Die Bilder von Gewalt oder ein Bewußtsein von Nöten – f/stop Leipzig (1)

„Solche Mißgriffe (…) sind unvermeidlich, seitdem wir vom Baum der Erkenntnis gegessen haben. Doch das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen,
und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo offen ist.“
(H. v. Kleist, Über das Marionettentheater)

Heinrich von Kleist beschreibt in seiner Novelle „Das Erdbeben von Chili“ den Einbruch einer Naturgewalt, die die verkehrte Ordnung der Welt hinwegfegte. Die Stadt St. Jago liegt nach diesem Ereignis in Trümmern und im Schutt. Eine Gemeinschaft könnte nun neu beginnen, so denkt man. Doch keineswegs tritt nach dieser Katastrophe und aus den Trümmern des Alten eine bessere Ordnung auf den Plan – im Wortsinne genommen als Umwendung. Allenfalls kurz blitzt ein Zustand Eden auf, wo Menschen einander beistehen. („Doch das Paradies ist verriegelt …“) Was sich danach und insbesondere in der Kirche als Szene abspielt, perpetuiert jedoch die Gewalt und scheint sie als Prinzip zu institutionalisieren: Menschen werden von einem christlich-religiös aufgestachelten Mob erschlagen. Alles bebt, zittert und stürzt in dieser grandiosen Novelle. Selbst die Sprache. Keine Perspektive, die bleibt, nicht einmal die eines Erzählers ist auszumachen. Wir finden eine Welt vor, die schrecklich ist. „Die zerstörende Gewalt der Natur“ ist eine Gewalt des Schicksals: Es geschieht. Als unverfügbares, nicht handhabbares Ereignis. Die Gewalt des Menschen ist jedoch hausgemacht, gesellschaftliches Moment, kein Mythos, kein Naturbann. Sie geschieht, als soziales Beben. (Vom Genus her müßte das Hauptwort „Gewalt“ eigentlich männlich sein.)

Das „Losung“ zum 7. Fotofestival in Leipzig lautet: „the end of the world as we know it ist der Beginn einer Welt, die wir nicht kennen.“ Zweisprachig ganz bewußt gehalten, und das Leitmotiv dieser Ausstellung – man könnte im Hegelschen und Adornoschen Sinne auch von einem Leidmotiv sprechen: Kunst als Bewußtsein von Nöten – ist Gewalt, ist Krieg und die damit einhergehenden Zerstörungen. Sei es von Objekten, sei es von Menschen. Insofern möchte ich als Auftakt zu meinem Blick auf dieser Ausstellung, die noch bis zum 3. Juli zu sehen ist, einen Text von Johann Peter Hebel aus den „Kalendergeschichten“ vorstellen, der in einer dunklen Kabine in der Halle 12  per Audioplayer vorgelesen wird, die gewissermaßen das Zentrum der Ausstellung bildet. (Sowieso sind diese Kalendergeschichten eine wahre Schatztruhe und lehrreich für alle, die erzählen und schreiben möchten. Hier insbesondere erhält diese Geschichte ihren Stelle über das Gewaltmotiv.)

Unglück der Stadt Leiden

„Diese Stadt heißt schon seit undenklichen Zeiten Leiden, und hat noch nie gewußt, warum, bis am 12 Jän. des Jahrs 1807. Sie liegt am Rhein in dem Königreich Holland, und hatte vor diesem Tag eilftausend Häuser, welche von 40,000 Menschen bewohnt waren, und war nach Amsterdam wohl die größte Stadt im ganzen Königreich. Man stand an diesem Morgen noch auf, wie alle Tage; der Eine betete sein: „Das walt Gott“, der Andere ließ es seyn, und niemand dachte daran, wie es am Abend aussehen wird, obgleich ein Schiff mit siebenzig Fässern voll Pulver in der Stadt war. Man aß zu Mittag, und ließ sichs schmecken, wie alle Tage, obgleich das Schiff noch immer da war. Aber als Nachmittags der Zeiger auf dem großen Thurm auf halb fünf stand – fleißige Leute saßen daheim und arbeiteten, fromme Mütter wiegten ihre Kleinen, Kaufleute giengen ihren Geschäften nach, Kinder waren beysammen in der Abend-Schule, müßige Leute hatten lange Weile und saßen im Wirthshaus beym Kartenspiel und Weinkrug, ein Bekümmerter sorgte für den andern Morgen, was er essen, was er trinken, womit er sich kleiden werde, und ein Dieb steckte vielleicht gerade einen falschen Schlüssel in eine fremde Thüre, – und plötzlich geschah ein Knall. Das Schiff mit seinen 70 Fässern Pulver bekam Feuer, sprang in die Luft, und in einem Augenblick, (ihr könnts nicht so geschwind lesen, als es geschah) in einem Augenblick waren ganze lange Gassen voll Häuser mit allem was darinn wohnte und lebte, zerschmettert und in einen Steinhaufen zusammengestürzt oder entsezlich beschädigt. Viele hundert Menschen wurden lebendig und todt unter diesen Trümmern begraben oder schwer verwundet. Drey Schulhäuser giengen mit allen Kindern, die darin waren, zu Grunde, Menschen und Thiere, welche in der Nähe des Unglücks auf der Straße waren, wurden von der Gewalt des Pulvers in die Luft geschleudert und kamen in einem kläglichen Zustand wieder auf die Erde. Zum Unglück brach auch noch eine Feuersbrunst aus, die bald an allen Orten wüthete, und konnte fast nimmer gelöscht werden, weil viele Vorrathshäuser voll Oel und Thran mit ergriffen wurden. Achthundert der schönsten Häuser stürzten ein oder mußten niedergerissen werden. Da sah man auch, wie es am Abend leicht anders werden kann, als es am frühen Morgen war, nicht nur mit einem schwachen Menschen, sondern auch mit einer großen und volkreichen Stadt. Der König von Holland sezte sogleich ein nahmhaftes Geschenk auf jeden Menschen, der noch lebendig gerettet werden konnte. Auch die Toten, die aus dem Schutt hervorgegraben wurden, wurden auf das Rathhaus gebracht, damit sie von den Ihrigen zu einem ehrlichen Begräbnis konnten abgeholt werden. Viele Hülfe wurde geleistet. Obgleich Krieg zwischen England und Holland war, so kamen doch von London ganze Schiffe voll Hülfsmittel und große Geldsummen für die Unglücklichen, und das ist schön – denn der Krieg soll nie ins Herz der Menschen kommen. Es ist schlimm genug, wenn er außen vor allen Thoren und vor allen Seehäfen donnert.“

Was sich in der Stadt Leiden jedoch scheinbar wie ein unvermeidliches Schicksal zuträgt, ist es keineswegs, sondern das Unglück ist ein von Menschen gemachtes. Ein Schiff mit 70 Fässern Pulver lagert im Hafen – es herrscht Krieg zwischen England und Holland. Die Szenerie und der Anlaß sind im Grunde beliebig. Hier aber, bei Hebel, bekommt der Schrecken eine angemessene und zugespitzte Darstellung, und diese Geschichte liest sich wie eine frühe Form der Reportage. Was sie als Kalendergeschichte in diesem Sinne auch ist; aber verbunden mit einer Moral. In dieser Spezifikation bietet diese kurze Geschichte einen guten Auftakt, um in das f/stop Leipzig einzuführen. Denn anders als das letzte und 6. Festival vor zwei Jahren, geht es insbesondere in der Halle 12 nur bedingt um künstlerische Positionen von Photographie sowie deren Möglichkeiten zu ästhetischem Ausdruck. Auch knüpfen sich die Exponaten nicht konkret an Namen bzw. wenn Namen ein Rolle spielen, so sind nicht sie, sondern die Sache zentral: Thema ist vielmehr die Frage nach der Dokumentierbarkeit von Krieg und Gewalt, sei es in der längeren Reportage oder auf den Titelseiten und in den Berichten der Zeitungen, um das die f/stop in verschiedenen Variationen kreist.

