Nora Bossongs „Rotlicht“, die Temperatur des menschlichen Körpers und Todestage (Antonio Gramsci)

Nora Bossong taucht in ihrem neuen Buch „Rotlicht“ ins Milieu ein, sie recherchiert und betrachtet die Varianten des käuflichen Sexes. Diesmal also ein Sachbuch. (Eine Kritik zu „Rotlicht“ gibt es bei „tell – Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft“.) Ein Laufhaus auf St Pauli, einer der größten Straßenstriche Europas in Dortmund, wo die bulgarischen Frauen anschaffen, die „Venus“-Erotikmesse, aber ebenso die sanften Varianten wie ein Wohnungsbordell oder ein Tantra-Salon für erotische Massage.

Mich hat dieses Buch nicht überzeugt, zu erwartbar sind Bossongs Eindrücke, ich entdecke keine neuen Perspektiven und sehe nichts, das ich nicht vorher und ohne Bossong auch wußte. Wer einmal eine Erotikmesse wie die „Venus“ besuchte oder in einer Table-Dance-Bar weilte, weiß ungefähr, wie es in diesem Gewerbe vor den Kulissen zugeht. Da wäre es für eine Recherche spannend gewesen, etwas genauer hinter die Kulissen zu blicken und sozusagen tiefer zu recherchieren. Sich nicht nur von den Eindrücken treiben zu lassen und diese zu berichten, wenngleich diese Schreibe aus dem Subjektiven heraus im Moment en vogue ist. Sozusagen die Knausgardisierung der Reportage als Erlebnisbericht.

Bossong kritisiert die Verhältnisse, kritisiert den Trend, Sex als Leistungssport zu nehmen, kritisiert auch, von bürgerlicher Warte (meiner nicht fremd) die Kapitalisierung des Sex. (Das kann man machen, man sollte sich darüber nur nicht erstaunt zeigen, denn das ist naiv.) Sie wappnet sich mit Theorie. Ja, ich habe mir von Nora Bossongs Buch mehr erwartet.

Es ist schade, daß Bossong an ihrem Gegenstand scheitert oder zumindest, wenn man es nicht derart harsch schreiben möchte, da ich Nora Bossongs Literatur schätze, ihn verfehlt. Denn ihr Roman „36,9°“ über den Kommunisten Antonio Gramsci las ich angeregt; mir gefiel das Buch. In der Konstruktion und der gegenstrebigen Geschichte zweier Protagonisten aus zwei verschiedenen Zeiten ist dieser Roman gelungen. (Ich habe den Roman an dieser Stelle besprochen.) Auch dieses Buch handelte vom menschlichen Körper – ein Thema, das Bossong in ihrer Prosa umtreibt. Allerdings ist es im Falle Gramscis ein Körper in seiner verzerrten, deformierten Variante. Es heißt bei Bossong:

„Wenn jemand klein war und ausgerechnet als Mann, wenn er so wenig maß, dass es den anderen wie eine Verwachsenheit, ja wie eine Verzwergung erschien, dann sollte er sich entweder an einem bestimmten Punkt des Lebens von der Sinnlichkeit verabschieden, und je früher, desto besser, desto weniger Quälerei, dann sollte er sich ein Gehäuse aus Gedanken bauen oder vielmehr wachsen lassen, wie es die Schnecken tun und sich dorthinein zurückziehen.

Das war die eine Möglichkeit.

Oder aber er trainierte sich ein solches Übermaß an Sinnlichkeit an, dass sie die Umgebung stutzig machte, dass man nicht mehr aus noch ein wusste und niemand mehr sah, wer er war oder was oder wie groß. Der eigene Körper musste unter steter Spannung stehen.“

Wir finden uns in einer sehr katholischen, kommunistischen Passionsgeschichte wieder. Wir begegneten jenem Leib, der im Gefängnis, in unerträglicher Haft nur noch als Kopf agieren kann, und im Rückblick des Erzählens auch als jener Körper, der er einst war. Der Körper suchte die Liebe. Aber nur schwierig findet er sie und muß die Liebe doch lassen. Um der Sache willen. Parteidisziplin und die Passion zu Italien. Und auf der anderen Seite, Jahrzehnte später, betrachten wir jenen kalten Wissenschaftler Anton Stöver, einem ganz anderen linken Milieu entwachsen und mit diesem abrechnend. Stöver ist Wissenschaftler, er forscht über Gramsci. Ihn treibt die Lust am Körper, aber es ist der fremde Körper, nicht der seiner Frau. Er betrügt sie, noch während der Schwangerschaft. So souverän wie Bossong in „36,9°“ erzählt, so sehr verliert sich dieses Interesse in „Rotlicht“.

Ganz passend zu diesem Roman ist heute der 80. Todestag von Antonio Gramsci. Protokollarisch schreibt Bossong von diesem Tod, krudes Faktum der Geschichte und geborgen wird am Ende eine höchst kostbare Fracht, Frucht des Geistes:

„Um zehn endlich öffnete man ihm die Adern.
In der Nacht lassen die Ärzte einen Priester kommen

Halb schlafend, halb wachend sitzt Tanja an seinem Bett, sie hat die ganzen Stunden bei ihm ausgeharrt.
(…)
Am Morgen des 27. April 1937, um zehn Minuten nach vier, gibt sie auf.

Noch am selben Morgen trägt Tanja Schucht einen Stapel Hefte aus der Klinik, ein Konvolut aus Notizen, das als Gefängnishefte des Antonio Gramsci berühmt werden wird, der vor wenigen Stunden an Entkräftung gestorben ist, an einer vorangegangenen Hirnblutung, an der schlechten Gefängniskost, an den Wärtern, die ihn vom Schlaf abgehalten haben all die Jahre, ihn mehrmals in der Nacht aufweckten, er stirbt am Ausbleiben der Briefe Julias, an Paranoia, an Stalins Führung, an Mussolinis Italien, an sich selbst. Von all dem steht nur wenig im ärztlichen Protokoll.

Erneut ist es allein ihrem Geschick zu verdanken: Dass sie die Schriften jenes Mannes hinausträgt, den das faschistische Regime stimmlos hatte machen wollen.“

Auch hier, in dieser Sterbestunde, in diesem Krankenzimmer, in diesem Roman sind es – wie im Rotlicht – die Frauen als eine Art Passiv, die ihren Teil beitragen, jedoch als läßlicher Rest unter den Tisch fallen, wenn die Legenden erzählt werden. Der Roman von Bossong macht diese seltsame Liebe Gramscis zu den beiden Schwestern, die Passionsgeschichte eines Revolutionärs wieder lesbar. Eine Intimität, die berührt.

Und weil ich mir nach langer Zeit einmal wieder meine Photographien von Hamburg St. Pauli betrachtete, zeige ich auf AISTHESIS einige alte Bilder. Manches davon gab es hier bereits zu sehen, aber diese Wiederholung macht die Photographien kaum schlechter.

 

Pariser Ansichten (2) – Camus und Foucault, auf meinem Weg in die Unterwelt

Orphisch verdreht, die alte Leier, die alten Lieder, es blüht der Flieder. Wieder. Jedes Jahr wieder. Na gut. Ich pflege den Ennuie, der zum Spazieren unerläßlich ist. Absurder Baudelaire-Abklatsch zwar, aber es geht nicht anders und unerläßlich für mein Unterfangen, in jener Großstadt Paris zu wandeln. Pathos als Bathos als Pseudopathos.

[Nach Hegels Ästhetik ist Pathos ein für die Kunst Unerläßliches:
„Das Pathos nun bildet den eigentlichen Mittelpunkt, die echte Domäne der Kunst; die Darstellung desselben ist das hauptsächlich Wirksame im Kunstwerke wie im Zuschauer. Denn das Pathos berührt eine Saite, welche in jedes Menschen Brust widerklingt, jeder kennt das Wertvolle und Vernünftige, das in dem Gehalt eines wahren Pathos liegt, und erkennt es an. Das Pathos bewegt, weil es an und für sich das Mächtige im menschlichen Dasein ist.“ (Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik)
Baudelaires Ennuie und Hegels Pathos der Kunst in eine Konstellation bringen. Gegensätzliches zusammensetzen Schnittstelle: Karl-Heinz Bohrer?)]

