Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.

Peter Handke und die kargen Lemuren: Jagoda Marinić, Saša Stanišić, Sophie Paßmann samt Stokowski

Eine Polemik

Eigentlich wollte ich die Sache mit Peter Handke ruhen lassen. Es ist ein verdienter Literaturnobelpreis. Er geht an einen Autor, der schreiben kann und der Gespür für Sprache hat. Eine gute Wahl also. Ein Autor, dem am Detail eine Welt aufgeht und der diese Welt in einer Jukebox sichten oder einfach in die Müdigkeit oder einen simplen Nachmittag hineinpacken kann. Wir haben Peter Handke viel zu verdanken.

Seine Texte zu Serbien und Jugoslawien freilich haben die wenigsten gelesen. Aber es hat sich inzwischen in der Lektüre ein Reiz-Reaktions-Schema ausgebildet, und das Gerücht über einen Text ersetzt den Text selbst: „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ wird nicht gelesen, sondern es wird gemutmaßt, was darin stehen könnte, die Mutmaßung entspricht dann im Sinne der Referenzrahmenbestätigung und des Rezeptionskonstrukts, das man flugs verbreitet, einem vermeintlichen Text, der vage im Kopf schwirrt, oder man kolportiert einfach das weiter, was mancher vom Feuilleton als Interpretationskonstrukt und dann als Parole ausgibt. Es hat sich im Blick auf Handkes Texten zu Serbien ein Erregungsfuror gebildet und eine Lesart verselbständigt, ohne daß da einer in die Texte ginge oder gar ein einziges beleg- und belastbares Handke-Zitat gebracht hätte. Rezeptionskonstrukte statt Texte, die man selbst gelesen hat. Infos aus zweiter Hand, die in der Sache Handke kolportiert und so  unbesehen, ungeprüft und ohne jegliche Differenzierung immer weiter gereicht werden.

Eine Hermeneutik des Verdachts und des heimlichen Geflüsters macht sich breit, setzt sich durch: man kennt das von Schulhöfen und vom Tratsch im Treppenhaus. Das geht soweit, daß eine Mädchenautorin wie Margarete Stokowski sich nicht entblödet, in ihrer Spiegel-Kolumne sogar noch Dubios-Privates auszubreiten. Vielleicht sollte jemand einmal und demnächst die privaten und öffentlichen Entgleisungen von Stokowski sammeln und diese dann zum Maßstab dafür machen, daß sie nicht mehr beim „Spiegel“ schreiben dürfe. Samt Protestpetition und „Gegen den Haß“-Parolen ehrlich-deutscher Empörungskultur, wenn man etwa ihre Gewaltverherrlichung nimmt oder Aufrufe zum Gesetzesbruch.

Ich wollte weniger böse schreiben, wollte Belangloses wie den Rant von einer mittelmäßigen Autorin wie Jagoda Marinić oder eine böse und unterstellende Buchpreisrede wie die von Saša Stanišić hintenanstellen. All das wertet am Ende das Schlechte und Häßliche auf, und in diesem Schäbigen und im dummen Haß der Lemuren geht am Ende die Schönheit einer Prosa verloren. Dann aber kommen mir die Twitter-Tweets von Jagoda Marinić in die Quere sowie die der humorbefreiten Speckzone Paßmann: „Eine talentfreie Dickmadame, fuhr mal mit der Eisenbahn, Eisenbahn, die krachte, Publikum lachte, steckt sie in das Kellerloch, weil Paßmann so nach Käse roch.“ Dazu das im typischen Strohwkoski-Laber-Stil gehaltenes Spiegel-Geschreibe und irgendwann läuft das Faß über:

Der Bernd Höcke des Literaturbetriebs bricht Interview ab.
#Handke #Nobelpreis #fbm19 #nieWieder

Manchen Autoren ist jeglicher Kompaß abhanden gekommen. In Jagoda Marinić‘ Dalmatien-Grill brutzelt es auf Stichflamme. Wenn man freilich die Prosa Marinićʼ neben die von Handke setzt, fällt das Urteil leicht – sowas kriegt keinen Preis. Und ebenfalls ist da journalistisch einiges im Keller, was einem Leser, einer Leserin bei der Lektüre ihres taz-Textes zu Handke aufgehen kann. Man kann diese Form des Schreibens mit einem Satz zusammenfassen: Jagoda Marinić hat nicht eine Zeile von Peter Handke gelesen.

Und der ansonsten nicht unbegabte Saša Stanišić ebenfalls nicht. Ein Entkommener zu sein, wie er es in seiner Buchpreisrede darstellt, rechtfertigt nicht, Behauptungen und Unterstellungen öffentlich in die Welt zu setzen und billige Gerüchte weiter zu befeuern. Man kann sich Stanišićʼ Reaktion allenfalls, wie es eine Facebookfreundin schrieb, mit seiner direkten Betroffenheit erklären – er ist immerhin als Kind und Flüchtling Opfer dieses Krieges und da mag eine Menge Wut den Blick trüben. Aber ich frage mich dennoch: Auf welche Referenz berufen sich diese beiden Autoren? Sollten sie als Schriftsteller nicht eigentlich damit betraut sein, Texte zunächst mal möglichst exakt lesen zu können? Warum geschieht das nicht? Warum projiziert man auf Handke? Und weil es sich hier also um Sprachprofis handelt, gelten hier für mich im Gegenteil verschärfte Umstände.

Wie würden Stanišić reagieren, wenn man seinen „Vor dem Fest“-Roman plötzlich in der Öffentlichkeit als völkische Idylle reichsbürgerhafter Siedler denunzierte und ihn als Propagandisten dieser Bewegung dekonstruierte, indem man ihm unterstellt, daß er ein deutsch-völkisches Dorfgemeinschaftsleben idealisierte? Sogar mit deutschem Fuchs und Wald- und Seeheimeligkeiten.

Für Stanišić tut es mir Leid, daß er sich derart in die Irre begab. Ich finde es schade für ihn. Jagoda Marinićʼ Ausfälle hingegen sind nicht mehr im Bereich des noch irgendwie Tolerablen.

Bei Paßmann immerhin kann man mutmaßen, daß es das ansonsten sich ebenfalls nicht groß variierende und übliche talentfreie Twitter- und Zeit-Magazin-Geschreibe ist. Herumwitzeln als Beliebigkeit, ein wenig dicketun und auf fette Vulva machen, Beliebigkeit zeigt sich als Witzelei, denn Witzischkeit kennt keine Grenzen. No border, no nation. Ebenso wie bei der Kuchenbloggerin Katja Berlin, die lieber die Rückseite von Shampoo-Flaschen liest. Soll sie, solange es die Augen beim Kleingedruckten zulassen, wenigstens ist da die Gefahr von Fehllektüren für Kuchen-Katja gering.

Schlimmer und hartnäckiger leider Jagoda Marinić: Schlicht und bösartig sind ihre Befunde. Und dies ist ebenso bei einer bestimmten Blase von Twitter-Literaturleuten der Fall: eine ostentativ zur Schau gestellte Lese-Dumpfheit und vor allem eine Haltung des Verweigerns gegenüber der Prosa Handkes treffen wir an. Bei solchen, zu dessen Beruf das Lesen eigentlich gehören sollte. Auch hier nimmt man nicht den Text als Maß, sondern liebgewonnene Gewohnheit. Belege oder irgendwelche Zitate, die Behauptungen untermauern könnten: Nichts. Ein Twitterer wie „leonceundlena“ witzelt im Blödelmodus mephitischen Auswurf, nahe an Fips Asmussen – wobei der wenigstens noch den Witz des Kleinbürgers gut pflegt. Die Frechheit dieses Internet-Charakters liegt hier bereits darin, den Namen Georg Büchners perfide zu mißbrauchen und Banales in der Dauerschleife als Flachwitzes zu prusten, der sich intellektuell gibt: daß dauerhafte Ironie zur stumpfen Waffe wird, kommt ihm nicht in den Sinn. Von Büchner hat dieser Mensch wenig begriffen. Aber es reicht heute, sich einen Namen aufs Revers zu pappen. Ein paar dumme Reime und ansonsten Mist aus Halbbildung. Daß Halbbildung nicht die Hälfte von Bildung, sondern deren Gegenteil ist, muß man diesem .leonceundlena und anderen von diesem Kaliber noch einmal gesondert stecken.

Statt einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit Handkes Texten, insbesondere denen zu Jugoslawien: auf all diesen Kanälen Ressentiments und ins Bösartige gehende Unterstellungen. Da setzt man dann einen fragenden, tastenden, denkenden, differenzierenden Handke mit Björn Höcke gleich. Ich frage mich, ob das dieselben Leute sind, die ansonsten sich nicht entblöden, ihre wohlfeilen Statements „Gegen den Haß“ abzugeben. Peter Handke immerhin hat dieses Land selbst bereist und sich ein Bild von den Menschen dort, den Schwierigkeiten und der Lage gemacht. Kriegsverbrechen und Massaker hat er niemals in irgendeinem Text beschönigt.

Ich frage mich bei jenen Handke-Denunzianten, ob das dieselben Leute sind, die ansonsten gerne „Deutschland scheiße!“ rufen und gegen Nationalismus protestieren und dabei nicht einmal merken, daß es neben dem Serbischen eben auch einen kroatischen, einen slowenischen, einen kosovarischen und einen bosnischen Nationalismus gab und daß es einem Autor wie Handke immer darum ging, diesen Nationalismus zu kritisieren – etwa in seinem Artikel zur Republik Slowenien.

Solche wie Marinić und auch andere aus dubiosen und intellektuell zweifelhaften Literaturwissenschaftler-Bubbles sind die ersten, die prinzipiell gegen Nationalismus wettern. Und begreifen weder Handkes noch Wolfgang Pohrts Argument, der seinerzeit ebenfalls in zahlreichen Texten gegen eine einseitige Sicht auf diesen Jugoslawien-Konflikt schrieb. Was damals im Milieu der politischen Journalisten bei Jugoslawien forciert wurde, nämlich das Auseinanderfallen eines Staates, wird seltsamerweise bei der Ukraine oder bei Spanien und Katalonien oder den Basken massiv unterbunden. Von den Kurden ganz zu schweigen, für die sich ein Genscher niemals einsetzte. Gunther Nickel schrieb auf Facebook:

„Offenbar muß man tatsächlich daran erinnern, daß Handke zu Beginn der 1990er Jahre sich für den Erhalt des Vielvölkerstaats Jugoslawien ausgesprochen und damit eine dezidiert antinationalistische Position eingenommen hat. Deutschland hingegen unterstützte vorbehaltslos den Unabhängigkeitswillen der jugoslawischen Teilrepubliken Slowenien und Kroatien und damit die Zerschlagung eines Vielvölkerstaats zugunsten ethnisch homogener (bzw. zu homogenisierender) Kleinstaaten.

