Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.

Das widerliche Weib

„Hat Sarah Wagenknecht gestern bei Lanz ernsthaft gesagt: ‚Butscha ist kein Grund, Verhandlungen abzubrechen‘? Hat sie das wirklich gesagt? Oder habe ich das geträumt in einem der übelsten aller Alpträume, wo man noch mit den schlimmsten Kriegsverbrechern reden, verhandeln, an einem Tisch sitzen will?“ (Hasnain Kazim)

Der einzige Grund, Verhandlungen einzugehen, wäre der, wenn Putin umgehend alle Kriegshandlungen einstellt und die okkupierten Gebiete räumt. Ansonsten sollte er damit rechnen, daß es eine Ukraine wieder geben wird, wie sie vor 2014 existierte.

Die Tonspur zu Alexandras 80. Geburtstag

„Der Traum vom Fliegen“, zum Ende der 1960er Jahre und eines dieser Lieder, die einem seit der Kindheit und seit es zum ersten Male gehört ward nicht mehr aus dem Kopf gehen: sozusagen die Kurzfassung von Hans-Christian Andersens Märchen „Der Tannenbaum“. Es mag dieser Alexandra-Text zunächst kleinbürgerlich erscheinen: Der Wunsch, hinaus in die große Welt und wenn man dann, wie der Tannebaum oder wie das kleine schöne Blatt an jenem herrlichen Baum, in die weite Welt trudelt, weg und fort von seinem Platze, so entdecken wir, wie schön und wesentlich jene Augenblicke, jene Routinen, jene dem Anschein nach langweiligen Stunden waren, von denen wir uns wegsehnten. Ein wenig steckt darin auch jenes Blochsche „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“ Es geht die Reise hinaus und bei Bloch vom Ich zum Wir. Bei Alexandra und bei Andersens schönem Märchen bleibt aber eine Sehnsucht, und im Vergehen erst, im Ende bemerken wir unseren Anfang.

Karl Schlögel zur Ukraine

Gegen das Schweigen der Friedensbewegung und der Zarenknechte, der Lafontaines und der Dagdelens zu den russischen Kriegsverbrechen ist immer wieder der Historiker Karl Schlögel zu setzen:

„Die Handykameras sind überall, die abgefangenen Gespräche der Soldateska werden jetzt mitgehört von Millionen auf der ganzen Welt. Leichen am Straßenrand, Massengräber, Berichte von Vergewaltigungen, Plünderung, der mörderische Raketenbeschuss – das sind alles nur hilflose Abstraktionen –: Es geschieht jetzt, hier, in unseren Städten. „Der Firnis der Zivilisation ist dünn“ – noch so eine Art von Allgemeinplatz, der den Schrecken, den Schock auffangen und in die kultivierte Sprache des disziplinierten Diskurses überführen soll. Solche Wucht an Zerstörungskraft haben wir in Europa seit den Bildern von der Zerstörung Warschaus oder den Ruinen Dresden nicht mehr gesehen.
[…]
Wir sollen uns aber auch nichts vormachen angesichts der anhaltenden Destabilisierung, und der putinistischen Autokorsos in deutschen Städten. Eher sollte man sagen: Endlich tritt sie hervor, „russki mir“, die russische Welt, getarnt unter dem Deckmantel des Kampfes gegen Russophobie und Diskriminierung aller Russischsprachigen, wo sie doch in Wahrheit eine von russischen Agenturen längst unterwanderte Parallelwelt ist, die mehr dem ersten Kanal des russischen Staatsfernsehens und „Russia Today“ vertraut als den Nachrichten der „Tagesschau“. Ob Europa eine Zukunft hat, wird in der Ukraine entschieden, auch darüber, ob Russland einen Weg aus der Sackgasse herausfindet, in die Russland sich von Putin hat führen lassen.

Alle Nachrichten deuten darauf hin, dass im Osten der Ukraine eine furchtbare Schlacht im Gange ist. Es geschieht, was man wiederum für unvorstellbar hält, aber derzeit in Vorbereitung ist: die Feier eines „Tages des Sieges“ unter dem Zeichen des Putin’schen Hakenkreuzes Z. Nie ist die Ehre der im Zweiten Weltkrieg im Kampf gegen Hitler gefallenen sowjetischen Soldaten so sehr beschmutzt worden wie von diesem kleinen, niederträchtigen Diktator und Massenmörder. Mariupol wird nicht nur zum Symbol seiner Schande, sondern ist jetzt schon das Symbol für die Tapferkeit und Ehre der Ukrainer geworden – vielleicht auch zum Menetekel des Versagens der Europäer, unseres Versagens.“

So schreibt der Historiker Karl Schlögel auf FR-Online sehr zu recht. Es ist anzuraten, diesen guten Artikel ganz zu lesen.

9. Mai – Tag der russischen Schande

„Bewaffnete Kleptomanen rauben und brandschatzen. Dieser Krieg ist eine unglaubliche Demütigung für alle Russen, die nicht einverstanden mit den mörderischen, imperialistischen Bestrebungen Russlands. Der Krieg gegen das Ukrainische Volk ist eine Barbarei und eine Drohung gegen andere Völker.“

So schreibt im Blick auf jene Karikatur ganz zu recht und pointiert-treffend in wenigen, aber doch bündigen Worten der Photograph Gerald Zoerner auf Facebook.

Morgen also in Moskau Siegesfeiern. Solche Paraden sind immer auch ein Machtinstrument. Putins Inszenierungen auf dem Roten Platz haben nichts oder nur wenig mit jenem 8./9. Mai, dem Tag der deutschen Kapitulation zu tun, viel aber mit Putins Großmachtphantasien, wenn da militärische Stärke fürs Volk und für die Kameras und damit auch für den Westen speziell inszeniert wird. Keineswegs aber ist dies Putins Tag. Es ist der Sieg der Sowjetunion und ihrer vielen Völker über Nazi-Deutschland, nicht aber allein der Sieg Rußlands. Dessen sollten auch die Deutschen gedenken. Und es ist auch ein Sieg der westlichen Alliierten der freien Welt, allen voran der USA, die 1941 mit Flugzeugen, mit Panzern, Jeeps, Munition, Waffen und Treibstoff im Rahmen des Lend and Lease Acts die Sowjetunion unterstützten. Ansonsten wäre Hitler nämlich 1942 in Moskau einmarschiert. Und so kam es, daß bei der Begegnung von Sowjets und Amerikanern 1945 in Torgau an der Elbe die GIs auf ihre eigenen Jeeps stießen. Zu gedenken heute und morgen, im stillem Gedenken in Berlin, ist des Siegs der Sowjetunion über das Deutsche Reich, es ist an diesen 77. Jahrestag zu erinnern an die vielen Menschen, die starben: den größten Blutzolll in diesem Krieg leisteten die Völker der Sowjetunion und insbesondere und in hoher Zahl die Ukrainer. Gestern brachte es die rbb-Abendschau im Blick auf eine junge ukrainische Frau bestens auf den Begriff:

