Von der neuen Unsichtbarkeit über Guillaume Paoli zum NetzDG – der kulturalistischen „Linken“ ins Stammbuch geschrieben

Ein instruktives wie auch gutes Interview gibt es im „Freitag“ dieser Woche, und zwar mit dem Philosophen Guillaume Paoli. Es trägt den Titel „Die Armen sind Gegner“. Zu Beginn des Marx-Jahres bereits vom Titel her ein guter Auftakt.

Wer sind jene Unsichtbaren und aus wessen Perspektive wird da jeweils gedacht? Das ist ja der eigentliche Clou dieser ganzen Geschichte von den Marginalisierten: Sie dienen einer kulturalistischen Linken, genauer gesagt einer neoliberalen Elite, die sich selbst als progressiv wahrnimmt, als Projektionsfläche oder als Deckmäntelchen oder sie werden, weil politisch nicht genehm, dem rechten Rand zugeschlagen. In deren Namen verrichtet man in die eine, wie in die andere Richtung sein politisches Geschäft. Manche dieser scheinbar Marginalisierten sind inzwischen als Schwule, als Farbige, als sogenannte LGBT bereits selbst in prominente Position gerutscht und alles andere als marginalisiert. Sie sind mit Medienmacht, mit Sprache und all dem Rüstzeug, um kulturell sich zu positionieren, bestens ausgestattet, verkaufen aber ihre Privilegien im Jammerton als Repression der Gesellschaft. Diese Leute arbeiten in Medien, in Agenturen, haben Buchverträge mit arrivierten Verlagen wie Bertelsmann, sie wohnen in Vierteln, aus denen die alten Bewohner längst verdrängt wurden. (Auf diese Widersprüche wies in den 60er Jahren bereits Pier Paolo Pasolini hin, wenn er schrieb, daß die wahren Underdogs nicht die damals protestierenden Studenten aus dem bürgerlichen Milieu waren, sondern die Arbeiter bei der Polizei, denen diese Jugend gegenüberstand.)

Solche Verdrängung der Alteingesessenen aus Wohnvierteln ist in Kreuzberg, Kreuzkölln nicht anders als im Schanzen- und Karoviertel in Hamburg der Fall. Der Protest dieses Milieus neoliberaler Linker gegen Gentrifizierung hat etwas seltsam Bigottes, wie auch ansonsten ihre politische Haltung. Vorgebliche Toleranz dient als kulturelle Währung, als kulturelles Kapital. Die sogenannte Diversity ist in Wahrheit das alte Identitäre, der Einheitsbrei, nur in einem neuen, einem vorgeblich linken Gewand. Oder wie es Adorno in bezug auf die Ideologie des „Melting pots“ in den Minima Moralia unter dem Titel Melange schrieb:

„Das geläufige Argument der Toleranz, alle Menschen, alle Rassen seien gleich, ist ein Bumerang. Es setzt sich der bequemen Widerlegung durch die Sinne aus, und noch die zwingendsten anthropologischen Beweise dafür, daß die Juden keine Rasse seien, werden im Falle des Pogroms kaum etwas daran ändern, daß die Totalitären ganz gut wissen, wen sie umbringen wollen und wen nicht. Wollte man demgegenüber die Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt, als Ideal fordern, anstatt sie als Tatsache zu unterstellen, so würde das wenig helfen. Die abstrakte Utopie wäre allzu leicht mit den abgefeimtesten Tendenzen der Gesellschaft vereinbar. Daß alle Menschen einander glichen, ist es gerade, was dieser so paßte. Sie betrachtet die tatsächlichen oder eingebildeten Differenzen als Schandmale, die bezeugen, daß man es noch nicht weit genug gebracht hat; daß irgend etwas von der Maschinerie freigelassen, nicht ganz durch die Totalität bestimmt ist. Die Technik der Konzentrationslager läuft darauf hinaus, die Gefangenen wie ihre Wächter zu machen, die Ermordeten zu Mördern. Der Rassenunterschied wird zum absoluten erhoben, damit man ihn absolut abschaffen kann, wäre es selbst, indem nichts Verschiedenes mehr überlebt. Eine emanzipierte Gesellschaft jedoch wäre kein Einheitsstaat, sondern die Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen. Politik, der es darum im Ernst noch ginge, sollte deswegen die abstrakte Gleichheit der Menschen nicht einmal als Idee propagieren. Sie sollte statt dessen auf die schlechte Gleichheit heute, die Identität der Film- mit den Waffeninteressenten deuten, den besseren Zustand aber denken als den, in dem man ohne Angst verschieden sein kann. Attestiert man dem Neger, er sei genau wie der Weiße, während er es doch nicht ist, so tut man ihm insgeheim schon wieder Unrecht an. Man demütigt ihn freundschaftlich durch einen Maßstab, hinter dem er unter dem Druck der Systeme notwendig zurückbleiben muß, und dem zu genügen überdies ein fragwürdiges Verdienst wäre. Die Fürsprecher der unitarischen Toleranz sind denn auch stets geneigt, intolerant gegen jede Gruppe sich zu kehren, die sich nicht anpaßt: mit der sturen Begeisterung für die Neger verträgt sich die Entrüstung über jüdische Unmanieren. Der melting pot war eine Einrichtung des losgelassenen Industriekapitalismus. Der Gedanke, in ihn hineinzugeraten, beschwört den Martertod, nicht die Demokratie.“ (Th. W. Adorno)

Diesen Aphorismus kann man in alle möglichen Richtungen hin abwandeln. Das Negative bleibt negativ bis es verging. Solange dies so ist, bleiben Dissens und Widerstreit.

Diese gesellschaftlichen Widersprüche zwischen denen da unten, jenen Unsichtbaren, und den kulturell Arrivierten, die zunehmend auch in der Kunst verschleiert und zugedeckt werden, spricht Guillaume Paoli in dem Interview an. Eine Kunst der gesunden Mittelschichtkinder, mit gesunden Mittelschichtproblemen. Flüchtlinge sind ihre Objekte, aber keine Akteure wie es eigentlich sein sollte: Jenen eine Stimme zu geben, indem man sie sprechen läßt, statt über sie zu sprechen. Eine um sich selbst kreisende Kunst, die kaum noch weh tut, deren innovative oder avantgardistische Potentiale sich längst abgenutzt haben zugunsten einer fetten Rendite, als kulturelles Kapital, wie Bourdieu es formulierte, oder aber als moraliner Mehrwert. Gesellschaftliche Widersprüche geraten kaum noch auf die Bühne oder aufs Papier und wenn, dann so seicht, daß es nichtssagend wirkt. (Ich befürchte sehr, daß Juli Zehs neuer Roman sehr gut gemeint, aber in der Ästhetik eher simpel gestrickt ist.)

Überhaupt: das, was wir benötigen, ist eine Kultur, eine Kunst des Konflikts, des Disputes, der Verschiedenheiten, des Widerstreits. Die Meinung des Gegenübers nicht gleich als Hatespeech zu verbieten oder als Nazisprech zu denunzieren, sogar dort, wo es sich um eine dezidiert kritische Ansicht handelt, wie etwa bei Sloterdijk oder Safranski, sondern zunächst einmal zu begreifen, was eigentlich gemeint ist, um dann gegebenenfalls mit Argumenten zu reagieren.

Und manchmal ist es sogar so, daß man eine andere Meinung eben ertragen muß. Meinungsfreiheit bedeutet nicht, nur das eigene Theorem gelten zu lassen. Meinungsfreiheit gilt uneingeschränkt, unbedingt und überall, auch für solche Ansichten, die nicht mit der eigenen Gesinnung kompatibel sind, selbst wenn sich Menschen beleidigt fühlen. Ansonsten regeln näheres die Strafgesetze, die bei bestimmten Äußerungen, wie etwa der Schmähkritik oder unwahren Behauptungen eine Grenze setzen. Gefühlter Rassismus ist eine private Sache, jeder kann annehmen, was er mag, aber das rechtfertigt kein Verbot. Und in diesem Sinne ist auch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz verhängnisvoll. Wer heute über die Sperrung der Beatrix Storch jubelt, sollte bedenken, daß er morgen der nächste sein könnte – Stichwort Indymedia. Und wer allzuforsch auf Facebook über die G20-Riots schreibt, riskiert eben eine im vorauseilenden Gehorsam ausgeübte Sperrung. So geht das nämlich, wenn man am Eingang zur Hölle rüttelt. Zensur ist keine Einbahnstraße.

Nun aber zu Auszügen aus dem instruktiven Interview, erschienen im Freitag der Ausgabe 1/2018.

Frage: Schuld am Elend ist also der Relativismus der Poststrukturalisten!

Guillaume Paoli: Mitschuld, würde ich sagen. Mit dieser Haltung schaut alles wahnsinnig tolerant aus, wer aber diese Pose nicht annimmt, wird als Ewiggestriger gebrandmarkt. Übrigens spielen die aktuellen Rechten dieses Spiel gekonnt mit, wenn sie sagen, sie seien keine Nazis. Sie berufen sich eben auf ihre Identität, nicht umsonst heißt eine Bewegung „Die Identitären“. Das ist in den Zeiten von identity politics konsequent modern.

Das bringt uns zu Themen wie Trump und Brexit. Haben einfach die Ewiggestrigen gewonnen?

Nein, ich denke, die eigentliche Sensation bestand darin, dass plötzlich Menschen sichtbar wurden, die bis dato unsichtbar waren.

Wie wurden sie unsichtbar?

Nehmen wir Seattle. Das ist eine wunderbare Stadt, alle fahren Fahrrad, es gibt nur noch Bioläden, Hühner laufen durch die Stadt. In Seattle sitzen Microsoft, Amazon und Starbucks, die Bewohner im Zentrum sind gut bezahlte Mitarbeiter der genannten Firmen. Die alte Bevölkerung, die noch vor 15 Jahren in Seattle wohnte, wohnt jetzt außerhalb. Die können nicht mit dem Fahrrad zur Arbeit. Die müssen weit anreisen, um den hippen Bewohnern die Sandwiches zu machen, im Stadtleben aber sind sie vollkommen unsichtbar. Seattle hat übrigens mit 87 Prozent Clinton gewählt, darauf ist man dann stolz.

Was ist denn an 87 Prozent Clinton so schlecht?

Zumindest ist es bedenklich. Denn diese Leute, die so vorbildlich leben und Clinton wählen, sie rümpfen verächtlich die Nase über die anderen. Sie merken nicht, dass sie damit eine Klassenverachtung wie im schlimmsten 19. Jahrhundert reproduzieren. Damals schimpfte die Bourgeoisie über die stinkenden Arbeiter, jetzt aber – und das ist das Perfide – mit einem guten Gewissen.

Jetzt reden wir endlich über Klassenkampf. Also auch über Marx?

Jaja, aber es gibt da eine Pointe: Im Kommunistischen Manifest lobt Marx die Bourgeoisie dafür, dass sie starre Institutionen wie Nation, Tradition oder das Patriarchat hinwegfegen würde, um den Kapitalismus vollends zu entfesseln. Wenn sich moderne Linke heute für ihren Kampf gegen konservative Traditionen rühmen, vervollständigen sie im Grunde das Projekt der Bourgeoisie von 1848. Ich meine, kann man machen, aber ich frage mich doch, wo bleibt da der Antikapitalismus? (Lacht.)

Sagen Sie’s uns!

Das weiß ich nicht. Aber dieser Logik zufolge sind die Gegner der Emanzipation plötzlich nicht mehr die Reichen wie früher, sondern die Armen und die Arbeiter. Sie wählen Trump, kaufen nicht im Bioladen und sind wahrscheinlich sexistisch.

Warum fällt es Schriftstellern, Journalisten und Künstlern so schwer, die Unsichtbaren sichtbar zu machen?

Die große Frage. Wo ist heute jemand wie John Steinbeck, der in den 30er Jahren das Elend in der Gesellschaft beschrieben hat, wo sind die Hollywood-Filme, die beispielsweise das Drogenelend der weißen Unter- und Mittelschicht in Amerika zeigen oder die Ausbeutung von Leihmüttern durch wohlhabende Frauen, die sich ihre Körper nicht mit einer Schwangerschaft ruinieren wollen? Es gäbe so viele unerzählte Geschichten aus der Wirklichkeit.

(…)

Sie sagen außerdem, wir leben in einer Zeit der andauernden Gegenwart. Was meinen Sie damit?