Vor den blutigen Folgen einer solchen Politik hat damals nicht nur Peter Handke gewarnt, sondern nachlesenswert auch Wolfgang Pohrt in seinem Essay „Serbienfeldzug“ (www.magazinredaktion.tk/docs/entscheidung.pdf), in dem er überdies auf Parallelen der bundesrepublikanischen Balkanpolitik unter Hans-Dietrich Genscher mit der des „Dritten Reichs“ hinwies.

Man mag es für falsch oder auch naiv halten, an einem jugoslawischen Vielvölkerstaat festhalten zu wollen, nachdem eine Ethnisierung der Konflikte bereits begonnen hatte. Was aber an einer Kritik an der Zerschlagung Jugoslawiens wie sie Pohrt und Handke gleichermaßen, wenn auch auf unterschiedliche Weise, geübt haben, Positionen des rechtsradikalen Flügels der AfD entsprechen soll, weiß noch nicht einmal der Geier, sondern offenbar nur Jagoda Marinić.“

Ein Stück aus dem Tollhaus, fürwahr, und es zeigt dies leider auf welchem Niveau momentan von Literaten getapst wird. Wobei ich bei Jagoda Marinić nichts anderes erwartet habe. Ihr Auftritt kürzlich bei Kulturzeit und auch in anderen Kontexten reicht mir aus, um zu sehen. Und ihre Texte sprechen für sich: Bei Stokowski und Marinić kann man es frei nach Karl Kraus machen: wir wenden die schärfste Waffe gegen sie selbst an, die es gib – wir zitiert sie aus SpOn:

„Würden Leute, die da auf einer strikten Trennung von Werk und Künstler bestehen, sich auch ein Landschaftsgemälde von Hitler an die Wand hängen, wenn es ein richtig gutes Bild wäre? Und wenn nicht: Nur aus Angst vor Ächtung – oder doch aus einer inneren Überzeugung, dass die eigenen ästhetischen Bedürfnisse nicht in jedem Fall der einzig gültige Maßstab für die Bewertung von Kunst sein können?“

„Perfide Mülltrennung“ heißt die Kolumne, man sollte allerdings bei Stokowski auch auf die exakte Trennung von  Sprachmüll achtgeben, der in den „Spiegel“ gekübelt wird. Daß bei einer Sicht auf Handkes Prosa nicht die „eigenen ästhetischen Bedürfnisse“ eine Rolle spielen, kommt Stokowski nicht in den Sinn. Aber wer seinen eigenen Geschmack in popkultureller Distinktion oder in der Minderleseleistung zum Maß der Sache aufsteigert, von dem mag ich nichts anderes erwarten, als daß man ein Werk einzig nach dem je eigenen Horizont bemißt und eben: einzig bemessen kann.

Unter Hitler macht es Stokwoski ebensowenig. Der Unterschied zwischen einem Kunstgewerbemaler mit Kriegstick und später dann mit Massenmord, mit Menschenmord, mit Judenmord, mit Shoah, mit Weltkrieg samt 60 Millionen Toten und der Prosa Handkes scheint dem Mädchen nicht ganz aufzugehen. In anderen Kontexten wäre solche Analogie für Stokowski Hatespeech und es kämen in Spiegelkolumnen gekreischte Boykott-Aufrufe.

Böse Zungen behaupten allerdings, Margarete Stokowski sei die Rache Polens für Hitler.

Daß übrigens der Besuch einer Trauerfeier nichts über die Haltung zum Verstorbenen aussagt, muß man Stokowski nochmal extra erklären. Daß eine einzelne Situation im Leben Handkes, sofern sie denn wahr ist, auf ein ganzes Leben ausgedehnt und zu einer zeitlosen Schuld aufgeworfen wird und daß nun im Büßermodus eine unendliche Schuld herauskonstruiert wird, ist eine Haltung, die ziemlich seltsam für jemanden anmutet, der sich ansonsten angeblich auf humane Werte beruft und dabei selbst in einer ihrer Kolumnen ansonsten kein Problem hat, Gewalttäter und Gesetzesbruch das Wort zu reden. Zumal Handke über diese Beziehungs-Sache offen sprach. Öffentlichen Tribunalen, wie sie von Stokowski veranstaltet werden, reicht das aber nicht.  Während man bei anderen einen unendlichen Maßstab anlegt und noch die kleinste Regung als Anlaß für einen Scheißesturm genommen werden darf, ist man bei sich selbst lax und nachlässig. Die Schuld beim anderen aber darf niemals mehr vergehen. Sie ist untilgbar und man darf sie auch dreißig Jahre später noch aus der Schublade hervorziehen, um sie als rhetorische Spielmarke einzusetzen.

„Kann man die Kunst nicht aber vom Künstler trennen? Na klar. Es ist jedoch ein Luxus, den man sich leisten können muss.“ So Stowkoski.

Interessant ist, daß jene, die dieses Abtrennen der Kunst von der Person kritisieren, genau das gleiche machen, indem politische Aspekte herausgebrochen und diese dann abstrakt verabsolutiert und vom Werk getrennt werden – genau das mithin wird da von Leuten wie Stokowski praktiziert, was man beim vorgeblich sich rein auf Werk beziehenden Gegenüber kritisiert. Daß Stokowskis diesen Selbstwiderspruch nicht einmal im Ansatz bemerkt, verwundert mich freilich nicht besonders. Gesinnung siegt über Kontexte und Prosa.

Magnus Klaue bringt diese Angelegenheit in der „Jungle World“ auf den Punkt: unter dem Titel „Pilze und Preise“:

„Der Literaturnobelpreis wird bekanntlich nicht mehr für Literatur, sondern für politisch korrekte Sprechblasen verliehen. Umso erstaunlicher, dass ihn dieses Jahr ein Mensch erhält, der tatsächlich schreiben kann.“

***

Ich schätze Handkes Prosa, seit Jugendjahren, und habe mich manchmal zugleich über deren Ton geärgert, und dann darin wieder diese Exaktheit, gepaart mit Poetischem, entdeckt und bewundert. Die von ihm gegenüber der Gruppe 47 diagnostizierte „Beschreibungsimpotenz“ (dazu auch das Buch von Jörg Magenau, zu jener Reise nach Princeton1966) trifft ja auf ihn selbst auch zu, wenn man zum Maß die flott und variierend, nach Schreibschulmanier erzählte Geschichte nimmt, die sich potent spreizt, doch leider häufig im Fortgang locker energetisch versackt und wenn man dabei im Kontrast dazu sieht, wie Handke sich, so anders in Sprache und Ton, in Details verliert und plötzlich bemerkt, impotent, doch mit famosem Möglichkeitssinn fürs Dinghafte versehen, versehrt, gesichtet vom Spaziergänger des Augenblicks (ich denke immer wieder an Rilke in Paris und an „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“) und wie grandios genau das, DIESES Detail von Handke gesagt und zugleich gezeigt wird: Haecceitas denke ich mir dann. Vollkommenheit im Beschreiben, im Ton der Dichtung. Stunden wahrer Empfindung? Nein, eine angewandte Phänomenologie. Peter Handke ist ein Exaktheitsmensch.

„Ich stehe vor meinem Gartentor und da sind 50 Journalisten und alle fragen nur wie Sie. Von keinem Menschen, der zu mir kommt, höre ich, dass er sagt, dass er irgendwas von mir gelesen hat. Es sind nur die Fragen: Wie reagiert die Welt? Reaktion auf Reaktion auf Reaktion. Ich bin ein Schriftsteller, ich komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes. Lasst mich in Frieden und stellt mir nicht solche Fragen.“

Auch für solche Sätze und für diese Grundwut gegen das, was sich da an sein Haus pestet, ist Peter Handke zu danken.

Die Familie Brasch – 30 Jahre keine DDR (2). Die Tonspur zum Sonntag

Unbedingt sei den Leserinnen und Lesern diese Dokumentation zur Familie Brasch ans Herz gelegt. Untertitel: „Eine deutsche Geschichte“. Und eine solche deutsche (Familien)Geschichte ist es in der Tat, darin sich die verhängnisvolle Geschichte Deutschlands spiegelt: mal heiter, oft traurig. Es ist zugleich die Geschichte eines aus Nazi-Deutschland vertriebenen Juden, nämlich Horst Brasch, Vater unter anderem des Schriftstellers und Filmemachers Thomas Brasch. Horst Brasch gelangte 1939 mit den Kindertransporten nach England und konnte derart der Vernichtung durch die Deutschen entkommen. Er wollte nach der Befreiung Deutschlands durch die westlichen Alliierten und die Sowjetunion ein anderes, ein besseres Deutschland schaffen. Damit das nie mehr wiederkehrt, denn der Schoß ist fruchtbar noch – bis heute. Und daß da zum Ende des Krieges ein Land namens Deutsche Demokratische Republik aus den Trümmern von Faschismus, Judenmord und Verbrechen erwuchs: aufrechte Antifaschisten traten an, es diesmal anders zu machen. Künstler wie Alfred Döblin und Bert Brecht, Stefan Heym folgten. Aber was geglaubt und was dann am Ende realisiert wurde, ist oft zweierlei. Brecht faßte dies in einem klugen Gedicht in lehrhafte Worte:

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.

Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.

Dabei wissen wir ja:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es soweit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.

So schrieb Bert Brecht „An die Nachgeborenen“, und das, was im Gedicht, auch in den vorhergehenden Strophen, gedichtet wurde, muß man historisch im Hinterkopf behalten, wenn man die DDR und das, was da war, verstehen will. Eine Diktatur, ohne Meinungsfreiheit und bürgerliche Rechte und zugleich der Versuch, eine gerechte Gesellschaft ohne Ausbeutung zu schaffen.

