Scholz am Telefon: wann ruft er Putin wieder an? (Frei nach „Ideal“)

Immer mal wieder stimme ich, von Zeit zu Zeit, Jan Fleischhauer zu:

„Wladimir Putin hält den Westen für zu weich, zu dekadent, zu verwöhnt. Wenn man einem Bericht in der „Washington Post“ glauben darf, der sich auf Quellen im russischen Machtapparat beruft, dann ist der Kreml-Chef davon überzeugt, dass die Zeit für ihn arbeitet. Je länger sich der Krieg hinzieht, so sein Kalkül, desto größer die Chance, dass Kriegsglück zu Gunsten Russlands zu wenden.

Demokratische Gesellschaften haben einen strukturellen Nachteil gegenüber Diktaturen: Sie müssen auf die Meinung der Öffentlichkeit Rücksicht nehmen. Und die Öffentlichkeit ist wankelmütig.

Welches Signal vernimmt Putin also, wenn Olaf Scholz wieder und wieder um einen Telefontermin bittet? Ein Signal der Entschlossenheit und Stärke, dass man im Westen nicht zurückweichen werde. Oder eher einen Hinweis auf steigende Nervosität im Lager der Gegner? Ich bin kein Kremlexperte, aber ich tippe auf Letzteres.“

Aber Putin wird eben nicht so wie Ideal singen:

„Warum rufst Du mich nicht an?
Ich sitze hier im halben Wahn
Du hast gesagt, du meldest dich
Warum tust du’s nicht?“

Sondern der Blutkrebslurch aus Moskau wird mit einem Feixen im Teiggesicht dasitzen.

Ein sinnvoller Aufruf der FDP

+++ Wir schlagen vor: Europäisches Aufnahmeprogramm für russische Deserteure +++

Wer sich entscheidet, Putins #Krieg den Rücken zu kehren, nicht länger Teil einer Armee sein zu wollen, die Kriegsverbrechen begeht, und zu desertieren, hat eine Chance auf umfassenden Schutz in #Europa verdient. Deshalb werben Johannes Vogel und Konstantin Kuhle für ein europäisches Aufnahmeprogramm für desertierende russische Soldaten. Ein auf europäischer Ebene abgestimmtes Programm ist in seiner Signalwirkung um ein Vielfaches größer als ein schlichter Verweis auf das geltende Asylrecht. Und: Ein Aufnahmeprogramm für Deserteure kann auch ein Beitrag zur Schwächung der russischen Truppen in der Ukraine sein.
Auch Oppositionelle, Menschenrechtsaktivisten und Journalisten, die sich in Russland aktuell unter gefährlichsten Bedingungen für #Freiheit, #Frieden und #Demokratie einsetzen, sollten unkompliziert Asyl in der Europäischen Union erhalten können, wenn die Voraussetzungen vorliegen.

Und auch ich denke: jeder kleine Schritt hilft, immer einen neuen Stachel setzen!

PS: Zu dem offenen Brief an Olaf Scholz zum Stop der Waffelieferungen an die Ukraine, unterzeichnet unter anderem von Daniela Dahn und Konstantin Wecker, hatte Sascha Lobo im „Spiegel“ einen treffenden Begriff gefunden: Lumpen-Pazifismus:

„Putins Krieg gegen die Ukraine. Der deutsche Lumpen-Pazifismus
Ein substanzieller Teil der Friedensbewegung ist in seiner Selbstgerechtigkeit das Beste, was Putin passieren kann. Leider hat er in der Politik und besonders in der SPD mächtige Partner.“

Ostermarsch – Nachtrag

Stefan Liebich (Die Linke Berlin, Ex-MdB und Ex-MdA) ist einer der wenigen in der Partei „Die Linke“, der einen richtigen Blick für die aktuelle Lage hinsichtlich Putins Angriffskrieg hat. Am Sonntag schrieb Liebich auf Twitter:

„Als die sandinistische Regierung in Nicaragua gegen die von den USA unterstützten Contras kämpfte und in El Salvador die FMLN die von den USA unterstützte Militärregierung bekämpfte, sagte kein Linker, dass sie damit aufhören sollten, damit schneller „Frieden“ ist.