Anlaß für diese Fragen nach der medialen Darstellung von Krieg und Gewalt boten den beiden Kuratoren Anne König und Jan Wenzel die Photographien der toten Kinder vom Mittelmeer, die der Künstler Khaled Barakeh auf seiner Facebookseite postete und die im September 2015 für teils hitzige Debatten sorgten, ob man diese Toten, die zudem Kinder waren, überhaupt zeigen dürfe. Ich schrieb an dieser Stelle sowie hier und dort über den Ästhetizismus von Gewalt und die Möglichkeiten der Photographie: „Das Leiden anderer betrachten“. Kunst in den Zeiten des Schreckens, so spitzte Adorno zu, müsse von der Grundfarbe schwarz zu sein. Man kann Adornos Bestimmung von Kunst kritisieren, insbesondere mit jener postmodernen Fröhlichkeit des berechenbaren Ironikers und des Possenreißers, in ihrer Konsequenz jedoch ist Adornos Kunsttheorie, ästhetisch und erkenntniskritisch genommen und nach der Katastrophe von Auschwitz, dem Zweiten Weltkrieg sowie dreier totalitärer Regime, konsequent. Der kultivierte Geschmack, an dem der Bürger einst feinsinnig sich delektierte und wo die Kunst seinerzeit in der Weise Hegelscher gesteigerter Selbstreflexion auf Gesellschaft, ihrer selbst und des Bürgers anschaulich wurde, lag beim alten Eisen. Schwarz für die Kunst. Dokumentationen und Reportagen jedoch haben das zu zeigen, was der Fall ist. Wie dies von Medien geleistet oder eben nicht und nur selektiv getan wird, denn unsere Wahrnehmung ist wesentlich über Bilder und weniger durch Text bestimmt, zeigt uns diese Photo-Schau. Wobei diese Ausstellung zur Photographie, Ironie der Sache, ausgesprochen textlastig sich gibt. Im nächsten Teil hauen wir dann ins Konkrete hinein und es geht um die Details und eine kritische Sicht auf diese Ausstellung. Raten kann ich jedem, der in Leipzig lebt oder gerne in diese ausgesprochen reizvolle Stadt reisen möchte, den Besuch in der alten Baumwollspinnerei sowie an diversen Orten der Stadt. (Dazu mehr im Teil 2)

Fremde Heere Ost. Reisebilder

In den Tiefen der Wälder, im Süden Berlins, in den märkischen Sand geschlagen, gehämmert und gegraben, ragen die Beton-Bunker hinein und modern. Auf den ersten Blick scheint es so, als ob nichts Düsteres in den Wäldern wohnte (Twin Peaks, Twin Peaks!), und es gibt dort keine Eulen, die nicht sind, was sie scheinen. Keine schwarzen Hütten, keine weißen Hütten. Nur den märkischen Sand und die Kiefern, die Birken, die darin wurzeln. Verborgen in den Wäldern, im Dickicht überwächst die Natur die Geschichte. Und überwuchert die Häuser. Jedoch: Es lag dort ein militärischer Komplex, den es seit 1910 gibt. Wünsdorf – ein Ortsteil des unansehnlichen, öden Städtchens Zossen. Zossen ist derartig langweilig, daß es nicht einmal mehr Spaß macht, Schimpf- und Haßtiraden über diesen Ort zu verbreiten, weil ich für Zossen im Grunde nur Mitleid habe. Einer von vielen Orten.

In der fröhlichen guten alten teutschen Kaiserzeit, wo ein Ruf wie Donnerhall daniederging und Region sowie Welt mit Brausen erfüllte, entstanden in dem Gebiet um Wünsdorf herum Kasernen für das anwachsende Militär. Das Tempelhofer Feld und andere Orte in Berlin reichten vom Platz her schon lange nicht mehr aus, um Übungs- und Kasernierungsfläche für die kommenden Kriege bereitzustellen. So entstand ein Militärareal südlich vor den Toren von Berlin. Der Erste Weltkrieg ging widrig und dolchstoßhaft verloren. Die Sieger entwaffneten Deutschland. Im faschistischen Deutschland wurde der Militärkomplex schon kurz nach 1933 ausgebaut und umfassend erweitert. Es entstanden dort – teils unterirdische – vor jeglichen Bomben sichere Bunkeranlagen, die mit den Tarnbezeichnung Maybach I und II versehen wurden, sowie ein Fernmeldebunker namens Zeppelin, dessen Tarnname „Amt 500“ lautete. (Es gibt keine Stellung, die es nicht gibt.) Die technische Ausstattung des Bunkers entsprach dem Stand modernster Fernmeldetechnik. 1935 bezog in dieser abgezirkelten geheimen Anlage das Oberkommando der Wehrmacht sein Hauptquartier. Im Juni 1941 begann der Zug gen Osten. Nachdem nun der Krieg durch einige Widrigkeiten und Unschicklichkeiten für die Deutschen verloren ging, der Wille der Volksgemeinschaft erwies sich als nicht stark genug, denn was fällt, das solle man, nach Nietzsche „Zarathustra“, bekanntlich stoßen, kamen irgendwann aus den Tiefen des Ostens die Russen heran. Und da in Wünsdorf bereits alles so schön militärisch und gut ausgerüstet und vorbereitet war, quartierte sich der Marschall Schukow sowie sein Führungsstab in Wünsdorf, das fortan Вюнсдорф heiß, ein. 1947 erfolgte gemäß der Entmilitarisierung Deutschlands, die im Potsdamer Abkommen beschlossen wurde, die Sprengung der Bunker. Viele Teile der Bunkeranlagen bleiben aber erhalten, insbesondere der Fernmeldebunker Zeppelin, weil das Sprengen nicht gut von der Hand ging. Der Beton erwies sich als widerstandsfähig. Logik des Objekts.

Die Sowjets begannen ab 1953 das Gebiet weiträumig abzusperren und errichteten dort einen Militärkomplex, in dem in den besten Zeiten bis zu 75.000 sowjetische Männer, Frauen und Kinder stationiert waren. 1994 zogen die Sowjets ab. Es blieb eine Landschaft zurück, die übersät von Kriegsschrott, Bomben- sowie Waffenteilen, Munitionsresten und Abfall war. Es bleiben 260 Hektar menschenleeres Gebiet, das einstmals von Menschen bewohnt war. Noch heute stehen viele der Gebäude, so zum Beispiel das sowjetische Offizierskasino. Geheim, gut bewacht und verborgen.

Das Bunkergelände kann besichtigt werden und es gibt in Wünsdorf Bunkerführungen. Einsam liegen die Wälder im brandenburgischen Staub.

„Der Tod ist ein Dandy“. Ein deutscher Dandy.

Wie immer lasse ich es mir nicht entgehen, geneigter Betrachterin, geneigtem Betrachter einige Photographien sowohl von der Außenwelt als auch dem Interieur dieser Anlage auf Proteus Image zu zeigen.