Die Dokumentation (in der Mediathek leider nur noch bis zum 16.10.) erzählt die Geschichte des Vaters Horst Brasch (1922-1989), der Mutter Gerda (1921-1975), der Söhne Thomas, Klaus und Peter Brasch sowie der Tochter Marion Brasch (1961). Davon der bekannteste Sohn eben der Schriftsteller und Filmemacher Thomas ist (1945–2001). Klaus Brasch (1950-1980) kennen manche aus dem großartigen DEFA-Spielfilm „Solo Sunny“, Peter Brasch (1955-2001) dürfte wenigen nur als Schriftsteller, Dramaturg und Autor von Kinderhörspielen bekannt sein. Sein Roman „Schön hausen“, im April 2019 im Eulenspiegel Verlag wieder aufgelegt, dürfte neu zu entdecken sein – auch im Kontext der Wenderomane scheint mir dieses Buch literaturästhetisch bedeutsam.

Horst Brasch mußte die Wende nicht mehr erleben, sehr wohl aber all die Zerwürfnisse mit seinen Söhnen: als linientreuer Parteisoldat zeigte er seinen Sohn Thomas bei den Oberen an, als dieser zusammen mit Florian Havemann, Bettina Wegner und vielen anderen gegen die Einmarsch der Sowjets in die CSSR  protestierte, Flugblätter verteilte und Protestparolen an die Wand schrieb. Ebenso schickte er die Klagebriefe, die sein Sohn Thomas aus der Kadettenanstalt an den Vater schrieb, an den Ausbilder von Thomas. Funktionäre müssen funktionieren. Man wollte schließlich das bessere.

Anetta Kahane (ebenfalls ein Kind jüdisch-kommunistischer Emigranten und in den 1970er Jahren IM bei der Staatssicherheit) schrieb: „Zu den Feinden der DDR gehören in erster Linie Klaus Brasch und Thomas Brasch.“ All das im Hinterkopf geraten solche Szenen vertrackt. Einfach ist es nicht. Was tat man aus Überzeugung, was aus Opportunismus? Liest man Thomas Braschs „Vor den Vätern sterben die Söhne“ (1977 bei Wagenbach erschienen, ein Jahr nach Braschs Ausreise nach West-Berlin), so ist dies ein zutiefst kritisches Werk zwar, aber es klagt nicht die DDR im ganzen an und ist in diesem Sinne kein Dissidenten-Buch.

Lebenswege fallen unterschiedlich aus. Diese Dokumentation zeigt zwar nicht im Detail den Werdegang jedes einzelnen Familienmitglieds nach, sondern eher bestimmen skizzenhafte Konturen das Bild. Aber gerade darin, in den Skizzen dieser deutsch-deutschen Tragik zeigt sich das Wesentliche: daß da ein Staat antrat, es anders zu machen und das Rad der Geschichte anzuhalten oder wie es Wladimir Majakowski im „Linken Marsch“ dichtete:

Entrollt euren Marsch, Burschen von Bord!
Schluß mit dem Zank und Gezauder.
Still da, ihr Redner!
Du
hast das Wort,
rede, Genosse Mauser!
Brecht das Gesetz aus Adams Zeiten.
Gaul Geschichte, du hinkst …
Woll’n den Schinder zu Schanden reiten.
Links!
Links!
Links!

Dies aber konnte nicht gelingen. Nicht so. Aporie der Utopie. Und deshalb eben, weil diese sich perpetuierenden Widersprüche nicht einfach dialektisch sich auflösen lassen, sondern mit der unvermeidlichen Gewalt und dem Terror konnotiert sind, scheitert die Revolution, frißt sie ihre Kinder, und es kamen nach Prag über Nacht die Panzer. Die antifaschistischen Emigrantenkinder ahnten dies: das, was ihre Väter besser machen wollten, mißlang. Sie probten, nicht anders als jene Bürgerkinder im Westen, den Aufstand gegen ihre Eltern. Und im Kampf der Geschichte, auch gegen den Westen, fielen manchmal die Mittel der Regierenden, die antraten, die Arbeiterklasse zu vertreten, hart aus. Was aber bleibt, stiftete die Kunst der DDR: sie erzählt, sie zeigt. Spannend vor allem zu sehen, wie Kunst ästhetisch die Widersprüche in Prosa oder Bild faßte  – seien das die widerständigen Autoren wie Günter Kunert, Kunze, Huchel, Biermann, Christa Wolf zum Teil, Thomas Braschs DDR-Buch „Vor den Vätern sterben die Söhne“, die großartige Brigitte Reimann mit „Franziska Linkerhand“ oder aber Wolfgang Hilbig, aber auch Autoren, die diesem Staat  nahestanden – Hermann Kant oder der ambivalente und unbedingt lesenswerte Peter Hacks sind da zu nennen.

Die Geschichte der Familie Brasch jedoch bietet ein besonderes Drama, in dem sich Privates und Politisches auf unheilvolle Weise verquicken: Widerstand und ein neues Deutschland, doch Genosse Funktionär kann mit drei rebellischen Söhnen nicht funktionieren und so wird Horst Brasch nach jenem Thomas-Desaster des August 68 in die Parteischule nach Moskau weggelobt. Vordergründig als Auszeichnung deklariert, tatsächlich aber ist es eine Strafe. Immerhin gibt es das Hotel Lux nicht mehr, in dem deutsche Genossen auf Stalins Geheiß auf Nimmerwiedersehen verschwanden.

Es zeigt diese Dokumentation das Nicht-Ankommen jener rebellischen Funktionärskinder: wie sich Konflikte zuspitzen, wie aus jungen Menschen, die dem Projekt DDR im Grunde nicht abgeneigt waren, am Ende Abtrünnige wurde, wie eines der Kinder dem Land den Rücken kehrte und wie Thomas in Reformen keinen Sinn mehr sah. Die einzige „brave“, die es schaffte, die es überlebte und weiterlebte, ist Marion Brasch. Ihre Familiengeschichte findet sich in dem wunderbaren, großartigen Buch „Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie“ – und gerne ließen sich hier noch ein paar weitere Superlative zu diesem Buch hinzufügen.

Und es handelt diese Geschichte ebenso von jenen heißen und liebenden Herzen, die verglühten, die verblühten und im Zorn der Tage, im Strom des Alltags, in den Unverzeihlichkeiten sich zerrissen und zerstritten. Unheilbar – dabei haben wir doch nur ein einziges Leben und kein zweites, um es noch einmal zu probieren. Da geht der Riß durch Familien und Freunde. Aus Zorn und produktiver Wut wird Verbitterung und nach dem Fall der Mauer bei Thomas Brasch ein Schweigen. Ein sprachlos bleibender Vater, der auf die Fragen des Sohnes Thomas nichts zu entgegnen wußte. Ein Streit, der nie mehr zu klären ist, und vielleicht als einzige Hoffnung darin zu lesen, daß Marion Brasch aus all dem halbwegs heil herausgekommen zu sein schien und über diese Geschichte ein solch feines Buch schrieb. Mehr wäre davon zu erzählen. Eine großartige Dokumentation über eine deutsche Familie: über solche, die das bessere, das andere Deutschland wollten.

„Ab jetzt ist Ruhe“ war das Machtwort, das damals die Mutter sprach, wenn die Brasch-Kinder abends zur Schlafenszeit im Kinderzimmer noch zankten. In ihrem Epilog zum Roman, der eine Biographie ist, beschreibt Marion Brasch eine Fahrt zu den drei verschiedenen Friedhöfen, wo die Familienmitglieder verstreut liegen. Thomas Brasch auf dem berühmten, da wo all die anderen lagen: von Fichte und Hegel, über Brecht, Weigel und Heiner Müller, dann ein abgelegener Friedhof, wo Peter und Klaus gemeinsam ruhten, wie man so schön sagt, und schließlich die Fahrt zur Gedenkstätte der Sozialisten in Friedrichsfelde:

„Schließlich fuhr ich zum Friedhof, auf dem meine Eltern lagen, und als ich an ihrem Grab stand, wartete ich wieder auf einen Gedanken. Er kam. Abwesend, dachte ich. Jetzt seid ihr alle abwesend. Das ist traurig, doch es hat auch was Gutes: Ihr könnt mir nicht mehr verlorengehen, weil ich euch schon verloren habe. Ich legte die letzte Rose auf das Grab meiner Eltern. Ich habe euch lieb, sagte ich. Und ab jetzt ist Ruhe.“

 

 

Extinction Rebellion – seit dem 7. Oktober in Berlin

Es werden diese Woche in Berlin und vielen andren Städten der Welt Straßen blockiert, es werden von jungen Leuten in Berlin zentrale Achsen wie der Potsdamer Platz und der Große Stern besetzt. Ich bin dem Protest der Extinction Rebellion diese Woche in Berlin nicht abgeneigt, obwohl ich Autofahrer bin, und es erinnert mich diese Form des Widerstands und das Singen von „Hejo, spann den Wagen an“ gestern beim Großen Stern – diesmal auf Englisch (siehe Video hier im Link) – an jene frühen 1980er Jahre: Als da aus den Demozügen in Brokdorf und Gorleben der Gesang ging: „Wehrt euch, leistet Widerstand!“ Nicht nur, daß ich schon als Kind dieses Lied wunderbar und schön und zugleich auch ein wenig unheimlich fand, denn mit dem Wind und dem Regen, den ich als Fan des Fliegenden Robert eh mochte, kamen eben auch die dunklen Wolken, die da tief übers Land zogen und die ich mir ausmalt. Für besondere Lagen sind besondere Protestformen erforderlich. Weltweit.

