Rußland ist ein Terrorstaat

Photo: Reuters/Danish Defense Command

Es ist dieses Bild der Unterwasserexplosion in der Ostsee nahe der Insel Bornholm ein erschreckendes, und es wird sicherlich als ein ikonisches in den Jahres- wenn nicht Jahrzehntrückblick eingehen. Fast ein Bild wie aus einem Tarkowski-Film. Und es sind diese Explosionen an den Gasleitungen eine deutlich Drohung aus Mordor. Immer mehr muß man wohl, auch wegen der russischen Kriegsverbrechen auf dem Territorium der Ukraine, der Annexion des Donbas und der Terrorisierung der Bevölkerung dort mit vermeintlichen Wahlen, von einem russischen Terrorregime sprechen. Und solche Explosion ist, wie schon die Teilmobilisierung der russischen Truppen am Weltfriedenstag eines jener deutlichen Zeichen, um für den Westen und speziell einmal wieder für Deutschland le Angst zu erzeugen.

Um so wichtiger ist es, in Debatten im Freundes- und Familienkreis und auch in den sozialen Medien, wo es irgend geht, dagegenzuhalten und solchen, die berechtigte Ängste hegen, das System Putin zu erklären und daß Putin, alter KGB-Mann und KGB geschult, genau mit dieser Angst arbeitet, um um Westen zu desinformieren und Verunsicherung und eben vor allem jene Angst zu erzeugen. Man nehme, um sich vorzubereiten auf solche Debatten, unter anderem das Buch von Catherine Belton „Putins Netz – Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste“ und ebenso (bei der bpb günstig für 4,50 Euro zu beziehen) von Manfred Quiring „Russland – Ukrainekrieg und Weltmachtträume“. Und im Blick auf Putins Desinformations- und Destablisierungskampagnen, gerade im September erschienen: Jessikka Aro „Putins Armee der Trolle: Der Informationskrieg des Kreml gegen die demokratische Welt“. [Bei Bedarf und auf Anfrage gerne eine längere Literaturliste zum Ukrainekrieg, zu Rußland und zum System Putin.) Angst ist ein schlechter Ratgeber und Wissen kann helfen, gegenzusteuern. Journalisten wie Alice Bota, Golinah Atai, Michael Thumann, Andrea Böhm haben jahrlang vor dem System Putin gewarnt und wir und so auch ich, wollten darauf nicht hönren und taten es sogar als einseitige Berichterstattung ab. Um Rückblick bleibt für mich nur zu sagen: diese Journalisten haben recht behalten. Und ebenso Marielouise Beck, die immer schon in scharfen, deutlichen und klaren Worten vor dem Verbrecher Putin gewarnt hatte. Liest man genaueres über den Aufstieg und den Weg Putins, so kann einem das Blut in den Adern gefrieren. Ich gehe inzwischen davon aus, daß jene Russki Mir, jener Neue Imperium, jener russische Imperialismus ein Projekt ist, das bereits mit Putins Regierungsübernahme 1999 ausgereift war. Seine Rede vorm Deutschen Bundestag halte ich für bloße Trickserei. Aber wie es sich hier verhält, das müssen am Ende die Historiker entscheiden.

Deshalb aber und aus diesem Grunde, um nicht zu erstarren vor Angst, tut Aufklärung derart not. Was Putin am meisten fürchtet: daß wir vor seiner Methode des Angstverbreitens keine Angst und auch keine Furcht haben. Und wieder einmal zeigt sich: wir leben eben doch nicht in einem postheroischen Zeitalter, wie es manche gerne behaupteten. Tapfere Frauen und Männer sind gefragter denn je. Und Freiheit wird leider nicht nur mit Worten verteidigt, sondern durch tapfere Menschen, die ihr Leben opfern müssen, weil ein Ungeheuer über ein anderes Land ergefallen ist und dort nun wütet. Dem dürfen wir nicht eine Sekunde klein beigeben.

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Im übrigen bleibt es bei der Frage „Wo ist die Friedensbewegung?“

Haben wir für morgen schon den Aufruf der Friedensbewegung oder einiger ihrer Akteure zur Großdemonstration vor der russischen Botschaft in Berlin oder vor russischen Einrichtungen in Hamburg, in München und Frankfurt am Main? Diejenigen, die immer sehr laut nach dem Frieden riefen, sind mit einem Mal und klandestin leise, sehr leise geworden. Es bleibt dabei: da hat diesmal wohl der Falsche den Krieg angefangen. Hätte sich dies alles die USA geleistet: Die Straßen in den Hauptstädten Europas wären mit Menschen geflutet. In diesem Fall aber, da hüllt man sich dann lieber in den Mantel eines allgemeinen und irgendwie unverbindlichen Pazifismus, so wie Margot Käßmann in einem Gespräch mit Jakob Augstein im FREITAG.

Pazifismus ist eine feine Sache, wenn sie so ins allgemeine gesprochen wird. Wer will schon Krieg? Pazifismus muß man sich leisten können, und auf dem warmen Sofa, wenn eine Russenarmee fern ist, die vergewaltigend, plündernd, brandschatzend und mordend durch ein anders Land zieht und Verwüstungen anrichtet, dann läßt es sich gut und angenehm Pazifist sein. Am besten noch mit einer Flasche Rotwein dazu und für Leute, die unter dieser Horde leiden, Ratschläge parat zu haben. Nur eben: Wenn der Ernst des Lebens in der Gestalt von Russenorks vor der Tür steht, sieht die Sache schon anders aus. Was Käßmann für sich selbst macht, ist ihre Sache. Ich persönlich finde ihre Haltung erbärmlich und zynisch, sobald sie anfängt, jenen, die überfallen werden, Ratschläge zu geben oder zu sagen, was man politisch am besten unterlassen solle, nämlich Waffenlieferungen. Eine Armee jedoch, die das Land gegen solche Horden verteidigt, verteidigt am Ende auch Frau Käßmann mit, die eben genau davon profitiert, was ihr Pazifismus ablehnt. Würde Käßmann übrigens solche Sätze in Rußland äußern, klingelte es ein paar Stunden später an ihrer Haustür. Und hielte sie auf dem Roten Platz in Moskau nur ein Plakat hoch, auf dem nichts geschrieben steht, verschwände sie mit Pech für 15 Jahre im Lager: dies ist die Höchststrafe für solche „Verunglimpfungen“. Aber ich will jemandem wie Käßmann nichts Böses unterstellen. Im besten Fall ist es naiv. Aber das gut Gemeinte ist selten das politisch gut Gemachte. Deutlich schlimmer sind Verschwörungshetzer in Deutschland wie Dirk Pohlmann, Uli Gellermann, Tom J. Wellbrock, Albrecht Müller, Ken Jebsen sowie die Zarenknechte und diverse AfD-Abgeordnete, die ihre Redefreiheit und Demokratie mißbrauchen, um derbe Russenpropaganda zu fahren. Dieser Krieg ist auch ein Informationskrieg. Und diese von mir genannten Leute werden auch in der Krise, auf die wir im Winter vermutlich zusteueren, ihren Profit schlagen, um zu hetzen. Und damit eben desavouieren sie auch sinnvolle Kritik an manchen innenpolitischen Maßnahmen der Bundesregierung. Aber das Stichwort „Preisdeckel bei Gas“ für einen Grundverbrauch ist hochmal eine andere Sache.

Hitler ist übrigens nicht durch Ghandi, sondern durch Winston Churchill und General Montgomery bzw. die britische Armee und vor allem mittels der tapferen Soldaten der US-Army wie durch die Rote Armee besiegt worden. Allerdings muß man zur Sowjetarmee immer mit dazu sagen: ohne das Lend and Lease-Abkommen der USA, darin die Sowjetunion mit Waffen, Munition, Panzern, Jeeps, LKWs, Flugzeugen, Treibstoff und sogar noch Militärstiefeln ausgerüstet wurde, wäre die Sowjetunion 1942 kollabiert. Soviel zum Pazifismus.

Und am heutigen Tag die Friedensbewegung sowie die Frage zu einem möglichen Atomkrieg

Es zeigt der heutige Tag deutlich, daß es Putin nie ums Verhandeln ging, sondern immer um eine Eskalation des Krieges und ums Einverleiben des Ostens und des Südens der Ukraine. Soviel an die Prechts und Welzers, Eidinger, Zehs und Schwarzers. Verhandeln bedeutet für Putin: Kapitulieren und daß die Ukraine einen Diktatfrieden anzunehmen habe. Um so wichtiger scheint es mir jetzt, die Offensivwaffen zu liefern, um möglichst schnell möglichst viel ukrainisches Territorium wieder zurückzuerobern. Eben das, was viele in Deutschland über Monate forderten – alledings muß dies eben im Verbund mit NATO, Frankreich und den USA geschehen.

Wo eigentlich sind heute oder am Samstag all die großen Friedensdemonstrationen der sogenannten Friedensbewegung vor der russischen Botschaft? Hätten sich genau dies, was die Russen seit Februar machen, die USA erlaubt und dazu noch mit Atomwaffen gedroht und schwere Kriegsverbrechen begangen und das nicht als Einzelfall, sondern als Bestandteil der regulären Kriegsführung, wie eben Putins Horde: Es gäbe heute, spätestens am Samstag vor der US-Botschaft eine Großkundgebung der verschiedensten linken Gruppen. So aber, ich vermute es, vielleicht weiß jemand etwas anderes: Schweigen! Und nochmal schweigen und vermutlich wieder nur eine kleine Gruppe von Ukrainern und wenige Deutsche vor der russischen Botschaft. Da hat wohl gerade derjenige einen Krieg angefangen, in dessen Arschloch ein Großteil der sogenannten Friedensbewegung hockte und immer noch hockt. Sie stinken. Und nicht nur vom Kopfe her, sondern sie haben vom Ausschaben des Putinschen Rektums noch übelriechende Hände. Wo sind die 10.000 oder 100.000 Menschen gar, die in Berlin, in Hamburg, in Fankfurt und München gegen Rußland und vor den russischen Einrichtungen demonstrieren? Hat man von ihnen schon etwas gehört? Wo sind sie? Die Friedensbewegung hatte schon 2014 fertig, als sie sich zum Werkzeug von Leuten wie Ken Jebsen, Esoterikspinnern und Rechten machte und auf der Querfront ritt bzw. der russischer Propaganda aufsaß.

Alla Leshenko hat das Gebaren Putins heute auf Facebook treffend auf den Punkt gebracht:

Da gerade erneut das Gespenst des russischen Atomschlags umhergeht und die deutsche Qualitätspresse recht wenig unternimmt, um den Bürger ausreichend aufzuklären, muss ich ein paar Dinge klarstellen.

Putin blufft. Und das aus Gründen.

Grund 1: Chinas Unterstützung bleibt aus. Im Rahmen des SOZ-Gipfels in Samarkand machten einige teilnehmende Regierungschefs (darunter Modi, Xi und Toqajew) Putin unmissverständlich klar, dass sie eine schnelle Beendigung des Konfliktes in der Ukraine (sprich Rückzug der russichen Streitkräfte) von ihm erwarten. Hinzu kommt, dass China gerade dabei ist, seinen Einfluss in Zentralasien zu erweitern. Das impliziert Versprechen, die die Sicherheit der Partner-Länder betreffen. Sprich Zentralasien vertraut nicht länger auf Russland als Garant der Stabilität in der Region.

Grund 2: Laut der MAD-Doktrin (Gleichgewicht des Schreckens) sind die USA verpflichtet, auf einen atomaren Erstschlag Russlands mit einem Gegenschlag zu reagieren. Das weiß Putin. Und Joe Biden sowie General Mark Milley sprachen neulich von einer „adäquaten Antwort“ auf einen potentiellen taktischen Atomschlag. Diese Antwort könnte die Einführung der NATO-Truppen in die Ukraine sein. Dazu hat Russland bereits vor Monaten eine diplomatische Note aus den USA erhalten, in der stand, dass die NATO-Einheiten russische Streitkräfte innerhalb von 5 Tagen aus der Ukraine vertreiben würden, falls es zu einem taktischen Nuklearangriff kommen sollte. Als „adäquate Antwort“ kann aber auch die Lieferung von ATACMS verstanden werden oder der oben erwähnte atomare Gegenangriff. Letzteres dürfte jedoch bei aktuellen Möglichkeiten der NATO und offensichtlicher Schwäche Russlands nicht nötig sein.

Grund 3: Da Putin nicht in der Lage war, einen kurzen siegreichen Krieg zu liefern, schwindet der Rückhalt in den eigenen Reihen zusehends.

Daher rate ich euch, den kühlen Kopf zu bewahren. So oder so: Russland wird diesen Krieg verlieren. Слава Україні!“

Russische Kriege der letzten 100 Jahre

Hier finden wir die die Kriege der letzten 100 Jahre, die die Sowjetunion bzw. dann Rußland führte. Die brutale Besetzung ganz Osteuropas und des Baltikums dürfte einen der Höhepunkte bilden: keine freien Wahlen, blutiges Niederschlagen jeglicher Demokratiebewegung. All dies hatten große Teile der Friedensbewegung auch in den 1980er Jahren nicht auf der Rechnung. Es war bequemer, nur die USA im Fokus zu haben. Damit folgten Teile dieser Bewegung schon damals der Regie Moskaus – insbesondere über DKP und SDAJ.

