Geselligkeitszonen – Marc Augé „Das Pariser Bistro“

In Zeiten geschlossener Bars, Cafés und Restaurants mag es geboten sein, an ein altes Leben zu erinnern, das wir einmal führten und daß wir nicht vergessen sollten, und auf ein Buch zu weisen, daß dieses alte Leben beschreibt, nämlich das 2016 erschienene Bändchen „Das Pariser Bistro“, geschrieben von dem Ethnologen Marc Augé. Und dafür stelle ich noch einmal eine leicht überarbeitete Rezension in den Blog. Gut erinnere ich mich zudem an eine Gastro-Serie von Wolfram Siebeck aus den 1980er Jahren (oder waren es schon die 1990er?), wo er in der ZEIT die Pariser Bistro-Küche mit ihren einfachen, aber leckeren, handgemachten und gehaltvollen Gerichten vorstellte. Selbst ein simpler Croque Monsieur vermag ein Schmaus zu sein, wenn die Zutaten frisch und das Brot gut und selbstgebacken ist.

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18_01_12_LX_100_1099Es existieren still und manchmal verborgen vor den Blicken der anderen verwunschene Orte, wo der Spaziergänger und Flaneur hofft, daß nur wenige Menschen dorthin je gelangen: Parks wie auf der Pfaueninsel oder die Landschaft der Uckermark, durch die wir streifen. Mit Glück können wir in der Uckermark den Dichter Botho Strauß treffen, der  vor der Weltlichkeit flüchtete. Er tat richtig daran, sich zurückzuziehen und den Blick auf die Dichtung zu wenden. Zu schreiben und die schönen Worte für den schönen Tag zu finden. Denn viel Erquickliches gibt es weit ab von der Scholle nicht zu schauen – und das gilt vor allem in heutigen Zeiten von Cancel Culture und neocalvinistischer Identitätspolitik. Wer es innerlich schätzt und den letzten Rest des Weltlärms und des Krähenschreis tilgen will, der ziehe sich in die imaginären Orte zurück, in die Literatur und die wunderbare Welt von Jean Paul, ins Krähennest Kuhschnappel, das ein imaginärer Ort im Fränkischen ist, nahe Bindlach. Karl Kraus erkannte ganz zu Recht: „Den Weg zurück ins Kinderland möchte ich, nach reiflicher Überlegung, doch lieber mit Jean Paul als mit S. Freud machen.“ Oder der Leser unternimmt in einem VW-Bus mit Julio Cortázar und Carol Dunlop eine traurig-melancholisch-schöne Reise über die Autobahn – von Paris nach Marseille, ohne die Autobahn je zu verlassen und um all die Rastplätze zu untersuchen, die auf dieser Strecke liegen. Reisen in den Zeiten, als es noch möglich war zu reisen. Autonauten auf der Kosmobahn.

Genauso gibt es aber das Gegenteil. Auch wenn Bleiben nirgends ist, gibt es diese Orte der Nähe – zumindest für kurze Zeit, Ort der Geselligkeit, da wo sich viele aufhalten und Menschen manchmal doch einsam für sich allein sitzen: Die Bar, der Club oder die Kneipe oder in Frankreich eben das Bistro. Über solche Trink-, Eß- und Lebensorte wäre zu schreiben. Bereits 1987 verfaßten die Bremer Soziologen Franz Dröge und Thomas Krämer-Badoni ihre Kneipensoziologie „Die Kneipe. Zur Soziologie einer Kulturform“. Nun hat sich der französische Ethnologe Marc Augé einer spezifisch französischen Institution der Geselligkeit gewidmet – dem Bistro. Bekannt wurde Augé durch sein Buch über Nicht-Orte. Also ebenfalls Räume des Wartens und des Aufenthalts, wie etwa Flughäfen und Bahnhofshallen, nur unheimischer und weniger gastlich als die Bistros und was die Handlungen und Verhaltensweisen betrifft anders strukturiert: die Menschen warten und harren für sich, sie wollen nicht sprechen und nicht bleiben, sondern fort. Aber wie auch beim Bistro sind es Orte der zufälligen Begegnung – sofern sich nicht die Stammgäste begegnen und wie im Wiener Kaffeehaus ignorieren oder als Literaten und Philosophen einander Spinnefeind und Haßobjekt sind. Augé untersucht solche Räume und ihre Struktur. Er schreibt anschaulich eine Ethnographie der Gegenwart im Zeitalter des Reisens und der Transite. Ein Ethnologe des „Nahen“, wie er es nennt.

cover-978-3-95757-261-5Mit „Das Pariser Bistro. Eine Liebeserklärung“ durchstreift er die Welt dieser speziell französischen Institution, für die es kein deutsches Synonym gibt: Restaurant, Kneipe und  Bar treffen es nicht ganz. Das Buch ist, wie der Untertitel andeutet, eine kleine Hymne. Weniger theoretisch verfaßt als „Nicht-Orte“, wo wir mehr noch den Blick des Ethnographen sehen, während beim „Pariser Bistrot“ ein leidenschaftlicher Phänomenologe schreibt, der (vermutlich) selber gerne un petit rouge kippt. Das Buch eröffnet mit einem Zitat des leider in Vergessenheit geratenen Louis Aragon – kaum eines seiner Werke gegenwärtig lieferbar, immerhin aber gibt es in einer Suhrkamp-Ausgabe „Der Pariser Bauer“ – im Original vieldeutiger als „Le paysan de Paris“ getitelt: „Werde ich noch länger das Gefühl für das Wunderbare des Alltäglichen haben?“ So beginnt das Aragon-Zitat. Im Bistro erfahren wir dieses Wunderbare des Alltäglichen, Verzauberungen und Traum-Lebens-Sequenzen die Aragon auch in „Le paysan de Paris“ zeigt. So auch im Bistrot und wie wenn man es sich wie in einem der französischen Filme vorstellt. Dramen, Geschichten, Romane spielen sich hier ab, doch ebenso die unscheinbaren Szenen und Alltag. Auch Augé findet für dieses eigentümliche Prinzip, das uns dazu treibt, ein Bistro aufzusuchen, feine Worte:

„Hinter der Illusion steht ein Bedürfnis, und dieses gilt es wachzuhalten; Bedürfnis heißt Leben; es ist hartnäckig, stets bereit, wie Phönix aus der Asche zu steigen, wenn man ihm ein wenig nachhilft. Und eben dafür sind Bistros da.“

Wohl gesprochen und gerade deshalb fehlt uns in der Gegenwart dieser Ausgang und diese Möglichkeit so sehr. Fast könnte man sagen: es ist dies für viele ein menschliches Grundbedürfnis: wie Sprechen, Reden, Schauen, Hören. Wir sind Sinneswesen. Augé fragt, was ein Bistro ausmacht, schaut auf den Ort, dem er seine Aufmerksamkeit widmet und der in der Soziologie gerne Gegenstandsbereich genannt wird. Gehört auch der Troquet oder das Café dazu? Wie grenzt sich das Bistro von der Brasserie und vom Literatencafé ab? Wie schaut es in nobleren Varianten wie der „Closerie des Lilas“ aus oder in der Hotelbar mit Klavierbegleitung? Auf all das richtet Augé seinen Blick. Jedoch, bei allen Varianten und Möglichkeiten: „Die höchste Form des Bistros ist das Bureau de Tabac, …“ Denn immerhin fallen dort Trinken und Rauchen zusammen: Alkoholika wie auch Tabakwaren lassen sich erstehen. In Bamberg etwa fällt sowas im herrlichen Café Müller ineinander.

„Bistros sind Orte im eigentlichen Sinne des Wortes: Die Gestaltung des Raums ist von größter Bedeutung, die Zeit ein Wert.“ Augé fängt den Betrieb der Bistros ein, die flinken Kellner, die Typen von Gästen und ihre Eigentümlichkeiten. Bistro bedeutet: sich an einem Ort seine Zeit zu nehmen. Innehalten, in Augenblicken. Bistros haben jedoch auf ein Viertel nicht nur freundliche Auswirkungen, ebenso haben sie mit Veränderungen zu tun. Wenn die „Salonlinken“, so Augé, in den armen Vierteln auftauchen, so daß die schäbigen Quartiere zu ehemals armen Vierteln und dann zu den Vierteln der Reichen werden: „Das Auftauchen der Bobos in alten Arbeitervierteln von Paris …“. Und in dieser Umpolung „ist das Bistro der Bobos eine Art potenziertes Bistro.“ Wobei allerdings die freie Marktwirtschaft ihren Teil dazu beiträgt. Künstler und Studenten sind nur ihre Agenten und nutzen die Chance, die sich ihnen bietet, wie sie auch der Makler im Verkehr der Waren nutzt. Aspekte, die bis heute aktuell sind und deren Regulierung Aufgabe der Politik ist – etwa so wie die Stadt Wien das macht, so daß auch in den sogenannten schickeren Vierteln sich noch das eine oder andere kleine Kaffeehaus halten kann.

Nein, Paris ist lange nicht mehr das, was es einmal war, so sprechen die, die den Mythos lieben und von ihm zehren. (Aber was ist und was war eine Stadt je? Es fixiert sich bei Städten kein status quo, sondern sie sind Werden und Gebären. Ein Kontinuum als Fließen. Insofern ist das Lamento „Nichts bleibt, wie es war“ oft bloß sentimentaler Reflex.) Bereits in den 80er Jahren lebte es sich in Saint-Germain-des-Prés und Quartier Latin schick, während Belleville noch an vielen Stellen ein übler Ort war, wo niemand wohnen mochte. Das ist heute anders. Doch wenn man sich umschaute, gab es Mitte der 80er Jahre selbst im Saint Germain und im Quartier Latin noch jene Bistrots und Restaurants, wo man günstig trinken und essen konnte. Das wilde Leben im „Tabou“ und andernorts, das Boris Vian beschrieb, war freilich lange verflogen, kein Drehwurm, kein Swing und Plankton tönte, keine Jazztrompeten, kein Jean-Sol Patre las mehr, und Juliette Grecos gehauchtes „Il n’y a plus d’après“ nur noch der Song einer alten Frau, den sie auf Konzerten vor alten Menschen sang.

Über die Jahre, bis heute hin hat sich das Ensemble des Quartier Latin allmählich verändert: die Geschäfte in der Rue Bonaparte: inzwischen schreckliche Kunstgalerien oder noble Boutiquen, die École nationale supérieure des beaux-arts sticht dort wie ein Fremdkörper heraus, das günstige Restaurant nebenan, wo ich manchmal aß, ist seit 2004 fort. Fast-Food-Ketten am Place de l’Odéon, wo die Danton-Statue harrt: die ins Museum fixierte Revolution. Wo im Flore Erinnerungen und der Stadtmythos ins Smartphone gehegt werden. Augé hat auch für diesen Wandel des Bistros, das sich ans Viertel akkommodierte, einen Blick. Jedoch: Eine Definition des Bistros zu liefern, läuft in Augés Sinne ganz zu recht am Phänomen vorbei. „Was ist ein Bistro?“ läßt sich nur sagen, indem man ein Bistro besucht, und dieser Verweis auf die Praxis scheint mir zentral: „Tatsache ist, dass das Wort ‚Bistro‘ eine unmittelbare Sympathie transportiert.“ Eine Definition jedoch liefe Gefahr, die Wirklichkeit zu verzerren und den Ort zu zerstören. Also lieber eine Phänomenologie der Praxis, indem der Autor die Orte aufsucht. Eine Phänomenologie des Rotweins ist keine solche, wenn der Phänomenologe nicht auch das Selber-Trinken und das Sich-Betrinken einbezieht.

Augé fragt, worin die Kraft dieses Begriffes „Bistrot“ liegt, was den Sog dieses Ortes der Begegnungen ausmacht. Und unter dieser Optik halb des Literaten, halb des Wissenschaftlers schreitet er von seinen Jugend- und Studentenerinnerungen die Zeit ab: Die der Kindheit, als das Bistro was von Verbotenem verströmte, Kellerbistros mit Kohlegeruch, ein lange verschwundenes Bougnat – es müssen die späten 40er Jahre gewesen sein. Das alte Paris, wie es der Filmmythos konserviert und wie wir es bei Truffaut noch so herrliche erschauen. Die Bistros der Surrealisten um Breton am Boulevard de Clichy, die freilich auch bei Augé nur noch in der Erinnerung als Aura existierten. Verklärendes Es-war. In der Studentenzeit dann, wir kennen es bis heute, egal in welcher Stadt, war das Bistro die Verlängerung des Seminars. Es wurde debattiert, Studenten und Kollegen fanden sich ein. Theorie wird praktisch, würde ich dieses get together nennen wollen. Denken realisiert sich, Platons Symposion und unendliches Gespräch.

Doch egal welche Variante von Bistro wir wählen: Es sind, wenn wir zu zweit oder zu dritt sind, Orte der Konversation. Zugleich dienen sie dem stillen Gast als Raum für den Rückzug – streng ritualisiert. Bistros besitzen eine Zwischenstellung. Wir sitzen darin, fühlen uns heimisch und doch sind es keine Wohnzimmer, sondern öffentliche Orte. Wobei diese Stellung ebenso für das Café und die Arbeiterkneipe gleichermaßen gilt: „sich wie zu Hause und zugleich auswärts zu fühlen, aufgenommen und nicht weiter beachtet zu werden.“

Interessant ist insbesondere Augés Beobachtung, daß das Rauchverbot in Frankreich (und in anderen Ländern) eine Neueroberung des öffentlichen Raumes auslöste. Raucher versammeln sich vor der Tür, Fremde kommen ins Gespräch, zwangloser Wechsel der Position, der Bürgersteig verwandelt sich in einen öffentlichen Platz. Doch auch der kommunikative Aspekt ist nicht spezifisch fürs Bistro. Eher schon das, was man auch in den Stamm-Kneipen erleben kann: der Gast wird vom Wirt oder von der Bedienung wiedererkannt, er bekommt morgens automatisch seinen doppelten Espresso auf den Tisch gestellt und ein Croissant mit Butter dazu. Ums Bistro ranken sich Geschichten, und wir können wenn wir dort sitzen, so tun, als läsen wir Zeitung und dabei doch den jungen Frauen am Nebentisch lauschen, uns komplette Geschichten zusammenreimen oder uns ausspinnen.

„Wenn das Bistro ein romanesker Ort ist, dann vor allem in dem Sinn, dass es der Fantasie Fragmente von Geschichten darbietet, die sich gerade abspielen und deren Vorgeschichten oder Fortsetzungen sich jeder, dem danach ist, (…) ausmalen kann.“

Das Bistro lädt zum Beobachten ein und zum Aufschreiben dessen, was der Besucher als Gast, als Phänomenologie und heiterer Wein- oder Kaffeetrinker beobachtet. Insofern ist all das, was Augé präsentiert und schildert, nicht neu und man selber hätte darauf kommen können, eigentlich jeder, der gerne in Cafés geht, entwickelt solche Gedanken, schreibt die Skizzen auf oder notiert Wortfetzen, um später einmal aus den Aufzeichnungen etwas zu machen. Aber doch kam bisher kaum ein Autor darauf, aus solchem Ort ein Buch zu fabrizieren: halb literarisch-subjektiv aufgeladen, halb teilnehmender Beobachter und Ethno-Soziologe.

Eine umfassende Phänomenologie des Bistros, bis in die Tiefen, will das Buch sicherlich nicht liefern, sondern vielmehr, wie der Titel sagt, ist es eine wunderbare Liebeserklärung an eine aussterbende Institution, und wie auch Barthes Beobachtungen zum Eiffelturm, wird es den Paris-Freund in Reiselaune versetzen. Es enthält mit den Alltagserfahrungen zusammen manche schöne Beobachtung bereit. Manchmal mit Pathos, wie solche Passage, aber doch mit der Liebe zum Ort:

„Wenn ein Bistro schließt, bietet sein abgedecktes Schaufenster oder der ein für alle Mal den Eintritt versperrende Metallrolladen plötzlich den Anblick eines jähen und unbegreiflichen Endes, ein Bild des Todes ohne jede Metaphorik; es ist der Tod persönlich, der hier sein Antlitz zeigt.“

Man merkt Augé die Leidenschaft zum Ort an. Um zu imaginieren, bietet das Buch guten Anlaß. Für einen Armchair-Traveller, wie ich es bin, genau das richtige. Die Gedanken in die Ferne schweifen zu lassen, ohne sich dabei fortbewegen zu müssen. Saint-Germain-des-Prés ist nur noch ein Erinnerungsort und ein Begriff. Das Alte ist lange schon vergangen. Aber Mythen (mal im umgangssprachlichen Sinne genommen) und Geschichten leben lange und nachhaltig. So wie hoffentlich auch das Bistro, das dann eben an anderen Orten seinen Platz neu findet.

Nicht-Orte gleichsam: Auch das wäre eine schöne, kleine Blog-Serie wert: etwas über Reisen zu schreiben, ohne dabei verreisen zu müssen. So wiein Piere Bayards kleinem Buch „Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist“.

Marc Augé: Das Pariser Bistro. Eine Liebeserklärung, 118 Seiten, Hardcover, Übersetzung: Felix Kurz, 15,00 €

„Those were the days my friend“ – Lutz Seilers „Stern 111“

42925Ein wenig geht es in diesem im Frühjahr 2020 erschienenen Roman von Lutz Seiler zu wie in seinem herrlichen Erstlingsbuch „Kruso“ (2014): Abschied von der DDR auf der Insel, die letzten Tage, nur diesmal nicht auf Hiddensee, sondern auf einer anderen Insel, und zwar mitten in der Hauptstadt der DDR, auf einer Insel in Ostberlin. Da gerät ein Protagonist in eine verschworene Gemeinschaft von Menschen, die dachten, für immer zusammenzuhalten: diesmal in Berlin-Mitte – Oranienburger Straße, die alte DDR, Prenzlauer Berg, Friedrichshain, das alte Ostberlin. Und das sich bereits ankündigende, kommende, neue Berlin. Was geschieht? Es ist Wendezeit. Die Grenzen wurden dank Schabowskis Zettel und dem Fehlleser geöffnet. Die Menschen strömen in den anderen Teil Deutschlands. Es ist November 1989, die Mauer fällt. Und die Eltern des Protagonisten Carl telegraphieren ihrem Sohn, daß er aus Leipzig in die elterliche Wohnung nach Gera reisen solle, weil sie ihm, dem Sohn, etwas Wichtiges zu erzählen haben: Sie eröffnen ihrem Sohn, daß sie diese einmalige Chance nutze wollen, um in den Westen zu fliehen: wer weiß, wie lange dieser Zustand der offenen Grenze so bleibe, meint die Mutter, um dann wieder in den alten Zustand zurückzuspulen. Eine Flucht, die keine richtige Flucht mehr ist, weil die Mauer bereits gefallen war, aber um im Notaufnahmelager nicht allzu sehr aufzufallen, reist man besser nicht mit dem Auto an, so denken die Eltern. Also muß das Auto in Gera bleiben.

Mit dieser Nachricht wird der Sohn Carl von seinen Eltern überrascht und dazu verdonnert, die Wohnung in Gera einzuhüten und vor allem auf das kostbare, wohlgepflegte und gehegte Gefährt, den Lada Shiguli, aufzupassen. Nicht die Jugend bricht auf, sondern die Alten tun es. Was als elterliches DDR-Leben für die Dauer schien, erweist sich, wie später dann auch die DDR, als brüchig bis hinfällig: „wie gewohnt und als könnte es nicht anders als für immer so bleiben – schließlich war doch alles hier nur dafür eingerichtet.“ Für immer und immer. Denn das eben ist es, was Kinder glauben, die nun selber junge Erwachsene sind, und was sie noch weiterhin gerne glauben wollen. Alles bliebe wie immer: nur man selbst, als junger 20jähriger, würde sich ändern und seinen Lebensweg durchrauschen oder melancholisieren, wenn es einmal nicht so läuft, meist mit den Mädchen: Uni, Literatur, und wieder Mädchen, wild ein Leben leben und vor allem: Gedichte schreiben, so wie Carl es sich wünscht. Die Eltern – das sei der sichere Hafen. Daß alles bliebe. Aber die Gruppe „Karussell“ sang es so: „Nichts ist unendlich, so sieh das doch ein/ Ich weiß, du willst unendlich sein – schwach und klein“. Kitschig und schön zugleich. Ein wenig auch, wie jenes Seiler-Buch.

