aus und stellten ihn damit zugleich in Frage. Denn wer Dadaismus als System betrieb und dazu Regeln und Manifeste schrieb, konnte im Grunde kein echter Dadaist sein. Die Surrealisten oder genauer gesagt André Breton, nahm in seinen Manifesten die Sache deutlich ernster. So ernst, daß die Bewegung der Surrealisten am Ende nur noch aus André und aus Breton bestand. Individualismus immerhin wie ich ihn schätze.

Nun gibt es von Marie Rotkopf, einer 1975 in Paris geborenen, und teils in Deutschland lebenden Autorin und Künstlerin, ein Buch mit dem Titel „Antiromantisches Manifest“ – erschienen 2017 im Hamburger Nautilus Verlag. Teils ist es lyrisch-prosaisch, teils ein politisches Manifest, das Zustände in Deutschland kritisiert, besonders den Nationalismus – zuweilen in polemischer Überspitzung. Teils ist es eine Wutrede geegn die Saturiertheit, die in Europa, die in Deutschland herrscht. Jene Betulichkeit.

Das antiromantische Manifest ist eine Sammlung von Texten bzw. unterschiedlichen Textformen, von Poesie, über Pamphlet und Polemik bis hin zu Kurzgeschichten, die in unterschiedlicher Weise um den Begriff Romantik kreisen und diesen kritisieren, ja mehr noch: ihn zermalmen. Es geht um Politik, in unterschiedlichen Konstellationen, es geht um Heimat, es geht um Deutschland und dessen Vergangenheit und das Vergessen. Und es geht vor allem – aus politischen wie ästhetischen Gründen – um ein Nicht-zu-Hause-sein, keine Heimat, kein Ort, nirgends, was ja wie man meinen könnte, auch die Utopie ist:

„Das Antiromantische Manifest ist ein Plädoyer für das Fremdsein als Fremdheit, als einzig mögliche Lebensform“

In gewisser Weise kann man dieses Manifest mit Walter Benjamins Schrift zum destruktiven Charakter zusammenschließen, dem es um ein „positives Barbarentum“ geht. Einreißen, um aufzubauen. Aber was bauen?

„Wir sind nicht empört, wir sind fertig mit dem Idealismus.

Wir verweigern die westliche Propaganda.
Wir verdammen die europäische und amerikanische Kommunikation.
Die Verdrehung des Geschichtsverständnisses,
die Obszönität der Diskurse verabscheuen wir.

Unser sehr tiefes Gefühl der Feindschaft ist zuerst einmal die Energie der Luzidität.

[…]

Aus dieser rettenden Asymmetrie in uns, dieser Opposition werden wir dann an der antiromantischen Zerstörung arbeiten.“

Fragmente der Destruktion, insbesondere aufgrund einer bösen und entsetzlichen europäischen und deutschen Vergangenheit. Die darauf folgenden Bestimmungen der Romantik, etwa als „Nostalgie für die Stände, das mittelalterliche Christentum“, „wo alles seine Ordnung haben muss, seinen Platz“ und daß Romantik eine Chiffre erschaffen habe, „um die Knechtung der Menschen zu begründen“, halte ich für eine (zudem falsche) Zuspitzung. Man kann solche Sätze, als literarische Form, dem Charakter des Textes als Manifests zuschreiben, insofern will ich sie nicht im Modus eins-zu-eins-lesen. Denn ansonsten wären sie falsch oder bedürften doch der Gegenworte. Man lese nur einmal Novalisʼ „Die Christenheit oder Europa“ oder die Schriften Friedrich Schlegels aus den 1790er Jahren: Aufklärungs- und Zeitkritik mit den Mitteln der Aufklärung und das ästhetische Bewußtsein für eine neue Zeit, die gerade nicht die Nation zum Zentrum erhob. Aufklärung ist in ihren Formen plural, auch in ihrer frühromantischen Form. „Romantik entschleiert“ heißt jenes Kapitel bei Rotkopf – es paßt der Titel insofern schön, weil es bereits jenem Novalis um den Schleier, die Entschleierung der Wahrheit und damit auch um das Bildnis zu Sais geht – und damit jenem Jüngling, der tot niederfiel, als er den Schleier hob. (Nietzsche, Nietzsche: auch dazu: das Spiel mit den Schleiern und die Wirkung der Frauen aus der Ferne, die Wahrheit als Weib, die Gründe hat, ihre Gründe nicht sehen zu lassen: auch eine Logik des Fetischismus. Aber das ist ein anderes Thema wieder.) Gegen solches Entschleiern richtete sich im übrigen einer der Züge der Romantik – aber nicht bloß, um in Mystik und im ungefähren zu verharren, sondern um einen anderen Begriff von Wahrheit ins Spiel zu bringen: Wo nicht mehr Zahlen und Figuren … Aber dazu weiter unten mehr.

Manche von Rotkopfs Polemiken treffen, so die über jenen deutschen Zynismus im Umgang mit Griechenland nach der Finanzkrise: ein deutscher Umgang, der „in der Weise zynisch [ist], wie die Deutschen vor siebzig Jahren die Kosten der Okkupation Griechenlands die Griechen selbst bezahlen ließen und wie Angela Merkel die Flüchtlingsfrage benutzte (und parallel alle Flughäfen Griechenlands verkaufen ließ), um sich eine Weile als Retterin des christlichen Europas zu krönen …“

Da stimme ich als Leser zu. Anderes scheint mir im Modus der Hyperbel oder eben im Modus der Ironie zugespitzt und verfehlt dadurch zuweilen bei mir seine Wirkung. Rotkopf polarisiert, macht sich lustig, so z.B. über Nationalismus und deutsche Misogynie:

„Im frauenfeindlichsten und antifeministischsten Land Europas: Deutschland.
Der Schoß aus dem diese Romantik, die wiederauferstandene Totale Demokratie kroch, inmitten des korrektesten und unterwürfigsten Volkes der Welt, ist fruchbar noch.“

Es erinnert die Übertreibungskaskade mich an Houellebecq, für Thomas Bernhard ist die Diktion zu französisch – was ich als Kompliment meine. Wobei ich wiederum nichts gegen Bernhard gesagt haben will, aber die Art und die Weise des Schimpfens und Bezichtigens haben vielleicht doch mehr mit der nationalen Prägung zu tun als wir es ahnen. Johann Gottfried Herder ein Stück vergröbert: der Volksgeist des Bezichtigens. Aber da die Textform Manifest heißt, liegt solche Wirkung auch in der Form gegründet. Ein Manifest ist keine theoretische Erörterung. Das ist, so denke ich mir, schon auch ein hochromantischer Zug. Die Wut, der Furor, aber auch Rotkopfs Zorn: Haß auf die Romantik. Klingt das Wort „Haß“ auf Deutsch oder auf Französisch angemessener und was gibt von der Aussprache her lautermalerisch jenen harten Untergrund besser wieder? In Französisch heißt es le haine. Das klingt weicher als der scharfe Haß. Wir Deutschen sind da vielleicht besser geeignet. Ich hätte hier gerne noch meinen romantisch-antiromantischen Liebling Kleist mit ein paar seiner Wutausbrüche zitiert, aber das führte dann nochmal fort in eine andere Richtung.

Manchmal lädt das Manifest mich gleichsam zum Gegenschimpfen ein. Auf eine mir inzwischen tief-verhaßte Linke – oder zumindest großer Teile derselben. Und in den anderen Lagern ist es ebensowenig besser: diese Erfahrung des Fremdseins teile ich womöglich mit der Autorin. Fremdsein ist übrigens eine zutiefst auch romantische Erfahrung – und dazu muß man nicht einmal Schuberts „Winterreise“ bemühen: „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.“ Und so merke ich, daß ich beim Lesen mit der Autorin in einen Dialog trete, ich ärgere mich an manchen Stellen, will Rotkopf widersprechen, Aspekte korrigieren. Romantik ist revolutionär, zumindest die Frühromantik aus Jena. Ja, auch das kann das Ziel eines Manifests sein: Sichtweisen zu irritieren, auch durchs Zuspitzen. Wie etwa dieses:

„Die konservative Rollenverteilung ist von der Mehrzahl der deutschen Paare gewollt, viel mehr noch als in den 1990er Jahren.“

Da spricht sie vermutlich eine Wahrheit aus und das mag insbesondere für Westfrauen gelten, bei den klugen Frauen aus der DDR höre ich andere Geschichten. Und bei einer auf der ganzen Linie versagenden Linken, die sich inzwischen die Identitätspolitik von irgendwelchen Binnen-Gruppen aufs Revers geschrieben hat: da tauchen die Leute, die man erreichen will, weg, werden ganz zu recht konservativ, machen es sich auf dem Sofaplaneten mit einer Decke oder einem Liebsten bequem oder sie werden zu recht unpolitisch oder geben lieber der FDP ihre Stimme als in Berlin der Linkspartei – was einfach nur sträflicher Leichtsinn wäre. Linke Politik hat dann Konjunktur, wenn sie die Leute überzeugt. Wer aber bereits alles hat, der will nicht Revolution, sondern seine Ruhe; und wer solche wie Till Raether, Mario Sixtus, Georg Diez, Sibel Schick, Stokowski, Bücker oder Paßmann sieht, der nimmt eher Reißaus, als daß er sich für Politik, Antirassismus oder für Emanzipation interessiert. Und das nicht wegen der Inhalte, sondern wegen deren Performanz. Die beste Waffe der Konservativen sind jene Weiber und Typen. Und auch gegen die teilt Rotkopf aus, sie karikiert einen lächerlichen Feminismus aus den Wohlstandsetagen von Spiegelhochhäusern:

„Fakt ist.
dass ihr seid eine Mischung aus Eva Braun, Judith Butler
und Yoko Ono
mit euren Tagen des Anderssein-Wollens
 in euren freien Ghettos
ihr merkt es nicht 
eure Referenzen,
eure Wiederholungen,
eure Kreistänze heutzutage

Ihr habt Angst vor allem
vor anderen Frauen.“

So in ihrem Gedicht „Toleranz“, das ein Wutausbruch ist und den Titel in eine schöne Paradoxie führt. Gegen die gepflegte Wohlfühllinke, die es sich in den Medien gut eingerichtet hat und sich auf Twitter jeden Tag gegenseitig masturbieren.