„Oleksandra Bienerts Großeltern haben als Ukrainer in der Roten Armee gekämpft. Für Olekyandra war der Tag immer ein Tag der stillen aber lebendigen Erinnerung – in diesem Jahr hat er einen Beigeschmack bekommen. So stark, dass sie sagt: ‚Ich bin froh, dass mein Opi früher gestorben ist und nicht erlebt, dass russische Bomben auf unsere Städte fallen.'“

Wie fast jedes historische Datum ist jener „Tag der Befreiung“ , wie er genannt wird, jedoch ein vielschichtiges Datum: zum einen war es für die meisten Deutschen eben keine Befreiung, sondern eine empfindliche Niederlage und es dauerte in der BRD wie auch in der DDR lange, bis die Menschen begriffen, in welchem System sie gelebt hatten: die Ohren zugekleistert mit der NS-Propaganda. Die Leuten glaubten, was sie hörten und lasen – zumindest die meisten. Und wer heute in russische Medien schaut, wird verstehen, wieso das so war. Nicht anders ergeht es den Russen mit Putins Propaganda-Apparat – auch wenn Rußland nicht NS-Deutschland ist. Jede Diktatur hat ihre eigenen Formen von Totaliarismus und Brutalität. Vor allem aber war der Tag der Befreiung keine Befreiung für die Völker Osteuropas, sondern der Beginn eines neuen Jochs und neuer Unfreiheit.

Die Annexion eines souveränen Landes durch Stalin mußten im Zuge des Abkommens zwischen Hitler und Stalin bereits die baltischen Staaten und Teile Polens erleben, und zwar im Rahmen des „Geheimen Zusatzprotokoll des Nichtangriffsvertrags zwischen Deutschland und der UdSSR“ vom 23. August 19939. Auch aufgrund dieser für viele Linke traumatischen Erfahrung – von vielen freilich auch ignoriert, verdrängt, verleugnet – schrieb Walter Benjamin seine „Geschichtsphilosophischen Thesen“. Linker Fortschrittsoptimismus einer bessern Gesellschaft war zwischen Stalinismus und Faschismus aufgerieben. Über die Lage der arbeitenden Klasse forschte bereits Erich Fromm in „Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches: Eine sozialpsychologische Untersuchung“.

Und in diesem Sinne kommentierte Malte Lehming es im Tagesspiegel unter der Überschrift „Der 8. Mai brachte eine Befreiung von Hitler, aber nicht von Furcht und Terror“ wie folgt:

„Doch jenseits des Eisernen Vorhangs – in Osteuropa, dem Baltikum, der sowjetisch besetzten Zone – begann für Millionen Menschen eine andere, die kommunistische Diktatur. Befreiung von Hitler? Ja. Befreiung von Furcht, Terror und Unterdrückung? Nein.

Das ist lange Zeit verdrängt worden. Wer sich für ein gesamteuropäisches Gedenken einsetzte, das die Opfer der Sowjet-Herrschaft umfasste, dem wurde vorgeworfen, die nationalsozialistischen Verbrechen zu relativieren.

Es ist kein Zufall, dass die Realisierung des vom Bundestag beschlossenen Mahnmals für die Opfer des Kommunismus nicht vorankommt. Und eher verschämt wird an den 23. August 1939 erinnert, an dem sich Hitler und Stalin auf die Aufteilung Polens und des Baltikums verständigten.

Russlands Krieg gegen die Ukraine hat das Hineinholen der osteuropäischen Leidenserfahrungen in ein gesamteuropäisches Gedenken beschleunigt. Das Verständnis dafür wächst, dass die Ängste von Polen und Balten vor russischem Hegemonialstreben nicht übertrieben, sondern gut begründet sind. Das gilt auch für Finnen, die nun, gemeinsam mit Schweden, der Nato beitreten wollen. „Erfahrung macht klug“, sagt der Volksmund“

Und auch das Online-Portal dekoder wies bereits 2020 in einem Text von Iwan Dawydow auf erhebliche Mängel im offiziellen sowjetischen und russischen Gedenken hin:

„Das Schicksal der sogenannten ‚Ostarbeiter‘ ist auch in Russland kaum bekannt. Rund drei Millionen sowjetische Zivilisten waren während des Zweiten Weltkriegs als sogenannte ‚Ostarbeiter‘ zur Zwangsarbeit im Deutschen Reich eingesetzt. Darunter auch viele Frauen und Jugendliche. Nach dem Krieg stellte die Sowjetregierung sie unter pauschalen Verratsverdacht, einige kamen in Lager nach Sibirien. Ihr Schicksal blieb auch nach ihrer Rückkehr ein Stigma und Tabu. Trotz langsamer Aufarbeitung – vor allem durch die Menschenrechtsorganisation Memorial – wissen heute oft nicht mal die Enkel und Urenkel davon, schreibt Iwan Dawydow in seinem Text auf Republic. Dabei braucht Russland diese Erinnerung, meint Dawydow, um vom verlogenen Kitsch im offiziellen Kriegsgedenken wegzukommen.“

Der Große Vaterländische Krieg hat viele Facetten. Die Sowjetunion war Opfer und Täter in einem. Und auch heute begeht Rußland an jenem Tag der Befreiung vermutlich wieder Kriegsverbrechen. Zerbombte Städte, ermordete Kinder, vergewaltigte Frauen, nach Rußland verschleppte Menschen. Nein, dieser russische Angriffskrieg und die damit verbundenen Kriegsverbrechen sind nicht mit denen der USA vergleichbar: Irak 2003 und Vietnam sind andere Situationen gewesen. Und anders als in Rußland können diese Eskalationen und die damit teils auch verbundenen Kriegsverbrechen in den USA und im freien Europa eben auch zum Thema gemacht werden. Anders als in Rußland. Der Vietnamkrieg wurde auch an der Heimatfront verloren, weil ein Großteil der Menschen nicht mehr bereit war, diesen Krieg mitzutragen. Rußland führt einen Angriffskrieg, bei dem tausende Menschen ungekommen, sind, wo Kinder, Frauen und Männer ermordet wurden, teils gefesselt und auf offener Straße erschossen. Und auch das ist ein Unterschied zum Irakkrieg: nämlich der zwischen: „vereinzelte Kriegsverbrechen“ und „Kriegsverbrechen als Teil der Kriegsführung“, so wie Rußland dies betreibt. Grosny, Aleppo und Mariupol stehen für eine neue Form von Abscheulichkeit in einem sowieso schon abscheulichen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Der heutige Tag der deutschen Kapitulation, der Tag der Niederlage, der Tag der Befreiung – für Rußland ist es ein Tag der Schande oder frei nach Brecht:

O Rußland, bleiche Mutter!
Wie sitzest du besudelt
Unter den Völkern.
Unter den Befleckten
Fällst du auf.

