Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.

Karl Lagerfeld

Exzentrisch zu sein, ist in der Moderne einer ausdifferenzierten und zugleich doch gefügten Gesellschaft vielleicht nur noch solchen wie Lagerfeld möglich. Das wirkt auf viele skurril, und dieses Gefühl fürs Seltsame der eigenen Daseinsweise brachtet Lagerfeld selbst im Grunde gelungen auf den Punkt, wenn er davon sprach, daß er eigentlich nur eine Karikatur seiner selbst sei. Es wirkt solches Dasein wie Hybris oder aber wie ein Ausbruch aus den normalbürgerlichen Konventionen einer Erwerbsarbeit, der immer auch der Schrecken eingeschrieben ist und die mit der Anstrengung erkauft ist. Und doch finden wir in diesem Ausbruch des Exzentrikers ein Dasein, was sich am Ende ihres mühevollen Tages von Arbeit zumindest manche doch irgendwie wünschen: es anders machen, das zu tun, was gefällt, eine Arbeit nach dem Prinzip von Lust. Hilfloses Surrogat oft: wenn sie bzw. wenn wir in unseren kleinen Fluchten meinen auszubrechen, zeigt sich etwas davon. Im Abschweifen in den Konsum, wenn wir im angenehmen Warenhaus kaufen, wenn sie bei Zalando Billiges oder Seltenes erstehen, im Kinobesuch, aus dem man nicht immer dümmer herauskommen muß, aber oft leider schon, im Tinder-Gefühl, im Stadttheater als Kulturbetrieb oder oder in ihrem Twitter-Politverband, wo sie ihre Privatsicht als moralisch-hehre Haltung verkaufen oder in einer sich längst totgelaufenen Kritik oder Affirmation als Reflex auf Kritik oder in SUVs auf Autobahnen als Fluchtfahrt, Todfahrt, Heimfahrt.

In der Seltsamkeit des Exzentrikers liegt die Utopie. Selbst da, wo er mitten im Betrieb steht und zum Erhalt beiträgt. Das Gespür für die Schönheit eines Augenblicks oder für den herrlichen, doch  kaum merklichen Fall einer Falte im Kleid der Schönsten auf dem Laufsteg verschafft manches Mal mehr als das lausige Reden, Machen, Tun und Schreiben und unser Einerlei.

„Doch Wahrheit ist nicht – wie der Marxismus es behauptet – nur eine zeitliche Funktion des Erkennens sondern an einen Zeitkern, welcher im Erkannten und Erkennenden zugleich steckt, gebunden. Das ist so wahr, daß das Ewige jedenfalls eher eine Rüsche am Kleid ist als eine Idee.“ (Walter Benjamin, Passagenwerk)

Damit mag der König in die Höhe fahren: christlich, idealiter, am Material orientiert oder am Ende wie wir alle bloß als Erde. Und es bleiben als Werke und Tage jene Rüschen unseres Lebens, an die sich andere erinnern. Oder nicht. Ob Lagerfeld sich freilich in die Theorie des Dandys  fügt, so wie Walter Benjamin ihn konzipierte, darf man eher bezweifeln. Die Zeiten sind andere und der Glanz der Warenwelt verschob sich. Die Passagen aus dem Paris des 19. Jahrhunderts strahlen in einem fremden Licht, die Zirkulationssphäre wandelte sich. In der Sphäre des Konsums und der allgemeinen Verfügbarkeit noch des Widerständigen bleibt kaum Zeit und Raum für jenen Dandy.

 

Zum Tod von Bruno Ganz

Ich selbst gehörte seinerzeit zu den begeisterten Hitlerimitatoren. Wir haben das schon in der Oberstufe gemacht, weil das Punk-Gestus war. Und womit sonst kann man linksliberale Lehrer noch irritieren? Lehrer, die mit einem Mitte der 1980er Jahre auf dieselben Anti-Atomraketen-Demos gehen. Hitler spielen also als neuen Schulsport. Bruno Ganz fügte dem eine neue Ausdrucksvariante hinzu, später dann, 2004, unnachahmlich im „Bonkär“. Schon wir damals im Geschichtsleistungskurs 84: „A propos ‚Wehrmacht‘: Wer macht heute abend die Weinflaschen auf?“ Wir aber waren im Bunker eher so die Wachmannschaften und Offiziere, die zunehmend beim Wein verluderten.

Doch das ist eigentlich unwesentlich, diese Anekdote ist auch nur wieder eine Form der Selbstinszenierung des Hausherrn im Grandhotel Abgrund und nichts gegen Ganz, denn selbst diese Rolle des FH, des Führer Hitler, spielte Bruno Ganz mit Bravour, und keineswegs ließ er sich auf eine solche Rolle in seiner Ausdrucksvielfalt reduzieren. Im Gegenteil war dies eigentlich ein ganz und gar gelungener Rollenwechsel des eigentlich ruhigen, melancholischen, intellektuellen Ganz: der mit dem Gesicht des Künstlers, des Denkers,des Sinnlichen. In seinem Gesicht, in seinem Gestus lagen eine Ruhe und eine Schönheit, wie sie nur wenige Schauspieler haben. Vielleicht der junge Helmut Berger und vor allem Oscar Werner.

Ich mochte Bruno Ganz (und Otto Sander) in „Der Himmel über Berlin“, obwohl ich den Film damals, 1987, mit Verachtung strafte. Vor allem wegen dieser artifiziellen Sprache, in der die Leute von der Straße eben nicht denken, so dachte ich damals, zu überzuckert war diese Sprache geraten, oder wie Adorno es in bezug auf eine bestimmte Dichtung und Vintage-Gebilde einmal schrieb: „Gebeizte Stimmungskunst“: wenn das Schockmoment, das einst mit den Film-Werken einherging zugunsten eines gefälligen Umgangs verblaste. Heute freilich sehe ich es anders, sehe den „Himmel über Berlin“ wohlwollender, eine schöne Geschichte, auch der Schmutz von Berlin und zugleich ein großer Glanz, eine Stille, die da in der damals noch zerrissenen Stadt herrschte. Denke beim Rückblick noch an das Nick Cave-Konzert. Feine alte Zeit, wo auch ich mich bei Nick Cave-Konzerten herumtrieb, und es ist ja immer noch sehr gute Musik, bis heute. Sie paßte ebenfalls damals zu diesem Lebensgefühl da in Berlin. Wenngleich ich damals nicht an der Schaubühne war und Bruno Ganz schaute. Dennoch waren wir schon früh Fans.

Ja, ich liebte Ganz als Schauspieler vor allem in der „Marquise von O“, Regie Éric Rohmer, dessen Filme wir insbesondere zur Punk-Zeit mit Vorliebe sahen, vielleicht als Erlösung von all der Unruhe der Zeit, der rauen Musik und politisch mit Le Waldsterben, Le Angst und Le Atomkrieg – diese ins Hysterische gehende Panik konnte ich, bei all der verständlichen Unruhe, nie nachvollziehen. Sinnlos. Ich wollte einen kritischen und hedonistischen Punk, eine kritische, eine brutale, eine gesellschaftliche, eine autonome Kunst. Ich wollte den Lobpreis des Scheins, der Gebilde des Trugs, des Spiels. So wie in der Marquise? Das Aussetzen der Wirklichkeit und zugleich die ungeheure Brutalität darin. Ich schätzte vor allem „Der amerikanische Freund“ – lange, lange ist all das her. Und ich möchte unbedingt erwähnen: die schöne TV-Serie „Tassilo – Ein Fall für sich“. Bruno Ganz verkörperte diesen wehmütigen Detektiv in großartiger Weise. Selten solch ein guter Ermittler.

Nun also ist einer der großen Schauspieler gegangen. Diese seltsamen Schweizer.

