8. Mai 1945

Böse Zungen behaupten, daß die politisch eher linke Regierung des Landes Berlin ihr Volk noch einmal auf besondere Weise strafen wolle, weil der Berliner Senat diesen Tag zum Feiertag erklärte, an dem nicht gearbeitet, aber eben auch nicht geshoppt werden kann, und manche würden vermutlich lieber zu ihrer Arbeit gehen – sofern sie eine haben – als aufs Shoppen zu verzichten. Aber das sind Spekulationen, und immerhin verdanken wir auch diesen Anglizismus und die Shopping-Malls dem westlichen Alliierten USA. Alle anderen Bundesländer müssen arbeiten. Aber es war schließlich Berlin, wo am 8. Mai 1945 das Oberkommando der Wehrmacht am Arsch war und unter General Keitel in Berlin-Karlshorst die Kapitulationsurkunde unterzeichnen mußte. Der Führer hatte bereits am 30. April seinen letzten Arbeitstag. „Hitler kaputt, Berlin kaputt, wir nach Hause“, wie ein einfacher Rotarmist in einer Dokumentation es sagte, wenn man die Aussage des deutschen Zeitzeugen nimmt, der in Berlin als Jugendlicher für den Endsieg kämpfen mußte oder wollte.

Tag der Befreiung? Tag der Kapitulation? Tag der Niederlage? Eines zumindest hat sich in der Bundesrepublik inzwischen gewandelt: Die meisten Menschen empfinden diesen 8. Mai – zum Glück – nicht mehr als einen Tag der Niederlage. Auch wenn das Autoren wie Max Czollek gerne unterstellen und also sich über diese Redeweise „Tag der Befreiung“ belustigen, indem sie witzeln, daß die Deutschen dadurch nicht mehr auf der Seite der Täter stehen müßten und sich bequem den Siegern andienten – man denke nur an Czolleks Buch „Desintegriert euch!“, wo in simpel-trivialem Denken diese Art von Thesen entfaltet werden, oder auch seine Redeweise, daß der Nationalsozialismus kein Virus sei, der über die Deutschen kam, wie er dies jüngst in der Berliner Zeitung schrieb. Was inzwischen und in den Debatten der Gegenwart kaum noch einer behauptet. Die Diskussionen zu Weimar, teils in Alarmismus und Ahistorizität umschlagend, was die AfD betraf, wenn man sie mit der NSDAP verglich, scheint Czollek entgangen zu sein. Ebenso der Umstand, daß es eine differenzierte und vielstimmige Auseinandersetzung mit der NS-Zeit gab, in der die deutschen Verbrechen das Thema waren. (Meine Kritik des Buches mit dem Titel „Dichotomer Schematismus“ findet sich hier.)

All das, was Czollek formuliert, ist nicht nur sachlich falsch, sondern zugleich polemischer Blödsinn, weil ahistorische Zuspitzung und Vereinseitigung: Denn man kann sehr wohl – und viele tun das inzwischen auch – begreifen, daß Deutsche einmal die Täter waren und viele Deutsche zugleich eben auch Opfer waren (Opfer auch von Leuten, die sie teils mitgewählt und mitgetragen hatten), daß sie diejenigen waren, von denen in der Geschichte bisher einmalig-ungeheure Verbrechen ausging, oder um es im Aktiv zu formulieren: Daß einige Deutsche Juden ermordeten, daß sie Sinti und Roma umbrachten und anderer Menschen, deren Leben jene Deutschen für nicht lebenswert erachteten. Und daß viele Deutsche dabei zusahen. Allerdings sollte man sich beim vorauseilend antifaschistischen Blick und beim nachträglich gelebten Antifaschismus, der nichts kostet, davor hüten, den eigenen Blick und das Verhalten von heute aufs gestern zu projizieren.

Egal wie aber: Deutsche waren diejenigen, die zuerst das eigene Land und dann die Welt mit schrecklichen Verbrechen und einem Vernichtungskrieg überzogen – Vernichtungskrieg vor allem im Osten Europas: in Polen, der Ukraine und in Rußland ganz wesentlich. Deutsche Bloodlands: die Vernichtungslager errichteten jene Vorfahren, die Täter waren, weit ab vom eigenen Blick. Aber genauso ging das Morden in anderen Ländern, wenn es nötig war: Man denke ans Wüten der SS in Frankreich und in Griechenland.

Es scheint aber der Anstieg solcher Kritik, wie Czollek sie übt, zu korrelieren mit dem Grad der Aufarbeitung und der Stärke der Gedächtniskultur. Mit anderen Worten: je mehr Veranstaltungen es zur NS-Zeit gibt, je tiefer nicht nur in im eher abgeschotteten Bereich der Forschung geschürft, sondern in den öffentlichen Debatten auch diskutiert wird, desto mehr Kritik wird laut an solchen Veranstaltungen – von rechts übrigens wie auch von einer bestimmten identitären Linken, für die es gar nicht genug Nazis geben kann, weil man auf diese Weise eben auch an Fördergelder herankommt, um es polemisch zurückzuwenden. Daß man es damit den tatsächlichen Nazis, den Ewiggestrigen, den Höckes leicht macht, kann man dabei auch einmal mitdenken. Denn wo selbst Konservative schon Nazis sind, da befindet man sich doch in einer guten Gesellschaft, so werden die Höckes und die Kalbitz‘ entgegnen.

Der 8. Mai war in den 1950er Jahren ein Tag der Niederlage ein Tag des Besiegtseins oder allenfalls noch eine „Stunde Null“, als ob plötzlich alles aufhörte und nichts von dem, was vorher war, noch da sei und wirkte und also eine Art Transformer-Strahl über die Deutschen gekommen wäre – ganz im Gegenteil! Die Auseinandersetzungen fanden eher verborgen statt, in den Schulen der 1950er Jahre unterrichteten teils noch die verbitterten Lehrer, die aus dem Krieg heimgekehrt waren, der typische deutsche Arschpauker, teils mit Rohrstock noch, am deutschen Lehrerwesen soll auch der Schüler genesen, doch es änderte sich dieser Umgang Ende der 1950er Jahre und ab dem 1960er in der BRD wesentlich – wenngleich die Zeiten selbst doch noch erheblich konservativ blieben, aber die Jugend suchte sich ihre Nischen und fand sie. Schon in den 1950er Jahren.

Vor allem aber kann man, entgegen Czolleks verkürzenden und Gedächtniskultur auf ein simples Muster zurückstutzenden Annahmen, begreifen, daß es in der Geschichte bisher kaum ein Land gab, das sich derart intensiv mit seinen Verbrechen auseinandersetzte. Das muß einen deutschen Betrachter nicht mit Sühnestolz erfüllen, aber man sollte es auch nicht unter den Tisch fallen lassen. Wie man in China mit Mao und den Ländern der ehemaligen Sowejtunion mit Stalin umgeht, entzieht sich meiner Kenntnis, aber es wäre interessant zu wissen, wie dort der Geschichtsunterreicht in den Schulen und die Debattenkultur in Zeitungen, Radio und Fernsehsendern aussieht. Angeblich soll es sogar noch einige Regionen der ehemaligen Sowjetunion geben, wo immer noch Stalin-Büsten stehen und wo der Mann vergöttert wird.

„Tag der Befreiung“ ist zunächst einmal eine Wendung, die aus der Sprache der Sieger stammt. Deutsche und Alliierte feiern diesen Tag evidentermaßen und aus geschichtlichen Gründen heraus anders, und es wäre in meinen Augen falsch, sich dabei auf die Seite der Sieger zu stellen. Auch deshalb, weil die deutschen Opfer, die es nach dem Bombenkrieg, nach der Flucht und Vertreibung gab und auch nach der Aussonderung eines großen Teils der deutschen Bevölkerung und indem man sie in die Vernichtungslager verbrachte – ja, auch das sind deutsche Opfer und das wird leider beim Aufzählen oftmals unterschlagen – nicht einfach gleichzusetzen sind mit jenen, die Opfer des deutschen Überfalls auf andere Länder waren.

An all diese Überlegungen schließt sich zugleich die Frage nach der Politik und der Kultur des Gedenkens an: was Gedenken und Erinnern bedeuten und auch, wie man dafür angemessene Formen finden kann, in denen Menschen dieses Gedenken gemeinsam und auch in Debatten und manchmal auch Disput begehen können. Gedenken heißt zugleich, in einer symbolischen Struktur eine Einmaligkeit, einen bestimmten (zufälligen) Tag im Rhythmus der Jahre zu wiederholen. Und dieser eine Tag wiederum verweist auf einen ganzen Komplex von historischen Bezügen, die einmal die Wirklichkeit bestimmten und für viele Familien die Vernichtung ihres bisherigen Lebens bedeutet. Und das eben fing 1933 mit den jüdischen Opfern an und mit den Sozialisten, Kommunisten und Sozialdemokraten, die in Lager gesteckt wurden und ebenso jene widerständigen Christen, Konservative und andere, die öffentlich beim Volksein nicht mittun wollten – von all den Emigranten zu schweigen. Schon aus diesem Grunde sind Opfer nicht unterschiedslos, sondern sie stehen in bestimmten Bezügen.

Es ist jedoch gut, daß wir diese Wendung vom Tag der Befreiung spätestens mit der Weizäcker-Rede vom 8. Mai 1985 im deutschen Bundestag in Bonn übernommen haben, wenn auch mit viel Kritik und mit viel Grollen, selbst in den 1980er Jahren war es für einige nicht selbstverständlich. Wobei eben „Tag der Befreiung“ für die Alliierten nicht „Kriegsende“ bedeutete. Denn der Krieg im Pazifik gegen Japan ging mit unverminderter Härte weiter.

In jener Rede Richard von Weizäckers, die übrigens zugleich eine Reaktion auf Kohls Treffen mit Reagan am 5. Mai 1985 in Bittburg, auch an SS-Gräbern, war, heißt es:

„Der Blick ging zurück in einen dunklen Abgrund der Vergangenheit und nach vorn in eine ungewisse dunkle Zukunft.

Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte.

Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.

Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfesten zu beteiligen. Aber wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg.“

Und genau das bringt es auf den Punkt: Es ist für Deutsche ein nachdenklicher Tag und in diesem Sinne kein Feiertag, wie der der Geburt oder der Auferstehung des Herrn, das Jauchzen und Frohlocken ist verständlich und bleibt doch in anderer Hinsicht wieder problematisch.

Aber noch etwas zeigt sich an diesem Tag, und zwar im Hinblick auf die völlig gewandelte politische Weltlage seit den 1989er Jahren mit dem Fall der UDSSR, der deutschen Einheit, seit den Anschlägen von 9/11, die eben auch ein Anlaß waren, daß sich Perspektivierungen verschoben, und diese Veränderung im Bewußtsein zeigt sich insbesondere gegenwärtig, wenn man an das Corona-Virus denkt, der diesen Tag fast zu begraben droht – alle Veranstaltungen in Berlin und anderswo sind abgesagt: Jene Zeit ist inzwischen Geschichte. Es schmerzt zwar einerseits, daß die Befreiungsfeiern ausfallen, doch angesichts der gegenwärtigen Probleme ist dies ein eher gelinder Schmerz. Jene Zeit berührt die deutsche Gegenwart zwar immer noch, was auch die immer wieder sich einstellenden Debatten zeigen und auch der, freilich schiefe Rekurs auf 1933, wenn es um die AfD geht, aber all das geschieht nicht mehr in dieser Heftigkeit wie es von den 1950er Jahren bis tief in die 1980er Jahre der Fall war – man denke an die Debatten zu den Auschwitzprozessen, die Serie Holocaust 1979 und auch die legendäre Rede Richard von Weizäckers, darin zum ersten Mal auch Schwule als Opfer genannt wurden – bisher ein Tabu.

Wenn freilich ein politisches Ereignis für eine Guido-Knopp-Serie oder für den deutschen Fernsehfilm taugt, produziert von ZDF und Nico Hoffmann, dann ist sie Geschichte. Eine Gestalt des Lebens wurde alt– was freilich nicht zwangsläufig bedeuten muß, das nun die Eule der Minerva ihren Flug startete – zumal die Geschichtswissenschaften früh schon mit der Erforschung dieses Feldes begannen: wer sich einen guten Überblick über die Debatten und die Lage verschaffen will, der lese Ian Kershaws „Der NS-Staat“.

Weniger früh freilich geschah die Bestrafung der Täter und ebenso spät geschah die Aufarbeitung dieser „Ereignisse“ in den einzelnen deutschen Ministerien oder indem man den BND nach seiner Gründungsurkunde befragte. Andererseits: aus einem Volk von Mitläufern lassen sich eben nicht wie aus dem Hut Widerstandskämpfer zaubern. Auch das gehört zu dieser Geschichte dazu, und Politik ist oftmals der pragmatische Umgang mit solchen Dingen. Auch in der DDR übrigens, wo es nicht nur hehre Antifaschisten gab. Der beste neue Kommunist ist der ehemalige Faschist, den man, wenn man sein Wirken und sein altes Parteibuch aufdeckte, vermutlich stante pede weit in den Osten ins Paradies der Arbeiterklasse schicken würde – da wo es besonders kalt ist und sehr arbeitsam zugeht. Und zugleich zeigt uns die DDR, daß Antifaschismus auch ein Mittel zur Erpressung sein kann. Jene so unterschiedlichen Künstler wie Brecht und Döblin und manch andere, die ein besseres Deutschland aufbauen wollten, wurden am Ende um ihre Ideale betrogen.

Zum Tag der Befreiung, zum Tag der Niederlage, zu jenem anderen und neuen Deutschland gehört ebenso die Wirkgeschichte der Kritischen Theorie in Deutschland, besonders auch die Radiovorträge Adornos. „Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik“, wie ein Sammelband von Clemens Albrecht, Friedrich H. Tenbruck und anderen heißt.  „In den fünfziger und sechziger Jahren hörte man Adorno fast jede Woche: im Rundfunk!“, so schrieb die „Zeit“, und Adorno sprach anders als er schrieb: Es waren Texte für das Publikum. „‚Er redet leicht, schreibt schwer‘– Theodor W. Adorno am Mikrophon“ wie ein Beitrag von Michael Schwarz heißt. Auch das gehört zu jenem 8. Mai. Jene Stimmen also, die sich nicht mit einem Weiter-so begnügten oder das Grauen, Auschwitz, die bedingungslose Vernichtung nicht unter Wortkaskaden des Gestimmtseins oder einfach nur dem Dauerschweigen begraben wollten.

In Richard von Weizäckers Rede heißt es in bezug auf die Art und Weise des Gedächtnisses:

„Der 8. Mai ist ein Tag der Erinnerung. Erinnern heißt, eines Geschehens so ehrlich und rein zu gedenken, daß es zu einem Teil des eigenen Innern wird. Das stellt große Anforderungen an unsere Wahrhaftigkeit.

Wir gedenken heute in Trauer aller Toten des Krieges und der Gewaltherrschaft.

Wir gedenken insbesondere der sechs Millionen Juden, die in deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden.

Wir gedenken aller Völker, die im Krieg gelitten haben, vor allem der unsäglich vielen Bürger der Sowjetunion und der Polen, die ihr Leben verloren haben.

Als Deutsche gedenken wir in Trauer der eigenen Landsleute, die als Soldaten, bei den Fliegerangriffen in der Heimat, in Gefangenschaft und bei der Vertreibung ums Leben gekommen sind.

Wir gedenken der ermordeten Sinti und Roma, der getöteten Homosexuellen, der umgebrachten Geisteskranken, der Menschen, die um ihrer religiösen oder politischen Überzeugung willen sterben mußten.

Wir gedenken der erschossenen Geiseln.

Wir denken an die Opfer des Widerstandes in allen von uns besetzten Staaten.

Als Deutsche ehren wir das Andenken der Opfer des deutschen Widerstandes, des bürgerlichen, des militärischen und glaubensbegründeten, des Widerstandes in der Arbeiterschaft und bei Gewerkschaften, des Widerstandes der Kommunisten.

Wir gedenken derer, die nicht aktiv Widerstand leisteten, aber eher den Tod hinnahmen, als ihr Gewissen zu beugen.

[…]

Wir können des 8. Mai nicht gedenken, ohne uns bewußtzumachen, welche Überwindung die Bereitschaft zur Aussöhnung den ehemaligen Feinden abverlangte. Können wir uns wirklich in die Lage von Angehörigen der Opfer des Warschauer Ghettos oder des Massakers von Lidice versetzen?