Auch ein Abschiedslied. Auch ein schöner Kontrast, gleich zu Beginn des Buches: Wagemutig sind die Eltern, die der Sohn in ihrem alltäglichen DDR-Dasein für langweilig, angepaßt und normal hielt. Und als Stubenhocker erweist sich der vormals in Leipzig Literatur studierende Sohn, der schon in Leipzig hockte und der nun nach der Abreise der Eltern monatelang still in der elterlichen Wohnung hockt, wartet, auf irgendwas wartet, auch darauf, daß er den Nachbarn, die neugierig sind und die wissen wollen, was mit den Eltern ist, aus dem Weg geht. Warten, abwarten, beobachten: wie schon im DDR-Leipzig, wo der jungen Mann wegen eines Mädchens namens Effi, in das er unsterblich und tief unglücklich verliebt war, sein Studium abbrach. Nun geht es wieder heim:

„Immer deutlicher wurde, dass Carl im Grunde nicht viel über seine Eltern wusste und nur ein paar blasse, kindliche Bilder mit sich herumtrug aus dem Album seiner Schulzeit und Jugend. Hatte er je wirklich über sie nachgedacht? War es die Aufgabe von Kindern, wenn sie erwachsen wurden, über ihre Eltern nachzudenken? Und wenn, wann sollten sie damit beginnen? War Mitte zwanzig dafür schon zu spät?“

Aber die „alte Ordnung löste sich auf, in rascher Geschwindigkeit“: die Gesellschaft, das Soziale, alles das, was war, ist nicht mehr so wie angedacht: Vorwärts immer, rückwärts nimmer. So denken Carls Eltern; und so denkt dann nach langem Hocken in der elterlichen Wohnung, die mehr und mehr zu einem Nicht-mehr-Ort wird, am Ende auch Carl. Er bricht mit dem Shiguli nach Berlin auf, ohne es den Eltern zu sagen, die glauben, er hüte die Wohnung weiter ein. Literatenträume, und irgendwas erleben, um es aufzuschreiben. Carl streift durch jene Mitte-Viertel, Scheunenviertel, Oranienburger Straße, Kollwitzplatz, fährt Schwarztaxi, beim ersten Mal ohne es zu merken, weil er freundlich ist und einen Ostberliner mitnimmt, der am Straßenrand winkt. Carl fährt, schaut, pennt in seinem Shiguli:

„In den ersten Tagen drehte Carl ein paar kleinere Runden. Er erkundete Berlin, kehrte aber immer wieder zu seinem Schlafplatz in der Linienstraße zurück. Er fuhr in die Kastanienallee, die er bisher nur als Titel eines Gedichtbands kannte, und lief eine Weile ziellos umher. Er war auf Entdeckungsreise, er konnte seinen Herzschlag spüren. Irgendwo hier, hinter diesen Fassaden, wurden die guten Gedichte geschrieben, die dann in Zeitschriften erschienen mit Namen wie ‚Liane‘ oder ‚Mikado‘. Auf der Suche nach ihrem besonderen Wesen musterte Carl die Menschen der Kastanienallee – auch wenn er sich damit lächerlich machte, er zeigte Respekt. Und tatsächlich hatten nicht wenige jene absolute Notwendigkeit im Blick, die zum Schreiben führen konnte; und dieser und jener schien schon tiefer hinabgestiegen in sein einsames ‚Ich muss‘, Rilkes Diktum, das auch Carl verfolgte, seit ihm die ‚Briefe an einen jungen Dichter‘ in die Hände gefallen waren.“

Oft schwingt, wie in der Rilke-Passage, Schalk und Selbstironie im Erzählen mit. Der hohe Anspruch des jungen Mannes und zugleich das am Ende auch wieder Hochtrabende, die große Geste, die im Rückblick der Jahre einerseits etwas Komisches und doch auch etwas Rührendes haben: als wir jung waren, als wir träumten, als da ein Leben noch offen vor einem lag,das es auszufüllen galt, mit all den Träumen, jene wunderbaren Jahre, im neuen, alten Berlin, um die Kastanienallee herum, die 15 Jahre später Castingallee hieß: Seiler vermag es, die Stimmung dieser Jahre anschaulich zu machen. Zumindest erzählt er sie so, daß jene Zeit glaubhaft wirkt und der Westrezensent meint, es wäre genau so gewesen, wie Seiler es beschrieb. [Und selbst wenn es nicht so gewesen wäre: Literatur ist keine Dokumentation, sondern sie will schöne Geschichten erzählen, an denen wir uns berauschen. Einerseits. Die aber in ihrem Gemachtsein zugleich etwas Besonderes sind. Andererseits.]  Wie Carl da im Fieber fast stirbt, weil er sich nachts im Auto eine Lungenentzündung zuzog und eine Gruppe Hausbesetzer ihn aufliest, mitnimmt, aufpäppelt und er in ihre Gemeinschaft hineinwächst. Hoffi, der Hirte, der Kopf der Gruppe um jenes in der Oranienburger Straße zu einem Treffpunkt ausgebaute Zentrum namens „Assel“, ein wenig gezeichnet wie die Figur des Kruso in dem gleichnamigen Roman und der als Commandante auch in diesem Roman wieder auftaucht, angereist von der Insel Hiddensee und nun ebenfalls in Berlin lebend, samt Kruso-Assistenten Edgar, der wie auch Carl ein weiteren Double des Autors zu sein scheint. Seiler verquickt hier auf eine schöne und unaufdringliche Weise Autobiographie und freies Erzählen: Das Ich ist immer ein Stück vom eigenen Leben und ist es doch nicht ganz. Der Ausbruch aus der alten Ordnung ist vielfältig: Inselszenen sind sowohl „Kruso“ als auch „Stern 111“.

Ist „Stern 111“ ein Berlinroman? Ein Ostberlinroman, genauer geschrieben? Ja und nein. Zwar spielt er an jenen Plätzen des Wende- und Nachwendeberlins in Mitte und Prenzlauer Berg: Oranienburger Straße, Rykestraße, Wörtherstraße, Schönhauser Allee, Kastanienallee, Knaackstraße bis hinein ins Winsviertel. Legendär in der Oranienburger Straße das Zentrum jener wilden Hausbesetzer, an die Carl gerät und die ihn aufpäppelten: jenes ausgebaute, umgebaute, ausgegrabene Kellerlokal mit dem Namen „Assel“.

Ostberlinjahre des Ausbruchs. Eine Art Niemandsland. Maler, Schauspieler, Dichter, Macher, die die marode Bausubstanz dieser Viertel für sich zu nutzen wissen, die renovieren, umbauen, Häuser besetzen, um Wohnraum zu gewinnen. Aber zugleich geht es um mehr als um das alte Wendeostberlin mit seiner speziellen Szene aus Künstlern, Aussteigern, Hausbesetzern, Lebemenschen, aber auch den Alteingesessenen und besonders den Alten, die dort nicht mehr fortwollen und schon bald fort müssen. Jene heute monokulturell aufbereiteten Viertel sind inzwischen die Lieblingsorte von Journalisten, die das migrantische Leben preisen und als sie einstmals mit diesem in Neukölln und Wedding in Berührung kamen, schnell in den inzwischen entmieteten Prenzlauer Berg flohen. Bodentiefe Fenster sozusagen und Entmietung; heute beklagt man sich literarische über jene mit den „Schäfchen im Trockenen“.

Das alles war damals anders. Alles war offen. Neue Lebensformen schienen möglich. Insofern ist dieser Roman auch  ein Buch, das die Frage stellt, wie wir leben wollen. Sei es am Beispiel der Eltern, die tatsächlich zu einem ganz Neuen aufbrechen und Carl, der sich tastend in jenem Ostberlin bewegt. Verfall stand auf der Tagesordnung des Jahres 1989 und diese Ästhetik des Untergangs ermöglichte zugleich ein Refugium für Kunst. Es ist das, was Seiler beschreibt, nicht nur ein Ort, sondern zugleich ein Zustand, eine Emphase von Aufbruch, die Zeit des Umbruchs, die genauso für Leipzig, für Halle und vermutlich auch für Chemnitz und Magdeburg gelten kann. Der Roman erzählt eine Erfahrung, die kein Wessi je machen konnte, nämlich wie ein System vollständig wegbrach und eine Leerstelle hinterließ, an die man andocken und die Menschen mit ihren Ideen und mit ihrer Phantasie ausfüllen konnten; die alten Autoritäten waren fort oder wurden verlacht, neue waren zunächst nicht in sicht. „Stern 111“ zeigt, was damals war, als die DDR zusammenbrach und als sich Menschen ihre Freiräume eroberten – ähnlich wie auch Clemens Meyers Leipzig-Tableau „Als wir träumten“: großartig, weil Meyer in klaren Bildern und pointierten Szenen jene Jahre der Wende auch dem Leser aus dem Westen anschaulich machen kann – vor allem das Wilde dieser Zeit. Und eben dieses Zeigen von Zeit fasziniert auch bei Seiler.

Und wie schon in seinem erstem Roman „Kruso“ zeigt er Menschen, die in der Gemeinschaft ein besseres und anderes Leben führen wollen, das von Freiheit, aber auch von einem Ideal sozialistischer Gemeinschaft bestimmt ist: Kommune machen, nur eben bloß nicht wie jene zwanghaften 68er, sondern auf Ostart. Da ist jener Hirte, Hoffi mit Spitznamen, der jene lose Hausbesetzergruppe anführt, er denkt bei seinem neuen Wohnprogramm an Arbeiter und an Aussteiger. Er predigt, er nimmt jeden auf, der mitmachen will, so eine Art Naturtheater von Oklahama. Ein Kollektiv, eine Gemeinschaft mit neuer Lebensform. Jeder nach seinen Bedürfnissen. Doch die meisten jener Arbeiter, die der Hirte ansprechen wollte, hatten genug von den Utopieträumen: „Kommt die Westmark bleiben wir, kommt sie nicht, gehen wir zu ihr.“ Genau dies war ihr Verhältnis zur DDR. Und so verirren sich in die „Assel“, jene von den Besetzern peu a peu ausgebauten Kellerkneipe und Café, nur jene ehemaligen russischen Soldaten, die unter traurigen Bedingungen inzwischen schwarz auf dem Bau arbeiten. Oder es kommen die Huren der Oranienburgerstraße. Was bleibt, ist der Idealismus jener Jahre.

Ein wenig anders freilich und als Kontrastbild des Berlin-Aufbruchs wirken Carls Eltern. Sie sind die wirklichen Aussteiger. Sie fangen aus einem alten Leben ein völlig neues an: alles auf Risiko, brechen aus einem alten Leben, das sie jahrzehntelang in Gera führten, aus. Carl hat Eltern, die er im Grunde nicht kennt und die eine Existenz führten, von der er bisher nichts wußte: Sie liebten es, Rock’n Roll zu tanzen, sie waren, als es noch keine Mauer gab, bei einem Rock-Konzert in Westberlin, sie hörten jene Musik und mochte das Wilde und Überschlagende beim Tanzen, und sie haben sich in der DDR am Ende doch gefügt: „Er sah seine Eltern, Seite an Seite tauchten sie ein in diesen Irrtumsnebel, der immer dichter wurde.“

Das Leben der Eltern in der BRD und später dann sogar in den USA, das Leben Carls in Mitte und im Prenzlauer Berg: die Parallelmontage der beiden unterschiedlichen Leben ist eine schöne Konstruktion, um auf diese Weise verschiedene Möglichkeiten durchzuspielen, wie man auf die Öffnung der Mauer reagieren kann.

An manchen Stellen bin ich mir allerdings von der Sprache her nicht sicher, ob das, was da steht, so gemeint ist oder ob es die Ironie einer Jugend-Phase abbilden soll, so wie junge Künstler gerne bilderreich dichten:

„Für einen Moment beschlich ihn der Verdacht, dass die Welt, der er angehörte, klammheimlich verschwunden und er einer der Übriggebliebenen war, ein Stück angefaultes Treibholz auf dem großen breiten Strom der neuen Zeit.“

Vielleicht soll solcher Bericht von der Zeit in der Form des personalen Erzählers die Stimmung Carls abbilden und sie zugleich persiflieren. Vielleicht aber auch den Eindruck des Erzählers wiedergeben. Doch ist dies zu viel von Pathos, wenn es ernst gemeint sein sollte. Gebeizte Stimmungskunst. Solche hochtourende Prosa findet sich an einigen Stellen. Weniger hätte gut getan. Die Wendung „für einen Moment“ taucht in diesem Roman übrigens an genau 44 Stellen auf. Ich gehe davon aus, daß diese Häufung nicht bloß Nachlässigkeit ist, sondern daß hier der Augenblick, der Moment eben, eine besondere Rolle spielt. Und einen solchen besonderen Moment im Leben eines jungen Mannes erzählt auch Lutz Seiler. Dazu gehört genauso die Ablösung von den Eltern, die sich wiederum von ihrem alten Leben ablösen.

„Stern 111“ ist in diesem Sinne auch ein Bildungsroman. Die Bildungsreise des jungen Carl aus dem beschaulichen, kleinen DDR-Gera nach Ostberlin und der Werdegang eines jungen Mannes, der sich nicht sonderlich viel zutraut, der sympathisch ist, der gerne ein Dichter werden will und der von den Leuten wegen seiner stillen Art gemocht wird, aber eigentlich nie die Rolle des Leittiers im Rudel spielt. Er schaut zu. Und in diesem Schauen, aus dieser Passivität heraus und durchs Beobachten bildet jener Carl sich. Carl nämlich wird es am Ende sein, der genau diesen Roman geschrieben und der zum Schriftsteller wurde; und aus diesem Grund wechselt der Roman dann im Epilog von der Er-Perspektive in die des Ichs. Ein Autor, ein Dichter, der sich gefunden hat. Vom Er zum Ich. Rückblicken auf sich selbst kann man oftmals nur in der dritten Person: man war damals ein anderer. Wie endet der Roman? So wie es richtig ist, nämlich mit einem Blick auf jenen Ort, der neben dem kleinen Carl, Hoffi, dem Hirten, Carls großer Liebe Effi, der er im Osten Berlins wiederbegegnet, Carls Eltern und vielen anderen Bewohnern dieser Utopie-Oase, einer der Protagonisten dieses schönen Romans ist, nämlich die herrliche „Assel“, in der sich Glück, Liebe, Arbeit, Kunst, Kampf, Verzweiflung und Feiern zutrugen:

„Auch heute steht in der Oranienburger Straße 21 ein Haus. Wenn ich dort vorüberkomme, überprüfe ich die Nummer am Eingang und die Lage zu bestimmten Bäumen gegenüber, die es schon damals gab, im Park. Die Lage – sonst ist nichts geblieben. Selbst das Souterrain, die alte Höhle, gibt es nicht mehr. Die Decke ist herausgerissen, der Unterstand ist aufgebrochen, das U-Boot gesprengt. Durch breit verglaste Öffnungen in der Fassade schaut man einem hohen, gut beleuchteten Raum bis auf den Grund. Der alte Unterschlupf ist eine Art Aquarium geworden. Wozu, bleibt ein Rätsel. Vereinzelt stehen dort ein paar Möbelstücke, ohne Preis. Einen Kunden oder einen Verkäufer habe ich nie dort gesehen – keine Menschen, nur ein Kasten aus Glas und Stein, in dem ein paar Möbel treiben.“

Von dem, was einmal war, blieb nichts mehr übrig – außer den Fassaden der Häuser und jene Erinnerungen an eine Zeit, die lange vorüber ist. Lutz Seiler verdichtete sie in Literatur. Die Oranienburger Straße heute ist eine leblose Zone, eine Straße wie jede andere, mit Bars und indischen Restaurants samt bunten Fahnen, die mit India-Kitsch Touristen aus New York und Madrid locken, in einem Bezirk, der inzwischen unbewohnbar ist. Nichts ist unendlich. Der Rest ist Geschichte, der Rest bleibt Erinnerung für die, die damals dabei waren. Ein wunderbares, poetisches, schönes Buch zum Abschied eines Landes, programmatisch  steht dafür auch der Romantitel: wer damals nicht dabei war, wird nur mit Nachschlagen wissen, was „Stern 111“ ist. Nämlich ein altes DDR-Transistorradio.

„Carls Mutter zog einen Handwagen hinter sich her, in dem Carl saß, das Kind, vom Dorf bis zur Autobahn waren es nur zwei Kilometer. Carl-das-Kind hatte ein Kissen im Rücken und das Stern 111 auf den Knien, ihr Kofferradio.“

Teils ist das Buch in der Sprache auch ein Schelmenroman. Im Blick des Sohnes auf die Eltern erinnern vom Humor her manche Passagen an Thomas Brussigs „Helden wie wir“. Insofern würde ich, obgleich Seiler ein verhaltener Spaßmacher ist, diese Prosa teils als Komik lesen, und zwar gerade durchs Dezente als eine guter Variante des Humors, gelingt dies. Vor allem aber ist es ein ostdeutscher Bildung- und Entwicklungsroman. Seiler verbindet diese Elemente aus Poesie der Sprache und Zeitgeschehen zu einer konsistenten und spannenden Geschichte mit herrlicher Pointe, zuweilen auch Kitsch, den ich diesem Buch aber insofern verzeihe, weil der Roman wunderbar erzählt eine Stimmung, eine Zeit, eine Phase anschaulich macht, die ich als Rezensent nicht miterleben durfte. Ich harrte damals in jenen wunderbaren Jahren des frühen Erwachsenendaseins mit Mitte 20 in der guten Denk-Stube und las in der Arbeitsgruppe „Kants Kritik der reinen Vernunft“. Auch so ein Stubenhocker. Aber ohne die Ambition, ein Dichter zu werden.

Lutz Seiler, Stern 111, Suhrkamp Verlag 2020
528 Seiten, 24,00 EUR

Erfahrungshunger: Deutschland neuf zéro. Marie Rotkopfs „Antiromantisches Manifest“

Ein Manifest macht eine Sache sichtbar und offenbart sie – das zumindest ist die etymologische Bedeutung: manifestare, manifestus. Und darin steckt ebenso: etwas handgreiflich machen und das kann manchmal auch in einer vergröbernden Skizze und als Wutrede erfolgen. Ein Manifest ist keine Erörterung. Das prominenteste Manifest ist das der Kommunisten – von Marx und Engels als Programmschrift verfaßt. Es diente Marx und Engels dazu, unterschiedliche Menschen zu sammeln, die alle eines gemeinsam hatten, nämlich ihre Haut auf dem Markt feilbieten zu müssen. Und auf diese Weise des Sammelns sich zu organisieren und eine Partei zu gründen: nämlich die der Arbeiter. Das Manifest besaß insofern – unter anderem – eine politische Funktion. Die Manifeste der Dadaisten wiederum spielten mit dem Charakter des Manifests. Sie stellten diesen Charakter aus und stellten ihn damit zugleich in Frage. Denn wer Dadaismus als System betrieb und dazu Regeln und Manifeste schrieb, konnte im Grunde kein echter Dadaist sein. Die Surrealisten oder genauer gesagt André Breton, nahm in seinen Manifesten die Sache deutlich ernster. So ernst, daß die Bewegung der Surrealisten am Ende nur noch aus André und aus Breton bestand. Individualismus immerhin wie ich ihn schätze.

Nun gibt es von Marie Rotkopf, einer 1975 in Paris geborenen, und teils in Deutschland lebenden Autorin und Künstlerin, ein Buch mit dem Titel „Antiromantisches Manifest“ – erschienen 2017 im Hamburger Nautilus Verlag. Teils ist es lyrisch-prosaisch, teils ein politisches Manifest, das Zustände in Deutschland kritisiert, besonders den Nationalismus – zuweilen in polemischer Überspitzung. Teils ist es eine Wutrede geegn die Saturiertheit, die in Europa, die in Deutschland herrscht. Jene Betulichkeit.

Das antiromantische Manifest ist eine Sammlung von Texten bzw. unterschiedlichen Textformen, von Poesie, über Pamphlet und Polemik bis hin zu Kurzgeschichten, die in unterschiedlicher Weise um den Begriff Romantik kreisen und diesen kritisieren, ja mehr noch: ihn zermalmen. Es geht um Politik, in unterschiedlichen Konstellationen, es geht um Heimat, es geht um Deutschland und dessen Vergangenheit und das Vergessen. Und es geht vor allem – aus politischen wie ästhetischen Gründen – um ein Nicht-zu-Hause-sein, keine Heimat, kein Ort, nirgends, was ja wie man meinen könnte, auch die Utopie ist:

„Das Antiromantische Manifest ist ein Plädoyer für das Fremdsein als Fremdheit, als einzig mögliche Lebensform“

In gewisser Weise kann man dieses Manifest mit Walter Benjamins Schrift zum destruktiven Charakter zusammenschließen, dem es um ein „positives Barbarentum“ geht. Einreißen, um aufzubauen. Aber was bauen?

„Wir sind nicht empört, wir sind fertig mit dem Idealismus.

Wir verweigern die westliche Propaganda.
Wir verdammen die europäische und amerikanische Kommunikation.
Die Verdrehung des Geschichtsverständnisses,
die Obszönität der Diskurse verabscheuen wir.

Unser sehr tiefes Gefühl der Feindschaft ist zuerst einmal die Energie der Luzidität.

[…]

Aus dieser rettenden Asymmetrie in uns, dieser Opposition werden wir dann an der antiromantischen Zerstörung arbeiten.“

Fragmente der Destruktion, insbesondere aufgrund einer bösen und entsetzlichen europäischen und deutschen Vergangenheit. Die darauf folgenden Bestimmungen der Romantik, etwa als „Nostalgie für die Stände, das mittelalterliche Christentum“, „wo alles seine Ordnung haben muss, seinen Platz“ und daß Romantik eine Chiffre erschaffen habe, „um die Knechtung der Menschen zu begründen“, halte ich für eine (zudem falsche) Zuspitzung. Man kann solche Sätze, als literarische Form, dem Charakter des Textes als Manifests zuschreiben, insofern will ich sie nicht im Modus eins-zu-eins-lesen. Denn ansonsten wären sie falsch oder bedürften doch der Gegenworte. Man lese nur einmal Novalisʼ „Die Christenheit oder Europa“ oder die Schriften Friedrich Schlegels aus den 1790er Jahren: Aufklärungs- und Zeitkritik mit den Mitteln der Aufklärung und das ästhetische Bewußtsein für eine neue Zeit, die gerade nicht die Nation zum Zentrum erhob. Aufklärung ist in ihren Formen plural, auch in ihrer frühromantischen Form. „Romantik entschleiert“ heißt jenes Kapitel bei Rotkopf – es paßt der Titel insofern schön, weil es bereits jenem Novalis um den Schleier, die Entschleierung der Wahrheit und damit auch um das Bildnis zu Sais geht – und damit jenem Jüngling, der tot niederfiel, als er den Schleier hob. (Nietzsche, Nietzsche: auch dazu: das Spiel mit den Schleiern und die Wirkung der Frauen aus der Ferne, die Wahrheit als Weib, die Gründe hat, ihre Gründe nicht sehen zu lassen: auch eine Logik des Fetischismus. Aber das ist ein anderes Thema wieder.) Gegen solches Entschleiern richtete sich im übrigen einer der Züge der Romantik – aber nicht bloß, um in Mystik und im ungefähren zu verharren, sondern um einen anderen Begriff von Wahrheit ins Spiel zu bringen: Wo nicht mehr Zahlen und Figuren … Aber dazu weiter unten mehr.

Manche von Rotkopfs Polemiken treffen, so die über jenen deutschen Zynismus im Umgang mit Griechenland nach der Finanzkrise: ein deutscher Umgang, der „in der Weise zynisch [ist], wie die Deutschen vor siebzig Jahren die Kosten der Okkupation Griechenlands die Griechen selbst bezahlen ließen und wie Angela Merkel die Flüchtlingsfrage benutzte (und parallel alle Flughäfen Griechenlands verkaufen ließ), um sich eine Weile als Retterin des christlichen Europas zu krönen …“

Da stimme ich als Leser zu. Anderes scheint mir im Modus der Hyperbel oder eben im Modus der Ironie zugespitzt und verfehlt dadurch zuweilen bei mir seine Wirkung. Rotkopf polarisiert, macht sich lustig, so z.B. über Nationalismus und deutsche Misogynie:

„Im frauenfeindlichsten und antifeministischsten Land Europas: Deutschland.
Der Schoß aus dem diese Romantik, die wiederauferstandene Totale Demokratie kroch, inmitten des korrektesten und unterwürfigsten Volkes der Welt, ist fruchbar noch.“

Es erinnert die Übertreibungskaskade mich an Houellebecq, für Thomas Bernhard ist die Diktion zu französisch – was ich als Kompliment meine. Wobei ich wiederum nichts gegen Bernhard gesagt haben will, aber die Art und die Weise des Schimpfens und Bezichtigens haben vielleicht doch mehr mit der nationalen Prägung zu tun als wir es ahnen. Johann Gottfried Herder ein Stück vergröbert: der Volksgeist des Bezichtigens. Aber da die Textform Manifest heißt, liegt solche Wirkung auch in der Form gegründet. Ein Manifest ist keine theoretische Erörterung. Das ist, so denke ich mir, schon auch ein hochromantischer Zug. Die Wut, der Furor, aber auch Rotkopfs Zorn: Haß auf die Romantik. Klingt das Wort „Haß“ auf Deutsch oder auf Französisch angemessener und was gibt von der Aussprache her lautermalerisch jenen harten Untergrund besser wieder? In Französisch heißt es le haine. Das klingt weicher als der scharfe Haß. Wir Deutschen sind da vielleicht besser geeignet. Ich hätte hier gerne noch meinen romantisch-antiromantischen Liebling Kleist mit ein paar seiner Wutausbrüche zitiert, aber das führte dann nochmal fort in eine andere Richtung.