 Ich steige in die Tiefe, in die Hölle, ich steige in die Metro, fahre zwei Stationen, steige wieder aus, schlendere den Boulevard entlang, daran am Rand zur Fahrbahn grüne Mülltonnen stehen, die zu den Häusern gehören. Die Papierkörbe der Stadtreinigung jedoch sind mit durchsichtigen Plastiksäcken ersetzt, damit niemand große, schwere, explosive Gegenstände hineinlegen kann.

Distanz und Teilnahmslosigkeit: Lediglich zu registrieren. Augen wie Photoapparate. Ich bin ein Fan der Google-Datenbrille, die ständig Bilder macht – gerade fürs diskrete Ablichten von Menschen unerläßlich, weil dieses Gerät noch relativ unbekannt ist. Verstecke für Photoapparate ersinnen, wie dies Walker Evans in New York für seine Subwayphotos tat. Aber diese Brille sollte und darf eigentlich nicht für jeden bestimmt sein. Das Problem liegt in der Masse. Andererseits schätze in den elitären Herrenreitergestus des Pseudo-Nietzscheianers wenig. Sich fern halten. Geht das? Statt solidaire solitaire, wie Camus es in „Der Fall“ oder „Der Fremde“ entwickelte und wie er es in „Die Pest“ wieder umkehrte. Wenn ich Camus wiederläse, lösten diese Romane dasselbe bei mir aus wie damals beim 16jährigen? [Das Verb ennuyieren liebte ich als Jugendlicher und gebrauchte es fein affektiert.] Das Pathos und dieses so direkt Existenziale wären, was Jugend aufwühlt wie sonst nur Wedekinds „Frühlingserwachen“ oder Goethes „Werther“, und schmölzen am Ende und im Prozeß des Alterns dahin. Ungerecht sicherlich, daß Camus von Foucault geschmäht wurde. Foucaults Kritik am Humanismus ist nicht von der Hand zu weisen, und es kam mittels poststrukturaler Philosophie ein neuer Ton ins Denken der französischen Subjektphilosophie. Im Nachgang aber sind die alten Debatten eben nichts als alt und vergangene Dispute: als säße man in den späten 70ern noch im Café de Flore oder im zehnten Stock des Seminars im Turm, und es könnte dennoch Camus heute vielleicht in einem anderen Licht noch einmal gelesen werden. Abgeklärter sind wir geworden. In den Jahren. Was tun? Nach dem Flanieren? Nach dem Flanieren ist Schreiben der bessere Stil.

„Für den Intellektuellen ist unverbrüchliche Einsamkeit die einzige Gestalt, in der er Solidarität etwa noch zu bewähren vermag. Alles Mitmachen, alle Menschlichkeit von Umgang und Teilhabe ist bloße Maske fürs stillschweigende Akzeptieren des Unmenschlichen. Einig sein soll man mit dem Leiden der Menschen: der kleinste Schritt zu ihren Freuden hin ist einer zur Verhärtung des Leidens.“
(Adorno, Minima Moralia)

Dies schrieb Adorno 1944 im US-amerikanischen Exil an der Pazifikküste in den „Minima Moralia“ Der Aphorismus heißt „Herr Doktor, das ist schön von Euch“ – jener Satz des Famulus Wagner aus dem „Faust“. Ähnliches gilt für den Photographen: unverbrüchliche Einsamkeit beim Spazieren. Wobei ich Adornos letzten Satz skeptisch lese. Leid wird sich so oder so perpetuieren. Den Menschen die gesellschaftlichen Widersprüche, die eigentlich eklatant vor Augen liegen, wieder und wieder vorzuhalten. Ja, richtig, aber bei vielen Linken führte diese Sicht zu einer vollständig humorbefreiten Haltung. Die neue Frankfurter Schule war in diesem Sinne ein Ausbruch aus dem versteinerten Korsett, ein Weg aus dem Stillstand. Wie auch der frühe Punk und ein daran gekoppelter politischer Hedonismus. Diesen Genuß zu schätzen, gar zu zelebrieren und den Gebrauchswert nie gering zu achten, wußten immer schon die Pariser Intellektuellen (Na ja, einige und einige Deutsche auch. Ist ja eine Typusfrage und keine der Nation nur.) Freilich brauchtʼs dafür in Paris Geld. Ansonsten isste zähes Fleisch, das sich Entrecôte nennt, mit dürftigen Pommes, die an den Enden braun oder schwarz geraten sind, daß ich erst dachte, da hätte jemand Stücke von Schwarzwurzeln zugetan oder angeklebt (wo immer diese Färbung herrühren mag) und Salatblattbeilage. Klägliches Mahl. Auch nicht so schön. Da lieber deutschen Spargel. Zeit ist.

Mein Grandhotel Abgrund – auch am Platz der Republik, wo in Paris der soziale Protest traditionell seinen Ort hat. Bis heute hin, bis zu Nuit Debout. Eine gute Sache. Sicherlich.

 

Gone, but without the wind – Dahlems Südsee und die Indianer in der Ethnologischen Sammlung

Wer je vom „Wunsch, Indianer zu werden“, besessen war, so der Titel einer Erzählung Kafkas, der wird in unbändiger Vorfreude nach Dahlem gereist sein, um die Räume der ethnologischen Sammlung zu bestaunen. Gar nicht weit von diesem Museum entfernt, in der Grunewaldstraße, wohnte die letzten Jahre seines Lebens Franz Kafka. Zwar wurde das Museum in Dahlem bereits 1921 fertiggestellt, und so hätten Kafka und seine Geliebte Dora Diamant durchaus in den Hallen spazieren können, aber bezugsfertig waren die Räume erst fünf Jahre später. Insofern konnte Kafka all die fremden Objekte aus Übersee nicht mehr betrachten. Es hätte ihm, der das Außergewöhnliche so genau zu beobachten verstand, vermutlich behagt, vor diesen – in seinen Augen – Sammelsurien fremder Welten zu verweilen. Nun ist seit gestern Schluß mit der Südseesammlung wie auch mit den Räumen zu Indien und den nordamerikanischen Indianern, weil der Umzug ins Humboldtforum vorbereitet wird. Keine Südseeboot mehr, kein Südseehaus. Keine Masken, Ketten, Armbänder und Lanzen, und die Totenschädel der Ahnen, die geschnitzten Seefahrpläne in Kisten verpackt und auf Jahre unsichtbar. Alles das soll ins Humboldtforum, sprich ins neue Berliner Stadtschloß verbracht werden.

Zum Schloß stehe ich relativ entspannt – zumal als Leser der Kafkaschen Prosa weiß ich gut von den Unerreichbarkeiten und den Landschaften aus Schnee. Mich stört das rekonstruierte preußische Stadtschloß nicht. Es gibt schlimmeres. Man hätte unbedingt den Palast der Republik lassen müssen – daß er in grobschlächtiger und Geschichte klittender Intention abgerissen wurde, ist der eigentliche Skandal. Alles andere, was sich z.B. in Mitte abspielt, ist mir gleichgültig. Nicht ganz gleichgültig jedoch ist mir der Umzug der ethnologischen Sammlung. Für Dahlem und für eine dezentrale Museumslandschaft, die nicht nur um der Touristen willen, sondern ebenso für die Bewohner dieser Stadt („Völker der Welt“ tönt es noch in meinen Ohren. Ach, die gute alte schlechte Zeit) geschaffen sein sollte, ist der Auszug ein herber Verlust. Zumal sich im Völkerkundemuseum Objekte und Räume auf eine fast magische Weise verbunden haben. Das wird andernorts und in dieser Tradition so nicht wiederholbar sein. Das Dunkle der Südseeräume, das Abgelebte, die Patina, die sich über Ding und Raum gleichermaßen legte; die schönen, uns Europäern so fremden Boote, prachtvoll schnitzten ihre Erbauer Motive und Ornamente ins Holz; Schiffe, von denen man gar nicht glauben kann, daß mit ihnen der Ozean befahren wurde – „hochseetüchtig“ wie auf einer der Beschriftungen steht – das große Südseehaus in der Mitte des Saals, die Scharen von Kindern, die das Haus bestiegen und Eingeborene spielten oder darin bloß lungerten, die in die Boote sich hievten, die die Masken, die Amulette und Gefäße hinter den Glasvitrinen betrachteten.

