Eine Reise im Orientexpress. Oder Orpheus in der Unterwelt

Und nachdem ich gleich am ersten Tag in Wien im Bräunerhof, naturgemäß, die erste Stärkung zu mir nahm und abends im Café Prückel unangenehm lange auf den Kellner wartete, bis er überhaupt dazu kam, eine Bestellung aufzuschreiben, war ich dann nach 20 Minuten wieder aufgebrochen, um meinen Tafelspitz woanders zu essen. Obwohl das Café Prückel eine unnachahmlich schöne Atmosphäre hat: Tiefe Reise in die 50er Jahre, schönes, altes Design, aber alles echt, keine aufgesetzten Dekorationen, zumindest wirkt es nicht so. Immer noch spielt dieselbe Pianistin, die ich auch beim letzten Besuch sah, ihre traurig-schönes Klavierspiel. Es ist, als glitte man in eine andre, in eine angenehmere Zeit: die der 50er oder 60er Jahre. Sich wieder auf Wesentliches zu fokussieren: Konzentriert zu arbeiten. Ich dachte an die hoch kultivierten Diskussionen zwischen Arnold Gehlen und Adorno, dachte an Adornos Iphigenie- und an seinen Hölderlin- Essay, an Heideggers „Gelassenheit“ und seine Vorlesungen zu Hölderlins Dichtung: Andenken und vom freien Gebrauch des Eigenen.

Aber nicht nur das, nicht nur dieses Geistige ist Wien, Wien als Dasein-, Wien als kultivierte Lebensform, sondern auch eine Stadt, die dicht am Balkan liegt und nach der immer wieder der osmanische Orient ausgriff. Nun ist dieser Orient angekommen. Aber – List der Geschichte – auf eine andere Art als erwartet. Nicht mit dem Schwert und mit dem Schießpulver der Janitscharen, sondern mittels der Ware Arbeitskraft: Da wo sich im Vielvölkerstaat immer schon die Böhmen, die Tschechen, die Rumänen verdingten, um das schöne Wien, seit Mitte des 19. Jahrhunderts, zur Großstadt zu demolieren, wie Karl Kraus schrieb, aufzubauen: die Ringstraße als Prachtmeile zu erreichten, und da in Wien arbeiten auch heute noch die Türken, die Jugoslawen, um Werte zu schaffen, für die sie manchmal mit einem Handgeld abgegolten werden. Wer also eine so ganz andere Gesellschaft von Wien entdecken möchte, der steigt in den Orientexpress. Insofern sollte man beim Wienbesuch nicht nur im 1. oder im 3. Bezirk oder in Grinzing spazieren, sondern hinaus in die Welt. Neubau, Mariahilf, Margareten, Favoriten. Namen wie Verheißungen und fremde Wörte, rätselhaft, katholisch.

Also ab in den Orientexpress für eine gute Tour. Nein, das ist in diesem speziellen wienerischen Falle nicht der Zug, der von Paris über Wien nach Konstantinopel mit Dampf schnauft und ruckelt oder später dann im Rausch der Geschwindigkeit sich durch den Balkan schwang, sondern ganz einfach besteige man die Straßenbahnlinie 6. Ich trete an der ersten Station Burggasse/Stadthalle in die Tram ein, setze mich, schaue und fahre bis zum Zentralfriedhof, zum Haupttor 2, da wo es auch einen Friedhofsplan gibt. Denn anders als auf den Pariser Friedhöfen sind die prominenten Toten nirgends auf einem Tafelplan am Eingang verzeichnet, sondern nur im Café bei der Information findet sich ein Lageplan. Allerdings auch nur mit Groborientierung und ohne exakte Angaben. Österreichisch eben.

Viel gibt es in der Tram zu sehen. So unterschiedliche Menschen und eine Fahrt mitten durch das normale Stadtleben, abseits von Hofburg, Graben und dem herrlichen Stephansdom. Langes Laufen ist seit zwei Tage nicht möglich, da mich ausgerechnet im Urlaub eine leicht fiebrige Erkältung erwischte. Nicht schön, doch nicht zu ändern. Überhaupt sollte man eine ganz neue Form des Reisens einführen und daraus ein Geschäftsmodell machen: die des leicht fiebernden und dadurch auch wieder hochempfindlich auf Außenreize reagierenden Feriengast. Er schlendert zwar ein wenig, doch langsam nur und keine langen Strecken. Voyage moribund, könnte die Agentur heißen, anders reisen, fiebernd reisen. Jetzt plaziert sich der Gast gemächlich auf einen der Sitzlätze der Tram, möglichst einen Einzelplatz belegend, um vom Sitznachbarn nicht weiter behelligt zu werden  oder sich gar noch schlimmer anzustecken mit seltsamem und exotischem Fieber. Ruhe und die nur leichten Reize der Außenwelt sind bekömmlich. Hier aber, in der Linie 6, reizt die Außenwelt pausenlos. Laut ist es, hektisch sind die Menschen, die zusteigen und nach ein paar Stationen wieder aussteigen, gut gefüllte Wagons auch am Vormittag. Ein Heer an Kopftüchern, Menschen vom Balkan, Menschen von der Levante, babylonisch das Gewirr der Sprachen, vielleicht aber sprechen alle auch dieselbe Sprache, ich kann es schließlich nicht beurteilen, weil ich ihre Sprechen nicht verstehe. Es ist seltsam, in der Fremde noch einmal in der Fremde zu sein.

Ähnliches passiert einem, wenn man über den Brunnenmarkt im 16, Bezirk in Ottakring streift. Für den Touristen, der irgendwann wieder abreisen wird, ist das eine reizvolle Atmosphäre. Dann auf dem Yppenmarkt allerdings sticht als kleiner Höhepunkt das Fachgeschäft von Staud’s mit seinen feinen Konfitüren und anderen Spezereien heraus. Für jeden Kranken ist Wien eine gute Stadt. Man setzt sich einfach in irgendeine Straßenbahn, von denen es in Wien zahlreiche gibt, und fährt endlos von der Anfangs- zur Endhaltestelle. Zum Beispiel mit der 38 nach Grinzig, mit der D, sozusagen der Tourismuslinie, von Hauptbahnhof Ost, ganz transsilvanisch-galizisch-osmanisch-k.u.k.-mäßig, über den Ring und die Touristenszenerien – Schloß Belvedere, Kärntner Ring/Oper, Parlament, Burgtheater, Rathaus, Schottentor, Börse – bis nach Nußdorf, oder mit der 5 vom Hauptbahnhof zum Praterstern. Besser und vor allem schneller als in einer solchen Tour kann man Wien kaum entdecken. Immer mal wieder vorbei am dunklen Gemeindebau, immer mal vorbei an herrlicher Pracht.

Aber weiter geht die Reise in der Linie 6. Rumpelnd auf den Gleisen, quietschend die Tram, gedrängt die Menschen. Trüb hängen noch die Wolken im Vormittags-Himmel. Die Stadt wirkt in diesen Vierteln weitab vom Ring grau, doch nicht unsympathisch und die Stimmung in der Bahn ist zwar immer irgendwie zwischen bewegt und hektisch, aber doch gelassen. Einige Stationen nach dem Reumannplatz, spätestens an der Geiselbergstraße aber ändert sich das Publikum, wird gediegener, wie’s alte Wien. Am Enkeplatz steigen die Touristen hinzu, die auf den Wiener Zentralfriedhof wollen – viele fahren aber lieber klassischen mit der 71er –, um die Gräber der vergangenen Großen und auch der normalen Leute, die dort liegen, zu schauen.

