Zum Tod von Jeff Beck und Tatjana Patitz

Daß sich Fetisch und Teetisch reimen, ist ein Zufall der deutschen Sprache – Gottfried Benn hat es in einem Gedicht fruchtbar gemacht.

Fetisch und Gitarrenhals reimen sich leider nicht. Eine meiner Lieblingsszenen – Lieblingsszene eben weil: vielsagend – in Antonionis „Blow up“ ist es, als der Photograph Thomas in ein Konzert der Yardbirds gerät – wunderbar das London der 1960er Jahre eingefangen, mit den bunten, nein, buntbraven Leuten (ein einziger Schwarzer, die Kamera streicht das heraus, indem sie beim Schweif durch die Menge für eine Millisekunde innehält), die diese neue, wilde Musik hören, und wie dann in Wut und Ekstase oder inszenierter Ekstase der Gitarrist Jeff Beck sein Instrument zerlegt, zerhackt und zerkloppt, weil es Rückkopplungen und Verzerrungen erzeugt, zum Rock gehört eben auch die gestörte Elektronik, Beck zerrt und zieht an der zerstampften Gitarre und wirft dann den Gitarrenhals in die Menge. Die hysterische Gruppe der Fans rauft sich um diesen Gitarrenhals des Stars.

Wer den Hals aber erwischt, ist der Photograph Thomas. Er entflieht mit diesem obskuren Objekt der Begierde, während eine Horde Fetischisten ihm nacheilt. Auf dem Straßengeschehen eines modernen Londons jedoch wirft Thomas den Gitarrenhals weg. Er ist nutzlos geworden, er ist kein Fetisch mehr, sondern ein gewöhnlicher Gitarrenhals, von einer kaputten Gitarre, wie es sie überall gibt. Keiner der vorbeieilenden Passanten würde diesen Gitarrenhals als bedeutungsvolles Objekt, als Fetisch gar, als den Gitarrenhals von Jeff Beck, dem Gitarristen der Yardbirds erkennen. Ich habe diesen großartigen Film wohl 1983 oder 1984 erst im Fernsehen und dann im Kino gesehen. Und dann immer wieder.

Jeff Beck war natürlich nicht nur (Neben)Akteur in einem hochgenialen Film, der das London der 1960er Jahre, die Welt von Illusion, Glamour, Drogen, Fragen der Wahrnehmung und der Abbildbarkeit von Realität in Medien zum Thema hatte – seltsam, daß fast zeitgleich mit Beck das mir immer sehr liebe und wunderbare Modell Tatjana Patitz gestorben ist -, aber diese Yardbird-Szene ist mir als eine der eindringlichsten in Erinnerung geblieben – von denen „Blow up“ freilich viele hat. Erst durch „Blow up“ stieß ich überhaupt auf die Yardbirds und erstand mir dann ihre Platten – damals gab es noch Schallplatten, teils auch als Fetischobjekte, gehortet von machen. Und auch pflegte ich den Habitus, eine weiße Hose und hellblaue Hemden zu tragen, kombiniert freilich mit einer schwarzen Lederjacke, die oberhalb der Hüften bzw. etwa auf Hüfthöhe endet. (Zum Leidwesen jener Diva, einer gewissen Dame, die das als gockelhafte Allüren abtat und die schwarze Lederjacke eine Stasijacke nannte, weil eben bei den Stasis damals in der DDR viele der Firma-Bediensteten solche Lederjacken trugen. Ich für meinen Teil kann im Leben der anderen nur sagen: wir trugen mittelbraune Lederjacken, als ich noch Oberleutnant Jäger war.)

Leider weiß ich ansonsten von Jeff Beck nicht allzu viel. Nur eben, daß manche sagen, er sei ein guter, wenn nicht einer der besten Gitarristen.

Von Tatjana Patitz läßt sich sagen, daß ich sie in den 1990ern sehr mochte, sie war eines meiner Lieblingsmodels, wenn sie auf einem Cover oder mit einer Photostrecke erschien, in jenen Jahren der großen Photomodels auf den Laufstegen und in den Magazinen: ich sah auf Photographien gerne Patitz‘ besonderen Ausdruck, ihre Art zu posieren und Haltungen einzunehmen. 1993 schaffte Tatjana Patitz es sogar aufs Cover der Kunstzeitschrift „Parkett“. (Die leider 2017 eingestellt wurde.) Die Zeitschrift mit ihrem Bild bekam ich, vermutlich ob meiner Schwärmereien, von einer Freundin zu Weihnachten 1993 geschenkt, auch jene Freundin war sehr blond und auch sehr schön – zumindest in meinen Augen. Auch sie fand, daß Tatjana Patitz eine besondere Aura umgab.

Karl Kraus hat in bezug aufs Besetzen von Objekten und Menschen in der „Fackel“ einen schönen Satz in seinen Nachtgedanken und in die Nacht hinein geschrieben:

„Liebe und Kunst umarmen nicht was schön ist, sondern was eben dadurch schön wird.“

Theologie goes Kritische Theorie: Benedikt XVI. (†)

Heute, zur Trauerfeier für Papst Bendikt XVI., werden viele Menschen Kerzen entzünden und eines einen herausragenden Theologen gedenken. Bendikt XVI. hielt 2011 im Deutschen Bundestag eine beeindruckende Rede. Aus einem christlichen und philosophischen Ethos heraus sprach dieser Papst und dies über die Forderungen des Tages hinaus zur Menschenwürde und dem Verhältnis von Natur und Mensch und ebenso lieferte er eine Kritik des Positivismus und eines rein funktionalen Verständnisses von Natur. Aus einer biblischen Geschichte des Alten Testaments wird ein philosphisches Problem der Moderne:

„Im ersten Buch der Könige wird erzählt, daß Gott dem jungen König Salomon bei seiner Thronbesteigung eine Bitte freistellte. Was wird sich der junge Herrscher in diesem wichtigen Augenblick erbitten? Erfolg – Reichtum – langes Leben – Vernichtung der Feinde? Nicht um diese Dinge bittet er. Er bittet: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht“ (1 Kön 3,9). Die Bibel will uns mit dieser Erzählung sagen, worauf es für einen Politiker letztlich ankommen muß. Sein letzter Maßstab und der Grund für seine Arbeit als Politiker darf nicht der Erfolg und schon gar nicht materieller Gewinn sein. Die Politik muß Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Friede schaffen. […] „Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande“, hat der heilige Augustinus einmal gesagt. Wir Deutsche wissen es aus eigener Erfahrung, daß diese Worte nicht ein leeres Schreckgespenst sind. Wir haben erlebt, daß Macht von Recht getrennt wurde, daß Macht gegen Recht stand, das Recht zertreten hat und daß der Staat zum Instrument der Rechtszerstörung wurde – zu einer sehr gut organisierten Räuberbande, die die ganze Welt bedrohen und an den Rand des Abgrunds treiben konnte. Dem Recht zu dienen und der Herrschaft des Unrechts zu wehren ist und bleibt die grundlegende Aufgabe des Politikers. In einer historischen Stunde, in der dem Menschen Macht zugefallen ist, die bisher nicht vorstellbar war, wird diese Aufgabe besonders dringlich. Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen. Wie erkennen wir, was recht ist? Wie können wir zwischen Gut und Böse, zwischen wahrem Recht und Scheinrecht unterscheiden? Die salomonische Bitte bleibt die entscheidende Frage, vor der der Politiker und die Politik auch heute stehen.

[…]

Wie erkennt man, was recht ist? In der Geschichte sind Rechtsordnungen fast durchgehend religiös begründet worden: Vom Blick auf die Gottheit her wird entschieden, was unter Menschen rechtens ist. Im Gegensatz zu anderen großen Religionen hat das Christentum dem Staat und der Gesellschaft nie ein Offenbarungsrecht, eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben. Es hat stattdessen auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen – auf den Zusammenklang von objektiver und subjektiver Vernunft, der freilich das Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes voraussetzt. Die christlichen Theologen haben sich damit einer philosophischen und juristischen Bewegung angeschlossen, die sich seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. gebildet hatte. In der ersten Hälfte des 2. vorchristlichen Jahrhunderts kam es zu einer Begegnung zwischen dem von stoischen Philosophen entwickelten sozialen Naturrecht und verantwortlichen Lehrern des römischen Rechts. In dieser Berührung ist die abendländische Rechtskultur geboren worden, die für die Rechtskultur der Menschheit von entscheidender Bedeutung war und ist. Von dieser vorchristlichen Verbindung von Recht und Philosophie geht der Weg über das christliche Mittelalter in die Rechtsentfaltung der Aufklärungszeit bis hin zur Erklärung der Menschenrechte und bis zu unserem deutschen Grundgesetz, mit dem sich unser Volk 1949 zu den „unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt“ bekannt hat.