Große Teile der Linken in Deutschland sammelten sogar Geld für „Waffen für El Salvador“. Heute lese ich, dass die Organisatoren des Berliner Ostermarschs Waffenlieferungen an die #Ukraine und jegliche Sanktionen gegen den Aggressor Russland ablehnen. Why?

Eine Friedensbewegung, die nicht auf der Seite der Angegriffenen, sondern nur auf der jeweils anderen Seite der USA steht, braucht kein Mensch.“

Genau dies war schon vor Wochen mein Argument gegen die Äquidistanzler und jene, deren Hauptfeind die USA sind – egal was ist, egal was geschieht, egal wie die Welt sich wandelt. Ostermärsche in Zeiten von Angriffskriegen müssen völlig anders aussehen. Oder man kann es auch so ausdrücken: die deutsche Friedensbewegung wird der Ukraine nie verzeihen, daß sie angegriffen wurde. So zumindet nehmen sich die Stimmen der Zarenknechts aus und auch derer, die Ostern für den Angriffskrieg marschierten, es nur leider nicht bemerkten. Pazifismus war bei Hitler keine Option, vielmehr wurde Hitler durch die geballte Militärmacht der westlichen Alliierten und durch die sowjetischen Menschenmassen besiegt, ausgerüstet von den USA; Pazifismus war bei Frankos Putsch gegen das demokratische Spanien keine Option und es ist auch für jene Kriegsverbrechen, die Putin und die Russten taten, keine sinnvolle Option. Und keiner weiß, was der blutige Lurch als nächstes tun wird. Abstrakt „Frieden“ und „Nie wieder Krieg“ zu rufen, reicht nicht aus, zumal wenn Täter und Land nicht genannt werden, welche die Ukraine angriffen: nämlich Rußland. Und bei diesem Ostermarsch in Berlin kam es noch deutlich schlimmer: Täter waren da plötzlich die USA. „Die Waffen nieder! – Stoppt den Krieg in der Ukraine! Stoppt das 100-Milliarden-Euro-Aufrüstungsprogramm“ Unverhohlener läßt sich nicht mehr beschwichtigen. Vom Aggressor Rußland kein Wort. „USA raus aus Vietnam“ hieß es 1968. „USA raus aus El Salvador“ hieß es einige Jahre später, und wären die USA in Belarus einmarschiert, hieße es „USA raus aus Belarus“, aber ganz sicher nicht „Die Waffen nieder“, wie auch der entsetzliche Bernd Riexinger bei sich postete. Der Schoß ist fruchtbar noch und Teile der Linken werden leider, trotz Liebich und trotz eines klugen Facebook-Beitrags von Andreas Büttner (Die Linke, Brandenburg, SVV Templin) zur russischen Kriegsschuld und zu der Mär von der NATO-Schuld, den öden Atem russischer Despoten nicht los: von Stalin bis Breschnew.

Eine kluge Linke war niemals pazifistisch, sondern sie wußte, wo es nötig war, mit Waffen zu kämpfen oder solche zu liefern oder für Waffen zu spenden, und es riet damals in den 1960er Jahren dem Vietkong ebenfalls keiner, unbedingt nun bitte aufzugeben angesichts der erheblichen Überlegenheit der US-Army und ob der Opfer, die das kosten würde. Hätte man nicht all die Opfer durch Agent Orange und all die verbrannten Menschen durch Napalm sich sparen können, wenn der Vietkong kapituliert hätte? Keiner dachte so und wer solches ausspräche, dem hätte man im Plenum die Hammelbeine langgezogen. Dies übrigens ist der Aufruf aus der taz vom 3.11.1980 (gefunden bei Deniz Yücel auf Facebook):

PS und Nachtrag, nach dem Russenangriff auf den Donbass: Zeit wird es, SPD-Scholz, auch schwere Waffen an die Ukraine zu liefern! Vielleicht geschieht dies im Geheimen bereits. Wenn aber nicht und wenn da weiter der Kurs Scholzomat gefahren wird, so kann man nur sagen: Schande über die SPD! Die besten Figur der Politik gibt inzwischen Robert Habeck ab. Man wünscht sich ihn als nächsten Bundeskanzler. Nur wird es dann für die Ukraine zu spät sein. Es muß jetzt etwas passieren. Immerhin sind die USA und Großbritanien pfiffig genug.