Das riesige Areal, die Toten. Und es ist dort noch immer viel ungenutzte Grabfläche, so daß wohl die ganze Bevölkerung Wiens auf diesem Friedhof ihren Platz und ihre letzte Ruhe fände. Und all die Gräber der Berühmten: Ich spaziere zunächst einmal zu Karl Kraus, dicht beim jüdischen Friedhof, aber doch nicht direkt bei den Juden begraben, denn schließlich ließ er sich taufen, ging zu den Katholischen. Nicht weit entfernt Adolf Loos, sein Taufpate und Freund, weiter dann quer über den Friedhof zu dem Arealen wo Falco und Udo Jürgens liegen. In dessen Umfeld entdecke ich zu meiner Freude eine Menge Prominenz: Franz West, der gerade eine große Werkschau im Centre Pompidou hatte, Gert Jonke, Ernst Jandl, Franz Werfel, gestorben zwar im Exil in Beverly Hills, doch begraben auf dem Zentralfriedhof zu Wien. Friedhöfe sind Traumorte. Wir phantasieren uns in die Zeit zurück.

Besonders mag ich die Gräber an der Mauer, denn ich denke mir immer wieder, daß von hier aus die Toten sehr viel leichter vom Friedhof wieder flüchten und sich wieder unter die Lebenden mischen könnten. Sie grüben sich unter der Mauer ihren Weg zur Außenwelt und verließen den Bannkreis.

Aber was eigentlich fasziniert uns an den Gräber der Literaten, der Maler, der Philosophen? Die Endlichkeit des menschlichen Denkens und Tuns, selbst der großen Geister, und die damit verbundene Unendlichkeit, die sich als Spur im Gang des Geistes ablagert, Schicht auf Schicht, die Konkretisierung des menschlichen Geistes, der sich in den Werken sedimentiert. Und dazu unser Blick aufs Vergängliche. Wir, die wir noch leben und all dies betrachten und bedenken können. Die, die Großes schufen und nun fort sind. Was wiederum an die eigene Endlichkeit gemahnt. Als das Kind noch ein Kind war, dachte es, daß es unsterblich sei – oder zumindest war der eigene Tod noch keine Option des Daseins. (Obwohl auch das nicht für jene Kinder stimmt, die früh schon mit dem Tod konfrontiert waren.) Von dem meisten Menschen bleibt nicht viel mehr als die Erinnerung, und auch die erstirbt, wenn der letzte Mensch nicht mehr ist, der sich an den Freund oder den Angehörigen zu erinnern vermag. Anders beim Künstler, beim Philosophen: Manches Kunstwerk, manche Philosophie gerät zwar im Lauf der Geschichte in die Vergessenheit und wird erst später wieder diesem Zeitschlund entrissen, anderes aber bleibt, zumindest für den einen oder den anderen, untilgbar, wie etwa die wunderbar-witzigen und manchmal auch melancholischen Gedichte von Jandl. Aber wer weiß schon, wie lange, wenn auch dieses Gedächtnis verlischt. Auch der Kanon von Kunst und von Philosophie unterliegt dem Wandel.

„Meine Wanderungen auf dem Friedhof zwischen den Gräbern von Menschen, mit deren erloschenen Leben mich nichts verband, konnten Hinterbliebenen wohl seltsam erscheinen, vielleicht sogar anstößig. Ich machte mich davon und hob mir die letzte Aufnahme des Films für eine andere Gelegenheit auf.“ (Esther Kinksy, Hain)

Und es fasziniert an Friedhöfen dieser letzte Rest von Leben und Existenz, den das Grab stiftet. In Gestalt einer Form, die da über dem Grab als Stein stumm (oder manchmal auch bunt und beredt) und als letztes Zeugnis in der Erde ragt, darauf zuweilen, besonders in südlichen Ländern Europas üblich, im Stein, eine Photographie eingearbeitet ist, wie auf jenen drei Photographien der Bildserie. Verblasst ist das Dasein, es verging die Erinnerung an jene zwei Menschen nebeneinander, die lange schon nicht mehr sind; es verging die Erinnerung, weil womöglich keiner mehr ist, der sich noch an diese beiden Menschen ohne Namen erinnert. Aber noch im Tod, im Bild sind sie als Paar fixiert. Trotzdem ist nicht einmal mehr die Spur des Namens geblieben. Die Inschrift auf dem Stein verlosch und ist nun fort. Der Stein mit dem Bild steht da still in der Erde. Ich betrachte ihn mir lange. Und kaum einer weiß mehr, wer diese zwei Menschen waren und welches Leben sie erfüllte. Friedhöfe sind Orte der Spekulation und des Absoluten. Losgelöstes.

Friedhöfe sind Orte, wo Hegelianer geboren werden.

Zur Buchmesse 2018

„Denn Bleiben ist nirgends (…) Aber weil Hiersein viel ist, und weil uns scheinbar alles das Hiesige braucht, dieses Schwindende, das seltsam uns angeht. Uns, die Schwindendsten.“

Aus der Rubrik: „Rilke zur Buchmemesse“ für Hierbleiber.

Eine sehr großartige Idee setzte die SZ um, und zwar unter dem Titel „Schweigeblockade“, ein Dramolett.

„Warum sind Sie nicht Autorin und Autor geworden? Ein denkbares Gespräch mit Irene Gerbeldinger und Hans-Joachim Parzmann über die Kunst des Nicht-Schreibens.

Alljährlich werden zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse Autorinnen und Autoren befragt, wie es sich so lebt als Schriftsteller: Schreibblockaden, Einsamkeit beim Schreiben?“

Dabei wurden jene beiden genannten Personen befrage, und zwar als ebenso passionierte wie auch völlig unbekannte Nichtschreiber. Eine saukomisch-gute Idee von der SZ – auch im Hinblick auf dauerjammernde Prekariatsschriftsteller_*Innen, die ihre Geldsorgen, ihren Mangel an „Verdienst“ nicht müde werden in der Öffentlichkeit ostentativ zur Schau zu stellen und Menschen mit Themen belästigen, die nur wenige interessieren: Zumindest die nicht, die an der Literatur interessiert sind und nicht an den Existenzproblemen ihnen ansonsten Unbekannter. Ja, das Leben ist hart. Nicht nur für Schriftsteller übrigens, die ihre Leidenschaft zum Beruf machen. Prekariatsschriftsteller und Journalisten der Berliner Blasenwelt: Nehmt Euch ein Beispiel an Frau Gerbeldinger und Herrn Parzmann, wenn’s beim Schreiben nicht zum Überleben reicht.

Kunstschönes Wien, im abgezirkelten Bereich

Herrlich ist es, den Tag über am Schreibtisch zu sitzen und zu studieren, über den Texten der deutschen Romantik, über Hegel zu brüten und überm Natur- und Kunstschönen sich die Zeit anzuregen. Weit ab eigentlich von aller Politik des Tagesgeschehens.

„… in meiner unüberwindlichen Abneigung dagegen, mich in irgend einer Form zu ›organisieren‹, und dem jugendlichen Entschluß, niemals einem Verein o.ä. beizutreten.“ (Hans Blumenberg an Hans-Georg Gadamer, 10. März 1960, DLA Marbach)

(Mit Dank an Joe Paul Kroll für dieses Fundstück bei Twitter https://twitter.com/JoePKroll/status/958658165268189184)

Sich verzetteln, sich am Schreibtisch oder im Erzählen auszubreiten: In den Nachtwachen des Bonaventura (tatsächlich geschrieben von August Klingemann) heißt es:

„Was gäbe ich doch darum, so recht zusammenhängend und schlechtweg erzählen zu können, wie andre ehrliche protestantische Dichter und Zeitschriftsteller die groß und herrlich dabei werden, und für ihre goldenen Ideen goldene Realitäten eintauschen. Mir ists nun einmal nicht gegeben, …“