Für die Entwicklung des Rechts und für die Entwicklung der Humanität war es entscheidend, daß sich die christlichen Theologen gegen das vom Götterglauben geforderte religiöse Recht auf die Seite der Philosophie gestellt, Vernunft und Natur in ihrem Zueinander als die für alle gültige Rechtsquelle anerkannt haben. Diesen Entscheid hatte schon Paulus im Brief an die Römer vollzogen, wenn er sagt: „Wenn Heiden, die das Gesetz (die Tora Israels) nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie… sich selbst Gesetz. Sie zeigen damit, daß ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab…“ (Röm 2,14f). Hier erscheinen die beiden Grundbegriffe Natur und Gewissen, wobei Gewissen nichts anderes ist als das hörende Herz Salomons, als die der Sprache des Seins geöffnete Vernunft.

Wenn damit bis in die Zeit der Aufklärung, der Menschenrechtserklärung nach dem Zweiten Weltkrieg und in der Gestaltung unseres Grundgesetzes die Frage nach den Grundlagen der Gesetzgebung geklärt schien, so hat sich im letzten halben Jahrhundert eine dramatische Veränderung der Situation zugetragen. Der Gedanke des Naturrechts gilt heute als eine katholische Sonderlehre, über die außerhalb des katholischen Raums zu diskutieren nicht lohnen würde, so daß man sich schon beinahe schämt, das Wort überhaupt zu erwähnen. Ich möchte kurz andeuten, wieso diese Situation entstanden ist. Grundlegend ist zunächst die These, daß zwischen Sein und Sollen ein unüberbrückbarer Graben bestehe. Aus Sein könne kein Sollen folgen, weil es sich da um zwei völlig verschiedene Bereiche handle. Der Grund dafür ist das inzwischen fast allgemein angenommene positivistische Verständnis von Natur und Vernunft. Wenn man die Natur – mit den Worten von H. Kelsen – als „ein Aggregat von als Ursache und Wirkung miteinander verbundenen Seinstatsachen“ ansieht, dann kann aus ihr in der Tat keine irgendwie geartete ethische Weisung hervorgehen. Ein positivistischer Naturbegriff, der die Natur rein funktional versteht, so wie die Naturwissenschaft sie erklärt, kann keine Brücke zu Ethos und Recht herstellen, sondern wiederum nur funktionale Antworten hervorrufen. Das gleiche gilt aber auch für die Vernunft in einem positivistischen, weithin als allein wissenschaftlich angesehenen Verständnis. Was nicht verifizierbar oder falsifizierbar ist, gehört danach nicht in den Bereich der Vernunft im strengen Sinn. Deshalb müssen Ethos und Religion dem Raum des Subjektiven zugewiesen werden und fallen aus dem Bereich der Vernunft im strengen Sinn des Wortes heraus. Wo die alleinige Herrschaft der positivistischen Vernunft gilt – und das ist in unserem öffentlichen Bewußtsein weithin der Fall –, da sind die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht außer Kraft gesetzt. Dies ist eine dramatische Situation, die alle angeht und über die eine öffentliche Diskussion notwendig ist, zu der dringend einzuladen eine wesentliche Absicht dieser Rede ist.

Das positivistische Konzept von Natur und Vernunft, die positivistische Weltsicht als Ganzes ist ein großartiger Teil menschlichen Erkennens und menschlichen Könnens, auf die wir keinesfalls verzichten dürfen. Aber es ist nicht selbst als Ganzes eine dem Menschsein in seiner Weite entsprechende und genügende Kultur. Wo die positivistische Vernunft sich allein als die genügende Kultur ansieht und alle anderen kulturellen Realitäten in den Status der Subkultur verbannt, da verkleinert sie den Menschen, ja sie bedroht seine Menschlichkeit. Ich sage das gerade im Hinblick auf Europa, in dem weite Kreise versuchen, nur den Positivismus als gemeinsame Kultur und als gemeinsame Grundlage für die Rechtsbildung anzuerkennen, alle übrigen Einsichten und Werte unserer Kultur in den Status einer Subkultur verwiesen und damit Europa gegenüber den anderen Kulturen der Welt in einen Status der Kulturlosigkeit gerückt und zugleich extremistische und radikale Strömungen herausgefordert werden. Die sich exklusiv gebende positivistische Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann, gleicht den Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht selber geben, beides nicht mehr aus der weiten Welt Gottes beziehen wollen. Und dabei können wir uns doch nicht verbergen, daß wir in dieser selbstgemachten Welt im stillen doch aus den Vorräten Gottes schöpfen, die wir zu unseren Produkten umgestalten. Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.

Aber wie geht das? Wie finden wir in die Weite, ins Ganze? Wie kann die Vernunft wieder ihre Größe finden, ohne ins Irrationale abzugleiten? Wie kann die Natur wieder in ihrer wahren Tiefe, in ihrem Anspruch und mit ihrer Weisung erscheinen? Ich erinnere an einen Vorgang in der jüngeren politischen Geschichte, in der Hoffnung, nicht allzusehr mißverstanden zu werden und nicht zu viele einseitige Polemiken hervorzurufen. Ich würde sagen, daß das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er Jahren zwar wohl nicht Fenster aufgerissen hat, aber ein Schrei nach frischer Luft gewesen ist und bleibt, den man nicht überhören darf und nicht beiseite schieben kann, weil man zu viel Irrationales darin findet. Jungen Menschen war bewußt geworden, daß irgend etwas in unserem Umgang mit der Natur nicht stimmt. Daß Materie nicht nur Material für unser Machen ist, sondern daß die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen. Es ist wohl klar, daß ich hier nicht Propaganda für eine bestimmte politische Partei mache – nichts liegt mir ferner als dies. Wenn in unserem Umgang mit der Wirklichkeit etwas nicht stimmt, dann müssen wir alle ernstlich über das Ganze nachdenken und sind alle auf die Frage nach den Grundlagen unserer Kultur überhaupt verwiesen. Erlauben Sie mir, bitte, daß ich noch einen Augenblick bei diesem Punkt bleibe. Die Bedeutung der Ökologie ist inzwischen unbestritten. Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten. Ich möchte aber nachdrücklich einen Punkt noch ansprechen, der nach wie vor weitgehend ausgeklammert wird: Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muß und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.

An dieser Stelle müßte uns das kulturelle Erbe Europas zu Hilfe kommen. Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden. Diese Erkenntnisse der Vernunft bilden unser kulturelles Gedächtnis. Es zu ignorieren oder als bloße Vergangenheit zu betrachten, wäre eine Amputation unserer Kultur insgesamt und würde sie ihrer Ganzheit berauben. Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas. Sie hat im Bewußtsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde des Menschen, eines jeden Menschen Maßstäbe des Rechts gesetzt, die zu verteidigen uns in unserer historischen Stunde aufgegeben ist.

Dem jungen König Salomon ist in der Stunde seiner Amtsübernahme eine Bitte freigestellt worden. Wie wäre es, wenn uns, den Gesetzgebern von heute, eine Bitte freigestellt wäre? Was würden wir erbitten? Ich denke, auch heute könnten wir letztlich nichts anderes wünschen als ein hörendes Herz – die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit zu dienen und dem Frieden.“

Einige dieser Sätze könnten ebenso aus einem Essay Kritischer Theorie stammen, wenn es um den Machbarkeitswahn geht. Theologie goes Adorno, goes Benjamin. Politik ist nicht Intuition. Aber sie hat, wenn sie gelingen soll, manches mit der Phronesis zu tut.

Heute trauern wir um Benedikt XVI., auch ich, obgleich kein Katholik und doch durch meine Urgroßmutter einem seltsam kaschubischem Katholizismus nahe.

Verspäteter Nachtrag zum Tod von Hans Magnus Enzensberger

„Jede Migration führt zu Konflikten, unabhängig davon, wodurch sie ausgelöst wird, welche Absicht ihr zugrunde liegt, ob sie freiwillig oder unfreiwillig geschieht und welchen Umfang sie annimmt. Gruppenegoismus und Fremdenhaß sind anthropologische Konstanten, die jeder Begründung vorausgehen. Ihre universelle Verbreitung spricht dafür, daß sie älter sind als alle bekannten Gesellschaftsformen. Um sie einzudämmen, um dauernde Blutbäder zu vermeiden, um überhaupt ein Minimum von Austausch und Verkehr zwischen verschiedenen Clans, Stämmen, Ethnien zu ermöglichen, haben altertümliche Gesellschaften die Tabus und Rituale der Gastfreundschaft erfunden. Diese Vorkehrungen heben den Status des Fremden aber nicht auf. Sie schreiben ihn ganz im Gegenteil fest. Der Gast ist heilig, aber er darf nicht bleiben.