Once Upon a Time in the West and Forty Years ago: Kurz vor Ende des Vietnamkriegs – Die Macht und das Leben der Bilder (4)

„Um aber den Kommunisten zum Wohl des Saigoner Regimes weitere Konzessionen abzutrotzen, versuchten die USA mit Operation Linebacker II Hanoi unter Druck zu setzen. Die elf Tage andauernden so genannten „Weihnachtsbombardements“ von 1972, bestehend aus 739 Angriffen mit Boeing B-52-Bombern und etwa 1.200 Angriffen mit Kampfflugzeugen auf die Städte Haiphong und Hanoi, töteten 2.000 Zivilisten und fügten dem Ansehen der USA weiteren Schaden zu. 15 B-52-Bomber und 10 Kampfflugzeuge wurden von den Nordvietnamesen unter anderem mit sowjetischen Flugabwehrraketen vom Typ SA-2 Guideline abgeschossen.

Letztlich wurden dadurch bei den Friedensverhandlungen lediglich Einzelheiten im Vertragstext geändert, während Thiệu sich allein auf die brieflichen Zusagen Nixons verließ.

Am 27. Januar 1973 wurde in Paris das Friedensabkommen von allen beteiligten Parteien unterzeichnet. Am 29. März verließen offiziell die letzten US-Soldaten das Land. Kissinger äußerte die Einschätzung, dass das Saigoner Regime noch ‚anderthalb Jahre‘ existieren würde.“ (Quelle: Wikipedia)

Was mich an diesem Video fasziniert, sind die Photographien. Ich hätte sie ebenfalls gerne gemacht. Photographen arbeiteten in den 60er und 70er Jahren noch nicht als „Embedded Journalists“, sondern konnten sich relativ frei bewegen. Man mußte lediglich einen gewissen Schneid haben sowie diese Mischung aus Umsicht, Wagnis, Gespür für die richtige Situation, wann auszulösen sei, Intuition und Instinkt für den Moment. Der große Magnum-Photograph Robert Capa fand 1954 in Vietnam den Tod. Er trat auf eine Mine. Shit happens. Die Photographien und Bilder, die aus Vietnam von verschiedenen Photographen mitgebracht wurden, so von dem großartigen Donald McCullin, veränderten im Rahmen der medialen Inszenierungen das Bild vom gerechten und sinnvollen Krieg gegen die commies sehr schnell. „Kill a commie for mommy“ war von dem Punk-Rocker Johnny Ramone durchaus ernst gemeint – denn Johnny war anders als der intellektuelle Joey ein Reaktionär –, und die Mehrheit der US-Amerikaner dachte ebenso.

Dennoch: die Macht und das Leben der Bilder ändern Bewußtsein und Wahrnehmung. An der Heimatfront ist ein Krieg nicht zu gewinnen, wenn Zeitungen und Fernsehen den Familien die Särge präsentieren und brennende Kinder, vernichtete Dörfer, getötete Soldaten gezeigt werden. Der Vietnamkrieg war in gewissem Sinne auch ein Krieg, der mit den Bildern und der Musik der Pop-Kultur zu schaffen hatte. Die GIs hörten eine Musik, die eigentlich rebellisch gemeint war, sie drehten die Rolling Stones oder Jimi Hendrix auf, und sie verhielten sich dennoch so, wie im Rahmen der Militärdiskurse Soldaten sich verhalten müssen. Das emanzipativ gemeinte Potential, was sich seit dem Monterey Pop Festival in der Musik auf einer breiten Basis entfaltete, erweist sich am Ende als regressiv. Adorno etwa kritisierte diese regressive Tendenz wie folgt:

Dieser Betrag bringt es auf den Punkt: Eine uniformierte Welt, die sich aber als kritische Gegenöffentlichkeit gerierte. Schielen nach dem Konsum sowie Warencharakter sind die entscheidenden Stichworte. Das hat auch heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Eine solche Haltung spricht nicht gegen denn Pop per se, sondern vielmehr gegen eine bestimmte Haltung, die aus der Banalität noch die Subversion herauslesen möchte und nicht die begrenzte Reichweite dieses Ausdrucksmediums durchschaut. In Abwandlung eines Tocotronic-Stückes dachte ich mir bereits in den jungen Jahren: „Ich möchte kein Teil einer Jugendbewegung sein!“ Bereits bei den Demos war ich der abseits stehende Photograph.

Aber die Photographien aus dem Vietnamkrieg üben zudem einen eigenwilligen ästhetischen Reiz aus. Sie faszinierten mich bereits als Kind, wenn ich durch Zufall am frühen Sonntagabend noch im Wohnzimmer mich befand, wo der Fernseher mit der Sendung „Weltspiegel“ lief, dann schaute ich begeistert den anfliegenden und abfliegenden Hubschraubern zu. Meine Eltern schickten mich meist aus dem Zimmer, weil ich Kriegsbilder nicht sehen sollte. Im Jahre 1987 kurz bevor die erste Intifada in Palästina/Israel begann, erhielt ich das Angebot für die taz nach Israel zu reisen, um zu photographieren. Ich war so dumm, das abzulehnen. Heute stünden auf meinem Blog dann Bilder aus Ägypten oder Jemen statt der ewigabgelatschten, im Grunde langweiligen Demophotographien.

Nine-Eleven – Bilder des Terrors, „Krieg gegen den Terror“, Gegenterror. Bilder und Biopolitik (1)

„Mach mal den Fernseher an!“

Es weiß fast jede oder jeder, was sie an jenem Tag getan und gemacht haben. Zumindest ab dem Moment, seit der Minute, wo die Betrachter erfuhren oder vielmehr: ersahen, daß da Flugzeuge in das World Trade Center rammten, als die beiden Türme einstürzten und diese Bilder in endlosen Wiederholungsschleifen um die Welt liefen. Dazwischen die Bilder von Rennenden, aus den Fenstern springenden, herabstürzenden Menschen, Menschen im arabischen Raum, die jubelten, Menschen mit fassungslosen Gesichtern, der ausdruckslose Blick George W. Bushs, aber auch jene Photographie von Thomas Höpker, die um einiges später erschien, auf der man ruhig und gelassen plaudernde Menschen sieht, während auf der anderen Seite des Flusses Manhattan in Rauch gehüllt ist. Bilder zu 9/11 von der Photoagentur Magnum gibt es hier.

Ich selber bekam dieses schnitthafte Ereignis relativ spät mit: erst um 16 Uhr 45 MEZ, als ich das Geschäft meines Tabakhändlers/Zeitungsverkäufers betrat und der mir, als ich so unbeteiligt und sachlich-kalt, wie es meine Art ist, Zigaretten orderte, aufgeregt erzählte, daß die USA mit Flugzeugen angegriffen wurden. Ich fragte ihn halb witzelnd, ob Kuba oder Putin-Rußland den USA nun den Krieg erklärt haben, doch der Händler hatte keinen Sinn für dergleichen und sagte: Nein, die USA wurde mit Passagierflugzeugen attackiert. Ich wußte nicht genau, was er damit meinte, sagte „Aha!“ und ging des Weges nach Hause in meinen gemütlichen bürgerlichen Altbau. Sein Gerede erschien mir wirr und undeutlich. Bereits vordem und zuweilen äußerte der Händler sich eigenwillig. In jenem Refugium angekommen, schaltete ich – entgegen meiner Gewohnheit – bereits am späten Nachmittag den Fernseher an. Dann habe ich gesehen, was der Zigarettenhändler meinte und zündete mir eine seiner Zigaretten, die nun die meinen waren, an, griff zum Telephon.

