Böhmischer Prater – Wien

Wien, Ende September 2018, Blasmusik tönt, wie selbstverständlich laufen die Burschen in Lederhose und die Madeln tragen Dirndl. Sie strömen zum Prater, dem Vergnügungspark im 2. Wiener Bezirk. Auch dort feiern die Wiener „ihr“ Oktoberfest. Exportiertes Bajuwarentum. In heutigen Zeiten hingegen will feiern gut überlegt sein – ob Gangbang, Bungabunga, Kit-Kat, Diskofox oder des Onkels 50er Geburtstag: nur mit negativem Coronatest oder gar nicht. Irgendwann aber geht es wieder nach Wien und auch in den herrlichen Prater und eben jenen „anderen“ Prater.

Den Prater, auch Wurstelprater genannt, kennen die meisten Wienreisenden zumindest dem Namen nach, wenngleich der tatsächliche Prater sehr viel größer ist, nämlich eine gedehnte Parklandschaft mit Auenwald, zwischen Donaukanal und Donau, im Südosten Wiens, nahe des Zentrums. Eine herrliche Landschaft, um sich zu erholen: obwohl Wien für den Besucher Erholung genug ist. Wer bisher nicht im Prater war, erinnert sich aber an jene spektakuläre Szene aus dem Film Der Dritte Mann: das Riesenrad, hoch über dem düsteren Nachkriegs-Wien und jene Gondel, wo Harry Lime (Orson Welles) seinem alten Freund Holly Martins (Joseph Cotton) mit Zynismus die neue Zeit erklärt. Der Prater in Wien-Leopoldstadt ist bis heute ein Riesenrummel.

Wer jedoch eine ausgefallenere Art des Jahrmarktes mag, wer Dinge schätzt, die aus der Zeit gefallen scheinen und wer Sinn fürs Abseitige hegt, der reise aus der Stadt hinaus in Richtung des Naherholungsgebiets Laaer Berg, an der Stadtgrenze, im Süden Wiens, 10. Bezirk Favoriten. Das ist Arbeitergegend, immer schon. Früher lebten dort Tschechen, heute die Kroaten, die Türken, die Kosovaren, und ebenso die Ureinheimischen. Eine Vielvölkerstadt. Mit der U-Bahn-Linie 1 fahre ich bis zum Reumannplatz, eine unwirtliche Gegend, nichts Spektakuläres dort, außer dem üblichen Grau oder ein Schißgrün des Wiener Gemeindebaus. Hier ist man im tatsächlichen Wien, weit ab von Heurigengemütlichkeit, von Stephansdom und Straußscher Walzerseligkeit. Hier fragt keiner in Barockkostüm verkleidet, ob man Karten für das große Wienerwalzerkonzert erstehen möchte. Hier ist Kanacksprack. Ich eile weiter und suche den 68er Bus, der mich zumindest in die Nähe dieses anderen Praters bringt, des Böhmischen Praters. Von der Haltestelle Urselbrunnengasse aus laufe ich dann nochmal eine Viertelstunde, um an diesen sagenumwobenen Ort zu gelangen. Leicht zu erreichen ist dieser Vergnügungspark nicht. Zumindest nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln, und wer es mit dem Fahrrad versucht, sollte keine Herzbeschwerden haben.

Endlich angekommen und dann geht’s hinein in die Welt des Vergnügungsparks, genauer gesagt eines Rummels, den es eigentlich so gar nicht mehr geben dürfte, weil man denkt, daß seine Zeit lange schon abgelaufen ist. Gleich links beim Eingang fällt mein Blick auf ein altes Ringelspiel. Dies ist die Bezeichnung für ein Karussell, dessen Figuren sich artig im Kreis drehen. Das Ringelspiel hat eine lange Tradition, es stammt vom Training der Ritter, die mit einer Lanze die seitlich aufgehängten Ringe durchstachen. Im Barock diente dieser Wettkampf dann zur Belustigung und wurde als Ringelreiten zum Vergnügungsspiel auf ein „Carrousel“ montiert.

Der Böhmische Prater entstand 1882, als sich eine Reihe von Ausflugslokalen für die Arbeiter auf dem Laaer Berg ansiedelte. Jene waren nötig geworden, damit die Habsburger Herrlichkeit sich erweiterte und die Stadt Wien neue Dimensionen annehmen und sich industrialisieren konnte. Wien wird zur Großstadt demoliert, so spottete später Karl Kraus. Zu den Ausflugslokalen für die Arbeiter gesellten sich 1883 die ersten Fahrgastgeschäfte: Kettenkarussell und Russische Schaukel. Damals hieß er noch Favoriten-Prater doch schnell bürgerte sich wegen der vielen Tschechen der Name Böhmischer Prater ein. Im Illustrierten Wiener Extrablatt von 1884 heißt es: „An Sonntagen geht es im Prater am Laaerberg, von welchem man eine herrliche Aussicht auf die Residenz genießt, so lustig zu, wie in der Donauau in der Leopoldstadt, welche Kaiser Joseph den Wienern geöffnet hat.“ Der eine und der andere Prater eben.

Weniger schön beschreibt es 1886 die Vorstadt-Zeitung:

„Ekelerregende Schnapsverkäuferinnen, welche in czechischem Idiom ihre Waare anbieten; schmutzstarrende alte Weiber, die um Almosen stehen. Krüppel, welche ihre Gebrechen zur Schau stellen, verstimmte Leierkasten, die ihre ohrenbetäubenden Klänge zum besten geben, markieren die Wege zu dieser merkwürdigen Kolonie.“

Im 20. Jahrhundert mußte die Politik den Schaustellern oftmals unter die Arme greifen, weil die Eigentümer des Geländes andere Projekte im Sinn hatten: 1984 wollte eine Firma für Spielautomaten dort Hotels und Spielhallen erreichten: „Klein Las Vegas“ sollte hier erblühen. Dem machte jedoch der Bezirk einen Strich durch die Rechnung. Das Praterareal wurde durch die Stadt Wien gekauft und so war ab 1986 sichergestellt, daß die Schausteller weitermachen konnten.

Das alte Ringelspiel von 1890 kreist also zum Glück noch immer. 1984 wurde das Karussell wegen seiner Einzigartigkeit unter Denkmalschutz gestellt. Mit seinen 12 Holzpferden ist es das älteste Ringelspiel Europas. Die Pferdchen heißen Peter, Susi, Otto, Gitti. Sie drehen sich und drehen sich an diesem Sonntagnachmittag im Kreis, zusammen mit der alten schönen Straßenbahn, dem BMW-Motorrad, der Dampflok und dem Oldtimer. Aber es sitzen nur wenige Kinder auf Pferd, Wagen, Motorrad. Karussellmusik ertönt aus der alten Orgel. Es ist wie in vergangenen Tagen und wenn man ein wenig phantasiert, reist man zurück in diese Zeit. Auch das macht den Reiz dieses Ortes aus. Aus der Zeit gefallen.

Aber der Böhmische Prater ist keineswegs nur Museumsdorf, sondern es gibt genauso moderneres Gerät. Der Karibik-Twister, die üblichen Automaten zum Armdrücken, Biergärten und der klassische Autoscooter, der hier schön alt Autodrom heißt.

Als Stadtspazierer ist es nicht meine Spezialität mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Aber gut ist es doch, auch mit Leuten zu sprechen, mit den Schaustellern, und sie zu befragen. So erfährt der Spaziergänger Dinge. Ich gucke ich mir jemanden aus, und am Riesenrad treffe ich Franz Reinhardt, Inhaber des alteingesessenen Schaustellerbetriebs gleichen Namens. Reinhardt ist zugleich Obmann im Verein der Schausteller im Böhmischen Prater. Ich frage ihn, wie lange er dieses Geschäft betreibe. Das, so Reinhardt, sei ein Lebenswerk, immer schon habe er das gemacht. Doch im Lauf der Zeiten hat sich vieles gewandelt. Das Geschäft ist härter geworden, die Konkurrenz durch andere Unterhaltung erheblich und die Leute kommen seltener. Zusammen mit dem Riesenrad betreibt er das Kaffeetassenkarussell und die alte Kartbahn für die Kleinen. Karussells mit Nostalgie, mit viel Charme und Schönheit.