Und wie sich zeigt, macht der blutige Lurch aus Moskau mit unverminderter Härte weiter. Soviel zur Friedensbewegung und zu der Parole „Frieden schaffen ohne Waffen“.

Was von einem Leben übrigblieb: Boris Romanchenko

Dies ist, laut der Facebookseite von Igumen Savvatiy Sobko, das, was vom Leben des 95jährigen Boris Romanchenko aus Charkiw übrig blieb. Romanchenko überlebte vier Konzentrationslager der Nazis: Buchenwald, Mittelbau Dora, Bergen-Belsen und Peenemünde. Putins Angriffskrieg auf die Ukraine überlebte er nicht.

Krieg wird manchmal dann verständlicher, wenn wir ihn am Einzelschicksal zeigt. Dazu sind Photographien wie diese da. Manchmal leisten das Reportagen. Im Fall von Boris Romanchenko wäre beides gut gewesen: Die Geschichte seines Lebens und sein Ende in Russenraketen zu erzählen. Eine Sache für das ZEIT-Dossier wäre dies.

Nach einem Monat des Mordens und Zerstörens, des Einsatzes von Steumunition hört der Mörder aus Moskau mit dem Töten nicht auf. Er hätte verhandeln können und seinen Angriff für die Zeit der Verhandlung stoppen können. Das alles tat Putin nicht. Das einzige, was ihn stoppen kann, ist militärische Gegenwehr. Und das bedeutet: die Ukraine mit allem an Waffen, an Material und an Hilfsgütern zu unterstützen, was sie braucht. Wir sind im freien Europa Millionen von Menschen, wir können spenden und helfen, jeder wo, er kann. Und langfristig gesehen muß es die Perspektive sein, daß auch Rußland zu einem freien Europa gehört, wo Menschen ihre Regierung und ihre Lebensform frei wählen können, wo sie auf der Straße demonstrieren können, ohne verhaftet und zusammengeschlagen zu werden. Wo Menschen als Journalisten frei schreiben und arbeiten können, ohne ermordet zu werden, wie die Journalistin Anna Politkowskaja, oder zusammengeschlagen zu werden, wie Nikolai Andruschtschenko in St. Petersburg. An den Folgen des Überfalls verstarb Andruschtschenko. Das ist das Rußland Putins. Es gehört beseitigt. Und dieser Angriff auf die Ukraine ist, anders als Putin sich dies dachte, der erste Schritt zu seinem Ende. Der Kreml-Kritiker Michail Chodorkowsk formulierte es im Tagesspiegel sehr richtig: „Putin ist ein Mafioso“. Aber das trifft nur einen Teilaspekt:

„In der Vorbereitung des Krieges habe Putin eine Reihe von Fehlern gemacht, sagte der Kreml-Kritiker, der auf Einladung des Zentrums Liberale Moderne in Berlin ist. Der russische Präsident sei sicher gewesen, dass seine Truppen in der Ukraine wenn nicht mit Blumen, so doch ohne Widerstand empfangen würden. Vor dem Einmarsch seien riesige Geldsummen zur Verfügung gestellt worden, damit in den ukrainischen Städten russlandfreundliche Kräfte bereitstanden. „Dieses Geld ist einfach geklaut worden“, sagt Chodorkowski mit einem Lächeln. Auch das Geld, das für die Modernisierung der russischen Armee ausgegeben werden sollte, sei gestohlen worden.“

Solches immerhin macht Hoffnung. Und die Korruption, Rußlands erstes Exportgut, noch vor dem Gas, schlägt am Ende um, weil die Gier stärker ist als Verstand.