Offener Brief – zum Unterschreiben

Es titelt die ZEIT dazu: „Intellektuelle um den Publizisten Ralf Fücks plädieren für die kontinuierliche Lieferung von Waffen an die Ukraine – nachdem eine Gruppe um Alice Schwarzer davor gewarnt hatte.“ Zu diesem schlimmen und intellektuell törichten Offenen Brief jener Intellektuellen um Alice Schwarzer schrieb aus Kiew Yevgenia Belorusets: „Diese Leute verurteilen uns zum Verschwinden“. Und genau das ist es, genau das wird passieren, wenn Rußland in diesem Krieg gewinnt: es gibt keine Ukraine mehr. Was in den Gebieten geschieht, die von den Russen besetzt sind, sieht die freie Welt gerate mit Entsetzen: Exekutionen von Zivilisten, Vergewaltigungen und Verschleppungen, Proteste werden gewaltsam unterdrückt.

Ich rate jedem, diesen Brief von Ralf Fücks, Marielouise Beck, Maxim Biller, Herta Müller zu unterschreiben. Es muß alles unternommen werden, um die Ukraine vor dem brutalen Zugriff Rußlands zu retten. Und das geht nur, indem die Ukraine mit Waffen unterstützt wird. Verhandlungsfrieden bedeutet: da muß jemand sein, der verhandelt. Wer wie Putin beim Besuch des UN-Generalsekretärs in Moskau während dessen Anwesenheit in Moskau zur Begrüßung erstmal Kiew beschießt, und wer Kiew dann auch noch beschießt, als der UN-Generalsekretär António Guterres in Kiew weilt, der ist an einer UN-Lösung kaum interessiert. Diesen Brief haben zahlreiche Autoren, Wissenschaftler und Journalisten unterschreiben, unter anderem Deniz Yücel, Daniel Kehlmann, Gerd Koenen, Karl Schlögel, Eva Menasse, Wladimir Kaminer, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Und es stehen in einem solchen Brief so derart unterschiedliche Personen wie Stephan Anpalagan und Mathias Döpfner auf einer Liste – beide schätze ich ganz und gar nicht, aber es zeigt eben auch die Bandbreite. [Am Ende des Briefes findet sich der Link zur Unteschriftenliste.]

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,

auf der Maikundgebung in Düsseldorf haben Sie gegen Pfiffe und Protestrufe Ihren Willen bekräftigt, die Ukraine auch mit Waffenlieferungen zu unterstützen, damit sie sich erfolgreich verteidigen kann. Wir möchten Ihnen auf diesem Weg Beifall für diese klaren Worte zollen und Sie ermutigen, die Entschließung des Bundestags für Waffenlieferungen an die Ukraine rasch in die Tat umzusetzen.

Angesichts der Konzentration russischer Truppen im Osten und Süden der Ukraine, der fortgesetzten Bombardierung der Zivilbevölkerung, der systematischen Zerstörung der Infrastruktur, der humanitären Notlage mit mehr als zehn Millionen Flüchtlingen und der wirtschaftlichen Zerrüttung der Ukraine infolge des Krieges zählt jeder Tag. Es bedarf keiner besonderen Militärexpertise, um zu erkennen, dass der Unterschied zwischen „defensiven“ und „offensiven“ Rüstungsgütern keine Frage des Materials ist: In den Händen der Angegriffenen sind auch Panzer und Haubitzen Defensivwaffen, weil sie der Selbstverteidigung dienen.

Wer einen Verhandlungsfrieden will, der nicht auf die Unterwerfung der Ukraine unter die russischen Forderungen hinausläuft, muss ihre Verteidigungsfähigkeit stärken und die Kriegsfähigkeit Russlands maximal schwächen. Das erfordert die kontinuierliche Lieferung von Waffen und Munition, um die militärischen Kräfteverhältnisse zugunsten der Ukraine zu wenden. Und es erfordert die Ausweitung ökonomischer Sanktionen auf den russischen Energiesektor als finanzielle Lebensader des Putin-Regimes.

Es liegt im Interesse Deutschlands, einen Erfolg des russischen Angriffskriegs zu verhindern. Wer die europäische Friedensordnung angreift, das Völkerrecht mit Füßen tritt und massive Kriegsverbrechen begeht, darf nicht als Sieger vom Feld gehen. Putins erklärtes Ziel war und ist die Vernichtung der nationalen Eigenständigkeit der Ukraine. Im ersten Anlauf ist dieser Versuch aufgrund des entschlossenen Widerstands und der Opferbereitschaft der ukrainischen Gesellschaft gescheitert. Auch das jetzt ausgerufene Ziel eines erweiterten russischen Machtbereichs von Charkiw bis Odessa kann nicht hingenommen werden.

Die gewaltsame Verschiebung von Grenzen legt die Axt an die europäische Friedensordnung, an deren Grundlegung Ihre Partei großen Anteil hatte. Sie beruht auf Gewaltverzicht, der gleichen Souveränität aller Staaten und der Anerkennung der Menschenrechte als Grundlage für friedliche Koexistenz und Zusammenarbeit in Europa. Es widerspricht deshalb nicht der Ostpolitik Willy Brandts, die Ukraine heute auch mit Waffen zu unterstützen, um diese Prinzipien zu verteidigen.

Russlands Angriff auf die Ukraine ist zugleich ein Angriff auf die europäische Sicherheit. Die Forderungen des Kremls für eine Neuordnung Europas, die im Vorfeld der Invasion formuliert wurden, sprechen eine klare Sprache. Wenn Putins bewaffneter Revisionismus in der Ukraine Erfolg hat, wächst die Gefahr, dass der nächste Krieg auf dem Territorium der Nato stattfindet. Und wenn eine Atommacht damit durchkommt, ein Land anzugreifen, das seine Atomwaffen gegen internationale Sicherheitsgarantien abgegeben hat, ist das ein schwerer Schlag gegen die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen.