Ich fand diese Form des Protests damals gut und richtig, und ich halte sie auch heute im Prinzip immer noch für gut – und zwar nicht nur als Gründen des privaten Gefallens oder irgendeiner subjektiven Lust, sondern aus einer sachlichen Notwendigkeit heraus. Mediale und intellektuelle Aufmerksamkeit für ein Thema bekommt man, indem ein Thema öffentlich debattiert wird und soziale Bewegungen können dafür sorgen, indem sie diese Debatten durch Aktionen unterstützen – diesen Aspekt hat Niklas Luhmann damals 1988 in seinem lesenswerten Buch „Ökologische Kommunikation“ übersehen: daß soziale Bewegungen durch ihr Vorgehen bestimmte Themen lancieren, auf die in einem bestimmten Subsystem aus Gründen mangelnder Codierung bisher nicht reagiert werden konnte, so daß damit mittels Protest dieses Thema andockfähig werden kann. Rauschen wird in Sinn überführt und auch ein Subsystem wie das der Wirtschaft kann die ökologische Frage über kurz oder lang nicht mehr ignorieren. Solcher Protest kann manchmal auch massiver ausfallen. (Friedliche, d.h. gewaltfreie) Blockaden gehören dazu, wobei man sich dabei im klaren sein muß, daß die Protestler einen Rechtsbruch begehen und daß darauf hin eben die Polizei, je nach Verhältnismäßigkeit, einschreiten muß.

Ähnlich wie Melanie Reinsch von der BLZ es twitterte, sehe ich es auch:

„An alle Zyniker, die die Aktionen von Extinction heute kritisieren, belächeln oder sich schlichtweg lustig machen: wann seid ihr eigentlich das letzte Mal für etwas mit so großer Passion eingetreten? So schwer zu ertragen, dass junge Menschen sich für ihre Zukunft einsetzen?“

Man muß nicht alles teilen, was da die Leute wollen, aber der Spott über diese Leute  geht an der Sache vorbei. Zumal Demos eine symbolische Aktionsform sind. Wie jeder, wirklich jeder, noch der Dümmste wisssen müßte, seltsamerweise sind das immer Leute, die ansonsten neunmalgescheit tun, setzen sich solche Aktionen aus den unterschiedlichsten Gruppen und Menschen mit teils unterschiedlichen politischen Ansichten zusammen. Das war 1982 ff. bei der Friedensbewegung so, als es um den Nato-Doppelbeschluß ging, und das ist bei der Exinction Rebellion der Fall.

Diese Proteste in Berlin sind  friedlich, es geht von den Demonstranten keine Gewalt aus. Es sind Blockaden, wie damals in Mutlangen. Und wenn für diese Friedfertigkeit die Extinction Rebellion verantwortlich sein sollte, so ist es gut – egal ob das nun eine irgendwie esoterische Gruppe sei oder wie Jutta Ditfurth es schreibt:

„XR ist keine »gewaltfreie Klimabewegung« sondern eine religiöse-gewaltfreie esoterische Sekte, welche an die Apokalypse der baldigen »Auslöschung der Menschheit« glaubt und »Selbstaufopferung« empfiehlt.“

Daß ausgerechnet Jutta Ditfurth solches schreibt, ist dann schon wieder verwunderlich. Ist das die gleiche Jutta Ditfurth, die kein Problem damit hat, bei der revolutionären 1. Mai-Demo 2014 vor gewaltbereiten und im Anschluß dann auch gewalttätigen Militanten und Linksextremisten ihre Reden zu halten, Leute, die aus der Demo heraus die Polizei mit Steinen und Feuerwerk bewerfen? Mir ist da eine esoterische aber friedfertige Gruppe allemal lieber als Leute wie Jutta Ditfurth, die ihre Stimme gerne auch mal Gewalttätern leihen. Denn an genau einer solchen Demonstration hat Ditfurth teilgenommen, um hier einmal ihre eigenen Maßstäbe auf sie selbst anzuwenden.

Übrigens war beim Krefelder Appell damals auch die DDR qua DKP mitbeteiligt. Trotzdem war dieser Appell damals ein wichtiges und richtiges Zeichen. Auch wenn ich als alter weißer konservativer Mann, der es genießt, seine Privilegien zu genießen, nicht alles teile, was die jungen Leute da fordern und wollen, halte ich es dennoch  für gut und für richtig, was diese Woche in Berlin geschieht.

Und jeder, wirklich jeder Autofahrer weiß, was diese Woche in Berlin auf den Straßen los ist und kann sein Auto stehen lassen. Autofahrer genießen hier in der Stadt ansonsten 358 Tage Vorrechte gegenüber allen anderen Verkehrsteilnehmern. Sie nehmen den meisten Raum ein, sie fahren selbst in kleinen Nebenstraßen so, als gehörte ihnen die ganze Straße.

Nun wird gerne gesagt, wer der einen Seite das Recht auf zivilen Ungehorsam zubilligt, muß dies auch bei der anderen Seite akzeptieren, etwa wenn Identitäre mittels zivilen Ungehorsams gegen Einwanderung protestieren. Einerseits ja, und für das Prozedere der Räumung ist dann ja auch die Polizei grundsätzlich zuständig. Aber es ist Protest zugleich auch nicht gegen seine Inhalte neutral und gleichgültig. Solch eine „Passion“ hat etwas mit einer konkreten Sache zu tun, deren Wahrheit man durchaus eruieren kann, und insofern sind auch diese „Leidenschaften“ des Politischen nicht neutral und in eins zu setzen mit dem Protest bspw. von Identitären. Eine Sache wie bspw. der Klimawandel bzw. die Klimakrise ist wissenschaftlich recht gut belegt. Insofern sind die Befürchtungen der jungen Menschen nicht ganz von der Hand zu weisen. Ob man darob in Apokalypse oder Hysterie verfallen muß, ist dabei eine ganz andere Frage. Proteste dagegen setzt sich aus vielen Komponenten zusammen. Und ein Thema wird eben auch lanciert, weil sich entweder viele beteiligen oder eben durch witzige und kreative Aktionen – zumal dieser Protest als ziviler Ungehorsam weitgehend gewaltfrei ist.

Diese Aspekte auch zur rechtlichen Natur des zivilen Ungehorsams sind freilich keine neuen Fragen. Bereits in den 1980er Jahren, zur Zeit der Proteste gegen den Nato-Doppelbeschluß, schrieb Jürgen Habermas im September 1983 darüber in der „Zeit“:

„So entsteht eine Perspektive, aus der die Delikte von kleinen, aber mobilen Stoßtrupps gewalttätiger Randalierer mit Handlungen des moralisch begründeten zivilen Ungehorsams verschmelzen. Aus diesem verengten Blickwinkel kann an den heute praktizierten und in Aussicht gestellten Protestformen genau jenes Element nicht mehr wahrgenommen werden, welches die neuen sozialen Bewegungen auszeichnet. Wie der Vergleich mit der Studentenbewegung lehrt, gibt die gegenwärtige Protestbewegung zum ersten Mal die Chance, auch in Deutschland zivilen Ungehorsam als Wesenszug einer reifen politischen Kultur begreiflich zu machen.

Jede rechtsstaatliche Demokratie, die ihrer selbst sicher ist, betrachtet den zivilen Ungehorsam als Bestandteil ihrer politischen Kultur.
Unter den Wortführern des Protestes herrscht die Überzeugung, daß Protesthandlungen, auch wenn sie kalkulierte Regelverletzungen darstellen, nur symbolischen Charakter haben können und allein in der Absicht ausgeführt werden dürfen, an die Einsichtsfähigkeit und den Gerechtigkeitssinn der jeweiligen Mehrheit zu appellieren. Niemand bildet sich ein, die Raketenaufstellung – wenn überhaupt noch – auf andere Weise als dadurch verhindern zu können, daß die Masse der deutschen Bevölkerung für die politisch-moralische Ablehnung einer Entscheidung von existentieller Tragweite gewonnen und mobilisiert wird; Nur ein drohender Legitimationsverlust kann die Regierung umstimmen.

(…)

Ziviler Ungehorsam ist ein moralisch begründeter Protest, dem nicht nur Eigeninteressen zugrunde liegen dürfen; er ist ein öffentlicher Akt, der in der Regel angekündigt wird und von der Polizei in seinem Ablauf kalkuliert werden kann; er schließt die vorsätzliche Verletzung einzelner Rechtsnormen ein, ohne den Gehorsam gegenüber der Rechtsordnung im ganzen zu berühren; er verlangt die Bereitschaft, für die rechtlichen Folgen der Normverletzung einzustehen; die Regelverletzung, in der sich ziviler Ungehorsam äußert, hat ausschließlich symbolischen Charakter – daraus ergibt sich schon die Begrenzung auf gewaltfreie Mittel des Protestes.

(…)

Der Rechtsstaat, der mit sich identisch bleiben will, steht vor einer paradoxen Aufgabe: Er muß das Mißtrauen gegen ein in legalen Formen auftretendes Unrecht schützen und wachhalten, obwohl es eine institutionell gesicherte Form nicht annehmen kann. Mit dieser Idee eines nicht-institutionalisierbaren Mißtrauens gegen sich selbst ragt der Rechtsstaat über das Ensemble seiner jeweils positiv gesetzten Ordnungen hinaus. Das Paradox findet seine Auflösung in einer politischen Kultur, die die Bürgerinnen und Bürger mit der Sensibilität, mit dem Maß an Urteilskraft und Risikobereitschaft ausstattet, welches in Übergangs- und Ausnahmesituationen nötig ist, um legale Verletzungen der Legitimität zu erkennen und um notfalls aus moralischer Einsicht auch ungesetzlich zu handeln.

Der Fall des zivilen Ungehorsams kann nur unter Bedingungen eines im ganzen intakten Rechtsstaates eintreten. Die Möglichkeit des gerechtfertigten zivilen Ungehorsams ergibt sich allein aus dem Umstand, daß auch im demokratischen Rechtsstaat legale Regelungen illegitim sein können – illegitim freilich nicht nach Maßgabe irgendeiner Privatmoral, eines Sonderrechts oder eines privilegierten Zugangs zur Wahrheit. Maßgeblich sind einzig die für alle einsichtigen moralischen Prinzipien, auf die der moderne Verfassungsstaat die Erwartung gründet, von seinen Bürgern aus freien Stücken anerkannt zu werden.
(…)
Natürlich können sich auch die Regelverletzer irren. Die Narren von heute sind nicht immer die Helden von morgen; viele bleiben auch morgen die Narren von gestern. Der zivile Ungehorsam bewegt sich oft im Zwielicht der Zeitgeschichte. Dieser Mangel an Eindeutigkeit verpflichtet beide Seiten. Der Regelverletzer muß skrupulös prüfen, ob die Wahl spektakulärer Mittel der Situation wirklich angemessen ist und nicht doch nur elitärer Gesinnung oder narzißtischem Antrieb entspringt. Andererseits muß sich auch der Staat eines Urteils historischer Natur enthalten und noch denen gegenüber Respekt wahren, die heute ungesetzlich handeln und vielleicht morgen im Unrecht bleiben.“

Diese Aspekte sind bis heute bedenkenswert und zeigen die Möglichkeiten und die Grenzen eines friedlichen zivilen Ungehorsams auf.