Schiff_aus_Luf_1890_Berlin-Dahlem

Gleiches galt für die Erwachsenen, deren Phantasie das Museum entfachte. Ach, die Lust am Fetisch. Am magischen Objekt. Schwülstig aufgeladene Welten aus Dschungellandschaften, die wir zu den Objekten imaginierten, die Hitze der Tropen, Traumpfade fast, auf denen ich schritt und beschaute, ohne viel zu wissen, was sich real hinter den Dingen verbirgt und wozu sie einst dienten. Tot nun und aus ihrem sozialen Kontext gerissen, lagern sie hinter Glas in Vitrinen. Manchmal von Völkern fortgenommen, die es lange nicht mehr gibt, manchmal geraubt, ohne viel zu fragen. Und so wird von dem, was ansonsten der Vergessenheit anheimfiele, im Museum dennoch ein kleines Stück gewahrt. All die Lust und Freude, wenn wir das uns Fremde beschauen. Ein Stückchen Bildung natürlich, aber genauso lud ich dieses Vorhandene als ein für mich imaginär Zuhandenes auf. Auf diese Weise unter dem belebenden Blick befreien sich die Objekte von ihrem Dingcharakter und geraten in der Phantasie lebendig. Gar nicht tot, nicht mehr starr. Diese Spaziergängen nach Dahlem und das Flanieren durch Räume, die alltags und sogar an Wochenenden oft völlig leer waren, hören nun auf: vorbei auch diese Indianerjahre, die mit Kindheit, Prairie, lauern hinter Büschen und den Lederstrumpffilmen zu Weihnachten besetzt waren. Die letzten Tage war es in den Sälen noch einmal voll und viele Menschen kamen, um sich Fremdes anzuschauen, was nun verschwindet. Indianerschmuck, Büffelhaut, Tipis, die Bilder vom Sonnentanz.

Einen Teil der Objekte werden wir dann im Humboldt-Forum wiedersehen. Die Eröffnung ist auf den Dezember 2019 terminiert. Besser freilich wäre es gewesen, die Räume im Humboldt-Forum für solche Bilder, Objekte, Zeichnungen zu nutzen, die ansonsten in den Kammern und Depots der Museen verfaulen, ohne daß sie irgendwer zu Gesicht bekommt.

Es heißt nun Abschied zu nehmen von einer Berliner Institution. Traurig. Und dumm.

Aber es bleibt – zumindest in den Welten, wo wir zu Hause sind und uns gedeutet oder ungedeutet so unendlich gut auskennen – immer die Möglichkeitsform, der Optativ gar, daß alles ganz anders wäre und nichts, rein gar nichts so ist wie es ist: Unsere Fluchten und Himmelfahrten: sie spielen sich in der Phantasie, im Phantasma, eben im Ästhetischen ab:

„Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.“ (Franz Kafka)

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Nachtrag: Ich müßte nun irgend etwas zu David Bowie schreiben. Das wird nun auf allen Kanälen, auf Blogs und in den Online-Zeitungen kommuniziert. Aber ich habe mit seiner Musik niemals etwas anfangen können. Insofern läßt mich sein Tod seltsam unberührt. Wie mir überhaupt der Tod von Popgrößen nicht sonderlich nahegeht. Es ist doch alles nur Pop.

Photographie Südseeboot: Andreas Praefcke – Eigenes Werk (auf Wikipedia)

Every Me, every You: Epiliert die Revolte, aber laßt die Bikinizone in Ruh! Sowie ein Blick auf die Berliner Art Week und auf Roland Barthes

Oft denke ich mir, wenn ich den Zündschlüssel gezogen habe und aus dem am Straßenrand geparkten Auto steige, daß plötzlich einer dieser großen Wagen herangefahren kommt, die sich SUVs nennen oder Laster. Ich übersehe das herannahende Gefährt, weil ich in meinen Gedanken woanders bin, und es reißt mir die bereits geöffnete Autotür ab. Das ist in Hamburg passiert. Nicht mir, sondern meiner Fahrerin. Wir saßen im Citroën, die damals noch junge Frau öffnete ihre Tür, sortierte sich, um auszusteigen, und es rauschte eben wie aus dem Nichts heraus und in Eiltempo ein LKW heran. Es krachte, lärmte, schepperte, dann flog die Autotür scheibensplitternd die Straße entlang. Der Laster fuhr weiter. Es wurde niemand verletzt. Die Frau weinte, mir fielen keine tröstenden Worte ein, außer dem Satz, daß es schade um den schönen Citroën sei. Ich schließe die Tür des Wagens, unbehelligt, und schlendere zur Fahrbereitschaft Lichtenberg, um Kunst zu schauen. Spazierend denke ich mir: Weshalb die Art Week besehen, wenn ich ebensogut ins Dong Xuan-Center gehen kann, wo es viel interessantere Objekte zu betrachten gibt. Da lebe ich sechzehn Jahre in Berlin und war nie bei den Vietnamesen in Lichtenberg. Eigentlich ein Stadtteilname, der mir zusagt, wenn ich an den Aphoristiker aus Göttingen denke. „Fragmente von Schwänzen“. Asiatische Männer sollen kleine Schwänze haben, wird behauptet. Eine Freundin hatte einmal mit den Vietnamesen zu tun. Aber das war eher ermittlungstechnisch. Eine andere gab einem jungen Vietnamesen Nachhilfe. Leider hat er jene Freundin nicht gut verstanden. Sie ist Polin, vielleicht hat sie mit ihm in ihrer Heimatsprache geredet. Die verstehe ich ebensowenig. Ich habe mir in Warschau nicht einmal die Begriffe „Danke“ und „Bitte“ auf polnisch merken können oder nicht merken wollen. Wenn das Putzmädchen mein Hotelzimmer reinigte und ich noch im Raum mich aufhielt, entgegnete ich schlicht „Thank you very much!“

Eine Freundin sagte über meine Photographien, ich könne keine Menschen abbilden, finde keinen Zugang zu ihnen, deshalb gelinge es mir niemals und würde mir auch nie gelingen, gute Bilder von Menschen im Blog oder anderswo zu zeigen. Ich denke, die gnadenlose Madame hat recht.

Weshalb also sollte ich auf die beiden Messen der Berlin Art Week gehen, wenn ich all die Kunst und die Environments jeden Tag in der Stadt erleben kann? Vor allem stören mich die vor den Werken dämlich und dünn Daherschwätzenden. Ich ertrage diese Nähe nicht einmal mehr physisch. Wenn es wenigstens kluge Sätze wären, die mir neue spannende Aspekte zeigten. Aber meist sind es deklamatorische Ausrufe. „Ach, dieses Blau! Wie von Klein!“ „Nein, das Blau von Yves Klein sieht ganz und gar anders aus!“, möchte ich dann dazwischen rufen. Ich möchte all das nicht, will nur die Dinge sehen. Objekte. Stille, eine Struktur ohne Menschen. Objet trouvé, vorbeizugehen an Staub, Schmutz, Trödel und Tand. Mehr nicht.

Eigentlich vermag es eine Anordnung von Photographien in Serie nicht, die Einsamkeit der Dinge, die absolute Dinghaftigkeit, das Objekt als Objekt oder die Szene als bloße Szene festzuhalten. Nichts ist unheimlicher als ein Supermarktparkplatz um 12 Uhr mittags, schrieb Raymond Chandler. Photo-Serien erzählen in einem bestimmten Sinne immer auch eine Geschichte. Schließt solches Erzählen das von Roland Barthes konstatierte punctum aus? Jenes besondere und einzigartige Moment einer Photographie, das den Betrachter wie aus dem Nichts heraus anspringt, ergreift und ihn „durchbohrt“ (R. Barthes). Das punctum hängt am Detail. Doch auch das Objekt als Objekt muß kein punctum evozieren: Jene „Lust am Bild“. Barthes so eigenwillige und vollständig subjektiv aufgeladene Rezeptionstheorie. [Aus diesem Grunde ist es wichtig, Barthes in seinem Buch „Die helle Kammer“ als Schriftsteller zu lesen und nicht bloß als einen (strukturalistischen) Theoretiker.] Serien erzählen, sie liefern eine Ordnung, die das Einzelne und das in der Zeit Vereinzelte anders gruppiert. Nicht aus der Zeit heraushebt, das wäre falsch, sondern die Zeit anders justiert und ausrichtet. Das narrative Moment, wie es heute mit leicht inflationärem Gebrauch so dahingesagt wird, baut um die Bilder einen Rahmen, der aus Sprache besteht. Nein, ich will keine Geschichten erzählen.
 