Manchmal lädt das Manifest mich gleichsam zum Gegenschimpfen ein. Auf eine mir inzwischen tief-verhaßte Linke – oder zumindest großer Teile derselben. Und in den anderen Lagern ist es ebensowenig besser: diese Erfahrung des Fremdseins teile ich womöglich mit der Autorin. Fremdsein ist übrigens eine zutiefst auch romantische Erfahrung – und dazu muß man nicht einmal Schuberts „Winterreise“ bemühen: „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.“ Und so merke ich, daß ich beim Lesen mit der Autorin in einen Dialog trete, ich ärgere mich an manchen Stellen, will Rotkopf widersprechen, Aspekte korrigieren. Romantik ist revolutionär, zumindest die Frühromantik aus Jena. Ja, auch das kann das Ziel eines Manifests sein: Sichtweisen zu irritieren, auch durchs Zuspitzen. Wie etwa dieses:

„Die konservative Rollenverteilung ist von der Mehrzahl der deutschen Paare gewollt, viel mehr noch als in den 1990er Jahren.“

Da spricht sie vermutlich eine Wahrheit aus und das mag insbesondere für Westfrauen gelten, bei den klugen Frauen aus der DDR höre ich andere Geschichten. Und bei einer auf der ganzen Linie versagenden Linken, die sich inzwischen die Identitätspolitik von irgendwelchen Binnen-Gruppen aufs Revers geschrieben hat: da tauchen die Leute, die man erreichen will, weg, werden ganz zu recht konservativ, machen es sich auf dem Sofaplaneten mit einer Decke oder einem Liebsten bequem oder sie werden zu recht unpolitisch oder geben lieber der FDP ihre Stimme als in Berlin der Linkspartei – was einfach nur sträflicher Leichtsinn wäre. Linke Politik hat dann Konjunktur, wenn sie die Leute überzeugt. Wer aber bereits alles hat, der will nicht Revolution, sondern seine Ruhe; und wer solche wie Till Raether, Mario Sixtus, Georg Diez, Sibel Schick, Stokowski, Bücker oder Paßmann sieht, der nimmt eher Reißaus, als daß er sich für Politik, Antirassismus oder für Emanzipation interessiert. Und das nicht wegen der Inhalte, sondern wegen deren Performanz. Die beste Waffe der Konservativen sind jene Weiber und Typen. Und auch gegen die teilt Rotkopf aus, sie karikiert einen lächerlichen Feminismus aus den Wohlstandsetagen von Spiegelhochhäusern:

„Fakt ist.
dass ihr seid eine Mischung aus Eva Braun, Judith Butler
und Yoko Ono
mit euren Tagen des Anderssein-Wollens
 in euren freien Ghettos
ihr merkt es nicht 
eure Referenzen,
eure Wiederholungen,
eure Kreistänze heutzutage

Ihr habt Angst vor allem
vor anderen Frauen.“

So in ihrem Gedicht „Toleranz“, das ein Wutausbruch ist und den Titel in eine schöne Paradoxie führt. Gegen die gepflegte Wohlfühllinke, die es sich in den Medien gut eingerichtet hat und sich auf Twitter jeden Tag gegenseitig masturbieren.

Gegen jene Hoffart einer identitär-kulturalistischen Linken, aber ebenso gegen einen dummen Nationalismus. (Die Jenaer Frühromantik übrigens war alles andere als ein nationales Projekt. ) Immer wieder ist bei Rotkopf jene deutsche Vergangenheit das Thema und es gibt aufgrund der Vergangenheit Deutschlands durchaus ernste Hintergründe, einen Exzeß mit Axt zu starten – zumal die Autorin jüdische Vorfahren hat; und ich wäre in diesem Falle mit dem Vergessen und Vergeben ebenfalls nicht allzu großzügig, ganz im Gegenteil. Subjektiv gesehen ist der teils kleistische Furor des Manifests verständlich. Und diese nicht mehr zu tilgende deutsche Geschichte und dieser Hintergrund motivieren den Ton dieses Manifest, und darin treffe ich mich womöglich auch mit der Autorin, wenngleich ich keine jüdischen Vorfahren, sondern nur kaschubische, hugenottische und norddeutsche habe. Andererseits gibt es wohl kaum ein Land, das – spätestens seit den frühen 1960er Jahren – derart intensiv sich mit dem schlimmsten Grauen beschäftigte. Selbst wenn dies vielfach nicht ausreichte und unter der Schicht der Normalität eben der Schrecken immer noch brodelte. So gibt es in Deutschland zahlreiche solcher Erinnerungsorte, unter denen einen andere Geschichte noch verborgen liegt, die hervorgeholt werden sollte. Wer einen Ort wie die berühmte Künstlerkolonie Worpswede bereist, wird vermutlich eher an schöne Bilder und freundliche Künstler denken, die da im eigenen Kreise in der Abgeschiedenheit von Natur und Mooren lebten und schufen.

Kritische Töne dazu – und nicht nur im Modus der Polemik gehalten – finden sich in dem „Tagebuch Worpsweder Frühling“. Rotkopf  schildert unter anderem eine Begegnung mit dem Lokalhistoriker Ferdinand Krogmann. Der zeigt ein etwas anderes Worpswede, einen befremdlichen Ort, der unter dem schönen Schein der Künstlerkolonie daliegt und was gerne in die Verdrängung gerät. Krogmann veranstaltet alternative Führungen durch die Siedlung, und diese Vergangenheit notierte Krogmann in seinem Buch „Worpswede im Dritten Reich“ (2011) und ebenfalls in „Landschaft, Licht und niederdeutscher Mythos. Die Worpsweder Kunst und der Nationalsozialismus“ (hrsg. v. Kai Artinger, Ferdinand Krogmann, Arn Strohmeyer) – was naturgemäß in Worpswede kaum mit Freude aufgenommen wurde. Solche Verdrängungen gibt es in Deutschland zahlreich und der Satz „Nun muß aber doch mal ein Schlußstrich gezogen werden!“ ist mir noch aus den 1980er Jahren bestens vertraut – nicht im Elternhaus zum Glück, aber doch vielfach im Umfeld. Von denselben Leuten meist, die nicht einmal im Ansatz überhaupt erst angefangen hatten. Was diese Leute zu wenig taten, machten wir im Übermaß. Als ob wir sie damit erlösten und sie erreichten. Aber man erreicht niemanden, der es nicht hören will. Am Ende regelt solche Dinge die Zeit. Generationen sterben aus und es kommen neue. Andererseits wurde Anfang der 1980er Jahre in der Schule das Thema derart exzessiv behandelt und das „Nie wieder!“ wurde derart zum Mantra, daß man die linken Lehrer in Zeiten des Punk nur noch mit einem „Kraft-durch-Freude“-Abzeichen am Revers des schäbigen Jacketts provozieren konnte. Zum Glück waren diese Lehrer nicht dumm und wußten, daß wir keine Nazis, sondern auf einer ähnlichen Seite standen. Womit wir, bei solchen Späßen, die vielleicht gar keine sind, auch beim Humor des französischen Satire-Magazins Hara-Kiri (dem Vorläufer von Charlie Hebdo) wären, das für Rotkopf eine wesentliche Inspiration war und mit dem sie in ihrer Kindheit aufwuchs. Und ich kann aus eigener Anschauung sagen, daß deren Witze hart, sehr hart und ganz und gar nicht politisch korrekt waren, sondern die heutige Linke würde weinend in die Ecke winseln, weil deren ganze Wokeheit hart getriggert wäre. (Zur Wokeness schrieb ich ein schönes Gedicht an dieser Stelle.)

Nein, keine Nationalromantik! Keine Wacht am Rhein und kein deutsches Wesen! Aber eine literarische Romantik aus Jena, die jenen von Rotkopf kritisierten Essentialismus auflöste, die zwar nicht die Existenz im Fragment propagierte, aber doch eine fluide und immer wieder die Fixierungen aufbrechende Sprache sang, so wie dies Novalis im „Heinrich von Ofterdingen“ tat:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die so singen, oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die [freye] Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit wieder gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die [alten] wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.“

Eine Art ordo inversus. Ein anderer Ort. Auch dieses Gedicht weist auf eine Form von Fremdheit. Oder auch mit Eichendorff gesungen, aus einer nicht mehr jenensischen Zeit:

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.“

Der deutsche Jude oder der jüdische Deutsche Adorno, der seinen Rehrücken Baden-Baden liebte („In der Erinnerung der Emigration schmeckt jeder deutsche Rehbraten, als wäre er vom Freischütz erlegt worden“ – Heimat mithin und heimisch sein), schrieb einen wunderbaren Essay über die Wunde Eichendorff, nein das war ein Scherz, einen Essay vielmehr „Zum Gedächtnis Eichendorffs“ schrieb er, und das soll und darf nicht unerwähnt gelassen werden. Adornos Rettung jener Romantik ist der Gegentext.

Rotkopfs Text ist zu großen Teilen zornig, sie rechnet mit einer Romantik ab, die sie kausal für das verantwortlich hält, was dann geschah: „Auf Vernichtung läuftʼ hinaus!“ Aber diese Dialektik der Aufklärung springt zu kurz. Es gibt aber auch schöne Sätze und gerade diese Beobachtungen und kleinen Szenen des Manifests sind es, die mir gut gefallen:

„Für gutes Essen und Trinken muss ich ein Budget haben, sonst habe ich immer den Eindruck, ich lebe nicht. In Paris versuchte ich ständig in Restaurants zu sein. Egal, auch wenn man in einer Einzimmerwohnung lebt.“

„Ich würde das Leben feiern, schon am Mittag, am Abend auch, essen, saufen, in die Bars gehen, laut reden. Ich würde es wie meine Eltern machen. Wäre ich mit Freunden aus Paris hier, in einem dieser schönen Ateliers in Worpswede, wir würden Fleisch braten und es genießen, uns betrinken, drinnen rauchen, uns streiten und in die anderen Ateliers schauen, ob es nicht jemanden gibt, mit dem man sich amüsieren kann.“

Für diese Lust und die Freude am Lieben und Leben mag ich dieses Manifest. Diese Lust und Leidenschaft ist seine Stärke. Aber es nützt andererseits nicht viel, beim „Antiromantischen Manifest“ das Spiel „Stimme ich zu. Stimme ich nicht zu“ zu starten. Interessant ist die Struktur des Textes und was die unterschiedlichen Prosa-, Essay- und Lyrikteile dabei evozieren – was sie also mit dem Leser machen. Manche der Beiträge ärgern mich, weil sie vergröbern, andere sind witzig formuliert. Wieder andere auf eine gute Weise provokativ. Und so entsteht ein Dialog mit einem Leser, der in vielem nicht zustimmt. Und in anderem doch wieder.

Ob unsere „Weltanschauung“, wie Rotkopf es nennt, wirklich eine romantische Vision sei, bleibt – unabhängig auch von der problematischen Generalisierung –, dahingestellt. Und vielleicht ist eben ein Problem unserer unromantischen Zeit genau solche Generalisierung, die eine schlegelsche und novalisschen Romantik gerade aufzulösen trachten. Doch wenn man die Verbindungslinie Romantik – Nationalismus – Auschwitz ziehen will, so greift das in meinen Augen deutlich zu kurz. Vieles an der von Rotkopf aufgespießten politischen Kritik ist zwar richtig, oft schreibt sie mit galligem Witz, doch diese Zuspitzung der Romantik ist entweder von der Sache her falsch oder im Sinne der von Rotkopf geliebten und wunderbar-brutal-witzigen und zugleich tragisch-ernsten französischen Zeitschrift Hara-Kiri ein harter Trick in Subversion und romantischer Camouflage. Man kann nämlich Rotkopfs Schreibweise von der Form her genauso gut romantisch nennen, wenn man sich an die Aphorismen der Jenaer Frühromantiker, an Friedrich Schlegels Athenäum- und Lyceum-Fragmente erinnert und auch an den Spott des Jenaer Kreises über Schiller, den sie einerseits umschwirrten und über den sie sich zugleich belustigten. Über Schillers „Horen“ schrieb Friedrich Schlegel: „Manches kritische Journal hat den Fehler, welcher Mozarts Musik so häufig vorgeworfen wird: einen zuweilenn unmäßigen Gebrauch der Blasinstrumente.“ Und ebenso zeigen sich Parallelen, wenn man die utopische Perspektive nimmt: daß es eine Gesellschaft geben müßte, in der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abgeschafft wäre. Da mag womöglich Friedrich Schlegels Satz aus seinen Vorlesungen zur Transzendentalphilosophie greifen:

„Die Sehnsucht nach dem Unendlichen muß immer Sehnsucht seyn. Unter der Form der Anschauung kann es nicht vorkommen. Das Ideal läßt sich nie anschauen. Das Ideal wird durch Spekulation erzeugt.“

Und bleibt damit zugleich im Unerreichbaren, wenn man es politisch reifiziert und nicht im Philosophischen als Unendlichkeit, als Apeiron begreift, und doch beide Gebiete als vermittelt dachte, so wie dies später dann Hegels konzipierte. Da liegen die Probleme der Ebene und das, was Hegel dann in anderem Kontext die „Schöne Seele“ nennt, die sich in der Arbeit der Gesellschaft nicht mit der schnöden Wirklichkeit schmutzig machen will. Die bestimmte Negation, wie sie auch Rotkopf betreibt, ist in dieser Hinsicht eine Zwischenfigur: Kritik des Bestehenden, die zugleich damit aber das Bestehende um eine neue und damit wiederum das bestehende erweiternde Perspektive bereichert. Eine Art negativ-positive Dialektik, die Rotkopf fährt. Auch wenn sie das Wort „positiv“ vielleicht nur bedingt gerne hört.

Heimat ist ein Raum aus Zeit, wie der Titel eines Dokumentarfilms es schön sagt. Ein Raum, der schon ist und doch zugleich noch nicht ist und vor allem ist diese Heimat nicht an die Nation gebunden. Dies wußten bereits die Romantiker wie Novalis, wenn sie die blaue Blumen suchten, und in andere Weise schrieb das einer der Denker der Utopie, nämlich Ernst Bloch, und so lautet der letzte Satz aus „Das Prinzip Hoffnung“:

„…, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

Heimat, so lautet das letzte Wort. (Es wäre schön, wenn „Nichts“ das erste Wort des Buches wäre. Das ist es aber nicht.) Nach solcher Heimat sucht auch Rotkopfs Manifest, und zwar auf eine eigene und eigensinnige und dabei schöne Weise. Trotz oder gerade wegen ihres Antiessentialismus.

Marie Rotkopf: Antiromantisches Manifest. Eine poetische Lösung
144 Seiten, 14,90 € 978-3-96054-044-1, Nautilus Verlag 2017

Geschichtszeichen und ökologische Krise. Thomas Seiberts „Zur Ökologie der Existenz“

Geschichte ist nach Marx‘ Kommunistischem Manifest die Geschichte der Klassenkämpfe. Für die spätmoderne Gesellschaft kann man es zuspitzen: Es ist die Geschichte der politischen Krisen und vor allem der ökologischen Katastrophe. Kapitalismus, der sich kybernetisch, global und über Datenströme entfesselte, der verwüstete Landstriche zurückläßt, Hunger und Ausbeutung produziert. Eine Natur, die aus den Fugen geriet. Die Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen ist komplizierter geworden, die Melodie der Gesellschaft spielt schneller, so daß jene revoltierenden Kräfte die Verhältnisse anders zum Tanz zwingen müssen. Auf diese spätmoderne Krisenerfahrung reagiert Thomas Seiberts Ökologie der Existenz.

Seibert versteht jene Ökologie als Krisenbuch, und das ist für die Gegenwart und auch vier Jahre nach dem Erscheinen des Buches aktueller denn je. Dabei möchte Seibert die verschiedenen Krisen nicht losgelöst betrachten, sondern im Zusammenhang verstehen – was einerseits einen Blick aufs Ganze der Gesellschaft ermöglicht, aufgrund dieser weiten Perspektive andererseits die Frage nach den Lösungen eines Problems aber nicht einfacher macht.

Die Krisen erkennen und damit implizit: verändernd eingreifen, und dies eben können nur Menschen. Deshalb stellt Seiberts die Frage nach dem Subjekt neu: Inwiefern wir als tätige Wesen in der Geschichte einen neuen Anfang bereiten können. Da Seibert sich an Hegel und Marx orientiert, tritt diese Kritik dialektisch auf, indem verschiedene Bereiche nicht nur aufeinander bezogen, sondern auch in ihren Widersprüchen, die zugleich Motor sein können, betrachtet werden. Jedoch reichen herkömmliche Krisentheorien, insbesondere solche orthodox-marxistischer Provenienz angesichts der sich verkomplizierenden Lage nicht mehr aus: wir haben es nicht mehr nur mit einer ausgebeuteten Arbeiterklasse zu tun – im Westen schon gar nicht, dort hat der Arbeiter materiell alles erreicht,  das Problem sind eher die Menschen ohne Arbeit oder die in prekären und unorganisierten Verhältnissen zur Arbeit gezwungen werden. Bei der Pluralität der Akteure in den sozialen Kämpfen (und auch angesichts der veränderten sozialen Lage in den meisten europäischen Gesellschaften, muß man hinzufügen) funktioniert der Griff aufs Proletariat als unbewegter Beweger nicht mehr. Dafür kann das stehen, was in linken Kreisen als Triple Oppression bzw. als Mehrfachunterdrückung bezeichnet wird.

Zudem gibt es aber ebenso einen wesentlichen und zentralen neuen Aspekt, der die verschiedenen Subjektpositionen wie Klasse, Geschlecht und sexuelle Orientierung überschreitet:

„Der ökologischen Krise und der von ihr aufgeworfenen ethisch-politischen Herausforderung kommen dabei insoweit eine paradigmatische Rolle zu, als die Ökologie sich von Anfang an systematisch an ausnahmslos alle (…) wendet und darin jedes Partikularinteresse überschreitet.“

Dieses ökologische Szenario verändert den Begriff der Klasse. Denn prinzipiell sind von dieser Krise alle betroffen. Seibert greift in diesem Kontext den Multitude-Ansatz von Michael Hardt und Antonio Negri aus den Büchern „Empire – die neue Weltordung“ und „Multitude – Krieg und Demokratie im Empire“ auf: eine Vielheit unterschiedlicher Akteure, die sich politisch organisieren, treffen und einmischen: Das reicht vom klassischen Arbeiter, über den Flüchtling bis zur LGBT-Bewegung. Einzelne aus verschiedenen Gruppen, die gemeinsam handeln – das also, was die linke Theorie besonders in Italien unter dem Begriff Postoperaismus faßte.

„Deshalb hängt der Neubeginn der Geschichte heute an der Neugründung einer Linken, die sich selbst wieder als Partei eines Anderswerdens der Welt im Ganzen verstehen könnte. Wenn das nicht mehr in der Form einer marxistisch-leninistischen Partei geschehen darf und kann, bleibt die Aufgabe selbst gerade deshalb immer auch eine Formsache, d.h. eine Sache des Wie.“

Wieweit solche Konzepte tatsächlich funktionieren und praktikabel sind, steht dabei auf einem anderen  Blatt: angefangen beim politischen Streit der unterschiedlichen Fraktionen und der Suche nach dem roten Stein der Weisen, den jeder für sich reklamiert.

Bei allen Konflikten und das bezieht auch die Frage nach der ökologischen Krise ein, bleibt die Ausbeutung des Menschen (durch den Menschen) bei Seibert eine zentrale Kategorie und ebenso das, was sich Pauperismus nennt:

„Prekarisiert zu sein heißt, von früh bis spät und überall ‚auf Abruf‘ sein zu müssen und trotzdem jederzeit ‚außer Dienst‘ gestellt und von allen Lebensmitteln abgeschnitten werden zu können. Es heißt darüber noch hinaus (und hier erst zeigen sich die Infamie und Perfidie des Prozesses) im Ganzen der Lebensnöte (…) dem Markt ausgeliefert und im  Falle der ‚Freisetzung‘ auf sein nacktes Leben, d. h. auf ein Nur-noch-am-Leben-sein reduziert zu werden: ein Schicksal, das heute schon Milliarden droht.“

Verkoppelt werden bei Seibert also jene gesellschaftlichen Fragen von Arbeit und Kapital mit den ebenfalls gesellschaftlichen Fragen der Ökologie. Etwas vergröbert kann man sagen, daß die Ausbeutung des Menschen und die Ausbeutung der Erde durch den Menschen in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen und die Struktur des einen die Struktur des anderen bedingt. Diese von Seibert konstatierten Krisen des Kapitalismus faßt er unter die Begriffe Globalisierung, Kybernetisierung und Individualisierung. Sie treiben im Prozeß auf einen Höhepunkt zu, der sich in jener ökologischen Krise manifestiert. Aber in diesem Punkt der Kulmination, so Seibert, liegt zugleich ein Akt der Freiheit und ein möglicher Wendepunkt. Wie schon im Mai 68 oder zur Französischen Revolution bringen Krisen auf Klimax Veränderung, sie zwingen die Menschen zum Handeln. Eine Situation ist derart zugespitzt, daß es so nicht bleiben kann. Seibert fokussiert die Probleme auf ihre politische und philosophische Dimension.