Aber auch die Kritik des Zeitgeists finden wir in diesen herrlichen Nachtwachen – ein sowieso bezeichnender Titel, da die Nacht nicht nur die Metapher fürs Finstere und den Schlaf der Vernunft ist, sondern ein Wächter sich zugleich als Instanz des Hüters auftritt, in diesem Falle auch als Kritiker und das Denken kann besonders dann aktiv sein, wenn all die Stimmen des Alltags zur Ruhe gekommen sind. Das geschieht meist in der Nacht. Denken setzt exzentrische Positionen voraus, es heißt sich auszusetzen – auch der Philosoph Martin Heidegger wußte von dieser Ekstase oder genauer Exstase. In diesen Nachtwachen schreibt der Erzähler dieser lose aneinandergefügten Geschichten, sein Name ist Kreuzgang:

„Die Alten backten, wie jener Prometheus dort im Winkel, ihre Menschen zwar auch aus Thon, aber sie schufen den Sonnenfunken mit hinein; – wir spielen mit dem Feuer nicht gern, aus Furcht vor Gefahr, und lassen deshalb den Funken weg; – ja es giebt jetzt sogar eine allgemeine Feuerpolizei – eine Zensur und Rezensur – die schnell genug jedwede Flamme, die emporlodern will, erstickt. So kann denn der Sonnenfunken bei uns nicht aufkommen.“

Diese Form von Kulturkritik, als Hadern mir der Gegenwart, schon in Schillers Die Räuber als Ekel vor dem tintenklecksenden Säkulum gefaßt, ist also gar nicht so neu. Die „Nachtwachen“ sind nicht nur ein Glanzstück in Nihilismus – dieser unheimlichste aller Gäste, wie Nietzsche in seinen Fragmenten schrieb –, sondern sie explizieren in diesem Falle diesen Nihilismus zugleich als Verlust der Form des Erzählens, um diese Erfahrung von Verlust sodann im Erzählen selbst darzustellen, mithin also ein metapoetisches Verfahren und autoreflexiv. Im Falle des Klingemann, der es vorzog unter dem Pseudonym des Bonaventura zu schreiben, zudem noch als Spiel mit dem Namen. Erzählt wird in Fragmenten und es ist viel Unheimliches dabei. Ein lesenswerter Text aus dem Jahre 1805. Wien dagegen, zu jener Zeit, so sagt man, war eher die Stadt der Musik, des Klingens und Tönens, und weniger der Literatur – immerhin bezogen die Gebrüder Schlegel in Wien eine Zeit lang Quartier, insbesondere August Wilhelm Schlegels  Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur 1808 zogen Kreise, ebenso Friedrich Schlegels Vorlesungen von 1812 über die Geschichte der alten und neuen Literatur. Der dort anwesende Joseph von Eichendorff schrieb über dieses Ereignis:

„Die erste Vorlesung Schlegels (Geschichte der Literatur, 12 Gulden Einlösscheine das Billet) im Tanzsaale des römischen Kaisers. Schlegel, ganz schwarz in Schuhen auf einer Erhöhung hinter einem Tischchen lesend. Mit wohlriechendem Holz geheizt. Großes Publikum. Vorn Kreis von Damen, Fürstin Liechtenstein mit ihren Prinzessinnen, Lichnowsky, etc. 29 Fürsten. Unten großes Gedränge von Equipagen, wie auf einem Ball. Sehr brillant.“ (zit, nach Ernst Behler bzw. Wikipedia)

Demnächst also, bald könnte man sagen, geht es nach Wien. Und als Vorgeschmack sollen dem geneigten Publikum einige Photographien aus dem Jahre 2015 geliefert werden. (Ich hoffe, meine Photo-Buchhaltung bzw. die Markierung der Photographien als „gesendet“ ist nicht allzu arg durcheinander, so daß es keine Doppelungen gibt.)

 

Im Bamberger Hain, in den Gassen der Stadt: Von den sprechenden Hunden und einem üblen Getränk namens Rauchbier

Ein fast Robert-Walserhaftes Spazieren, bloß ohne Ziel, anders als in der seltsam-versponnenen und auf ihre Art unendlich traurigen Erzählung „Der Spaziergang“. Das Licht im Winter ist schöner als im Sommer, denke ich mir auf meinem Weg aus der Stadt hinaus – zumindest zum Photographieren schöner – im Bamberger Hain und, später wieder zurück von freiem Feld und schattigem Baumwuchs, den Wiesen und Gewässern, dem Schleusenwehr und an der Regnitz gegenüber am Ufer die Künstlerville Concordia, zurück dann in die alten Stadt, zur Fleischerei, wo es ein Leberkäs-Semmel gab, aber wenigstens temperiert es im Sommer angenehmer. Denn warm ist es und Licht strömt in den Hochtagen des Juni auf Gassen und Wege. Sommerbeginn, der längste Tag des Jahres, ich sitze draußen, abends in der Galerie am Stephansberg oder im Café Müller mit einem Weißwein, noch kurz vor den Vorträgen. Tags ist das Sommerlicht grell. Der Abend allerdings bietet besseres Licht zum Photographieren. Nur: da waren die Vorträge in der hellen Dominikanerkirche zu hören, also blieb die Kamera in der Tasche.

Im Bamberger Hain begegnete ich dem sprechenden Hund Berganza und nach einigen Gläsern des eher gräßlich schmeckenden Bamberger Rauchbiers scheint es einem, als wäre es tatsächlich so: alle Hunde sprächen zu einem oder blickten seltsam zum schwankenden Gast hinauf. Die Stadt der sieben Hügel. Beim Aufstieg zum Michelsberg oder zum schönen Biergarten auf dem Stephansberg kann man ins Hecheln geraten und der Alkohol stieg besonders ins Blut. Bamberger Rauchbier schmeckt, als hätte ein böswilliger Mensch oder ein maliziöser Gott einen Räucherspeck zehn Tage ins Bier getunkt. Sebastian drängte, unbedingt dieses Bier zu probieren, riet aber gleichfalls zur Vorsicht; dies sei nicht jedermanns Sache und Geschmack. Und so war es dann auch. Wir taten es im Alt-Ringlein. Ich schlendere in weißer Sommerjeans. Hunde zumindest begegnen einem im Hain einige, wenn man tagsüber und natürlich noch heilignüchtern an den Ufern der Regnitz spaziert. Aber all diese lieben Hunde, die da an der Leine oder manchmal auch ohne laufen: sie alle sind wohlerzogen. Manche Leser des Hoffmann-Textes freilich und Kenner seines Werkes behaupten, E.T.A. Hoffmanns „Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza“ sei eines seiner schwächsten Prosa-Stücke gewesen.

„Du bist Kulturblogger, du mußt Gehaltvolleres machen, statt nur zu schweifen und abzuschweifen!“ „Nein, nein, ich muß bloß spazieren, eine Kamera zwischen den Pfoten. Die Geschichten entdecke ich nicht, sondern gehe an ihnen vorbei, gebe ihnen höchstens ein Bild, setze sie in eine Photographie“. Solches unaufmerksame Gehen vermurkste mir am Ende eine schöne Story für die Zeitung. Aber diese Geschichte läßt sich nachholen.

Im Bamberger Hain scheint grell die Sonne, anders als auf meinem Gang im Winter dort, und vor dem Denkmal Ludwig des II. räkelt sich eine junge Schönheit im Bikini. Ich blicke gelassen vorbei.