Worauf ich hinaus will: Gesehen. Fast alle saßen oder standen vor den Fernsehgeräten. Deutschlandradio oder andere Radiosender hörte kaum einer. Es war nicht nur eine Macht, sondern auch ein Reiz der Bilder, welcher verschiedene Modi der Rezeption aktivierte, was sich am sinnfälligsten womöglich in dem umstrittenen Ausspruch des Komponisten Stockhausen manifestierte: „Also was da geschehen ist, ist natürlich – jetzt müssen Sie alle Ihr Gehirn umstellen – das größte Kunstwerk, was es je gegeben hat …“ (zitiert nach Wikipedia). Im richtigen Zusammenhang besitzt dieser Satz, bei allem Zynismus und Pseudoästhetizismus, der auch darin stecken mag, seine Wahrheit.

Man kann sich den allseits bekannten Bildern von 9/11 und denen, welche dem Umkreis von 9/11 entstammen, auf vielfältige Weise nähern, so wie diese Bilder auf die vielfältigste Weise Reaktionen hervorriefen und immer noch hervorrufen: Von Abscheu, der gepaart war mit einer Faszination – denn warum sonst gäbe es dieses Bild der zwei Türme, in die Flugzeuge einbrechen und die dann einstürzen, die aufsteigenden, sich über New York legende Staubwolke, in dieser unendlichen Schleife der Wiederholung bis hin zur extremen Zeitlupe, wie da das Flugzeug, langsam und langsam, Sequenz für Sequenz in den ersten Turm steuert, wie innerhalb der Sekunden ein Feuerball durch die Fenster sich frist, schleichend, in Bildpunkten, die rot herausspringen? Und weshalb schalteten nur wenige die Apparate nach der dritten Wiederholung aus? Der Hinweis auf Kants Erhabenes scheint mir bei diesen Bildern des Einschlags nicht ganz verfehlt zu sein. Die Zeitlupe des Vorlaufes bannt den Moment, als wollte sie ungeschehen machen. An dieses „Urbild“, das ein Doppelbild war, dockten zahlreiche weiter Bilder an. Von den Kampfbildern aus Afghanistan, dem schnellen Sieg über die Taliban, über das Bild der gestürzten Statue von Saddam Husseins, über jene „Mission Accomplished“, der gehängte Saddam Hussein und den Photographien und Fernsehbildern aus dem US-Folterlager Guantanamo, bis hin zu den Bildern aus dem Abu-Ghraib-Gefängnis, die ikonographisch noch einmal einen gesonderten Status einnehmen, über den zu sprechen sein wird. Eine Photographie jedoch, die in diesen Kreis der Bilder unbedingt hineingehörte und in der klassischen Erzählweise und wie in fast jedem konventionellen Film eigentlich den Abschluß, die Klimax böte, fehlt, ist abwesend: die Photographie des getöteten, erschossenen, gerichteten, hingerichteten (wie immer man es nennen mag) Osama Bin Laden. Überbordende Strukturen lassen sich gut in Bildern handhaben und eingrenzen. Hier aber bleibt eine Leerstelle, eine Kluft.

Das „Urbild“ dieses Geschehens an 9/11, diese Ikone des 21. Jahrhunderts, war ein Doppelbild in mehrfachem Sinne: es waren zwei Türme, es rasten in diese Türme zwei Flugzeuge, wir haben es (mindestens) zweimal gesehen: diesen Einschlag, den Tod von Tausenden. Sicherlich handelt es sich auf dieser Ebene des Faktischen um kein Kunstwerk. Aber die gesamte Choreographie, das Geschehen trägt Züge, die einen Blick erfordern, der Ästhetik, Philosophie samt der Phänomenologie, Soziologie und Psychologie sowie die Politik zusammenschließt.

Ich schreibe keinen explizit politischen oder moralisch-ethischen Diskurs über die Folgen, die Implikationen, die Wahrheit des 11. September, die Unschärfen, die Fragen, welche bleiben. Allenfalls werden diese Aspekte implizit mitschwingen. Vielmehr ist dieser Text eine ästhetische Annäherung, einerseits, und es ist eine Art von philosophischer (Buch)-Kritik, andererseits. Es läuft – gleichsam als Film – das Ende August auf Deutsch erschienene Buch „Das Klonen des Terrors. Der Krieg der Bilder seit 9/11“ des US-amerikanischen Kunsthistorikers William John Thomas Mitchell in diesem Beitrag mit. Es wird sicherlich Leserinnen und Leser geben, die diese Sicht mitleidlos oder apolitisch, gar antipolitisch nennen. Mag sein. Theorie denkt aber nicht dessen, was ist und nicht sein sollte, ein, indem sie Bekenntnisse und Losungen an die Wand sprüht, sondern indem sie denkt und in diesem Denken analysiert. Wir sehen, und es ist die Frage, was wir sehen und wie wir sehen.

Diesen Bildern vom 11. September sowie den Folgebildern, die daran anknüpfen (etwa die von Abu Ghraib, welche ich für ebenso gewichtig halte) sich zu nähern, funktioniert nur bedingt über die Systeme der Psychologie, der Politik, der Sozialwissenschaften. Wesentlicher trägt hier die Bildwissenschaft ihren Teil dazu bei – jene Wissenschaft, die sich zusammensetzt aus der Kunsttheorie, Kunstgeschichte, aus Medienwissenschaft, Soziologie, Ethnologie, Psychologie, Philosophie. Ursprünglich sich aus der Ikonographie und der Ikonologie Aby Warburgs und Erwin Panofskys entwickelnd, befaßt sie sich mit allen Arten von Bildern (selbst den banalen) sowie ihren kulturellen Codierungen und Interpretationsmustern. Für Deutschland seien in der Forschung stellvertretend die Namen der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, Hans Belting (Bildanthropologie) sowie Gottfried Boehm genannt, welcher die Wendung des Iconic Turns prägte; für Frankreich lese man Georges Didi-Huberman.

Hintergrund für eine solche Bildwissenschaft ist zudem jene, für meinen Geschmack etwas unglückliche Wendung vom Pictorial Turn, die Mitchell prägte. Es orientiert sich dieser Begriff an jenem Buch „Linguistic Turn“, welches Richard Rorty 1967 herausgab – eine Wendung, die als Terminus technicus einschlug. Philosophisch gesehen ist jene Rede vom Pictorial Turn sicherlich ein wenig zu hoch gehängt, aber als Teilaspekt innerhalb einer philosophisch-ästhetischen Betrachtung besitzt er einiges Recht. Man sollte ihn freilich nicht verabsolutieren.Und dazu neigt sich solches Vorgehen leider häufig: aus dem Körnchen Wahrheit wird eine große Blase gefertigt.

Als wesentliche Momente des pictorial turns werden von Mitchell die Erfindung der Zentralperspektive und die der Photographie genommen. Bilder gab es vor Erfindung der Photographie nur als gemalte, gezeichnete oder radierte. Mit dem Übergang vom analogen zum digitalen Bild in den 90er Jahren setzte noch einmal eine gesteigerte Stufe ein. Mit diesem pictorial turn gehen dann Felder wie visual culture und visual studies einher. Richtig ist, daß das Bild in der Moderne des 20. Jahrhunderts einen ganz anderen Stellenwert erhalten hat als vordem. Dazu trug im wesentlichen die Verbreitung von Photographien (seit dem 19. Jhd.) und das Fernsehen als Fortschreibungsmedium des Kinos bei, welches als neue Qualität einen Wandel ums Ganze einbrachte. Die Bilder werden auf eine Weise lebendig und erhalten – metaphorisch gesprochen – ein eigenes Leben und erlangen damit eine besondere Macht, die es in den Blick zu nehmen gilt. Innerhalb der Spätmoderne eröffnete sich noch einmal ein qualitativer Sprung ums ganze. Bilder jeder Art (und überhaupt Nachrichten) verbreiten sich mittlerweile mit einer unvorstellbaren Geschwindigkeit durch die Welt, gelangen über die Datenleitungen in Sekundenschnelle von A nach B.