Da ist die Volksbühne wieder ein gutes Beispiel. Es hieß immer, ein Vierteljahrhundert Castorf reiche jetzt, denn nun komme das Zeitgenössische! Ganz so, als hätte das Zeitgenössische an sich einen Wert. Das Erstaunliche ist, niemals zuvor wurde so viel über Kreativität gesprochen, doch das einzig Neue sind Updates. Ich frage mich, ob bei diesem ständigen Drang nach Innovation und Selbstoptimierung überhaupt noch etwas Neues möglich ist.

Ist das die dialektische Pointe im späten Kapitalismus?

Was ich als Mutation beschrieben habe, das ist eine Form der Gesellschaft, in der es keine Gegenkräfte mehr gibt: Arbeiterklasse, Sozialismus, Gewerkschaften, alle unsichtbar oder irrelevant. Die Pointe aber ist, dass die größte Gefahr für den Kapitalismus der Kapitalismus selbst ist, seine Selbstzerstörungskraft. Das merken wir jetzt anhand der ökologischen Katastrophen, und es sind – wie damals die Arbeiter mit den Gewerkschaften – heute im Grunde die Kapitalismusgegner, die versuchen, den Kapitalismus zu retten.“

Marxens „Kapital“

Vor 150 Jahren, genauer gesagt am 14. September 1867 erschien eines der zentralen philosophischen wie auch ökonomischen Werke des 19. Jahrhunderts. Die Bedeutung wie auch der inspirierende Einfluß dieses Buches auf Kritische Theorie der Gesellschaft hält bis heute an und ist zu recht ungebrochen. Nicht nur finden wir eine Analyse der Gesellschaft, sondern gleichzeitig auch deren Kritik. Dialektisches Verfahren heißt, daß sich Analyse und Kritik in der Methode und in der Durchführung wechselseitig durchdringen.

Was hat Marx mit heute zu tun? Eine im Grunde polemische Frage und aus dem Baukasten der konventionellen und leider auch vorhersehbaren Marx-Kritik. Christoph Henning – lesens wert auch sein Buch „Philosophie nach Marx“ – betont die Aktualität von Marx und schreibt in seinem lesenswerten Essay in der NZZ:

„Im ‚Kapital‘ dagegen wird der Kapitalismus als Wirtschaftssystem verstanden, zu dessen normalem Funktionieren Wirtschaftskrisen gehören. Krisen sind für viele Menschen grausam, für den Kapitalismus aber nicht ungewöhnlich. Ihre Analyse war für Marx wichtig, weil Krisenzeiten Gelegenheit zum politischen Umsteuern bieten. Darauf hoffte die Arbeiterbewegung – und mit ihr die Frauen- und Umweltbewegung sowie die weltweite Dekolonisierung, die lange mit dem Marxismus liiert waren.
(…)
Marx wäre daher von den heutigen Krisenerscheinungen kaum überrascht gewesen – weder vom Phänomen der Working Poor, von der Zunahme an Depressionen durch Überarbeitung, der Erosion des Zusammenlebens und des Klimas noch von den verheerenden Wirtschaftskrisen. Eine traurige Aktualität eines Klassikers also. Schöner wäre es, dieses Buch wäre veraltet.“

Marx‘ „Kapital“ brachte das, was in unserer Gesellschaft geschieht und was sie in ihrem Wesen zusammenhält, in einer komplexen ökonomischen Analyse auf den Begriff. Nicht immer leicht zu lesen. Aber das eben ist kein Kriterium. Was damals einfachen Arbeitern in Lesekreisen möglich war, sollte auch heute noch Studenten möglich sein. Obwohl, wenn man an manche Exemplare denkt, hege ich meine Zweifel. Man muß dazu nicht in den Osten Berlins fahren, um mangelnde Lesekompetenz zu erleben.

Man kann es in bezug auf den praktisch-pragmatischen Gehalt dieses Buches gar nicht oft genug herausstreichen: „Das Kapital“ ist keine Handlungstheorie, nicht als Handlungsanweisung zu lesen, wie nach einem Regelkatalog Revolution zu fabrizieren sei, vielmehr analysiert „Das Kapital“ zunächst, was eine Gesellschaft in ihrem Wesen strukturiert.

„…, und alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen …“

So zitiert Arno Widmann in seinem Aufsatz „Das Drama beschreiben und verstehen“ in der „Berliner Zeitung“ einen Satz Marx‘ aus dem dritten Band im „Kapital“, postum erst erschienen, wie auch der zweite Band, herausgegeben von seinem Freund Friedrich Engels. Da aber Wesen und Erscheinung nicht in eins gehen und die unio mystica als Akt unverstellter Erkenntnis (bzw. im Schellingschen Sinne als intellektuelle Anschauung) lediglich den Imaginationen im Rausch der Drogen oder auch in dem der Poesie vorbehalten ist (und vielleicht in der Liebe ihren zentralen Ort hat), bleibt dem endlichen Wesen Mensch die Analyse übrig. Sie ist Aufgabe der Philosophie und im speziellen der Kritik der politischen Ökonomie. Ebenso wie der ästhetischen Theorie. Dafür reicht die Empirie alleine nicht aus. Engels Standardwerk teilnehmender soziologischer Beobachtung „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ ist eine gelungene Beschreibung der Lebensrealität von Arbeitern. Erschreckendes und Drastisches tritt da zutage, so wie man es heute vermutlich aus den Flüchtlingslagern dieser Welt berichten könnte. Das eine aber ist die Registrierung dessen, was der Fall ist und das andere, diese Fakten zu deuten. Marx hätte durch die reine Beobachtung von Fabriken nicht auf den Begriff bringen können, wie Kapitalismus funktioniert, was Wert ist, wie er entsteht und wie Kapital sich bildet und vermehrt. Wesen und Erscheinung decken sich nicht. Oder genauer geschrieben: aus den Erscheinungen muß das Wesen erst herausgelesen werden. „Kapitalismus verstehen heißt Karl Marx studieren“, wie die „Nachdenkenseiten“ ganz richtig titelten.

Kritische Theorie der Gesellschaft also und besser allemal, als in der Manier eines verklemmten deutschen Kleinbürgers Gedichte nach verstecktem Sexismus abzuklopfen, um symbolisch zu agieren, wo realiter kaum noch Chancen sind, überhaupt wahrgenommen zu werden. Also nicht die Partikularinteressen einer sexuell deformierten Studentenschaft, die in Prüderie ein neues 19. Jahrhundert uns auferstehen lassen will, mithin das Gegenteil marxschen emanzipierten Denkens. Sondern eine Kritik mit Lust und vor allem mit Kraft. Schiller brachte das Wesen solcher intellektuellen Finsterling gut zur ästhetischen Erscheinung: das, was heute bei einer bestimmten kulturalistischen Linken ausgeprägt ist – Greinen und Jammern:

„Der lohe Lichtfunke Prometheus‘ ist ausgebrannt, dafür nimmt man jetzt die Flamme von Bärlappenmehl – Theaterfeuer, das keine Pfeife Tabak anzündet. Da krabbeln sie nun, wie die Ratten auf der Keule des Herkules und studieren sich das Mark aus dem Schädel was das für ein Ding sey, das er in seinem Hoden geführt hat?. Ein französischer Abbé doziert, Alexander sei ein Hasenfuß gewesen; ein schwindsüchtiger Professor hält sich bei jedem Wort ein Fläschchen Salmiakgeist vor die Nase, und liest ein Kollegium über die Kraft. Kerls, die in Ohnmacht fallen, wenn sie einen Buben gemacht haben, kritteln über die Taktik des Hannibals – feuchtohrige Buben fischen Phrases aus der Schlacht bei Cannä, und greinen über die Siege des Scipio, weil sie sie exponieren müssen …“ (Friedrich Schiller, Die Räuber, 1. Akt, 2. Szene)

Wie eine immanente Kritik aussieht, kann man sich – rein formal gesehen – sowohl von Hegel als auch von Marx abschauen. Und wie man einen literarischen Text immanent sowohl dekonstruiert, als auch seine dialektische Struktur entfaltet, zeigen Adornos Essays etwa zu Kafka, Beckett, Goethes Iphigenie oder zu Hölderlin in „Parataxis“. Lehrstücke in dialektisch-materialer Literaturkritik.

Nicht anders Marx im Blick auf die Gesellschaft. Noch ganz abstrakt formulierte es Marx 1840 in seiner Dissertation, wie solche Analyse der Gesellschaft vorgeht.

„Es ist die Kritik, die die einzelne Existenz am Wesen, die besondere Wirklichkeit an der Idee misst.“

Der Begriff der bürgerlichen Freiheit ist an dem zu bemessen, was er konkret unter sich befaßt und was er im gesellschaftlichen Leben konkret einlöst. Die Arbeit der Kritik ist es, diese Widersprüche an den realen Ausprägungen des Lebens zu benennen. Hegel führte dieses Verfahren methodisch in seiner „Rechtsphilosophie“ vor.

Hier geht es in der Theorie aufs Ganze, und man könnte meinen, Marx schriebe diese folgende Passage ex ante bereits als eine gallige Kritik der kulturalistischen Linken:

„Der Kritiker bildet sich … ein, daß seine moralische Forderung an die Menschen, ihr Bewusstsein zu verändern, dies veränderte Bewußtsein zustande bringen werde, und er sieht in den durch veränderte empirische Verhältnisse veränderte Menschen, die nun auch natürlich ein anderes Bewußtsein haben, nichts Anderes, als ein verändertes Bewußtsein. … Diese ganze Trennung des Bewußtseins von den ihm zugrunde liegenden Individuen und ihren wirklichen Verhältnissen … ist nur eine alte Philosophenmarotte.“ (Marx, Deutsche Ideologie)

Es ist die Klassenlage, die den Blick von Marx antreibt. Aber es gab im frühen 19. Jahrhundert sehr wohl eine Zeit, als diese Klasse des Proletariats dissoziiert und divers war. Es bedurfte einiger Arbeit eine solidarische Gemeinschaft zu schaffen. Edward P. Thompsen weist darauf in seinem Standardwerk „Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse“ hin, indem er auch auf die vorrevolutionären Zustände weist:

„Ich versuche, den armen Strumpfwickler, den ludditischen Tuscherer, den ‚obsoleten‘ Handweber, den ‚utopistischen‘ Handwerker, sogar den verblendeten Anhänger von Joanna Southcott vor der ungeheuren Arroganz der Nachwelt zu retten. Ihre Berufe und Traditionen waren möglicherweise im Absterben, ihre Feindschaft gegen den neuen Industrialismus war vielleicht rückwärtsgerichtet, ihre kommunitären Ideale waren unter Umständen Phantasiegebilde und ihre rebellischen Verschwörungen tollkühn. Aber sie waren es, die diese Zeit akuter sozialer Unruhen erlebten, und nicht wir. Ihre Bestrebungen waren im Rahmen ihrer eigenen Erfahrungen berechtigt. Wenn sie auch die Gefallenen der Geschichte sind, so überdauern sie doch, verurteilt in ihrem eigenen Leben, als Gefallene.“

Diesen Aspekten geht Patrick Eiden-Offe in seiner im Juni erschienenen Studie „Die Poesie der Klasse. Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats“ nach, und zwar im Hinblick auf die Literatur- und Sozialgeschichte, also anhand von literarischen Texten, in denen sich solche Tendenzen zeigen. In gewissem Sinne also Überbauphänomene zu analysieren.

Arbeiter, Handwerker, Wandergesellen, Vagabunden und Tagelöhner wirkten in jenen Jahren des frühen 19. Jahrhunderts noch unorganisiert in der Welt – eine Zeit, die heute längst Vergangenheit ist. Auch dies ist ein Blick auf die Formen von Pauperismus, die dann ebenso Marx analysierte und weitertrieb. Andererseits ist der Grad an Organisation solcher Arbeiter im Vergleich zum ausgehenden 19. Jahrhundert heute erheblich geschwunden.