 

Paris – Mythen des Alltags

„Der Traum eröffnet nicht mehr eine blaue Ferne. Er ist grau geworden. Die graue Staubschicht auf den Dingen ist sein bestes Teil. Die Träume sind nun Richtweg ins Banale. Auf Nimmerwiedersehen kassiert die Technik das Außenbild der Dinge wie Banknoten, die ihre Gültigkeit verlieren sollen.“ (Benjamin, Traumkitsch)

Obwohl ich Rom lieber mochte als Paris, weil ich das Antike und Alte mit der Hand geradezu greifen und berühren konnte, während es in Paris dicht hinter Plexiglas verschlossen und in Vitrinen verborgen lag, und obwohl ich Lissabon immer noch für die schönste Stadt Europas halte, weil die Traurig-Schöne an einem großen Fluß ragt und schon den Geist des Meeres atmet, oder mit andren Worten: weil ich dort das Meer bemerke – unbedingt lesenswert übrigens von Alban Nikolai Herbst zum Meer sein Roman „Traumschiff“ – und als Hamburger liebt man nun einmal breite Flüsse und die Meere, war ich doch immer in Paris verschossen. Aber es ist eine andere Zuneigung als zu Rom oder zu Lissabon, eine andere Form der Schönheit. Was für eine Schönheit zeichnet Paris aus und was ist es, das so viele an einer Stadt wie Paris lieben? Sie ist laut. Sie ist hektisch. Sie ist voll von Menschen, die sich auf die Füße treten und durch die Stadt hetzen. Es gibt kaum Grün, allenfalls die vielen kleinen Parks sind eine Oase mitten im Lärm der Stadt. Wer mit dem Flugzeug anreist oder von Südwesten mit dem Auto von der Anhöhe auf die Stadt sieht, die in diesiger Ferne daliegt, blickt auf einen grauen Moloch aus Stein und auf Dächer aus Zink. Dennoch schlägt manchem das Herz höher und bis zum Hals, wenn es dann nach Paris hinein geht. Place d’Italie, Boulevard de Blanqui. Oder wenn der Flieger in Orly aufsetzt und französischen Boden berührt.

Aber was macht den Zauber einer Stadt aus, wie wird sie zum Mythos, wie schreibt sich eine Legende? Dieser Frage geht im Literaturmuseum Marbach die Ausstellung „Die Erfindung von Paris“ nach, Deutschlandradio Kultur brachte es in einem Bericht:

„In vier Räumen des Marbacher Literaturmuseums erzählen Anekdoten und Schwarz-Weiß-Fotografien Geschichten aus einer unvergleichlichen Stadt. Der Ausstellungsflyer gleicht einem stilisierten Stadtplan mit Theatern, Cafés und Sehenswürdigkeiten. Die Besucher werden zu Flaneuren und stoßen wie beiläufig auf die Spuren von 17 ausgewählten, deutschsprachigen Autorinnen und Autoren. Sie alle haben unsere Vorstellung von Paris geprägt.

‚Paris hat sehr viele Erfinder gehabt‘, sagt der Direktor des Deutschen Literaturarchivs, Ulrich Raulff:

‚Das waren französische Autoren, aber das haben im 20. Jahrhundert ganz wesentlich auch deutsche Autoren getan. Und die Franzosen haben das in Anführungsstrichen mit sich machen lassen, die haben das anerkannt. Also, die wissen, dass der Mythos von Paris ganz Wesentliches Rainer Maria Rilke und Walter Benjamin verdankt.‘“

Und diese Frage bleibt im Kopf hängen: Was macht den Reiz? Sie ist nicht einfach zu beantworten, genausowenig wie die Frage „Was ist deutsch?“ Es läßt sich nicht definieren, was deutsch oder was Paris ist, sie beantwortet und erschöpft sich nicht in der Aufzählung von Merkmalen. Um es ein wenig zu wittgensteinisieren oder auch mit Adorno anzugehen: Es handelt sich, wie bei dem Begriff des Spiels, um eine Praktik. Wir begreifen sie, indem wir Klavier spielen, indem wir zusammen mit Kindern spielen, Fußball spielen, Schach oder Skat. Bloß die Regeln von Skat, Räuber-und-Gendarm, Super-Mario oder Fußball zu kennen, zeigt noch nicht, was Spielen ist. Man muß dasein, dabeisein: eine Lebensform wird durch die lange Teilnahme verinnerlicht. Wer einmal durch die Straßen von Paris spaziert, ohne jedes Wissen von der Stadt, mag vielleicht etwas ahnen, aber diese Ahnung bleibt vage.

Paris ist das, was Walter Benjamin so treffend den Traumkitsch nannte. Es mischen sich beim Klang des Namens die Szenen, teils vom kollektiven Unterstrom besetzte Bilder – sei es das kulturindustriell gefertigt Motiv Moulin-Rouge-Mythos, Can-Can-schwingende Weibsbeine, das Viertel im Montmartre, Kackre Coeur wie meine damalige Frau zu sagen pflegte – sie mochte Paris und die arroganten Bewohner nicht. Ich erzählte ihr lieber nicht, daß im Jahre 2004 das Verhalten der Eingeborenen aus Lutetia sich im Vergleich zu den 80er Jahren erheblich besserte. Den Mythos bekräftigen ebenfalls solche wunderbaren Paris-Filme wie Hôtel du Nord, À Bout de Souffl, Midnight in Paris oder der kitschig-schöne Film Le Fabuleux Destin d’Amélie Poulain, tragen dazu bei. Wir sehen mit dem imaginären Auge immer noch die alten Citroens, Renaults und Peugeots in der Avenue Matignon, auf dem Boulevard Raspail, in der Rue Rodier, denn beim Klang von Paris haben wir ebenso die 30er, 40er und die 50er Jahre im Kopf und manche auch die Zeit, als die Deutschen an der Seine herrschten. Wir denken an die Chansons von Piaf oder Jacques Dutronc, an die bildenden Künstler, an Picasso oder die Surrealisten. An Wein, ans gutes Baguette mit Käse und Wurst, ans Centre Pompidou, an den Friedhof Père Lachaise, an die Bücher, die wir lasen und die uns, wie die Filme, in eine Atmosphäre eintauchten. Paris ist ein Effekt der Bilder.

Daß dieser Mythos bis heute wirkt, zeigen Bücher wie das von Sarah Bakewell: Das Café der Existenzialisten. Freiheit, Sein & Aprikosencocktails. Philosophie wird hier gleichsam konsumierbar gemacht und auf ein Lebensgefühl hinuntergeschrieben. Dennoch: Das Buch ist nicht schlecht, wenn man die Ebenen trennscharft sieht. Das eine sind die Texte von Sartre und Camus, das andere das, was wir lesend – und das heißt in äußerster Intensität studierend – mit ihnen machen und was wir auf einer gleichsam privaten Ebene aus ihnen machen, in welcher Weise wir diese Texte mit Assoziationen aufladen.

Seltsam freilich, daß selbst im völlig durchrationalisierten Paris des ausgehenden 20. und des 21. Jahrhunderts ein Wunschbild erhalten ist, von dem wir zehren. Sogar noch im eigentlich längst ab- und ausgelebten Saint-Germain-des-Prés, wo schon seit langer Zeit nichts mehr von dem ist, was früher einmal war und wovon Paris zehrt: die Cafés der Existenzialisten wie das Café Flore gibt es noch immer, und sie sehen so aus, wie sie früher aussahen. Aber die wilden Szenen, wo Boris Vian trompetete, wo Camus, Queneau, Sartre und Beauvoir mit Wein und Zigaretten an Tischen hockten, schrieben oder Hofstaat hielten  und der Existenzialismus Mode wurde, sind passé. Wer heute mit schwarzem Rollkragenpullover und Das Sein und das Nichts gut sichtbar unterm Arme eines dieser Cafés betrifft, macht sich eher verdächtig oder lächerlich als  daß er den Geist dieser Zeit erfaßte. Allenfalls als Happeningform, als kulturelles Anschmiegen im Sinne schauspielerischer Mimesis mag das durchgehen. Oder der Umswitch auf Lacan, Derrida und Foucault, die Surrealisten, die Photographien von Brassai oder von Doisneu, die ebenfalls zu einem bestimmten Bild beitrugen, das als eine Art Film immer noch im Kopf mitläuft. Ach, alte Zeit. Und doch ist alles das heute anders. Und doch ist alles wie ehedem. Es halten sich Mythos und Legende dieser faszinierenden Stadt am Leben, irgendwas ist da, schwebt da, webt da in den Gassen, trotzdem in Saint-Germain-des-Prés inzwischen lediglich teure Galerien, Antiquitätenhändler und Modegeschäfte eröffneten, kaum noch finden sich dort die kleine Cafés oder günstige Restaurants, wo man für wenig Geld mal mehr, mal weniger guten Wein trank – selbst der schlechteste Wein damals in den 1980er Jahren war immer noch besser als ein guter Wein aus der Hansestadt.