Daß es hinter diesen Bildern kein gesellschaftliches Leben mehr gibt und diese Welt des sogenannten Realen (hier nicht im Lacanschen Sinne genommen, denn da bedeutet es das Gegenteil) eine Simulation ist, so daß Reales als Weise des Seins nicht mehr existiert, so weit ginge Mitchell sicherlich nicht. Aber das, was sich gesellschaftliches Sein nennt, ist geprägt durch einen Kanon von Bildern und Metaphern und wird genau dadurch überformt und in der Interpretation strukturiert. Es existiert kein unverstellter Zugang, immer ist, um es in anderen Worten zu formulieren, die Ideologie abzutragen.

Diese Durchdringung und diese Ubiquität von Bildern motiviert eine neue Form von Wissen und damit Wissenschaft, die diese Aspekte in einem Kontext sistiert. Diese Arbeit leistet die Bildwissenschaft. Wir können, wie Mitchell in seinem Buch „Das Leben der Bilder“ schreibt, diese Bilder nicht hinter uns lassen, um dann eine authentische Beziehung zum Sein, zum Realen, zur Welt zu entwickeln (Das Leben der Bilder, S. 12). Insofern geht es darum, solche Bilder und Metaphern in die Reflexion zu nehmen.

Wenn man diese Türme des World Trade Center als Urbild und als Ikone begreift – Ikone etwa der Wirtschaftsmacht – so stellt der Angriff auf die Twin Towers einen klassischen Akt des Bildersturmes dar, wie wir ihn aus dem Byzantinischen Bilderstreit oder vom reformatorische Bildersturm her kennen. Damit einher geht ebenfalls das Bilderverbot („Du sollst Dir kein Bildnis machen …“) der drei monotheistischen Religionen, die Europa prägten und prägen. Wie die Taliban die Buddha-Statuen von Bamiyan im März 2001 medienwirksam – also unter dem Einsatz von Bildern – zerstören, da es sich für sie um bloßes Götzenwerk handelte, so waren auch das World Trade Center, das Pentagon und eines der Regierungsgebäude in Washington Götzen: verbotene Bilder, um die herumgetanzt wurde, wie ums goldene Kalb. Wer auch immer diese Inszenierung, den Krieg der Bilder, den Bildersturm und die Dramaturgie startete, die Regie führte, er führte sie gut und erzeugte mit der Zerstörung des Götzen eine bedeutsame Gegenikone, die allerdings, und dies ist ihr interessanter Status, in beide Richtungen hin brauchbar zu machen ist, in zwei Richtungen funktioniert. Der Einschlag und der Einsturz lösten ja beides aus: Entsetzen und Jubel zugleich. Der Sinn dieser Taten liegt in der Produktion von Worten und Bildern, in der Erzeugung von symbolischen Formen der Gewalt und weniger in der unmittelbar physischen Gewalt. (Mitchell, Das Klonen und der Terror, S. 101. Seitenangaben im laufenden Text, die nicht anders gekennzeichnet sind, beziehen sich auf dieses Buch.)

„Strategische Formen von Gewalt wie Krieg oder Polizeiaktionen spielen in ihrem Repertoire keine herausragende Rolle. Die wichtigste Waffe des Terrors ist das gewalttätige Spektakel, das Bild der Zerstörung oder die Zerstörung eines Bildes oder beides, wie beim eindrucksvollsten Spektakel dieser Art, der Zerstörung des World Trade Center, bei der die Vernichtung einer weltweit erkennbaren Ikone ganz bewußt ihrerseits als Ikone eigener Art inszeniert wurde. Die mit dem Bild vernichteten Menschen sind Kollateralschäden.“ (S. 101 f.)

Diese Sätze mögen zunächst zynisch klingen, es erweist sich dies aber als die Quintessenz dieser Anschläge. Die Flugzeuge wurden nicht in irgendein Gebäude einer beliebigen US-Amerikanischen oder europäischen Stadt gelenkt, um möglichst viele Menschen zu töten, sondern zielten auf die drei zentralen Systeme der USA (und damit des westlich-kapitalistischen Systems) ab: Wirtschaft, Militär, Politik. Die Dramaturgie, der Ablauf war perfekt organisiert. Erst der Flug in das eine Gebäude, in der Gewißheit, daß sämtliche Kameras der Fernsehstationen nun auf die Twin Towers gerichtet sind, um nach diesem werbenden ersten Akt, den zweiten einzuleiten: nun unter den Augen der ganzen Welt. Bevor ich im zweiten Teil zum Buch von Mitchell selbst komme und in die Details einsteige, einige subjektive Wendungen:

Meine persönliche Mutmaßung zu 9/11: Es wurde innerhalb der Regierung der USA gewußt, daß sich etwas ereignen wird, ob man auch genau wußte, was sich exakt ereignen würde, ist schwierig zu beurteilen. Das Grundrauschen vor den Anschlägen in den digitalen Netzen nahm merkliche Ausmaße an und war deutlich zu vernehmen, wenn man es wollte. Geheimdienste (auch in der BRD, dort u.a. die Landesämter für Verfassungsschutz) tickten auf Hochtouren. Es wurde in den USA abgewartet, um zu sehen, was sich ereignen wird. Einige Monate nach der „Wahl“ Bushs dachte ich: merkwürdig ruhig geht es in den USA zu. Sollte ich mich in diesem Mann getäuscht haben? Die Ruhe trog. Man ließ diese Aktion sehenden Auges zu, um reagieren zu können – die Pläne für den Nahen und Mittleren Osten lagen bereits in den Schubladen. Von den Neocons gut ausgearbeitet, denn die wußten schon vorher, wer die Wahl 1999 gewinnen wird. Das, was sich an 9/11 ereignete, hätte für diese Planer besser nicht sich abspielen können. Vor den Augen aller Welt. Bilder besaßen immer schon eine ungeheure Macht, und es gibt diese Urangst, daß ein Bild lebendig wird. Die Zwillingskonstellation des Dorian Grey ist bekannt, auch die Figur des Golem. An 9/11 haben die Bilder sich verselbständigten, gerieten zum Leben, und es wurden alle Register gezogen, die man in das Lexikon der Politischen Ikonographie eintragen kann.

Bilder dienen der psychologischen Kriegsführung, „um das kollektive Nervensystem über die Massenmedien zu traumatisieren und die Phantasie gegen sich selbst zu wenden.“ (S. 120). Terrorwarnungen werden hoch und wieder heruntergefahren. Der Mann, welcher neben einem in der Metro sitzt, ist prinzipiell verdächtig, wenn er dieses Quäntchen des Anderen an sich trägt. Bilder erzeugen die Urängste, greifen in die symbolische Ordnung ein, und es verhält sich dabei wie in jener Radierung aus Goyas „Caprichos“: Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Aber Bilder können, wie Goya es zeigt, genauso die Gegenkraft abgeben.

Diese Dramaturgie an 9/11 übertraf alles, was die Macher je sich hätten erträumen können.

Was bleibt, ist der Opfer in diesem unerklärten Krieg, der im klassischen Sinne der Politikwissenschaften keiner ist, einzugedenken: sei es in den USA, in Afghanistan, im Irak, in Pakistan. An zahlreichen Orten. Aber es reicht der Gedenkkitsch nicht hin. Bilder strukturieren das Denken und erzeugen Formen von Gewissen. Diese Mechanismen der Erzeugung nimmt die Philosophie in die Kritik.