[…]

Je höher die Qualifikation der Einwanderer, desto weniger Vorbehalte begegnen ihnen. Der indische Astrophysiker, der chinesische Stararchitekt, der schwarzafrikanische Nobelpreisträger – sie sind überall auf der Welt willkommen. […] Dem Sultan von Brunei hat noch niemand seine Hautfarbe übelgenommen. Wo die Konten stimmen, versiegt wie durch ein Wunder der Fremdenhaß.


Den Vogel schießen in dieser Hinsicht die Drogen- und Waffenhändler ab, zusammen mit den Bankiers, die ihr Geld waschen. Sie kennen keine Rassen mehr und sind über jeden Nationalismus erhaben. Vermutlich sind sie die einzigen auf der Welt, denen jedes Vorurteil fernliegt. Fremde sind um so fremder, je ärmer sie sind.

[…]

Wer seine Landsleute auffordert, alle Mühseligen und Beladenen der Welt eine Zuflucht zu bieten, womöglich unter Berufung auf kollektive Verbrechen, die von der Eroberung Amerikas bis zum Holocaust reichen, ohne Folgenkalkül, ohne politische und ökonomische Vermittlung, ohne Rücksicht auf die Realisierbarkeit eines solchen Vorhabens, macht sich unglaubwürdig und handlungsunfähig. Tiefgreifende gesellschaftliche Konflikte können nicht durch Predigten abgeschafft werden.“ (Hans Magnus Enzensberger, Die Große Wanderung. 33 Markierungen, in: Versuche über den Unfrieden, Berlin 2015)

***

Der Fliegende Robert

Eskapismus, ruft ihr mir zu,
vorwurfsvoll.
Was denn sonst, antworte ich,
bei diesem Sauwetter! –,
spanne den Regenschirm auf
und erhebe mich in die Lüfte.
Von euch aus gesehen,
werde ich immer kleiner und kleiner,
bis ich verschwunden bin.
Ich hinterlasse nichts weiter
als eine Legende,
mit der ihr Neidhammel,
wenn es draußen stürmt,
euern Kindern in den Ohren liegt,
damit sie euch nicht davonfliegen.

nach 1970
[Hans Magnus Enzensberger]


Zum Tod von Kristof Schreuf

Gestern erst las ich, nachdem ich von einer Reise aus Bambergs Nebelwelt, mit Hegels „Logik“ angereichert, zurückkehrte, daß der Musiker und Autor Kristof Schreuf tot ist. Er starb mit nur 59 Jahren. Ich mochte diese Art des Schreibens und Schreiens und Wisperns, diese Musik aus einer inzwischen anderen Zeit. Es hatten seine Lieder, die Melodien und Texte und die Art, wie Schreuf es sang, immer auch einen Hauch von Rio Reiser und Udo Lindenberg. Mit anderen Worten: diese Musik ruht auf einer guten Tradition, nämlich trotz englischsprachiger Präponderanz im Pop Deutsch zu singen, aber doch nicht die in Ton, Melodie und Rhythmus ruhigere Musik der Liedermacher zu spielen – wobei auch diese, wenn ich an Georg Kreisler, Walter Mossmann, den freilich auch lauten und wild singenden Wolf Biermann, Hannes Wader und den egozentrischen DKPler Franz Josef Degenhardt denke, eine für den deutschen Text wichtige Angelegenheit war und somit ihre Berechtigung besaß – auch politisch.

Der Pop von Schreuf jedoch war auf andere Weise politisch, derart wie es auch bei Rio Reiser geschah, aber angereichert um jenen Funken Hoffnungslosigkeit, daß es nie mehr so sein würde, wie in den utopischen Träumen von einer befreiten Gesellschaft angedacht, und dazu angereichert um ein Repertoire aus Fragment und den Versatzstücken des aus Frankreich in den 1980er Jahren in Deutschland in den Pop hereinbrechenden Poststrukturalismus im Geflecht von so unterschiedlichen Autoren wie Roland Barthes, Jacques Derrida und Michel Foucault: „Der Text ist meine Party“, so lautet die wohl vielfach zitierte und bekannte Zeile aus jenem Song „Party“. 1989 trat mit der Band „Kolossale Jugend“ – bereits in der Spätpunkphase – in Hamburg eine Band auf den Plan, die etwas machte, was es in dieser Art nicht gab, und was dann von Bands wie „Die Braut haut ins Auge“, „Tocotronic“, „Die Sterne“ und „Blumfeld“ in unterschiedlicher Weise weitergeführt wurde und was fürderhin unter dem Namen „Hamburger Schule“ firmierte. Tocotronic brachte dies 1995 in den halb ironisch, halb huldigenden Song „Ich bin neu in der Hamburger Schule“ auf den Punkt.

Immer auch war es bei Schreufs Musik die Kritik an Deutschland, einem nach der Wiedervereinigung erwachten neuen Deutschland, das nicht mehr die alte BRD war und vor dem viele Angst hatten – in meinern Augen schon damals allzu alarmistisch gedacht: als ob ein neues Großdeutschland entstünde, und unfair war diese Haltung auch gegenüber all jenen in der DDR, die für ihre Freiheit kämpften: eine Freiheit, die in Hamburg und anderswo im Westen in den Zentren des Politprotests wie selbstverständlich genommen wurde. Auch wenn ich gegenüber Schreufs Sicht politisch auf Distanz bleibe, trotzdem ich die Wut auf Deutschland nach den Gewaltauswüchsen jener Hooligans zur WM 1990 verstehen kann, jenem Vorlauf zu Rostock-Lichtenhagen, betrachtet man es ex post facto, so mischte sich diese Musik doch politisch und ästhetisch in einer neuen Form und in gelungener Weise, von Sound und Text her, in das Handgemenge ein. Aber Deutschland ist mehr als „Halt’s Maul, Deutschland!“ – auch wenn man diesen Slogan zugleich ironisch verstehen kann, bei einer Band, die auf Deutsch sang. Denn gerade in der Kritik an rechtsradikalen Verhältnissen ist man eben auch und zum Glück Deutschland – ein anderes Deutschland freilich. Und für dieses andere Deutschland, mit einer anderen Art von Pop-Musik, stand Schreuf ein.

Die Band „Kolossale Jugend“ war ein Teil von unserer Zeit in Hamburg. Und die Platte „Bourgeois with Guitar“ von 2010 bildet einen schönen melancholischen Abgesang auf eine Zeit, die mal war. Gerne hätte ich Schreufs Roman gelesen, den er zum ersten Mal 2003 in Klagenfurt vorstellte und der in Planung war und sich doch immer weiter aufschob. Es paßte wohl zu seiner Art des Schreibens als Scheitern: Niemals fertig zu werden. Manche Texte haben die Tendenz, ein Luftschloß zu bleiben, darin sich gemütlich oder auch verzweifelt wandeln läßt – als Möglichkeitssinn, daß der Autor irgendwann das perfekte und gelungene Werk schüfe: Werke, die keine Werke mehr sind. Oder es geschieht wie in Thomas Bernhards Roman „Beton“, darin der Protagonist von seiner großen und größten Studie zum Komponisten Mendelssohn Bartholdy fabuliert, bei der er jedoch nicht einmal über den ersten Satz hinausgekommen ist. Das Fragment im Kopf oder in der Schublade als Form der Moderne. Dennoch: gerne würde ich die Fragmente und die Texttrümmer von Schreuf lesen, die da im Digitalen oder in einer Schublade schlummern. Aber das wird nun nichts mehr. Aber vielleicht findet sich trotzdem ein Herausgeber, der die Notate ordnet und dann bringt.

Die Goldenen Zitronen haben auf ihrer Facebookseite einen seiner Songs, nämlich „Laufe blau“, zum Andenken gepostet. Doch es sind diese alten Zeiten leider auch vorbei und wir liegen in neuen, stehen in jener Zeitenwende, auch von der Musik her vermutlich. Und doch nimmt mancher immer wieder neue Anläufe und das ist gut so. Let there be rock! Und doch waren es diese guten, alten Hamburger Zeiten, die einen besonderen Ton, eine besondere Musik und ein besonderes Lebensgefühl schufen, das auf unterschiedliche Weise ästhetisch wie auch politisch, manchmal auch als bloße Lebenspose und sogar -posse umgesetzt wurde: mit Alkohol, Abende, die bis in den Morgen gingen, mit dem unendlichen Gespräch in jenen Kneipen, Cafés und Bars, zwischen „Sorgenbrecher“ und Café unter den Linden. Eine Jugend, Ende der 1980er, in der wir eigentlich schon lange keine Jugendlichen mehr waren.