1917–1921: Ukrainisch-Sowjetischer Krieg
1918: Unterstützung der Sozialisten im Finnischen Bürgerkrieg
1918–1920: Finnische Ostkriegszüge
1918–1920: Unabhängigkeitskriege Estlands, Lettlands und Litauens
1918–1920: Georgisch-Südossetischer Konflikt
1918: Schlacht um Baku
1920–1921: Polnisch-Sowjetischer Krieg
1924: Unterstützung des Aufstands von Tatarbunary in Rumänien
1924: Militärische Niederschlagung des August-Aufstands in Georgien
1929: Krieg um die Ostchinesische Eisenbahn
1937–1938: Unterstützung der Spanischen Republik im Spanischen Bürgerkrieg
1938–1939: Japanisch-Sowjetischer Grenzkonflikt
1939–1945: Zeit des Zweiten Weltkriegs
1939: Invasion und Besetzung Ostpolens
1939–1940: Krieg gegen Finnland im Sowjetisch-Finnischen Winterkrieg
1940: Invasion und Annexion der baltischen Staaten
1940: Besetzung des rumänischen Bessarabien
1941–1944: Finnisch-Sowjetischer Fortsetzungskrieg
1941–1945: Großer Vaterländischer Krieg gegen die deutschen Invasoren und deren Verbündete
1941–1946: Militärische Besetzung Nordirans
1945: Beteiligung am Krieg gegen Japan in den letzten Tagen des Krieges
1945–1948: In Staaten, die nach der bei der Konferenz von Jalta beschlossenen Abgrenzung der Machtsphären unter sowjetischen Einfluss gekommen waren, wurden kommunistische Regierungen durchgesetzt. Dies war in den meisten Ländern nur mit Hilfe der Roten Armee möglich (siehe zum Beispiel „Geschichte Polens“). Die Konsolidierung des sowjetischen Einflusses in dieser Region war etwa 1948 abgeschlossen.
1945–1949: Unterstützung der kommunistischen Kämpfer im griechischen Bürgerkrieg
ab 1946: Unterstützung Nordvietnams im Vietnamkrieg
1948–1949: Blockade West-Berlins durch die Sowjetunion vom 24. Juni 1948 bis 12. Mai 1949
1950 bis 1991 (Sowjetunion)
1950–1953: Militärberater und Kampfpiloten im Koreakrieg
1953: Niederschlagung des Aufstands vom 17. Juni 1953 in der DDR
1956: Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstands
1956: Unterstützung arabischer sozialistischer Länder in der Sueskrise durch Waffenlieferungen und Militärberater
1962: Die Stationierung sowjetischer Atomraketen auf Kuba
1967: Beratung der ägyptischen Armee im Sechstagekrieg, einschließlich der Ausarbeitung von Kriegsplänen
1968: Niederschlagung des Prager Frühlings
1969: Chinesisch-Sowjetischer Grenzkrieg
1974–1991: Militärische Unterstützung des kommunistischen Regimes im äthiopischen Bürgerkrieg
1975–2002: Unterstützung der MPLA im angolanischen Bürgerkrieg
1977–1978: Unterstützung Äthiopiens im Ogadenkrieg gegen Somalia
1979–1989: Militärintervention in den Afghanischen Bürgerkrieg
1991–1992: Militärisches Eingreifen in den Georgisch-Südossetischen Krieg
1992: Konflikt im Distrikt Ost-Prigorodny in Nordossetien
1992: Militärintervention in den Transnistrien-Konflikt: Von moldauischer Seite wird der Vorwurf erhoben, dass sich Russland mit seiner 14. Armee aktiv an den Kriegshandlungen beteiligt habe.
1992–1997: Militäreingriff in den Bürgerkrieg in Tadschikistan
1992–1993: Unterstützung abchasischer Freischärler im Georgisch-Abchasischen Krieg
1994–1996: Erster Tschetschenienkrieg
1999–2009: Zweiter Tschetschenienkrieg
1999: Dagestankrieg
1999–2003: Vorstoß nach Priština, danach Teilnahme an der KFOR-Mission im Kosovo
2006–2016: Teilnahme an der Operation Active Endeavour im Mittelmeer
2008: Militäreinsatz im Kaukasuskrieg auf der Seite südossetischer Rebellen
seit 2009: Kampf gegen das Kaukasus-Emirat, das sich seit 2015 als Teil des IS versteht
2014: Invasion und nachfolgende Annexion der Krim 2014
seit 2014: Militärische Unterstützung der prorussischen Kräfte im Krieg in der Ostukraine
seit 2015: Militärischer Eingriff auf Seiten der Regierung Syriens im Syrischen Bürgerkrieg
seit 2015: Militärische Unterstützung des Kampfes gegen den Islamischen Staat in Syrien
seit 2018: Militärische Unterstützung des Kampfes gegen die libysche Regierung auf Seiten Marschall Haftars mit Wagner-Söldnern der GRU
seit 2019: Militärische Unterstützung des Kampfes gegen die Ahlu Sunnah Wa-Jama in Mosambik mit Wagner-Söldnern der GRU
seit 2020: Truppen in Bergkarabach, Aserbaidschan
2022: Beteiligung russischer Truppen an der Niederschlagung der Unruhen in Kasachstan 2022
seit Feb. 2022: Überfall auf die Ukraine, samt Teilmobilisierung der Streitkräfte am 21.9.2022

Rubrik „russischer Humor“ und ein Verein für Pazifismus

„Dmitri Medwedew wirft Nato „Stellvertreterkrieg“ vor

Medwedew warf der Nato und westlichen Staaten erneut vor, einen „sogenannten Stellvertreterkrieg gegen die Russische Föderation“ zu führen. Russland habe derzeit nicht vor, Atomwaffen einzusetzen.“

Genau: man überfällt ein Land ohne jeden Grund, obwohl von diesem im Vergleich zu Rußland kleinen Land keinerlei Bedrohung ausgeht, und es mokkiert sich der bleiche Lurch bzw. einer seiner Vasallen dann über Bedrohung. Sicherlich führten Großbritannien und Frankreich über Polen auch einen Stellvertreterkrieg gegen Hitler.

Und nächstens wird und Medwedew berichten, er habe zusammen mit Putin und Lukaschenko einen Verein für Pazifismus gegründet. Immerhin wären bei diesen Gestalten die gegenwärtige deutsche Friedensbewegung wie auch Sahra Zarenknecht gut aufgehoben.

Zum 20. Juli 1944 und zu einem Artikel auf den „NachDenkseiten“

Dieser Text ist eine überarbeitete und stark erweiterte Fassung eines bereits im Juli 2019 erschienenen Artikels von mir, der sich mit einem Beitrag von Werner Rügemer auf den Nachdenkseiten befaßt. Warum ich diesen Artikel hier und heute bringe? Weil solche von mir immanent geübte Textkritik anhand einiger weniger ausgewählter Aspekte zeigen soll, wie Verschwörungsmythen funktionieren und wie man mittels solcher Halbwahrheiten Propaganda und Falschinformationen in Umlauf bringt. Diese Mechanismen zu durchschauen, ist insbesondere im Hinblick auf die Faktenlage im Blick auf die Corona-Krise und den Ukraine-Krieg außerordentlich wichtig. Dabei lasse ich in diesem Essay die Hintergründe zu Rügemer und seine teils antisemtischen, antiamerikanischen Ausfälle unerwähnt bzw. nenne sie nur in diesem Zusatz, damit die Leser wissen, mit wem sie es hier tatsächlich zu tun haben. Daß Rügemer zugleich Recherchearbeit im Blick auf Wirtschaftskriminalität und Verflechtungen von Poltik und Wirtschaft leistete, steht dazu nicht in Widerspruch. Allerdings tangieren solche Verschwörungseinschläge am Ende dann auch die mehr oder weniger seriösen Arbeiten eines solchen Menschen. Ähnlich verhält es sich mit dem Autor Holger Strohm, der Anfang der 1970er Jahre und dann in erweiterter Auflage auch für die 1980er einen der Klassiker der Anti-AKW-Bewegung schrieb, nämlich „Friedlich in die Katastrophe“, darin nicht nur die Funktionsweise verschiedener Reaktortypen und die damit auftauchenden Problematiken analysiert wurden, sondern vor allem auch die gesellschaftlichen Aspekte wie etwa ein sich ausbildender Polizeistaat. Das Buch ist bis heute wichtig, auch wenn Strohm in die rechtsextremistische Esoterik und in die Richtung von Chemtrails-Verschwörung abgedriftet ist und inzwischen kaum noch ernstgenommen werden kann. 

Für diesen Text freilich tun diese Umstände um die Aktivitäten von Rügemer nichts zur Sache, da es hier lediglich darum geht zu zeigen, nach welchem Muster solche Artikel auf den Nachdenkseiten produziert werden und wie Verschwörungserzählungen funktionieren.

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Am 26. Juli 2019 erschien auf den  NachDenkseiten ein Text mit dem Titel „Verschwörung in der Verschwörung“. Der Artikel stammt von Werner Rügemer und handelt vom Widerstand des 20. Juli sowie der Verquickung des OSS, also der Auslandsspionage der USA, und insbesondere geht es darin um die Aktivitäten des durchaus fragwürden Allen Dulles. In den frühen 1940er Jahren war er im Auftrag des OSS Gesandter in der Schweiz, mit guten Kontakten nach Deutschland und zum Widerstand, von 1953 bis 1961 Direktor des CIA,  also im Kalten Krieg und zu einer Zeit, als die Sowjets die Wasserstoffbombe entwickelt hatten, ein gnadenloser Wettkampf der Systeme im Gange war bzw. der Kampf der Systeme hauptsächlich in Entwicklungsländern oder unterentwickelten Ländern wie Korea ausgetragen wurde. In dieser Zeit seines Amtes war Dulles an zahlreichen politischen Aktionen wie der Ermordung des kongolesischen Präsidenten Lumumba und an Regimewechseln im Iran und in Guatemala beteiligt, außerdem Mitglied der Warren-Kommission, die zum Tod von JFK ermittelte. Eine in manchem Aspekt problematische Person und damit – und wo Geheimdienst drinnen steckt, da ist immer gut Munkeln – eine gute Voraussetzungen also für steile Thesen und für ein geschichtliches Mischmasch, um eine  Verschwörungserzählung in den Umlauf zu bringen. Und genau so macht es Rügemer auch im Blick auf den 20. Juli.

Herausgekommen ist ein schlecht recherchierter Text mit rheotorischen Tricksereien, die ein ungeübter Leser nicht bemerkt, aber womöglich dann als Thesen über die bösen westlichen Alliierten nachbetet. Es wird ein simples Narrativ geboten, geschichtliche Fakten werden unterschlagen und verdreht. So rührt der Autor einen kruden Brei an. Wie er das macht, zeige ich anhand von Zitaten und Belegen im folgenden.

Dabei geht Rügemer der Frage nach, wieweit die westlichen Alliierten von Dullesʼ Wissen um die Zustände in Nazi-Deutschland Gebrauch gemacht haben, um einen Regime-Sturz in Deutschland vorzubereiten beziehungsweise zu verhindern, wie der Autor nahezulegen versucht, so daß also durch diesen „verhinderten“ Regimesturz noch mehr Leid über die Welt gekommen wäre, weil damit der Krieg sich weiter fortsetzte. Rügemer versucht zu zeigen, wie jene Regierungen von Großbritannien und den USA angeblich die eigene Bevölkerung über die Zustände in Deutschland täuschten, in dem sie verbreiteten, alle Deutschen wären Nazis und dazu Dullesʼ Recherchen unterdrückten, es gäbe in Deutschland einen breiten Widerstand. Das gipfelt bei Rügemer in dem Satz:

„Merke, auch für heute: Regierungspropaganda und reales (Geheimdienst-)Wissen sind zwei sehr verschiedene Dinge! Fake information, fake production – sie kann auch darin bestehen, dass das Gegenteil von dem behauptet wird, was man weiß.“

Intuitiv würden diesem Satz manche zustimmen. Geheimdienste sind manchmal böse [nur der russische FSB natürlich nicht, der würde niemals Novitschok einsetzen oder in Moskau Wohnblocks in die Luft sprengen, darin die eigenen Landsleute leben]. Und auch demokratisch gewählte Regierungen können zuweilen und ebenfalls aus pragmatischen oder aus politisch-sachhaltigen Gründen, weil es keine anderen Optionen gibt, unangenehme Handlungen oder einschneidende Maßnahmen in Gang bringen. Ja, das ist manchmal so und manchmal stecken sehr handfeste und gute Gründe dahinter A zu tun und B zu lassen. Mittels solcher vagen Konstrukte und mittels dese Ausblendens komplexter Hintergründe und politischer Fakten ist es leicht, eine Scheinkritik zu erzeugen, so wie Rügemer dies betreibt. Und der Leser nickt sie ab. Irgendwas wird schon dran sein. Schaut man sich aber den Gang von Rügemers Argumentation genauer und gründlicher an, kann man schnell sehen, mit welchen rhetorischen Tricks er arbeitet und wie vermeintliche Argumente sich als Betrug erweisen.

Warum dieser Aufwand und dieser lange Text? Ich will zum einen zeigen, daß vermeintlich Gutes mit unlauteren Methoden zum Schlechten gerät und nicht nur argumentativ, sondern auch von der Sache her schlecht ist, und ich will zeigen, daß die Abwägung verschiedener Hinsichten einer Sache (hier des Widerstands vom 20. Juli und der Reaktion der Alliierten darauf) und das heißt also die komplexe Entfaltung eines geschichtlichen Sachverhaltes besser ist als eine perspektivische Verengung des vermeintlich gesellschaftskritischen Blicks zugunsten einer im Kopf bereits vorab festgezimmerten These der bösen US-Macht und ihrer dunklen Helfer.

Solcher Tunnelblick passiert, weil man sich wie Rügemer in dogmatische Verabsolutierungen verstrickt, die der eigenen  Ideologie geschuldet sind. Confirmation bias auch genannt. Und  es läuft dann wie in dem bekannten Witz: Radiodurchsage „Achtung, auf der A 4 kommt Ihnen ein Geisterfahrer entgegen!“ Autofahrer: „Waass, einer? Hunderte!“. Der Manipulierer paßt mit Gewalt die Fakten an die eigene Ideologie an  – das also, was Rügemer „Fake information“ nennt und was er anderen vorwirft – und zieht unlautere Schlüsse, die sich bei umfassender Sichtung des Materials nicht ergeben hätten. Ob Rügemer dies in bewußter und damit in manipulierender Absicht macht oder ob er um die Fehlerhaftigkeit seiner Argumente nicht weiß (also aus Torheit schreibt), spielt dabei keine Rolle, da es hier nicht primär um die Intentionen des Autors geht, die wir nicht kennen, sondern um die Strukturen solchen Vorgehens bei Verschwörungsideologien, indem stringente Argumentation von solchen Leuten hintertrieben und die Rolle von historischen Ereignissen und Zusammenhängen dekontextualisiert und wie bei Rügemer im schlimmsten Fall sogar verfälscht wird. [Kennt  man freilich die Hintergründe um Rügemer, kann man durchaus und wie es für die Nachdenkseiten inzwischen üblich ist, von Manipulation, Propaganda und Falschinformationen ausgehen. Und zwar über die Betrachtung der Faktenlage.]

Insofern ist Rügemers Text darin auch wieder gelungen: denn er eignet sich immerhin als Beispiel, um zu studieren, was passiert, wenn  Behauptungen ohne Belege dogmatisch verabsolutieren werden und dabei zu unsauberen Konstruktionen gegriffen wird, um die Behauptung vermeintlich abzusichern, und wenn all jene nicht ins Gerüst passende Fakten unterschlagen werden. Diese Art von Trickserei und diese Manipulation von Fakten machen Leute wie Rügemer derart gefährlich. Genau das ist das Prinzip, welches die Nachdenkseiten und andere Akteure der Verschwörungsszene seit Jahren durchziehen.