Am 11. September 1973 wurde der demokratisch gewählte Präsident Salvador Allende durch die Armeejunta unter Führung des Generals August Pinochet aus dem Amt geputscht, unter anderem mithilfe der USA, maßgeblich durch die CIA und den Kriegsverbrecher Henry Kissinger. Wenig später zogen in das Land die Chicago Boys um Milton Friedman herum ins Land ein, damit Chile nach ihren theoretischen Bedürfnissen gestaltet werde. It‘s not a trick. It‘s capitalism. Als das „Wunder von Chile“ bezeichnete Friedman diese (neo-)liberal strukturierte Tötung von Menschen, welche freilich als Wohlstandsmehrung sich gut verkaufen ließ.

In der Nähe des World Trade Centers, das heute als Ground Zero existiert, was auf der Ebene der Metaphern ein beeindruckendes Bild auch in bezug auf den Kapitalismus liefert, „befand sich im 18. Jahrhundert einer der ersten Friedhöfe für Afro-Amerikaner. Durch Zufall stießen Bauarbeiter hier 1991 auf Skelette, doch die Bauverwaltung wollte weiter bauen. Schließlich wurde nur ein Bruchteil des Friedhofs ausgegraben und eine Gedenkstätte errichtet. Der Rest sind Regierungsgebäude, erbaut auf Sklaven-Gräbern.“ So berichtet der Schriftsteller Teju Coles in der Sendung vom 8.9.11 bei „Kulturzeit“. Über den postkolonialen Umgang mit den Orten der Erinnerung schreibt er in seinem Debüt-Roman „Open City“. Zentrales Moment der Bildwissenschaft ist die Unsichtbarkeit, das, was als Verdrängtes hinter den Bildern steht, womit wir am Ende sehr viel dichter an einer Freudschen oder Lacanschen Psychoanalyse uns befinden.

Es kann kein Leid und kein Ereignis gegen das andere ausgespielt werden. Die rund 3000 Toten, die dieser Tag am 11. September 2001 forderte und die von denen, welche diese Anschläge, planten, durchführten, in Kauf genommen wurden, haben keinen höheren, aber auch keinen niedrigeren Wert als die anderen Toten, die im Namen der verschiedenen (idiotischen) Religionen, des Faschismus, des Kapitalismus, des Stalinismus, des Maoismus et al. fabriziert wurden, und es kommt hier nicht auf quantitative Aufrechnungen an. Worum es aber geht, ist, in den Blick zu bekommen, daß es willkommene, d. h. staatlich geförderte und unwillkommene Erinnerung gibt, die kultiviert werden oder eben nicht.

Erinnerungskultur funktioniert über Bilder und über den Ausschluß von Bildern, indem man bestimmte Bilder annulliert und gar nicht erst zu Ikonen geraten läßt. Dies impliziert den Begriff der Macht. Am Ende hin gilt, wenn auch nicht normativ, aber so doch faktisch der eigenwillige Satz des Goggelmoggel aus „Alice hinter den Spiegeln“:

„‚Wenn ich ein Wort gebrauche‘, sagte Goggelmoggel in recht hochmütigem Ton, ‚dann heißt es genau, was ich für richtig halte – nicht mehr und nicht weniger.‘ ‚Es fragt sich nur‘, sagte Alice, ‚ob man Wörter einfach etwas anderes heißen lassen kann.‘ ‚Es fragt sich nur‘, antwortete Goggelmoggel, ‚wer der Stärkere ist, weiter nichts.‘“

Im zweiten Teil geht es dann in die Bilder und in die Lektüre von Mitchells Buch hinein.

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W.J.T. Mitchell, Das Klonen und der Terror. Der Krieg der Bilder seit 9/11, Berlin 2011. (Suhrkamp Verlag)

Weiterhin: W.J.T. Mitchell, Das Leben der Bilder. Eine Theorie der visuellen Kultur, München 2008 (Beck Verlag)

Zu Harald Welzers „Klimakriege“ ­– Klimakatastrophe oder Angstkommunikation? (Teil 1)

Es wird Krieg gegeben haben Oder: Die zukünftige Konjunktur des Futurum exaktum

I. Vorbemerkungen

Nein, zu warm war dieser Winter diesmal nicht. Nein, Stürme gab es das letzte Jahr auch nicht so viele wie die Jahre zuvor, und die Niederschlagsmenge, die im März fiel, war im Großraum Brandburg-Berlin ganz in Ordnung. Der Bauer kann nicht klagen. „Wenn es doch nur im Sommer nicht wieder so trocken wird, Frau Heinze.“ „Na wat denn, Frau Kruptschek, wenn sie in meinem Urlaub wieder mal nicht richtig meine Balkonpflanzen jießen und nur dit trockene Jestrüppzeuch zurückbleibt, dann kann dit ja och nüscht werden. Schiebmse dit man nich auf die Hitze.“

So richtig merken wir bei uns noch nichts von den beständig angekündigten klimatischen Veränderungen. Und Nachrichten senden ihre Berichte nur spärlich aus den Regionen, die weit entfernt liegen und wo sich (mögliche) Klimakatastrophen abspielen. Allenfalls Vorboten und Zeichen zeigen sich. Der mediale Diskurs ist momentan auf anderes gepolt. Wie sagte es einst Karl Valentin: Wie passend ist es doch eingerichtet, daß in der Zeitung immer genau das drinsteht, was in der Welt so passiert.

Wenn man aber einmal vom Modischen der Themen und des Diskurses absieht, so erschien letztes Jahr ein Buch, welches aus der Vielfalt an Stimmen und Stimmungen herausragte, weil es unaufgeregt und sachlich Wesentliches zu sagen hat und den Anstoß für eine noch völlig ausstehende Debatte in den Geisteswissenschaften gibt, und zwar insbesondere in den Politik- und Sozialwissenschaften, aber auch der Philosophie, was etwa (universalistische) Gerechtigkeitstheorien betrifft. Doch dazu später mehr. Zudem liefert dieses Buch vielfältige Argumente dafür, weshalb bei dem Thema des Klimas Natur- und Kulturwissenschaften zusammenarbeiten sollten und müssen. Das Klima, welches man für gewöhnlich als naturwissenschaftliches Phänomen betrachtet, hat eminente soziale Folgen und wird, wenn es sich verändert, Gesellschaften radikal umpolen, so eine der Grundthesen des Buches. Auf die (möglichen) Konsequenzen möchte das Buch von Welzer einen Blick werfen.

Es sei auch gleich vorweg gesagt: Es handelt sich hier um ein bemerkenswertes und fundiertes Buch, welches ein heuristisches Werkzeug abzugeben hat für weitere ausstehende Forschungen der Politik- und Sozialwissenschaften. Es werden hier Standards gesetzt, die nicht mehr unterschritten werden können, wenn es um die argumentativen Zusammenhänge und die Vorgaben, wie zu forschen sei, geht.

Dabei ist es vollkommen nebensächlich, ob es sich bei diesem zunehmenden Anstieg der durchschnittlichen Erdtemperatur nun um einen anthropogenen, also um einen durch Menschen gemachten Effekt handelt oder ob die Klimaschwankungen auf natürliche Weise verursacht sind, so Welzer. Die Debatte darüber ist ein Scheinproblem und wird auf dem Gefechtsplatz der Nebensächlichkeiten ausgetragen. Denn die in diesem Buch beschriebenen sozialen Folgeprobleme werden so oder so auftauchen. Und deshalb ist eines sicher: Es wird Krieg gegeben haben. Allerdings muß man hinzufügen, daß diejenigen, welche eine anthropogene Verursachung der steigenden globalen Temperatur leugnen, zunehmend weniger werden. Sinnvoll ist es insofern schon, davon auszugehen, daß diese Probleme durch Menschen, insbesondere in der Vergangenheit durch die Industrienationen verursacht wurden.