Gegen jene Hoffart einer identitär-kulturalistischen Linken, aber ebenso gegen einen dummen Nationalismus. (Die Jenaer Frühromantik übrigens war alles andere als ein nationales Projekt. ) Immer wieder ist bei Rotkopf jene deutsche Vergangenheit das Thema und es gibt aufgrund der Vergangenheit Deutschlands durchaus ernste Hintergründe, einen Exzeß mit Axt zu starten – zumal die Autorin jüdische Vorfahren hat; und ich wäre in diesem Falle mit dem Vergessen und Vergeben ebenfalls nicht allzu großzügig, ganz im Gegenteil. Subjektiv gesehen ist der teils kleistische Furor des Manifests verständlich. Und diese nicht mehr zu tilgende deutsche Geschichte und dieser Hintergrund motivieren den Ton dieses Manifest, und darin treffe ich mich womöglich auch mit der Autorin, wenngleich ich keine jüdischen Vorfahren, sondern nur kaschubische, hugenottische und norddeutsche habe. Andererseits gibt es wohl kaum ein Land, das – spätestens seit den frühen 1960er Jahren – derart intensiv sich mit dem schlimmsten Grauen beschäftigte. Selbst wenn dies vielfach nicht ausreichte und unter der Schicht der Normalität eben der Schrecken immer noch brodelte. So gibt es in Deutschland zahlreiche solcher Erinnerungsorte, unter denen einen andere Geschichte noch verborgen liegt, die hervorgeholt werden sollte. Wer einen Ort wie die berühmte Künstlerkolonie Worpswede bereist, wird vermutlich eher an schöne Bilder und freundliche Künstler denken, die da im eigenen Kreise in der Abgeschiedenheit von Natur und Mooren lebten und schufen.

Kritische Töne dazu – und nicht nur im Modus der Polemik gehalten – finden sich in dem „Tagebuch Worpsweder Frühling“. Rotkopf  schildert unter anderem eine Begegnung mit dem Lokalhistoriker Ferdinand Krogmann. Der zeigt ein etwas anderes Worpswede, einen befremdlichen Ort, der unter dem schönen Schein der Künstlerkolonie daliegt und was gerne in die Verdrängung gerät. Krogmann veranstaltet alternative Führungen durch die Siedlung, und diese Vergangenheit notierte Krogmann in seinem Buch „Worpswede im Dritten Reich“ (2011) und ebenfalls in „Landschaft, Licht und niederdeutscher Mythos. Die Worpsweder Kunst und der Nationalsozialismus“ (hrsg. v. Kai Artinger, Ferdinand Krogmann, Arn Strohmeyer) – was naturgemäß in Worpswede kaum mit Freude aufgenommen wurde. Solche Verdrängungen gibt es in Deutschland zahlreich und der Satz „Nun muß aber doch mal ein Schlußstrich gezogen werden!“ ist mir noch aus den 1980er Jahren bestens vertraut – nicht im Elternhaus zum Glück, aber doch vielfach im Umfeld. Von denselben Leuten meist, die nicht einmal im Ansatz überhaupt erst angefangen hatten. Was diese Leute zu wenig taten, machten wir im Übermaß. Als ob wir sie damit erlösten und sie erreichten. Aber man erreicht niemanden, der es nicht hören will. Am Ende regelt solche Dinge die Zeit. Generationen sterben aus und es kommen neue. Andererseits wurde Anfang der 1980er Jahre in der Schule das Thema derart exzessiv behandelt und das „Nie wieder!“ wurde derart zum Mantra, daß man die linken Lehrer in Zeiten des Punk nur noch mit einem „Kraft-durch-Freude“-Abzeichen am Revers des schäbigen Jacketts provozieren konnte. Zum Glück waren diese Lehrer nicht dumm und wußten, daß wir keine Nazis, sondern auf einer ähnlichen Seite standen. Womit wir, bei solchen Späßen, die vielleicht gar keine sind, auch beim Humor des französischen Satire-Magazins Hara-Kiri (dem Vorläufer von Charlie Hebdo) wären, das für Rotkopf eine wesentliche Inspiration war und mit dem sie in ihrer Kindheit aufwuchs. Und ich kann aus eigener Anschauung sagen, daß deren Witze hart, sehr hart und ganz und gar nicht politisch korrekt waren, sondern die heutige Linke würde weinend in die Ecke winseln, weil deren ganze Wokeheit hart getriggert wäre. (Zur Wokeness schrieb ich ein schönes Gedicht an dieser Stelle.)

Nein, keine Nationalromantik! Keine Wacht am Rhein und kein deutsches Wesen! Aber eine literarische Romantik aus Jena, die jenen von Rotkopf kritisierten Essentialismus auflöste, die zwar nicht die Existenz im Fragment propagierte, aber doch eine fluide und immer wieder die Fixierungen aufbrechende Sprache sang, so wie dies Novalis im „Heinrich von Ofterdingen“ tat:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die so singen, oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die [freye] Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit wieder gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die [alten] wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.“

Eine Art ordo inversus. Ein anderer Ort. Auch dieses Gedicht weist auf eine Form von Fremdheit. Oder auch mit Eichendorff gesungen, aus einer nicht mehr jenensischen Zeit:

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.“

Der deutsche Jude oder der jüdische Deutsche Adorno, der seinen Rehrücken Baden-Baden liebte („In der Erinnerung der Emigration schmeckt jeder deutsche Rehbraten, als wäre er vom Freischütz erlegt worden“ – Heimat mithin und heimisch sein), schrieb einen wunderbaren Essay über die Wunde Eichendorff, nein das war ein Scherz, einen Essay vielmehr „Zum Gedächtnis Eichendorffs“ schrieb er, und das soll und darf nicht unerwähnt gelassen werden. Adornos Rettung jener Romantik ist der Gegentext.

Rotkopfs Text ist zu großen Teilen zornig, sie rechnet mit einer Romantik ab, die sie kausal für das verantwortlich hält, was dann geschah: „Auf Vernichtung läuftʼ hinaus!“ Aber diese Dialektik der Aufklärung springt zu kurz. Es gibt aber auch schöne Sätze und gerade diese Beobachtungen und kleinen Szenen des Manifests sind es, die mir gut gefallen:

„Für gutes Essen und Trinken muss ich ein Budget haben, sonst habe ich immer den Eindruck, ich lebe nicht. In Paris versuchte ich ständig in Restaurants zu sein. Egal, auch wenn man in einer Einzimmerwohnung lebt.“

„Ich würde das Leben feiern, schon am Mittag, am Abend auch, essen, saufen, in die Bars gehen, laut reden. Ich würde es wie meine Eltern machen. Wäre ich mit Freunden aus Paris hier, in einem dieser schönen Ateliers in Worpswede, wir würden Fleisch braten und es genießen, uns betrinken, drinnen rauchen, uns streiten und in die anderen Ateliers schauen, ob es nicht jemanden gibt, mit dem man sich amüsieren kann.“

Für diese Lust und die Freude am Lieben und Leben mag ich dieses Manifest. Diese Lust und Leidenschaft ist seine Stärke. Aber es nützt andererseits nicht viel, beim „Antiromantischen Manifest“ das Spiel „Stimme ich zu. Stimme ich nicht zu“ zu starten. Interessant ist die Struktur des Textes und was die unterschiedlichen Prosa-, Essay- und Lyrikteile dabei evozieren – was sie also mit dem Leser machen. Manche der Beiträge ärgern mich, weil sie vergröbern, andere sind witzig formuliert. Wieder andere auf eine gute Weise provokativ. Und so entsteht ein Dialog mit einem Leser, der in vielem nicht zustimmt. Und in anderem doch wieder.

Ob unsere „Weltanschauung“, wie Rotkopf es nennt, wirklich eine romantische Vision sei, bleibt – unabhängig auch von der problematischen Generalisierung –, dahingestellt. Und vielleicht ist eben ein Problem unserer unromantischen Zeit genau solche Generalisierung, die eine schlegelsche und novalisschen Romantik gerade aufzulösen trachten. Doch wenn man die Verbindungslinie Romantik – Nationalismus – Auschwitz ziehen will, so greift das in meinen Augen deutlich zu kurz. Vieles an der von Rotkopf aufgespießten politischen Kritik ist zwar richtig, oft schreibt sie mit galligem Witz, doch diese Zuspitzung der Romantik ist entweder von der Sache her falsch oder im Sinne der von Rotkopf geliebten und wunderbar-brutal-witzigen und zugleich tragisch-ernsten französischen Zeitschrift Hara-Kiri ein harter Trick in Subversion und romantischer Camouflage. Man kann nämlich Rotkopfs Schreibweise von der Form her genauso gut romantisch nennen, wenn man sich an die Aphorismen der Jenaer Frühromantiker, an Friedrich Schlegels Athenäum- und Lyceum-Fragmente erinnert und auch an den Spott des Jenaer Kreises über Schiller, den sie einerseits umschwirrten und über den sie sich zugleich belustigten. Über Schillers „Horen“ schrieb Friedrich Schlegel: „Manches kritische Journal hat den Fehler, welcher Mozarts Musik so häufig vorgeworfen wird: einen zuweilenn unmäßigen Gebrauch der Blasinstrumente.“ Und ebenso zeigen sich Parallelen, wenn man die utopische Perspektive nimmt: daß es eine Gesellschaft geben müßte, in der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abgeschafft wäre. Da mag womöglich Friedrich Schlegels Satz aus seinen Vorlesungen zur Transzendentalphilosophie greifen:

„Die Sehnsucht nach dem Unendlichen muß immer Sehnsucht seyn. Unter der Form der Anschauung kann es nicht vorkommen. Das Ideal läßt sich nie anschauen. Das Ideal wird durch Spekulation erzeugt.“

Und bleibt damit zugleich im Unerreichbaren, wenn man es politisch reifiziert und nicht im Philosophischen als Unendlichkeit, als Apeiron begreift, und doch beide Gebiete als vermittelt dachte, so wie dies später dann Hegels konzipierte. Da liegen die Probleme der Ebene und das, was Hegel dann in anderem Kontext die „Schöne Seele“ nennt, die sich in der Arbeit der Gesellschaft nicht mit der schnöden Wirklichkeit schmutzig machen will. Die bestimmte Negation, wie sie auch Rotkopf betreibt, ist in dieser Hinsicht eine Zwischenfigur: Kritik des Bestehenden, die zugleich damit aber das Bestehende um eine neue und damit wiederum das bestehende erweiternde Perspektive bereichert. Eine Art negativ-positive Dialektik, die Rotkopf fährt. Auch wenn sie das Wort „positiv“ vielleicht nur bedingt gerne hört.

Heimat ist ein Raum aus Zeit, wie der Titel eines Dokumentarfilms es schön sagt. Ein Raum, der schon ist und doch zugleich noch nicht ist und vor allem ist diese Heimat nicht an die Nation gebunden. Dies wußten bereits die Romantiker wie Novalis, wenn sie die blaue Blumen suchten, und in andere Weise schrieb das einer der Denker der Utopie, nämlich Ernst Bloch, und so lautet der letzte Satz aus „Das Prinzip Hoffnung“:

„…, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

Heimat, so lautet das letzte Wort. (Es wäre schön, wenn „Nichts“ das erste Wort des Buches wäre. Das ist es aber nicht.) Nach solcher Heimat sucht auch Rotkopfs Manifest, und zwar auf eine eigene und eigensinnige und dabei schöne Weise. Trotz oder gerade wegen ihres Antiessentialismus.