Putins beschießt irrtümlich Munitionsfabrik

„Charkiv (dpo) – Das dürfte Putin überhaupt nicht gefallen haben: Offenbar haben russische Streitkräfte in der Nähe der ukrainischen Stadt Charkiv versehentlich ein Gebäude beschossen, bei dem es sich um ein rein militärisches Ziel handelte. Dabei wurden keine Zivilisten verletzt oder getötet.

Ein Kreml-Sprecher gab sich heute zerknirscht: „Als wir das Gebäude unter Beschuss nahmen, wussten wir nicht, dass sich darin ein Munitionslager der ukrainischen Armee befindet“, beteuerte er.

Stattdessen sei man davon ausgegangen, dass es sich bei dem Gebäude, von dem nahezu nichts mehr übrig ist, um eine Schule, einen Kindergarten, einen Spielplatz, ein Geburtskrankenhaus oder einen Wohnblock handelte.

In der russischen Führung wurde der Vorfall kritisch aufgenommen. „Wir werden herausfinden, wer diesen sinnlosen Angriff befohlen hat und die Person zur Rechenschaft ziehen“, so der Kreml-Sprecher. „Dieser Vorfall zeichnet ein völlig falsches Bild unserer Spezialoperation.“

Als Wiedergutmachung kündigte die russische Militärführung den Einsatz von weiteren Hyperschallraketen und Streumunition gegen zivile Strukturen an. Außerdem wolle man noch häufiger Flüchtlingskonvois beschießen und Kinder entführen.“

So berichtet der POSTILLON.

Odessa – Gefangenenchor aus „Nabucco“

Auch nach drei Woche Überfall  auf die Ukraine durch Putin, durch Rußland und trotz der Massaker der russischen Armee an der Zivilbevölkerung leistet die Ukraine weiterhin tapferen Widerstand. Davon kann sich manches Land eine große Scheibe abschneiden. Und das wird Putin im Baltikum, in Polen, in Tschechien, in Rumänien, in der Slowakei, in Finnland, in Schweden, in Norwgen und überall erwarten, wo seine Schergen und Mordbrenner auftauchen.

Ja, dieser Krieg hat einen hohen Preis und er fordert viele Opfer. Und genau deshalb macht mich dieser Angriff Putins auf einen souveränen Staat so derart wütend. Für diese Opfer sind aber nicht die Ukrainer verantwortlich, wie manche in dreister Weise lügen, weil jene bösen Ukrainer sich nicht ergeben, sondern jener Aggressor ist dafür verantwortlich, jener Mörder aus Moskau, der die Ukraine überfallen hat und der mit seinem völkerrechtswidrigen Morden, mit dem Beschuß von Zivilisten nicht nachläßt. Seltsam auch: Keiner der Ukrainer begrüßt die russischen Panzer mit Brot und Salz. Inzwischen haßt jeder in der Ukraine Putin und es finden sich Männer zusammen, die vorher niemals an Waffen dachten, die nun bereit sind, ihr Land zu verteidigen. So wie auch die Polen und die Engländer ihr Land gegen Hitlers Armee, gegen den deutschen Überfall verteidigen. In gleicher Weise verteidigen sich die Ukrainer gegen den Überfall durch Rußland – und eben nicht nur Putin, sondern alle, die bei diesem Überfall mittun oder ihn dulden und unterstützen.

Slawa Ukrajini!

Putins Krieg

Eine unvorstellbare Schlagzeile, vor einem Jahr noch in Europa: „Der Krieg rückt näher“, wie heute der Berliner Tagesspiegel titelte. Aber dieser Header stimmt nicht: Putins Krieg ist bereits hier, er tobt in der Mitte Europas. Geführt mit Bomben, Streumunition und Raketen auf Kliniken und Kinder, auf Städte und Menschen. Und dennoch wehren sich die Ukrainer tapfer. Sie lassen sich keine Angst einjagen. Im russisch besetzten Cherson stellte sich gestern ein großer Teil der Bevölkerung neben und vor die russischen Panzer, demonstrierte und forderte die russischen Besatzer auf, abzuziehen. (Videos sind im Internet einsebar.).