Berlin-Wedding, Ecke Ackerstraße

So sprang mich das Wort vorgestern auf der ersten Seite des „Zeit“-Feuilletons an. Na, wie denn, wo denn, wat denn, klar, den Namen kennste doch, böllerte ich in meinem fettesten Bolle-Berlinerisch in der Küche feist vor mich hin! Armeleutegegend. Biermilieu. Engelhardt macht den Stengel hart, dichtet der berliner Baustellenpoet immer wieder aufs neue. „Am westlichen Ende der Ackerstraße“ hieß eine Reportage, die Moritz von Uslar in der „Zeit“ über jene Straße am Rande des Weddings schrieb. Nun wunderte ich mich zwar, was ein solcher Text mit Lokalkolorit im Feuilleton sucht: Einblicke für Nicht-Berliner? Arme begucken für Bildungsbürger? Street Credibility für gestandene Feuilletonleser, die nicht nur in Kultur machen, sondern auch einmal die Welt der anderen sehen möchten, nachdem sie von Biennalen, Bildern und Büchern gesättigt sind? Belustigung oder Sozialreportage? Unterschichtis gucken gehen und Hartz IV als hippen Szene-Gag irgendwie lustig und witzig finden wie weiland der Kreuzberger Dummspecht Seeliger? Ganz so schlimm denn doch nicht. Uslar kann distanziert schreiben, und er schaut sich gerne bei denen da unten um. Das kennen wir bereits von seiner Brandenburg-Reportage aus dem Ort Zehdenick, wo er drei Monate in einer, wie er es nannte, „teilnehmenden Beobachtung“ im Landkreis Oberhavel unter Tankstellenjugendlichen und Landmenschen kurz vor Berlin verbrachte. Klingt für die kundige Fachfrau und den Fachmann des Tiefenblicks durch die schöne Wendung „teilnehmende Beobachtung“ gut nach Soziologie, und als Mehrwert assoziiert sich durchs Beobachten zugleich ein essayistisch-beschreibender Aspekt.

Solche Aufenthalte in den entlegenen Regionen (aber doch nahe genug am Zentrum) besitzen zugegebenermaßen einen gewissen Reiz, und sie haben das Zeug zur Reportage, sofern sie nicht den Sozialkitsch des Gesinnungsmoralisten (das Zauberwort linker Kritik heißt: Distanz – darauf kann man gar nicht genug insistieren) bedienen oder einfach nur paternalistisch im semiproletarischen Gestus sich einen Lebensraum mit Menschen aneignen. Der kalte Blick des Beobachters ist erforderlich. Die Menschen und die Dinge ins Eis gefrieren, um sie in ihrem Eigenleben schreiben und beschreiben zu könne. Das ist das Kunstvolle an einer guten Reportage: Lesbar machen, was in den Zwischenräumen siedelt und wohnt. Ohne Begrifflichkeiten wie Gentrifizierung oder dem ganzen Gendertröten- und Heteronormativitätsgeschwätz auskommen. Und dennoch könnten in den Faltungen und Falten, an den Rändern und im Pflasterstein all die Fehlstellungen sichtbar werden. Direkt am Material. Nicht anders als eine Literatur, die von dem einen spricht und doch etwas ganz anderes meint. Anstatt ständig im Hohlpathos zu proklamieren. Aber für solche Subtilitäten sind die wenigstens empfänglich und auf derart knappem Raum wie in einer Zeitung scheint mir solche Art von Reportage über Stadtteile und Straßenzüge kaum entfaltbar. Von dialektischen Bildern ganz zu schweigen. Die einen singen immer noch „Roter Wedding“ – was mir nicht unlieb ist, wenn es denn wenigstens aus den Kehlen von waschechten Proletarier=innen tönt und nicht von Bürgersöhnchen oder Pastorentöchtern, die mit 40 immer noch links spielen, lieblich oder simulationsradikal geträllert wird. Die anderen haben bereits ihre Eigentumswohnung oder mit dem Verwerterblick ihre Irgendwas-mit-Medien-Agentur aufgeblasen, die sich gut in solchen Zonen ansiedeln läßt. Auch das verschafft eine gewisse Credibility. Der Wedding scheint aufwertbar. Definitiv. Das bleibt für den Blick des teilnahmslosen Aseptikers ein spannendes Feld.

Die Ackerstraße ist eine von vielen Straßen in Berlin, die ihre Armut nach außen tragen. Freilich gibt es in den Tiefen des Weddings oder in Neukölln Straßen und Viertel, die sind heftiger und unangenehmer als diese kleine Ackerstraße. Insofern bezieht sie als Gegenstand einer Reportage ihren Reiz eher aus ihrer speziellen Lage, denn sie stößt aus dem alten Westberlin heraus südöstlich auf die Bernauer Straße. Gewiß, 25 Jahre Mauerfall wollen auch im Feuilleton auf eine pittoreske Weise begangen sein, mal abseits der ausgetretenen Pfade. (Aber weshalb Wedding und nicht besser Dahlem? Auch hier noch: Alles wie vor 25 Jahren, nur ein wenig mehr hinter Mauern, sprich: hohen Gartenzäumen und -hecken.) Uslar spiegelt in groben Zügen das wider, was die Ackerstraße war und ist. Damals ein Zipfel Straße, der im Niemandsland der Todesstreifen endete; zu Mauerzeiten in den 60er Jahren neu bebaut und von den Weddinger Mietskasernen befreit. Sechster Hinterhof, siebter Hinterhof, Zillemillieu. [„Zille klopft dem Elend auf den Popo“ schrieb Adorno in den „Minima Moralia“. Das wird nun wieder vielen nicht gefallen: der pöse pöse Adorno macht den Zille madig und nimmt den armen Menschen die Unbefangenheit und ihre Residual-Romantik von der Resterampe, entlarvt diese vermeintliche Unbefangenheit gar als das, was sie ist: Kulturindustriell produzierter und vorfabrizierter Müll nach Standards.]

Die Moderne des sozialen Wohnungsbaus hielt als Sozialmaßnahme der sozialen Marktwirtschaft in den 60ern Einzug und schaufelte in Etappen die Betonbauten. Bis in die 80er Jahre. Nicht anders als in der DDR. In der Ackerstraße läßt sich diese Art des Bauens, diese Mischung aus Beton, Grünfläche und Funktionalität – wie an vielen Ecken Berlins – gut bestaunen. All das inmitten der Stadt. Diese Art von Architektur als bequemer Lebensraum für viele, aus Beton gegossen und hochgezogen, verschleift sich durch den gesamten östlichen Wedding, der an Mitte und den Prenzlauer Berg grenzt. Ob man nun vom Mauerpark aus die Gleimstraße tunnelwärts schlendert und von dort weiter Richtung Gesundbrunnencenter oder aber ins Brunnenviertel spaziert.

Die Ackerstraße ist ruhig, wie so viele der Nebenstraßen im Wedding, sie pausiert noch eine Weile, zeigt dem geneigten Betrachter eine Zone, in der selbst in den 00er Jahren des 21. Jahrhunderts die Zeit stehen blieb, während keine zweihundert Meter weiter im hippen Teil von Ostberlin alles anders und angesagt ist. Läden, Menschen, Lebensgefühl. Von Uslar beschreibt knapp die Szenerie dieser westlichen Ackerstraße. Die Menschen, die Trinker, die Frau, der ein Lädchen gehört, die Kneipe, die Betonplatten, die Straßen, die Geschichte. Der Text nennt das alles richtig, und er tischt nur am Rande die ewiggleichen, rührseligen Mauergeschichten auf. Aber er bleibt dennoch leblos und leer. Wirkt wie eine Pflichtübung. Abgeranzte Wessis begucken gehen. Lose Aufgesammeltes. Andererseits erwarte ich in der „Zeit“ keinen Text, als wäre er von Benjamin oder Bersarin geschrieben. Die Trockenheit der Schreibform mit dem leicht abgeklärten Ton, der süffisant registriert, was ist, funktioniert bei Uslar nur bedingt. Schalkspositivismus.

Etwa auf der Hälfte der (westlichen) Ackerstraße liegt die Ernst-Reuter-Siedlung, die es ebenfalls in Ludwigshafen gibt. Die Zeit blieb auch hier stehen. Nichts, das sich bewegt und rührt. Wie auch? Das aber bleibt nicht ewig. Wie auch? Die Blätter im Wind, die zum Lüften geöffneten Fenster, manchmal ein Gesicht hinter der Gardine oder ein Mensch, der auf einem der Balkone raucht. Schneespuren auf den Gehsteigen, pudern wie weißer Staub die Flächen. Alles wie üblich, wenig Menschen, so erinnere ich mich. Denn ich bin die Ackerstraße im Jahre 2012 im Januar entlanggegangen und habe dort und in der Umgebung photographiert.
 