Simon Strauß faßt es in der FAZ schön zusammen:

„1996 wurde ihm der Iffland-Ring, die bedeutendste Auszeichnung für deutschsprachige Schauspieler der Gegenwart, verliehen. Seinen letzten Bühnenauftritt hatte er 2012 in Luc Bondys Pariser Inszenierung von „Homecoming“, seinen letzten Filmauftritt in Lars von Triers „The House That Jack Built“. Da spielte er den klugen Führer ins Totenreich. Seine Lesungen waren eindrucksvoll. Die letzte sollte bei den Salzburger Festspielen 2018 zusammen mit Edith Clever aus dem Briefwechsel Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze sein. Schweren Herzens musste er sie absagen. Nun ist er im Alter von 77 Jahren gestorben.“

 

 

 

Im Neigungswinkel der Existenz – Zum Tod von Thomas Bernhard (2)

„‚Ich würde mich nicht so leicht in alles fügen‘, sagte Siebenkäs, ‚wenn mir nicht doch ahnete, daß ich dir bald einmal wieder begegnen werde; ich bin nicht wie du; ich hoffe zwei Wiedersehen, eines unten, eines oben. Wollte Gott, ich brächte dich auch zu einem Sterben wie du mich, und wir hätten dann unser Wiedersehen auf einem Bindlocher Berge, blieben aber länger beisammen!‘
Wenn die Leser sich bei diesen Wünschen an den Schoppe im Titan erinnert finden: so werden sie betrachten, in welchem Sinne das Schicksal oft unsere Wünsche auslegt und erfüllt. Leibgeber antwortete bloß: ‚Man muß sich auch lieben, ohne sich zu sehen, und am Ende kann man ja bloß die Liebe lieben; und die können wir beide täglich in uns selber schauen.‘“
(Jean Paul, Siebenkäs)

Daß ich irgendwann wieder von meinem seligen Friedhofsort hinab mußte, war gewiß. Hatte ich doch für den Sonntag noch eine weitere Aufgabe, nämlich für eine deutsche linke Wochenzeitung eine Reportage über den Böhmischen Prater zu machen, den nicht ganz so bekannten, den anderen Prater von Wien, was also etwas Recherchearbeit nach sich zog. Aber das wieder ist eine neue Geschichte, die hier nicht erzählt werden kann. Auch nicht, daß ich aus lauter Autoren-Pflicht zum Abend noch kränker wurde und meine Parkett-Karte für ein Horváth-Stück im feinen Burgtheater verfallen lassen mußte. Fritz J. Raddatz hätte sich das auf sein Honorar draufgeschlagen. Ich aber bekomme Fixum und nach Zeilen bezahlt. Lebenspech. Theoretisieren wir also ein wenig weiter.

Wie wir von uns oder von anderen erzählen, ist die zentrale Frage der Literatur, es ist eine Frage der Form, in der sich der Inhalt sedimentiert – inzwischen im postmodernen Erzählen auch selbstreferenziernd. Wie wir eine Geschichte bauen, die gute Literatur ist. Zwar bleibt selbst angesichts all der gelungenen Literatur der Gedanke: Am kühlen Grab oder besser, darin, denn darüber war es ein warmes Grab in Septembersonne, ist es ganz gleich geartet – da dringt kein Ton mehr hinein. Und keiner heraus vor allem. So ist all unser Schreiben nur vergänglich. Wir haben da unten vom Ruhm nichts mehr.  Doch wo wir in Büchern wirken und schreiben, da ist etwas in die Welt gebracht und dauert – trotz der Beteuerung des Protagonisten Reger in „Alte Meister“, daß der einzig geliebte Mensch durch kein Kunstwerk zu ersetzen sei, so sinniert Reger vor jenem altern Tintoretto-Meisterbild im Kunsthistorischen Museum. Ein Vergleich aus der Verzweiflung geboren. Er stimmt. Und er stimmt nicht.

Dennoch bleib auch von solcher Kunst etwas: als Bild, als Schrift, als Literatur. Als Bezug zur Zeit und als eine Form des Andenkens. So wie von meinem datierbaren Bernhard-Besuch am 30.9.2018 in Wien-Grinzing mit Grabeszwiegespräch ein freundlicher Blogtext in dieser Welt überwintert. Und ich erinnerte mich da in Grinzing an die traurige Friedhofsszene in Jean Pauls „Siebenkäs“: An Siebenkäs‘ Pseudo-Beerdigung und wie ihm dieser Schein-Tod die Freiheit von seinem doch zugleich geliebten und zänkischen Weib Lenette bescherte. Und als er sich dann des einen Males in sein altes Dorf Kuhschnappel schlich, um zu schauen, was da ist, wo sein altes Leben einst war, auch über den Friedhof spazierend, und wie Siebenkäs da harrte und plötzlich vor seinem eigenen Grabe stand:

„Endlich kam er vor den Bettschirm der Grab-Sieste, vor seinen Leichenstein, dessen Inschrift er mit einem kalten Schauer herunterlas. »Wenn nun diese steinerne Falltüre auf deinem Angesichte läge und den ganzen Himmel verbauete?« sagt‘ er zu sich – und dachte daran, welches Gewölke und welche Kälte und Nacht um die beiden Pole des Lebens, so wie um die beiden Pole der Erde, herrsche, um den Anfang und um das Ende des Menschen – er hielt jetzt seine Nachäffung der letzten Stunde für sündlich – der Trauerfächer einer langen, finstern Wolke war vor dem Monde ausgebreitet – sein Herz war bang und weich, als plötzlich etwas Buntes, was nahe an seinem Grabe stand, ihn ergriff und seine ganze Seele umkehrte.

Es stand nämlich darneben ein neues, lockeres Grab in einer hölzernen, übermalten Einfassung, ähnlich einer Bettlade; auf diesen bunten Brettern las Firmian, solang‘ es sein überströmendes Auge lesen konnte: »Hier ruht in Gott Wendeline Lenette Stiefel, geborne Egelkraut aus Augsburg. Ihr erster Mann war der wohlsel. Armenadvokat St.F. Siebenkäs.“

Jean Paul ist ein Meister der Suspense, der unerwarteten Wendung, des feinen Witzes und tiefer Traurigkeit.

In Paul Celans Büchnerpreisrede „Der Meridian“ steht eine Passage, wo Celan davon spricht daß man als Dichter unter dem „besonderen Neigungswinkel der eigenen Existenz“ schreibe. Zwar verschwindet das private, das öffentliche Ich, das Lebens-Ich in jenem Text, den wir Literatur und Lyrik nennen – der Text, in dem ein jegliches zugleich fiktiv und real in einem aufscheint und darin sich wandelt –, doch geschieht dort, in dieser Transsubstantiation des Ichs als Dichtung, die „Sprache eines Eigenen“, so Celan. (Der Anklang an Hölderlin und an den freien Gebrauch des Eigenen ist nicht zu überhören.) Und dieses Eigene verwandelt wiederum.

Auch auf Thomas Bernhard trifft dieser „Neigungswinkel der eigenen Existenz“. Ein Winkel aber ist zugleich eine Veränderung der Richtung, ein Bruch in der Linie, und von diesem Bruch her schrieb Bernhard: nämlich vom Tod, von der Krankheit, von dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod, der (s)ein Leben begleitet. Bernhard war seit Kindheit an sterbenskrank. Todkrank. Man kann das in seiner biographischen Tetralogie nachlesen: „Die Ursache“ „Der Keller“, „Der Atem“, „Die Kälte“ bzw. seiner Pentalogie, wenn man „Ein Kind“ mit in diese Reihe nimmt. Siebziger Jahre, Ich-Texte. Der von Bernhard aber ist besonderer Art und nicht bloß die öde Bekenntnisprosa der Subjektlosen, die sich, weil sie keines haben, aufs Subjekt kaprizieren: Bei manchen sei es eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen. Nicht bei Bernhard.

Atemwegserkrankung. Auch dieses Atemlose in Bernhards Prosa wurde unter dem „besonderen Neigungswinkel der eigenen Existenz“ geschrieben. Dieser Thomas Bernhard-Sound, der als nicht endenwollendes Satzstakkato und als Musik gleichermaßen ins Ohr schießt und dort nicht mehr hinausgelangt. Wenn es schlecht und epigonal verläuft, verstopft er schließlich den Gehörgang. Nichts als ein unendlich sich wiederholender, kreisender Text.

Auch Heidegger, den Thomas Bernhard in seinem vorletzten, heiter-traurigen Roman „Alte Meister“ mit einer grandiosen Beschimpfung (in Figurenrede versteht sich!) versah, wußte davon: Im Sterben nicht, sondern im Tod erst konstituiert sich die Ganzheit des Daseins, so heißt es in „Sein und Zeit“. Doch dieses Wissen kann an diesem Schnitt-Punkt nicht mehr gewußt werden. Götterdämmerung, ohne Gott, Weltverfinsterung. Das Schwarz der Schwärze. Bernhard ist all dies bekannt und es wird von ihm mit einem halkyonischen Lachen ausgesprochen. Er schrieb Dichtung.

Er führte die Form des literarischen Textes in Umkreisung sowie in musikalischer Wiederholung, um im Schreiben einen Punkt anzusteuern, der niemals erreicht werden kann: So wie der Zirkusdirektor mit seinen Komparsen niemals das Forellenquintetts zustande bringt, der Protagonist in „Beton“ niemals die Geistesarbeit schlechthin, also jenen unendlich beziehungs- und denkreichen Text über Mendelssohn Bartholdy fertig scheiben wird und Brusconi niemals seine Weltmenschheitskomödie „Das Rad der Geschichte“ wird aufführen können: „Utzbach, ausgerechnet Utzbach“. Es kreist die Prosa um die leere Mitte, abwesendes Zentrum, nie zu bewältigende Aufgabe, aber so, als wäre dieses Zentrum präsent und im Denken wenigstens noch irgendwie zu vergegenwärtigen, zumindest als Mystik – aber Bernhard ist nur bedingt ein Mystiker, soviel sei verraten –, als wäre diese Geistes- und Schreibaufgabe in irgend einer Weise schreibend zu schaffen, obwohl im Schreiben dieses unendlichen und alles im Denken erfassenden Textes nicht einmal der erste Schritt getätigt wurde. Es haftet bei den Bernhardschen Geistesmenschen alles auf Anfang. Und in der Krankheit: Morbus Boeck. Schreiben: ein Akt der Auslöschung.