Ärgerlich ist vor allem die methodisch unsaubere Arbeit des Autors sowie eine Guilty-by-Association-Logik, indem Aspekte, die nicht im selben Kontext stehen, auf Verdacht aneinander gekettet werden, um rhetorisch eine bestimmte „Stimmung“ zu erzeugen, die dann unbezüglich und qua eines Fehlschlusses durch Assoziation kurzerhand als Pauschalanwurf auf die Gegenwart umgebogen wird. Diese polemische Absicht, als bewußt rhetorische Verzerrung in diesem Artikel (eine von mehreren, nebenbei), zeigt sich kondensiert im letzten Satz des Textes:

„Wer das missglückte Attentat vom 20. Juli 1944 so als Vorbild feiert – und sich zudem auch noch die Beleidigung der Attentäter durch Churchill kommentarlos gefallen lässt – wie die diskreditierte herrschende Klasse in Deutschland, scheint bereit zu sein, vergleichbare Opfer auch heute hinzunehmen. Man ist ja schon mittendrin.“

Was Rügemers Text unseriös macht, sind die polemischen Mittel und die rhetorische Tricks, um bestimmte Denkmuster beim Leser zu installieren und mittels logisch falscher Übertragungen geschichtliche und politische Aspekte zu analogisieren, die nicht analog sind. Zunächst einmal: Etwas nicht zu erwähnen („sich […] kommentarlos gefallen lässt“), heißt nicht, es bereits zu goutieren (argumentum e silentio) – insofern läßt sich daraus zunächst mal gar nichts ableiten und der Satz bleibt eine Phrase. Churchills Äußerungen (so wie Rügemer sie wiedergibt: „Churchill: ‚Nur ein Kampf der Hunde untereinander‘“) entstammen zudem einer Zeit, in der Krieg herrschte. Und wer je von Warschau, Rotterdam, London oder Coventry hörte, wird sich ein Bild machen können, in welchem Zustand sich Europa befand und was Churchills Äußerungen motivierte. Daß Churchill 1944, also nachdem Nazideutschland praktisch schon in Trümmern lag, „not amused“ von dieser nacheilenden Tat war, kann man nicht nur aus historischer Perspektive, sondern vor allem aus Churchills Gegenwart heraus nachvollziehen und es ist ist von dort aus auch begründbar. Auch hier wirft Rügemer völlig unterschiedliche Perspektiven in einen Topf und verrührt diese, um daraus dann seine krude Sicht zu gewinnen.

Wer im übrigen die Behauptung aufstellt, daß die „herrschende Klasse“ – wer immer das sein mag, Rügemer schweigt darüber, Genauigkeit ist seine Sache auch an dieser Stelle nicht – diskreditiert sein solle, der muß  belegen, womit und wodurch sie diskreditiert ist. Die, die heute den 20. Juli feiern, waren kaum mehr am NS-Regime beteiligt – durch die NS-Zeit kann diese „Klasse“ also kaum diskreditiert sein. Dadurch, daß sie die Attentäter feiert, ebenfalls nicht, denn die Attentäter vom 20. Juli entstammten sehr unterschiedlichen politischen Gruppierungen. Vielleicht ist sie aber einfach auch nur deshalb diskreditiert, weil sie Rügemers Ansicht nicht teilt. Davon abgesehen, daß solche Akte in der Regel symbolisch sind und zum Gedenken dienen – auch diesen Umstand vermag Rügemer intellektuell nicht zu erfassen. Sie sind nicht dazu da, an diesem Tag, auf Gedenkveranstaltungen Differenzen und Debatten von Historikern irgendwie zum Thema zu machen, sondern zunächst einmal zu erinnern. So wie auch der 27. Januar kein Kolloqium zur Shoah ist, so ist auch der 20. Juli kein Kongreß zu Fragen des deutschen Widerstands gegen Hitler – so problematisch man ansonsten den 20. Juli auch sehen mag. Die Debatten zum 20. Juli finden vielmehr in der Forschung und für das gebildete Publikum ebenfalls im Feuilleton oder auf den Wissenschaftsseiten von Tages- und Wochenzeitungen statt.

Der Association Fallacy des „vergleichbare Opfer auch heute hinzunehmen. Man ist ja schon mittendrin“, mit dem hier Unverbundenes  zusammengeschlossen wird, um zu diskreditieren, funktioniert ebenfalls nicht und erweist sich als rhetorischer Effekt, um beim Leser eine Stimmung zu erzeugen statt ein Argument zu bringen oder aber Fakten zu liefern, die eine bestimmte Auslegung nahelegen. Welche Opfer es konkret sind, wird zudem von Rügemer im Nebel des Unwissens gelassen: so kann dann jeder selbst in freier Assoziation hinzufügen, was ihm gerade an Opfern einfällt. Container-Wörter mithin.

Weiterhin müßte Rügemer Roß und Reiter nennen und sagen, wer hier was und in welchem Kontext als Vorbild feiert, sonst bleibt solcher Bezug nämlich Ausdenk-Internetz. Und wo man „schon mittendrin“ ist, möchte ich als Leser dann ebenfalls gerne wissen. Wenn man solche Sätze liest, scheint es dem Autor insofern mehr um Polemik zu gehen und auch darum, Assonanzen hervorzurufen, die jeder nach eigenem Gutdünken und eigenem Gestus bedienen kann – mithin auch ein Appell an Emotionen – statt um sachliche Auseinandersetzung mit dem 20. Juli. Dazu greift Rügemer in die rhetorische Trickkiste und verquickt manches mit manchem.

Auch der Auftakt des Textes ist bereits in solch sophistischem Modus gehalten:

„In BILD, ZEIT, Süddeutsche, ARD, ZDF, bei der Bundeskanzlerin und auch in der aufklärerischen junge Welt: Bei allen Würdigungen des Attentats auf Hitler vom 20. Juli 1944 blieb auch zum 75. Jahrestag ein Beteiligter verbissen ausgeblendet: Der US-Geheimdienst Office of Strategic Services (OSS).“

Davon einmal abgesehen, daß all die genannten und sehr unterschiedlichen Medien den 20. Juli in ganz unterschiedlichen Aspekten beleuchteten, ist nicht ersichtlich, weshalb für diese Betrachtung ausgerechnet der OSS zentral bzw. erwähnenswert sein sollte. Weil eine Sache X für Rügemer interessant ist, muß sie es nicht für andere sein und es lassen sich durchs „Nichtnennen“ ebensowenig irgendwelche Verschleierungstendenzen ableiten („verbissen ausgeblendet“). Woher nimmt Rügemer das „Verbissen“? Saß er mit in den Redaktionen und blickte in verkniffene Gesichter, die am Ausblenden waren und beim Ausblenden die Gesichtsmuskeln anspannten? Und genau so wie hier in dieser Art von freier Assoziation funktioniert auch das, was Verschwörungsideologen wie Ken Jebsen, Tom J. Wellbrock, Albrecht Müller, Jürgen Elsässer, Dirk Pohlmann und Mathias Bröckers machen: Manipulation am Leser, indem für einen Sachverhalt relevante Fakten ausgeblendet und komplexe wie komplizierte geschichtliche Zusammehänge dekontextualisiert werden. Exemplarisch führe ich es an diesem Text von Rügemer vor und wenn man will, kann man es an fast allen Beiträgen dieser „Autoren“ zeigen.

Rügemers erwähnt also den Geheimdienst OSS. Dazu muß man freilich einige Aspekte ergänzen: Daß Geheimdienste in einem Krieg notwendige Aufklärungsarbeit leisteten (Deutschland führte im übrigen, wie heute auch Rußland, einen Angriffskrieg und überfiel einen souveränen Staat). Insbesondere der OSS leistete wichtige Aufklärungsarbeit und dort arbeitete auch mancher der vor den Faschisten geflohenen Emigranten mit, so etwa Herbert Marcuse, um gegen Hitler zu kämpfen. Solche Geheimdienste waren in der militärischen Arbeit gegen das faschistische Deutschland unerläßlich und zu dieser Arbeit in Deutschland, um an Informationen zu gelangen, die wiederum für das Allliierte Bomberkommando relevant waren, gehören dann auch die erwähnten Kontexte und die Kontakte zum deutschen Widerstand. In diesem Kontext bekommen die Ausführungen von Rügemer mit einem Mal ein etwas anderes Licht als diese polemische und rhetorisch Volte, und es zeigt sich, wie notwendig Dullesʼ Arbeit der Informationsbeschaffung war, um nicht nur ein faschistisches Deutschland zu besiegen (und vor allem zu beseitigen!), sondern auch, um die Gefahren einer nicht minder brutalen Diktatur von Stalin zu bannen und im Zaum zu halten. Was es mit dieser Diktatur Stalins auf sich hatte, konnten wir im übrigen an den Ländern im Ostblock sehen, und zwar von 1945 bis 1989, dem Zusammenbruch dieser Dikatur.

Daß es Stalin ganz gut auch mit anderen Diktaturen aushalten kann, zeigte der Hitler-Stalin-Pakt von 1939, darin unter anderem im Geheimen Zusatzprotokoll die Annexion des Baltikums und die Aufteilung Polens festgehalten wurde. Und daß für Stalin auch mit einem eher national-rechts-deutschen, nicht-demokratischen Deutschland der Widerständler politisch sich besser leben ließe als unter einer liberalen und zudem kapitalistisch organisierten Demokratie im Stile der USA oder Großbritanniens, ist eine Annahme, die ebensowenig auszuschließen ist und deshalb nicht unerwähnt bleiben sollte, wenn man die Beziehungen der Sowjetunion zu den Deutschen im Dritten Reich sich betrachtet, wie Rügemer das in seinem Artikel macht. Und womöglich ist es auch leichter, ein von der rechten Diktatur infiziertes Volk nun für eine „linke“, stalinistische Diktatur umzubiegen. Im Blick auf Stalins Diktatur bleibt Rügemer schmallippig, während er nicht müde wird, über westliche Geheimdienste zu dozieren.

Weiterhin: Wenn, wie Rügemer schreibt, Dulles konstatiere, es gäbe einen breiten Widerstand, dann muß er dies schon genau zeigen. („Aber Dulles konstatierte: Es gab einen breiten Widerstand.“) Denn selbst wenn Dulles das konstatiert, muß es deshalb nicht richtig sein. Insofern ist es erforderlich, daß Rügemer zeigt, wie dieser „breite Widerstand“ ausgesehen haben soll bzw. was Rügemer unter dem Wort „breit“ versteht, wenn er diese Dulles-These als Grundlage seiner eigenen These verwendet. Insofern ist der Text auch an dieser Stelle schwach argumentiert. Stürzt diese These stürzt die gesamte Argumentation des Textes.

Öffentlicher Protest der Deutschen gegen Hitler und damit politisch größerer Widerstand in verschiedenen Formen kann mit dem Wort „breit“ nicht gemeint sein. Denn der Straßenprotest und der Widerstand gegen Hitler um 1933 und auch die Jahre danach und als dann zunehmend Juden sowie politische Gegner drangsaliert und am Ende liquidiert wurden, blieb nicht nur weitgehend, sondern fast vollständig aus. Er fand allenfalls im privaten Kreis statt. Wenn wir es durchzählten vielleicht ein paar zehntausend Menschen – von etwa 80 Millionen Reichsbürgern, von denen man Kinder und Alte abziehen muß, so daß man vielleicht bei 50 Millionen Menschen ist. Breiter Widerstand wäre dann, wenn ein paar Millionen Menschen auf die Barrikaden gegangen wären. Sie sind es aber nicht. Es gab keine Volkserhebungen gegen Hitler, sondern es sabotierten lediglich einzelen Akteure das System.

Hier vom „breiten Widerstand“ zu sprechen, ist lächerlich. Der überwiegende Teil der Deutschen tat mit, war begeistert oder schwieg aus Angst. Das NS-Regime wurde von großen Teilen der Bevölkerung getragen – so wie es Churchill und Roosevelt sagten und wie es Franz Neumanns „Behemoth“, den Rügemer zitiert, und auch zahlreiche weitere Forschung nahelegt. Das Regime um Hitler wurde getragen von Menschen, die aus der Arbeitslosigkeit und aus Krisenjahren kamen und die jene Versorgungsdiktatur goutierten und mehr als das: die soziale Fürsorge durch den NS-Staat wurde akzeptiert und manches andere ebenso. Wo der breite Widerstand gegen Hitler war, das müßte uns Werner Rügemer schon zeigen. Kann er aber nicht.

Vor diesem Hintergrund erscheinen solche Sätze dann in einem etwas anderen Licht und es wird gut die polemische und verzerrende Absicht dahinter deutlich:

„Damit zeichnete der Geheimdienstler [Dulles] ein ganz anderes Bild als damals die US-Regierung und vor allem das State Department öffentlich propagierten: Ganz Deutschland sei im Griff der Nazis, alle Deutschen seien Nazis, der Terror seit total. Dulles schickte seine Berichte unter dem Codewort breaker (Brecher) nach Washington. Aber Roosevelt und seine Generäle logen weiter, Churchill machte begeistert mit: Alle Deutschen sind Nazis!“

Davon ab, daß man sich für diese Aussagen von Roosevelt und Churchill Quellenbelege und den Kontext wünscht, in dem diese Sätze gesagt worden sind: Nach dem Stand der  Forschung kann man sagen, daß Deutschland ein tief vom Faschismus durchdrungenes Land war. Die paar zehntausend Leute bildeten kein Gegengewicht. Und von „breitem Widerstand“ kann schon gar nicht die Rede sein.

Daß die westlichen Alliierten und insbesondere die britische Regierung 1944 und bereits schon Ende 1941 nicht mehr an Umsturzplänen interessiert waren, dürfte ebenfalls naheliegend sein: Deutschlands militärische Niederlage zeichnete sich zunehmend ab. Der Verstoß in Nordafrika kam zum Erliegen und auch an der russischen Front lief es Ende 1942 nicht wie gewünscht. Und bereits Sir Winston Churchills seit 1940 anhaltender Widerstand gegen Hitler, obwohl er mit ihm nach dem Fall Frankreichs durchaus ein Agreement hätte aushandeln können, zeigt die konsequente Haltung. Churchills legendäre Rede und seine Worte von „Blood, Toil, Tears and Sweat“ im Kampf gegen den Faschismus, gehalten am 13 Mai 1940 in Westminster, finden sich an dieser Stelle. Ein großer Politiker, ein Staatsmann und in Europa der einzige Politiker, der gegen Hitler, gegen die deutschen und die italienischen Faschisten vehement Widerstand leistete. Während der blutige Diktator Stalin, in dessen Land die Menschen verschwanden, mit Hitler paktierte.