Was die russische Führung fürchtet, ist nicht die fiktive Bedrohung durch die Nato. Vielmehr fürchtet sie den demokratischen Aufbruch in ihrer Nachbarschaft. Deshalb der Schulterschluss mit Lukaschenko, deshalb der wütende Versuch, den Weg der Ukraine Richtung Demokratie und Europa mit aller Gewalt zu unterbinden. Kein anderes Land musste einen höheren Preis bezahlen, um Teil des demokratischen Europas werden zu können. Die Ukraine verdient deshalb eine verbindliche Beitrittsperspektive zur Europäischen Union.

Die Drohung mit dem Atomkrieg ist Teil der psychologischen Kriegführung Russlands. Dennoch nehmen wir sie nicht auf die leichte Schulter. Jeder Krieg birgt das Risiko einer Eskalation zum Äußersten. Die Gefahr eines Nuklearkrieges ist aber nicht durch Konzessionen an den Kreml zu bannen, die ihn zu weiteren militärischen Abenteuern ermutigen. Würde der Westen von der Lieferung konventioneller Waffen an die Ukraine zurückscheuen und sich damit den russischen Drohungen beugen, würde das den Kreml zu weiteren Aggressionen ermutigen. Der Gefahr einer atomaren Eskalation muss durch glaubwürdige Abschreckung begegnet werden. Das erfordert Entschlossenheit und Geschlossenheit Europas und des Westens statt deutscher Sonderwege.

Es gibt gute Gründe, eine direkte militärische Konfrontation mit Russland zu vermeiden. Das kann und darf aber nicht bedeuten, dass die Verteidigung der Unabhängigkeit und Freiheit der Ukraine nicht unsere Sache sei. Sie ist auch ein Prüfstein, wie ernst es uns mit dem deutschen „Nie wieder“ ist. Die deutsche Geschichte gebietet alle Anstrengungen, erneute Vertreibungs- und Vernichtungskriege zu verhindern. Das gilt erst recht gegenüber einem Land, in dem Wehrmacht und SS mit aller Brutalität gewütet haben.

Heute kämpft die Ukraine auch für unsere Sicherheit und die Grundwerte des freien Europas. Deshalb dürfen wir, darf Europa die Ukraine nicht fallen lassen.

Wer diesen offenen Brief unterzeichnen möchte, kann das via change.org tun: http://www.change.org/KanzlerfuerUkraine

Selige Sehnsucht und Weltkörper. Zu Novalisʼ 250. Geburtstag

„Wenn man aber bisher noch nicht philosophirt hätte? sondern nur
zu philosophieren versucht hätte? – so wäre die bisherige Gesch[ichte] d[er]
Philosophie nichts weniger, als dies sondern nichts weiter, als eine Geschichte
der Entdeckungsversuche des Philosophirens.“
(Novalis, Hemsterhuis- und Kant-Studien)

„Nämlich zu Haus ist der Geist
Nicht im Anfang, nicht an der Quell. Ihn zehret die Heimat“
(Hölderlin, Brod und Wein)

Er ist einer der liebsten Denker mir: ein düsterer freilich, was die Aussichten anbelangt, und ein heiterer zugleich, ein intellektueller Erdinnengänger, wenn wir an seinen Bildungsroman „Heinrich von Ofterdingen“ denken, und ein luftreicher Überschäumer, wenn er in seinen Fragmenten die Philosophie denkt, sprudelnd im Geist: jener Gelehrte und Bergbau-Meister, Salinenassessor und Dichterdenker Georg Philipp Friedrich von Hardenberg. Und deshalb soll gerade in diesen Zeiten jenem Manne gedacht werden, der nicht nur Dichter, sondern zugleich Philosoph war. Symphilosophie, wie sie auch seine Freunde die Gebrüder Schlegel und Tieck andachten, damals 1797 in Jena, gemeinsames Denken, gemeinsames Leben, gemeinsames Wandern und eine unerhörte Philosophie, wie es sie bisher nicht gab:

„Ächtes Gesammtphilosophiren ist also ein gemeinschaftlicher Zug nach einer geliebten Welt – bey welchem man sich wechselseitig im vordersten Posten ablößt, auf dem die meiste Anstrengung gegen das antagonistische Element, worinn man fliegt, vonnöten ist. Man folgt der Sonne, und reißt sich von der Stelle los, die nach Gesetzen der Umschwingung unseres Weltkörpers auf eine Zeitlang in kalte Nacht und Nebel gehüllt wird. / Sterben ist ein ächtphilosphischer Act/ v[on] mir.“ (Novalis, Hemsterhuis- und Kant-Studien)

Dichten und Denken im Fragment, vielleicht auch, frei nach Heine, einer der ersten Posten im Freiheitskampf der Menschheit, und zugleich im Hinauswurf ins All und zu den Sternen, aber nicht immer zum Licht, fast ein wenig Major Tom und einsam in Gemeinschaft im kalten Weltenraum. Aufkommender Nihilismus, wofür Nietzsche rund 90 Jahre später jene Redewendung vom „unheimlichsten aller Gäste“ prägte. Ansatz und Abdrift und um diese kalte Nacht und den Nebel zu ertragen, braucht es einen Gemeinsinn: aber einen anderen sensus communis als Kant ihn sich andachte und weniger im Modell einer herkömmlichen Kommunikation, sondern als Gemeinschaft freier Geister. Darin liegt das Moderne von Novalis. Aber noch ist das All und sind die bestirnten Himmel freundlich gesonnen:

„Das Weltall zerfällt in unendliche, immer von größeren Welten wieder befaßten Welten. Alle Sinne sind am Ende Ein Sinn. Ein Sinn führt wie Eine Welt allmälich zu allen Welten.“ (Novalis, Heinrich von Ofterdingen)

Hen kai pan und all die Bilder für Naturphilosophie, die doch immer auch den Mensch meinen muß. Aus dem Zerfall dennoch das Gemeinsame zu denken, in Erdenstaub und Wanderschaft, in Träumen und Fabelwelten, wie in jenem Novalisschen Bildungsroman, der eine Antwort und zugleich eine Kritik des „Wilhelm Meister“ sein sollte – jenem Ereignis, wie Friedrich Schlegel es in seinen Athenäums-Fragmenten formulierte, das zusammen mit Fichtes Wissenschaftslehre von 1794/95 und der Französischen Revolution dafür stand, die größten Tendenzen des Zeitalters auszumachen.