Und was die Straßensperrungen betrifft: mit meinem Ford Ranger Raptor und dem Bullenfänger vorne denke ich, daß ich die Blockaden mit sanftem Anschub unterstützen kann. Neuinszenierung des Klassikers „Einer kam durch“. Denke ich mir hier am Schreibtisch bei einem kühl gewordenen Becher Kaffee in Berlin im Regen.

Die Tonspur zum Sonntag – 50 Jahre Monty Python: „Chleudert den Purschen zu Poden“

Gerade in der heutigen Zeit, wo manche im Arsch einen Stock tragen und selbst noch Witze nach ihrer politischen Korrektheit und nach diskriminierungsfreiem Scherz abklopfen, ist dieser nie ganz korrekte und oft schräge Humor nötiger denn je. Vor 50 Jahren begann „Monty Python’s Flying Circus“ und startete als Serie im TV. Die Produzenten der BBC bestanden darauf, daß das Wort „Zirkus“ im Titel vorkäme und das tat es dann auch: ganz deutsch, ganz im Sinne des Barons Manfred von Richthofen, dessen Flugkampfkunst von den Briten im ersten Weltkrieg als Flying Circus verspottet wurde. Ohne das Deutsche, als Klischee und als Bild, gäbe es den englischen Humor vielleicht nicht in dieser Form, zumindest liefert der preußische Deutsche, der in seiner Haltung nicht einen Millimeter weicht, ein gutes Bild für Spott und so sind Briten und Deutsche aufeinander bezogen. Deutsche mit gutem Humor lieben die Briten für diesen Ton, und noch schärfer als der Brite witzelt der Yorkshire-Man, so sagt man.

Wild wurde im „Flying Circus“ gekalauert: anarchischer, schwarzer Humor, der sich selbst und andere auf die Schippe nimmt. Es ging gegen alles: gegen Staat und Autorität, gegen liebgewordene Rituale. Dieser Humor war zwar Non-sense und doch zugleich mehr als nur solcher, mehr als bloßer Klamauk, denn im Aberwitz schien plötzlich tagesaktuell das Politische auf, ohne daß politisiert wurde.

 

Und auch dieses Szenen aus dem „Leben des Brian“, das Video ist häufig schon gezeigt worden, aber es bleibt immer noch treffend, kommt einem gut bekannt vor. Damals hielt man’s für einen Scherz und lachte. Heute ist es teils bittere Realität. Man kann das, was man da sieht, auch mit Karl Kraus aus DIE FACKEL Nr. 274 sagen: „Ein Paradoxon entsteht, wenn eine frühreife Erkenntnis mit dem Blödsinn ihrer Zeit zusammenprallt.“

Literatur und Wendetext – 30 Jahre keine DDR, 30 Jahre Mauerfall

Ein Glück, so muß man dazu schreiben, ist das Scheißding weg und im nachhinein ging jene Parole „Nie, nie, nie wieder Deutschland!“, wie es eine bestimmte Linke dachte oder auf Demos rief, gründlich an der Sache vorbei. 40 Jahre BRD und 40 Jahre DDR waren eben in ihrer Vereinigung nicht einfach, wie simpel assoziiert werden sollte, Großdeutschland (davon einmal ab, daß ein Sozialstaat in der Regel an einen Nationalstaat gebunden bleibt) – trotz erheblicher Probleme, nicht nur, was die Ökonomie betraf, sondern auch weil die Vereinigung zu großen Teilen ein Anschluß war, wenn auch von vielen Menschen eben ein gewollter. Daß dieses Scheißding weg ist, daß ein antiquierter Bespitzelungsapparat zugrunde ging, der noch bis tief ins Privatleben seiner Bürger blickte, die sinnvolle Trennung zwischen Öffentlichem und Privaten aufhob – denn das Private ist eben nicht per se politisch – und in die Kleiderschränke seiner Bürger schnüffelte, haben wir unter anderem den vielen unterschiedlichen Bürgerrechtsgruppen und der mächtigen Leipziger Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989 zu verdanken. Beeindruckende Bilder, die damals über die Bildschirme gingen, und noch heute können jene, die an diesen Protesten teilnahmen stolz darauf sein, einer Diktatur das Rückgrat gebrochen zu haben.

Von diesem Augenblick war klar, daß die Machthaber keine chinesische Lösung wagen würden, daß die Diktatur zu ihrem Ende gekommen war und all der rote Terror nichts mehr half. Alle Versprechungen der Welt, die die neuen Oberen der DDR abgaben, nützten nichts. Bewegend bis heute, daß da ein paar hunderttausend Menschen friedlich mit Macht und Masse einen Systemsturz begannen, einen Aufstand gegen das Regime von Verbrechern. Und es war insofern eine friedliche Revolution, weil das Volk seine Unterdrücker nicht an der nächsten Laterne aufhängte oder nach dem Umsturz das übliche Tribunal der Hinrichtungen veranstaltete.

Unerfüllbar aber blieb ebenso die Hoffnung, daß es nach § 146 Grundgesetz der BRD eine neue Verfassung gäbe, darin auch soziale Rechte neu verankert werden. Oder aber die Hoffnung auf einen dritten Weg, wie ihn manche gerne hätten – eine Vereinigung mit Verzögerung vielleicht, wie ihn die SPD unter ihrem Kanzlerkanditen Oskar Lafontaine andachte. Aber wer weiß schon, was und wie die geschichtliche Gunst der Stunde einen Monat später schlägt? „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr!“ So gingen die Chöre, und mit Ablehnung kann man keinen dritten Weg machen. Nicht wenn es ein paar tausend Menschen sind, die anderes wollten. Da halfen auch die Reden auf dem Alexanderplatz vom 4. November nichts. Die übrigen Bewohner dieses bald ehemaligen Landes hatten, verständlicherweise, den Sozialismus und das nächste Experiment am offenen Herzen bitter satt. Daß nicht alles am schönen Schein des Kapitalismus Gold und daß Gold häufig ein Haufen Scheiße war, mußten viele Menschen erst später feststellen: als aus „VEB“ in der Abwicklung der Resterampe „Vatis ehemaliger Betrieb“ wurde. Egal wie also: es gab keine Chance. Nutze es auf deine Art.

Einige taten es, gingen in den Westen, wie die hübsche Susanne aus dem Rostocker Plattenbau, und es entstanden jene nicht immer herrlichen Leerzonen in den Städten und Dörfern der nun ehemaligen DDR: Als wir träumten. Was für junge Leute der wilde Tanz in den Ruinen war, bedeutete für viele Ältere dann den Abbruch und die restlose Entwertung der eigenen Lebenswelt. Doch der Immanenz-Zusammenhang eines mehr oder weniger funktionierenden Systems war stärker. Es zog die Menschen fort aus einer Diktatur – mehr als verständlich. So bleibt am Ende nur die Kritik, die man aus den Ruinen der Kritischen Theorie heraus betrieb – und selbst die verschwand in den 1990er zugunsten eines vermeintlichen Neuanfangs, zugunsten eines Aufbruchs im Zeichen von Internet, neuer Technik. Berlin und Leipzig tanzten auf dem Vulkan. Nachtpforte Grandhotel Abgrund. Und als solches Grandhotel Abgrund begriff und begreift sich dieser Blog immer schon, seit seiner Gründung 2009. In seiner geräumigen Wohnung mit 90 qm, wo der Autor mit kaltem Blick sitzt und die Paare und die Passanten dieser einst geteilten Stadt gallig beobachtet wie andere ihre Käfer. Klippen aus Märkischem Sand. Kein Zynismus – wozu auch? Dafür ist diese Angelegenheit zu vielschichtig.

Am Ende solcher Umbrüche – war es eine Revolution? Ich würde sagen ja und nein – ist ein Habermassches Prozedere des Rechtsstaates, wie er dies 1992 dann in „Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaates“ aufschrieb, allemal humaner als eine blutige Revolution, die noch das bestehende Rechtssystem mit hinabreißt. Zum Glück fiel sie mangels Masse und Mensch aus und mangels Bewußtsein in einem vielleicht doch irgendwie guten Sinne war sie als gute Revolution nicht durchführbar, auch weil es in der BRD erhebliche Kreise gab, die wollten, daß für sie alles so bleibt, wie es war. Und lieber 1.000 Arbeitsplätze im Osten gestrichen, wie in Bischofferode, als 1.000 im Westen, so dachten Wirtschaft und Gewerkschaft Hand in Hand. Die Aufstände dagegen blieben immer nur lokale Revolten, meist hilflos. Immanenz frißt Träume. Weg der kleinen Schritte und lange Märsche durch Institutionen. Was von 1968 blieb? Rita Süssmuth, so antwortete Habermas süffisant. Was bleibt von 1989? Vieles ungelöst, viele Konflikte.

Habermas also war es, der 1992 das Buch, fast hätte ich gesagt den Roman zur Wende schrieb. Doch er ist kein Literat und „Faktizität und Geltung“ kein Roman, sondern die harte philosophische Arbeit des Begriffs. Mit seiner Analyse zum Prozedere des Rechtsstaates ist Habermas einer der bedeutenden und wichtigen Intellektuellen. Nicht nur der BRD. Was nicht bedeutet, ihn nicht um andere Perspektiven zu ergänzen.