Was diese Separation sowie die Entsolidarisierung betrifft, befinden wir uns auf einem Stand, der weit hinter das späte 19. Jahrhundert zurückfällt. Was uns manche Soziologen als die Mobilität der Klassen andrehen, verdeckt einen Grundwiderspruch: Daß all diese so mobilen Menschen arbeiten müssen. Auflösung von Klassenidentität: Auch eine Frage, die zu klären ist und mit dem Verfall linker Politik ins Spartenressort zu tun hat. Ebenso campuflieren Begriffe wie Freizeit- oder der Risikogesellschaft die realen Verhältnisse. Sie zielen lediglich auf einen Aspekt ab. Immer noch beruht diese Gesellschaft wesentlich auf Arbeit. Didier Eribon schrieb darüber unter anderem in seiner Autobiographie „Rückkehr nach Reims“. Die Entkoppelung von Arbeiterklasse und linken Parteien sowie einer am Kulturbetrieb ausgerichteten Linke, der es wesentlich um Partialinteressen geht, die zu ihrem eigenen Vorteil gereichen. Der Kulturjournalist Ulrich Greiner brachte solche Widersprüche in seinem Buch „Heimatlos“ gut auf den Begriff:

„Und die Bewohner der zumeist gut ausgestatteten Wohnungen am Prenzlauer Berg oder Eppendorfer Baum müssen in der Regel die industrielle Reservearmee, die mit der Flüchtlingswelle ins Land kam, nicht fürchten.“

Das mag zwar aus einem konservativen Impuls formuliert sein, trifft aber einiges auf den Punkt, was man mit einem neuen Klassenantagonismus bezeichnen kann. Aporien allerorten. Auf diese gehen etwa so unterschiedliche Bücher wie Thomas Seiberts „Ökologie der Existenz“, aber auch Nick Srnicek und Alex Williams in „Die Zukunft erfinden. Ohne Arbeit“ ein. Srnicek etwa ist an den Akzeleratorischen Manifesten mitbeteiligt, und man kann sich fragen, wieweit darin lediglich eine Transformation neoliberalen Denkens stattfindet. Auch innerhalb der unterschiedlichen linken Theorieansätze gibt es Debatten und Grabenkämpfe, bis heute, und dies war auch zu Marxens Zeit nicht anders.

Daß der Widerspruch Motor des Denkens ist und es antreibt, ist eine Einsicht, die aus den Uranfängen der griechischen Philosophie stammt: Von den Vorsokratikern über Platon bis hin zu Hegels „Wissenschaft der Logik“ reicht diese Einsicht. Marx insbesondere insistierte auf der praktischen Bedeutung des Widerspruchs. Verhältnisse zu ändern, daß der Mensch als Gattungswesen es ist, der Gesellschaft machen kann. In diesem Sinne ist Marx‘ Theorie im besten Sinne und in der Tradition der Aufklärung.

Wesen und Erscheinung decken sich nicht – dies formulierte Giesela Wysocki in ihrem Roman „Wiesengrund“, und zwar im Hinblick auf Siegfried Kracauers soziologische Analyse „Die Angestellten“. Und darin weist sie auf einen Grundwiderspruch insbesondere im voll entfalteten Kapitalismus:

„In aller Ruhe kann ich darüber nachdenken, warum Fräulein Struff, die als Stenotypistin arbeitet und jeden Morgen schlechtgelaunt in ihre Firma aufbricht, kein gutes Wort für Kracauer finden würde. Sie hat Freundinnen und Liebhaber, sie geht ins Kino. Sie fühlt sich nicht deklassiert.“

Banal fast, aber daran krankt in den westlichen Ländern jegliche Revolutionstheorie. Auch die noch so schönen Multitude-Konzepte können das nicht fassen. Umgreifende Ereignisse, die als revolutionär zu setzen wären, gibt es in den hochentwickelten kapitalistischen Ländern nicht. Allenfalls eruptive Riots in Paris, London oder Straßburg, wo die Abgehängten sich die Waren aus den Schaufenstern nehmen, die ihnen die Werbung pausenlos verspricht. Angewandter Kapitalismus könnte man zynisch sagen, eine Anwendung zudem, der die Wirksamkeit wie auch die Ubiquität des Warensystems um so drastischer veranschaulicht.

Diese Arbeit zu leisten, Widersprüche in der Gesellschaft aufzuzeigen, ist die Arbeit Kritischer Theorie. Adornos Nichtidentisches als Form der Verweigerung ist ein solches Modell fürs Denken. Nicht jedoch, Gedichte oder winzigste Lebensregungen, Äußerungen oder von Weißen getragener Rastalook in neoevangelikalem Furor zu denunzieren. Nächstens zerschlagen diese Leute unter lautem Trara Porzellantassen, denn das  Porzellan stammt bekanntlich aus China und bedeute eine Form von cultural appropriation. Man fragt sich freilich, ob bei solchen Leuten nicht eher die Schranktassendiebe zu Hause waren als daß es sich hierbei um wirksames politisches Engagement handelt. Eher um Counter-Theorie, die die Linke ruhigstellt. Der Blogger che übrigens startet mit einer Serie und zeigt wo die Irrtümer jener Leute liegen, die sich fälschlicherweise auf Butler und Foucault berufen.

Der Blick Kritischer Theorie geht aufs Ganze. Er entzündet sich zwar an Details, aber er moralisiert dies nicht im Gestus evangelikaler Bigotterie. Auch diese Form von Kritik am Individuellen kann die kulturalistische Linke verschiedenster Couleur von Marx lernen. Man muß dabei nicht jede einzelne Fabrik aufsuchen, sondern erst im Denken entsteht solche Kritik an Gesellschaft. Dieses freilich setzt bereits eine Form von Befreiung voraus, um sich ins Ungeschützte zu wagen.

(Ansonsten: Einen detaillierteren Essay zu Marx brachte ich bereits im Mai dieses Jahres.)

Post Marx? Postromantischer Belastungsstreß? 150 Jahre „Das Kapital“

„Der Mensch ist im wörtlichsten Sinn ein zoon politikon nicht nur ein geselliges Tier, sondern ein Tier, das nur in der Gesellschaft sich vereinzeln kann. Die Produktion des vereinzelten Einzelnen außerhalb der Gesellschaft – eine Rarität, die einem durch Zufall in die Wildnis verschlagnen Zivilisierten wohl vorkommen kann, der in sich dynamisch schon die Gesellschaftskräfte besitzt – ist ein ebensolches Unding als Sprachentwicklung ohne zusammen lebende und zusammen sprechende Individuen.“
(Karl Marx: Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie)

„Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eignen Botmäßigkeit.“
(Karl Marx, Das Kapital I)

„Der Revolte garstiger Feuerstank!“
(Bersarin, Dankesrede zur Verleihung der Joseph de Maistre-Medaille)

Was fangen wir mit Marx an? So schalt es, freilich verhalten, im Gewimmel des bürgerlichen Feuilletons und in den öffentlichen Diskursen. 150 Jahre Kapital – im Sommer 1867 erschien der erste Band. Und im nächsten Jahr werden wir Marx‘ 200. Geburtstag begehen. Ob es dazu ebensolchen Rummel gibt wie zu Luthers Thesen, wird man sehen. Gewiß wird mancher, wie schon bei Luther, den vorgeblichen Antisemitismus von Marx hervorkramen. Dumm freilich – insbesondere von Hannah Arendt, aber, so steht zu vermuten, eher ihrem boshaften Beißreflex gegen die Frankfurter Schule geschuldet, als der Sache. [Davon ab, daß diese Kritik insbesondere bei Luther kein völkischer Antisemitismus im modernen Sinne ist, sondern sich aus dem religiösen Antijudaismus speist.]

Wie sich Marx nähern? Am besten sinnlich und konkret vom Text her. Das heißt, die beiden Zitate laut zu lesen. Den Klang der Wörter, den Rhythmus des Satzes beim Vorlesen wirken lassen. Marx schrieb nicht die Revolution, sondern er war Analytiker der Gesellschaft und in seiner Analyse der kapitalistischen wie bürgerlichen Gesellschaft zugleich ein Stilist. Er legte beim Schreiben Wert auf Sorgfalt. Selbst einer wie der Springer-Journalist und der spätere Leiter der Henri Nannen-Schule, Wolf Schneider, der wie sein Namensgeber mehr von einem Wehrmachtssoldaten mit Störkraftfeuer als von einem feinsinnigen Schreiberchen hatte, konzedierte Marx einen hervorragenden Stil. Klar, präzise, deutlich, wie Scheider es sich wünschte, wenn einer schrieb.

Und Marx war stilistisch ein Vorläufer von Karl Kraus, nicht nur, weil er die Sprache zum Tanzen brachte, sie mit Schwung auf die Sache kaprizierte und ihr so zum Ausdruck verhalf, sondern vor allem, was den bösen Ton betraf. Marx‘ Polemiken sind Legion, sie sind scharf, sie treffen den Gegner genau. Ins Gesicht. Gesellschaftskritik läuft (auch) über die Sprache. Marx wußte das, Kraus wußte es und ebenso Adorno und Benjamin, die Kraus‘ „Methode“ schätzten.

Was also tun mit Marx: Ihn nachbeten, ihn rekonstruieren, wie Habermas es in „Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus“ forderte? Geschichte ist Rekonstruktion, Theorie ist dies auch – sicherlich, – und ebenso lassen sich die ökonomischen Prozesse der Vergangenheit wie auch der Gegenwart beschreiben. Marx hat sie in seinem Kapital analysiert. Er lieferte jedoch keine Volkswirtschaftslehre für Linksradikale, wie manche fälschlich annahmen, sondern er spielte der Gesellschaft ihre eigene Melodie vor. Marx schrieb, was ist. Marx „Kapital“ ist im besten Sinne eine kritische Theorie der Gesellschaft, weil er sie bei ihren eigenen Begrifflichkeiten nahm.

Historischer Materialismus ist dabei, wie auch der Begriff der Dialektik, ein Schlagwort. Wie aber füllt man sie mit Inhalt? Auch in diesem Sinne ist der Begriff der Rekonstruktion zu verstehen. Linien bei Marx nachzeichnen. Ob dafür Habermas tatsächlich der richtige Gewährsmann ist, daran wird mancher Kritische Theoretiker zu Recht seine Zweifel hegen. Rekonstruktion von Marx im Sinne Habermas? Er schreibt dazu in der Einleitung seines Buches, 1976 erschienen, die Träume der 60er Jahren waren zu dieser bleiernen Zeit schon lange keine linken Nachwehen mehr, sozusagen postromantischer Belastungsstreß (den es sicherlich auch gab im Vorrausch wie in den Nachwehen und dem Abklang der 60er), sondern nach der großen Misere von 1968 bereite sich die Leere aus, die Theorie der Dogmatiker mit den Ismen gelangte in die objektlose Innerlichkeit marxistischer Exegese-Orthodoxie der unterschiedlichen K-Gruppen. Marx als Säulenheiliger.

Aber nicht im Text selbst mehr bewegte man sich, diese Immanenz, das, was da buchstäblich stand, tatsächlich zu verstehen, war selten, trotz der Lektürekreise, die in Hochintensität lasen, sondern es steckten die K-Kombattanten – statt im Analysemodus der Theorie zu fahren – in den Revolutionspostulaten, postromantisch ein Revolutionssubjekt imaginierend – sie glaubten die IG-Metall wäre links und auf ihrer Seite. Aber was sie projizierten, das waren in Wahrheit Arbeiter in der BRD, die lange schon keine Arbeiter mehr sein wollten und sich schon gar nichts von jungen Männern mit Bärten sagen lassen mochten, die von der Universität kamen und klug daherredeten. Marx-Exegeten, die vor lauter Tauschwert nicht mehr die Schönheit des Gebrauchswertes sahen. Im Grunde völlig contre Marx, diesen unproduktiv mißverstehend. Und so sahen die Menschen in den Lesekreisen noch bis in meine Studienzeit aus: Unansehnlich. Gleichförmig. Aber wie wir wissen, sind Statuen und Säulen tot, leblos unlebendig, manchmal erschlagen sie ihre Anbeter, kraft ihrer Größe. Es ist das Gegenteil von kritischer Philosophie Idolatrie zu betreiben.