Und es gab zugleich einen anderen Nexus, der unter der Oberfläche wirkte: Novalis und Hölderlin. Obwohl sie einander nie begegneten und einander nicht kannten oder gar Briefe wechselten, korrespondierte da ein Denken: Wie auch beim zwei Jahre zuvor geborenen Friedrich Hölderlin existiert in den Gewittern des ausgehenden 18. Jahrhunderts – jene Französische Revolution, der Spinoza-Streit und Goethes „Werther“ wie auch seiner „Lehrjahre“– ebenso bei Novalis eine Form des Denkens und Schreibens, wo sich nicht einfach mehr die strikte Scheidung zwischen Literatur hie und Philosophie da aufrechterhalten ließ. Wobei im Unterschied zu Hölderlin die Textproduktion zu den Fragen der Philosophie bei Novalis erheblich umfangreicher ausfällt: Logologische Fragmente, Fichte-Studien, Hemsterhuis- und Kant-Studien, das Allgemeine Brouillon und Blüthenstaub sowie „Dialogen und Monolog“, viele hundert Seiten und wie sich die Gedanken des Anfang 20-Jährigen in philosphischen Fragmenten, Sentenzen und Skizzen ausbreiten und sich ausprobieren, während bei Hölderlin noch viel stärker als bei Novalis sich jenes Durchdringen von Sprache, Sein, Denken und Welt in seiner Dichtung selbst findet. Etwas zu sagen, was sich mit den Mitteln normaler Sprache und mit den Mitteln diskursiver Philosophie und in ein System gebracht nicht in dieser Weise sagen läßt.

Für dieses neue Denken, diese andere Dichten, diese erweiterte Philosophie bürgerte sich, um solch Neues in einen Begriff zu fassen, die Rede von der Frühromantik ein: bei Schlegel hießt solcher Überschuß Universal- oder Transzendentalpoesie: „Die Poesie die Potenz der Philosophie, die Philosophie die Potenz der Poesie“ (Fr. Schlegel). Ähnlich hätte es auch Novalis schreiben können. Symphilosophieren. Hölderlin wird man im strengen Sinne nicht zu den Frühromantikern zählen können. Doch die Kritik des Systemdenkens einte beide Autoren. Anders als deren Zeitgenossen Hegel und Schelling (zumindest der von „System des transzendentalen Idealismus“) brachten weder Novalis noch Hölderlin Systeme des Denkens hervor, sondern sie unterminierten solches System mit Fragmenten und in einer beständigen Umschrift ihrer Dichtung. Beide Philosophen-Dichter gehören einer Alterskohorte an. Und beiden Dichterphilosophen kam das selbständige Leben um 1801 bzw. 1802 abhanden: dem einen durch Tod, dem anderen durch einen Wahnsinn. Beide zog es in jene Ferne, die wir heute die Südsee nennen:

Nein! Freunde kommt, laßt uns entfliehen
Den Fesseln, die Europa beut,
Zu Unverdorbnen nach Taiti ziehen
Zu ihrer Redlichkeit.

Und laßt uns da das Volk belehren
Wie Orpheus einstens tat;
Das Saitenspiel soll ihrer Wildheit wehren
Errichten einen Staat,

Wo nur Natur den Szepter führet,
Durch weise Künste unterstützt,
Und jeder in dem Stand, der ihm gebühret,
Dem Vaterlande nützt.
(Novalis, An meine Freunde, Gedichte / Die Lehrlinge zu Sais)

Und Hölderlin in seinem berühmten Dezemberbrief von 1801, kurz vor seiner Reise nach Bordeaux als Hauslehrer, an seinen Freund, den Dichter Casimir Ulrich Boehlendorff:

„Ich habe lange nicht geweint. Aber es hat mich bittre Thränen gekostet, da ich mich entschloß, mein Vaterland noch jezt zu verlassen, vielleicht auf immer. Denn was hab‘ ich lieberes auf der Welt? Aber sie können mich nicht brauchen. Deutsch will und muß ich übrigens bleiben, und wenn mich die Herzens- und die Nahrungsnoth nach Otaheiti triebe.“

Wir hören noch hier den Hyperion-Ton. Einer der letzten Briefe Hölderlins vor seiner Abreise. Der „freie Gebrauch des Eigenen“ (Hölderlin), der freie Gebrauch des Nationalen verband beide. Während Hölderlin in schwäbischer Landschaft jenen Atlas griechischer Orte fand und das Deutsche im antiken Griechenland, träumte Novalis einen ästhetischen Staat, in dem die Natur regiert, unterstützt durch die Kunst und damit in einer schönen Utopie vereint, wie er sie auch in „Glauben und Liebe oder Der König und die Königin“ in einer Eloge an das 1798 frisch gekrönte preußische Königspaar Friedrich Wilhelm III. und Luise von Mecklenburg-Strelitz niederschrieb. Gut aufgenommen wurde diese Schrift nicht: die Geburt der Politik aus dem ästhetischen Geist war des Preußens Sache nicht. Die schönen Künste sollten zieren, aber nicht regieren. Was Novalis entwarf und sich erschrieb, war ein Staat, der freilich anders als der Schillers nicht durch die Schönheit ins Reich der Freiheit gelangte, sondern mittel freier Natur, durch den Glauben und die Phantasie des Dichters geschaffen wurde; in gewissem Sinne auch ein Kolonie-Projekt wie in jenem Novalis-Gedicht geschildert, („Kolonie liebt, und tapfer Vergessen der Geist“, so Hölderlin in „Brod und Wein“); und im Gesang des Orpheus, mit neuen Anfangsbedingungen einer anderen Kolonie, versuchte jener Novalis, der Mühle und der Maschine zu entkommen:

„Im Glauben suchte man den Grund der allgemeinen Stockung, und durch das durchdringende Wissen hoffte man sie zu heben. Ueberall litt der heilige Sinn unter den mannichfachen Verfolgungen seiner bisherigen Art, seiner zeitigen Personalität. Das Resultat der modernen Denkungsart nannte man Philosophie und rechnete alles dazu was dem Alten entgegen war, vorzüglich also jeden Einfall gegen die Religion. Der anfängliche Personalhaß gegen den katholischen Glauben ging allmählig in Haß gegen die Bibel, gegen den christlichen Glauben und endlich gar gegen die Religion über. Noch mehr – der Religions-Haß, dehnte sich sehr natürlich und folgerecht auf alle Gegenstände des Enthusiasmus aus, verketzerte Fantasie und Gefühl, Sittlichkeit und Kunstliebe, Zukunft und Vorzeit, setzte den Menschen in der Reihe der Naturwesen mit Noth oben an, und machte die unendliche schöpferische Musik des Weltalls zum einförmigen Klappern einer ungeheuren Mühle, die vom Strom des Zufalls getrieben und auf ihm schwimmend, eine Mühle an sich, ohne Baumeister und Müller und eigentlich ein ächtes Perpetuum mobile, eine sich selbst mahlende Mühle sey. Ein Enthusiasmus ward großmüthig dem armen Menschengeschlechte übrig gelassen und als Prüfstein der höchsten Bildung jedem Actionair derselben unentbehrlich gemacht. – Der Enthusiasmus für diese herrliche, großartige Philosophie und insbesondere für ihre Priester und ihre Mystagogen. Frankreich war so glücklich der Schooß und der Sitz dieses neuen Glaubens zu werden, der aus lauter Wissen zusammen geklebt war.“ (Novalis, Die Christenheit oder Europa)

Was hier zunächst und aus heutigem Blick wie Katholizismus und Frömmelei sich ausnehmen mag und auch als eine (vermeintlich reaktionäre) Kritik der Französischen Revolution, dürfte die Kirchenoberen dennoch wenig erfreut haben, da sich dieser Glaube ans Wunderbare gerade nicht aus einem Papsttum speiste, sondern aus der Freiheit des Denkens und als Revolution gegen jegliches Maschinelle und damit gegen die verdinglichte Welt auch der offiziellen Kirche. Novalis war eben kein Konvertit, sondern Kritiker des Systems: Die schöpferische Vielfalt der Sphärenklänge („Die Sonne tönt nach alter Weise/ In Brudersphären Wettgesang,/ Und ihre vorgeschriebne Reise/ Vollendet sie mit Donnergang“, so dichtete Goethe zum Himmels-Prolog des „Faust“) regredierte in der aufkeimenden Moderne der Sattelzeit ins Klappern: Wenn nur noch Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller Kreaturen, dann verstumpft der Klang des Lebens.

Allein dieses Bild einer sich selbst mahlenden Mühle wiegt alles auf, was in diesem Text auch und zunächst bedenklich erscheinen mag. Novalis schreibt Verdinglichungskritik aus dem Geist der Dichtung und einer ahnenden Phantasie: nicht in der kalten Präzision eines Marx zwar, wie dieser es vierzig Jahre später in den Frühschriften faßte, aber doch in der Lebendigkeit von dessen Denken. Die Maschinenmetapher steht im Kontext der Aufklärungskritik, und zwar als Aufklärung über den Menschen und sein Verhältnis zur Natur. Dialektik der Aufklärung ante portas, Aufklärung über uns selbst gleichsam, aber zu jenen Zeiten der Jahrhundertwende noch als Überschwang und im Gang der Phantasie. Schönheit des Glaubens, um zum Reich der Freiheit zu gelangen.

Man mag diesen Aspekt der Religion bei Novalis verspotten, zumindest beim naiven Betrachter, aber wenn wir bedenken, daß auch in Hegels Diktion in den Religionen die Völker ihre höchsten und besten Weisen der Vorstellung niederlegten, so mag dieses Religiöse als Moment und Konstitutivum von Sittlichkeit, Gemeinschaft und Gesellschaft doch weniger lachhaft erscheinen als es uns heute ist. Uns fehlt diese religiöse Musikalität, die zugleich auch eine Sache der Kunst ist, ohne daß es in Kunstreligion driftet, sondern wo Kunst und Religion eine Angelegenheit nicht nur des objektiven und absoluten, sondern auch des subjektiven Geistes sind:

„Wenn mich nicht körperliche Unruhe verwirrt, welches doch nicht häufig geschieht, so ist mein Gemüth hell und still. Religion ist der große Orient in uns, der selten getrübt wird. Ohne sie wäre ich unglücklich. So vereinigt sich Alles in Einen großen, friedlichen Gedanken, in Einen stillen, ewigen Glauben.“ (Novalis, Brief an Kreisamtsmann Just, November 1800)

Hen kai pan, zumindest hier, im Gemüt, im Krisenfall des Grübelns und der körperlichen Versehrtheit. Und in der Dichtung allemal.

„Wo gehn wir denn hin? Immer nach Hause.“ (Novalis, Heinrich von Ofterdingen)

Das mag wohl sein, denn das Ende unseres Lebensweges ist die Erde, das Wasser, die Luft oder das Feuer: eines der Urstoffe und Elemente. Dieses Denken eines Wurzelhaften, einer Herkunft als Verflechtung ist dialektisch wie auch die Dichtung Hölderlins.

Die schönsten Verse der Menschen
– nun finden Sie schon einen Reim! –
sind die Hardenbergenschen.

Und so möchte ich, frei nach Rühmkorfs „Lied“ mit einem der schönsten Zeilen der Lyrik des ausgehenden 18. Jahrhunderts enden, weil darin Liebe, Philosophie, Sinnlichkeit, Welt und ein Überborden des Denkens ihre Stätte haben:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit werden gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Aufhebung der Entfremdung im Akt des Dichtens, des Singens und des Liebens. Doch diese Möglichkeiten sind uns im 20. und im 21. Jahrhundert nur noch bedingt gegeben. Kunst kennt Grenzen. Novalis gemahnt an eine Welt, die verschüttet ist. Sein Ton mag nach Unmittelbarkeit klingen. Anders aber als Hermann Hesse und Konsorten Beatnick geschieht dieser Schwung nicht im Kitsch, sondern in einer Emphase, die für uns Heutige kaum noch verständlich und auch kaum noch durchführbar ist. Es sei denn, wir gingen anders.