 

Bis zum Pamukkale-Brunnen kamen wir nicht. Gentrifiziert endlich Kreuzberg! Restlos. Und Neukölln!

OK, der Titel des Beitrags ist drastisch. Aber das zieht immerhin Leserschaft. Vielleicht noch was mit Suff rein: ich war eine Woche lang saufen, vielleicht ein paar Penis-Vagina-Schamanen, die durchs geschriebene Bild streifen, vielleicht ein paar Fotografien, die mit Filterkleistertand zugesoßt sind, vielleicht sollte ich über den Blogtitel einfach abstimmen lassen, so wie eine Bloggerin über den Titel ihres zukünftigen Romans (es gibt nichts, das nicht zu blöd ist, und der Blödeste macht es dann irgendwann tatsächlich; wer den Titel seines Romans aus der Hand gibt, sollte gleichzeitig auch sein Schreibwerkzeug unter die Leute verteilen, damit kein weiteres Unheil entsteht), vielleicht schreibe ich ein Rilke-Gedicht, das geht auch:

Herr, es ist an der Zeit.
Die Koffer zu packen, denn die Sonne steht hoch
Und der Mietenspiegel steigt. Ungemindert.
Denn dornig dünken die Wege.
Modrig zieht ein Duft über Stege.
Stege und Stiegen – in den Armen wir wiegen,
Als wir auf der Schönhauser um die Ecken uns biegen.

Doch es steigt ein Baum, oh reine Übersteigung!
Und neigt der Tag auch, reine Überneigung!
Ein Engel verspricht
Auf der Straße erbricht
Ein Hund seine Überzeugung

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr
Damals mit BHW war‘s freilich nicht schwer.
Wer jetzt an der Leine liegt, wird es wohl bleiben
Und in Kreuzberg des nachts schwanzlang im Kit Kat sich reiben
und morgens in der Köpenicker hin und her
Trunken schlendern, wenn die Schwalben es treiben

Soviel Rilkesound für Aus- und Eingelassene.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIch stehe dem Phänomen, das mit dem Begriff „Gentrifizierung“ überschrieben wird, gespalten gegenüber: Es gibt Veränderungen, die ich nicht für völlig falsch halte. Stadtviertel schöner, angenehmer, lebenswerter zu gestalten, ist die eine Seite; die andere ist es, drastisch die Mieten zu verteuern und Menschen aus ihren Vierteln zu vertreiben. Bekanntlich jedoch ist, ganz poetisch von Rilke gestimmt, wie ich es noch bin, das Schöne der Anfang des Schrecklichen. Aber auch die, die heute gegen die Gentrifizierung klagen, sind deren Profiteure. Denn wer hat wohl damals in den 80ern in den schönen Kreuzberger oder Friedrichshainer Altbauten gewohnt? Die, die heute darin ihr Leben führen, sicherlich nicht. Stadtviertel unterliegen Wandlungen. Das ist nicht immer gut. Hätte man bereits nach der Wende dagegen etwas getan, wohnten ab den späten 90ern die, die heute in ihren Wohnungen leben, nicht dort, sondern die Bewohner der Viertel. Türken, Kurden, Arbeiter, Alte und Arme. Das war mal so, in Berlin, Ecke Boxhagener oder in der Wrangelstraße. Ich weiß mir da keinen großen Rat. Kann nur kunstgewerblich mit Rilke rufen: Armut ist ein großer Glanz aus Innen. Auch wenn eine/r in Marzahn oder Lankwitz lebt, es glänzt der Mensch.

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Wir haben es an einem Sonntag getan: Nach einem Spaziergang durchs herrlichste Berlin-Mitte, meinen Lieblingsorten dort: dem feinen Zionskirchplatz mit der schönen Kirche, die dem Platz ihren Namen gab, dem Arkonaplatz mit seinem kleinen beschaulichen Flohmarkt, ging es in den Prenzlauer Berg, und dann mit dem Auto weiter: nach Kreuzberg. Zunächst aber zog es uns in die Stille des herrlichen Zionskirchplatzes, hinein in die Kirche. Wir waren fast allein dort. Die Mauern verfallen, von den Säulen und Wänden bröckelt der Putz. (Das rilket schon wieder so mächtig im Gebälk.) Alles ist in einer ansprechenden Weise schlicht gehalten. Man könnte meinen, daß solche Kirchen zum Gottesdienst leer sind, aber gegen zehn Uhr am Sonntag ist die Kirche rappelvoll. Es strömen die Menschen wie zu Fausts Osterspaziergang. Wir kamen später, wir schlendern durch die Swinemünder Straße direkt auf den Arkonaplatz zu, besuchen den kleinen Flohmarkt, entdecken, schauen. Dann weiter Schwedter Straße, vorbei an dem eigenartigen Gebäudekomplex Marthashof, der wie ein abzirkelter Bereich zwischen den übrigen Häusern sich zwängt. Manche sagen Gated Community dazu. Wir streifen den Mauerpark, auf zwölf Uhr vor uns. Kurz durch die Oderberger Straße, hinein in ein oder zwei Modegeschäfte, in die Auslagen schauen und dann die Kastanienallee entlang. Touristenströme mag mancher denken. Mag sein. Trotzdem ist der Prenzlauer Berg ein angenehmes Viertel. Anders als Kreuzberg strukturiert. Kreuzberg ist gut zum Ausgehen, zum Flanieren, Photographieren; interessante Clubs und Kneipen dort, zum Wohnen jedoch ist es für jeden Menschen mit Sinn für die ruhigen Dinge schwierig auszuhalten. Nebenstraßen ohne Bäume ziehen sich durchs Viertel. Kennzeichen der armen Gebiete. Was brauchen die auch Bäume?
 
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Wer in angenehmer Atmosphäre in Kreuzberg etwas zu sich nehmen will, der begebe sich ins „3 Schwestern“ am Mariannenplatz. So taten wir es. Im lauschigen Garten läßt es sich gut speisen, wenn die Augustwespen nicht wären. Ich muß allerdings gestehen, daß ich die hausgemachten Kuchen langweilig finde. Sie schmecken nicht schlecht, wirken aber auch nicht wirklich pfiffig zubereitet. Anders als die Speisen der Abendkarte. Wer also abends kommt, ist besser bedient. Wer gerne die Österreichische Küche mag und das zu ausgesprochen günstigen Preisen, der gehe ins „No Kangaroo“, Muskauer Straße, und wer Cocktails trinken will, der treidle nach kurzem Vorglühen zu Hause oder anderswo in die „Schwarze Traube“ in der Wrangelstraße. Es ist dies eine Bar der besonderen Art, wo die Cocktails nicht von der Stange und à la carte bestellt werden, sondern der Barkeeper fragt, wonach einem gelüstet und in welche Trinkrichtung es gehen soll. Eher Gin? Lieber Whisky? Oder Rum? Aroma eher Lakritze oder Thymian? Dann schlägt die Servicekraft eine Mischung vor, die nach einiger Zeit prompt und von freundlichem Personal serviert wird. (Ja, ich mag es, wenn Barkeeper und Personal freundlich, aber bestimmt sind und ich verabscheue von Kellnern rotznäsiges Cooltun.) In der „Schwarzen Traube“ werden Getränke gereicht, wie sie Freude bereiten. Es zeigt also die Aufwertung eines Viertels gastronomisch angenehme Wirkung, ohne daß sich sogleich von einer Yuppisierung sprechen läßt.

Nachdem wir im „3 Schwestern“ unseren Kaffee getrunken und bezahlt hatten, beschlossen wir, durchs Viertel zu spazieren. Gewandelt hatte sich zum Glück viel, wenngleich das Kottbusser Tor immer noch so grauenvoll ausschaut wie vor zehn Jahren. Insofern wäre der Name Kotbusser Tor passend. Don Alphonsos Polemiken gegen Berlin sind nicht von der Hand zu weisen, andererseits gehört das alles mit dazu, und als Bewohner eines anderen Kiezes oder als Tourist ist ein Besuch spaßig und hat Vergnügungsfaktor, wenn ich nur weiß: ich gelange nach ein oder zwei Stunden wieder in mein beschauliches, ruhiges, manche sagen auch langweiliges Viertel zurück. Punkrock ist vorbei, when the music is over, Endspiel, letztes Lied, dann gibt die Jukebox Ruhe. „Versuch über die Jukebox“: Original Wurlitzer, Retro-Sound im Vierteltakt. „Aber hier leben? Nein danke!“ Sicherlich ist das heutige Kreuzberg nicht mehr das von früher, und vom Satz aus „Ideals“ Berlinhymne blieb nicht mehr viel übrig: „Oranienstraße, hier lebt der Koran, da hinten fängt die Mauer an, Mariannenplatz rot verschrien …“.