Marie Rotkopf: Antiromantisches Manifest. Eine poetische Lösung
144 Seiten, 14,90 € 978-3-96054-044-1, Nautilus Verlag 2017

Drei Weihnachtsbuchtips für die stillen Tage: Ute Cohens „Poor Dogs“ (1)

Wer einen Blick in die Welt des modernen Shareholder Value-Kapitalismus der 1990er Jahre werfen will und wer dazu noch über die besinnlichen Tage sich etwas Aufregung gönnen über die Verwerfungen von Macht, Sex, Liebe und Einfluß, nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch erotischer Natur lesen will, der greife zu Ute Cohens zweitem Roman „Poor Dogs“. Der Roman taktet gleich zum Anfang mit Konkurrenz auf: zwei Weiber, ein Typ, André nämlich, Protagonist des Romans, und Eva, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, sowie die blonde Tschechin Dana. Man begegnet sich pikanterweise in einem Hotelzimmer, darin Eva nackt in einem Bett liegt und darin jene Dana hereinstürmt. Nun sind alle drei gleichermaßen pikiert und peinlich berührt, jeder auf seine Art.

Aber wie das so ist, wenn man rational die Dinge strukturiert oder sich zumindest den Schein des Rationalen inmitten der Verzweiflung geben will: Eva reagiert mit einer sogenannten paradoxen Intervention und ruft alle Beteiligten, wie das in der Wirtschaft üblich ist, zu einem gemeinsamen Meeting, um die Angelegenheit zu klären. Und genau in diesem Milieu solcher Unternehmenskultur, die alles Menschliche und auch das Nichtmenschliche der Warenwelt als eine Sache der Verhandlung und Verwertung sieht, spielt der Roman „Poor Dogs“. Es ist die Welt der Wirtschaft und der großen Unternehmensberatung, es ist der Finanzkapitalismus jener Jahre vor dem großen Crash 2008: gleichsam wie wir wurden, was wir sind. Oder wie es in dem Roman heißt: „Ficken oder gefickt werden, das ist hier die Frage!“ Und das ist durchaus im doppelten Sinne zu verstehen. Die „Poor Dogs“ sind dabei in der Sprache dieser Art von Wirtschaft die Verlierer. Und wer will in diesem Leben schon ein poor Dog sein? „Hammer oder Amboß?“ so pflegten früher die Revolutionäre zu sagen. Und das gilt erst recht für die andere Seite. Keine Schwäche zeigen.

Vor allem André will ganz und gar kein Verlierer sein, André ist rational – auf seine Weise, so wie es Narzißten sein können, die die Dinge zu ihrem persönlichen Vorteil abmessen und deren Lebensprojekt einem einzigen großen Plan folgt: dem großen Ich. Seine Rationalität ist instrumentell. André taxiert Menschen und Dinge nach ihrem Wert, dem Wert für ihn nämlich. Der Begriff der Wertschätzung erhält hier gleichsam eine weitere Wendung:

„Eva, Ariane und Swetlana fügten sich in ein Portfolio, das sich perfekt zur Gewinnmaximierung eignete. Evas Labilität verhinderte zwar, dass er sie längerfristig als stabilen Faktor einkalkulieren konnte. Zumindest aber gelang es ihr, sich vom Poor Dog zum Question Mark aufzuschwingen. Sie musst sich jedoch noch bewähren als Ehefrau und Mtter. Ariane wiederum war die Cash Cow par exellence.“

Menschen werden zunächst eingeteilt und dann erst geliebt. Wenn überhaupt. Und passen sie nicht mehr ins Portfolio, werden sie entsorgt, wie Dana. Oder benutzt wie Ariane und Eva. Frauen als Aktienpakete und Anlagemöglichkeit, um gegebenenfalls die eigenen Skills zu steigern. Ob Frau oder Unternehmen: es müssen die Zahlen stimmen. Verdinglichtes Denken par excellence.

André stammt aus gutem jüdischem Hause, der Vater ein glühender Mitterand-Sozialist und ein Laizist, und der Sohn wechselte ins andere Lager: das des Shareholder Value- Kapitalismus, der Unternehmensberatungen, der Rating-Agenturen und er versteckt seine jüdischen Herkunft nicht – anders als sein Vater, der von seinen Eltern den Namen Jean erhielt. „Der Name des Täufers, Jean, sollte hinwegtäuschen über den jüdischen Ursprung, Anpassung, die perfekte Assimilation vorspiegeln.“ Aber was die Eltern wollen, gelingt selten. Kein Laizismus, kein Mitterand-Sozialdemokratismus.

Die Figur des André: Pure Ökonomie, ökonomisches Denken als Kalkül von Zweck und Nutzen, von Einsatz und dem erzielten Profit. Und mit der Wertsteigerung soll auch die  Lustmaximierung einhergehen. Sex belebt das Leben, Sex ist für André wie das Geld ein Lebenselixier, und in dieser Art von Verdinglichung und Verquickung, die André vornimmt, denke ich beim Lesen auch an jene Houellebecq-Figuren, die ebenso die Frauen nach der Art eines Portfolios auswählen und bemesse: was gerade in der Anlagestrategie gut zu einem paßt und was an der Frau den Nutzen für den Mann optimiert. Nur daß dies bei Cohen alles viel weniger schrill und grell ausfällt, sondern in einer subtilen und darum um so gefährlicheren Tonlage daherkommt.

Diese Kombination freilich – Ökonomie, Lust, Judentum – ist, wenn man an die gegenwärtigen Falschwortschnüffler aus der Twitter-Literaturbubble denkt, nicht ganz ohne und kann schnell heikel geraten. (Im Augenblick sind die Flimsen aus der Blase aber am Wimmern und Betteln für ihren Buchblog, um Geld einzutreiben. Ich sage da nur: gebt solchen Leuten keinen einzigen Cent!) Zu häufig wird mittlerweile Literatur daran gemessen, ob sie Vorurteile produziert oder gar „rassistische“ Strukturen den Unterton bilden – dabei übersehend, daß es in der Literatur einen Modus des uneigentlichen Sprechens gibt und daß Figurenrede oder Figurendarstellung nicht eins sind mit der Meinung des Autors.Und nun ausgerechnet das: ein Jude, der das Geld liebt und auch noch Sex und der Frauen benutzt, und das gerne. Als hätte da eine Autorin einen jener ziemlich guten und eben gerade kritischen Witze der Lisa Eckhart über Vorurteilsstruktur und Charakter in ein literarisches und komplexes Bild umgesetzt und eine verdichtete Pointe zu einer Erzählung gedehnt und dann verarbeitet. Nur eben, daß Cohens Roman vor der Skandalisierung des Kabaretts von Eckhart durch die deutsche Gesinnungwacht am Rhein erschien. Aber dennoch eine interessante Gleichzeitigkeit, die den meisten entgangen zu sein scheint. Ein wenig wunderte es mich, daß da der Skandal oder zumindest das Thematisieren dieser Frage ausblieb. Daß André Jude ist, daraus macht Cohen keinen Hehl, und sie zeigt uns einen solchen von seiner hoch unangenehmen Seite und zugleich als einen ungeheuer einnehmenden, interessanten Menschen, der eben sein Ding macht, ohne daß diese Geschichte auch nur eine Quäntchen Antisemitismus enthält oder daß da Klischees reproduziert würden. Ambiguitätstoleranz. Und dieser Umstand macht die Geschichte spannend und auch gut lesbar. Cohen agiert als Autorin mit Witz und mittels Darstellung und nicht mit dem Zeigefinger. Es gibt keinen Schonraum. Ethnien und Herkunft gelten gleichermaßen als Spielmasse:

„Eine tschechische Herkunft hatte kein Renommee. Eine deutsche wäre definitiv besser. […] Es war mehr als ein Spiel. Er musste sie haben! Sie war perfekt für ihn. Und was gab es Prestigeträchtigeres als die französisch-deutsche Freundschaft samt jüdisch-christlicher Versöhnung? Eine Bayerin! War die bayerische Flagge nicht auch hellblau und weiß? Die Bayern ein semitischer Stamm! Er nahm den Montblanc-Füller, parfümierte das handgeschöpfte Papier mit ‚Land‘ von Lacoste und begann zu schreiben.“

Eine Deutsche zu heiraten, Karriere und Aufstieg im Unternehmen. Wir geraten in Cohens Roman in die Welt von Kapital, Intrige und eine bestimmte Form von Unternehmenskultur – sofern man in diesem Sinne von einer Kultur denn sprechen mag. Eine gelungene Parodie auch auf Erinnerungskitsch oder der Instrumentalisierung des Judentums. Das ist auf eine schöne Weise böse und dieses Maliziöse kommt ganz sanft daher, daß man es fast überliest. Was auch daran liegt, daß der Leser (die Leserin auch? Eva auf alle Fälle) von der Figur des André bei allem Abscheu doch auch in den Bann gezogen wird. Lauter gute und liebe Menschen, die einander nur gute und liebe Dinge tun: das ist für die Kunst in der Regel ein langweiliger Fall. Nicht umsonst zeigt etwa David Lynch in „Blue Velvet“ jene freundliche Vorstadtidylle, um sodann, nachdem der Rasen wässernde Vater einen Herzinfarkt erlitt, mit der Kamera ins Erdreich zu gleiten, wo das Gewimmel von Insekten herrscht. In Cohens Roman sind die Abgründe subtil.

Eva und André arbeiten in einer Unternehmensberatung namens McCrowly, was sicherlich nicht zufällig an den Okkultisten Aleister Crowley denken läßt, der sich ebenfalls mit Sexualmagie befaßte und zudem ein Buch mit dem Titel „The Book of Lies“ schrieb. Okkultismus sei die Metaphysik der dummen Kerls, so schrieb Adorno in den „Minima Moralia“, und das gilt in gewissem Sinne auch für den Begriff des freien Marktes als Mantra und Illusion, den all diese Gestalten aus dieser Agentur vor sich her tragen. Nur sind dies jene dummen Kerls und Kerlinnen, die sich schlau und smart vorkommen. Alles ist käuflich, alles handelbar. Und ein Narzißt wie André zieht aus alledem seine Bedeutung und bezieht alles das, was da ist, auf sich. Der Roman schildert und beschreibt. Er bewertet nichts, es werden all die Phrasen und Hohlsätze, die in dieser Welt ihre Anwendung finden, dem Leser präsentiert. Eine Art fröhlicher Positivismus. Teils düster, aber oft auch komisch. Von dieser Welt erzählt Ute Cohen in einer unangestrengten und ziemlich anschaulichen Weise. Menschen in Funktionen, noch im Privaten.