Daß Putin keinen Frieden geben würde, hätte man spätestens mit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim und seinem Krieg gegen die Ukraine im Donbas sehen können. In Aleppo wußte die Weltgemeinschaft dann wozu Putins Armee und sein syrischer Scherge mit Bomben in der Lage sind. Die NATO, die EU sahen dabei zu. Hilflos und vorgeführt. Wir konnten sehen, wozu Putin in der Lage ist, wenn man ihm freie Hand läßt. Nun wird eine Militärbasis nahe der alten k.u.k-Stadt Lemberg – das Paris des Ostens genannt – mit Raketen beschossen, rund 15 Kilometer von der Grenze zu Polen entfernt.

Doch Europa harrt, anstatt, daß wir, die Freien, die noch die Möglichkeit haben, nun zumindest für den westlichen Teil der Ukraine eine Flugverbotszone durchsetzten, wenn der Westen schon nicht die Mittel hat, Kiew zu schützen. Die angeblich übermächtige, Rußland bedrohende NATO – so das Putin-Narrativ und im Westen vielfach nachgebetet -, ist ein Papiertiger, der es militärisch nicht einmal schafft, von Anbeginn an, also ab dem 25.2. eine solche Flugverbotszone durchzusetzen – und zwar aufgrund des Wunsches eines souveränen Staates, der Europa und die NATO gegen den Terrormann aus Moskau um Hilfe bat und der selbst bestimmen kann, wer in seinen Luftraum darf und wer nicht. Ein verständlicher Wunsch des Präsidenten Selenskyj, wenn man an die zivilen Opfer denkt, die das Bombardieren von Städten bedeutet. Aber nicht jeder Wunsch ist erfüllbar und sinnvoll nur, wenn es realistische Optionen gibt. Es hat die Sache nämlich einen Haken: was man nicht durchsetzen kann, weil einem die Mittel fehlen, das sollte man auch nicht androhen. Alte Lehrerweisheit schon: „Drohe nur die Strafen an, die du beim Schüler auch durchsetzen wirst können!“ NATO und Europa aber richten, aus teils durchaus verständlichen Gründen, eine solche Flugverbotszone nicht ein: auch um den Krieg nicht weiter eskalieren zu lassen. Vielmehr zwingt der freie Westen Putin besser wirtschaftlich nieder. Auch hier wieder die Mär einer übermächtigen und aggressiven NATO. Das Gegenteil ist der Fall: die NATO und die EU beschwichtigen, Putin eskaliert. Und auch für die Friedensfreunde und die NATO-Skeptiker nochmal auf den Punkt gebracht: Ob die NATO nun gut oder irgendwie auch schlecht sei, steht in solchen Fragen der Selbstverteidigung eines souveränen Landes auf einem anderen Blatt. Sie ist zumindest die einzige Organisation, die Länder mit demokratisch gewählten Regierungen gegen einen Diktator verteidigen kann, so wie es auch die ebenfalls nicht in allem vorbildlichen USA war, die im Verbund mit England Europa und die Welt vor dem blutigen Diktator Hitler rettete. Immerhin dieses Bewußtsein hat Putins Terrorkrieg gegen die ukrainische Zivilbevölkerung uns also gebracht: daß die NATO womöglich doch zu etwas noch gut sein könnte – nämlich gegen einen Aggressor wehrhaft zu sein. Utopien und Wünsche, so läßt es sich zuspitzen, lassen sich nur angehen, wenn eine Gemeinschaft realpolitisch gut gerüstet ist. Wie das im konkreten Fall aussehen könnte, muß man von Fall zu Fall aushandeln. Was in meinen Augen feststeht: Europa braucht eine Sicherheitsarchitektur, die notfalls auch unabhängig von den USA funktioniert.

Heute im Tagesspiegel antwortee Josef Joffe auf die Frage:

Rußland hat eine Geburtsklinik in Mariupol attackiert. Was gibt es mit Menschen,  die so etwas befehligen, eigentlich noch zu verhandeln?