Auch aus den Erfahrungen des ersten Weltkrieges im übrigen heraus lag es nahe, es nicht noch einmal zu solch einer desolaten Situation kommen zu lassen und das besiegte Land nicht zu besetzen: Das Deutsche Reich bestand 1918 weiter, die alten Kräfte konnten nicht nur subkutan wirken, sondern sie taten es bis in die Regierungsebene hinein. Bis auf das Rheinland und das Saarland stand Deutschland 1919 nicht unter alliierter Militärverwaltung. Das, was aus dieser Situation damals erwuchs, wollte man sich für ein zweites Mal ersparen, auch im Hinblick auf zwei Weltkriege, die von Deutschland ausgingen. Insofern kam nur die bedingungslose Kapitulation, wie sie 1943 auf der Konferenz von Casablanca von den westlichen Alliierten beschlossen wurde, infrage. (Stalin war ebenfalls eingeladen, aber reiste nicht an.) Auch dieses Motiv der westlichen Alliierten ist mitzunennen. Die Alliierten waren nicht an einem konservativ-rechts-nationalen Deutschland interessiert und in diesem Sinne konstatierte Churchill ganz richtig, daß es nur ein Kampf der Hunde untereinander war. Ende 1943 dann, auf der Konferenz von Teheran wurde zwischen den drei Alliierten (dem sowjetischen Diktator Stalin sowie dem Präsidenten Roosevelt und dem Premierminister Churchill) neben der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands ebenso die Aufteilung Deutschlands beschlossen. Rügemer hingegen mutmaßt:

„Der Widerstand durfte keinen Erfolg haben, denn der hätte nur „den Russen“ genützt und möglicherweise zu Friedensverhandlungen geführt. Die Feindschaft des Westens gegen die Sowjetunion mit der Gefahr eines neuen Krieges hatte spätestens schon 1943 begonnen – eine Kontinuität bis heute.“

Daß es Rügemer eher mit russischen oder sowjetischen Diktatoren hält, bleibt an solchen Stellen keine Mutmaßung mehr, sondern wird evident. Wenn es im übrigen darum ginge, die UdSSR unter Stalin kleinzuhalten und es ausschließlich auf ein Wettrennen der unterschiedlichen Blöcke ankäme, wie Rügemer insinuiert, und wenn es das Ziel wäre, eine kommunistische Diktatur sowjetisch-stalinistischen Vorbilds in Mitteleuropa zu verhindern, dann bleibt es unverständlich, weshalb in Teheran ein gemeinsames Vorgehen der Alliierten abgestimmt wurde und es bleibt unklar, weshalb die USA das Lend-Lease-Programm  für die Sowjetunion erst am 12. Mai 1945, also einige Tage nach der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches, auslaufen ließen und nicht schon viel früher.

Ohne den Treibstoff der USA wäre kaum ein sowjetisches Flugzeug geflogen und nur wenig Panzer gefahren. Die Kriegswende 1942/43 ist auch durch die umfangreichen Lieferungen der USA an Logistik, Panzern, Flugzeugen, Schiffen, Lokomotiven, LKWs, Stahl, Lebensmitteln bis hin zu Soldatenstiefeln erklärbar. Diesen Umstand sollte der Artikel ebenfalls erwähnen. Daß er es nicht tut, ist bezeichnend und zeigt die Stoßrichtung – auch des Antiamerikanismus dieses Autors. Ohne die umfangreichen US-Lieferungen wäre das Regime Stalins am Ende gewesen. Da er aber einseitig den Blick auf einen konservativen Geheimdienstmann richtet, muß Rügemer solche Aspekte bewußt ignorieren und er muß durch solche Perspektivenverengung dann zu einer monolithischen und verkürzten Darstellung gelangen.

Von der „Verschwörung in der Verschwörung“, von der Rügemer fabuliert,  bleibt also am Ende nicht viel übrig, wenn man sich die historischen Fakten genauer betrachtet. Solche polemischen Sätze insbesondere zeigen dann gut, wohin die Reise von Rügemer geht:

„Ebenso wurden im weiteren Verlauf des totalen westlichen Krieges die ungleich zahlreicheren Kriegsopfer auf ziviler und militärischer Seite hingenommen: Unconditional surrender!“

Eine irre und perverse „Logik“, wie sie dieselben Leute, die sich Friedensbewegung und Mahnwache nennen, heute auch für die Ukraine in Anschlag bringen. Davon ab, daß die „Logik“ einer solchen Argumentation ebenso von einem Funktionär der NPD stammen könnte: unter Aufgreifung von Goebbels „totalem Krieg“ als Triggerwort – und hier wird es dann wieder antisemitisch, semifaschistisch unappetitlich bei Rügemer -, besteht seine Manipulation zunächst einmal darin, Täter und Opfern zu vertauschen. Den totalen Krieg führte Deutschland und brach ihn 1939 vom Zaun, nicht die Alliierten, die Polen beistanden. (Nicht anders übrigens als Putin dann am 24.2.2022 die Ukraine überfiel: Wie die Muster im Blick aufs Verdrehen von Fakten sich doch gleichen.) Weiterhin unterschlägt Rügemer, daß nur die bedingungslose Kapitulation Deutschlands durch die Widerständler und die verbleibenden Generäle sofort die Einstellung der Kriegshandlungen nach sich gezogen hätte. Darüber aber wollten viele der Generäle, die unter Hitler dienten, nicht verhandeln, ebensowenig die Widerständller, und die westlichen Alliierten wollten sich auch nicht auf einen Separatfrieden einlassen, bei dem das Deutsche Reich dann weiter gegen die UdSSR gekämpft hätte, wie von Teilen der Generäle angedacht. Soviel nur zu dem herbeikonstruierten Narrativ, den westlichen Alliierten ginge es darum, bereits 1943, also inmitten des 2. Weltkrieges auf Konfrontationskurs zur Sowjetunion zu gehen. Solche Passagen und Insinuierungen Rügemers zeigen wohin die Tendenz gehen soll: nämlich das Installieren eines klassischen Verschwörungsnarrativs. Auch hier wieder sehen von der Methode her, wie Verschwörungsmythen arbeiten und wie sie sich im Kopf mancher Leser festsetzen und dann weiterverbreitet werden. Gegen solche Fälschungen hilft nur Aufklärung anhand von Fakten.

Daß übrigens – zum Abschluß – die lesenswerte und bis heute bahnbrechende Studie „Behemoth“ von Franz Neumann zwar „den Terrorapparat [schilderte], ohne auf die frühe Förderung Hitlers durch die großen Kapitalisten wie Ford und Krupp einzugehen“ bedarf eigentlich keiner Erwähnung, denn es war eben letzteres gar nicht die Absicht der Studie, den militärisch-industriellen Komplex vor Hitler auszuleuchten, sondern „Behemoth“ befaßt sich in soziologischer Absicht mit den internen Funktionsabläufen des NS-Staates. Rügemer ist nicht einmal fähig, in einfachsten Bezügen zu denken, geschweige eine hinreichend valide Analyse zu liefern. Man merkt es dem Artikel noch in den kleinsten Stellen, selbst in einer Fußnote an: Auch hier wieder wird Rhetorik eingestreut, um eine bestimmte Richtung zu inszenieren. Daß übrigens Werner Rügemers Text nicht auf die Verbrechen Hitlers und den Völkermord Stalins eingeht, bedürfte wohl ebensowenig einer besonderen Erwähnung. Insofern frage ich mich, was die Absicht solcher von außen an eine Sache herangetragener Sichtweisen ist, wie sie Rügemer auffährt.

Gegen Rügemers Text spricht nicht nur sein methodisch ungenaues Arbeiten und seine Verabsolutierung einer These zu einer Seite hin – bereits im Titel zeigt sich die Schlagseite des Textes, sondern auch der propagandistisch-ideologische Impetus seines Textes. Durch solche systematische Verzerrungen bekommt ein historischer Aspekt Schieflage. Bezieht man jedoch all die von mir genannten unterschiedlichen Hinweise mit ein, besitzt diese Angelegenheit eine doch etwas breitere Perspektive und ist deutlich komplexer als eine bloße Geheimdienstgeschichte samt verschwörerisch-bösen US-Staatsmännern sowie einem böse-finsteren Churchill.

Die Ironie dieser Sache ist dabei: Das was Rügemer den USA und Churchill vorwirft und was eben am Ende nicht zutrifft, betreibt er selber: nämlich die Produktion von Ideologie. Es ist jedoch wichtig, gerade an solchen doch relativ simplen Texten zu zeigen, wie die Produktion von Lüge und Propaganda funktioniert – gerade im Blick auf die Corona-Krise und den Krieg Rußlands gegen die Ukraine zeigen sich solche Manipulationen, insbesondere bei den Nachdenkseiten und all jenen Autoren, die da im Umfeld agieren.

Merke: Es muß bei Verschwörungsideologien immer ein Funke Wahrheit im Spiel sein: Wer sagt, der Regen falle in Wirklichkeit von unten nach oben und wir alle werden optisch von Reptiloiden in Gestalt von Angela Merkel, H. Clinton und Obama manipuliert, wird eher im Irrenhaus landen. Wer aber vermeintliche Fakten nennt, etwa, daß Länder um Rußland wie die baltischen Staaten, Polen und Rumänien nun in der NATO sind und Rußland angeblich einkreisen, kann auf Fakten rekurrieren, die zunächst mal plausibel wirken. (Davon einmal abgesehen, daß die Grenze zwischen NATO und Rußland gerade einmal 2 % der gesamten russischen Grenze zu anderen Ländern ausmachen: aber was schert schon die Wahrheit, wenn man wie Rügemer, Pohlmann, Jebsen, Ganser auch lügen kann.) Und was solche Ideologen zudem regelmäßig im Blick auf die NATO und die Erweiterung dieses Bündnisses verschweigen: Es wird von diesen Leuten so getan, als hätte

„die NATO die osteuropäischen und baltischen Staaten gewaltsam besetzt und dann in diesen Ländern eine Militärpräsenz aufgebaut. Diese Staaten wurden aber nicht besetzt, sondern suchten um eine Mitgliedschaft bei der NATO an. Niemand ist also irgendwohin „gerückt“, souveräne Staaten sind einem Bündnis beigetreten. So wie es demnächst Finnland und Schweden machen werden. Der einzige, der irgendwohin „rückt“, ist tatsächlich Putin.“

So schrieb es gestern Bernhard Torsch auf Facebook. Hinzu kommt: Der 8. Mai wird zwar in Deutschland (inzwischen)  als Tag der Befreiuung gefeiert und er wird bis heute am 9. Mai in Rußland gefeiert. Nur wird dabei ein zentraler Umstand oft beschwiegen: Der 8. Mai war für die Länder Mittel- und Osteuropas, für Lettland, Estland, Litauen, Polen, Ungarn, die SBZ, später DDR, die Tschechoslowakei, Rumänien und Bulgarien kein Tag der Befreiung  gewesen. Sondern es begann eine neue und blutige Diktatur, die von 1945 bis 1989 dauerte. Auch diesen Umstand verschweigt uns Rügemer.

In Anbetracht all dieser von mir genannten Aspekte ist es folgerichtig,  Rügemer einen Verschwörungsideologen zu nennen. Und ein Portal, das ungeprüft solche Artikel veröffentlicht, muß sich ebenfalls solches zurechnen lassen. Nach der Corona-Krise, aber auch schon seit 2015 in der Berichterstattung gegen die Ukraine und in der Parteinahme der Nachdenkseiten für Putins Rußland hat sich bereits gezeigt, woher der Wind dort und anderswo weht. [Zu der teils rechtsextremistischen Unterwanderung der Mahnwachen einer sogenannten Friedensbewegung seit 2014 schreibe ich vielleicht gesondert nochmal etwas.]

In diesen Zeiten des Hybrid-Krieges mit Rußland können und sollten wir uns freilich, was Haltung und was den Umgang mit einem Feind angeht, an jenem Mann ein Beispiel nehmen: nämlich an Winston Churchill, der standhaft blieb und mit eisernem Willen dazu beitrug, daß am Ende Deutschland nicht siegte.

[Photographie, Quelle: Wikipedia, gemeinfrei]

In Torgau an der Elbe – 25. April 1945

Der 25. April 1945, der eigentlich, wenn man jenes legendäre Bild von der Elb-Begegnung vor 75 Jahren nimmt, ein 26. April war: kurz vorm Endgame im Bunker des Führers.

Jene legendäre Photographie von Russen und Amerikanern, die sich in Torgau treffen, ist nachgestellt. Die eigentliche und erste Begegnung fand in Strehla statt, das wenige Kilometer flußaufwärts und südlich von Torgau liegt. Doch festhalten mochte man dieses historische Treffen an diesem Ort der ersten Begegnung nicht, wo die Amis über die Elbe nach Strehla setzen, denn viel zu grauenvoll war die Umgebung: es lagen tote Frauen, tote Kinder, tote Greise getürmt. Es gibt zwar zahlreiche Photographien von der Begegnung der Russen und der Amerikaner, doch das eigentliche, das ikonische Photo schoß Allan Jackson einen Tag später, am 26. April 1945. Es war eine nachgestellte Szene. Wirkmächtig und symbolisch allemal, vor allem, weil kurz danach bereits der Kalte Krieg zwischen Ost und West begann. Vor allem aber, weil hier die westlichen Alliierten zum ersten Mal auf ihre sowjetischen Waffenbrüder trafen.

In diesem Sinne machen solche Photographien von ihrer Aufladung her nichts anderes als Gemälde: sie halten eine bestimmte historische Szenerie symbolisch und verdichtet für die Nachwelt und eben auch für die eigene Gegenwart fest – wie etwa in Diego Velázquez‘ Gemälde „Die Übergabe von Breda„. Auf den historischen  Augenblick auf den Moment hin eingefroren und damit auch als Jahrestag mit einer  Art Beglaubigung begehbar. Ähnlich wie wenige Wochen später die Eroberung  Berlins durch die Rote Armee und das Hissen der Fahne auf dem Reichstag zu einer solchen zentralen Photographie wurde. Nach einem langen, von Deutschland entfachten grausamen Krieg, mit Vernichtungsfeldzügen in Rußland, um nicht nur Juden, sondern auch Slawen und all die auszurotten, welche nicht ins Rassekonzept der deutschen Faschisten paßten.

Man könnte nun annehmen, daß solche nachgestellten Photographien etwas Problematisches an sich haben, weil Bilder – gerade auch historisch bedeutsame – die „Realität“ wiedergeben oder zumindest einen repräsentativen und wesentlichen Ausschnitt aus der Wirklichkeit zeigen sollen, um auf diese Weise ein bestimmtes Szenario anschaulich zu machen. (Daß Photographien dabei immer auch eine gewisse Dramatik und die Dramaturgie des Ereignisses erst mit erschaffen, ist ein zusätzlicher Aspekt, der bedacht werden sollte. Aber auch das entwertet nicht unbedingt den dokumentarischen Gehalt einer Photographie und macht ein Bild nicht unwahr, wenn man nämlich die jeweiligen Kontexte eines Photos mit hinzu erzählt und wenn man dabei mitbedenkt, daß eine Photographie immer ein Ausschnitt ist, der mit einer Gegenphotographie beantwortet werden kann.)

Und da es aber bei diesen symbolischen Bildern ebenso darauf ankommt, daß sie Ausdrucksmedium eines historischen Momentes sind, scheint mir hier der Aspekt der Nachinszenierung nicht unbedingt problematisch, solange die Betrachterinnen und Betrachter wissen, daß es eben eine Inszenierung war. (Anders übrigens als Joe Rosenthals ikonographische Photographie der Flagge von Iwo Jima. Ein Photo, das nicht gestellt war, sondern aus der Aktion heraus geschossen wurde. (Siehe dazu meinen Text „Raising the Flag on Iwo Jima. Die Bilder des Krieges„)

Allerdings ist Torgau nicht nur wegen jener Begegnung und ihrer Inszenierung in einer Photographie interessant, sondern Torgau war im 16. Jahrhundert auch Residenzstadt und eines der Zentren der lutherischen Reformation. „Wittenberg ist die Mutter, Torgau die Amme der Reformation“ so heißt es. Torgau ist zugleich die Sterbestadt der Katharina von Bora, also der Lutherin. Sie floh vor der Pest und bei einem Unfall mit der Kutsche brach sie sich das Becken und verstarb in Torgau. So war sie bei ihrem Mann nun im Paradies.