Sie denken, sie führen mit dem Aufzug gesellschaftlich nach oben, wenn sie im Team eines solchen Unternehmens wirken: Eva dünkt sich autonom, sie hat sich von unten nach oben hochgearbeitet, anders als André stammt sie nicht aus dem sogenannten guten Haus, doch sie glaubt an sich, und es lädt die Arbeit im Unternehmen zur Projektion ein: „McCrowly war nur ein Bühnenhintergrund, auf den sie die rauschhaften Bilder ihrer Zukunft projizierte.“ Man reist um die Welt, wird in fremde Länder versetzt, wie eben bei Eva, und denkt, der Glanz des Unternehmens färbe auch auf die eigene Person hab. Bedeutung wird aus dem Habitus gezogen: man liest, man ist gebildet, man kann parlieren. Lauter man. Aber all das hat zugleich seinen Preis, und wie die Protagonistin über sich selbst weiß: „Den diskreten Charme der Bourgeoisie hatte sie sich schließlich in geduldiger Nachahmung und natürlicher Mimesis erworben. Die Doppelbödigkeit einer Chabrol-Figur verkörperte sie mühelos, mit Vergnügen sogar …“ Am Ende ahnt Eva ziemlich genau, daß dieses Leben nicht stimmt und nicht lebt. Der Schluß des Romans, das Ende dieser Geschichte ist seltsam-mysteriös-offen. Da ist André, da ist Eva, beide sind bereit zu einem neuen Projekt in Transnistrien. Man verkauft dem Osten dummes Zeug. Geht die Reise in eine herrliche Utopie oder in eine Art Gemetzel und es wird die Rache Evas an ihrem Adam furchtbar sein? Die Protagonisten sind auf ihre Weise grausam. Jeder auf seine Art. Auch die am Schluß ums Leben kommende Eva-Konkurrenz Ariane. Sinnlos wäre es, von Eva bloß von einem Opfer zu sprechen. Sie macht mit und sie weiß das.

In diesem Sinne könnte dieser zweite Roman ebenfalls „Satans Spielfeld“ heißen, wie schon Cohens Debütroman über den sexuellen Mißbrauch eines Kindes in einem bayerischen Dorf. Ebenfalls agieren hier wie auch dort Menschen, die nur für eines einen Blick haben: das eigene Ich als Kraftfeld von Begehren und Aneignung.

Zwar fand ich „Satans Spielfeld“ vom Erzählen und von der Geschichte her eindringlicher und bewegender, was sicherlich auch am Thema lag. Aber auch mit „Poor Dogs“ liefert Cohen einen genauen Blick auf Menschen, die in einer Welt leben, in der ebenfalls ein großes Stück Besessenheit nötig ist. „Poor Dogs“ ist ein psychologischer Roman über einen Narzißten, der sein Ich gespiegelt sehen will, und es ist ebenso ein Roman über eine von diesem Narzißten in den Bann gezogene Frau. Und wenn diese Ichsucht als Selbsterfüllung und Selbstoptimierung zum Wohl eines Unternehmens geschieht, so nimmt diesen Effekt gerne auch das Unternehmen mit. Zwischen Manager und Verbrecher bestehen, so eine gängige These, zuweilen nur graduelle Unterschiede – zumindest gilt dies für jenen Shareholder- und Brutalo-Kapitalismus, dem es um die Dividende für seine Kunden geht. Von diesem, aber auch von Menschen, die kläglich scheitern, gerade weil sie gar nicht mehr bemerken, daß sie scheitern, erzählt dieser Roman. Er macht vergnügliche Festtage, denn er ist über weite Strecken auch komisch.

Ute Cohen: Poor Dogs. Roman. Septime Verlag 2020, 240 Seiten. EUR 22,90, ISBN 978-3902711878

Und als Ergänzung ließe sich vielleicht noch bei Matthes & Seitz erschienen von Georg Bataille lesen „Der Fluch der Ökonomie“,ebenfalls dieses Jahr erschienen.

Zum Tod von Valéry Giscard d’Estaing

Guillaume Paoli schrieb dazu die passenden Worte bzw die Ergänzungen, die vermutlich in den wenigsten Nachrufen stehen:

„Zum verstorbenen Präsidenten Giscard d’Estaing seien den Nachrufen ein paar fehlenden Fakten hinzugefügt:- Der „Modernisierer Frankreichs“ hatte als Verteidigungsminister den Hauptverantwortlichen für systematische Folter im Algerienkrieg, General Bigeard ernannt, und als Haushaltsminister den (auf französischer Seite) Hauptverantwortlichen für die Deportation der Juden im 2. Weltkrieg, Maurice Papon.– Dreimal weigerte er sich, zu Tode Verurteilte zu begnadigen. So wurde der 22jährige Christian Ranucci guillotiniert, dessen Schuld im nachhinein sehr stark in Zweifel gezogen wurde.Eigentlich war Giscard der Prototyp des Macron (oder Macron sein Nachahmer): eine Verkörperung den autoritären Liberalismus.“

Donald Trump

Den wohl treffendsten Text zu vier Jahren Donald Trump verfasste der Autor Guido Rohm. Darin pointiert er vorzüglich das Wesen dieses Mannes:

Donald Trump hatte beim Golfen erfahren, dass Joe Biden zum nächsten Präsidenten ausgerufen worden war. Aber von was, fragte sich Donald Trump, der nicht wusste, was ihm die Nachricht sagen sollte. Er war der Präsident der USA. Er hatte die Wahl mit großem Abstand gewonnen. Das hatte er eben erst, kurz vor seinem letzten Schlag, getwittert. Er war ja selbst ein wenig überrascht gewesen, die Wahl so überzeugend zu gewinnen. Ein ganz klein wenig. Na, geben wir es zu, er war nicht überrascht gewesen. Und jetzt kam diese Meldung über Joe Biden rein, der der nächste Präsident werden sollte. Vielleicht von einem drittklassigen Inselstaat. War er bereits getürmt?

Trump griff sich einen seiner Leute vom Secret Service und fragte: „Wo soll denn dieser …“ Er tat, als müsse er sich erinnern, „dieser Tom, nein, dieser Fred, auch nicht, dieser Joe Biden Präsident geworden sein?“

Der junge Mann vom Secret Service schluckte und sagte schließlich: „Ich weiß es nicht.“

Sehr gut. Solche Leute hatte er am liebsten um sich. Deshalb hatten sie doch ihn, den besten Präsidenten aller Zeiten.

Aus „Der beste und großartigste Präsident aller Zeiten“

(Zu finden an dieser Stelle)

Kleiner Nachtrag noch, sofern einige darüber sich freuen, wenn Trump nun auf die Anklagebank käme: Da allerdings wüßte ich einige geeignetere Präsidenten, die eher vor einem US-Gericht bzw. vor dem Internationaler Gerichtshof in Den Haag ihren Platz hätten. US-Präsidenten und ihre Beraterstäbe, bei denen es angesichts ihrer Verbrechen gegen Menschen und andere Länder angemessener wäre, wenn man sie angeklagt (und meinetwegen auch verurteilt) hätte: von Bush über seinen Vize Dick Cheney, samt Lyndon B. Johnson, Richard Nixon: wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Immerhin hat Trump qua Search and Destroy, Agent Orange, Brandbomben, Fake-News Tonkin, Flächenbombardement anderer Länder, Drohnenkriegen auch gegen die Zivilbevölkerung und qua Regime Change unter anderem in Iran, Chile und Libyen nicht derartiges Leid und Elend über die Welt und vor allem über Menschen gebracht. Gestern erst wieder zu sehen auf ZDF-Info eine Dokumentation über den Vietnamkrieg, die zeigte, was die USA völker- und menschenmordend in Vietnam taten und wie sie ein Land mittels Bomben, Feuer und Gift in eine Mondlandschaft verwandelten. Eine sehenswerte Dokumentation, die dann die kurze Ära Trump doch noch einmal in einem anderen Licht erscheinen läßt im Vergleich zu diesen Präsidenten.

 

 

Beim Bart des Polit-Propheten

 

Ich gehöre zu den Männern, die es lieber mögen, wenn Frauen reizende Wäsche tragen statt nacktes Nichts. Weißen Stoff oder lila, grau, rot oder petrolfarben, auch schwarz ist ok, am liebsten aber weiß. Fetischcharakter nicht nur der Waren. Auch Religion sollte den Fetisch der schönen Wäsche und der Wunden bieten. Und ist das überhaupt Erdogan, da auf dem Bild? Ist das nicht der gealterte und verkommene Hitler im Orientpuff nach dem Endsieg, der sich gehen läßt? Wer weiß das schon? Ich erinnere mich an alte Titanic-Zeiten: Papst, Kohl und FJS – Gott hab ihn selig! – mußten in der Titanic damals mehr aushalten und härtere Kost ertragen als das da. Also schleicht euch!

Niemand muß das gut finden. Aber es gehört dies zur Satire. Auch wenn es provokant und manchmal auch schlicht und dumm ist. Die Provokation der Satire wird dazu führen, daß der orientalische Despot am Bosporus sich provoziert fühlt; und das wird wiederum dazu führen, daß die andere Seite reagiert. Aufschaukelnde Spiele, die morgen verraucht wieder sind, damit neue Spiele und neues Geplänkel folgt. Böse Zungen nennen das die Gesellschaft des Spektakels. Aber es ist dies eben die Gesellschaft, und Satire darf, auch wenn es nicht schön ist, unmöglich sein: unmöglich frech und unmöglich provokant. Und in dieser Frechheit doch wieder gut, weil derart zuspitzend, daß in diesem Bild all die Doppelmoral eines Politikers sichtbar wird.

Wie dem auch sei: die Zeichner bei Charlie Hebdo sind gut! Sie habe einen coolen Strich. Gut gefallen mir auch die drei Punkte auf dem Weiberarsch, die mit denen auf des  Polit-Propheten Körper korrespondieren  und doch ganz anders sind. Doch wer diese Magazin kennt – ich kenne es seit den 1980ern, noch als sie französische Atomtest verspotteten und böse bebilderten – weiß, das sie in alle Richtungen austeilen und keilen. Nicht anders als die Titanic damals, die sich das heute nicht mehr traut, sondern Geschichtchen und lauen Schabernack für die eigene Gemeinde produziert.