Dabei fährt er einen Schwung an Texten auf, mischt, mixt, kombiniert und erzeugt ein Feuerwerk aus Denker-Stimmen und Theoriebezug: Foucaults Machtkritik, Sartre, Marx, Gramsci, das Kollektiv Tiqqun, Bardiou, Žižek, Hegels Dialektik von Herr und Knecht, Irigary differenztheoretisches Weiblichkeitskonzept, Heideggers Seins- und Ereignisdenken, Deleuzes/Guattaris Deterritorialisierung. Plurales Design – was das Buch ungeheuer spannend und anregend macht. Sie alle sprechen mit- und gegeneinander, fallen sich ins Wort, ergänzen einander. Folie für den sozialen Protest ist der Mai 68 – so wie Seibert überhaupt in sein Buch eine Theorie historischer Daten einflechtet, von 1789 über 1848, 1917 bis eben zum Mai 68. Vermittelt sind diese „Geschichtszeichen“ über den Begriff des Ereignisses, der in den gegenwärtigen philosophischen Debatten der Linken einige Konjunktur hat – übrigens auch konzipiert über das späte Denken Martin Heideggers. Diese historischen Daten als geschichtliche, gesellschaftliche und politische Ereignisse werden dabei auch in bezug auf Heidegger gedacht:

„die Dialektik von Praxis und Existenz wird als die Dialektik ihrer Ereignisse zu entfalten sein.“ Und das ist bei Seibert zugleich in eine praktischen Sinne entwickelt , im Ereignisbegriff etwa bei Hardt/Negri. Dort steht er „für die politische Verdichtung verschiedener Werdensprozesse des Lebens, Sprechens, Arbeitens in historisch außerordentlichen Momenten, die deshalb auch die Konvergenzpunkte des Stellungs- wie Bewegungskriegs bilden.“

Seiberts liest diese Theorien nach dem Principle of charity. Er vermeidet es, die Schwächen des Gegners auszuweiden, sondern achtet dessen stärkste Position. Diese wohlwollende Optik erlaubt es ihm, in seinen Theoriekorpus Positionen zu integrieren, die linker Theorie auf den ersten Blick fremd sind. Etwa die Philosophie Heideggers. Was in Frankreich keine großen Nöte bereitet – man denke an Sartre, Lacan, Derrida, Foucault – wirkte für die deutsche Linke, als käme man mit dem Kirchenkreuz auf der Berliner Schloßkuppel oder entweihte Marx-Altäre. Seibert nimmt Heidegger als Gewährsmann für den Nexus von Existenz und Praxis und übersetzt ihn in eine Dialektik des Seins. Er liquidiert, verflüssigt also das sogenannte ontologische Fundament Heideggers. Seinsphilosophie wird von Seibert materialistisch bewegt. Heideggers Fundamentalontologie, das In-der-Welt-sein transformiert sich unter Seiberts Künsten der Dekomposition zu einer Ökologie der Existenz.

Wieweit im Gang der Argumente diese Kombination plausibel erscheint, erforderte eine längere Erläuterung. Methodisch wird sich Seibert an diesem Stellen vermutlich einige Kritik der Peer Groups einhandeln und auch von der Seite der Heidegger-Auslegung her wird es inhaltliche Kritik geben. Hier soll es aber nicht um die Richtigkeit der Argumente gehen, sondern um den Impuls und Impakt, den solches Denken womöglich auszulösen vermag. Seiberts Buch lese ich als gesellschaftskritische Anregung, verschiedene Aspekte – angesiedelt zwischen Praxis und Theorie – perspektivisch in eine neue Konstellation zu bringen. Interessant ist diese Verknüpfung, weil Seibert einen ungewöhnlichen Weg nimmt und seine kritische Relektüre Heideggers zudem von einer explizit linken, ökologischen Perspektive erfolgt und nicht als nationale Blut-und-Boden-Ideologie.

Zentral für Seiberts Projekt einer Ökologie der Existenz ist der im Sinne Heideggers gedeutete Begriff der Freiheit sowie Axel Honneths politisch-sittliche Anerkennungstheorie. Das dritte Kapitel seines Buches trägt den Titel „Kritik der Freiheit“. Es handelt sich dabei weder um eine subjektive noch um eine objektive Freiheit, sondern Freiheit ist, vermittelt durch den sozialen Raum, eine Bestimmung, die dem Menschen vorausgeht. Der mit anderen geteilte Raum bei Heidegger korrespondiert mit dem, was Marx das „ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ nennt. Mit Heidegger und Marx versucht Seibert eine existenzökologische Kritik in einem radikalen Sinne. Was bedeutet: Den Problemen in ihrer Komplexität bis an die Wurzel zu folgen und nicht, wie bei der Teilen der Linken beliebt, an der Oberfläche zu verharren und sich darin wie Narziss zu spiegeln. Das setzt einiges an Theorie voraus.

Seibert vermittelt in diesem Buch eine Vielzahl an Perspektiven: ästhetische wie gesellschaftliche: die Situationisten in Frankreich, die Kreativität des Pariser Mai, die Surrealisten. Ein Satz des Dichters André Breton, den Seibert zitiert, bringt das Verhältnis auf den Begriff: „Die Welt verändern, hat Marx gesagt; das Leben ändern, hat Rimbaud gesagt: Diese beiden Losungen sind für uns eine einzige.“ Auch hier also eine Verkoppelung unterschiedlicher Perspektiven.

Allerdings versucht Seibert viele Probleme zu stemmen. Die zentralen Linien zerfasern manchmal. Insofern hätte man sich für dieses ansonsten gelungene Buch zum Schluß eine Engführung der verschiedene Parcours gewünscht. Auch die Frage nach einer „verbindenden Partei“, sozusagen die nach dem sozialen Kitt, der die verschiedenen Linien innerhalb der sozialen Bewegung zusammenhalten könnte, bleibt bei Seibert offen. Man kann das als Mangel lesen oder als Chance fürs Offene begreifen. Daß nämlich im Konkreten der sozialen Kämpfe solche Prozesse und Verbindungen immer wieder neu ausgetragen werden müssen.

[Erwähnen sollte man in diesem Kontext und in der Konstellation Marx – Heidegger auch noch von Heinz Dieter Kittstein das Buch „Mit Marx für Heidegger. Mit Heidegger für Marx“, erschienen im Fink Verlag, 2004. Sehr witzig auch das Cover: Ein Bild von Heidegger  und Marx, im Stil einer Briefmarke, mit 55 Cent zu frankieren.)

Thomas Seibert: Zur Ökologie der Existenz. Freiheit, Gleichheit, Umwelt, Laika Verlag 2017, Broschur 472 Seiten, 29 €

 

Avancierter Feminismus – radikale Kritik heißt triggern

Die erste Dokumentation zur radikalsten Zeitschrift der westdeutschen Frauenbewegung „Die Schwarze Botin“

Als Karl Kraus 1899 zum Sprung in eine neue Zeit die erste Ausgabe seiner „Fackel“ erscheinen ließ, um im neuen Jahrhundert auszuleuchten, stellte er im Vorwort knapp und präzise sein Unterfangen vor: „Das politische Programm dieser Zeitung scheint somit dürftig; kein tönendes ‚Was wir bringen‘, aber ein ehrliches ‚Was wir umbringen‘ hat sie sich als Leitwort gewählt.“

Mit einem ähnlichen Paukenschlag und mit Verve taktet auch die 1976 gegründete feministische Zeitschrift „Die Schwarze Botin“ im Oktober des Jahres 76 auf, und zwar mit Proklamation, Polemik und Kampfeslust – abseits der bisher betretenen Pfade der noch jungen Frauenbewegungen, die sich aus den Protesten der sechziger Jahre herausbildeten:

„Die Frauen haben sich schlecht beraten lassen, als sie anfingen zu glauben, daß alles, was Frauen denken, sprechen, schreiben und arbeiten, unter dem Aspekt der Neuen Weiblichkeit für die Emanzipation brauchbar, wenn nicht gar gut sei. Nichts ist leichter, als die Dummheit zum goldenen Mittelmaß zu erheben.“

Dies schrieb Gabriele Goettle in ihrem Auftaktessay „Schleim oder Nichtschleim, das ist die Frage“. Und weiter heißt es da programmatisch:

„Wir erwarten nicht, daß unsere Botschaften Inhalt neuen Frauenfühlens werden, wir haben im Gegensatz die Absicht, von unserer Neigung zur Konsequenz den rücksichtslosesten Gebrauch zu machen. Dabei gehen wir von der Überzeugung aus, daß für die Existenz der schwarzen Botin, sie selbst unentbehrlicher ist als die, welche sie lesen. Die schwarze Botin wird vielleicht anfänglich schwer zu verstehen sein, aber noch schwerer mißzuverstehen.“

Diese Passage ist eine klare Kampfansage und auch eine Absage an gefühlige Leserinnenschaft, die sich gern in Texten empfindungsberauscht spiegelt, wie das in jenem Feminismus der Neuen Weiblichkeit der 1970er Jahre oft üblich war. Das Weib – es blieb auch da ein Mythos, den man gerne besang, nur eben mit anderen Vorzeichen als es der männliche Blick sich dachte. Nun war sie plötzlich Urgrund, Mutter, Nicht-Mutter oder Amazone. Die von Goettle (*1946) und ihrer Geliebten Brigitte Classen (1944-2006) gegründete Zeitschrift „Die Schwarze Botin“ sollte um ihrer selbst und um ihrer Texte willen bestehen und nicht durch rigide Programmatik. Inhaltliche Qualität also statt Publikumsgeschmack und Zielgruppenorientierung. Das ist im Zeitalter des Marktes etwas Besonderes. Die Zeitschrift wollte nicht einfach fürs Wohlbefinden der Leser da sein und gefällige Wahrheiten liefern – jenen Schleim von Empfindung und weiblicher Gefühlig- bzw. Begriffslosigkeit oder wie der ehemalige Chefredakteur des Magazins „Focus“ Helmut Markwort in einer Werbung es formulierte: „immer an die Leser denken!“ Solcher Tendenz des Marketings folgten die Herausgeberinnen nicht. Die „Schwarze Botin“ denkt, das macht das Auftakt-Vorwort von Goettle unmissverständlich deutlich, auf die Sache, die da unter anderem heißt Gesellschaft, und sie will nicht gefällig sein, um Orte des Wohlfühlens und Safer Spaces zu schaffen, wo man nicht getriggert wird. Im Gegenteil: Kritik heißt triggern.

Die Differenz markieren, den Unterschied setzen, gegen den „klebrige[n] Schleim weiblicher Zusammengehörigkeit“, das ist der Auftrag dieser Zeitschrift. „Eine Zeitschrift für die Wenigsten“, so konzipierte sich die „Schwarze Botin“. Solidarität kann manchmal auch heißen, um linken Sprache aufzugreifen, nicht solidarisch zu sein. Und mit solchem Programm radikaler Kritik ging es nicht darum, in den unterschiedlichen Richtungen des 70er-Jahre-Feminismus „irgendwelche Karrieren als Galionsfiguren anzustreben“. Es kam diesem Projekt nicht auf eine Masse an Lesern an, es wollte, wie auch die ästhetischen Avantgarden und ebenso die Kritische Theorie Adornos, Horkheimers und Benjamin, auf die sich einige der Autorinnen teils bezogen, randständig sein: teils Politik, teils Theorie, teils Literatur, teils Kunst: vor allem aber eine besondere und konfrontative Art des Feminismus, dem es nicht aufs Kuscheln und auf eine falsche Solidarität ankam. Insofern war das Programm der Zeitschrift immer auch ein ästhetisches: die Grenzen sprengen, und dies mit unterschiedlichen diskursiven wie nicht-diskursiven Mitteln: so zum Beispiel Zeichnungen und Collagen. Das trug der Zeitschrift den Vorwurf ein, elitär und arrogant zu sein. Die Herausgeberinnen konnten damit gut leben.

Dabei sammelten sie für ihr avanciertes Projekt eine Vielzahl von illustren Autorinnen um sich, die später teils als Publizistinnen, Philosophinnen und Schriftstellerinnen bekannt werden sollten oder es bereits schon waren: Silvia Bovenschen, Elfriede Jelinek, Elisabeth Lenk, Rita Bischof, Glinka Steinwachs, Ursula Krechel, Christa Reinig, Gisela von Wysocki, Gisela Elsner, die Malerin Sarah Schumann und viele andere.

Das, was dieser Zeitschrift von anderen Frauenzeitschriften aus der politbewegten Zeit der späten 1970er Jahre unterschied – wie der unweit später gegründeten „Emma“ und der zu selben Zeit erscheinenden „Courage“ –, konnte man bereits am Titelblatt festmachen: es handelt sich um eine schlecht kopierte Reproduktion eines Bildes aus der Frührenaissance, das aus einem Fresko von Piero della Francesca stammt. Der Zyklus trug den Titel „Die Legende vom Wahren Kreuz“. Mittels Kunst, Collage und Montage setzten die Herausgeberinnen nicht nur ästhetisch ein Zeichen. Dazu um das Schwarz-Weiß-Bild herum ein schwarzer Trauerrand. Und auch der Titel ist Programm: Nicht die frohe Botschaft wird da gebracht. Sondern teils Düsteres, teils harte Kritik: nicht was wir bringen, vielmehr geht das Motto ähnlich wie bei Kraus: Was wir umbringen. Das Titelbild der „Schwarzen Botin“ wurde niemals verändert, sondern diente vielmehr als Erkennungszeichen und Statement, anders als dies sonstige Zeitschriften betrieben, die ihre Titelbilder thematisch ausrichteten. Auch die Hefte der Botin waren nicht nach Themen und Rubriken ausgerichtet.

In diesem Sinne läuft die von dem Historiker Vojin Saša Vukadinović herausgegebene Anthologie von Schwarze-Botin-Texten aus der Zeit von 1976 bis 1980 quer zum Konzept der Zeitschrift. Die dokumentierten Texte sind nach Themen und nicht chronologisch geordnet. Diese thematische Ordnung hat dabei den Vorteil, daß sie die Linien der Zeitschrift sichtbar werden läßt: zentral für diese Jahre waren Themen Kulturbetrieb, „Texte zu Kunst, Literatur … und Trivialem“ und vor allem das Thema  „Sexualität und Weiblichkeit“, Aspekte also, wo Frauen sich selbstbestimmt in einer eigenen Optik und im Sinne eigener sexueller Bedürfnisse wahrnehmen, die nicht von den Wünschen des Mannes gesteuert sind und die zugleich kein selbstgefälliges Refugium und Rückzugsort lieferten. Für heute und für Jüngere, für die die Selbstbestimmung von Frauen selbstverständlich ist und in weiten Teilen der Gesellschaft durchgesetzt, selbstverständlich. Keine Selbstverständlichkeit Mitte der 1970er Jahre, als das reformierte Scheidungsrecht 1976 in Kraft trat und Vergewaltigung in der Ehe kein Thema war. In bezug auf Hausarbeit und Beruf hieß es im § 1356 BGB Absatz 1 bis zur Reform: „[1] Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. [2] Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“ Dinge, die heute kaum vorstellbar sind. In diesem Sinne sollten die in dieser Anthologie versammelten Texte auch vor dem Hintergrund jenes Zeitgeistes gelesen werden.

Ebenso findet sich in der Anthologie die für die Linke bedeutsamen Themenkomplexe wie „RAF“, „Nationalismus/Faschismus“, dazu gesellen sich Texte zum Kulturbetrieb, etwa ein Essay Jelineks zu den Liedtexten von Udo Jürgens, ebenso Lyrik und Prosa wie auch gesellschaftskritische Essays, aber auch ein Sammelbegriff wie „Tumult“ steht da, anspielend auf die Auseinandersetzung der „Schwarzen Botin“ mit der Neuen Frauenbewegung und deren Konzept von Authentizität, Innerlichkeit, Neuer Weiblichkeit und Identitätssucht. Das also, was Goettle eben mit jenem „Schleim“ meinte. Es gibt „Texte zum Feminismus“, worin sich die Autorinnen mit der Frage nach einem spezifischen weiblichen Schreiben befassen – eine Form des Schreibens, die nicht auf biologischen oder essentialistischen Unterschieden beruht und den Mythos der Erdverbundenheit und der Mutter zelebriert, so die Kritik Elfriede Jelineks. Ebenfalls findet sich darin eine Auseinandersetzung mit dem Weiblichkeitskonzept der französischen Philosophin Luce Irigaray. So wie überhaupt der sogenannte Poststrukturalismus für die Autorinnen der „Schwarzen Botin“ immer wieder Thema ist – z.B. in Eva Meyers Text „Theorie der Weiblichkeit“ aus dem Jahr 1978.

Hart insbesondere Goettles Kritik an der ein Jahr später gegründeten Emma bzw. an ihrer Gründerin Alice Schwarzer:

„Wir wollen Frau S. eine gewisse journalistische Fertigkeit und das echte Anliegen keinesfalls absprechen, allerdings hegt es klar vor Augen, daß marktfreundlicher Journalismus und die Interessen der Frauenbewegung nur derjenigen vereinbar scheinen können, die in großem Abstand zu letzteren und unmittelbarer Nähe zu ersterem sich ansiedelt“

Damit ist die Kampf- und die Trennlinie klar gezogen und der Gegner deutlich benannt. Kritik hat radikal zu sein und das kann, ähnlich wie auch Karl Kraus dies tat, bedeuten, einige unangenehme Wahrheiten zu formulieren. Der Artikel zur „Emma“ trägt die spöttische Überschrift „Im Januar sollen 200 000 Frauen penetriert werden“.

Für die meisten, die nicht in dieser Zeit lebten oder die zu jung waren, sind diese Debatten und Kämpfe lediglich Geschichte oder aber kaum noch bekannt. Die Zeitschrift ist inzwischen fast vergessen und nur noch denen ein Begriff, die diese Zeit aktiv miterlebten oder die sich aus historischen Gründen mit der Frauenbewegung jener Jahre befassten. All diese Texte und Perspektiven, vor allem ein solch ambitioniertes Projekt den Lesern zugänglich gemacht zu haben, ist das Verdienst vom Wallstein Verlag und dem Herausgeber Vojin Saša Vukadinović sowie den Autoren des Nachwortes Christiane Ketteler und Magnus Klaue.

Beim einführenden Vorwort von Vukadinović sowie dem kulturgeschichtlichen Nachwort von Ketteler und Klaue hätte man sich freilich in den Texten besser abstimmen können, um Redundanzen zu vermeiden, oder aber der Herausgeber hätte beide Texte nach unterschiedlichen Themen aufteilen sollen, etwa im Vorwort den kultur- und gesellschaftsgeschichtlichen Hintergrund, in dessen Horizont ein solches Projekt wie die Schwarze Botin entstehen konnte, und in einem Nachwort die Möglichkeiten ästhetischer Avantgarden und philosophischer und essayistischer Konzepte des Schreibens, sich als Frau offensiv sichtbar zu machen, ohne ins Schema der Neuen Weiblichkeit zu verfallen.

Einführend liefert Vukadinović im Vorwort eine Kurzvita von Goettle und Classen und erzählt die Geschichte der Zeitschrift von ihrer Gründung 1976 bis zu ihrem traurigen Ende 1980, als die Differenzen zwischen Goettle und Classen – auch auf der privaten Ebene und in Sachen Liebesverwicklungen – unüberbrückbar wurden. Goettle konzipierte 1980 mit einem harten final cut ein letztes Heft, indem sie ohne Abstimmung mit Classen den Titel in „Die Schwarze Idiotin“ abänderte. Eine Phase ging zu Ende und die Provokation war als Schlußstrich gedacht – doch Classen machte weiter. Es entstanden Rechtsstreitigkeiten um die Idee zur Zeitschrift und die Herausgeberschaft. Zwar erschienen bis 1987 noch weitere Hefte, doch der Geist dieses Projektes ging verloren, und so endete diese seltsame, harte, schräge, ambitionierte, politische, ästhetische und vor allem feministische Zeitschrift wie so viele (linke) Projekte endeten: in Zwist und Streit.

Was der Rezensent hinsichtlich des ansonsten instruktiven Vorwortes schade findet: Es fehlt ein Blick auf den Alltag jener ausgehenden sechziger und der neuen siebziger Jahre, das also, was man Sozialgeschichte der BRD nennen könnte, in die die unterschiedlichen Formen von Feminismus eingebettet waren und aus denen heraus überhaupt erst dieser Protest verständlich wird – insbesondere in bezug auf die gesellschaftliche Rolle der Frau, ihre gesellschaftliche Wirklichkeit und im Hinblick auf den allmählichen Wandel: der Kampf gegen den Abtreibungsparagraphen, das alte Scheidungsrecht, Frauen und Arbeit, Frauen und Sex. Diese Wirklichkeit bestand für meisten Frauen der BRD darin, daß sie in der Hausarbeit tätigen waren; das oben genannte „Erstes Gesetz zur Reform des Ehe- und Familienrechts“ unter der SPD/FDP-Koalition spielte für den Geist der Zeit eine entscheidende Rolle. „Emma“ und „Courage“ waren in diesem Sinne am unmittelbaren gesellschaftlichen Wandel erheblich dichter dran und beförderten ihn auf der pragmatischen Ebene.

In diesem Kontext ist vieles vom Feminismus der Schwarzen Botin eine Angelegenheit aus dem akademischen und für das akademische Milieu – was per se nicht schlimm ist, denn mittels jenes ästhetischen und kritischen Abstandes zum Zeitgeist lassen sich oft wesentlich besser grundsätzliche Strukturen erkennen, die auch durch Reformen nicht oder nur schwierig zu beseitigen sind: und um genau diese Kritik gesamtgesellschaftlicher Strukturen – auch am Emma-Feminismus – ging es den Herausgeberinnen. Dies tangiert ebenso die bereits von Adorno und Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“ angeschnittenen Fragen im Blick auf den Faschismus und totalitäre Gesellschaften wie auch auf einen jeden Bereich des Lebens durchdringenden Kapitalismus und einer patriarchalen Logik der Herrschaft, die Beziehungen von Menschen in Waren verwandelt. Dieser kühle, distanzierte Blick, bei gleichzeitigem teils spöttischem Faible zum gesellschaftlichen Detail und auch auf die eigene Bewegung, kann Erkenntnis stiften, und diese Denkbewegung vermittelt die Anthologie auf eine angenehme und angemessene Art, indem die Essays und Artikel in thematischer Vielfalt auswählt wurden.

Aber auch hier wieder zeigt sich im Rückblick der Jahre, daß das, was sich in den 1970er Jahren noch als Kampfplatz unterschiedlicher Formen von Feminismus sah, durchaus in Vermittlung steht und lediglich unterschiedliche Hinsichten beleuchtet. Insofern gehören „Die Schwarze Botin“, „Emma“ und „Courage“ zusammen. Gesellschaftlicher Wandel kommt am Ende auf Taubenfüßen und nicht mit dem revolutionären Tigersprung. Das ist nicht zu unterschätzen, und insofern zeigt sich auch hier wieder, daß man sich manche Kämpfe sparen kann, wenn man gelernt hat, Hinsichten zu unterscheiden und zu begreifen, daß das, was A. macht etwas anderes ist, als das, was B. macht und sich also nicht ausschließen muß. Aber logisches Denken ist auch in der angeblich so analysierenden Linken nicht immer deren schärftste Waffe gewesen.