Nach einem Zug durch die Straßen gingen wir in den Görlitzer Park: grün dachte wir. Ich mag das ja im Grunde, wenn sich etwas anstaut. Ich sehe die Einsatzwagen, sehe die Bullen in Zivil. Einige kenne ich. Ich bin ein Teil des Teils vom Teil. Wenn auf einer Demo eine Situation eskaliert, wenn es kurz davor steht: daß es kracht, platzt, ausbricht, dann steigt mein Adrenalin. „Helm auf, Helm auf!“ gehen die Rufe, „Der ganze Zug nach vorne und die Straße dicht machen!“ Funkgeräte knistern, Blaulicht, Martinshorn: „Ganz Berlin haßt die Polizei!“ Knallen von Feuerwerk. Arschloch. Auch ich jetzt. Helm auf. Kreuzbergsound? Nein. Das ist überall. Adrenalin. Erinnerungsfetzen von früher her geweht. Wir passieren den Eingang zum Görlitzer Park von der Skalitzer Straße her. Brachland, das den Namen Park kaum verdient. (Ich kommentierte das hier und weiter oben.) In der Nähe dieser kargen Flächen befindet sich die Muskauer Straße. Der Dandy und Parkgestalter Fürst Hermann Ludwig Heinrich von Pückler-Muskau fiele entsetzt vom herrscherlichen Fürstenstuhl oder stürbe vor Scham noch einmal den Tod des Ästhetikers, wenn er erführe, daß in der Nähe dieses Geländes eine Straße nach ihm benannt wurde. Wer je im Park Babelsberg sich aufhielt, kann eine Idee davon bekommen, wie Natur und Kunst in einer Parklandschaft verschmelzen können, wie Blickachsen gesetzt werden, wie Wege verschlängelt durch einen Raum aus gestalteter Natur sich ziehen, wie Gebäude und Natur einander im Wechselspiel der Blicke begegnen. (Jetzt rilkets wieder, klingts im Ohr, ein hohler Ton: Mach den Ofen heiß! Aber recht hab ich doch!)

Das Miteinander von Menschen im öffentlichen Raum gestaltet sich nicht immer einfach und mitunter schwierig. Die einen wollen grillen, die anderen chillen und dritte wieder in einer angenehmen Atmosphäre verweilen. Dieses Beieinander der Verschiedenen hat zugleich etwas mit Rücksicht zu tun. Diese vermisse ich in diesem Park, ansonsten kann ich mir den hingeworfenen Müll und die verhackstückten Wiesen mit ihren Grasgrabnarben nicht erklären. Dafür mag es gute Gründe geben, Verwahrlosung mag in bestimmten gesellschaftlichen Aspekten seine Ursache haben. Wie ein geselliges und doch von bestimmten Konventionen getragenes Miteinander des Verschiedenen sich gestalten kann, dafür findet sich in Goethes Novelle „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ ein interessantes Beispiel. Daß solche Formen gelingender Kommunikation und dessen, was bei Adorno Takt heißt, heute nicht mehr in dieser Weise möglich sind, liegt auf der Hand. Daß in solchen Gefilden ein Charakter sich naturgemäß nicht entfalten kann, ebenfalls.

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Sozialistisches Keksgebäck. Eine Art Madeleine-Geschichte aus Rumänien. Oder: Die Freiheit in der post-bürgerlichen Gesellschaft ist die Freiheit der Waren-Wahl

Ende der 70er Jahre reiste ich als 14- oder 15-Jähriger mit meiner Mutter samt der Schwester in den Urlaub nach Rumänien. Es war ein kleiner Badeort in der Nähe von Konstanza, an dem wir eine Ferienwoche verbrachten. Zweimal unternahm ich einen Ausflug in diese eigenwillige Stadt Konstanza, am Schwarzen Meer gelegen, ein mich immer schon faszinierender Name, der es veranlaßte, daß ich mich in Grübeleien erging, weshalb dieses Meer so hieß wie es hieß. Schimmerte es nicht auch wie die anderen Meere blau oder blau-grün-grau? Einmal ausflugten wir mit meiner Mutter und meiner Schwester in jene Stadt, und beim zweiten Mal durfte ich sogar mit dem alten, klapprigen, roten Trolleybus alleine in die große, weite Stadt Konstanza fahren.

Rumänien war damals ein armes Land, und es ist wahrscheinlich auch heute noch arm. In jenem Badeort gab es allerdings ein kleines Kaufhaus. Es besaß sogar zwei Etagen. Die waren über eine alte Rolltreppe verbunden. Oft waren die Regale mit dem Warenangebot leer. In der Lebensmittelabteilung lagen aber an einem der Tage unendlich viele Kekspackungen (zumindest schienen sie mir unendlich), ein ganzer Regalmeter in der Höhe und in der Breite voll von Kekspackungen – alle verschieden gestaltet, mit ganz unterschiedlichen Bildern und Farben darauf, die die Käufer locken sollten, um ihnen die Freuden dieses sozialistischen Kekses schmackhaft zu machen oder aus sonst was für Gründen. Voller Lust und Gebrauchswerterfüllungssucht kaufte ich mir von meinem Taschengeld zwei oder drei dieser Packungen – denn wer weiß, ob es die morgen noch gibt. (So wie es mit allen Dingen des Lebens und auch mit den Menschen ist.) Ich freute mich auf verschiedene Sorten von Keksen, die ich am Strand, nach dem Baden, auf der Promenade, auf der Fahrt zum herrlichen Donaudelta verspeisen bzw. vernaschen konnte. Groß war die Enttäuschung des Heranwachsenden, während ich die zweite Packung öffnete, um als Abwechslung vom Einerlei eine andere Sorte von Keks zu kosten. Enthielt die erste Packung, die ich zu verspeisen mich anschickte, eine Art von ausgetrocknetem Butterkeks, wie sie schon der Philosoph Leibniz probierte, worauf er seine „Monadologie“ entwickelte und feststellte, daß es einfache Substanzen geben müsse (er meinte damit keine berauschenden Drogen. Nein!), so erwies sich – trotz unterschiedlicher Verpackung bzw. grafischer, werbender, bildlicher Gestaltung – ebenso der Inhalt der zweiten Kekspackung als identisch mit dem Inhalt der ersten. Es war nicht derselbe Keks, aber doch der gleiche. Das anscheinend Unterschiedliche war nun ein scheinbar Unterschiedliches, terminierte am Ende des Kau-, Schluck und Verdauungsvorgang ins Identische.

[Leserinnen und Leser ahnen nun, wie ich schon sehr früh mit der Hegelschen Philosophie rein über das Moment der Lebenspraxis in Berührung kam? Unterschied, Differenzerfahrung, Identität, Sein, Schein, Wesen, Begriff: Alles das manifestierte sich in diesem rumänisch-sozialistischen Keksgebäck. Eine Madelaine für Dialektiker ist der Leibnizsche Butterkeks nach sozialistischer Manier in einem kleinen Kaufhaus nahe Konstanza. Lebenspraxis im Vorgang des Kaufens. Die Logik der Ware erschließt sich über den Umgang. Denn alle Philosophie soll ja immer schön anschaulich und mit dem wilden und lebendigen Leben in Kontakt stehen. Kein Text ohne Leben und die Fülle menschlicher Seinsweisen, sonst gibt es von den Postulierer:innen der Lebensunmittelbarkeit, die ihre unzulänglich-belanglose Existenz in Vorstadtreihenhäusern zum Maß erheben, was auf den Keks.]