Ich denke beim Anblick des Riesenrades und dessen Design an die 70er Jahre, obwohl es erst 1988 aufgebaut wurde. Aber genau so sahen auch damals die Gondeln aus. „Warten Sie mal!“, sagt Franz Reinhardt. Dann verschwindet er in seiner Schaustellerkabine und als er wiederkommt, hält er einen Katalog in der Hand: Favoriten und der Böhmische Prater. Laaerberg – Der andere Wiener Wald. „Darin finden Sie alles, was Sie wissen wollen“, sagt Reinhardt. Dann folgt eine Szene, die ich mir lieber nicht gewünscht hätte, und von diesem Punkt an hätte das Gespräch gerne beendet sein können. Aber das war es nicht. Es nahm eine unangenehme Wendung: „Und jetzt fahren wir Riesenrad!“, rief der Herr Reinhardt vergnügt. Die Sache hatte nur einen Haken: ich bin nicht schwindelfrei. Daran hat auch – als Konfrontationstherapie – das Fallschirmspringen nichts geändert, obgleich es doch seinen Reiz hat, mit einer alten Antonow in den Brandenburger Himmel aufzusteigen. Nicht einmal eine Leiter geht, geschweige ein Sessellift. Und schon gar nicht das Riesenrad. Ich lehne dankend ab, aber Herr Reinhardt hat eine Art zu überzeugen, der ich nicht wiederstehen konnte. Außerdem muß man für eine Reportage Opfer bringen, denke ich mir. Andere wühlen unendlich in Akten und recherchieren, ich hingegen fahre Riesenrad. Ich bin ein weißer alter privilegierter Mann, der seine Privilegien schwer genießt. Wir steigen ein. Herr Reinhardt gibt ein Zeichen und auf geht die Reise in der Gondel mit der schmalen Brüstung. Aber für Sicherheit ist gesorgt, er sei ja mit an Bord, so murmelt Herr Reinhardt.

Nein, das Riesenrad ist nicht riesig, es mißt gerade mal 21 Meter, das Wurstelprater-Riesenrand hat eine Höhe von knapp 65 Metern. Doch wenn man oben ist, schwebt man über Wien, sieht von der Höhe des Laaer Bergs auf die Stadt hinab. Donaucity und die alten Gasometer, in der Ferne der Stephansdom und noch weiter im Horizont ragt der herrliche Kahlenberg. Es ist ein wunderbarer Blick über das geliebte Wien. In der Höhe, auf der Spitze verharren wir ein wenig, ich schaue auf diese so schöne Stadt, die Augen fest auf den Horizont gerichtet, wie man es bei Schwindel macht. Froh bin ich jedoch, als es wieder zur Erde geht. „Sehen Sie, ist doch gar nicht schlimm!“. Nein, das war es nicht, ich bedanke mich artig und schlendere weiter. In Richtung des Ausgangs zum Laaer Waldes.

Doch vorher erwartet mich noch das alte Raupen-Karussell der Familie Geissler. Am Kassenhaus ist ein Schild angebracht: „Diese Raupe wurde im Jahre 1929 von meinem Onkel Rudolf Rusniak gebaut“. Neben der Raupe findet sich die uralte Karussellorgel. „Die Orgel entspricht einer Orchesterkapazität von ca. 25 Mann“ steht da in alter geschwungener Schrift. Ich stehe und staune angesichts dieser Pracht der liebevoll bemalten Figuren und der Orgelpfeifen. Ich werfe einige Euro-Münzen in die Büchse des Leierkastenmanns. Er ist aus Holz und hat einen buschigen Oberlippenbart.

Und dann geschieht das unvorstellbar Schöne: Plötzlich heben die Orgelpfeifen zu spielen an, Kirmes-Musik setzt ein. Langsam, schunkelnd, dann scheppert, hämmert, orgelt und tönt es, nicht zu laut, nicht zu leise, sondern so wie es auf einem Jahrmarkt sein muß. Und da erklingt sie plötzlich: die Wiener Walzerseligkeit, Straußens An der schönen blauen Donau. Aber nicht im Konzertsaal mit erlesenem Publikums und feinen Instrumenten gespielt, sondern fürs Volk, schief, krachend und wie in einem Stück Ödön von Horváths. Das ist melancholisch und zugleich anrührend schön.

Konservative wollen etwas bewahren, was eigentlich nur noch in unserer Erinnerung seinen Ort hat. Traurig und doch auf eine Art beglückt schlendere ich fort in Richtung der Wälder.

Chronologie des laufenden Schwachsinns (1). Teresa Bücker

Ich freue mich schon, wenn die Kinder von Klein-Teresa erwachsen sind und gegen die woken, weicheierigen Eltern rebellieren. Das wird ein Heidenspaß.

Die beste Kindergeschichte für Leute wie Klein-Teresa wäre vermutlich ein Kinderbuch, wo alle Figuren auf allen Seiten gar nichts tun: Sie sagen nichts, sie fragen nichts (schon gar nicht „Wo kommst du her?“), sie machen nichts, sie bewegen sich nicht, sie berühren sich nicht, sie lächeln nicht. Denn wenn man nichts macht, kann man auch nichts „falsch“ machen. Sie haben sich alle im Schrank versteckt. Der Schrank ist der Safer Place. Da ist es warm und dunkel und niemand tut einem etwas. Triggerfreie Zone. Mir tun diese armen Kinder unendlich leid, die in der freudlosen Welt einer Teresa Bücker aufwachsen müssen.

Andererseits finde ich es aber gut, daß es Leute wie Teresa Bücker gibt: Es gibt immer was zum Lachen.

[Vielleicht wird dies ja eine neue Blogrubrik, wo man besonders lustige oder eben dämliche und deshalb eben unfreiwillig komische Beiträge einstellt, um Leute wie Bücker auszulachen. Eine Art Hausbuch der nichtliterarischen Niederkomik. Weitere Anwärter hier könnten Mario Sixtus und Margarete Stokowski sein.]

Erfahrungshunger: Deutschland neuf zéro. Marie Rotkopfs „Antiromantisches Manifest“

Ein Manifest macht eine Sache sichtbar und offenbart sie – das zumindest ist die etymologische Bedeutung: manifestare, manifestus. Und darin steckt ebenso: etwas handgreiflich machen und das kann manchmal auch in einer vergröbernden Skizze und als Wutrede erfolgen. Ein Manifest ist keine Erörterung. Das prominenteste Manifest ist das der Kommunisten – von Marx und Engels als Programmschrift verfaßt. Es diente Marx und Engels dazu, unterschiedliche Menschen zu sammeln, die alle eines gemeinsam hatten, nämlich ihre Haut auf dem Markt feilbieten zu müssen. Und auf diese Weise des Sammelns sich zu organisieren und eine Partei zu gründen: nämlich die der Arbeiter. Das Manifest besaß insofern – unter anderem – eine politische Funktion. Die Manifeste der Dadaisten wiederum spielten mit dem Charakter des Manifests. Sie stellten diesen Charakter aus und stellten ihn damit zugleich in Frage. Denn wer Dadaismus als System betrieb und dazu Regeln und Manifeste schrieb, konnte im Grunde kein echter Dadaist sein. Die Surrealisten oder genauer gesagt André Breton, nahm in seinen Manifesten die Sache deutlich ernster. So ernst, daß die Bewegung der Surrealisten am Ende nur noch aus André und aus Breton bestand. Individualismus immerhin wie ich ihn schätze.

Nun gibt es von Marie Rotkopf, einer 1975 in Paris geborenen, und teils in Deutschland lebenden Autorin und Künstlerin, ein Buch mit dem Titel „Antiromantisches Manifest“ – erschienen 2017 im Hamburger Nautilus Verlag. Teils ist es lyrisch-prosaisch, teils ein politisches Manifest, das Zustände in Deutschland kritisiert, besonders den Nationalismus – zuweilen in polemischer Überspitzung. Teils ist es eine Wutrede geegn die Saturiertheit, die in Europa, die in Deutschland herrscht. Jene Betulichkeit.

Das antiromantische Manifest ist eine Sammlung von Texten bzw. unterschiedlichen Textformen, von Poesie, über Pamphlet und Polemik bis hin zu Kurzgeschichten, die in unterschiedlicher Weise um den Begriff Romantik kreisen und diesen kritisieren, ja mehr noch: ihn zermalmen. Es geht um Politik, in unterschiedlichen Konstellationen, es geht um Heimat, es geht um Deutschland und dessen Vergangenheit und das Vergessen. Und es geht vor allem – aus politischen wie ästhetischen Gründen – um ein Nicht-zu-Hause-sein, keine Heimat, kein Ort, nirgends, was ja wie man meinen könnte, auch die Utopie ist:

„Das Antiromantische Manifest ist ein Plädoyer für das Fremdsein als Fremdheit, als einzig mögliche Lebensform“

In gewisser Weise kann man dieses Manifest mit Walter Benjamins Schrift zum destruktiven Charakter zusammenschließen, dem es um ein „positives Barbarentum“ geht. Einreißen, um aufzubauen. Aber was bauen?

„Wir sind nicht empört, wir sind fertig mit dem Idealismus.

Wir verweigern die westliche Propaganda.
Wir verdammen die europäische und amerikanische Kommunikation.
Die Verdrehung des Geschichtsverständnisses,
die Obszönität der Diskurse verabscheuen wir.

Unser sehr tiefes Gefühl der Feindschaft ist zuerst einmal die Energie der Luzidität.