Damals aber: Papst-Titelbilder, über die Linke und auch mancher Liberale seinerzeit lachten. So z.B. das nebenstehende Titelblatt, als der Papst 1980 nach Deutschland reiste. (Und ich gehe davon aus, daß die alte Crew der Titanic aus den 1980ern heute keine Berührungsängste in bezug auf den Islam und auch den politischen Islam hätte, wie er von Erdogan instrumentalisiert wird, und scharf schösse wie Charlie Hebdo.) Mit Pech gab es lediglich auf die Fresse. Das ist heute anders. Heute ist die Sache ernster. Satire kostet wieder. Gegebenenfalls auch das Leben. Immerhin sind in der Titanic-Redaktion damals zu diesem Bild keine bewaffneten katholischen Killer erschienen.

Tonspur 1. September – vorbei: auf Warschau zu

Hoch fliegen,  hoch siegen.

Und dank heutiger Öffnungen und Sublimierung in Pop kann man dem Krieg mit der unendlichen oder auch nur endlichen Liebe bzw. dem Augenblick begegnen.

„Du hast mir gezeigt
Dass es egal ist, wenn man liebt
Schmeckt der Kopf auch nach Füße
Und der Genitalbereich nach Pisse“
(Schnipo Schranke)

Dem Führer hätte es nicht behagt. Eroberungslyrik – trotzdem.

Hiroshima und Nagasaki und die Photographien von Shōmei Tōmatsu

Orkane.
Orkane, von je,
Partikelgestöber, das andre,
du
weißts ja, wir
lasens im Buche, war
Meinung
(Paul Celan)

Vor 75 Jahren begann ein neues Zeitalter, eine neue Qualität des Anthropozän: in dem der Mensch mit einem Male befähigt war, sich nicht nur auf gekonnte Weise und technisch immer ein Stück perfektionierter, vom Schwert zur Kugel, die ins Allgemeine hinein tötet, in Vereinzelung umzubringen, mit Kanonen, Raketen, Bombern, Haubitzen, Panzern und Granaten auf fremde Heere zu schießen und auf begrenztem Raume in einem Krieg zu töten, sondern er ward befähigt, mit einem Schlag die gesamte Menschheit und die Erde auszulöschen. Strahlen und Partikel, die es vermögen, im Atomblitz einen Menschen als Schatten auf einen Gehsteig oder an eine Wand zu bannen. Eine Art von Pompeji, aber als atomater Scherenschnitt.

„Nach 45 Sekunden freiem Fall (nach anderen Angaben erst nach 46 oder sogar 53 Sekunden) zündete die 4,4 Tonnen schwere Konstruktion in genau der geplanten Höhe von 600 Metern leicht nordwestlich über dem Stadtzentrum von Hiroshima. „Als die Bombe explodierte“, beschreibt der Bericht die Detonation, „wurde zuerst ein intensiver Blitz beobachtet, als ob eine große Menge Magnesium entzündet worden wäre. Weißer Rauch hüllte alles ein. Zur gleichen Zeit war zuerst im Zentrum der Explosion und kurze Zeit später in anderen Gebieten ein gewaltiges Brüllen zu hören; danach kamen eine alles zermalmende Druckwelle und intensive Hitze.“ (Welt)

„Um 8.15 Uhr steht das Leben still. Vor 75 Jahren warf um diese Zeit ein amerikanischer Bomber die erste in einem Krieg eingesetzte Atombombe über Hiroshima ab. Drei Tage später ging auch die Stadt Nagasaki unter, über der die zweite Atombombe explodierte. Etwa hunderttausend Menschen wurden getötet, bis Ende 1945 starben weitere Zehntausende Menschen an den unmittelbaren Folgen. Japan kapitulierte wenige Tage nach den Angriffen am 2. September.“ (FAZ)

Bedeutsamer als solche Berichte können manchmal die Photographien sein: als Dokument von Destruktion, Gewalt und Atom ist insbesondere Shōmei Tōmatsus 1961 entstandene Photoserie zu Nagasaki mit dem Titel „11:02 Nagasaki“ zu nennen. Eine seiner bekanntesten Photographen zeigt jene Uhr, die genau zu dem Zeitpunkt ihre Zeiger nicht mehr bewegte, als die Atombombe auf Nagasaki abgeworfen wurde und die nun, 1961 in einem Museum ausgestellt, daliegt und jene Sekunde, das Ereignis, die Zeit selbst im Grunde auf ewig und immer festhält: museal konserviert und doch ein Gedächtnis, das mehr als bloßes Museum ist, wenn man Museum als Synonym für „abgelebt und aus der Zeit gefallen“ nimmt: Tomatsu hält diese Korrespondenz von Katastrophe und musealem Blick auf Geschichte als Ausstellung eines Grauens in einem Bild fest.

Die Photographie jener Uhr, die am 9. August 1945 exakt um elf Uhr zwei stehenblieb. Eine Photographie transformiert sich zum Bild von einer Philosophie des Zeitsinns und des Endes aller Zeiten, zumindest für jene, die in Nagasaki starben oder die daran in Zukunft sterben werden. Und ebenso in Hiroshima heute vor 75 Jahren. Das, was uns museal als Dokument präsentiert wird, ist real.

Die Kraft und die Wirkung der Photographien liegen hier in ihrem ästhetischen Aufbau und der Komposition. Nicht bloße Dokumente, sondern das Spiel mit Licht, die Härte des Kontrastes prägen diese Photographien. Oder aber ein milchig-kontrastarmes Licht, das für die Photographien von Tomatsu eher unüblich ist. Dieses Bild ist klassisch komponiert, still, ruhig, sanft, fast klinisch und doch zeigt sie uns den Tod. Eine Uhr, die aus ihrem Lebenskontext gerissen wurde, denn diese Uhr lag etwa 700 Meter vom Zentrum der Explosion entfernt in der Erde vergraben. Und nun auf einem hellen Hintergrund gebettet, in einem Museum ausgestellt und von Tōmatsu photographiert. Selbst wenn die Betrachter nicht wüßten, woher diese Uhr stammte, befremdet die Anordnung, die Platzierung dieser halb beschädigten, halb intakten Uhr. Das Objekt eröffnet gerade durch das Verfahren der Dekontextualisierung (oder auch: Verfremdung) eine ganz eigene Textur des Bildes, die dem Moment von Geschichte (denn Geschichte ist immer auch Zeit) samt ihrer Destruktion sehr viel näher kommt, als die Photographien, die das Grauen unmittelbar abbilden, wenngleich Tōmatsu auch dieses (dokumentarisch) ablichtete, indem er die deformierten Menschen zeigt, die Nagasaki überlebten.

Drastische Gegenwart einer Vergangenheit, und in der photographischen Geste des Es-ist bannt die Photographie das Faktum in eine Silberschicht. Im Grunde nichts als eine Uhr, die auf einem Hintergrund aus weichem, hellem Stoff drapiert wurde – das Motiv von Vanitas bringt sich in solchen Szenen zur Geltung: Eine Zeit, ohne jegliche Zeit und es harrt alles Leben in Tod und im Regungslosen. Selten daß eine Photographie die Zeit so sehr in ein Abbild zu transformieren vermochte. 21 Jahre danach und bis heute anhaltend.

Den Kontrast zu diesem Stillleben bildet jene Photographie der geschmolzenen Flasche aus Nagasaki, die wie ein Stück Fleisch, wie ein Kadaver wirkt, als deformierter Körper in einem Gemälde von Francis Bacon. Ist das eine Schweinehälfte im Schlachthaus, ein von der Decke hängender, von seinem Kopf abgetrennter Mensch? Was der Surrealismus noch mühsam konstruierte und zu verbinden suchte: die Zufälligkeit und das verzogene, in den Zustand der Auflösung gebrachte Objekt, in einen willkürlichen a- oder besser anders-logischen Zusammenhang versetzt, oder das Traumgebilde, welches entweder aus der Welt gefallen oder nicht von dieser Welt zu sein scheint, das verdichtet Shōmei Tōmatsu in dieser Photographie zu einer vertrackten Komposition. Abstraktion, Gegenständlichkeit, surreale Anordnung und Geschichtlichkeit konvergieren in einem „dialektischen Bild“: Was da derart deformiert daliegt, ist das geschmolzene Glas nach einer Katastrophe.

Auch hier sagt Kunst mehr als eine diskursive Erläuterung: Kunst zeigt, was ist und liefert uns in den Betrachtungen und den Interpretationen einen Spielraum, dies, was kaum irgendwie anschaulich zu machen ist, doch in einen Horizont zu holen. Nicht den der Sinngebung, außer vielleicht man betrachtet das vollständig Sinnlose irgendwie noch als Sinn. In solchen Photographien geschieht vielleicht nicht das, was Adorno die „Rettung des Sinnlosen“ nennt, sondern eher eine Visualisierung dieses Verhältnisses. Ob uns freilich solche Werke mahnen, wage ich zu bezweifeln. Allenfalls halten sie ein Bewußtsein wach.

Zur Gewalt in Stuttgart und zu einem Text von Hengameh Yaghoobifarah

Nichts daran ist gutzuheißen, wenn ein Mob in den Straßen randaliert. Aber es ist eben auch an eine andere Form von Gewalt zu erinnern, wenn solche Sätze fallen „Stuttgart hat eine solche Gewalt noch nie erlebt“:

„Ach ja? Erinnerung 2: Beerdigung von Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Jan-Carl Raspe, 27. Oktober 1977. Nach dem Verlassen des Dornhaldenfriedhofs werden wir aus dem Nichts von im Wald rechts und links der Straße postierter Polizei angegriffen, darunter Berittene, die in die Menge stoßen. Wir werden auf eine Straßensperre zugetrieben, in der die Personalien der Beerdigungsteilnehmer*innen aufgenommen werden sollen. Wir entwischen, entkommen in eine belebte Fußgängerunterführung, Motorradpolizei jagt hinter uns her, Passant*innen springen gerade noch zur Seite, entsetzte Schreie. Einer von uns stürzt, drei Polizisten stoppen, steigen vom Motorrad, prügeln entfesselt auf den am Boden Liegenden ein, immer wieder, immer wieder. Ein alter Mann kann sie stoppen, indem er sich schützend dazwischen stellt und laut ruft: „Schämen Sie sich nicht!“. Die Polizisten steigen auf ihre Räder und fahren, wieder durch die Passant*innen hindurch, aus der Unterführung heraus. Der alte Mann gibt uns etwas Geld, wir fahren mit dem Zug nach Mannheim, rufen zuhause Freunde an, werden eineinhalb Stunden später abgeholt.

stuttgart.“

(Gefunden bei Thomas Rudhof-Seibert. Dessen Buch „Zur Ökologie der Existenz. Freiheit, Gleichheit, Umwelt“ ich sehr zum Lesen empfehle)

Gewalt ist vielfältig. Und auch an die Gewalt von Polizisten ist zu erinnern – in unterschiedlichen Kontexten -, ebenso wie an die Gewalt von der anderen Seite, wie ich sie vielfach als sinnlose Gewalt auf den Demos zum 1. Mai erlebt habe, wo nicht die Politik auf der Straße ist, sondern ein Mob wütet und Riots simuliert. Und manchmal gibt es auf Demos und bei Kontrollen auch unverhältnismäßige Gewalt von der Polizei. Der Tod von Oury Jalloh, obwohl zwar von Gerichten aufgearbeitet, hinterläßt eine Vielzahl an noch offenen Fragen. „Im Verlauf der Prozesse wurden zwei weitere ungeklärte Todesfälle im Kontext mit Festnahmen durch Polizisten der Dessauer Polizeiwache Wolfgangstraße 25 bekannt.“ So heißt es bei Wikipedia. Auch hier bleiben also viele Fragen. 