Habermas schreibt in der Einleitung von „Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus“:

Renaissance würde die Erneuerung einer Tradition bedeuten, die inzwischen verschüttet worden ist: das hat der Marxismus nicht nötig. Rekonstruktion bedeutet in unserem Zusammenhang, daß man eine Theorie auseinandernimmt und in neuer Form wieder zusammensetzt, um das Ziel, das sie sich gesetzt hat, besser zu erreichen: das ist der normale (ich meine auch für Marxisten normale) Umgang mit Theorie, die in mancher Hinsicht der Revision bedarf, deren Anregungspotential aber noch (immer) nicht ausgeschöpft ist.“

Ob das so funktioniert, steht auf einem anderen Blatt. Ich denke, daß Kritische Theorie heute lediglich deskriptiv sein kann, mit Foucault sozusagen ein fröhlicher Positivismus, obgleich sich die Dinge eigentlich nicht fröhlich gestalten, denn diese Gesellschaft ist, wie Karl Kraus es bereits für die k.uk.-Monarchie festhielt ein riesiges Versuchslabor für den Weltuntergang. Zu sagen also, was ist. Die Zeichen der Zeit zu deuten:

„Sie zeigen, wie selbst in den herrschenden Klassen die Ahnung aufdämmert, daß die jetzige Gesellschaft kein fester Kristall, sondern ein umwandlungsfähiger und beständig im Prozeß der Umwandlung begriffener Organismus ist.“ (K. Marx, Vorwort zur ersten Auflage des Kapitals)

Die Begriffe an dem zu messen, was sie unter sich befassen, auch das bedeutet, der Dynamik der Gesellschaft nicht nur gerecht zu werden, sondern ebenso den Schwung und die Entwicklung in Bewegung zu bringen. Auf Defekte weisen. Und zwar möglichst in einer ästhetisch ansprechenden Art, wie Karl Kraus es tat – der beileibe kein Marxist war – oder wie aus anderer Ecke immer wieder Wolfgang Pohrt es macht. Mit bösem Biß, wider den Stachel löcken, auch gegen die eigene Gemeinde.

Daß es im 20 Jahrhundert mit Marx allein nicht mehr geht, darauf verwies insbesondere die frühe Kritische Theoriem, die sich ebenso die Einsichten Freuds und Nietzsches zu eigen machte und soweit eine sozialpsychologische Dimension in die Theorie der Gesellschaft einführte – das eben ist deren eigentliche Pointe. Habermas ist da eine Abzweigung, die mit der Kritischen Theorie im eigentlichen Sinne nicht mehr viel zu tun. Die Frage nach Geltungsansprüchen ist ein universalphilosophisches Projekt, im Rahmen der Philosophie als Reflexionsmedium über die Vernunft, mithin eine Reflexion auf ihre eigenen Bedingungen. In dem gleichnamigen Sammelband „Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus“ spricht Habermas von solchen Begründungsfragen. Das aber, diese Fragen nach moralischem Sollen und nach Geltung sind etwas ganz anderes als die Kritische Gesellschaftstheorie von Marx.

Was also tun, mit Marx? Am besten, ihn lesen.

„Der Mensch streift heute nicht mehr mit seinen Hunden und seinem Bogen am Rande der Sümpfe umher: sein Freiheitsdrang hat sich andere Einöden erschlossen. Intellektuelles Brachland, wo der Einzelne dem gesellschaftlichen Zwang entgeht. Dort lebt ein unbekanntes Volk, das sich um seine Legende wenig kümmert. Ich sehe seine Landhäuser, seine Laboratorien der Lust, sein Handgepäck, seine Schliche und Listen, seine Vergnügungen.“ (Louis Aragon, Le Paysant de Paris)

Eine Vorstellung von Arbeit, die nicht entfremdet ist, vermittelt die Kunst. Utopie und Vorschein eines Anderen, von dem wir nicht wissen, was es ist. Auch darauf deutet der Text von Marx.

Pour Gilles Deleuze – Postskriptum

„Mit Danone kriegen wir sie alle“
(Werbeslogan der 80er Jahre)

Gestern stand in einem Interview der Zeitschrift „Télérama“, das mit dem französischen Herausgeber der Texte von  Gilles Deleuze, David Lapoujade, geführt wurde:

„Natürlich hat sich der Kapitalismus seit zwanzig dreißig Jahren entwickelt, aber ihre [Deleuzes und Felix Guattaris] Reflexion über ‚Kontrollgesellschaften‘ ist aktueller denn je – als hätten sie die Umrisse des heutigen Kapitalismus bereits definiert. Sie haben gesehen, dass wir in eine Gesellschaft eingetreten sind, in der die Indivduen weniger einer permanenten Disziplinierung unterworfen sind. Kontrolliert werden sie eher über das Mittel von Informationen, die sie selber aussenden.“ (Quelle: Perlentaucher)

gilles_deleuze_2_h-672x372Gilles Deleuze, der sich vor 20 Jahren das Leben nahm, indem er am 4. November aus dem Fenster sprang (was heißt überhaupt: sich das Leben zu nehmen? Ist dies nicht eigentlich ein erobernder Akt? Sich das zu holen, was jedem Menschen zusteht: das Leben. Hier aber und in unserem Kontext der Sprache meint es genau das Gegenteil – auch dies ist bezeichnend und nicht ohne Bedeutung), schrieb in dem bis heute hin lesenswerten und nach wie vor aktuellen Aufsatz „Postskriptum über die Kontrollgesellschaft“:

„Die idiotischsten Spiele im Fernsehen sind nicht zuletzt deshalb so erfolgreich, weil sie die Unternehmenssituation adäquat zum Ausdruck bringen.

(…)

In den Disziplinargesellschaften hörte man nie auf anzufangen (von der Schule in die Kaserne, von der Kaserne in die Fabrik), während man in den Kontrollgesellschaften nie mit irgend etwas fertig wird: Unternehmen, Weiterbildung Dienstleistung sind metastabile und koexistierende Zustände ein und derselben Modulation, die einem universellen Verzerrer gleicht.

(…)

Zum Zentrum oder zur ‚Seele“ des Unternehmens ist die Dienstleistung des Verkaufs geworden. Man bringt uns bei, daß die Unternehmen eine Seele haben, was wirklich die größte Schreckensmeldung der Welt ist. Marketing heißt jetzt das Instrument der sozialen Kontrolle und formt die schamlose Rasse unserer Herren. Die Kontrolle ist kurzfristig und auf schnellen Umsatz gerichtet, aber auch kontinuierlich und unbegrenzt, während die Disziplin von langer Dauer, unendlich und diskontinuierlich war. Der Mensch ist nicht mehr der eingeschlossene, sondern der verschuldete Mensch.“

Zwang wird schon lange nicht mehr von außen, von einer anonymen oder auch sichtbaren Macht ausgeübt, schon gar nicht von personifizierten Gestalten oder dem zweifachen Körper eines Königs, sondern, ganz im Sinne von Foucaults Konzept einer Biomacht internalisieren wir die Kontrollmechanismen, die sich damit zu einer Disziplinarmacht samt Selbstoptimierung transformiert. Vom Veganer, über den sinnlosen Gesundheitsfetischismus, die Überbehütetheit von Kindern und einem absurden Vernetzungwahn bis hin zum internalisierten Zwang, den wir nicht umhinkommen, uns anzutun, wenn wir noch irgendwie dabeisein und Arbeit haben wollen. Das Unternehmen ist der Ort schlechthin geworden. [Und wie hieß es schon in Fechners/Kempowskis „Tadellöser & Wolff“: „Die Firma, die Firma, die Firma!“]

Tja – die immer gleiche Klage, die immer selben Sätze, die Wiederkehr des Immergleichen im Theorem. T(h)eorema oder die Geometrie der Warenbeziehungen. Wie es so ist, wenn die immer selbe Scheiße unter dem identitären Bann die immerselbe Scheiße bleibt. So wie sie ist und der Betrieb von uns allen es verlangt, den wir mit unserem Wirken, unserem Tun und Texten, dem Schreiben am Dampfen halten. Aber nein, es dampft nichts mehr: wir sind inzwischen im digitalen Zeitalter. Schauen wir mal, wann Sascha Lobo das postdigitale ausruft. Nein keine Klage: Anklage!

Auch die Differenzspiele taugen allenfalls in ihrer Glasperlenform. Kunst etwa, die einmal als widerständig sich konzipierte, ist Teil des Betriebes. Selbst dort, wo sie als hermetisch sich erweist, ist ihre Kritik, ihre Opposition, ihr kalter Blick auf die Struktur häufig bereits vom System integriert und eingekauft, wenn nicht einkalkuliert. Kein Ort – nirgends. Allenfalls die Fluchtorte der Ästhetik oder in den winzigen Lücken und Falten bleiben Reste. Im stillen Winkel, weit ab von den Großstädten, den Theatern, den Museen. Vielleicht doch die Uckermark? Nur bitte ohne dieses dumm Deutschtümelnde.

La vie/la vide

Salute Gille Deleuze!

25 Jahre keine DDR: „Für unser Land“

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„Unser Land steckt in einer tiefen Krise. Wie wir bisher gelebt haben, können und wollen wir nicht mehr leben. Die Führung einer Partei hatte sich die Herrschaft über das Volk und seine Vertretungen angemaßt, vom Stalinismus geprägte Strukturen hatten alle Lebensbereiche durchdrungen. Gewaltfrei, durch Massendemonstrationen hat das Volk den Prozeß der revolutionären Erneuerung erzwungen, der sich in atemberaubender Geschwindigkeit vollzieht. Uns bleibt nur wenig Zeit, auf die verschiedenen Möglichkeiten Einfluß zu nehmen, die sich als Auswege aus der Krise anbieten.

Entweder

können wir auf der Eigenständigkeit der DDR bestehen und versuchen, mit allen unseren Kräften und in Zusammenarbeit mit denjenigen Staaten und Interessengruppen, die dazu bereit sind, in unserem Land eine solidarische Gesellschaft zu entwickeln, in der Frieden und soziale Gerechtigkeit, Freiheit des einzelnen, Freizügigkeit aller und die Bewahrung der Umwelt gewährleistet sind.

Oder

wir müssen dulden, daß, veranlaßt durch starke ökonomische Zwänge und durch unzumutbare Bedingungen, an die einflußreiche Kreise aus Wirtschaft und Politik in der Bundesrepublik ihre Hilfe für die DDR knüpfen, ein Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte beginnt und über kurz oder lang die Deutsche Demokratische Republik durch die Bundesrepublik vereinnahmt wird.

Laßt uns den ersten Weg gehen. Noch haben wir die Chance, in gleichberechtigter Nachbarschaft zu allen Staaten Europas eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik zu entwickeln. Noch können wir uns besinnen auf die antifaschistischen und humanistischen Ideale, von denen wir einst ausgegangen sind. Alle Bürgerinnen und Bürger, die unsere Hoffnung und unsere Sorge teilen, rufen wir auf, sich diesem Appell durch ihre Unterschrift anzuschließen.

Berlin, den 26. November 1989

Diesen Aufruf, der im Prozeß der sich abzeichnenden Vereinigung von DDR und BRD die Vorstellung eines dritten Weges ins Spiel brachte, wurde von  31 DDR-Bürgern ins Leben gerufen. Als Christa Wolf bei einem Besuch in Leipzig die Parole Deutschland, einig Vaterland und Wir sind ein Volk hörte, unterzeichnete auch sie.

Das Oder ist eingetreten. Eine sozialistische Alternative gab es (leider) nicht. Angst essen Seele auf und Geld frißt alles und jede Regung. Wer meint, es existierte irgendwo ein Refugium, sei es auch nur im Innern, in der stillen Kammer oder im Denken, das vom System der Waren verschont bliebe, der irrt. Kein Ort, nirgends. Dies klingt hoffnungslos. Und genau so ist es auch gemeint. Allenfalls sind die kleinen Schritte denkbar. Tücken und List, die das eine oder andere zum Fortschritt wenden. Ob es sich freilich, wie Hegel in seiner „Phänomenologie des Geistes“ annahm, um eine solche der Vernunft handelt, darf bezweifelt werden. Aber wie es auch sich drehen mag, die Prozesse der Geschichte erinnern mich eher an Walter Benjamins dialektisches Bild vom Engel der Geschichte als an Emanzipation -ein immer schneller voran rasender Zug, der durch keine Notbremse mehr in den Stillstand gebracht werden könnte:

„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ (Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte)

Auf dem Marktplatz der Gemeinplätze

Wenn Du denkst, es geht nichts mehr, kommt immer noch was Blöderes her. Das gilt für Theorien und für die Praxis gleichermaßen. Nun ist Antje Schrupp im FAZ-Blog freundlicherweise angetreten, den Markt vor dem Kapitalismus zu retten.

Ich hielt diese Äußerungen zunächst für eine Satire. Oder ein Versuch vielleicht, um die Kritikfähigkeit des Publikums zu testen?, dachte ich mir. Nein, nein, das ist es mitnichten. Wer es mit eigenen Augen lesen möchte, der lese, sofern sich den Leserinnen und Lesern nicht Schleier von Lachtränen vor die Augen legen. Ich habe keine Ahnung, auf welchem Niveau man einen Schreibplatz im FAZ-Blog bekommt. Es muß sehr einfach sein, denke ich mir. Vielleicht ist es aber auch Strategie, um unter dem Namen Antje Schrupp kritische Theorie und politische Ökonomie sowie linkes Denken insgesamt der Lächerlichkeit preiszugeben und als prinzipiell naiv und versponnen zu markieren. Der Gegner ist schließlich mit allen Wassern gewaschen.