Eine zusätzliche Ungerechtigkeit (und eine Fortsetzung unseres kolonialen Erbes) ist es, daß dabei, diejenigen Länder, die am meisten zu den Emissionen beitragen, in der Regel den geringsten Direktschaden davontragen bzw diesen sehr viel besser abfedern können, wenn etwa Überschwemmungen oder Waldbrände auftreten, während umgekehrt die ärmsten Länder kaum zu Emissionen beitragen, aber dennoch am meisten unter den Folgen zu Leiden haben. (S. 10)

Welzers Buches setzt als Hauptthese einen direkten Zusammenhang von Klimawandel und neuen Kriegen1 an und will sich mit der zentralen Frage beschäftigen, wie Klima und Gewalt zusammenhängen (S. 14). Denn häufig werden uns Kriege, Auseinandersetzungen und Konfliktherde in anderen Teilen der Welt unkritisch als etwas dargestellt, was sie gar nicht sind. Systematisch findet in vielen Medien eine Verschleierung und ein Verschweigen von Ursachen statt. So wie etwa die Schiffsentführungen in den Gewässer am Horn von Afrika bzw. vor Somalia unkritisch als kriminelle Akte organisierter Banden dargestellt werden. Selten wird auch der Grund hierfür erwähnt. Denn tatsächlich handelt es sich bei den Entführern teils um Fischer, deren Fanggründe von ausländischen Fischflotten leergefischt wurden. Diesen Menschen wurde, mit anderen Worten, ihre Lebensgrundlage entzogen. So haben sie sich – ganz kapitalistisch – auf eine lukrative andere Tätigkeit verlegt,woraus dann – auch ganz kapitalistisch angegangen – gleich ein ganzer Wirtschaftszweig wurde. Oder ein Krieg wie im Sudan wird uns als Auseinandersetzungen von Ethnien oder von religiösen Gruppierungen nahegebracht. Es handelt sich bei diesem Konflikt/Krieg in Darfur aber nicht, wie die Medien vielfach glauben machen wollen, um einen Konflikt von verschiedenen Ethnien (dies ist nämlich nur ein sekundärer Aspekt), sondern aufgrund der Versteppung und der Ausbreitung der Südsahara im Westsudan geht es um den Zugang zu Ressourcen wie Land und Wasser. Dieser Konflikt, welcher das Resultat klimatischer Veränderungen ist, gibt ein pars pro toto ab, denn: „Der Blick in den Sudan ist ein Blick in die Zukunft“, schreibt Welzer (S. 25).

Es werden die Welt noch viele solcher Kriege erwarten, erst recht dann, wenn der Druck im Kessel steigt und Ressourcenknappheiten nicht mehr am Verhandlungstisch gelöst werden können, weil kaum noch Ressourcen vorhanden sind. „Gewalt findet unter Handlungsdruck statt und fordert Erfolge. Bleiben diese aus, werden neue Gewaltmittel ersonnen, die immer wieder angewendet werden, wenn sie sich als effizient erwiesen haben. Und Gewalt ist innovativ, sie schafft neue Mittel und Verhältnisse.“ (S. 12) Diese ganz wesentlichen Ausführungen Welzers zum Gewaltdiskurs pointieren eine Entwicklung, die uns erwarten kann und deren Folgen für uns noch unabsehbar sind.

Mit den zunehmenden Konflikten kann weiterhin eine Veränderung einhergehen, die für uns wohlstands- und demokratieverwöhnte Europabewohner nur schwer vorstellbar und erträglich ist: daß nämlich aus der Sicht eines Historikers des 22. Jahrhunderts „das ganze westliche Gesellschaftsmodell mit all seinen Errungenschaften von Demokratie, Freiheitsrechten, Liberalität, Kunst und Kultur …“ (S. 13) nur noch als deplaziert erscheint, ein seltsames, gestrandetes Relikt aus grauer Vorzeit: Es wird Demokratie gegeben haben. Dies sei schwer vorstellbar? Nein, das ist es leider nicht.

Demokratie in der westlichen Welt ist nicht durch ein unverrückbares Naturgesetz garantiert und verbrieft. Und die Annahme ist irrig, daß Demokratie, nur weil sie schon so lange da ist, wohl nicht so schnell verschwinden wird. Ihr Verschwinden kann schneller gehen, als wir es denken können. Denn anhand der Theorie von sich verschiebenden Referenzrahmen und shifting baselines zeigt Welzer an zahlreichen Beispielen sehr eindringlich, wie sich Wert- und Moralvorstellungen unmerklich verschieben können, ohne daß die Bewohner einer System- und Lebenswelt dies überhaupt wahrnehmen. Nicht nur die Klimawirkungen durch die „schrankenlose Vernutzung fossiler Energie“ erzeugen Unwägbarkeiten in der Entwicklung, sondern auch die „Grenzen des Wachstums“ bringen das westliche Modell an seine Grenzen. Es entstehen Konsequenzen, mit denen keiner gerechnet hat.

Es ist dazu nicht einmal der große böse Unbekannte von außen nötig, um diese Abschaffung zu leisten. Die Teilnehmer einer Gesellschaft betreiben dies vielfach selbst und betrachten die Verschiebungen als selbstverständlich. Worum es sich hierbei handelt, sind Prozesse, die sich einerseits intrinsisch abspielen und andererseits einem kollektiven Impuls folgen. Harald Welzer ist nicht umsonst Sozialpsychologe, und er schildert diese Prozesse, die zu einer Veränderung von Wahrnehmung führen, sehr präzise. Als Beispiel für solche unmerklichen Verschiebungen sei hier nur im Zusammenhang mit dem 11.September 2001 der Verzicht auf Freiheitsrechte zugunsten von Sicherheit genannt. Wir haben uns schleichend an Dinge gewöhnt, gegen die mancher vor 20 Jahren mit Vehemenz protestiert hätte.
 

Zwischenspiel Terrorismus: „Keep on Rockin‘
in a Free World“ 

Nebenbei bemerkt: es geht hier nicht darum, gegen einen (durchaus existenten) Terrorismus (dieser ist kein Simulacrum, die Türme sind, unabhängig von der medialen Inszenierung und Vernutzung, durchaus real eingestürzt, und [islamischer] Terrorismus ist auch nicht das Resultat und Konstrukt einer jüdisch-amerikanischen Weltverschwörung) sich wehrlos zu zeigen. Im Gegenteil: Ein Staat steht in der absoluten politischen Pflicht, seine Bürger so weit wie möglich und auch bestmöglich zu schützen. Die Frage ist nur, wie dies geschieht und wie sich hierbei Wahrnehmungsmuster ändern und Dinge aufgrund einer Güterabwägung aufgegeben werden, die vorher als erstrebenswert erschienen. Der Terrorismus und der Anti-Terror-Kampf haben den Blick verändert.