In Torgau findet sich ebenfalls einer der schrecklichen Jugendwerkhöfe. Auch das sollte nicht vergessen werden. Man kann diese Stätte heute als Museum besuchen. (Was ich nicht tat, da ich spazieren und umherstreifen wollte, aber dies werde ich sicherlich nachholen. Die Stadt ist schön, die Landschaft dort ist herrlich und wunderbar. Und zugleich erzeugen solche Korrespondenzen, wie auch in Weimar in noch viel drastischerer Weise, Unbehagen. Friedliche Orte sind nie ganz friedlich. (Das wußten auch die Meister des Horror-Genres oder auch Regisseure wie David Lynch, wenn man an Twin Peaks oder Blue Velvet denkt.)

Im Mai 2015 weilte ich für ein paar Stunden dort im schönen Torgau, um auf einer Reise ein wenig die Zeit zu überbrücken.

„Raising the Flag on Iwo Jima“. Die Bilder des Krieges (1)

„Flags of Our Fathers. Heroes of Iwo Jima“  wie ein patriotischer Roman von James Bradley und Ron Powers hieß und dann von als “ Flags of Our Fathers“ von Clint Eastwood 2006 verfilmt wurde. Der Wille zum Sieg, und zu diesem gehören Pathos und auch jene Helden samt ihren Mythen. Einerseits. Andererseits ist und bleibt jeder Krieg schrecklich. Und auch das steckt eben etymologisch im Wort „Pathos“.

Wie betrachten wir jene Photographien vom Krieg? Ist dies eine Ästhetik des Schreckens oder ästhetische Lust am Schrecklichen? Oder ein Schrecken, der keiner Ästhetisierung fähig ist?  Eigentlich eine rhetorische Frage, mit der ich einen älteren Beitrag von 2016 und insbesondere dessen Titel noch einmal ausgraben und überarbeiten will. Und da es in diesem Essay um Kriegsphotographien ging, möchte ich ihn zudem auf die ikonisch gewordenen Photographie „Raising the Flag on Iwo Jima“ von dem Associated-Press-Photographen Joe Rosenthal beziehen, wovon dann hier der erste Teil gegeben wird. Denn vor 75 Jahren, gestern am 26. März 1945, wurde die japanische Insel Iwo Jima von der US-Army endgültig erobert, nachdem dort das US-Marine-Corps am 19. Februar 1945 anlandete. Der Krieg im Pazifik war blutig, zumal die USA den Hauptteil ihrer Ressourcen für den Krieg gegen Hitler in Europa einsetzten und also für den Krieg in Asien nur begrenzte Kapazitäten besaßen.

Die etwa 24 km² große Vulkan-Insel war strategisch wichtig, denn sie lag nur 1.200 km von Tokio entfernt und war damit der ideale Ort, um dort B-29-Bomber zu stationieren, die dann Tokio angreifen und bombardieren konnten. Der Kampf um diese Insel, wie auch der um all die anderen eroberten Pazifik-Inseln war grausam. Die Verlustzahlen waren hoch.

Joe Rosenthals „Raising the Flag on Iwo Jima“, für das er den Pulitzer-Preis erhielt, ist eines dieser seltsam-faszinierenden Bilder vom Krieg. Es zeigt nichts vom Grauen des Krieges, sondern liefert eine Grundstimmung fürs Patriotische. Es evoziert Schönheit inmitten des Krieges, Heldentum, Pathos und zugleich zeigt es den realen Krieg und dessen Zerstörungen lediglich in Andeutungen. Wir sehen Trümmer- und Schuttberg im Vordergrund: Holz, Geäst, Metall, was auch immer da liegen mag, eine amorphe, kaputte Masse – aber nur noch als Untergrund. Zentral bleibt die Figurengruppe. Ein Kriegsmotiv als Ikone.

Auch Robert Capas legendäre Photographie von jenem 1944 in der Normandie am Omaha-Beach landenden Soldaten (Bild siehe Link) zeigt im Grunde nicht den Krieg und dessen Grauen, sondern eine einzelne Szene. Und wegen eines Entwicklungsfehlers des Laborassistenten in London kam in das Bild durch die Unschärfe, die Grobkörnigkeit und die Überbelichtung eine Dynamik, die ein „realistisches“ Bild von der Landung am Strand der Normandie in dieser Weise kaum erreicht hätte. [Zu Capa auch meine Kritik von der Ausstellung 2015 in Dresden.] Der Stil des Bildes, die Stärke in der „Komposition“ entstanden durch Unvollkommenheit, durch Pfusch am Ende und also durch einen Zufall, der der Kunst und damit der Ästhetik der Photographie ungeahnt zur Hilfe kam und damit ebenfalls eine ausdrucksstarke Ikone der Kriegsphotographie schuf. So geschah durch einen technischen Fehler (aber sicherlich auch durch die Situation als solcher, der Capa direkt ausgesetzt war, immerhin sprang er zusammen mit den GIs ans Ufer) ein dynamisches Bild des Krieges, das das Gemetzel und damit den Schrecken und das Grauen bei der Anlandung am Atlantikstrand zumindest ahnen läßt und über die Komposition der Photographie samt deren Unfertigkeit ja ihrer Kaputtheit diese Anspannung und die Heftigkeit der Schlacht gut evoziert. Das Gesicht des anlandenden Soldaten allenfalls schemenhaft zu ahnen. Anonym. Ein entstelltes Bild zeugt genau von jenen Entstellungen des Krieges und von der Heftigkeit. Die „Erschütterung der Sinne“, wie 2013 der Titel einer Ausstellung in Dresden lautete.

Anders aufgebaut ist Rosenthals Bild. Das Zentrum der Photographie bildet jene Gruppe aus Soldaten. Fast ein Altarbild, wie eine Kreuzabnahme, es wirkt wie choreographiert, überhöht fast, und ist es doch nicht, sondern da löste ein Photograph anscheinend exakt im richtigen Moment aus. Und aufgrund dieser fast schon perversen Perfektion vielleicht auch der Verdacht der Inszenierung dieses Bildes, so exakt wie es komponiert ist und dadurch seine Wirkung entfaltet. Eine Photographie wie ein antikes Relief. Auf den Punkt genau, so daß da ein harmonisches Ganzes entstand – Linienführung, Proportionen und Dynamik tarieren sich aus. Eine Diagonale, die der Photographie ihre Struktur verleiht. Die einzelnen Individuen, die Soldaten, verschmelzen zu einer Gruppe. Ein Hintergrund, der ruhig wirkt und nicht ablenkt, aber doch durch ein paar Wolkentupfer  und den durchschimmernden Himmel aufgelockert, so daß dieser Hintergrund keine monotone Fläche bildet. Der Blick verweilt dort kurz, klebt aber nicht fest, wird nicht durch äußere Details abgelenkt  und gleitet sogleich wieder zu der Figurengruppe zurück.

Die Photographie entstand am 23. Februar 1945. US-Truppen betraten hier im Pazifik-Krieg zum ersten Mal japanischen Boden. Der erloschene Vulkan Suribachi war eine der zentralen und strategisch bedeutsamen Verteidigungsstellungen der Japaner. Nachdem die US-Marines am 23. Februar diese Artillerie-Stellung eroberten, sollte dort die US-Fahne gehisst werden. Der Bataillons-Führung, die vom Strand aus die zunächst viel zu kleine Fahne sah, befahl, eine deutlich größere Fahne aufzuziehen. Es machte sich ein neuer Trupp Soldaten auf den Weg. Und so hatte Rosenthal das Glück seines Lebens. Der immer wieder getätigte Vorwurf, die Photographie wäre gestellt gewesen, hat sich als unwahr erwiesen.

Die Dynamik des ersten und ursprünglich vom Kriegsphotographen Lou Lowery aufgenommenen Bildes ist eine ganz andere: weniger patriotisch, allenfalls die Fahne im Hintergrund zeugt davon, weniger Pathos in der Positur der Menschen um die Fahne herum, sondern vielmehr pragmatisch situiert. Das Kampfgeschehen ist noch unmittelbar zu ahnen, insbesondere durch jenen Soldaten mit dem Gewehr im Anschlag – das einzige Spannungsmoment in dieser Photographie, sieht man einmal von der Perspektive ab, die die Szenerie von schräg-unten abbildet. Die Soldaten im Hintergrund wirken routiniert und gleichgültig: man tut, was man tut. Die zweite Aufnahme hingegen ist ganz auf die Fahne der USA konzentriert und dazu auf die Bewegung der Soldaten als eine ineinander verschmolzene Gruppe. Wie aus der Erde, dem Geröll und den Trümmern herausringend hissen sie da auf jenem Berg jenes Star Spangled Banner. Jede Bewegung und die Anordnung im Bild läßt bereits das Monument ahnen: es ist eine Pose, ein Ausdruck.

Man könnte für diese Frage der Darstellung auch Lessings „Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie“ lesen: wie nämlich bestimmte Kunstgattungen bestimmte Szenarien (Handlung und Charaktere etwa) gelungen ins Kunstwerk bringen. Wie auch in der Laokoon-Gruppe findet sich in Rosenthals Bild Dynamik, Spannung und zugleich ein festgeforener, gebannter Augenblick. In der Photographie von Rosenthal wird der Krieg selbst abstrakt und auch die Soldaten werden es – auch wenn man hinterher versucht hat, ihre Namen für die Kriegsbegeisterung nutzbar zu machen und mit ihnen für die dringend nötigen Kriegsanleihen zu werben. Mittels dieser Komposition und eben auch durch das Glück, im rechten Moment den Auslöser gedrückt und diese Szenerie geahnt zu haben, geriet jene Photographie von Joe Rosenthal plastisch. Sie wurde auf dem US-amerikanischen Militär- und Nationalfriedhof Arlington zur Skulptur verwandelt und geriet zum Heldendenkmal. 

Braucht ein Krieg solche Bilder? Für die Heimatfront sicherlich, und auch für einen Krieg, der gegen Diktaturen geführt wird, sind die Einübungen in Munterkeit oder zumindest ein Antidot zur Verzweiflung und zur Resignation angesichts der Opfer erforderlich. Selten aber laufen Geschichte und Ästhetik rund. Eine ästhetisch perfekte Photographie vom Krieg, ohne Ecken und Kanten, ohne Tücken, eignet sich nur leider auch zum Hurra-Patriotismus. Das eben ist das Fatale der Schönheit, die wir bewundern und die doch im formschönen Körper und im auskomponierten Bild immer auch zum Mißbrauch einlädt. Die Frage, ob Kriegsphotographien gelungene Kunst sein können, sollten wir dabei immer im Auge behalten – auch für den zweiten Teil dieses Essays.

Nicht ganz zu vergessen ist bei solcher Helden-Monumental-Photographie das Schicksal eines dieser Soldaten, die die Fahne aufstellten. Und zwar der 1923 im Indianerreservat geborene Ira Hamilton Hayes, ein Pirma-Indianer, der später im zweiten Weltkrieg beim US-Marine Corps diente. Von den sechs auf der Photographie abgebildeten Soldaten überlebten, nach Wikipedia, lediglich Harold Schultz, Rene Gagnon und Ira Hayes. Bei Wikipedia heißt es zur Vita weiterhin:

Nach dem Ende des Krieges verlor diese Maßnahme an Bedeutung und Hayes kehrte auf Umwegen in das Indianerreservat zurück, aus dem er stammte. Er kam mit dem Ruhm, den die sechs Flagraisers praktisch über Nacht besaßen, nicht zurecht. Später litt er an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Dadurch verfiel er dem Alkoholismus und wurde insgesamt 51-mal wegen Trunkenheit verhaftet. Über das Hissen der Flagge auf dem Berg Suribachi verlor er kaum noch Worte, über seinen Dienst im Marine Corps sprach er jedoch immer voller Stolz. Hayes plagten Gewissensbisse, dass sein Freund Harlon Block, der beim zweiten Hissen der Fahne auf dem Foto war, fälschlicherweise mit Henry Oliver „Hank“ Hansen verwechselt wurde, der beim ersten Hissen auf einem anderen Foto war. Deswegen trampte er 2000 Kilometer zu der Farm der Blocks, um diesen Irrtum zur Freude und Dankbarkeit der Familie Block aufzuklären.

Hayes sah sich nicht als Held und verschmähte seinen ungewollten Ruhm. Als ihn 1954 bei einer Ehrung durch Präsident Dwight D. Eisenhower im Weißen Haus ein Reporter fragte, wie ihm der Pomp und die Umstände gefielen, antwortet er mit gesenktem Kopf: „Gar nicht“.

Ira Hayes wurde wenige Tage nach seinem 32. Geburtstag tot neben einer verlassenen Hütte in der Nähe seiner Wohnung aufgefunden. Er lag mit dem Gesicht nach unten in seinem eigenen Erbrochenen und Blut. In der Nacht zuvor hatte er mit anderen Männern, darunter seine Brüder Kenny und Vernon sowie einem Pima-Indianer namens Henry Setoyant, Karten gespielt und dabei Alkohol getrunken. Mit Setoyant soll es zu einem Handgemenge gekommen sein, woraufhin das Kartenspiel abgebrochen wurde und nur Hayes und Setoyant zurückblieben. Der Gerichtsmediziner kam zu dem Schluss, dass Hayes durch die Kombination von Unterkühlung und Alkohol zu Tode gekommen war. Allerdings bleibt sein Bruder Kenny überzeugt, dass der Tod etwas mit dem Handgemenge zu tun hatte. Es gab aber keine amtliche Untersuchung und Setoyant bestritt jegliche Vorwürfe, dass er mit Hayes noch eine Schlägerei hatte, nachdem alle Spieler fortgegangen waren.

Ira Hayes wurde auf dem Nationalfriedhof Arlington beigesetzt.

Auch diese Hintergründe scheinen mir für solch eine Photographie nicht ganz ohne Bedeutung, und (ungewollte) patriotische Ikonen und Helden für fünf Minuten geraten nach solchen Kriegen schnell in Vergessenheit.