Allerdings – schön verborgen findet sich in Saint-Germain-des-Prés doch das Wohnhaus des Malers Eugène Delacroix. Man muß ein wenig suchen, bis man dahin gelangt. Ganz und gar traurig-gerührt war ich, als ich im Jahr 2004 sah, daß mein Restaurant in der Rue Bonaparte, wo ich Mitte bis Ende der 1980er Jahre oft aß, weil es günstig war und weil dort zudem viele Kunsthochschülerinnen speisten, denn das Restaurant lag vis-à-vis zur École des Beaux-Arts, bis wenige Tag vor meiner Ankunft noch geöffnet hatte. Ich wollte eigentlich an diesen Ort alter Zeiten gar nicht vorbeigehen, wenngleich die Rue Bonaparte doch unvermeidlich ist, wenn man vom Place Saint-Germain-des-Prés zur Pont des Artes oder zum Pont du Carrousel schlendert, dachte aber: Geh mal an Deinem alten Restaurant vorbei. Und da hing dann ein Zettel: Wie haben seit dem 11. August 2004 geschlossen. Einen Tag nach meiner Ankunft in Paris. Ich hätte es also zu einem Abschiedsmahl noch geschafft, wenn ich einen Tag früher gekommen wäre.

Seltsam aber, daß ich von diesem Restaurant nicht einmal mehr den Namen weiß. Ich habe es nicht einmal photographiert, wie ich sonst so vieles im Photo abbilde, weil dieser Ort mir so derart selbstverständlich war, daß ich gar nicht daran dachte, er könnte irgendwann einmal verschwunden und für immer fort sein. Paris, das ist auch ein Rausch von Namen, die Erinnerungen freisetzen. Allein die Namen der Metrostationen: Porte Dauphine, Oberkampf, Blanche, Monceau, Varenne, Ségur, Duroc, Vaneau, Sèvres-Babylone, Mabillon, Odéon, Place Monge, Port de Lila – es ist wie ein Lautgedicht und Stationsnamen, mit denen ich Geschichten verbinde. Peter Handke brachte das in ein lakonisch-feines Metro-Gedicht:

Métro Balard-Charenton

Bei Sonnenuntergang stieg ich ein
an Motte-Piquet-Grenelle
An Bonne Nouvelle hörte ich auf
das pariscope zu durchblättern
An der Station Filles du Calvaire
war der Flüssigkeitsautomat leer
An Daumesnil waren in einer Vitrine Schuhe ausgestellt
Vor der Porte Dorée sah ich noch Licht
durch einen Schacht kommen
In Charenton-Ecoles
– Mündung der Marne in die Seine –
war es schon Nacht
Im hellen Westen irgendwo
spielte Young Mr. Lincoln

Dazu freilich gesellt sich die Lektüre von Walter Benjamin, von Franz Hessel, von Henry Miller und Raymond Queneaus wunderbare Rotzgöre „Zazie in der Metro, die kongeniale Verfilmugn des Buches durch Louis Malle, sich in einen Truffaut-Film versetzen oder mit Godard Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca-Cola nachspielen. Es ist so eine Art Lebensgefühl, und genau das meint der Begriff von französischer Kultur – die es genauso gibt wie deutsche KulturDazu die französische Philosophie von Sartre, über Foucault bis Derrida, die für mich nicht nur ein intellektuelles, sondern zugleich auch ein ästhetisches Moment besaßen: alles das, samt dem Spazieren in den Straßen hier machen den Reiz der Stadt aus.  Man könne den Inhalt von Büchern auch durch Handauflegen erspüren, orakelte einmal Jacob Taubes.

In Paris freilich endeten auch manche deutsche Träume, und zwar nicht immer so, wie Heinrich Heine es zum Ende der deutschen Nachtgedanken dichtete:

Gottlob! durch meine Fenster bricht
Französisch heit’res Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

Für Paul Celan, Shoah-Überlebender, dessen gesamte Familie dank deutscher Gründlichkeit in Auschwitz zu Seife und zum Rauch wurde, war das nicht mehr möglich, ja, er erkannte in schrecklichen Phasen sein Weib nicht einmal mehr, weil Medikamente den Blick verstellten. Paul Celan sprang dort in Paris von der Pont Mirabeau in die Seine.

Lassen wir diese Seligkeit von Paris in dem schön-traurigen Gedicht von Guillaume Apollinaire aus dem Band mit dem vielsagenden Titel „Alcools“münden:

LE PONT MIRABEAU

Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine dahin
Unsre Liebe auch
Ist Erinnern Gewinn
Aus traurigem Sinn wird fröhlicher Sinn

Komm Dunkel Stunde eile
Die Tage gehen ich verweile

Aug in Aug laß uns bleiben und Hand in Hand
Ach unter der Brücke
Der Hände schwand
Die Welle von ewigen Blicken verbrannt

Komm Dunkel Stunde eile
Die Tage gehn ich verweile

Die Liebe vergeht wie der Strom der wogt
die Liebe vergeht –
Wie das Leben stockt
Wie heftig die Hoffnung uns hinreißt und lockt

Komm Dunkel Stunde eile
Die Tage gehn ich verweile

Die Tage gehn hin und die Wochen gehn hin
Vorbei ist die Liebe
Nun Zeit verinn
Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine dahin

Komm Dunkel Stunde eile
Die Tage gehn ich verweile

 

 

„Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?“

„Von Christus selbst konnte man keine Reliquien haben, denn er war auferstanden: das Schweißtuch Christi, das Kreuz Christi, endlich das Grab Christi wurden die höchsten Reliquien. Aber im Grabe liegt wahrhaft der eigentliche Punkt der Umkehrung, im Grabe ist es, wo alle Eitelkeit des Sinnlichen untergeht. Am Heiligen Grabe vergeht alle Eitelkeit der Meinung, da wird es Ernst überhaupt. Im Negativen des Dieses, des Sinnlichen ist es, daß die Umkehrung geschieht und sich die Worte bewähren: ‚Du lässest nicht zu, daß Dein Heiliger verwese‘. Im Grabe sollte die Christenheit das Letzte ihrer Wahrheit nicht finden. An diesem Grabe ist der Christenheit [der Kreuzfahrer, Hinweis N.B.] noch einmal geantwortet worden, was den Jüngern, als sie dort den Leib des Herrn suchten: ‚Was suchet ihr den Lebendigen bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden‘. Das Prinzip eurer Religion habt ihr nicht im Sinnlichen, im Grabe bei den Toten zu suchen, sondern im lebendigen Geist bei euch selbst. Die ungeheure Idee der Verknüpfung des Endlichen und Unendlichen haben wir zum Geistlosen werden sehen, daß das Unendliche als Dieses in einem ganz vereinzelten äußerlichen Dinge gesucht worden ist.“ (Hegel, Philosophie der Geschichte)