Zum Tod von Jean-Luc Godard. Fragment und Lust: jene Kraft der Bilder

Einer der letzten großen Pioniere des Kinos, einer jener, die man mit Fug und Recht „Avantgarde“ nennen konnte, ist nun tot: Jean-Luc Godard. Ich habe seine Filme geschätzt und geliebt, egal ob jene „Geschichte(n) des Kinos“, ob den Gangster-und-Paris-Film „Außer Atem“ mit seiner atemlosen Kameratechnik und vor allem den heiter-kritisch-tragischen Film „Masculin-Feminin. Die Kinder von Marx und Coca Cola“ – zugleich auch ein wunderbarer Parisfilm, der das Flanieren und das Hocken in herrlichen Café uns zeigte. Godard gehörte zu den Regisseuren, die meinen Kinoblick maßgeblich prägten. „Die Verachtung“ habe ich wohl an die sieben oder acht Mal bereits gesehen: Allein wie die Kamera zum Anfang des Filmes die Haut Brigitte Bardots abfährt, ist großartiges Kino: Es war im übrigen dieses Repräsentieren, bei dem der Körper in diesem seltsam-roten, flackernden Licht nie ganz und nie im ganzen nackt zu sehen war, als eine Antwort auf den Produzenten Carlos Ponti gedacht. Er stellte als Maßgabe zur Finanzierung des Films auf, daß man die Haut der Bardot sehen müsse, wenn sie schon mitspiele. Godard löste dieses Problem auf eine ästhetische stimmige, gelungene und zugleich ansprechende Weise: Zeigen, ohne zu zeigen: es war die Haut, die Bardot war nackt, aber eben alles fragmentiert. Aber der Film ist eben auch viel mehr noch als eine Liebesgeschichte, die tragisch endet. Es ist eine kleine Geschichte des Kinos, vor allem der Produktionsbedingungen. Schön vor allem, wie Fritz Lang dort das Hölderlinwort über die Abwesenheit des Gottes spricht. Und vor allem die großartige Malaparte-Villa als Blickfang. Und natürlich und auf alle Fälle dieser wunderschöne, rote Alfa Romeo: Nomen est omen. Diese Mischung aus Ästhetischem im Sinne der Schönheit und einem Ästhetischen als Selbstreflexion des Kinos begeisterten mich bereits beim ersten Sehen, als ich irgendwie noch sehr jung war.

Allein die Musik setzte erhebliche Effekte und das Spiel mit Sprachen, Blicken, Begehren, Ästhetik und Geschichtsphilosophie und vor allem das, was wir immer auch im Kino uns wünschen: Das Begehren.

„Das Kino schafft für unseren Blick eine Welt, die auf unser Begehren zugeschnitten ist. Die Verachtung ist die Geschichte dieser Welt.“ (André Bazin in: Die Verachtung, Vorspann)

Eine Würdigung, die ich vor einigen Jahren zu Godards 88. Geburtstag schrieb, habe ich hier als Hommage ein wenig umgearbeitet

***

Kino – das ist die große Täuschung der Sinne, und es ist die wunderbarste Lüge, sieht man einmal von geliebten oder begehrten Objekten ab, die wir assoziativ mit Bedeutungen aufladen – wir Fetischisten wissen, wovon wir sprechen. Bilder sagen: Es ist so. Bilder zeigen, daß es nicht so ist. Film ist ein inzwischen altes, etabliertes und nach wie vor komplexes Medium der Kunst, das wesentlich dazu beitrug, unsere Sehgewohnheiten und Wahrnehmungen aufzubrechen und sie im selben Zug auch wieder zu zementieren.

Film ist ein Medium, das nicht mehr nur im Kino seinen Ort besitzt, sondern inzwischen auch auf kleinen Bildschirmen, die wir bei uns zu Hause aufstellten. Denn es spielt eine bestimmte Sorte Film das Geld nicht mehr ein, wenn sie nur im klassischen Verleih gezeigt würde. David Lynchs skizzenhaftes Material zu „Mulholland Drive“ geriet so umfangreich und ausufernd, daß es selbst eine Fernseh-Serie wie „Twin Peaks“ übersteigt: mit immerhin 30 Folgen in zwei Staffeln. Kein Produzent ist bisher bereit gewesen, ein solches Film-Vorhaben „Mulholland Drive“ zu finanzieren, weder als Serie noch als Mehrteiler im Kino. So blieb nur eine Bilderauswahl übrig, ein Bildrest, welcher 2001 in die Lichtspielhäuser kam. Kino hat seine Tücken.

Kino ist nicht Film. Im Französischen existiert neben „film“ das wunderbare Wort „cinéma“. „Ich mache keine Filme, ich mache Kino“, so sagte Godard einmal.

Die erste Filmvorführung der Welt fand bekanntlich in der Antike in einem ungastlichen Hinterhofkino statt: in Platons Höhle. So erzählt es der Mythos, so erzählt es eine Schrift zum Staats- und Gemeinschaftswesen, die sich mit der Frage nach der Gerechtigkeit befaßt. Neorealismus? Wir nehmen Schatten wahr, wir mit der Leidenschaft wollen aber zugleich bessere beseelte Bilder, die wahren, die „richtigen“ Bilder. Wir gieren nach mehr und wir glauben zugleich. Der Aufstieg ist voller Mühe. Manche wollen die gewohnten Bilder, sie halten die Schatten fürs Wesentliche. Unerkannt, unbekannt. Und dahinter ist nichts, nichts, nichts. Nichts als das ewige Feuer: „Kalt modern und teuer“, wie Tocotronic auf ihrer LP „Schall und Wahn“ dichteten. Wie die wahre Welt zu einer Fabel wurde. Manche freilich wollen ein ganz anders Bild. Das Unerhörte wagen. Westwärts zu, Worstward ho: man kann auch in die Höhe fallen. Wie Lenz im Gebirg. Wir nehmen den für diesen Weg der Reinigung mühsamen Aufstieg in Kauf. Wir existieren inmitten von Bildern, die uns umgeben, wir existieren inmitten von Deutungsanforderungen: wie ein Bild zu lesen sei. Und wir glauben es kaum, aber der Meister solcher Bildfolgen ist nun tot. Er lebt und er lebt nicht mehr.

Die Geschichte des Films ist im selben Atemzug auch die Geschichte einer bequemen Verstumpfung. Sie erzählt von den Verschattungen und sie zeichnet uns die wunderbare Überblendung der Sinne. Gerne verheddern wir uns in der zerstreuten Rezeptionshaltung und wollen zugleich die radikale Aufklärung über die Welt – in Bild-Sequenzen, die keine Worte sind, wohl aber eine eigene Sprache, in Bild-/Tonspuren als lector in fabula arbeiten wir an den Verstrickungen. Diese Aspekte laufen in dieser Geschichte des Films wie auch in der seiner Wahrnehmung in paralleler Spur. Verzauberung und Lüge. Entgrenzte, verdichtete Wahrnehmung, Zauberbilder. Im Reich der Sinne und auf dem Gebiet der Anschauungen, für die uns noch die Begriffe fehlen, um zu kartographieren, wie auch die Konfektionsware von der Stange: sie alle tummeln sich im Reich des Bildes. Es gibt Filme, die sind sowohl für die Unterhaltung, aber genauso für den Diskurs des Theoretikers geschaffen: Chaplin und Hitchcock, Griffith und de Palma gehören etwa dazu. Dann wiederum existieren Filme, die übersteigen den kontemplativen, versunkenen Blick des Zuschauers und brechen das Auratische der Unterhaltung auf, wie seinerzeit jener Schnitt durchs Auge in Buñuels/Dalis „Ein Andalusische Hund“. Zu dieser Reihe exzeptioneller Werke gehören auch die Filme Jean-Luc Godards. Und zugleich auch nicht, wie uns sein 1960 gedrehtes Manifest „À bout de souffle“ lehrt.