Wieweit wiederum eine Photographie wie die von Rosenthal in Kunst verwandelt werden kann, zeigt Edward Kienholz‘ „The Portable War Memorial“ (siehe Link) aus dem Jahr 1968. Wir sehen eine Kunst, die jenen Pathos implizit kritisiert und teils auch ins Lächerliche bringt oder zumindest mit einer gewissen Komik konfrontiert, wenn da ein hochemotional-patriotisches Narrative wie das vom Sieg in Iwo Jima und banaler Alltag innerhalb dieses Environments (oder ist es noch eine Skulptur? Auch hier bei Kienholz stellt sich die Frage nach den Gattungsgrenzen innerhalb der bildenden Kunst) zur Anschauung gebracht werden. Kienholz gab seinem Werk eine einzige Gebrauchsanweisung nur mit: Man muß es von links nach rechts „lesen“, und er gab den Betrachterinnen und Betrachtern eine inhaltliche Gliederung mit auf den Weg: links die Propaganda-Bilder, der Uncle Sam, Katie Smith, die in einer Art Mülltonne dargestellt wird, singt von einem Tonband in Dauerschleife „Good Bless America“, die Soldaten erreichten die Fahne auf einem Campingtisch und nicht auf dem Gipfel des Vulkans. Rechts, so Kienholz sehen wir „The business goes on“. Jene Imbiß-Atmosphäre, irgendwo in den USA. Und über alledem liegt in Wiederholung jener Song. Kienholz bringt in seinem Environment – unter anderem – auch jenen kulturindustriellen Umgang mit dem spezifischen US-Patriotismus zum Bewußtsein. Eine Fahne, die auf einem Camping-Tisch errichtet wird, mag nicht einmal mehr vordergründig patriotisch stimmen, sondern zeigt die Entleerung eines Rituals. Die Einmaligkeit und das Erhebende solcher Hymnen, Bilder und patriotischen Szenarien ist am Ende nichts als eine Inszenierung.

Dennoch wurde Kienholz‘ Werk immer einmal wieder der juristische Vorwurf des Fahnenmißbrauchs gemacht. Was aber in diesem Falle – und man kann das auch an Jasper Johns Kunstwerken des Star Spangled Banner sehen – ohne Rechtfertigung und ohne Grund ist, denn das Bild einer Fahne oder dessen Abbild in einer Skulptur ist nicht die Fahne selbst.

Was als Werk für den Alltagsgebrauch einstmals als Pathos mit Patriotismus konzipiert war, insbesondere in jener Arlington-Skulptur des US Marine Corps War Memorial nach einem Entwurf von Felix de Weldon, darin jene Inschrift: „IN HONOUR AND MEMORY OF THE MEN OF THE UNITED STATES MARINE CORPS WOH HAVE GIVEN THEIR LIVES TO THEIR COUNTRY SINCE NOVEMBER 1775“. Die Skulptur des Memorials wurde nach jenem Photo von Rosenthal geformt, Krieg als Pathos, als Passion,  als Pomp und als Heldenmut ausgestellt und zugleich soll sie die Trauer-Herzen ergreifen und verführen und damit täuscht sie die Menschen zugleich über das Mörderische eines Krieges  – noch ein gerechter Krieg ist ein grausamer: die Mütter, die um ihre Söhne weinen und jene Frauen, die um ihre Männer klagen, wissen es -, wird bei Kienholz zur Pop-Art, zum reproduzierbaren käuflichen, transportierbaren Accessoire, wie er auch auf Postern und auf Merchandising-Objekten mit kleinem Geld und also billig zu erstehen ist: Tassen, Teller oder Photos, die jenes Rosenthal-Motiv ungezählt reproduzieren und als Pathos-Kitsch verbreiten. Eine Dialektik von Auf- und Abwertung. Singularität im Heldentum und Käuflichkeit in einem. Und zugleich ist diese ikonische Photographie von Joe Rosenthal in ihrem Aufbau immer noch schön. Doch bedarf sie eben auch der Ergänzung und lädt die Kunst nachgerade ein, im Sinne des Zitates und der Zitation, die das Wesen der Kunst ausmachen, nämlich auch als Selbstreflexivität aufs eigene Genre, solches in Werken weiterzutreiben.

Kienholz‘ Environment zeigt zudem, daß es eine politisch gelungene Kunst geben kann, die nicht einfach mit dem Zeigefinger kommt und moralisch unterkomplex dem Betrachter im Sinne des betreuten Denkens oder des sensitivity Readings sagt, was wir zu interpretieren und zu denken haben, sondern die in ihrer Überdeterminiertheit unterschiedliche Les- und Betrachtungsarten dieses Werkes ermöglicht. Vom American Way of Life bis hin zur Pop-Kultur, vom Ikonographischem bis hin zum Artifiziellen. Pathos zugleich, der sich auch beim Kienholz in der Dramatik der Fahnenszene zeigt: ein umgekippter Campingstuhl. Selbst im Alltag gehen die Dinge nicht immer leicht von der Hand. Und ins Normale bricht das Unheimliche.

Copyrightnachweise

Alle Photographien: CC-Lizenz, Wikipedia

Zum 20. Juli 1944 und zu einem Artikel auf den „NachDenkseiten“

Am 26. Juli 2019 erschien auf den  NachDenkseiten ein Text mit dem Titel „Verschwörung in der Verschwörung“. Der Artikel stammt von Werner Rügemer und handelt vom Widerstand des 20. Juli sowie der Verquickung des OSS, also der Auslandsspionage der USA, und insbesondere geht es darin um die Aktivitäten des durchaus fragwürden Allen Dulles, in den frühen 1940er Jahren im Auftrag des OSS Gesandter in der Schweiz, mit guten Kontakten nach Deutschland und zum Widerstand, von 1953 bis 1961 Direktor des CIA und in dieser Zeit an zahlreichen politischen Aktionen wie der Ermordung des kongolesischen Präsidenten Lumumba und an Regimewechseln im Iran und in Guatemala beteiligt, außerdem Mitglied der Warren-Kommission, die zum Tod von JFK ermittelte. Keine angenehme Person. Gute Voraussetzungen also für steile Thesen und für ein geschichtliches Mischmasch, um eine  Verschwörungserzählung in den Umlauf zu bringen.

Herausgekommen ist ein schlecht recherchierter Text mit rheotorischen Tricksereien, die ein ungeübter Leser nicht bemerkt, aber womöglich dann als Thesen über die bösen westlichen Alliierten nachbetet. Es wird ein simples Narrativ geboten, geschichtliche Fakten werden unterschlagen und verdreht. So rührt der Autor einen kruden Brei an. Dabei geht Rügemer der Frage nach, wieweit die westlichen Alliierten von Dullesʼ Wissen um die Zustände in Nazi-Deutschland Gebrauch gemacht haben, um einen Regime-Sturz in Deutschland vorzubereiten beziehungsweise zu verhindern, wie der Autor nahezulegen versucht, so daß also durch diesen „verhinderten“ Regimesturz noch mehr Leid über die Welt gekommen wäre. Rügemer versucht zu zeigen, wie jene Regierungen von Großbritannien und den USA angeblich die eigene Bevölkerung darüber täuschten, in dem sie verbreiteten, alle Deutschen wären Nazis und dazu Dullesʼ Recherchen unterdrückten, es gäbe in Deutschland einen breiten Widerstand. Das gipfelt bei Rügemer in dem Satz:

„Merke, auch für heute: Regierungspropaganda und reales (Geheimdienst-)Wissen sind zwei sehr verschiedene Dinge! Fake information, fake production – sie kann auch darin bestehen, dass das Gegenteil von dem behauptet wird, was man weiß.“

Intuitiv würden diesem Satz manche zustimmen. Geheimdienste sind manchmal böse [nur der russische FSB natürlich nicht, der würde niemals Novitschok einsetzen] und  Regierungen können ebenfalls aus pragmatischen oder aus politisch-sachhaltigen Gründen, weil es keine anderen Optionen gibt, unangenehme Handlungen in Gang bringen. Ja, das ist manchmal so und manchmal stecken sehr handfeste und gute Gründe dahinter A zu tun und B zu lassen. Mittels solcher vagen Konstrukte und mittels dese Ausblendens komplexter Hintergründe und politischer Fakten ist es leicht, eine Scheinkritik zu erzeugen. Und der Leser nickt sie ab. Irgendwas wird schon dran sein. Schaut man sich aber den Gang von Rügemers Argumentation an, kann man schnell merken, mit welchen rhetorischen Tricks er arbeitet und wie vermeintliche Argumente sich als Betrug erweisen.

Warum dieser Aufwand und dieser lange Text? Ich will zum einen zeigen, daß vermeintlich Gutes mit unlauteren Methoden zum Schlechten gerät und nicht nur argumentativ, sondern auch von der Sache her schlecht ist, und ich will zeigen, daß die Abwägung verschiedener Hinsichten einer Sache (hier des Widerstands vom 20. Juli und der Reaktion der Alliierten darauf) und das heißt also die komplexe Entfaltung eines geschichtlichen Sachverhaltes besser ist als eine perspektivische Verengung des vermeintlich gesellschaftskritischen Blicks zugunsten einer im Kopf bereits vorab festgezimmerten These.

Solcher Tunnelblick passiert, weil man sich wie Rügemer in dogmatische Verabsolutierungen verstrickt, die der eigenen  Ideologie geschuldet sind. Confirmation bias auch genannt. Und  es läuft dann wie in dem bekannten Witz: Radiodurchsage „Achtung, auf der A 4 kommt Ihnen ein Geisterfahrer entgegen!“ Autofahrer: „Waass, einer? Hunderte!“. Der Manipulierer paßt mit Gewalt die Fakten an die eigene Ideologie an  – das also, was Rügemer „Fake information“ nennt und was er anderen vorwirft – und zieht unlautere Schlüsse, die sich bei umfassender Sichtung des Materials nicht ergeben hätten. Ob Rügemer dies in bewußter und damit in manipulierender Absicht macht oder ob er um die Fehlerhaftigkeit seiner Argumente nicht weiß (also aus Torheit schreibt), spielt dabei keine Rolle, da es hier nicht primär um die Intentionen des Autors geht, sondern um die Strukturen solchen Vorgehens bei Verschwörungsideologien, indem stringente Argumentation von solchen Leuten hintertrieben und die Rolle von historischen Ereignissen und Zusammenhängen dekontextualisiert und wie bei Rügemer im schlimmsten Fall sogar verfälscht wird. [Kennt  man freilich die Hintergründe um Rügemer, kann man durchaus und wie es für die Nachdenkseiten inzwischen üblich ist, von Manipulation, Propaganda und Falschinformationen ausgehen.]

Insofern ist Rügemers Text darin auch wieder gelungen: denn er eignet sich immerhin als Beispiel, um zu studieren, was passiert, wenn  festgefahrene Thesen sich dogmatisch verabsolutieren und dabei zu unsauberen Konstruktionen gegriffen wird, um die Behauptung vermeintlich abzusichern, und wenn all jene nicht ins Gerüst passende Fakten unterschlagen werden. Diese Art von Trickserei und diese Manipulation von Fakten machen Leute wie Rügemer derart gefährlich. Genau das ist das Prinzip, welches Nach“Denk“Seiten und andere Akteure der Verschwörungsszene seit Jahren durchziehen.

Ärgerlich ist vor allem die methodisch unsaubere Arbeit des Autors sowie eine Guilty-by-Association-Logik, indem Aspekte, die nicht im selben Kontext stehen, auf Verdacht aneinander gekettet werden, um rhetorisch eine bestimmte „Stimmung“ zu erzeugen, die dann unbezüglich und qua eines Fehlschlusses durch Assoziation kurzerhand als Pauschalanwurf auf die Gegenwart umgebogen wird. Diese polemische Absicht, als bewußt rhetorische Verzerrung in diesem Artikel (eine von mehreren, nebenbei), zeigt sich kondensiert im letzten Satz des Textes:

„Wer das missglückte Attentat vom 20. Juli 1944 so als Vorbild feiert – und sich zudem auch noch die Beleidigung der Attentäter durch Churchill kommentarlos gefallen lässt – wie die diskreditierte herrschende Klasse in Deutschland, scheint bereit zu sein, vergleichbare Opfer auch heute hinzunehmen. Man ist ja schon mittendrin.“

Was Rügemers Text unseriös macht, sind die polemischen Mittel und die rhetorische Tricks, um bestimmte Denkmuster beim Leser zu installieren und mittels logisch falscher Übertragungen geschichtliche und politische Aspekte zu analogisieren, die nicht analog sind. Zunächst einmal: Etwas nicht zu erwähnen („sich […] kommentarlos gefallen lässt“), heißt nicht, es bereits zu goutieren (argumentum e silentio) – insofern läßt sich daraus zunächst mal gar nichts ableiten und der Satz bleibt eine sophistische Hülse. Churchills Äußerungen (so wie Rügemer sie wiedergibt: „Churchill: ‚Nur ein Kampf der Hunde untereinander‘“) entstammen zudem einer Zeit, in der Krieg herrschte. Und wer je von London oder Coventry hörte – und davor Warschau und Rotterdam, alles Ereignisse übrigens, die vor der Operation Gomorrha stattfanden –, wird sich ein Bild machen können, in welchem Zustand sich Europa befand und was Churchills Äußerungen motivierte. Daß Churchill 1944, also nachdem Nazideutschland praktisch schon in Trümmern lag „not amused“ von dieser nacheilenden Tat war, kann man nicht nur aus historischer Perspektive, sondern vor allem aus Churchills Gegenwart heraus nachvollziehen und es ist ist von dort aus auch begründbar. Auch hier wirft Rügemer völlig unterschiedliche Perspektiven in einen Topf und verrührt diese, um daraus dann seine krude Sicht zu gewinnen.

Weshalb die „herrschende Klasse“ – wer immer das sein mag, Rügemer schweigt darüber, Genauigkeit ist seine Sache auch an dieser Stelle nicht – diskreditiert sein soll, der muß das schon belegen. Die, die heute den 20. Juli feiern, waren kaum mehr am NS-Regime beteiligt – durch die NS-Zeit kann diese „Klasse“ also kaum diskreditiert sein. Dadurch, daß sie die Attentäter feiert, ebenfalls nicht. Vielleicht ist sie aber einfach auch nur deshalb diskreditiert, weil sie Rügemers Ansicht nicht teilt. Davon abgesehen, daß solche Akte in der Regel symbolisch sind und zum Gedenken dienen – auch diesen Umstand vermag Rügemer intellektuell nicht zu erfassen. Sie sind nicht dazu da, an diesem Tag, auf Gedenkveranstaltungen Differenzen und Debatten von Historikern irgendwie zum Thema zu machen, sondern zunächst einmal zu erinnern. Die Debatten zum 20. Juli finden dann in der Forschung und für das gebildete Publikum ebenfalls im Feuilleton oder auf den Wissenschaftsseiten von Tages- und Wochenzeitungen statt.

Der Association Fallacy des „ vergleichbare Opfer auch heute hinzunehmen. Man ist ja schon mittendrin“, mit dem hier einfach Unverbundenes qua eines Tricks zusammengeschlossen wird, um zu diskreditieren, funktioniert ebenfalls nicht und erweist sich als rhetorischer Effekt, um beim Leser eine Stimmung zu erzeugen statt ein Argument zu bringen oder aber Fakten, die eine bestimmte Auslegung nahelegen. Welche Opfer das konkret sind, wird dann von Rügemer im Nebel des Unwissens gelassen: so kann, wie in einen Koffer, dann jeder selbst in freier Assoziation hinzufügen, was ihm gerade an Opfern einfällt. Container-Wörter mithin.