Cranachaltar der Herderkirche in Weimar, Rückseite, Quelle: Wikipedia

Der Spaziergänger von der Kastanienallee – Daydream Nation

Aus dem alten Plattenspieler drang hart die Musik, ich dachte, diesen hämmernden Rhythmus des Synthesizers kennst du. Von früher, von irgendwoher, von damals. Auf der Tanzfläche oder in der Bar. Passend, DAF, Verschwende deine Jugend. Die ist vorbei. Es wurde gelebt. Es ist Flohmarkt auf dem schönen Arkonaplatz, der Name Kap Arkona erinnert an die Ferne, weit, weit hinaus aus der alten DDR, von der Küste Rügens abstoßen. Über die Ostsee führe das Schiff, aber nicht hinüber nach Schweden glitte es, sondern weiter in südliche Gefilde, ins Mittelmeer segelte das Boot – nach Syracrus. Als ich vor 20 Jahren zum ersten Mal die Kastanienallee im Prenzlauer Berg entlangging, war dies eine andere Welt. Ich erinnere mich kaum noch, ich habe damals auch nicht mehr photographiert, hatte jede Lust am Photographieren verloren. Die ersten Digitalkameras kamen Ende der 90er auf den Markt, aber sie taugten in der Regel nichts, die Bilder hatten kaum Tiefe, von der Auflösung ganz zu schweigen. Also blieb ich bei der analogen schwarz/weiß-Photographie und bei meiner Nikon F3, die einzige Alternative wäre eine D1 gewesen. Aber zu dem Zeitpunkt noch viel zu teuer und nicht ausgereift. Und wie es bei Elektroprodukten ist: Es kommt nach ein paar Jahren meist besseres. Also blieb ich bei der Nikon F3 und bei schwarz/weiß. Doch zum Entwickeln hatte ich kaum mehr Zeit, all die Filme, und die Bilder in der dunklen Kammer abzuziehen. Was ich damals sah, war das alte Ostberlin noch, zumindest der letzte Hauch, die letzten Ausläufer davon. Es gibt an der Kastanienallee inzwischen vitaminreiche vietnamesische Kost, es gibt indisches Essen mit Currysoßen, wie man sie vermutlich in Indien niemals essen würde.

Im Mauerpark kontrollieren sie einen Schwarzen, der wehrt sich, die Beamten ruckeln an seinem knallroten Fahrrad, der Mann wehrt sich heftiger, er wird verhaften, es kommen weitere Polizeiwagen heran. Aus der Nähe dringt der Rhythmus eines Synthesizers und eine Männerstimme singt dazu, während ein anderer Mann Schlagzeug spielt. Auf dem Hang zum Stadion sitzen junge Frauen und Männer mit Kaltgetränken oder einem tragbaren Kaffeebecher. Sie schauen, so wie ich schaue. Manche schlendern, andere stehen, plaudern, ein Mann zieht seine Kinder beiseite: „Kommt schaut da nicht hin, das ist nicht schön!“

In der Kastanienalle ein großes Treiben, Frühstückszeit. Heute kommen mir auf den Straßen junge Frauen entgegen, alle in ihrer Art der Typ Ronja von Rönne, elegant, aber nicht zu teuer gekleidet, ausgeprägte wuschige Augenbrauen, ich schaue bei Frauen immer auf die Augenbrauchen, viele der Frauen riechen nach Parfum. Ihr Parfum duftet gut. Sie sehen wie Modelle aus. Ich stelle mir vor, daß sie dieses Parfum auch auf ihren intimen Stellen aufgetragen haben. Meine Jugend kann ich nicht mehr verschwenden. Ich bin ein Beobachter, der das mit interesselosem Wohlgefallen oder Mißgefallen – je nachdem – sich betrachtet. Ich spaziere, ich schaue den Frauen ins Gesicht, manchmal drehe ich mich um, gehe interessanten Frauen nach, um zu sehen, wohin es die beiden Freundinnen treibt, oder ein Mann und eine Frau, Arm in Arm, noch nicht die leichte Sommerkleidung, heute, aber auch nicht mehr der dicke Winterflausch. Ich betrachte sie mir von hinten, schaue auf ihre Formen, blicke auf die Häuserfassaden der Oderberger Straße. Der Prenzlauer Berg ist pastellfarben geworden.

Nachteinsatz

Als ich losfahre, das Omen: ein Streifenwagen nach dem anderen, Blaulicht, sie halten vor der Shopping-Mall, die sich „Das Schloß“ nennt. Die Beamten springen aus den Wagen, hektisch, ich stehe an der Ampel, Grunewaldstraße, schaue neugierig, muß dann aber rechts abbiegen, vom Hindenburgdamm her kommt mir ein weiterer Polizeiwagen (Peterwagen sagt man dazu in Hamburg) im Höllentempo mit Blaulicht entgegen. Ich bin unterwegs zum Benjamin Franklin-Klinikum. Es ist kurz vor halb acht.

Ein Besuch nachts in der Notaufnahme erdet und macht demütig. Die kahlen Gänge, die Einlaßhalle Nord mit dem Interieur original aus den 70er oder 80er Jahren. Es ist die Kulisse eines Marthaler-Stückes, in die ich geraten bin, das einzig Moderne dort sind die Getränkeautomaten und der Automat mit den Süßsachen. Auch die wartenden, leidenden Menschen: eine Marthaler-Szene, nur reales Leiden diesmal und ohne die betörende Musik, die uns als Lebewesen beschlummert wegtaumeln läßt, um sodann irgendwann aus dem süßen Rausch des Summens und Säuselns wieder zu erwachen, wie das bei Marthaler üblich ist, und wieder stehen die Protagonisten mit dem leicht wirren Blick in der Welt, aus der sie für den Augenblick herausgetragen. Im Gesang, in der Musik.

Als meine Begleitung von einer schnarrenden Stimme aus einem Lautsprecher, der seine besten Tage rund 40 Jahre schon hinter sich hat, zum zweiten Mal aufgerufen wird, nun zum Röntgen, ich muß draußen warten, öffnen sich die Türen, hektisches Treiben, an mir vorbei, blicke ich, neben mir, auf halbtote Menschen, die an Geräten angeschlossen liegen. Piepen, fiepen, röcheln, Schläuche und offene Türen. Ich stehe da im Gang, wartend, und weiß nicht, wo genau ich hinsehen soll, aus Scham nicht, anderen beim Sterben, beim Leiden oder bei sonst etwas Intimem zusehen zu müssen oder aus Grauen vor dem, was ich da sehe, was sich da tut. Ich bin kein Freund solcher Szenen. Medizinisches Interieur, Kräfte mit lindgrünen und mit dunkelblauer Oberbekleidung aus leichtem Leinen, ein schwarzer Pfleger, groß, riesig, kräftig, in schneeweißem Kittel, ein Jungarzt mit französisch-charmantem Akzent, eine mürrische Röntgenärztin, an mich gewandt, mehr geschnauzt als gebeten: „Sie bleiben draußen!“ Was hatte sie gedacht? Daß ich mich den Strahlen freiwillig mitaussetze? Unwillkürlich abgelenkt von so viel Medizin und Notversorgung, und es öffnet sich die Glas-Schiebetür, hektisches Pressen und laute Stimmen, die Eindrücke fließen mir ineinander, ich im Gang wartend, keiner beachtet mich, ich schaue, höre die Geräusche, die nun lauter werden, sie stammen von der Szenerie mit Polizei, Rettungsleuten und Klinikpersonal, das vollgeblutete Krankenbett, ein Haufen weißer Blut-Lacken, darin ein junger Mann, „Sind Sie 18, sind Sie 18?“ hektische Stimmen, dunkle Haare schauen unterm Laken hervor, ich sehe nicht in die Augen, blicke vom Seitenwinkel nur, „Wo ist ihr Ausweis?“, dazu die Notärzte, Rettungssanitäter, Patient ab in den Schockraum, Messerstecherei. Dahinter ein zweiter junger Mann, aber deutlich entspannter im Gesicht und noch bei Bewußtsein. Technisches Gerät, Ärzte, die herbeieilen, andere die mit stoischer Miene zum nächsten Patienten eilen, die meisten Retter aber im Erstkontakt freundlich, ruhig, besonnen. Lange Zeit des Wartens. Im Gang, im Windzug der kreisenden Drehtür, seit Stunden dieselben Gesichter, die das, anders als ich, mit Ruhe ertragen – was bleibt ihnen auch anderes übrig? Die Frau im Rollstuhl mit dem Blasenkatheder, Wartezeit bisher: 4 Stunden, in Marzahn wurde sie zur Einweisung ins Krankenhaus abgewiesen, nun versucht sie im Benjamin Franklin ihr Glück, um auf Station medizinisch versorgt zu werden. „Libanesische Großfamilie, da können wir nichts machen.“ (O-Ton Polizei, raten Sie in welcher Stadt der BRD!) Ich bin zum Glück nur der Begleiter einer Freundin, die mit Asthma-Anfall zur Notaufnahme wollte. Wartezeit: 6 Stunden.