(Novalis-Ausgabe aus dem Aufbau-Verlag, DDR-Zeit)

Heraus zum 1. Mai! Oder: Der offene Brief

Ihr Offene-Brief-Schreiber, die ihr nicht in Eurer Bequemlichkeit gestört werden wollt und die ihr euch die Ohren zuhaltet, wenn die Namen Mariupol und Butscha erklingen: Übergebt Eure Briefe Putin! Dort sind sie an der richtigen Stelle, wenn ihr einen Frieden ohne Waffen wollt, und nicht bei jenen, die der Ukraine ermöglichen, sich überhaupt erst gegen einen solchen Aggressor Rußland zu verteidigen, damit Butscha nicht irgendwann auch in Lwiw, Odessa, Tallinn, Riga und Warschau sich abspielt. Dieser Offene Brief gleicht einer intellektuellen Kapitulation, er ist eine denkerische Armutserklärung und ein trauriges Zeugnis dafür, was es mit deutschen Intellektuellen auf sich hat. Verständnis ist aufzubringen, für die Angst und die Nöte von Menschen in Deutschland, für ihre Sorge, daß es zu einem Krieg kommen kann. Kein Verständnis ist aufzubringen für eine naive Täter-Opfer-Umkehr, indem das Recht des Angegriffenen auf Verteidigung als Ausdruck der Aggression und vor allem der Eskalation gesehen wird. Es erinnert an jene Lehrer, die das Opfer des Schulhofschlägers am Ende dafür beschuldigen, daß es sich körperlich gewehrt hat oder daß das Opfer den Schläger beim Lehrer gemeldet habe, mit des Lehrers Hinweis „Petzen ist aber nicht schön!“

Kein Verständnis ist ebenfalls aufzubringen für jene, die intellektuell und das heißt mit den Mitteln des Denkens es nicht realiseren können, daß eine Kapitulation vor einem solchen Aggressor wie Rußland einen viel höheren Preis bedeutet, als weiterzukämpfen: der Preis ist hier nämlich die Freiheit und die Möglichkeit in Würde und unangetastet weiterleben zu können. Dies ist unter der Besatzung durch Rußland kaum vorstellbar.

In trauriger Weise faßt es Yevgenia Belorusets in ihrer Antwort auf diesen Offenen Brief zusammen:

„In meiner Wohnung in Kiew stehen die Bücher von Alexander Kluge, der zu meinen Lieblingsautoren gehört, und der mit seiner Unterschrift unter diesen Brief mich, meine Eltern, meine Wohnung mit seinen Büchern, gewissermaßen zum Verschwinden verurteilt.“

Implizit machen sich die Unterzeichner dieses Briefes zum Sprachrohr Putins, wie die Kölnische Rundschau drastisch, aber nicht ganz unzutreffend titelte: Sie wissen es nicht, aber sie tun es. Und so heißt es in der Rundschau:

„Haben die Autoren vom Massaker von Butscha gehört und von den Deportationen, die Russland offen einräumt? Wie können sie dann mit dem Schutz der ukrainischen Zivilbevölkerung argumentieren und so tun, als entscheide deren Regierung über – so wörtlich – „,Kosten an Menschenleben“? Eine unglaubliche Verdrehung: Es ist es doch allein die ukrainische Armee, die Zivilisten vor russischen Kriegsverbrechen schützt.

Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Der Angriff auf Kiew zu einem Zeitpunkt, zu dem der UN-Generalsekretär in der Stadt war, zeigt, dass Russland derzeit gar nicht verhandeln will. Es geht vielmehr um Einschüchterung. Die Briefautoren machen sich zu Wirkverstärkern russischer Weltkriegs- und Atombomben-Propaganda – bis hin zur Wortwahl: Sie warnen vor einem „Gegenschlag“, als ob irgendjemand bei der Nato an einen Erstschlag dächte.

Ja, der Dritte Weltkrieg muss vermieden werden und ist vermeidbar: durch glaubwürdige Abschreckung – nicht durch Einknicken, das nur die nächste Zündelei begünstigen würde.“

Wer sich gegen einen Angriffskrieg wehrt, hat alle Rechte der Welt sich zu verteidigen. Und wie ein Krieg weiter eskaliert: das liegt allein in den Händen Putins. Und ja: im allerschlimmsten und nicht zu hoffenden Falle muß das freie Europa auch damit leben, daß es in Europa einen Krieg gibt, der kein Regionalkrieg mehr ist, weil alle Mittel unseres Verhandelns versagt haben. Nicht die Ukraine, nicht das freie Europa ist es, die über den Krieg befindet, sondern es ist Rußland, das immer weiter und bis zum totalen Krieg hin eskaliert. Hinreichend oft und ohne Unterlaß hat die EU, haben die NATO und die USA betont, daß es nicht das Ziel ist, russisches Territorium anzugreifen.

Eine der Optionen, die im Augenblick zielführend ist und die der Ukraine bisher hilft – und das mit Erfolg und ohne daß dabei eine direkte Konfrontation mit Rußland gesucht werden muß – ist die Ausrüstung (nicht Aufrüstung!) der Ukraine mit Waffen, und zwar mit all denen, die dort bedient und erfolgreich benutzt werden können. Und eine weitere Option ist, Rußland wirtschaftlich derart zu isolieren und damit zu schwächen, daß Putin sich gezwungen sieht, sich an den Verhandlungstisch zu begeben. Es Putin zunehmend schwer machen, diesen Krieg zu führen: militärisch, wie wirtschaftlich.

Und vielleicht liegt ein Teil der Hoffnung auch auf den russischen Müttern, die dann in der Tat, Herr Reinhard Mey, Ihren Song „Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht“ singen. Dort in Moskau, in St. Petersburg, in Wladwostok, in Perm, in Nischni Nowgorod, in Kasan, in Rostow: da ist dieses Lied sehr angebracht. Im Deutschland der 2020er Jahre nicht. Da nämlich ist es Feigheit, Naivität oder Dummheit oder ein Verbund von allen drei Sünden: von einem System zu profitieren, das man im Zweifelsfall nicht bereit ist, auch zu verteidigen – ein System übrigens, das anders als Rußland, sogar noch erlaubt, den Dienst an der Waffe zu verweigern. Es ist der Egoismus dieser Brief-Unterzeichner und vor allem deren Naivität schwer faßbar. Und auch Edgar Selge heute in einem Interview im „Tagesspiegel“ so:

„Büdde, büdde, liebe Ukraine, ich bin natürlich voll solidarisch mit euch, zwar nicht so, daß es auch Putin mitbekommt, denn das könnte ihn provozieren, aber büdde, büdde, belästigt mich nicht derart mit euren Problemen wie den schweren Waffen und was ihr sonst noch so wollt. Und Theater und Film im kalten zu spielen, ohne Heizgas: das ist auch nicht ohne, ihr ahnt gar nicht, was wir in Deutschland für Kämpfe auszustehen haben. Also büdde, büdde, liebe Ukraine: Verliert mal schön, damit hier wieder Ruhe einkehrt!“