Weiterhin müßte Rügemer Roß und Reiter nennen und sagen, wer hier was und in welchem Kontext als Vorbild feiert, sonst bleibt das nämlich Ausdenk-Internetz. Und wo man „schon mittendrin“ ist, möchte ich als Leser dann ebenfalls gerne wissen. Wenn man solche Sätze liest, scheint es dem Autor insofern mehr um Polemik zu gehen statt um sachliche Auseinandersetzung mit dem 20. Juli, und dazu greift man gerne in die rhetorische Trickkiste und verquickt manches mit manchem.

Auch der Auftakt des Textes ist bereits in sophistischem Modus gehalten:

„In BILD, ZEIT, Süddeutsche, ARD, ZDF, bei der Bundeskanzlerin und auch in der aufklärerischen junge Welt: Bei allen Würdigungen des Attentats auf Hitler vom 20. Juli 1944 blieb auch zum 75. Jahrestag ein Beteiligter verbissen ausgeblendet: Der US-Geheimdienst Office of Strategic Services (OSS).“

Davon einmal abgesehen, daß all die genannten und sehr unterschiedlichen Medien den 20. Juli in ganz unterschiedlichen Aspekten beleuchteten, ist nicht ersichtlich, weshalb für diese Betrachtung ausgerechnet der OSS zentral bzw. erwähnenswert sein sollte. Weil eine Sache X für Rügemer interessant ist, muß sie es nicht für andere sein und es lassen sich durchs „Nichtnennen“ ebensowenig irgendwelche Verschleierungstendenzen ableiten („verbissen ausgeblendet“). Woher nimmt Rügemer das „Verbissen“? Saß er mit in den Redaktionen und blickte in verkniffene Gesichter? Und genau so wie hier funktioniert auch das, was Verschwörungsideologen wie Ken Jebsen, Tom J. Wellbrock, Albrecht Müller, Jürgen Elsässer, Dirk Pohlmann und Mathias Bröckers machen: Manipulation am Leser, indem für einen Sachverhalt relevante Fakten ausgeblendet werden. Man spricht gerne vom CIA, schweigt aber im Blick auf fingierte Attentate in Moskau auf ganze Wohnblöcke, um einen Krieg vom Zaun zu brechen, vom FSB. Man erwähnt die Aktionen der USA im Vietnam-Krieg, verschweigt aber das Vorgehen der Sowjets und der Chinesen im Kalten Krieg. Auch hier der Trick: Dekontexualisieren von komplexen und meist auch komplizierten geschichtlichen Zusammenhängen. Man kann es an fast jedem Text dieser Verschwörungsideologen zeigen und exemplarisch eben führe ich es an diesem Text von Rügemer vor.

Rügemers erwähnt also den Geheimdienst OSS. Dazu muß man freilich einige Aspekte ergänzen: Daß Geheimdienste in einem Krieg notwendige Aufklärungsarbeit leisteten (Deutschland führte im übrigen, wie heute auch Rußland, einen Angriffskrieg und überfiel einen souveränen Staat). Insbesondere der OSS leistete wichtige Aufklärungsarbeit und dort arbeitete auch mancher der vor den Faschisten geflohenen Emigranten mit, so etwa Herbert Marcuse, um gegen Hitler zu kämpfen. Solche Geheimdienste waren in der militärischen Arbeit gegen das faschistische Deutschland unerläßlich und zu dieser Arbeit in Deutschland, um an Informationen zu gelangen, wie wiederum für das Allliierte Bomberkommando relevant waren, gehören dann auch die erwähnten Kontexte und die Kontakte zum deutschen Widerstand. In diesem Kontext bekommen die Ausführungen von Rügemer mit einem Mal ein etwas anderes Licht als diese polemische und rhetorisch Volte, und es zeigt sich, wie notwendig Dullesʼ Arbeit der Informationsbeschaffung war, um nicht nur ein faschistisches Deutschland zu besiegen (und vor allem zu beseitigen!), sondern auch, um die Gefahren einer nicht minder brutalen Diktatur von Stalin zu bannen und im Zaum zu halten.

Daß es Stalin ganz gut auch mit anderen Diktaturen aushalten kann, zeigte der Hitler-Stalin-Pakt von 1939. Und daß für Stalin auch mit einem eher national-rechts-deutschen, nicht-demokratischen Deutschland der Widerständler politisch sich besser leben ließe als unter einer liberalen und zudem kapitalistisch organisierten Demokratie im Stile der USA oder Großbritanniens, ist eine Annahme, die ebensowenig auszuschließen ist und deshalb nicht unerwähnt bleiben sollte, wenn man die Beziehungen der Sowjetunion zu den Deutschen im Dritten Reich sich betrachtet, wie Rügemer das in seinem Artikel macht. Und womöglich ist es auch leichter, ein von der rechten Diktatur infiziertes Volk nun für eine „linke“, stalinistische Diktatur umzubiegen.

Weiterhin: Wenn, wie Rügemer schreibt, Dulles konstatiere, es gäbe einen breiten Widerstand, dann muß er dies schon genau zeigen. („Aber Dulles konstatierte: Es gab einen breiten Widerstand.“) Denn selbst wenn Dulles das konstatiert, muß es deshalb nicht richtig sein. Insofern ist es erforderlich, daß Rügemer zeigt, wie dieser „breite Widerstand“ ausgesehen haben soll bzw. was Rügemer unter dem Wort „breit“ versteht, wenn er diese Dulles-These als Grundlage seiner eigenen These verwendet. Insofern ist der Text auch an dieser Stelle schwach argumentiert. Stürzt diese These stürzt nämlich die gesamte Argumentation des Textes.

Öffentlicher Protest der Deutschen gegen Hitler und damit politisch größerer Widerstand in verschiedenen Formen kann mit dem Wort „breit“ nicht gemeint sein. Denn der Straßenprotest und der Widerstand gegen Hitler um 1933 und auch die Jahre danach und als dann zunehmend Juden sowie politische Gegner drangsaliert und am Ende liquidiert wurden, blieb nicht nur weitgehend, sondern fast vollständig aus. Er fand allenfalls im privaten Kreis statt. Wenn wir es durchzählten vielleicht ein paar zehntausend Menschen – von etwa 80 Millionen Reichsbürgern, von denen man Kinder und Alte abziehen muß, so daß man vielleicht bei 50 Millionen Menschen ist. Breiter Widerstand wäre dann, wenn mindestens die Hälfte wenn nicht mehr Menschen auf die Barrikaden gegangen wären. Sind sie aber nicht. Es gab keine Volkserhebungen gegen Hitler, sondern es sabotierten lediglich einzelen Akteure das System.

Hier vom „breiten Widerstand“ zu sprechen, bedeutet, den Begriff „breit“ in eigenwilliger Weise zu gebrauchen. Der überwiegende Teil der Deutschen tat mit, war begeistert oder schwieg aus Angst. Das NS-Regime wurde von großen Teilen der Bevölkerung getragen – so wie es Churchill und Roosevelt sagten und wie es Franz Neumanns „Behemoth“, den Rügemer zitiert, und auch zahlreiche weitere Forschung nahelegt. Das Regime um Hitler wurde getragen von Menschen, die aus der Arbeitslosigkeit und aus Krisenjahren kamen und die jene Versorgungsdiktatur goutierten und mehr als das: die soziale Fürsorge durch den NS-Staat wurde akzeptiert und manches andere ebenso. Wo der breite Widerstand gegen Hitler war, das müßte uns Werner Rügemer schon zeigen. Kann er aber nicht.

Vor diesem Hintergrund erscheinen solche Sätze dann in einem etwas anderen Licht und es wird gut die polemische und verzerrende Absicht dahinter deutlich:

„Damit zeichnete der Geheimdienstler [Dulles] ein ganz anderes Bild als damals die US-Regierung und vor allem das State Department öffentlich propagierten: Ganz Deutschland sei im Griff der Nazis, alle Deutschen seien Nazis, der Terror seit total. Dulles schickte seine Berichte unter dem Codewort breaker (Brecher) nach Washington. Aber Roosevelt und seine Generäle logen weiter, Churchill machte begeistert mit: Alle Deutschen sind Nazis!“

Davon ab, daß man sich für diese Aussagen von Roosevelt und Churchill Quellenbelege und den Kontext wünscht, in dem diese Sätze gesagt worden sind: Nach dem Stand der Dinge bzw. der Forschung kann man sagen, daß Deutschland ein tief vom Germano-Faschismus durchdrungenes Land war. Die paar zehntausend Leute bildeten kein Gegengewicht. Und von „breitem Widerstand“ kann schon gar nicht die Rede sein.

Daß die westlichen Alliierten und insbesondere die britische Regierung 1944 und bereits schon Ende 1941 nicht mehr an Umsturzplänen interessiert waren, dürfte ebenfalls naheliegend sein: Deutschlands militärische Niederlage zeichnete sich zunehmend ab. Der Verstoß in Nordafrika kam zum Erliegen und auch an der russischen Front lief es nicht wie gewünscht. Und bereits Sir Winston Churchills seit 1940 anhaltender Widerstand gegen Hitler, obwohl er mit ihm nach dem Fall Frankreichs durchaus ein Agreement hätte aushandeln können, zeigt die konsequente Haltung dieses Staatsmannes. Churchills Worte, am 13 Mai 1940 in Westminster:

“Sir, to form an Administration of this scale and complexity is a serious undertaking in itself, but it must be remembered that we are in the preliminary stage of one of the greatest battles in history, that we are in action at many points in Norway and in Holland, that we have to be prepared in the Mediterranean, that the air battle is continuous and that many preparations have to be made here at home. In this crisis I hope I may be pardoned if I do not address the House at any length today. I hope that any of my friends and colleagues, or former colleagues, who are affected by the political reconstruction, will make all allowances for any lack of ceremony with which it has been necessary to act. I would say to the House, as I said to those who have joined the government: „I have nothing to offer but blood, toil, tears and sweat.“

We have before us an ordeal of the most grievous kind. We have before us many, many long months of struggle and of suffering. You ask, what is our policy? I will say: It is to wage war, by sea, land and air, with all our might and with all the strength that God can give us; to wage war against a monstrous tyranny, never surpassed in the dark and lamentable catalogue of human crime. That is our policy. You ask, what is our aim? I can answer in one word: victory. Victory at all costs, victory in spite of all terror, victory, however long and hard the road may be; for without victory, there is no survival. Let that be realised; no survival for the British Empire, no survival for all that the British Empire has stood for, no survival for the urge and impulse of the ages, that mankind will move forward towards its goal.”

Ein großer Politiker, ein Staatsmann und in Europa der einzige Politiker, der gegen Hitler, gegen die deutschen und die italienischen Faschisten vehement Widerstand leistete. Während der blutige Diktator Stalin, in dessen Land die Menschen verschwanden, mit Hitler paktierte.

Auch aus den Erfahrungen des ersten Weltkrieges heraus, lag es nahe, es nicht noch einmal zu solch einer desolaten Situation kommen zu lassen und das besiegte Land nicht zu besetzen: Das Deutsche Reich bestand 1918 weiter, die alten Kräfte konnten nicht nur subkutan wirken, sondern sie taten es bis in die Regierungsebene hinein. Bis auf das Rheinland und das Saarland stand Deutschland 1919 nicht unter alliierter Militärverwaltung. Das, was aus dieser Situation damals erwuchs, wollte man sich für ein zweites Mal ersparen, auch im Hinblick auf zwei Weltkriege, die von Deutschland ausgingen. Insofern kam nur die bedingungslose Kapitulation, wie sie 1943 auf der Konferenz von Casablanca von den westlichen Alliierten beschlossen wurde, infrage. (Stalin war ebenfalls eingeladen, aber reiste nicht an.) Auch dieses Motiv der westlichen Alliierten ist mitzunennen. Die Alliierten waren nicht an einem konservativ-rechts-nationalen Deutschland interessiert und in diesem Sinne konstatierte Churchill ganz richtig, daß es nur ein Kampf der Hunde untereinander war. Ende 1943 dann, auf der Konferenz von Teheran wurde zwischen den drei Alliierten (dem sowjetischen Diktator Stalin sowie dem Präsidenten Roosevelt und dem Premierminister Churchill) neben der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands ebenso die Aufteilung Deutschlands beschlossen.

Rügemer hingegen mutmaßt:

„Der Widerstand durfte keinen Erfolg haben, denn der hätte nur „den Russen“ genützt und möglicherweise zu Friedensverhandlungen geführt. Die Feindschaft des Westens gegen die Sowjetunion mit der Gefahr eines neuen Krieges hatte spätestens schon 1943 begonnen – eine Kontinuität bis heute.“

Daß es Rügemer eher mit russischen oder sowjetischen Diktatoren hält, bleibt an solchen Stellen keine Mutmaßung mehr, sondern wird evident. Wenn es im übrigen darum ginge, die UdSSR unter Stalin kleinzuhalten und es ausschließlich auf ein Wettrennen der unterschiedlichen Blöcke ankäme, wie Rügemer nahelegt, und wenn es das Ziel wäre, eine kommunistische Diktatur sowjetisch-stalinistischen Vorbilds in Mitteleuropa zu verhindern, dann bleibt es unverständlich, weshalb in Teheran ein gemeinsames Vorgehen der Alliierten abgestimmt wurde und es bleibt unklar, weshalb die USA das Lend-Lease-Programm  für die Sowjetunion erst am 12. Mai 1945, also einige Tage nach der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches, auslaufen ließen.

Ohne den Treibstoff der USA wäre kaum ein sowjetisches Flugzeug geflogen und nur wenig Panzer gefahren. Die Kriegswende 1942/43 ist auch durch die umfangreichen Lieferungen der USA an Logistik, Panzern, Flugzeugen, Schiffen, Lokomotiven, LKWs, Stahl, Lebensmitteln bis hin zu Soldatenstiefeln erklärbar. Diesen Umstand sollte der Artikel ebenfalls erwähnen. Ohne die umfangreichen US-Lieferungen wäre das Regime Stalins am Ende gewesen. Da er aber einseitig den Blick auf einen konservativen Geheimdienstmann richtet, geraten Rügemer solche Aspekte aus dem Blick und er muß durch solche Perspektivenverengung dann zu einer monolithischen und verkürzten Darstellung gelangen.