Ebenso hätte ich mir in einem weiteren Begleittext einen Blick auf die heutigen Frauenbewegungen gewünscht, auch wie sich im Verhältnis zu Sprachpolitik und einer leerlaufenden Identitäts- und Symbolpolitik die Felder verschoben haben und die Kritik jener Autorinnen der „Schwarzen Botin“ an symbolischer Sprachpolitik. Das wäre eine schöne Konfrontation geworden. Ebenso der Bezug auch zum Islam insbesondere im Hinblick auf Alice Schwarzers klare Positionierung, was zeigt, wie sich die Konfliktlinien gewandelt haben. Mit dem Beitrag von Maria Antonietta Macciocchi über die brutale iranische Revolution 1979 und über den Aufstieg des Islam zu einer politischen Macht auf Kosten der Frauen findet sich ein deutliches Statement mit dem Titel „Allahs Rippe“. Ein Titel, der heute Morddrohungen auslösen würde. Hier wäre eine Art von imaginärem Gespräch zwischen beiden Lagern interessant gewesen, und solche Perspektivierungen zeigen zugleich, wie sich in den Jahrzehnten Fragestellungen verschoben haben.

Aber es ist freilich leicht zu kritisieren, was in einem Buch alles fehlt und es ist ebenso ein leichtes, die eigenen Wünsche zum Maßstab zu machen. Loben wir lieber das, was da ist und daß der Wallstein Verlag und Vojin Saša Vukadinović uns diese für die meisten längst vergessenen und inzwischen schwer zugänglichen Dokumente verfügbar machen: Artikel und Essays, die ein Licht auf jene bewegten, wilden, politischen und längst vergangenen linken Jahre werfen und auch, aus der Sicht von Frauen, auf die Kritik der theoretischen Debatten, die ihnen zugrunde lagen. „Vorwärts! Nieder! Hoch! Nie wieder!“ – wie die Zeitschrift „konkret“ ihre Anthologie zum 40. Jubiläum betitelte. Tempi passati. Für die Frauen von der „Schwarzen Botin“ wären dies zudem teils Männerphantasien. (Ein herrlicher Verriß von Theweleits „Männerphantasien“ von Christa Reinig findet sich ebenfalls in diesem Band.)

Auch jene Texte der „Schwarzen Botin“ spiegeln eine „deutsche linke Geschichte“ (konkret) wider. Sie wollten mit einer Fackel ausleuchten und oft auch mit der Feder umbringen. Von links her und einerseits in der Tradition Kritischer Theorie und doch darüber hinaus: der Einfluß französischer Theorie wirkte im Blick auf den marxschen Dogmatismus von großen Teilen der deutschen Linken befreiend und es kam Luft und Lust in die Marxschen Lesekreise. Insofern ist dieses Buch auch für eine feministisch inspirierte Kritische Theorie spannend. Es ist allen zu empfehlen, die spezifische Arten von weiblichem Schreiben und die Kritik des Feminismus aus feministischer Perspektive kennenlernen wollen: einen oftmals intelligenten, häufig ästhetisch inspirierten Feminismus mithin, wie er offensiv, teils auch aggressiv, klug, polemisch und witzig sich seit den 1970er Jahren entwickelte – ohne dogmatisch zu verharren und an identitätspolitischen Konzepten zu kleben.

Die Schwarze Botin. Ästhetik, Kritik, Polemik, Satire 1976-1980
Herausgegeben von Vojin Sasa Vukadinovic
Wallstein Verlag, Göttingen 2020
ISBN 9783835337855, 512 Seiten, 36,00 EUR

Drei Weihnachtsbuchtips für die stillen Tage: Ute Cohens „Poor Dogs“ (1)

Wer einen Blick in die Welt des modernen Shareholder Value-Kapitalismus der 1990er Jahre werfen will und wer dazu noch über die besinnlichen Tage sich etwas Aufregung gönnen über die Verwerfungen von Macht, Sex, Liebe und Einfluß, nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch erotischer Natur lesen will, der greife zu Ute Cohens zweitem Roman „Poor Dogs“. Der Roman taktet gleich zum Anfang mit Konkurrenz auf: zwei Weiber, ein Typ, André nämlich, Protagonist des Romans, und Eva, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, sowie die blonde Tschechin Dana. Man begegnet sich pikanterweise in einem Hotelzimmer, darin Eva nackt in einem Bett liegt und darin jene Dana hereinstürmt. Nun sind alle drei gleichermaßen pikiert und peinlich berührt, jeder auf seine Art.

Aber wie das so ist, wenn man rational die Dinge strukturiert oder sich zumindest den Schein des Rationalen inmitten der Verzweiflung geben will: Eva reagiert mit einer sogenannten paradoxen Intervention und ruft alle Beteiligten, wie das in der Wirtschaft üblich ist, zu einem gemeinsamen Meeting, um die Angelegenheit zu klären. Und genau in diesem Milieu solcher Unternehmenskultur, die alles Menschliche und auch das Nichtmenschliche der Warenwelt als eine Sache der Verhandlung und Verwertung sieht, spielt der Roman „Poor Dogs“. Es ist die Welt der Wirtschaft und der großen Unternehmensberatung, es ist der Finanzkapitalismus jener Jahre vor dem großen Crash 2008: gleichsam wie wir wurden, was wir sind. Oder wie es in dem Roman heißt: „Ficken oder gefickt werden, das ist hier die Frage!“ Und das ist durchaus im doppelten Sinne zu verstehen. Die „Poor Dogs“ sind dabei in der Sprache dieser Art von Wirtschaft die Verlierer. Und wer will in diesem Leben schon ein poor Dog sein? „Hammer oder Amboß?“ so pflegten früher die Revolutionäre zu sagen. Und das gilt erst recht für die andere Seite. Keine Schwäche zeigen.

Vor allem André will ganz und gar kein Verlierer sein, André ist rational – auf seine Weise, so wie es Narzißten sein können, die die Dinge zu ihrem persönlichen Vorteil abmessen und deren Lebensprojekt einem einzigen großen Plan folgt: dem großen Ich. Seine Rationalität ist instrumentell. André taxiert Menschen und Dinge nach ihrem Wert, dem Wert für ihn nämlich. Der Begriff der Wertschätzung erhält hier gleichsam eine weitere Wendung:

„Eva, Ariane und Swetlana fügten sich in ein Portfolio, das sich perfekt zur Gewinnmaximierung eignete. Evas Labilität verhinderte zwar, dass er sie längerfristig als stabilen Faktor einkalkulieren konnte. Zumindest aber gelang es ihr, sich vom Poor Dog zum Question Mark aufzuschwingen. Sie musst sich jedoch noch bewähren als Ehefrau und Mtter. Ariane wiederum war die Cash Cow par exellence.“

Menschen werden zunächst eingeteilt und dann erst geliebt. Wenn überhaupt. Und passen sie nicht mehr ins Portfolio, werden sie entsorgt, wie Dana. Oder benutzt wie Ariane und Eva. Frauen als Aktienpakete und Anlagemöglichkeit, um gegebenenfalls die eigenen Skills zu steigern. Ob Frau oder Unternehmen: es müssen die Zahlen stimmen. Verdinglichtes Denken par excellence.

André stammt aus gutem jüdischem Hause, der Vater ein glühender Mitterand-Sozialist und ein Laizist, und der Sohn wechselte ins andere Lager: das des Shareholder Value- Kapitalismus, der Unternehmensberatungen, der Rating-Agenturen und er versteckt seine jüdischen Herkunft nicht – anders als sein Vater, der von seinen Eltern den Namen Jean erhielt. „Der Name des Täufers, Jean, sollte hinwegtäuschen über den jüdischen Ursprung, Anpassung, die perfekte Assimilation vorspiegeln.“ Aber was die Eltern wollen, gelingt selten. Kein Laizismus, kein Mitterand-Sozialdemokratismus.

Die Figur des André: Pure Ökonomie, ökonomisches Denken als Kalkül von Zweck und Nutzen, von Einsatz und dem erzielten Profit. Und mit der Wertsteigerung soll auch die  Lustmaximierung einhergehen. Sex belebt das Leben, Sex ist für André wie das Geld ein Lebenselixier, und in dieser Art von Verdinglichung und Verquickung, die André vornimmt, denke ich beim Lesen auch an jene Houellebecq-Figuren, die ebenso die Frauen nach der Art eines Portfolios auswählen und bemesse: was gerade in der Anlagestrategie gut zu einem paßt und was an der Frau den Nutzen für den Mann optimiert. Nur daß dies bei Cohen alles viel weniger schrill und grell ausfällt, sondern in einer subtilen und darum um so gefährlicheren Tonlage daherkommt.

Diese Kombination freilich – Ökonomie, Lust, Judentum – ist, wenn man an die gegenwärtigen Falschwortschnüffler aus der Twitter-Literaturbubble denkt, nicht ganz ohne und kann schnell heikel geraten. (Im Augenblick sind die Flimsen aus der Blase aber am Wimmern und Betteln für ihren Buchblog, um Geld einzutreiben. Ich sage da nur: gebt solchen Leuten keinen einzigen Cent!) Zu häufig wird mittlerweile Literatur daran gemessen, ob sie Vorurteile produziert oder gar „rassistische“ Strukturen den Unterton bilden – dabei übersehend, daß es in der Literatur einen Modus des uneigentlichen Sprechens gibt und daß Figurenrede oder Figurendarstellung nicht eins sind mit der Meinung des Autors.Und nun ausgerechnet das: ein Jude, der das Geld liebt und auch noch Sex und der Frauen benutzt, und das gerne. Als hätte da eine Autorin einen jener ziemlich guten und eben gerade kritischen Witze der Lisa Eckhart über Vorurteilsstruktur und Charakter in ein literarisches und komplexes Bild umgesetzt und eine verdichtete Pointe zu einer Erzählung gedehnt und dann verarbeitet. Nur eben, daß Cohens Roman vor der Skandalisierung des Kabaretts von Eckhart durch die deutsche Gesinnungwacht am Rhein erschien. Aber dennoch eine interessante Gleichzeitigkeit, die den meisten entgangen zu sein scheint. Ein wenig wunderte es mich, daß da der Skandal oder zumindest das Thematisieren dieser Frage ausblieb. Daß André Jude ist, daraus macht Cohen keinen Hehl, und sie zeigt uns einen solchen von seiner hoch unangenehmen Seite und zugleich als einen ungeheuer einnehmenden, interessanten Menschen, der eben sein Ding macht, ohne daß diese Geschichte auch nur eine Quäntchen Antisemitismus enthält oder daß da Klischees reproduziert würden. Ambiguitätstoleranz. Und dieser Umstand macht die Geschichte spannend und auch gut lesbar. Cohen agiert als Autorin mit Witz und mittels Darstellung und nicht mit dem Zeigefinger. Es gibt keinen Schonraum. Ethnien und Herkunft gelten gleichermaßen als Spielmasse:

„Eine tschechische Herkunft hatte kein Renommee. Eine deutsche wäre definitiv besser. […] Es war mehr als ein Spiel. Er musste sie haben! Sie war perfekt für ihn. Und was gab es Prestigeträchtigeres als die französisch-deutsche Freundschaft samt jüdisch-christlicher Versöhnung? Eine Bayerin! War die bayerische Flagge nicht auch hellblau und weiß? Die Bayern ein semitischer Stamm! Er nahm den Montblanc-Füller, parfümierte das handgeschöpfte Papier mit ‚Land‘ von Lacoste und begann zu schreiben.“

Eine Deutsche zu heiraten, Karriere und Aufstieg im Unternehmen. Wir geraten in Cohens Roman in die Welt von Kapital, Intrige und eine bestimmte Form von Unternehmenskultur – sofern man in diesem Sinne von einer Kultur denn sprechen mag. Eine gelungene Parodie auch auf Erinnerungskitsch oder der Instrumentalisierung des Judentums. Das ist auf eine schöne Weise böse und dieses Maliziöse kommt ganz sanft daher, daß man es fast überliest. Was auch daran liegt, daß der Leser (die Leserin auch? Eva auf alle Fälle) von der Figur des André bei allem Abscheu doch auch in den Bann gezogen wird. Lauter gute und liebe Menschen, die einander nur gute und liebe Dinge tun: das ist für die Kunst in der Regel ein langweiliger Fall. Nicht umsonst zeigt etwa David Lynch in „Blue Velvet“ jene freundliche Vorstadtidylle, um sodann, nachdem der Rasen wässernde Vater einen Herzinfarkt erlitt, mit der Kamera ins Erdreich zu gleiten, wo das Gewimmel von Insekten herrscht. In Cohens Roman sind die Abgründe subtil.

Eva und André arbeiten in einer Unternehmensberatung namens McCrowly, was sicherlich nicht zufällig an den Okkultisten Aleister Crowley denken läßt, der sich ebenfalls mit Sexualmagie befaßte und zudem ein Buch mit dem Titel „The Book of Lies“ schrieb. Okkultismus sei die Metaphysik der dummen Kerls, so schrieb Adorno in den „Minima Moralia“, und das gilt in gewissem Sinne auch für den Begriff des freien Marktes als Mantra und Illusion, den all diese Gestalten aus dieser Agentur vor sich her tragen. Nur sind dies jene dummen Kerls und Kerlinnen, die sich schlau und smart vorkommen. Alles ist käuflich, alles handelbar. Und ein Narzißt wie André zieht aus alledem seine Bedeutung und bezieht alles das, was da ist, auf sich. Der Roman schildert und beschreibt. Er bewertet nichts, es werden all die Phrasen und Hohlsätze, die in dieser Welt ihre Anwendung finden, dem Leser präsentiert. Eine Art fröhlicher Positivismus. Teils düster, aber oft auch komisch. Von dieser Welt erzählt Ute Cohen in einer unangestrengten und ziemlich anschaulichen Weise. Menschen in Funktionen, noch im Privaten.

Sie denken, sie führen mit dem Aufzug gesellschaftlich nach oben, wenn sie im Team eines solchen Unternehmens wirken: Eva dünkt sich autonom, sie hat sich von unten nach oben hochgearbeitet, anders als André stammt sie nicht aus dem sogenannten guten Haus, doch sie glaubt an sich, und es lädt die Arbeit im Unternehmen zur Projektion ein: „McCrowly war nur ein Bühnenhintergrund, auf den sie die rauschhaften Bilder ihrer Zukunft projizierte.“ Man reist um die Welt, wird in fremde Länder versetzt, wie eben bei Eva, und denkt, der Glanz des Unternehmens färbe auch auf die eigene Person hab. Bedeutung wird aus dem Habitus gezogen: man liest, man ist gebildet, man kann parlieren. Lauter man. Aber all das hat zugleich seinen Preis, und wie die Protagonistin über sich selbst weiß: „Den diskreten Charme der Bourgeoisie hatte sie sich schließlich in geduldiger Nachahmung und natürlicher Mimesis erworben. Die Doppelbödigkeit einer Chabrol-Figur verkörperte sie mühelos, mit Vergnügen sogar …“ Am Ende ahnt Eva ziemlich genau, daß dieses Leben nicht stimmt und nicht lebt. Der Schluß des Romans, das Ende dieser Geschichte ist seltsam-mysteriös-offen. Da ist André, da ist Eva, beide sind bereit zu einem neuen Projekt in Transnistrien. Man verkauft dem Osten dummes Zeug. Geht die Reise in eine herrliche Utopie oder in eine Art Gemetzel und es wird die Rache Evas an ihrem Adam furchtbar sein? Die Protagonisten sind auf ihre Weise grausam. Jeder auf seine Art. Auch die am Schluß ums Leben kommende Eva-Konkurrenz Ariane. Sinnlos wäre es, von Eva bloß von einem Opfer zu sprechen. Sie macht mit und sie weiß das.

In diesem Sinne könnte dieser zweite Roman ebenfalls „Satans Spielfeld“ heißen, wie schon Cohens Debütroman über den sexuellen Mißbrauch eines Kindes in einem bayerischen Dorf. Ebenfalls agieren hier wie auch dort Menschen, die nur für eines einen Blick haben: das eigene Ich als Kraftfeld von Begehren und Aneignung.

Zwar fand ich „Satans Spielfeld“ vom Erzählen und von der Geschichte her eindringlicher und bewegender, was sicherlich auch am Thema lag. Aber auch mit „Poor Dogs“ liefert Cohen einen genauen Blick auf Menschen, die in einer Welt leben, in der ebenfalls ein großes Stück Besessenheit nötig ist. „Poor Dogs“ ist ein psychologischer Roman über einen Narzißten, der sein Ich gespiegelt sehen will, und es ist ebenso ein Roman über eine von diesem Narzißten in den Bann gezogene Frau. Und wenn diese Ichsucht als Selbsterfüllung und Selbstoptimierung zum Wohl eines Unternehmens geschieht, so nimmt diesen Effekt gerne auch das Unternehmen mit. Zwischen Manager und Verbrecher bestehen, so eine gängige These, zuweilen nur graduelle Unterschiede – zumindest gilt dies für jenen Shareholder- und Brutalo-Kapitalismus, dem es um die Dividende für seine Kunden geht. Von diesem, aber auch von Menschen, die kläglich scheitern, gerade weil sie gar nicht mehr bemerken, daß sie scheitern, erzählt dieser Roman. Er macht vergnügliche Festtage, denn er ist über weite Strecken auch komisch.

Ute Cohen: Poor Dogs. Roman. Septime Verlag 2020, 240 Seiten. EUR 22,90, ISBN 978-3902711878

Und als Ergänzung ließe sich vielleicht noch bei Matthes & Seitz erschienen von Georg Bataille lesen „Der Fluch der Ökonomie“,ebenfalls dieses Jahr erschienen.

Kein Ort nirgends? Von einer sich ins Handgemenge werfenden Philosophie

Ein Rezensionsessay zu Donatella Di Cesares „Von der politischen Berufung der Philosophie“

„Selig sind die Zeiten, für die der Sternenhimmel die Landkarte der gangbaren und zu gehenden Wege ist und deren Wege das Licht der Sterne erhellt“, so beginnt Georg Lukácsʼ „Theorie des Romans“. Es eine Welt, in der die Seele noch keinen Abgrund in sich trägt. Es ist die Epoche und das Geheimnis des antiken Griechentums. Echte Einheit noch oder zumindest die Fiktion einer Einheit, die wir im Nachgang hineinlesen? Wer eins ist, weiß es meist nicht oder muß nicht viel darüber sprechen: Anmut, wie jener kapitolinische Dornenauszieher, den sich Kleist dann in seinem Marionettentheater für den Jüngling zum Vorbild nahm, der mit Anmut das tut, was er tut, weil er nicht weiß, was er da tut.

Während in Lukács‘ unbedingt wieder zu entdeckender „Theorie des Romans“ (veröffentlicht im Jahr 1916) jene Antike dadurch gekennzeichnet ist, die Abgründe noch nicht zu kennen, so die Fiktion Lukácsʼ, ist dies für die Moderne, die mit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts heraufzieht, anders: Lukács spricht im Zusammenhang mit dem (modernen) Roman, der das (antike) Epos als Frage darauf, wie das Leben wesenhaft werden könne, abgelöst hat, von der „transzendentalen Obdachlosigkeit“. Querelle des Anciens et des Modernes noch zum Beginn des 20. Jahrhunderts – immerhin auch die Zeit, in der Hölderlin wiederentdeckt wurde. Leider auch für den Tornister. Ästhetik wird, so Lukács, in dieser Epoche seit der literarischen Romantik zu einer neuen Metaphysik, um jene Entzweiung zu heilen. Ebenso gibt es, in ganz anderem Kontext, in Ernst Tugendhats „Vorlesungen über Ethik“ aus dem Jahre 1993 eine Passage, wo es in Bezug auf die Frage, wie wir Moral begründen wollen heißt, daß wir in dieser Welt auf keine transzendente Instanz vertrauen können: Wir sind unter uns, so Tugendhat. Kein Gott nirgends.

In der Moderne herrscht zähe Immanenz und nicht die Ästhetik oder die Metaphysik, die man einmal Theologie auch nannte. Mit einer solchen Beschreibung der Immanenz beginnt Donatella Di Cesares Essay „Von der politischen Berufung der Philosophie“:

„Es gibt kein Außen mehr. So präsentiert sich das letzte Stadium der Globalisierung. Bis zur Moderne dachten die Bewohner des irdischen Gestirns bewundernd, staunend und erschüttert über den Kosmos nach und richteten ihre Augen in den offenen Himmel. Jenes unermessliche Gewölbe bot ihnen gleichwohl Schutz, schirmte es sie doch gegen die absolute Äußerlichkeit ab, der sie sich ausgesetzt sahen. Als der Planet jedoch von vorne bis hinten erkundet – umrundet, besetzt, vernetzt, vor- und dargestellt – war, brach der kosmische Himmel auf, und es eröffnete sich ihnen: der Abgrund.“

Die für Di Cesare daran anschließende Frage lautet: wie kann es in einer Welt ohne Außen noch Philosophie geben? Die Moderne oder genauer geschrieben der Kapitalismus und sein weltumspannendes System haben sich gegen das Außen immunisiert. Alles ist Binnenraum, alles steht unter dem Bezug, vom Fremden in Eigenes verwandelt zu werden oder wie Peter Sloterdijk es in einem Buchtitel griffig formulierte: „Der Weltinnenraum des Kapitals“. Und es scheint uns, so Di Cesare, wahrscheinlicher, daß wir das Ende der Welt eher noch uns ausmalen können als das Ende des Kapitalismus. Philosophie richtete den Blick nur noch ins Innere, so spitzt Di Cesare die Situation zu:

„Wozu sich noch in das eisige und tote Jenseits hinauswagen? Es triumphiert die Exophobie, eine abgründige Angst, eine kalte Panik, das nackte Entsetzen vor dem, was äußerlich ist. Diese Angst ergreift auch das Denken und hält es gefangen.“

Di Cesares Diagnose der Moderne mag zunächst grob geschnitten anmuten und auch die Konstruktion, weshalb ein Philosoph aus dieser Immanenz heraus und zugleich in ihr nicht zu philosophieren vermag, erschloß sich mir nicht. Ebensowenig wie jene Immanenz und die damit verbundene Transzendenzlosigkeit – gerade in Zeiten, wo Religionen wieder deutliches Gewicht erhalten und darin transzendenter Trost gesucht wird. Man muß aber wohl im Sinne des Principle of charity, wie das bei einem Essay der Fall ist, der nicht strikt argumentiert, sondern den Gedanken in der Zuspitzung überschießen läßt, ein wenig Kredit geben und solche Voraussetzungen zunächst mal provisorisch als gegeben nehmen, um dann zu sehen, wohin diese Gedanken den Leser tragen.