Aber es soll hier um Literatur gehen, und es wird dies kein Text über politische Theorie und keiner über die Notwendigkeit des Rechtsstaates oder wenn, dann bloß indirekt, sofern einem womöglich beim Nachdenken über Literatur jenes bekannte Böckenförde-Theorem in den Sinn kommt, daß nämlich „[d]er freiheitliche, säkularisierte Staat […] von Voraussetzungen [lebt], die er selbst nicht garantieren kann.“

Und weiter heißt es im Text:

„Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Andererseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots, zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“
(Ernst Böckenförde, Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation)

Was haben diese Sätze mit Literatur zu tun? Viel, denn auch Literatur ist solch eine Möglichkeit, Gemeinsames zu stiften – selbst in schärfster Differenz und indem Kunstwerke sich hermetisch einem unmittelbaren Zugriff entziehen. Gemeinsames kann eben auch sein, die Arbeit an der Sache und die gründliche Lektüre eines Werkes auf sich zu nehmen und die eigenen Referenzhorizonte über Bord zu werfen. Zwar impliziert dieses Schreiben von Autoren keine einheitliche Sicht auf dieses ehemals zerrissene Land, auf seine Verwerfungen und Möglichkeiten – man lese nur von Günter Grass „Ein weites Feld“ über Clemens Meyers großes und großartiges Debüt „Als wir träumten“, über Tellkamps souverän erzählte Geschichte von Dresden in „Der Turm“ bis zu Thomas Brussigs herrlich-lustigem „Helden wie wir“, wo ein junger Mann die Mauer mit seinem Schwanz zum Einsturz bringt, um die Unterschiede zu verstehen.

In aller Differenz jedoch vergewissert sich diese Literatur in den verschiedenen Ausfaltungen und in unterschiedlicher ästhetischer Form einer gemeinsamen Sache, die alle teilen: daß wir, als Deutsche, Bewohner dieses Landes sind, mit unterschiedlichen Geschichten, mit allen Tücken, allem Guten, allem Schlechten, und man kann literarisch eben auch mit hinzunehmen, daß in der BRD und ebenfalls in der damaligen DDR viele Menschen leben, die nicht über Generationen geburtsdeutsch sind, die als „Gastarbeiter“ kamen, Fremde Heere Ost, und die also diese Einheit womöglich mit anderen Augen betrachteten. Warum sollte sich eine Vertragsarbeiterin aus Vietnam, die Kleider in der Fremde näht, warum sollte ein Fabrikarbeiter aus Mosambik, ein junger Türke aus Neukölln, dessen Deutsch eher rudimentär ist, sich freuen, daß die Mauer fällt? Wer arbeitet, kann kaum Literatur schreiben. Wer auf der Straße lungert, benutzt andere Ausdrucksmöglichkeiten. Hier mag es literarischen Nachholbedarf geben, um ebenso andere Blickweisen in Literatur hinzubekommen.

Literatur freilich und die Weise, über diese Dinge eine gelungene Geschichte zu fabulieren, schafft insofern ein Gemeinsames, da jeder in seiner Form erzählen kann. Das Zauberwort ist Pluralität und die dazu gehörend Perspektivität – was nicht mit Relativismus gleichzusetzen ist. Dieses Plurale findet auf dem Boden einer gemeinsamen Anstrengung statt: nämlich, was da 1989 geschah, zu erzählen, vielleicht auch zu begreifen. Das also, was für viele Menschen eine Freude und eine Befreiung von der Diktatur war, was für andere einen Bruch im Leben bedeutete, für andere Chance und Öffnung, für wieder andere Abstieg und Verlust, Angst, Leid oder Freude oder die Umpolung einer politischen Landschaft, und zwar nicht einfach als Dokument oder als oral history, sondern in der Kunst in eine bestimmte Form gebracht – sei es Prosa, sei es Lyrik oder dramatische Dichtung. Für all diese Facetten müssen und werden Geschichten erfunden, literarische Bilder. In diesem gut hegelianischen Sinne ist die Kunst ihrer Zeit immer auch der Ausdruck einer Gesellschaft ihrer Zeit. In anderer Weise und in implizitem Rekurs auf Hegel schrieb Marx:

„Die griechische Kunst setzt die griechische Mythologie voraus, d.h. die Natur und die gesellschaftlichen Formen selbst schon in einer unbewußt künstlerischen Weise verarbeitet durch die Volksphantasie. Das ist ihr Material. Nicht jede beliebige Mythologie, d.h. nicht jede beliebige unbewußt künstlerische Verarbeitung der Natur (hier darunter alles Gegenständliche, also die Gesellschaft eingeschlossen).

[…]

Ist Achilles möglich mit Pulver und Blei? Oder überhaupt die »Iliade« mit der Druckerpresse oder gar Druckmaschine? Hört das Singen und Sagen und die Muse mit dem Preßbengel nicht notwendig auf, also verschwinden nicht notwendige Bedingungen der epischen Poesie?

Aber die Schwierigkeit liegt nicht darin, zu verstehn, daß griechische Kunst und Epos an gewisse gesellschaftliche Entwicklungsformen geknüpft sind. Die Schwierigkeit ist, daß sie für uns noch Kunstgenuß gewähren und in gewisser Beziehung als Norm und unerreichbare Muster gelten.“

Damals zumindest. Doch das Damals und die marxsche Frage nach dem sozialen Kontext von Kunst reichen bis in die Gegenwart. Als eine Art melancholisches oder auch nüchternes Fragen nach dem Bestand skizzierte es Ernst Jünger und pointierte dessen Marx-Satz in seinem Tagebuch „Siebzig verweht“ 1997 so:

„Ist eine Ilias möglich mit Schießpulver?“

Was also setzt die kapitalistische, die liberale, die sozialistische Literatur der damaligen, der untergehenden DDR voraus? Welche Literatur liefert uns der Stand der Produktivkräfte im Blick auf die Gegenwart und im Rückblick, nach 30 Jahren? Welche Literatur beschreibt den Stand der Produktivkräfte und das „literarische Feld“? Internet und Handys waren noch nicht verbreitet, als jene Menschen auf der Straße ihre friedliche Revolution machten. Wie hätte dieser Sturz der DDR mit dem Internet in Begleitung und mit Twitter ausgesehen? Hypothetische Fragen zwar, aber sie weisen zumindest darauf, daß dieses Gesellschaftliche einen Raum benötigt, den die Literatur zu liefern vermag, auch im Sinne einer Selbstreferentialität, indem die eigenen Bedingungen noch mit in die Reflexion geraten – aber das sind dann wiederum Fragen des ästhetischen Programms und wie diese Dinge dann in der Form konkret eingelöst werden.

Auch wir wissen, was passiert, wenn eine Gestalt des Lebens alt geworden. Die Philosophie mag ihr Grau in Grau malen und zum Erkennen ist in der Tat ein gewisser Abstand nötig, um nicht allzusehr mit dem vermeintlich Unmittelbaren und mit den Tagesresten behaftet zu sein. Das ist selbst beim literarischen Schreiben manchmal der Fall und auch hier kann Distanz helfen – Clemens Meyer zeigte es mit seinem 2006 erschienenen Debütroman „Als wir träumten“: eine Jugend zur Wende in Leipzig und in den 1990er Jahren in Freiheit und zugleich in Chaos, zwischen Neonazi-Skins, Alkohol, Drogen und einer Ordnung, die wegbrach. Alte Autoritäten, selbst die eigenen Eltern, waren abgestellt und wirkten angesichts ihrer neuen Machtlosigkeit lächerlich. Alles war möglich, wenig gelang. Die Träume waren auf den Augenblick gestellt, doch der verging.

Die gelungensten Wenderomane entstanden nicht im unmittelbaren Reflex um die frühen 1990er herum, aber ein Roman, der sich 100 Jahre später mit der Wende befaßt, ist eben kein Roman mehr für Zeitgenossen, die über die Wende lesen, so wie Kehlmanns „Tyll“ nur bedingt als Historienroman über den 30jährigen Krieg durchgeht. Doch diese unsere Vergangenheit der Jahre um 1989 ist, um ein Wort aus Faulkners „Requiem für eine Nonne“ zu gebrauchen, später von Christa Wolf als Zitat wieder aufgegriffen, noch lange nicht vorüber:

„Die Vergangenheit ist nicht tot; sie ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.
Frühere Leute erinnerten sich leichter: eine Vermutung, eine höchstens halbrichtige Behauptung. Ein erneuter Versuch, dich zu verschanzen. Allmählich. über Monate hin, stellte sich das Dilemma heraus: sprachlos bleiben oder in der dritten Person leben, das scheint zur Wahl zu stehen. Das eine unmöglich, unheimlich das andere.“

Was Wolf in „Kindheitsmuster“ (1976) zum Auftakt ihres Romans bemerkt, gilt bis hinein in die Gegenwart, wenn wir über jene Wende-Jahre nachdenken. Von der Malerei her übrigens ist dieser Blick auf Zeit genial und gut in Leipzig in Ausstellung gebracht, nämlich im „Museum der bildenden Künste“ präsentiert als „Point of no return. Wende und Umbruch in der ostdeutschen Kunst“. Eine plurale, anregende, vielschichtige und vor allem die Kunst der DDR nicht denunzierende Sicht auf jene Jahre.

Auch Literatur formuliert ihre Perspektiven, und inzwischen gibt es eine Vielzahl von Büchern, die die Wende und die Zeit danach zum Thema haben. In unterschiedlichen Ausfaltungen, kritisch im Hinblick auf expandierende Nazis von Manja Präkels „Als ich mit Hitler Schnappskirschen aß“ oder Wendejahre aus dem Blick der Zeit heraus und nahe am Pop-Ton wie in Peter Richters „89/90“ oder Lutz Seilers Hiddensee-Aussteiger zu Wendetagen im wunderbar melancholischen „Kruso“. Sehr unterschiedliche Töne.

„Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat.“ Das mag aus dem Blick der Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley, die in der DDR schärfsten Repressalien bis hin zum Gefängnis ausgesetzt war, eine hohe Berechtigung besitzen. Ein Rechtsstaat mit seinem Procedere tickt jedoch anders. Literatur aber kann solche Frage nach dem Gerechten, dem Guten, dem Heillosen, den Aporien, der Schönheit und dem Schrecken stellen. Prosa und Poesie können Perspektiven zuspitzen, Binnensichten liefern, die nicht die unseren sind. Und wir als Leser können fragen, ob das ästhetisch und damit literarisch gut gemacht ist oder vielleicht doch nur in einer Sprache, die auf einen politischen Effekt zielt oder eher konventionell uns eine Geschichte berichten will. Inhalt und Form bedingen sich, aber neue Formen können neue Inhalte und damit neue Perspektiven etablieren, womit ebenso die Frage nach einem literarisch gewagten und avancierten Schreiben sich stellt. Auch die Frage nach der ästhetischen Intensität steht damit im Raum: wie eine Figur und dessen Innenleben in eine gekonnte Darstellung bringen?