Schrupp schreibt:

„Schon lange frage ich mich, warum ich mit ‚linken Theorien‘ nie so richtig etwas anfangen konnte, besonders nicht mit denen von linken Männern. Ich habe mich durchaus bemüht, aber diese Texte verursachen mir Langeweile, auch wenn ich auf einer rationalen Ebene verstehe, dass sie wichtig sind. Damit bin ich nicht die Einzige. Der italienischen Philosophin und Feministin Annarosa Buttarelli zum Beispiel geht es genauso. Die Linken, so erklärt es sich Buttarelli, wollen mit dem Kapitalismus auch den Markt abschaffen. Aber uns Frauen gefallen Märkte. Eine Welt ohne Märkte wäre langweilig.“

Eine Welt ohne Märkte wäre also langweilig? Ja: Frauen shoppen, Männer schrauben. An Autos, an Computern, an Theorien gar. Es ist die Langeweile seit Baudelaire zwar Signum der Moderne, und es nötigt der Zustand der Welt die dichterische Betrachtung zu dieser ästhetizistischen Haltung. Daß aber die Langeweile zugleich maßgebliches und untrügliches Kriterium ist, um Text und Theorie analytisch sicher beurteilen und intellektuell durchdringen zu können, auf diese Idee muß frau erst einmal kommen. Es genügt nicht, keine Texte zu lesen, man muß auch unfähig sein, über sie schreiben zu können, wird sich Antje Schrupp gedacht haben. Insofern verwundert es uns wenig, wenn Schrupp nichts mit linken Theorien anzufangen weiß, und wir glauben‘s ihr gerne. Diesen Umstand teilt sie mit Olaf Scholz, Andrea Nahles, Guido Westerwelle, Angela Merkel, Katrin Göring-Eckardt, Renate Künast, Willy Brandt, Franz Josef Strauß oder Gertrud Höhler. Gute Gesellschaft also, in der sich Frau Schrupp befindet. Was wir ihr freilich nicht glauben: daß sie auf „einer rationalen Ebene“ versteht, weshalb diese Theorien wichtig sind. Ganz und gar nicht. Würde sie es nämlich begreifen, käme kaum ein solch rührseliger Erguß heraus. Wobei das Verb „glauben“ im Umkreis der evangelischen Akademie irgendwie lustig ist.

Wer allerdings Theorien, Kunst oder Literatur qualitativ danach gewichtet, ob sie von Frauen oder Männern gemacht wurden, sollte sich auf alle Fälle ein anderes Metier als Theorien, Kunst oder Literatur suchen. Vielleicht fällt ja ein Plätzchen im FAZ-Blog ab (Schirrmacher war schon ein gerissener Hund, bestimmte Leute bei der FAZ schreiben zu lassen) oder bei Georg Diez eine Schreiber:innen-Lehre: Praktikumsplatz Pathosgequatsche (laut Titanic). Übrigens: es gilt das von einem Mann entdeckte Fallgesetz auch für Frauen, spätestens dann, wenn ihnen ihre eigene Blogtextscheiße vor oder auf die Füße fällt, und 2 x 2 = 4 bleibt unabhängig davon gültig, ob eine Frau oder ein Mann das am Marktstand auf dem Marktplatz beim Auswählen oder Bezahlen der erlesenen, glücklichmachenden Waren ausrechnen.

Vor rund dreißig Jahren wäre ein solcher Aufsatz nicht einmal in einer Schüler-Zeitung abgedruckt worden. Heute schaffen es Texte dieser Art mühelos in einen FAZ-Blog. Dort heißt es im Schlußsatz:

„Klar, der Kapitalismus beutet die menschlichen Bedürfnisse nach diesem ‚Vielmehr‘ und nach dem Überschreiten der reinen Nützlichkeit aus, aber das tut er ja mit allen übrigen Bedürfnissen auch. Eine menschenfreundliche Wirtschaftspolitik zu machen, kann deshalb nicht bedeuten, den Markt abzuschaffen. Es muss vielmehr darum gehen, den Markt dem Kapitalismus zu entziehen.“

Auf die Idee, das eine könne womöglich mit dem anderen zusammenhängen, kommt Antje Schrupp nicht. Aber wie sollte sie auch? Dazu hätte man allerdings einen von diesen langweiligen Texten lesen müssen. Gegen solchen Unsinn ist Katrin Rönickes Ferien- und Freizeitkommunismus eines richtigen Lebens im falschen in ostdeutschen Landschaften mit ewigwährenden Partys und selbstgebasteltem Häusle seinerzeit im FAZ-Blog fast wieder erholsam erfrischend. Vielleicht ist – wie geschrieben – das alles aber bloß eine FAZ-Strategie. Denn Schirrmacher war ein kluger Kopf.

Julia Seeliger twitterte über Schrupps Besinnungsaufsatz, unnachahmlich und treffend:

Mit welch einer Chuzpe man uns die Positionen eines aufgeweichten, abgeleierten Kommunitarismus samt einem Hauch Habermasschem Lebensweltkonzepts als den letzten Schrei feministischer Philosophie aufdrücken will, ist traurig – angereichert dazu mit Versatzstücken von Jeremy Rifkin. Mit anderen Worten: ein marktliberales Wirtschaftsmodell, das diese Sharing-Ökonomie ist, wird in feministische Theorie umgemodelt. Namen und Referenzen werden dreist unter den Tisch gekehrt, und so macht Schrupp den feministischen Guttenberg. Beschämend und schlimm ist diese Art von Betrachtung vor allem für eine solche feministischer Philosophie, die mehr sein möchte als Affirmation des Bestehenden, indem ein paar Stellschräubchen verändert und ein unsäglich banaler Dualismus aufgezogen wird: Hier holde emotionale Weiblichkeit mit dem Sinn für das Qualitative, dort die männliche nüchtern-rationale quantifizierende kalte Analyse. Davon abgesehen, daß dieser Dualismus genau die patriarchale Struktur als Matrix dupliziert, die vorgeblich bekämpft werden soll, so daß es sich nachgerade aufdrängt: Da kann die Frau, statt sich in der kalten Welt der Arbeit zu mühen, mit ihren holden Händen, ihrem Sinn fürs Schöne genausogut im Haushalt bleiben, dort mit Umsicht wirken und qualitativ, achtsam, behutsam schonend sich um Abwasch, Tischdeko und Kinder kümmern, anschließend auf dem Markt einkaufen (alles Bio versteht sich), um dann das Abendbrot zu bereiten – lauter kostbare Güter, wichtige Tätigkeiten schließlich, die Bestandteil des guten Lebens sind. Mein Verdacht, daß es eine Querfront in der linken Theorie gibt, um eine marktliberale und zugleich konservative Encounter-Theorie zu installieren, drängt sich mir immer mehr auf.

Auf ihrem Blog „Aus Liebe zur Freiheit“ ergänzt Schrupp: „nämlich dass es auch eine feministische Strömung gibt, die den Markt ablehnt, und zwar im Umfeld der Gift-Economy.“ Was kommt nach dem „ABC des guten Lebens“? „Ökonomie als Geschenke-Herzkreis“, „Der gefühlte Gebrauchswert oder wie produzieren wir Gemeinplätze“? Ja, Gift-Economy – das ist es: „Mamatschi, schenke mir ein Pferdchen, ein Pferdchen wäre mein Paradies.“

Im Gesamt läßt es sich in diesem Satz zusammenfassen: Gesinnungskitsch der schlimmsten Art. Ganz gut mit Norbert Bolz‘ Konsumistischem Manifest zusammenzutun. Denn wer schwelgerisch auf dem Markt kauft und des Guten und Schönen ansichtig wird – das Wahre bleibt Schrupp wegen anhaltender Langeweile bei Theorie-Lektüre leider verborgen –, rebelliert bekanntlich nicht.

Das gute Leben kommt immer an.
Frisch verpackt von:
Neckermann.

„Wir kriegen sie alle“: Kreativität und Kontrollgesellschaft samt kleinem Blick auf Foucault und Adorno – Die Verschleifungen der Kunst, das Ende der Kunst? (1)

Es gibt Begriffe, die mag man – sofern noch ein Rest an Gespür für Sprache vorhanden und Reflexion auf Gesellschaft Bestandteil kritischen Denkens ist – nicht mehr verwenden oder wenn man diese Wendungen gebraucht, dann mit einer Portion Skepsis versehen. Dazu gehört der Slogan „Kreativität“ und ebenso die Phrasen von der „Lebenskunst“ oder vom unvermeidlichen „sich selbst neu zu erfinden“: Was als Akt der Kreation hätte gemeint sein können, ist zum Werbespot der Schröder-SPD für die Ich-AG geronnen, in der unter entweder prekären Verhältnissen oder aber – als Kehrseite der Medaille – bei teils sehr guter Bezahlung unter dem Extrem der Selbstausbeutung gearbeitet wird. Kreativität wirkt als Antrieb, Motor und Systememergenz. Der Titel des von Christoph Menke und Juliane Rebentisch herausgegebenen Buches „Kreation und Depression“ ist sehr passend gewählt, weil es unter dem Primat und dem Erfolgsdruck des Schöpferischen, die Folgekosten und die Begleiterscheinungen solches funktionalen und verdinglichten Schöpfertums gleich mit nennt: die Depression. Der Soziologe Andreas Reckwitz formuliert es in seinem Buch „Die Erfindung der Kreativität“ als kontrafaktische Annahme einer Art von Widerstandshandlung auf diese Weise:

„Wenn es einen Wunsch gibt, der innerhalb der Gegenwartskultur die Grenzen des Verstehbaren sprengt, dann wäre es der, nicht kreativ sein zu wollen. Dies gilt für Individuen ebenso wie für Institutionen. Nicht kreativ sein zu können ist eine problematische, aber eventuell zu heilende und mit geduldigem Training zu überwindende Schwäche. Aber nicht kreativ sein zu wollen, kreative Potenziale bewusst ungenutzt zu lassen, gar nicht erst schöpferisch Neues aus sich hervorzubringen oder zulassen zu wollen, erscheint als ein absurder Wunsch, so wie es zu anderen Zeiten die Absicht gewesen sein mag, nicht moralisch, nicht normal oder nicht autonom zu sein.“

Bei diesen Prozessen der Ubiquität des Kreativen, in denen die Kreativität von Menschen zwar gesteigert wird, diese aber im rein funktionalen Rahmen verbleibt, geht es nicht nur um einen Aspekt von Gesellschaft, sondern ebenfalls wird die Kunst selbst tangiert. Kreativität, einst dem Künstler – dem Genie bei Kant – vorbehalten, bezieht sich nicht mehr nur auf den Bereich der Kunst und kommt den wenigen Erlesenen zu, die unabhängig vom Fürsten oder vom Kirchenwillen Kunstwerke als autonome Werke schaffen, sondern das Schöpferische durchdringt mittlerweile sämtliche Regungen und Lebensbereiche bis hinein in die Büro- und Arbeitswelt: von den Trainingsprogrammen für das kreative Denken in Bildern, die dann in Sprache übersetzt werden, von der Analytischen Beratung bis hin zu Kreativschreibworkshops und allen möglichen Programmen der Selbstentfaltung: vom Zen bis hin zur Philosophie für Manager. Was jedoch als immergleiches Motto hinter all diesen Formen von scheinbarem Ich-Gewinn steckt, ist jenes Programm mit dem Namen „Fit für den Markt“. Der neue kategorische Imperativ der Postmoderne lautet: Sei kreativ! „Handle so, daß die Maxime Deiner ästhetisierenden und schöpferischen Einbildungskraft jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Arbeitsmaximierung und Wertschöpfungskette gelten könne.“

Dort, wo noch zum Beginn des 20. Jahrhunderts im Produktions- und Wertschöpfungsprozeß das „Stahlgehäuse der Rationalität“, die zweckrationale Ordnung waltete, und in einer Welt der Büro-Organisation, des Verwaltungsapparates einer Bürokratie, die der Soziologe Alfred Weber (Kafka promovierte bei ihm) gut beschrieb, des Fordismus, der Fließbandproduktion samt den Standardisierungen, in der kaum ein Raum für Denken und Empfinden blieb, ist nun die Ästhetisierung von Lebenswelt und Arbeitswelt gleichermaßen eingesprungen und das Subjekt bringt sich freiwillig und mit Freude qua Dynamik und freiem Denken in den Prozeß der Produktion ein – zumindest gilt dies für einen Teil der Arbeitswelt: von der Werbewelt, den Softwarebuden, vom E-Commerce bis hin zu den Projektplanern, die mit Kunst Stadtviertel verändern, wie dies in Hamburg beispielsweise in Wilhelmsburg massiv geschieht und in Berlin-Mitte lange schon geschehen ist. Aber auch in großen Unternehmen wie Unilever oder bei DHL hält dieses Denken, das Kunst und Kreativität in Beschlag nimmt, Einzug. Büroräume sind keine Arbeitszellen mehr, sondern es soll sich darin ein „Flow“ entfalten und der gemeinsame „Spirit“ wirken. Kunst wird zum art-lab, zum Labor der Selbsterfindung, die (am Ende) der Optimierung des Arbeitsprozesses dient. „Work hard play hard“ wie der Dokumentarfilm von Carmen Losmann über die schöne neue Welt der (post-)modernen und post-tayloristischen Arbeit heißt. (Eine Besprechung dazu findet sich hier.)