Nur gibt es für solche Gewalt der Polizei keinen Freibrief für Pauschalkritik oder Satiren, die man nur mit Mühe bis gar nicht als Satire ausmachen kann und denen es nicht darum geht, auf Probleme zu weisen, sondern wo eine Autorin ihren Haß lediglich auf eine triviale Weise verbreitet – ohne Witz, ohne Esprit und mit bitterbösem Ernst, wie dies bei der taz-Kolumne von HengamehYaghoobifarah. Trivialkritik bestimmt den Ton und abgelatschte Bilder. Daß Satire ihren Gegenstand nicht unterlaufen, sondern sich ihm gewachsen zeigen sollte, hat jene auch in ihren sonstigen Texten grauenvolle Schreibmamsel HengamehYaghoobifarah nicht gut begriffen. Eine Polizei, die solche Feinde hat, braucht keine Freunde mehr, die sie verteidigen. Das erledigen dann solche taz-Kolumnen wie von selbst.

Allerdings: Frau Yaghoobifarah fährt die üblichen Provokationen im taz-Muffmilieu – dafür wird sie gebucht – und sie macht das, was sie am besten kann: ihren Gegenstand intellektuell unterlaufen oder besser: unterrollen. Gelungene Satire steht jedoch über ihrem Gegenstand und zeigt sich ihm gewachsen – das könnte sogar die Polizei sein, wobei ich mit der deutschen Polizei inzwischen eigentlich ganz zufrieden bin und nur wenige Probleme sehe, zumindest wenn ich es im Vergleich mit Frankreich, den USA und anderen Ländern sehe – von Rußland, der Türkei und China will ich gar nicht schreiben. Die Polizei ist zudem, wie viele Gruppen dieser Gesellschaft, ziemlich gemischt: es gibt solche und solche, und in Berlin beträgt der Anteil von Migranten bei der Polizei inzwischen ein Drittel: sollen die auch auf der Müllkippe entsorgt werden, wie weiland schon Gauland eine SPD-Politikerin mit Migrationshintergrund in Anatolien entsorgen wollte? Interessant, daß jene, die für alles mögliche Differenzierung einfordern, diese plötzlich aussetzen lassen und einen ganzen Berufsstand diffamieren, getarnt dann als Satire. Und jene, die sich vor ein paar Monaten noch über irgendwelche harmlos-trüben Greta-Witzchen von Dieter Nuhr aufregten oder bei der großartigen, witzigen und in der Tradition von Harald Schmidt stehenden Lisa Eckhart Antisemitismus witterten, werden bei solchem untertourigem Scheiß, wie ihn die taz produziert, zu Alles-Entschuldigern. Immerhin wird auch in der taz dieser Beitrag intern und auch öffentlich kritisch debattiert.

Daß Blätter wie SpOn und taz Nichtskönner aus der dritten Reihe zum Provozieren buchen, muß man wohl hinnehmen. Es korrespondieren solche Phänomene mit der lange schon ruinierten politischen Debatte. Diese Leute sind das Pendant zu Lichtmesz, Sellner, Kubitschek et al. (wie provoziert man Linke gut, fragte er in seinem Buch „Mit Linken leben“) und es fing solches Larifari an mit Talkshows wie Sabine Christiansen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, wo dem Zuschauer simuliert wurde, er sähe da politische Diskussion und Meinungsbildung. Aber: wer Scheiße bucht, dem fliegt irgendwann die Scheiße um die Ohren.

Ein Text, wie der von Frau Yaghoobifarah ist schon deshalb eine mißlungene Satire, weil ihm jeder doppelte Boden fehlt. Der Text tritt mit einem verbitterten und verbissenen Ernst auf – und auch das ist das Gegenteil von gelungener Satire. Yaghoobifarahs Texte entstammen aus derselben humorbefreiten Zone aus der auch das Geschreibe eines Leo Fischers stammt. Trivialer Politikitsch getarnt als Satire. Bei Yaghoobifarah handelt es sich um einen Polit-Kommentar aus dem intersektionalen Gewalt-Milieu wie man es teils auch an den Universitäten erleben kann, wenn Vorlesungen verhindert werden sollen und die demokratischen Rederechte ausgesetz werden, wie zu Stalin Stalinsens Zeiten: man will eine bewußt aggressive Linie fahren und man will qua Predigt die Leute aus dem eigenen Milieu erreichen – wobei das wohl selbst taz-intern mißlungen ist – hoffen wir, daß die Minderleisterin dort rausfliegt. Aber das wird, fürchte ich, nicht passieren.

Diesselben Leute, die diesen Text nun verteidigen, würden freilich das politische Gemeinwesen in Gefahr sehen, wenn Don Alphonso oder Birgit Kelle sowas in der WELT geschrieben hätten – nur eben statt Polizei dann „junge männliche Migranten“ – die auf einer Müllkippe dann unter ihresgleichen sind und da dann ihre Aggression auslassen und Frauen begrapschen können. Die Frage hier ist nicht, daß Kritik an der Polizei geübt wird, sondern das Wie steht zur Debatte. Der Text von Yaghoobifarah beraubt sich selbst also eines berechtigten Anliegens.

Demnächst werden zahlreiche Karstadt-Filialen geschlossen. Das interessiert die Leute, ihre wirtschaftliche Existenz, die Fragen politischer Ökonomie und wie Arbeit in einer Gesellschaft organisiert ist und ob es sie überhaupt gibt und zu welchen Bedingungen, und nicht irgendwelche halbgaren Verteidigungen dieser Frau und eine läppische Linke, die schon lange abgewirtschaftet hat, und die diesen Mist auch noch goutiert, anstatt schamvoll zu schweigen, daß man auch solches Dick- und Dumpfgemüse in den eigenen Reihen hat. Die Mehrheitsgesellschaft sollte zusehen, daß solche Leute eine Minderheit bleiben. Es ist sehr leicht, wenn irgendwelche weißen Jüngelchen und Mädchen ihre Black Lives Matter-Schilder auf Demos hochhalten. Gibt es auch solche für die rumänischen Arbeiter in den Schlachhöfen? Das wäre schön, wenn einmal die Arbeitsbedingungen hier in der BRD zum Thema würden. Auch das ist Gewalt.

Und für Frau Yaghoobifarah noch ein kleines Gedankenspiel: Beim nächsten Nazi-Aufmarsch durch Neukölln bleibt die Polizei einfach mal zu Hause: mal sehen, wer der Sieger bleibt. Und da wird es wohl für diese Linke nicht wie in dem Ton Steine Scherben-Song heißen: „Die letzte Schlacht gewinnen wir!“ Und das wird dann sehr unwitzig.

The times, they are a changing! Paßt auf, daß ihr die Anschlußzüge nicht verpaßt!

Vom Kaufhausbrand, vom RAF-Land, von Irrtum und von Wirrwarrsound – Kunst und Praxis

„Eure ‚Ordnung‘ ist auf Sand gebaut. Die Revolution wird sich morgen schon ‚rasselnd wieder in die Höh‘ richten‘ und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: ich war, ich bin, ich werde sein!“
(Rosa Luxemburg, letzter Artikel in Die Rote Fahne, Nr. 14.
Jahrgang 1919, 14. Januar 1919: „Die Ordnung herrscht in Berlin“)

„Die intellektuelle Verzweiflung mündet weder in Weichlichkeit noch in den Traum, sondern in die Gewalt. (…) Es geht lediglich darum, zu erkennen, wie man seine Wut in die Tat umsetzen kann: ob man sich wie Verrückte, um Gefängnisse bloß im Kreis drehen oder ob man sie niederreißen will.“
(George Bataille, Das finstere Spiel (1929))

„Die Revolution sagt:
ich war
ich bin
ich werde sein“
(RAF-Auflösungserklärung März 1998)

Himmelfahrt schien mir ein guter Tag zu sein, um einen weiteren Text über die RAF zu schreiben bzw. in diesem Fall über eine Art Vorlaufgeschehen. Der Blogger che2001 hatte an dieser Stelle eine kleine Geschichte und einen Abriß der sozialen Bewegung gegeben und auch etwas zur Theorie des Antiimperialismus geschrieben. Diese Fragen haben mich spätestens zum Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts wenig, um nicht zu sagen gar nicht interessiert. Ich kam aus einer anderen Ecke, zwar nicht unbedingt politisch völlig anders, aber ich sah mich und sehe mich bis heute nicht als Teil irgendeiner Bewegungslinken, des Genossentums oder als jemand, der sich in irgendeiner sozialen Bewegung engagiert oder dort mitmacht, und ich weiß nicht einmal, ob ich mich selbst als links bezeichnen würde. Nein, vermutlich nicht.

Ich kam Anfang der 1980er Jahre von der Kunst, der Literatur, von der Ästhetik sowie den Ausläufern von Punk und Krachmusik wie der der Einstürzenden Neubauten, und einer an Marx, Hegel, Adorno, Benjamin und Marcuse orientieren Gesellschaftsanalyse her – das, was man klassischerweise Kritische Theorie nennt, deren Rezeption wesentlich durch einen jugendlichen Blick und damit durch eine politische Brille geprägt war, die sich Texte eben auch passend bog. Wobei mir Adorno in seiner Zurückhaltung gegenüber dem blinden Aktionismus der wilden Bürgerkindchen noch der liebste war. Diese Mischung philosophischer Texte zur Gesellschaft paarte sich – freilich alles rudimentär und kaum in einem systematischen, gründlichen Studium – mit französischem Einschlag: Sartre und auch Foucault; und dazu eine Minimallektüre Martin Heidegger, der ja in einem gewissen Sinne ebenfalls zu den französischen Denkern zählt, war doch Freiburg eine gute Zeit lang nach dem zweiten Weltkrieg in französischer Verwaltung und wurde Heidegger nachdem zweiten Weltkrieg vor allem in Frankreich von so unterschiedlichen – linken – Denkern wie Sartre, Lacan, Lyotard, Foucault, Deleuze und auch Derrida in aufgeschlossener Weise rezipiert.