Godards noch vor diesem ersten veröffentlichten Spielfilm gedrehtes Werk „Der kleine Soldat“ (ebenfalls 1960) bezeichnete er im Rückblick als faschistisch. Dies mag – auch im Rahmen des Politischen –, übertrieben erscheinen, zumal der Film für keine Seite Partei nimmt. Denn die algerische FLN und die französische Armee samt ihren Geheimdiensten standen sich in ihrer Brutalität in nichts nach. Diese strukturell so ähnliche Form der Gewalt vermerkt der Film lakonisch. Die landläufige Identifikation mit den Filmhelden allerdings fällt hier schwer. Es gibt nur kalte Charaktere. Allenfalls die Anspielungen auf Kunst, wenn von dem Protagonisten Bruno die Komponisten Bach und Beethoven oder der (freilich politische) Autor Louis Aragon genannt werden, mag als Relikt des bürgerlichen Ästhetizismus durchgehen. Im Laufe der (nicht immer glücklichen und klugen) Politisierung Godards erschien ihm dies im Rückblick womöglich als Schwäche. Das Revolutionäre bleibt in diesem Film Einsprengsel; es wird im Modus des Verweisens lediglich gestreift. Etwa wenn einer der arabischen Kombattanten in zwei kurzen Einblendungen die Schriften Maos liest. Darin gerade liegt die Stärke des Films: er nimmt nicht Partei und gerät gerade durch diese Enthaltung zur Parteinahme. Revolution im Film ohne Polit-Trara. Aber die Revolution ist am Ende eine der Bilder, eine des Sehens. Und das ist gut so.

Ästhetisch setzen „Der kleine Soldat“, vor allem aber „Außer Atem“ in der Anordnung von Montage und Mise en Scène neue Maßstäbe. Und bereits in diesem frühen Werk weist der Film auf sein eigenes Medium, wenn da in „Der kleine Soldat“ vom Protagonisten Bruno der Satz folgt: „Die Fotografie, das ist die Wahrheit. Kino, das ist die Wahrheit 24 Mal in der Sekunde.“ Einschuß der Bilder. Aber ist das die Wahrheit? Oder eben doch nur eine bestimmte Perspektivierung? Oder eben das, was der Filmkritiker André Bazin im Vorspann zu „Le Mepris“ sagt? Oder wenn in „Bande à part“ aus dem Jahr 1964 die Protagonisten durch das bürgerliche Louvre-Museum, durch den großen Saal laufen: auch das ist eine Referenz aufs Medium Bild und auf einen neuen ästhetischen Umgang mit jenen klassischen und überlieferten Bildern.

Ein ganz anderer Rhythmus, ein wilder Bildsound bestimmten mit einem Male das Genre Film, obwohl diese beiden frühen Werke Godards von der Story her klassische Sujets aufgriffen. „Der kleine Soldat“ entstammt dem Genre des Agentenfilms. Was den Plot beider Filme anbelangt, ist die primäre Quelle Hollywood: der klassische, düstere Kriminalfilm, wie in „Außer Atem“ – ohne Happy End, Film noir eben, aber technisch und in ihrer Form treiben diese beiden Filme weit über Hollywoods Standardware hinaus. Insbesondere „Außer Atem“ ist zwar eine Hommage, wie ja auch Truffaut und Wenders einer bestimmten Sorte des amerikanischen Kinos ihre Aufwartung darbrachten. Noch in der Anordnung der Szenen, wenn der Protagonist in „Außer Atem“ vor einem Bogart-Plakat sich vergleicht, an seiner Zigarette ziehend, oder wenn kurz der Schriftzug eines Filmplakates von Aldrich auftaucht, der für einen Augenblick zu lesen ist: „Gefährlich leben bis zum Schluß“, was wohl gut als Motto des Films fungieren kann, dann ist solches Verweisen Anspielung und Programm dieses Filmes. (Und auch die Lichtgestalt des Film-Noir, Jean-Pierre Melville kurz spielt mit.) Und doch verläßt „Außer Atem“ vermittels seiner Konstruktion die B-Movie-Ecke der Kriminalfilme als Konfektionsniveau. Darin kein kulturindustrielles Produkt, sondern Reflexion aufs eigene Medium.

Die Schnitte in „Außer Atem“ – so der von Godard erfundene Jump Cut – und die Kameraführung sind exzeptionell: rasant, ungewöhnlich, neu. Der Blick ist irritiert. Die Geburt eines anderen Kinos (aus dem Geist des aufkeimenden Pop). Während des Dialogs zwischen Michel (Jean Paul Belmondo) und Patrica (Jean Seberg) bei einer Autofahrt durch Paris: die Kamera ist immer seitlich von schräg hinten auf den Hinterkopf Patricias gerichtet, ihr kurzes blondes Haar im Blick, während Michel nicht zu sehen ist. Godard schrieb in seinem lesenswerten Buch „Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos“:

„Ich erinnere mich noch sehr gut, wie dieser berühmte Schnitt zustande kam, der heute immer in Werbefilmen verwendet wird. Wir haben uns alle Einstellungen vorgenommen und systematisch das geschnitten, was wegkonnte, uns dabei aber bemüht, einen Rhythmus einzuhalten. Zum Beispiel gab es da eine Sequenz mit Belmondo und Seberg im Auto – das war gedreht: eine Einstellung auf ihn, eine auf sie, sie antworten einander. Als wir zu dieser Sequenz kamen, die gekürzt werden mußte wie alle anderen auch, haben wir mit der Cutterin Kopf oder Zahl gespielt. Wir haben uns gesagt: Statt ein Stückchen bei ihm und ein Stückchen bei ihr zu kürzen und lauter kurze Einstellungen von beiden zu machen, kürzen wir vier Minuten, indem wir entweder ihn oder sie ganz rausnehmen, und dann schneidern wir einfach eins ans andere, als ob es eine einzige Einstellung wäre. Dann haben wir gelost um Belmondo und Seberg, und Seberg ist dringeblieben.“

Der Einsatz des Lichts (keine Kunstlicht) und die unkonventionelle Kameraführung, die Arbeit mit einer Handkamera nehmen das Dogma-Manifest von 1995 vorweg. Straßen- und Innenszenen wurden weitgehend ohne künstliche Ausleuchtung gedreht. Bei den (wenigen) Nachtszenen wurde ein hochempfindlicher Film verwendet. Das alles hat es in Filmen, die für ein breiteres Publikum gedacht waren, in dieser Form bisher nicht gegeben.

Wie die Kamera auf die Darsteller gerichtet ist und sie in den Blick nimmt, etwa wenn Michel durch das Hotel schreitet, das ist göttlich wie die Citroën Déesse, welche in manchen Einstellungen (leider kurz nur) zu betrachten sind:

„In der D.S. Steckt der Anfang einer neuen Phänomenologie der Zusammenpassung, als ob man von einer Welt der verschweißten Elemente zu einer solchen von nebeneinandergesetzten Elementen überginge, die allein durch die Kraft ihrer wunderbaren Form zusammenhalten, was die Vorstellung von einer weniger schwierig zu beherrschenden Natur wecken soll.“ (Roland Barthes, Mythen des Alltags)

Man kann sich am Blick der Kamera nicht sattsehen. „Außer Atem“ ist in diesem Sinne ein Titel, der zugleich auf unsere Reaktion beim Mitfiebern in Bildern weist. Er nennt, wie es uns beim Zuschauen ergeht. Aber dieses neue Verfahren, Schnitt und Szenen in eine veränderte Anordnung zu bringen, reicht über das bloß subjektive Moment heraus und hat sein Motiv in der Logik der Sache. Es ist keine bloße Gangstergeschichte, der Plot ist im Grunde nur Aufhänger und Köder. Godard wird dieses Montage-Verfahren weiter ausbauen – und insbesondere in seinen späteren Filmen gesellen sich jene Texteinblendungen dazu, die wesentlicher Bestandteil des Films sind.

Godards Filme sind mehr als Filme, es sind, neben dem Erzählen und dem Technischen, gleichzeitig theoretische Essays: verfilmte Filmgeschichte, aber solche vor allem, die den Bereich der bloßen Wissenschaft verlassen. Bei Godard gelingt auf wunderbare Weise die Selbstreferenz des Mediums, ohne dabei in staubtrockene Theorie abzugleiten, Spannung bricht nicht ab. Immerzu telefoniert Michel, beständig ist er in Bewegung und in Unruhe, um an Geld zu kommen. „Außer Atem“ ist, zumindest im Ansatz, bereits ein solcher Film über das Filmen. Die dem ersten Anschein nach seichte Geschichte mag zunächst darüber hinwegtäuschen. Der Plot von „Außer Atem“ ist freilich trivial, eine B-Movie-Gangstergeschichte: die letzten Tage eines kleinen Ganoven, der einen Polizisten erschoß, werden uns gezeigt. Das Außerordentliche dieses Films, sein Spezielles in der Komposition der Bilder erschließt sich insbesondere, wenn man das Remake von 1983, mit Richard Gere und Valérie Kaprisky als Kontrastmittel schaut: „Atemlos“. Es handelt sich bei diesem Stück um filmischen Dreck, Popscheiße, die auf den Geschmack eines breiten Publikums zugeschnitten ist. Allerdings taugt dieses Machwerk unbedingt als Anschauungsmaterial, was in einem Remake alles schiefgehen kann. Weshalb es zuweilen jedoch ganz gut ist, sich einen schlechten Film anzuschauen. Das Gute tritt umso stärker in den Blick.