Daß Bernhards Text immer wieder Novalis nennt, dürfte kein Zufall sein. „Was soll Echo machen, die nur Stimme ist?“, so Novalis in den Fichte-Studien. Gegenstand und Gegensatz bestimmen sich in der Schrift. Bernhard machte die Novalissche Philosophie zur Selbstverschleifung einer Antiromantik: dem Gemeinen wird nicht mehr der höhere Sinn und dem Gewöhnlichen kein geheimnisvolles Ansehen gegeben, sondern Gemeines und Gewöhnliches erscheinen als das, was sie sind, und es wird der Weltekel im Kreiseln der Sätze mehr und mehr. Aber lachend, im Modus der Ironie, eines tobenden Witzes, eines Furors, zweifelnd und verzweifelnd im Taumeln als Existenz. Und das ist durchaus auch gesellschaftlich gegründet. „Wechselerhöhung und Erniedrigung“ schreibt Novalis in seinen Fragmentsammlungen.

Wer aber Bernhards Text als bloße Überdrußhandlung des Weltschmerzjünglings liest, dem die Welt in euphorischen Verzückungsspitzen zuwider ist, der liest an Bernhards Text vorbei und verkennt das System dieses Textes: Ästhetische Form als Ausdruck inhaltlich konzentrischer Kreise in kalter Analytik des sprachlichen Daseins. Denn zugleich existiert bei Bernhard jener Bezug zur sprachanalytischen Philosophie Wittgensteins. Und nomen est omen: „Ich gehe zu keinem Doktor Frege mehr!“ heißt es in „Ritter Dene Voß“. Zu der Frage, ob die Welt auch als Tautologie in der Wahrheit gerechtfertigt sei, bleibt die Antwort: Kreisend.

Thomas Bernhards Schreiben kam von der Musik her, diese Herkunft hört man seiner Prosa an. Es strömen die ausufernden Perioden, die einerseits das Ewig-Kreisende, andererseits das Suchende beteuern. Fast in einer onomatopoetischen Anmutung geschieht das in seiner Erzählung „Gehen“, die in genau diesem Klang selber ein Stück Gehen, gehetztes, ständig fortschreitendes Gehen ist. Und ganz ähnlich klingt dieses Überschlagen und in der Wiederholung Vorantreibende der Sprache in der Erzählung „Goethe schtirbt“, die zuerst in „Die Zeit“ von 1982 und dann 2010 in dem gleichnamigen Erzählungsband erschien. Es ist das monologisch-monadologische Sprechen einer Ich-Instanz, die sich ihrer selbst und ihrer Welt in eben jenem Sprechen vergewissern möchte und die dabei bemerken muß, daß all diese Versuche ganz und gar vergeblich sind. In hora mortis: das Aussetzen der Sprache ist der Tod der Prosa, der Tod dieses Subjekts. Das liest man ebenfalls aus Bernhards Gedichten heraus, die bisher seltsam unentdeckt geblieben sind.

Auf Schritt und Tritt begegnet uns dieser Tod – mal als Entzugs, als dieses letzte Mal, wo wir nach einem Abendmahl, einem Abschied oder einem Streit einen Menschen zum letzten Mal in unserem Leben sehen, jene, der wir hernach nie mehr wiederbegegnen werden. Oder als letztes Mal unsere selbst, als letzter Atemzug, ganz real, so daß nur noch jener kalte und versteinerte Körper mit dem eingefrorenen letzten Zug verbleibt. Der Tod, der Tod, der Tod und das Mädchen, der Tod und das Subjekt, der Tod und die Literatur, der Tod und die Liebe. Der Tod als Lebenshintergrund. Bei Bernhard war er in drastischer Weise präsent und schaute zu: wie man in seiner autobiographischen Tetralogie nachlesen kann.

Ja, Goethe stirbt: es ist der Tod, in dessen Angesicht am Ende alles lächerlich erscheint. Nichts bleibt. Und so ging es, wenn man Thomas Bernhards Prosa glauben darf, am Sterbebett des Geistesriesen-Mannes aus Weimar in einem Akt humanistischer Weltverfälschung zu:

„Und kurz darauf jene zwei Wörter, die seine berühmtesten sind: Mehr Licht! Aber tatsächlich hat Goethe als Letztes nicht Mehr Licht, sondern Mehr nicht! gesagt. Nur Riemer und ich – und Kräuter – waren dabei anwesend. Wir, Riemer, Kräuter und ich einigten uns darauf, der Welt mitzuteilen, Goethe habe Mehr Licht  gesagt als Letztes und nicht Mehr nicht!  An dieser Lüge als Verfälschung leide ich, nachdem Riemer und Kräuter längst daran gestorben sind, noch heute.“ (Thomas Bernhard, Goethe schtirbt)

Es braucht am Ende die Verfälschungen der Literatur. Mehr Licht statt Mehr nicht. Die wenigstens können letzteren Satz ertragen. Thomas Bernhards Prosa, seine Lyrik und der dramatische Text haben diesen Umstand begriffen. Und die Weisheit des Silen hat Bernhard niemals verschwiegen. Und gelacht.

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Die Werke Thomas Bernhards sind bei Suhrkamp als Gesamtausgabe erhältlich: „Neun Romane, fünf autobiographische Bücher, vier Bände Erzählungen, sechs Dramenbände, ein Gedichtband, zwei Bände mit Journalistik, alles von Thomas Bernhard jemals, in Buchform wie in Zeitungen und Zeitschriften, Veröffentlichte“

[Dieser Text ist die stark überarbeitete, erweiterte Fassung eines Blogbetrags aus dem Jahr 2014]

Im dreißigsten Jahr: Zum Tod von Thomas Bernhard (1)

„Das Wesentliche an einem Menschen komme erst dann, wenn wir ihn als für uns verloren anschauen müssen, in der Zeit, in welcher dieser Mensch nur noch von uns Abschied nimmt, zum Vorschein. Er könnte auf einmal in allem, was an ihm nur noch Vorbereitung auf seinen endgültigen Tod sei, auf seine Wahrheit hin identifiziert werden.“ (Thomas Bernhard, Verstörung)

Die Schrecksekunde, als ich es vor dreißig Jahren in der Zeitung las: Thomas Bernhard tot. Internet gab es damals nicht und keine „Zeit“, keine „FAZ“, die minutengenau zur Punktlandung Thema Tod aufsetzten. Also geschah es naturgemäß, wie der Lauf der Medienzeit – der alten, der guten – damals sich gerierte, in den Zeitungen einen Tag später: Nachrichten waren langsam. Zumindest vom Heute aus gesehen.

Da also am 12.2.1989, an einem Sonntag im düsteren Februar einer der heimlichen (und hier auch heimischen) Hausheiligen dieses Blogs Todestag hat, muß es eine Hommage an Thomas Bernhard geben. Und zwar als Spaziergang in luftige Höhen, mit Krankheitsschub. Versteht sich. (Wer exzessiveres Gehen mag, lese die Bernhard-Erzählung gleichen Titels: Ein Wortschub, wie ein rasender Spaziergang.) Es war letztes Jahr in Wien. Ich besuchte zum ersten Mal Bernhards Grab, das nicht, wie die meisten annehmen, auf dem Zentralfriedhof ist, wo bekanntlich alle Prominenten Österreichs begraben liegen, oder zumindest fast alle Prominenten, sondern vielmehr auf dem ebenso abseits gelegenen, aber deutlich unbekannteren Grinzinger Friedhof, wo Bernhard sich klammheimlich und in aller Stille neben seinem Lebensmenschen beerdigen ließ.

Raus ging es also von der Josefstadt zu Fuß durch die Alservorstadt und dann mit der Tramlinie 38 weiter hinauf. Herrlicher Herbstsonntag über Wien. Und als ich in jenem beschaulichen Bezirk ankam, da Bernhard begraben liegt und wo die Weinseligkeit hängt und es fein, nein böse, derbe, grantelig, melancholisch im guten alten Wienerlied beim Heurigen tönt und klingt – es „muß ein Stück vom Himmel sein“, das ist in Wien so –, schlenderte ich bergan. Bei ziemlicher Hitze, trotzdem es bereits der letzte Tag im September war, nämlich der 30. Leider nicht vom Wein trunken, sondern derangiert durch eine Erkältung. Keine süße Herbstmelancholie, im milchigen Nebellicht die Blätter glänzen, sondern eine gleißende Pan-Sonne sticht über dem halborientalen Wien.