[…]

Aus dieser rettenden Asymmetrie in uns, dieser Opposition werden wir dann an der antiromantischen Zerstörung arbeiten.“

Fragmente der Destruktion, insbesondere aufgrund einer bösen und entsetzlichen europäischen und deutschen Vergangenheit. Die darauf folgenden Bestimmungen der Romantik, etwa als „Nostalgie für die Stände, das mittelalterliche Christentum“, „wo alles seine Ordnung haben muss, seinen Platz“ und daß Romantik eine Chiffre erschaffen habe, „um die Knechtung der Menschen zu begründen“, halte ich für eine (zudem falsche) Zuspitzung. Man kann solche Sätze, als literarische Form, dem Charakter des Textes als Manifests zuschreiben, insofern will ich sie nicht im Modus eins-zu-eins-lesen. Denn ansonsten wären sie falsch oder bedürften doch der Gegenworte. Man lese nur einmal Novalisʼ „Die Christenheit oder Europa“ oder die Schriften Friedrich Schlegels aus den 1790er Jahren: Aufklärungs- und Zeitkritik mit den Mitteln der Aufklärung und das ästhetische Bewußtsein für eine neue Zeit, die gerade nicht die Nation zum Zentrum erhob. Aufklärung ist in ihren Formen plural, auch in ihrer frühromantischen Form. „Romantik entschleiert“ heißt jenes Kapitel bei Rotkopf – es paßt der Titel insofern schön, weil es bereits jenem Novalis um den Schleier, die Entschleierung der Wahrheit und damit auch um das Bildnis zu Sais geht – und damit jenem Jüngling, der tot niederfiel, als er den Schleier hob. (Nietzsche, Nietzsche: auch dazu: das Spiel mit den Schleiern und die Wirkung der Frauen aus der Ferne, die Wahrheit als Weib, die Gründe hat, ihre Gründe nicht sehen zu lassen: auch eine Logik des Fetischismus. Aber das ist ein anderes Thema wieder.) Gegen solches Entschleiern richtete sich im übrigen einer der Züge der Romantik – aber nicht bloß, um in Mystik und im ungefähren zu verharren, sondern um einen anderen Begriff von Wahrheit ins Spiel zu bringen: Wo nicht mehr Zahlen und Figuren … Aber dazu weiter unten mehr.

Manche von Rotkopfs Polemiken treffen, so die über jenen deutschen Zynismus im Umgang mit Griechenland nach der Finanzkrise: ein deutscher Umgang, der „in der Weise zynisch [ist], wie die Deutschen vor siebzig Jahren die Kosten der Okkupation Griechenlands die Griechen selbst bezahlen ließen und wie Angela Merkel die Flüchtlingsfrage benutzte (und parallel alle Flughäfen Griechenlands verkaufen ließ), um sich eine Weile als Retterin des christlichen Europas zu krönen …“

Da stimme ich als Leser zu. Anderes scheint mir im Modus der Hyperbel oder eben im Modus der Ironie zugespitzt und verfehlt dadurch zuweilen bei mir seine Wirkung. Rotkopf polarisiert, macht sich lustig, so z.B. über Nationalismus und deutsche Misogynie:

„Im frauenfeindlichsten und antifeministischsten Land Europas: Deutschland.
Der Schoß aus dem diese Romantik, die wiederauferstandene Totale Demokratie kroch, inmitten des korrektesten und unterwürfigsten Volkes der Welt, ist fruchbar noch.“

Es erinnert die Übertreibungskaskade mich an Houellebecq, für Thomas Bernhard ist die Diktion zu französisch – was ich als Kompliment meine. Wobei ich wiederum nichts gegen Bernhard gesagt haben will, aber die Art und die Weise des Schimpfens und Bezichtigens haben vielleicht doch mehr mit der nationalen Prägung zu tun als wir es ahnen. Johann Gottfried Herder ein Stück vergröbert: der Volksgeist des Bezichtigens. Aber da die Textform Manifest heißt, liegt solche Wirkung auch in der Form gegründet. Ein Manifest ist keine theoretische Erörterung. Das ist, so denke ich mir, schon auch ein hochromantischer Zug. Die Wut, der Furor, aber auch Rotkopfs Zorn: Haß auf die Romantik. Klingt das Wort „Haß“ auf Deutsch oder auf Französisch angemessener und was gibt von der Aussprache her lautermalerisch jenen harten Untergrund besser wieder? In Französisch heißt es le haine. Das klingt weicher als der scharfe Haß. Wir Deutschen sind da vielleicht besser geeignet. Ich hätte hier gerne noch meinen romantisch-antiromantischen Liebling Kleist mit ein paar seiner Wutausbrüche zitiert, aber das führte dann nochmal fort in eine andere Richtung.

Manchmal lädt das Manifest mich gleichsam zum Gegenschimpfen ein. Auf eine mir inzwischen tief-verhaßte Linke – oder zumindest großer Teile derselben. Und in den anderen Lagern ist es ebensowenig besser: diese Erfahrung des Fremdseins teile ich womöglich mit der Autorin. Fremdsein ist übrigens eine zutiefst auch romantische Erfahrung – und dazu muß man nicht einmal Schuberts „Winterreise“ bemühen: „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.“ Und so merke ich, daß ich beim Lesen mit der Autorin in einen Dialog trete, ich ärgere mich an manchen Stellen, will Rotkopf widersprechen, Aspekte korrigieren. Romantik ist revolutionär, zumindest die Frühromantik aus Jena. Ja, auch das kann das Ziel eines Manifests sein: Sichtweisen zu irritieren, auch durchs Zuspitzen. Wie etwa dieses:

„Die konservative Rollenverteilung ist von der Mehrzahl der deutschen Paare gewollt, viel mehr noch als in den 1990er Jahren.“

Da spricht sie vermutlich eine Wahrheit aus und das mag insbesondere für Westfrauen gelten, bei den klugen Frauen aus der DDR höre ich andere Geschichten. Und bei einer auf der ganzen Linie versagenden Linken, die sich inzwischen die Identitätspolitik von irgendwelchen Binnen-Gruppen aufs Revers geschrieben hat: da tauchen die Leute, die man erreichen will, weg, werden ganz zu recht konservativ, machen es sich auf dem Sofaplaneten mit einer Decke oder einem Liebsten bequem oder sie werden zu recht unpolitisch oder geben lieber der FDP ihre Stimme als in Berlin der Linkspartei – was einfach nur sträflicher Leichtsinn wäre. Linke Politik hat dann Konjunktur, wenn sie die Leute überzeugt. Wer aber bereits alles hat, der will nicht Revolution, sondern seine Ruhe; und wer solche wie Till Raether, Mario Sixtus, Georg Diez, Sibel Schick, Stokowski, Bücker oder Paßmann sieht, der nimmt eher Reißaus, als daß er sich für Politik, Antirassismus oder für Emanzipation interessiert. Und das nicht wegen der Inhalte, sondern wegen deren Performanz. Die beste Waffe der Konservativen sind jene Weiber und Typen. Und auch gegen die teilt Rotkopf aus, sie karikiert einen lächerlichen Feminismus aus den Wohlstandsetagen von Spiegelhochhäusern:

„Fakt ist.
dass ihr seid eine Mischung aus Eva Braun, Judith Butler
und Yoko Ono
mit euren Tagen des Anderssein-Wollens
 in euren freien Ghettos
ihr merkt es nicht 
eure Referenzen,
eure Wiederholungen,
eure Kreistänze heutzutage

Ihr habt Angst vor allem
vor anderen Frauen.“

So in ihrem Gedicht „Toleranz“, das ein Wutausbruch ist und den Titel in eine schöne Paradoxie führt. Gegen die gepflegte Wohlfühllinke, die es sich in den Medien gut eingerichtet hat und sich auf Twitter jeden Tag gegenseitig masturbieren.

Gegen jene Hoffart einer identitär-kulturalistischen Linken, aber ebenso gegen einen dummen Nationalismus. (Die Jenaer Frühromantik übrigens war alles andere als ein nationales Projekt. ) Immer wieder ist bei Rotkopf jene deutsche Vergangenheit das Thema und es gibt aufgrund der Vergangenheit Deutschlands durchaus ernste Hintergründe, einen Exzeß mit Axt zu starten – zumal die Autorin jüdische Vorfahren hat; und ich wäre in diesem Falle mit dem Vergessen und Vergeben ebenfalls nicht allzu großzügig, ganz im Gegenteil. Subjektiv gesehen ist der teils kleistische Furor des Manifests verständlich. Und diese nicht mehr zu tilgende deutsche Geschichte und dieser Hintergrund motivieren den Ton dieses Manifest, und darin treffe ich mich womöglich auch mit der Autorin, wenngleich ich keine jüdischen Vorfahren, sondern nur kaschubische, hugenottische und norddeutsche habe. Andererseits gibt es wohl kaum ein Land, das – spätestens seit den frühen 1960er Jahren – derart intensiv sich mit dem schlimmsten Grauen beschäftigte. Selbst wenn dies vielfach nicht ausreichte und unter der Schicht der Normalität eben der Schrecken immer noch brodelte. So gibt es in Deutschland zahlreiche solcher Erinnerungsorte, unter denen einen andere Geschichte noch verborgen liegt, die hervorgeholt werden sollte. Wer einen Ort wie die berühmte Künstlerkolonie Worpswede bereist, wird vermutlich eher an schöne Bilder und freundliche Künstler denken, die da im eigenen Kreise in der Abgeschiedenheit von Natur und Mooren lebten und schufen.