Was das Gesellschaftliche selbst betrifft, so geraten wir, wie Deleuze, anlehnend an die Machttheorie Foucaults, in seinem Aufsatz „Postscriptum über die Kontrollgesellschaft“ schreibt, von der Disziplinargesellschaft des 18 und 19. Jahrhunderts hin zu einer Kontrollgesellschaft, in der von der politischen Gesinnung bis hin zur körperlichen Fitness, die im Stahlbad des Crossfit-Bootcamps gehärtet wird, alles in den Blick der (Selbst-)Überwachung samt der (notwendigen) Selbstkonditionierung gerät. Es muß auf die Subjekte, auf ihre Körper, auf ihre Einbildungskraft, auf ihr Denken keine Disziplinierung, kein Druck mehr ausgeübt werden, damit ein Individuum funktioniert und sich im Takt fügt, sondern diese Mechanismen wurden – um ein wenig psychoanalytisch zu schreiben – weitestgehend internalisiert: vorauseilende Identifikation mit dem Aggressor. Zumal der Begriff der Kreativität durchweg positiv besetzt ist, wie das Zitat bei Reckwitz zeigt. Ironie der Geschichte ist es bei einem Begriff wie der Kontrollgesellschaft, daß insbesondere in Projekten, die sich immer noch als politisch links verstehen und damit eigentlich in der Tradition von Aufklärung und Kritik stehen sollten, wie ein Teil der „Critical Whiteness“ und der Genderforschung, über die Moralisierungstendenz und die Hygieneerziehung politischer Subjekte genau diese Kontrollfunktion an jenen Subjekten perfekt ausgeübt wird.

Was Foucault (und im Anschluß daran Giorgio Agamben) auf der Ebene kritischer Gesellschaftstheorie im Hinblick auf den Machtbegriff entfalteten, so zum Beispiel in „Sexualität und Wahrheit“ und prägnant in Foucaults Vortrag „Die Maschen der Macht“, muß ebenso mit den Praktiken der Kunst, mit dem Regime von Kunst und Kreativität in Zusammenhang gebracht werden. Dabei geht es weniger darum, Savonarola gleichtuend, die Kunst zu verbannen, ihr Autodafé durchzuziehen oder ikonoklastisch und das heißt: undialektisch zu destruieren, sondern vielmehr muß im Prozeß der Reflexion eine Bestimmung und Kritik der Kunst unter dem Blick des Spätkapitalismus vorgenommen werden, die sowohl das Moment des Gesellschaftlichen als auch die binnenästhetischen Aspekte umfaßt. Ich hatte, was das Binnenästhetische der Kunst betraf, vor zwei Jahren eine Serie mit dem Titel „Wozu Kunst?“ angefangen; dort kann, wer mag, einige Aspekte nachlesen. Ob einer solchen Kunst(-Produktion) im nachbürgerlichen Zeitalter überhaupt noch eine andere Dimension zukommt, als lediglich den Affirmateur des Bestehenden zu spielen, bleibt die Frage. Das Ende der Kunst als autonomer Tätigkeit scheint mir, so meine These, nicht ganz von der Hand zu weisen zu sein. (Von dem Anspruch der klassischen Avantgarden zu Beginn des letzten Jahrhunderts, die Souveränität der Kunst zu befördern ganz zu schweigen; über dieses Scheitern können mittlerweile auch die halbironischen Kaspereiaktionen eines Jonathan Meese, der die Diktatur der Kunst ausruft, nicht hinwegtäuschen.) Der Kunstproduktionsbürger würde gerne weitermachen wie bisher. Aber er kann nicht so recht und weiß nicht wie. Es ist diese Diagnose – einerseits – überspitzt formuliert und geht an die Grenze, aber es liegt in der Übertreibung eben doch ein Moment von Wahrheit.

Diese Situation der Kunst und ihre Entleerung als Reparateuer dessen, was in kapitalistischer Produktionsweise nur suboptimal funktionierte, spiegelt sich in einigen Büchern wider, die auf diese Zustände ihr Schreiben richten. Exemplarisch seien hier das oben genannte Buch von Reckwitz aufgeführt sowie das 1999 in Frankreich und 2003 auf Deutsch erschienene Buch von Luc Boltanski und Ève Chiapello, Der Geist neue Geist des Kapitalismus. Verschiedene Ansätze und Perspektiven leuchtet ebenfalls der oben genannte Sammelband von Menke und Rebentisch aus: Dort heißt es im Vorwort, das den Titel „Zum Stand ästhetischer Freiheit“ trägt:

„Im Zentrum des Bands steht ein Befund gegenwärtiger Gesellschaftskritik: Eigenverantwortung, Initiative, Flexibilität, Beweglichkeit, Kreativität sind die heute entscheidenden gesellschaftlichen Forderungen, die die Individuen zu erfüllen haben, um an der Gesellschaft teilnehmen zu können. Sie haben das alte Disziplinarmodell der Gesellschaft ersetzt, ohne dabei freilich die Disziplin abzuschaffen. An die Stelle einer Normierung des Subjekts nach gesellschaftlich vorgegebenen Rollenbildern ist der unter dem Zeichen des Wettbewerbs stehende Zwang zur kreativen Selbstverwirklichung getreten. Man gehorcht heute nicht mehr, indem man sich einer Ordnung unterwirft und Regeln befolgt, sondern indem man eigenverantwortlich und kreativ eine Aufgabe erfüllt. Im Blick auf häufig wechselnde ‚Projekte‘ sollen die Einzelnen ihren eigenen Neigungen folgen, um sich jeweils ganz – mit allen Facetten ihrer Persönlichkeit – ‚einzubringen‘. Es scheint, dass sich Einstellungen und Lebensweisen, die einmal einen qualitativen Freiheitsgewinn versprachen, inzwischen so mit der aktuellen Gestalt des Kapitalismus verbunden haben, dass daraus neue Formen von sozialer Herrschaft und Entfremdung entstanden sind. Tatsächlich ist in den entwickelten kapitalistischen Gesellschaften des Westens ein dramatischer Anstieg an im weitesten Sinne depressiven Persönlichkeitsstörungen zu verzeichnen. Innere Leere, gefühlte Minderwertigkeit, Antriebsschwäche scheinen die Kehrseite der Erwartung zu sein, die Einzelnen mögen sich – unabhängig von ihren jeweiligen sozialen Voraussetzungen – in der Teilnahme am gesellschaftlichen Reproduktionsprozess zugleich flexibel und kreativ selbst verwirklichen.“

Das Bewußtsein von Pflicht und Erfüllung bleibt jedoch unter den Bedingungen spätkapitalistischer Kreativ-Produktionsweise gleich – nicht anders als im taylorisierten Produktionsprozeß –, die Vermehrung von Wert und die Kapitalisierung bleiben gleich, der Widerspruch von Arbeit und Kapital bleibt bestehen, da mag eine/r noch so viel Kreativität und Phantasie draufpappen: Arbeit bleibt Arbeit. Wir sind weder eine Freizeitgesellschaft noch eine Risikogesellschaft (Ulrich Beck), sondern Gesellschaft erhält und reproduziert sich primär immer noch über die Erwerbs- und Lohnarbeit. Auch die bewußtseinsnormierenden Mechanismen einer Kulturindustrie samt ihrer Wirkungsweise, die sich halb-subversiv maskiert und als halb-kritischer Pop marodiert, bleiben bestehen: ja sie verstärken den Nebel samt den Zublendungen noch, indem sie den Raum des Bewußtseins in der Weise ausfüllen, daß die Anästhesie der Vernunft komplett ist. Denn im Pop ist der Kritik die Affirmation per se eingeschrieben. In Anlehnung an eine Wendung aus Kants „Kritik der reinen Vernunft“ (darin in der transzendentalen Dialektik) kann man mit Fug und Recht sagen, daß die Mechanismen und die Ausschüttungen der Kulturindustrie am Ende jene Euthanasie des Denkens (und damit der Vernunft) betreiben, die für das Weiterbestehen dessen, was wir die soziale Wirklichkeit der Arbeit nennen, notwendig ist. Doch wer nicht mittut oder wer im Geiste der Kritischen Theorie eines Adorno opponiert, ist bestenfalls Old school oder fällt ansonsten der Lächerlichkeit anheim. Kritik am Bestehenden, die auf das Grundsätzliche geht, ist des Defätismus verdächtig oder wird ganz einfach vom Witz derer erstickt, die zu kaum einem kritischen Gedanken mehr fähig sind und alles in wohlfeiler Kommunikation auflösen. Zumal es in solcher Kritik nicht darum geht, dem unreflektierten Adornitentum zu huldigen oder an einen dümmlichen Adorno-Ähnlichkeitswettbewerb teilzunehmen. Vielmehr ist es das Ziel von Theorie und Denken, die Gehalte des Adornoschen Textes fruchtbar zu machen und weiterzubringen, die nach wie vor Bestand haben und deren unveränderte Aktualität sich in der Praxis zeigte. Dazu gehört wesentlich sein Kapitel zur Kulturindustrie aus der „Dialektik der Aufklärung“: Es ist, abgewandelt und mit den nötigen Umschriften versehen, dringlicher denn je.

„Früher oder später kriegen wir Sie, mit Danone-Joghurt!“, so lautete ein Werbeslogan in den 80er Jahren. Oder wie dichtete der damalige BKA-Chef Horst Herold im Rahmen der RAF-Fahndung: „Wir kriegen sie alle!“ Dem Zusammenhang der Immanenz ist schwer und nur durch Abstand und kritischem Bewußtsein noch zu entrinnen. Nicht einmal das.

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Luc Boltanski / Ève Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, Universitätsverlag Konstanz 2006, 29, – EUR,  ISBN 978-3-89669-555-0

Christoph Menke/Juliane Rebentisch, Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus, Kadmos Verlag 2010, 19,90 EUR, ISBN: 978-3-86599-126-3

Andreas Reckwitz, Die Erfindung der Kreativität. Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung, Suhrkamp Verlag 2012, 16,– EUR; ISBN 978-3-518-29595-3

1. Mai und ein Nachtrag zu den Leistungsdarstellern

Ein wenig gilt es, meinen Beitrag vom letzten Freitag aus der grauen neuen Welt der Arbeitstage zu ergänzen: So lese ich heute morgen, auf dem Sofa hingestreckt, die Frau an der Leine am Boden kauernd, bissig und zu mir aufblickend, mit hechelnder Zunge, ich kraule ihren Kopf und berühre das Lederhalsband, während der Hund in der Küche das Frühstück zubereitet und den Kaffee brüht, in der Überschrift des Hamburg Magazins, das in dieser Woche dem Zeit-Magazin als PR-Schrift beigefügt war: „Die Zukunft der Arbeit hat an der Elbe bereits begonnen. Trendforscherin Birgit Gebhardt sagt: Die Grenze zwischen Job und Freizeit schwindet. Wir werden Teamworker. Und unser Büro wird immer da sein, wo wir sind.“

Ist dieser letzte Satz nun absurde Poesie im Geiste Dadas, oder handelt es sich eher um eine wenig subtile Drohung? Vertauschen sich in einem Anfall Hegelscher Dialektik gar Subjekt und Objekt? Wo Du nicht bist, will ich nicht sein, wie es einstmals in kitschigen Liebesgedichten hieß. Ich sehe es in Bezug auf die Arbeit eher umgekehrt: Wo Du bist, will ich nicht sein! Der „flexible Mensch“ (R. Sennett) sagt sich im Geiste des neuen Bürgertums an seinem Arbeitsplatz, der im Grunde überall ist: Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein. Pantheismus in seiner säkularen Variante. Wie beruhigend, diese Vorstellung, daß mein Büro immer da ist, wo ich gerade bin. Allerdings: auch die Antworten, die Richard Sennett in seinem Buch aus dem Jahre 1998 gibt, schulden sich dem Geist des sozialdemokratischen Reformismus. Es geht nicht um ein vollständig anderes Konzept von Arbeit, sondern das alte soll – ein wenig an den Stellschrauben gedreht – bloß umgemodelt werden. Der alte Gaul will wieder flottgemacht werden. Dieser sozialdemokratische Konservatismus ist lediglich die andere Seite der Medaille: jener smarten Manager und Angestellten, die mit ihren soft skills und ihrer ungemeinen Effizienz die Teilung von Arbeit und Nicht-Arbeit aufheben wollen. Die Reproduktion der Arbeitskraft geschieht in dieser neuen Welt während der Arbeit selbst: im Crossfit Bootcamp oder im Hochseilklettergarten, zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen, beim Abendessen oder am Meeting Point mit dem Coffee to go. Sogar die dargebrachte Arbeit stellt sich vermittels der Mechanismen der Identifikation als purer Spaß dar.