Hoher Mittag. Und ich kämpfte mich den Hügel hinauf, an den sich der Friedhof schmiegte, ich betrat das Tor, in der Hoffnung, es auch wieder zu verlassen und nicht womöglich in ein ausgehobenes Grab zu stürzen und dort vor Schwäche oder an gebrochenem Erkältungsherz zu verenden. Es geschah dies zwar nicht, aber eine noch stärkere, sich zunehmend einstellende und erheblich sich steigernde Erschöpfung, die auch die Lungen in Mitleidenschaft zu ziehen schien, ließ mich schier verzweifeln, eine Erschöpfung nicht nur durch die Hitze und die mehr und mehr zum Kopfe gestiegene Erkältung, sondern auch eine Ermattung durch innere Unruhe, denn es geschah das, was ich nicht für möglich hielt: Ich fand das Grab nicht. Ich hatte mir aus dem Internet die Lage notiert, hatte mir die Gestalt des Grabmals eingeprägt, aber trotz Suche fand und fand ich das Grab an dieser markierten Stelle nicht. Nicht daß das Grab leer wäre, sondern es war gar nicht erst da. Nichts. Menschen, Tote zwar, aber kein Bernhard-Toter. Die wenigen Menschen, die da Sonntag-Mittag auf dem Friedhof spazierten, konnten mir ebensowenig helfen. Du mußt die Blickrichtung ändern, dachte ich mir. Irgendwas funktioniert beim Schauen nicht. Und in der Tat – ich hatte aus dem Internet eine Grabtafel mit mehreren Namen im Kopf, darunter eben auch der von Bernhard, darüber der von Hedwig Stavianicek, seines Lebensmenschen. Nur, daß es sich hierbei um eine aufklappbare Tafel aus Metall, Bronze oder was auch immer handelte. Und heute war sie eben zugeklappt. Nur der scharfe Such-Blick, nun auch auf die am Boden eingelassenen Grabsteine rettete mich. Da war er: der Geistesheroe, der Wortschmied, der Satzmacher, der Stimmenimitator, der Untergeher. Der Tod ist tückisch – in vielerlei Hinsicht, er narrt noch im Angesicht des Todes.

So schaute ich versonnen aufs Grab, freute mich, ganz und gar erschöpft, dachte mir meinen Teil, dachte an die herrlichen Bernhard-Zeiten der 80er Jahre in Hamburg, dachte ans Leute-Bezichtigen, als das Internet noch nicht da war, dachte an die Figuren-Reden in Wut und Verachtung auf das Polit-Gesindel – „die roten wie die schwarzen Schweine“, eigentlich nicht anders als damals, identitäre Gesinnung hüben wie drüben und die Banalität der Blöden. Dachte in die wundervolle „Beton“-Lesung mit Peter Fitz 1992 im Deutschen Schauspielhaus zu Hamburg: wie er mit dieser für Peter Fitz typischen Intensität diesen Bernhard-Text vortrug und ihm qua Intonation einen ganz eigenen Schwung mit auf dem Weg gab: das war ein Ereignis für sich, ein neuer Bernhard Minetti, dachte ich mir, nachdem ich in der Theaterkneipe mit einer Freundin Muscheln und Grünen Veltliner verzehrte, reichlich Veltliner, reichlich, bis über Mitternacht hinaus ging es, im dunklen herrlichen „Dorf“, es muß im Januar 1992 gewesen sein, so tranken wir, tranken viel, wie üblich, weiter gegen zwei Uhr, morgens ins „Erikas Eck“, trunken mit Mett-Brötchen, irgendwelche Studenten sangen provokant die DDR-Nationalhymne und die Metzger standen auf und schmissen die Jungspunde kurzerhand hinaus, soviel zur aktivistischen Propaganda der Tat des Arbeiters, ich lachte dazu. Inzwischen waren wir zum stärkenden Kaffee gewechselt, das unendliche Plaudern und Debattieren ging bis in den frühen Tag, neun Uhr, mit Kaffee, Brötchen und Reden, wenn der Morgen erwacht und dann gegen 10 Uhr mit dem Fahrrad zur Uni, ohne Schlaf, und die HiWi-Stelle, ich dachte überm Grabstein an die Inszenierung „Die Macht der Gewohnheit“, wo es Peter Fitz als Zirkusdirektor niemals gelang, mit seiner schwachmatischen Mannschaft das Forellen-Quintett aufzuführen, dachte an den lauten, markanten, großartigen Schauspieler Ulrich Wildgruber im „Theatermacher“, den ich gut zu imitieren wußte:  „Morgen Augsburg!“, „Utzbach das ist sicher eine reizender Ort hat sie auf der Fahrt hierher gesagt und wie sie Utzbach gesehen hat, ist sie in Ohnmacht gefallen. Eine Theatermacherin natürlich“, all das zitiert in dieser unnachahmlichen Wildgruber-Aussprache:

„Was hier
in dieser muffigen Atmosphäre
Als ob ich es geahnt hätte.“

So gingen die ersten Zeilen aus diesem meinem damaligen Lieblingsstück von Bernhard.

Zeiten, Zeiten, wunderbare Zeiten und vergangen. Auch Thomas Bernhard verschwand von den deutschen Bühnen, andere Autoren traten auf den Plan. Vielleicht gut so, daß ein solch literarisches Gewicht sich wieder reduziert und weg von den Anbetungsaltären, es gab zu viele Proselyten. Es nervte irgendwann, ist nicht anders als mit den ebenso zu dieser Zeit grassierenden Goetz-Jüngern. Doch war es eine schöne Zeit. Nur daß eben alles das sterben und irgendwann auch wieder hinab muß, so dachte ich mir im frühen Herbst 2018 auf dem Grinzinger Friedhof mit dem herrlichen Blick über Bernhards geliebtes und gehaßtes Wien.

„Wer existiert
hat sich mit der Existenz abgefunden
wer lebt
hat sich mit dem Leben abgefunden
so lächerlich kann die Rolle gar nicht sein
die wir spielen
daß wir sie nicht spielen.
(Thomas Bernhard, Der Theatermacher)

Existenzexzeß, Theatrum mundi.

Doch leises Tönen da am Hang, die Grinzinger Erde wisperte: „Bring im Winter den Bernhard-Nachruf in zwei Teilen und nicht in einem Stück“, schallte es aus der Gruft überm sonnigen Herbstwien: „Deine Texte sind zu lang!“

[Ende des ersten Teils]

100 Jahre AISTHESIS – Coin Operated Boy

Hier zum Jubiläum die spannenden Geschichten, die sich aus dem Bloggen in einem Jahrhundert ergaben, oder die Debatten, Dispute aus den Jahren zu nennen, Exemplarisches herauszustellen und Interessantes in ein Tableau zu bringen: all dies sprengte den Rahmen eines Beitrags. Nicht zurück, vorwärts geht der Blick. Wenngleich ein Blog ja auch von dem lebt und sich dadurch konstituiert, was er war. Hundert Jahre Einsamkeit, hundert Jahre sind eine lange Zeit. Oder waren es doch bloß derer zehne? Zehn Jahre sind eine Zeit.

Der jüdische Künstler Boris Lurie, 1985: „Du glaubst, mein Freund, mein Menschenfresserfreund, das, was gewesen, ist nicht mehr? … Was ist geschehen und gewesen, das verschwindet nie.“

Es bleibt dabei, es geht nichts über böse, toxische, alte, weiße Männer, die Blogs betreiben. Wir loben sie und es ist gut. Und wenn ein Weib dies ebenfalls macht, so ist es ebenso gut und wohlgetan. Auf AISTHESIS wurden nie Privilegien gecheckt, sondern selbige genossen. „Geben sie Luxus, auf das Notwendigste kann ich verzichten!“ Gedankt werden muß freilich auch all denen, die hier mit Regelmäßigkeit oder manchmal nur sporadisch kommentieren. Denn genau das gehört zum Blog. Texte als Monologe sind ok, aber Debatten sind besser. Zumindest wenn sie gut geführt werden und wenn sie Erkenntnisse bringen.