Kritische Töne dazu – und nicht nur im Modus der Polemik gehalten – finden sich in dem „Tagebuch Worpsweder Frühling“. Rotkopf  schildert unter anderem eine Begegnung mit dem Lokalhistoriker Ferdinand Krogmann. Der zeigt ein etwas anderes Worpswede, einen befremdlichen Ort, der unter dem schönen Schein der Künstlerkolonie daliegt und was gerne in die Verdrängung gerät. Krogmann veranstaltet alternative Führungen durch die Siedlung, und diese Vergangenheit notierte Krogmann in seinem Buch „Worpswede im Dritten Reich“ (2011) und ebenfalls in „Landschaft, Licht und niederdeutscher Mythos. Die Worpsweder Kunst und der Nationalsozialismus“ (hrsg. v. Kai Artinger, Ferdinand Krogmann, Arn Strohmeyer) – was naturgemäß in Worpswede kaum mit Freude aufgenommen wurde. Solche Verdrängungen gibt es in Deutschland zahlreich und der Satz „Nun muß aber doch mal ein Schlußstrich gezogen werden!“ ist mir noch aus den 1980er Jahren bestens vertraut – nicht im Elternhaus zum Glück, aber doch vielfach im Umfeld. Von denselben Leuten meist, die nicht einmal im Ansatz überhaupt erst angefangen hatten. Was diese Leute zu wenig taten, machten wir im Übermaß. Als ob wir sie damit erlösten und sie erreichten. Aber man erreicht niemanden, der es nicht hören will. Am Ende regelt solche Dinge die Zeit. Generationen sterben aus und es kommen neue. Andererseits wurde Anfang der 1980er Jahre in der Schule das Thema derart exzessiv behandelt und das „Nie wieder!“ wurde derart zum Mantra, daß man die linken Lehrer in Zeiten des Punk nur noch mit einem „Kraft-durch-Freude“-Abzeichen am Revers des schäbigen Jacketts provozieren konnte. Zum Glück waren diese Lehrer nicht dumm und wußten, daß wir keine Nazis, sondern auf einer ähnlichen Seite standen. Womit wir, bei solchen Späßen, die vielleicht gar keine sind, auch beim Humor des französischen Satire-Magazins Hara-Kiri (dem Vorläufer von Charlie Hebdo) wären, das für Rotkopf eine wesentliche Inspiration war und mit dem sie in ihrer Kindheit aufwuchs. Und ich kann aus eigener Anschauung sagen, daß deren Witze hart, sehr hart und ganz und gar nicht politisch korrekt waren, sondern die heutige Linke würde weinend in die Ecke winseln, weil deren ganze Wokeheit hart getriggert wäre. (Zur Wokeness schrieb ich ein schönes Gedicht an dieser Stelle.)

Nein, keine Nationalromantik! Keine Wacht am Rhein und kein deutsches Wesen! Aber eine literarische Romantik aus Jena, die jenen von Rotkopf kritisierten Essentialismus auflöste, die zwar nicht die Existenz im Fragment propagierte, aber doch eine fluide und immer wieder die Fixierungen aufbrechende Sprache sang, so wie dies Novalis im „Heinrich von Ofterdingen“ tat:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die so singen, oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die [freye] Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit wieder gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die [alten] wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.“

Eine Art ordo inversus. Ein anderer Ort. Auch dieses Gedicht weist auf eine Form von Fremdheit. Oder auch mit Eichendorff gesungen, aus einer nicht mehr jenensischen Zeit:

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.“

Der deutsche Jude oder der jüdische Deutsche Adorno, der seinen Rehrücken Baden-Baden liebte („In der Erinnerung der Emigration schmeckt jeder deutsche Rehbraten, als wäre er vom Freischütz erlegt worden“ – Heimat mithin und heimisch sein), schrieb einen wunderbaren Essay über die Wunde Eichendorff, nein das war ein Scherz, einen Essay vielmehr „Zum Gedächtnis Eichendorffs“ schrieb er, und das soll und darf nicht unerwähnt gelassen werden. Adornos Rettung jener Romantik ist der Gegentext.

Rotkopfs Text ist zu großen Teilen zornig, sie rechnet mit einer Romantik ab, die sie kausal für das verantwortlich hält, was dann geschah: „Auf Vernichtung läuftʼ hinaus!“ Aber diese Dialektik der Aufklärung springt zu kurz. Es gibt aber auch schöne Sätze und gerade diese Beobachtungen und kleinen Szenen des Manifests sind es, die mir gut gefallen:

„Für gutes Essen und Trinken muss ich ein Budget haben, sonst habe ich immer den Eindruck, ich lebe nicht. In Paris versuchte ich ständig in Restaurants zu sein. Egal, auch wenn man in einer Einzimmerwohnung lebt.“

„Ich würde das Leben feiern, schon am Mittag, am Abend auch, essen, saufen, in die Bars gehen, laut reden. Ich würde es wie meine Eltern machen. Wäre ich mit Freunden aus Paris hier, in einem dieser schönen Ateliers in Worpswede, wir würden Fleisch braten und es genießen, uns betrinken, drinnen rauchen, uns streiten und in die anderen Ateliers schauen, ob es nicht jemanden gibt, mit dem man sich amüsieren kann.“

Für diese Lust und die Freude am Lieben und Leben mag ich dieses Manifest. Diese Lust und Leidenschaft ist seine Stärke. Aber es nützt andererseits nicht viel, beim „Antiromantischen Manifest“ das Spiel „Stimme ich zu. Stimme ich nicht zu“ zu starten. Interessant ist die Struktur des Textes und was die unterschiedlichen Prosa-, Essay- und Lyrikteile dabei evozieren – was sie also mit dem Leser machen. Manche der Beiträge ärgern mich, weil sie vergröbern, andere sind witzig formuliert. Wieder andere auf eine gute Weise provokativ. Und so entsteht ein Dialog mit einem Leser, der in vielem nicht zustimmt. Und in anderem doch wieder.

Ob unsere „Weltanschauung“, wie Rotkopf es nennt, wirklich eine romantische Vision sei, bleibt – unabhängig auch von der problematischen Generalisierung –, dahingestellt. Und vielleicht ist eben ein Problem unserer unromantischen Zeit genau solche Generalisierung, die eine schlegelsche und novalisschen Romantik gerade aufzulösen trachten. Doch wenn man die Verbindungslinie Romantik – Nationalismus – Auschwitz ziehen will, so greift das in meinen Augen deutlich zu kurz. Vieles an der von Rotkopf aufgespießten politischen Kritik ist zwar richtig, oft schreibt sie mit galligem Witz, doch diese Zuspitzung der Romantik ist entweder von der Sache her falsch oder im Sinne der von Rotkopf geliebten und wunderbar-brutal-witzigen und zugleich tragisch-ernsten französischen Zeitschrift Hara-Kiri ein harter Trick in Subversion und romantischer Camouflage. Man kann nämlich Rotkopfs Schreibweise von der Form her genauso gut romantisch nennen, wenn man sich an die Aphorismen der Jenaer Frühromantiker, an Friedrich Schlegels Athenäum- und Lyceum-Fragmente erinnert und auch an den Spott des Jenaer Kreises über Schiller, den sie einerseits umschwirrten und über den sie sich zugleich belustigten. Über Schillers „Horen“ schrieb Friedrich Schlegel: „Manches kritische Journal hat den Fehler, welcher Mozarts Musik so häufig vorgeworfen wird: einen zuweilenn unmäßigen Gebrauch der Blasinstrumente.“ Und ebenso zeigen sich Parallelen, wenn man die utopische Perspektive nimmt: daß es eine Gesellschaft geben müßte, in der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abgeschafft wäre. Da mag womöglich Friedrich Schlegels Satz aus seinen Vorlesungen zur Transzendentalphilosophie greifen:

„Die Sehnsucht nach dem Unendlichen muß immer Sehnsucht seyn. Unter der Form der Anschauung kann es nicht vorkommen. Das Ideal läßt sich nie anschauen. Das Ideal wird durch Spekulation erzeugt.“

Und bleibt damit zugleich im Unerreichbaren, wenn man es politisch reifiziert und nicht im Philosophischen als Unendlichkeit, als Apeiron begreift, und doch beide Gebiete als vermittelt dachte, so wie dies später dann Hegels konzipierte. Da liegen die Probleme der Ebene und das, was Hegel dann in anderem Kontext die „Schöne Seele“ nennt, die sich in der Arbeit der Gesellschaft nicht mit der schnöden Wirklichkeit schmutzig machen will. Die bestimmte Negation, wie sie auch Rotkopf betreibt, ist in dieser Hinsicht eine Zwischenfigur: Kritik des Bestehenden, die zugleich damit aber das Bestehende um eine neue und damit wiederum das bestehende erweiternde Perspektive bereichert. Eine Art negativ-positive Dialektik, die Rotkopf fährt. Auch wenn sie das Wort „positiv“ vielleicht nur bedingt gerne hört.