Lauter Leersätze in diesem Text bzw. in dem Interview: Die Zukunft der Arbeit hat begonnen. So so, es wurde bisher also nicht gearbeitet, die Produktion von Mehrwert fand bisher gar nicht statt, das geschah alles auf rein freiwilliger Basis. Oder wie soll dieser Genitv gedeutet werden? Was ist eine Zukunft, die begonnen hat, wie und wo soll ich diese auf dem Zeitstrahl verorten? Ist eine Zukunft, die begonnen hat, noch eine Zukunft oder bereits die Gegenwart? Hat hier womöglich nur die Zukunft der Leerformeln ihren Anfang genommen?

Gelungen auch die Berufsbezeichnung „Trendforscher/in“. Das mochte ich schon bei der Sabbeltasche Matthias Horx: Das Drauflosschreiben ohne Sinn und Verstand, das Fabulieren gibt sich selber wohlklingende, klingelnde Namen und verkauft sich als prognostischer Blick, um aber in Wahrheit die bloße Affirmation zu betreiben. Es wird hier dem Prinzip der sich selbst erfüllenden Prophezeiung gehuldigt: Der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital mithin die Klassengesellschaft, sei doch heute kein Thema mehr und wir lebten nicht mehr in einer Arbeits-, sondern in einer Freizeitgesellschaft, wird so lange als Mantra in die Agora gebrabbelt, bis es jeder für wahr hält. Trendforscher forschen zumeist nicht nach Trends, sondern betreiben die Anpassung an das Bestehende und labeln die Gesellschaft. Kritik an diesem Aspekten ist in so einem Rahmen des Marketings der Anpassung dann „oldschool“.

Und auch die folgenden Sätze von Birgit Gebhardt im Interview sprechen für sich, ich lasse sie unkommentiert:

Gebhardt: Auf Strukturwandel wird häufig mit Überforderung reagiert, daher ist im Moment viel von Burn-out die Rede. Wir müssen lernen, für unser Tun Verantwortung zu übernehmen und uns abzugrenzen. Dann können wir die Vorteile des flexiblen Arbeitens genießen.

Frage: Und die sind?

Gebhardt: Man fühlt sich nicht fremdbestimmt. Ein selbstverantwortlich organisierter Job füllt einen ungleich mehr aus.“

Dies ist dann die vollständige Perversion eines Konzepts von Arbeit, die einmal als nicht entfremdete und nicht verdinglichte wollte auftreten. Fragen über Fragen am Tag der Arbeit zur Zukunft der Arbeit.

„Die individuelle Konsumtion des Arbeiters bleibt also ein Moment der Produktion und Reproduktion des Kapitals, ob sie innerhalb oder außerhalb der Werkstatt, Fabrik usw., innerhalb oder außerhalb des Arbeitsprozesses vorgeht, ganz wie die Reinigung der Maschine, ob sie während des Arbeitsprozesses oder bestimmter Pausen desselben geschieht. Es tut nichts zur Sache, daß der Arbeiter seine individuelle Konsumtion sich selbst und nicht dem Kapitalisten zuliebe vollzieht. So bleibt der Konsum des Lastviehs nicht minder ein notwendiges Moment des Produktionsprozesses, weil das Vieh selbst genießt, was es frißt. Die beständige Erhaltung und Reproduktion der Arbeiterklasse bleibt beständige Bedingung für die Reproduktion des Kapitals. Der Kapitalist kann ihre Erfüllung getrost dem Selbsterhaltungs- und Fortpflanzungstrieb der Arbeiter überlassen. “ (K. Marx, Kapital I, MEW 23, S. 597 f.)

Ja, heute ist Kampftag der Arbeiterklasse, die es nicht mehr gibt. Ein gutes Gedicht von Pier Paolo Pasolini findet sich übrigens in dem Blog Gleisbauarbeiten, und zwar hier.

„Work Hard – Play Hard“ – Notizen aus der Arbeitswelt: die Leistungsdarsteller

Hey Ho, let‘s go
The Ramones

„Meine Stimme weht zurück/mit dem Herbstwind. Im tiefen Himmel/finde ich mich selbst.“ So oder ähnlich kann eine selbstproduzierte, an den Zen angelehnte asiatische Weisheit lauten, die als Leer-Slogan zur Selbstfindung auftritt und als Parole eines Zen-Seminars für gestreßte Manager oder Unternehmensmitarbeiter dient. (Zugleich sind solche Sätze die Parodie auf Zen.) Diese Losung wird in gemeinsamer Kommunikation als Mantra herausgerufen, damit die Fundierung im Ich und als geistiger „Mehrwert“ derart auch die Leistung für das Unternehmen, welche zu erbringen ist, wieder stimmt. Der Leersatz am Nullpunkt des Sinns wird mit Bedeutung aufgeladen und das Gemurmel suggeriert Tiefsinn: Das leere Om Om als Geschwätz der Innerlichkeit simuliert plötzlich Gewicht von Welt. Der Körper und das Bewußtsein werden konditioniert, um in den vielfältigen Funktionsrahmen zu stehen und dort paßgenau positioniert zu werden, auf das geleistet werden kann. Solche Seminare, Angebote und analytische Beratungen, sei es für‘s Private oder aber die beruflichen Belange gibt es zuhauf – zuweilen noch mit dem Substantiv „Philosophie“ versehen: Philosophie, Zen oder was auch immer als Lebenskunst. Schlimmster Ausfluß dessen: Wilhelm Schmid. Wer einen Einblick in die Details solchen Flachsinns werfen möchte, der schaue auf seine Homepage und dort dann in den Terminplan von Wilhelm Schmid, um zu sehen, wie die Vortragsthemen lauten.

Was zunächst als eine Form von Selbst-Praktik erscheint – mithin als zweckfreie Tätigkeit des Denkens und Handelns sich konzipierte –, wird in den meisten dieser Schulungen jedoch funktionalisiert: Nur um diese instrumentalisierte Leistung der Subjekte, die lange schon keine mehr sind, geht es in der spätkapitalistischen Gesellschaft. Diese Leistung wird in allen Varianten von den diversen Unternehmen zwecks Vermehrung des Kapitals zwanglos erzwungen und die Konditionierung sowie die Optimierung der Angestellten wird im schönen Schein des Events und der Motivationsmogelpackungen kaschiert. Dafür fand sich sodann der schöne Name Unternehmenskultur. Die Esoterik und jenes Asiatische, das zum reduzierten Preis eingekauft wird, bilden im Rahmen des privaten Bereichs, der den Gegenpol zur Arbeit bilden soll, bloß die andere Seite derselben Medaille einer universal verwalteten Welt und sind fusioniert. Dies zumindest ist der, im Film freilich unausgesprochene, Hintergrund jenes Dokumentarfilms „Work Hard – Play Hard“ von Carmen Losmann.

Der Untertitel für diese Filmkritik könnte ebenso lauten: Notizen aus der Unterwelt. Zum Beginn des Films blicken Zuschauerin und Zuschauer auf die Photographie eines Unternehmens, welches seinen Innenbereich zeigt, wie etwa das neue Unilevergebäude in der Hamburger Hafencity: die Betrachter sehen den Eingangsbereich: da wo es jeden Morgen zur Arbeit geht. Starr und statisch liegt diese ins Photo fixierte Welt des Entrée mit ihren gefrorenen Menschen vorm Zuschauer. Zum Beginn eine solche Photographie zu zeigen, ist eine gelungene filmische Eröffnung, wie der Film überhaupt von seinen Bildern her ästhetisch nicht schlecht gemacht ist. Zugleich beginnt ab dieser Stelle des Films, sobald der Ton einsetzt, die Geburt des sprachlichen und handlungsoptimierenden laufenden Schwachsinns aus dem Geist des Spätkapitalismus. Ständig diese Flows und das Change-Management, das Teamplay, die Kreativität wird beim Coffee an einem der Meeting Points angeregt, und derart soll auch das neuartige und nachhaltige Unilevergebäude am Strandkai konzipiert sein. Ungemein wichtig, so die befragten Architekten, sind die Meeting Points, weil gerade dort, in den Pausen, sich die meiste Kreativität freisetzt. Konstruktion von Wirklichkeit mittels Sprache, die zugleich die Realität vernebelt. „Wir sind Unilever. Go for it!“ Wir müssen, wie einer im Film sagt, „diesen kulturellen Wandel [in einem Unternehmen, Bersarin] nachhaltig in die DNA jedes einzelnen Mitarbeiters verpflanzen.“

Diese Welt des Kapitals, der Unternehmensberatungen, der Dienstleistungsindustrie, der Multikonzerne wie Unilever ist, obwohl sie sich krampfhaft mit dem schönen Schnickschnack maskiert, kalt wie die der Schneekönigin, nur eben nicht ausgestattet mit dem analytischen Verstand, sich über seine eigenen Verhältnisse klarzuwerden. Das Interieur dieser Betriebswelt, welches in den kühlen Bildern der Kamera eingefahren wurde – es mußte hierbei nicht einmal mehr die Kälte inszeniert werden, sie stellt sich, zum Glück, für jeden, der denkt, von selbst ein, auch über die Sprache und die Weise, wie Menschen sich selber erniedrigen –, widerspricht freilich dem Anliegen dieser Welt, nämlich ihrem eigenen Anspruch: den schönen Schein der schönen neuen Welt zu verfestigen, welcher die Arbeiter, die längst keine mehr sein wollen, einhüllt und dumpf macht. Kein Zwang soll mehr ausgeübt werden, so daß ich in meiner Tätigkeit nicht mehr daran erinnert werde, zu arbeiten, wie einer der Befragten in diesem Film sich äußert. Und es wird sich im betrieblichen Miteinander einer smarten Sprache bedient, die aufs Englische zurückgreift. Es soll geschmeidig herüberkommen. Die Subjekte oder besser gesagt: die Objekte dieser Welt sind im Grunde allesamt Schauspieler: Leistungsdarsteller.

Der Film kommentiert solche Vorgänge absurder Kommunikation und sinnfreier Statements nicht, sondern gibt den vom Standpunkt der Kamera aus neutralen Einblick in verschiedene Unternehmen und in die Weisen von Unternehmenskommunikation wieder: Unilever, Kienbaum, accenture, die Deutsche Post, zudem wird ein Trainingslager für Arbeitsteams gezeigt (Ellernhof Training). Der Film wertet all das nicht, sondern zeigt Bilder, Szenen, Dialoge: wie Menschen im Gespräch in einem Assessment-Center antworten, wenn sie gefragt werden, auf welche Weise Schulungen von Abteilungsleitern stattfinden. Er zeigt Manager, welche die Selbst- als auch die Fremdoptimierung versuchen, damit’s noch besser läuft und der Zwang nicht mehr registriert werde – die Anästhesie gerät total, die Subjekte sollen nichts merken, um dafür dann umso härter und strammer zu arbeiten – das dann aber mit Freunde.

Vermutlich gibt es sogar Menschen, die aus dem Kino kommen und nach diesem Film für sich ausmachen, wie sie noch effizienter arbeiten können, um ihrem Unternehmen zu dienen. Der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital kann in seiner solchen Sicht vorauseilender Affirmation freilich nicht mehr erkannt werden.