Festzuhalten bleibt: Es hat sich in diesen zehn Jahren in der Blogosphäre einiges, nein fast alles verändert. Eine Vielzahl an Blogs kam hinzu, vor allem Literaturblogs. Sie kamen und viele gingen wieder. Bei einigen ist es schade, man ist melancholisch gestimmt. Anderen mag man keine Träne nachweinen. Aber wie es einer in seinem Blog macht, muß am Ende jeder für sich entscheiden. Ich fahre und fuhr meinen Stil. Das halte ich weiter so. Mancher neue Blog kam in meiner persönlichen Leseliste hinzu, vieles verschwand daraus auch wieder. Aus der alten Zeit vermisse ich Iris Nebels Blog, Alea Torik ebenso. Auch um „Aboutsomething“ und Brasch-Buch sowie „Lustauflesen“ von dem man nichts mehr hört, ist es schade. Alban Nikolai Herbst gibt es zum Glück weiter, ebenso Begleitschreiben – immer gerne gelesen.

Das schöne am Bloggen ist, daß man es, anders als im Feuilleton, im Bereich Kunst und Kritik nach seinem Gusto treiben kann. Ein Blog kann Hans Henny Jahnns „Fluß ohne Ufer“ oder Faulkners „Licht im August“ besprechen und dazu einen Essay bringen, der jegliches Feuilletonformat sprengt. Oder an Literatur erinnern, die vor Jahren eine Debatte auslöste, wie etwa Christa Wolff, Günter Grass oder Jonathan Littell. Des Feuilletons Buchkritiken müssen halt, und das ist auch gut so, aktuell sein, das Feuilleton kann nicht noch einmal eine Rezension zu „Unendlicher Spaß“ machen. Ein Blogger darf das. Insofern können sich Blog und Feuilleton ergänzen. Die Fragen des Entweder-Oder und auch andere immer einmal wieder inszenierte Scheindebatten sind längst passé, die – teils inszenierten – Kämpfe ausgefochten. Was sollʼs also? Was bleibt? Vorwärts immer! Weitermachen.

Frei nach Jean Paul machen wir hier weiter mit unseren Grönländischen Protokollen, den Zeichen aus der Kältezone, mit Literatur und mit Kritik und mit Kunst und Ästhetik. Eis, Thesis: die Synthese sind Texte, die offen sind. Essays als Form. Geschichte, Geschichten, ästhetische Theorie aus dem Grandhotel Abgrund, dessen Hausherr die „Verhaltenslehre der Kälte“ immer noch als geboten sieht. Sich mit keiner (politischen) Sache gemein machen. Ein Loblied aufs Artifizielle, aufs Kalte, Künstliche – mit Seitenschritten manchmal ins Gesellschaftliche. Bleiben Sie dem Blog gewogen oder auch nicht! Den treuen Leserinnen und Lesern aber sei auf alle Fälle gedankt!

Vierzig Jahre „Holocaust“

Die Überschrift klingt seltsam: als ob das Land da was zu feiern hätte oder als ob ein Ereignis erst vierzig Jahre her wäre. Auch sind die Anführungszeichen irritierend. Deuten sie auf einen Namen oder einen Titel, sollen sie einen Begriff relativieren? Nein, natürlich nicht. Viele Deutsche, auch solche, die Ende der 70er Jahre erwachsen wurden – und damit viele Jugendliche wie ich – schauten den Vierteiler damals im Fernsehen: „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“.

Solche Jubiläen sind eine heikle Sache. Kann man die Shoah in Bildern darstellen, gar in einer TV-Serie mit Suspense und mit Unterhaltungscharakter? Wie sich ein Bild machen? Jenseits von trockenen Fakten. Eine Zahl wie sechs Millionen bleibt abstrakt und daß davon in Auschwitz allein eine Million Juden ermordet wurden, ebenfalls. Wie immer geht es in diesen Fragen um die Versinnlichung, ums Anschaulich-Machen. Und das dies ein Aspekt ist, aber eben nicht der einzige, unter dem man die Shoah betrachten kann.

Es wurde diese Serie damals heiß debattiert. Die „Zeit“ beispielsweise kritisierte anfangs, vor der Ausstrahlung diesen laxen Umgang mit der deutschen Geschichte, schwenkte aber schnell um, als diese Serie durchaus das Bewußtsein der Menschen zu treffen schien. Daß viele schockiert waren, daß eigentlich zum ersten Mal breitenwirksam der Massenmord an Juden als Thema in die Öffentlichkeit kam, vergleichbar vielleicht nur mit den Auschwitz-Prozessen Anfang der 60er Jahre durch die unendlich wichtigen Ermittlungen des Generalstaatsanwalts Fritz Bauer. Verbreitet wurde dieser Schrecken durch ein Medium wie das Fernsehen.

Jeder nimmt die Shoah anders wahr – das ist eine Trivialität. Ins Bewußtsein vieler aber kommt sie weniger durch Gedichte von Celan oder Romane von Primo Levi, so wichtig diese auch für die intellektuelle Auseinandersetzung sind, sondern durch starke, eindringliche Bilder und durch erzählte Geschichten, die im Kopf haften bleiben und Anlaß zum Nachdenken geben. Anlaß auch, weil diese Bilder und Geschichten uns erschüttern und aufwühlen. Man kann dieses Bewußtsein kritisieren, man kann es der kulturindustriellen Standardisierung verdächtigen, wie auch immer: man sollte aus der Shoah jedoch keine negative Theologie machen. Sie ist nichts, das hinter einem Vorhang liegt. Es sind in Auschwitz und anderswo sehr konkret Juden, Sinti, Roma und viele andere Mißliebige ermordert worden. Mit Systematik traf es die größte Gruppe der Opfer: die Juden. Und um das zu verhindern sind manchmal einfachere Mittel vonnöten. Selbst „Schindlers Liste“ war in diesem Sinne, trotz manchem Kitsch, ein legitimes Mittel.

„Bilder – trotz allem“ wie ein Buch von Georges Didi-Huberman heißt, darin er die Notwendigkeit von Photographien zu diesem Grauen zeigt, damit auch Claude Lanzmann oponierend. Und es ist auch sinnlos, die bilder- und szenenreiche Serie „Holocaust“ und Lanzmanns bildarme und erzählreiche „Shoah“ gegeneinander auszuspielen. Beide Filme treffen unterschiedliche Hinsichten ein und desselben Ereignisses. Ebenso wie 1956 „Nacht und Nebel“ von Alain Resnais, der erste Film zur Shoah. Mit einem Blick auf Auschwitz. Das Gras, die Gleise. Wer in Stichworten etwas zur Geschichte dieses Dokumentarfilms erfahren will und wer lesen will, wie die damalige Bundesregierung diesen Film bei den Festspielen von Cannes zu verhindern suchte, informiere sich auf Wikipedia:

„Mehr als 10 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – mitten im Kalten Krieg – war der Film im Dezember 1955 fertiggestellt. Vertreter der deutschen Botschaft sahen ihn vorab bei einer Privataufführung in Paris. Der Produzent empfand ihre Reaktion auf den Film als „eisig“. Im Januar 1956 erhielt dieser den französischen Jean-Vigo-Preis und wurde im März einstimmig als französischer Beitrag für die Filmfestspiele von Cannes im April nominiert.

Daraufhin verlangte die Bundesregierung mit einem Brief des deutschen Botschafters von Maltzahn in Paris an den französischen Außenminister Christian Pineau die Absetzung der Kandidatur: Man habe im Prinzip nichts gegen die filmische Darstellung von NS-Verbrechen einzuwenden; aber nach den Bestimmungen der Festspiele sollten die Filme in Cannes zur Freundschaft zwischen den Völkern beitragen und nicht das Nationalgefühl eines Landes verletzen. Dieser Film werde die Atmosphäre zwischen Franzosen und Deutschen vergiften und dem Ansehen der Bundesrepublik schaden. Das Filmfestival von Cannes sei daher nicht das geeignete Forum für einen solchen Film. Denn gewöhnliche Zuschauer seien nicht fähig, zwischen den verbrecherischen Führern des NS-Regimes und dem heutigen Deutschland zu unterscheiden.

Daraufhin strich das französische Auswahlkomitee für die Filmfestspiele den Film am 7. April 1956 von seiner Vorschlagsliste. Dies löste anhaltende Proteste in Frankreich ebenso wie in der Bundesrepublik aus. (…) In der Bundesrepublik protestierten prominente Autoren gegen das Vorgehen der Bundesregierung, darunter Alfred Andersch, Heinrich Böll, Hans Georg Brenner, Walter Dirks, Wolfgang Hildesheimer, Eugen Kogon, Ernst Kreuder, Erich Kuby, Hans Werner Richter und Paul Schallück. Der NDR sendete ihre Stellungnahme während der Festspiele am 16. April.