Heimat ist ein Raum aus Zeit, wie der Titel eines Dokumentarfilms es schön sagt. Ein Raum, der schon ist und doch zugleich noch nicht ist und vor allem ist diese Heimat nicht an die Nation gebunden. Dies wußten bereits die Romantiker wie Novalis, wenn sie die blaue Blumen suchten, und in andere Weise schrieb das einer der Denker der Utopie, nämlich Ernst Bloch, und so lautet der letzte Satz aus „Das Prinzip Hoffnung“:

„…, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

Heimat, so lautet das letzte Wort. (Es wäre schön, wenn „Nichts“ das erste Wort des Buches wäre. Das ist es aber nicht.) Nach solcher Heimat sucht auch Rotkopfs Manifest, und zwar auf eine eigene und eigensinnige und dabei schöne Weise. Trotz oder gerade wegen ihres Antiessentialismus.

Marie Rotkopf: Antiromantisches Manifest. Eine poetische Lösung
144 Seiten, 14,90 € 978-3-96054-044-1, Nautilus Verlag 2017

Silvester 2020 – wilde verwegene Jagd der Raunächte

Meinen Leserinnen und Lesern wünsche ich einen guten Rutsch ins neue Jahr und ein doch etwas besseres 2021. Ich will hier keinen Rückblick halten, Silvester ist überbewertet. Man kann an diesem Tag für sich selbst noch einmal Revue passieren lassen, was war. Zudem haben wir die herrlichen Raunächte, die zum Phantasieren und zum Deuten der Träume einladen, was allemal spannender ist als all die Rückblenden und das Aufzählen der bedeutenden Ereignisse. Und da es im hohen Norden an jenen Tagen um Weihnachten stürmte, an der Nordsee war es am 26.12. extrem und herrlich orkanartig, gehe ich davon aus, daß die Wilde Jagd einmal wieder unterwegs war: die Wotansreiter, Åsgårdsrei, zwischen der Wintersonnenwende und den orientalen und afrikanischen Dreikönigen. Vermutlich wird es wieder dumme Debatten geben, weil Kinder sich schwarz schminken; und die freudlose Zeit wird sich perpetuieren. In Helmut Lethens Autobiographie „Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug“ las ich im Blick auf Lethens Schulzeit und die Lehrer, die da nach dem Krieg in Deutschland unterrichteten, folgenden Satz:

„Es muss so etwas wie eine Selbstreinigung des Kollegiums gegeben haben. Die aber traf womöglich auch einen dunkelhaarigen Assessor, der uns unvorsichtigerweise Brechts „Der Jasager“ und „Der Neinsager“ nahelegen wollte und prompt verschwand. Der Kalte Krieg ließ die Gymnasien nicht unberührt.“

Nichts Neues unter der Sonne also, nur eben daß in den 2010er Jahren das Internet bei solchen Jagden etwa auf Joanne K. Rowling, Monika Maron bis hin zu Lisa Eckhart als unheilvoller Verstärker und als eine Art Tribunal der anonymen Masse fungiert: und schwupp ist man in der Zeitung, und schwupp ist man Nazi, homophob oder wird sonst irgendwie bezichtigt, und solche Denunzianten wissen ganz genau: Semper aliquid haeret, igendwas wird schon hängenbleiben. Ich fürchte, auch diese Tendenz des Bezichtigens und Denunzierens wird uns 2021 erhalten bleiben und noch viele andere schlechte Angewohnheiten. Es wird also alles wie immer und Leben geht weiter wie bisher. Irgendwie.

Lieber also jene mythologischen Jagden und die Phantasie-Geschichten, die wilden Geschichten: Literatur und Essay. Apropos böse Geschichten: versäumt habe ich dieses Jahr eine Würdigung von Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“, das vor einhundert Jahren erschien. Das ist schade, aber nicht zu ändern. Vielleicht ja dafür nächstes Jahr ein Blick in Houellebecqs kürzlich erschienenen Essay-Band, um das Böse zu goutieren und jener Dialektik der Aufklärung zu frönen. Und eben dem Verhältnis von Denken und Mythos sich zu widmen, auch dazu liefern die Raunächte Anlaß, und dazu habe ich heute und hier aus meiner Buchhandlung von Klaus Heinrich abgeholt: „Parmenides und Jona. Vier Studien über das Verhältnis von Philosophie und Mythologie“ aus dem ça ira Verlag, wo auch das gesammte Werke von Heinrich erscheint – übernommen vom Stroemfeld Verlag, wo Heinrichs Werk teils erschien. Passendes Buch. Ich bin gespannt. Auch eine kleine Überraschung. Klaus Heinrich starb am 23. November in Berlin. Was ich – neben dem plötzlichen Tod – an diesem aus dem „Tagesspiegel“-Nachruf zu Klaus Heinrich am erschreckendsten finde, ist in einem Nebensatz verpackt:

„Er hatte sich geradezu obsessiv gegen Corona gewappnet, nannte sich „einen Gefangenen ohne Hofgang“. Obwohl es ihn beschwerte, dass er sein geliebtes Restaurant „La Marianna“ nicht mehr besuchen und nicht mehr vom Cousin oder Neffen in die brandenburgische Umgebung gefahren werden konnte, hielt er den vom Virus auferlegten Knast entschlossen durch – weil er leben wollte. Ein Sturz brachte ihn ins Krankenhaus, gegen dessen Keimgefahren war er machtlos.“

Ich hoffe, wir reden hier in der BRD nach Corona über die Situation in deutschen Krankenhäusern, über Krankenhauskeime und über das Weggespare im Gesundheitswesen. Öffentliche Daseinsvorsorge gehört nicht auf den Marktplatz und sie ist nicht verhökerbar an den Meistbietenden, der dann mit der Gesundheit Profit erwirtschaften muß. Ein Sturz und die Einlieferung ins Krankenhaus setzten dem Leben von Klaus Heinrich ein Ende.

Wie Silvester verbringen? Es wird dieses Jahr zum Glück ruhig werden. Keine Knallereien. Das ist gut so. Leider aber blitzt und funkelt in den herrlichen roten, gelben und grünen Farben auch kein Feuerwerk am Himmel. Keine Apparition. Seine Verwandtschaft hat das Feuerwerk als einmalig und flüchtig in der Zeit Erscheinendes mit dem Kunstwerk. Adorno schreibt von Kunstwerk:

„Es ist apparition κατ‘ ἐξοχήν: empirisch Erscheinendes, befreit von der Last der Empirie als einer der Dauer, Himmelszeichen und hergestellt in eins, Menetekel, aufblitzende und vergehende Schrift, die doch nicht ihrer Bedeutung nach sich lesen läßt. Die Absonderung des ästhetischen Bereichs in der vollendeten Zweckferne eines durch und durch Ephemeren bleibt nicht dessen formale Bestimmung. Nicht durch höhere Vollkommenheit scheiden sich die Kunstwerke vom fehlbaren Seienden, sondern gleich dem Feuerwerk dadurch, daß sie aufstrahlend zur ausdrückenden Erscheinung sich aktualisieren. Sie sind nicht allein das Andere der Empirie: alles in ihnen wird ein Anderes. Darauf spricht das vorkünstlerische Bewußtsein an den Kunstwerken am stärksten an. Es willfahrt der Lockung, welche zur Kunst überhaupt erst verführt, vermittelnd zwischen ihr und der Empirie.“

Zu diesem Jahresende also eine gewisse Stille und keine nächtlichen Himmelszeichen aus Pyrotechnik. Die Geister können nicht vertrieben werden. Herrlich etwa war es, den Chinesen aus dem China-Restaurant neben dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg zuzusehen. Kein dummes Geböllere, niemand wirft auf Menschen oder will Rabatz machen, wie hier in Berlin-Schöneberg jene dummen Jugendlichen an der Pallasstraße, die noch auf Notarzt, Feuerwehr und Polizei Raketen schießen und Böller werfen. Sondern es werden Geister vertrieben. Wir brauchen zuweilen auch solche Mythen und die schönen oder die grausamen Geschichten.

Das gute freilich: kein Lärm bis tief in die Nacht. Dort, in dem sowieso schon stillen Stadtteil Berlins, wo ich lebe, ist es heute fast wie auf einem Dorf. Ich mag das. Stille und der letzte Tag des alten Jahres. Dazu ein leicht milchiges Licht, zuweilen mit Sonne gemischt. Eine schöne Stimmung zum Ausklang. Zu Silvester gibt es traditionell die Berliner, wobei man in Berlin eben Pfannkuchen dazu sagt, während im Norden die Pfannkuchen, wie der Name es bedeutet, aus der Pfanne kommen und mit Eierteig zubereitet werden. Überall in Berlin heute lange Schlangen vor den Bäckereien. Vor meinem Lieblingsbäcker Mälzer und der Konditorei Rabien ebenso. Also schlendere ich weiter und schaue, bis ich sehe, daß es beim Bäcker der „Bio Company“ relativ leer ist. Ich blicke in die Auslage. Dort gibt es auch das Glücksschwein Ebert, aber das wähle ich nicht, sondern ich erstehe einen Berliner mit Eierlikör und einen mit Himbeerfüllung. Der erste Berliner ist bereits verputzt. Er schmeckt so lala. Rabien ist deutlich besser und in dem Augenblick als ich diesen Satz schreibe, fällt mir ein, daß die Berliner von Mälzer gar nicht so gut sind, wie ich dachte. Ich hatte sie letztens probiert. Sonst ist Mälzer ein hervorragender Bäcker: guter Kuchen, gute Brötchen, aber die Pfannkuchen schmeckten alt und schal. Gute Berliner zu finden, ist schwierig, die besten hat halt die Konditorei Rabien. Ich esse die Berliner grundsätzlich nachmittags. Ich sehe den Sinn nicht, um 24 Uhr süßes Gebäck zu verzehren. Es gibt zu dieser Uhrzeit Wunderkerzen, einen italienischen Rotwein und vielleicht gegen 24 Uhr einen schönen Rieslingsekt.