Ich lerne Demut. Und ich weiß nun, daß ich mir fürs Alter, wenn es mir einmal nicht mehr so gut geht, ein Ticket nach Zürich kaufen werde. Ich überfliege, wieder zu Hause, gegen Mitternacht, noch einmal die letzten Aufzeichnungen im Tagebuch von Fritz J. Raddatz. Als ich es damals, 2014, las, wußte ich, vom Ton dieser Texte her, daß dieser Mann sein Leben beizeiten beenden würde, und ich wußte auch, daß dieses Beizeiten recht bald käme. So geschah es. Die Lust an Kunst und am Schönen war diesem Schöngeist vergangen. Ausgebrannt, wie jede Flamme ausbrennt, die viel Sauerstoff frißt und Luft säuft. Für eine Kerze freilich, die man von zwei Seiten her anzündet, brannte diese Flamme lange. Vor knapp drei Jahren, am 25.2. nahm sich Fritz J. Raddatz sein Leben.

Krankenhäuser machen demütig. Und ich bin dankbar, dort nicht der Patient sein zu müssen, bin dankbar, daß ich an meinem Schreibtisch sitze, den Kaffee trinke und über den Büchern zur literarischen Romantik und zu Hegel hocke. Es ist ein angenehmes Leben. Ich tschecke meine Privilegien nicht, sondern ich freue mich über sie. Ich werde abends einen Riesling aus dem Elsaß trinken.

Avenidas!

Erinnert sich eigentlich noch jemand an die Leute, die 1987 laut protestierten und sich ob der Kunst im öffentlichen Raum empörten, als zur 750-Jahr-Feier von Berlin von Wolf Vostell „Zwei Beton-Cadillacs in Form der Nackten Maja“ am Kudamm aufgestellt wurde? Ach, wie haben sich die Zeiten gegendert, ähhhh, geändert!

Ansonsten ist zu dieser Causa eigentlich alles gesagt. Nur noch soviel: Der ursprüngliche Anlaß, das Gedicht zu entfernen, waren nicht „notwendige Fassadenrenovierungen“ und auch nicht der Wunsch, alle paar Jahre dort ein neues Preisträgergedicht stehen zu haben – darauf hätte man sich vorher und am besten gerichtsfest verständigen müssen –, sondern der ASTA-Vorwurf, daß dieses Gedicht sexistische Elemente enthielte. Um nochmal auf den Anfang der Debatte zu verweisen, lese man auf AISTHESIS gerne hier und auch hier noch sowie unter dem guten Titel „DUMMHEIT OHNE POESIE. Und: Wovor ich mich konkret fürchte“ bei Melusine Barby auf Gleisbauarbeiten.)

Mindestens genauso schlimm übrigens und verachtenswert ist die Haltung der Dichterin Barbara Köhler: Erst dieses Heranwanzen im FAZ-Artikel vom September 2017 an die ASH und dann sich selbst ins Spiel bringen und nun steht die Köhler mit ihrem Gedicht plötzlich auf der Fassade, bzw. wird auf der Fassade stehen. Mit einem dem ASTA und den allgemeinen Regularien für reine Lyrik aus dem Deutschen Hause Persilweiß genehmem Gedicht. Hofschranzenlyrik. Und dazu Schmu und Kuhhandel. „Lieber Dichter, dichte mir …“ Als Dichter täte ich mich für solch eine Haltung und solch bückdienerischen Opportunismus schämen. (Aber gut, dieses Spiel kann sich auch als „russisches Roulette“ erweisen.)

Ansonsten mein Vorschlag zur Güte: Eine weiße Wand und darauf: „Hier stand ein Gedicht“

Bild: Raimund Müller, Beton-Cadillacs am 24.11.2006, entnommen der Homepage https://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/ueber-den-bezirk/kultur-und-wissenschaft/skulpturen-und-denkmale/artikel.155638.php
 

Jene Hamburger Jahre. Zum Tod Uwe Kopfs

Heute vor einem Jahr verstarb der Kolumnist, Musikkritiker und Romanautor Uwe Kopf. Wer in den 80er Jahren in Hamburg lebte, sich für Musik interessierte und das einschlägig bekannte Stadt-Magazin „Szene Hamburg“ las, wird ihn kennen. „Tempo“-Leser vermutlich ebenfalls. Alle anderen haben im Leben etwas versäumt. Knapp nach Kopfs Tod erschien sein erster und letzter Roman mit dem schönen und rätselhaften Titel „Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe“. Kopf konnte ihn gerade noch vollenden und das vollständige Rohmanuskript abgeben. So kamen wir in den Genuß eines herrlichen Buches. Doch dazu später mehr, in einer separaten Kritik nächste Woche, zunächst ein paar persönliche Worte zu Uwe Kopf.

Als ich in den 80er Jahren Popmusik-Kritiken zu lesen begann, eher widerwillig, stieß ich schnell auf den Namen Kopf. Ihn oder genauer seine Texte zeichnete ein klarer und böse-bissiger Ton aus, treffend in mehrfachem Sinne. Ironisch, wortwitzig. Er konnte vernichten und spotten, doch er konnte genauso loben und den Sinn einer Platte herausstellen. Und manchmal eben auch den Unsinn solcher Musik. Nicht bloß aus einem vagen Gefühl heraus geschahen Verriß oder Preisung, sondern sprachlich versiert sezierte Kopf eine Platte oder ein Konzert.

Selbst wenn ich als Leser Kopfs Urteil nicht teilte, goutierte ich doch seinen Ton und den Witz seines Arguments. Allein um des Schreibtons willen las ich diese herrlichen Glossen. Kopf schrieb für das Stadtmagazin Szene-Hamburg, das wir alle damals kauften. „Szene“ war deutlich pfiffiger als das etwas zu betulich-alternative „Oxmox“, das eher für den Jahrgang einer älteren Schwester oder jung gebliebener Eltern gemacht war und qualitativ deutlich besser als das viel zu grelle und popperhafte „Prinz“, das zudem von Ahnungs- und Witzlosen beschrieben wurde.

Später im Studium entdeckte ich diese Art des Kopf-Schreibens auch bei Karl Kraus, freilich um einige Drehungen subtiler. Aber hier, beim Pop und bei Kopf paßte es, Oberfläche und Tiefe waren gut austariert. Sätze wie „Lieber Aids haben, als so auszusehen wie Jimmy Somerville“ (Sänger von Bronski Beat) trafen damals meinen Geist von Zeit und bösem Witz – zumal ich diese Band nicht mochte. Und auch, daß Kopf gerne Weiberärschen nachsah, befriedigte und stieß auf Wohlwollen. Warum verschweigen, was in den meisten Köpfen von Menschen vorgeht? Keiner ahnte damals, daß ein neues viktorianisches Zeitalter bevorstand. Diesmal im Zeichen einer tugendterroristischen Gender-Linken, linke Ideale von Liberalität und Freiheit verratend.

Kopfs Verrisse waren legendär und böse. Manchmal auch liebevoll-böse, wenn er über Wolfgang Broschs Krachscheibe „Sic Transit Gloria Mundi“ immer vom Bröschchen sprach. Wer Wolfgang Brosch kannte, wie er cool im Plattenladen „Michele“ hinter der Kasse hockte, mit langen Haaren und hartem Blick, wird erdenken können, daß Kopf hier teils treffend, teils aber auch mit liebevollem Ton die Sache gut auf den Begriff brachte: Das Szene-In-Gebrummel vom Brosch und von vielen anderen – das, was heute vermutlich als toxische Männlichkeit gelabelt würde – war eine Form von Versteckspiel und gehörte zum guten Ton in der Hamburger Düsterszene (und nicht nur dort) mit dazu.