Im Deutschen Bundestag verlangte die SPD eine aktuelle Fragestunde zu dem Vorgang. Befragt nach den Gründen der Intervention, antwortete Staatssekretär Hans Ritter von Lex am 18. April, Cannes sei nicht ‚der rechte Ort… um einen Film zu zeigen, der nur allzuleicht dazu beitragen kann, den durch die nationalsozialistischen Verbrechen erzeugten Hass gegen das deutsche Volk in seiner Gesamtheit wieder zu beleben.‘“

Festzuhalten bleibt: „Holocaust“ war für die BRD damals ein Einschnitt und hat diesen Schrecken zu Bewußtsein gebracht – vielleicht auch, weil inzwischen ein Abstand in der Zeit herrschte. Insofern gehört die Ausstrahlung vor 40 Jahren zu einer der Sternstunden der BRD und war eines der zentralen Ereignisse. Vor allem aber brachte diese Serie Gespräche und Debatten. Nur so und nicht durchs Schweigen kann man sich dem schwer Faßbaren nähern. Man wird dieses einerseits singuläre Ereignis nie rationalisieren können, was gut ist, aber es im Bewußtsein zu halten und es dahin überhaupt erst zu bringen, ist ein großer Schritt.

Mit böser Zunge könnte man freilich wiederum sagen, es erzeugte diese Serie eine Übersensibilsierung, so daß eine gute Sache teils wieder zum Falschen hin kippt. Man denke an Philipp Jenninger und das, was man aus seiner Rede herauslas, bis hin zu der völlig unsinnigen Rücktrittsforderung – schon damals waren mir insbesondere die Grünen in schlimmer Erinnerung. Schuld, die als Monstranz vor sich hergetragen wird, hat etwas Unangemessenes. (Ich sehe da auch den unmöglichen Heiko Maas in Yad Vashem vor jede nur im Sichtfeld sich befindende Kamera hüpfen, um sich als aufrechten Antifaschisten zu inszenieren. Den anwesenden Juden war dies unendlich peinlich.) Und es bleibt der Verdacht: Wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht. Mit ein wenig Spekulation könnte man sagen, daß Jenninger ohne diese Serie nicht zurücktreten hätte müssen. Aber das sind Spekulationen. Festzuhalten bleibt: das Nazi-Narrativ sollte nicht dazu benutzt werden, um unliebsame Meinungen zu labeln und sich selbst damit einen moralischen Distinktionsgewinn zu verschaffen. Leute wie Gauland mögen problematisch sein. Sie sind aber keine Nazis. Wer diesen Begriff ubiquitär ausstreut, leert ihn aus und hat am Ende kaum noch Begriffe für solche, die tatsächlich Nazis sind. Differenzierung in der Begriffswahl ist also auch in dieser Sache, und gerade um dessentwillen wichtig, was historisch geschah.

Dennoch denke ich, daß diese Serie für die BRD eine wichtige Zäsur im Umgang mit einem der schlimmsten Kapitel der Geschichte war. Abschließen möchte ich mit einer Überlegung von Woody Allen aus „Hanna und ihre Schwestern“: Ich wundere mich nicht, daß Auschwitz geschah, sondern eher darüber, weshalb es nicht viel öfter geschah. (Sinngemäß und aus dem Kopf zitiert.)

Wuppertal – Neviges

Weiter in meiner Serie zum Tatort Wuppertal, die zweite Sendung an Bildern. Jeder, der ins Bergische Land reist – warum auch immer, es gibt viele Gründe, Deutschland ist ein herrliches Reiseland und wie der Photoband „Kleinstadt“ von Ute und Werner Mahler uns zeigt: daß gerade dort, in der Provinz, scheinbar abseitig, ganz und gar wunderbare Motive anzutreffen sind. Unaufgeregt und ohne nach Effekten zu haschen, zeigt das Photographen-Ehepaar, was sie an diesen Orten sehen: ohne zu denunzieren, ohne anzuklagen, ohne über Menschen sich lustig zu machen, sondern das, was da ist, wird in seinem So-Sein zum Vorschein gebracht. Für solche photographischen Arbeiten braucht es Zeit und Ruhe, man muß sich treiben lassen. Mit Menschen sprechen, Vertrauen gewinnen. In einem abgeschlossenen Kosmos. Man muß genau sehen. Im Häßlichen die Schönheit zeigen, in der Schönheit das Verdorbene, das Trübe und zugleich auch eine Idylle Idylle sein lassen. Naturschönes, die Bedeutung der Landschaft für einen kleinen Ort und die Bedeutung des Ortes für die Landschaft. Vielleicht muß man sich beim Photographieren gar in einen anderen Zustand verzaubern. Wie am 26. April 1336 Francesco Petrarca den Mont Ventoux bestieg und mit solchem Blick, könnte man vielleicht einen Ort und seine landschaftliche Umgebung erkunden und statt in Sprache in Bilder setzen. Vielleicht käme in solchen wunderbar-seltsamen bergigen Landschaften aber auch die „Lehre der Sainte-Victoire“ heraus. (Alle Photographen müßten eigentlich Peter Handke lesen, um ihr Handwerk zu lernen!)

Wer also das Bergische Land bereist, sollte einmal sich dieses Gebäude anschauen: die Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens in Neviges. Große Herrlichkeit, Lust am Schauen. Im Dom selbst herrscht eine herrliche Finsternis und zugleich ist es licht. Meditativer Katholizismus in modernem Gewand. Zurück zum Beton. Draußen am Parkplatz ritten hoch erhoben zwei Polizistinnen auf ihren Polizeipferden. Ich habe sie zwar photographiert, aber mir gefiel die Bildanordnung nicht, dafür aber erfreuten mich um so mehr ihre engen beige-farbenen Reiterhosen, darin ihre wohlgeformten Schenkel und die Pobacken herrlich zur Geltung kamen. Rundungsaspekte. Die eine hellblond, mit apartem Zopf, die andere keck dunkelhaarig. So stellen sich manche die Erlösung vor. Sollten die Reiter der Apokalypse gar Weiber sein? So zumindest könnten sich Polizeiästhetiker oder Uniformfetischisten diese soteriologische Anordnung ausmalen.

„It Always Rains in Wuppertal“

So spielte es vor Jahrzehnten, als die Zeiten noch die guten und die alten waren, Pyrolator. Die langfristige Witterungslage hat sich inzwischen geändert, auch für Wuppertal. Dank des Klimawandels. Es regnet wenig. Kaum.

Ja, es gibt im sogenannten Kulturbetrieb nur noch wenige spannende Themen, die tatsächlich fesseln, packen, bewegen, aber just gestern las ich diese Meldung in der lieben alten FAZ (zumindest macht sie nicht derart bescheuerte Titelbilder wie die inzwischen in die dummen Jahre gekommene „Zeit“ diese Woche):

„Wuppertal bewirbt sich um den ‚Tatort‘. Die Stadt habe ein „hervorragendes Potential als Drehort“, schreibt der Bürgermeister an den WDR-Intendanten. Zuletzt hatte sich eine andere Stadt verärgert über einen Tatort gezeigt.“

Dem Anliegen muß vorbehaltlos zugestimmt werden. Und das meine ich in diesem Falle nicht ironisch oder irgendwie szenig-witzig, weil angeblich öde Orte irgendwie en vogue sind, sondern solche Städte erzählen Geschichten, sie zeigen, was einmal war, was ist und was geschieht. Wer aus den Bildern zu lesen vermag und die Kunst des Dechiffrierens wie auch des gleichzeitigen Verfremdens beherrscht und wer dann noch im Erzählen solche Bildern magisch verwandelt, kommt dem vielleicht nahe, was Walter Benjamin als dialektisches Bild konzipierte: das dialektische Bild ist Traumbild, so Benjamin im Passagenwerk. Solchen Eindruck einer entrückten und andererseits doch ganz irdischen Szenerie hinterließ auch der Stadtkern von Wuppertal. (Beim „Tatort“ freilich ist dieses ästhetische Verfahren nur bedingt erwünscht. Es muß schon gut gemacht sein, damit es überzeugt. Ansonsten kommt dabei nur ein Gewolltes-Bemühtes heraus, das einen eher an modischen Poststrukturalismus erinnert, wenn Jünger in Phrasen quatschen.)