Vor allem möchte ich einen konstruktiven Vorschlag dieser Leute hören, auf welche Weise einer wie Putin zu stoppen sei. Wie hören die russischen Angriffe, die russischen Kriegsverbrechen, das russische Foltern, das Vergewaltigen, das Verschleppen und das Ermorden von Zivilisten auf? Es ist ja nicht so, daß wir mit dem russischen Angriff irgendein abstraktes Problem aus einem Lehrbuch abhandeln, das sich in Gedankenspielen stellt, sondern mit dem Angriff Rußlands und den russischen Kriegsverbrechen, den Menschenverschleppungen, Folterungen und Vergewaltigungen geschehen schlimme Dinge, die realiter gelöst werden müssen und nicht am Schreibtisch und nicht in Petitionen. Warum reisen diese Leute nicht nach Moskau oder nach Mariupol und überreichen dort Putin oder dem zuständigen russischen Kommandanten ihren Brief, wenn es ihnen angeblich um den Frieden geht? Es sind ja kaum Scholz und die Bundesregierung, die immer weiter esaklieren und Kriegsverbrechen im Donbass und um Kiew herum begehen. Soviel auch an Putins 5. Kolonne hier die Nachblöckseiten und an die Schreibtischtäter Dirk Pohlmann, Tom Wellbrock und eine Reihe anderer Verschwörungsschwätzer, die ihren Salms, den sie für kritisches Bewußtsein halten, hier in Deutschland schreiben dürfen.

Wer Frieden von Putin will, muß das Putin sagen. Und wer keine anderen Vorschläge machen kann als „Wehrt euch nicht, wenn ihr angegriffen werden, sondern laßt euch verschleppen, ermorden und vergewaltigen“, der ist entweder ein verlogener Lump oder aber er soll sich, wenn er es ernst meint, in einer gemeinsamen Aktion von Prominenten nach Moskau begeben und dort für den Frieden demonstrieren.

Und auch gegen Habermas‘ Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ gesagt: das Problem ist nicht moralische Überhitzung – würden wir beim Zeiten Weltkrieg und bei den Debatten, ob die Briten den Polen helfen sollten, auch von solcher moralischen Überhitzung sprechen? Sicherlich nicht. Sondern das Problem ist ein zu langes Zaudern und Zögern. Die Gunst der Stunde nämlich zu nutzen und eine schwer dezimierte russische Armee in der Ukraine aus der Ukraine herauszudrängen. Habermas langen Artikel kann man auch mit einer dieser deutschen Redensarten zusammenfassen: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß!

Ansonsten bleibt, wenn wir schon beim Protest am 1. Mai sind, diese Photographe zu zeigen:

„Moskau, Roter Platz, 29. April 2022: Menschenrechtsaktivist Oleg Orlow und die ehemalige Mitarbeiterin von International Memorial, Irina Galkowa, werden auf dem Roten Platz festgenommen, weil sie für den Frieden in der Ukraine demonstrieren. Das ist der richtige Ort! #StandWithUkraine
(Ilko-Sascha Kowalczuk)

Genau so ist es: der einzige Ort, um am 1. Mai für Frieden zu demonstrieren, ist der Rote Platz oder in anderen russischen Städten. Denn von Rußland geht dieser Angriffskrieg und geht die Aggression aus. Es liegt an Rußland, seinen Angriff abzubrechen.

Putins Tote: Elisey aus Browary (13 Jahre)

„Das ist die Mütze des 13-jährigen Elisey aus Browary, Region Kyjiw, und sein T-Shirt, das der Junge über seiner Jacke trug, um seine friedlichen Absichten zu zeigen. Elisey wurde von der russischen Armee erschossen, als er, seine Mutter und sein dreijähriger Bruder versuchten, aus dem besetzten Dorf Peremoha im Distrikt Baryshivskyogo zu fliehen.“ (Ilko-Sascha Kowalczuk)

Der russische Machthaber in Moskau ist mit dem Blut der Tschetschenen, mit dem Blut der Syrer, mit dem Blut der Ukrainer besudelt. Sein Platz kann nicht mehr der Verhandlungstisch sein, sondern nur noch in Den Haag. Und wieder, um seinen Aggressionen Ausdruck zu verleihen, droht Rußland mit einem Atomkrieg. Diesmal in Gestalt von Putins Bluthund Lawrow: Es ist die immer gleiche Strategie der Verunsicherung: im Westen Angst und Schrecken zu erzeugen und mit den Mitteln des Schulhofschlägers die Menschen zu erpressen und in Geiselhaft zu nehmen. Christian Gruber kommentierte dies auf Facebook sehr treffend und gut:

„Ich bin wirklich verwundert, dass Lawrow damit durchkommt. Er droht mit einem Weltkrieg, wenn die Ukraine nicht in ruhe vernichtet werden darf und deutsche Medien scheinen mir das nur zu gerne aufzugreifen.
Verrückt.“

Hätte jemals die USA mit einem Atom- oder Weltkrieg gedroht: die Straßen wären gefüllt mit Demonstranten dieser sogenannten „Friedensbewegung“. Denn es ist ja die USA, das gute alte Feindbild: jener Muff aus alten Jahren. Bei Rußland aber schweigen sie. Kein Wort und kein Protest gegen den Russenkrieg vor der Russenbotschaft. Statt dessen werden windige Entschuldigungen für russische Kriegsverbrechen gefunden. Klar, man muß auch Hitler irgendwie verstehen: Haben nicht die Polen die Deutschen mit ihrer Rüstung und ihren frechen Reden gegen das Deutsche Reich auch irgendwie provoziert? Und dann dieses Bündnis der Polen mit Großbritanien: welch ungeheure Provokation des Deutschen Reiches! Das Deutsche Reich sah sich geradezu gezwungen, die Polen präventiv anzugreifen. Und dann erst die polnischen Antisemiten. Da muß man ja eingreifen. Ich würde hier inzwischen von der Horst-Mahlerisierung der Friedensbewegung sprechen wollen. Und wenn man es etwas erlesener will von ihrer Stefan-Scheilisierung.

Der Schoß ist fruchtbar noch: In Deutschland hat Putin willige Helfer, Vollstrecker und seine Propagandatruppen: Autoren wie Tom Wellbrock, Dirk Pohlmann, Wolfgang Bittner, Ulrich Heyden, Uli Gellermann, Albrecht Müller, Tobias Riegel sowie Ken Jebsen sind nicht nur Spießgesellen des Kreml, sondern für diese Leute haben wir den Begriff „Schreibtischtäter“. Wellbrock, Gellermann, Pohlmann müssen sich die Kriegsverbrechen der Russen indirekt zurechnen lassen. Und ebenso jene Portale, die wie Apolut und die Nach“Denk“Seiten Verschwörungsideologie verbreiten: Sie sind Gehilfen von Putins Mordsystem.

Den armen Jungen macht all dies leider nicht lebendig.