Daß es eine Zeit gab, als jenes Außen als Abgrund und auch als Fremdheit noch in den Blick genommen wurde, zeigt Di Cesare anhand der griechischen Antike, aber auch anhand von Marx, Kierkegaard, Heidegger und Benjamin. Ihr Blick auf die Vorsokratiker beginnt interessanterweise mit Heraklit, der auch der Dunkle genannt wird. Dieser blickte auf die Sprache, um die Wirklichkeit zu verstehen, und auf die Wirklichkeit, um unser Dasein in den Blick zu bekommen: die Polarität von Tag und Nacht sind Hinweise und mehr noch: Symbole. Licht und Dunkel verweisen auf Schlafen und Wachen, und dieses Wachen wird, so Di Cesare, zum „Auftakt der Philosophie“. Sie bezeichnet Heraklit als „Metaphysiker des Lichts“ – sicherlich auch in Absetzung zu einer Zuschreibung des Dunklen. Solche Formulierungen mögen zwar eine gewisse Griffigkeit besitzen und auch auf jenen Zusatz anspielen, den Heraklit trug, nämlich „der Dunkle“, aber es ist doch fraglich, ob man von der Sache her eine solche Zuschreibung tatsächlich treffen kann und ob man bei Heraklit von einem Metaphysiker sprechen sollte. In solchen Thesen zu bestimmten Positionen scheint mir viel Diskussionsbedarf zu herrschen und ebenso in der Auslegung der Texte. Anregend ist es zwar für das Weiterdenken von Philosophie, aber es sind eben doch auch interpretative Zuschreibungen, die zugleich eine Blickverengung bedeuten. Andererseits liest sich Di Cesares Essay derart flott, daß man solche Interpretationen verzeiht.

Die Nacht ist gefährlich und es wacht womöglich niemand mehr über die Polis, „wenn in der Nacht der Stadt die Welt unterzugehen scheint.“ Doch gibt es Ausnahmen: „Der weise Gott, der über die Mauern wacht, sowie sein Stellvertreter, der Philosoph, der aufmerksam deren Inneres hütet, damit jenes lichtvolle Offene nicht für immer durch die private Idiotie versperrt bleibt.“ Man muß sich hier sicherlich auf die bildreiche Sprache von Di Cesare einlassen und solchen Ton goutieren, um dann zu sehen, was das Buch bietet. Aber das ist bei jeder Philosophie so und man sollte nicht allzu vorschnell den eigenen Stil auf den eines anderen applizieren und ihn dann daran messen. Was freilich den Gang der Argumente und der Auslegungen betrifft, so bewegt sich manches daran – angefangen bei der Immanenzthese – auf eher dünnem Eis. Wie dem auch sei: Jene politische Nacht ist bei Di Cesare freilich als Bild immer auch auf die Gegenwart bezogen und insofern ist die Auslegung Heraklits etwas, das im Hinblick auf Zeitgenossenschaft und Gegenwart geschieht. So ist auch ihr Rekurs auf die Antike nicht als Selbstzweck zu verstehen, sondern es sollen durch solche Bezüge Bilder politischen Philosophierens evoziert werden.

Sei das der Sternengucker Thales, dem der Himmel und die Bewegung der Sterne vieles und die Erde wenig zu sein scheint, so daß es das Lachen der thrakischen Magd hervorruft, als Thales bei der Himmelschau in den Brunnen fällt. Aber Thales ist eben doch down to earth, wenn ihm die Bewegung der Sterne ermöglicht, meteorologische Voraussagen zu treffen und auf diese Weise zu erkennen, daß eine hervorragende Olivenernte bevorstehe. Thales kaufte also alle Pressen auf, und als die Ernte reichlich ausfiel, vermietete er sie. So war der Philosoph ein reicher Mann. Auf diese Weise stehen hier Immanenz und Transzendenz noch in einem Bezug.

Anders freilich in Bezug auf den Himmel und die Natur ist es bei Platons Sokrates. Mit Sokrates geht die Philosophie in die Stadt und auf den Marktplatz – sieht man vielleicht einmal von dem Dialog „Phaidros ab, der unter den Platanen und beim Gesang der Zikaden stattfindet. Philosophie kommt bei Platon/Sokrates unter Leute und wird damit öffentlich, für die öffentliche Sache, die res publica. Nicht unbedingt für die Demokratie, wie Di Cecare im Zusammenhang mit Hannah Arendts Sokrates-Buch feststellt, aber doch als Arbeit fürs Gemeinwesen, um im Innenraum nicht bloß Fragen zu klären, sondern überhaupt erst kritisch zu denken: nichts zwischen Himmel und Erde als gegeben und selbstverständlich zu nehmen. Doch mit der Anklage des Sokrates wegen Asebie ändert sich die ganze Situation, und dies für die Philosophie insgesamt und auf Jahrtausende:

„Der die Flucht verweigernde Sokrates bleibt bis zuletzt ein Bürger Athens. In der Stunde seines Todes aber wird er Zeuge einer postpolitischen Welt und erhebt sich zum Fackelläufer der Philosophie. Bereits fremd in der eigenen Stadt, werden die Philosophen zu Fremden überall auf der Welt. Niemals werden sie den Tod des Sokrates vergessen können, jenen schrecklichen Skandal, der in ihrem Exil für sie Mahnung eines latenten, einstweilen beschwichtigten und doch nur aufgeschobenen Konflikts mit der Stadt werden wird.“

In bezug auf Sokrates schildert Di Cesare ein atopisches Denken: das, was als Philosophie im Innenraum der Polis keinen Ort mehr hat oder aber an ihren Rand verbannt ist wie die Akademien. Dieses Atopische ist für Di Cesare ein zentraler Begriff für die politische Berufung der Philosophie. Der Philosophie ist seit Sokrates ein atopischer Zug zu eigen und zugleich das Staunen, das etwas ist und nicht vielmehr nichts, sowie eine spezifische Art des kritischen Fragens als krínein, was eben auch „(unter)scheiden“ und „trennen“ bedeutet. Diese atopische Position hat dabei aber nicht nur mit der Art des sokratischen Fragens zu tun, sondern ebenfalls mit der Person Sokrates, der auf der Polis immer schon in seiner Art wie ein Fremder wirkte, so Ci Cesare.

Philosophie ist in diesem Sinne der politischen Berufung nicht nur die Kunst des Fragens, sondern vor allem die der Kritik, und das heißt für Di Cesare die Fertigkeit eines grundsätzlichen Fragens, das unsere politischen, moralischen und gesellschaftlichen Überzeugungen bis in die Grundsätze ins Wanken bringen kann, so wie das Sokrates auch auf dem Marktplatz Athens machte, wenn er die Menschen zu Dingen befragte, die sie zu wissen vorgaben. Zwischen Philosophie und Gemeinschaft besteht ein Dissens, und der kann so weit gehen, daß ein Philosoph für seine Überzeugung sterben muß. Di Cesare nennt zwei prominente Beispiele: Sokrates sowie Giordano Bruno. In diesem Kontext ist für Di Cesare ebenfalls der Fall Galilei interessant: er entging knapp dem Tod, weil er widerrief. Aber nicht so sehr, weil er seine naturwissenschaftliche Theorie gegenüber der Kirche aufgab, eine Theorie, die teils in der Öffentlichkeit schon verbreitet war und die sich mit den neuen Meßmethoden sowieso durchgesetzt hätte, sondern weil er vor allem seine philosophischen Konzeptionen widerrief, in die die naturwissenschaftliche Theorie eingebettet war, so Di Cesare.

Damit ergibt sich ein weiteres Problem: wenn nämlich Philosophie gefällig sein will. Philosophie aber darf sich nicht dem Diktat des Nützlichen unterwerfen, und nur wenn sie diesen Zug des Widerständischen beibehält, kann sie sich als Philosophie bewähren. Darin ist Philosophie politisch: für die Polis nämlich, als Quälgeist, als Stechfliege, in der Weise wie Sokrates immer wieder die Bürger Athens auf dem Marktplatz befragte und die Jugend ins Gespräch verwickelte. Und in diesem Sinne wirft Philosophie sich ebenso ins Handgemenge und in die Debatten. Dabei aber ihre atopische Position bewahrend.

Wie sehr dabei der Philosoph in Versuchung geraten kann, die Macht führen zu wollen und nicht nur zum Rat-, sondern auch zum Tatgeber der Polis aufzusteigen, zeigt Di Cesare in ihrem Verweis auf Heidegger: illustriert an dem Titel jenes Blumenberg-Buches aus seinem Nachlaß: „Die Verführbarkeit des Philosophen“.

Ein weiterer zentraler Aspekt der Kritik an der Philosophie besteht für Di Cesare ebenso darin, wenn der Philosoph zum neutralen Unterhändler wird, sozusagen zum Sozialtechniker, dessen Aufgabe es ist, der Gesellschaft die gerade benötigen Begriffe zu liefern und sich dabei in den Dienst der einzelnen Wissenschaften zu stellen oder um lediglich die einfachen Reparaturleistungen für eine bestehende Gesellschaft zu bringen, damit diese weiter so funktioniert wie bisher. Di Cesare verwehrt sich gegen jede Funktionalisierung der Philosophie.

Sie liefert ein Plädoyer für eine Philosophie des Außen: „Exil, Ekstase, Exposition, Existenz – alles, was sich durch ein Außen auszeichnet und zu einem Über bestimmt ist, läuft auf dem verdichteten und von Immanenz gesättigten Globus Gefahr, zu unter- und zu erliegen.“ Philosophie wird zu einem Außen im Innenraum. Philosophen sind Bewohner eines paradoxen Territoriums, so Di Cesare. Die Aufgabe der Philosophie liegt darin, jene Ekstase der Existenz wieder ins Spiel zu bringen, eine Existenz, die als ein Herausstehen sich zeigt. Die im Immanenz-Raum der Moderne verschwundene Exzentrizität muß wiederbelebt werden, um den Weg zum Anderen und damit auch eine Koexistenz des Selbst wieder zu begründen „jenes gemeinsame Wachen, das die Stadt begründet und erhält“. Dies ist die zentrale Aufgabe einer politischen Philosophie, der es um die Gemeinschaft der Polis geht. Sie soll „das Staunen zurückzubringen, Befremden zu erzeugen, Fremdheit auszulösen, Leidenschaft für den Anderen zu erwecken.“

Daß die Philosophen in die Stadt zurückkehren müssen, ist nicht nur als Metapher zu verstehen und auch nicht einfach als der Weg der Philosophen in die Öffentlichkeit, etwa wie wir es in trivialisierter Form von Precht und anderen Populärphilosophen kennen. Di Cesare macht die Möglichkeiten einer Philosophie der Stadt an dem Flaneur und Stadtbewohner Walter Benjamin fest, der in Berlin wie auch in Paris spaziert und Eindrücke sammelt. Er ist in der Stadt, und er ist als Zuschauer doch nie ganz dabei. Der Philosoph ist in solchem Flanieren ohne Zweck und atopisch. Er ist ortlos, aber in dieser Ortlosigkeit nicht etwa in der politischen Enthaltsamkeit und der Ataraxie verharrend, sondern im Sinne Benjamins ist der Philosoph solidarisch mit den Entrechteten.

Hier freilich läuft der Essay in vielen Passagen pathetisch und gerät ins Proklamieren: wenn Di Cesare verkündet, daß die Philosophie – ihrer Niederlage eingedenkend, als sie mit Sokrates Tod aus der Stadt vertrieben wurde – in der Moderne nun wieder „in die inzwischen zur globalen Metropole gewordene polis“ zurückkehrt, „um deren Dämmerung aufzuhellen und ihren Niedergang zu beleuchten.“ Und es kommt die „besiegte Philosophie“ zurück, um „ein Bündnis mit den Besiegten zu schließen.“

„Jener melancholische Außerirdische schleicht in der Stadt umher wie ein gefallener Engel. Er trägt seinen wertvollen, saturnischen Blick in den städtischen Strudel hinein. Er beansprucht nicht, von oben herab zu betrachten, sich über die anderen zu erheben. Er hält sich nicht für einen privilegierten Beobachter; im Gegenteil, er mischt sich unter die Menschenmassen, besitzt keine Anschauung aus der Vogelperspektive.“

An solchen Stellen ist es mir im Ton zu weihevoll. Die Sprache feiert. Das muß nicht schlecht sein, aber es sollte hinterher doch kein Kater bleiben. Man wünscht für jenen Flaneuer den kalten Blick Baudelaires oder Curzio Malapartes.

Di Cesare konzipiert ihre politische Philosophie als eine Politik der Teilnahme und Solidarität. Anspielend auch auf das Gleichnis vom Seelenwagen in Platons „Phaidros“ und dem Gefieder schreibt Di Cesare in Bezug auf den atopischen Philosophen:

„Aber, so gebrochen sie auch sein mögen, er bewahrt noch seine Flügel und die Erinnerung an einen Traum von Gerechtigkeit. Politisch ist er ein Asylsuchender in seiner Stadt. In seiner Nicht-Zugehörigkeit, Nicht-Angehörigkeit findet er sich aufseiten der zahlreichen Fremden, Exilanten, Einwanderer wieder, neben den Opfern des anmaßenden Finanzreichtums, zwischen Schnorrern und Glücksspielern, fliegenden Händlern und Nomaden, zwischen Arbeitslosen und Verzweifelten – zwischen den Resten jener ‚Traumwelt‘, die schreckliche Alpträume hervorgebracht hat.“

Ob solche Solidarität für ein umfassendes Konzept der Gerechtigkeit ausreicht, bleibt zweifelhaft. Als Korrektiv – auch gegenüber der Macht und der Möglichkeit von Institutionen – mag solche Sicht funktionieren, gleichsam als Stechfliege, und als subjektive Perspektive einer Einzelnen mag das möglich sein, und es schärft den Blick, indem die Philosophin einen Finger in eine Wunde legt: Oder wie Walter Benjamin in seinem Passagenwerk notierte: „Solange es noch einen Bettler gibt, solange gibt es noch Mythos.“

Der an Benjamin gemahnende Ton des Essays überzeugt mich allerdings nur bedingt, und ob es der Philosophie guttut, in einer Entweder-Oder-Konstellation zu verharren, wage ich zu bezweifeln. Zu nah dran kann in manchen Fällen auch zu weit weg sein. Oder frei nach Karl Kraus: Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner blickt es zurück. Solidarität braucht zugleich den Abstand. Und wenn wir von Opfern sprechen, so bleibt zudem die Frage: wer alles ist Opfer? Mir behagt, bei aller Sympathie für Benjamin und der Idee des Fremden, diese Art von institutionalisiertem Benjaminismus nicht.

Di Cesare will mit ihrem Buch die Relevanz politischer Philosophie aufzeigen. Das macht dieses Buch spannend. Der hohe Ton zuweilen und die Imitatio Derrida-Benjamin stört. Wenn sie sich von Heraklit und Thales, über Platon bis Hegel, Marx, Kierkegaard und Hannah Arendt durch die Geschichte der politischen Philosophie bewegt, so will sie zwar keine philologisch genaue Exegese liefern, was bei einem solchen Par-force-Ritt auch kaum möglich ist, sondern sie eröffnet Perspektiven, was Philosophie als Fragen und Denken des bisher nicht Gedachten zu leisten vermag – auch angesichts einer fundamentalen gesellschaftlichen Krise der sozialen Moderne. Dabei streift sie von der Höhe her die Polis gewissermaßen mit dem makrologischen Adlerblick.

Mit diesem Projekt freilich greift dieses Buch weit über die bloß politische Philosophie hinaus. Sie will uns ins Offene des Denkens führen, und vor allem will Di Cesare die Philosophie von zweckhaften Einhegungen und Funktionalisierungen bewahren, wo der Philosophie lediglich eine Reparaturfunktion für gesellschaftliche Defekte zukommt – man denkt da unwillkürlich an Habermas und sein Verhunzen Kritischer Theorie. Insofern bedeutet das Handfestwerden zunächst Verunsicherung, und die politische Berufung der Philosophie ist keine zur unmittelbaren Praxis als Reparatur kaputter Diskurse, sondern eine solche der Polis, und zwar in vermittelter Art und nicht in der unmittelbaren Weise des Funktionalismus. Ein Gott kann uns nicht retten und auch ist es ungewiß, ob es die Philosophie als Transzendenz kann. Unser Ort ist hier auf Erden. Wir sind unter uns:

„So zutiefst menschlich und ebenso unabwendbar sterblich hält sich die Philosophie, wie es ihr Name sagt – diese Liebe für …, dieses Heimweh nach … – im Horizont der Endlichkeit. Die Götter – so viel ist sicher – philosophieren nicht.“

Ein schöner Schlußsatz, auch wenn er in der Mitte des Buches steht. Diese Endlichkeit ist unser Menschenwesen, denn wir sind Sterbliche und reichen gerade dadurch in den Abgrund, wie es Hölderlin dichtete, und doch denken wir über solche Endlichkeit hinaus, das ist unser Abgrund, so der Rezensent, und wir müssen und wollen über sie hinausdenken, und dies eben, so der Rezensent, ist unser Trieb zur Philosophie. Seit Anbeginn an, als die Philosophie mit dem Unendlichen und mit dem Apeiron des Vorsokratikers Anaximander anhob. Immanenz ist nur vor dem Hintergrund eines sie Überschreitenden denkbar. Eine Grenze zu denken, bedeutet, sie zu überschreiben, wie Hegel dies in seiner großen Logik formuliert: dieser Gedanke kommt bei Di Cesare freilich nicht vor und in vielen Stellen hätte eine solche Dialektik vielleicht auch manche Vereinfachung in Bezug auf die soziale und ästhetische Moderne zu heilen geholfen. Immerhin aber führt der Essay performativ vor, daß die von Di Cesare konstatierte Immanenz eben doch keine Totale ist, wenn ein Außen und ein Anderes als Denkbestimmung möglich sind. Diesen Essay zu lesen, lohnt trotz einiger der genannten Mängel dennoch: Di Cesare führt in ihrem Buch uns nicht nur in eine politische Philosophie hinein, die anders gewirkt ist als Rawlsche oder Habermassche Bestimmungen, sondern auch in die Bedingungen und die Begrenztheiten unseres Denkens. Und was das schönste an solchen Büchern ist: man bekommt zugleich wieder Lust, Texte von Platon, Kierkegaard, Marx und Benjamin zu lesen.

Donatella Di Cesare: Von der politischen Berufung der Philosophie
Matthes und Seitz Berlin, Berlin 2020
Gebunden, 175 Seiten, 22.00 EUR

 

Vom Existieren: Fiktionäre und ein kybernetischer Realismus – Alban Nikolai Herbsts Erzählungen „Wanderer“

Erzählungen sind so ein spezielles Literaturding: frei nach Goethe Sentenz „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen; und jeder geht zufrieden aus dem Haus.“ Ich finde, das stimmt zwar einerseits und stimmt doch nicht ganz. Denn es stellt sich eben oft auch der Effekt ein, daß einige Erzählungen hängen bleiben, andere aber durchrauschen und ich schon nach vier weiteren Erzählungen nicht mehr weiß, was in jener ersten geschah. So zumindest geht es mir oft, und das macht mich nicht wirklich zufrieden, und deshalb lese ich Erzählungen nicht so gerne wie Romane – bei Harald Brodkeys „Unschuld. Nahezu klassische Stories“ widerfuhr es mir damals, und leider auch bei Denis Johnsons wunderbarem Band „Jesusʼ Sohn“. Das muß nicht an der Qualität der Geschichte liegen, sondern hat damit zu tun, was mich an einem Plot und der Konstruktion einer Erzählung fesselt und was weniger. Sozusagen auf einer ganz intuitiven Ebene: das, was Schlegel in seiner bitte unbedingt wieder zu lesenden Schrift zum Studium der griechischen Poesie das Interessante nannte und was später, von der Jenaer Frühromantik ausgehend, eine zentrale Kategorie moderner Dichtung werden sollte, im Gegensatz zur nach bestimmten Regeln durchgebildeten Dichtkunst der Alten. (Obgleich man auch dieses Narrativ der Ästhetik anzweifeln kann.)

Vielleicht ist es aber auch nur eine Wohnzimmerbequemlichkeit: es geht mir so, daß ich mich beim Lesen lieber in eine kontinuierliche Geschichte verstricke, gerne mit Umwegen und Ausbrüchen aus der linearen Ordnung und indem Zeitebenen durcheinander gehen. Bei Erzählungen verliere ich mich oft oder möchte bei einer einzigen Geschichte verharren und wissen, wie es weitergeht oder was man hinzudichten kann – oft sind Erzählungen, auch wenn sie zu Ende sind, für mich noch gar nicht zu Ende. In diesem Sinne bin ich kein guter Leser für Erzählungen. War ich noch nie. Einzig im Märchenbuch früher, Bechsteins Märchen, da las ich eine Geschichte nach der anderen weg – Fraktur übrigens –, verschlang sie und freute mich ob des Jammers oder auch der Erlösung. Vielleicht müssen wir uns Alban Nikolai Herbsts Erzählungsband „Wanderer“ wie ein Märchen vorstellen. Aber eben ein solches, wo eine Geschichte mit der anderen vielleicht kommuniziert und zusammenhängen könnte, ähnlich wie in der gleichnamigen Erzählung „Wanderer“, wo ein eigenes Leben mit dem anderen eigenen Leben verquickt ist, weil da der Protagonist aus seiner eigenen Lebenswelt herausfällt und in der Decke in einer Anders- und Parallelwelt verschwindet. Gleich der eigenen Welt, aber doch nicht gleich und um ein winziges verrückt.