Während des Studiums im Sommer, die DDR gab es noch, aber die 80er näherten sich ihrem Ende, was sich auch musikalisch bemerkbar machte, ein neuer Klang hielt Einzug, hockten die ultrahübsche dunkelhaarige, schwarzkittelige Catrin und der brave Bersarin oft auf dem Campus am Rasenrand, nach einer Vorlesung zur Französischen Philosophie im 20 Jahrhundert etwa. Während wir von den Kopf-Kritiken schwärmten und über den bösen Ton lachten, während sie manchmal etwas zu freizügig dasaß und ich meinen Blick der jungen Jahre versuchte, möglichst unschuldig und unverfänglich in der Gegend schweifen zu lassen statt auf Schambehaarung und ihr zartes, weißes Fleisch der Oberschenkel oder die schönen herausflupschenden Brüste zu sehen, denn immerhin nannte C. mich, meist leicht spöttisch, „Herr Geist“, während ich dies mit einem koketten „Frau Körper“ erwiderte: so mußte ich beim verstohlenen Schauen schließlich meinem Ruf als Geist und als Ästhetiker zugleich gerecht werden.

Das war nicht ganz einfach, wenn man einerseits über Sartre und die Metaphysik sprach und andererseits auf eine sehr erotische und knappe Unterhose schaute, während manche Frau in der Kunstgeschichte noch Frotteehöschen trug, was heute wiederum cool wäre. Soviel nur: es war eine wunderbare Zeit der Freiheit. Es wurde geraucht, getrunken, böse gewitzelt, geglotzt und gesehnt und wohl auch viel  gevögelt und gefummelt vor allem. Also ganz anders als die Prüderie der heute so korrekten Studenten, die sogar, wie vom System gefordert, richtig gendern und brav, wie es sein soll, in der abgezirkelten Raucherzone rauchen und die dafür plädieren, alles, was die zarten Schneeflöckchen nur leicht verstören könnte, von Wand und Tafel zu entfernen – und sei es bloß ein Gedicht.

Soviel nur als kleines Vorspiel zu Uwe Kopf. Irgendwann verlor ich seine Kolumnen aus den Augen, ich glaube, er schrieb nicht mehr für die „Szene“, und ich beschäftigte mich, was die Ästhetik betraf, nicht so sehr mit Musik, sondern mit anderen Medien. Und auch „Tempo“ interessierte mich als altklugjungen Adorniten und Hegelianer nicht sonders. Doch gedacht habe ich immer wieder an diese Art von Schreibe, diesen Stil, vor allem wollte da einer nicht auf Jungderrrida machen oder Plattenkritik à la Lacan fabrizieren, sondern Kopf erzählte uns von der Musik. Ich vermißte Kopf und ich vermisse diesen Stil Kopfs bei den meisten Kritikern des etablierten Feuilletons. Ich vermißte ihn eigentlich immerzu.

Ein wenig fand ich diesen gewitzten Ton und den Spott beim frühen Jens Balzer in der „Berliner Zeitung“, vor 12 Jahren, aber dort wurde es irgendwann abgestanden und schal und auch das politisch Korrekte, die Sauberkeitserziehung dieser Generation der Überangepaßten war meine Sache nicht. Also das Gegenteil von all dem, wofür Uwe Kopfs Schreiben stand. Sowieso war Kopf in seiner Bosheit noch viel böser, in seiner Schärfe schärfer, in seiner Apodiktik apodiktischer und es kam bei ihm immer auch dieser Ton von Schwermut mit hinzu – ein vielleicht nicht ganz und gar treffendes Wort, aber ich finde kein anderes.

Nein, ich kannte Uwe Kopf nicht persönlich und wäre auch nicht auf die Idee gekommen, ihn irgendwo anzusprechen oder anzuschreiben. Irgendwann, es gibt diese Zeit, wo man bemerkt älter zu werden und das zeigt sich daran, daß der Modus des Erinnerns zunehmend aktiviert wird, statt des Modus Leben: das Leben also einfach als Leben zu nehmen, so wie damals auf dem Campus mit C. oder mit anderen schönen Menschen, irgendwann also googelte ich Uwe Kopf, sah daß er eine Kolumne für die B.Z. schrieb. Erst 2016 stieß ich bei meinem Facebookfreund Sven Heuchert (Dunkels Gesetz, Rezension von mir hier bei AISTHESIS.) auf einen gewissen Uwe Kopf und dachte mir, vom Textton  und auch von dem seltsamen Bild her, obwohl sich Uwe Kopf mit Bildern bedeckt hielt, in der „Szene“ fand ich damals nie (oder nur ein einziges Mal) eines von ihm, daß dies doch wohl jener Kopf aus meiner Hamburger Zeit sein müsse.

Er war es dann auch, wie ich bemerkte und was man unschwer an seiner Art zu kommentieren und zu schreiben herauslesen konnte. Artig bedankte ich mich bei ihm auf Svens Profil – auch mit einer Anekdote: Denn meine Kopftextversessenheit war damals so groß, daß ich Ende der achtziger Jahre ein Buch mir in der Auslage griff, worauf der Titel stand „Von der Nutzlosigkeit erwachsen zu werden“ von Uwe Kopf und zudem von einem Georg Heinzen, den ich nicht kannte. Ein eigentlich hellsichtiges Buch, vom Titel her, das ein Zeitgeistphänomen, welches im Grunde erst Mitte der 90er bis weit in die 00er Jahre zu einer Marotte von Männern und auch von Frauen sich auswuchs, hier bereits in den endenden 80er zart andeutete. Als ich das Buch dann, von der Heinrich Heine Buchhandlung zu Hause angekommen, aufschlug und mir nochmal das Cover betrachtete, stand da aber als Autorenname nur Uwe Koch. Das Buch war trotzdem gut. Blindheit aus Einsicht.

Was fehlt mir? Ein Buch mit Kopfs besten Kritiken und Artikeln. Manchmal läßt sich gerade aus solch flüchtigen Phänomenen wie Popmusik samt ihrer Kritik so etwas wie der Geist einer bestimmten Epoche ablesen. Jene schweren und zugleich so unendlich leichten 80er Jahre, wo manche dachten, die Welt ginge wegen Atomkraft, Waldsterben, Atomraketen unter. Sie tat es nicht, sie machte weiter. Trotz Tschernobyl. Ich denke mittlerweile, die Welt steht als Mittelpunkt immer gleich nah zum Untergang. Egal von welcher Position aus man schaut. Allerdings hat das Atom einen Umschlag der Quantität in eine neue Qualität bewirkt. Günter Anders erkannte dies in seinem Buch „Die Antiquiertheit des Menschen“ früh und sprach von der promethischen Scham. Vielleicht aber deutete jener Buchtitel „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ von Milan Kundera, der dann 1988 auch verfilmt wurde, jene Zeit der 80er Jahre gut an und liefert vom Titel her eine passenden Slogan, um diese Zeit in einer Redewendung zu zeichnen.

Kopfs Kritiken und Texte gehörten für mich zu diesen wunderbaren, wilden, schönen und manchmal auch liebestraurigen Jahren. Womit ich im nächsten Zug bei Uwe Kopfs zartem, schönen, frechen und melancholischen Hamburg-Roman angelangt bin: „Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe“. Uwe Kopf hätte, als strenger Redakteur aus den beiden letzten Sätzen alle acht Adjektive gestrichen und auch sonst manches hier im Text gestrichen, verbessert, kritisiert. Nun lebt er aber nicht mehr, ich schalte und walte also relativ frei, und so gebe ich in schöner Erinnerung an Uwe Kopf noch einmal jenes „Regelwerk“ mit auf den Weg, das Kopf als Textredakteur seinen Tempo-Schreibern ans Herz zwang.

Bildquelle: B.Z., Photo: Friederike John
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