In diesem Sinne möchte ich demnächst hier eine kleine Serie mit Blick auf einige Romane starten, die man wohl mit einigem Fug und Recht als Wenderomane bezeichnen kann. Dazu gehören in jedem Fall die hier im Text genannten Romane und eine Vielzahl mehr, wie etwa Eugen Ruges „In Zeiten abnehmenden Lichts“, Erich Loests „Nikolaikirche“. Selbst Bücher wie Clemens Meyers „Im Stein“ zählen vom Sujet her indirekt noch zu diesem Kanon der Wendeliteratur, stehen sie doch in einem engen Kontext zu jenen Umbrüchen, obgleich man dieses Buch sicherlich nicht als typischen Ost-Roman bezeichnen kann. Mal sehen, ob ich es schaffe, diese Serie mit ein paar Skizzen und Kritiken zu füllen. Die Auswahl erfolgt nach subjektiven Gesichtspunkten.

Die Tonspur zum Sonntag – Sei der Regen!


Es ist dieser Song von Neil Young zwar leicht ökologischer Kitsch und übliche Industrie. Aber der Blogbetreiber und Herr übers Grandhotel Abgrund ist nun einmal ein großer Fan von Neil Young und hört von Zeit zu Zeit diese Musik gerne, und so läßt er also auch solche Inhalte von minderer Lyrik durchgehen, und wenn man die Maßstäbe beim Pop nicht in unendlichen Höhen hängt, sondern diese Stücke auch als Alltagsgebrauch nimmt, dann geht es. Und wenn der Song zudem, in schöner Korrespondenz, zu einer Photographie paßt, die ich gestern beim Sichten der digitalen Bilderalben entdeckte und da mir dann dieser Young-Song in den Sinn kam und Alaska sowieso, dann mache man daraus einen Text mit Bild. Die Photographie stammt aus Bamberg – an einem jener Tage im April. Schöne Geschichten, in Bildern, auf Mauern und mit Fahrrädern. Stahl und Stein. Flanieren und fotografieren ist besser noch in den kleinen Städten möglich, wo nur wenige Menschen laufen und die Sicht versperren.

Bamberg, im Juni – All der rote Mohn

Schnell noch, bevor der Sommer vergeht, diese Photographien aus Bamberg gezeigt. Die meisten Bilder stammen von der Halbinsel ERBA, dem ehemaligen Gelände der Bamberger Textilindustrie, der übrige Teil aus den Gewerbegebiet im Nordwesten der Stadt. Die ERBA, das Silbenkurzwort steht für Erlangen-Bamberg, war eine der großen Baumwollspinnereien Europas. Reste der Industrieanlagen finden sich noch heute auf dieser Landzunge zwischen dem linken und dem rechten Regnitzarm. 2012 fand auf der ERBA-Insel die Gartenschau statt und dafür wurde das Gelände gehörig umgebaut. Es ist eines dieser seltsam-modernen Flächen: viel Grün, Wohnhäuser, auch Teile der alten Industriegebäude sind noch zu sehen. Leider habe ich es versäumt, diese Anlagen zu photographieren. Im Gesamt, in der Totale eines Bildes hätten sie nicht gewirkt, ich hätte mir also fürs Ablichten etwas anderes ausdenken müssen, wozu ich nun wieder keine Lust hatte, weil ich lieber beim freien Schlendern photographiere und ich zudem einen großen Faible für diese lieblichen Kleingartenanlagen habe – diese seltsame Form von Natur, heute fast schon antiquiert. Es ist aber dieser Trug von heiler Welt vielleicht doch der letzte Rest einer tatsächlich irgendwie noch intakten Welt und Auswuchs der längst abgelebten 70er-Jahre-Moderne.  Es fehlt nur noch das HB-Männchen, was in die Luft geht und dann beim Rauchen seine Ruhe findet, wir hören, daß Strahlerküsse besser schmecken, Plantschi einfach prima ist, schmecken Ernte 23 und betrachten das Bärenmarke-Bärchen wie es durch eine Hügellandschaft tapst, samt dem lustigen, dicken, grünen Hustinetten-Bär, der das Leben nicht so schwer nimmt.

Vom Wesen des Parks her bildet die ERBA ein Gegengewicht zu dem herrlichen naturbelassenen Bamberger Hain, weit im Süden der Stadt. (Ich schrieb an dieser Stelle über diesen wunderbaren Ort, damals im Winterzauber, wo der kalte Prinz den Frost verströmte und zwischen kahlen Bäumen und Statuen spazierte.) Beide Orte haben für sich ihren Reiz – im Sommer wie im Winter. In den Hain gelangt man vermutlich etwas leichter und eher, wenn man aus den Gassen der schönen Altstadt kommt und dann am linken Regnitzarm an der der Künstlervilla Concordia vorbeispaziert, die, stadtauswärts gegangen, rechts des Flusses auf der anderen Seite des Mühlwörths liegt. Und wenn man später abends nahe der Wälder aufmerksam schaut und lauscht, so kann es geschehen, daß der Abendwanderer dem sprechenden Hund Berganza begegnet.

Im Juni aber ging es zur anderen Seite hinaus, in jenen Kunstpark, dem man seine Künstlichkeit sehr viel deutlicher ansieht als dem scheinbar naturbelassenen Hain. Es geht in die Kleingartensiedlungen zuerst, wenn man vom Regensburger Ring her kommt. Ich denke an jene wunderschöne braunhaarige Frau, die mir vor meiner Abreise ein üppiges Frühstück brachte. In Dänemark übrigens weht bei jedem Ferienhaus der Dannebrog – nur für alle, die sich über deutsche Flaggen mokieren oder wundern. Mir ist’s egal, wer’s will, mag’s vorm Ferienhaus oder der Datscha machen. Ich brauche es nicht, auch keine von irgendwelchen vorgeblich widerständigen Fußballvereinen aus Hamburg. Geh ich eh nicht hin, sind mir zu viele Werber aus der Schanze da. Die einzige Fahne, die ich mag, ist die von Weißwein.

Und nun Photographien aus Bamberg, bevor der Winter kommt, von der Hegelwoche in Bamberg. Ich wette, Sie werden keinen einzigen Bezug dort auf den Bildern zu Hegel entdecken. Wer einen findet, kriegt vielleicht einen Weißwein. Oder eine Fahne.

 

Fridays for Future (Teil 2)

Hier der angekündigte zweite Teil der Photographien.

 

 

 

Fridays for Future – Zur Klima-Demo in Berlin

Menschen strömen in den S-Bahnhof Rathaus Steglitz: Kinder, Erwachsene, Jugendliche, auch Lehrer sind mit dabei, es scheinen ganze Schulklassen auf den Beinen. Solche Szenen sah ich eigentlich nur bei Großveranstaltungen oder den großen Friedensdemonstrationen Anfang der 1980er Jahre. Sogar die Berliner S-Bahn beteiligt sich am Klima-Streik. Sie tut, was sie am besten kann: nicht fahren und nicht funktionieren. Die S 7 und andere Züge fielen bis zum Mittag wegen eines Stellwerkfehlers aus. Und wie üblich ließ die S-Bahn ihre Züge im zeitgedehnten Zehn-Minuten-Takt gondeln, während es auf dem Bahnsteig voller und voller wurde und an vielen Stationen die Leute einfach auf dem Bahnsteig warten mußten und auch im nächsten Zug vermutlich nicht mitkamen, weil der nämlich genauso voll war. Damit man einmal auch das Gefühl bekommt, wie es wohl in Tokio sein könnte. In der S-Bahn quetschten sich die Menschenkörper. Irgendein 13jähriger meinte in jenem Penälerhumor trocken „Wenn jetzt jemand furzt, stirbt der ganze Waggon.“ Fast alle wollten zum Brandenburger Tor, viele hatten Plakate und Transparente dabei.

Ein anderer junger Schüler, er mochte 15 oder 16 Jahre sein, erzählte von seinen Reisen in den Hambacher Forst, wie sie von der Polizei schikaniert wurden, wie ihnen die Übernachtung schwierig gemacht wurde, indem das Gelände, wo die Zelte stehen sollten, mit schwerem Gerät umgepflügt wurde, erzählte von Widerstand und Protest und sprach mit Emphase und ein wenig altklug, wie junge Menschen, die gerade die Politik für sich entdecken, manchmal sind. Ich kam mit ihm ins Gespräch. Der Junge schilderte, wie er und Genossen ein Denkmal mit politischen Parolen beschmiert hätten, allerdings mit Kreide, und wie dann die Polizei kam. Der junge Lehrer sagte mit einem süffisanten Lächeln. „Das will ich jetzt lieber nicht gehört haben.“ Eine schöne Atmosphäre, mir lächelte irgendeine Frau zu, so wie an diesem Tag ich häufig von Frauen Ende 30 angelächelt wurde. Ich weiß nicht weshalb, vielleicht lag es an meiner schwarzen Lederjacke und meinem harten Reporterblick. Vielleicht wollten sie auch einen vom Alter her gut situierten Mann. Sie waren bei mir an der falschen Stelle. Kriegsberichterstatter sind einsam. Und sie bleiben es. Wer jetzt keine Nikon hat, der hat sie nimmermehr.

Am Potsdamer Platz stiegen wir alle aus. Es herrschte auch dort ein Drängeln und Schieben. Alle strömten sie hin zum Brandenburger Tor. Massen und immer mehr an Menschen hier in Berlin. Kinder, Jugendliche, Eltern, aber auch Alte und jene Altachtundsechziger und auch Altachtziger wie ich, die schon damals bei den großen Protesten der BRD dabei waren. Fehlt nur noch, daß jemand die Graswurzelrevolution oder die UZ verteilte oder einem die Mitgliedschaft in der SDAJ aufschwatzen will. Linke aber genauso Bürgerliche gehen bei dieser Demo mit, politisch ganz unterschiedliche Menschen kamen hier und heute zusammen, um irgendwie mit ihren Mitteln ein Zeichen zu setzen.