Nun sind 2019 im Septime Verlag zwei Bände mit Erzählungen erscheinen: im Frühjahr 2019 „Wanderer“ und im Herbst 2019 „Wölfinnen“ – davon ich über den ersten Band hier schreiben werde. Trefflich vor allem, daß in dem Wanderer-Band frühe und teils auch unveröffentlichte Prosa zu lesen ist. Welcher Autor macht sich die Mühe, solche teils über vierzig Jahre zurückliegenden Texte noch einmal sich vorzunehmen, zu überarbeiten und zu redigieren? Und jeder, der einmal in jungen Jahren schrieb, weiß, daß da auch Ausschuß bei ist und der Wille zum Neuen manchmal vom Überschwang des Ausdrucks des Künstlers als junger Gefühlshund überlagert wird. Der Autor versucht, probiert, macht Experimente mit der Form und dem Inhalt. So auch bei Alban Nikolai Herbst. Doch beileibe sind diese Texte keine Jugendsünden – zumindest nicht in der hier dargereichten Form

Die frühen, freilich überarbeiteten Erzählungen lesen sich insofern gut, weil sie souverän gearbeitet sind. Dabei es mir die erste Geschichte „Svenja“, „Die Orgelpfeifen von Flandern“ und „Die Sache mit Kark Jonas“, die dann später zu dem Roman „Der Wolpertinger oder Das Blau“ umgeformt wurde, besonders angetan haben. Dazu später mehr. Der Neugierige freilich hätte gerne neben der letzten Fassung auch die frühere, die erste Version einer Erzählung sich gelegt, um zu schauen, wie ANH in Jugendjahren schrieb und tickte und was am Stil sich änderte. Andererseits aber sollte solche Neugier, ja Voyeurismus gar, nur etwas für den forschenden Germanisten sein und nicht für die lustvollen Leser, der am Interessanten wie am regelmäßigen Unregelmäßigen sich delektiert. Davon einmal abgesehen, daß solche philologischen, textkritischen Ausgaben kaum zu finanzieren sind und sich – verständlicherweise – nicht jeder Autor gerne in seine Werkstatt gucken läßt: wer gibt schon den Blick frei in die Experimentierküche der frühen wilden wunderbaren Jahre? Der Kritiker und der lustvolle Leser, der immer auch und zugleich im Kritiker stecken muß, will am Ende die fertige Prosa lesen – beim Literaturwissenschaftler mag es anders sein. Und solche Prosa haben wir in diesem Falle auch. Denn Herbst hat an seinen frühen Texten gefeilt und gearbeitet.

Alban Nikolai Herbst ist ein umtriebiger Autor. Zahlreich sind seine Romane und auch die Gedichte und hoch seine Produktivität, was man bereits daran sehen kann, mit welcher Intensität und welchem ästhetischem Furor der Autor seinen literarischen Blog „Die Dschungel. Anderswelt“ betreibt. Wohl kaum ein deutschsprachiger Gegenwartsautor läßt seine Leserinnen und Leser derart an seinem Schaffen, seinem Leben, seiner Literatur teilnehmen, läßt sich in die Karten schauen beim Überarbeiten von Gedichten, wenn eine bessere und neue Version entsteht. Was ist produzierender Autor, was ist Text, was gehört zur Literatur, was zum Ich? Gehören womöglich auch die Stufen der Überarbeitung und der Schwund zur Literatur? Wenn man sich die Hölderlin-Ausgabe des Stroemfeld Verlags ansieht, ist das Fragment als ständige Umschrift und nie endender Prozeß von Überschreibungen das eigentliche Werk.

Die Unterscheidung etwa zwischen Werk und Beiwerk, Autor und Romanfiguren, wie wir sie in jenen Erzählungen „Geständnis für die literarische Welt“ „Der Gräfenberg-Club“ finden, die Differenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit sind nicht grundsätzlich getilgt, aber doch in einer Weise verschoben, ja aufgehoben, daß in die Realität eine Nebenwelt, eine Anderswelt eben, einbricht. Der Begriff der Aufhebung paßt: so in der Geschichte „Joachim Zilts‘ Verirrungen“. Wandern zwischen den Welten, wenn da jener Protagonist plötzlich im Schlafzimmer, in dem er vorher noch mit seiner Freundin lag, in einer Art Krater in der Wand, in einem Dübel-Loch in der Decke aus Neugier hineinkriecht und verschwindet und damit in eine Welt aus Gangsystem und Abweichungen hineingezogen wird, in Parallelwelten wieder auftaucht, die sein Leben sind, die aber doch nicht identisch mit seiner alten Lebenswelt und seiner Existenz sind. Aus dem Schutzort des Bettes heraus geschieht zwar nicht die Verwandlung, aber doch eine Transformation und es fällt der Protagonist aus seinem gewöhnlichen Leben. Eine Art kybernetischer Realismus, wie Herbst es in seiner Poetik formuliert. In diesen labyrinthischen Gangsystemen, die ein Zurückfinden in seine alte und gewohnte Welt unmöglich machen, leben noch andere Menschenwesen, die es ebenfalls aus ihrer alten Lebensweise hinausschoß. Joachim Zilts scheint nicht der einzige zu sein, dem dies widerfährt.

„Ich war aus dem letzten von mir beschrittenen Gang in eine Welt hinabgestürzt, die meiner nur analog war.“

Menschen werden in diesen Erzählungen in Anderswelten versetzt. Und ebenso verwischen sich die Figurationen und die Frage nach Autorschaft, so zum Beispiel in der Erzählung „Geständnis für die literarische Welt“: der Autor Alban Nikolai Herbst ist nicht der Autor seiner Texte, sondern ein gewisser Hans Erich Deters schreibt diese Prosa und Lyrik, für die dann ein gewisser Alban Nikolai Herbst seinen Namen hergibt: der Autor ist nicht Herr im eigenen Haus. Deters nimmt dann auch weiterhin in Herbsts Werk eine zentrale Rolle ein. Und bereits der Titel des literarischen Weblogs „Dschungel.Anderswelt“ spielt, neben der Assonanz auf den von Herbst geschätzten Dichter Rudyard Kipling, mit solchen Wucherungen, und es heißt dort auf der Seite: „Das Literarische Weblog. Erschaffen 2003/04 von den Fiktionären Herbst & Deters“. In dem Roman „Wolpertinger oder Das Blau“ tritt ebenfalls ein Hans Erich Deters auf. Man könnte dieses Buch einen postmodernen Roman nennen, so wie überhaupt das Schreiben von Herbst unter diesen Begriff fallen mag: Figuren nämlich, die immer wieder im Werk des Autors auftauchen, ein Autor, der Figur ist und wo Inszenierung und Leben nicht mehr trennscharf sind – so auch in seinem Blog. Allein, es greifen solche Klassifizierungen dann auch wieder zu kurz, weil sie das Spezifische der Prosa tilgen. Eben dem Eigensinn von Dichtung zuwider sind. Es läßt sich diese besondere Prosa auf keinen Begriff bringen. Immerhin: ein Autor von über sechzig Jahren.

Herbst schreibt den Realismus, aber in diese Welt des Realen bricht immer wieder die Seltsamkeit herein, so in „Die Sache mit Kark Jonas“, wo abends in den Gassen der Altstadt ein junger Mann, ein Ich-Erzähler mit einem Bettler ins Gespräch kommt und diesen in eine Kneipe einlädt. Der Bettler fabuliert, die Situation gerät seltsam, immer seltsamer und der Alltag aus den Fugen. Solche Erzählungen sind von einem surrealistischen Moment gespeist; daß da unter der Realität der gemütlichen Altstadt mit den romantischen Mauern noch was anderes dräut. Da setzt plötzlich die Zeit aus, als der junge Mann den Bettler angreift und schlägt und der Bettler ins Messer des Mannes fällt oder aber, daß der Mann das Messer in den Bettler stößt. Eine seltsame Frau taucht auf, eine Initiationsgeschichte, die was mit Körperlichkeit zu tun hat, ein normaler Alltag an einem Abend in einer Kneipe, wo einen zuweilen ein Gast zuquatscht, wird atmosphärisch aufgeladen, gerät aus den Fugen, fällt aus dem Lauf unserer Normalzeit und durch die seltsame Geschichte des Bettlers gelangt eine andere Ebene ins Erzählspiel. Herbst transformiert das konventionelle Erzählen, bringt es in eine andere Sphäre und verbindet die unterschiedlichen Ebenen. Wenn man es vergleichend klassifizieren wollte, was nicht zielführend ist, weil dies, siehe oben, den Eigensinn von Literatur raubt, aber deshalb vielleicht doch sinnvoll, weil sich der zunächst unwissende Leser auf diese Weise ein Bild zu machen vermag, könnte man hier Namen wie Italo Calvino und Jorge Louis Borges und den sogenannten magischen Realismus nennen.

In den späteren Erzählungen des „Wanderer“-Bandes dann findet sich vermehrt das Spiel mit den Realitäten, so in „Azreds Buch“, „Der Gräfenberg-Club“ oder „Geständnis für die literarische Welt“. Elemente eines fantastischen Realismus durchziehen viele der Erzählungen. Herbst spricht auch vom kybernetischen Realismus, was ich von der Begrifflichkeit passend finde, um diese fürs Deutsche her ungewöhnliche Prosa zumindest zu beschreiben. Sofern solche doxographischen Kategorien wie postmodernes Erzählen hier in Anschlag gebracht werden können, scheinen sie eine Tendenz dieser Literatur zu treffen. Zumindest aber, das bleibt festzuhalten, beschreiben sie Herbst Art des Erzählens in dem Sinne, daß die herkömmlichen Formen des realistischen Erzählens aufgebrochen werden: nicht zugunsten von Wunderwesen oder andershumanen Existenzen: es gibt keine Einhörner, Cyborgs und Oger, aber doch, daß da eine andere Ebene ins Spiel gerät: eine Phantastik. Wie wenn wir träumen. Wenn man es so sagen will, kann man Herbsts Prosa als eine Fortschreibung etwa von Louis Aragons „Le Paysan de Paris“ lesen: auch dort bricht in die Szenerien der Stadt immer wieder eine andere Welt ein, wenn etwa unter dem Pflaster von Paris der Mythos brodelt und dort das Unbewußte nistet, die Statuen des Parks Buttes-Chaumonts etwa führen ein Eigenleben: Sie reden, sie erzählen. Ja, sie leben. In Aragons Roman heißt es: „Ein Gegenstand konnte sich vor meinen Augen verklären, ohne allegorische Züge noch Symbolcharakter anzunehmen; er manifestierte weniger eine Idee als er selbst diese Idee war.“ Bei Herbst gesellt sich zur ästhetisch-erzählerischen Verklärung noch die Transformation hinzu. In diesem Sinne lese ich diese Prosa Herbsts auch in der Tradition von Aragon und dieser Art des Surrealismus, unsere Welt neu zu beleben. Das eben, was alle ästhetisch gelungene Literatur will. Verzaubern und entzaubern. Der Mythos ist Aufklärung.

In vielen dieser Geschichte spielt der Tod eine Rolle (Gehirn, Der Sieg, Joana. Nachtstück, Der letzte Wille, Der Ton, Roses Triumph, Joachim Zilts Verirrungen) bis hin zu den Phantasien zum Selbstmord (Müder Gegner), kulminierend in der letzten Erzählung des Bandes, der wunderbaren, traumschönen, liebesseltsame Prosa „Die Orgelpfeifen von Flandern“. Ein Zeitrückblick, eine Recherche und der Abschied von einer Frau. Allein für diese Erzählung, der man eine eigene Rezension widmen muß, lohnt der Kauf dieses Buches.

Allerdings: Ich fand beim Lesen nicht alle Erzählungen gleichermaßen gelungen und interessant. Bei jenen Erzählungen, die in Slang oder Mundart geschrieben wurden – sicherlich: ein Formexperiment auch –, schaltete ich ab, etwa bei „Marlboro“, auf die ich mich vom Titel her gefreut hatte, weil sie nach Rauchen, nach Pferden und den 1980er Jahren klang, und auch bei der vom Stoff her eigentlich spannenden Erzählung „Schluß machen mit denen“: mir fehlte in dieser Intensität des Dialekts, der als Stilmittel das Extrem dieser Ich-Perspektive zeigt und insofern ästhetisch sicherlich konsequent verwendet wurde, das Wechsel im Ton. Vielleicht muß man sich die Erzählung „Marlboro“ vorgelesen vorstellen, denn Herbsts Prosa lebt, wie eigentlich jede gute Literatur, vom Klang. Dichtung ist immer auch Musik. ANHs Dichtung besonders.

Ich verstehe das Formexperiment, das für diese frühen Erzählungen eine zentrale Rolle spielt und eine teils saturierte Ich-Erzählzeit der damals grassierenden Neuen Subjektivität implizit kritisiert, die sich heute im autobiographischen Schreiben wiederholt oder zumindest darauf rekurriert. Und in diesem Sinne sind Herbsts Romane wie auch dieser Erzählungsband eine wichtige Kritik jener Knausgardisierung der Literatur. Daß das Ich ein Ich und zugleich immer eine Fiktion ist. Sich wandelnd, und zwar derart, daß es nicht einfach von sich erzählt, sondern zu fabulieren beginnt. Dichter sind Phantasten.

Herbst scheut das Experiment nicht. Er spielt mit den Stilen, setzt sie je nach Sujet und Geschichte unterschiedlich ein. Insofern ist dieses Jonglieren in den unterschiedlichen Erzählungen und damit die Abweichungen in der Form sowie das Variieren des Stils nicht Beliebigkeit, sondern es bedingt der Inhalt die Form und die Form wiederum wirkt auf den Inhalt, was ein neugieriger Betrachter vermutlich wird verifizieren können, wenn er sich in die Werkstatt des Autors schliche, sich die Schritte betrachtete, in denen diese Erzählungen je überarbeitet wurden.

Auch ein manchmal hoher Ton kommt vor. Da Herbst aber Pathos – ganz zu recht übrigens – nicht als Schwundform des Literarischen und auch nicht als Kitsch betrachtet, sondern dieses Pathos der Dichtung wesentlich ist – seltsames Ding auch: was beim Pop gerne toleriert wird, wenn Menschen beim Klammerblues schwelgen und fummeln und in Rückreflexion sehnsüchtig werden, wenn sie daran denken, wie die Fingerspitze an der Poritze glitt und wenn sie sentimental durch den Song fingerten, wie sie es tun sollen: all das wird von den selben Menschen, die dieses Pathos in der Musik und beim nachträglichen Denken übers Fummeln schätzen, in der Literatur verpönt – insofern scheut sich Herbst nicht, diese Pathos einzusetzen und einen ganz eigenen, auch hohen Ton anzuschlagen oder Wortwendungen zu wählen, die wie aus der Zeit gefallen scheinen „Wie ihre Kehle hüpft“ – zumindest aber lesen wir bei den frühen Erzählungen schon eine Sprache, die im Polit-Sound der frühen 1970er Jahre seltsam wirkte. Der Anfang der ersten Erzählung bereits spielt nicht nur mit dieser Tonlage, sondern erzeugt in der Sprache und ihrer Anordnung eine nicht nur besondere Atmosphäre der Verklärung, sondern schon optisch und im Lesefluß einen Bruch:

„Elfenkönigin seine“

und dann, um den Gedanken fortzusetzen, ein Absatz und eine Minuskel und ein Enjambement:

„schon als sie zum ersten Mal vor ihm steht: im Halbprofil schräg jemandem andres zuwendet. Wie sehnig sie ist und wie schmal!

Ihr durchgedrücktes Hohlkreuz. Ihre sehr kleine Brüste.“

So in „Svenja“: dieser Eindruck und diese Körperbeschreibung und Geste, die im Anfang und am Ende für eine Liebe verantwortlich ist: daß da was funkt. Im Ton, denkt sich der Leser zunächst, ist das eigenwillig geschrieben, in einem besonderen Sprachstil und für einen vielleicht 17jährigen Autor ungewöhnlich. Die Erzählung ist um 1972 entstanden, auf Schreibmaschine getippt, mehrfach umgearbeitet, wie man der Quellenangabe am Ende des Bandes entnehmen kann. Insbesondere wenn man die politischen Tendenzen jener frühen 1970er Jahre bedenkt, taucht da eine andere Art von Erzählen auf – die Geschichte ist im Stil so anders gehalten als jene bereits aufkeimende Innerlichkeitsprosa der frühen 1970er Jahre, und sie hat nichts von den Post-68er-Politpossen, die entweder die Befindlichkeiten gescheiterter Revolten ausrollen oder aber die Literatur am liebsten gleich ganz abschaffen wollten. Die klugen Autoren wie Handke und Bernhard, aber auch Frisch und Johnson wußten um solche Tücken und machten sich im Schreiben mit dem unmittelbar Politischen nur bedingt gemein.

Der Stil ist teils lyrisch, doch gerade durch dieses Mittel bleiben die Charaktere im Kopf des Lesers hängen und werden plastisch: jenes Mädchen Svenja, das gerade mal der Pubertät entwachsen ist und jener junge Mann, der sie anscheinend begehrt, der seine erste Liebe liebt und darin vielleicht mehr noch die Liebe als jene Svenja – aber auch das gehört vermutlich zum Lieben – und der sie gerade deshalb grandios verfehlt. Eine schöne Geschichte vom Scheitern und sie korrespondiert vor allem wunderbar mit jener oben genannten letzten und tieftraurigen Erzählung „Die Orgelpfeifen von Flandern“. Sie bildet den Abschluß und die Klammer zur Erzählung „Svenja“ und auch den Höhepunkt dieses Bandes.

Erzählungen sind insofern ein eigenes Genre, weil es hier leichter möglich ist zu sehen, wie ein Autor, hier Herbst, den Stil und den Ton der Texte immer wieder variiert. Man kann diesen Wechsel der Töne auch, wie uns Joyces „Ulysses“ demonstrierte, in einem einzigen Roman machen, aber in den Erzählungen zeigt sich das insofern angenehmer, da die unterschiedlichen Sujets und Erzählsituationen unterschiedliche Stile motivieren. In diesem Sinne lese ich diesen ersten Band als einen Blick in die Werkstatt des Autors – einerseits – und andererseits eben finden wir eigenständige und als gelungene Literatur sich bewährende Prosa, der ich viele Leser wünsche. Ob die Erzählungen einen guten Einstieg bieten, um in Alban Nikolai Herbsts Werk hineinzugelangen? Ich weiß es nicht. Ich denke, man sollte schon ein wenig mehr von Herbst gelesen haben, um in dieses Labor aus Form, Formwille, neuem Stil und metaphysisch-existenzieller Versuchsanordnung den Weg zu finden. Oder doch nicht? Vielleicht bietet gerade der „Wanderer“-Band einen guten Überblick, etwa mit der Svenja-Erzählung wie auch den Orgelpfeifen und der Sabinenliebe und insbesondere die Erzählung „Roses Triumph“ liefert ein herrliches, trauriges und zugleich saukomisches melvillesches Bartleby-Motiv: fatale Dialektik von Freiheit: plötzlich und wie auf einen Schlag zu wissen, daß man frei ist, wie eben jener Herr Rose, jene mediokre Angestelltenexistenz, die auch wir sind, und diese ungeheure Erkenntnis doch für sich zu behalten, ohne praktische Konsequenz, niemandem sie zu sagen, in sich hineinschmunzelnd, schweigend und in seiner Büroexistenz immer weiter machend und harrend, weil Rose ja wußte, daß er frei war und also gar nicht aufzuhören brauchte, bis zum Ende. Auch eine dieser herrlichen Herbst-Erzählungen.

„Äußerte sich nicht die vielleicht perfideste Freiheit gerade darin, daß er – sitzen blieb? Wenn er sich weiterhin nichts anmerken ließ? Die Vorstellung, eine Frau, mit der er über zweieinhalb Jahrzehnte verbracht hatte und die deshalb nicht völlig grundlos annehmen durfte, ihn zu kennen – eine solche Frau derart zu täuschen, begeisterte ihn. Er lachte auf.“

Gepaart ist dieses Spiel mit jenem Motiv aus Nathaniel Hawthorne Erzählung „Wakefield“: das Leben der anderen zu beobachten, nur daß jener Rose, anders als in „Wakefield“, nicht aus dem Verborgenen, aus dem gegenüberliegenden verlassenen Haus das Leben seiner Ehefrau und seiner Familie beobachtet, nachdem er nach einem Spaziergang niemals wiederkehrte, sondern Rose ist live dabei und doch sich verstellend. Selbst das Alter und den Verfall simuliert er noch – klar bei Geist und die anderen taxierend.

Ich bin mir nicht schlüssig, ob ich diesen Band mit Erzählungen als Einstieg empfehlen würde. Ja, ich begänne beim Herbst-Lesen und -Entdecken mit anderen Büchern. Wenn es aber darum ginge, einen Einstiegstext für jene zu finden, die bisher ihn nicht gelesen haben, so empfehle ich die wunderbare „Sizilianische Reise“, den flirrenden Süden aus Mythos, Zeit und Erzählung, in der ebenfalls zahlreiche Elemente und Motive, die auch in seinen Erzählungen auftauchen, Eingang finden: insbesondere die Frage nach der Realität und der Fiktion. Oder für jene Melancholiker seinen Roman „Traumschiff“: zart und poetisch reisen wir mit dem Protagonisten auf seiner Todesreise über den Ozean und hinüber in jene andere oder aber Gar-nicht-Welt – je nachdem, wie wir religiös gestimmt sind. Wer aber einen Einstieg finden will in die Leidenschaft der Kunst, des wilden Liebens und des wunderbaren Lebens, der lese unbedingt „Meere“:

„Fichte hat nie sublimieren wollen. Immer das Leben direkt. Daher dieses öffentliche Missverständnis über seine Kunst. Es geht ihr nicht darum, ein Manko zu beheben. Sie will das Manko sein. Will es auf eine Weise sein, die es erzwingt, die gar nichts anderes möglich macht, als Lust aus ihm zu ziehen. Sie soll Welt sein.“

Fichte, das ist nicht nur Kiefer, sondern das unreine Ich und Tathandlung. Lebenswild, schaffend, Dionysos, Apollon und unsere so moderne Moderne, die dieser Roman schildert und persifliert in einem. Das aber wieder ist ein anderes Thema.

Alban Nikolai Herbst: Wanderer, 600 Seiten, ISBN: 978-3-902711-81-6, EUR 29,90, Septime Verlag 2019

 

 

Das Mussolini-Projekt von Antonio Scurati: „M. Der Sohn des Jahrhunderts“

„Damals waren wir eine kleine Schar, heute sind wir Legionen.“

Der Erste Weltkrieg ist vorbei. Italien gehört zu den Siegermächten und gehört es doch nicht ganz, denn es ist bloßer Spielball und im Grunde nicht relevant. Für die Großmächte der ehemaligen Triple Entente – Rußland war inzwischen aus revolutionspolitischen Gründen ausgeschieden – war Italien ein lästiger Gast am Tisch, ein zusätzlicher Esser beim Kuchenverteilen, und die erträumte Großmachtstellung am Mittelmeer blieb aus. Die Schmach saß tief. Jene Interventionisten, die sich von der Seite der Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn lossagten, 1915 dann auf der Seite der Triple-Entente in den Krieg eintraten und sich eine Stärkung Italiens versprachen, sahen sich getäuscht. Zu ihnen gehörte auch der damalige Sozialist Benito Mussolini, seines Zeichens später von Beruf Duce, bis man ihn 1945 in Mailand an den Beinen aufknüpfte. Bis 1914 Chefredakteur beim linken Avanti!, dem Zentralorgan der Sozialistischen Partei Italiens, und seit seinem Interventionismus aus der Partei ausgeschlossen, worauf er im selben Jahr die neurechte Zeitung Il Popolo d’Italia gründete.