Wie schwer mußte es aber auch einem Bürger in Rotterdam oder London fallen, den Wiederaufbau unseres Landes zu unterstützen, aus dem die Bomben stammten, die erst kurze Zeit zuvor auf seine Stadt gefallen waren! Dazu mußte allmählich eine Gewißheit wachsen, daß Deutsche nicht noch einmal versuchen würden, eine Niederlage mit Gewalt zu korrigieren.“

Eine große und eine der wichtigsten Reden in der Geschichte der Bundesrepublik und gerade die letzten beiden Absätze stellen eine entscheidende Frage, ob man und in welcher Weise wir überhaupt gemeinsam feiern und gedenken können. Erzwingen kann man es nicht. Und jedem Opfer, das nicht zusammen mit Tätern oder den Nachkommen der Täter je feiern will, kann man das kaum verdenken.

Was für Berlin lange schon fällig wäre: Ein Denkmal an einem zentralem Ort für den sowjetischen Stadtkommandanten Nikolai Erastowitsch Bersarin. Ihm hat Berlin viel, sehr viel zu verdanken. Unter anderem auch, daß die berechtigte Rache der sowjetischen Sieger nicht ins Gemetzel und in Anarchie ausartete. Denn was Deutsche von 1941 bis 1945 der sowjetischen Zivilbevölkerung und den Soldaten der Roten Armee angetan haben, ist und bleibt unbeschreiblich. Der 8. bzw. der 9. Mai ist für Deutschland ein Tag der Befreiung und es ist ein Tag des Besiegtseins in einem. Beide Aspekte gehören zusammen.

Bildquelle: Wikipedia, cc-Lizenz

 

Heute letzter Arbeitstag beim Führer

 

Es bleibt „Schtonk“ einer der großen und guten deutschen Filme – insbesondere die Anfangsszene fängt den Irrsinn in wenigen Bildern und mit ein wenig Ton pointiert ein und dazu dann im weiteren Zarah Leanders Supersong „Davon geht die Welt nicht unter“: als ich das damals im Kino sah, war ich von diesem Auftakt sofort begeistert, denn diese Art von Humor schätze ich. Im Grauen liegt der Aberwitz. Und endlich war es vorbei – das vor allem.

„Er brennt nicht, Obersturmbannführer!“
„Wer brennt nicht?“
„Der Führer. Herr Obersturmbannführer. Und die Frau Braun, die Frau Führer auch nicht, Obersturmbannführer.“
„Mensch, dann schütten sie Benzin drüber, dann brennen die schon!“
„Ben-zin? Über den Führer? Herr Obersturmbannführer?“
„Ach, was Mensch, es gibt kein Führer mehr und sagen sie nicht dauernd Obersturmbannführer zu mir, sie Ignorant!“
(ab Minute 2:45)

Eine Tragödie, die als Farce endete und doch keine Farce ist, sondern das Ende einer blutigen und entsetzlichen Geschichte, mit Millionen ermordeter Juden, Millionen Kriegstoten und Entwurzelten, Displaced Persons, ermordeten Sinti und Roma, ermordeten Schwulen und Kommunisten (unter Hitler wie Stalin: auch dieses vertrackte Stück Geschichte gehört dazu: ein Sieger, der ein Massenmörder war: von Hungertoten in der Ukraine, dem Großen Terror bis hin zu Katyn und der Ausrottung der polnischen Intellektuellen. Aber davon soll heute nicht die Rede sein. Man muß es nur halt mitdenken und auch das gehört zur Geschichte. Immerhin: Die Sowjetion war am 30 April in Berlin und befreite die Stadt.

Am 30. April der Selbstmord des Führers und einen Tag später der von Joseph Goebbels, seiner Frau Magda samt den sechs Kindern: Helga, Hilde, Holde, Hedda, Heide und Helmut. Von vier bis zwölf. Und diese Geschichte von Massenmord, von Vergessen und Verjähren und Verdrängen und vom Wiedererinnern spielt und spiegelte sich bis in die Bundesrepublik hinein, noch tief in die 1980er Jahre und darüber hinaus, auch in dem Trubel der um die Hitler-Tagebücher betrieben und journalistisch inszeniert wurde, und es zeigt sich dies am Erfolg von Serien wie Holocaust (1979) oder in anderer Weise auch in „Das Boot“ (1991) oder „Schindlers Liste“ (1994) und ebenso in Eberhard Fechners  wunderbarer Serie  „Tadellöser & Wolff“ von 1975 – eine Verfilmung von Walter Kempowskis gleichnamigem Erinnerungsroman. Und das geht bis heute, wenn im Fernsehen Serien wie „Unsere Mütter, unsere Väter“ (2013) oder „Charité“ (in der zweiten Staffel, 2019) gezeigt werden. Und prominent ebenso als Kammerspiel in Szene gesetzt in „Der Untergang“: Nach den letzten Tage der Menschheit die letzten Tage im Führerbunker als Spielfilm. Aus Geschichte wird irgendwann Unterhaltung oder Infotainment. Auch das ist der Gang der Geschichte.

Immerhin, es gab dieses Erinnern an die jüngsten Verbrechen: seit den späten 1950er Jahren, seit den Auschwitz-Prozessen und seit der Verjährungsdebatte (1965) – übrigens alles Ereignisse vor der Chiffre „1968“, und um dem Irrtum auszuräumen, es wären erst die „68er“ gewesen, die diese Dinge auf den Tisch brachten. Die Themen waren bereits vorher in der Öffentlichkeit. Martin Stallmann schreibt in seiner Studie Die Erfindung von „1968“. Der studentische Protest im bundesdeutschen Fernsehen 1977-1998:

„Die Triebkräfte des Wandel beim Umgang mit dem ‚Dritten Reich‘ waren nicht die Protestierenden der späten 1960er Jahre, sondern die spektakulären NS-Prozesse zwischen 1958 und 1965, die Bundestagsdebatten um Verjährung von Mord und Totschlag in den Jahren 1960/61 und 1965 sowie die breite dazugehörige Medienberichterstattung. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen thematisierte nicht nur die aktuellen Prozesse, sondern erzählte bereits Anfang der 1960er Jahre in zahlreichen Dokumentarfilmen von der nationalsozialistischen Zeit.“

Und weiter heißt es dort in bezug auf jene kursierenden Themen und im Hinblick auf die 68er:

„Eine kritische, inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen hatte Ende der 1960er Jahre kaum stattgefunden. Die Protestbewegung radikalisierte und emotionalisierte das Sprechen über die nationalsozialistische Geschichte, wobei sie diese Vergangenheit jedoch auch verallgemeinerte und enthistorisierte. Ihre schrille Rhetorik und Aufmerksamkeit erregende Protestaktionen verwiesen zwar auf die Kontinuitätslinie zwischen nationalsozialistischer Zeit in der Bundesrepublik, standen laut Wilfried Mausbach ‚einer angemessenen Aufarbeitung allerdings im Wege.‘ Gleichwohl haben sich Protestakteure der späten 1960er Jahre intensiv mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinandergesetzt und auch zur wissenschaftlichen Diskussion beigetragen. Dies geschah jedoch verstärkt in späteren Lebensphasen – vor allem ab den frühen 1980er Jahren. Der Beitrag von Angehörigen der ‚68er Generation‘ an der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus sowie die Erforschung der nationalsozialistischen Zeit soll dafür nicht in Abrede gestellt werden, jedoch muss man aus einer geschichtswissenschaftlichen Perspektive fragen, wann sich ehemalige Protestakteure kritisch mit der nationalsozialistischen Geschichte beschäftigten.“

Im übrigen dürfen wir im Reigen der Jahrestage nicht vergessen, daß sich am 14. Mai 1970 die gewaltsame Befreiung von Andreas Baader  in West-Berlin jährt. Wir haben hier vor 50 Jahren die Geburtsstunde der RAF. Es gab zwei Schwerverletzte Wachleute, als die Journalistin Ulrike Meinhof zusammen mit zwei Komplizen Baader aus einem Institutsgebäude der FU befreite, wohin Baader zuvor aus der Haft für ein Interview gebracht wurde, das Meinhof mit ihm führte. Und im folgenden viele weitere Opfer der RAF. Auch das gehört zu jenem 30. April 1945, zum 30. Januar 1933, zum 8./9. Mai 1945, als Westalliierte und Sowjets dieses Land von einer blutigen Diktatur befreiten. Ab heute hatte der Führer Feierabend. 75 Jahre ist das her. Der Schoß, aus dem das kroch, ist nicht mehr unbedingt fruchtbar noch. Aber anders vielleicht. Und wachsam zu sein, bleibt unabdingbar.

In Torgau an der Elbe – 25. April 1945

Der 25. April 1945, der eigentlich, wenn man jenes legendäre Bild von der Elb-Begegnung vor 75 Jahren nimmt, ein 26. April war: kurz vorm Endgame im Bunker des Führers.

Jene legendäre Photographie von Russen und Amerikanern, die sich in Torgau treffen, ist nachgestellt. Die eigentliche und erste Begegnung fand in Strehla statt, das wenige Kilometer flußaufwärts und südlich von Torgau liegt. Doch festhalten mochte man dieses historische Treffen an diesem Ort der ersten Begegnung nicht, wo die Amis über die Elbe nach Strehla setzen, denn viel zu grauenvoll war die Umgebung: es lagen tote Frauen, tote Kinder, tote Greise getürmt. Es gibt zwar zahlreiche Photographien von der Begegnung der Russen und der Amerikaner, doch das eigentliche, das ikonische Photo schoß Allan Jackson einen Tag später, am 26. April 1945. Es war eine nachgestellte Szene. Wirkmächtig und symbolisch allemal, vor allem, weil kurz danach bereits der Kalte Krieg zwischen Ost und West begann. Vor allem aber, weil hier die westlichen Alliierten zum ersten Mal auf ihre sowjetischen Waffenbrüder trafen.

In diesem Sinne machen solche Photographien von ihrer Aufladung her nichts anderes als Gemälde: sie halten eine bestimmte historische Szenerie symbolisch und verdichtet für die Nachwelt und eben auch für die eigene Gegenwart fest – wie etwa in Diego Velázquez‘ Gemälde „Die Übergabe von Breda„. Auf den historischen  Augenblick auf den Moment hin eingefroren und damit auch als Jahrestag mit einer  Art Beglaubigung begehbar. Ähnlich wie wenige Wochen später die Eroberung  Berlins durch die Rote Armee und das Hissen der Fahne auf dem Reichstag zu einer solchen zentralen Photographie wurde. Nach einem langen, von Deutschland entfachten grausamen Krieg, mit Vernichtungsfeldzügen in Rußland, um nicht nur Juden, sondern auch Slawen und all die auszurotten, welche nicht ins Rassekonzept der deutschen Faschisten paßten.

Man könnte nun annehmen, daß solche nachgestellten Photographien etwas Problematisches an sich haben, weil Bilder – gerade auch historisch bedeutsame – die „Realität“ wiedergeben oder zumindest einen repräsentativen und wesentlichen Ausschnitt aus der Wirklichkeit zeigen sollen, um auf diese Weise ein bestimmtes Szenario anschaulich zu machen. (Daß Photographien dabei immer auch eine gewisse Dramatik und die Dramaturgie des Ereignisses erst mit erschaffen, ist ein zusätzlicher Aspekt, der bedacht werden sollte. Aber auch das entwertet nicht unbedingt den dokumentarischen Gehalt einer Photographie und macht ein Bild nicht unwahr, wenn man nämlich die jeweiligen Kontexte eines Photos mit hinzu erzählt und wenn man dabei mitbedenkt, daß eine Photographie immer ein Ausschnitt ist, der mit einer Gegenphotographie beantwortet werden kann.)

Und da es aber bei diesen symbolischen Bildern ebenso darauf ankommt, daß sie Ausdrucksmedium eines historischen Momentes sind, scheint mir hier der Aspekt der Nachinszenierung nicht unbedingt problematisch, solange die Betrachterinnen und Betrachter wissen, daß es eben eine Inszenierung war. (Anders übrigens als Joe Rosenthals ikonographische Photographie der Flagge von Iwo Jima. Ein Photo, das nicht gestellt war, sondern aus der Aktion heraus geschossen wurde. (Siehe dazu meinen Text „Raising the Flag on Iwo Jima. Die Bilder des Krieges„)

Allerdings ist Torgau nicht nur wegen jener Begegnung und ihrer Inszenierung in einer Photographie interessant, sondern Torgau war im 16. Jahrhundert auch Residenzstadt und eines der Zentren der lutherischen Reformation. „Wittenberg ist die Mutter, Torgau die Amme der Reformation“ so heißt es. Torgau ist zugleich die Sterbestadt der Katharina von Bora, also der Lutherin. Sie floh vor der Pest und bei einem Unfall mit der Kutsche brach sie sich das Becken und verstarb in Torgau. So war sie bei ihrem Mann nun im Paradies.

In Torgau findet sich ebenfalls einer der schrecklichen Jugendwerkhöfe. Auch das sollte nicht vergessen werden. Man kann diese Stätte heute als Museum besuchen. (Was ich nicht tat, da ich spazieren und umherstreifen wollte, aber dies werde ich sicherlich nachholen. Die Stadt ist schön, die Landschaft dort ist herrlich und wunderbar. Und zugleich erzeugen solche Korrespondenzen, wie auch in Weimar in noch viel drastischerer Weise, Unbehagen. Friedliche Orte sind nie ganz friedlich. (Das wußten auch die Meister des Horror-Genres oder auch Regisseure wie David Lynch, wenn man an Twin Peaks oder Blue Velvet denkt.)

Im Mai 2015 weilte ich für ein paar Stunden dort im schönen Torgau, um auf einer Reise ein wenig die Zeit zu überbrücken.

„Alles ist weniger, als es ist, alles ist mehr“ – Zu Paul Celans 50. Todestag (1)

Geboren am 23.11.1920 in Czernowitz, Freitod, der kein frei gewählter war, in der Nacht vom 19.4 zum 20.4.1970 in Paris beim Sprung in die Seine von der Pont Mirabeau, so steht zu vermuten, irgendwann, beim nächtlichen Spazieren, wenn es im Kopf wild läuft, der Himmel als Abgrund wirkt und wenn, wie es in Büchners „Lenz“ heißt, ein Ich, das ein Er ist, grenzgängerisch gerät:

„Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehn konnte.“ (Georg Bücher, Lenz)

Das birgt Gefahren, tödlich-faktische, auch im Aus- und Rückblick auf deutsche Geschichte:

„[W]er auf dem Kopf geht, der hat den Himmel als Abgrund unter sich.“
(Paul Celan, Der Meridian)

Nicht einmal 50 alt Jahre wurde Paul Celan. Wie Jean Améry und viele andere auch ist Celan eines der späten Opfer reichsdeutscher Rassenpolitik. Es ist viel geschehen inzwischen. 80 Jahre, 75 Jahre, 50 Jahre ist das her. Zwischen diesen einzelnen Daten und Jahrestagen liegt viel Zeit. Wie mag jemand, der heute gerade 16 oder 18 Jahre ist, diese Celan-Gedichte lesen? In der Schule etwa. Gegen die Instrumentalisierung seines wohl bekanntesten Gedichtes, jene „Todesfuge“, hat Celan sich immer gesträubt, Gedichte sind keine Reinwaschung, und als er hörte, daß die Todesfuge sogar in Schulbücher aufgenommen wurde, äußerte Celan, daß er sich wünschte dieses Gedicht niemals geschrieben zu haben, wenn er dies je gewußt hätte.

20. April. Da hatte wer anders Geburtstag und feierte heute vor 75 Jahren seine letzten.

Es gibt jene schicksalhaften Daten, manchmal auch Jahrestage, die in einem Gedicht eingraviert sind – Celan spricht in seiner Büchnerpreisrede „Der Meridian“ von jenem „20. Jänner“:

„Vielleicht darf man sagen, daß jedem Gedicht sein ‚20. Jänner‘ eingeschrieben bleibt? Vielleicht ist das Neue an den Gedichten, die heute geschrieben werden, gerade dies: daß hier am deutlichsten versucht wird, solcher Daten eingedenk zu bleiben?

Aber schreiben wir uns nicht alle von solchen Daten her? Und welchen Daten schreiben wir uns zu?“

Die Pont Mirabeau in Paris, so sah es im Jahr 1992 dort aus. Als ich aus Bordeaux zurückreiste, eine Woche Zwischenstop in meiner Lieblingsstadt und ein Gang auch zu jener Brücke, zu jenem Gedicht von Apollinaire und zum Sprungturm, um ins Wasser der Seine zu schauen, und ich sah nichts, nichts als Wasser, das in Richtung Eiffelturm fließt. Damals floß und immer noch fließt. Korrespondenzen – frei nach Baudelaires gleichnamigem Gedicht – lassen sich kaum erzwingen. Ich dachte an jene Germanistik-Studentin aus Dortmund, die mich in Bordeaux wohl ziemlich süß fand. Ihre großen, straffen, schönen Brüste, ihr freches Gesicht, ihre enge Jeansjacke, die Ballettschuhe in ihrem gemieteten Zimmer. „Es gibt Männer, die merken es nicht einmal, wenn eine Frau sie geil findet.“ Ich hätte diesen Satz vielleicht doch besser auf mich beziehen sollen, statt ihr mein gerade angelesenes Wissen über Luhmanns „Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität“ anzudrehen. Auch das verbinde ich mit Celan.

Dichtung als Moment des Subjektiven, und sie weist doch, wie jener 20. Januar 1942, über das Private hinaus und zeitigt gesellschaftliche und schwerwiegende Folgen, und zugleich muß sich dieses Datum, das man ebenso im Sinne von Büchners „Lenz“ lesen kann – vom Subjekt her und als Irrsinnsfügung –, notwendig vorm Leser verschließen und löst sich vom biographischen Ich, das da dichtete, ab. Gedichte sind zwar vom Ich her geschrieben und es spricht aus ihnen dennoch nicht einfach das empirische Ich, sondern ein lyrisches, ein Anders-Ich, ein Gedicht-Ich, eine Stimme, die vielleicht gar kein Ich mehr ist, sondern die in eigenem wie auch in ganz anderem Namen spricht, schreibt oder manchmal auch ächzt, seufzt, jubiliert oder deliriert (der fremde Gebrauch des Eigenen), und nicht einmal mehr vielleicht eine einzige Stimme ist es, die im Gedicht spricht, sondern ein Vielfaches, ein polyphoner Sound, vielleicht sogar etwas Unheimliches, was nicht Unbestimmbarkeit oder Unschärfe bedeutet – irgendwie dies und irgendwie auch das –, sondern eine Sache nach unterschiedlichen Aspekten ausgefaltet. Und eben in der Lektüre auch von unterschiedlichen Seiten und Perspektiven gelesen. Das Maß solcher Lektüren freilich bleibt aber immer der Text selbst und nicht die an die Stelle des Textes gesetzte Spekulation über den Text.

Solches Lesen, Deuten und Verstehen als Bildung hermeneutischer Sinnkohärenz mag bei Celans (vermeintlichen) Rätselgedichten zunächst schwerfallen. Manches Wort, wie etwa „Faltenachsen“ oder „Harnischstriemen“ klingt dunkel. Aber beim Blick in Wörterbücher oder aber beim Wissen um das Bedeutungsfeld, dem diese Begriffe entstammen, können die zunächst rätselhaften Wörter einen für die Deutung anderen Horizont bekommen: Begriffe wie jene beiden genannten oder aber, „Durchstichpunkte“, „Kluftrose“ aus einem der Gedicht in dem Band „Atemwende“ (1967), dessen erste Gedichte zunächst unter dem Titel „Atemkristall“ erschienen sind, versehen mit acht Radierungen seiner Frau Gisèle Celan-Lestrange, sind Begriffe aus der Geologie. Auch der Kristall ist ein geologischer Begriff. Heute ist die Bedeutung solcher Wörter dank Internet leicht zu eruieren, damals mußte man es wissen oder in Bibliotheken nachschlagen – oder aber man ließ einfach den Klang des Wortes wirken und nachhallen. Auch das bildete eine Möglichkeit, sich einem Gedicht zu nähern: genaues Hinhören. Und mit diesen geologischen Bezügen gelangen wir bei Celan (unter anderem) auch in eine topographische Sphäre. Gedichte als Landschaften, schroff manchmal oder lieblich wie die Bukowina.

„Die Landschaft, aus der ich – auf welchen Umwegen! Aber gibt es das denn: Umwege? –, die Landschaft, aus der ich zu Ihnen komme, dürfte den meisten von Ihnen unbekannt sein. Es ist die Landschaft, in der ein nicht unbeträchtlicher Teil jener chassidischen Geschichten zu Hause war, die Martin Buber uns allen auf Deutsch wiedererzählt hat. Es war, wenn ich diese topografische Skizze noch um einiges ergänzen darf, das mir, von sehr weit her, jetzt vor die Augen tritt – es war eine Gegend, in der Menschen und Bücher lebten.“ (Celan, Bremer Rede)

Wir denken bei jenen Landschaften auch an Celans Gedicht „Engführung“, darin wir als Leser oder aber auch das lyrische Ich selbst, in ein Gelände verbracht werden, in eine ganz besondere Landschaft, nachdem das schöne Galizien und die herrlichen Tage von Czernowitz ein Ende hatten:

VERBRACHT ins
Gelände
mit der untrüglichen Spur:

Gras, auseinandergeschrieben. Die Steine, weiß,
mit den Schatten der Halme:
Lies nicht mehr – schau!
Schau nicht mehr – geh!

Geh, deine Stunde
hat keine Schwestern, du bist –
bist zuhause. Ein Rad, langsam,
rollt aus sich selber, die Speichen
klettern,
klettern auf schwärzlichem Feld, die Nacht
braucht keine Sterne, nirgends
fragt es nach dir.

Gras auseinandergeschrieben. Sprachgitter, so heißt der Band, in dem dieses Gedicht erschienen ist. Abgesetzt von den anderen Gedichten, als das letzte in diesem Buch – und in meinen Augen eines der wichtigsten Celan-Gedichte überhaupt, wenn nicht des 20. Jahrhunderts und sofern man den Terminus „Lyrik nach Auschwitz“ bemühen möchte. Gras auseinandergeschrieben kann als Anagramm, genauer als Palindrom gelesen werden: Sarg. Und auseinandergeschrieben ist Gras eben auch Gas, wenn das r herausfällt. Und wer Alain Resnaisʼ „Nacht und Nebel“ gesehen hat – in der deutschen Fassung des Films steuerte übrigens Celan den Text bzw. die Übersetzung bei –, der wird sich zugleich an das Gras zwischen den Gleisen von Auschwitz erinnern, das da wuchs, im Vergessen, im Vergehen von Geschichte, nur ein Jahrzehnt später schon. „Jetzt kommt das Wirtschaftswunder. Jetzt kommt das Wirtschaftswunder. Jetzt gibt’s im Laden Karbonaden schon und Räucherflunder.“

Das Gelände Celans ist vielfältig. Aber es ist dabei in seiner Hermetik und zuweilen auch in seiner Rätselhaftigkeit nicht beliebig. Gedichte sind eben auch „topographische Skizzen“. Nirgends fragt es nach dir. Wie beim intensiven Wandern.

Was man insbesondere an Celans „Engführung“ gut zeigen kann, wie dieses Datum, das da ins Gedicht eingefügt ist, sich zerteilt, vielfach ist und insofern eine Figuration von ganz eigener Art bildet. Seine „Engführung“ ist nicht platterdings das „Erlebnis des Dichters“. Das Ich, das da spricht und sich selbst und/oder auch den Leser anspricht und geradezu ins Gedicht hineinzieht, ist kein empirisches Ich – fast könnte man sagen, es ist eine Art Geist, gespenstisch, unheimlich zugleich: wer wird da ins Gelände verbracht? An wen richtet sich der Imperativ „Lies nicht mehr – schau!//Schau nicht mehr – geh!“: an uns, ans lyrische Ich, das da auftaucht und ins Gelände verbracht wird und in das auch wir eben als Leser hineingesetzt werden können. Nämlich in einen Text. Und selbst wenn man annähme, daß da Celan spricht und agiert und uns – als Dichter wohlgemerkt – durch die Kraft seiner Komposition ins Gedicht zieht, bleibt die Differenz zwischen empirischem Ich und diesem mehrfachen lyrischen Ich in der „Engführung“ unaufhebbar. So sehr auch das Gedicht ein Händedruck ist („Ich sehe keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Händedruck und Gedicht“ wie Celan, als Dichter und über seine Produktionsästhetik sprechend, in einem Brief an Hans Bender schreibt) und auf Kommunikation angelegt ist.

Das Gedicht spricht und es spricht zugleich auch in einer anderen Sache, als der des Ichs, wie Celan im „Meridian“ betont. Insofern ist jedes Datum im Gedicht auch ein zerteiltes, vervielfältigtes, es steht in einem mehrfachen Bezug. Wie sich ein solches Datum zerteilt, zeigt Celan in seinem Gedicht „In eins“ in seinem Gedichtband „Die Niemandsrose“ (1963):

IN EINS

Dreizehnter Feber. Im Herzmund
erwachtes Schibboleth. Mit dir,
Peuple
de Paris. No pasarán

Schäfchen zur Linken: er, Abadias,
der Greis aus Huesca, kam mit den Hunden
über das Feld, im Exil
stand weiß eine Wolke
menschlichen Adels, er sprach
uns das Wort in die Hand, das wir brauchten, es war
Hirten-Spanisch, darin,

im Eislicht des Kreuzers „Aurora“:
die Bruderhand, winkend mit der
von den wortgroßen Augen
genommenen Binde – Petropolis, der
Unvergessenen Wanderstadt lag
auch dir toskanisch zu Herzen

Friede den Hütten!

Ja, wir schreiben uns von einem subjektiv-persönlichem wie auch von einem geschichtlichen Datum her und wir schreiben uns zugleich vom Ich her, aber lyrische Dichtung, wie überhaupt die Dichtung – um einen Begriff Celans aus dem „Meridian“ zu gebrauchen, den er einführt, um das Gedicht vom automatenhaften, wiedergängerischen Wesen der Kunst abzusetzen – ist niemals bloß biographisches Bekunden und daß da ein irgendwie lyrisches Ich, „Ich“ sagt, um das empirische Ich zu kaschieren. All das mag sein oder mag nicht sein. Aber ob es so ist und wie es ist, darüber kann eigentlich keiner Auskunft geben. Am Ende nicht einmal der Dichter selbst, selbst dann nicht, wenn er uns seine Absichten verrät. Dichtung geht nicht in Intentionen auf, und mag sie sie auch irgendwie voraussetzen, so ist doch das Kunstwerk eine ästhetisches Gebilde eigener Art. So auch bei Celan. Und diese je eigene Welthaltigkeit des Gedichts, ohne bloßes Wortgeklingel zu sein, ist es ja auch, was Celan in sein poetologischen Schriften, wie dem „Meridian“, der Bremer Rede, dem Brief an Hans Bender und ebenso in seiner Antwort auf eine Umfrage der Librairie Flinker in Paris 1965 darlegt.

Bei allem Denken eines Schibboleth als Paßwort und einer Revolutionstheologie: Eines freilich sollten Leserinnen und Leser in bezug auf Celan nicht vergessen: Es nützen die Hagiographien des Negativen oder aber eine negative Theologie von Auschwitz nichts, wenn sie nur Mantra sind oder der Traurigkeitsergötzung dienen. Auschwitz, die Shoah, wie überhaupt kein einziges Menschheitsverbrechen eignet sich dazu, im Schauer anzubeten. Celan ist ein Dichter und kein Heiliger, wie Helmut Böttiger im Auftakt seines gerade erschienenen Buches „Celans Zerrissenheit“ schreibt. Am Ende haben wir Texte. Das ist es, was bleibt, wenn ich hier schon von einem Todestag her schreibe, der nun einmal das Ende eines empirischen Ichs bedeutet. Es bleibt, bis heute, die Lyrik Celans sowie seine poetologischen Überlegungen, etwa in seiner Büchnerpreisrede „Der Meridian“. Und wer Hölderlin, Mallarmé und Rilke liest, wird bemerken, in welcher Linie Celan ebenfalls schreibt. Es sind immer auch Gedichte über das Dichten, über die Möglichkeiten und die Grenzen des Ausdrucks in dichterischer Sprache. Und nicht einfach nur die Verrätselungen des Grauens. Wie diese Lyrik auf die Frage nach der Schönheit sich sistiert und verhält, will ich in einem zweiten Teil mir betrachten.

Paul Celan sprang vom Pont Mirabeau in die Seine hinein, so wird es vermutet. An jener Brücke ist eines der wohl wehmütigsten und auch eines der bekanntesten und schönsten Gedichte von Guillaume Apollinaire aus dem Band „Alkohol“ in den Stein gebracht:

LE PONT MIRABEAU

Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine dahin
Unsre Liebe auch
Ist Erinnern Gewinn
Aus traurigem Sinn wird fröhlicher Sinn

Komm Dunkel Stunde eile
Die Tage gehen ich verweile

Aug in Aug laß uns bleiben und Hand in Hand
Ach unter der Brücke
Der Hände schwand
Die Welle von ewigen Blicken verbrannt

Komm Dunkel Stunde eile
Die Tage gehn ich verweile

Die Liebe vergeht wie der Strom der wogt
die Liebe vergeht –
Wie das Leben stockt
Wie heftig die Hoffnung uns hinreißt und lockt

Komm Dunkel Stunde eile
Die Tage gehn ich verweile

Die Tage gehn hin und die Wochen gehn hin
Vorbei ist die Liebe
Nun Zeit verinn
Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine dahin

Komm Dunkel Stunde eile
Die Tage gehn ich verweile

„Raising the Flag on Iwo Jima“. Die Bilder des Krieges (1)

„Flags of Our Fathers. Heroes of Iwo Jima“  wie ein patriotischer Roman von James Bradley und Ron Powers hieß und dann von als “ Flags of Our Fathers“ von Clint Eastwood 2006 verfilmt wurde. Der Wille zum Sieg, und zu diesem gehören Pathos und auch jene Helden samt ihren Mythen. Einerseits. Andererseits ist und bleibt jeder Krieg schrecklich. Und auch das steckt eben etymologisch im Wort „Pathos“.

Wie betrachten wir jene Photographien vom Krieg? Ist dies eine Ästhetik des Schreckens oder ästhetische Lust am Schrecklichen? Oder ein Schrecken, der keiner Ästhetisierung fähig ist?  Eigentlich eine rhetorische Frage, mit der ich einen älteren Beitrag von 2016 und insbesondere dessen Titel noch einmal ausgraben und überarbeiten will. Und da es in diesem Essay um Kriegsphotographien ging, möchte ich ihn zudem auf die ikonisch gewordenen Photographie „Raising the Flag on Iwo Jima“ von dem Associated-Press-Photographen Joe Rosenthal beziehen, wovon dann hier der erste Teil gegeben wird. Denn vor 75 Jahren, gestern am 26. März 1945, wurde die japanische Insel Iwo Jima von der US-Army endgültig erobert, nachdem dort das US-Marine-Corps am 19. Februar 1945 anlandete. Der Krieg im Pazifik war blutig, zumal die USA den Hauptteil ihrer Ressourcen für den Krieg gegen Hitler in Europa einsetzten und also für den Krieg in Asien nur begrenzte Kapazitäten besaßen.

Die etwa 24 km² große Vulkan-Insel war strategisch wichtig, denn sie lag nur 1.200 km von Tokio entfernt und war damit der ideale Ort, um dort B-29-Bomber zu stationieren, die dann Tokio angreifen und bombardieren konnten. Der Kampf um diese Insel, wie auch der um all die anderen eroberten Pazifik-Inseln war grausam. Die Verlustzahlen waren hoch.

Joe Rosenthals „Raising the Flag on Iwo Jima“, für das er den Pulitzer-Preis erhielt, ist eines dieser seltsam-faszinierenden Bilder vom Krieg. Es zeigt nichts vom Grauen des Krieges, sondern liefert eine Grundstimmung fürs Patriotische. Es evoziert Schönheit inmitten des Krieges, Heldentum, Pathos und zugleich zeigt es den realen Krieg und dessen Zerstörungen lediglich in Andeutungen. Wir sehen Trümmer- und Schuttberg im Vordergrund: Holz, Geäst, Metall, was auch immer da liegen mag, eine amorphe, kaputte Masse – aber nur noch als Untergrund. Zentral bleibt die Figurengruppe. Ein Kriegsmotiv als Ikone.

Auch Robert Capas legendäre Photographie von jenem 1944 in der Normandie am Omaha-Beach landenden Soldaten (Bild siehe Link) zeigt im Grunde nicht den Krieg und dessen Grauen, sondern eine einzelne Szene. Und wegen eines Entwicklungsfehlers des Laborassistenten in London kam in das Bild durch die Unschärfe, die Grobkörnigkeit und die Überbelichtung eine Dynamik, die ein „realistisches“ Bild von der Landung am Strand der Normandie in dieser Weise kaum erreicht hätte. [Zu Capa auch meine Kritik von der Ausstellung 2015 in Dresden.] Der Stil des Bildes, die Stärke in der „Komposition“ entstanden durch Unvollkommenheit, durch Pfusch am Ende und also durch einen Zufall, der der Kunst und damit der Ästhetik der Photographie ungeahnt zur Hilfe kam und damit ebenfalls eine ausdrucksstarke Ikone der Kriegsphotographie schuf. So geschah durch einen technischen Fehler (aber sicherlich auch durch die Situation als solcher, der Capa direkt ausgesetzt war, immerhin sprang er zusammen mit den GIs ans Ufer) ein dynamisches Bild des Krieges, das das Gemetzel und damit den Schrecken und das Grauen bei der Anlandung am Atlantikstrand zumindest ahnen läßt und über die Komposition der Photographie samt deren Unfertigkeit ja ihrer Kaputtheit diese Anspannung und die Heftigkeit der Schlacht gut evoziert. Das Gesicht des anlandenden Soldaten allenfalls schemenhaft zu ahnen. Anonym. Ein entstelltes Bild zeugt genau von jenen Entstellungen des Krieges und von der Heftigkeit. Die „Erschütterung der Sinne“, wie 2013 der Titel einer Ausstellung in Dresden lautete.

Anders aufgebaut ist Rosenthals Bild. Das Zentrum der Photographie bildet jene Gruppe aus Soldaten. Fast ein Altarbild, wie eine Kreuzabnahme, es wirkt wie choreographiert, überhöht fast, und ist es doch nicht, sondern da löste ein Photograph anscheinend exakt im richtigen Moment aus. Und aufgrund dieser fast schon perversen Perfektion vielleicht auch der Verdacht der Inszenierung dieses Bildes, so exakt wie es komponiert ist und dadurch seine Wirkung entfaltet. Eine Photographie wie ein antikes Relief. Auf den Punkt genau, so daß da ein harmonisches Ganzes entstand – Linienführung, Proportionen und Dynamik tarieren sich aus. Eine Diagonale, die der Photographie ihre Struktur verleiht. Die einzelnen Individuen, die Soldaten, verschmelzen zu einer Gruppe. Ein Hintergrund, der ruhig wirkt und nicht ablenkt, aber doch durch ein paar Wolkentupfer  und den durchschimmernden Himmel aufgelockert, so daß dieser Hintergrund keine monotone Fläche bildet. Der Blick verweilt dort kurz, klebt aber nicht fest, wird nicht durch äußere Details abgelenkt  und gleitet sogleich wieder zu der Figurengruppe zurück.

Die Photographie entstand am 23. Februar 1945. US-Truppen betraten hier im Pazifik-Krieg zum ersten Mal japanischen Boden. Der erloschene Vulkan Suribachi war eine der zentralen und strategisch bedeutsamen Verteidigungsstellungen der Japaner. Nachdem die US-Marines am 23. Februar diese Artillerie-Stellung eroberten, sollte dort die US-Fahne gehisst werden. Der Bataillons-Führung, die vom Strand aus die zunächst viel zu kleine Fahne sah, befahl, eine deutlich größere Fahne aufzuziehen. Es machte sich ein neuer Trupp Soldaten auf den Weg. Und so hatte Rosenthal das Glück seines Lebens. Der immer wieder getätigte Vorwurf, die Photographie wäre gestellt gewesen, hat sich als unwahr erwiesen.

Die Dynamik des ersten und ursprünglich vom Kriegsphotographen Lou Lowery aufgenommenen Bildes ist eine ganz andere: weniger patriotisch, allenfalls die Fahne im Hintergrund zeugt davon, weniger Pathos in der Positur der Menschen um die Fahne herum, sondern vielmehr pragmatisch situiert. Das Kampfgeschehen ist noch unmittelbar zu ahnen, insbesondere durch jenen Soldaten mit dem Gewehr im Anschlag – das einzige Spannungsmoment in dieser Photographie, sieht man einmal von der Perspektive ab, die die Szenerie von schräg-unten abbildet. Die Soldaten im Hintergrund wirken routiniert und gleichgültig: man tut, was man tut. Die zweite Aufnahme hingegen ist ganz auf die Fahne der USA konzentriert und dazu auf die Bewegung der Soldaten als eine ineinander verschmolzene Gruppe. Wie aus der Erde, dem Geröll und den Trümmern herausringend hissen sie da auf jenem Berg jenes Star Spangled Banner. Jede Bewegung und die Anordnung im Bild läßt bereits das Monument ahnen: es ist eine Pose, ein Ausdruck.

Man könnte für diese Frage der Darstellung auch Lessings „Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie“ lesen: wie nämlich bestimmte Kunstgattungen bestimmte Szenarien (Handlung und Charaktere etwa) gelungen ins Kunstwerk bringen. Wie auch in der Laokoon-Gruppe findet sich in Rosenthals Bild Dynamik, Spannung und zugleich ein festgeforener, gebannter Augenblick. In der Photographie von Rosenthal wird der Krieg selbst abstrakt und auch die Soldaten werden es – auch wenn man hinterher versucht hat, ihre Namen für die Kriegsbegeisterung nutzbar zu machen und mit ihnen für die dringend nötigen Kriegsanleihen zu werben. Mittels dieser Komposition und eben auch durch das Glück, im rechten Moment den Auslöser gedrückt und diese Szenerie geahnt zu haben, geriet jene Photographie von Joe Rosenthal plastisch. Sie wurde auf dem US-amerikanischen Militär- und Nationalfriedhof Arlington zur Skulptur verwandelt und geriet zum Heldendenkmal. 

Braucht ein Krieg solche Bilder? Für die Heimatfront sicherlich, und auch für einen Krieg, der gegen Diktaturen geführt wird, sind die Einübungen in Munterkeit oder zumindest ein Antidot zur Verzweiflung und zur Resignation angesichts der Opfer erforderlich. Selten aber laufen Geschichte und Ästhetik rund. Eine ästhetisch perfekte Photographie vom Krieg, ohne Ecken und Kanten, ohne Tücken, eignet sich nur leider auch zum Hurra-Patriotismus. Das eben ist das Fatale der Schönheit, die wir bewundern und die doch im formschönen Körper und im auskomponierten Bild immer auch zum Mißbrauch einlädt. Die Frage, ob Kriegsphotographien gelungene Kunst sein können, sollten wir dabei immer im Auge behalten – auch für den zweiten Teil dieses Essays.

Nicht ganz zu vergessen ist bei solcher Helden-Monumental-Photographie das Schicksal eines dieser Soldaten, die die Fahne aufstellten. Und zwar der 1923 im Indianerreservat geborene Ira Hamilton Hayes, ein Pirma-Indianer, der später im zweiten Weltkrieg beim US-Marine Corps diente. Von den sechs auf der Photographie abgebildeten Soldaten überlebten, nach Wikipedia, lediglich Harold Schultz, Rene Gagnon und Ira Hayes. Bei Wikipedia heißt es zur Vita weiterhin:

Nach dem Ende des Krieges verlor diese Maßnahme an Bedeutung und Hayes kehrte auf Umwegen in das Indianerreservat zurück, aus dem er stammte. Er kam mit dem Ruhm, den die sechs Flagraisers praktisch über Nacht besaßen, nicht zurecht. Später litt er an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Dadurch verfiel er dem Alkoholismus und wurde insgesamt 51-mal wegen Trunkenheit verhaftet. Über das Hissen der Flagge auf dem Berg Suribachi verlor er kaum noch Worte, über seinen Dienst im Marine Corps sprach er jedoch immer voller Stolz. Hayes plagten Gewissensbisse, dass sein Freund Harlon Block, der beim zweiten Hissen der Fahne auf dem Foto war, fälschlicherweise mit Henry Oliver „Hank“ Hansen verwechselt wurde, der beim ersten Hissen auf einem anderen Foto war. Deswegen trampte er 2000 Kilometer zu der Farm der Blocks, um diesen Irrtum zur Freude und Dankbarkeit der Familie Block aufzuklären.

Hayes sah sich nicht als Held und verschmähte seinen ungewollten Ruhm. Als ihn 1954 bei einer Ehrung durch Präsident Dwight D. Eisenhower im Weißen Haus ein Reporter fragte, wie ihm der Pomp und die Umstände gefielen, antwortet er mit gesenktem Kopf: „Gar nicht“.

Ira Hayes wurde wenige Tage nach seinem 32. Geburtstag tot neben einer verlassenen Hütte in der Nähe seiner Wohnung aufgefunden. Er lag mit dem Gesicht nach unten in seinem eigenen Erbrochenen und Blut. In der Nacht zuvor hatte er mit anderen Männern, darunter seine Brüder Kenny und Vernon sowie einem Pima-Indianer namens Henry Setoyant, Karten gespielt und dabei Alkohol getrunken. Mit Setoyant soll es zu einem Handgemenge gekommen sein, woraufhin das Kartenspiel abgebrochen wurde und nur Hayes und Setoyant zurückblieben. Der Gerichtsmediziner kam zu dem Schluss, dass Hayes durch die Kombination von Unterkühlung und Alkohol zu Tode gekommen war. Allerdings bleibt sein Bruder Kenny überzeugt, dass der Tod etwas mit dem Handgemenge zu tun hatte. Es gab aber keine amtliche Untersuchung und Setoyant bestritt jegliche Vorwürfe, dass er mit Hayes noch eine Schlägerei hatte, nachdem alle Spieler fortgegangen waren.

Ira Hayes wurde auf dem Nationalfriedhof Arlington beigesetzt.

Auch diese Hintergründe scheinen mir für solch eine Photographie nicht ganz ohne Bedeutung, und (ungewollte) patriotische Ikonen und Helden für fünf Minuten geraten nach solchen Kriegen schnell in Vergessenheit.

Wieweit wiederum eine Photographie wie die von Rosenthal in Kunst verwandelt werden kann, zeigt Edward Kienholz‘ „The Portable War Memorial“ (siehe Link) aus dem Jahr 1968. Wir sehen eine Kunst, die jenen Pathos implizit kritisiert und teils auch ins Lächerliche bringt oder zumindest mit einer gewissen Komik konfrontiert, wenn da ein hochemotional-patriotisches Narrative wie das vom Sieg in Iwo Jima und banaler Alltag innerhalb dieses Environments (oder ist es noch eine Skulptur? Auch hier bei Kienholz stellt sich die Frage nach den Gattungsgrenzen innerhalb der bildenden Kunst) zur Anschauung gebracht werden. Kienholz gab seinem Werk eine einzige Gebrauchsanweisung nur mit: Man muß es von links nach rechts „lesen“, und er gab den Betrachterinnen und Betrachtern eine inhaltliche Gliederung mit auf den Weg: links die Propaganda-Bilder, der Uncle Sam, Katie Smith, die in einer Art Mülltonne dargestellt wird, singt von einem Tonband in Dauerschleife „Good Bless America“, die Soldaten erreichten die Fahne auf einem Campingtisch und nicht auf dem Gipfel des Vulkans. Rechts, so Kienholz sehen wir „The business goes on“. Jene Imbiß-Atmosphäre, irgendwo in den USA. Und über alledem liegt in Wiederholung jener Song. Kienholz bringt in seinem Environment – unter anderem – auch jenen kulturindustriellen Umgang mit dem spezifischen US-Patriotismus zum Bewußtsein. Eine Fahne, die auf einem Camping-Tisch errichtet wird, mag nicht einmal mehr vordergründig patriotisch stimmen, sondern zeigt die Entleerung eines Rituals. Die Einmaligkeit und das Erhebende solcher Hymnen, Bilder und patriotischen Szenarien ist am Ende nichts als eine Inszenierung.

Dennoch wurde Kienholz‘ Werk immer einmal wieder der juristische Vorwurf des Fahnenmißbrauchs gemacht. Was aber in diesem Falle – und man kann das auch an Jasper Johns Kunstwerken des Star Spangled Banner sehen – ohne Rechtfertigung und ohne Grund ist, denn das Bild einer Fahne oder dessen Abbild in einer Skulptur ist nicht die Fahne selbst.

Was als Werk für den Alltagsgebrauch einstmals als Pathos mit Patriotismus konzipiert war, insbesondere in jener Arlington-Skulptur des US Marine Corps War Memorial nach einem Entwurf von Felix de Weldon, darin jene Inschrift: „IN HONOUR AND MEMORY OF THE MEN OF THE UNITED STATES MARINE CORPS WOH HAVE GIVEN THEIR LIVES TO THEIR COUNTRY SINCE NOVEMBER 1775“. Die Skulptur des Memorials wurde nach jenem Photo von Rosenthal geformt, Krieg als Pathos, als Passion,  als Pomp und als Heldenmut ausgestellt und zugleich soll sie die Trauer-Herzen ergreifen und verführen und damit täuscht sie die Menschen zugleich über das Mörderische eines Krieges  – noch ein gerechter Krieg ist ein grausamer: die Mütter, die um ihre Söhne weinen und jene Frauen, die um ihre Männer klagen, wissen es -, wird bei Kienholz zur Pop-Art, zum reproduzierbaren käuflichen, transportierbaren Accessoire, wie er auch auf Postern und auf Merchandising-Objekten mit kleinem Geld und also billig zu erstehen ist: Tassen, Teller oder Photos, die jenes Rosenthal-Motiv ungezählt reproduzieren und als Pathos-Kitsch verbreiten. Eine Dialektik von Auf- und Abwertung. Singularität im Heldentum und Käuflichkeit in einem. Und zugleich ist diese ikonische Photographie von Joe Rosenthal in ihrem Aufbau immer noch schön. Doch bedarf sie eben auch der Ergänzung und lädt die Kunst nachgerade ein, im Sinne des Zitates und der Zitation, die das Wesen der Kunst ausmachen, nämlich auch als Selbstreflexivität aufs eigene Genre, solches in Werken weiterzutreiben.

Kienholz‘ Environment zeigt zudem, daß es eine politisch gelungene Kunst geben kann, die nicht einfach mit dem Zeigefinger kommt und moralisch unterkomplex dem Betrachter im Sinne des betreuten Denkens oder des sensitivity Readings sagt, was wir zu interpretieren und zu denken haben, sondern die in ihrer Überdeterminiertheit unterschiedliche Les- und Betrachtungsarten dieses Werkes ermöglicht. Vom American Way of Life bis hin zur Pop-Kultur, vom Ikonographischem bis hin zum Artifiziellen. Pathos zugleich, der sich auch beim Kienholz in der Dramatik der Fahnenszene zeigt: ein umgekippter Campingstuhl. Selbst im Alltag gehen die Dinge nicht immer leicht von der Hand. Und ins Normale bricht das Unheimliche.

Copyrightnachweise

Alle Photographien: CC-Lizenz, Wikipedia

Die dunkle Seite Europas – Zeev Sternhell „Faschistische Ideologie“

Im Spannungsfeld der politischen Lage, im Blick auf die AfD und nach den Ereignissen in Thüringen Anfang Februar kann es ratsam sein, sich auf einen Begriff zu besinnen, der im Zusammenhang mit Björn Höcke und der AfD immer wieder fällt: Faschist nämlich. Aber was ist Faschismus? Diesen Begriff als Spielmarke einzusetzen, ist insofern ein Problem, weil man durch solchen ubiquitären Einsatz das Spezifische und damit auch das, was am Faschismus gefährlich ist, verwässert. Zum Glück gibt es Bücher, die Wissen intensivieren.

Zeev Sternhells Buch Faschistische Ideologie will in diesem Sinne einen Überblick verschaffen, im Untertitel nennt sich das Buch Einführung. Gleich im ersten Satz betont Sternhell, daß sich das Wort Faschismus zwar seit Jahrzehnten im politischen Diskurs großer Beliebtheit erfreut, jedoch bleibt der Begriff zugleich verschwommen und unpräzise. Allerdings bereits beim zweiten Satz des Buches schüttelt der Rezensent den Kopf:

„Tatsächlich scheint es so zu sein, als ob die Erforschung des Faschismus noch in den Kinderschuhen stecke, und daß es wenige Wissenschaftler gebe, die sich umfassend um ein tiefgreifendes Verständnis dieses Phänomens bemühen.“

Nun handelt es sich bei diesem neu aufgelegten Text Sternhells zwar um einen Essay aus dem Jahr 1976, der uns hier in einer vom Autor überarbeiteten Fassung vorliegt aber diese Aussage ist so nicht haltbar: nicht nur im Hinblick auf die Gegenwart – hier zumindest hätte eine erläuternde Fußnote gutgetan –, sondern ebenso mit Blick aufs Jahr 1976 existiert eine schier unüberschaubare Zahl an Forschung, die Bibliotheken füllt. Insofern trügt dieser Schein. Gerade in den 1970er Jahren boomten die Texte zur Faschismusdiskussion. Wer sich zur Literatur dieser Jahre einen Überblick verschaffen will, lese Ian Kershaws Buch Der NS-Staat, darin auch die Debatten der 1960er Jahre erwähnt und mit zahlreichen Literaturangaben referenziert sind. Und wer eine detaillierte Sicht auf das Entstehen des Faschismus lesen will, greife zu Ernst Noltes Der Faschismus in seiner Epoche. Action française · Italienischer Faschismus · Nationalsozialismus.

Sternhell nun zeigt die Ursprünge faschistischer Bewegungen und ihrer Politik im ausgehenden 19. Jahrhundert, insbesondere in Frankreich und Italien. Zentral für den Faschismus ist für Sternhell dessen Auseinandersetzungen mit den ebenfalls aufstrebenden sozialistischen Bewegungen, nämlich die soziale in eine nationale Frage zu überführen, um einerseits die antibürgerliche, antiliberale Haltung der sozialistischen Arbeiter ins eigene Lager zu lenken und andererseits eine Politik gegen sozialistische und marxistische Ideen zu etablieren.

Für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg schreibt Sternhell im Blick auf Italien:

„Anstelle einer Klasse war es nunmehr die Nation, die den Lauf der Geschichte als Vertreterin von Fortschritt und Zivilisation bestimmte. Und genau dies war der Paradigmenwechsel, der den Übergang von links nach rechts so einfach machte, denn an jedem anderen Punkt hatten sich die extreme Linke, die sich aus Syndikalisten und revolutionären Sozialisten zusammensetzte, und die Radikalen und Nationalisten der Neuen Rechten bereits getroffen und Übereinstimmungen festgestellt.“

Diese geschichtlich verorteten Überlegungen zeigen vor allem, daß der Faschismus etwas ist, was nicht aus heiterem Himmel über die Menschen kam, sondern Faschismus entwickelte sich in geschichtlichen Prozessen und im Wandel sowie im Kampf der Ideologien des ausgehenden 19. Jahrhundert in Theorie und Praxis.

„Zu jener Zeit, da die alte Welt im August 1914 zusammenbrach, hatte die faschistische Ideologie schon eine lange Geschichte hinter sich, die bis ins Jahr 1880 zurückreichte.“

Das Verschwinden jener „Welt von gestern“ und die Wirrungen nach dem Ersten Weltkrieg setzten in Italien und später auch in Deutschland etwas frei, was in unterschiedlichen Ansätzen schon lange vorbereitet dalag. Es mußte, von der Ebene der Theorie ausgehend, nur noch praktisch werden. Die Mechanismen der Umsetzung allerdings, wie Theorie zur Praxis gelangte, bleiben bei Sternhell leider schematisch und beschränken sich eher auf allgemeine Thesen statt daß hier geschichtliche Forschung und Quellen bemüht würden. Dadurch entsteht in einem Text, der als Einführung konzipiert ist, stellenweise ein verengter Blick. Und es gehört zu einer Einführung dazu, unterschiedliche Positionen der Forschung darzustellen. Sternhell jedoch fährt seine eigenen Thesen aus, und in diesem Sinne führt der Untertitel des Buches auf eine falsche Spur.

Eine weitere Vorentscheidung Sternhell liegt darin, den Nationalsozialismus auszusparen. Der Nazismus „kann nicht als eine bloße Variante des Faschismus behandelt werden: seine Betonung des biologischen Determinismus schließt alle Bemühungen aus, ihn als solche zu betrachten.“ Diese Begründung ist zwar zirkulär, aber Sternhell scheint hier aufgrund der komplizierten Frage und „der spezifischen Charakteristika des Nazismus“ eher um eine Art Singularitätsthese zu gehen, die dem Spezifischen, eben dem Aspekt der brutalen Eliminierung Raum geben will. Aspekte also, die über die faschistische Ideologie hinausweisen.

Zentraler Punkt seines Buches ist das Verhältnis von linken und rechten Kräften in den unterschiedlichen Gesellschaften im Europa des späten 19. Jahrhunderts. Wieweit das, was heute unter dem Namen Hufeisentheorie verbreitet ist und in der Kritik steht, nämlich das Parallellaufen rechten und linken Extremismus, auch zum ausgehenden 19. Jahrhundert schon verbreitet war, zeigt Sternhell am Beispiel der Dreyfus-Affäre und anhand des französischen Sozialphilosophen Georges Sorel. Linke Syndikalisten, rechte Nationalisten und Teile der Sozialisten, die anfangs noch für Dreyfus einstanden, aber abrückten, als sie bemerkten, daß dieses Eintreten für die Republik nur weiter die „Vorherrschaft der Bourgeoisie“ sicherte, schritten bald Seit an Seit gegen die Französische Republik. Die extreme Linke der europäischen Sozialisten, so Sternhell, hielt es für besser, dem Proletariat die Verachtung gegenüber bürgerlichen und liberalen Werten einzuimpfen und jene bürgerlichen Tugenden ebenso abzulehnen wie deren Gesetze. Es ging, so Sternhell, beiden Seiten um die „reinigenden Prozesse des sozialen Kampfes. In den Schriften von George Sorel entdeckten die Syndikalisten außerdem einen reichen Schatz anti-intellektueller und irrationaler Argumente.“

Sorel kam von den Sozialisten, und er experimentierte mit politischen Haltungen. Er war ein vehementer Gegner der liberalen Demokratie des 19. Jahrhunderts. In dieser Ablehnung der demokratischen Idee fanden die rechten Nationalisten der Action Francaise und revolutionäre Syndikalisten eine gemeinsame Basis. Demokratie, darin stimmten sie überein, sei der „größte Fehler des letzten Jahrhunderts“. Diesen galt es zu bekämpfen. Ähnliches spielte sich in Italien ab, wie Sternhell an Sergio Pannunzio, einem Theoretiker des Syndikalismus, zeigt. Sein Schaffen „krönte“ 1934 die Teoria Generale Dello Stato Fascista. Pannunzio verband nationale Themen Italiens mit Überlegungen, die er von Sorel übernahm. Zentral für alle faschistischen Bewegungen ist die Ablehnung des liberalen, demokratischen Staates und dessen Transformation in einen totalitären Staat, der keine Parteien und keine Individuen mehr kennt, sondern alle Bereiche des Daseins als nationale Gemeinschaft zu umfassen bestrebt ist.

Ein weiterer zentraler Aspekt des Faschismus bestand darin die Idee des Klassenkampfes umzupolen in einen Kampf der Arbeiter aller Klassen – also vom Kleinbürger, über die Mittelschicht, dem Arbeiter bis zum Bauern – gegen den „Bankkapitalismus“ und gegen Ausbeutung. Dabei sollten allerdings die traditionellen Werte beibehalten werden, vor allem der Begriff der Nation als einigende Klammer.

Solche faschistischen Bewegungen machten sich in zahlreichen Ländern Europas breit. Ihre volle Wirkung jedoch entfaltete sie zunächst in Italien, obwohl gerade in Frankreich eine starke und erfolgreiche faschistische Bewegung schon vor dem Ersten Weltkrieg entstand. Das Buch nennt zwar diese Differenzen und deutet auch auf Gründe. Es sind also nicht einfach nur Begriffe wie Nation und das ideologische Unterfutter, sondern erst die politischen Umstände und Kontexte lenken Geschichte in die eine oder eben in die andere Richtung. Solche Darstellung der Interdependenzen und auch der analytische Blick, was sozialistische und faschistische Bewegungen vor allem trennt, fehlen in diesem Buch leider. Die Fokussierung auf Gemeinsamkeiten erscheint stellenweise einer Blickverengung geschuldet.

Die Frage, wie ausgeprägt und stark solcher Wechsel von der linken Seite auf die rechte tatsächlich ausfiel, müßte man zudem anhand von Quellen zeigen, um genaue Zahlen zu bekommen. Waren es einige aus den linken Bewegungen, die die Seiten wechselten, oder war es doch eine Vielzahl an Menschen? Und was setzte linke Theorie dem entgegen? Diese Aspekte fehlen im Buch und insofern geht Sternhells Buch über eine Einführung in die Materie hinaus, er liefert Interpretationen, und ich bin mir nach Abschluß der Lektüre nicht sicher, ob man nicht, um diese These Sternhells in ihrem Sachgehalt zu beurteilen, doch auch einen anderen Blick auf die Frage nach der Entstehung des Faschismus benötigte.

Ein weiterer Mangel des Buches liegt darin, daß Sternhell unidirektional ästhetisches und politisches Denken koppelt. Sei es bei seiner Lektüre des rechtsnationalen französischen Schriftstellers Drieu La Rochelle, in dessen Literatur sich teils heftiger Antisemitismus findet, oder wenn ästhetische Positionen wie der Italienische Futurismus und insbesondere die Thesen Marinettis unmittelbar mit dem Brutalismus der Faschisten, die gerne den neuen Barbaren gegen die verkrustete Zivilisation einsetzen, verbunden werden. Selbst dort, wo Marinetti 1909 in seinem Manifest die „Zerstörung der Museen, Bibliotheken und Akademien“ fordert, verkürzt und verkennt solcher Zusammenschluß nicht nur den Eigensinn des Ästhetischen, sondern greift auch in der Analyse ökonomischer und politischer Mechanismen zu kurz. Der Ästhetisierung des Politischen, wie ihn nicht nur Künstler, sondern auch die faschistische Politik gerne und bis heute hin betreibt, liegt ein politischer Akt zugrunde, kein ästhetischer. Selbst da nicht, wo Künstler wie Marinetti dies aus Gründen der Selbsterhöhung gerne annehmen. Die Ansätze, die Benjamin in seinem Kunstwerkaufsatz liefert und die im Blick auf eine politische Ästhetik wiederum zu korrigieren wären, bilden hier ein spannendes Interludens, um das Theoriefeld Masse, Macht, Ästhetisierung, Politik und die ästhetische Verheißung, die in solchen Verkoppelungen liegt, im Detail zu analysieren.

Instruktiv scheinen mir Sternhells Ausführungen an dem Punkt, wo er den Faschismus im Sinne eines Kults als neue Religion deutet, die ein „Produkt der Veränderung der Politikgestaltung [war], die gegen Ende des 19. Jahrhunderts stattgefunden hatte.“ Jene Beschreibung der „faschistischen Liturgie“ als „romantische und mystische Konzeption des Lebens“ ruht freilich, so Sternhell, im Politischen und ist Produkt einer neuen Massengesellschaft – wobei man sich an dieser Stelle und weil Faschismus fälschlicherweise immer einmal wieder mit dem vermeintlichen Irrationalismus der Romantik verbunden wird, einige Erläuterungen zu den Begrifflichkeiten gewünscht hätte.

Wichtig ist ebenso Sternhells Verweis auf das spezifisch Moderne der Bewegung, selbst da, wo sie regressive Elemente enthält und trotz aller Naturidylle und trotz Blut-und Boden-Ideologie. Die unterschiedlichen faschistischen Bewegungen Europas setzten auf die Entfaltung von Industrie und die Möglichkeiten neuester Technik, und sie setzte auf die Jugend.

Sternhell spricht zudem vom ganzheitlichen, mithin dem totalitären Charakter dieser Bewegung, etwa in der Annahme, daß die nationale Gemeinschaft einen Körper schafft, in dem das Proletariat integraler Teil einer Nation sein würde. Sternhell nennt hier den Charakter der Massenbewegung, insofern durch die Instinkte und Emotionen der Massen das analytische abwägende Vorgehen des Verstandes, das also, was man als die kalte Rationalität kritisierte, gebrochen wurde. Für den Faschisten sind die Emotionen dem Verstand überlegen, und das hat eminenten Einfluß auf die politische Propaganda: Gefühle sind leicht zu triggern und zu mobilisieren. Damit beschreibt Sternhell die neuen Herrschaftstechniken einer modernen politischen Bewegung, die einerseits Egalität beansprucht, diese aber andererseits an eine gemeinsame nationale Identität bindet – die rassischen Aspekte dieser Bewegung – wie sie bei den französischen Faschisten durchaus eine Rolle spielten, man denke eben an die Dreyfus-Affäre – streift Sternhell nur bzw. er konstatiert, daß sie für den italienischen Faschismus eine geringe Rolle spielten.

„Hinter dem Faschismus stand die Sehnsucht, dem Leben einen neuen Sinn zu verleihen. Deshalb nahm der Faschismus, wenn man ihn gründlich betrachtet, den Charakter einer neuen Religion an, die vollständig mit einer eigenen Mystik ausgestattet war und die bestehende Welt insgesamt ablehnte.“

Solche Sätze stehen allerdings thesenartig im Raum und man hätte sich für die inhaltliche Ausarbeitung doch den einen oder anderen Hinweis aus der Sozialgeschichte und den Gang in die Archive gewünscht, um das zu verifizieren. Als These mag das klangvoll sein, aber mangels Belegen überzeugt es nicht. Leider finden sich in diesem Buch immer wieder Beispiele für solche behauptenden Sätze.

Vorsicht ist auch im Hinblick auf die diagnostische Kraft des Buches geboten, wie manche Interpreten dies gerne sähen, auch die Autoren des Nachwortes. Sternhells Essay aktualisiert nicht auf die Gegenwart hin und ebenso wie Adornos Vortrag über rechtes Denken lassen sich zahlreiche Aspekte nicht umstandslos aufs Jetzt übertragen – was Sternhell allerdings auch nicht behauptet. Die Krisen der Gegenwart, wie etwa die Globalisierung, die Konkurrenz zwischen den USA und China, eine multipolare Welt mit Ländern, die Atomwaffen besitzen, sind andere und stellen die Politik vor neue Herausforderungen. Selbst da, wo rechte Nationalisten heute, wie schon die Rechtsnationalen in ganz Europa zu Zeiten der Wirtschaftskrise von 1929, sich für eine nationale Abschottung der Wirtschaft aussprachen, sind die globalen und nationalen Bedingungen andere als damals – allein über die mediale Vernetzung.

Und auch Analogiebildungen zwischen Gegenwart und Vergangenheit geraten schief. Sie zwängen Unterschiedliches in ein Muster. Wenn damals wie heute in einem faschistischen oder autoritären Staat politische Parteien keine Rolle mehr spielen sollen, sondern das Eingebundensein des Einzelnen in die Gemeinschaft zentral wird, dann mögen sich die Ideen gleichen. Doch ähnliche Ideen unter verschiedenen Voraussetzungen können unterschiedliche Effekte zeitigen. Dies fängt bereits bei den deutlich pluraleren Lebensformen an, die heute herrschen und die den Protest sozialer Bewegungen gegen solche Tendenzen befruchten – gerade die Ereignisse in Thüringen um die Wahl des Ministerpräsidenten zeigten, wie schnell sich der Widerstand im Bereich der Medien, aber auch als Straßenprotest organisieren ließ. Mit solchen Analogien übersieht man das Spezifische der Gegenwart und verfehlt es. Sternhell liefert insofern kein Vademecum – schon gar nicht, wie mit Faschismus heute umzugehen sei –, sondern er zeigt, wie es war und wie es wurde und er liefert auf rund 120 Seiten eine überblickshafte Skizze, die freilich in vielen Aspekten fragwürdig bleibt. Als Einführung in den Faschismus halte ich diesen Text für wenig geeignet. Als Perspektivierung auf ein Problem und seine geschichtliche Freilegung bleibt das Buch lesenswert.

Den Teil des Nachworts von Kristine Listau und Jörg Sundermeier, wo es um den politischen Gegenwartsbezug geht, kann man sich bei der Lektüre allerdings sparen. Es ist in seiner Vergröberung entbehrlich: ein Statement etwa, daß es inzwischen auch bei der Linken wieder Gruppierungen gäbe, die Begriffe wie Heimat, Volk und Nation affirmativ aufgreifen wollen, um diese Begriffe den Rechten wegzunehmen, zielt in lauer Polemik am Problem vorbei und ist in dieser simplifizierenden Allgemeinheit schlicht falsch. Als ob sich Faschismus einfach in Begriffen wie Heimat oder Nation, die nebenbei etwas völlig verschiedenes sind, erschöpfte. Und daß Menschen angesichts der politischen Lage ihre Lesekreise an Universitäten verlassen und sich nicht nur an irgendwelchen linken Identitätspolitiken ausrichten, ist nicht Querfront, sondern angesichts ökonomischer Schieflagen sogar geboten. Gerade solche Sätze machen deutlich, daß das Problem des Faschismus nicht im Ansatz begriffen wurde – trotz dieses Buches.

Zeev Sternhell: Faschistische Ideologie. Eine Einführung, Verbrecher Verlag 2019,136 Seiten, 15,00 EUR, ISBN 9783957323125

 

Deutsches Herz der Finsternis. Zur Befreiung von Auschwitz

„Der Faschismus war nichts als Menschenwerk, dies offenbar sich noch in der jeglicher Dämonie spottenden „Banalität des Bösen“. Er kann sich real auf keine höhere Gewalt berufen. Damit aber schlägt jede gesellschaftstheoretische Kritik des Faschismus, die […] ohne die Konstruktion einer höheren Gewalt nicht existieren kann, in Affirmation um, in reine Rechtfertigung dessen, was um keinen Preis zu rechtfertigen ist. Die Theorie sucht nach Gründen. Für die planmäßige Vernichtung von 6 Millionen Menschen, die noch nicht einmal zum Vorteil irgendeines anderen ausgebeutet, sondern einfach nur vernichtet werden, gibt es aber keine Gründe. Und jeder Versuch, sie dennoch zu konstruieren, muß zurückgewiesen werden.“ (Wolfgang Pohrt)

„Aus der Richtung Kattowitz sah man das Feuer von Auschwitz noch 20 km weit.“
(Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden)

Ein Höllenschlund und doch nur ein grobes Ahnen. Hilberg beschreibt in seinem Standardwerk „Die Vernichtung der Juden“ wie die Nazis alles taten, um ihr Morden zu verbergen, um diese Orte der Vernichtungslager, die zugleich Nicht-Orte waren, in einen Schleier zu legen: Sobibor, Auschwitz-Birkenau, Maydanek, Belzek, Treblinka, Kulmhof. Nicht einmal der Vorzeige-Nazi und des Führers Jurist Hans Frank, immerhin Generalgouverneur des von der Wehrmacht besetzten Polens, wurde in Auschwitz vorgelassen. Man wies ihn mit einer läppischen Erklärung ab, man schickte ihn und seine Entourage zurück: Seuchengefahr! Bis 1944 kamen rund 2,7 Millionen Menschen in diesen Lagern ums Leben. Sie wurden ermordet.

„Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes. Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht. – ‚Das jüdische Volk wird ausgerottet‘, sagt ein jeder Parteigenosse, ‚ganz klar, steht in unserem Programm, Ausschaltung der Juden, Ausrottung, machen wir.‘ Und dann kommen sie alle an, die braven 80 Millionen Deutschen, und jeder hat seinen anständigen Juden. Es ist ja klar, die anderen sind Schweine, aber dieser eine ist ein prima Jude. Von allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner hat es durchgestanden. Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei –abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zuschreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte, denn wir wissen, wie schwer wir uns täten, wenn wir heute noch in jeder Stadt – bei den Bombenangriffen, bei den Lasten und bei den Entbehrungen des Krieges – noch die Juden als Geheimsaboteure, Agitatoren und Hetzer hätten. Wir würden wahrscheinlich jetzt in das Stadium des Jahres 1916/17 gekommen sein, wenn die Juden noch im deutschen Volkskörper säßen.“ (Reichsführer SS Heinrich Himmler, Posener Rede, am 4. und 6. Oktober 1943 gehalten im Rathaus von Posen)

Diese Sätze stehen für sich, man muß sie sich auf der Zunge zergehen lassen und muß sie mit den Ohren lesen. Wie überhaupt diese Posener Rede insgesamt ein Dokument ist, das Einsicht nicht nur in die Denkmuster dieser Menschen gibt, sondern auch zeigt, was sie taten. Es ging nicht einfach um Vernichtung, sondern darum, eine Ideologie nicht nur zu leben, sondern auch aktiv zu praktizieren. Die Vernichtung der Juden. Gründlich und genau. Und doch eben eine Geheimrede, damit es nicht herauskommt, was anständig gebliebene Deutsche taten. Und nach dem Mai 1945, dem Tag der Befreiung, wie es dann ab 1985 immerhin offiziell hieß, mochten auch die übrigen, die vielleicht nicht mittaten oder auch nichts dagegen taten – wie auch, wer hätte heute den Mut, es ist immer leicht, mit eines anderen Arsch durchs Feuer zu reiten und Widerstand zu simulieren: oder wie es eine Jüdin in einem Interview sagte, als ihr Interviewpartner, ein junger Mensch, entgegnete: man hätte Widerstand leisten müssen: „Kindchen, du hättest genauso mitgetan, spiel nicht den Widerständler!“ –  mochten also auch die übrigen hinterher nicht groß daran erinnert werden.

„Die Ereignisse schienen in den Köpfen ein Versteck gefunden zu haben, keiner vermisst sie. Keiner will sie haben.“ (Gisela von Wysocki, Wiesengrund)

Der Gang durch Buchenwald von Weimar aus reicht. Doch nun kommt The Wirtschaftswunder:

„Einst waren wir mal frei
Nun sind wir besetzt
Das Land ist entzwei
Was machen wir jetzt?
Jetzt kommt das Wirtschaftswunder
Jetzt kommt das Wirtschaftswunder
Jetzt gibt’s im Laden Karbonaden schon und Räucherflunder
Jetzt kommt das Wirtschaftswunder
Jetzt kommt das Wirtschaftswunder
Der deutsche Bauch erholt sich auch und ist schon sehr viel runder
Jetzt schmeckt das Eisbein wieder in Aspik
Ist ja kein Wunder nach dem verlorenen Krieg

Und aus der Ferne leuchtet der Schein der Feuer, aber es sind nicht die Raffinerien von Auschwitz-Monowitz, sondern die Verbrennungsöfen die Brandgruben schimmern: heute, nach dem Film „Herr der Ringe“, würde man an das Land Mordor denken. Nur ist all das schlimmer. Es ist keine Fantasy. Aber sehr wohl  ist dieses Tun dort der menschlichen Phantasie und vor allem deutscher Gründlichkeit und Schaffenskraft entsprungen.

Wie nähert man sich diesem Ort? Eigentlich gar nicht. Theorie reicht an dieses Szenario nicht heran und müßte es doch zugleich, um nicht sprachlos zu blieben und damit da so etwas wie ein Denken, eine Denkbestimmung ist, die das, was da war, einholt.

Mit Hegel kann man nicht durch Auschwitz reiten, sagte einmal Anfang der 1990er ein Germanistikprofessor in Hamburg. Es war Klaus Briegleb. Er mag einerseits recht haben. Aber ich halte diese Sicht für falsch. Hegel befreit nicht von Auschwitz und holt alles irgendwie in die holistische Theorie ein, damit wir im Denken kompensieren. Aber man kann mit Hegel das, was sich in seiner Perversität und Widerlogik jeglichem Denken qua einer überbordenden Rationalität entzieht, zumindest versuchen in Begriffe zu fassen, und schon das Nennen einer Aporie oder einer Schwierigkeit ist ein erster Weg und Ansatz, sich anzunähern.

Was macht Auschwitz, was macht die Shoah derart spezifisch? Vielleicht das, was Hannah Arendt so treffend und in vier Worten bezeichnete: „Die Banalität des Bösen“. Daß da mit akribischer Logik Herren- und Paragraphenreiter, die Hunde, ihren Garten, ihre Katze und ihre Frau lieben, eine Tötungsmaschinerie in Gang setzten, und zwar bis in die Protokollierungen und die Fahrplan-Verzeichnisse hinein.

„Wir Deutsche, die wir als einzige auf der Welt eine anständige Einstellung zum Tier haben, werden ja auch zu diesen Menschentieren eine anständige Einstellung einnehmen, aber es ist ein Verbrechen gegen unser eigenes Blut, uns um sie Sorge zu machen und ihnen Ideale zu bringen, damit unsere Söhne und Enkel es noch schwerer haben mit ihnen.“ (Himmler, Posener Rede)

Menschen gelten als Dinge und jeder an seinem Platz nach Stufen geordnet und Menschen auf dem Rang von Tieren. Ohne jeden ökonomischen Sinn: Rassedenken, Antisemitismus und eine Klassifizierung von Menschen, die im Vergleich zum Kolonialregime der Engländer und Franzosen eine völlig andere Qualität entwickelte und damit einen qualitativen Sprung tat, hin zu einer neuen Form von Gewalt und dies eben macht die Singularität der Shoah aus.

Nicht mehr die Ökonomisierung von Menschen, sondern deren bedingungslose Auslöschung stand im Vordergrund. Nicht weil sie schlecht arbeiteten, sondern schlicht, weil sie nicht mehr als Menschen gesehen wurden und weil sie vor allem Juden waren. Als Volksschädlinge, als Auszurottendes. Auch Neger ließ man die Straße putzen und man schlug ihnen den Rücken blutig. Aber wenige Weiße nur kamen auf die Idee, sie auszurotten: im Gegenteil, es war bequemer, sie auf Plantagen oder in Fabriken zu halten und die drakonischen Strafen galten nicht ihrer Vernichtung, sondern der Disziplinierung der übrigen Sklaven. Sofern sie sich fügten und ihren Platz sahen. Darin liegt der Unterschied zwischen Sklaverei, Kolonialismus und dem Vernichtungs-Antisemitismus der 1940er Jahre. Der Jude wurde nicht als dienende „Rasse“ gehalten, sondern er war, dem Ungeziefer gleich, von dieser Welt zu vertilgen.

„Der Umstand, daß man die Vernunft in der Geschichte stets unterstellen muß, wenn man die unterstellte Vernunft mit der Realität verwechselt. So kommt es, daß ausgerechnet Vulgärmarxisten, welche die Unterscheidung von Begriff und Sache und also den Unterschied zwischen der wirklichen Idiotie der wirklichen Geschichte und der Vernunft, mit der Marx diese idiotische wirkliche Geschichte begreift, nicht gelernt haben – daß ausgerechnet Marxisten dem deutschen Faschismus die weltgeschichtliche Absolution erteilen, und zwar gerade dort, wo sie ihn als besonders ausgekochten, besonders teuflischen Trick des Kapitals verdammen.“ (Wolfgang Pohrt)

Was im Zeitalter der ersten Kolonialisierungen als minderwertige oder einfach zu erobernde oder aber christlich zu bekehrende niedere Kultur gesehen wurde, die zu dienen hatte oder was einfach ein ökonomischer Absatzmarkt für Waren war und was dann im 19. Jahrhundert als Rassediskurs biologistisch sich fortsetzte, gewann im deutschen Faschismus eine völlig andere Dimension. Ein qualitativer Sprung. „Der Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden“, so schrieb Adorno in den „Minimal Moralia“. Aber das ist nur die halbe Wahrheit und erklärt jenen Haß auf die Juden und diesen unbändigen Willen zur Vernichtung, diese Zwangsläufigkeit, bei der alle mittaten, nicht. Das Subjekt dieses Satzes läßt sich durch beliebige andere Zugehörigkeiten substituieren – ob Muslim, Christ oder Hindu. Die Logik des Vorurteils ist damit zwar bezeichnet, aber eben nicht die spezifische Differenz hin zur restlosen Vernichtung. Für den Juden reichte es nicht einmal, daß er dem Arier dient. Das eben, was eine Sklavengesellschaft oder Zwangsarbeit in Rüstungsbetrieben auszeichnet. Die wenigsten Juden waren dafür vorgesehen. Sondern er war zu vertilgen. Ihre Orte war Birkenau, Majdanek, Sobibor. Und dieses Vertilgen, dieses Morden der Juden, gerade weil sie Juden waren und aus keinem anderen Grund, machte Hitler bereits in „Mein Kampf“ unmißverständlich deutlich und er machte dies auch am 30.1.1939, zu seiner Rede zum Tag der Machtergreifung unmißverständlich deutlich:

„Und eines möchte ich an diesem vielleicht nicht nur für uns Deutsche denkwürdigen Tag nun aussprechen. Ich bin in meinem Leben sehr oft Prophet gewesen und wurde meistens ausgelacht […] Ich will heute wieder ein Prophet sein: Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.“

Heraus sprang nur eins: das Problem, wie man effizient hunderttausende von Menschen effizient verbrennt. Man denkt, das geht leicht: aber dem ist nicht so. Es bleiben im normalen Feuer die Knochenrückstände und aus den Hochöfen mußten die Sonderkommandos zuweilen an die 40 cm dicke Fettschichten herauskratzen. Wie darüber sprechen?

Einen zentralen Aufsatz zu diesen Fragen nach dem Begreifen und am Ende auch nach den Dimensionen von Sinn, unpolemisch, analytisch und begrifflich scharf und nicht in seinem zuweilen störenden Politfuchteln, schrieb Wolfgang Pohrt in dem lesenswerten Text „Nationalsozialismus und KZ-System“:

„Die Verdrängung selbst der Geschichte des deutschen Faschismus aus dem allgemeinen Bewußtsein behindert nachhaltig die Möglichkeit, einen Begriff davon zu erarbeiten. Denn jede Diskussion setzt voraus, daß die Beteiligten viel mehr über den Gegenstand wissen, als jeweils zur Sprache kommt. Die Diskussion verschiedener Faschismustheorien setzt z.B. immer die Kenntnis nicht nur dieser Theorien, sondern auch der von diesen Theorien noch einmal verschiedene Realität voraus. Nur im Verhältnis von Sache und Begriff läßt sich dessen Wahrheit vernünftig beurteilen.

Auch die Sache aber stellt sich für das Bewußtsein stets nur in Begriffen dar. Wo die Sache an sich selbst unbegreiflich ist, weil ihre eigene Struktur die Voraussetzung aller Erkenntnis; die „adaequatio rei et intellectus“, die Übereinstimmung von Gegenstand und Einsicht prinzipiell ausschließt, dort tendiert sie dahin, sich der Darstellung und dem Bewußtsein überhaupt zu entziehen. Das Unbegreifliche ist am deutschen Faschismus aber gerade das Wesentliche. Ihn zeichnet aus, daß er von keiner Theorie mehr wirklich erreicht werden kann.“

Dies scheint mir der zentrale Punkt, die Crux dieser Angelegenheit. Wir können die Shoah in alle möglichen Theorien einholen, als Historiker, als Soziologen, als Ökonomen, aber es bleibt immer ein unbegreiflicher Rest, woher diese unendliche Bosheit kommen mag

„Nicht einmal die Konstruktion eines strafenden Gottes – das erste Tasten wie der letzte Ausweg der Vernunft – vermag die planmäßige, fabrikmäßige Vernichtung von mindestens 6 Millionen Menschen in jenen sinnvollen Zusammenhang zu stellen, in dem der Gegenstand allein erkannt werden kann. Die Theorie setzt einerseits stets ein die Sache unter seinen eigenen, subjektiven Bestimmungen setzendes Subjekt voraus. Sie beginnt also erst jenseits der Konzentrationslager, in denen das Subjekt planmäßig vernichtet wird. Die Theorie setzt andererseits eine Sache voraus, die von den Denkbestimmungen eines auf sie reflektierenden menschlichen Subjekts nicht völlig verschieden ist: was real keiner menschlichen Logik gehorcht, kann auch kein Mensch begreifen. Vor einer Institution, in welcher die Unmenschlichkeit zum Prinzip erhoben ist, muß die Theorie daher kapitulieren.

Das Zurückweichen der Theorie vor dem deutschen Faschismus ist auch Darstellungen anzumerken, die nicht vorrangig theoretische Ambitionen haben. Z.B. Kogon, dessen Thema Beschreibung systematischer Menschenvernichtung ist, spricht eigentlich immer von etwas anderem: von der Organisation des Lagers, von der komplizierten Hierarchie unter den Henkern, von der ähnlich komplizierten Hierarchie unter den Opfern, von Kompetenzstreitigkeiten, Kommunikationsproblemen usw. Die Beschreibung erreicht gewissermaßen nicht den Gegenstand selbst, sondern sie hält bei der minutiösen Protokollierung der Organisation und Technik inne, die ihn hervorgebracht haben. […]  Am Ende weiß man über die KZ vor allem eins: wie man sie macht. Der deutsche Faschismus zwingt offenbar das Denken zur funktionalistischen Regression: statt zu fragen, was er ist und wie er zu beurteilen sei, fragt man, wie er funktioniert. Die Anpassung der Theorie an ihren unbegreiflichen Gegenstand und damit ihre Kapitulation ist vermittelt durch einen besonderen Mechanismus der Angstbewältigung: zum organisatorischen und technischen Problem neutralisiert und reduziert, verliert die planmäßige Menschenvernichtung ihre Schrecken. Das Unbegreifliche wird scheinbar nicht begreiflich, es wird sogar gewöhnlich, und das beruhigt.“

Es sind diese Passagen ganz unmittelbar von Adornos Diktum beeinflußt, daß nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben barbarisch sei und – nun kommt der zweite Teil des Satzes, der gerne übergangen wird: „das frißt auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben. Der absoluten Verdinglichung, die den Fortschritt des Geistes als eines ihrer Elemente voraussetzte und die ihn heute gänzlich aufzusaugen sich anschickt, ist der kritische Geist nicht gewachsen, solange er bei sich bleibt in selbstgenügsamer Kontemplation.“ (Adorno, Kulturkritik und Gesellschaft)

Man könnte dieser Passage, mit Hölderlin gesprochen, deutschen Gesang folgen lassen, oder wie Paul Celan es in dem Gedichtband „Atemwende“ von 1967 als Gedichttitel schrieb, den „Singbaren Rest“ folgen lassen oder jenen „Cello-Einsatz“, der einem oder einer zuweilen bei der Ankunft aufspielt. „Alles ist weniger, als// es ist,// alles ist mehr.“ Punctum. Kein Bild reicht da heran. Aber man kann es dichten, wie Celan es in seiner „Engführung“ tat. In einer zunächst hermetisch erscheinenden Sprache, die es aber gar nicht ist. Suggestiv zwar einerseits, im Sinne von eindringlich, aber dann im Bild doch wieder revozierend, bis hin zum Partikelgestöber und einem demokritschen Atomismus, in den sich ein Körper in der „Engführung“ – ein musikalischer Terminus übrigens – aufzulösen vermag:

„VERBRACHT ins
Gelände
mit der untrüglichen Spur:

Gras, auseinandergeschrieben. Die Steine, weiß,
mit den Schatten der Halme:
Lies nicht mehr – schau!
Schau nicht mehr – geh!

Geh, deine Stunde
hat keine Schwestern, du bist –
bist zuhause. Ein Rad, langsam,
rollt aus sich selber, die Speichen
klettern,
klettern auf schwärzlichem Feld, die Nacht
braucht keine Sterne, nirgends
fragt es nach dir.“

Gras, das man auseinander schreibt, kann Gas bedeuten, indem man das „r“ wegläßt, oder rückwärts gelesen Sarg. Solche Dichtung wie die von Celan sperrt sich gegen jegliche Eindeutigkeit und Vereinnahmung, sie macht sich spröde. Auch das gehört zu dem, mit Hölderlin vielleicht gesprochen, dem Andenken.

„Dann wurden die Opfer gezwungen, nackt mit erhobenen Händen durch den Schlauch zu gehen oder zu laufen. Im Winter 1942/43 konnte es aber auch vorkommen, daß die entkleideten Menschen stundenlang barfuß im Freien stehen mußten, bis sie an die Reihe kamen. Dort konnten sie dann die Schreie derer hören, die vor ihnen in die Gaskammern gegangen waren.“ (Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden)

Man kann mit Auschwitz nicht durch die Hölle reiten, und schon gar nicht kommt man mit Auschwitz in den Himmel der Theoriegerechten. Die Singularität von Auschwitz ist unhintergehbar. Aber sie ist zugleich keine Mystik und auch keine negative Theologie, aus der sich irgendwie doch ein positiver Gehalt pressen oder gewinnen ließe. Besser als alle Spekulation wäre es gewesen,  wenn man all die Täter dort in den Lagern juristisch und zeitig vor allem nach 1945 zur Rechenschaft gezogen hätte. Gegen solche Mystifizierung des Unaussprechlichen richtet sich auch  Giorgio Agambens Kritik in seinem Buch „Was von Auschwitz bleibt“.

Auschwitz ist kein Unaussprechliches, kein Adyton, keine negative Theologie:  Daß man, wie ein Leserbriefschreiber Agamben vorwarf, den unsagbaren und einzigartigen Charakter von Auschwitz durch dessen konkrete und faßbare Darstellung des Schreckens zerstörte, ist ein Trugschluß. „Doch warum unsagbar? Warum die Vernichtung mit dem Ansehen der Mystik schmücken? Im Jahre 386 unserer Zeitrechnung verfaßte Johannes Chrysostomos in Antiochien seine Abhandlung Über die Unbegreiflichkeit Gottes. Er setzte sich mit Gegner auseinander, die behaupteten, daß das Wesen Gottes begriffen werden könne, …“ Indem Johannes die Unbegreiflichkeit vertrat, daß Gott „unsagbar“, „unaussprechlich“, „unaufschreiblich“ sei, „weiß er genau, daß eben dies die beste Weise ist, ihn zu verherrlichen […] und anzubeten […].“

Ob Agamben den Johannes Chrysostomos richtig wiedergibt, vermag ich nicht zu sagen. Aber der von Agamben dargestellte Gedanke ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Und zugleich bleibt in all dem Feuer und der Asche ein Unbegreifliches. Etwas, das sich noch der Ökonomie der verstreuten Asche im Wind als Erinnerung oder als Dichtung entzieht. Kein Bild reicht heran.

***

„Auschwitz“ als Kollektivsingular bedeutet zunächst: Der organisierte Massenmord von Deutschen an Juden (und auch an Sinti und Roma), deren Gefangennahme in deutschen Städten, in griechischen, polnischen, dänischen, französischen Dörfern und Städten, der europaweite Abtransport dieser Menschen weit und tief in den Osten, hin zu den deutschen Vernichtungslagern in Polen und Weißrußland. Es bedeutete dies die Selektion, die industrielle und effiziente Tötung von Menschen, es bedeutete medizinische Experimente an Menschen und daß Menschen an den Rampen selektiert wurden. Zugleich bedeutete es aber auch, daß nichts, rein gar nichts davon nach außen dringen durfte.

Aber das ist es nicht alles. Es bedeutet auch, daß es eine hinreichende Zahl an Menschen gab, die dabei zusahen, als Menschen aus ihren Häusern geholt wurden, die dabei zusahen, als jüdische Geschäfte boykottiert wurden, die dabei zusahen als Synagogen brannten und Scheiben von jüdischen Geschäften zerschmissen wurden. All das. Und all das ist kein Fliegenschiß, wie Alexander Gauland dies insinuiert, und selbst wenn er diesen Satz hinterher relativierte, so ist solches Denken ganz und gar unangemessen in bezug auf die Sache.

Man kann Gedenken nicht verordnen und man kann es nicht erzwingen. Dennoch haben auch symbolische Tage eine Bedeutung und vor allem eine Aufgabe. Der 27. Januar hätte schon viel früher ein solcher Gedenktag sein müssen. Mit der Gründung der BRD.

Gedenken an Auschwitz bedeutet nicht nur Musealisierung, sondern ebenso einen Blick nach vorne, es bedeutet gelebtes Judentum und jüdische Gemeinden in Deutschland. Jedem, der in Berlin wohnt oder der dorthin reist, empfehle ich  einen Besuch im wunderbaren Jüdischem Museum in der Lindenstraße. Gedenken an Auschwitz heißt auch: Solidarität mit Israel! Keine unbedingte, unkritische. Aber wer diesem Staat sein Existenzrecht abspricht oder zum Boykott von Judenprodukten, genauer gesagt von Waren aus Israel auffordert, der muß es sich eben gefallen lassen, als Antisemit bezeichnet zu werden. Daß es rechts Antisemiten gibt, wissen wir. Daß sie ebenso links existieren, davor wird gerne das Auge verschlossen. Wer heute beschwört: „Nie wieder Faschismus!“, der sollte ebenso daran denken, aus welchen Gründen sich der Staat Israel gründete. Ansonsten läuft das linke „Nie wieder“ leer und gerinnt zur Parole.

USA – Iran, mal jenseits vom Völkerrecht

Zu meiner Zeit in den 1980er und 1990ern wären heute, genau heute um 18 Uhr einige zehntausend Menschen vor der US-Botschaft in Berlin und vor dem Konsulat in Hamburg und demonstrierten und in Frankfurt und in München und Hannover ebenso. Nur so als Randbemerkung. Aber die Sabbellinke der Multimedia-Lemuren inszeniert wahrscheinlich lieber einen Shit-Storm, weil irgendwer twittert, daß er oder sie es nicht mag, wenn sich Männer schminken. Dreh dich nicht um der Plumpssack geht rum? Nein: es ist nur der Hohe Spatz und die Sekte der Linksviktorianer unterwegs. Übrigens: nach einem Atomkrieg im Nahen und Mittleren Osten sind Schminkfragen und anderes nur noch marginal.

Wahrscheinlich muß vorm Aufstieg der 82. Luftlandedivision und ihrem Einsatz über iranischem Gebiet erst ein US-Truppenkommandant einer Soldatin ins Militär-Höschen fassen, dann könnte es gelingen, daß im Internet zumindest ein Shitstorm entsteht. 

Philipp Ruch, das Zentrum für Politische Schönheit und die unruhige Ruhe der Toten

Das „Zentrum für Politische Schönheit“ errichtete gestern „eine 2,5 Meter hohe und 4 Tonnen schwere Gedenk- und Widerstandsstätte aus Edelstahl auf dem Gelände der ehemaligen Krolloper“, darin angeblich, so das ZPS weiter, die Asche bzw. die Überreste von Juden gleich mit eingebaut wurden, um damit gegen die AfD und eine zukünftige Machtübernahme zu protestieren.

Im „Spiegel“ heißt es:

„Bei der „Widerstandssäule“ handelt es sich laut ZPS um einen Bohrkern aus Asche und Knochenresten. Es seien die menschlichen Überreste von Opfern des Holocaust zutage gefördert an einer nicht näher bezeichneten Stelle. An 23 Orten in Deutschland, Polen und der Ukraine habe das ZPS in den vergangenen zwei Jahren mehr als 200 Bodenproben genommen. Überall dort, wo die Ermordung von Menschen industrielle Ausmaße angenommen hat, im Umkreis früherer Vernichtungslager und Erschießungsplätze. Fündig wurden die Aktivisten beinahe überall, sagen sie.“

In diesem Umstand liegt eine berechtigte Frage, wie mit diesen Toten umzugehen ist, die da immer noch verstreut in der Erde liegen, und wie Juden und Deutsche und all die anderen Nachkommen der Ermordeten das Gedenken gestalten wollen. Und dieser Verweis auf die Asche und die Knochen der Toten mag das einzig Sinnvolle an einer Aktion sein, die jene Politaktivisten sich ansonsten besser gespart hätte.

Das Problem bei dieser Aktion ist nicht bloß die Frage der Moral, um für den billigen Effekt die Totenruhe zu stören und jüdische Begräbnisrituale zu verletzen bzw. damit zu spielen und diese toten Juden als Show-Einlage zu mißbrauchen, sondern zugleich der triefende Polit-Kitsch des Selbstdarstellers Philipp Ruch. Ihm ist die Totenruhe egal, ihm sind auch die Lebenden wurst. Ihm geht es nicht um die AfD, nicht um die Toten. Was zählt, ist das System Ruch, das sich in immer neuen und immer weiteren Umdrehungen hochschrauben muß. Denn Provokation und deren Effekte nutzen sich schnell ab, so muß also ein weiterer und noch steilerer Effekt her.

Daß Ruch irgendwie mit Kenntnis der Ästhetik behaftet wäre, daß er nur eine Zeile von Adornos Ausführungen zur Kunst nach Auschwitz und zum engagierten Kunstwerk wahrgenommen habe, um darüber nachzudenken, ob solche Aktionen tatsächlich gelungene Kunst sind und wenn schon nicht das, ob solches Dilettieren wirklich der Sache dient, dürfen wir von Ruch nicht erwarten. Dafür schmiert Ruch sich wieder einmal den Kohlenstaub ins Gesicht, wie die Ein-Mann-Kaserne, die Widerstand simuliert oder daß es irgendwie nach Arbeit oder Guerilla aussehe. Mehr wäre dazu eigentlich nicht zu sagen.

Aber die Spirale von Provokation hat sich leergelaufen. Ruch instrumentalisiert Auschwitz um eines Effekts willen. Ruch macht das, was Guy Debord die „Gesellschaft des Spektakels“ nennt, nur eben von der anderen Seite. Er fügt sich dem kulturindustriellen Schema von dem, was er für Kunst oder für Politik oder für eine Mischung aus beidem hält. Dramatisch die Bilder auf der Homepage des „Zentrums für Politische Schönheit“ wie im Hollywood-Spielfilm. Der Verkitschung der Shoah korrespondiert eine Ästhetik, die in ihrer Komplexität aufs Niveau der History-Dokus von Guido Knopp regrediert.

Dabei manövrieren sich Ruch und dessen „Zentrum für Politische Schönheit“ in eine doppelte Aporie: Versteht Ruch diese Aktion als Kunst und damit also im Sinne einer ästhetischen Kritik, so ist dieses Werk ästhetisch belanglos, denn er produziert schlichte Thesenkunst und unterläuft damit die Frage von ästhetischer Form und ihrem Inhalt. Gelungene und gute Kunst kann und muß oftmals grausam sein, und Kunst ist keine Moralveranstaltung. Aber die Betonung liegt hier eben, weil Kunst nun einmal nur mittels ihrer Binnenkriterien und dem Stand des Materials gemessen werden kann, auf dem Wort „gelungen“. Kunst bei Ruch fungiert am Ende als Schutzzone, insbesondere auch in der Rezeption. Adorno formuliert es in seinen Vorlesungen zur Ästhetik von 1958/59 wie folgt, und ich denke, dieses Zitat veranschaulicht ganz gut das Problem, das Ruch und das ZPS sich ästhetisch einhandeln.

„Es wird nämlich nun nicht etwa die Kunst selbst im Sinne einer Dialektik von Naturbeherrschung und Natur erfahren […], sondern gerade umgekehrt wird die Kunst nun zum Rezeptakulum der Affekte, die man selber hat. Sie wird sozusagen zu einem Naturschutzpark, bei dem man sich gehen lassen kann, bei dem man es sich erlauben kann, überhaupt noch etwas zu fühlen. Und die relativ große Rolle, die in unserer gegenwärtigen Kultur die Kunst spielt – die Tatsache überhaupt, daß in einer rationalisierten Zivilisation die Kunst trotzdem in solchem Maße geduldet wird – , hängt mit genau diesem Funktionswechsel zusammen, daß sie eben als Naturschutzpark den Menschen erlaubt, sich affektiv zu verhalten, überhaupt etwas zu fühlen, überhaupt Leidenschaften zu empfinden, ohne sie verdrängen zu müssen, aber zugleich ohne daß diese Affekte dabei für ihr reales Verhalten Konsequenzen hätten. Das ist gewissermaßen die satanische Parodie auf die Etablierung der Kunst als eines von der empirischen Realität strikt getrennten Sonderbereichs.“ (Adorno, Ästhetik, S. 292 f.)

Insbesondere für die politische Kunst gilt dies – fast schon im Sinne einer Gehlenschen Kompensationstheorie – auch um gesellschaftlich Komplexes simpel und verstehbar zu machen, so daß es für den bloß reflektierenden Verstand handhabbar wird. Eigentlich das Gegenteil von dem, was eine emphatisch verstandene Kunst will, die mehr als nur Polit-Thesen oder Moraltamtam als Spektakel produziert, bei dem sich der Betrachter dann anschaulich wiederfindet.

Die andere Seite der Aporie liegt darin, daß auch politisch diese Aktion mißlungen ist, wenn das Kriterium für politisches Handeln darin besteht, Menschen mit Argumenten oder meinetwegen auch qua Bildern und dem, was bei Hegel im Reich der Vorstellungen angesiedelt ist, irgendwie zu überzeugen und empfänglich zu machen. (Hier müßte man einmal empirisch mittels Sozialforschung herausbekommen, wie und von wem überhaupt solche Aktionen wahrgenommen werden.) Meint Philipp Ruch  es irgendwie doch nur politisch, so ist dies eine banale Aktion mit billigem Effekt und um des Effektes willen – von der Struktur fügt es sich in die Provokationen von Martin Sellner und Martin Lichtmesz. Von der Empörung in Teilen der jüdischen Gemeinde zu schweigen, die diese Aktion als einen Affront gegen die von Deutschen ermordeten Juden und ihre übriggebliebenen Angehörigen sehen. Egal ob mit oder ob ohne Asche werden hier Tote instrumentalisiert. Ramona Abs schreibt jene „moralische Selbstbesoffenheit“ des ZPS treffend auf Facebook:

„an das Zentrum für Politische Schönheit,
ich erklär Euch jetzt mal, wie Salmen Gradowski den Satz: „Suchet in der Asche. Die haben wir verstreut, damit die Welt sachliche Beweisstücke von Millionen von Menschen finden kann“. gemeint hat. Es ist eigentlich ganz einfach: Er wollte, dass die Welt erfährt was passiert ist. Er wollte, dass man weiß, wer und wieviel verloren ging…
Er hat nicht gesagt: ‚Nehmt unsere Toten, grabt sie aus, stopft sie in eine Säule und beleuchtet sie, damit die Nachfahren der Täter mal wieder moralische Selbstbesoffenheit feiern können.‘
Ihr wollt die Toten ‚der Lieblosigkeit entrissen‘ haben? Fuck you. Das war keine ‚Lieblosigkeit‘, sondern mörderischer Hass Eurer Opas und Omas. Das war ihr Gas, ihr Zyklon B, ihre Brennöfen- jede verfickte Wolke am Himmel erzählt mir mehr davon als Eure „Kunst“. Und wie Ihr an den jüdischen Reaktionen bisher darauf sehen könnt, finden die Angehörigen das überhaupt nicht lustig, was Ihr da mit unseren Omas und Opas treibt. Wenn Ihr Euch nur ein wenig mit jüdischer Ethik befasst hättet, könntet Ihr wissen, dass das, was Ihr da macht, NULL mit Judentum zusammen geht. Aber wozu sich mit Juden auseinander setzen, wenn man die Opfer doch prima zweitverwerten kann, um eine politische message zu verbreiten und sich gleichzeitig noch als Retter der toten Juden fühlen? Der Lieblosigkeit entrissen… Ihr habt se doch nicht alle!“

Davon einmal abgesehen, daß wir nicht 1933 haben, daß die Bundesrepublik Deutschland bei allem Hochrüsten der Rechtsextremisten und trotz all der Morddrohungen und der Waffen – fürwahr ernstzunehmende Probleme! –  nicht Weimar ist. Auf all diese Aspekte hätte man sich eine intelligente Aktion gewünscht. Eine Aktion vielleicht, die Menschen die Lage einsichtig macht, statt mit trivialen Klischees und mit Analogien zu kommen, die für die Sache nichts taugen. Geschichte wiederholt sich nicht, und was gegenwärtig politisch geschieht, ist eben keine Wiederholung als Farce, sondern eine neue und bitterernste Dimension einer neuen Rechten. Die Aktionen dagegen sollte man nicht in die Hände von Kindsköpfen legen, die sich wie in einem schlechten Karneval maskieren.Gut zeigt sich an solchen Aktionen die fatale Dialektik der Gewalt: Wie nämlich Kritik an Gewalt selbst wiederum in Gewalt umschlägt.

Ebenso ist die pauschale Verunglimpfung von Konservativen schlicht und simpel, sie zeugt vom Unvermögen zu differenzieren. Lieber pflegt man platte Parolen für die eigene Gemeinde, Parolen zudem, die an geschichtlicher Unkenntnis nicht zu überbieten sind. Auch wieder um eines billigen Effektes willen bringt man es auf einen simplen Nenner, spezifische Differenzen unterschlagend:

„Wir werden nicht zuschauen, wie konservative Kräfte keine 75 Jahre nach dem Ende der Nazidiktatur schon wieder auf Machtoptionen mit faschistischen Kräften schielen.“

Davon einmal abgesehen, daß in der BRD nun einmal die Politik nicht auf der Straße oder in irgendeiner dubiosen Agora gemacht wird, sondern in Parlamenten: Wer derart ins Pauschale geht, muß sich am Ende nicht wundern, wenn er allein dasteht und eben kein breites Bündnis zustande bekommt, das gegen Rechtsextremismus dringend nötig ist. Doch eines zumindest hat das ZPS wieder einmal erreicht: es generierte für sich Aufmerksamkeit. Für einen sinnvollen politischen Diskurs, der sich gegen Rechtsextremismus stellt und dabei vielleicht sogar konservative Kräfte mit ins Boot holt, reicht es freilich nicht.

Hannah Bethke schreibt in der FAZ ganz richtig:

„Dass es noch menschliche Überreste der Ermordeten aus der NS-Zeit gibt, ist sehr wahrscheinlich. Und es ist richtig, an sie zu erinnern. Noch richtiger wäre es freilich, die offenen Fragen zu beantworten. Das ZPS aber belässt es nicht bei einer Erweiterung der Erinnerungskultur. Es instrumentalisiert das Gedenken. In erster Linie zielt die Aktion gegen die AfD und gegen alle, die sie nicht explizit verurteilen. Auf einer Tafel vor der „Säule gegen den Verrat der Demokratie“ sind die Namen aller Abgeordneten der CDU und CSU aufgelistet. Sie, „die Konservativen“, die ihre Hand „schon wieder“ nach den Faschisten ausstreckten, sollen auf den Platz kommen und feierlich geloben, niemals mit der AfD oder ihrer Duldung eine Regierung zu bilden.

Am Samstag läuft die Genehmigung für die Stele ab. Dann wollen die Künstler das Fundament in Beton gießen und zum „zivilgesellschaftlichen Zapfenstreich“ gegen die AfD antreten, um sich „mit aller Kraft der neuen Gestalt Hitler-Deutschlands und ihren konservativen Helfern“ zu widersetzen. Die ideologische Verblendung dieser selbsterklärten Widerstandskämpfer ist schwindelerregend. Wer solche sachlich falschen Verbindungen zur politischen Gegenwart konstruiert, verharmlost die NS-Zeit, verhöhnt den Konservatismus und wird am Ende die AfD stärken, anstatt sie zu besiegen.“

Bei Philipp Ruch trifft eine Redewendung die Sache gut: Die Banalität des Blöden.

[Die Photographie wurde als Screenshot zur Dokumentation der Internetpräsenz des „Zentrums für Politische Schönheit“ entnommen.]

Grenzzone oder mit dem Theater tief in der Geschichtsphilosophie – 30 Jahre keine DDR

Heiner Müller
Germania 3 – Gespenster am Toten Mann

Nacht Berliner Mauer

Thälmann und Ulbricht auf Posten.

Thälmann: Das Mausoleum des deutschen Sozialismus. Hier liegt er begraben. Die Kränze sind aus Stacheldraht, der Salut wird auf die Hinterbliebenen abgefeuert. Mit Hunden gegen die eigene Bevölkerung. Das ist die rote Jagd. So haben wir uns das vorgestellt in Buchenwald und Spanien.

Ulbricht: Weißt du was Bessres.

Thälmann: Nein.

Ulbricht: Wenn du das Ohr an den Boden legst. kannst du sie schnarchen hören, unsre Menschen, Fickzellen mit Fernheizung von Rostock bis Johanngeorgenstadt, den Bildschirm vorm Schädel, den Kleinwagen vor der Tür. (Schüsse. Leuchtspur.) Wieder einer. Hoffentlich ist es nicht mein Abschnitt.

(Soldaten mit einem jungen Flüchtling.)

Ulbricht: Was hast du verlorn bei den Kapitalisten. Was sollen wir noch in euch hineinstopfen.

Flüchtling: Das nächste Mal besser.

Ulbricht: In drei Jahren vielleicht. Schafft ihn weg.

Zu jener Wende- und DDR-Literatur, die ich hier im Blog sichten wollten, gehört ganz sicher Heiner Müllers Germania 3, mehr oder weinger fertiggestellt im Jahr 1995. Absurd schon im Sinne des Iterativen, daß die Chose Deutschland bei Müller mit einer Seriennummer belegt wird, wie später dann Web 2.0. Man mag diese 3  als Werkstattbezeichnung, als eine Art Zahl in der Stückeproduktion lesen, aber diese Zählung macht eben auch etwas mit dem Begriff Germania. Finis Germaniae.

Ich sortiere diesen Textauszug in der Kategorie „Formen des gelingenden Scheiterns“. 1995 wurde das Stück von Müller komponiert oder besser geschrieben, einige Jahre nach dem Fall der Mauer. Die Posten, die Hundelaufanlagen, die Schießanlagen, die Mauer, all das war abgebaut, dazu aber bleiben, als Geschichte, die deutschen, die russischen Panzer, das Resultat von 1000 Jahren und den Millionen Toten, Wolokolamsker Chaussee, auch das hängt damit und mit jener Mauer zusammen: Germania, Berlin – Heiner Müller entwarf ein wunderbares Tableau der Geschichte für die Bühne, darin er zuspitzte. Wunderbar ist diese Anordnung von Textmaterial, weil darin Versatzstück und Zitate die deutsche Geschichte grell, gleichsam wie in Benjamins dialektischen Bildern, Geschichte als Geschichtszeichen aufblitzen lassen. Man hört noch das revolutionäre Ça ira heraus und zugleich den darin im Gesang klingenden Terror. Dem folgt deutscher Gesang und dazu eben die DDR-Gemütlichkeit jener Fickzellen mit Fernheizung. In einer dieser Häuser wohnte auch Müller, in Friedrichsfelde nahe des Tierparks.

Böse Zungen sagen, solche Art von Theater brauche die Diktatur, um sich an ihr abzuarbeiten, und Müller selbst sagte dies. Die Hoffnungen, die die Menschen mit Marx, mit der Revolution verbanden und das, was durchs System Lenin sich einschlich und in Stalin zur Entfaltung kam. Die Rede des Genossen Stalin im Stück:

„Wie soll ich
Die träge Masse Russland im Genick
Den neuen Menschen schaffen, wenn der alte
Nicht liquidiert wird. Gestern für dein Morgen.
Das Massengrab geht mit der Zukunft schwanger
Menschen aus neuem Fleisch sind was die Zeit braucht.
Ich backe sie aus ihrem Blut eignen Blut
Und kein Prometheus kommt mir in die Quere
am Felsen ist noch Platz im Kaukasus.“

Großartig dieser Monolog Stalins, darin die Tücke und der Terror des neuen Rußlands anhebt. Den Menschen das Feuer zu bringen, mag gefährlich sein, noch gefährlicher aber ist das Schmieden des Neuen Menschen. Doch im revolutionären Elan dieser Zeiten zum Beginn des 20. Jahrhunderts war dies nicht nur ein Traum der revolutionären Politik, sondern ebenso der ästhetischen Avantgarden, ob Expressionismus, Konstruktivismus oder Surrealismus. Peter Bürger beschreibt jenes Wirken der Avantgarde wie folgt:

„Die Avantgarde wendet sich gegen beides – gegen den Distributionsapparat, dem das Kunstwerk unterworfen ist, und gegen den mit dem Begriff der Autonomie beschriebenen Status der Kunst in der bürgerlichen Gesellschaft. Erst nachdem im Ästhetizismus die Kunst sich gänzlich aus allen lebenspraktischen Bezügen gelöst hat, kann einerseits das Ästhetische sich »rein« entfalten, wird aber andererseits die Kehrseite der Autonomie, die gesellschaftliche Folgenlosigkeit, erkennbar. Der avantgardistische Protest, dessen Ziel es ist, Kunst in Lebenspraxis zurückzuführen, enthüllt den Zusammenhang von Autonomie und Folgenlosigkeit.“

Eine Kunst, die nicht bei sich selbst bleiben will und sich in die Lebenspraxis einzubringen. Daß der Künstler als Prometheus sich sieht, ist für die Kunstgeschichte kein neues Bild. Was im bürgerlichen Zeitalter noch individualistisch auftrat, transformierte sich ins Kollektiv. Jenen Feuerbringer beschreibt Heiner Müller in seiner Prosa „Die Befreiung des Prometheus“ derart:

„Prometheus, der den Menschen den Blitz ausgeliefert, aber sie nicht gelehrt hatte, ihn gegen die Götter zu gebrauchen, weil er an den Mahlzeiten der Götter teilnahm, die mit den Menschen geteilt weniger reichlich ausgefallen wären, wurde wegen seiner Tat beziehungsweise wegen seiner Unterlassung, im Auftrag der Götter von Hephaistos dem Schmied an den Kaukasus befestigt, wo ein hundsköpfiger Adler täglich von seiner immerwachsenden Leber aß.
[…]
An den Hals des Befreiers geklammert, gab Prometheus ihm mit leiser Stimme die Richtung der Geschosse an, so daß sie den meisten ausweichen konnten. Dazwischen beteuerte er, laut gegen den Himmel schreiend, der vom Wirbel der Steine verdunkelt war, seine Unschuld an der Befreiung. Es folgte der Selbstmord der Götter. Einer nach dem andern warfen sie sich aus ihrem Himmel auf den Rücken des Herakles und zerschellten im Geröll. Prometheus arbeitete sich an den Platz auf der Schulter seines Befreiers zurück und nahm die Haltung des Siegers ein, der auf schweißnassem Gaul dem Jubel der Bevölkerung entgegenreitet.“

Vom Heute her und vom sogenannten postdramatischen Theater gelesen, das sein 20. Jubelfest begeht, mögen solche Sätze, solche Ideen, wie Müller sie in „Germania 3“ entfaltet, etwa daß Hitler, Stalin, Lenin und Trotzi an einem Tisch sitzen und ihre Monologe halten, seltsam und überhoben pathetisch anmuten – fast als realisierte da einer das, was Thomas Bernhard in seinem „Theatermacher“ als die Menschheitskomödie „Das Rad der Geschichte“ bezeichnete, darin Churchill, Hitler, Bismarck, Napoleon und noch andere große Gestalten der Historie auftreten. Eine Art Wahnsinnstheater der geschichtsphilosophischen Überhebung, das bei Bernhard – naturgemäß – als praktizierte Aufführung niemals zustande kommt, so wie es in „Die Macht der Gewohnheit“ niemals gelingen wird, gemeinsam das Forellen-Quintett zu spielen. Bei Müller gelingt es. Mal mit dem Pathos, mal mit dem Zynismus oder eben der Melancholie des Dramatikers, der aufs Scheitern und auf die Trümmer der Geschichte blickt. In diesem Sinne ist auch Müller einer dieser Benjaminschen Engel der Geschichte und auch Müller schrieb 1958 zu diesem Geschichtsengel, der bei ihm ein glückloser ist:

„Hinter ihm schwemmt Vergangenheit an, schüttet Geröll auf Flügel und Schultern, mit Lärm wie von begrabnen Trommeln, während vor ihm sich die Zukunft staut, seine Augen eindrückt, die Augäpfel sprengt wie ein Stern, das Wort umdreht zum tönenden Knebel, ihn würgt mit seinem Atem. Eine Zeit lang sieht man noch sein Flügelschlagen, hört in das Rauschen die Steinschläge vor über hinter ihm niedergehn, lauter je heftiger die vergebliche Bewegung, vereinzelt, wenn sie langsamer wird. Dann schließt sich über ihm der Augenblick: auf dem schnell verschütteten Stehplatz kommt der glücklose Engel zur Ruhe, wartend auf Geschichte in der Versteinerung von Flug Blick Atem. Bis das erneute Rauschen mächtiger Flügelschläge sich in Wellen durch den Stein fortpflanzt und seinen Flug anzeigt.“

Diese Agonie, dieser Stillstand wurde im Deutschland nach 1990 einerseits Realität, andererseits verbreitete sich, wie man in Müllers „Die Küste der Barbaren“ nachlesen konnte, ein neuer Schrecken. Das große epochemachende Geschichtstheater blieb nach 1990 aus.  Müller schrieb Gedichte. Die letzten kreisen um den Tod. Müller starb am 30. Dezember 1995 an Speiseröhrenkrebs. Da aber auch seine Theaterdichtung eine lyrische Komponente besaß, so kann man die Lyrik der 1990er Jahre eben doch als die Fortsetzung des Theaters mit anderen Mitteln betrachten: diesmal in Fragmentform – die Teile herausgesprengt aus dem Geschichtsganzen, eine Welt in Splittern.

Das Müller Stück übrigens funktioniert auch als gehörter Dialog, hier als Hörspiel auf Deutschlandfunk.

„[DUNKEL, GENOSSEN IST DER WELTENRAUM SEHR DUNKEL]“

So endet jenes Germania 3. Verglühte, erloschene, erkaltete Utopie. Was aber bleibt, stiftet der Dichter.