Parolen wie „Ich sag Kohle, ihr ruft ‚Ausstieg‘“ sind ganz und gar nicht meine Sache, ebensowenig die Mitmachprogramme mit Herumhüpfen und Hände heben. Irgendwann sang von der Bühne Dota Kehr. Ich mag viele ihrer Lieder, auf den Text habe ich nicht gehört, aber die Melodie und die Art des Singens klangen schön. Ich hoffe, es war kein politisches Lied, denn da sind die Texte leider oft garstig-gräßlich und entbehren nicht eines gewissen Kitsches. Leider waren die Reden der unterschiedlichen Redner viel zu lang. Manche Zuhörer begannen schon mit den Füßen zu scharren.

Amüsant auch die Ansage vom (separaten) Lautsprecherwagen der Intersektionalisten und Queerfeministinnen: Bis sie zu Anfang ihrer politischen Ansprache all die Minderheiten aufgezählt hatte, war die Demo fast schon wieder vorbei. Ich wollte noch dazurufen: „Ihr habt Schlitzäugige vergessen und Menschen mit schiefen Zähnen“ ließ es aber dann doch um des lieben Friedens willen bleiben und weil ich weiß, daß man als Photograph am besten ungestört Photos macht, wenn man sich neutral verhält und ins politische Geschehen nicht weiter sich einmischt.

Eigentlich bin ich bei Demos immer unbehelligt geblieben, sei es von Seiten der Demonstranten oder der Polizei. Diesmal aber erwischte es mich, und das ausgerechnet auf einer solchen Veranstaltungen. Ich gehe seit 39 Jahren auf Demonstrationen, ich photographiere dort, ich habe Heftiges erlebt, ich kam in manche bedrohliche Lage, etwa wenn neben mir Polizisten zu Boden gingen, weil sie von Feuerwerkskörpern getroffen wurden oder wie ich in Bonn 1985 hinter einer Polizeikette lief und in einen Stein- und Tomantenhagel von Autonomen geriet, ohne daß mich was traf, zum Glück. Heute jedoch, bei einer Demo mit vielen Kindern, mit Erwachsenen, Lehrern, Angestellten, jungen und alten Menschen unterschiedlichster Prägung ist es mir passiert, daß ein Jugendlichen-Black-Block, es waren fast noch Kinder, mich beim Thomas-DehlerHaus, also der Parteizentrale der FDP, erwischte. Mit einem Farbbeutel, der neben mir aufschlug. Die gute Nikon D 600 schmutzig, die Hose rotrosa gesprenkelt, die Lederjacke fleckig. Na ja, dafür habe ich dann zehn Minuten später eine Verhaftung veranlaßt. Die Männer vom Greiftrupp wissen immer gut, wen sie holen müssen. (Nein, war ein Spaß – ich habe nur weiter aufmerksam beobachtet und bin mitgelaufen bis zum Ende und dort, wo es spannend sein könnte, daß abends dann die Knochen weh taten.)

Ich kann nicht ganz verstehen, wieso auf einer friedlichen Demonstration mit vielen Kindern ein Black-Block, diesmal in Grün-Lila allerdings, Bengalos zündet, mehrfach, bis dann ab dem Holocaust-Mahnmal ein Zug Bereitschaftspolizei den Block begleitet. Woraufhin sich in Rufen und Lautsprecherdurchsagen über die „Bullen“ und deren aggressive Art beschwert wird. Protestler, die ein Transparent wie „SUV-Macker abfackeln“ mit sich führen: mir ist nicht ganz klar, wie und inwiefern sich solche Personen mit Argumenten gegen rechtes Hatespeech positionieren wollen. Und wenn dann beim FDPHaus gerufen wird „Ganz Berlin haßt die FDP!“, so kann man das machen, wenn man das glaubt. Ich hätte denen am liebsten erwidert „Hier in Berlin werde ich sie bei der nächsten Wahl wählen!“ Es war ein ärgerlicher, selbstgefälliger und naiver Block. Vielleicht kann man diese Dummheit ihrem Jugendlichsein zugutehalten und dem damit verbundenen politischen Überschwang. Die Welt ist für sie schwarz/weiß, Differenzierungen und unterschiedliche Farben und Töne existieren in diesem Denken nicht – ich weiß eigentlich gar nicht recht, wie dieses instrumentelle Denken mit der Lektüre von Foucault und Adorno zusammengehen soll: wo man bei der Gesellschaft eine Differenziertheit einfordert, die man selbst jedoch nie bereit ist zu leisten. Verwunderlich ist das freilich nicht, das ragt bis in die Mitte, wenn Fernsehclowns wie Jan Böhmermann sich engagieren. Jedoch: zu meiner Zeit war es nicht anders. Aber ich schweife ab.

Wenn dann Gegenstände und Farbbeutel in Richtung des FDP-Hauses fliegen, fingen mit dem Krawall nun freilich nicht die „Bullen“ an, sondern der Jung-Black-Block. Sich hinterher darüber beschweren, daß Greiftrupps jene Leute, die solche Dinge machen oder ebenso im Zug gegen das Vermummungsverbot verstießen, später zu einem geeigneten Zeitpunkt herausholen, scheint mir nicht ganz unwahrscheinlich und irgendwie auch berechenbar. So zog der Zug sich hin. Zum Glück war diese Form des Protestes nur ein sehr kleiner Ausschnitt und allüberall bei dieser Demonstration ging es friedlich zu.

Im Anschluß an jene Fridays for Future-Proteste gab es vom Potsdamer Platz ausgehend noch eine Demonstration der Berliner Club-Betreiber. Unter dem Motto „No future no dancefloor“. In ihrem Aufruf zum Rave-Aufstand hieß es:

„Wir feiern viel, gern und verschwenderisch. Aber statt rassistischen Unsinn von Überbevölkerung zu labern, lieben wir es eng, laut, stickig und voll. Statt nationale Ausgrenzung wollen wir alle dabeihaben, egal woher sie kommen, wie sie lieben, begehren oder aussehen.

Unsere Nebelmaschinen ballern bis es von der Decke tropft und wir tanzen wie entfesselt. Aber wir sind nicht so vernebelt zu glauben, dass unser hedonistischer Ausnahmemoment die Welt zugrunde richtet und nicht der allesfressende kapitalistische Normalzustand.

Für nachhaltigen Feierexzess recyceln wir den letzten Schrott.“

Daß jene Leute das Klima retten wollen, scheint mir unglaubwürdig. Ich denke, die Raver samt ihren Gästen bekommen nicht einmal die basale Hygiene auf einer ihrer Club-Toiletten in den Griff.

Ansonsten aber, das muß man unbedingt dazu schreiben: Es war eine gute, eine wichtige und auch eine mächtige Demo, die da um 12 Uhr vorm Brandenburger Tor stattfand und dann über viele Stunden durchs Regierungsviertel zog. Und sie war vor allem friedlich. Und eben nicht nur in Berlin, sondern auf der ganzen Welt fanden diese Proteste statt. Man sollte keinem Alarmismus huldigen. Aber wenn eine Situation ernst ist, sollten man den Ernst der Lage nicht nur kennen, sondern auch benennen und sichtbar machen. Solche Aktionen sind symbolisch, sicherlich, und es konfligieren dabei unterschiedliche Ansätze und Forderungen; von Veganern über Bürgerlich-Liberale bis hin zu harten Kapitalismuskritikern und eben Kindern und Jugendlichen, die ganz einfach Angst um ihre Welt haben. Solch bunte Gemengelage ist nichts Neues, es gab sie bei den 1968ern schon, 1982 zu Friedensdemo-Zeiten gegen den Nato-Beschluß und sie existierte beim Anti-AKW-Protest jener 70er und 80er Jahre in Wyhll am Kaiserstuhl, in Brokdorf an der Elbe und in der Oberpfalz in Wackersdorf, als Bürger und Autonome zusammen demonstrierten, und auch zu der großen Fukushima-Demo 2011 in Berlin warʼs der Fall. Gerade dieser Protest lieferte 2011 ein wichtiges politisches Zeichen. Schön, daß so viele Menschen heute weltweit auf der Straße waren. Bei bei solchen Protesten geht es nicht unbedingt darum, Fachfragen zu debattieren. Sie sollen vielmehr politisch ein Zeichen setzen. Gehen genügend Menschen hin und sind es wie in Berlin gut 200.000 Menschen, dann muüssen auch SpOn und die Tagesschau darüber berichten. Schön wäre es, wenn man auch für Julien Assange, Edward Snowdon und Chelsea Mannings derart viele Menschen auf die Beine bekäme, denn auch dann müßte die „Macht um acht“ über solches berichten.

[Eine zweite Serie mit Photographien kommt morgen.]

 

Margarete Stokowski und Kurt Tucholsky

Eine Kombination im Titel bereits, die Leserin und Leser erschaudern lassen werden. Was um alles in der Welt haben diese beiden Menschen miteinander zu tun? Nichts, rein gar nichts. Der eine ist ein Essayist, Satiriker, Gesellschaftskritiker und Schriftsteller, die andere ist Kolumnistin bei SpOn. Dennoch: Margarete Stokowski wird der Tucholsky-Preis verliehen. Ein Gott, der Tintenteufel oder sonstwer mag wissen weshalb. An ihrer ausgefeilten Sprache kann es nicht liegen, an ihrem Witz ebensowenig und auch nicht an ihrer eloquenten Art zu sprechen – man schaue sich das Gespräch mit Svenja Flaßpöhler über MeToo an. Es muß also wohl an der Jury liegen, die hier im Link einzusehen ist. Man sehe auf die Namen und man wisse.
Ich selbst wäre eher dafür, Margarete Stokowski den Karl-Kraus-Preis, genauer gesagt, den von Karl Kraus ausgeschriebenen Preis zu verleihen, fürderhin nicht mehr zu schreiben und mit dem Geld besser einen für die Gesellschaft nützlichen Beruf zu ergreifen. Kraus sagt es so:

„Das Preisrichterkollegium hat sich vor der Fülle konkurrierender Genies nicht anders helfen können als für jedes Gebiet je drei Preise à 1000 Schilling festzusetzen. Sie sollten zwar ursprünglich jener »Aufmunterung« dienen, die auf sämtlichen Gebieten der Kunst schon so viel Unheil angerichtet hat, während Abschreckungspreise, geknüpft an die Bedingung, nichts dergleichen mehr zu tun, sondern einen nützlichen Beruf zu ergreifen, ein wahrer Segen wären.“
(Karl Kraus, Die Fackel, Nr. 726-729, Mai 1926)