Ja, Wuppertal ist eine interessante und eines Tatorts unbedingt würdige Stadt. Wuppertal hat eine Stadtmitte, in der man das Bauen der 50er und der 60er Jahre gut beobachten kann und wie dort Stile nebeneinander stehen, und ebenfalls etwas oberhalb am Hang finden sich schöne Gründerzeit-Viertel. Aber auch viel Verfall. Eine seltsame Mischung also. Friedrich Engels wurde in Wuppertal geboren. Man lese unbedingt seine „Briefe aus Wuppertal“. Anschaulich und auch witzig beschreibt Engels die religiösen Auswüchse in Wuppertal, nämlich Mystizismus und Pietismus:

„Die ganze Gegend liegt von einem Meer von Pietismus und Philisterei überschwemmt, und was daraus hervorragt, sind keine schönen blumenreichen Eilande, nur dürre nackte Klippen oder lange Sandbänke, und Freiligrath irrt dazwischen umher wie ein verschlagener Schiffer.“

Es gab damals wenige gute Schullehrer an der Barmer Stadtschule. Einen dieser herausragenden Lehrer schildert Engels und führt dabei zugleich den Kontrast und das Denken der damaligen Zeit aus:

„Den Gegensatz zu ihm bildet ein anderer Lehrer, der auf die Frage eines Quartaners, wer Goethe gewesen sei, antwortete: ‚ein gottloser Mann‘.“

„Von Bildung – keine Idee; wer Whist und Billard spielen, etwas politisieren, ein gewandtes Kompliment machen kann, das ist in Barmen und Elberfeld ein gebildeter Mann. Es ist ein schreckliches Leben, was diese Menschen führen, und sie sind doch so vergnügt dabei; den Tag über versenken sie sich in die Zahlen ihrer Konti, und das mit einer Wut, mit einem Interesse, daß man es kaum glauben möchte; abends zur bestimmten Stunde zieht alles in die Gesellschaften, wo sie Karten spielen, politisieren und rauchen, um mit dem Schlage neun nach Hause zurückzukehren. So geht es alle Tage, ohne Veränderung, und wehe dem, der ihnen dazwischenkömmt; er kann der ungnädigsten Ungnade aller ersten Häuser gewiß sein.“

Ebenso wurden dort Elsa Lasker-Schüler sowie Ferdinand Sauerbruch geboren – zu seiner Zeit in Nazi-Deutschland sei Helmut Lethens „Die Staatsräte“ zu empfehlen, ich gab dieses Buch bereits als Weihnachtstip hier auf.

Und es steht vor allem nahe Wuppertal in Neviges der wunderbare, herrliche Wallfahrts-Dom aus den späten 60er Jahren. Eine feste Burg in Beton ist unser Gott. Da ließe sich eine spannende Tatort-Geschichte machen, mit einem Finale, einem Show-Down im Innenraum dieser Kirche. Herrliche Lichtachsen dort, die für dramatische Effekte sorgen. [Ich arbeite am Drehbuch. „Große Fürbitte“ oder „Engels letzte Stunde“ könnte die zweite Folge heißen. In der ersten Folge muß unbedingt atmosphärisch in die Stadt Wuppertal eingeführt werden. Ein Mord am Tippen-Tappen-Tönchen, da liegt am Fuße eine Leiche. Gestürzt, erschlagen, gewürgt?  Ich bin ganz elektrisiert von Tatortideen. Am liebsten möchte ich diese Ideen zusammen mit der Zeitrafferin umsetzen: ihr Witz und ihre Kreativität würde ein Tatort-Drehbuch beleben.]

Beim Flanieren mit einer Freundin damals, es war 2010, waren wir beide von dieser Stadt angetan. Wir bereisten das Ruhrgebiet, Essen, Duisburg, für eine Woche und die junge Dame wollte auch nach Wuppertal. Es war gut, daß ich als der Autofahrer ihrem innigen Wunsch nachgab,  denn so entdeckten wir nicht nur das anregende Wuppertal, sondern auf der Rückfahrt auch den Dom von Neviges. Und so zeige ich also noch einmal hier im Blog die Photographien von damals. Im Alter geraten viele Dinge in die Wiederholung. (Den zweiten Teil der Bildserie, darin auch der herrliche Wallfahrtsdom zu Neviges zu sehen ist, gibt es am Sonnabend.)

 

 

 

 

Die Tonspur zum Sonntag – Aufschreibsysteme

„In Paris saß in der Mitte des Raumes auf sehr erhöhtem Sitz eine bedeutende Dame und hatte nichts zu tun, als mit einer Hand den Besuchern Geld in Spielmarken umzutauschen. Wie wäre es, wenn Du als Anregerin der Sache in Berlin diesen Posten bekämest. Ich sage es nur deshalb, weil Du dann mit der andern für den Dienst unnötigen Hand den ganzen Tag Briefe an mich schreiben könntest. Liebste, was für Narrheiten erfindet das Verlangen nach Dir. Liebste, ich werde ganz traurig über mich. Hätte ich die Zeit, während welcher ich Briefe an Dich geschrieben habe, zusammengeschlagen und zu einer Reise nach Berlin verwendet, ich wäre längst bei Dir und könnte in Deine Augen sehn. Und da fülle ich Briefe mit Dummheiten, als dauerte das Leben ewig und um keinen Augenblick weniger lang.“
(Franz Kafka, Briefe an Felice)

(Im Hinblick auf unsere Debatte zum Pop und zur popular music: Immer noch groß und als Gegenspiel zum Bringsystem Pop ist freilich diese Musik, wenngleich es sich hierbei sicherlich auch um ein Stück popular music handelt. Wobei wir im Hiblick auf den korrespondierenden Kafka-Brief dazusagen müssen: Kafka trank keinen Alkohol.)

Die Auferstehung des Geistes, die Auferstehung des Körpers – Don DeLillo „Null K“

Bekanntlich hängt bei einem guten Roman vieles am ersten Satz. Er zieht in die Geschichte hinein, baut Plot und Spannung auf. Im Idealfall kristallisiert sich darin die Geschichte. Die Theorien zum ersten Satz sind Legion. Es gibt solche, die sagen, am Belanglosen des Auftakts kann sich eine Geschichte erst steigern. Oder aber der Einstieg muß wie ein Schlag vor den Kopf sein, ein dröhnendes Pochen am Hoftor, wie in Kafkas Parabel aus dem Nachlaß: „Der Schlag ans Hoftor“, wo man, am Ende der Geschichte angekommen, nicht mehr genau weiß, ob dieser Schlag überhaupt je so stattfand. Diese Verstörung ist auf alle Fälle bei Don De Lillos Romananfang der Fall: „Jeder will das Ende der Welt selbst in der Hand haben.“ Ein Aufschreckungssatz, die Hybris universeller Machbarkeitsphantasien. Ein Satz von gehöriger Dimension und eine Drohung zugleich, wenn man an die übersteigerte Selbstermächtigung des Individuums denkt, der in diesen Zeilen liegt.

Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt und der „Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht“, schreibt Ludwig Wittgenstein. Dialektik des vermeintlich Undialektischsten überhaup, nämlich des eignen Todes, dessen wir uns nur in einem fremden Medium versichern können, indem wir Abstand nehmen: Die Literatur versucht diesem Entzug eine Sprache zu geben, man denke an Proust „Recherche“ und darin Bergottes Tod. Noch auf seinem Sterbebett hat Proust die Absicht, seinen eigenen Tod zu protokollieren und diese Notizen für die „Recherche“ einzufügen.

Den Tod irgendwie handhabbar machen. Doch das gelingt in der Regel nicht. Allenfalls in literarischen Bildern – die Mythen und Märchen dieser Welt sind voll von Bann-Geschichten. Aber auch die Literatur hält Geschichten parat.

Jeder will das Ende der Welt selbst in der Hand haben“, sagt in Don DeLillos Roman „Null K“ Ross Lockhart, der Vater des Ich-Erzählers, zum Sohn Jeffrey. Ross ist Milliardär, ein Selfmade-Man, der sein Vermögen mit Finanzgeschäften macht. Nun investiert er in ein kryonisches Projekt, das den Tod abschaffen will. Es kann die Wissenschaft dem Tod womöglich ein Schnippchen schlagen. Ein Leben nach dem Tod scheint mit Hilfe der Forschung möglich. Irgendwann. Veranstaltet wird diese Thanatologie von einer Organisation, deren Firmenzentrale im Nichts der Steppe Kasachstans liegt. Dorthin reist Ross zusammen mit seinem Sohn, um seine zweite Frau, Artis, beim – vorläufigen – Sterben zu begleiten. Ihr Körper wird eingefroren, beim absoluten Kältepunkt, Null K, also Null Grad Kelvin, das sind -273,15° C. Kälter kühlt’s nicht runter: „als Eisleiche in einer massiven Grabkammer konserviert zu werden.“ Später, sofern die Wissenschaft in ihrem Forschen weiter ist, wird der Mensch wieder aufgetaut. Ross Lockharts Frau ist totkrank. Ihre Sterben ist daher sicher.

„Ich dachte an seine Frau, die zweite, die Archäologin, deren Geist und versagender Körper bald planmäßig davonschweben würde ins Nicht.“

Für diese futuristischen Thanatos-Szenen, weit weg von jeglicher westlichen Zivilisation, findet der Roman eindringliche Bilder. Verheißung, Unendlichkeit und Religion liegen nahe beieinander, aber die Aufhebung des Todes muß eben nicht zugleich auch das Leben sein.