Das ewige Denken in Oppositionen verstellte in diesen Fragen der Philosophie wie auch denen hinsichtlich der Gesellschaft den Blick und noch viel mehr geschieht hierbei die Einengung des Blickes durch einen vorgeprägten Referenzrahmen. Philosophie geht es nicht in unidirektionalem Zugriff um die unmittelbare Frage, wie mittels Praxis und Aktion Gesellschaft sich wandelt, gar revolutioniert, sondern sie nimmt Bedingungen von Denken in den Blick, fragt nach den Möglichkeiten von Praxis, fragt nach den Möglichkeiten ihrer eigenen Möglichkeit, fragt, wenn man im Feld der politischen Philosophie unterwegs ist, auch danach was Gemeinschaft und Gesellschaft überhaupt sind, unter bestimmten Bedingungen, fragt nach den Formen unseres Denkens, um solche Bestimmungen von Praxis überhaupt erst zu leisten, und dazu gehört zugleich die Besinnung und Bestimmung der Theorie. Ihre Fragen sind die nach dem Guten, dem Gerechten, nach der Freiheit und mit all dem verbunden insbesondere nach der Schönheit auch.

Was mich damals – neben dem Politischen – an der RAF bzw. an deren Anfängen interessierte, war die Verbindung von Kritik, Theorie und Praxis in Fragen der Gesellschaft und aufs Feld des Ästhetischen gewendet die Kombination von Phantasie, Surrealismus und Gewalt, und zwar als ästhetische Praktik, wie sie im Surrealismus angelegt war – aber eben nicht nur ästhetisch und als Kontemplation am Ende, wie sich zeigen wird. Oder um es mit einem kleinen Band von Karl Heinz Bohrer aus dem Jahr 1970 zu sagen: „Die gefährdete Phantasie, oder Surrealismus und Terror“. Nicht als Glorifizierung solchen Gewaltprojekts, das mag in den Jahren der Jugend und in einer politischen Naivität damals eine gewisse Rolle gespielt haben: man könne der schlechten Gesellschaft, man könne einer parlamentarischen Demokratie (mit all ihren Tücken freilich) mit einem Aktionismus beikommen – eine Art Verklärungshaltung, weil all die Aufstände gegen das sogenannten „System“ von Erfolglosigkeit gekrönt schienen, statt einmal die Perspektive zu verändern und den Gedanken auch zu wagen, daß all diese Veränderungen in kleinen Schritten geschehen – zumal in einem doch demokratischen System, das viele Spielräume zuläßt und über Öffentlichkeit, soziale Bewegungen und Debattenkultur zumindest Möglichkeiten besitzt. Zudem sind Morde und die Verletzung von Menschen, wie das schon bei der Baader-Befreiung 1970 geschah, keine Kunstaktionen, sondern fallen in die juristische Kategorie. Wie jeder andere Terror in einem Rechtsstaat auch.

In diesem Sinne bezieht sich die Bezeichnung „Surrealismus und Terror“ auf eine frühere Phase des Studentenprotests, im Grunde also eine Form von Widerstand seit Mitte, Ende der 1960erJahre, als es noch keine RAF gab; nämlich wie das in den politischen Happenings und auch den „Subversiven Aktionen“ betrieben wurde. Zu solchem Konzept gehören dann später auch die Aktionen der Kommune I in Berlin, die sich ihre Aktionen und vor allem ihre Provokationen der bürgerlichen, der teils kleinbürgerlichen Gesellschaft sehr genau von der Kunst abgeschaut hatten. Denn diese Aktionen hatten bereits in der Kunst der späten 1950er Jahre ihre Vorläufer, vor allem in der politisch-praktisch-ästhetischen Situationistischen Internationale und in der BRD in der SPUR-Gruppe in München, wo Dieter Kunzelmann mit beteiligt war. (Kunzelmann lebte später auch in der KI und war 1969 mitverantwortlich für einen – zum Glück gescheiterten – Anschlagsversuch auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin.)

Aber ebenso bestanden die Vorläufer solcher ästhetischen Entgrenzung in der Kunstform des Happenings der späten 1950er Jahre sowie beim Fluxus im Rheinland, der Wiener Gruppe, was die Entgrenzung der Literatur betraf, und dem Wiener Aktionismus, wobei der Begriff als solcher erst Ende der 1960er ins Spiel kam, aber die grenzüberschreitenden Kunstaktionen von Herman Nitsch und Günter Brus fanden bereits in den Anfang der 60er statt. Out of the limit.

Was alle diese letztgenannten Bewegungen jedoch im Unterschied zu den Situationisten und der SPUR-Gruppe ausmachte, war der Umstand, daß nicht unmittelbarer Agitprop (oder zumindest Formen desselben) das Ziel war und es floß auch nicht unmittelbar das Soziale als direkte politische Aktion in die Kunst ein, sondern diese Verweise stellten sich – etwa bei Beuys – erst auf vermittelte Weise ein. Das sollte sich vorab schon mit den Situationisten ändern, die wiederum (unter anderem) auf Bretons Surrealismus-Manifeste rekurrierten. Und diese Linie politischer, in die Gesellschaft aktiv eingreifender und ebenso einer entgrenzenden Kunst, die die Trennung von Leben und Kunst aufzuheben gewillt war – das also, was man die Souveränität der Kunst nennen kann-, zog sich bis zu jenen Aktionen der Berliner Kommune I. Dazu sei zunächst jenes von der K1 verbreitete Flugblatt sowie das zum Verständnis des Kontextes wichtige Flugblatt 6 zitiert, darin es einerseits um konkrete Politik, aber auch um eine Art Happening geht:

Flugblatt Nr. 6

Neue Demonstrationsformen in Brüssel erstmals erprobt

In einem Großhappening stellten Vietnamdemonstranten für einen halben Tag kriegsähnliche Zustände in der Brüsseler Innenstadt her.

Diese seit Jahren größte Brandkatastrophe Belgiens hatte ein Vorspiel. Zur Zeit des Brandes fand in dem großen Kaufhaus A l’innovation (Zur Erneuerung) gerade eine Ausstellung amerikanischer Waren statt, die deren Absatz heben sollte. Dies nahmen eine Gruppe Antivietnamdemonstranten zum Anlass, ihren Protesten gegen die amerikanische Vietnampolitik Nachdruck zu verleihen.

[…]

Der Verlauf des Happenings spricht für eine sorgfältige Planung: Tags zuvor fanden kleinere Demonstrationen alten Musters vor dem Kaufhaus mit Plakaten und Sprechchören statt und in dem Kaufhaus wurden Knallkörper zwischen den Verkaufsständen gezündet. Das Personal wurde an derartige Geräusche und Zwischenfälle gewöhnt. Die Bedeutung dieser Vorbereitungen zeigte sich dann bei Ausbruch des Feuers, als das Personal zunächst weder auf die Explosionen noch auf Schreie und Alarmklingeln reagierte. Maurice L. zu dem Brand: ‚Sie werden verstehen, dass ich keine weiteren Angaben über die Auslösung des Brandes machen möchte, weil sie auf unsere Spur führen könnten.‘

Das Feuer griff sehr schnell auf die übrigen Stockwerke über und verbreitete sich dann noch in den anliegenden Kaufhäusern und Geschäften, da die umgebenden Straßen für die anrückende Feuerwehr zu eng waren. Der Effekt, den die Gruppe erreichen wollte, dürfte wohl ihren Erwartungen voll entsprochen haben. Es dürften im Ganzen etwa 4000 Käufer und Angestellte in die Katastrophe verwickelt sein. Das Kaufhaus glich einem Flammen- und Rauchmeer; unter den Menschen brach eine Panik aus, bei der viele zertrampelt wurden; einige fielen wie brennende Fackeln aus den Fenstern; andere sprangen kopflos auf die Straße und schlugen zerschmettert auf; Augenzeugen berichteten: ‚Es war ein Bild der Apokalypse‘; viele erstickend schreiend. Das Riesenaufgebot an Feuerwehr und Polizei war wegen der Neugierigen und der ungünstigen Raumverhältnisse außerordentlich behindert – ihre Fahrzeuge waren mehrmals in Gefahr, in Brand zu geraten.

Maurice L.: „In der vorigen Woche hatten wir eine anonyme Bombendrohung an das Kaufhaus durchgegeben, um festzustellen, welche Maßnahmen die Polizei und welche Sicherungsmaßnahmen das Kaufhaus ergreifen.“ – Da zu erwarten war, daß die Betroffenen die Ursachen des Brandes mißdeuten würden, hatte die Gruppe nach Maurice L. schon Tage zuvor und vor allem am Tag des Großhappenings Flugblätter verteilt, die auf die Zustände in Vietnam hinwiesen und empfahlen, die Ausstellung im Kaufhaus A l’innovation „hochgehen“ zu lassen. Nach sieben Stunden erst war das Großfeuer unter Kontrolle – der Schaden beträgt nach vorsichtigen Schätzungen ca. 180 Mill. DM.

Über die Ursachen des Brandes wurden von der Polizei bisher noch keine genauen Angaben gemacht. Obwohl alle Anzeichen für dieses Großhappening sprechen, wie es Maurice K. schilderte, wagen Polizei und Öffentlichkeit bisher nicht, die Antivietnamdemonstranten offen zu beschuldigen, da dies einem Eingeständnis einer erfolgten weitgehenden Radikalisierung der Vietnamgegner gleichkäme. Es könnte zudem bewirken, daß andere Gruppen in anderen Städten wegen der Durchschlagkraft dieses Großhappenings nicht nur in Belgien zu ähnlichen Aktionen ermuntert würden. Und selbst wenn sich durch eine Unvorsichtigkeit der Demonstranten die Urheberschaft dieser oben genannten Gruppe eindeutig herausstellen würde, dürfte dies nicht dazu führen, daß die Polizei das Ergebnis veröffentlicht, da der obige Effekt der Ermunterung anderer Gruppen eine solche Veröffentlichung inopportun erscheinen läßt.

Kommune I (24.5.67)“

Und im Flugblatt 7 heißt es dann provokant-witzig und zugleich doch mit einem ernsten Hintergrund, wenn Tote mit zweierlei Maß gemessen werden:

„Mit einem neuen gag in der vielseitigen Geschichte amerikanischer Werbemethoden wurde jetzt in Brüssel eine amerikanische Woche eröffnet: ein ungewöhnliches Schauspiel bot sich am Montag den Einwohnern der belgischen Metropole:

Ein brennendes Kaufhaus mit brennenden Menschen vermittelte zum erstenmal in einer europäischen Grossstadt jenes knisternde Vietnamgefühl (dabeizusein und mitzubrennen), das wir in Berlin bislang noch missen müssen.“

Flugblatt 8 setzt fort und steigert:

„Wann brennen die Berliner Kaufhäuser?

