Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.

Krise der Kritik?– Kritik der Krise. Zu einer Debatte um Karen Köhlers „Miroloi“

Von Zeit zu Zeit flammen in der Literaturkritik Debatten um die Funktion oder um die Maßstäbe der Literaturkritik auf – meist verbleit das im inneren Resonanzraum des Betriebes, selten nur, wie im Falle Martin Walsers beim „Tod eines Kritikers“ oder Fassbinders „Die Der Müll, die Stadt und der Tod“ dringt es über die literarische Sphäre hinaus. Und von Zeit zu Zeit wird die Frage nach dem, was Literatur leisten kann, anhand eines konkreten Romans zum Thema: Ob das Knausgards autobiographisches Schreiben samt einer hemmungslosen Ich-Suada ist oder 1990 der Disput um Christa Wolfs „Was bleibt“ – der freilich mehr eine politische als eine literaturtheoretische Auseinandersetzung war. Nun brach es über Karen Köhlers neuem Roman „Miroloi“ herein – Verrisse im Deutschlandfunk von Jan Drees, in der taz von Moritz Baßler, in der „Zeit“ dieser Woche von Burkhard Müller. Inzwischen wurde der Roman für den Deutschen Buchpreis nominiert. Und da stellt sich umso mehr die Frage über die Qualität eines Buches und über die Maßstäbe der Literaturkritik, und es stand da plötzlich auch die Frage im Raum, weshalb ein solches Werk auf der Liste landet. All of old, nothing else ever.

Karen Köhlers Erzählungen „Wir haben Raketen geangelt“ aus dem Jahr 2014 fand ich belanglos bis schlimm: und so beendete ich meine Kritik mit dem Satz: „Wir haben uns durch die Prosa gehangelt.“ Den neuen Roman kenne ich nicht. Es geht mir in meinem Text hier mehr um die Mechanismen einer Literaturkritik, die allzu schnell mit Krisenszenarien bei der Hand ist und Grundsatzfragen aufmacht, die ihren Grund eigentlich gar nicht so sehr im Roman, sondern in völlig anderen Mechanismen haben. Solche Romane wie von Köhler sind da bloß eine Art Katalysator – so schlecht oder so gelungen sie auch sein mögen.

Unter der Überschrift „Neue Maßstäbe der Gegenwartsliteratur. Schönheit, Stil und Geschmack“ schreibt Moritz Baßler in der taz:

„Wenn das aber Literatur ist, und so sieht’s ja wohl aus, dann hat sich der Literaturbegriff in den letzten Jahren radikal gewandelt und wir brauchen neue Maßstäbe der Schönheit, des Stils und des Geschmacks. Sie müssten uns helfen zu klären, womit und in welcher Hinsicht ein Buch wie „Miroloi“ überhaupt zu vergleichen wäre und wie man dann entsprechend werten könnte.

Vielleicht sind diese Maßstäbe auch längst vorhanden oder werden zumindest ausgehandelt, aber eben in den Lese-Communities, in den Netzwerken der Leserinnen selbst und nicht bei den Expertinnen und Experten, die ihre Begriffe akademisch an dem geschult haben, was, wie Robert Musil einmal formulierte, „durch ungefähr hundertfünfzig Jahre als die Dichtung, als die Dichtung der großen und Urmaße gegolten hatte“.

Auf diese Kritik von Baßler reagierte im „Freitag“ Marlen Hobrack mit einem Artikel, der  „Kriterienkrise“ betitelt ist. Jedoch: Das ist alles kein neues Problem, der Befund scheint mir eher trivial. Alle ein, zwei oder drei Jahre schreibt einer eine Krise der Literaturkritik oder der Literatur herbei, die letzte große Debatte zu den Möglichkeiten und Grenzen der Literaturkritik war 2015, nachzulesen im „Perlentaucher“. Handke konstatierte in Princeton bei der Gruppe-47-Tagung 1966 Beschreibungsimpotenz, regelmäßig schimpft Biller über Schlappschwanzliteratur (den Ausdruck fürs weibliche Geschlecht und die Suche danach spare ich hier), auch ist die Causa Tarkis Würger etwa ein halbes Jahr alt, und wenn es keine Krise ist, dann wenigstens ein kleines Grummeln, womöglich ob eines Simon Strauß-Romans im Januar 2018, wo sich ein Taz-Redakteur als Anbräuner betätigte.

Die sogenannten Halbwertzeiten für Literaturkrisen sinken wie die Zinsen für Spareinlagen und scheinen sich auf einen Halbjahresrhythmus herabgebrochen zu haben. Ob ausgerechnet Köhlers Roman zu solchem Befund taugt, bezweifele ich – aber sei’s drum. Baßler hängt die Sache zu hoch. In diesem Aspekt hat Hobrack recht – in ihrer Verteidigung von Köhler weniger. Dem Hanser Verlag aber mag es gefallen, es ist wie bei Kreislers „Musikkritiker“: „Je schlechter, um so mehr freun sich die Leut.“

Ein Problem ist allerdings, wenn Literatur am Reißbrett geschrieben wird. Die Dialektik tagespolitischer Aktualität und des gesellschaftlichen Engagements: Autoren wollen ein aktuelles Thema aufgreifen, zugleich wissen manche, daß bei Verlagen und in Lektoraten gerne auch Bücher verkauft werden, daß es weniger gut gelitten ist, wenn sie als Remittenden zurückkehren und daß mit gefälligen Mitteln mehr Effekt erzielt wird als mit einer experimentellen und artifiziellen Literatur, die noch irgendwie versucht, die avancierten Standards und die Fragen ästhetischer Form mit zum Thema zu machen. Wie man jedoch auf eine Short- oder Longlist gelangt: Das läßt sich dann am Ende so einfach doch wieder nicht planen. Zu den Möglichkeiten solcher Bücher schrieb 2018 Jörg Magenau ein spannendes Sachbuch: „Bestseller. Bücher, die wir liebten – und was sie über uns verraten“.

Ob solches Reißbrettverfahren bei Köhlers Roman der Fall ist, weiß ich nicht und darum soll es hier auch nicht gehen. Sondern vielmehr um die Mechanismen, die hinter solchen Szenen stecken, wenn immer einmal wieder das Krisenszenario ausgerufen wird. Und da hilft es dann auch nicht, wie Hobrack vorschlägt, den Begriff der „Frauenliteratur“ zu „reclaimen“: Mißlungene Prosa bleibt mißlungene Prosa – egal unter welchem Label ich rubriziere und welches Etikett ich aufs Buch klebe. Ob ein Roman aber mißlungen ist, muß sich am Text selbst erweisen und da nützen keine Proklamationen pro oder contra Köhler, sondern man muß zeigen: Show, don’t tell. Der Schreibschulenrat für Autoren gilt ebenso für die Zunft der Kritik.

Wer zudem die Geschichte der Literaturkritik ein wenig kennt – was leider nicht mehr so selbstverständlich ist –, der wird sich noch an Debatten um die Pop-Literatur Ende der 1990er Jahre erinnern oder an Günter Grassens „Weites Feld“. Und vom Hörensagen vielleicht an Martin Walser oder Ingeborg Bachmanns „Malina“ oder an die Dispute um die literarische Qualität von Texten aus dem Resonanzraum der „neuen Subjektivität“ in den 1970ern. Man kann das immer wieder, von Jahr zu Jahr neu durchexerzieren. Der deutsche Kritiker, die deutsche Kritikerin ist soldatisch – sozusagen eine zeitungsmäßige Ein-Mann-oder-Frau-Kaserne.

Das Feld der Literatur ist ein weites und seine Grenzen haben sich seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts erheblich ausgedehnt. Ein irgendwie nur halbwegs verbindlicher Kanon an ästhetischen Kriterien jedoch existiert schon lange nicht mehr und hat in der Ästhetik für die Moderne eigentlich seit der „Querelle des Anciens et des Moderns“ nicht existiert, sondern vielmehr entzündeten sich an solchen Fragen nach der ästhetischen Norm die heftigsten Dispute, und Ende des 18. Jahrhunderts mündete dies, was die Literatur der Moderne betraf, in Schillers „Über naive und sentimentalische Dichtung“ und zeitgleich 1795 erschien Friedrich Schlegels „Über das Studium der griechischen Poesie“, das sich mit ganz ähnlichen Fragen befaßte: Was ist modern und wie stehen wir zur Tradition? Und jedes Mal meinen Kritiker, den Nordpol neu auszumachen. Dem ist aber nicht so, denn meist stoßen sie bloß auf eine uralte Frage. In der Literaturkritik geraten unterschiedliche Literatur-Konzepte, Stilempfindungen, vielfach auch bloß subjektive Präferenzen aneinander. Begründungen bleiben oft vage und sind ins nebulöse Orakel des Kritikers gehalten. Und leider macht auch Moritz Baßler seine Eindrücke, so gerne ich sie teilen würde, wenn ich an das schreckliche „Wir haben Raketen geangelt“ denke, nicht an Zitaten fest, sondern muß proklamieren: Das ist die eigentliche Schwachstelle seiner Kritik, Marlen Hobrack nennt sie leider nicht.

Freilich ist die Literaturkritik im Alltagsgeschäft der Zeitungen keine ästhetische Theorie, wo es ans Grundsätzliche geht und ästhetische Kategorien und Kriterien abwägend, reflexiv oder analytisch-ordnend geprüft werden. Und wenn der Raum dafür nicht gegeben ist, sollte sie auch nicht so tun, als sei es an ihr, die Grundsatzfragen zu stellen, ohne das im Detail einlösen zu können. In solcher grundsätzlicher Kritik nämlich geht es dann nicht mehr darum, ob Raymond Carvers Kurzsatzstil präzise-treffend, gefällig oder simpel ist oder ob ein aus der Kindersicht geschriebener Roman tatsächlich infantil sein muß. Marcel-Reich Ranicki merkte dazu einmal trefflich an, die hohe Kunst der Literatur bestehe eben darin, aus der Kinderperspektive heraus nicht kindlich zu schreiben. Und wenn die Kinderperspektive dann nur dazu dient, im Stil herabzudimmen, weil der Autor es in Sprache nicht besser kann, dann funktioniert ein Text nicht.

Literaturkritik sichtet, teils tagesaktuell, schaut, ob ein Plot klug erzählt ist, schaut auf Tricks, Ticks und Stil, belegt das Urteil, wenn es gut läuft, in der Rezension mit Zitaten, vergleicht mit anderen Texten. Auf dieser Ebene können Kritiker gar nicht einig sein, sofern sie es nur bei ihren Empfindungen belassen – und sie müssen es auch nicht, denn weshalb sollte Einigkeit per se ein Kriterium sein? In solcher Subjektivierung liegt das Problem, das eine von der Ästhetik her inspirierte Literaturkritik anzugehen und zu lösen versucht, indem sie zumindest die Stilkriterien in einen umfassenden Rahmen ordnet. „Wer, wie, was. Wieso weshalb warum?“ Die alte Sesamstraßenfrage, ästhetisch ins Grundsätzliche gewendet. Kluge Kritiker, wenn man ihnen den Raum an Zeichen gibt, und das geht meist nicht unter 12.000 oder besser noch 18.000 Zeichen, können eine solche Verortung vornehmen, die etwas mehr als nur ein subjektives Geschmacksurteil bedeutet. Dafür ist freilich heute in den Feuilletons kaum noch Raum. Man vergleich nur die „Zeit“-Literaturkritiken aus den 1980er und dann die aus den 2000er Jahren, was die Zeichenzahl betrifft. Und in diesem Sinne sind diese Fragen nach der Literaturkritik vielfach Scheindebatten oder laue Lüftchen in Blasen- oder Scheibenwelten.

Wir haben keine Krise der Literaturkritik, sondern eine der (ästhetischen) Begründungen, und weil das ein so grundsätzliches Problem ist, flammt es, selbst zu den nickeligsten Anlässen immer wieder einmal auf und tarnt sich als Krise – Adorno übrigens faßte das in seiner „Ästhetischen Theorie“ unter dem Terminus der nominalistischen Situation in der Kunst und versuchte doch, dieser Situation qua Reflexion irgendwie Herr zu werden.

Damit komme ich zu einem zweiten Aspekt. Denn solche Debatten, auch die manchmal hart geführten Dispute und solch unterschiedliches Einordnen und Werten von Büchern sind nämlich ein Teil des literarischen Diskurses und gehören damit zur literarischen Öffentlichkeit. Und in diesem Sinne lese ich solche immer einmal wieder aufflammenden Auseinandersetzungen nicht als Krise der Literaturkritik oder der Literatur und ihrer Kriterien – man erinnere sich auch noch an die 1987 als es um den Simmel-Roman „Doch mit den Clowns kamen die Tränen“ ging –, sondern als essentiellen Bestandteil des Mediums Literaturkritik – auch um immer wieder aufs neue  das Besteck zu schärfen, denn die Waffe der Kritik kann nicht die Kritik der Waffen ersetzen. Bei Simmel etwa stand klar die Frage nach E- und U-Literatur und auch die nach dem politischen Engagement von Literatur im Raum und wie man dieses Fragen des Politischen ästhetisch verpackt. Oder auch die Debatte zum Echolot von Kempowski: Ob das bloße Aufsammeln und Anordnen von geschichtlichem Material bereits Literatur sei.

Eine Krise der Kritik wie der Literatur hätten wir, wenn Literatur keinerlei Reaktion, keinen Disput mehr hervorbrächte, wenn wir Kritiker oder wir Leser die Bücher nähmen, läsen und wortlos beiseite packten.

Solches Hervorheben der Notwendigkeit des Streits ist übrigens kein Plädoyer für Relativismus oder eine herabgesunkene Form des De gustibus non est disputandum, sondern es geht einer guten Kritik ja gerade um das Ringen von Kriterien und teils auch um normative ästhetische Maßstäbe, die mal gut, mal weniger gut begründet sind und die im öffentlichen Raum immer wieder neu ausgehandelt werden. Sichtbar wird diese Frage nach einem normativen Rahmen in puncto Literatur an solchen Disputen wie dem Zürcher Literaturstreit zwischen Staiger und Frisch oder die doch sehr unterschiedlichen Auffassungen über die Literatur der Avantgarde bei Adorno und Georg Lukács oder aber 2015 im Streit ums autobiographische Schreiben eines Knausgard. All das ist keine Krise der Kritik, sondern zeigt, daß diese Kritik höchst lebendig ist und daß die Möglichkeiten oder eben Unmöglichkeiten von Literatur immer wieder neu ausgehandelt werden.

Gelingendes Philosophieren – zum Wirken des Lehrers Werner Nitt am Hansa Kolleg und weit darüber hinaus

Es gibt Menschen, die prägen die Philosophie, und doch gehen sie mit ihrem Namen niemals in ihre Geschichte ein, stehen niemals in einem Lehrbuch oder in einer Philosophie-Darstellung. Wenn die letzten Zeugen, die sich erinnern, verstorben sind, so ist auch dieser besondere Philosoph verloschen. Ein gesteigerter, ein moderner Sokrates im wahrsten Sinne, einer der nicht schrieb, von dem nichts überliefert ist außer jenen Legenden oder Geschichten, wie ich sie hier aufschreibe. Einer dieser Philosophen, der nicht in den Kanon eingehen wird – „eingehen“ vielleicht auch im dialektischen Wortsinne genommen. Geist, der sich unmittelbar im Gespräch verströmte, der ins Denken anderer Menschen einwanderte und ihren Umgang mit Philosophie veränderte; Geist eines Menschen, der insofern bleibt, solange Schüler sind, die es weitertragen wollen. Und doch verstummt all das nach einer Generation oder wird allenfalls zu einer schönen Erzählung. Der Mythos vom Philosophenglück ohne Ende.

Schreiben möchte ich von einem außergewöhnlichen Lehrer, der viele junge Menschen prägte und ihnen eine Welt eröffnete. Menschen, die aus der Arbeitswelt kamen, Menschen, die keinerlei kulturelles Kapital mitbrachten und die doch hinaus aus dem Joch und jene Mühle verlassen wollten. Adorno, Bloch und Novalis fast: einen Ausweg aus der verhängnisvollen Immanenz weisen. Wir sind, aber wir haben uns nicht – dieses so scheinbar simple Diktum machte Werner Nitt deutlich. Nitt zeigte in seiner Art, philosophische Texte zu lesen und zu kommentieren, eine Lebenswelt, die den meisten Menschen ohne diesen Mann vermutlich verschlossen geblieben oder sich zumindest auf eine andere Weise und nicht in dieser Emphase aufgetan hätte.Philosophie als Lust am Lesen und Lust aufs Denken, vor allem auch gegen das Bleierne, gegen steinerne Verhältnisse, gegen die Bleikammern.

Werner Nitt (27. Oktober 1931 – 3. Juli 2009) war Lehrer am Hansa Kolleg – einer Institution in Hamburg, wo Arbeiter und Angestellte auf dem zweiten Bildungsweg ihr Abitur und auch ihre Mittlere Reife machen konnten. Ich lernte Werner Nitt Mitte der 1990er Jahre kennen – in seiner Barmbeker Wohnung, vollgestellt mit Büchern und weil das nicht ausreichte, wurde für die Bücher, so ging die Legende, sogar noch eine zweite Wohnung gemietet. Ein Kommilitone lud mich ein, an einer seiner abendlichen Arbeitsgruppe teilzunehmen. Dort wurde akribisch Hegels „Enzyklopädie“ gelesen. Satz für Satz. Es durfte geraucht und vor allem durfte beim Lesen Hegels Bier getrunken werden. Das gefiel mir. Man mußte freilich aufpassen – zu viel Bier war schädlich und lenkte ab, aber das Trinken stellte Nitt in die Autonomie der Teilnehmer. Richtig nahe kam ich ihm allerdings nicht, auch weil der Weg nach Barmbek weit war und eine Rückfahrt nachts um viertel vor eins doch beschwerlich, wenn man dann erst um halb zwei zu Hause aufschlug und sich anschließend nachts vor lauter Hegel und Text-Bezügen der Kopf drehte: Ausflüge in die Geschichte der Philosophie, von Platon über Aristoteles zu Suarez und Spinoza – Fixpunkt sicherlich Hegel und ebenso Schelling.

Da eine Studienfreundin seinerzeit am Hansa Kolleg ihr Abitur machte, erfuhr ich über diesen faszinierenden Mann bereits Ende der 1980er Jahre im Einführungsseminar Germanistik, wo wir einander kennenlernten, vieles. Jene Freundin erzählte voll Emphase und Leidenschaft: von einem Denker, der an der Philosophie und nicht an Positionen interessiert war, folglich war ihm jeglicher Ismus fremd und es käme ihm kaum, wie manchem Professor an Hochschulen, in den Sinn zu behaupten „Ich als Kantianer“. So vermochte es Nitt Adorno mit Heidegger und Luhmann mit Adorno und Habermas zu lesen, um wiederum mit Hegel gegenzusteuern, was am Ende auf Aristoteles hinauslief, allerdings unter Berücksichtigung vom Heiligen Thomas und auch von Suarez, um über Spinoza und Jacobi zu Platon und von dort zum Cusaner und zu Plotin zu gelangen und das fundamentum inconcussum sowie die coincidentia oppositorum immer wieder in anderen Ausfaltungen in den Blick zu bekommen – bis einem ganz und gar schwindelig wurde und man begriff: Abstrakt lernt man denken nur durch abstraktes Denken. Was nach Namensprotzen klingt, wurde bei Nitt durch fundierte Textkenntnis eingelöst. Man wußte, daß man nichts wußte und war zugleich begierig, wissen zu wollen. Pädagogischer Eros schlechthin: Was für ein Wunder ereilte einen da?

Das Plausible, so Nitt, ist nicht plausibel, sondern oft höchst fragwürdig. Plausibel kommt vom lateinischen „plaudere“, so Nitt: Beifall klatschend. Philosophie bestimmt sich aber nicht qua Akklamation, sondern durch den Gang des Gedankens und durch Argumente – manchmal auch ästhetische. Solches In-Frage-stellen des anscheinend und zugleich scheinbar Selbstverständlichen formte.

In dieser Art, so dachten und wünschten wir, wollten wir ebenso philosophieren und lernen. Das Personal der Hamburger Universität am Philosophischen Seminar bot dazu freilich nur bedingt Anlaß – allenfalls solche Lehrer wie Bernhard Taureck öffneten einem Türen in andere Welten, Bartuschat immerhin war ein gründlicher Arbeiter im Weinberg des Herrn Spinoza. Künne dagegen betrieb doxographische Philosophieverengung und war somit zu vergessen. Schnädelbach ging 1991 nach Berlin, um mit den Ostprofessoren aufzuräumen, seine eigene Gefolgschaft unterzubringen und bekam schon in Hamburg, wenn er nur den Namen Hegel nannte, den hochroten Hähnchenkopf. Immerhin aber, das muß man ihm zugute halten, ließ er sich auf Hegel ein und hielt eine Vorlesung über ihn. Verstanden hatte er ihn freilich nur aus seinem eigenen Referenzrahmen mit Ressentiment. Und das ist am Ende zu wenig.

So einen Lehrer wie Nitt wünschte ich mir an die Universität, so dachte ich, so diskutierten wir in unseren Arbeitsgruppen über die Mangellage in Hamburg: mit diesem Wissen und vor allem mit diesem pädagogischen Eros und zugleich dem Bewußtsein, daß Philosophie Arbeit ist. Ja, Arbeit, harte Arbeit sogar, bei der man im Denken an seine Grenzen stoßen kann, um zu verzweifeln. Aber es war dieses Lesen und Denken doch eine freie Arbeit: frei gewählt. Freiheit ist nicht einfach. An solchen Gabelungen, wo Denken sich zu verrennen droht, helfen Lehrer. Ein solcher war Werner Nitt.

Esther Clodius, eine Nitt-Schülerin, sagte in ihrer Totenrede auf der Trauerfeier am 17. Juli 2009 (entnommen ist die Rede dem Buch von Gerhard Jürs: „Wilhelm Flitner, ein Humanist in bewegten Zeiten“):

„Werner Nitt war ein Mensch, der uns eine Welt eröffnete, die vielen von uns verschlossen geblieben wäre, hätten wir ihn nicht gekannt. Ich spreche von der Welt des Geistes, in die er uns als Lehrer geführt hat, die er vor unseren Augen lebendig entfaltet hat. Seine Liebe galt dem Leben. Das Leben ist kein factum brutum, es ist Möglichkeit. Er entfaltete alles auf seine Möglichkeiten hin. Wir haben bei ihm nicht Philosophie gelernt, sondern das Leben geistig zu erfahren. Er hat uns das Denken gelehrt. In seiner Entfaltung eines philosophischen Werkes wurde der geistige Gehalt dieser Werke und seiner Schöpfer lebendig. Er hat uns nicht geschont, nie versucht das Schwierige leicht zu machen, uns in Strenge und Liebe geleitet. Verfestigtes Denken ist Mimesis ans Tote. So müssen Werke, die ohne Abschluss nicht sein können, immer wieder ins Leben gebracht werden. (…)“

Was für wunderbare und tiefe Worte, denen man kaum etwas hinzufügen kann. In der Sehnsucht nach solchen Menschen schwelgt das Denken.

Auf Facebook liefert Ulf Matthias Engberg eine schöne, gelungene und auch poetische Skizze zu Werner Nitt. Weil sie lesenswert ist und aus der Subjektivität des Blickes dennoch ein gutes Bild vermittelt, zitiere ich sie:

„Der Ansturm der Philosophen auf mein Bücherregal hatte mit meiner Aufnahme ans „Hansa-Kolleg“ begonnen, (…). Dort wurde neben dem obligatorischen Unterricht ein Philosophiekurs auf freiwilliger Basis angeboten, zu dem alle (damals siebzig) „Kollegiaten“ herzlich eingeladen waren. An meine ersten Sitzungen kann ich mich noch gut erinnern.

Zweimal die Woche fand sich ein knappes Dutzend Gleichgesinnter nach dem Abendessen im ansonsten ungenutzten Fernsehraum ein. Der Sessel unmittelbar vor der Glotze, mit der Lehne vor der dunklen Scheibe des Bildschirms war dem Dozenten vorbehalten. Eine unausgesprochene Übereinkunft im Auditorium sorgte dafür, daß dieser Platz reserviert blieb. Werner Nitt, so war der Name des Dozenten und Englischlehrers, las die ‚Phänomenologie des Geistes‘ von Hegel. Mit seiner tiefen, ein wenig verschnupft klingenden Stimme interpretierte er Satz für Satz, dabei in unregelmäßigem Abstand den Kopf zurückwerfend, um die verschwitzten, bis auf die Schultern hängenden Haare aus dem Gesicht zu entfernen. Werner Nitt hatte die Vierzig überschritten und huldigte neben der Philosophie dem Gott Lucull. Von mächtiger Statur und trägem Gemüt erinnerte die Tapsigkeit seines Ganges an einen Zirkusbären. Auf hängenden Schultern thronte ein fleischiges Gesicht, dessen Profil eine frappante Ähnlichkeit mit Oskar Wilde aufwies.

Während er die Seiten seiner gebundenen Felix-Meiner-Ausgabe mit dem linken Daumen auseinander hielt, qualmte in seiner Rechten eine Gitanes ohne Filter, die er genußvoll inhalierte, ihren Rauch an die Lungenflügel delegierte, um ihn nach scheinbar endlosem Verweilen an diesem unsichtbaren Ort durch den doppelten Schlot der Nase unübersehbar in den Fernsehraum zu entlassen. Je weiter die Zigarette abbrannte, desto stärker verschob sich die Aufmerksamkeit des Auditoriums von der ‚Phänomenologie des Geistes‘ auf das phänomenale Fingerspitzengefühl, mit dem Werner Nitt seinen geliebten Glimmstengel bis zur bitteren Neige auskostete. Die Grazie, mit der er – den Tabakstummel pinzettengleich zwischen die langen, braun gebeizten Nägel klemmend – einen tiefen Lungenzug tat, sich dabei weder Finger noch Mund verbrennend, das manierierte Abspreizen der unbeteiligten Extremitäten, das küßchenhafte Schürzen der Lippen und die allgemeine Spannung, die sich an der unausgesprochenen Frage aufbaute, ob dies sein definitiv letzter Zug an der winzigen Kippe wäre, all das wölbte sich wie ein Glocke über die Versammlung, ein Dunstglocke, welche die weitschweifigen Assoziationen über Hegels ‚Phänomenologie des Geistes‘ auf ein überschaubares Maß begrenzte und die mit jeder entzündeten cigarette manifester wurde.

Es bedurfte keiner drei Hegelabende, bis auch die Neuzugänge (mit Ausnahme von mir als überzeugtem Nichtraucher) Gitanes ohne Filter qualmten und sich Zeigefinger- und Daumennagel wachsen ließen, als spielten sie Zupfinstrumente. Im Text dagegen ging es nur langsam voran. Das Schlußkapitel vom „absoluten Wissen“, das wie eine Verheißung aus weiter Ferne lockte, ward in den dreieinhalb Jahren, die ich fürs Abitur brauchte, nicht annähernd erreicht.

In den ersten Sitzungen erschien mir der mit Fremdwörtern gespickte Vortrag deshalb nicht weniger nebulös als das verqualmte Fernsehzimmer. Erst ab dem Kapitel „Selbstbewußtsein“ glaubte ich zu wissen, wovon die Rede war. Der Dunst, der alle bisher gefallenen Begriffe verhüllt zu haben schien, begann sich zu lichten, und ließ Wörter wie alte Bekannte in vornehmer Gewandung daraus hervortreten, Wörter wie:

‚Selbständigkeit und Unselbständigkeit,

Herrschaft und Knechtschaft‘

Hegels romantische Vorstellung, daß die praktische Arbeit den Grundstein für das bildet, was er ‚wahres Selbstbewußtsein‘ nennt, deckte sich in befriedigender Weise mit meiner Erfahrung und wurde zu meinem Entzücken von Werner Nitt aufs Vornehmste bestätigt, und wenn ich ihm in meiner Unwissenheit eine Frage stellte, dann kleidete er sie zunächst in die Formulierung des Wissenden, um in seiner Sprache darauf zu antworten, so daß ich doppelt lernte und mein Interesse an Hegel nachhaltig geweckt wurde.

‚Geliebt wirst Du einzig dort,
wo schwach Du Dich zeigen kannst,
ohne Stärke zu provozieren.‘

An diesen Aphorismus von Adorno musste ich oft denken, wenn Werner Nitt auf die mehr oder weniger klugen Fragen seiner Schüler einging. Ungestraft konnten sie ihm ihre Unwissenheit offenbaren. Er verstand es, das Beste daraus zu machen.“

Schöner und liebenswerter kann man einen Lehrer nicht würdigen, und hier eben zeigt sich, daß gelingende Philosophie, gelingendes Philosophieren zugleich auch eine Lebenspraktik ist und damit gelingendes Leben. In diesem Sinne lebt, im Geist der Philosophie, das Wirken eines Werner Nitt fort – nicht in Unendlichkeit vielleicht, aber doch solange es Menschen gibt, die sich aufs Denken einlassen und sich nicht mit Phrasen oder Parolen abspeisen lassen wollen. Obwohl ich Nitt kaum kannte, begleitete mich seine Gestalt, seine Art mit Texten umzugehen bis heute. Die direkten Wirkungen auf mich, wenn ich diesem Mann öfters begegnet wäre, mag ich mir kaum ausmalen.

Wie unendlich traurig andererseits, daß solches Leben irgendwann in die Vergessenheit geht und daß nichts mehr bleibt. Nicht einmal die Erinnerungen. Viele Menschen haben diesem Werner Nitt unendlich viel zu verdanken. Auch ich – mittelbar.

 

#dichterdran. Masculin – Feminin oder: nicht mehr die Kinder von Marx, sondern von Coca-Cola

Bei den Literaturtwitterfrauen ist Hashtag-Alarm, da schreiben unter dem Slogan #dichterdran interessante Frauen aber leider auch teils skurrile Gestalten über die Abwertung von Frauen im Literaturbetrieb, in dem man Schriftstellerinnen aufs äußere reduziert. Sie schreiben Tweets über männliche Autoren in der Form wie Literaturkritiker über Autorinnen schreiben, wenn sie deren Reize betonen. Mich betrifft das alles nicht, denn ich lese fast nur Männer: Jean Paul, Herder, Wieland, Heinse, Tieck, Friedrich Schlegel, Melville, Dickens, Sterne, Goethe, Ingeborg Bachmann und George Eliot. Aber Scherz beiseite.

Was ist der Hintergrund? Der Kritiker Martin Ebel schrieb über die Autorin Sally Rooney sowie ihren neuen Roman und eben auch über das Bild  der Frau (zu sehen auf der Verlagshomepage von Luchterhand) belustigt, daß sie blicke „wie ein aufgeschrecktes Reh mit sinnlichen Lippen“. Böse vielleicht, muß nicht sein, trotzdem es ein seltsames Photo ist, und es ist das Aussehen in der Tat kein Kriterium für Kritik am Werk. Sehr wohl aber kann es dann zum Kriterium werden, wenn es um die Autoreninszenierungen geht – das eine ist die Literatur als solche, das andere die sozialen Mechanismen, unter denen sie verbreitet wird.

Man muß schauen, auf welchem Feld man sich bewegt. Und da kann man in der Manege des Betriebes Thomas Glavinic eben genauso kritisieren und sich betrachten wie Sibylle Berg, wenn Berg etwa in einem bestimmten Modus in einem Literaturhaus auftritt und die „Welt“ dann schreibt „Der gewalttätigste Lidstrich Deutschlands“. Solche Überschrift ist eine Ermessensfrage, ich halte sie nicht per se für schlimm und vor allem sollte man aufpassen, daß man berechtigte Kritik – was eben auch bedeutet: zu sichten und zu unterscheiden – nicht mit simplem Gejammer verwechselt. Man kann solchen Satz eben auch als Kompliment deuten. Je nachdem, wie sich eine Frau verortet. Allen recht wird man es niemals machen. Hier zumindest wurde das Kraftvolle an Berg betont.

Wenn wir über Menschen und deren Auftritte im öffentlichen Raum schreiben, kommen Äußerlichkeiten ins Spiel: Man google Thomas Glavinic, ein Autor, der wegen solcher Dinge ebenfalls hart angegangen wurde.

Es gibt eine richtige Tendenz bei solchen Hashtags, die Sexismus oder Abwertung von Frauen im Literaturbetrieb markieren wollen, sie weist auf ein Problem, und es gibt zugleich einen ungeheuren Popanz, der da gemacht wird, Kleinigkeiten werden aufgeblasen,  aus Petitessen wird mit Absicht ein Skandal versucht zu inszenieren. Aber gerade solche Autorenportraits sind vielschichtig: Einerseits den Mehrwert solcher sinnlichen Photographien in Verlagsvorschauen oder auf der Autorinnen-Homepage einfahren und aus Marketing-Gründen den Lolita-Blick posen, andererseits, wenn das jemand bemerkt und darauf sich in einer Weise wie der Kritiker Martin Ebel äußert, in den Meckermodus verfallen. Da entsteht zugleich so ein bißchen Double-Bind. Mit dem Weibchenschema spielen und dieses als geldwerten Vorteil in Anschlag bringen, und springt dann jemand darauf an, unschuldig oder pöbelnd: „Hups, ich doch nicht!“ machen. Gerne mobilisiert sich dann auch eine Followerschaft unter jenem Hashtag und eine Verlegerin entdeckt die Sache als gutes Geschäftsmodel: Sie macht einfach aus solchen Twitter-Texten ein Büchlein. Kommunikation im Kreiselmodus.

Durchaus existiert teils solch anmaßender Ton, der Frauen aufs Fleisch oder auf anderes äußerliche zurückbricht, wenngleich ich meine, daß es besser geworden ist und nicht jeder Satz, der in den einen Ohren schief klingt (siehe der Lidschatten) ist auch schief und kritikwürdig und sexistisch. Wenn ich in der „Zeit“ oder auch in der FAZ und der Berliner Zeitung Buchkritiken lesen, in denen Bücher von Frauen besprochen werden, sehe ich nicht, daß Frauen aufgrund ihrer Äußerlichkeiten beurteilt werden, sondern es geht in die Literatur hinein. Mich würden da schon Beispiele interessieren, wo solche Fälle im Feuilleton vorkommen. Ebel mag in diesem Falle extrem sein, aber er weist eben auch auf den Mechanismus solcher Inszenierungen hin. Und zugleich muß man eben auch sagen, daß es Sätze von Kritikern gibt, die sind dumm, die haben nichts mit dem Buch zu tun. Andererseits finde ich es in einem Interview nicht allzu verwerflich, eine Autorin zu fragen, was sie denn gerne koche. Nicht die Frage, sondern der Ton der Frage macht die Musik und die Art wie das Interview insgesamt geführt wird.

Und allerdings gibt es Bilder von Autoren und Autorinnen, da fragt man sich: Wer in Gottes Namen sucht solche Photographien aus, gibt es keine kompetente Bildredaktion? Muß eine Autorin wie eine Blödsinnige gucken, als wäre sie gerade einem Geist begegnet? Allerdings sind das auch wieder Äußerlichkeiten. Das Ding nennt sich Marketing.

Ich erinnere mich Ende der 1990er noch gut an das „deutsche Fräuleinwunder“ in der Literatur. Da wurde gerne mitgespielt und der Werbevorteil eingefahren. Frauen posierten da in einem Spiegel-Artikel, wenn ich mich recht erinnere. Kann man alles machen und die Sache geriet irgendwann in den 2000ern dann auch wieder zu recht in Vergessenheit. Die Autorinnen überzeugten oder eben überzeugten nicht durch ihre Prosa.

Literatur ist eben nie nur die schöne Literatur, sondern Bücher bewegen sich auf einem Markt und da ziehen die Mechanismen des Marketing, die auch im Fall von Rooney (und ebenso bei Glavinic oder Berg) eine Rolle spielen. Wenn man sich in einer bestimmten Pose präsentiert, dann will man das als Autorin (oder Autor) auch irgendwie so, sei es, weil man ein Klischee bedient und sich auf diesem Ticket gut das Buch verkauft, sei es, weil es einem egal ist – es gibt da viele Möglichkeiten und Zwischentöne. Die Autorin Ronja von Rönne präsentiert sich sinnlich uns sexy, sie will das so und ich mag diese Bilder, man kann das genießen, aber es gibt einem das kein Anrecht auf sexistische Bemerkungen. Allenfalls kann man die Mechanismen kritisieren, die hinter solchen Inszenierungen stecken. Aber die betreffen eben genauso Stefanie Sargnargel oder Helene Hegemann.

Und ich kann das in einem gewissen Umfang nachvollziehen, es kommt eben auch aufs Äußere an, nicht nur bei Frauen übrigens, keiner will verhungern, jeder Autor braucht eine gewisse Aufmerksamkeit, denn er lebt von seinen Büchern undsoweiterundsofort. Und ohne jenen attraktiven Frauen, die ihr Aussehen nutzen, zu nahe treten zu wollen: Aber denken sie alle einmal und fragen sich, ob jene Frauen bei selber Qualifikation diese Medienpräsenz hätten, die sie haben und die diese Frauen auch weidlich nutzen, wenn diese attraktiven Frauen aussähen wie, nun ja, sagen wir Helga Feddersen – eine tolle Schauspielerin übrigens, man sehe nur ihre Rollen in ernsten Filmen und es ist ein Irrsinn, daß diese Frau als Ulknudel vermarktet wurde und sich so auch vermarkten ließ. (Aber wir alle haben vermutlich Hunger und verdurstet auf der Bühne mit großen Worten sterben ist nicht jedermanns Ding.)

Man sollte freilich diese Dinge nicht einfach individualisieren, denn hinter dieser Auswahl stecken grundsätzliche Mechanismen. Und die haben wesentlich etwas mit der Waren- und Verwertungslogik zu tun und mit einem System, das genau diese Logik andauernd forciert. Es muß verkauft werden und diese Akkumulation von Kapital samt Reinvestition und Wertzuwachs zwingt alle Beteiligten auf ein Rad und in ein System, in dem sie allesamt mitspielen. Man dünkt sich frei und ist es ganz und gar nicht. All das wird sich nicht durch immer neue Vorschriften und Regeln lösen lassen, und in diesem Sinne sind diese Konflikte dann von beiden Seiten auch wieder äußerlich. Denn wo heute das eine geregelt wird, kommt morgen das nächste Problem. Es ist dies nur eine Frage der Zeit, und all die Hashtag-Feminismen sind am Ende zugleich eine bequeme Form. Manchmal witzig, oft aber leider strunzendumm und ärgerlich, wenn sich daran Leute beteiligen, die sich selbst für Akademikerinnen oder Akademiker halten. Aber auch so kommt man eben in die Aufmerksamkeitsökonomie. Es gibt

Besser wäre es in der Tat, wenn Literaturkritik sich zum Werk äußert und nicht zu Äußerlichkeiten. Mich interessieren weder Peter Handkes Oberkörper noch Monika Rincks Unterwäsche, sondern deren Texte. Ansonsten aber bleiben wir doch lieber bei Eichendorff, dem „Marmorbild“ und seinem schönen Gedicht „Zwielicht“, das auch Adorno in seinem Eichendorff-Essay ansprach:

Dämmrung will die Flügel spreiten,
Schaurig rühren sich die Bäume,
Wolken zieh’n wie schwere Träume –
Was will dieses Grau´n bedeuten?

Hast ein Reh du lieb vor andern,
Laß es nicht alleine grasen,
Jäger zieh’n im Wald’ und blasen,
Stimmen hin und wider wandern.

Hast du einen Freund hienieden,
Trau ihm nicht zu dieser Stunde,
Freundlich wohl mit Aug’ und Munde,
Sinnt er Krieg im tück’schen Frieden.

Was heut müde gehet unter,
Hebt sich morgen neu geboren.
Manches bleibt in Nacht verloren –
Hüte dich, bleib’ wach und munter!

[Und damit wir uns nicht mißverstehen: das ist kein antifemistisches Manifest, sondern eine dialektische Kritik unter Einbeziehung der Marktverhältnisse.]

Adorno zum 50. Todestag. Von der Theorie als Lebensform: Grandhotel Abgrund und die bestimmte Negation

Es sind Aporien, gesellschaftliche, soziale, die sich übers Leben wälzen: „Das Leben lebt nicht“, so geht der Anfang von Adornos „Minima Moralia“ mit einem Zitat von dem weitgehend vergessenen österreichischen Schriftsteller Ferdinand Kürnberger – einer jener Sprachartisten, die Karl Kraus zum Vorbild dienten.

Todestage geben Anlaß zum Denken, besonders die runden. 50, 100, 200: wir kennen das aus dem Feuilleton. Blicke zurück, je nach Person geschieht das mal philosophisch, mal biographisch, mal literarisch oder eben als eine Mischung, indem Aspekte aufeinander bezogen werden, ohne freilich ein Werk in Biographismus zu ersticken – besser istʼs. Nun könnte ein gewiefter Leser, wenn er sich Adornos „Minima Moralia“ zur Hand nähme und sich an der Methode dieses Buches orientierte, mit dem Vergrößerungsglas zu arbeiten und Ungesehenes freizulegen, solche Form von Gedenken durchaus skeptisch hinterfragen: etwa weil die Sache zum Ritual wird: Gedenken verschließt sich zu einer Kranzabwurfstelle, wo Übliches abgesondert wird. Der Rückblick erledigt die Sache, statt sie leuchten zu lassen. Die bürgerliche Aura, die in solchen Veranstaltungen immer noch wirkt: undsoweiterundsofort.

Die Frage, was von einem Philosophen bleibt, ist in der Tat falsch gestellt und Ausdruck unphilosophischen Bewußtseins, wenn sie sich am Fortschrittsmodell naturwissenschaftlicher Erkenntnis orientiert und meint, bestimmte Aspekte zu den Akten legen zu können, weil sie inzwischen abgegolten sind. Mit Kopernikus mag das alte geozentrische Weltbild zu seinem Ende gekommen sein, in der Philosophie gehen die Uhren anders.

Philosophen und ihrer Philosophie jedoch sind nicht so leicht zu erledigen – und im Grunde auch nicht jene Naturphilosophien und Naturforscher, deren Theorien nicht mehr funktionieren. Ein Nachruf auf Aristoteles, Platon, Parmenides oder Anselm von Canterbury vermag es immer noch, Schätze zum Glanz zu verhelfen und Vergessenes hervorzuschürfen. Veraltet ist nichts, denn wir finden Fragen, um deren Lösung sich bis heute Philosophen streiten – alle Philosophie sei im Grunde nichts als ein einziger ontologischer Gottesbeweis, wie Hegel einmal gesagt haben soll – und gerade dazu, für die veränderte Konstellation und um eine vielleicht andere und ebenfalls originelle Perspektive zu finden, kann ein Blick zurück hilfreich sein, auch als Kritik – immer etymologisch zu lesen vom griechischen krinein, also dem Unterscheiden. Indem man eine Sache auftrennt und neu anordnet, kann solches Unterscheiden ebenso bedeuten, ihr eine andere Form zu geben und dadurch einen anderen Fokus zu liefern. Das, was als irgendwie naturgegeben und unvermeidlich erscheint, was scheinbar fest ist, wird liquid. Wird also liquidiert und damit flüssig. Dialektische Beweglichkeit. Adornos „Minima Moralia“ machen genau diese Bewegung. Sie zeigen uns etwas. Im Modus der Polemik, der Übertreibung, der Anekdote, ebenso aber als philosophische oder literarische Reflexion.

„Longtemps, je me suis couché de bonne heure.“

„Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. Manchmal fielen mir die Augen, wenn die Kerze ausgelöscht war, so schnell zu, daß ich keine Zeit mehr hatte zu denken: ‚Jetzt schlafe ich ein.‘ Und eine halbe Stunde später wachte ich über dem Gedanken auf, daß es nun Zeit sei, den Schlaf zu suchen; …“

Was Proust da im Auftakt minuziös beschreibt, den Schlaf nicht nur zu finden, sondern ihn auch zu schreiben, jenes Hineindenken ins Fremde und jene Kraft zur Phantasie,  – „es kam mir vor, als sei ich selbst, wovon das Buch handelte“ – kommt dem recht nahe, was auch Adorno in den „Minima Moralia“ umtreibt: die Dinge und das, was uns umgibt, zu betrachten – bis hinein in ihre verborgenen Winkelzüge und ihre gesellschaftlichen Mechanismen, denen sie unterliegen. Evident wird dies in zahlreichen Aphorismen dieser philosophischen Prosa, etwa in jener Passage mit dem Titel „Nicht anklopfen“. Wenn Adorno aus den inzwischen durch Schiebetüren ersetzten Türklinken oder an den schönen Flügelfenstern, die durch Kippfenster ersetzt werden, zeigt, wie uns der Umgang mit Welt prägt und formt:

„Am Absterben der Erfahrung trägt Schuld nicht zum letzten, daß die Dinge unterm Gesetz ihrer reinen Zweckmäßigkeit eine Form annehmen, die den Umgang mit ihnen auf bloße Handhabung beschränkt, ohne einen Überschuß, sei’s an Freiheit des Verhaltens, sei’s an Selbständigkeit des Dinges zu dulden, der als Erfahrungskern überlebt, weil er nicht verzehrt wird vom Augenblick der Aktion.“

Wenn Adorno freilich Vergangenes zitiert und jene Verlusterfahrung konstatiert, so bedeutet solcher Rückblick nicht, in den Modus der Regression zu gleiten und sich nun mit all den mehr oder weniger schönen Dingen aus dem Manufactum-Catalog zu umgeben. Genau solchen falsch verstandenen Konservatismus kritisierte Adorno. Es ist Ideologie und es zeigt das Nachgemachte nur umso mehr, wie sehr eine Epoche versunken ist und unwiederbringlich vorbei: die letzten Bürger ruhen. Grandhotels sind untergegangen und selten gut ausgebucht.

Es ist vorbei: eine Welt starb. Unaufhebbar muß man dazu sagen, denn Adorno neigte in solchen Fragen nicht zur Restauration und zu einem damit verbundenen Essentialisierung, der Wesenheiten annimmt und in diesem Sinne unterscheidet sich sein Blick von dem Heideggers, wenn man seine Texte „Aus der Erfahrung des Denkens“ nimmt. So sehr Adorno sein Amorbach und die dort verlebte Kindheit in Ferienzeit als Hort von Erfahrung schätzte, war jene Zeit, die der beschleunigten und funktionalen Moderne wich, immer schon durchzogen von Zerstörung und damit bereits im Augenblick des Erfahrens eine abgelebte Zeit. Dem Kind schien, was doch realiter niemals war. Lediglich im Moment blitzte etwas auf und weist auf anderes: als Erinnerung eben, darin ist Adorno Proust in der Methode verwandt. Und dieses Konzept eines nicht-essentialisierenden Konservatismus – ohne dabei im politischen Sinne konservativ zu sein, muß man dazu sagen – unterscheidet Adornos Blick von dem Heideggers, wie wir ihn etwa in seinem Aufsatz „Schöpferische Landschaften: Warum bleiben wir in der Provinz“ finden – nebenbei ein durchaus lesenswerter Text Heideggers, trotz Adornos harschem Diktum dagegen in seiner „Philosophischen Terminologie“.

In diesem Sinne ist Konservatismus ein unspezifischer Begriff – er findet sich im linken, wie im rechten Lager, und nimmt man Adornos Begriff von Heimat, dann zeigt sich gut, wie sehr man solches Denken genauso für eine Sicht von links nutzen kann. In der Emigration, mitten in der Fremde nämlich, ging Adorno auf, was das Zu-Hause-sein bedeutet, und dies ohne Ressentiments gegen sein Gastland zu entwickeln oder in Heimattümelei zu verfallen. Sehr wohl zwar kritisierte Adorno das Leben in den USA, aber er haßte es nicht und schrieb nicht mit dem Ressentiment des vermeintlich Überlegenen darüber. Genau diese Haltung kulturkonservativer USA-Kritiker verfiel regelmäßig dem Verdikt Adornos. Kritik heißt eben: Unterscheiden, trennen, sichten:

„Schönheit der amerikanischen Landschaft: daß noch dem kleinsten ihrer Segmente, als Ausdruck, die unermeßliche Größe des ganzen Landes einbeschrieben ist.

In der Erinnerung der Emigration schmeckt jeder deutsche Rehbraten, als wäre er vom Freischütz erlegt worden.“

Diese beiden Aphorismen stehen direkt untereinander, sie verweisen aufeinander und zeigen unterschiedliche Lebensmodelle. Sicherlich war Adorno ein deutscher (Groß)Bürger, er gehörte einer Klasse an, die es eigentlich schon lange nicht mehr gibt. Man kann dem heute nachtrauern. Aber der Ort des denkenden Intellektuellen, jener Denker, die nicht im tagesaktuellen Betrieb die Lieder singen, die gerade gefragt sind, ist und bleibt das Exil. Was Adorno über jene Jahre in der Emigration schrieb, mag zuweilen auch fürs Hiersein gelten und klingt nicht gar so fremd:

„Jeder Intellektuelle in der Emigration, ohne alle Ausnahme, ist beschädigt und tut gut daran, es selber zu erkennen, wenn er nicht hinter den dicht geschlossenen Türen seiner Selbstachtung grausam darüber belehrt werden will. Er lebt in einer Umwelt, die ihm unverständlich bleiben muß, auch wenn er sich in den Gewerkschaftsorganisationen oder dem Autoverkehr noch so gut auskennt; immerzu ist er in der Irre. Zwischen der Reproduktion des eigenen Lebens unterm Monopol der Massenkultur und der sachlich-verantwortlichen Arbeit herrscht ein unversöhnlicher Bruch. Enteignet ist seine Sprache und abgegraben die geschichtliche Dimension, aus der seine Erkenntnis die Kräfte zog. Die Isolierung wird um so schlimmer, je mehr feste und politisch kontrollierte Gruppen sich formieren, mißtrauisch gegen die Zugehörigen, feindselig gegen die abgestempelten anderen.“ (Adorno, Minima Moralia)

Adorno schrieb jene „Minima Moralia“ Mitte der 1940er Jahre im US-Exil, sie erschienen 1951. Er konzipierte sie, in Anspielung auf Nietzsche, als die „traurige Wissenschaft“ und er nannte sie im Untertitel „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“. Allerdings sollte man das, was Adorno angesichts von Faschismus, Stalinismus und einem hermetischen totalisierenden Kapitalismus sah, als einen Ausdruck seiner Zeit nehmen: insofern ist unreflektiertes Parallelisieren problematisch. Mag unsere Gegenwart, die wir als Zeitgenossen erleben, nicht minder durchdrungen sein von Verdinglichung und sind es immer noch die ökonomischen Verhältnisse, die gesellschaftliches Sein mit bestimmen, so gleichen sich Zeiten nicht. Man kann selbst heute, und das macht in der Tat den Reiz von Adornos wie auch Walter Benjamins mikrologischem Blick aus, durch die neuen Welt der Einkaufspassagen streifen oder den Potsdamer Platz in Berlin durchwandern, um zu entdecken, wie abgelebt bereits 20 Jahre später eine solche Art von Spätmoderne in Architektur ist. Dennoch haben sich entscheidende Parameter verschoben. Technik ist nicht nur Tücke, was freilich auch Adorno und Heidegger gut wußten, sondern immer auch eine Chance um die Produktionsverhältnisse zu ändern.

Ob dafür freilich zugleich generell eine Änderung in unserem metaphysischen Wesen und im Denken selbst erforderlich ist, das eben, was in Adornos Philosophie das Movens ist, nämlich die Fähigkeit zur Erfahrung, ist eine ganz andere Frage. Nicht eben bündig zu beantworten, denn darum kreist auch Adornos Denken und solche Frage nach dem scheinlosen Schein des Absoluten übersteigt bei weitem die bloß soziale Frage. Hält sie aber andererseits auch nicht schlicht draußen zugunsten höherer Dignitäten. Bei Adorno zumindest, nimmt man seine „Meditationen zur Metaphysik“ im besonderen, und als unsystematisches System dazu noch die „Negative Dialektik“, darin jene Meditationen den Schluß bilden, so zeigt sich im Text, daß jene beiden Bereiche eng aneinander gekoppelt sind. Das terminiert in jenem bekannten Schlußbild, mit dem das Buch endet:

„Die kleinsten innerweltlichen Züge hätten Relevanz fürs Absolute, denn der mikrologische Blick zertrümmert die Schalen des nach dem Maß des subsumierenden Oberbegriffs hilflos Vereinzelten und sprengt seine Identität, den Trug, es wäre bloß Exemplar. Solches Denken ist solidarisch mit Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes.“

Diese Aufgabe ist bis heute unabgegolten und dies sowie die Frage nach den Möglichkeiten von Kunst in Zeiten der Spätmoderne macht Adornos nach wie vor währende Aktualität aus. Zu leisten zumindest mit den Mitteln der Philosophie wie auch der Kunst ist eine phänomenologische Aufgeschlossenheit nicht nur hin zu den Dinge, sondern ebenso für die soziale Welt. Die „Minima Moralia“ zeigen uns, das ließe sich bis heute an diesem Text lernen, ganz in der Tradition von Marx und seinem Fetischismuskapitel aus dem „Kapital“, daß jene Verhältnisse, die uns naturwüchsig erscheinen, dies keinesfalls sind, sondern daß sie vielmehr gesellschaftlich verfaßt und gemacht sind – freilich ohne sich in einen halbgaren Kulturalismus aufzulösen und auf der Spielwiese identitärer Beliebigkeit zu zerfransen. Das gilt vom Phänomen der Sexualität, über die Liebe bis hin zu Institutionen und ebenso einem Begriff wie dem Volk, das von Rechtsaußen gerne essentialisiert wird. Kulturräume jedoch sind komplexe und wandelbare Gebilde – was freilich auch bedeuten kann, sie zu bewahren. Nicht alles Neue ist per se gut, nur weil es neu ist.

Mit diesem Aufschließen der Dinge und der sozialen Verhältnisse werden wir auch unserer selbst gewahr: nicht in einem absoluten Sinne und schon gar nicht in der Phrase von vermeintlicher Authentizität gedacht, aber doch in Zügen, in Ausprägungen und in immer neuen Schattierungen. In diesem Sinne sind die „Minima Moralia“ ein Buch im Geiste Prousts: der genaue Blick aufs Selbst und die Umgebung, das Verfahren ist ästhetisch inspiriert und doch erschöpft es sich nicht im Ästhetizismus oder im reinen Beobachten, und noch viel weniger ist es Literatur, selbst wenn Adorno immer wieder Anleihen von dort nimmt und der Stil Adornos literarisch zu nennen ist. Dieses Spiel von Literatur, Kunst und Philosophie zeichnet das Denken Adornos bis heute aus. In seiner Zueignung des Buches an Max Horkheimer heißt es zur Methode:

„Der spezifische Ansatz der Minima Moralia, eben der Versuch, Momente der gemeinsamen Philosophie von subjektiver Erfahrung her darzustellen, bedingt es, daß die Stücke nicht durchaus vor der Philosophie bestehen, von der sie doch selber ein Stück sind. Das will das Lose und Unverbindliche der Form, der Verzicht auf expliziten theoretischen Zusammenhang mit ausdrücken. Zugleich möchte solche Askese etwas von dem Unrecht wieder gutmachen, daß einer allein an dem weiterarbeitete, was doch nur von beiden vollbracht werden kann, und wovon wir nicht ablassen.“

Das Lose und Unverbindliche der Form mag so zu lesen sein, als schriebe sich hier ein Text, der aus der streng akademischen Philosophie fiele. Das ist einerseits richtig. Andererseits findet sich gerade im Überschuß solcher Reflexion das wieder, was wir mit dem Begriff Theorie bezeichnen: Geistig anschauen, betrachten und erkennen. Philosophie mithin. Theorie als Überschuß, ebenso übers rein Diskursive, ist eine Variante auch der akademischen Philosophie. Sie kann uns durch ein spielerisches, ein experimentierendes oder literarisches Verfahren Aspekte von Welt und von Selbst aufschließen, die in der bloßen Ratio verschlossen bleiben. Experimente im Denken – was allerdings kein Freibrief fürs Irrationale oder den Jargon poststrukturaler Eigentlichkeit ist, dessen sich langweilige Epigonen befleißigen, die in vermeintlicher Freiheit doch nur das Gleiche produzieren, was sie als Experiment tarnen, kulturindustrielles Gewäsch nämlich oder genauer gesagt die inzwischen eingeschliffene Phrase. Es kommt aber in der Theorie auf einen Blick an, der mehr auffaßt als das Arrivierte – schwierig zu leisten ist dies allemal, und es erfordert Anstregung, Arbeit und Formbewußtsein:

„Exakte Phantasie eines Dissentierenden kann mehr sehen als tausend Augen, denen die rosarote Einheitsbrille aufgestülpt ward, die dann, was sie erblicken, mit der Allgemeinheit des Wahren verwechseln und regredieren. Dem widerstrebt die Individuation der Erkenntnis. Nicht nur hängt von dieser, der Differenzierung, die Wahrnehmung des Objekts ab: ebenso ist sie selber vom Objekt her konstituiert, das in ihr gleichsam seine restitutio in integrum verlangt. Gleichwohl bedürfen die subjektiven Reaktionsweisen, deren das Objekt bedarf, ihrerseits unablässig der Korrektur am Objekt. Sie vollzieht sich in der Selbstreflexion, dem Ferment geistiger Erfahrung.“ (Adorno, Negative Dialektik, S. 56 f.)

Oder anders gedacht:

„Subjektiv befreite und metaphysische Erfahrung konvergieren in Humanität. Jeglicher Ausdruck von Hoffnung, wie er von den großen Kunstwerken noch im Zeitalter ihres Verstummens mächtiger ausgeht als von den überlieferten theologischen Texten, ist konfiguriert mit dem des Menschlichen; nirgends unzweideutiger als in den Augenblicken Beethovens. Was bedeutet, nicht alles sei vergebens, ist durch Sympathie mit dem Menschlichen, Selbstbesinnung der Natur in den Subjekten; allein in der Erfahrung der eigenen Naturhaftigkeit entragt der Genius der Natur.“ (Adorno, Negative Dialektik, S. 389)

Kunst kann der Statthalter solcher Wahrheit sein. Und auch darin, im ästhetischen Verfahren, mithin im Sinne des Formbegriffs, wie ihn Adorno auch in den „Minima Moralia“ praktiziert, liegt jene Hoffnung, die uns, wie es in Benjamins Wahlverwandtschaften-Buch heißt, gerade um des Hoffnungslosen willen gegeben ist. Am Ende eine Frage der ästhetischen Praktik. Adornos Gang ins Gebirg endete tödlich.

***

Manche sagen, es hätte Adorno das Busen-Attentat den Rest gegeben. Andererseits können doch, so denke ich, diese Paare germanischer Titten kaum solchen Effekt zeitigen. Späte Rache des deutschen Ariers am jüdischen Intellektuellen. Germanische Brunftstuten, die sich als Erinnyen gebärden. Jene Studentinnen und Studenten zumindest, die aufs unmittelbar Praktische setzten, auch der heutige FR- und BLZ-Journalist Arno Widmann soll an der Planung dieses Angriffs beteiligt gewesen sein, hatten nichts, aber auch gar nichts von Adornos Denken begriffen und daß erotische Lust mehr ist als ein entblößter und bloßer Körper. Adorno tat gut daran, das Institut für Sozialforschung von der Polizei räumen zu lassen. Sein Schaudern und Erschrecken über solchen Auftritt bleibt bis heute wahr. Auch eine Lektion, die wir aus den „Minima Moralia“ herauslesen können. Idiosynkrasien können Seismographen sein. In einem ästhetisch geschulten Bewußtsein kommen sie zum adäquaten Ausdruck.

House of Love – Dialektik der Abklärung

 

Ich würde solche Sätze gerne öfter auf sozialen Medien wie Facebook, diesem Blog oder sonstwo teilen und ich halte sie für bedenkenswert, denn sie beschreiben einen richtigen Impuls. Allein die – sozusagen – kulturindustrielle Vernutzung eines guten Bewußtseins, das einen im Zitieren und Verbreiten solcher inzwischen zur Phrase herabgesunkener Gedanken irgendwie auch selber gut und authentisch macht, allein indem man es zitiert und damit einen klugen Satz zum Ranz bringt, verhindert bei mir jegliches Engagement in diese Richtung. Und so bleibe ich jene Ein-Mann-Kaserne: ästhetisch versteht sich und ohne stramme Haltung und für mich, mit mir und mit meinen Texten. Vielleicht trifft auch besser statt Kaserne die Bezeichnung „Wachlokal“, da steckt der Lokus, der Ort und vor allem das Lokal als Kneipe darin, wo das Man, das mein Ich ist, gerne einen Drink drinkt. Und trotzdem mit dem König Alkohol wachsam bleibt gegen das ubiquitäre Phrasengesickere – von rechts oder von links.

Gespräch im Gebirg, hin zum Abend, zur Nacht. Morgen haben wir Adornos 50. Todestag. Beim Aufstieg verstummt. Es bleibt viel zu lernen. Wir sollten uns nicht von den Anbräunern irritieren lassen. Vorwärts immer, rückwärts nimmer.  Oder vielleicht Krebsgang.

Read on, my dear, read on! Von den Opferfiktionen und ausgedachter Vita – Zum Fall Read on

„Komm, lass uns was lesen gehen.
Atlantic sea salt on my tongue.

Somewhere in Ireland
Beigetreten Dezember 2016″
(Twitter-Account von @MlleReadOn)

 

Ich habe am 3. Juni, die Zeit vergeht schnell und doch kommt einem diese Phase von Sommer wie eine Ewigkeit vor, einen Beitrag zu Marie Sophie Hingst geschrieben, auch bekannt unter dem Bloggernamen „Fräulein Read on“. Marie Sophie Hingst hat sich am 17. Juni das Leben genommen, wie gestern zu lesen war. Eine tragische Verquickung sehr unterschiedlicher disparater Umstände. Der Spiegel berichtete seinerzeit über Unstimmigkeiten in ihrer Vita, indem er Hingst scheinbar zu einem Interview einlud, in Wahrheit aber ging es darum, Fräulein Read ons tatsächliche Identität zu klären und sie mit problematischen Fakten zu konfrontieren. Eine Zeitung muß einerseits davon berichten, wenn eine Biographie in Teilen ausgedacht oder zusammengereimt ist, wenn jemand sich jüdische Wurzeln gibt, die er möglicherweise gar nicht hat.

Wenn man als Redakteur jedoch bemerkt, wie problematisch es um die Psyche und die Konstitution dieser Person bestellt ist – was dann tun? Ich weiß es nicht, vielleicht haben Menschen versucht, diesem armen Menschenkind zu helfen. Vielleicht hat es die arme arme Mutter dieser Frau versucht, vielleicht gute Freunde, die ihr auch nach all dem, was war, blieben. Daran zeigen sich wahre Freunde: daß sie zu einem stehen, auch in der höchsten Not, und es scheiden sich die Mitläufer. Ich weiß es alles nicht, es ist für eine Mutter entsetzlich, ihr Kind zu verlieren. Das ist es, woran ich denke und wie so etwas geschehen kann und wie verzweifelt ein Mensch sein muß, wenn seine kleine und feine Welt zusammenbricht und wenn man sich mit alledem überhoben hat. Sich das Leben zu nehmen: Das Gegenteil von dem, was dieser Satz auch sagen könnte. Ein Fall für die Literatur und doch ist es das ganz traurige, das schäbige Leben. Es ist eben leider doch keine Literatur.

Der Titel „Zum Fall Read on“ ist nun doppelsinnig geworden: es wurde Marie Sophie Hingsts Fall, im wahrsten Sinne des Wortes. Schwierig dazu die passenden Gedanken zu finden.

Abgesehen von einigen polemischen Einstreuseln, über die man streiten kann, hat Don Alphonso auf seinem Blog „Rebellen ohne Markt“ einen bewegenden und persönlichen Text geschrieben.

Ansonsten stelle ich an dieser Stelle noch einmal meine Sicht dazu da – es handelt dieser Essay vom Authentischen, von den Fiktionen, vom Spiel mit Identität als Literatur und auch im Realen. Und im Rückblick handelt der Text eben auch von einer sich aufsteigernden Kommunikation, einem Sich-hoch-Schaukeln und einer solch breiten Öffentlichkeit, daß es einem in dieser Welt nicht mehr zu leben vergönnt ist. „Es war, als sollte die Scham ihn überleben.“ (Franz Kafka, Der Proceß)

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Neu ist dieses Phänomen nicht: daß sich Menschen, die keine Juden sind, eine jüdische Identität andichten, wie etwa kürzlich Wolfgang Seibert in dem Städtchen Pinneberg im Nordwesten Hamburgs. Seibert log über seine jüdische Herkunft. Oder es präsentierten Menschen sich als Opfer des Holocaust, obgleich sie es nicht sind – prominent etwa beim Fall Binjamin Wilkomirski zu sehen, der tatsächlich unter dem Namen Bruno Dössekker aufwuchs und nie in einem KZ saß. Unter dem Namen Wilkomirski dichtete er sich zum KZ-Überlebenden um und schrieb mit „Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939–1948“ eine bei Suhrkamp veröffentlichte Autobiographie. Ähnlich gelagert der Fall Misha Defonseca, die ihre Vita fälschte.

Nun ist freilich nichts dagegen zu sagen, wenn sich Menschen Geschichten ausdenken oder sich ein anderes Leben erfinden, mithin Fiktionen produzieren. Sofern jedoch die Fiktion als eigene Vita ausgegeben wird und solchermaßen ein Stück der faktischen Realität wird, dann fängt es an problematisch zu werden, insbesondere wenn daraus ein moralischer Mehrwert geschlagen wurde oder man mit seinem eignen Leben als Beispiel anderen eine Mahnung sein will. Gut gemeint vielleicht, aber schlecht gemacht. Daß das Spiel zwischen Literatur und Wirklichkeit durchaus auch eine literarische und damit auch eine ästhetisch legitime Dimension hat, indem bis ins Empirisch-Faktische hinein die Rollen von Autor, Romanfigur und Lebensensemble ins Schwimmen geraten, ist uns schon früh von der Literatur her bekannt, gehört zum Repertoire der Moderne, nicht nur der ästhetischen, man nehmen bereits im frühen 17. Jahrhundert den Don Quichotte oder dann im 20. Jahrhundert Flann O’Brian, Raymond Queneau oder Italo Calvino, wo Romanfiguren ihren Büchern entsteigen und sich sogar mit ihrem Autor anlegen, oder eben Woody Allens „The Purple Rose of Cairo“: ein Filmheld durchbricht die vierte Wand.

Freilich bleiben all diese Fälle in ihrem Medium. Selbst wer das Buch im Buch verläßt, tut dies im Buch. Gleiches beim Film. Und selbst in einem, wie man mutmaßen kann biographischen Roman wie „Vielleicht Esther“ bleibt es am Ende für die Lektüre unerheblich, ob Katja Petrowskaja hier tatsächlich die Vergangenheit ihrer Familie schilderte, tief in die deutsche Geschichte und damit bis nach Nazi-Deutschland reichend, oder ob das eine Fiktion ist. Petrowskaja betreibt kein Spiel mit den Ebenen, sondern sie erzählt uns eine spannende, verwickelte Geschichte. Auch zu den Fragen, was eigentlich Authentizität im Umgang mit unserer Vita bedeutet. Für das, was man in der Literatur den Plot bzw. den Inhalt nennt, ist der Bezug zur empirischen Wirklichkeit gleichgültig. Kann sein, daß die Geschichte tatsächlich so stattfand, kann auch nicht sein.

Primär geht es im literarischen Kunstwerk um ästhetische Stimmigkeit, um ästhetische Wahrheit und nicht um biographische Wahrhaftigkeit. (Das Thema „neuer Biographismus“ als Phänomen der Belletristik, also die Frage nach dem autobiographischen Schreiben bilden hier einen besonderen Bereich, intensiv diskutiert seinerzeit 2016 an den Phänomenen Knausgård, Melle und auch beim Popton von Stuckrad-Barre, führt aber von dem Thema fort, wieweit Fiktion in tatsächlich biographischen Texten oder Blogs erlaubt ist. Denn im Genre Literatur kommt es eben nicht auf faktische Wahrheit an, sondern deren Stimmigkeit ist eine andere. Selbst bei einem (vermeintlich) durch und durch autobiographischem Text wie Max Frischs „Montauk“, wo ein Autor es genau so schreiben will, wie es war.)

Anders sieht dieses Spiel mit der Referenz im Medium Internet aus, nicht nur, was die Kunst und künstlerische Inszenierungen betrifft. Dort finden wir eine neue Form von Darstellung, die den Begriff der personalen Authentizität ins Schwimmen bringt und kritisch hinterfragt. An solcher Stelle wird es postmodern, weil nämlich herkömmliche Unterscheidungen in den Zweifel gezogen bzw. auf ihren Grund befragt oder einfach simuliert oder parodiert werden. Wobei man freilich philosophiekritisch immer mit dazu sagen muß: zieht man die Differenz zwischen Schein und Wirklichkeit komplett ein und nimmt beides als unterschiedslos, so setzt bereits diese Entgrenzung bzw. das Vertauschen der Vorzeichen immer schon voraus, daß es so etwas wie eine Wirklichkeit gibt, die dem Schein entgegensteht und an der die Verschiebung gemessen werden kann. Ansonsten hätte der Begriff des Scheins keinen Sinn und auch der der Wirklichkeit nicht. Solche Spiele sind also dialektisch verfaßt.

Im Ästhetischen, das sich in die Lebenswelt als Trug, als Posse oder als schöne Lüge und sogar als reale Fiktion oder fiktive Realität einschleicht, ergibt das Spiel von Realität und Fiktion, von Schein und Wahrheit literarisch spannende Konstellationen und Geschichten. Prominent und als einer der ersten Autoren, die dieses Changieren betrieben, ist Alban Nikolai Herbst und sein Blog „Die Dschungel.Anderswelt“ zu nennen. Bis heute hin wurde dieses Spiel zwischen realer Person, fiktivem Autor und literarischem Einschlag in seinem Blog und teils auch in seiner Literatur durchgehalten. Oftmals mit anregenden, klugen, witzigen Texten, die auch den Leser mit ins Spiel ziehen. Denn im Dschungel können wir Teil der Literatur werden. Herbst spricht, so etwa in seiner Heidelberger Poetikvorlesung, vom Kybernetischen Realismus. Parallelwelten, Echtzeitwelten, Schnittstellen.

Literatur darf das und wer sich auf Herbsts Blog einläßt, weiß auch, daß gespielt wird. Man wäre geneigt zu sagen: geschwindelt, aber es trifft dieser Begriff es nicht exakt. Literatur schwindelt nicht: ihr Fiktives ist real. Ähnliches seinerzeit mit der Schriftstellerin Aléa Torik (Claus Heck): eine junge rumänische Studentin, die in Berlin lebt. Ein spannendes Spiel der Ebenen zwischen ausgedachter Autorenvita und Roman, zwischen Leben und Netz, wo sich 2013 Leben und Literatur in einem seltsamen Strudel bewegten. (Meine Rezensionen zu ihren Büchern „Das Geräusch des Werdens“ und „Aléasʼ Ich“ finden sich hier im Blog.)

Langer Abschweif, kurzer Sinn: jetzt ist am Wochenende herausgekommen, daß die unter dem Namen Fräulein Read on bloggenden Historikerin Marie Sophie Hingst eine jüdische Vita sich ausdachte. Freilich war sie mir als Historikerin bisher nicht geläufig, sondern lediglich als Bloggerin. Mit Aplomb enttarnte der „Spiegel“ jenes Phänomen von biographischer Dichtung und genealogischer Wahrheit und konfrontierte sie in einem (fingierten) Interview mit den recherchierten Erkenntnissen. Leider wieder einmal in der stilisierten, typischen Spiegel- Dramaturgie, was in der Darstellung den üblichen Beigeschmack hinterläßt

„In die­sem Mo­ment muss Ma­rie So­phie Hingst er­kannt ha­ben, dass ihre Par­al­lel­welt nicht län­ger Be­stand ha­ben wür­de. Eine ge­fähr­li­che Si­tua­ti­on: für ihr Selbst­bild – das of­fen­bar mit der fik­ti­ven Iden­ti­tät fast de­ckungs­gleich ge­wor­den war –, für ihre In­te­gri­tät und na­tür­lich auch für ih­ren Job als Pro­jekt­ma­na­ge­rin ei­nes in­ter­na­tio­na­len IT-Kon­zerns in Dub­lin, den sie im ver­gan­ge­nen Au­gust an­ge­tre­ten hat.“

Hingst betreibt – oder besser: betrieb muß ich schreiben – den Blog „Read on my dear, read on“. Inzwischen ist der Blog geschlossen. Fräulein Read on wurde 2017 zur Bloggerin des Jahres gekürt. Was ich von solchen Preisen halte und auch von den unsäglichen Reden, die dort abgesondert werden, brauche ich hier nicht groß zu schreiben. Dennoch habe ich den einen oder den anderen Artikel in ihrem Blog gerne gelesen, etwa zur „Stasi am Küchentisch“, wo es um den Mißbrauch von Vertrauen ging: wenn der, der in deiner Gegenwart sitzt und dir zuhört, brühwarm es ans Ministerium berichtet.

Nun also das. Und wie immer die Frage nach dem Glashaus und nach den inhaltlichen Kriterien: die doppelten Standards. Darf man faken? Darf man das in einem Blog? Ja, grundsätzlich schon. Aber eben nur, sofern man gewisse Ansprüche und Standards durchhält. Beim Täuschen gibt es Grenzen. Nicht immer leicht auszumachen, fallabhängig oft. In diese Sache aber ist einiges gründlich schief gelaufen, eine Inszenierung lief aus dem Ruder, weil ihre Autorin auf der Wahrheit dieser Inszenierung pochte. Insbesondere deshalb hat die Sache mehr als nur eine Schieflage, weil mit solchem Judentum und einer Holocaust-Vita ein bestimmter Anspruch verbunden ist.

Ob ich mich als Ästhetiker Bersarin im Grandhotel Abgrund mit Riesling und Büchern oder als rumänische Schriftstellerin fiktionalisiere, tut in der Regel niemandem weh und richtet keinen Schaden an. Solange ich in meinem Blog bleibe, solange meine Realitätsansprüche bescheiden sind. Wenn ich schriebe, daß ich im Club Berghain heftigst abtanzte, so tut das niemandem weh, wenn ich in Wahrheit zu Hause im gemütlichen Ohrensessel saß, Apfelsaft trank und für die Berghaingeher nur Lachen übrig hatte. Hinter den Internet-Namen ist es wie unter einer Burka: es könnte dein eigener Onkel darunterstecken, wie einmal eine Afghanische Burka-Punkband kritisch gegen den Repressionsstoff ansang.

Nun also wieder ein ausgedachter Jude. Es wäre freilich, auch literarisch genommen, interessant, ob es ebenso den umgekehrte Fall gibt: Sich eine Täterfamilien-Vita zu stricken, als Nachkomme eines Täters zu bloggen, Lagerarztgeschichten von Opa, Polizeibataillon Ost. Jonathan Littels „Die Wohlgesinnten“, nur diesmal für den Blog und damit auch die Wirklichkeit. Ich habe solches Ausdenken von Nazi-Horror manchmal heimlich in der Phantasie zum Spaß gemacht und mir solche Dinge im Kopf zurechtgelegt. Aber solch Makaberes kann man nicht wirklich öffentlich erzählen oder am Ende sollte eben die Fiktion doch als solche irgendwie kenntlich sein. Also Literatur. Es scheint Grenzen zu geben, zumindest intuitiv, so empfinden wir. Es scheint in bestimmten Erzählungen auch eine moralische Schranke zu existieren.

Nein, neu ist dieses Phänomen in der Tat nicht, man sehe auf die oben geschilderten Fälle. Ich frage mich allerdings, was diese Bloggerin geritten hat und wie sehr man sich in seine eigene Geschichte verstricken kann. Ich las zwar bei „Read on“ selten, doch es war ein durchaus angenehmer Blog, teils gut geschriebene Texte, manchmal freilich zu zuckerig, wenn ich mich recht erinnere. Und ich frage mich, was jetzt in Fräulein Read on vorgehen mag. Wie sitzt man da, was denkt man? Das interessiert mich mindestens genauso wie die psychologischen oder biographischen Motivationen, sich eine solche Geschichte auszudenken. Es mag dies mit einer übermäßigen Opferidentifikation zu tun haben, vielleicht auch mit einer Selbsterhöhung oder einer missionarischen Ader, die Leute vor etwas zu warnen, vielleicht auch bezieht man einen hohen Teil seines Selbstwertgefühls aus solcher Mission. Viele Motive sind möglich, es bleibt Spekulation.

Doch das Davor scheint mir zumindest von der Struktur her klar: Jemand verstrickt sich in ein Netz aus Geschichten. Ein wenig auch Narzißmus, eine Geschichte, die langsam in den Kopf einsickert und man merkt nach den ersten Reaktionen der Leser: es fährt sich gut damit, die Leute wollen das. Relotius ist ebenfalls ein solcher Typus. Und man möchte nicht wissen, wie viele Juden, die keine Juden sind, sich in Foren wie haGalil bewegen und in moralischem Verve gegen den Goj, gegen den Schmock auftrumpfen. Aber was machen diese Leute danach? Was tun sie, wenn die Chose aufgeflogen ist? Was geht in Marie Sophie Hingst vor? Eigentlich bräuchten Hingst oder Relotius doch sofort eine professionelle Hilfe. Eine Welt, in der man bisher gut lebte, ist gebrochen. Für die Öffentlichkeit ist man unmöglich geworden. Weshalb ich, wo alle „Kreuzigt ihn!“ rufen, eine Tendenz zum Moderaten habe, sofern jemand sich im Gang der Dinge doch über seinen Fehlgriff klar wird. Ich finde das Danach sehr viel tragischer. Da beginnt für mich die eigentliche Geschichte. Manche schaffen es ja wieder nach draußen, ins Öffentliche. Tom Kummer etwa, der dieses Jahr in Klagenfurt lesen wird. Manche regt das auf, ich aber möchte schon noch die Ebenen unterschieden wissen. Und wenn für jemanden, der aus dem Knast kommt, gilt, daß er seine Strafe verbüßt habe, sollte dies auch für Personen gelten, die sich anderer Verfehlungen schuldig machten. Es gibt ein Recht auf Neuanfang.

Ich will damit das Verhalten nicht entschuldigen, denn willig sahnte man die Preise ab, ließ sich belobhudeln, sonnte sich im Glanz, der anderen eben nicht zuteil wurde: sei es Relotius, sei es Hingst – so unterschiedlich ihre Fälle ansonsten auch sind, der von Relotius ist zumindest für den Journalismus deutlich dramatischer und zeigt eine unheilvolle Tendenz, wie man in Redaktionsstuben gerne die Texte haben wollte, teils auch wieder in der Spiegel-Enthüllung zu lesen. Dennoch: beim Steine-Schmeißen macht es sich diese Gesellschaft viel zu leicht. All die Leser (oder zumindest viele) bekamen genau die Geschichten, die sie lesen wollten. Da hatten sich zwei gefunden. Rührseliger Opferschmonzes, so zumindest denkt man hinterher, dramatisch aufgepeppte Szenen. Texte fürs Gefühl – hätte ich in den Blog tiefer hineingelesen, wäre mir da ganz sicher aufgestoßen. Gegen den Kitsch der guten Gesinnung und das Eiapopeia mit Juden oder mit Negern bin ich grundsätzlich allergisch. Wir müssen lernen, kritisch zu lesen. Aber gegen Lügen, die glaubwürdig präsentiert werden, hat es eben auch das kritische Lesen schwer. Da lobe ich mir dann doch wieder die Literatur. Sie darf alles, sie kann alles. Nur eben darf sie nicht ästhetisch mißlingen.

Zum 20. Juli 1944 und zu einem Artikel auf den „NachDenkseiten“

Am 26. Juli erschien auf den (ansonsten lesenswerten) NachDenkseiten ein Text mit dem Titel „Verschwörung in der Verschwörung“. Der Artikel stammt von Werner Rügemer und handelt vom Widerstand des 20. Juli sowie der Verquickung des OSS, also der Auslandsspionage der USA, und insbesondere geht es darin um die Aktivitäten des durchaus fragwürden Allen Dulles, in den frühen 1940er Jahren im Auftrag des OSS Gesandter in der Schweiz, mit guten Kontakten nach Deutschland und zum Widerstand, von 1953 bis 1961 Direktor des CIA und in dieser Zeit an zahlreichen politischen Aktionen wie der Ermordung des kongolesischen Präsidenten Lumumba und an Regimewechseln im Iran und in Guatemala beteiligt, außerdem Mitglied der Warren-Kommission, die zum Tod von JFK ermittelte. Keine angenehme Person. Gute Voraussetzungen also für steile Thesen und für ein geschichtliches Mischmasch.

Herausgekommen ist ein schlecht recherchierter Text. Argumentativ schwach dazu. Es wird ein simples Narrativ geboten, geschichtliche Fakten werden unterschlagen. So rührt der Autor einen kruden Brei. Dabei geht Rügemer der Frage nach, wieweit die westlichen Alliierten von Dullesʼ Wissen Gebrauch gemacht haben, um einen Regime-Sturz in Deutschland vorzubereiten beziehungsweise zu verhindern, wie der Autor nahezulegen versucht. Rügemer versucht zu zeigen, wie jene Regierungen von Großbritannien und den USA angeblich die eigene Bevölkerung darüber täuschten, in dem sie verbreiteten, alle Deutschen wären Nazis und dazu Dullesʼ Recherchen unterdrückten, es gäbe in Deutschland einen breiten Widerstand. Das gipfelt bei Rügemer in dem Satz:

„Merke, auch für heute: Regierungspropaganda und reales (Geheimdienst-)Wissen sind zwei sehr verschiedene Dinge! Fake information, fake production – sie kann auch darin bestehen, dass das Gegenteil von dem behauptet wird, was man weiß.“

Intuitiv würden diesem Satz manche zustimmen. Geheimdienste sind oft böse und die Regierungen ebenfalls. Mittels solcher vagen Konstrukte ist es leicht, der Leser nickt. Schaut man sich aber den Gang von Rügemers Argumentation an, kann man schnell merken, mit welchen rhetorischen Tricks er arbeitet und wie vermeintliche Argumente sich als Fehlschlüsse erweisen.

Warum dieser Aufwand und dieser lange Text? Ich will zum einen zeigen, daß vermeintlich Gutes mit unlauteren Methoden zum Schlechten gerät und nicht nur argumentativ, sondern auch von der Sache her schlecht ist, und ich will zeigen, daß die Abwägung verschiedener Hinsichten einer Sache (hier des Widerstands vom 20. Juli und der Reaktion der Alliierten darauf) und das heißt also die komplexe Entfaltung eines geschichtlichen Sachverhaltes besser ist als eine perspektivische Verengung des gesellschaftskritischen Blicks zugunsten einer im Kopf bereits vorab festgezimmerten These. Passiert solcher Tunnelblick, verrennt man sich wie Rügemer in dogmatische Verabsolutierungen, paßt mit Gewalt die Fakten an die eigene Ideologie an  – das also, was Rügemer „Fake information“ nennt und eben auch anderen vorwirft – und zieht unlautere Schlüsse, die sich bei umfassender Sichtung des Materials nicht ergeben hätten. Ob Rügemer dies in bewußt und in manipulierender Absicht macht oder ob er um die Fehlerhaftigkeit seiner Argumente nicht weiß, spielt dabei keine Rolle, da es hier nicht um die Intentionen eines Autors geht, sondern um die stringente Argumentation und die Rolle von historischen Ereignissen und Zusammenhängen. Insofern ist Rügemers Text darin auch wieder gelungen: denn er eignet sich immerhin als Beispiel, um zu studieren, was passiert, wenn im Denken eines Autors festgefahrene Thesen sich verabsolutieren und man dabei zu unsauberen Konstruktionen greift und nicht ins Gerüst passende Fakten unterschlägt, um seine These auf Teufel komm raus zu validieren.

Was Rügemers Text freilich ärgerlich und vor allem journalistisch unseriös macht, sind die polemischen Mittel und rhetorische Tricks, um bestimmte Denkmuster beim Leser zu installieren und mittels logisch falscher Übertragungen geschichtliche und politische Aspekte zu analogisieren, die nicht analog sind. Ärgerlich ist vor allem die methodisch unsaubere Arbeit des Autors sowie eine Guilty-by-Association-Logik, indem Aspekte, die nicht im selben Kontext stehen, auf Verdacht aneinander gekettet werden, um rhetorisch eine bestimmte „Stimmung“ zu erzeugen, die dann unbezüglich und qua eines Fehlschlusses durch Assoziation kurzerhand als Pauschalanwurf auf die Gegenwart umgebogen wird. Diese polemische Absicht, als bewußt rhetorische Verzerrung in diesem Artikel (eine von mehreren, nebenbei), zeigt sich kondensiert im letzten Satz des Textes, an dem ich dessen Mängel aufzeigen möchte:

„Wer das missglückte Attentat vom 20. Juli 1944 so als Vorbild feiert – und sich zudem auch noch die Beleidigung der Attentäter durch Churchill kommentarlos gefallen lässt – wie die diskreditierte herrschende Klasse in Deutschland, scheint bereit zu sein, vergleichbare Opfer auch heute hinzunehmen. Man ist ja schon mittendrin.“

Zunächst einmal: Etwas nicht zu erwähnen („sich […] kommentarlos gefallen lässt“), heißt nicht, es bereits zu goutieren (argumentum e silentio) – insofern läßt sich daraus zunächst mal gar nichts ableiten und der Satz bleibt eine sophistische Hülse. Churchills Äußerungen (so wie Rügemer sie wiedergibt: „Churchill: ‚Nur ein Kampf der Hunde untereinander‘“) entstammen zudem einer Zeit, in der Krieg herrschte. Und wer je von London oder Coventry hört – und davor Warschau, von der Wannseekonferenz im Januar 1942, die dann im Holocaust terminierte, ganz zu schweigen, alles Ereignisse übrigens, die vor der Operation Gomorrha stattfanden –, wird sich ein Bild machen können, in welchem Zustand sich Europa befand und was Churchills Äußerungen motivierte. Daß Churchill 1944, also nachdem Nazideutschland praktisch schon in Trümmern lag „not amused“ von dieser nacheilenden Tat war, kann man nicht nur aus historischer Perspektive, sondern vor allem aus Churchills Gegenwart heraus nachvollziehen und es ist ist von dort aus auch begründbar. Auch hier wirft Rügemer völlig unterschiedliche Perspektiven in einen Topf und verrührt diese, um daraus dann seine krude Sicht zu gewinnen.

Weshalb die „herrschende Klasse“ – wer immer das sein mag, Rügemer schweigt darüber, Genauigkeit ist seine Sache auch an dieser Stelle nicht – diskreditiert sein soll, der muß das schon belegen. Die, die heute den 20. Juli feiern, waren kaum mehr am NS-Regime beteiligt – durch die NS-Zeit kann diese „Klasse“ also kaum diskreditiert sein. Dadurch, daß sie die Attentäter feiert, ebenfalls nicht. Vielleicht ist sie aber einfach auch nur deshalb diskreditiert, weil sie Rügemers Ansicht nicht teilt. (Davon ab, daß solche Akte in der Regel symbolisch sind und zum Gedenken dienen. Sie sind nicht dazu da, Differenzen und Debatten von Historikern irgendwie zum Thema zu machen.)

Der Association Fallacy des „ vergleichbare Opfer auch heute hinzunehmen. Man ist ja schon mittendrin“, mit dem hier einfach Unverbundenes qua eines Tricks zusammengeschlossen wird, um zu diskreditieren, funktioniert ebenfalls nicht und erweist sich als Floskel, mit der rhetorische Effekte erzeugt werden sollen, um beim Leser eine Stimmung zu erzeugen. Welche Opfer das konkret sind, wird dann von Rügemer im Nebel des Unwissens gelassen: so kann dann jeder selbst in freier Assoziation hinzufügen, was ihm gerade an Opfern einfällt. Der Sache ist das nicht dienlich, um es sehr höflich zu umschreiben.

Weiterhin müßte Rügemer Roß und Reiter nennen und sagen, wer hier was und in welchem Kontext als Vorbild feiert, sonst bleibt das nämlich Ausdenk-Internetz. Und wo man „schon mittendrin“ ist, möchte ich als Leser dann ebenfalls gerne wissen. Wenn man solche Sätze liest, scheint es dem Autor insofern mehr um Polemik zu gehen statt um sachliche Auseinandersetzung mit dem 20. Juli, und dazu greift man gerne in die rhetorische Trickkiste und verquickt manches mit manchem.

Auch der Auftakt des Textes bereits in problematischem und sophistischem Modus:

„In BILD, ZEIT, Süddeutsche, ARD, ZDF, bei der Bundeskanzlerin und auch in der aufklärerischen junge Welt: Bei allen Würdigungen des Attentats auf Hitler vom 20. Juli 1944 blieb auch zum 75. Jahrestag ein Beteiligter verbissen ausgeblendet: Der US-Geheimdienst Office of Strategic Services (OSS).“

Davon einmal abgesehen, daß all die genannten und sehr unterschiedlichen Medien den 20. Juli in ganz unterschiedlichen Aspekten beleuchteten, ist nicht ersichtlich, weshalb für diese Betrachtung ausgerechnet der OSS zentral bzw. erwähnenswert sein sollte. Weil eine Sache X für Rügemer interessant ist, muß sie es nicht für andere sein und es lassen sich durchs „Nichtnennen“ ebensowenig irgendwelche Verschleierungstendenzen ableiten („verbissen ausgeblendet“). Woher nimmt Rügemer das „Verbissen“? Saß er mit in den Redaktionen und blickte in verkniffene Gesichter?

Rügemers erwähnt also den OSS. Dazu muß man freilich einige Aspekte ergänzen: Daß Geheimdienste notwendige Aufklärungsarbeit leisteten, insbesondere der OSS, in dem auch manche der vor den Faschisten geflohenen Emigranten mitarbeiteten, um gegen Hitler zu kämpfen, und daß solche Geheimdienste in der militärischen Arbeit gegen das faschistische Deutschland unerläßlich waren, sollte man hier noch als weitere These beifügen. Dazu gehören dann auch die erwähnten Kontexte und die Kontakte zum deutschen Widerstand. Dann bekommen die Ausführungen von Rügemer ein doch etwas anderes Licht als diese polemische und rhetorisch Volte, und es zeigt sich, wie notwendig Dullesʼ Arbeit der Informationsbeschaffung war, um nicht nur ein faschistisches Deutschland zu besiegen (und vor allem zu beseitigen!), sondern auch, um die Gefahren einer nicht minder brutalen Diktatur von Stalin zu bannen und im Zaum zu halten.

Daß es Stalin ganz gut auch mit anderen Diktaturen aushalten kann, zeigte der Hitler-Stalin-Pakt von 1939. Und daß für Stalin auch mit einem eher national-rechts-deutschen, nicht-demokratischen Deutschland der Widerständler politisch sich besser leben ließe als unter einer liberalen und zudem kapitalistisch organisierten Demokratie im Stile der USA oder Großbritanniens, ist eine Annahme, die ebensowenig auszuschließen ist und deshalb nicht unerwähnt bleiben sollte, wenn man die Beziehungen der Sowjetunion zu den Deutschen im Dritten Reich sich betrachtet, wie Rügemer das in seinem Artikel macht. Und womöglich ist es auch leichter, ein von der rechten Diktatur infiziertes Volk nun für eine „linke“, stalinistische Diktatur umzubiegen.

Weiterhin: Wenn, wie Rügemer schreibt, Dulles konstatiere, es gäbe einen breiten Widerstand, dann muß er dies schon genau zeigen. („Aber Dulles konstatierte: Es gab einen breiten Widerstand.“) Denn selbst wenn Dulles das konstatiert, muß es deshalb nicht richtig sein. Insofern ist es erforderlich, daß Rügemer zeigt, wie dieser „breite Widerstand“ ausgesehen haben soll bzw. was Rügemer unter dem Wort „breit“ versteht, wenn er diese Dulles-These als Grundlage seiner eigenen These verwendet. Insofern ist der Text auch an dieser Stelle schwach argumentiert. Stürzt diese These stürzt nämlich die gesamte Argumentation des Textes.

Öffentlicher Protest der Deutschen gegen Hitler und damit politisch größerer Widerstand in verschiedenen Formen kann mit dem Wort „breit“ nicht gemeint sein. Denn der Straßenprotest und der Widerstand gegen Hitler um 1933 und auch die Jahre danach und als dann zunehmend Juden sowie politische Gegner drangsaliert und am Ende liquidiert wurden, blieb nicht nur weitgehend, sondern fast vollständig aus. Er fand allenfalls im privaten Kreis statt. Wenn wir es durchzählten vielleicht ein paar zehntausend Menschen – von etwa 80 Millionen Reichsbürgern, von denen man Kinder und Alte abziehen muß, so daß man vielleicht bei 50 Millionen Menschen ist. Breiter Widerstand wäre dann, wenn mindestens die Hälfte wenn nicht mehr Menschen auf die Barrikaden gegangen wären. Sind sie aber nicht.

Hier vom „breiten Widerstand“ zu sprechen, bedeutet, den Begriff „breit“ in eigenwilliger Weise zu gebrauchen. Der überwiegende Teil der Deutschen tat mit, war begeistert oder schwieg eben aus Angst. Das NS-Regime wurde von großen Teilen der Bevölkerung getragen – so wie es Churchill und Roosevelt eben auch sagten und wie es Franz Neumanns „Behemoth“, den Rügemer zitiert, und auch zahlreiche weitere Forschung nahelegt. Das Regime um Hitler wurde getragen von Menschen, die aus der Arbeitslosigkeit und aus Krisenjahren kamen und die jene Versorgungsdiktatur goutierten und mehr als das: die soziale Fürsorge durch den NS-Staat wurde akzeptiert und manches andere ebenso. Wo der breite Widerstand gegen Hitler war, das müßte uns Werner Rügemer schon zeigen.

Vor diesem Hintergrund erscheinen solche Sätze dann in einem etwas anderen Licht und es wird gut die polemische und verzerrende Absicht dahinter deutlich:

„Damit zeichnete der Geheimdienstler [Dulles] ein ganz anderes Bild als damals die US-Regierung und vor allem das State Department öffentlich propagierten: Ganz Deutschland sei im Griff der Nazis, alle Deutschen seien Nazis, der Terror seit total. Dulles schickte seine Berichte unter dem Codewort breaker (Brecher) nach Washington. Aber Roosevelt und seine Generäle logen weiter, Churchill machte begeistert mit: Alle Deutschen sind Nazis!“

Davon ab, daß man sich für diese Aussagen von Roosevelt und Churchill Quellenbelege und den Kontext wünscht, in dem diese Sätze gesagt worden sind: Nach dem Stand der Dinge bzw. der Forschung kann man sagen, daß Deutschland ein tief vom Germano-Faschismus durchdrungenes Land war. Die paar zehntausend Leute bildeten eben kein Gegengewicht. Und von „breitem Widerstand“ kann schon gar nicht die Rede sein.

Daß die westlichen Alliierten und insbesondere die britische Regierung 1944 und bereits schon Ende 1941 nicht mehr an Umsturzplänen interessiert waren, dürfte ebenfalls naheliegend sein: Deutschlands militärische Niederlage zeichnete sich zunehmend ab. Der Verstoß in Nordafrika kam zum Erliegen und auch an der russischen Front lief es nicht wie gewünscht. Und bereits Sir Winston Churchills seit 1940 anhaltender Widerstand gegen Hitler, obwohl er mit ihm nach dem Fall Frankreichs durchaus ein Agreement hätte aushandeln können, zeigt die konsequente Haltung dieses Staatsmannes. Churchills Worte, am 13 Mai 1940 in Westminster:

“Sir, to form an Administration of this scale and complexity is a serious undertaking in itself, but it must be remembered that we are in the preliminary stage of one of the greatest battles in history, that we are in action at many points in Norway and in Holland, that we have to be prepared in the Mediterranean, that the air battle is continuous and that many preparations have to be made here at home. In this crisis I hope I may be pardoned if I do not address the House at any length today. I hope that any of my friends and colleagues, or former colleagues, who are affected by the political reconstruction, will make all allowances for any lack of ceremony with which it has been necessary to act. I would say to the House, as I said to those who have joined the government: „I have nothing to offer but blood, toil, tears and sweat.“

We have before us an ordeal of the most grievous kind. We have before us many, many long months of struggle and of suffering. You ask, what is our policy? I will say: It is to wage war, by sea, land and air, with all our might and with all the strength that God can give us; to wage war against a monstrous tyranny, never surpassed in the dark and lamentable catalogue of human crime. That is our policy. You ask, what is our aim? I can answer in one word: victory. Victory at all costs, victory in spite of all terror, victory, however long and hard the road may be; for without victory, there is no survival. Let that be realised; no survival for the British Empire, no survival for all that the British Empire has stood for, no survival for the urge and impulse of the ages, that mankind will move forward towards its goal.”

Ein großer Politiker, ein Staatsmann und in Europa der einzige Politiker, der gegen Hitler, gegen die deutschen und die italienischen Faschisten vehement Widerstand leistete. Während der blutige Diktator Stalin, in dessen Land die Menschen verschwanden, mit Hitler paktierte.

Auch aus den Erfahrungen des ersten Weltkrieges heraus, lag es nahe, es nicht noch einmal zu solch einer desolaten Situation kommen zu lassen und das besiegte Land nicht zu besetzen: Das Deutsche Reich bestand 1918 weiter, die alten Kräfte konnten nicht nur subkutan wirken, sondern sie taten es bis in die Regierungsebene hinein. Bis auf das Rheinland und das Saarland stand Deutschland 1919 nicht unter alliierter Militärverwaltung. Das, was aus dieser Situation damals erwuchs, wollte man sich für ein zweites Mal ersparen, auch im Hinblick auf zwei Weltkriege, die von Deutschland ausgingen. Insofern kam nur die bedingungslose Kapitulation, wie sie 1943 auf der Konferenz von Casablanca von den westlichen Alliierten beschlossen wurde (Stalin war ebenfalls eingeladen, aber reiste nicht an) infrage. Auch dieses Motiv der westlichen Alliierten ist mitzunennen. Die Alliierten waren nicht an einem konservativ-rechts-nationalen Deutschland interessiert und in diesem Sinne konstatierte Churchill ganz richtig, daß es nur ein Kampf der Hunde untereinander war. Ende 1943 dann, auf der Konferenz von Teheran wurde zwischen den drei Alliierten (dem sowjetischen Diktator Stalin sowie dem Präsidenten Roosevelt und dem Premierminister Churchill) neben der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands ebenso die Aufteilung Deutschlands beschlossen.

Rügemer hingegen mutmaßt:

„Der Widerstand durfte keinen Erfolg haben, denn der hätte nur „den Russen“ genützt und möglicherweise zu Friedensverhandlungen geführt. Die Feindschaft des Westens gegen die Sowjetunion mit der Gefahr eines neuen Krieges hatte spätestens schon 1943 begonnen – eine Kontinuität bis heute.“

Wenn es darum ginge, die UdSSR unter Stalin kleinzuhalten und es ausschließlich auf ein Wettrennen der unterschiedlichen Blöcke ankäme, wie Rügemer nahelegt, und wenn es das Ziel wäre, eine kommunistische Diktatur sowjetisch-stalinistischen Vorbilds in Mitteleuropa zu verhindern (was glücklicherweise für den westlichen Teil Deutschlands immerhin gelang. Leider nicht für Polen, Ungarn, Ostdeutschland, die Tschechoslowakei, Rumänien und Bulgarien), dann bleibt es unverständlich, weshalb in Teheran ein gemeinsames Vorgehen der Alliierten abgestimmt wurde und es bleibt unklar, weshalb die USA das Lend-Lease-Programm  für die Sowjetunion erst am 12. Mai 1945, also einige Tage nach der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches, auslaufen ließen.

Ohne den Treibstoff der USA wäre kaum ein sowjetisches Flugzeug geflogen und nur wenig Panzer gefahren. Die Kriegswende 1942/43 ist auch durch die umfangreichen Lieferungen an Logistik, Panzern, Flugzeugen, Schiffen, Lokomotiven, LKWs, Stahl, Lebensmitteln bis hin zu Soldatenstiefeln erklärbar. Diesen Umstand sollte der Artikel ebenfalls erwähnen. Da er aber einseitig den Blick auf einen konservativen Geheimdienstmann richtet, geraten Rügemer solche Aspekte aus dem Blick und er muß durch solche Perspektivenverengung dann zu einer monolithischen und verkürzten Darstellung gelangen. Von der „Verschwörung in der Verschwörung“ bleibt jedoch am Ende nicht viel übrig, wenn man sich die historischen Fakten genauer betrachtet.

Solche polemischen Sätze insbesondere zeigen dann gut, wohin die Reise von Rügemer geht:

„Ebenso wurden im weiteren Verlauf des totalen westlichen Krieges die ungleich zahlreicheren Kriegsopfer auf ziviler und militärischer Seite hingenommen: Unconditional surrender!“

Davon ab, daß die „Logik“ einer solchen Argumentation ebenso von einem Funktionär der NPD stammen könnte, schön unter Aufgreifung von Goebbels totalem Krieg als Triggerwort, besteht der rhetorische Trick zunächst einmal darin, Täter und Opfern zu vertauschen und weiterhin zu unterschlagen, daß die bedingungslose Kapitulation Deutschlands durch die Widerständler und die verbleibenden Generäle sofort die Einstellung der Kriegshandlungen nach sich gezogen hätte. Darüber aber wollten viele der Generäle, die unter Hitler dienten, nicht verhandeln, ebensowenig die Widerständller, und die westlichen Alliierten wollten sich auch nicht auf einen Separatfrieden einlassen, bei dem das Deutsche Reich dann weiter gegen die UdSSR gekämpft hätte, wie von Teilen der Generäle angedacht. Soviel nur zu dem herbeikonstruierten Narrativ, den westlichen Alliierten ginge es darum, bereits 1943, also inmitten des 2. Weltkrieges auf Konfrontationskurs zur Sowjetunion zu gehen. Solche Passagen und Insinuierungen Rügemers geben dem Thema eine mehr als bedenkliche Note.

Daß übrigens – zum Abschluß – die lesenswerte und bis heute bahnbrechende Studie „Behemoth“ von Franz Neumann zwar „den Terrorapparat [schilderte], ohne auf die frühe Förderung Hitlers durch die großen Kapitalisten wie Ford und Krupp einzugehen“ bedarf eigentlich keiner Erwähnung, denn es war eben letzteres gar nicht die Absicht der Studie, den militärisch-industriellen Komplex vor Hitler auszuleuchten, sondern „Behemoth“ befaßt sich in soziologischer Absicht mit den internen Funktionsabläufen des NS-Staates. Man merkt es dem Artikel noch in den kleinsten Stellen, selbst in einer Fußnote an: Auch hier wieder wird Rhetorik eingestreut, um eine bestimmte Richtung zu insinuieren. Daß übrigens Werner Rügemers Text nicht auf die Verbrechen Hitlers und den Völkermord Stalins eingeht, bedürfte wohl ebensowenig einer besonderen Erwähnung. Insofern frage ich mich, was die Absicht solcher von außen an eine Sache herangetragener Sichtweisen ist.

[Franz Neumanns „Behemoth wurde kürzlich wieder neu aufgelegt, dazu auch Herwig Finkeldey auf „tell“ mit einem guten Lektüretip.]

Mit all dem tut Rügemer dem Thema keinen Gefallen – und auch den NachDenkseiten am Ende nicht. Gegen Rügemers Text spricht sein methodisch ungenaues Arbeiten und seine Verabsolutierung einer These zu einer Seite hin – bereits im Titel zeigt sich die Schlagseite des Textes. Durch solche systematische Verzerrungen bekommt ein historischer Aspekt eine erhebliche Schieflage. Bezieht man jedoch all die von mir genannten unterschiedlichen Hinweise mit ein, bekommt diese Angelegenheit eine doch etwas breitere Perspektive und ist deutlich komplexer als eine bloße Geheimdienstgeschichte samt verschwörerisch-böse US-Staatsmänner sowie einem böse-finsteren Churchill. Die Ironie dieser Sache ist dabei: Das was Rügemer den USA und Churchill vorwirft, betreibt er genau in dem selben Maß: nämlich die Produktion von Ideologie. Es ist jedoch wichtig, gerade an solchen doch relativ simplen Texten zu zeigen, wie die Produktion von gesellschaftlichem Schein und von falschem Bewußtsein funktioniert.

 

[Photographie, Quelle: Wikipedia, gemeinfrei]

Europa, Großwetterlage, Anchorage

Im Zuge der Großwetterlage über Europa im Monat August bald  – wir erinnern uns ebensosehr an Musils Auftakt im „Der Mann ohne Eigenschaften“, aber auch an die Hunds(post)tage – angesichts der gegenwärtigen klimatischen Bedingungen also sagt es der Meister Benn mit guten Worten im Gedicht.

„Europa, dieser Nasenpopel
Aus einer Konfirmandennase,
Wir wollen nach Alaska gehn.

Der Meermensch: der Urwaldmensch:
Der alles aus seinem Bauch gebiert,
Der Robben frisst, der Bären totschlägt,
Der den Weibern manchmal was reinstösst:
Der Mann“

Mondsüchtig – Flüchtige Skizzen, auch im Hinblick auf die Jenaer Frühromantik

„Wir sind auf einer Mißion: zur Bildung der Erde sind wir berufen.“
(Novalis, Blüthenstaub)

„Der Mond ist nichts als eine Hypothese beim
Schreiben eines alltäglichen Gedichts in diesem alltäglichen
Gefängnis aus Seitenstraßen, Straßenecken, verstaubten kleinen Buden, …“
(Rolf Dieter Brinkmann, Westwärts Teil 2)

Es landete die Fähre, es tat der Astronaut seinen ersten Schritt. Ich erinnere nur, daß ich geschlafen habe, und auch das erinnere ich nicht, weil ich eben schlief. Ich erinnere, daß ich ein Kind war und daß am Morgen die Eltern aufgeregt und voll von Euphorie sprachen: Es sei ein Mensch auf dem Mond. Ich begriff es nicht ganz mit meinen vier Jahren. Es war doch hell schon, was hatte der Mond damit zu tun? Für mich war der Mond ein poetischer Gegenstand, er beschien nachts die lieben Häschen, die Rehe und den Fuchs auf der Waldwiese, auch in unserem Zaubermärchenwald schien er nachts und beleuchtete die Geschöpfe. In seinem Licht tanzte das Rumpelstilzchen und es sagten sich dazu Fuchs und Hase gute Nacht, es ein Ort, wohin der Maikäfer Herr Sumsemann in „Peterchens Mondfahrt“ reiste, und es war ein verschrobener, aber irgendwie auch gemütlicher alter Mann, der dem kleinen Häwelmann ins Gesicht leuchtete und ihn ob seines Ungestüms rügte. Und als es der dumme kleine Häwelmann zu bunt trieb, strafte der Mond ihn und ließ sein Licht verlöschen. Später dann war der Mond eben Frau Luna: die schöne Bleiche, die ätherische Frau. Daß „Mondlicht in einem Baugerüst“ eines der von mir geschätzten Gedichte werden sollte, ahnte ich am 20. Juli 1969 nicht.

Mondlicht in einem Baugerüst
am Ende des 20. Jahrhunderts, einfach wie
Mondlicht in einer übriggebliebenen
Allee, schön wie ein langes Klaviersolo Lennie Tristanos,
ein Bücherregal mit noch nicht gelesenen

Büchern, kräftig wie ein Güterzug, flache Schatten,
Entzückungen: voller Mond im September über der
Seitenstraße in der Innenstadt abends 9 Uhr. Das Wort
Mondlicht erinnert mich u.a. an Mondlicht und

nachts im leeren Gang eines Schnellzuges am Fenster
zu stehen und hinauszublicken auf eine Landschaft,
über der das Mondlicht ausgebreitet ist, offen,
gewöhnlich und unsentimental wie eine dunkle

Tankstelle in der sonst menschenleeren Weite,
oder wie Sonntagnachmittag drei Uhr „hang on,
sloopy“ zu hören und auf einen leeren Park
Platz zu schauen, wo ein umgekippter emaillierter

Elektroherd liegt.

Irgendwo eine Seitenstraße in Köln oder in Hamburg eine normalbefahrene Straße im Randbezirk nahe den Hochhaussiedlungen, am 20. Juli. Es war dieses Gedicht an diesem Tag auch noch nicht geschrieben.

Ich zitiere mich gerne selbst, aus meinem Text zu Yoko Ono und John Lennon, darin auch eine Reise zum Mond vorkommt:

1969 war das Jahr von Woodstock und in Altamont kam die vermeintliche Utopie zum Ende, wie es pop-lehrbuchhaft so schön hieß, als die Hells Angels beim Konzert der Rolling Stones einen Neger erstachen. Aber diese Differenz zweier Festivals ist nur eine Illusion. In Woodstock, im Pop, ist Altamont immer schon angelegt. Irrungen, Wirrungen. 1969 zeigte die Risse. Die Reise zum Mond. Utopie nach Ins-Außen, als Reise, in den Weltenraum. Enterprise. Noch in der Grundschule spielten wir dies, als die neue Aula eröffnet wurde, als Kinder, auf der Bühne nach: die Klassenfahrt zum Mond hieß das Stück. Ich war zum Glück nur der Tagesschau-Sprecher, der aus einem Fernsehkasten links von der Bühne auf das Publikum glotze und nachdem die alte Titelmelodie der „Macht um acht“ tönte, verkündete, daß eine Schulklasse zum Mond geflogen sei. Ich brauchte zum Glück mit den widerlichen Kindern nicht mitzureisen, sondern durfte deren Landung verkünden. Leider kamen sie auch wieder zurück, nichts ging schief und ich mußte am nächsten Tag wieder mit ihrem naseweisen Geschwätz im Klassenraum dasitzen. Die blonde Klassenlehrerin hatte ganz zu recht mich als Außenposition des Sprechers von Ereignissen, die zu Nachrichten wurden, gewählt. Distanz als Lebensmodus schon als Kind. Ich schätze die Ferne. „Die größte Kraft ist deine Phantasie“. Deren Reisen lagen in der Ferne. Unter dem Pflaster. Journalist, wie ich immer dachte, wurde ich nicht. Besser war es.

Und ich erinnere mich, daß es damals als Spielzeug Mondfähren und Mondroboter gab, Airfix hatte im Sortiment der Miniaturfiguren auch die Mondfahrer, was mich wenig interessierte – ich mochte die richtigen Soldaten lieber, dann damals Anfang der 1970er Jahre, mit vier gab es nur Ritterschwert und Indianerkostüm. Zum Glück ohne sinnlose Debatten von Cultural confussed People.

Vor allem aber im Krämerladen beim neuen Einkaufszentrum, in der Ecke beim Naschkram zu kaufen, gab es jenen Mondstaub. Das war ein weißes Pulver. Es schmeckte süß. Und es bestand aus Kokosraspel. Nicht schlecht, dachten wir und schleckten aus von der Handfläche. Aber in den Zeiten der rational-entzauberten Welt ist echter Mondstaub wohl eher gefährlich. Solche Phantasien von Verheißung und Seltsamkeit gab es wohl nur im schönen Kinderland oder in der Einbildungskraft der Dichter.

Das Wissenschaftliche dieser Mission hatte mich schon als Kind wenig gereizt und Reisen hatten für mich nur Sinn, wenn es an Orte ging, wohin man am Ende auch gelangen konnte. Der Mond war kein realer Ort, der Mond war ein Sehnsuchtsort, der unser Denken bestimmt, weil er die Einbildungskraft anregt:

„Der Mond stand in mildem Glanze über den Hügeln, und ließ wunderliche Träume in allen Kreaturen aufsteigen. Selbst wie ein Traum der Sonne, lag er über der in sich gekehrten Traumwelt, und führte die in unzählige Grenzen geteilte Natur in jene fabelhafte Urzeit zurück, wo jeder Keim noch für sich schlummerte, und einsam und unberührt sich vergeblich sehnte, die dunkle Fülle seines unermeßlichen Daseins zu entfalten.“ (Novalis, Heinrich von Ofterdingen)

Was für herrliche Zeilen! Novalis ist ein Vorläufer der künstlichen Paradiese und der surrealistischen Überschreitungen, und in diesem Sinne taten die 68er-Studenten dem philosophisch-literarischem Denken des Friedrich von Hardenberg unrecht,  wenn sie die Wände der Universität mit roter Farbe schrieben: „Macht die blaue Blume rot –
Schlagt die Germanistik tot.“ Sie verkannten, daß die Situationisten im Pariser Mai mit ihren Wandparolen genau diese Phantasie an die Macht bringen wollten, man lese nur deren Parolen – ganz im Geist des Surrealismus als Politik. Ob sowas als poetische Politik funktioniert und am Ende wohldurchdacht ist, wenn die Ebenen verschleifen, sei dahingestellt. Das Denken auf Einheit in Differenz zumindest, daß die literarische Romantik befleißigte, fand freilich unter ganz anderen Voraussetzungen statt. Nämlich im Anschluß an die Philosophie Kants und die dort offen gebliebenen Fragen sowie der daraus resultierenden, nicht ganz einfach zu tilgenden Brüche zwischen theoretischer und praktischer Vernunft, oder wie Friedrich Wilhelm Joseph Schelling im Januar 1795 in einem Brief es an Hegel schrieb:

„Die Philosophie ist noch nicht am Ende. Kant hat die Resultate gegeben: die Prämissen fehlen noch. Und wer kann die Resultate verstehen ohne die Prämissen?“

Eine Theorie des Selbstbewußtseins, ein Denken des ordo inversus. Der Mond ist ein Ort, um die Ferne anzuzeigen und wie sehr sich das Leben auf unserer der Erde, von Mond aus betrachtet, seltsam ausnimmt und wie klein all dieses Treiben scheint, wenn es durch fremde Augen betrachtet wird. So schreibt Franz Kafka in einem Brief an Oskar Pollak vom 9. November 1903:

„Lieber Oskar!
Ich bin vielleicht froh, daß Du weggefahren bist, so froh wie die Menschen sein müßten, wenn jemand auf den Mond kletterte, um sie von dort aus anzusehen, denn dieses Bewußtsein, von einer solchen Höhe und Ferne aus betrachtet zu werden, gäbe den Menschen eine wenn auch winzige Sicherheit dafür, daß ihre Bewegungen und Worte und Wünsche nicht allzu komisch und sinnlos wären, solange man auf den Sternwarten kein Lachen vom Monde her hört.“

Kafka setze in seiner Prosa jenen fremden Blick vom anderen Ort her vielfach in die literarische Szene.

Für jene Mondsüchtigen, wie ich es bin, gibt es heute vom Bayrischen Rundfunk eine Auswahl wunderschöner Musik zum Mond: Es sind dies allesamt feine (und abwechslungsreiche) Stücke. Mein Liebling ist „Breakfast at Tiffany’s“ und „Der Mond ist aufgegangen“, so wie überhaupt im deutschen Volkslied der Mond eine herrliche Stellung einnimmt. Und im Hinblick auf „Stellung“ fällt mir auch wieder jenes Mondlichtgedicht ein – eben wie bei Brinkmann, zum Ende des Gedichtes, im Vers in der Mitte:

Und mir ist egal, ob das Mondlicht paßt oder nicht,
das Mondlicht fällt in den Supermarkt, es macht

die Dinge einfach mehr weniger, und zu fragen,
nach wieviel Stößen kommst du unterm Mondlicht ist Schwachsinn
unterm Mondlicht, und es macht gar keinen Sinn, das Mondlicht
anders zu beschreiben als mit Mondlicht. Und wenn ich sage,

das Mondlicht ist eine Türklinke im Mondlicht, heißt das,
das Mondlicht ist schön wie Mondlicht; und es ist Zeit;
mit den Vorschriften aufzuhören.

 

 

 

 

 

 

Jörg Fauser, zum 75. Geburtstag. (Aus der Rubrik „Ungelöste Kriminalfälle“)

Ich habe dir nie einen Rosengarten versprochen, aber ich habe dir das Kellerverließ angeboten. Du hast das nicht gewollt. Ich habe dich dennoch dort hineingepackt. In einer Kleingartensiedlung unter der Erde habe ich dich 14 Jahre aufbewahrt und gelagert wie einen guten Wein. Du warst enttäuscht. Sag nicht, daß du nichts gewußt hättest, Sahra!

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„In diesem Sommer waren Drogen billiger als Bücher, es sei denn, man schrieb sie selbst.“ (Jörg Fauser, Rohstoff)

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Einer der seltsamen Vorausnachrufe zu Fauser wurde auf dem Blog 54 books geschrieben. Gnade Gott, wenn der gendersensible Mann zur Tastatur greift:

„Und der im Herzen konservative Spießer wäre er wohl auch heute noch, wenn er nicht so früh und tragisch verstorben wäre. Gerade deswegen wundert es umso mehr, dass das Feuilleton ihn immer wieder für seine Grenzüberschreitungen feiert. Seine Literatur, seine Reportagen und Essays sind voller rassistischer Ansichten, Homophobie und Misogynie, da werden Männer als Schwuchteln beschimpft und Frauen sind grundsätzlich Sexobjekte. Fauser, der sich selbst als unpolitisch betrachtete, würde heute wohl gegen ‚politische Korrektheit‘ wettern und sich ‚weder rechts noch links‘ oder ‚Freidenker‘ in die Twitterbio oder die Selbstbeschreibung auf Facebook schreiben.
(…)
Jörg Fauser wurde gerade erst im Lesenswert Quartett besprochen, bekommt die dritte Werkausgabe und wird zu jedem Todes-, Geburtstag und wieder aufgelegtem Text aufs Neue als der dreckige Undergroundschriftsteller besungen. Mit ein Grund, warum Fauser wieder und wieder hervorgeholt wird, dürfte sein, dass Authentizität im aktuellen Literaturbetrieb groß geschrieben wird. Und männliche Authentizität bedeutet in vielen Fällen immer noch eine vermeintlich harte Männlichkeitsprosa. Dazu passt das landläufige Bild von Fauser als kultiger Kneipenliterat dann wie die Faust aufs Auge. Das ist viel der Ehre, nur leider die falsche.“

Davon einmal ab, daß der konservative Spießer in bestimmten Mainstream-Milieus saturierter Kulturlinker inzwischen der Revolutionär ist: Mir ist diese – vermeintlich – harte Männlichkeitsprosa Fausers samt den Rezeptionskonstrukten mittelalter Männer immer noch lieber als das Weinerlichkeitsgeseiche säkularer Calvinisten oder der Negerwortschnüffler vom Wörthersee, die gerne eine saubere Literatur hätten, es sei denn, man klagt darin Diskriminierung an und mosert unmittelbarkeitsbetroffen über Gesellschaft. Schon Brecht ist ihnen zu hoch – und hatte der nicht auch etwas mit Frauen? Mit vielen gar? Hat er sich nicht sogar im Baumarkt Kabelbinder geholt?

Aber solcher Vorbehalt gegen solche Art von Kritik ist jetzt erst einmal nur ein (subjektives) Geschmacksurteil. Es läßt sich freilich auch literaturkritisch einiges an dieser Art von Kritik aussetzen, die vermeintlich die Fauser-Rezeption meint und doch über Bande den Autor treffen will. Vor allem zeichnet sich hier eine schlimme Tendenz innerhalb einer bestimmten Art von Literaturkritik ab: Kunst auf Befindlichkeiten einzudampfen. Unter anderem ist es die Tendenz, daß politische Korrektheit als ästhetisches Kriterium ausgegeben wird, um Texte oder deren Rezeption nach Mißliebigem abzuklopfen. Das reicht hin bis zu Menschen, die mit Literatur und Kunst ansonsten wenig am Hut haben. Eine Kuchenbloggerin namens KatjaBerlin schreibt:

„lieber den 1000. text daüber schreiben, wieso kunstwerke unabhängig vom künstler zu sehen seien, als einmal darüber nachdenken, wieso so viele nazis, vergewaltiger und despoten als künstlerische genies gelten.“

Daß es zwei Ebenen sind und ein Werk mehr als sein Autor bedeutet und daß biographische Deutungen meist aus der Ferne geschehen und in der Regel unter sehr verschiedenen Perspektiven erfolgen können, je nachdem, auf welchen Aspekt der Person man fokussiert, kommt KatjaBerlin kaum in den Sinn. Selbst in einer Vita gibt es keine einfachen Antworten und das Richtig-oder-falsch ist oft einfach der Denkbequemlichkeit geschuldet. Faßbinder mag ein problematischer Mensch gewesen sein, Pasolini mag seltsame Vorlieben gehabt haben: Beide machten gute Filme. Vielleicht sollte man, das wäre ein Anfang des Denkens, weniger in Torten und Diagrammen schematisieren, dann ginge einem an Poesie und Prosa mehr auf als nur die Logik des Verdachts. Ein angehender Literaturwissenschaftler twittert anläßlich von Castorfs Hamsun-Inszenierung „Hunger“, vor einem Jahr bei den Salzburger Festspielen:

„Nazisymbole und McDonalds… Verschimmelte Modernekritik vom berühmten Kulturkraftkerl F. Castorf, dessen kürzliche Eskapaden hier mit keinem Wort erwähnt werden. Stattdessen die übliche Vergötterung.“

Was hier eher verschimmelt und gammelig wirkt, sei in den Raum gestellt. Nicht die ästhetische Qualität eines Werkes, sondern Rezeptionsverhalten oder schlimmer noch die Vita eines Künstlers wird zurück aufs Werk gebogen. Oder Äußerungen zu Frauen im Theaterbetrieb, die Castorf in einem Interview machte, werden auf Verdächtiges abgeklopft. Daß Casorf genau diesem saturiert-fetten Milieu vor den Koffer scheißt, kommt dem Autor solcher Tweets nicht in den Sinn.

Wobei solches Vita-Schnüffeln andererseits gar nicht schlecht ist: öffnet doch dieses Verfahren ein Geschäftsfeld von DFG-Sonderforschungsbereichen an den Germanistischen Seminaren und denen für Literaturwissenschaft: R.D. Brinkmann und das Fluchen: Titten, Thesen, Temperament: neuer SFB an der Uni Greifswald. Goethe und der Fleischkonsum: Vulpius und Vulva. Hegel und der Wein: Treatment, Tresen, Tübingen. Fauser und die Frauen: Cut up, Ficken, Vogelflug.

Kritik jedoch, im emphatischen Sinne und etymologisch genommen – auch die der Literatur –, hat ihr Maß an der Sache. Sie ist nicht in einer irgendwie von außen herangetragenen Referenz oder in beliebiger und austauschbarer Ansicht von Privatmeinungen gegründet. Morgen klopfen wir Texte darauf ab, ob darin Umweltsünden beschönigt oder ob darin Roboter diskriminiert werden. Die Anlässe für die Hermeneutiker des Verdachts sind unendlich. Wem hier die Büßer-Sekte des Hohen Spatz in „Game of Thrones“ in den Sinn kommt, der liegt nicht ganz falsch.

Man muß Leuten wie Benjamin Stuckrad-Barre oder Franz Josef Wagner nicht zustimmen, wenn sie Fauser mögen, und man kann durchaus eine bestimmte Form von Rezeption kritisieren, weil einem die Haltung dahinter fragwürdig erscheint. Man sollte nur nicht die Rezeption mit dem Autor verwechseln und über Bande spielen, um den Autor auszukegeln, und man sollte sich vor normativen Schlüssen hüten, die das Werk betreffen.

Andererseits frage ich mich inzwischen: was ist an Männern schlecht, die gerne Männer sind? „Toxische Männlichkeit“ ist kein Kriterium, sondern oft bloß fadenscheiniger Vorwand – off von solchen vorgebracht, die ansonsten nicht müde werden, das pauschale Schema zu kritisieren, mit dem man bestimmte Gruppen angeht. Und die Kritik der Rezeption kann zudem durch die Kritik der Kritik der Rezeption kritisiert werden, den solche Kritik ist ja selbst wiederum nur eine bestimmte Rezeptionsweise. Man kann sie also kritisieren, indem einer halt irgendwas anderes Äußerliches in Anschlag bringt, und so kann die Sache ad infinitum fortgeschrieben werden. Die Rezeption von Kunst hat sicherlich auch etwas mit einem bestimmten Habitus zu tun – wenngleich in solchen Haltungen immer auch etwas Amusisches liegt, egal von welcher politischen Seite das kommt: Das gilt für den Ernst Jünger-Fanboy ebenso wie für die Jelinek-Gemeinde. Diesen Habitus kann man soziologisch ausleuchten: Sei das die Gruppe der Negerwortfahnder vom Wörthersee oder aber männlichkeitserprobte Strategen im Literaturkampf, die sich mit einer bestimmten Pose in Seminaren herumtreiben oder solche die Literatur mit Pop-Musik verwechseln und gerne Hitparaden-Ranglisten veröffentlichen. Aber das Leben ist bunt. All solches Posieren sagt nichts über das Werk, sondern nur über soziale Rahmen. Ein wenig ist es da, wie in der Pop-Musik. Das Rezeptionsverhalten korrespondiert mit der Zugehörigkeit zu bestimmten Milieus.

Literatur aber liefert keine Lebensmodelle, sondern zeigt Szenen und Situationen im Modus des Als-ob: Literatur schildert eine fiktive Vita: „Rohstoff“, das sind Drogen, das ist Text, das ist Leben in der Bundesrepublik Ende der 1960er Jahre. Das kann auch Dreck sein. Da finden wir aus der Mitte der 1980er Jahre eine Reaktion aufs autobiographische Schreiben und auf die Neue Subjektivität, teils von ihrer häßlichen Seite, teils das Krude und Harte betonend – ein literarischer Sound, der auf eine bestimmte gesellschaftliche Stimmung reagiert. Und von dieser Art von Sprache bei Fauser sind zunächst einmal ganz unterschiedliche Leute beim Lesen fasziniert. Oder halt abgestoßen. Unabhängig zunächst davon, ob die Sicht literaturkritisch gut begründet ist oder nicht. Damals war der saturierte Literaturbetrieb vor den Kopf geschlagen ob des harten Tons, der Leben zu verdoppeln schien: eine etablierte Kritik sah neue Zeiten kommen und ihr schwante nichts Gutes dabei. Mochte man Bernhards Aufsteigerungen und diese musikalische Wut literarisch irgendwie noch goutieren, zumal, weil seine Texte einen teils lyrischen Ton trugen, so war das mit Fausers Hard-Boiled-Realismus anders.

Fauser kann schreiben und er kann Szenen beschreiben: den Drogendruck in Istanbul und wie in Berlin, in Göttingen und in der Landkommune eine Beziehung zerfließt: Darin liegt das faszinierendes Moment seiner Literatur. Fauser kam zu einer Zeit, als auch Autoren wie Rainald Goetz und später dann Werner Schwab den Betrieb aufmischten und eine andere Art von Schreiben ins Spiel der Literatur brachten. Wieweit das nach über 30 Jahren noch trägt, darüber kann man streiten. Die Themen und die Stilschattierungen haben sich in der Moderne der 1970er Jahre geweitet: Es geht Goetz und Handke, es geht Rolf-Dieter Brinkmann ebenso wie Botho Strauß. Selbst Handke galt in den 1960ern als Neuerer: Beschreibungsimpotenz attestierte er der Gegenwartsliteratur 1966 in Princeton. Und Rezeptionen werden – trivialerweise – immer auch von gesellschaftlichen Haltungen und Strömungen getragen: Das gilt für die eine wie für die andere Seite. Nur lassen sich solche Rezeptionen nicht aufs Werk zurückbiegen. Solange man diese Differenz ziehen kann, hat man auch keine Probleme mit der Musik von Richard Wagner oder der Prosa von Louis-Ferdinand Céline.

„Rohstoff“ ist ein bis heute ein lesenswerter Roman im Genre posthippiesker On the Road-Literatur, die das Scheitern als Prinzip bereits in sich trägt. Und es ist ein Versuch, über das Schreiben und über Beziehungen zu Menschen im Schreiben Auskunft zu geben. Heute schreiben wir anders. Mein Plädoyer zumindest geht hin zu einer toxischen Literatur der Grausamkeit. There Will Be Blood!