Joffe: Die WHO berichtet von 26 medizinischen Einrichtungen. Da auch russische Piloten nicht kurzsichtig sind, muss man gezielten Terror unterstellen: Mord als machtwahn, der das Kriegsrecht und den Verteidigungswillen einer Nation bricht. Im Krieg wird oft danebengeschossen, aber systematisch Zivilisten killen? Das war doch seit dem Völkerschlachten im WKII vorbei. Putins Angriff gegen Wehrlose ist Zivilisationsbruch, was jetzt der letzte Russenversteher kapieren müsste. Zerschossen wurde auch das deutsche Mantra: Wer redet, schießt nicht. In jedem Krieg wird verhandelt. Es bringt aber nichts, wenn in dem Glacéhandschuh der Diplomatie nicht die gepanzerte Faust steckt.“

So ist es – wobei freilich solcher Zivilisationsbruch in der jüngeren Geschichte nichts Neues ist. Zivilisationsbruch gibt es, seit es Kriege gibt. Was aber an Putins Mordbrennerei neu ist und was es bisher seit 1939 in Europa nicht gab: Der Überfall auf ein souveränes Land mit einer demokratisch gewählten Regierung. Hier schlägt die Quantität in eine neue Qualität um. Der Krieg kommt nicht näher. Er ist nun mitten in Europa.

Wer im übrigen nun scheinheilig und mit diesem Putintimbre in der Stimme darauf verweist, daß die Ukraine nun – böse, böse – zur Selbst- und Landesverteidigung alle Männer zwischen 18 und 60 nicht ausreisen läßt, der lese doch am bestenden den Text zu dieser Causa im Verfassungsblog und im Grundgesetz vor alleml im Artikel 12a unseres Grundgesetzes, worauf sich der Verfassungsblog bezieht:

Art 12a
(1) Männer können vom vollendeten achtzehnten Lebensjahr an zum Dienst in den Streitkräften, im Bundesgrenzschutz oder in einem Zivilschutzverband verpflichtet werden.
(2) Wer aus Gewissensgründen den Kriegsdienst mit der Waffe verweigert, kann zu einem Ersatzdienst verpflichtet werden. Die Dauer des Ersatzdienstes darf die Dauer des Wehrdienstes nicht übersteigen. Das Nähere regelt ein Gesetz, das die Freiheit der Gewissensentscheidung nicht beeinträchtigen darf und auch eine Möglichkeit des Ersatzdienstes vorsehen muß, die in keinem Zusammenhang mit den Verbänden der Streitkräfte und des Bundesgrenzschutzes steht.
(3) Wehrpflichtige, die nicht zu einem Dienst nach Absatz 1 oder 2 herangezogen sind, können im Verteidigungsfalle durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes zu zivilen Dienstleistungen für Zwecke der Verteidigung einschließlich des Schutzes der Zivilbevölkerung in Arbeitsverhältnisse verpflichtet werden; Verpflichtungen in öffentlich-rechtliche Dienstverhältnisse sind nur zur Wahrnehmung polizeilicher Aufgaben oder solcher hoheitlichen Aufgaben der öffentlichen Verwaltung, die nur in einem öffentlich-rechtlichen Dienstverhältnis erfüllt werden können, zulässig. Arbeitsverhältnisse nach Satz 1 können bei den Streitkräften, im Bereich ihrer Versorgung sowie bei der öffentlichen Verwaltung begründet werden; Verpflichtungen in Arbeitsverhältnisse im Bereiche der Versorgung der Zivilbevölkerung sind nur zulässig, um ihren lebensnotwendigen Bedarf zu decken oder ihren Schutz sicherzustellen.
(4) Kann im Verteidigungsfalle der Bedarf an zivilen Dienstleistungen im zivilen Sanitäts- und Heilwesen sowie in der ortsfesten militärischen Lazarettorganisation nicht auf freiwilliger Grundlage gedeckt werden, so können Frauen vom vollendeten achtzehnten bis zum vollendeten fünfundfünfzigsten Lebensjahr durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes zu derartigen Dienstleistungen herangezogen werden. Sie dürfen auf keinen Fall zum Dienst mit der Waffe verpflichtet werden.
(5) Für die Zeit vor dem Verteidigungsfalle können Verpflichtungen nach Absatz 3 nur nach Maßgabe des Artikels 80a Abs. 1 begründet werden. Zur Vorbereitung auf Dienstleistungen nach Absatz 3, für die besondere Kenntnisse oder Fertigkeiten erforderlich sind, kann durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes die Teilnahme an Ausbildungsveranstaltungen zur Pflicht gemacht werden. Satz 1 findet insoweit keine Anwendung.
(6) Kann im Verteidigungsfalle der Bedarf an Arbeitskräften für die in Absatz 3 Satz 2 genannten Bereiche auf freiwilliger Grundlage nicht gedeckt werden, so kann zur Sicherung dieses Bedarfs die Freiheit der Deutschen, die Ausübung eines Berufs oder den Arbeitsplatz aufzugeben, durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes eingeschränkt werden. Vor Eintritt des Verteidigungsfalles gilt Absatz 5 Satz 1 entsprechend.