[„Einfacher Substanzen muß es geben, weil es Zusammengesetztes gibt; denn das Zusammengesetzte ist nichts anderes als die Anhäufung oder ein Aggregat von Einfachem.“ G.W. Leibniz, Monadologie]

Um diese unendliche Enttäuschung, diese Erfahrung der Produkt-Leere im sozialistischen Alltag zu kompensieren und um den widerwärtigen Einheitsgeschmack des beim seiernden Kontinuitätskauen als pappig sich erweisenden Keksgebäcks hinunterzuspülen, erstand ich mir an einer der Strandbuden, die in der Sommerhitzeglut zum sozialistischen Konsum einluden, eine Flasche kühle Pepsi-Cola. Der Pepsi-Cola-Konzern handelte seinerzeit in den 70ern mit den sozialistischen Ländern ein Verkaufsrecht für seine  Ware aus. „The wind of change“ nahm durch die Segnungen des Kapitalismus und seiner Getränkevielfalt seinen Anfang. (Im Grunde hatte dies Billy Wilder in „Eins, zwei, drei“ bereits vorausgesagt. Aber anhand des Konkurrenzproduktes aus Atlanta.) In Zucker und Koffein von Pepsi Cola lösten sich rund 11 Jahre später die Länder des real existierenden Sozialismus auf, fast 17 Millionen Wirtschaftsflüchtlinge aus der DDR machten sich nun daran, den Westdeutschen ihre mehr  oder minder intakten Gebrauchtwagen zu sehr guten Preisen abzukaufen.

Dieses Kaltgetränk dürfte meine Motivation für Land und Leute heben, so dachte ich mir in meiner jugendlichen Emphase. Der Verkäufer öffnete eine Flasche, kippte sie in ein Glas, dann hackte er aus einem in der Sommerhitze liegenden Eisblock mit einem kleinen Eispickel die Stücke aus dem langsam leckenden, sanft zerfließenden Eismassiv heraus, brach noch einmal kräftig mit dem Pickel hinein, und griff mit seinen schwarzen Händen in die Eismasse, um einige der Stücke im Pepsi-Cola-Glas zu plazieren. Wenn ich schreibe „mit seinen schwarzen Händen“, so handelt es sich dabei nicht um die Zuschreibung einer Rasse-Eigenschaft oder um eine irgendwie geartete ethnologische Bestimmung ausländischer Cola-Verkäufer, obwohl der Verkäufer ja im Grunde gar kein Ausländer war, denn vielmehr bin ja ich der Gast in Rumänien und somit Ausländer, während der Verkäufer ein Einheimischer ist, sofern er nicht als bulgarischer oder sowjetischer Ausgereister einen Verkaufsstand besitzt, und so bleibt alles immer eine Frage der Perspektive, aber diese Perspektive muß man dann in der Reflexion auch wieder geraderücken können, was nicht jeder oder jedem gelingt. Vielmehr wollte ich mit jenen schwarzen Händen zum Ausdruck bringen, daß es sich nicht um PoC-Hände, sondern eben bloß um schmutzige Hände handelte – daß ich ein Jahr vorher, also mit 13 oder 14, bereits Sartres „Die Fliegen“, „Geschlossene Gesellschaft, sowie „Die schmutzigen Hände“ frühreif las, muß wohl eher als eine zufällige Koinzidenz gedeutet werden – solche Hände, die hernach in die Ansammlung von Eiswürfeln griffen, um sie in das Pepsi-Cola-Glas gleiten zu lassen. Mit einem breiten Lächeln reichte er mir das Glas, kassierte und widmete sich wieder dem Eisblock. In einem Zuge, den widerlichen mondadisch-mürben Keksgeschmack herunterspülend, trank ich die Pepsi-Cola genüßlich aus.

Die Fahrt ins Donaudelta am nächsten Tag war von unangenehmsten, krampfartigen Bauchschmerzen begleitet, so daß ich von der Welt des Schilfs, der mäandernden, schlingernden Flußläufe, der Vogelwelt und der gesamten Atmosphäre an diesem zauberhaften Ort, bei dem, wenn er in Reisefilmen gezeigt wird, idiotischerweise zur Erzeugung von Balkan-Stimmung  (im Sinne der Triest-Odessa-Linie) immer eine dieser blöden Panflötenmelodien erklingt, nur wenig mitbekam, und die Fahrt schloß mit einer anschließenden Penicilline-Behandlung, die ein technokratisch-sozialistischer Hotelarzt mir verabreichte. Wir haben keinen Pfennig dazubezahlt. (In diesem Falle waren es Lira.) Der Umstand, daß mir bereits zu diesem Zeitpunkt jener großartige Film mit Orson Welles, nämlich „Der dritte Mann“ bekannt war, trug sicherlich dazu bei, daß sich in mir eine gehörige Portion an Skepsis als Motor für Wahrnehmung und Denken breitmachte. Doch der Heilungserfolg stellte sich schnell ein. So wurde die Skepsis zu einer dialektischen und blieb nicht im Trug einer Freiheit des Selbstbewußtseins, bloß bei sich im Grübeln zu verharren, um zunächst als Stoizismus, dann als Skeptizismus und schließlich ins unglückliche Bewußtsein zu erstarren, wie Hegel das in seiner „Phänomenologie des Geistes“ recht klug und als Weg des Wissens und der Wahrheit entwickelte.

Die rumänischen Kekse sowie die Artenvielfalt im Modus des Bildes im Regal blieben mir in steter Erinnerung und zugleich hafteten sie als sympathisches Korrektiv gegen die Vielfalt des aufdesignten Schundes, der sich in den Regalen westeuropäischer Warenansammlungen türmt, wo sich – hüben wie drüben – nur noch die Frage „Sein oder Design“ stellt.

„Noch die Fassade verrät die Überholtheit der Marktwirtschaft. Die Reklameschilder in allen Ländern sind Monumente. Ihr Ausdruck ist lächerlich. Zu den Passanten sprechen sie wie törichte Erwachsene mit Kindern oder Tieren, in einem verlogen zutraulichen Jargon. Wie Kindern wird denn auch den Massen etwas vorgespielt: daß sie als selbständige Subjekte die Freiheit hätten, sich die Waren auszuwählen. Doch ist die Wahl schon weiterhin diktiert. Seit Jahrzehnten gibt es ganz Sphären des Verbrauchs, in denen bloß die Etiketten verschiedenen sind. Die bunte Welt der Qualitäten, an der man sich ergötzt, steht auf dem Papier.“ So schrieb und wußte Max Horkheimer bereits 1939.

Den eingefleischten Individualisten, die in der Mehrheit alle für Individuelle sich halten, ist der Mensch in der Masse unbekannt. Die Masse bleibt ihnen abstrakt, weil sie selber im Denken nie konkret wurden, sondern den Individualitätsschablonen den Götzendienst erwiesen. Wer in der Masse schwimmt, sieht sich nur ungerne als deren Bestandteil. Zu einer dialektisch-subversiven Betrachtung hin reicht es schon gar nicht. Die sich immerzu und pausenlos auf die individuellen Regungen aufs Leben berufen müssen, sind in ihrer Selbstvergewisserungssucht lange schon leblos.

Kaltes Herz der Moderne und die Kekswahl im Sozialismus.

„Das Bewußtsein hat erst in dem Selbstbewußtsein, als dem Begriffe des Geistes, seinen Wendungspunkt, auf dem es aus dem farbigen Scheine des sinnlichen Diesseits und aus der leeren Nacht des übersinnlichen Jenseits in den geistigen Tag der Gegenwart einschreitet.

[…]

Aber für es selbst bleibt das Tun und sein wirkliches Tun ein ärmliches und sein Genuß der Schmerz und das Aufgehobensein derselben in der positiven Bedeutung ein Jenseits. Aber in diesem Gegenstande, worin ihm sein Tun und Sein, als dieses einzelnen Bewußtseins, Sein und Tun an sich ist, ist ihm die Vorstellung der Vernunft geworden, der Gewißheit des Bewußtseins, in seiner Einzelheit absolut an sich oder alle Realität zu sein.“ (G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, aus dem Kapitel zum Selbstbewußtsein.)

Meine Quelle – Serielle Sequenzen: Texte als Nicht-Orte. Abwesend

Meine Quelle ist die Quelle des Seins. Die Quelle des Seins ist die Bestellung und das Bestellen als Geschick. Postschickung, sozusagen, bis direkt zur Haustür, von Amazon, per DHL, GLS, UPS oder TNT oder einem anderen Versandanbieter geliefert  (früher hätten wir gedacht, das wären Guerilla-Organisationen: Da brachte die Post, als Geschick und Schickung, noch die MPLA, die IRA, die RAF, die ETA, die RZ), die Quelle allen Lebens: der e-commerce, die Warensendung in der Logik des Konsums.