„Vielleicht war dieser Ort nicht als Neues Jerusalem geplant, aber die Menschen hatten lange Reisen auf sich genommen, um hie reine Form höheren Daseins zu finden oder zumindest ein wissenschaftliches Prozedere, das ihr Körpergewebe vor der Verwesung bewahren sollte.“

Für solches Verfahren freilich braucht es ein Sensorium, quasi die Organe eines Übermenschen, eines Superman, einer Superwoman, um das Exzeptionelle in den Blick zu bekommen. Denn Wissen ist unter anderem an Sprache gebunden und diese mit dem Bewußtsein verknüpft:

„Eine Sprache, die es uns erlauben wird, Dinge auszudrücken, die wir heute nicht ausdrücken können, Dinge zu sehen, die wir heute nicht sehen können, uns selbst und andere auf das hin wahrzunehmen, was uns verbindet, sämtliche Möglichkeiten zu erweitern.“

Genauso geht es in der faszinierenden Lakonie des DeLillo-Stils weiter, wenn der Ich-Erzähler das von jeglicher Zivilisation hermetisch abgeschottete Forschungslabor als einen Zustand der Enge und der Bedrohung evoziert: Hinein gelangt man nur unter großem Sicherheitsaufwand. Um sich in den speziellen Sektoren des Gebäudes zu bewegen, benötigt der Besucher Zugangscodes. Die Bewegungen des Besuchers werden überwacht, an den Wänden hängen Bildschirme, die sich von selbst aufziehen, sobald der Besucher den Gang betritt. Auf der Leinwand sehen wir Grauenvolles: Szenen menschlichen Leids spielen sich da ab, Live-Bilder aus allen Teilen der Welt flimmern auf dem Monitor: Kriegsszenen, Naturkatastrophen, Ozeane, die über die Üfer treten, Aufstände, Grausamkeiten. Es ist Apokalypse. Das, was unsere angeblich immer besser werdende Welt, wenn nicht die beste aller Welten gegenwärtig so bewegt.

„Dann, ganz nah, schien der Bildschirm vor lauter Flammen zu bersten, die über einen Bach springen schier in die Kamera und wieder heraus bis in den Gang, wo ich stehe.“

Immer wieder das Feuer und das Wasser und der Krieg.

„Ich wich vom Bildschirm zurück. Mein Gesicht war immer noch verzerrt, seit ich die Reaktion des Mannes auf das Kerosin, das seine Kehle hinabfloss und in sein System eindrang gesehen hatte. Die brennenden Männer mit ihren offenen Mündern flackerten über mir. Ich wich noch weiter zurück. Sie waren formlos, lautlos, schrien.“

All der menschliche Makel entlädt sich – für DeLillo typisch – in Bildern. Die Hölle zeigt sich in den Bildern und die Welt ist zugleich eine solche Hölle. Wozu dann das ewige Leben? Es muß ein Abseitsort geben, am besten einen, aus dem es keine Rückkehr gibt. Oder als Aufgabe fürs Diesseits schon eine andere Welt. Die aber ist nicht einmal im Privaten gut zu erreichen. Parallel zu dieser Dystopie und dem medial strukturierten Blick auf die schlechteste aller Welten erzählt De Lillo eine traurige Familiengeschichte: die eines Sohnes und einer Mutter, die von ihrem Vater verlassen wurden. Sinnkrise, Sinnsuche geschieht hier im großen wie im kleinen. Insofern ist dieser Roman ebenso ein Buch über Genealogie, Herkunft und eine mögliche Zukunft: Denn Ross Lockart ist ein falscher Name. Im Namen des Vaters oder unter anderem Namen:

„Wer wäre ich mit dem Namen Satterswaite gewesen, wer wäre ich geworden? Damals, mit neunzehn, war ich immer noch mit dem Prozess des Werdens beschäftigt.“

Damit ist dieser Roman ebenso eine Geschichte zwischen Vater und Sohn, die sich in Gesprächen in der kryonischen Anstalt am Todesbett der Stiefmutter wieder näherkommen. Gekonnt verschränkt DeLillo die Ebenen zwischen genealogischen Strukturen, dem Spiel mit der Herkunft und apokalyptisch-biblischen Endzeitszenarien. Was ist Leben?

DeLillo ist nicht unbedingt dafür bekannt, die Sprache poetisch und emphatisch rauschen zu lassen. Nicht die Schönheit des Klanges oder das poetische Echo von Verdichtung und Bedeutungsüberschuß lenken ab, sondern in DeLillos Art, nüchtern und beiläufig, fast kalt schon zu erzählen, liegt die Stärke seiner Prosa. Es flechten sich Theorien, Gedanken und Modelle in seine Sätze, in Hauptsätzen blitzen plötzlich Nebenstränge auf, inWir fokussieren in der Kühle des Satzes uns auf die Geschichte, und meist ist es die Geschichte unserer Moderne, unserer Epoche, die DeLillo uns in Literatur bringt. Grandios und mit der Wucht des Epos in „Unterwelt“. Gerade durch diese Reduktion gelingt es ihm, eindringliche Bilder zu finden und starke Szenen auszumalen: sei das jener kurz und lakonisch geäußerte innere Monolog des Sohnes, wenn er an seine Eltern denkt:

Denn Staub bist du. Ich war kein Katholik, meine Eltern waren keine Katholiken. Ich wusste nicht, was wir waren. Wir waren Essen-und-Schlafen. Wir waren Bring-Daddys-Anzug-in-die-Reinigung.“

Gekonnt wie DeLillo in wenigen Sätzen die desaströs-traurige Familienszene aufspießt.

„Warum verließ mein Vater meine Mutter?
Keiner verriet was.“

Den Inhalt von Romanen kann man nacherzählen. Aber es gibt solche Bücher, da geschieht es mit Verlust. Der Inhalt wird wiederholt, und dem Leser der Rezension wird nicht klar, worin die Größe der Prosa besteht – klingt doch der Inhalt trivial. Erst recht, wenn die Geschichte in den Science-Fiction zu gleiten scheint. Deren literarischer Ruf im Segment Belletristik ist leider häufig nicht lupenrein, ähnlich wie bei Fantasy. Spinnerei und abseits der realistischen Pfade. Dabei wird jedoch unterschlagen, daß Literatur sich immer im fiktionalen Modus befindet. Und sei ein Roman noch so realistisch oder engagiert. Insofern ist es sinnvoller nicht nach dem Genre zu fragen, sondern nach der internen Konstruktion des Buches. Was wird da eigentlich erzählt, wie wird es erzählt? Bei DeLillo handelt es sich um eine gemäßigte Variante des Science-Fiction. Es ist eine Dystopie, die in der nahenden Gegenwart spielt. Oder spielen könnte. Es ist ein Buch über den Glauben. Es ist ein Buch über die Suche nach sich selbst. Diesen Weg begeht Jeffrey.

Was die Überwindung des Todes und die damit verbundene Hochzüchtung des Menschen angeht, kam mir ebenfalls Michel Houellebeqcs Roman Möglichkeiten einer Insel (2005) in den Sinn. Obgleich Geschichte und Konstruktion verschieden sind, liegt das Verbindende in jenem dystopischen Märchen, das uns beschädigt-endlichen Subjekten die Ewigkeit verheißen will. Nach einer verheerenden Klimakatastrophe mit den Mitteln der Technik das ewige Leben zu stiften. Der Protagonist des Romans schreitet von Inkarnation zu Inkarnation, nimmt Erinnerungen und sogar seine Haustier Hund mit. Menschen – oder sind es doch eher Roboter, technische Lebewesen, Hosts? –, die mittels Technik und der Weitergabe von Daseinsinformationen von Zustand zu Zustand schreiten. Je besser die Reproduktionstechnik sich entwickelt, desto besser in Geist und Körper.

Parallel zur Lektüre dieses Buches lohnt sich also auch Houellebecqs Roman. Und vor allem ließe sich parallel zu DeLillo, im Medium der Bilder die HBO-Serie Westworld  betrachten. Im Zeichen des Anthropozäns ist lediglich der Mensch das einzige Wesen, in das wir bisher verändert nicht eingriffen. Ein Fossil gewissermaßen. Die Bedeutung des Menschseins rückt im Zeichen einer möglichen Unsterblichkeit in ein völlig anderes Licht.

In diesem Sinne ist Null K ein theologischer Roman. Nichts anderes als die Auferstehung des Körpers nach dem jüngsten Gericht ist diese Methode des Einfrierens, damit irgendwann, zu einer besseren Zeit, Wissenschaftler der eingefrorenen Hülle das Leben wieder in den Leib jagen.

 

 

 

 

 

 

 

Don DeLillo: Null K, Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2016, ISBN 9783462049459, Gebunden, 288 Seiten, 20,00 EU, Übersetzung von Frank Heibert