Und auch für diese Photographien hat Wladimir Putin wieder mal das Copyright:

A girl sits in an improvised bomb shelter in Mariupol, Ukraine, Monday, March 7, 2022. (AP Photo/Evgeniy Maloletka)
Einsatzkräfte retten Bewohnerinnen des brennenden Gebäudes in Kiew, Foto: Reuters

Putins Sonderaktion, Putins Kriegsverbrechen: Это ты, Путин!

Eines aber wissen wir alle nun bzw. sehr viele inzwischen – Marielouise Beck, Alice Bota, Jochen Bittner, Michael Thumann und Josef Joffe kann man da ausnehmen, sie wußten es bereits früh schon – wir, die wir ängstlich gegenüber Putin waren, weil wir glaubten, die Politiker könnten ihn mit Verhandeln besänftigen und daß wir Putin bloß keinen Vorwand für irgendeine Aggression liefern dürften, wir wissen nun: Diese Illusion ist vorbei und jeder mit Verstand und Analysekraft versteht: Putins unverholene Aggression kann man nur mit dem Gegenstoß und mit Stärke begegnen. Diese Sprache versteht der Mörder aus Moskau.

Die Nachrichten aus der Ukraine sind nach wie vor erschütternd und sie werden es vermutlich auch bleiben, da Putin sich auf keine Verhandlungen einlassen wird – außer eben solche, die seinen Forderungen entsprechen. Sein Gesicht kann er gegenüber dem Westen nicht mehr verlieren, da hat er nichts mehr zu befürchten. Es ist seit dem 24.2. verloren. Und im Blick aufs Inland ist es Putin egal, weil er dort die Propaganda seines Staatsfernsehens steuert, und sofern die Menschen aufmucken, läßt er im Notfall mit den OMON-Truppen aufs eigene Volk schießen, wenn es hart auf hart kommen sollte.

Für diese Fotografien hat nicht der Fotograf das Copyright, sondern Wladimir Putin. Es handelt sich noch um vergleichsweise „harmlose“ Bilder.

At the Bridge to #Irpin
Irpin March 2022 (Roman Pilipey)
Irpin (Roman Pilipey)

ZEIT-Live-Ticker, heute morgen, 9.3.2022:

430.000 Menschen in Mariupol ohne Versorgung

Die Versorgungslage in der Hafenstadt Mariupol ist katastrophal. Dassagte die stellvertretende Ministerpräsidentin Iryna Wereschtschuk. Menschen sollen auf der Suche nach Essbarem in Geschäfte eingebrochen sein. Zudem sollen einige Schnee geschmolzen haben, um Wasser zum Trinken zu haben. Tausende verharren dicht gedrängt in Kellern.

Die Stadt mit rund 430.000 Einwohnerinnen ist eingekreist. Ein Versuch, Zivilisten in Sicherheit zu bringen und dringend benötigte Medizin, Nahrung und Wasser nach Mariupol zu bringen, scheiterte am Dienstag. Russische Streitkräfte hatten nach ukrainischen Angaben den Konvoi beschossen, bevor er die Stadt erreichen konnte – Russland bestreitet das.“