Bisher krepierten die Amis in Vietnam für Berlin. Uns gefiel es nicht, dass diese armen Schweine ihr Cocacolablut im vietnamesischen Dschungel verspritzen mussten. Deshalb trottelten wir anfangs mit Schildern durch leere Straßen, warfen ab und zu Eier ans Amerikahaus und zuletzt hätten wir gern HHH in Pudding sterben sehen. Den Schah pissen wir vielleicht an, wenn wir das Hilton stürmen, erfährt er auch einmal, wie wohltuend eine Kastration ist, falls überhaupt noch was dranhängt…es gibt da so böse Gerüchte. Ob leere Fassaden beworfen, Repräsentanten lächerlich gemacht wurden – die Bevölkerung konnte immer nur Stellung nehmen durch die spannenden Presseberichte. Unsere belgischen Freunde haben es endlich den Dreh heraus, die Bevölkerung am lustigen Treiben in Vietnam wirklich zu beteiligen: sie zünden ein Kaufhaus an, dreihundert saturierte Bürger beenden ihr aufregendes Leben und Brüssel wird Hanoi. Keiner von uns braucht mehr Tränen über das arme vietnamesische Volk bei der Frühstückszeitung zu vergiessen. Ab heute geht sie in die Konfektionsabteilung von KaDeWe, Hertie, Woolworth, Bilka oder Neckermann und zündet sich diskret eine Zigarette in der Ankleidekabine an. Dabei ist nicht unbedingt erforderlich, dass das betreffende Kaufhaus eine Werbekampagne für amerikanische Produkte gestartet hat, denn wer glaubt noch an das `made in Germany´? Wenn es irgendwo brennt in der nächsten Zeit, wenn irgendwo eine Kaserne in die Luft geht, wenn irgendwo in einem Stadion die Tribüne einstürzt, seid bitte nicht überrascht. Genausowenig wie beim überschreiten der Demarkationslinie durch die Amis, der Bombardierung des Stadtzentrums von Hanoi, dem Einmarsch der Marines nach China. Brüssel hat uns die einzige Antwort darauf gegeben:
burn ware-house, burn!
Kommune I (24.5.67)“

Man muß freilich dazu sagen: das legendäre Kaufhaus „À l’innovation“ in Brüssel brannte am 22. Mai 1967 wegen eines technischen Defekts ab und nicht wegen eines Anschlages. Ironie der Geschichte: es fand darin zu dieser Zeit eine Sonderausstellung statt, die amerikanische Konsumgüter, Waren also, präsentierte. Auch ein Angriff auf den Fetischcharakter dieser seltsamen Objekte, so ließ es sich von den Studenten deuten. Das eben war die Crux und hier trug sich also, quasi durch eine List der Geschichte, das Feuer über Vietnam gleichsam symbolisch zurück in die Warentempel. Nur eben diesmal auch mit Toten. Es starben in Brüssel 251 Menschen. Keineswegs aber hatten die Studenten eine Brandstiftung als Form des Protests benutzt, um politisch Aufmerksamkeit zu erzielen, so wie sie es vorgaben. Sie spielten jedoch mit dem Reizwert durch scheinbare Inszenierung sowie dem darauf folgenden medialen Echo, das solche Flugblattaufrufe unmittelbar nach sich ziehen würde. Ästhetisch wie auch politisch besaßen diese Flugblätter der K1 einerseits etwas (gewollt) Provokatives, um gegen gesellschaftliche Konventionen und die sogenannten Regeln des Anstandes zu verstoßen, aber auch um auf eine Doppelmoral aufmerksam zu machen, wenn es um Tote ging. Sie borgten zwar von den Situationisten und der Münchener SPUR-Gruppe, aber sie waren eben auch ästhetisch-naiv einerseits und politisch doch zugleich herausfordernd und provokant. Aktionen, die vermutlich heute noch provozieren und verärgern würden. Um so heftiger müssen die Reaktionen damals gewesen sein, zumal von einer Springer-Presse, die hier kräftig anheizte und damit ebenso zur Eskalation beitrug.

Vor allem aber spielte die K1 mit der Grenze zwischen politischer Aktion und ästhetischer Fiktion. Nagelte man man sie gerichtlich, wie dies dann auch geschah, als Anstifter zum Attentat fest, so konnten sie sich damit entschuldigen, daß diese Dinge als eine Kunstform gedacht waren. Entschärfte man es dann als Kunst, wie dies in bestimmten Zirkeln eines linken Establishments inm Kulturbetrieb geschah, so ließ sich frech kontern, daß es hier aber doch mehr noch um Politik ginge. Dabei hatten die Mitglieder der K1 aber in bezug auf die Frage der Gewalt, die ja zunächst in den Augen der Studenten eine gesellschaftliche war, sehr wohl Motive des Surrealismus aufgenommen: man denke vor allem an André Bretons Satz aus dem Zweiten Manifest des Surrealismus von 1930:

„Die einfachste surrealistische Handlung besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings soviel wie möglich in die Menge zu schießen. Wer nicht wenigstens einmal im Leben Lust gehabt hat, auf diese Weise mit dem derzeit bestehenden elenden Prinzip der Erniedrigung und Verdummung aufzuräumen, der gehört eindeutig selbst in diese Menge und hat den Wanst ständig in Schußhöhe.“

Das ist zwar, wie auch das Bataille-Zitat im Eingang, einerseits als Aktionsprosa zu lesen, als Kunst, als brutale Phantasie im Sinne des Als-ob, denn getan hat es Breton am Ende eben doch nicht, aber es würde seine volle Wirkung nicht entfalten, stellte der Leser sich nicht vor, daß solcher Amok auch in der Wirklichkeit sich zutragen könnte und Breton realiter schösse. Nicht nur mit Worten. Was wäre, wenn Breton zum Revolver griffe und in die Menge schösse? Das ist dann nicht mehr bloß ein ästhetischer Akt. Gewalt zurück auf die Straße zu tragen, wenn auch teils nur symbolisch als eine besondre Form von Protest als/mit Kunst (aber eben nicht nur!), Protest etwa gegen den Krieg und die Toten in Vietnam, war auch das Ziel des Studentenprotest.

Jener Aspekte der Konsumkritik, wie sie die Kommune I im Sinne einer an Marx, Marcuse, Freud und Reich orientierten Gesellschaftskritik übt, findet sich allerdings bereits in einem Text der SPUR-Gruppe, nämlich 1962 in ihrem SPUR-BUCH, Heft 5. Er ist verbunden mit den Fragen künstlerischer Kreativität und einem kreativen Individuum überhaupt, teils auch in böser Ironie und Spott. Übertitelt ist das Kunst-und-Leben-Pamphlet mit der Zeile KANON DER REVOLUTION:

„Warum sind wir die einzigen Revolutionäre? Alle anderen werden durch Nicht-Kreativität von riesigen Kulturkaufhäusern gespeist; unsere Revolution fundamentiert nicht auf der Passivität aller – das Maul des Zivilisationsdrachens kotzt Meere von wohlverpackten Gütern auf die suggerierte Nachfrage der manipulierten Verbraucher.

Jeder muß kreativ werden:

Wer gerne mit Glaskugeln spielt, bekommt einen Park mit Glaskugeln. James Dean bekommt seinen Schamanenbaum, der aussieht wie die Raktenbasis von Cap Canaveral. Wer einen Mythos braucht, erhält spesenfrei und per Nachnahme seine Mutter Gottes ins Haus geliefert, damit er sich im göttlichen Beischlaf befriedige. Wer ‚Panem et Circenses‘ schreit, wird in Schlagsahne versinkend die Holi-Origen feiern, bis sein orgastischer Schrei röchelnd ins Leere fällt.“

Doch gerade die letzten Passagen klingen seltsam aktuell, obwohl sie inzwischen 58 Jahre alt sind – im Raum des Popkulturellen und im Angebot der Kulturindustrie, die noch die unterschiedlichsten Gruppen zu bespaßen sich anschickt, hat sich wenig verändert. Und auch hier wieder eine Kritik an Kultur als Ware. [Seit den 2000er Jahren gibt es in Berlin das Kulturkaufhaus Dussmann – und was das Paradoxe ist, wenn man diese Kritik nimmt: es ist in der Auswahl der Waren, also der Bücher, der CDs, der DVDs nicht einmal schlecht, sondern ganz und gar hervorragend. Man möchte es gar nicht missen. Es ist das, was damals für das Kind in Hamburg das herrliche „Spielzeug Rasch“ war: ein Paradies, eine Traumlandschaft. (Dazu müßte man nun Benjamins Passagenwerk gegenlesen und einige Zitate bringen, aber das führte den Text in eine andere Richtung.)]

„Alle diese Produkte sind im Begriff, sich als Ware auf den Markt zu begeben. Aber sie zögern noch auf der Schwelle. Dieser Epoche entstammen die Passagen und Interieurs, die Ausstellungshallen und Panoramen. Sie sind Rückstände einer Traumwelt. Die Verwertung der Traumelemente beim Erwachen ist der Schulfall des dialektischen Denkens. Daher ist das dialektische Denken das Organ des geschichtlichen Aufwachens. Jede Epoche träumt ja nicht nur die nächste sondern träumend drängt sie auf das Erwachen hin. Sie trägt ihr Ende in sich und entfaltet es – wie schon Hegel erkannt hat – mit List. Mit der Erschütterung der Warenwirtschaft beginnen wir, die Monumente der Bourgeoisie als Ruinen zu erkennen noch ehe sie zerfallen sind.“ (Benjamin,  Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts, in: Passagen-Werk)

All diese Szenen und Hintergründe sind Vorlaufaspekte, die für die (heterogene) „Studentenbewegung“, aber auch für den RAF-Diskurs zentral sind und die auf das Szenario weisen, wo aus einem politischen Happening und der Verquickung von Kunst und Praxis am 2. April 1968 eine dezidiert politische Aktion getätigt wurde, die nicht mehr unmittelbar im Zusammenhang mit Kunst und ästhetischen Entgrenzungstheorien stand, sondern bewußt eine politische Entscheidung bedeute: nämlich der durch Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein beim Kaufhausbrand in Frankfurt. Gewalt gegen Sachen zunächst, um dann in Gewalt gegen Menschen überzugehen. Wie dann am 9. November auch der Anschlagsversuch auf das Jüdische Gemeindehaus Berlin durch die linksterroristische Gruppe Tupamaros Westberlin, an deren Planung wesentlich Dieter Kunzelmann beteiligt war, aber ebenso ein V-Mann namens Peter Urbach, der den Sprengstoff lieferte.

Demnächst mehr.

[Die Photographien wurden 1982 von Bersarin in Hamburg bei einer Solidaritätsdemonstration für El Salvador aufgenommen.]