Doch hinsichtlich dessen,wie sich die Spirale der Gewalt weiter hochschrauben wird, können sich westliche Gesellschaften einer Sache gewiß sein, und diejenigen, die im Umgang mit den Systemen der Überwachung und dem Einsickern dieser Systeme in unsere Gesellschaft als Selbstverständlichkeiten – teils zu recht – das allerschlimmste befürchten, ohne dabei die Dialektik von Notwendigkeit, Demokratieverlust und Möglichkeiten der Bewahrung von Demokratie in den Blick zu bekommen: ihnen sei gesagt: Diese (radikal-islamischen) Kräfte, die absolut zu bekämpfen sind, werden keine einzige Regung, keinen Aspekt unserer Lebens und unsres Systems dulden. Die, denen unsere tolerante Gleichgültigkeit, unser analytisches Verständnis, unsere desinteressierte Toleranz gilt, warten vielleicht nicht unbedingt darauf, aber sie werden keine sich bietende Gelegenheit ungenutzt lassen.

Wer „die“ sind? Der politische Islam, aber auch weitgehend säkulare arabische Staaten wie Syrien und der (damalige) Irak sowie die palästinensischen Autonomiegebiete haben jene Menschen mobilisiert: Die Bilder der Jubelnden und Feiernden aus den arabischen und persischen Großräumen, die gezeigt wurden, als jene Türme im September einstürzten, sind eben keine Ausnahme, wie manche es darstellen wollen. Auch die Kundgebungen in Ländern, in denen ansonsten keine Demonstration erlaubt ist, zum damaligen Karikaturenstreit zeigen ein leicht zu mobilisierendes Potential; und sie zeigen zudem, wie schnell und blitzartig Themen, die in westlichen Medien verhandelt werden, umgepolt und benutzt werden können, um Konflikte zu erzeugen, und zugunsten eines Gewaltdiskurses umgelabelt werden. Diese instrumentell mobilisierten Massen meinen es nicht nur ernst, sondern machen es auch, wenn es sein muß und man sie läßt. (Es muß aber gar nicht einmal so weit aus Europa heraus gegangen werden, sondern es reicht die teilnehmende Beobachtung bei einer palästinensische Anti-Israel-Demonstration in Berlin oder Paris, um die Potentiale an Haß zu sehen, die sich leicht instrumentalisieren lassen.)

Daß ihr Haß Gründe hat und die andere (düstere) Seite der westlichen Moderne ist und mit dem kolonialen Erbe zusammenhängt, das wir mit uns tragen, sei geschenkt. Wir werden diese Gründe so schnell weder aufklären noch beseitigen können. Die Carl Schmittsche Freund/Feind-Unterscheidung, die von jenen islamischen (politischen) Kräfte gezielt benutzt wird und die der politischen Linken Anathema ist, obgleich sie selber damit implizit und ungewußt beständig operiert, spiegelt sich automatisch zurück und muß zwangsläufig zum symmetrischen Bestandteil westlicher Handlungsrationalität werden. Hierin liegt das aufschaukelnde Element solcher Konflikte, selbst dann, wenn man versucht, ihnen pragmatisch zu begegnen. Diese Aporie stellt auch Welzer korrekt heraus, so daß Gewalt zunehmend als (selbstverständliche) Lösungsmöglichkeit von Problemen fungiert. Doch wird sich seine Sichtweise vermutlich von einem strategischen-politischen Blick, welcher sich mit der Terrorismusforschung und -bekämpfung beschäftigt, unterscheiden, da es Welzer um Lösungen gehen wird, die konfliktvermeidend sind.

Insofern ist hier auch – am Rande gesagt – der Ansatz, der bei der Ausstellung „Embbeded Art“ (in der Berliner Akademie der Künste) gewählt wurde, zu kritisieren. Er simplifiziert in seinen Thematisierungen des Überwachungs- und Strafdiskurses die Problematik dieser Techniken. Die meisten der Werke sind (politisch-philosophisch gesehen) unterkomplex. Und darin gerade besteht ja die Schwierigkeit zwischen Scylla und Charybdis hinduchzusegeln und jene Dialektik ausbalanciert zu bekommen: Eine (gewollte?) schleichende Erodierung von Freiheitsrechten, die zu einem unmerklichen Abgleiten ins Totalitäre führt (als erodierende europäische Demokratie sei hier Italien paradigmatisch genannt), zu vermeiden und gleichzeitig einer terroristischen Bedrohung zu begegnen, die es gleichfalls darauf anlegt, Modelle von Demokratie (auch sozialistischer Demokratie!) insgesamt in den Orkus zu jagen vermittels Selbstmordattentätern, auf die im Paradies dann 72 Jungfrauen warten, was für viele Männer eine lockende Versuchung darstellen mag. (Und diese Denkmuster sind nicht von einer „transzendentalen Obdachlosigkeit“ angefressen, was sich – zunächst einmal – als Handlungsvorteil erweist.)

Zu recht erwähnt Welzer hier, daß das Selbstmordattentat im Diskurs der arabischen Welt eine Neuerung darstellt, die es vor zwanzig Jahren in diesem Extrem noch nicht gab und an die sich die Bewohner dieser System- und Lebenswelt gewöhnt haben. Auch eine Form der shifting baselines. Die betroffenen Familien haben für diesen Tod Weisen der Rationalisierung gefunden. Neben dem Geld und dem gestiegenen Sozialprestige für die Familie wird, so Welzer, die Todesnachricht über das Ableben des Selbstmordattentäters (Welzer nennt diese zu recht „menschliche Bomben“) nicht bei den Todesanzeigen, sondern unter der Rubrik Hochzeitsanzeigen verbreitet. So haben in der arabischen Welt menschliche Bomben die Flugzeugentführung sowie das klassische Sprengstoffattentat (als Gewaltdiskurs der siebziger und achtziger Jahren) abgelöst, ohne daß dieser Paradigmenwechsel groß in den Blick gerückt ist. Und auch der Westen hat seine Reaktionsmuster angepaßt und an dieser neuen Form von Terrorismus ausgerichtet. Dazu gehört auch die Erzeugung von Angstdiskursen durch (konstruierte) Bedrohungsszenarien. Diesen Punkt zu konstatieren, heißt wiederum und im Umkehrschluß nicht, daß alles an Terror staatlich inszeniertes Simulacrum ist. Terroristische Bedrohung ist real. Es gibt Terrorismus.

 Ich werde mich in nächsten Essay weiter mit Welzers Buch beschäftigen und eine Darstellung und Analyse geben. Ich bitte diesen kleinen Exkurs zum Terrorismus zu entschuldigen, aber er stand bezüglich der Ausstellung „Embedded Art“ noch aus.

 

(1) Dabei sei es in diesem Zusammenhang erst einmal in der Diskussion hintenangestellt, ob die Unterscheidung zwischen neuen und alten Kriegen, wie sie etwa Mary Kaldor in ihrem Buch „Neue und alte Kriege“ und Herfried Münkler in seinem interessanten Buch „Die neuen Kriege“ ansetzen, triftig ist oder nicht. Ich werde wohl demnächst noch einiges zu den Begriffen Krieg und Gewalt veröffentlichen. Es ist dies aber ein Themenblock für sich, den ich nicht auch noch und zusätzlich in den umfagngreichen Welzer-Essay mit aufnehmen möchte.

 

Harald Welzer, Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird. Fischer Verlag, 19,90 EUR, 336 Seiten, ISBN 978-3-10-089433-5

Für ein Sachbuch im allgemeinen Wissenschaftsbereich hat dieses Buch ein sehr hervorragendes Register (ausführliches Sachwort- und Personenverzeichnis) und vor allem ein gutes Literaturverzeichnis. Dies ist leider bei vielen Büchern nicht selbstverständlich. Lediglich die Gliederung der Kapitel ist zu rügen, weil sie unzureichend strukturiert ist. (Man hätte besser in der Form I., 1. a) usw. strukturiert.)