Diesen Aufstieg Mussolinis und mit ihm den der faschistischen Bewegung, bis hin zu ihrem Ende, schildert Antonio Scuratis Buch M. Der Sohn des Jahrhundert. Scurati macht das in einer Art Mischform: Literarisch aufgemacht, aber so erzählt, daß alle historischen Fakten und Szenen stimmen und keine Fiktionen die Geschichte einfließen – alles ist recherchiert, nichts ausgedacht. Ein dokumentarischer Roman also, was insofern in den Geist der Zeit paßt, weil auch die epische Dichtung heute mehr und mehr Wahrheit sein will und es sich mit Knausgard bis Burnside (und vielen anderen) von der eigenen Vita her gut erzählen läßt.

Das Projekt Mussolini ist von Scurati auf drei Teile angelegt. Der erste Teil behandelt die Zeitspanne vom Jahr 1919 bis zum 3. Januar 1925, zentral zusteuernd auf Mussolinis Machtergreifung 1922 und dann die Jahre der Konsolidierung seines Regimes bis ins Jahr 1924 – was nach der Machtergreifung zugleich bedeutete, die unterschiedlichen Strömungen in der faschistischen Bewegung, von den reinen Schlägerbanden, über die Nationalisten, die Monarchisten und die nationalen Sozialisten irgendwie zu befriedigen. Im Januar 1925 endet das Buch. Im Herbst 2020 soll in Italien der zweite Teil erscheinen.

Kurz nach Kriegsende im Jahr 1919 jedoch sah es schlecht für die aufstrebende national-militante Bewegung der Faschisten aus: Das Volk war kriegsmüde und zermürbt, die Sozialisten erzielten bei den Wahlen vom 16. November eine haushohe Mehrheit. Kein einziger der faschistischen Kandidaten erhielt ein Mandat, es war für Mussolini eine krachende Niederlage. Umso erstaunlicher der langsame, der unaufhaltsame Aufstieg, dessen Höhepunkt das Jahr 1922 war, als Mussolini und seine Gefolgsmänner den Marsch auf Rom wagten. Kaum ein Vertreter des Bürgertums, geschweige der Industriellen und der Unternehmer stellte sich ihm in den Weg, keine Militärs, kaum ein Politiker, obwohl jene Schwarzhemden den regulären Kampftruppen der Armee haushoch unterlegen waren. Der Mythos vom Marsch auf Rom, wie ihn Mussolini inszenierte, war eine läppische Angelegenheit, wie uns Scurati im Detail zeigt, die Marschierer lebten im Dreck, sie hungerten und waren schlecht ausgerüstet. Doch mit List, Tücke, brutaler Gewalt und Terror gegen Andersdenkende wurde die gesellschaftliche Hegemonie pèu a pèu herbeigeführt – das eben, was Antonio Gramsci als kulturelle und politische Hegemonie skizzierte. (Im ersten Teil spielt Gramsci für die KPI und als Mussolins Gegenspieler noch keine Rolle.) Mussolini als Drahtzieher, aber nie direkt an der Gewalt beteiligt – diese Drecksarbeit überließ er anderen. Auch über Gewalt, Angst und Drohung und weil viele sich wegducken läßt sich eine politische Hegemonie herstellen

In einzelnen Szenarien und wie ein Tagebuch, an einzelnen Tagen, Orten und an unterschiedlichen Personen orientiert, schildert Scurati dokumentarisch bestimmte zentrale Ereignisse, zeigt die Methoden der Faschisten, führt uns in die Kämpfe der Sozialisten und macht auf diese Weise in der Arbeit am Details in einzelnen Szenen, die in Norditalien, in der Po-Ebene spielen, sichtbar, wie Mussolinis Aufstieg gelang. Unterschiedliche Szenen geben ein gesellschaftliches Lagebild. Bologna, Mailand, Fiume, Rom, Ferrara. Es geht bis in die Einzelheiten des Tagesablaufes von Mussolini, seine Frau Rachele taucht auf, seine Geliebte, die reiche Erbin Margherita Grassini Sarfatti, wir sehen Mussolinis Ausschweifungen und seine Lebenslust, seine Politik, sein Taktieren, seine Begeisterung für den Krieg. Scurati entfaltet ein großangelegtes Panorama von Figuren und Szenen. Zu groß manchmal und zu lose verbunden.

An der Besetzung der Stadt Fiume (dem heutigen kroatischen Rijeka) beteiligt sich Mussolini aus politischen Gründen nicht. Fiume sollte von den Siegern des Ersten Weltkrieges auf der Pariser Friedenskonferenz von 1919 dem neuen Königreich Jugoslawien zugeschlagen werden. Der Dichter Gabriele DʼAnnunzio, dekorierter Kriegsheld, marschierte mit einigen Soldaten sowie den im Weltkrieg und in der Isonzo-Schlacht kriegserprobten Sturmtruppen der Arditi in jene Stadt ein. Durch diesen Zug wollte DʼAnnunzio Fakten schaffen und die Stadt wieder in den Besitz Italiens bringen. Im Gegensatz zum Überschwang des Dichters, der 1919 sogar schon auf Rom marschieren wollte, sah Mussolini die Sache nüchterner:

„Ja es wäre schön, bei Tagesanbruch aufzuwachen, alles hinzuwerfen, in ein flottes rotes Auto zu steigen und an der Spitze der jungen Generation auf Rom zu marschieren, als Anführer einer Kolonne blutjunger Kämpfer und Arditi. Der glühende Wahn des Dichters ist schön, so wunderschön, dass einem die Tränen kommen, doch das ist keine Politik. Politik verlangt nach dem hundföttischen Schneid der Straßenkämpfe, nicht nach dem Heldenmut attackierender Reiter. Politik ist die Arena der Laster, nicht der Tugenden. Die einzige Tugend, nach der sie verlangten, ist Geduld. Um nach Rom zu gelangen, muss man erst einmal mitspielen in dieser senilen Farce und sich beim Hohen Greisenrat Gehör verschaffen, bei diesem verkalkten, naiven, halben Dutzend Schurken, das die Welt regiert.“

Diese Passagen sind insofern bezeichnend, weil sich hier Mussolinis Sinn für Macht zeigt: Politik ist das machbare. In dieser Art sinniert Mussolini Ende September 1919 in Venedig. Beschattet von der politischen Polizei. Ein solcher Marsch auf Rom will vorbereitet sein und braucht entgegenkommende Bedingungen in der italienischen Gesellschaft, die in diesem Jahr 1919 noch von den Sozialisten beherrscht war. Politik ist Pragmatismus, und zudem will Mussolini den Ruhm nicht mit einem Dichter teilen. Erst im Oktober 1919 reist auch Mussolini nach Fiume. Aber immerhin sind seit DʼAnnunzios Besetzung der Stadt und jener „Kommune der Faschisten“, so Kersten Knipp in seinem lesenswerten Buch über diese Zeit, die Verkaufszahlen des Il Popolo dʼItalia in die Höhe geschossen. Der Faschismus beginnt populär zu werden.

„Die ganze Stadt schient im Orgasmus, sie feiert eine Orgie unter freiem Himmel, durchzittert von der ungebremsten Geilheit des Verführers. Soldaten, Matrosen, Frauen. Bürger wirbeln in wechselnden Reigen zum Takt der Militärfanfaren umher. An jeder Ecke schwören Gruppen von Arditi ergriffen auf gezückten Dolchen, […] Alles ist skurril, ausgefallen, aufregend. Dennoch hat dieses Fest etwas Unheilvolles. Nachdem sie dem Tod in den Schützengräben Europas vier Jahre lang entronnen ist, scheint die Jugend des Jahrhunderts statt zum Ersparten, zur Familie, zum Glauben, zu ihren Vorfahren, Tugenden und Tagen zurückzukehren, wie betrunken nach Fiume geströmt zu sein, um diesem dummen, sinnlosen Leben ein Ende zu setzen.“

Lebe gefährlich! Vivere pericolosamente!, so geht DʼAnnunzios von Nietzsche entlehntes Motto. Leben als Literatur, doch Mussolini hat für diesen Ästhetizismus nicht viel übrig. Für diese Art von Stil und Spekulation mag die von Scurati gewählte Form, diese Geschichte als Literatur zu schreiben, gut sein, denn solche Passagen lassen sich in einem Sachbuch nur bedingt schreiben, weil diese Art von Anschaulichkeit nur bedingt wissenschaftlich ist – selbst beim populärwissenschaftlichen Sachbuch. Aber ob dieser Ton wirklich gelungene Literatur macht, die auf der Höhe des Phänomens schreibt, bleibt in meinen Augen fraglich. Vor allem, weil in solchen Passagen lediglich Häppchen geboten werden, um dann am nächsten Tag schon nach Florenz und dann wieder anderswohin zu gleiten. Auch von der Sprache her ist die Prosa an manchen Stellen grenzwertig. Als Gabriele DʼAnnunzio 1921 in Mailand vom Balkon seines Hotels herab zum Volk eine Ansprache richtet, heißt es:

„Der rastlose, kleine, füllig gewordene Körper des Dichters, der sich Richtung Scala reckte, prägt den Tag wie ein Siegel den Siegellack.“

Über eine Prügelorgie gegen einen Abweichler aus den eigenen Reihen schreibt Scurati:

„Die Menge schreit ‚Aufhören! Aufhören!‘. Als sie von ihm ablasen, ist Cesare Forni nur noch eine zerfetzte Hülle in der gähnenden Weite der Bahnhofshalle, ein winziger, unscheinbarer Blutfleck im unendlichen Universum.“

Solche Bilder wirken peinlich – im Sinne von Pein bereitend – und in einer falschen Weise pathetisch – gegen Pathos per se ist nichts zu sagen. Weder für ein Sachbuch noch für Literatur paßt solche Form der Darstellung, sondern es zeigt sich hier vielmehr eine gewollte Originalität, die dem Dokumentarischen seinen Schliff verpassen will. Es soll literarisch und bedeutungsvoll wirken. Der Autor sucht nach erlesenen Bildern

Am 30. Oktober 1922 immerhin hat Mussolini sein Ziel erreicht, ein „Polit-Zigeuner und Autodidakt der Macht“, der jüngste Premierminister seines Landes und zu diesem Zeitpunkt der jüngste Staatschef der Welt, stand nun in Rom:

„Er hatte keinerlei Regierungs- und Administrationserfahrungen, war erst sechzehn Monate zuvor in die Abgeordnetenkammer eingetreten und trug das Schwarzhemd, die Uniform einer bis dahin in der Geschichte beispiellosen, bewaffneten Partei. Als der Sohn des Schmieds – der Sohn des Jahrhunderts – die Stufen zur Macht derart emporstieg, öffnete sich das neue Jahrhundert unter seinen Schritten und schloss sich sogleich wieder.“

Oder wie es in Mussolinis Rede zum Jahrestag 1923 hieß: „Damals waren wir eine kleine Schar, heute sind wir Legionen.“

Doch insgesamt bleibt diese Art von Doku-Literatur an der Oberfläche. Es wird ein Motiv oder ein Aspekt angespielt und dann wieder verlassen und nicht wieder aufgegriffen. Selbst dort, wo die Kämpfe der Zeit, besonders die Gewalt gegen die Sozialisten, deren Massenstreiks samt der daraus resultierenden Konfrontation interessant zu werden beginnen und die Geschichte dramaturgisch Fahrt aufnimmt, wird das Szenario wieder umgeschwenkt und der Leser wird an einen anderen Ort katapultiert. Es mag die Funktion dieser Prosa sein, ein Panorama zu entfalten, doch hätte man besser das Material im Sinne einer freien Montage mit Fiktionen und Geschichten oder nach einem irgendwie gearteten Bewegungsprinzip organisieren sollen. Das Panorama wird nicht anschaulich – zumindest mir erging es beim Lesen so. Interessant wirkt allenfalls der kulturgeschichtliche Blick in jene 1920er Jahre in Italien: denn immerhin spielt die Technik und die Begeisterung fürs Neue bei den Faschisten eine große Rolle. Mussolini etwa, der in Nachahmung von DʼAnnunzio Flugstunden nimmt. Auch der Futurist Marinetti samt seinem Faible für Maschine, Panzer und Rennauto taucht auf, wenngleich als lächerliche Figur.

„Die Technologie gibt den Ton an – Automobile, Radios, Phonographen –, neuer Götter werden erschaffen, die eigenen Mythen flimmern über die Kinoleinwand, alles strebt nach Fortschritt und Modernität, und jeder ist aufgefordert daran teilzunehmen: mit der Erfindung des Grammophons hören alle Musik und tanzen zum synkopierten Rhythmus der wilden Ära des Jazz. Die Frauen werden ebenso wild, sie sind frech, unverfroren, zügellos, burschikos, zeigen die nackte Schultern und fordern das Wahlrecht, (…) Komponisten verwandeln das Klirren von Metall und das Rattern von Zügen in Rhapsodien …“

Solche häufiger eingebauten kulturellen und sozialen Kontexte und dazu eine kräftiger gebaute Klammer hätten dem erzählerischen Fluß und damit dem Buch gutgetan: Steigerungen und eine Geschichte, in der die Figuren lebendig werden und sich entwickeln und nicht Staffage für ein Historiendrama blieben – etwa Mussolinis Ehefrau Rachele oder aber seine Geliebte Margherita Sarfatti, die leer bleiben, und ebenso faschistische Führer wie Italo Balbo, den man sich zumindest in Ansätzen anschaulich vorstellen kann: etwa wenn sein sadistisches Dauerlachen beschrieben wird, noch bei der schlimmsten Gewalttat, das Grinsen eines Mannes, als handele es sich beim Menschentotschlagen um Lausbubenstreiche. Aber diese wenigen guten Momente im Buch sind zu selten und bei über 800 Seiten gerät die Lektüre zäh.

Mein Fazit: Das Buch ist langatmig. Solches Verkoppeln von „Dies, dies und dies da geschieht“ reicht nicht für einen Roman, nicht einmal für einen dokumentarischen, denn auch dort will das Material organisiert werden, und es reicht auch nicht für ein historisches Sachbuch. Das Prinzip solcher szenischen Montage der Orte vom Jahr 1919 bis Januar 1925 bleibt am Ende nicht dem literarischen und gestalterischen Willen der Phantasie und der Konstruktion zugeordnet, sondern lediglich dem  historischen Zeitstrahl. Notwendigkeit statt der Freiheit des Erzählens. Dort, wo der Leser Einordung und Analyse erwartet hätte oder ästhetisches Fabulieren – ich zumindest –, findet er Aufzählungen, Fakt reiht sich an Fakt, und wieder eine Aufzählung, und wieder ein neuer Tag 1920 in Mailand mit Mussolini, ein neuer Tag mit dem Faschistenführer Italo Balbo in Ferrara am 22. Dezember 1920, mit DʼAnnunzio sind wir Weihnachten 1920 in Fiume, und ein neuer Tag 1921 mit dem faschistischen Schläger Amerigo Dùmini in Florenz, und 1921 ein Tag in Rom im Abgeordnetenhaus mit dem tapferen und ehrbaren Sozialisten Giacomo Matteotti und und und. Und dann noch 1924 ein schrecklicher Tag in Rom, wo Matteotti, der heimliche Held des Buches, auf grausame Weise ums Leben kommt und von einem faschistischen Rollkommando entführt und erschlagen wird – eine der wenigen packenden Szenen dieses Buches. Die Gewalt der Faschisten zeigt Scurati anschaulich, z.B. die Demütigung der sozialistischen Anführer in den ländlichen Gebieten, indem man ihnen Rizinusöl einflößt und sie dann durchs Dorf treibt:

„Diese Tragikkomik hat einen weiteren Nutzen. Sie hindert das Opfer daran, zum Märtyrer zu werden, denn Scham überdeckt den Schmerz: Man kann keinen Mann verklären, der sich in die Hosen scheißt.“

Man lernt zwar von der Seite der Historie her manche Namen kennen, die man vorher nicht wußte und dringt insofern in die Geschichte Italiens ein, aber nach 50 Seiten hat man diese Namen auch wieder vergessen, sofern man sie nicht vorher schon kannte, weil sie in der Dramaturgie keine Rolle spielen. Bis auf DʼAnnunzio, Giacomo Matteotti und Italo Balbo bleiben die meisten Figuren blass. Und am Ende der 800 Seiten hat man das meiste wieder aus dem Blick verloren, weil es disparat und ohne Motive, die haften bleiben, feilgeboten wurde.

Dort, wo man eine kluge Geschichte, gelungene Arrangements von Figuren gerne läse, begegnen wir spröder Prosa oder in Teilen schiefen Bildern, die literarisch wirken wollen. Es fehlt die Dramaturgie und da viele dieser Fakten im weiteren Kontext keine Bedeutung haben oder in irgendeiner Form in der ästhetischen Konstruktion wieder aufgegriffen werden, langweilt diese Aufzählung. Es werden nicht, wie man das in der Literatur machen kann, Motive entfaltet, sondern wir lesen Beschreibungsexzesse: Mussolinis Hang zu Frauen, seine Konkurrenz zum Dichter Gabriele DʼAnnunzio, sein Machtwille, seine Flugstunden, um mit DʼAnnunzio gleichzuziehen, sein Marsch auf Rom.

Was den großen Erfolg dieses Buches ausmacht, hat sich mir nicht erschlossen. Zumindest nicht literarisch. Immerhin aber ist dieses Buch detailreich und scheint gründlich recherchiert. Wer bis in die Einzelheiten über den Aufstieg des Italo-Faschismus lesen möchte und sich ein Bild über diese Zeit und die einzelnen Personen machen möchte, wer über die Brutalität, mit der die Faschisten vom Anfang bis zu Ende vorgingen, etwas erfahren möchte, bis hin zum schrecklichen Mord an Giacomo Matteotti, und wer auch fürs Heute hin gewarnt sein möchte, wird mit Scuratis Buch gut bedient. Eines zumindest zeigt sein Buch: Demokratie ist keine sichere Burg. Aber um das zu erkennen, hätte ich lieber ein anderes Buch gelesen. Und trotz all der Fakten kommt mir Scuratis Mussolini nicht wirklich nahe. Vielleicht wäre eine wilde Fiktion, die konstruiert und fabuliert, ästhetisch dazu geeigneter gewesen. Scrivi pericolosamente!

Antonio Scurati: M. Der Sohn des Jahrhunderts
Aus dem Italienischen von Verena von Koskull
Klett-Cotta 2019, 830 Seiten, 32,00 €

Turn on, tune in, drop out, stay home: die metaphysischen Lesetips im Grandhotel Abseits

In meiner Nebenstraße hier irgendwo im Südwesten von Berlin, in einem der ruhigen und friedlichen Viertel, auf die Monika Herrmann Gott sei Dank keinen Zugriff hat, ist es die Tage deutlich ruhiger, kaum Verkehr, wenige Menschen. Das ist gut so, genau wie ich es schätze, die Menschen tun das, was sie am schwersten können: Zu Hause bleiben. Was macht man da? Netflix, Serien, Kinder – schauen wir auf die Geburtenraten in neun Monaten. Kann aber auch sein, daß die Leute sich einfach mit Messern die Kehle durchschneiden. Besser ist es da, das Für-sich-sein zu pflegen und um zum An-und-für-sich-Sein zu gelangen, kann man  ein Buch in die Hand nehmen oder die Texte dieses Blogs hier lesen. Ich gebe also für diese sonnigen Tage ein paar Lesetips zum Besten: Bücher zur Sache, Bücher, die man immer mal wieder zur Hand nehmen sollte. (Nein, Camus „Die Pest“ und Boccaccios wunderbares „Decamerone“ oder bei Reclam erschienen und leider vergriffen „Novellino /Das Buch der hundert alten Novellen“ in italienischer und deutscher Sprache empfehle ich nicht, wenngleich allesamt lesenswert. Die ersten beiden Bücher wurden in diesen Tagen immer einmal wieder genannt. Das letztere sei dazu gegeben.)

Mein metaphysischer Lesetip des Hausherrn vom Grandhotel Abseits für diese Tage ist Martin Heideggers Buch „Die Grundbegriffe der Metaphysik“, und daraus insbesondere die Kapitel zur Langeweile, und zwar aus dem ersten Teil, das zweite, dritte und vierte und fünfte Kapitel, sowie das erste Kapitel des dritten Teils, die da tragen folgende Titel: „Die erste Form der Langeweile: das Gelangweiltwerden von etwas“,

„Die zweite Form der Langeweile: das Sichlangweilen bei etwas und der ihr zugehörige Zeitvertreib“,

„Die dritte Form der Langeweile: die tiefe Langeweile als das ‚es ist einem langweilig‘“, „Die Frage nach einer bestimmten tiefen Langeweile als der Grundstimmung unseres heutigen Daseins“

und schließlich der Höhepunkt des dritten Teils: „Das wirkliche Fragen der aus der Grundstimmung der tiefen Langeweile zu entwickelnden metaphysischen Fragen. Die Frage: Was ist Welt?“

Zeit und Dasein dazu dürfte bei vielen vorhanden sein, vielleicht ja auch die Gestimmtheit. Diese Gedanken zur Langeweile sind insofern interessant, weil Heidegger hier von einer (alltäglichen, lebensweltlich gut präsenten) Erfahrung ausgeht, die jeder Mensch in seiner Weise kennt und bereits einmal gemacht hat: Wenn einem die Zeit lang wird. Und diese Langeweile empfinden viele als eine Sache, die zu betäuben ist – Netflix, Serien, Kinder machen – statt sich ihr einmal ästhetisch auszusetzen und zu schauen: Was passiert? Was geschieht?

Heidegger, Martin: Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt – Endlichkeit – Einsamkeit hrsg. von Friedrich-Wilhelm von Herrmann,
Heidegger Gesamtausgabe Band 29/30
Klostermann Verlag, 3. Auflage 2004; XX, 544 Seiten.
Ln 59,00 €, ISBN 978-3-465-03311-0