Nun kann man aber jetze schonmal anfangen, ein gutes neues Jahr zu wünschen und einen netten Silvesterabend mit höchstens fünf Personen aus zwei Haushalten. Bei mir ist es in der Regel ein Silvester mit einer Person aus einem Haushalt. Denn ich hasse Silvester, und ich feiere es nicht gerne. Früher, als ich noch am Theater Kartenabreißer war, habe ich vorgezogen, am Silvester zu arbeiten. So wie ich Weihnachten liebe, mag ich Silvester und diese Fröhlichkeit nicht. Die Nachbarin saugt ihre Wohnung, wie ich gerade höre. Brav am letzten Tag noch Ordnung zu machen. Vielleicht sollte ich sie zu mir in mein Grandhotel Abgrund bitten. Es ist auf den 90 qm einiges zu säubern. Ich sitze hier ansonsten schon in den Startlöchern zur imaginierten Bunga-Bunga-Party mit Italien-Rotwein und Rimini-Schlagern. Der erste Berliner ist bereits verspeist. Wo ich ihn kaufte, schrieb ich in diesem kleinen Blog-Text. Und auch wie er schmeckte. Empfindungsprosa und Beschreibungspotenz. Die es freilich auf AISTHESIS auch nächstes Jahr wieder geben wird – sofern die Zeit es zuläßt. In diesem Sinne: Allet Jute für 2021, wie der Berliner so sagt. Guten Rutsch allen, die es verdienen. Und die, die es nicht verdienen, sollen mich am Arsch lecken.

Gedicht zum Sonntag, das man auf die Melodie von IDEALS „Schwein“ absingen kann

Mein Weg oder: Ich hab so unbändige Lust

Du denkst ich bin der woke Typ,
Der mit dem linken Lesetrieb,
Der nachts in seiner Kammer bleibt
Und sich die Zeit mit Marx vertreibt.

Du denkst, ich lese linke Sachen.
Meinst mit mir Kuschel-Kommune machen.
Doch weißt du nicht, was das so heißt,
Wenn man politisch dich bescheißt.

Du denkst, ich lese nachts Adorno.
In Deinem Kopf ein linker Porno.
Doch kriegst du heute reinen Wein.
Ich lese Zeugs, da packste ein.

Alain Benoist und Jean Raspail,
Mich machen diese Bücher geil.
Ernst Jünger, Dávila, Carl Schmitt:
Ein herrlich harter Herrenritt.

In seinem Tagebuch Schmitt schreibt,
wie er an seinem Glied sich reibt.
[Ungelogen: das tut er: Hinweis von Günter Maschke]
Du glaubst es nicht und wirst kaum lachen:
da stehn noch deutschlich schärfre Sachen.

Am morgen wachst Du bei mir auf.
Du siehst, ich bin verdammt gut drauf.
Du lächelst freundlich in mein Gesicht,
Doch das hat für mich kaum Gewicht.

Ich denk an Curzio Malaparte,
An Ayn Rand, die geile Zarte,
An Elisabeth Förster-Nietzsche
und wie vor Lust ich dabei quietsche.

Jean Baudrillard und Evola,
Die waren schon lange vor dir da.
José Ortega y Gasset,
Du faßt mich an, ich sage: Lasset!

Denn Du bist‘s nicht, an die ich denke,
An die ich mein Gefühl verschenke.
Ich denk an Mohler und Kositza.
An Schnellroda im letzten Jahr.

Beim Linkskongreß in Leipzig ich sei,
Du wärest gerne auch dabei.
So log ich, daß sich Balken bogen:
Die Genossen wärʼn dir nicht gewogen.

Da bliebst Du traurig-still im Heim:
Ich setz hier einen Verlegenheitsreim.
Während ich nach Schnellroda reiste
Und dort mir wildes Sommerfeld leiste.

Ellens salzig Brot verzehrte.
Naturverwandte, Hochverehrte!
Slawisches Germania:
Herrlich deutscher Kurvenstar!

Im Stall, im Lagerhaus, im Heu,
In unserer Lust war’n wir nicht scheu.
Doch machten wir flugs die Biege,
als Götz kam mit der Käseziege.

Die er vor Journalisten führte
Und damit ihre Herzen rührte.
So schrieben sie halb bös-versonnen.
Von Schnellroda und Käsewonnen.

Ich setze diese Gedichtnotize
Für eine herrliche Süßnovize.
Aus dem Interreg I* num:
Schlußnotiz: darauf nen Rum!

Duisburg – Ruhrgebiet. Photoserie (1)

Die Freundin, mit der ich im Sommer 2010 das Ruhrgebiet bereiste, hatte sich den Fuß verstaucht, so daß sie kaum gehen und gerade einmal humpeln und damit auch nicht mit mir spazieren konnte. Mir war es gar nicht unrecht: denn sie mochte es nicht, wenn ich auf unseren Touren und den Ausflügen in Industrie, Landschaft und Stadt dauernd am Photographieren und am Lungern auf Motive war. „Kannst Du nicht einen Tag mal ohne Kamera und einfach nur genießen und frei schauen?“ Aber ich bin ein Zwangscharakter. Also ging es darum Möglichkeiten zu finden, sie für einen Tag loszuwerden. Und aus diesem Grunde und zwecks Erzeugung eines möglichen Nicht-gehen-Könnens, eines eminenten Unvermögens also, das mir zugute kommen sollte, sei es auch nur für einen Tag, hatte ich sie unbemerkt die schmale Treppe hinuntergestoßen. Auf diese Weise durfte ich insofern und mittels verborgener Maßnahmen, die dem alten Vogel Blaubart zur Verfügung stehen, einen Tag alleine ein wenig von der schönen Stadt Essen aus, wo wir wohnten und stützpunktmäßig unsere Exkursionen im Ruhrgebiet taten, einen Ausflug unternehmen. Obwohl, nein ich nenne sie lieber die interessante Stadt Essen und nicht die schöne Stadt Essen, denn schön ist Essen nicht, schön ist die preußische Säulenordnung und das Schinkelcasino im Schloßpark Glienicke in Berlin an der Havel, wo ich einst in die Abendsonne hinein mit einer geliebten Frau picknickte, im Park, verbotenerweise, die Wiese ist tabu, von dort aber gibt es eine herrliche Aussicht auf die Architektur und durch die antikisierte Pergola hindurch der Blick auf den Jungfernsee, mit Dämmer und dem Sonnenuntergang. „Zum Abend“ wollte ich erst schreiben und so den Satz ausklingen lassen, um eine poetische Assonanz zu erzeugen, bis mir beim Schreiben des Buchstabens „e“ einfiel, daß Sonnenuntergänge meist abends und selten morgens stattfinden:

Mein Fräulein! sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

Und davor heißt es treffend-schön bei Heine:

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Und an dieser Stelle dichtete er aus gutem Grunde nicht: „Das Fräulein stand abends am Meere“. (Hoffen wir nur daß die Negerwortschnüffler vom Wörthersee nicht das Fräulein irgendwann umschreiben wollen.)

Solches Untergehen kann einer freilich auch in Essen-Baldeney oder in Kettwig haben. Aber eben nicht mit preußischer Säulenordnung und nicht so schön wie in einer italienischen Landschaft. Dennoch: Sonne hinter Schloten. Es herrscht im Ruhrpott eine ganz besondere Atmosphäre, und vor allem gibt es dort  herrliche Natur und nicht bloß die Kohlereviere und die Stahlkocher. Aber eben auch: „Milch und Kohle“, wie Ralf Rothmann einen unbedingt zu lesenden Roman betitelte, darin es um eine Kindheit im Ruhrgebiet und auch um die Gastarbeiter geht.

Aber weshalb Duisburg? Weshalb alte Bilder zeigen? Weil seit vorletzter Woche, unverpaßbar, peu à peu alle Schimanski/Thanner-Tatorte beim WDR wiederholt werden. Angefangen mit dem ersten Schimanski-Tatort „Duisburg Ruhrort“ (allerdings bei der ARD), den ich damals 1981 vom Titel her bereits als verheißungsvoll empfand. Als junger Mann aus Hamburg, mit gerade mal 16 Jahren. Dann diese Woche am Dienstag  Schimanski und Thanner beim WDR: „Grenzgänger“. Darin auch das herrliche Café Dobbelstein vorkam.