Die Angestellten verkaufen zwar immer noch ihre Arbeitskraft: Aber sie gehen nicht mehr, wie einst üblich, um 9 Uhr in den Betrieb und verschwinden von diesem abartigen Platz dann um 17 Uhr 30 wieder, in dem Wissen, daß sie nicht eine Minute länger bleiben wollen, weil sie die entsprechende Ware, wenngleich als disparitätisches Verhältnis, für den Lohn nun dargeboten haben, sondern bleiben, solange es erforderlich ist: fungible und allseits verfügbare Wesen. Kein Zwang soll entstehen: keine(r) soll daran erinnert werde, daß sie/er arbeitet.

In dieser schönen neuen Arbeitswelt schwinden die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit: am Kicker, an der Orangensaftmaschine als kommunikativem Meeting Point – und nach der Arbeit läßt man sich im Crossfit Bootcamp vom Crossfit gestählten Chef trainieren, weil man’s für im laufenden Jahr geleistete gute Arbeit zu Weihnachten als Prämienleistung geschenkt bekommen hat, und freuen sich hinterher über die exorbitante Anstrengung, daß einem jedes Körperteil weh tat, und schmunzeln, weil es in diesem Crossfit-Camp genau so und nicht anders zugeht, wie es ein Spiegel-Online-Redakteur auf SpOn beschrieben hat, beim Lesen dieses Spiegel-Textes. Und flugs sind die Trainierten fit und noch besser einsatzbereit für den nächsten Arbeitstag. Ihre eigene Demütigung, die sie erfahren, bemerken sie dabei nicht mehr. Die Selbstreferenzialität der Verstumpfung und des Selbstverfehlens hat genau da ihren Ort, wo die Reflexion auf solche Mechanismen aussetzt und alles in das fröhliche Mitmachen um des Spaßes und der Leichtigkeit willen umgelabelt wird. Und dies eben ist der Ausfluß einer (falschen) Postmoderne der allgegenwärtigen Ironisierung und Eventisierung aller Lebensbereiche, wie sie in den 80er des letzten Jhds ihren Ausgang nahm. „Warum leben, wenn man schon für 10 $ tot sein kann“!“, wie ein Begräbnisinstitut sehr passend und zynisch in den USA warb und ebenso Florian Illies‘ schwachsinnige „Generation Golf“ gehört mit dazu. Meldet man gegen diese Form der Gehirnwäsche Protest an, so heißt es, man solle nicht derart humorlos sein – es sei das doch alles spaßig gemeint.

Die Zeit der Stille, welche die Subjekte dennoch neben der Arbeitswelt benötigen, wird dann in den Quatsch und den höheren Blödsinn der Esoterik, ins asiatische Denken oder in sinnloser Freizeitaktivität verpackt. Das Ich gerät zur unerschöpflichen Ressource für die Welt der Arbeit. Daß diese Welt eine solche ist, die auf den Müllhaufen gehört: auf diese Idee kommen die wenigsten. Es findet in solchen Programmen, die sich bis in die Freizeit hineinverlagern, die umfassende Optimierung des Subjekts statt.

Diese Verquickung von Arbeit und Freizeit, welche sich angleichen, registrierte bereits Adorno Mitte der 40er Jahre in den „Minima Moralia“:

„Während der Struktur nach Arbeit und Vergnügen einander immer ähnlicher werden, trennt man sie zugleich durch unsichtbare Demarkationslinien immer strenger. Aus beiden wurden Lust und Geist gleichermaßen ausgetrieben. Hier wie dort waltet tierischer Ernst und Pseudoaktivität.“
(Theoder W. Adorno, Minima Moralia, GS 4, S. 148)

Diese Trennung freilich ist im Zeichen der IT- und Werbe-Welten, die ihre Mitglieder mit den Events ködern, aufgehoben. Der Film zeigt das zwar lange nicht so drastisch, aber schon die präsentieren Szenen hinterlassen den Zuschauer ratlos. Und zugleich: jeder kennt diese Arbeitswelt. Die Weisen des Widerstandes werden mit System abgegraben, die Reflexion auf die eigenen Bedingungen werden den Subjekten von jenem System der Leistungsoptimierung und der Verwertung mit Macht ausgetrieben.

Die wohl groteskeste Szene spielte sich im Ellernhof Trainingscamp (Sitz in der Lüneburger Heide) ab: Die dort dargebotenen Rituale und die den Mitarbeitern abgepreßten Bekenntnisse im Klettergarten gleichen fatal den Mechanismen einer Sekte wie Scientology. So sagte einer der Traktierten vor versammelter Mannschaft beim Klettertraining, vor dem Sprung aus der Höhe in die Tiefe: „Ich werde demnächst noch mehr kommunizieren – was dann heißt: Mehr Umsatz!“ Und es hat gute Gründe, weshalb diese Sekte gerade im Bereich der Wirtschaft so ungemein erfolgreich ist. Scientology ist der auf den Punkt gebrachte verdichtete Kapitalismus, der sich hier als das zeigt, was er an sich bereits ist: ein totalitäres System. Die Fabulierer von der offenen Gesellschaft (beim Popper-Freund Helmut Schmidt angefangen) sollten ihre Reflexionsleistung womöglich etwas mehr auf diese Bedingungen richten.

Systematisch auch die versteckte Demütigung der Ellernhof-Delinquenten: Da mußten im Trainingscamp die vier Mitarbeiter mit verbundenen Augen in eine Art unterirdisches Holzverlies steigen (ähnlich stelle ich mir die Entführung von Arbeitgeberpräsidenten durch die RAF vor) und sich in diesem beengten Raum des Hindernisparkours mit verbundenen Augen orientieren und einen Ausgang finden. Teamplay ist gefragt. Dabei wurden sie von einer Kamera beobachtet, und im Außenbereich analysierte der Trainer die Verhaltensweisen. Bevor einer zum anderen spricht, um gemeinsam die Aufgabe zu meistern, mußte er vor Sprechbeginn in ein kleines Pfeifchen tröten. Redete der nächste, wurde wieder getrötet.

Und dann erfolgte die Teambesprechung: Zum Schluß stellte der Schulungsleiter diese Frage: „Und was nehmt ihr von hier mit nach Zuhause in euren Betrieb?“ Nach Zuhause in euren Betrieb: Suggestiver kann man eine Koppelung von doch eigentlich eher getrennten Sphären nicht betreiben. Die Identifikation mit dem, was ist, muß total sein.

An „Work Hard – Play Hard“ ist jedoch zu kritisieren, daß dieser Film nicht an die Wurzel geht, was man aber bei einer Koproduktion von Arte und ZDF nicht wird erwarten können, denn schließlich kommt dieser Film irgendwann ins Fernsehen. Der Film reißt an, bringt die gezeigten Bilder jedoch nicht in eine neue Anordnung, die das, was sowieso schon der Fall ist, übersteigt. Dadurch wirken manche Szenen am Ende doch eher harmlos. Andererseits hätten es die Unternehmen kaum zugelassen, daß aus ihren Häusern heraus noch härtere und groteskere Szenen gezeigt würden. Sehenswert zumindest ist der Film, wenngleich sich das Groteske dieses Systems sicherlich noch sehr viel mehr auf die Spitze treiben ließe. Aber dazu müßte man dann ins Theater gehen und sich die Stücke von Christoph Marthaler ansehen, weil die Monotonie dieser Arbeitswelt samt ihrer Absurdität dort bestens in Bilder transformiert wird.

Ja, Sand im Getriebe sein – es ist Erich Honeckers bester Satz, als er sagte: „Aus unseren Betrieben ist noch viel mehr herauszuholen!“: Daran sollten wir ruhig öfter denken und uns daran halten und zum Abschluß dann das Video von Deichkind uns ansehen: „Bück dich hoch“. Es bringt „Work Hard – Play Hard“ zumindest in einer lustigen Variante auf den Punkt. Aber am Ende ist auch diese Welt des Pop – hier dargeboten von „Universal Music Group“  – bloße Kompensation und bereitet zum nächsten Mitmachen vor, weil es das kathartische Lachen heraufbeschwört.

In den 80er Jahren hieß einmal ein Werbeslogan von Danone: „Früher oder später kriegen wir euch alle!“

Hamburg und eine Nebenbemerkung zur Gentrifizierung

Dieses Wochenende muß der Blog geschlossen bleiben, denn es geht zu einer lange erwarteten Party nach Hamburg. Beim Aufenthalt in jener Stadt werden zudem Photographien vom Hafen, am besten südlich der Elbe und auf der Veddel, gemacht und demnächst hier gezeigt – vielleicht auch von anderen Orten. Einige Photographien von Hamburg gibt es schon einmal hier zu sehen.

Vor einige Zeit hielt ich mich bereits in Hamburg auf; und dort verabredete sich mit mir abends eine Frau in einem Restaurant namens „Bullerei“. Solche Lokalitäten sind nun Inbegriff dessen, was sich Gentrifzierung eines Viertels – hier: des Schanzenviertels – nennt. Hochpreisniveau, welches weiteres Hochpreisiges nach sich zieht. Das Hochpreisniveau als solches ist nicht das Problem, wenn es bei einem oder zwei Restaurants bliebe, was aber naturgemäß ein widersinniger Wunsch ist, welcher aus dem Heile-Welt-Denken heraus geboren wurde.

Sicherlich: qualitativ hochwertiges, gut zubereitetes Essen kostet nun einmal etwas mehr Geld. Wobei dieses Restaurant eher den Charakter eines überlaufenen Speisesaales besitzt, nur leider nicht so gemütlich und angenehm wie etwa „Chartier“ in Paris. (Eigentlich aber ein Quatschvergleich, weil das zwei ganz verschiedene Räumlichkeiten und Gebäude sind. Das „Chartier“ entspringt der Welt der Pariser Passagen, die „Bullerei“ zehrt von der Backstein-Werksarchitektur.) Man geht in die „Bullerei“, weil alle dahingehen. Reflexionslosigkeit im Ausgehen. Der Wein ist allerdings sehr gut dort, aber der Ort besitzt keinen Stil, keine Aura und keine Atmosphäre. Ich wußte nicht, ob ich nun lachen oder weinen sollte, als der Barmann beim Einschenken eines Glases Riesling und als er mit mir sprach, mitten im Akt des Vollzuges sich bei mir dafür entschuldigte, daß er mich beim Sprechen nicht angeschaut habe.

Eigentlich wollte ich diese Kritik an der Gentrifizierung im Hinblick auf ihre idiotische Moralität, mithin die darin enthaltene moralische Komponente des Das-tut-man-aber-nicht, kritisieren. Alles soll nur schön bleiben, wie es ist und böse Restaurants nicht das Viertel kaputt machen. Die schöne Welt der Bürgerstöchter und -söhne darf keinen Schaden leiden. Kapitalismus wird kritisiert, weil er so böse Sachen macht. Ja, woher mag das wohl kommen? Solche naive Kritik verkennt aber die Lage. Denn der Kapitalismus kann nur so sein, wie er ist, er „handelt“ seinem Wesen gemäß, und es verhält sich ganz stringent und folgerichtig, daß ein Restaurant wie die „Bullerei“ eben dort eröffnet, wo es aufgemacht hat. Die Menschen werden, sobald das sogenannte „soziale“ der Marktwirtschaft abnippelt, mit einem Male ganz bekümmert. Ohne dabei aber in ihrer Sorge oder ihrem Ärger das Wesen zu treffen, nämlich in eine Kritik an den Systemstrukturen überzugehen, bleibt solche Moralisierung hilflos und arbeitet nur darin mit, daß das, was ist, so bleibt wie es ist. Als ob man kapitalistisches Wirtschaften mit Reformen und winzigen Änderungen an den Stellschrauben bessern könne. Aber ich habe im Grunde gar keine Lust dazu, dieses Thema heute auszuwalzen. Richtig ist allerdings, daß es kritisiert und bekämpft werden muß, wenn ganze Viertel umkippen. Doch ohne ein Maß an Theorie, welche Einblick in die Strukturen von Kapitalismus nimmt, ist gelingende, d.h. treffende Kritik aber nicht möglich. Aber auch das ist im Grunde keine ganz neue Erkenntnis. Was nicht geht: sich irgendwo in Neukölln oder Kreuzberg seine Kuschelecken zu bewahren, damit es dort nur schön flauschig bleibt. Es gibt keine Freiräume. Kein Ort, nirgends. Und gegen die Insistenz eines Systems helfen auch kein Yoga oder asiatische Versenkungskünste.

Und ansonsten aber gilt, etwas sprunghaft gedacht: Es ist wieder mal ein Rock’n’Roll-Freitag: