Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.

„Game oft Thrones“ – Die neue Staffel acht

„Ich bin Daenerys Sturmtochter vom Blut des alten Valyria, und ich nehme mir, was mein ist! Mit Feuer und mit Blut werde ich es mir holen!“ (Daenerys Targaryen)

Nun kommt sie also: Die endgültige, die letzte Staffel von „Game of Thrones“. Es wird sich zeigen, wer den Eisernen Thron besteigt. Es werden bereits Wetten angenommen.

Spät erst bin ich in diese Serie eingestiegen, nämlich vor einer Woche und eigentlich nur angefixt durch die Auflösung all der Verwicklungen von Macht, Liebe und Krieg, die sich in der letzten Staffel ergeben wird. Doch ich bin zu spät. Insofern ist mein Unterfangen, für die achte Staffel up to date zu sein, nicht realisierbar. Ich hätte die letzte Woche über 70 Stunden hintereinander „Game of Thrones“ schauen müssen – selbst für einen hartgesottenen Fan nicht ganz einfach.

Woher kommt es, daß mich diese Serie sofort ansprang? Ich komme nicht aus dem Bereich des Fantasy, ich bin nicht von der Serien-Sucht befallen. Aber bereits nach den ersten 20 Minuten war ich begeistert und wurde mit dem Voranschreiten der Serie immer euphorischer, ob der Geschichte und der Bilder. Man möchte sich da gleich mit ins Getümmel stürzen. Wieso? Da ist im Auftakt diese Bildästhetik: der dunkle Wald mit dem Schnee, grau in grau gezeichnet, zwischen den Bäumen dämmert es: da im Norden diesseits des großen Walls aus Eis geht eine Wächter-Patrouille. Und was die dort sieht, ist nicht besonders erfreulich. Ja, es ist sogar schrecklich, einer überlebt und desertiert aus lauter Angst heraus. Und überlebt deshalb nicht, sondern wird vom Fürsten Ed Stark geköpft. Schnell begreift der Zuschauer: Es wird blutig werden. There will be blood.

Es sind solche Details, die den Betrachter in die Serie einführen und Lust erzeugen. Spannend erzählt und gefilmt, wie die Patrouille dort im Schneewald schreitet. Mit solchen – aufregenden – Anfängen eröffnet man ein Szenario, denn es geht in einer Serie schließlich (auch) darum, Zuschauer zu gewinnen. Und wenn es gut gemacht ist, bedeutet dies eine hohe Handwerkskunst – in den ersten beiden Staffeln übrigens ohne großen technischen Schnickschnack, alles pur und einfach gedreht und dennoch spürt man in keiner Minute, daß es sich hier um schlechten Billigtrash handelt. Lieber eine (zunächst) kleine, feine und handwerklich gut gebaute Serie, anfangs mit wenigen Mitteln produziert, als etwa mit viel Budget so etwas wie das technisch hochgerüstete „Babylon Berlin“ auf den Markt geworfen, das in den ersten vier Folgen verheißungsvoll anfing, um dann stark nachzulassen. (Allerdings immer noch besser, als schwach anfangen und stark nachlassen.)

Aber solche filmische Stimmigkeit und eine Atmosphere noir mit Eis, Schnee und teutonischem, herrlichem Wald, daß man sich mal wie im Märchen mit Wölfen und mal wie in Hobbits Auenland fühlt: das allein reicht nicht aus, es muß auch die erzählte Geschichte stimmen, die Figuren müssen in sich schlüssig gezeichnet sein und dabei doch genügend Spiel bieten, auch den Charakter wechseln zu können. Und das geschieht in „Game of Thrones“ häufig. Man ist vor Überraschungen nicht sicher, jeder kann prinzipiell alles sein, der Zuschauer soll sich niemals auf seinen ersten Eindruck verlassen: Gute werden Böse, Böse gut. Wer einem als Charakter zunächst freundlich gegenübertritt, kann später als ein ausgemachter Erzschurke sich erweisen. Oder umgekehrt. Dieses Changieren trägt viel zur Spannung des Films bei.

Und ebenso macht die Musik ihren Teil aus. Etwa die von Ramin Djawadi komponierte Titelmelodie der „Games“. (Deren Ähnlichkeit zu der Serie „Westworld“ sticht – sozusagen – ins Ohr, aber selbst das ist weder für „Westworld“ noch für „Game of Thrones“ störend.)  Auch diese Musik trägt zur Atmosphäre von der Serie bei. Besonders ist dabei auf die unterschiedlichen Musikstücke im Abspann zu achten. Hier gefiel mir vor allem dieser fröhliche Punk-Song zum Ende der dritten Folge der dritten Staffel: „The Bear and the Maiden fair“ von der Indie-Band „The Hold Steady“. Solche kleinen, witzigen Details machen „Game of Thrones“ liebenswert.

Aber nicht nur das: es wird wie im griechischen Epos – nur deutlich verschlungener, mit vielen Göttern und Gestalten – eine komplexe Geschichte von Menschen und Macht erzählt. Von den Charakteren übertrifft dieses Menschengewimmel die Komplexität eins Romans von Tolstoi oder Dostojewski bei weitem. Aber trotz der Vielzahl an Figuren und Bezügen wird es bei ein wenig Kontinuität im Sehen eigentlich nie unübersichtlich.

Von den Spielen der Macht her, fühlt man sich an Shakespeares Königsdramen erinnert, an die Rosenkriege zwischen den Häusern York und Lancester, und, was das Ränkespiel samt Mord und Magie betrifft, an Shakespeares „MacBeth“. Mystisches wird in „Game of Thrones“ ebenfalls bedeutsam. Epische Konflikte, in die tiefe Vorzeit reichend. Auch staatspolitisch ist „Game of Thrones“ fast schon ein Lehrstück – nicht nur über jene Außengrenzen, über die immer auch eine andere Welt einbrechen kann, sondern auch über Könige, Feudalherren, Warlords und die Welt des Mittelalters, in der die Winter und die Sommer über mehrere Jahre dauern können.

Böse könnte man zu solcher Art von Serien sagen, die Produkte der Kulturindustrie machen Werke der Kultur fungibel. Herabgesunkenes Bildungsgut. Und sogar das bereits der Tradition entstammende herabgesunkene Bildungsgut wie der Grusel- und Zombiefilm findet hier noch ihren Anschluß. Aber solche Ideologiekritik wird einer fein gearbeiteten Serie wie „Game of Thrones“ nicht gerecht, verkennt sie doch die komplexe Bauart samt dem erzählerischen Moment. Ebenfalls trifft der Vorwurf, daß hier bloße Technik und Kunsthandwerk zum Fetisch wird, die Sache nicht. Solche Kritik verfehlt die epische Qualität, die eine ganz eigene Sache und von eigener Qualität ist. Sie ist zu betrachten, und damit kommen solche Serien (teils) in den Rang des Gesellschaftsromans des 19. Jahrhunderts. Was Game of Thrones zusammenbringt – ähnlich übrigens, wie die großartige HBO-Serie „Westworld“ (über die hier ebenfalls noch geschrieben werden soll) – sind Emotionen und Reflexionen. Sinnlichkeit und Verstand. Philosophische Fragen, die sich in Geschichten und Figuren einkleiden. Besonders bei „Westworld“: Hochaktuell die Frage, was eigentlich Leben, Bewußtsein und Emotionen bedeuten; wem wir diese zusprechen wollen und wem nicht.

„Game of Thrones“ ist in diesem Sinne einer mehrfachen Lust an der Reflexion und an Emotionen großartiges Kino: Liebe, Verrat, Treue, Tragik und der Wechsel der Tonart und der Charaktere. Dazu gesellen sich all die schönen Frauen, die herrlichen Brüste, das Blut, das wir gerne vom Degen lecken, das Schwert, die Spannung. Ja, wie im Leben. Nur nicht ganz so langweilig. Das ganze zudem in sich schlüssig und spannend erzählt. Gegen Ende der zweiten Staffel, wenn Stannis Baratheon Königsmund mit Schiffen und Armeen angreift, fiebert man sogar schon mit den ganz und gar unsympathischen Lennisters, die den eisernen Thron an sich gerissen haben. Einziger Lichtblick bei den Lennisters (zumindest bis zur Mitte der dritten Staffel) ist der im ganzen doch humane Tyrion, der Zwerg und Außenseiter der Familie: der mit den zynischen Sprüchen, dem Witz, dem Scharfsinn und dem Geist und vor allem seiner Lust zu leben – auch was die Weiber betrifft. Schon das werden ihm die Puritaner nicht nachsehen. Man fühlt sich vielfach ans heute erinnert. Nur daß wir in der Gegenwart identitätspolitisch säkulare Calvinisten am Start haben, deren neue Religion die des Jammeropfers ist. Da lobe ich mir die Erotik, das Kopulieren, welches die Lust des Voyeurs ist, die große Tragik von Macht und Leben, jener Widerstreit zwischen Pflicht und Gefühl, das Drachenfeuer, und vor allem als Höhepunkt die Mutter der Drachen, Daenerys Targaryen.  Nackt ersteigt sie aus dem Feuer, nachdem sie sich mit ihrem Mann, dem Barbaren Khal Drogo, dem Fürst der Dothraki, hat verbrennen lassen. Da steht sie: im Anblick ihrer herrlichen Brüste und ihre Stärke. (Aber ich kann auch Frauen trösten: es gibt ebenso die schönen Körper von Männern und Schwänze zu sehen. In Game of Thrones wird mit Geschlechtsteilen nicht gespart.) Ja, es ist dies vor allem auch eine Serie der starken Frauen, die nicht einfach nur auf ihren Körper oder ihre Schönheit reduziert werden.

Aber auch Dialogwitz kennzeichnet diese Serie: Als die Prinzessin und spätere Mutter der Drachen, jene herrliche Daenerys Targaryen, deren Fan vermutlich die meisten Serienschauer sind, beim Khal Drogo für eine Wohltat sich bedanken will und da sie deren Sprache noch nicht beherrscht, den Dolmetscher fragt, was „Danke“ auf Dothrakisch heißt, bekommt sie zur Antwort, daß die Dothraki kein Wort für „Danke“ haben. Wegen solcher und vieler anderer Bonmots und wegen des Wortwitzes in den Dialogen, insbesondere auch zwischen der jungen erotischen Wildlingsfrau und Jon Schnee, liebe ich diese Serie. Jedes einzelne Element für sich freilich reicht nicht hin, um eine Serie gut zu machen: geschliffene Dialoge bei künstlich-öden Bildern machen keine spannende Serie, gute Bilder, aber schlaff gezeichnete Charaktere ebenfalls nicht. Erst wenn Bilder, Einstellungen, Ton, Musik, Dialoge, Plot, Charaktere, Technik, Schnitt und Montage in einer guten Konstellation zusammentreten, kann es gelingen. Bei der Einstellungsgröße etwa, bis hin zur italienischen Einstellung, wo nur noch das Auge des schwer verwundeten Tyrion Lennister zu sehen ist oder in einer anderen Szene die Klaffung einer Wunder gezeigt wird. All das ist technisch wie erzählerisch sauber gearbeitet: ästhetisch Stimmig eben. Bei Game of Thrones passen all diese Aspekte zusammen und insofern reicht diese Serie über die bloße Unterhaltung weit hinaus. Vor allem herrscht dort eine Leidenschaft in einzelnen Szenen, daß einen dies fast physisch anspringt. Etwa als die herrliche Daenerys Targaryen die Armee der 8000 Sklavenkrieger (jene „Unbefleckten) übernimmt, dann alle Sklavenhalter tötet und den sadistischen Stadtherren vom Drachen verbrennen läßt. Die Armee ist nun frei. Und noch besser als Sklaven dienen Freie, die um die einstige Sklaverei noch wissen. Dialektik der Macht, die diese Serie immer wieder in kleinen Szenen ausspielt.

In diesem Sinne bin ich von den ersten drei Staffeln, die ich bisher sah, angetan. Das gute daran, derartig weit noch in den Folgen zurück  zu sein, ist der Umstand, daß ich all das Schöne, Spannende, Grausame, all die Geschicke von Tyrion Lennister, Arya Stark, Daenerys Targaryen, Jamie Lennister, Jon Schnee, der königlichen Hofbeamten Lord Petyr Baelish (genannt Kleinfinger) und Lord Varys noch vor mir zu haben und gesagt werden muß, daß ich ebenfalls ein Fan der Schattenwölfe und der Telegramm-Raben bin, die in dieser Serie, gleichsam wie Brieftauben, die Botschaften und Nachrichten übermitteln. Feine Form der Telekommunikation. Und ich freue mich, daß auch die achte Staffel dann, wenn sie zu kaufen ist, noch auf mich wartet, wenn alle anderen schon diese Serie zu Ende geschaut haben werden.

Um nun am Ende doch noch die Produkte der Kulturindustrie zu streifen, habe ich zum Schluß sogar den „Game of Thrones“-Persönlichkeitstest mitgemacht, der vermutlich in Kleinfingers und Lord Varys Namen die Gepflogenheiten von uns normalen Erdenbürgern auf Facebook und Google ausforschen soll. Mit der Wahl von Arya Stark (der jungen und wildfanghaften Tochter des Herrn des Nordens, Ed Stark) bin ich zufrieden, wenngleich ich lieber Tyrion Lennister wäre. Zu der in der Tat ebenfalls herrlich gezeichneten und auch wunderbar gespielten Arya Stark steht dann:

„Ebenso wie die jüngste Tochter aus dem Hause Stark hattest du schon immer deinen eigenen Kopf. Regeln hast du zwar zur Kenntnis genommen, aber sobald du dich umgedreht hast, hast du sie wohlwollend ignoriert oder gebrochen. Ein echter Wildfang – das hast du sicher schon als kleines Kind oft zu hören bekommen. Oft wurdest du belächelt und unterschätzt. In Wahrheit bist du aber zielstrebig, neugierig und clever, jedoch auch unglaublich stur. Du hast deine Prinzipien, an denen man nur schwer rütteln kann. Das ist auf der einen Seite etwas Gutes, allerdings würde dir ein wenig Nachgiebigkeit hier und da nicht schaden. Denn auch wenn du dein Ziel klar vor Augen hast, musst du es nicht immer im Alleingang erreichen und darfst auch mal anderen Leuten vertrauen und musst sie nicht immer argwöhnisch beäugen. Dir macht man so zwar kein X für ein U vor, aber manche Menschen haben tatsächlich keine Hintergedanken und können dein Leben bereichern.“

„Du hast ja ein Ziel vor Augen“: Ich werde mir aber am Ende wohl einen eigenen Charakter erfinden und mich nun Lord Bitterfeld nennen: das ist so eine Mischung aus sozialistischem Realismus, mit Hang zur Leipziger Schule und zudem Schild und Schwer der Partei. Am Ohr des Volkes. Aber nicht, um es zu beschützen, sondern um seiner ästhetisch habhaft zu werden.

Nun muß ich weitergucken.

 

 

„Das Dunkel des gelebten Augenblicks“: Vom Lesen – drei Bücher: Franz Kafkas „Der Process“ (1)

Da thronen im Regal jene Lebensbücher, die wir nie wieder verlassen können. Einstmals, vor Jahren und Jahrzehnten in sie hineingezogen, springen wir nur unter Schwierigkeiten aus jenen Büchern wieder heraus und kommen als andere Menschen in der Lebenswelt wieder an: jene Welt, die man die normale nennt. In diesen Büchern wohnen wir gleichsam. Sie begleiten uns ein Leben lang. Ich schrieb bereits an dieser Stelle von jenem Text in der „Zeit“ letzten Jahres, wo der Autor Stephan Wackwitz das Projekt „Drei Bücher“ vorstellte, und zwar unter der Überschrift: „Ein Lichtfunke, der in mich fiel. Über Lenin, Norbert Blüm und das Erbe des Kolonialismus – wie drei Bücher meinen Blick auf die verworfene Welt verändert haben“. Ganz so dramatisierend wie in der Überschrift, bei zudem relativ trivialen Titeln, soll es in meinen Beiträgen nicht zugehen, sehr wohl aber interessiere ich mich für jene besonderen Bücher, also in etwa das, was mit Nietzsches Worten (freilich in leichter Abwandlung) als „Verzückungsspitze“ unseres Denkens (und damit auch unseres Handels am Ende) bezeichnet werden kann: also nicht nur die Frage, was wir mit einem Text tun, sondern, was der Text mit uns macht und vielleicht auch, weshalb er dies tut. Die gekonnten Texte sind eh schlauer als ihre Leser – insbesondere, wenn jene Leser noch jung und ungestüm sich gebärden.

Da es im Internet bereits in allem möglichen oder unmöglichen Formen eine Menge an Buchwettbewerben gibt – meist unter der Rubrik „Die 10 wichtigsten Bücher, kein Kommentar nur ein Bild“ – möchte ich den Vorschlag von Wackwitz hier auf AISTHESIS ebenfalls probieren und mir drei Bücher greifen – vielleicht werden es auch vier. Ich bin kein Prinzipienreiter, sondern mache, wie es kommt.

Mit solchen Büchern meine ich nicht jene Prosa, die junge Leser einst fesselten und in die sie sich stürzten und darin dann identifikatorisch versanken, etwa ein Abenteuer-Buch von Karl May, Alistair MacLeans Thriller in den Jungsjahren oder jene Romane, die „ganz nett“ sind oder einfach nur das Herz bewegen, also all die Bücher, die wir einst verschlangen, in deren Geschichten wir hineinglitten und die wir dann irgendwann wieder vergaßen, sondern vielmehr meine ich damit eine Literatur, die uns ein Leben lang begleitet – bis heute. Eine Literatur, die uns bereits beim ersten Lesen in den produktiven Schock versetzte, vielleicht eine Art Starre und ein anderes Denken in uns erzeugte. Prosa, die uns immer wieder aufs neue anspringt. Im guten wie im schlechten. Oder wie es Alban Nikolai Herbst in einem seiner Essays formulierte: „Gute Literatur muß grausam sein“. Wer je Curzio Malapartes Prosa, insbesondere „Die Haut“ und „Kaputt“ gelesen hat oder Celines „Reise ans Ende der Nacht“, aber auch Gides „Falschmünzer“, der weiß, was dieser Satz bedeutet. Man kann dazu auch jenes leider überreizte und deshalb aus dem Gebrauch gefallene Zitat Kafkas von der Axt und dem gefrorenen Meer nehmen. Aber ich denke, dieses Zitat paßt nur bedingt. Ein Buch erst macht die Schockgefrierung. Es taut das Herz nicht auf, sondern es verändert dessen Takt.

Um dabei aber diesem meist nur in Auszügen zitierten Satz Kafkas, den er in einem Brief an Oskar Pollak vom 27. Januar 1904 schrieb, Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen, sollte man ihn komplett zitieren. Denn in dieser Form stimmt er, weil er auf jenes besondere Moment solcher besonderen Bücher hinweist:

„Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder vorstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“

Ja, Malaparte gehört bei mir dazu und war einer dieser Autoren, die ich spät erst entdeckte. Die Freuden am Lesen ist es, daß immer wieder neue Bücher und Autoren auftauchen, die noch nie gelesen wurden und an denen der Geist neu und anders entflammt. Es gibt bis ins hohe Alter Literatur zu entdecken, wo neue Welten sich formen, wo in Sprache ein Szenario sich auftut, das wir bisher noch gar nicht auf dem Schirm hatten. Fritz J. Raddatz schrieb 2008 in den letzten Einträgen seiner legendären und lesenswerten Tagebücher – lesenswert deshalb, weil sie einen Blick auf den Literaturbetrieb der alten BRD wie auch des Nachwendedeutschlands eröffnen – in bezug auf die Bildende Kunst eine Notiz, die den Leser und Entdecker des Neuen melancholisch stimmen kann. Denn auch Schönes vergeht und gerinnt irgendwann für den Profi zur bloßen Routine:

„Ich habe so viele van Goghs, Vermeers, Picassos, Cézannes gesehen: Es BESTIMMT nicht mehr den inneren Wert, den Frieden meines Lebens, das 33. zu sehen. (Oder Brendel, Pollini, Schiff zu hören). Da ist etwas ‚ausgelebt‘, leer gegessen, der Sinn ist ausgeflossen.“

„Aber die geradezu erotische Glückseligkeit, die bildende Kunst für mich immer war: erloschen und tot. Glücksimpotent.

Nun auf zum großen Gala-Abend der SZ für Joachim Kaiser. Ich habe noch gar nicht die Krawatte gebunden – und bin schon enttäuscht.“

Vom Lesen selbst wäre zu schreiben, was da in diesem Akt in uns und mit dem Text und dann auch wieder im Text selbst geschieht, wie da ein strukturiertes Kunstwerk eine Welt öffnet, und auch vom Verlust dieser Emphase ist zu reden, weil da einer wie der Literaturkritiker Raddatz wie eine Kerze von zwei Seiten abbrennt. Darum aber geht es heute nicht, das wäre ein Thema für sich. Vielmehr war da zum Anfang der 1980er Jahre jene schöne blonde Frau mit der lila Latzhose, mit der ich zu Mittelstufe- und Oberschulzeiten gut befreundet war. Ich mochte es, wenn sie sich mit ihren weiten Hippie-T-Shirts tief vorbeugte, weil ihr Neigen einen Blick auf feine Brüste freigab und damit meine Neigung für Schönes beförderte. Selbst weiße Frotteeschlüpfer fand ich damals erotisierend. Jener Neigungswinkel des Daseins, wie ich im Nachklang – postexistenzialistisch verklärend – schreiben möchte, der ebenfalls unseren Blick und unser Begehren lenkt.

Aber auch um diese Blickachse des Schönen soll es nicht gehen, sondern daß diese Frau und ich im selben Deutschkurs einst in der Oberstufe saßen, uns eifrig beteiligten und hin und wieder uns schöne und manchmal auch böse Debatten lieferten. Als es zur Literatur der sogenannten „Klassischen Moderne“ ging (ich war und bin kein Freund solcher Festschreibung von Epochen, aber zum Orientieren hilft es manchmal, wenngleich man sie irgendwann auch wieder hinter sich bringe), ließ nun der Lehrer im Kurs das Lesepensum abstimmen – was ich bereits, obwohl damals noch links, durchaus seltsam fand, denn ich hielt den Geist der meisten Schüler nicht für derart gut ausgebildet, um zu beurteilen, was zu lesen wäre und dachte, mir, daß es in Bildungsdingen falsch ist, vermeintlich demokratisch abstimmen zu lassen.

Zur Wahl standen Hermann Hesse und Franz Kafka, und wie ich bereits im Vorfeld böse ahnte und insbesondere auch von der Hippiefrau so gestimmt, gewann Hesse den Kampf. Es wurde „Mist mit Goldrand“ gelesen. Allerdings konnte der Lehrer es am Ende denn doch nicht übers Herz bringen, keinen Kafka zu machen; oder die Abstimmung diente dem guten Mann einfach dazu, unsere Präferenzen auszuforschen, uns auszuspähen gar in unserem Treiben und Trachten. Oder der Lehrer ließ sich durch meinen vehementen Protest für Kafka und gegen Hesse nachhaltig beeindrucken: daß es nicht sein könne, auf einen Schriftsteller wie Kafka zu verzichten: es wurden also beide Texte gelesen. „Narziß und Goldmund“ sowie „Das Urteil“, samt „Die Verwandlung“.

Eigentlich geschah diese meine Erweckung durch die Kafka-Prosa spät. Ich hatte zwar schon einiges an Autoren der Moderne mit Lust gelesen: Brecht, Schiller, sofern man den noch dazurechnen mag, ein wenig Nietzsche, Sartre, Camus, Boris Vian, Alfred Jarry, Baudelaire, Raymond Queneau, Apollinaire, Aragon, Flaubert, viele viele Franzosen. Doch von diesem seltsamen Autor aus Prag hatte ich vorher noch keinen Text in der Hand gehabt, was eigentümlich war, denn ich las viel. Leider auch viel vom Polit-Kram: Texte zur Atomkraft, so etwa Holger Strohms umfangreiches Standardwerk „Friedlich in die Katastrophe“, las zu F.J. Strauß, zur Nato-Nachrüstung, zur RAF und von Meinhof die Essays, Aufsätze von Marx und mit Engelszungen (gut geklaut vom Biermann) redete ich immer mal wieder auf die Hippie-Frau ein, ebenfalls diese Texte zu lesen, vielleicht sogar ein konkret-Abo zu beziehen. Lauf ins Leere von politisierten Lederjackenmännern. Nein, es war dieser Knabe eher ein Jüngling, kein Mann. Zartverpeilt, hochnäsig.

Aber was faszinierte ihn damals an dieser Prosa von Franz Kafka, als er im Deutschkurs die ersten Zeilen las? Es ist schwierig, nach fast vier Jahrzehnten herauszubekommen, wie diese Empfinden eines jungen Mannes war und was man einmal vor einem solchen Prosatext empfand. Das, was bei Bloch das „Dunkel des gelebten Augenblicks“ heißt, in den hinabzutauchen, um zu sehen, wie es einstmals war, schwierig ist. Eine Erfüllung, die ebenso etwas mit einer Nachträglichkeit zu tun hat. Jetztzeit, die im Vollzug erlosch und die doch  nachwirkt – vielleicht auch als Theorie, die das eigene Leben teils strukturierte. Man braucht eine Mémoire involontaire, vielleicht der Geruch jener Hippiefrau und der nach den Zigaretten von damals und dem billigen Wein. Jene Jahre, die für die intellektuelle Biographie prägend waren.

Beim „Urteil“ war es vor allem diese Stringenz der Geschichte, die so harmlos und ganz normal begann, verräterisch fast, mit dem agilen Sohn und diesem seltsam-hilflosen, im Dunklen des Schlafzimmers abgelegten alten Vater im Bett, der am Ende riesenhaft wird. Es waren sicherlich die sprachlichen Bilder und der nüchterne Stil im Erzählen, mit dem Kafka diese Effekte erzielte. Das Ende dieser Erzählung, die im Grunde eine Novelle ist, nämlich eine unerhörte Begebenheit, ist den meisten bekannt:

„Georg fühlte sich aus dem Zimmer gejagt, den Schlag, mit dem der Vater hinter ihm aufs Bett stürzte, trug er noch in den Ohren davon. Auf der Treppe, über deren Stufen er wie über eine schiefe Fläche eilte, überrumpelte er seine Bedienerin, die im Begriffe war heraufzugehen, um die Wohnung nach der Nacht aufzuräumen. „Jesus!“ rief sie und verdeckte mit der Schürze das Gesicht, aber er war schon davon. Aus dem Tor sprang er, über die Fahrbahn zum Wasser trieb es ihn. Schon hielt er das Geländer fest, wie ein Hungriger die Nahrung. Er schwang sich über, als der ausgezeichnete Turner, der er in seinen Jugendjahren zum Stolz seiner Eltern gewesen war. Noch hielt er sich mit schwächer werdenden Händen fest, erspähte zwischen den Geländerstangen einen Autoomnibus, der mit Leichtigkeit seinen Fall übertönen würde, rief leise: „Liebe Eltern, ich habe euch doch immer geliebt“, und ließ sich hinfallen.

In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Verkehr.“

Die Lakonie dieses Schlusses war es, die mich reizte und ich empfand dabei – in jenen jungen Jahren empfinden und fühlen die Adoleszenten in Dauerschleife, wenngleich ich durchaus vorhatte, diese Emotionen aus der Analyse herauszubekommen und ins Eiskristall zu bringen – eine Art von Vergnügen an diesem Satz. Vielleicht war es jener Kälteton, jenes Schockmoment, das mich faszinierte: wie nämlich eine eigentlich erwartbare Geschichte von einem in der Blüte seiner Jahre stehenden, im Leben gefestigten jungen Mann einen ganz und gar anderen Lauf nimmt und sich Zug um Zug da in der Vita Risse zeigen. Vor allem aber stand dieses Szenario im Kontrast zu der Seichtigkeit und dem, wie ich mich zu erinnern meine und wie es damals empfand, viel zu Lieblichen des „Narziß und Goldmund“. „Gebeißte Stimmungskunst“ wie Adorno solche Werke, in einem anderen Kontext freilich, nannte.

Dieses verstörende und zugleich mit Schönheit oder eher noch mit einem Reiz aufgeladene Moment in der Literatur vermerkte ich insbesondere dann bei jenem Roman, der mich bis heute begeistert und den ich für eines der gelungensten Bücher der Weltliteratur halte: Kafkas „Der Proceß“. Es setzte ob der Konstruktion und dem Gemachtsein dieses Werkes jene Lese-Euphorie ein, daß ich von jenem Kafka gar nicht mehr loskam.

Some of these days: nicht bei Sartres Kastanienwurzel im Park hatte ich diesen Eindruck, sondern bei Kafka schoß etwas ins Innere und zugleich entzog sich mir sein Text, nicht bei Camusʼ herrlich flirrendem Licht des Mittelmeers und dem Spiel zwischen solitaire und solidaire, nicht bei Vians und Queneaus bösem, gutem, lustbetonten Witz, den man heute wohl von #MeToo-Darstellern und den „säkularen Calvinisten“ des Literaturbetriebs in die Versenkung zensieren würde.

Diese Fluchtszene im „Urteil“, dieses plötzliche Aufbäumen des Vaters im Bett, wie er da fast an die Decke stieß, ebenso das Verhältnis zur Weiblichkeit in dieser Prosa. Vielleicht hing diese Intensität mit der Bildlichkeit der Erzählung zusammen, vielleicht mit meinem Faible für Photographie. Daß da eine Prosa Bilder wie in einem Stummfilm reihte und zugleich nicht ein Stück sentimental oder schwelgerisch-schwülstig auftrat. Kein Engagement, kein Pathos. Die Prosa Kafkas bereitete mich – anders als bei Sartre und den schlechteren Stücken von Brecht – auf eine Literatur vor, die realistisch war, ohne es aber im Gang des Erzählens und von der Handlung her doch zu sein; eine Literatur, die kein politisches oder soziales Engagement und keine unmittelbare Kritik zeigte, selbst die Daseinsmetaphern, wie man sie dann im „Proceß“ findet, sind kunstvoll gesetzt und wirken weder aufdringlich noch oktroyiert.

Kafkas Schreibszenen. Diesen Distanz-Erotiker gilt es ins Bild zu setzen, was ich dann im zweiten Teil meines Kafka-Textes tun möchte. (Es sollte dies eigentlich in einem Teil alles geschrieben werden. Doch ich kann mich – leider, ich bedauere es zutiefst – nie kurz fassen und schweife in mögliche, wirkliche und unmögliche Welten ab und es treibt mich mein „Ideengewimmel“ bunt herum.)

Wir verfallen, so dachte ich mir beim Lesen von Kafka – allerdings kam mir dieser Gedanke erst Jahrzehnte später in der Erinnerungsreflexion – nicht dem Zauber des Venusberges, wie wir etwa seinerzeit gerne einen Blick auf Frauen in lila Latzhosen warfen, sondern ich las damals jenen Abwehrtext, nahm ihn vielleicht als eine apotropäische Kraft: jenen Autor, der eine ungeheure Literatur schuf, und zwar eine solche, die ein unendlicher Kommentar ist und diesen unendlichen Kommentar als unendliche Deutung zugleich nach sich zieht, frei nach der Wahrheit jenes herrlichen Domgeistlichen im „Proceß“: „Richtiges Auffassen einer Sache und Mißverstehen der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus.“ Und diese Vielschichtigkeit und Offenheit des Textes eben erfordert diesen Strom an Deutungen und Geschichten, die sich an Geschichten anschließen. Und zugleich den Blick dafür, daß da eine Prosa ist, die all dies bewirkte und die Anlaß war. Anlaß auch und Beginn einer dialektischen Hermeneutik, einer dekonstruktiven Dialektik, die viel mit dem eigenen Leben zu tun hat. Franz Kafka war für dieses Denken wesentlich.

Photographie (Quelle): National Library of Israel https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Franz_Kafka_from_National_Library_Israel.jpg

Hamletmaschinen, Schauspielzeit, Ichsalat

Es gibt in seiner Autobiographie „Krieg ohne Schlacht“ einen schönen Satz von Heiner Müller über Schauspielschüler. Der ist insofern bemerkenswert, als er sich mit meinen Erfahrungen deckt. Auch ich hatte einstmals Mitte der 80er Jahre kurz die Ambition, an einer der deutschen Schauspielschulen mich zu bewerben. Und ich bin heute immer noch der Meinung, daß ich mit ein wenig Unterricht Lars Eidinger locker an die Wand spiele – zumal es ja nicht so schwierig ist, immer wieder denselben Typus zu darzustellen und besonders wenn dieser Charakter einem sozusagen im Blute liegt. (Die hohe Kunst des wahren Schauspielers ist es, jenen Charakter darzustellen, der einem diametral entgegengesetzt ist.) Aber ich will nichts gegen Eidinger sagen: Ich schätze ihn, es ist ein guter Schauspieler.

Allerdings: Bei der (teils zwiespältigen) Hamlet-Inszenierung von Thomas Ostermeier an der Berliner Schaubühne mit Eidinger als Hamlet, sprach Eidinger in Figuren-Rede – sei es die des Prinzen Hamlet oder die des Eidingers – einen Menschen aus dem Publikum an, einen jungen Mann zudem, der Eidinger nicht im mindesten gewachsen war und ich bebte und wartete darauf, daß er dies auch einmal und am besten mit mir probierte. Das wäre der wohl spannendste Abend an der Schaubühne geworden. Und da ich niemandem verpflichtet bin, grundsätzlich nicht, – anders als die armen Schauspieler, die da mit Eidinger zusammen spielen und sich  von ihm gezwungenermaßen an die Wand spielen lassen müssen, auch das ist ein weiteres Manko dieser Inszenierung -, hätte ich freie Bahn, hochfahrend in der Rolle als böser Zuschauer zu extemporieren. Nein, als Hamlet spielte Eidinger nur bedingt gut. Einen ganz herunter und nicht ganz so die Rampensau gegeben, wäre für die Qualität der Aufführung besser gewesen.

Wie dem auch sei. Müller schrieb in seiner Autobiographie „Krieg ohne Schlacht“:

„Die ‚Hamletmaschine‘ 1986 in New York war strenger, präziser als in Hamburg, weil die Studenten in New York einen härteren Arbeitsmarkt vor sich haben. Die sind disziplinierter und kommen nicht auf die Idee, daß sie Persönlichkeiten sind. Aber jeder Schauspielstudent in Hamburg ist eine Persönlichkeit. Dadurch gibt es Unreinheiten, das Private verwischt die Kontur. Das ist Wilsons Problem mit westdeutschen Schauspielern.“ (Heiner Müller, Krieg ohne Schlacht)

Ähnlich meine Beobachtung, als ich seinerzeit am größten deutschen Sprechtheater arbeitete und als Student beim Bühnenaufbau half. Rau ging es dort auf und hinter der Bühne zu. Aber das störte mich weniger, zumal ich nicht das Opfer war, was mich wunderte, denn meine genial-tolpatschig-dilettantische Art überzeugte die Arbeiter nicht. Mit Werkzeugen wie einem Akuschrauber umzugehen oder auch das Tragen meterhoher Kulissenteile geriet mir nicht wirklich gut und überzeugend. Oder vielleicht dachten sie auch, ich spielte den Clown und den Tolpatsch nur. Sie ignorierten mich. Der geniale Kulissenfahrer Uwe schrie manchmal irgendeinen der studentischen Hiwis an: „Du dumme Sau, beeil dich endlich und beweg den Arsch. Studentenschwein!“ Roh schallte es über die Bühne: „Holgäääär, hol den Schrauhbär!“ Es hämmerte, es schlug, es ging zack-zack und Jürgen rannte mit Turmhohen Teilen, Holger schraubte, Uwe frotzelte und mittendrinn auch die studentischen Aushilfen, einige davon Schauspielschüler. Sie waren allesamt nett und sie stellten zugleich sowohl bei der Arbeit wie in den Pausen im Bereitschaftsraum ihre Ambitioniertheit zur Schau. Jeder dieser Schüler eine Persönlichkeit. Jeder eine besondere Rolle. Diese Beobachtung ließ sich in der Kantine ebenfalls bei Jungschauspielern fortsetzen, die Stolz wie Bolle waren, am größten deutschsprachigen Sprechtheater aufzutreten. Und sei es auch nur in dem Weihnachtsmärchen „Unsichtbare Freunde“. (Mit der bezaubernden Andrea Lüdke.) Soviel zu Heiner Müllers Beobachtung und in Ermangelung eines anderen Textes für diese Woche.

Skizzenhafte Szenen zu Agnès Varda

Es ist traurig, daß Agnès Varda gestern starb. Allerdings habe ich zu wenige Filme von ihr gesehen, um kompetent dazu etwas zu schreiben, „Vogelfrei“ z.B. liegt unendlich lange zurück, es muß wohl in einem anderen Leben gewesen sein, geschah in einer anderen Zeit im Schatten junger Jungensblütte, so ging es während der Autofahrt durch meinen Kopf, als ich die Nachricht von ihrem Tode höre und ich dachte mir zugleich auf meiner Reisefahrt in jene andere Stadt, daß ich dann doch wieder froh bin, daß es nun Varda und nicht meinen Heroen Jean-Luc Godard traf, denn zu dessen Tod hätte ich unbedingt und unabdinglich und sofort und nicht erst in einem Tag Verspätung etwas schreiben müssen, was mir aber, da ich im Reisemodus nicht gut schreiben und denken, sondern nur aufnehmen und in Notizen fassen kann, nicht gelungen wäre und da ich Nachrufe nicht im voraus in der digitalen Schublade habe. Insofern befiel mich bei dieser Nachricht und beim Gedanken an Godard eine gewisse Erleichterung. Und ich dachte mir zugleich, daß dies böse Gedanken sind, voll von Sünde und Hybris. „Aber so kennen wir Dich doch, mein Freund Bersarin!“, sprach da diese Stimme vom Himmel herab, oder war es aus dem Autoradio, aus dem ich vor wenigen Minuten noch die Nachricht von Agnès Vardas Tod vernahm?

In schöner Ferne

Zum Beginn der Reise, in unerbittlicher Nacht, um halb vier, tritt der kalte Mann aus der Haustür seines Grandhotel Abgrund, pfeift, nein winkt ein Taxi sich heran, mit dem leicht erhobenen Finger, der schwingenden Hand, wie eine zaghafte Wortmeldung zum Morgen hin, während noch die Tropfen von Regen aus der Nacht heraus fallen und fallen. A hard rainʼs gonna fall. Doch nicht für mich, denn ich fahre in die schöne Ferne, die Fremde des Südens von Österreich, die in Wahrheit aber der Norden Italiens ist, sofern man neue Grenzen akzeptiert. Eine Taxe hält an. Der Taxifahrer spricht sogleich in aufgeregtem Atem und es schießt aus ihm heraus: er könne nicht wechseln, man habe ihm sein Portemonnaie geraubt, er sei Opfer eines Trickbetruges geworden. Ich steige in den Mercedes-Kombi und entgegne, daß wir die Sache des Bezahlens schon irgendwie hinbekämen, schließlich sind meine Taschen heute voller Gold. Aber man weiß nie: stimmt es oder ist es eine Ausrede, eine nette, gut erfundene Geschichte? Das Wissen, vielleicht selbst Opfer eines Trickbetrugs und damit verbunden Opfer der Mitleids-Masche geworden zu sein. Doch Glaube ist alles, dann Liebe, dann Hoffnung, dann nach der Nacht ein Morgen – mit Heidegger, Adorno und Hölderlin im Gepäck und den Gedanken an eine Fahrt in schöne Ferne. Feinere Gestade, Gebirgslandschaft. In seinem Gesicht steht Traurigkeit, er erzählt aufgeregt: daß Arme die Armen beklauen, sei eine Schande. Drei Fahrgäste waren es – der erste stieg aus und sagte, hinten im Reifen sei ein Nagel, der zweite Mann stieg ebenfalls aus und der dritte stahl im Trubel das Portemonnaie. Ich glaubte dem Mann. Selbst auf dem Weg zum Bahnhof waren seine Fahrkünste unsicher, so daß noch ich ihn am Ende dirigieren mußte und ihm sagen, wie man zum Südkreuz-Bahnhof gelange. Ich gebe viel Trinkgeld. Den Verlust der Nachtkasse muß der Mann aus eigener Tasche zahlen. Es waren 240 Euro. Geschichten aus der Arbeitswelt, kurz vor Morgen. Ich aber reise ins Philosophische: eine Woche Seminar über Adorno und Heidegger sowie deren Hölderlin-Deutungen. Dichten und Denken in dürftiger Zeit. Wir aber tun es in herrlichster Atmosphäre.

Der ICE ist pünktlich, das WLAN im Zug geht nicht, Vorspiel auf Kommendes und so wird diese Fahrt eine Reise in eine herrliche Zeit hinein, zu einer Abwesenheit von Internet. Denn auch auf dem Berghof hoch über dem Städtchen gibt es keinen Zugang zum Digitalen. Die Zugfahrt führt durchs ostdeutsche und dann das bayerische Regengebiet, es klatscht und prasselt gegen die Scheiben, ich bin froh, nicht mit dem Auto gereist zu sein, gen Süden, nach Bozen geht’s, ins schöne Südtirol, an die Etsch, nach Leifers. Geliebtes Österreich. Nein, es ist ja Italien. Mussolini siedelte in Südtirol, nach dessen Annexion 1919, Italiener an. Hinter München dann klart es auf, die Alpen liegen in guter Sicht. Vor dem Alpenblick zum Eingang ins Tal thront ein graues Gebäude. Ist es eine Burg oder doch nur ein Betonsilo, Industriebau als Kulisse? Im Gegenlicht und vorm Horizont der schimmernden Berge kaum auszumachen. Später dann gegen frühen Mittag ein schönes Panorama mit Sonnenlicht und hinein gondelt der Europa-City-Zug in die Pässe, durch die Täler, Schluchten, Wälder aus Fichten und manchmal sind Kiefern dabei. Innsbruck und Brenner. Die ragenden Gipfel, in der Höh und darüber, wo die Ruhe ist, wo kaum ein Mensch hingelangt. Die Zug-Abteile erinnern bereits an den Balkan: verschlissene Industrie-Moderne der 90er Jahre. So zumindest wirkt es. Die Gefilde werden südlicher. Bergtäler mit Fachwerk und vereinzelter Gewerbe, Ferienhäuser, Skihänge, meist aber ohne Schnee. Der liegt nur hoch oben bei den Gipfeln und an der kalten Brennerstation, wo Soldaten und Polizisten ihre Patrouille machen. Statt in Clemens Setz zu lesen, blicke ich aus dem Fenster und bewundere die Höhen, die Bergkämme, das karge Gestein. Moos und Gras.

Im Zug, kurz vor Bozen, ich hieve den Koffer von der Ablage, der Koffer gleitet aus der Hand, rutscht in die Schräge, schnellt herab und schlägt auf die ungünstigste Stelle, die es in einem Zug gibt, dort, wo kein Koffer am besten je aufschlägt: die Notbremse. Ein Ruck geht durch den Zug, langsamer die Fahrt, dann abruptes Halten. Es steht der Zug nun, es rappeln die Menschen, die Reisenden schauen irritiert und einer ist da: der weiß, wer es war: ich war es. Ich war das, und der Mißbrauch der Notbremse wird bestraft, so schieße es mir durch den Kopf. Ich zögere, ob ich den heiklen Vorfall melden soll. Ich tat es am Ende und die strenge Schaffnerin, die kein Wort von meinem geliebten Deutsch verstand oder aufgrund der Italienisierung der Region mit Absicht nicht verstehen wollte, wenngleich ich von ihrem Habitus zugleich vermutete, daß sie es tatsächlich nicht verstehen konnte, sprach mich italienisch an, mit Rüge und scharfem Ton, obwohl es in der autonomen Region Südtirol an ihr ist, deutsch zu sprechen und nicht an mir italienisch. Von ihrem schlechten Englisch, das noch ärmer als meines war, ganz zu schweigen. Am Ende akzeptierte sie in ihrem gebrochenen Katzelmacher-Englisch meine Entschuldigung, blickte dennoch böse und ich war kurz davor, mich bei der Bürgermeisterei oder sonstwo zu beschweren. In einer Region, in der deutsch gesprochen wird. Gleich zur Anreise erwachte bei mir so etwas wie Südtiroler Lokalpatriotismus: für diese schöne Sprache, diesen Dialekt, schwer zu verstehen zwar, wie ich dann im Laufe der Woche erfuhr, guttural, doch gemütlich. Ich denke an unseren Gärtner und Arbeitsmann, später, auf dem Berghof, der das Gepäck auf die große Höhe des Berghauses mit dem Pickup fuhr und bei der Rückreise dann wieder hinab brachte, während die Gruppe zum Wandern angehalten war: Erstes Erkenntnisziel für junge Studenten der Philosophie ist der Aufstieg. Dieser schwere und schöne Dialekt des Mannes, der wie der Bewohner einer feinen Zwergenwelt ausschaute: Freundlich, treu, bärtig, immer mit einem Lächeln und dazu eben jene seltsam-schönen Sprache. Ein Dialekt, der freilich noch viel ausgeprägter und noch viel fremder klang, wenn der Gärtner mit seinesgleichen sprach und nicht mit uns. Wir erlauschten dieses Reinsprechen des fremden feinen Bergvolkes einmal, als Otmar während der Arbeit mit einem seiner Kollegen auf dem Berghof babbelte. Es war eine Geheimsprache.

In Bozen fragte ich zwei ältere Frauen nach dem Weg, war auch unsicher: in welcher Sprache sie anreden? Am Ende in Deutsch und eine der Damen sagte: „Wir sprechen hier deutsch und wir haben uns diese Sprachautonomie hart erkämpft. Alles in Südtirol ist zweisprachig!“ Und: „Nein, wir sind keine Nazis, aber Deutsch ist in Südtirol unsere Heimatsprache!“ Ein Satz, der mich beeindruckte. Ein kluge, eine gute Antwort. Und zugleich sagte sie eben auch: Es sei natürlich trotzdem gut Italienisch zu lernen. Eine schöne Sprache. Stimmt, dachte ich mir. Und auch eine schöne Nationalhymne haben die Italiener. In nuce zeigen sich hier bis heute die Nachwirkungen eines grausamen Krieges und eine sinnlose Umsiedlungspolitik – was ebenso den Blick für manches Problem in Afrika schärfen könnte. Aber dies ist ein anderes Thema und weit weg von der schönen Bergwelt. Wenngleich auch in Bozen eine Vielzahl von Schwarzen zu sehen sind, die einem dies und auch das anbieten, wenn man dies oder das denn gerne möchte.

Unten in Leifers angekommen, trotz Notbremse, vom Berghaus gesehen tief unten der Ort, wenngleich Leifers eben doch 250 Meter über Null liegt. Eine Bar, eine Hauptstraße und davon abzweigend eine weitere, die in Richtung meines Ziels führt. Zwei Stunden vor dem großen Aufstieg zum Berghof. Das Städtchen im Tal ruht in der Wärme. Von nordischer Kälte, dem Regen über der brandenburgischen, sachsen-anhaltinischen, der thüringischen, der fränkischen, der bayerischen Landschaft ist hier nichts mehr zu spüren. Weit, weit weg und eine Welt des Südens tut sich auf, in Bergketten gerahmt: die Dolomiten. Hier ist alles ins milde Licht des Nachmittags getaucht. Die Gipfel der Berge ragen ins Blau des Himmels. Für den gelehrten Stubenhocker eine so ganz andere Blick-Welt. Ich stehe in Leifers mit meinem Koffer. Allein. Bewege mich an der Hauptstraße entlang auf mein Ziel zu, dort wo der Gärtner Otmar unsere Gruppe abholen wird. Bin aber deutlich zu früh. Zwei Stunden vor der Zeit liegt des Nordlichts Pünktlichkeit.

Aus der Kirche dringt eine Musik, ein Gesang ist es. Erhebend, sinnlich-aufreizend zu anderen Höhen strebt der Ton. Die Musik gefällt mir. Eine Chorprobe vielleicht. Ich bin neugierig und blicke in den Innenraum, ich betrete die Kirche. Ein Sarg steht vor dem Altar. Ja, es ist Beerdigung, die dritte und die letzte Hochzeit, zu der wir eine Kirche betreten. In jener letzten nicht mehr das Subjekt, sondern ein Ding, ein Objekt, aus dem aller Geist wich. Leblose Hülle. Substanz ohne Substanz. Und alles gelebte oder ungelebte Leben erlosch. Nicht zu korrigieren. Wir sind dieses uns vorauswerfende Dasein und wir sind es, die das irgendwann einmal nicht mehr sind. Ein Apeiron. Hypokeimenon. Manchmal braucht es keine Kastanienwurzel und eine Bank im Park. Es reicht die Bank vor der Kirche und ein Zufall, zu jener Zeit an jenem Ort zu sein.

Ich bewege mich wieder hinaus, setze mich draußen auf eine dieser Bänke bei der Kirche, in warmer Sonne und Milde des Südens, im Licht des Südens, um die traurige Zeremonie nicht zu stören. Ich denke an die Trauer auf einem Wäschedraht, irgendwann im Januar, diesen Zen-Moment in der Kälte Kölns und an einen anderen Moment, als sie dieses Gedicht vorlas – im Januar. Irgendwann. Irgendwann kamen Carabinieri und sperrten die Straße. Glocken schlugen und es verließ der Zug mit dem Sarg die Kirche, durchs Hauptportal, zog über die Straße und – ich ahnte es bereits, denn ich saß neben dem Friedhofstor – stieß direkt auf mich zu, als sei ich, ausgerechnet ich das Ziel dieses Zuges und Endpunkt dieser letzten Reise. Traurige Gesichter, würdevoll schreitend, vorne weg der Leichenwagen, dahinter in Trauer eingehakt die Angehörigen. Da saß nun ein bleicher fremder Gast mit einem großen Koffer, einer schwarzen Lederjacke und hellblauer Jeans, blaß wie die Nordmänner aus der tiefen Ebene halt blaß sind. Besser sich wenigsten zu erheben, dachte ich mir. Der Aufstieg in die luftige Höhe der Philosophie beginnt mit einem Begräbnis und mit dem Geläut der Glocken von Leifers.

Die Tonspur zum Sonntag (Kofelgschroa, Eintagesseminar)

Zurück vom Wochenseminar und zum Glück bei mir auch mehr als ein Eintagesseminar, und auch fürs Philosophische ward gesorgt, für eine ganze Woche lang: Adorno, Heidegger, Hölderlin. Dazu köstliche Südtiroler Weine. Zurück nun also von den Berghöhen bei Leifers. Alles das ist nun nur noch Nachklang und Erinnerung. Eine Woche ohne Netz und Medien. Wunderbar und schön. Natur und Text. Nun wieder da und herunter, nicht wie Zarathustra, sondern nur die normalen lichten Höhen.

„Abwärts gehts von ganz allein.“

Abwesenheitsnotiz

Ich bin bin ein toxisches Subjekt, selbst meine Frau hat sich vor mir versteckt. Oder ist es vielmehr umgekehrt? Egal wie, ich weiß es nicht: da ich in nächster Zeit unterwegs bin und nicht weiß, ob es in dieser Region Internet und eine Wireless Local Area Network gibt, mit der ich mich konnekten kann, schalte ich die Kommentarfunktion des Blogs zunächst aus. Und da man nicht weiß, ob es in den Zügen der Deutschen Bahn eine funktionierende Wireless Local Area Network gibt, mache ich das bereits vor dem Reise antritt.

Eine der großen Überwindungen besteht darin, nicht vorweg schon vom Reiseproviant die schwedischen Haferkekse wegzufressen. Einfach die Packung aufreißen und genüsslich ein oder zwei Kekse zum Tee. Wie dem auch sei: Meinen Leserinnen und Lesern wünsche ich eine gute Zeit.

Das Lesen, Karl Kraus, Jean Paul und dreißig Jahre Internet: vom Stahlgewitter zum Digitalgetwitter

„30 Jahre World Wide Web“ kündigt mir Google heute auf meiner Startseite an, und beim Nachlesen in der „Welt“ zeigt sich: der britische Physiker Sir Tim Berners-Lee habe den Grundstein fürs WWW gelegt. Jenes weltweite Netz, das uns als Technik, als Kulturtechnik inzwischen, umspannt und einspannt. Das Internet ist ein ungeheurer, monströser Verstärker für Texte, eine gigantische Kopiermaschine, eine Wunschmaschine, ein Oger, ein Geflecht und es produziert einen schier unendlichen Wust an Gedanken, Sätzen, Bildern, Tönen. Man fühlt sich an jenen riesigen Ozean  auf dem Planeten Solaris erinnert, den Andrej Tarkowski uns in dem gleichnamigen Film vorführt. Ein unendlicher Strom, ein Energie- und Kraftfeld und ein Bezirk von Illusionen, der uns Leben vorspielt. Es saugt Energien aus uns und gebiert Neues. Das Übermaß und die Maßlosigkeit einer Technik, die den Menschen kopiert. Aber nicht nur Ozean, sondern ebenso ein Sonnenfeuer. Einerseits eine eigenständige Entität, andererseits aber macht dieser digitale Feuersturm etwas mit unserem Denken und unserer Aufmerksamkeit. Saugt sie oftmals  aus. Was tun und wie? Man kann gegensteuern, man kann abschalten. Diese Haltung aber bedarf des Bewußtseins und einer hohen Selbstreflexivität. Auch ist das Suchtpotential, das dieses Wesen in uns auslöst, ebenfalls nicht gering zu setzen. Ein Wust, der zur Wüste werden kann. Trivial eigentlich, wir wissen es. Und dennoch fasziniert es, bereichert uns. (Und sei es nur der freie Zugang zu Pornos oder seltsamen Intimgeschichten. Für uns Voyeure ein gefundenes Fressen.)

Wenn man den Begriff des Monstrums im etymologischen Sinne nimmt, bringt es Wikipedia gut auf den Punkt:

„Der Begriff Monster leitet sich von lateinisch monstrum ‚Mahnzeichen‘ sowie monstrare ‚zeigen‘ und monere ‚mahnen‘, ‚warnen‘ ab. Im engeren Sinn bezeichnet er ein meist im Verhältnis zu einem eher idealtypisch gesehenen Menschen ungestaltes Wesen. Dessen Missgestalt findet seinen einzigen Zweck zunächst im Verweis auf das Maß – ein Ideal in körperlicher wie ideeller Hinsicht. Vor allem im Umkreis des theologischen Denkens der Kirchenväter und des Mittelalters ist das Monstrum ein Mahnzeichen, das die Gläubigen auf die Gefahren und Folgen eines Abweichens vom rechten Glauben hinweisen soll, das also bewusst von Gott gesetzt ist.“

Das Un- und das Übermaß also, eine Mißgestalt, weil über- oder andersdimensioniert. Es zeigt und mahnt und warnt. Alles zur selben Zeit, im selben Raum.

Und zugleich denke ich mir, einmal noch diese Faszination wiederzuerleben, als um 1995, 1996 herum das Internet für viele plötzlich bedeutsam wurde: Was war das für ein Reiz? Plötzlich mit Tel Aviv oder mit Tokio zu „sprechen“. In sekundenschnelle an Nachrichten und Informationen zu gelangen. Die ersten Literaturprojekte wie Hettches Null oder Alban Nikolai Herbsts Dschungel Anderswelt, dann in den 2000er Jahren.

Was kam da alles! Das Netz bot Wildes, Ödes, Aufgeregtes, Debatten, Wissen, herrlich Pornographisches – plötzlich für alle zugänglich, Politisches, Lyrisches, die „Prosa der Verhältnisse“, die „Poesie des Herzens“, Tagespolitisches inzwischen im Sekundentakt, das uns um die Ohren fliegt und das oft nicht einmal die – freilich leckere! – Blutwurst wert ist, die da mit viel Trara inszeniert wird: bei immer neuen Themen, die durch die Kanäle geblasen werden, eine Inflation von Text und Bedeutung inzwischen, und damit fällt dieses Internet ebenfalls in die Dialektik der Aufklärung. Viele können heute schreiben, sie geben Kluges oder Dummes von sich – das ist soweit gut. Und angesichts der Masse an Texten bleibt vieles ungelesen. Oft ist das gut so. Manchmal aber schade, ganz besonders bei den gelungenen Texten. Man muß sie entdecken. Man muß Trüffelschwein sein oder braucht eines, das einem solches Wissen liefert. Viele Texte, viel Literatur bleiben dabei freilich auf der Strecke. In der Zeit, wo ich twittere, kann ich nicht lesen.

Dieser Faszination jedoch der ersten, der frühen Jahre Mitte, Ende der 1990, dieser Spieltrieb: das alles ist inzwischen  hin. Es stellte sich eine öde Betriebsamkeit ein. Ähnliches gilt für die Anfangszeit der Blogs.

Analoges Lesen wird bei diesem Netzding für viele (nicht für alle zum Glück!) zu einer Nischensache, all die Zeit, die man im in den sozialen Medien verbringt oder besser geschrieben abhängt und wo man in teils absurden Debatten versinkt, fehlt einem am Ende beim Lesen der tatsächlich komplexen Texte, nennen wir sie ruhig: Bücher. Und ein komplexer Gedanke läßt sich nur entfalten, wenn man ihm Raum gibt – auf einer Fläche, wie ich finde, haptisch, über eine Distanz und nicht in einem sowieso von der Schrift her schwer lesbaren Facebook-Textstrang oder auf 280 Zeichen. Eine schier unübersichtliche scheinende Masse an Text gilt es zu sortieren. Blog- oder Zeitungsartikel etwa kann man sich ausdrucken. Als Fossil mache ich das manchmal, da ich längere Texte nicht am Bildschirm lesen mag.

Diese Vielfalt an Lektüren durch ein neues Kommunikationsmediums ist nicht per se gut oder per se schlecht. Kruder Kulturpessimismus führt nicht weiter. Es gibt gute Facebook-Accounts, es gibt geistreiche Twitterer. Manche meinen, der Kultur- und Sprachkritiker Karl Kraus würde heute Twitter wählen. Ich wäre mir da nicht sicher, ob  Kraus twitterte, bezweifle es, weil Kraus in der Regel mehr als nur Aphorismen schrieb. Seine Hiebe waren meist längere, komplexe Texte: etwa zur Kultur, zu Nestroy und Heinrich Heine, über eine korrupte und manipulative Presse mit schludriger Sprache, Kraus schrieb über die kleinen und großen Skandal-Fälle der Wiener Gesellschaft und über die k.u.k- und später dann die österreichische und die Welt-Politik, die er aufspießte: Sittlichkeit und Kriminalität. Wenngleich Kraus für die neuen Reproduktionsmedien wie etwa die Schallplatte durchaus Sinn besaß. Hingegen duldete er es nicht, wenn man ihn auf einer seiner legendären Lesungen photographierte. Man muß also im Hinblick aufs Medium differenzieren. Es gibt kluge Köpfe und es gibt manche Wissenschaftler, die twittern, daß man sich nicht nur für die Universität, sondern gleich mit für die ganze Innung schämt. Heilige Sauzucht.

Wie mit jeder Technik ist es die Frage, wie man sie nutzt, was man daraus macht und ob ein Leser, eine Leserin mit offenem und wachen Bewußtsein an die Sache herangeht. Die Frage also, wie eine Quantität in eine neue Qualität umschlagen kann. Und so wandelt sich mit dem Medium auch das Leseverhalten in der Literatur. Nicht immer zum guten: wer greift heute zu Jean Paul? Die langen, herrlich gewundenen Sätze, die wie die Girlanden den Buchraum schmücken. Im Zeitalter des schnellen Lesens halten solche wunderbar digressiven Sätze, die sich verströmen und verlieren, oft nur noch auf. Dabei gibt es von Jean Paul so viel zu lernen und mit Lust zu lesen. Jean Paul ist verspielt, er fächert sich auf, allein durch seine mannigfaltigen Vorreden zu den Romanen oder gar zu der Vorrede selbst, eine Vorrede zu der Vorrede, zum Autor, zum Personal, und auch noch innerhalb der Romane zu den einzelnen Kapiteln. Eine Multiplikation von Perspektiven und Personen: Doppelgänger begegnen einem: Leibgeber, Siebenkäs. Und nie ist man sicher: Wie ist es denn nun? Und bei Jean Paul wie auch beim Internet: Ein wuchernder, sich verzweigender und auf sich selbst verweisender Text. Bei Jean Paul aber verspürt der Leser dieses große Glück beim Versinken in Zeilen, weil diese Sprache dann doch auf einen Punkt konzentriert ist, anders als im Internet, nämlich auf die Geschichte und wie Phantasie ein Leben zu erzeugen vermag. Denn der Leseraum von Jean Paul ist abgegrenzt und umrissen. Und genau das meint auch ein Begriff wie Heimat. Leseheimat hier. Und das ist dann zugleich auch die Lebensheimat.

„Wenn ich nichts mehr zu leben habe, schreib‘ ich mein Leben.“ (Jean Paul, Ideen-Gewimmel)

Das schöne an der Literatur ist ja: Es geht einem der kluge Lesestoff niemals aus. Wer bisher nicht die Bekanntschaft von Jean Paul machte, sollte dies unbedingt tun. Freilich: Es gibt Texte, die einem erst spät zufallen. Jean Paul war einer dieser Autoren. Man bereut es dann bitter, ihn nicht schon mit 16 oder 18 kennengelernt zu haben. Aber da war die Bernhard-Zeit, die Handke-Zeit, Mitte der 80er Jahre, die Beckett-und-Kafka-Emphase. Thomas Mann, Brecht und Benn, Kleist und der Meister aus Weimar: nicht Wieland, sondern der andere. Alle zu ihrer Zeit, in ihrem Rahmen, und da ging Jean Paul leider an mir vorbei, wenngleich doch bereits Thomas Bernhard 1986 voll von Emphase in seiner „Auslöschung“  neben seiner eigenen Erzählung „Amras“ insbesondere Jean Pauls „Siebenkäs“ als eines der besten Stücke der Literatur von dieser Welt hervorhob – gegen Thomas Manns Leitzordnerliteratur. Eine herrliche Schimpf- und Lobestirade.

Solche Leseszenen auszufalten, die „Lust am Text“, die Lust an der Literatur zu schreiben, ohne dabei den eigenen Horizont als absolut zu setzen, zu schildern, was einen prägte, ist eine feine Sache. Dieses Erinnern ist nicht bloßer Selbstzweck, sondern man kann sich in der Rückschau vergewissern: Was da mal war, was da wirkte und faszinierte, wie ein bestimmtes Buch uns prägte und unserer Biographie eine Richtung gab. (Ähnlich wie in jenen wilden Jahren des Internets als alles begann, 1996, oder im ebenso wilden Jahr 2012, wo mir in Wittenberg am Brunnen auf dem Marktplatz jene Lebensfrau über den Weg lief, die ich, gäbe es das Netz nicht, nie kennengelernt hätte. Viel zu unterschiedlich sind unsere Lebenswege. Großes Glück des Lebens.)

Anyway: In der „Zeit“ letzten Jahres gab es von Stephan Wackwitz das Projekt „Drei Bücher„, unter der Überschrift: „Ein Lichtfunke, der in mich fiel. Über Lenin, Norbert Blüm und das Erbe des Kolonialismus – wie drei Bücher meinen Blick auf die verworfene Welt verändert haben“. Da es im Internet bereits eine Menge an Buchchallenges gab, in allen möglichen Varianten, meist unter der Rubrik „Die 10 wichtigsten Bücher. Kein Kommentar nur ein Bild“ möchte ich diesen Vorschlag von Wackwitz hier ebenfalls probieren: ich werde zu drei Büchern, die mich beeinflußten, prägten und bewegten, etwas schreiben. (Vielleicht werden es auch vier, ich schaue das noch.) Dieses Projekt starte ich vermutlich Ende März. Davor werden hier auf AISTHESIS nur kleinere Texte oder Bildserien stehen, da mich im Augenblick die Arbeit der Theorie stark in Anspruch nimmt und ich zudem kaum Zeit für ausufernde Diskussionen finde. Insofern muß ebenfalls die Houellebecq-Rezension warten. Weil: das sind so Texte, die oft manchen Kommentar nach sich ziehen. So ist das eben. Im Internet. Besuch kann man gegen halb drei hinauskomplimentieren und spätestens wenn die Weinvorräte leergesoffen sind, gehen die meisten von alleine. Im Internet ist das nicht so. Kann auch sein Gutes haben. Muß es nicht. Man muß wissen, wann man aufhört. Das wieder, das Prinzip des Maßes, ist nicht anders als beim Zuführen von Drogen.

Tonspur zum Sonntag – Komm in den totgesagten park und schau

Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade

Dort nimm das tiefe gelb das weiche grau
Von birken und von buchs · der wind ist lau
Die späten rosen welkten noch nicht ganz
Erlese küsse sie und flicht den kranz

Vergiss auch diese lezten astern nicht
Den purpur um die ranken wilder reben
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht
(Stefan George)

Lyrik zum Weltfrauentag

Zum #Frauentag, mein Schatz, zum Frauentag,
gib acht, gib acht,
Hab ich dir eine Luftpumpe
mit-
ge-
bracht

Die Pumpe strafft Po, Backen
Und Geist
Und hilft, wie Du weißt
Beim Entschlacken
Hab acht, hab acht:
Mit-ge-bracht!
In tiefer, tiefer Mitternacht.

Die Photographie wurde auf Twitter VON HISTORY LOVERS CLUB ENTNOMMEN.