Diese Tatort-Wiederholungen will man nicht verpassen – allein wegen des schönen Porsche da im Bild auf der Homepage nicht. (Weshalb er allerdings orange ist, verstehe ich nicht. Im Film war er rot – ein schönes und sattes Rot, wie man heute leider keinen Porsche 911 mehr sieht – aber das mag am Lichtfall liegen.) Ob das Objekt im Hintergrund des Szenenphotos das ist, was heute der Landschaftspark Duisburg-Nord genannt wird und wo man die alte Industrie, aber eben auch die Natur – und insofern ist die Bezeichnung der Landschaft gerechtfertigt – auf eine herrliche Weise begehen kann? Einer meiner spannendsten Ausflüge auf meiner Ruhrgebietsreise: die Fahrt nach Duisburg. Allein. Und dazu noch eine Hafenrundfahrt und ein Besuch im Café Dobbelstein. Aber das war dann am zweiten Tag und mit Begleitung.

Vom alten Ruhrgebiet war im Jahr 2010 nicht viel mehr zu sehen. Zeitenwende und Strukturwandel. Die Zeche Zollverein: Weltkulturerbe und ein dazu lehrreiches Museum und dem Blick in die Welt einer harten Arbeit: geschönt heute durchs Museale. Allenfalls Photographien oder die Oral History oder eine Geschichtsschreibung von unten können Einblicke verschaffen. Doch die von oben ist genauso spannend, man kann dann beides miteinander wirken lassen.

Doch immer noch gab es Verfall an vielen Ecken. Duisburg-Marxloh haben wir nicht bereist. Es sollten ja auf unsere Weise dennoch nicht nur die interessanten, sondern auch die nicht ganz häßlichen Ecken entdeckt werden. Und ein Jahresurlaub ist  keine Reporter-Reise. Meine erste Strecke, im Rahmen der Schimanski-Gedächtnistage führt nach Duisburg-Ruhrort. Und die letzten drei Bilder des ersten Teils der Serie zeigen Bereits Szenen aus dem Landschaftspark Duisburg-Nord.

Zum Tod Christos. Paris, Berlin, Flanierereien und die verhüllten Objekte

Nun ist es vielleicht Zeit, das Geheimnis zu lüften, woher das Titelbild des AISTHESIS-Blogs stammt: es werden sich dies sicherlich manche gefragt haben, zumindest wurde ich von einer Leserin und einem Leser darauf angesprochen – in einem kurzen Text aus dem Jahr 2013 lieferte ich zwar schon einmal einen Hinweis. Aber das ist inzwischen einige Jahre her. Die Auflösung nun: es ist auf der Photographie am Kopf der Seite die damals 1985 von Christo verhüllte Pont Neuf in Paris zu sehen. Mich hat dieses Verhüllen damals, im ersten Augenblick, als ich vor dieser Brücke stand, verärgert, geärgert, erzürnt gar. Ich war das erste Mal in meinem Leben in Paris und fand eine in graues Lacken verhüllte Brücke, Wenigsten war die Statue des Henri Quatre nicht verhüllt – was ich im nachhinein dann freilich schade fand. Doch der Reihe nach.

Meine Mutter brachte mich im September 1985, schwer mit Koffern beladen, denn ich reiste für einen Monat nach Paris, mit dem Auto zum Bahnhof. Natürlich fuhr sie, wie immer, zu schnell, und wie es die Umstände und die knappe Zeit wollen, geriet sie in eine Polizeikontrolle. Mit ihrem Charme bezirzte Muttern die Polizisten jedoch mühelos. Wenige Minuten später drang aus dem Radio die Meldung vom Tode Axel Springers. Ich jubelte herzlich, Muttern meinte, dieser Jubel und Triumph sei herzlos. Aber ich mochte an diesem frühen Abend keinen Disput über Politik, sondern wollte mich auf Paris freuen: 22. September 1985. [Vielleicht stritten wir doch, ich weiß es im Grunde nicht mehr.] Ich befand mich nur noch eine Tagesreise von Paris entfernt, um dann, nach einer beschwerlichen Nachtfahrt, Stunden später am Gare du Nord den Zug zu verlassen. Wie die Zugräder über die Schienen rattern, monoton getaktet, und eine Fahrt im Nachtzug in den dunklen Abteilen und Gängen ist oft besungen worden. Weniger oft, wenn der Zug nachts um zwei in Namur hält und im fahlen gelben Licht  des Bahnhofs eine zerfallene Stadt, marode Industrie und Kohleberge sichtbar sind. Une saison en enfer, zumal wenn eine Station später die Stadt Charleroi folgt. Aber die Einfahrt in Paris zum Morgen entschädigt für jene Ödnis. Eine Betrachtungstraurigkeit, die man fast, wenn ich als einziger, der wach ist, der aus dem Fenster schaut, der eine Zigarette zwischen den Fingern faßt  und den letzten Rest Wein im Glas trinkt, als theologische Obdachlosigkeit bezeichnen kann. Paris aber!

Mein erster Tag in Paris, nachdem die Koffer ausgepackt: als Flaneur, der die Muße hatte, sich treiben zu lassen. Herbstzeit natürlich, dies erfreut den süchtigen Melancholiker. Niemand sonst in der Stadt als ich, so denke ich mir. Damals gab es die Rowohlt-Reiseführer „Anders reisen“. Darin standen Aspekte zur Stadt, insbesondere Politisches und Gesellschaftliches, das ich in anderen Reiseführern so nicht fand. Ich konnte mich treiben lassen, in proletarische Ecken und ebenso in die geliebten bürgerlichen Viertel von Paris, in denen man sich wie im Film vorkam. Ich entdeckte den wunderbaren, bis heute heißgeliebten Jardin du Luxembourg mit seinem Bassin, darin die Kinder Schiffchen treiben ließen, wie eh und je und bis heute, und wo die Bäume und die Statuen der Königinnen so eigentümlich ordentlich, strikt, gerade und doch verrückt in Reihe stehen. Der Jardin du Luxembourg ist im Herbst, im Winter, im Frühjahr, zu jeder Zeit ein Ort, an dem es sich lohnt beobachtend auf einer Bank oder auf einem der Stahlstühle zu sitzen. Man kann hier wohl alt werden und in einem der mintfarbenen Stahlstühle sanft entschlafen.

Gleich vormittags wollte ich aus dem Hotel heraus, das in der Rue Rodier, nahe der Metro Anvers lag, und meinen ersten Spaziergang machen, und zwar ins alte Zentrum der Stadt, vor allem zur Île de la Cité und auch zur Pont Neuf, um von dort zu jener berühmten, wie ein Schiff in die See stechenden Spitze zu gelangen, zum Square du Vert-Galant, vielleicht auch, um die ersten Photomotive dieser Brücken und Wasser-Szenarie zu entdecken, so wie sie die alten Photographen wie Brassaï oder André Kertész diesen Ort aufgenommen hatten, von oben der Blick, in schwarz-weiß auf die Menschen da unten am Quai oder von der Pont des Arts (heute in Google als „pittoreske Brücke über die Seine“ bezeichnet, als wenn es eine Übersetzung des Brückennamens wäre!) herüber zu sehen das trunkene Schiff, das da im Herbslicht lag, abzulichten, wie es bereits viele taten.

Ein einfacher Weg, auch für einen Fremden, eigentlich immer Richtung Süden und dann ein wenig nach Osten abknicken – überhaupt ist es in Paris spielendleicht, sich zu orientieren. Anders als in Bamberg oder Bayreuth. So trat ich an meinem ersten Tag in Paris aus dem Hotel, schaute in die Auslagen der Geschäfte, die Fleischerei, wo herrlich und zum Kochen einladend ein ganzes Huhn, ungerupft, im Schaufenster hing, und ich genoß das Leben in den kleinen Straßen und den Anblick der wunderbar großen Boulevards. Jenes erste Mal als Eindruck, als Intensität, als Ereignis: in einer fremden Stadt. Als Wahrnehmung und ebenfalls, um Korrespondenzen herstellen, womöglich auch jene Baudelairschen: daß man da als Fremder durch einen Steinwald von Symbolen schlenderte, eine Art von Natur, eine Stadtlandschaft mit eigenen, einem unbekannten Regeln, und irgendwo mußten auch die Passagen sein, von denen Walter Benjamin schrieb und die surrealistischen Verheißungen Aragons. Ich zitierte diesen Benjamin-Satz bereits in meinem Beitrag über die Kaufhäuser und die Brandstiftung später dann, aber ich meine, man kann diesen nicht nur poetisch gelungenen Satz, als Anrufung einer Imago, nicht oft genug zitieren, nennen, anrufen:

„Alle diese Produkte sind im Begriff, sich als Ware auf den Markt zu begeben. Aber sie zögern noch auf der Schwelle. Dieser Epoche entstammen die Passagen und Interieurs, die Ausstellungshallen und Panoramen. Sie sind Rückstände einer Traumwelt. Die Verwertung der Traumelemente beim Erwachen ist der Schulfall des dialektischen Denkens. Daher ist das dialektische Denken das Organ des geschichtlichen Aufwachens. Jede Epoche träumt ja nicht nur die nächste sondern träumend drängt sie auf das Erwachen hin. Sie trägt ihr Ende in sich und entfaltet es – wie schon Hegel erkannt hat – mit List. Mit der Erschütterung der Warenwirtschaft beginnen wir, die Monumente der Bourgeoisie als Ruinen zu erkennen noch ehe sie zerfallen sind.“

Diesen Traum, dieses Träumen habe ich immer wieder in Paris gespürt und zugleich denkend eingeholt, und ähnlich traumwandlerisch verzückt schlenderte ich im Herbst 1985 an meinem ersten Tag in dieser noch nicht bis zur Unkenntlichkeit verstellten Stadt. Es war ein völlig anderes Paris. Nicht von den Häusern her, die sind bis heute gleich geblieben, sondern von der Atmosphäre genommen.