Was du auch machst
Mach es nicht selbst
Ob du versendest oder bestellst

Was du auch machst
Mach es nicht selbst

Auch wenn du dir darin gefällst,

Wer zuviel selber macht
Der macht sich krumm
(Ausgenommen
Selbstauslöschung)

Ob ihr verblendet oder erhellt

so singt es die Band Tocotronic. Schall und Wahn ist alles. The Sound and the Fury und auch das Licht im August kann wunderbar sein: Auf dem Dach von Fiat-Turin spielten einstmals in den guten alten Zeiten der 80er, als die Barrikaden noch brannten, die „Einstürzenden Neubauten“ ihren fragmentierten Sound der Industrie und der Gebrauchsgegenstände wie: Hammer, Elektro-Säge, Schlagbohrer, Stahlblech, Mülltonne, die sie zum Klingen brachten. Ich selber befand mich am 20.7.2013 auf dem Dach des ehemaligen Konzerns „Quelle“ in Nürnberg, wo im bescheidenen Rahmen von Nürnberg, sozusagen im Resterampenkapitalismus ganz im Zeichen der Burg und des Reichsparteitagsgeländes, eine kleine Kunstaktion stattfand. Im bereits geschlossenen Gebäude des abgewickelten Quelle-Konzerns, das für einige Stunden an zwei Tagen geöffnet wurde. Hiervon möchte ich meinen lieben Leserinnen und Lesern, meinen wohlgesonnenen Betrachterinnen und Betrachtern einige Sinneseindrücke in photographischer Form liefern – wie immer ehrlich und unverfälscht und in vollständiger Lebenskörperspürigkeit: denn die Quelle des Seins ist die Quelle allen Körper-Lebens und des sinnlichen Daseins. Der Mensch als Mensch. („Hier ist der Mensch noch Mensch“, rudimentär sozusagen.) Zumindest im Bestell-Kapitalismus, wo frei Haus geliefert wird, zumindest für einige.

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Die Quelle des Seins oder Sein als irgendwie statisch konzipiertes Fundament (unseres Lebens) – das gibt es nicht. Aber es gibt die Nicht-Orte, die Abwesenheit, die „Lost Places“, die Leere, die Destruktion, die Distribution des Zusammenhangs. Diese Nicht-Orte sind nicht utopisch oder positiv aufgeladen. Dennoch geschieht in ihnen etwas. Und es gibt Texte, die dies beschreiben, einzig Texte, singulär, abgekapselt, für sich, der Sache nachhängend, die Worte träumend, assoziierend, schreibend. Aufschreibsysteme. Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“ ist ein solcher Ort, Goyas „Desastres“ bilden einen Aufenthalt im Nicht-Ort. Jedes Kunstwerk ist in seiner Eigen-Logik ein Text, für sich, abweisend und doch clara et distincta perceptio: auch die Bilder, die als Strom vorüberziehen, bilden in ihrer Eigenlogik einen Text. Text kommt vom lateinischen textus bzw. textere, Verwandtschaft besteht zu téchne, was Kunst, Fertigkeit bzw. Handwerk bedeutet. Am Anfang war das Wort? Als Sprache? Hier stock ich schon. Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen. Ich muß es anders übersetzen. Geschrieben steht: Am Anfang war der Sinn: Aber ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft? Es sollte stehn: Am Anfang war die Kraft. Doch, auch indem ich dieses niederschreibe, schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe. Mir hilft der Geist! Auf einmal seh‘ ich Rat und schreibe getrost: Am Anfang war die Tat! Und gut im Sinne Hegels, wo kein Denken ohne Tun bleibt, denn das ist der Philosophie tieferer Sinn, so schlage die Trommel, denn Philosophie, Tat und Übersetzung sind doktrinär:

Schlage die Trommel und fürchte dich nicht,
Und küsse die Marketenderin!
Das ist die ganze Wissenschaft,
Das ist der Bücher tiefster Sinn.

Trommle die Leute aus dem Schlaf,
Trommle Reveille mit Jugendkraft,
Marschiere trommelnd immer voran,
Das ist die ganze Wissenschaft.

Das ist die Hegelsche Philosophie,
Das ist der Bücher tiefster Sinn!
Ich hab sie begriffen, weil ich gescheit,
Und weil ich ein guter Tambour bin.

Welch‘ wunderbare Ironie und  Doppelsinnigkeit in Heinrich Heines Gedicht. Dieser Doppelsinn und die Ironie: dies freilich gelingt im Leben und insbesondere im Text vielen nicht so recht und geht ihnen ab – jenen, die in ihrem Ressentiment und in ihrer beschaulichen Welt weder dem Schreiben, dem Lesen noch dem Leben gerecht zu werden vermögen. Es fehlt die entsprechende Melodie: Farben und Formen. Drüben auf dem Hügel möcht‘ ich sein!

[Let there be rock. Herrgottnochmal]

Uns gefällt diese Welt – Archive der Nacht

Peter sagt
Er sei total verliebt in diese Welt
Peter sagt
Er nimmt die Welt weil sie ihm gut gefällt
Tina sagt
Mach dir nen schönen Abend ganz allein
Tina sagt
Ein nettes Buch kann auch ganz unterhaltsam sein

Manchen gefällt die Welt
Und manchen bricht das Herz entzwei
Und wir sagen ja zur modernen Welt
(FSK, Moderne Welt)

Inmitten des falschen Lebens gibt es nun doch ein Refugium – zumindest für Kinder: The Pink World of Barbie.
 
 
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„You wanna go for a ride? / Sure, Ken! / Jump in! / I’m a Barbie girl in a Barbie world / Life in plastic, it’s fantastic / You can brush my hair, undress me everywhere!“

Wenigsten für die unschuldigen Mädchenherzen präsentiert und zeigt sich in Verlängerung bis zum 6. Oktober in Berlin am Alexanderplatz noch das richtige, das glitzernde, das bunte Leben in all seinen wunderbaren Facetten. Und nicht immer nur wird alles das, was ist, von den Nörglern und den Bewohnern des Grandhotel Abgrund so unerhört negativ-schwarz gepinselt und der Finger in die Wunden gelegt, sondern an diesem Ort präsentiert das Leben sich von seiner rosa Seite. Überhaupt: Wie kommen eigentlich die, die als Kritische Theoretiker alles besser wissen, dazu, dem echten Menschen, dem je eigentlichen Subjekt falsches Bewußtsein und falschen Blick zu unterstellen? Unerhörte Überheblichkeit! Es gibt doch lediglich unterschiedliche Perspektiven. Der eine ist so, die andere so. Der eine ist Maskulinist und die andere mag Barbies. Wer will da richten und sich überheben? Man muß die Menschen dort abholen, wo sie stehen, so spricht das demokratische Bewußtsein. Denn jeder Mensch ist bekanntlich immer ganz anders. Man muß durchaus die Welt durch diese Brille in rosa gemalt sehen, die Individuen in ihrer Vielfalt betrachten und im Frohsinn über das Dasein gleiten. Denn alles ist ein Schweben, ein Hauch, wie getupft. Das Leben ist schön. „Dasein ist Pflicht, und wär’s ein Augenblick.“ Das wußte schon Goethes Mephisto im zweiten Teil des „Faust“. Wir verschreiben uns mit diesen Photographien voll und ganz der vollumfänglichen Menschenliebe und dem Dasein. Und wie durfte ich heute in einer Kommentarspalte in affirmativer Absicht lesen: „Die meisten, ach so ungebildeten Menschen handeln in den allermeisten Fragen nicht marktwirtschaftlich.“ Aha, da möchte man gerne nachbohren, wie diese „allermeisten“ Situationen und Fragen beschaffen sind. In den allermeisten Fragen nicht marktwirtschaftlich! So bleut die Spieltheorie das Bewußtsein weich. Und die INSM handelt wahrscheinlich ebenfalls in den allermeisten Fällen nicht marktwirtschaftlich, sondern zum Wohle der Menschen.
 
 
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Wer aber rosa nicht mag, der oder die geht zum Bodrum-Imbiß und nimmt ein gutes Brathähnchen zu sich. Oder einen Fleischspieß. Und wer es herzhaft möchte, gerne auch eine Grillplatte. Wir müssen das gute Leben an den richtigen Orten und in den gemütlichen Stunden entdecken, denn es ist ja da. Wir müssen es nur sehen lernen, erkennen lernen, bis es wieder zu uns spricht. Das richtige Leben. In diesem Sinne, liebe Leserin, lieber Leser: Es gibt lediglich kein richtiges Hähnchen im falschen Imbiß.