Zudem: wer „Außer Atem“ nur als einen Film noir wahrnimmt, übersieht Wesentliches. Der Film ist zwar einerseits kinotypische Unterhaltung, aber über den Aspekt der Form bereits viel mehr. Deutlicher noch und verdichteter geschieht diese Selbstreferenz des Mediums dann in „Die Verachtung“, welchen man als den wohl klassischsten seiner Filme bezeichnen kann. Modern und avanciert, aber in den Bildern zugleich ruhig – eine italienisch-antike Aura umgibt diesen Film: das Licht des Südens.

Allerdings ist „Außer Atem“ ebenso ein Film, der den Klang von Paris einfängt. Aber ist dieses Paris noch jenes Ort der langsam verbleichenden 30er Jahre-Moderne, welche sich residual in die 50er Jahre rettete, die Sartresche Subjektmoderne als filmischer Mythos? Oder aber handelt es sich bereits um den Rhythmus einer ganz anderen Moderne, einer des (Post-)Strukturalismus, der Dekonstruktion von Wörtern und Bildern, wo diese in Auflösung sich befinden? Musikalisch wäre hier sicherlich an den Jazz anzuknüpfen. Kein Ausgang aus der Höhle, aber eine Referenz an die Schatten, ohne dabei aber in die Ausweglosigkeit zu gleiten, daß es kein Licht, keine Sonne gäbe.

Wenn die Photographie die Wahrheit ist und wenn das Kino die Wahrheit 24 Mal in der Sekunde bedeutet, dann heißt das für unsere Epoche, daß die Wahrheit sich beschleunigte. Und wir müssen in dieser Schnelligkeit – heute bürgerte sich dafür philosophisch der Begriff der Akzeleration ein – eine neue Art des Auffassens angewöhnen. Auch im Blick auf die Flut der Bilder aus dem Internet, die kommen und schnell wieder vergehen. Bahn verschafft sich diese Wahrheit jedoch, das bleibt festzuhalten, in einem illusionären Medium. Die Wahrheit nistet sozusagen in den Falten des Scheins. Diese Wahrheit gerät in den weiteren Filmen Godards zunehmend komplexer und sie wird politischer. So in „Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca Cola“.

Godard machte ein Kino, das manchmal aufdringlich war, wenn es sich zu sehr politisierte und doch fand Godard im Sinne Brechtscher Verfremdung zugleich die Distanz, so daß diese Bilder eine ganz eigene Sprache, eine eigene Poesie entwickelten. Auch in ihrer Härte.

Queen Elisabeth II. †

Ich kann leider zur Queen nicht viel schreiben, weil ich das englische Königshaus zu wenig kenne: Was mir an ihr aber immer gefiel und was ich hoch achte, ist ihre Pflichterfüllung, ihre Disziplin und daß sie all diese Dinge, die für ein Staatswesen eben so anstehen, immer mit Würde getan hat. Genau das ist es, was ein Staatswesen braucht. Und wer einen derart herrlichen Gatten an seiner Seite hatte, wie HRH Prince Philip, Duke of Edinburgh, der muß unbedingt Sinn für einen sehr speziellen Humor haben. Es ist der Humor, den auch ich teile. Und ich bewundere es, daß es in der heutigen Zeit, in diesem letzten Jahrhundert und bis in dieses hinein noch Menschen gibt, die derart lange Zeit gemeinsam diesen Weg der Ehe gehen. Den Weg zu zweit – oder wie „Grauzone“ es sang: „Der Weg zu zweit ist halb so weit.“ Bei einer dertigen Paarung mag es wohl stimmen.

Very British eben, so lebte und so wirkte Queen Elizabeth und mit Very British und mit der tatkräftigen Untestützung von UK wird auch der Verteidigungskrieg gegen Rußland gewonnen werden. Mit Elizabeth II geht sicherlich eine Epoche zuende. Das alte 20. Jahrhundert ist wieder ein Stück mehr in die Ferne gerückt und eine Gestalt des Lebens grau geworden.

Es gibt Bilder, die sind ikonographisch. Diese Photographie ist eines dieser Bilder. Vom Aufbau, vom Antlitz her wirkt es wie ein Gemällde. Nur eben in der modernen Form: als Photographie. Ich liebe dieses Bild. Und vor allem: Queen Elizabeth II war eine hübsche Frau. Nun ist sie – so Gott es will – bei ihrem über alles geliebten Philip und darf über seine schwarzen Scherze lachen und lächeln. RIP.

Der Anschlag auf Darja Dugina

„Früher oder später ist das endlose Spektakel vorbei. Dann werden wir uns rächen, gnadenlos.“ (Alexander Dugin, Zitat gefunden bei Guillaume Paoli)

Nun ist es anders gekommen und die Wünsche des russischen Faschisten und des Beraters von Putin haben sich in einer etwas anderen Weise realisiert. Wer Wind sät und den Überfall auf andere Länder derart billigt und mit Propaganda unterstützt, wird Sturm ernten. Ob solche Anschläge der richtige Weg sind? Ich weiß es nicht. So ganz wohl ist mir dabei nicht. Andererseits ist es eben Krieg und den führt ein kleines Land wie die Ukraine mit allen Mitteln – sofern es nicht die innerrussische Opposition war, die dieses Attentat beging, oder gar der FSB. Wir dürfen gespannt auf die Hintergründe sein, sofern diese herauskommen.

Pavel Lokshin, Moskau-Korrespondent der WELT schreibt auf Twitter:

„Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal diese Zeilen schreiben würde: Es gibt in Russland jetzt offenbar eine „Nationale Republikanische Armee“, die putintreue Persönlichkeiten in die Luft jagen will. Die „Armee“ will Darja Dugina ermordet haben.

Die NRA erklärt Putin zu einem „Usurpator“ und „Kriegsverbrecher“. Beamte der Zentralregierung und der Regionalverwaltungen nennt die Terrorgruppe als legitime Ziele. Auch putintreue Unternehmer, Polizisten und alle Vertreter von Machtministerien. Ziel: Regimewechsel.

Seit einiger Zeit stören Saboteure Russlands militärische Logistik mit Anschlägen auf Brücken und Bahnstrecken. Dass sie zu tödlicher Gewalt gegen Regimevertreter greifen würden, hätte ich ehrlich gesagt nicht für möglich gehalten.

Wenn das alles wahr ist, hätte Russland eine nationale Befreiungsfront, die mit Anschlägen das Putin-Regime zu Fall bringen will. Keine separatistische Bewegung. Keine Islamisten. Bewaffnete Putin-Feinde. Ich muss diesen Satz noch einmal lesen, klingt unwirklich.

Putin kann wirklich stolz auf sich sein. Der Krieg radikalisiert. Seine Gegner gehen in gerade sechs Monaten von Brandstiftung und Sabotage zum politischen Mord über. Das ist eine Zäsur der jüngeren russischen Geschichte.

Das mit der „Nationalen Republikanischen Armee“ klingt alles, wie gesagt, einigermaßen unglaublich. Alles mit großen Fragezeichen.“

+++

Ähnliches heute morgen auch auf t-online. Ich hatte solche innerrussische Opposition bereits gestern morgen vermutet, als ich die Meldung las. Diese Entwicklung gibt der Sache nochmal eine neue Dimension und es zeigt sich, daß di Opposition gegen Putin eben doch größer ist als gedacht. Es sind eben nicht nur Nawalny und all die vielen Menschen, die vor dem 24.2.2022 gegen Putins Regime demonstrierten: gegen seinen Wahlbetrug, gegen Putins Einschüchterung der Opposition und seine Mordanschläge gegen kritischen Journalisten und Oppositionspolitiker.

Zum Tod von Eva-Maria Hagen

Eva-Maria Hagen ist tot. In Erinnerung ist sie mir hauptsächlich als Sängerin, weniger als Schauspielerin, wenngleich ich mich vor allem an „Die Legende von Paul und Paula“ noch gut erinnere und ich meine auch, sie in dem einen oder anderen „Polizeiruf 110“ aus den 1970er Jahren gesehen und dabei auch gerne gesehen zu haben – später in den Wiederholungen. Ich mochte die Art, wie sie Brecht und Weill sang, ich mochte ihre Chansons und wenn sie russische Lieder sang. So auf der Platte „‚Nicht Liebe ohne Liebe‘. Eva-Maria Hagen singt Russische Romanzen, Zigeunerlieder und Balladen – ins Deutsche gebracht von Wolf Biermann“, erschienen im Jahr 1979, darauf war manch schönes Lied, dunkle russische Seele, Melancholie auch. Nicht alles gefiel mir zwar, aber es waren auf der Platte bzw. der Kassette, die ich mir in der Bücherei damals auslieh, doch einige sehr schöne Lieder. Vor allem aber war es ihre Stimme, die man so schnell nicht vergaß.

Gut erinnere ich mich noch, wie Hagen irgendwann Anfang der 1990er Jahre im Philosophenturm bei einem philosophischen Seminar von Herbert Schnädelbach plötzlich aufschlug. Einer der Studenten damals, Siegfried Gerlich, ein ungeheuer kluger Kopf, überbordend in seinen Ideen und Assoziationen und auch in seinem Wissen, das oft zwar ein Halbwissen war, aber doch mit einer Emphase vorgetragen, daß es die Zuhörer mitriß, sollte in jenem Seminar ein Referat halten, es muß wohl zu Levinas oder Derrida gewesen sein, aber Gerlich sprach über Lacan; und er hatte da im Schlepptau eben Eva-Maria Hagen, mit der er Anfang der 1980er Jahre zusammen war. Hagen besang diese Laison zu einer Tangomelodie in einem ihrer Lieder, geschrieben von Biermann, gesungen später dann aber von Hagen:

Das müßt ihr mir schon nachsehen
Mein Liebster ist schon achtzehn
Und ich bin erst fünfzig Jahr.

Wir kommen so gut zurande
Wir sind eine irdische Schande
Und ein himmlisches Liebespaar.

Wobei ich hier sagen muß, daß mir dieses Lied von Biermann vorgetragen besser gefällt, weil da mehr noch ein Raues mitschwingt. Ich mag einiges von Hagen, aber eben leider nicht alles. Großartig ist sie da, wo sie Lieder von Brecht sind und in ihrer Art interpretiert. Hagen wurde 87 Jahre. Das immerhin kann man ein erfülltes Leben nennen. Bewegend und schön und immer wieder gerne zu hören ist jenes ihr von Biermann auf den Leib gedichtete Lied „Ich

Und dann die „Ballade vom Förster und der Gräfin“: Was für ein Lied und was für ein Vortrag.

Es war eine Lieb‘ zwischen Füchsin und Hahn:
Oh, Goldener, liebst du mich auch?
Und fein war der Abend,
doch dann kam die Früh, kam die Früh, kam die Früh:
all seine Federn, sie hängen im Strauch!

„Johann, was machen die Diesel?“ Zum Tod von Wolfgang Petersen

Es gibt so Tendenzen, die nennen sich Ambivalenzen: Wolfgang Petersen ist tot und ich muß sagen, daß ich seinen Film DAS BOOT verachtet und zugleich gerne gesehen habe. Es war einerseits von der Dramatik her fesselnd, wie man einen Krieg unter Wasser und derart unter Druck aushält, und es waren diese Bilder andererseits ein übler Schmarrn. Klar, da war die Bedrängnis im engen Boot zu sehen, was man auch als Kritik am Krieg lesen kann, der Schrecken des Krieges verdichtete sich in die Tiefe. Und vielleicht ist es nicht einmal schlecht, den Krieg auch aus der Perspektive der deutschen Täter mitzuzeigen, vor allem dann, wenn der Zuschauer mit dem deutschen U-Boot fiebert, als es von den britischen Zerstörern angegriffen wurde und immer weiter in die Tiefe abtauchen mußte, bis es im Stahl knirschte und die Schrauben flogen. Tauchgang, um den Wasserbomben zu entkommen, eigentlich müßte man sich freuen, wenn das U-Boot draufginge, denn jene Männer kämpften für ein System von Verbrechern, und gerade in solchem Mitfiebern zeigen sich die Ambivalenzen, die auch in einem selbst stecken. Der Schrecken des Krieges immerhin zeigt sich am Schluß, als dann das U-Boot beim Einlaufen in den Hafen von La Rochelle angegriffen und zerbombt wird. Von der Mannschaft bleiben nur der Kaleun und Leutnant Werner übrig. Als Zuschauer war ich freilich doch auf der Seite der Bomberpiloten, die mit jedem Flug und mit jeder weiteren Bombe dem Terrorregime ein Ende bereiteten. Wer Wind sät, wird Sturm ernten.

Dennoch bleib, trotz aller Faszination an diesem Film, ein Stück weit jene Landserästhetik. Ich fand damals in der ZEIT das Urteil von Fritz J. Raddatz hart, aber es traf am Ende irgendwie doch die Sache, obgleich ich eben diese drei Teile gerne sah: Seemmann, der ins Becken kotzt, andern vor die Füße rotzt und auf dem Heimweg torkelt, so ganz Mann, so ganz Held. Und doch waren genau diese Leute es, die furchtbar mittaten und die die Mordmaschine am Leben hielten – vielleicht mancher auch ohne Wissen und aus Liebe zum Vaterland, das schon lange keines mehr war und was jeder mit etwas Blickigkeit hätte wissen und sehen können. In diesem Sinne hat Raddatz recht:

„Die Einschaltquotenfetischisten können sich die Hände reiben: 60 Prozent aller deutschen Haushalte sahen die drei Folgen der Fernsehfassung von Wolfgang Petersens Verfilmung des Romans Das Boot; das sind 24 Millionen Deutsche. Was haben sie gesehen? Nach meinem Urteil: eine Trivialschnulze, (…) deren Schauspielerleistung sich zu 50 Prozent in männlich-hartem Blick und eisernen Backenmuskeln erschöpfte, wenn nicht gerade durchs Fernglas gestarrt wurde; deren politische Qualität – sprich: Nicht-Qualität mich geradezu empört. Ein Kriegsfilm am Rande der Verherrlichung. (…) Es geht mir um die zugleich so simple wie komplizierte Frage nach der politischen Moral; die dieser Film nicht stellt: Wie war denn das so, im Stuka über Warschau? Im Panzer vor Leningrad? Im U-Boot eben unter dem Atlantik? Das war doch nicht nur heiß und eng und voller Gestank, Schweiß, Angst und Zote? Das war doch auch ein Verbrecher-Handwerk? Ich will gar nicht so weit gehen wie Kurt Tucholsky, der gesagt hat, „Soldaten sind Mörder“. (…) Ich will aber so weit gehen, zu sagen: Schiebt es nicht immer auf ein paar SS-Bestien und Leibstandarten-Henker – auch die deutsche Wehrmacht hat tausendfach Verbrechen begangen; hat gemordet, geplündert, gebrandschatzt, geraubt. Sie hat einem der schlimmsten Terroristen der Geschichte gedient. (…)

Die guten Leute (…) waren privat vielleicht ehrbar, muntere Puffgänger, brave Familienväter und feste Trinker bei Rosita Serranos Schellack-Gekrächze. Doch was sie ausübten, war ein unehrbarer Beruf. Und sie wollten siegen; „Wir bauen für den Sieg“ stand an einen U-Boot-Bunker des Films gepinselt. Wohl wahr. Gott bewahre uns alle, sie hätten gesiegt. Keine dieser Fragen stellt der Film. Er zieht unser Mitleid in die falsche Richtung; weil ein Film ja optisch argumentiert, nicht verbal, zieht er den Betrachter auf die Seite der Männer in ihrer Bedrängnis und Not und macht prompt vergessen, daß ja sie es waren, die Tausende in Bedrängnis und Not brachten, Frauen und Kinder in den Tod bombten. (…) Bestimmte Dinge nicht sagen – auch das kann heißen: lügen. Insofern ist dies ein verlogener Film.“

Andererseits müssen wir Zuschauer, die nun einmal Deutsche sind, eben genau diesen Zwiespalt aushalten: mitfiebern bei einer Sache, wo es nichts zu fiebern gibt. Die Seemänner waren arme Säue und sie waren es zugleich nicht. Implizit zeigte der Film dies. Freilich hätte er es am Ende ästhetisch doch ein wenig expliziter machen können.

E.T.A. Hoffmann – Vom Fall ins Kristall. Zum 200. Todestag des großen Dichters

Gestern hat einer der von mir sehr geschätzten Autoren seinen, ich hätte beinahe geschrieben: Jubeltag. Aber es ist ja der Todestag. Doch Tod, Verhängnis, Spaltung und vor allem die Angst vor Wahnsinn und Selbstentfremdung spielen gerade bei Hoffmann eine große Rolle. Die „Kunst der Entzweiung“ sozusagen, in der Kunst durchgespielt, am Protagonisten ausgeführt und dem Leser erzählt. Man denke nur an jenen Wahnsinn im „Sandmann“, der den Studenten Nathanael befällt und auch der in „Die Elixiere des Teufels“. Eine Schauergeschichte und eine Geschichte von der Angst des Ichs. Gestern wurde zu recht viel gelobt und geschrieben: so in der FAZ ein Arikel von Tilman Spreckelsen sowie von Jürgen Kaube über Hoffmann als Jurist. Warum es aber in solchen Artikeln wie dem gestrigen im „Tagesspiegel“ immer wieder solche Mißverständnisse und Sätze wie diesen gibt, das mögen die Götter wissen: „wobei der Romantik-Begriff seinerzeit erst geprägt und das rationalistisch-mechanistische Zeitalter der Aufklärung gründlich verabschiedet werden musste.“

Nein, dies stimmt nicht, das macht die Frühromantik nicht, auch jene „Romantik“ des E.T.A. Hoffmann kann man als eine Dialektik der Aufklärung beschreiben, darin die Nacht-, Schatten und Trübsalsseiten zum Vorschein gelangen; und die Frühromantik ist Aufklärung im besten Sinne – man lese nur Novalisʼ leider viel zu wenig rezipierte „Fichte-Studien“. Solche Fehler unterlaufen leider immer dann, wenn ein Autor irgendwas aufschnappt, was er irgendwo gehört hat, ohne die Texte zu lesen. Markige Formulierungen und Zuschreibungen können etwas anschaulich machen, aber sie verstellen in vielen Fällen auch den Blick auf eine spannende und komplexe Epoche: jenes 18. Jahrhundert, darin sich die Literatur als eigenständiges Medium ausbildetet und ein Bürgertum teils heranwuchs, das diese Werke las – auch weil es ökonomisch dazu in der Lage war und sich so etwas „leisten“ konnte. Und wie sich im ausgehenden 17. Jahrhundert „[d]ie Moderne aus dem Untergrund“ ausbreitete, kann man schön bei Martin Mulsow in „Die radikale Frühaufklärung“ nachlesen. Da wird dann mit manchem Mythos aufgeräumt.

Hinzu kommt, daß in jenem Zeitalter, wenn man denn den Begriff Aufklärung dafür wählen will, auch in der Aufklärung sehr verschiedene Positionen wirkten. Und auch darüber hinaus sind in ihrer Weise selbst noch Jacobi, Schleiermacher, Schlegel und Hegel jener Aufklärung verpflichtet. In diesen Bezirk gehören auch Hoffmanns Romane, von Hegel ganz und gar nicht geschätzt:

„Vorzüglich jedoch ist in neuester Zeit die innere haltlose Zerrissenheit, welche alle widrigsten Dissonanzen durchgeht, Mode geworden und hat einen Humor der Abscheulichkeit und eine Fratzenhaftigkeit der Ironie zuwege gebracht, in der sich [Ernst] Theodor [Amadeus] Hoffmann z.B. wohlgefiel.“ (Hegel, Vorlesungen über Ästhetik I)

Doch Dissonanz und Fragment waren bereits lange schondas Signum der Moderne. Und Hoffmann fügte dieser Dissonanz, die sich, sehr modern, ins Ich verlagerte, eine weitere Facette hinzu. Und daß Schauergeschichten mehr sind als nur Schauergeschichten zeigte unweit später der 1809 in Boston, Massachusetts, geborene Edgar Allen Poe und auch bei Baudelaire finden wir jenes Abscheuliche: dort aber angebetet und gepriesen, wie etwa in „Une Charogne“. Von solcher Feier war Hoffmann weit entfernt, es war eher eine Faszination am Abrund und zugleich eine Angst davor. Alkohol mag dabei ebenso eine Rolle gespielt haben. Wer mehr zu Hoffmanns Leben möchte, der greife zu der lesenswerten Biographie von Rüdiger Safranski. Von 1808 bis 1810 lebte Hoffmann in Bamberg und erfand dort jenen Kapellmeisters Johannes Kreisler, Hoffmanns literarisches Alter Ego. Dieser taucht in zahlreichen seiner Geschichten auf.

Wer durch das herrliche Bamberg streift, der wird immer wieder, sofern der Spaziergänger genügend Phantasie besitzt, in Hoffmann-Szenarien hineingezogen: die engen Gassen hin zum Stephansberg oder auch hinunter zur Regnitz laden dazu ein, sich in Gedanken in jene Welt des Schauers, des Abenteuerlichen und auch des Rausches zu begeben. Was ist „Der goldene Topf“, jenes phantastische Märchen in zwölf Vigilien, anders als eine grandiose Alkoholrauschphantasie, darin immer wieder gernedem Punsch zugeprochen wird? Und als der brave Student Anselmus beim seltsamen Advokaten Geheimen Archivarius Lindhorst seinen ersten Arbeitstag beginnt, da erscheint ihm am Türknauf jenes Apfelweib, welches Anselmus in Dresden umrannte, so daß die Äpfel fielen und kullerten. Und es schimpfte jenes alte Weiblein:

„Nun öffnete sich der festgeschlossene Kreis, aber indem der junge Mensch hinausschoß, rief ihm die Alte nach: »Ja renne – renne nur zu, Satanskind – ins Kristall bald dein Fall – ins Kristall!« – Die gellende, krächzende Stimme des Weibes hatte etwas Entsetzliches, so daß die Spaziergänger verwundert stillstanden, und das Lachen, das sich erst verbreitet, mit einemmal verstummte.“

Und da ist sie dann plötzlich, wie im Absinthrausch – das kühle Bamberger Kellerbier vermag solche Bilder nur bedingt zu evozieren –, als der Student diese Tür öffen wollte: jenes seltsame Apfelweibla bzw. jener Türgriff in der Eisgrube 14, darin es flimmert und wie sich die Gestalt des Knaufs metamorphosiert. Rausch und schlechtes Gewissen und eine seltsame Angst-Scham. Leider ist es, wenn wir an der Eisgrube entlangschlendern, eine Kopie, das Original liegt im Bamberger Museum. Es ist eine Geschichte über den Rausch von Drogen, eine lucht aus dem tristen Alltag, jugendliches Ungestüm, ein Rausch der Bilder, der Phantasie und auch des Rausches der Poesie, wenn jene Bilder in eine Geschichte verwandelt werden. Und so endet dieses Märchen in einem Erwachen und, nun ja, mit einem Kater:

„Die Vision, in der ich nun den Anselmus leibhaftig auf seinem Rittergute in Atlantis gesehen, verdankte ich wohl den Künsten des Salamanders, und herrlich war es, daß ich sie, als alles wie im Nebel verloschen, auf dem Papier, das auf dem violetten Tische lag, recht sauber und augenscheinlich von mir selbst aufgeschrieben fand. – Aber nun fühlte ich mich von jähem Schmerz durchbohrt und zerrissen. »Ach, glücklicher Anselmus, der du die Bürde des alltäglichen Lebens abgeworfen, der du in der Liebe zu der holden Serpentina die Schwingen rüstig rührtest und nun lebst in Wonne und Freude auf deinem Rittergut in Atlantis! – Aber ich Armer! – bald – ja in wenigen Minuten bin ich selbst aus diesem schönen Saal, der noch lange kein Rittergut in Atlantis ist, versetzt in mein Dachstübchen, und die Armseligkeiten des bedürftigen Lebens befangen meinen Sinn, und mein Blick ist von tausend Unheil wie von dickem Nebel umhüllt, daß ich wohl niemals die Lilie schauen werde.« – Da klopfte mir der Archivarius Lindhorst leise auf die Achsel und sprach: »Still, still, Verehrter! Klagen Sie nicht so! – Waren Sie nicht soeben selbst in Atlantis, und haben Sie denn nicht auch dort wenigstens einen artigen Meierhof als poetisches Besitztum Ihres innern Sinns? – Ist denn überhaupt des Anselmus Seligkeit etwas anderes als das Leben in der Poesie, der sich der heilige Einklang aller Wesen als tiefstes Geheimnis der Natur offenbarer?«“

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren. Die Natur, als Kulturlandschaft freilich, hat man dann beim Spazieren im Bamberger Hain, wo einem mit ein wenig Glück sogar der sprechende Hund Berganza begegnet. Das Denkmal zumindest befindet sich dort. Ich könnte hier im Hoffmann-Sinne noch lange fabulieren, vermutlich eher schwelgerisch ans schöne Bamberg denkend. Und wer dann nach solch einem Hoffmann-Spaziergang ganz im Sinne von Hoffmann pokulieren und auch gut essen möchte, der kehre in Eckerts Wirtshaus ein. Es liegt an der Regnitz und bietet einen herrlichen Blick auf Fluß und Wehr. Nein, das ist keine Werbung. Das Restaurant ist einfach gut. Und Hoffmanns Prosa ist es sowieso. Angst essen Seele auf.