Was ich bei meinen Gang jedoch nicht beachtet hatte und auch nicht wußte, als ich an der Pont Neuf ankam: daß ich eine in hellgrau-beige-silbern-cremefarbenen Stoff gehüllte Brücke vorfand. Ich ärgerte mich zunächst: zum ersten Mal in Paris und da sehe ich als Pont Neuf ein Stück Stoff statt des Steins und des Pflasters. Vor gerade einmal zwei Tage verhüllt. Nach Christo-Art. Aber auch diese Aktion gehörte und paßte zur Atmosphäre dieser Stadt. Zwar gab es immer wieder all die Schaulustigen, aber ebenso schlenderten die Menschen ganz einfach über diese Brücke, es war ihr Weg zur Arbeit, ihr Weg nach Hause.

Mich hatte diese verhüllte Brücke damals 1985, als Kunstwerk, als ästhetische Intervention in den öffentlichen Raum nur wenig beeindruckt. Es mag dieser Akt des Verhüllens eines Dings, des Unsichtbarmachens eines selbstverständlichen Objekts im öffentlichen Raum zwar für das Kunstwerk selbst – auch in seinem Status und in der Erweiterung des Kunstbegriffs – eine erhebliche Bedeutung haben, für seine ästhetische und gewissermaßen auch wesens- und daseinsmäßige Bestimmung: daß es sich nämlich wie selbstverständlich ins Stadt-Ensemble fügt und zugleich doch diese Stadt qua des silber-grau-cremefarbenen Stoffes um ein winziges anders akzentuiert, was man insbesondere an der Aufmerksamkeit, die jenes verhüllte Objekt erzeugt, und an den photographierenden Touristen und den Zuschauern sehen konnte, aber da zugleich in der Mitte der 1980er Jahre die Gesellschaft des Spektakels in Sachen Kunst noch anders ausgeprägt war und es auch keine sozialen Medien gab, war das Spektakuläre nicht derart inszenatorisch-auftrumpfend.

Ein anderer Aspekt, weshalb jene Brücke letztendlich auch nur eine Brücke, aber nun eben in Stoff gehüllt war, lag darin gegründet, daß die Pont Neuf eigentlich nur von wenigen Stellen gut sichtbar und nicht von allzu vielen Menschen gleichzeitig betrachtet werden konnte, nämlich nur vom Pont des Arts aus und von den umliegenden Quais. Sie ragte nicht hoch auf, es luden dort kaum Bänke oder eine größere Rasenfläche zum Verweilen ein. Also gingen die Leute über die Brücke, warfen einen Blick und eilten weiter. Allenfalls ließ sich aus der Nähe die Materialität des Stoffes betrachten. Wie aus Stein Stoff wurde und wie Formen sich so veränderten und fließend wurden: Das machte die Brücke schön und das transformierte zugleich das Objekt.

Ganz anders und auf eine ganz eigene Art faszinierend geriet Christos Verhüllung des Reichstages – zehn Jahre später in Berlin. Es war ein Volksfest, und zwar im guten Sinne, es zelebrierte sich so etwas wie ein Ereignis, das viele Menschen gemeinsam teilten und genossen. Auch als Party, Kunst hier zum ersten Mal als Spektakel inszeniert nicht nur für eine Happy Few in den Galerien und Museen mit Sekt, sondern für sehr viele, mit Bier und Boulette und, wie ich feststellte, ganz und gar unterschiedlichen Menschen. Das gefiel mir gut. Die ausgelassene Stimmung, der Stoff im Wind, das Leuchten und Schimmern dieses seltsam-schönen Kolosses aus Geschichte. Auf der Wiese picknickten Familien, andere schlenderten um den Bau herum, berührten den Stoff und ließen sich dann auf dem Rasen nieder, plauderten, packten Stullen oder Körbe mit Essen aus. Vor allem aber konnte dieses seltsame Objekt deutscher Geschichte – Helmut Kohl hatte sich lange gegen diese Verhüllung gesträubt – in einem völlig anderen Kontext betrachtet werden, und doch amalgamiert im Kunstwerk und durch die Kunst von der Geschichte selbst. Es war eine besondere Form, die da hoch aufragte, Getragen von der freien Fläche rings herum

Das eben faszinierte mich an diesem Tag in Berlin und das verbinde ich mit der Kunst Christos, die man eigentlich nicht im Museum zeigen kann, obwohl ich auch dort, ich weiß nicht mehr wo es war, einige seiner Objekte mir betrachtete, sondern wir sahen eine Kunst, die auf die freien Flächen, aufs Offene angewiesen ist, indem unser Alltägliches unseren Blicken durch ein wenig schimmernden Stoff entzogen ist und sich auf diese Weise ein neuer Gegenstand auftut und doch vertraut. Diese Kunst ist auf den Moment angewiesen, auf das Licht, auf die umgebende Natur und auch auf die Menschen, die sich um das Werk herum gesellen und es gemeinsam, in Gemeinschaft betrachten, jeder für sich, und doch in Gruppen, feiernd oder kontemplierend, in Begleitung einer schönen Frau, eines schönen Mannes oder allein und für sich. Es ist dieses Werk eben auf den Augenblick bezogen. Oder Barnett Newmans Satz vom „Sublime“ transformiert: The instant is now!

 

 

 

Anakreontisches Lied aus der Produktion

Künstler! ich will meinen Spargel. Zu stechen nun im Feld.
Künstler! Singe Hymnen, als deutscher Spargel-Held
Künstler! Verbinde dichten und arbeiten in eins:
Künstler! Das gibt Geschichten aus der Welt des Scheins.

Zu singen sind Lieder aus der Produktion.
Das ist allemal besser als der urbane Ton
Von Großstadt, Berlin und  Berghain sprachst Du uns gar viel
Bodentiefe Fenster bildeten Deinen Stil

Jammern und auch Klagen über Gentrifikation
Bestimmten deine Dichtung, mein lieber guter Sohn
Der Musen, die dich oft küßten, wir haben es gewußt,
Die, die dich vermißten, sie warten nun mit Lust.

Auf frischen jungen Spargel, so weiß, so rein, so klar
Nicht aufs Werke Deiner Tage, auf’s Junggemüse bei Spar
Gerne auch bei Reichelt und was der Läden mehr
Aus Arbeit heraus zu dichten, das schätzt der Leser sehr.

Wir hatten’s einst im Osten: der Kumpel zur Feder greift.
Heut haben wir den Dichter, der bei der Ernte kneift.
Ein Künstler, der muß darben, das ist nur recht und gut
Erst in der Welt der Armut befällt ihn Schreibeswut.

Aus Armut wird nun Anmut, im Brandenburger Sand:
So wird denn auch der Dichter kulinarisch gut bekannt.
Sein Name rankt bei Rewe – überm Gemüseregal.
Es gab ihm ein Gott zu sagen: Die Ernte war ne Qual.

Angesichts der Überlegungen für die Künstlerhilfe in Zeiten der Krise habe ich mir dieses Gedicht als Möglichkeit und Lösung manchen Problems gedacht. Ich kann und will auch in Zeiten der Krise auf meinen Spargel nicht verzichten, und es geht in dieser freudlosen Zeit vielen so. Zugleich dachte ich aber auch an die Krise der gegenwärtigen deutschen Literatur. Wie sie bewältigen? Ich dachte an den herrlichen Volker Braun und wie er im Gaskombinat Schwarze Pumpe als Tiefbauarbeiter und Betonrohrleger am Aufbau der DDR wirkte, dachte an die großartige Brigitte Reimann und „Franziska Linkerhand“ – einen meiner Lieblingsromane, um das mal zu sagen -, und wer wie Gundermann singend dichten und wie Wolfgang Hilbig schreiben will, wer den Sound des großen Clemens Meyer erreichen möchte: ich rate da nur: hinaus aus dem Moloch Berlin! Der Sowjetische Stadtkommandant hat Hunger! Er will nicht darben, und er will neue Literatur aus der Welt der Arbeit. Geschichten aus der Produktion: Beton, Zement, Germania oder die Spargelschlacht bei den Seelower Höhen. Vielleicht, so dachte sich der Hausherr im Grandhotel Abseits als Rat an seine lieben Berliner Schriftsteller, war der Bitterfelder Weg doch nicht so schlecht. Und Mieten in Brandenburg sind immer noch extrem günstig. Wo ich heute den ersten Spargel sah.