Von der „Verschwörung in der Verschwörung“, von der Rügemer fabuliert,  bleibt jedoch am Ende nicht viel übrig, wenn man sich die historischen Fakten genauer betrachtet. Solche polemischen Sätze insbesondere zeigen dann gut, wohin die Reise von Rügemer geht:

„Ebenso wurden im weiteren Verlauf des totalen westlichen Krieges die ungleich zahlreicheren Kriegsopfer auf ziviler und militärischer Seite hingenommen: Unconditional surrender!“

Davon ab, daß die „Logik“ einer solchen Argumentation ebenso von einem Funktionär der NPD stammen könnte, schön unter Aufgreifung von Goebbels totalem Krieg als Triggerwort, besteht der rhetorische Trick zunächst einmal darin, Täter und Opfern zu vertauschen und weiterhin zu unterschlagen, daß die bedingungslose Kapitulation Deutschlands durch die Widerständler und die verbleibenden Generäle sofort die Einstellung der Kriegshandlungen nach sich gezogen hätte. Darüber aber wollten viele der Generäle, die unter Hitler dienten, nicht verhandeln, ebensowenig die Widerständller, und die westlichen Alliierten wollten sich auch nicht auf einen Separatfrieden einlassen, bei dem das Deutsche Reich dann weiter gegen die UdSSR gekämpft hätte, wie von Teilen der Generäle angedacht. Soviel nur zu dem herbeikonstruierten Narrativ, den westlichen Alliierten ginge es darum, bereits 1943, also inmitten des 2. Weltkrieges auf Konfrontationskurs zur Sowjetunion zu gehen. Solche Passagen und Insinuierungen Rügemers geben dem Thema eine mehr als bedenkliche Note. Auch hier wieder sehen wir gut, wie Verschwörungsmythen arbeiten und wie sie sich im Kopf mancher Leser festsetzen und dann weiterverbreitet werden. Gegen solche Fälschungen hilft nur Aufklärung.

Daß übrigens – zum Abschluß – die lesenswerte und bis heute bahnbrechende Studie „Behemoth“ von Franz Neumann zwar „den Terrorapparat [schilderte], ohne auf die frühe Förderung Hitlers durch die großen Kapitalisten wie Ford und Krupp einzugehen“ bedarf eigentlich keiner Erwähnung, denn es war eben letzteres gar nicht die Absicht der Studie, den militärisch-industriellen Komplex vor Hitler auszuleuchten, sondern „Behemoth“ befaßt sich in soziologischer Absicht mit den internen Funktionsabläufen des NS-Staates. Rügemer ist nicht einmal fähig, in einfachsten Bezügen zu denken, geschweige eine hinreichend valide Analyse zu liefern. Man merkt es dem Artikel noch in den kleinsten Stellen, selbst in einer Fußnote an: Auch hier wieder wird Rhetorik eingestreut, um eine bestimmte Richtung zu insinuieren. Daß übrigens Werner Rügemers Text nicht auf die Verbrechen Hitlers und den Völkermord Stalins eingeht, bedürfte wohl ebensowenig einer besonderen Erwähnung. Insofern frage ich mich, was die Absicht solcher von außen an eine Sache herangetragener Sichtweisen ist.

[Franz Neumanns „Behemoth wurde kürzlich wieder neu aufgelegt, dazu auch Herwig Finkeldey auf „tell“ mit einem guten Lektüretip.]

Mit all dem tut Rügemer dem Thema keinen Gefallen. Gegen Rügemers Text spricht sein methodisch ungenaues Arbeiten und seine Verabsolutierung einer These zu einer Seite hin – bereits im Titel zeigt sich die Schlagseite des Textes. Durch solche systematische Verzerrungen bekommt ein historischer Aspekt eine erhebliche Schieflage. Bezieht man jedoch all die von mir genannten unterschiedlichen Hinweise mit ein, bekommt diese Angelegenheit eine doch etwas breitere Perspektive und ist deutlich komplexer als eine bloße Geheimdienstgeschichte samt verschwörerisch-böse US-Staatsmänner sowie einem böse-finsteren Churchill. Die Ironie dieser Sache ist dabei: Das was Rügemer den USA und Churchill vorwirft, betreibt er selber: nämlich die Produktion von Ideologie. Es ist jedoch wichtig, gerade an solchen doch relativ simplen Texten zu zeigen, wie die Produktion von Lüge und Propaganda funktioniert – gerade im Blick auf die Corona-Krise und den Krieg Rußlands gegen die Ukraine zeigen sich solche Manipulationen, insbesondere bei den Nachdenkseiten und all jenen Autoren, die da im Umfeld agieren. Was sie regelmäßig im Blick auf die NATO und die Erweiterung dieses Bündnisses verschweigen: Der 8. Mai wird in Deutschland (inzwischen)  als Tag der Befreiuung gefeiert und er wird bis heute am 9. Mai in Rußland gefeiert. Nur wird dabei ein Umstand meist beschwiegen: Der 8. Mai war für die Länder Mittel- und Osteuropas, vür Lettland, Estland, Litauen, Polen, Ungarn, die Sowjetisch besetzte Zone, die Tschechoslowakei, Rumänien und Bulgarien kein Tag der Befreiung  gewesen. Sondern es begann eine neue und blutige Diktatur.

[Photographie, Quelle: Wikipedia, gemeinfrei]

Die Bilder von Gewalt oder ein Bewußtsein von Nöten – f/stop Leipzig (1)

„Solche Mißgriffe (…) sind unvermeidlich, seitdem wir vom Baum der Erkenntnis gegessen haben. Doch das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen,
und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo offen ist.“
(H. v. Kleist, Über das Marionettentheater)

Heinrich von Kleist beschreibt in seiner Novelle „Das Erdbeben von Chili“ den Einbruch einer Naturgewalt, die die verkehrte Ordnung der Welt hinwegfegte. Die Stadt St. Jago liegt nach diesem Ereignis in Trümmern und im Schutt. Eine Gemeinschaft könnte nun neu beginnen, so denkt man. Doch keineswegs tritt nach dieser Katastrophe und aus den Trümmern des Alten eine bessere Ordnung auf den Plan – im Wortsinne genommen als Umwendung. Allenfalls kurz blitzt ein Zustand Eden auf, wo Menschen einander beistehen. („Doch das Paradies ist verriegelt …“) Was sich danach und insbesondere in der Kirche als Szene abspielt, perpetuiert jedoch die Gewalt und scheint sie als Prinzip zu institutionalisieren: Menschen werden von einem christlich-religiös aufgestachelten Mob erschlagen. Alles bebt, zittert und stürzt in dieser grandiosen Novelle. Selbst die Sprache. Keine Perspektive, die bleibt, nicht einmal die eines Erzählers ist auszumachen. Wir finden eine Welt vor, die schrecklich ist. „Die zerstörende Gewalt der Natur“ ist eine Gewalt des Schicksals: Es geschieht. Als unverfügbares, nicht handhabbares Ereignis. Die Gewalt des Menschen ist jedoch hausgemacht, gesellschaftliches Moment, kein Mythos, kein Naturbann. Sie geschieht, als soziales Beben. (Vom Genus her müßte das Hauptwort „Gewalt“ eigentlich männlich sein.)

Das „Losung“ zum 7. Fotofestival in Leipzig lautet: „the end of the world as we know it ist der Beginn einer Welt, die wir nicht kennen.“ Zweisprachig ganz bewußt gehalten, und das Leitmotiv dieser Ausstellung – man könnte im Hegelschen und Adornoschen Sinne auch von einem Leidmotiv sprechen: Kunst als Bewußtsein von Nöten – ist Gewalt, ist Krieg und die damit einhergehenden Zerstörungen. Sei es von Objekten, sei es von Menschen. Insofern möchte ich als Auftakt zu meinem Blick auf dieser Ausstellung, die noch bis zum 3. Juli zu sehen ist, einen Text von Johann Peter Hebel aus den „Kalendergeschichten“ vorstellen, der in einer dunklen Kabine in der Halle 12  per Audioplayer vorgelesen wird, die gewissermaßen das Zentrum der Ausstellung bildet. (Sowieso sind diese Kalendergeschichten eine wahre Schatztruhe und lehrreich für alle, die erzählen und schreiben möchten. Hier insbesondere erhält diese Geschichte ihren Stelle über das Gewaltmotiv.)

Unglück der Stadt Leiden

„Diese Stadt heißt schon seit undenklichen Zeiten Leiden, und hat noch nie gewußt, warum, bis am 12 Jän. des Jahrs 1807. Sie liegt am Rhein in dem Königreich Holland, und hatte vor diesem Tag eilftausend Häuser, welche von 40,000 Menschen bewohnt waren, und war nach Amsterdam wohl die größte Stadt im ganzen Königreich. Man stand an diesem Morgen noch auf, wie alle Tage; der Eine betete sein: „Das walt Gott“, der Andere ließ es seyn, und niemand dachte daran, wie es am Abend aussehen wird, obgleich ein Schiff mit siebenzig Fässern voll Pulver in der Stadt war. Man aß zu Mittag, und ließ sichs schmecken, wie alle Tage, obgleich das Schiff noch immer da war. Aber als Nachmittags der Zeiger auf dem großen Thurm auf halb fünf stand – fleißige Leute saßen daheim und arbeiteten, fromme Mütter wiegten ihre Kleinen, Kaufleute giengen ihren Geschäften nach, Kinder waren beysammen in der Abend-Schule, müßige Leute hatten lange Weile und saßen im Wirthshaus beym Kartenspiel und Weinkrug, ein Bekümmerter sorgte für den andern Morgen, was er essen, was er trinken, womit er sich kleiden werde, und ein Dieb steckte vielleicht gerade einen falschen Schlüssel in eine fremde Thüre, – und plötzlich geschah ein Knall. Das Schiff mit seinen 70 Fässern Pulver bekam Feuer, sprang in die Luft, und in einem Augenblick, (ihr könnts nicht so geschwind lesen, als es geschah) in einem Augenblick waren ganze lange Gassen voll Häuser mit allem was darinn wohnte und lebte, zerschmettert und in einen Steinhaufen zusammengestürzt oder entsezlich beschädigt. Viele hundert Menschen wurden lebendig und todt unter diesen Trümmern begraben oder schwer verwundet. Drey Schulhäuser giengen mit allen Kindern, die darin waren, zu Grunde, Menschen und Thiere, welche in der Nähe des Unglücks auf der Straße waren, wurden von der Gewalt des Pulvers in die Luft geschleudert und kamen in einem kläglichen Zustand wieder auf die Erde. Zum Unglück brach auch noch eine Feuersbrunst aus, die bald an allen Orten wüthete, und konnte fast nimmer gelöscht werden, weil viele Vorrathshäuser voll Oel und Thran mit ergriffen wurden. Achthundert der schönsten Häuser stürzten ein oder mußten niedergerissen werden. Da sah man auch, wie es am Abend leicht anders werden kann, als es am frühen Morgen war, nicht nur mit einem schwachen Menschen, sondern auch mit einer großen und volkreichen Stadt. Der König von Holland sezte sogleich ein nahmhaftes Geschenk auf jeden Menschen, der noch lebendig gerettet werden konnte. Auch die Toten, die aus dem Schutt hervorgegraben wurden, wurden auf das Rathhaus gebracht, damit sie von den Ihrigen zu einem ehrlichen Begräbnis konnten abgeholt werden. Viele Hülfe wurde geleistet. Obgleich Krieg zwischen England und Holland war, so kamen doch von London ganze Schiffe voll Hülfsmittel und große Geldsummen für die Unglücklichen, und das ist schön – denn der Krieg soll nie ins Herz der Menschen kommen. Es ist schlimm genug, wenn er außen vor allen Thoren und vor allen Seehäfen donnert.“

Was sich in der Stadt Leiden jedoch scheinbar wie ein unvermeidliches Schicksal zuträgt, ist es keineswegs, sondern das Unglück ist ein von Menschen gemachtes. Ein Schiff mit 70 Fässern Pulver lagert im Hafen – es herrscht Krieg zwischen England und Holland. Die Szenerie und der Anlaß sind im Grunde beliebig. Hier aber, bei Hebel, bekommt der Schrecken eine angemessene und zugespitzte Darstellung, und diese Geschichte liest sich wie eine frühe Form der Reportage. Was sie als Kalendergeschichte in diesem Sinne auch ist; aber verbunden mit einer Moral. In dieser Spezifikation bietet diese kurze Geschichte einen guten Auftakt, um in das f/stop Leipzig einzuführen. Denn anders als das letzte und 6. Festival vor zwei Jahren, geht es insbesondere in der Halle 12 nur bedingt um künstlerische Positionen von Photographie sowie deren Möglichkeiten zu ästhetischem Ausdruck. Auch knüpfen sich die Exponaten nicht konkret an Namen bzw. wenn Namen ein Rolle spielen, so sind nicht sie, sondern die Sache zentral: Thema ist vielmehr die Frage nach der Dokumentierbarkeit von Krieg und Gewalt, sei es in der längeren Reportage oder auf den Titelseiten und in den Berichten der Zeitungen, um das die f/stop in verschiedenen Variationen kreist.

Anlaß für diese Fragen nach der medialen Darstellung von Krieg und Gewalt boten den beiden Kuratoren Anne König und Jan Wenzel die Photographien der toten Kinder vom Mittelmeer, die der Künstler Khaled Barakeh auf seiner Facebookseite postete und die im September 2015 für teils hitzige Debatten sorgten, ob man diese Toten, die zudem Kinder waren, überhaupt zeigen dürfe. Ich schrieb an dieser Stelle sowie hier und dort über den Ästhetizismus von Gewalt und die Möglichkeiten der Photographie: „Das Leiden anderer betrachten“. Kunst in den Zeiten des Schreckens, so spitzte Adorno zu, müsse von der Grundfarbe schwarz zu sein. Man kann Adornos Bestimmung von Kunst kritisieren, insbesondere mit jener postmodernen Fröhlichkeit des berechenbaren Ironikers und des Possenreißers, in ihrer Konsequenz jedoch ist Adornos Kunsttheorie, ästhetisch und erkenntniskritisch genommen und nach der Katastrophe von Auschwitz, dem Zweiten Weltkrieg sowie dreier totalitärer Regime, konsequent. Der kultivierte Geschmack, an dem der Bürger einst feinsinnig sich delektierte und wo die Kunst seinerzeit in der Weise Hegelscher gesteigerter Selbstreflexion auf Gesellschaft, ihrer selbst und des Bürgers anschaulich wurde, lag beim alten Eisen. Schwarz für die Kunst. Dokumentationen und Reportagen jedoch haben das zu zeigen, was der Fall ist. Wie dies von Medien geleistet oder eben nicht und nur selektiv getan wird, denn unsere Wahrnehmung ist wesentlich über Bilder und weniger durch Text bestimmt, zeigt uns diese Photo-Schau. Wobei diese Ausstellung zur Photographie, Ironie der Sache, ausgesprochen textlastig sich gibt. Im nächsten Teil hauen wir dann ins Konkrete hinein und es geht um die Details und eine kritische Sicht auf diese Ausstellung. Raten kann ich jedem, der in Leipzig lebt oder gerne in diese ausgesprochen reizvolle Stadt reisen möchte, den Besuch in der alten Baumwollspinnerei sowie an diversen Orten der Stadt. (Dazu mehr im Teil 2)